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German Pages 403 [404] Year 2016

Jean-Jacques Rousseau
Deutsche Zeitschrift für Philosophie Sonderbände 38
Jean-Jacques Rousseau Im Bann der Institutionen Herausgegeben von Konstanze Baron und Harald Bluhm
ISBN 978-3-11-041974-0 e-ISBN (PDF) 978-3-11-041865-1 e-ISBN (EPUB) 978-3-11-041879-8 ISSN 1617-3325 Library of Congress Cataloging-in-Publication Data A CIP catalog record for this book has been applied for at the Library of Congress. Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar. © 2016 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston Satz: Frank Hermenau, Kassel Druck und Bindung: Hubert & Co. GmbH & Co. KG, Göttingen ♾ Gedruckt auf säurefreiem Papier Printed in Germany www.degruyter.com
Inhalt Vorwort
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Konstanze Baron/Harald Bluhm Einleitung – Rousseau im Bann der Institutionen
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I Staat und Politik Matthias Kaufmann Volonté générale als institutionelle Garantie
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Marcus Llanque Rousseaus Volk: Von der Institution zur Konstitution
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Skadi Krause Zur Legitimation staatlicher Institutionen. Jean-Jacques Rousseau und die Begründung des modernen Verfassungsstaates 81 Tanguy L’Aminot Rousseau gegen den Staat
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II Historische Modelle Volker Reinhardt Rousseau, Calvin, die Reformation in Genf und das Konsistorium
129
Simone Zurbuchen Die Theorie der Institutionen im Contrat social und das Modell der Genfer Verfassung 147 Catherine Labro Wahlsysteme auf dem Prüfstand. Rousseau, der Contrat social und das Beispiel Venedig 169 Karsten Holste (Über-)Setzungen von Institutionen politischer Freiheit. Entstehung und Rezeption von Rousseaus Considérations sur le gouvernement de Pologne 183
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Inhalt
III Interdisziplinäre Perspektiven Judith Frömmer Versuchsanordnungen einer „petite Société“. Zur Institution der Ehe bei Rousseau 203 Alfred Schäfer Pädagogik als Anti-Institution. Rousseaus paradoxale Strategie einer normalisierenden Entnormalisierung 225 Daniel Schulz Rousseaus politische Ökonomie
245
Reinhard Bach Rousseaus Verhältnis zu den Institutionen in ideengeschichtlicher Perspektive 267
IV Subjekt und Revolution Frederick Neuhouser Jean-Jacques Rousseau und die Ursprünge der Autonomie
287
Konstanze Baron Richter in eigener Sache. Rousseau im Bann der Gerechtigkeit Bruno Bernardi Der Begriff der Revolution im Werk Rousseaus
339
Harald Bluhm Burke und Rousseau über institutionellen Wandel. Schichten eines Gegensatzes 369 Personenregister
401
307
Vorwort Der vorliegende Band ist aus der internationalen Tagung Jean-Jacques Rousseau: Im Bann der Institutionen/Au ban des Institutions/Reluctant Institutionalist hervorgegangen, die vom 20. bis 22. September 2012 unter dem Dach des Interdisziplinären Zentrums für die Erforschung der Europäischen Aufklärung an der Martin-LutherUniversität Halle-Wittenberg in Kooperation mit der „Équipe Jean-Jacques Rousseau“ des Centre national de la recherche scientifique stattgefunden hat. Für die großzügige Förderung der Tagung danken wir der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Die Tagung, die WissenschaftlerInnen aus Deutschland, Frankreich und den USA zusammenführte, stand im Zeichen der Feierlichkeiten des 300. Geburtstags von Jean-Jacques Rousseau im Jahr 2012. Es hat sich jedoch schnell gezeigt, dass das Tagungsthema auch über den konkreten Anlass hinaus eine vertiefte wissenschaftliche Auseinandersetzung verdient und erfordert. Aus diesem Grund haben wir neben den zu Aufsätzen ausgearbeiteten Vorträgen der TagungsteilnehmerInnen einige weitere Beiträge in den Band aufgenommen. Dazu gehören die Aufsätze von Bruno Bernardi, Judith Frömmer, Skadi Krause, Volker Reinhardt und Daniel Schulz. Die beiden inspirierenden Abendvorträge, die auf der Tagung gehalten wurden, sind an anderen Orten zugänglich. Für den Vortrag von Heinrich Meier („Das Recht der Politik und die Erkenntnis des Philosophen. Zur Intention von Rousseaus Du contrat social“) sei auf sein Buch Politische Philosophie und die Herausforderung der Offenbarungsreligion (München 2013) verwiesen, für den Vortrag des Musikwissenschaftlers und Dirigenten Peter Gülke („Rousseau und die Musik. Glanz und Elend des Dilettanten“) auf seine nach wie vor instruktive Einleitung Rousseau und die Musik (Wilhelmshaven 1984). Wie so manche wissenschaftliche Publikation hätte auch diese nicht ohne den Einsatz und die Unterstützung weiterer Beteiligter erscheinen können. Hier sind an erster Stelle Aleksandra Ambrozy, Karsten Malowitz und Anastasia Pyschny zu nennen, die für die Übersetzungen der fremdsprachigen Beiträge von Bernardi, Neuhouser und Labro verantwortlich zeichnen. In besonderer Weise um das Buch verdient gemacht haben sich außerdem Nora Kreis und Karsten Malowitz, die den Band redaktionell betreut und die Beiträge der Form nach aneinander angeglichen haben. Nora Kreis haben wir darüber hinaus für die Erstellung des Personenregisters zu danken, während Karsten Malowitz das gesamte Manuskript Korrektur gelesen und die Herausgeber vor jener Form partieller Blindheit bewahrt hat, die sich im Laufe längerer Textarbeit nahezu zwangsläufig einstellt. Im Vorfeld der Tagung, vor allem bei der Organisation des Zusammenwirkens mit Tanguy L’Aminot (Paris) und der „Équipe Jean-Jacques Rousseau“, war zudem Christophe Losfeld (Halle) eine große Hilfe für uns.
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Vorwort
Ein Dank besonderer Art gebührt schließlich Mischka Dammaschke vom De Gruyter Verlag, der sich frühzeitig für das interdisziplinäre Projekt begeistert und es für Wert befunden hat, als Sonderband der Deutschen Zeitschrift für Philosophie zu erscheinen. Halle (Saale), im September 2015
Konstanze Baron & Harald Bluhm
Editorische Notiz Wir haben uns entschieden, alle Rousseau-Zitate im Haupttext zweisprachig (französisch-deutsch) wiederzugeben. Sofern nicht anders angegeben, wird der französische Text zitiert nach der Ausgabe Jean-Jacques Rousseau: Œuvres complètes, éd. publ. sous la dir. de Bernard Gagnebin et Marcel Raymond, V tomes, Paris 1959–1969. Diese wird im gesamten Band mit dem Sigel „OC“ abgekürzt. Für den deutschen Text wurden die einschlägigen wissenschaftlichen Übersetzungen von Rousseaus Schriften herangezogen. Wo solche fehlen, wurde der französische Text der zitierten Passagen in der Regel von Anastasia Pyschny ins Deutsche übertragen, im Fall der Beiträge von Bernardi und L’Aminot hingegen von der jeweiligen Übersetzerin. Bei Originalzitaten, die nicht im Haupttext, sondern nur in den Fußnoten stehen, wurde auf eine Übersetzung verzichtet.
Konstanze Baron/Harald Bluhm
Einleitung – Rousseau im Bann der Institutionen Rousseau ist ein philosophischer Problemdenker. „Die glühenden Felsbrocken, mit welchen die Rousseausche Eruption das Abendland übersät hat, wurden, nachdem sie abgekühlt und behauen waren, für die imponierenden Gebäude verwendet, welche die großen Denker des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts errichteten.“1 – Diese treffliche Einschätzung von Leo Strauss muss inzwischen durch eine bewegte und lange Zeit übermäßig polarisierte Wirkungsgeschichte von Rousseau im 20. Jahrhundert ergänzt werden. Erst die Flut an Schriften, die 2012 zum Tricentenaire, dem 300. Geburtstag Rousseaus in Europa und weltweit erschienen ist, lässt die alten Polarisierungen hinter sich und zeigt seine anhaltende Aktualität jenseits politisch inspirierter Lesarten. Dennoch gibt es Themenfelder von hervorgehobener Bedeutung, die nach wie vor kaum erkundet wurden. Die Erforschung der Institutionen und ihrer Funktion bei Jean-Jacques Rousseau ist solch ein Desiderat.2 Das ist insofern nicht verwunderlich, als lange Zeit Lesarten seines Werkes dominierten, die ihm einen dezidiert anti-institutionalistischen Affekt zuschrieben. Für diese Einschätzung lassen sich viele Gründe namhaft machen, etwa seine Vorliebe für Authentizität und Unmittelbarkeit oder auch sein – mal mehr, mal weniger ausgeprägter – Anarchismus. Systematisch greifen diese Deutungen allemal zu kurz, unterschätzen sie doch die Widersprüchlichkeit des großen Genfers, der in dieser ebenso wie in anderen Fragen eine durchaus komplexe Haltung an den Tag legte. Rousseau setzte sich, wie man seinen Schriften entnehmen kann, mit den Institutionen keineswegs nur kritisch auseinander. Er hat sich auch in historischer und konstruktiver, um nicht zu sagen modellbildender Weise mit ihnen beschäftigt. Die Motive ebenso wie die Effekte seiner Auseinandersetzung mit den Institutionen reichen dabei weit ins Biographische hinein.3 Auch wenn die Forschung in jünge-
1 Leo Strauss: Naturrecht und Geschichte [1953], übers. v. Horst Boog, 2. Aufl., Frankfurt/Main 1989, 263. 2 Daran hat auch die Vielzahl von Veröffentlichungen zum Rousseau-Jubiläum im Jahr 2012 nichts geändert. Eine Ausnahme bildet der französische Sammelband Rousseau, le droit et l’histoire des in stitutions. Actes du colloque international pour le tricentenaire de la naissance de Jean-Jacques Rous seau (1712–1778), organisé à Genève, les 12, 13 et 14 septembre 2012, éd. par Alfred Dufour, Franҫois Quastana et Victor Monnier, Genève, Zürich 2013, der einige interessante Beiträge zum römischen Recht und zum Widerstandsrecht enthält, davon abgesehen aber die Institutionenthematik vorrangig in historischer und weniger in systematischer Perspektive untersucht. 3 Man denke nur an die Rolle der Académie de Dijon, die den Autor Rousseau gewissermaßen miter schaffen hat, indem sie mit ihrer Preisfrage zunächst den Anstoß für den Discours sur les sciences et les arts gab, bevor sie mit der Verleihung des Preises dann den Grundstein für Rousseaus schlagarti gen Erfolg legte. In der Préface reflektiert Rousseau sein durchaus ambivalentes Verhältnis zu dieser Institution, die er zur Komplizin seiner Institutionenkritik machen möchte. Zu nennen ist in diesem
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Konstanze Baron/Harald Bluhm
rer Zeit immer mehr dazu übergegangen ist, die Widersprüche und Ambivalenzen in Rousseaus Denken als konstitutiv für dessen Tragweite anzuerkennen,4 ist seine Behandlung der Institutionen von dieser Entwicklung doch noch weitgehend ausgenommen. Unser Band verfolgt vor diesem Hintergrund mehrere Ziele. Zum einen soll die durchgängige Relevanz der Institutionenthematik für Rousseaus Werk aufgezeigt werden; zum anderen geht es darum, die theoretischen Linien, entlang derer die Thematisierung von Institutionen in den Schriften Rousseaus erfolgt, nachzuzeichnen – natürlich nicht, ohne entsprechende Kontextbezüge in Betracht zu ziehen, wo immer dies erforderlich erscheint. Dabei können anthropologische, sprachtheoretische, philosophische, erziehungswissenschaftliche und politiktheoretische Aspekte und Fragestellungen unterschieden werden, die sich nur multidisziplinär erkunden lassen. Mit dem Konzept des ‚Banns‘ schließlich wollen wir zeigen, wie und auf welch mitunter widersprüchliche Weise Rousseau mit dem Thema der Institutionen ringt: wie er sie prinzipientheoretisch darstellt und erörtert, wie er ihre divergierenden Effekte durchleuchtet und kritisiert, und wie er, ungeachtet aller Vorbehalte und Einwände, immer wieder auf sie zurückkommt. Die Rede vom Bann ist in diesem Zusammenhang bewusst mehrdeutig: Rousseau steht auf aktive Weise im Bann der Institutionen, sofern er sich immer wieder mit Fragen ihrer Wirksamkeit und Gestaltung auseinandersetzt, und auf passive Weise, denn er entkommt ihnen nicht – auch wenn sie in seinen Augen eine der Hauptursachen für den Verlust von Authentizität und Unmittelbarkeit darstellen. Dieses Spannungsverhältnis nachzuzeichnen und dabei sowohl die Hoffnungen deutlich zu machen, die Rousseau in die Institutionen setzt, als auch die Gefahren, die er mit ihnen verbunden sieht, scheint uns nicht zuletzt deshalb lohnend, weil viele der für Rousseaus Denken maßgeblichen Einsichten und Fragestellungen unmittelbar mit seiner ambivalenten Haltung gegenüber den Insti-
Zusammenhang auch die Verurteilung seiner Schriften durch die Parlements von Paris und Genf, die Rousseau nicht nur persönlich getroffen, sondern auch Anregungen für seine theoretische Auseinan dersetzung mit den Institutionen geliefert haben. 4 Vertreten wird dieser Ansatz von so unterschiedlichen Interpreten wie Jacques Derrida: Grammato logie, übers. von Hans-Jörg Rheinberger und Hanns Zischler, Frankfurt/Main 1974; Jean Starobinski: Rousseau. Eine Welt von Widerständen, a. d. Franz. v. Ulrich Raulff, München, Wien 1988; Paul de Man: „Die Rhetorik der Blindheit. Jacques Derridas Rousseauinterpretation“, in ders.: Die Ideologie des Ästhetischen, hg. v. Christoph Menge, a. d. Amerik. v. Jürgen Blasius, Frankfurt/Main 1993, 185– 230, sowie Robert Darnton: „Rousseau in Gesellschaft. Anthropologie und Verlust der Unschuld“, in Ernst Cassirer/Jean Starobinski/Robert Darnton: Drei Vorschläge, Rousseau zu lesen, Frankfurt/Main 1989, 104–113. Auf der gleichen Linie argumentieren auch einige feministische Rousseau-Lektüren, so etwa Mary Seidman Touille: Sexual Politics in the Enlightenment. Women Writers Read Rousseau, Albany/NY 1997 und Friederike Kuster: Rousseau – Die Konstitution des Privaten. Zur Genese der bür gerlichen Familie, Berlin 2005. Aus postkolonialistischer Perspektive wird ein entsprechender Deu tungsversuch unternommen von Anna Gordon: Creolizing Political Theory. Reading Rousseau through Fanon, New York 2014.
Einleitung – Rousseau im Bann der Institutionen
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tutionen zusammenhängen. Wir meinen daher, dass die Institutionenthematik einen geeigneten Fokus bereitstellt, durch den man Rousseaus Werk insgesamt besser in den Blick bekommen kann und versuchen dies auch durch unsere Autorenauswahl im Anschluss an die internationale Forschung zu belegen.
1 Begriffliche Vorbemerkungen Zunächst aber gilt es, das hier genutzte Verständnis von Institutionen etwas genauer zu umreißen. Institutionen werden in der Sozialphilosophie und -theorie in der Regel entweder weit oder eng verstanden: Den Anhängern eines weiten Institutionenverständnisses gelten alle sozialen Gebilde, die Erwartungen stabilisieren, als Institutionen; aus dieser Perspektive fallen verstetigte Handlungsmuster und Gebräuche ebenso unter den Institutionenbegriff wie Regeln und Organisationen samt der sie begleitenden symbolischen Ordnungen. Dem stehen auf der anderen Seite die Vertreter eines engen Institutionenbegriffs gegenüber, die diese ausschließlich als zwangsbewehrte Regelsysteme begreifen. Auch hier spielen zweifelsohne die Interpretationen, das heißt die subjektinternen Repräsentationen der Regeln in geteilten mentalen Modellen, eine große Rolle. Aber in diesem Fall werden eine ganze Reihe sozialer Gebilde (Organisationen, Sitten, et cetera) analytisch gerade nicht als Institutionen verstanden.5 Im vorliegenden Band kommen beide Konzepte zum Tragen. Mit dem weiten Institutionenbegriff kann man zeigen, in welch großem Ausmaß Rousseau in seinem Werk Institutionen thematisiert. Nicht nur vereinzelte Institutionen, sondern der gesamte Phänomenbereich der Institutionalität gerät auf diese Weise in das Blickfeld. Der enge Institutionenbegriff bewährt sich hingegen vor allem dann, wenn man verstehen will, wie Rousseau soziale Institutionen und die Bedingungen ihrer Legitimität denkt; wie er sie mit Exklusion, Ungleichheit, Abhängigkeit und anderen Merkmalen verbindet. Darüber hinaus lässt sich mit Hilfe des engen Begriffsgebrauchs erkennen, dass er intensiv über die Möglichkeit der Verstetigung und Stabilisierung von Institutionen
5 Vertreter eines weiten Institutionenbegriffs sind u. a. M. Rainer Lepsius: „Institutionenanalyse und Institutionenpolitik“, in Birgitta Nedelmann (Hg.): Politische Institutionen im Wandel, Opladen 1995, 392–403 und Karl-Siegbert Rehberg: Symbolische Ordnungen. Beiträge zu einer soziologischen Theorie der Institutionen, hg. v. Hans Vorländer, Baden-Baden 2014. Zum Ansatz des Neoinstituti onalismus, der Institutionen als Regelsysteme konzeptualisiert, vgl. die Arbeiten von Douglass C. North: Institutions, Institutional Change and Economic Performance, Cambridge 1990 und Arthur T. Denzau/ Douglass C. North: „Shared Mental Models. Ideologies and Institutions“, in Kyklos 47 (1994), 3–31. Beide Ansätze betonen die Eigenlogik der Institutionen. Der kulturalistische und der historische Institutionalismus folgen im Großen und Ganzen dem weiten Institutionenverständnis, stellen aber zum einen heraus, dass Institutionen das mehr oder weniger intendierte Ergebnis sozialer Kämpfe sind, und akzentuieren zum anderen mit größerem Nachdruck den Wandel der Institutionen.
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Konstanze Baron/Harald Bluhm
reflektiert – wobei Sitten, Gebräuchen und habitualisierten Praktiken, die allesamt mit Emotionen verknüpft sind, zweifelsohne eine herausgehobene Rolle zukommt. Allerdings wird auch immer wieder deutlich, dass das zeitgenössische sozialwissenschaftliche Vokabular an seine Grenzen stößt, wenn man es auf einen Denker des 18. Jahrhunderts anwendet. Rousseaus Umgang mit dem Begriff der Institution(en) erscheint dann bisweilen merkwürdig unscharf. Das liegt unter anderem daran, dass die historische Semantik sehr viel umfassender ist, als unser kontemporärer Sprachgebrauch es nahelegt. So gab Rousseau zum Beispiel dem Manuskript seines politischen Hauptwerks, von dem uns ein Teil als Contrat social bekannt ist, den Titel Institutions politiques. Außerdem verfasste er die Institutions chimiques, ein gegenwärtig kaum noch bekanntes Grundlagenwerk der Chemie. Schon diese beiden Beispiele lassen erkennen, wie geläufig – und scheinbar unproblematisch – die Verwendung des Begriffs für Rousseau war. Zugleich machen sie aber auch deutlich, dass der Bedeutungsumfang des Begriffs zu seiner Zeit viel größer war und mehr umfasste, als wir heute unter ,Insti tutionen‘ verstehen.6 Dies sollte nun jedoch nicht als Argument gegen einen historisch differenzierten Institutionenbegriff, der neben der zeitgenössischen Semantik auch die klassische Tradition der Rhetorik einbezieht, verwendet werden. Im Gegenteil scheint uns gerade der Reiz, aber auch die Herausforderung einer gezielten Auseinandersetzung mit der Rolle der Institutionen im Denken Rousseaus darin zu liegen, dass sie zu einer solch umfassenden Herangehensweise geradezu zwingt. Wir schlagen daher vor, grundsätzlich und über die Unterscheidung von weitem und engem Institutionenbegriff hinaus von einer plastischen Mehrdimensionalität des Institutionenbegriffs zu sprechen. Dieser liegt in gewisser Weise quer zu unseren heutigen wissenschaftlichen Disziplinen, eignet sich aber gerade deswegen besonders gut als Längsschnittthema für die Betrachtung von Rousseaus Werk. Die Institutionen sind bei Rousseau nicht allein der Politik vorbehalten; sie lassen sich daher nur in einer kollektiven Anstrengung unterschiedlicher Disziplinen untersuchen. Gleichwohl scheint es möglich und auch sinnvoll, in systematischer Hinsicht insgesamt drei Ebenen zu unterscheiden, auf denen in den hier versammelten Aufsätzen von Institutionen die Rede ist: A. Institutionen als konkrete Gebilde. Die Institutionen im gegenständlichen Sinne müssen nicht, wie bereits erwähnt, auf die politische Sphäre beschränkt sein, sondern können auch dem sozialen oder kulturellen Bereich entstammen, wie zum Beispiel die Familie als Institution oder das Theater. Diese Ebene deckt sich zum Teil mit dem, was oben unter dem ‚engen‘ Institutionenbegriff gefasst wurde. Dass Rousseau nicht zögerte, sich mit den Institutionen im ganz konkreten Sinne zu befassen,
6 In der klassisch-humanistischen Tradition bedeutet ‚Institutiones‘ (von lat. instituere) schlicht ‚Einführung‘ oder ‚Grundlagen‘. Vgl. etwa den Eintrag „instituer“ in Walther von Wartburg: Französisches Etymologisches Wörterbuch. Eine Darstellung des galloromanischen Sprachschatzes, Bd. IV, Basel 1952, 724–725.
Einleitung – Rousseau im Bann der Institutionen
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zeigt schon seine virulente Stellungnahme in der Debatte um das Genfer Theater.7 Wir möchten mit diesem Band insgesamt dem Eindruck entgegen treten, dass er kein ausgeprägter Kenner der Institutionen war. Im Gegenteil: Gerade Rousseaus mitunter vehemente Kritik an den existierenden Institutionen seiner Zeit erhellt, dass er neben einem feinen Gespür für deren Mechanik in der Regel auch über eine ausgeprägte Kenntnis ihrer jeweiligen historischen Entwicklungen verfügte. Zwar ist immer noch viel zu wenig über die konkreten Lektüren und Studien Rousseaus bekannt; fest steht aber, dass er historisch sehr belesen war und ihm die politische Geschichte seiner Heimat Genf ebenso vertraut war wie die Frankreichs oder Italiens. Die Verfassungsentwürfe für Korsika und Polen sind, darauf wird noch zurückzukommen sein, keineswegs am Reißbrett entstanden; und auch im Contrat social wird immer wieder ersichtlich, dass Rousseau nicht nur an normativen Grundsatzfragen, sondern auch an den spezifischen Funktionsvoraussetzungen und Wirkungsweisen gesellschaftlicher Einrichtungen interessiert war. Die jüngere Forschung hat herausgearbeitet, dass er – ganz im Geiste seiner Zeit – Anleihen bei anderen (natur-)wissenschaftlichen Disziplinen machte, wenn er etwa die Institutionen als ein „Räderwerk“ beschrieb.8 Grundsätzlich partizipiert Rousseaus Institutionen-Konzeption am Relationismus seiner Sozialanalysen; stets analysiert er äußere Verhältnisse von Akteuren sowie damit verbundene Selbst- und Weltverhältnisse, wobei das Handeln in institutionellen Räumen situiert ist und den Institutionen generell eine Tendenz der Verselbständigung gegenüber den Akteuren zugeschrieben wird. B. Institution als Stiftungs- oder Gründungsakt. So vielfältig und plural die Institutionen im oben genannten Sinne auch sein mögen, in der französischen Sprache (und folglich auch bei Rousseau) existiert eine Verwendung des Begriffs im Singular, der etwas anderes als ‚die Institutionen‘ meint, obwohl er mit diesen zugleich aufs engste verbunden ist. Die betreffende Verwendung bezieht sich auf den Akt der Stiftung, Gründung oder Errichtung (nicht zu verwechseln mit der Konstitution/ Konstituierung) einer Gesellschaft. In diesem Sinne ist Institution, wie zum Beispiel die Arbeiten von Bruno Bernardi zeigen, gerade kein Gegenbegriff zur Revolution, sondern auf Revolutionen strukturell bezogen.9 Auch die aktuelle Demokratietheorie differenziert zwischen dem Augenblick der Institution des Gesellschaftlichen, das
7 Vgl. dazu Ourida Mostefai: Le Citoyen de Genève et la République des Lettres. Etude de la controverse autour de La Lettre à d’Alembert de Jean-Jacques Rousseau, New York u. a. 2003. 8 Jean-Jacques Rousseau: „Rousseau an François-Henri Ivernois (9. Februar 1768)“, in ders.: Korre spondenzen. Eine Auswahl, hg. v. Winfried Schröder, übers. v. Gudrun Hohl, Leipzig 1992, 348–358, hier 351. Zur Rolle des Handwerks bei Rousseau siehe auch Angelica Goodden: Rousseau’s Hand. The Crafting of a Writer, Oxford u. a. 2013, 23–48. 9 Siehe dazu den in diesem Band abgedruckten Beitrag sowie den Katalog (Paris 2012) zu der von Bernardi kuratierten Ausstellung Rousseau et la Révolution, die vom 10. Februar bis 6. April 2012 in der Assemblée nationale, Galerie des Tapisseries stattfand. Seine Einleitung findet sich dort auf den Seiten 7–21.
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Konstanze Baron/Harald Bluhm
heißt der durch Brüche oder Entscheidungen erfolgenden Instituierung spezifischer gesellschaftlicher Fragen als politisch, und deren institutioneller Verfestigung.10 Dass die Gründung einer Gesellschaft immer mit der Errichtung von (konkreten) Institutionen einhergeht, scheint naheliegend. Dass sich die Verbindung beziehungsweise der Übergang zwischen ihnen gleichwohl schwierig gestalten mag, zeigt bei Rousseau unter anderem der Rekurs auf die Figur des Gesetzgebers, der – selbst außerhalb der Institutionen stehend – für deren Schaffung beziehungsweise Einrichtung verantwortlich zeichnet. Auch die Frage, wie historischer Wandel in Bezug auf die etablierten Strukturen einer Gesellschaft möglich ist, spielt in diesem Kontext eine zentrale Rolle. Als eine von bislang nur wenigen ForscherInnen hat sich Gabriella Silvestrini diesem Thema gewidmet und gezeigt, wie stark Rousseaus Denken gerade in diesem Punkt vor dem Hintergrund der bestehenden Institutionen der Republik Genf verstanden werden muss.11 Wichtig scheint uns in jedem Fall zu sein, dass die gesellschaftliche Stiftung oder Errichtung ein Akt ist, welcher der institutionellen Struktur einerseits vorausgeht und diese doch andererseits in gewisser Weise (mit-) begründet. Auch den schwierigen Prozess der Differenz von Strukturbildung und etablierten Institutionen erlaubt die Auseinandersetzung mit dem Institutionen-Begriff daher zumindest zu umreißen. C. Institution als Unterweisung. Das Tableau des Rousseauschen InstitutionenBegriffs wäre nicht komplett, würde man nicht auch dessen praktisch-pädagogische Ebene mit einbeziehen. Rousseaus Texte weisen eine grundsätzlich pragmatischrhetorische Orientierung auf, die wir hier nicht isoliert betrachten, sondern in ihrem Zusammenhang mit den Institutionen konturieren wollen.12 Schließlich wären die Institutionen im engeren Sinne wirkungslos, wenn sie nicht auf eine subjektive Resonanz der in ihnen und durch sie agierenden Personen stießen, sie also nicht tief in den Herzen der Menschen verankert wären. Auf diese Resonanz kommt es Rousseau ganz maßgeblich an; er ist in diesem Sinne ein durchaus ‚klassischer‘ Autor, stellt er sich doch in eine lateinisch-humanistische Tradition, in der die Literatur – im Sinne
10 Vgl. Oliver Marchart: Die politische Differenz. Zum Denken des Politischen bei Nancy, Lefort, Badiou, Laclau und Agamben, Berlin 2010, 17. 11 Vgl. Gabriella Silvestrini: „Philosophie de l’histoire et philosophie politique chez Rousseau“, in Rousseau, le droit et l’histoire des institutions. Actes du colloque international pour le tricentenaire de la naissance de Jean-Jacques Rousseau (1712–1778), organisé à Genève, les 12, 13 et 14 septembre 2012, éd. par Alfred Dufour, Franҫois Quastana et Victor Monnier, Genève, Zurich 2013, 169–188, sowie dies.: „Le républicanisme de Rousseau mis en contexte. Le cas de Genève“, in Les Etudes Philosophiques 83/4 (2007), 519–541. 12 Einen anderen, wenn auch verwandten Ansatz verfolgt Albrecht Koschorke, wenn er dem Zusammenhang von Narrativen und Institutionen nachgeht. Vgl. Albrecht Koschorke, „Institutionentheorie“, in Eva Eßlinger u. a. (Hgg.): Die Figur des Dritten. Ein kulturwissenschaftliches Paradigma, Frankfurt/Main, Berlin 2010, 49–64, sowie ders.: Wahrheit und Erfindung. Grundzüge einer Allgemei nen Erzähltheorie, Frankfurt/Main 2012, 287–328.
Einleitung – Rousseau im Bann der Institutionen
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von institutio – nicht zuletzt auf ihre rhetorische Wirkung hin konzipiert ist. Obwohl die Vertreter des (Post-)Strukturalismus – darunter auch prominente Rousseau-Interpreten wie Jacques Derrida und Paul de Man – mit dem Begriff der Intention weitgehend aufgeräumt haben, ist es unseres Erachtens doch sinnvoll, Rousseaus Werke von ihrer (im klassischen Sinne verstandenen) Rhetorik her zu lesen.13 Ähnlich wie die Figur des Gesetzgebers in seinem Contrat social lässt es Rousseau nicht dabei bewenden, institutionelle Designs zu entwerfen, sondern er sorgt sich auch um deren Implementierung. Die Analyse der jeweils vorherrschenden sittlichen Gegebenheiten, seien sie nun kollektiver oder individueller Art, ist dafür gewiss unerlässlich. Nicht zu unterschätzen sind aber auch die emotiven Faktoren, die dispositions du cœur, die zu einer dauerhaften Verankerung von Regelsystemen in den Sitten und Gebräuchen der Menschen führen. Im Contrat social übernimmt diese Funktion die (bürgerliche) Religion; sie ist aber keineswegs die einzige Antwort, die Rousseau zur Lösung der Problematik bereithält. Letztlich weist jeder seiner (Para-)Texte eine pathetischrhetorische Ebene auf, die unmittelbar auf die Affekte des Rezipienten abzielt. Im zweiten Vorwort zu Julie ou la Nouvelle Héloïse, aber auch an anderer Stelle hat Rousseau Rechenschaft über seine eigenen literatur- und rezeptionsästhetischen Prämissen abgelegt. Diese mit in die Betrachtung einzubeziehen, ist uns daher ein besonderes Anliegen. Der vorliegende Band macht es sich mithin zur Aufgabe, die Mehrdimensionalität der Institutionenproblematik – einer jener „glühenden Felsbrocken“, die, um noch einmal Leo Strauss zu bemühen, Rousseau in die Landschaft der europäischen Philosophie geschleudert hat – zu erkunden. Dabei kommt es zwangsläufig zu Schwerpunktbildungen, die auch, aber nicht nur entlang von disziplinären Grenzen verlaufen. Diese sollen in den folgenden Darstellungen keineswegs ausgeblendet werden. Gleichwohl ist es uns wichtig, die wechselseitigen Verquickungen zwischen den hier skizzierten Dimensionen der Thematik zumindest ansatzweise aufzuzeigen. Der Relationismus, der Rousseaus Denken in Bezug auf die Institutionen kennzeichnet, betrifft nämlich am Ende auch deren Begriff selbst: So sind alle drei hier genannten Ebenen zumindest prinzipiell, wenn auch womöglich nicht in jeder Einzelbetrach-
13 Ohne dabei so weit gehen zu wollen wie Heinrich Meier, der seine These von der Unterscheidung mehrerer Adressaten auf einige wenige Stellen bei Rousseau stützt. Vgl. Heinrich Meier: Über das Glück des philosophischen Lebens. Reflexionen zu Rousseaus Rêveries, München 2011; ders.: „Das Recht der Politik und die Erkenntnis des Philosophen. Zur Intention von Jean-Jacques Rousseaus Du contrat social“ in ders.: Politische Philosophie und die Herausforderung der Offenbarungsreligion, München 2013, 149–234, sowie ders.: „Rousseaus Diskurs über die Ungleichheit – Ein einführender Essay über die Rhetorik und die Intention des Werkes“, in Jean-Jacques Rousseau: Diskurs über die Ungleichheit – Discours sur l’inégalité, krit. Ausg. d. integr. Textes, m. sämtl. Fragm. u. erg. Mat. n. d. Originalausg. u. d. Handschr. neu ed., übers. u. komment. v. Heinrich Meier, 3. Aufl., Paderborn u. a. 1993, XXI–LXXVII.
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Konstanze Baron/Harald Bluhm
tung, miteinander verwoben. Um diese komplexe Situation ihrerseits beschreibbar zu machen, haben wir uns für den Begriff des ‚Banns‘ entschieden. Bann bezeichnet dem Wortlaut nach die Potenz des Gesetzes, die sich auch dort noch bemerkbar macht, wo sich das Gesetz zurückgezogen beziehungsweise jemanden von sich ausgeschlossen hat. Giorgio Agamben hat den Begriff 1995 im Rahmen seiner Erörterung der Souveränität für die politische Theorie exponiert,14 um die paradoxe Gleichzeitigkeit von Einschluss und Ausschluss zu beschreiben. Diese Denkfigur einer paradoxen Gleichzeitigkeit von Ein- und Ausschluss scheint uns besonders geeignet zu sein, um Rousseaus ambivalentes Verhältnis zu den Institutionen zu fassen – thematisiert sie doch die performative Selbst-Exklusion des Individuums vom identitätsstiftenden Gesetz der Gemeinschaft ebenso wie die fortwährende Faszinationskraft und Wirkungsmacht derselben auf das Individuum. (Rousseau zeigt überdies in einer Passage der Dialogues, dass er mit dem römischen Rechtsstatut des homo sacer, anhand dessen Agamben seine Theorie der Souveränität darlegt, bestens vertraut war und darauf sogar zurückgriff, um seine eigene Situation zu beschreiben.15) Für die Analyse der Institutionen bei Rousseau ergibt sich daraus gewissermaßen der Auftrag, das Konkrete der Regel beziehungsweise des Gesetzes stets auf die ihm vorausliegenden Bedingungen zu beziehen und nicht nur die Institutionen selbst, sondern auch deren Zusammenhang zu beziehungsweise Auswirkungen auf das von ihnen Ausgeschlossene zu reflektieren. Von anderen sozialphilosophischen Konzepten unterscheidet sich der Begriff des Banns insofern auf produktive Weise, als er nicht nur die moralisch-moralisierende Abweichung von einer Regel (im Sinne etwa des Gegensatzes von Norm und Devianz) oder die rein topographische Distanz (wie in der graduellen Abstufung zwischen Zentrum und Peripherie) markiert. Stattdessen formuliert er die unseres Erachtens durchaus triftige Einsicht, dass auch derjenige noch der Wirkung des Gesetzes – im wörtlichen und übertragenen Sinne – untersteht, der sich davon losgesagt hat, dass man also immer auch ein Verhältnis zu dem unterhält, von dem man sich zurückzieht und isoliert. Dass sich anhand dieses Begriffs dann auch die Frage nach Rousseaus Verhältnis zum ‚Mainstream‘ der Aufklärung neu verhandeln lässt, liegt gewissermaßen auf der Hand: Rousseaus Schriften stellen im Kontext der französischen Aufklärung exzentrische Interventionen und Problematisierungen dar, ohne jedoch deswegen irgendwie ‚marginal‘ zu sein. Die gängigen Etikettierungen Rousseaus als Konservativer oder Revolutionär, Republikaner oder Konstitutionalist werden durch den Fokus auf die Institutionen auf die Probe gestellt. Schließlich, und auch das soll
14 Vgl. Giorgio Agamben: Homo sacer. Il potere sovrano e la nuda vita, Torino 1995 (dt.: Homo Sacer. Souveräne Macht und bloßes Leben, Frankfurt/Main 2002). Die Rede vom Bann findet sich übrigens schon bei Paul de Man: „Rhetorik der Blindheit“, 201. 15 Jean-Jacques Rousseau: Rousseau richtet über Jean-Jacques. Gespräche, in ders.: Schriften, hg. v. Henning Ritter, Bd. II, München, Wien 1978, 308 (OC I, 707–708).
Einleitung – Rousseau im Bann der Institutionen
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hier nicht fehlen, ermöglicht es die Terminologie des Banns, das Augenmerk der Untersuchung auf die spezifischen Machtfaktoren und Herrschaftseffekte zu lenken, die Rousseaus Werk durchziehen. Damit sind keineswegs nur diejenigen Machteffekte gemeint, denen Rousseau als Autor oder Bürger unterliegt, sondern auch diejenigen, die von ihm selbst ausgehen (etwa in seinem Verhältnis zu seinen Lesern) oder die von ihm in seinen Schriften explizit als solche analysiert werden.
2 Struktur und Beiträge des Bandes Vor dem skizzierten Hintergrund, der kaum mehr als eine allererste Einordnung bieten kann, sollen nun die Beiträge des vorliegenden Buches knapp charakterisiert werden. Der Band ist in vier Teile gegliedert, die weitgehend den Sektionen unserer Tagung vom September 2012 entsprechen.16 Der erste Teil befasst sich mit den politischen Institutionen im engeren Sinne; die grundsätzliche Frage, wie Rousseau ideenbeziehungsweise diskursgeschichtlich zu verorten sei, wird hier anhand von spezifisch Rousseauschen ‚Instituten‘ (wie etwa der volonté générale) verhandelt. Auch die Beiträge des zweiten Teils widmen sich politischen Zusammenhängen, doch sind sie weniger an systematischen Fragen interessiert, sondern spüren vor allem dem Einfluss historischer oder zeitgenössischer Institutionen auf das Denken Rousseaus nach. Die politischen Ordnungen Genfs und Venedigs stehen dabei im Zentrum; im Anschluss wird auch Rousseaus Verfassungsentwurf für Polen in historischer Per spektive diskutiert. In der dritten Sektion weitet sich der Fokus nicht nur auf die literarischen Schriften Rousseaus, sondern auch auf ein vertieftes, interdisziplinär fundiertes Verständnis von Institutionalität. Spannungsvoll endet die vierte Sektion, die mit Subjekt und Revolution zwei philosophisch konnotierte Begriffe gegenüberstellt, die einerseits die subjektive Institutionalisierung, das Einschreiben des Gesetzes in die Herzen der Menschen, andererseits – und in Verbindung damit – die Möglichkeit eines historischen Wandels der etablierten Institutionen zu thematisieren erlauben.
Staat und Politik Der erste Schwerpunkt des Bandes ist der Rolle der politischen Institutionen in Rousseaus Theorie gewidmet. Der Philosoph Matthias Kaufmann löst Rousseau aus seiner späteren totalitären Umklammerung durch Autoren wie Carl Schmitt, Ya’acov Talmon und Alain de Benoist heraus, die seine partizipatorischen Prämissen revidiert hätten, die aber in anderer Hinsicht durchaus an seine Theorie anknüpfen könnten. Eine angemessene Interpretation des Contrat social setze demgegenüber voraus, dass
16 Siehe dazu die Hinweise im Vorwort.
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man erkennt, dass Rousseau den Einzelnen vor Willkürentscheidungen der Obrigkeit und der Menge gerade bewahren wolle. Für diese Lesart werden insbesondere drei Punkte stark gemacht: Der Verzicht auf Freiheit bedeute nach Rousseau einen Verzicht auf das Menschsein schlechthin; damit sei der Versklavung (auch der Selbstversklavung) ein Riegel vorgeschoben; es werde deutlich, dass Freiheit bei Rousseau nicht nur kollektiv, sondern durchaus auch personenbezogen als individuelles Recht gedacht werde. Zweitens gelte für den Prozess der Entscheidungsfindung, dass dem Bürger das Recht, als Teil des Souveräns abzustimmen, auf keinen Fall genommen werden dürfe. Schließlich und drittens sei Rousseau gegenüber der einmal kon stituierten Macht kritisch und deute die Exekutive als Emanation der Souveränität und nicht als Teil von ihr – wohl auch, weil er der Mehrheit nicht traue. Wiewohl Rousseau kein dem Souverän übergeordnetes Recht zulasse, suche er die politischen Institutionen doch so zu konstruieren, dass aus ihrer Ordnung bestimmte rechtliche Folgen erwachsen, die in der Summe auf eine Art Garantie individueller Freiheiten hinauslaufen. Optimale Partizipationsmöglichkeiten bei der Entscheidungsfindung sollen gewährleisten, dass die Gesetze von den Bürgern als Ausdruck ihres eigenen Willens, der im Gemeinwillen fußt, begriffen werden können. Die Bürger seien daher nicht gegenüber der Exekutive verpflichtet, sondern einander und dem Staat. Dieses schon von Carol Pateman herausgestellte plausible Konzept politischer Verpflichtung zeige, so Kaufmanns Resümée, dass der Genfer im Kern kein totalitärer Denker gewesen sei.17 Der Politikwissenschaftler und Ideenhistoriker Marcus Llanque begreift Rousseaus Werk als in sich widersprüchlichen Schnittpunkt von Diskursen. Rousseau stünde am Übergang von einer institutionellen zu einer konstitutionellen Perspektive, was anhand der Sentenz „instituer un peuple“ und deren divergierenden Übersetzungen (zum Beispiel „einem Volk eine Verfassung geben“) problematisiert wird. Richtig sei nur die Übersetzung „Gründung eines Volkes“. Auf die zentrale Frage jedoch, was ein Volk zum Volk macht, die Rousseau den anderen Vertragstheorien vorlagert, finde er keine konsistente Antwort, da er zwar ‚Menge‘ und ‚Volk‘ terminologisch unterscheide, beide aber handlungstheoretisch kaum weiter differenziere. Als politischer Denker zeichne ihn allerdings ein großes Problembewusstsein aus und wie auch
17 Zur gern erörterten Frage der Beziehung von Carl Schmitt und Rousseau vgl. auch den ganzseiti gen Zeitungsartikel „Dem wahren Johann Jacob Rousseau. Zum 28. Juni 1962“, in Zürcher Woche, 14. Jg., Nr. 26, in dem Rousseau von seinem Interpreten Schmitt aus der revolutionären Tradition genommen wird. Den Hinweis auf den kaum beachteten Text verdanken wir Reinhard Mehring. Vgl. zudem Bruno Bernardi: „Guerre, État, état de guerre: quand Schmitt lit Rousseau“, in Philosophie 94 (2007), 52–65, und Franz Halas: „Träumer und Kronjurist. Der Zwang zur Freiheit bei Rousseau und Schmitt“, in Karlfriedrich Herb/Magdalena Scherl (Hgg.): Rousseaus Zauber, Würzburg 2012, 57–65. Halas stellt heraus, dass Schmitt vor allem in der Schrift Die Diktatur. Von den Anfängen des moder nen Souveränitätsgedankens bis zum proletarischen Klassenkampf (2. Aufl., Berlin 1928) auf Rousseau zurückgreift.
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schon Montesquieu interessiere ihn vor allem das Verhältnis der Wechselwirkungen zwischen Personen und Institutionen. Was Volk als Institution oder vielleicht doch besser als ‚instituiertes‘ bei Rousseau genau bedeute, könne jeweils nur in verschiedenen Kontexten geklärt werden. Rousseaus Widersprüchlichkeit sucht Llanque durch eine Zuordnung seines Denkens zu verschiedenen Diskursen (kontraktualistisch, demokratisch, republikanisch) aufzulösen, die jeweils andere Motive in den Vordergrund rücken. Als besonders wichtig erscheinen Llanque in diesem Zusammenhang zwei Bezugspunkte: zum einen der Diskurs des institutionell disziplinierten Volkes, der letztlich aus der Angst vor der Menge resultiere und darauf abziele, das Volk als handlungsfähige Einheit vor dem Zerfall in eine mehr oder weniger anarchische Menge zu bewahren; zum anderen der institutionelle Zweig des Republikanismus, dem zufolge es die Qualität der Institutionen, nicht der Personen ist, die über die Stabilität einer politischen Ordnung entscheiden. In diesem Sinne betone Rousseau, dass ein Volk (erst) durch das zielgerichtete Handeln der Regierung und den praktischen Umgang mit den Institutionen zum politischen Akteur werde. Seine These, dass Rousseau kein Konstitutionalist im modernen Sinne sei, stützt Llanque mit drei Argumenten: So fasse Rousseau zwar einen parallelen Prozess der Volkwerdung und der Verfassungsgebung ins Auge, zeige aber keine Wege kontinuierlicher Verfassungsentwicklung auf. Um die Souveränität des Volkes zu wahren, unterwerfe er die Politik zudem kaum gerichtlichen Überprüfungsmechanismen – von der Instanz eines Verfassungsgerichtes im modernen Sinne ganz zu schweigen. Weil Rousseau auf ein Einschreiben der Gesetze in die Herzen abziele, überdehne er letztlich den Anspruch der Grundgesetze. Dennoch stelle dieser komplexe Autor eine Herausforderung für den gegenwärtigen republikanischen Konstitutionalismus dar, weil er bedenkenswerte liberalismuskritische Einsichten formuliere. Skadi Krause zielt als Politikwissenschaftlerin in eine ähnliche Richtung wie Kaufmann, setzt aber inhaltlich einen anderen Akzent, indem sie Rousseau als Begründer einer verfassungsstaatlichen Konzeption liest und die Kohärenz seiner Überlegungen herausstellt. Damit bezieht sie zugleich Position gegen eine ganz andere RousseauLesart, die in unserem Band von Tanguy L’Aminot repräsentiert wird. Krause stellt dar, wie Rousseau im ersten und zweiten Discours seine gesellschaftskritische Linie ausformt, wie er in der Schrift über die Politische Ökonomie den Begriff der volonté générale einführt und diesen dann philosophisch im Contrat social näher bestimmt. Dabei gehe es Rousseau primär um die staatlichen Grundgesetze und weniger um die Gesetze der einzelnen Regierungen. Nicht zuletzt aus diesem Grund, so Krause, sei es richtig, ihn in die verfassungsstaatliche Tradition einzuordnen. Der Umstand, dass Rousseau zu Gunsten seiner starken Souveränitätsauffassung im Contrat social die Ansicht vertrete, dass das Volk erst durch die Selbstgesetzgebung konstituiert werde, gilt der Interpretin für wichtiger als die damit einhergehende Überführung des Individuums in die Doppelrolle als souveräner Bürger und Untertan, wie sie gemeinhin von liberalen Interpreten kritisiert wird. Rousseau binde die Souveränität nicht durch
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vorstaatliche angeborene Rechte und verlässt damit Krause zufolge den Rahmen des Naturrechtes. Offen bleibt bei diesem Zugang die Frage, inwieweit seine Betonung von individueller und kollektiver Freiheit tatsächlich mit liberalen Prinzipien vereinbar ist. Die institutionentheoretische Unterscheidung zwischen der Repräsentation der Macht und der Nichtdelegierbarkeit der volonté générale entkräftet jedenfalls den gerne geäußerten Vorwurf, Rousseau würde Repräsentation schlichtweg ablehnen oder nicht begreifen.18 Tanguy L’Aminot von der „Groupe Jean-Jacques Rousseau“ der renommierten französischen Forschungsinstitution CNRS liest den Genfer als radikalen Kritiker von Staat und Regierung. Anhand detaillierter Belege sucht er zu zeigen, dass Rousseau große Vorbehalte gegenüber dem Staat gehabt und in diesem vor allem eine Bedrohung für die Freiheit des Individuums gesehen habe. Seine bewusst provokativ formulierte Deutung, die auch auf aktualisierende Seitenhiebe nicht verzichtet, steht damit konträr zu der Lesart von Krause, aber auch von Kaufmann. Nach einer staatskritischen Einleitung macht sich L’Aminot an eine Interpretation des Contrat social, der kein Handbuch der Staatskunst sei, das die schwierigen Bedingungen für eine wahre Republik erörtert, sondern eine Kritik aller Regierungsformen, wie man insbesondere den Kapiteln 10 und 11 im III. Buch entnehmen könne, die Missbrauch, Entartung und Tod des politischen Körpers zum Gegenstand haben. Dass vor diesem Hintergrund auch der Émile in ein anderes Licht rückt, versteht sich. Demnach ginge es Rousseau in dieser Schrift nur insofern um die ‚Erziehung des Menschen‘, als er der Meinung sei, dass man unter den Bedingungen der modernen Gesellschaft kein ‚Bürger‘ mehr sein könne. Aber auch wenn L’Aminot die anarchoiden Momente in Rousseaus Werk betont, so ist der Genfer für ihn doch kein Anarchist, da er, trotz aller Skepsis, in letzter Konsequenz am Staat als einem notwendigen Übel festhalte. In dieser Perspektive ist Rousseau ein existentieller Philosoph, der immer auf die konkreten Nöte des Individuums schaut. Er gebe – primär den Männern, aber auch den Frauen – Mittel zur Selbstaufklärung in die Hand, zeige ihnen also, wie sie die
18 Zur Differenzbestimmung von Delegation und Repräsentation vgl. Nadia Urbinati: Representative Democracy. Principles & Genealogy, Chicago 2006. Sie zeigt im zweiten Kapitel (v. a. 62–66) dieser Monographie, dass Rousseau Delegation konsistent als inhaltlich bestimmte Beauftragung und ele mentaren Bestandteil direkter Demokratie versteht. Repräsentanten einer kritischen Lesart von Rous seaus Theorie der Volkssouveränität sind u. a. Joseph A. Schumpeter (Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie, Einf. v. Eberhard K. Seifert, a. d. Engl. übers. v. Susanne Preiswerk, Tübingen u. a. 2005) und Isaiah Berlin („Zwei Freiheitsbegriffe“, in ders.: Freiheit. Vier Versuche, Frankfurt/Main 1995, 197–256). Rousseau wird – um weitere kontroverse Themen der Rezeption zu benennen – bekanntlich ebenso als Gegenspieler von Thomas Hobbes gedeutet, wie auch als dessen Schüler, der im Contrat social eine ähnlich starke Souveränitätskonzeption entwickelt habe wie sein englischer Vorgänger. Andere Interpreten erkennen Verschiebungen und attestieren Rousseau im Discours sur l’économie politique eine große Nähe zu John Locke, die er später aufgegeben habe. Schließlich ist auch Rous seaus Zugehörigkeit zur Tradition des Naturrechts umstritten.
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Missstände ihrer verkehrt eingerichteten Gesellschaften und politischen Ordnungen durchschauen und sich als Menschen möglichst vielen Zwängen entziehen können. Dass L’Aminots Lesart – trotz entsprechender Übereinstimmungen – nicht ohne Weiteres mit der politischen Linken sympathisiert, wird am Ende des Aufsatzes deutlich, wo ein Bezug zur Figur des ‚Anarchen‘ bei Ernst Jünger hergestellt wird, was ein – weiterer – Beleg für die Schwierigkeit ist, Rousseaus originelle und komplexe Theorie politisch eindeutig zu verorten.
Historische Modelle Auch wenn Rousseau den Begriff des ‚Systems‘ zur Charakterisierung seines Werks nicht geradewegs meidet, so ist er doch kein typischer Systemdenker im Sinne des klassischen Rationalismus; viel zu groß und viel zu beständig ist sein Interesse an der konkreten Erfahrungswirklichkeit. In seinen Schriften tauchen wiederholt historische Referenzen auf, von denen die bekanntesten sicherlich Athen, Sparta und Rom sind – wohl auch, weil diese schon im ersten Discours mit einer großen rhetorischen Emphase belegt sind. Dabei ist unmittelbar einsichtig, dass den genannten Referenzen mehr als nur die Funktion der rhetorischen Veranschaulichung zukommt; das Studium konkreter (Stadt-)Staaten, sei es aus der eigenen Anschauung heraus – wie im Falle Genfs – oder auf der Basis von Lektüren, hat eine geradezu modellbildende Rolle für Rousseau gespielt. In unserem Band kommen drei solcher ‚Modelle‘ zur Sprache: zum einen Genf, dem zwei Aufsätze gewidmet sind, sowie das eher selten beachtete Venedig und schließlich Polen, die jeweils in einem eigenen Beitrag behandelt werden. Der Fribourger Historiker Volker Reinhardt diskutiert die hierzulande noch wenig rezipierten Lettres écrites de la montagne als Bündel von verschiedenen Argumentationssträngen, die vor allem zusammen gehalten würden durch Rousseaus Absicht, die Oberen der Stadt Genf des Verrats an der Gewissens- und Glaubensfreiheit sowie an der politischen Freiheit ihrer Bürger zu überführen. Die nicht leicht zu durchschauende Strategie in den ersten fünf Briefen sei es, mit Blick auf die Reformation und auf die Institution des Konsistoriums die in der und für die Republik Genf verbindlichen Werte und Normen zu (re-)konstruieren, um sodann den Nachweis von deren bis in die Gegenwart andauerndem Verfall zu erbringen. Reinhardt zufolge ist Rousseaus Deutung der Genfer Reformation dabei einigermaßen idiosynkratisch und in sich alles andere als widerspruchsfrei: So avanciere Calvin bei ihm zu einem menschenverachtenden religiösen Fanatiker, während Jesus in einen gemäßigten Hedonisten verwandelt werde. Die zweite von Rousseau verfolgte Strategie bestehe darin, Scheinapologien vorzunehmen, um diese dann im weiteren Verlauf der Argumentation ad absurdum zu führen. So könne Rousseau zum Beispiel seine Übereinstimmung mit dem Protestantismus nur behaupten, weil er die christliche Offenbarungsreligion entkerne und auf die Moral der Evangelien reduziere.
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Rousseaus Sicht wird bei Reinhardt mit der Position des savoyischen Vikars im Émile identifiziert,19 der sich gegen Konfessionsbildung wende und einen Deismus vertrete, demzufolge sich Gott dem Menschen direkt, universell und undogmatisch mitteilt. Dieser Ansatz, so Reinhardt, werde von Rousseau in den Briefen sechs bis neun durch weitere Ausführungen auf dem Gebiet der politischen Institutionen ergänzt. Demnach habe die Genfer Oligarchie, wie man am Falle der Ausbürgerung Rousseaus sehen könne, durch den Kleinen Rat die Kernkompetenzen des Konsistoriums, des kirchlichen Gerichtes, okkupiert und somit nicht nur gegen die Verfassung, sondern auch gegen den Geist der Reformation verstoßen. Reinhardt zufolge unternimmt der tief vom Autodafé seiner Bücher und der Ausbürgerung getroffene Rousseau, der zugleich ein exzellenter Kenner und ein radikaler Kritiker der zeitgenössischen Genfer Institutionen sei, in den Lettres écrites de la montagne somit nichts Geringeres als den Versuch, die Bürger seiner Heimatstadt für eine ganzheitliche Reformation zu mobilisieren. Simone Zurbuchen, die in Lausanne Philosophie lehrt, erörtert in ihrem Beitrag die zeitliche Dimension von Rousseaus Theorie der Institutionen. In diesem Zusammenhang lotet sie die spezifischen Spannungen aus, die sie bei Rousseaus Versuch einer Integration von Elementen des klassischen Republikanismus in die Naturrechtstradition entstehen sieht. Vor dem Hintergrund der jüngeren Debatten um die Bedeutung Genfs für Rousseaus politische Theorie widmet sie sich zunächst der Frage, wie die Genfer Verfassung von Rousseau als Modell in seine politische Theorie eingebettet wurde. Sie argumentiert, dass dies – je nach Kontext – mit unterschiedlicher Gewichtung erfolgt sei und Genf zudem nicht das einzige historische Modell darstelle, auf das Rousseau in seinen Schriften zurückgreift. Insbesondere seine Ausführungen über den Hang von Regierungen zur Entartung ließen sich, wie sie unter Rekurs auf Arbeiten von Gabriella Silvestrini darlegt, als implizite Bezugnahme auf die drohende Auflösung der Republik Genf lesen. Zurbuchen streicht dabei insbesondere die Mittel heraus, die Rousseau für eine mögliche Verzögerung des Verfalls in Betracht zieht. Die politische Pointe seiner Verteidigung gegen die Anmaßung des Kleinen Rates und gegen die in den Lettres écrites de la campagne von Jean-Robert Tronchin erhobenen Vorwürfe laute, dass die Gesetze vom Souverän geändert werden sollten, statt etwa schleichend oder hinterrücks. In systematischer Hinsicht erhellten Rousseaus Anleihen bei der republikanischen Tradition, dass er offensichtlich auf der Suche nach einer Lösung für das Problem des institutionellen Wandels beziehungsweise der Zeitlichkeit von Institutionen war. Zurbuchen kommt jedoch zu dem
19 Eine andere Interpretation der Stelle findet sich bei H. Meier: Über das Glück des philosophischen Lebens, 301–316. Meier verwahrt sich gegen die aus seiner Sicht voreilige Gleichsetzung des Glaubensbekenntnisses des savoyischen Vikars mit Rousseaus eigenen religiösen Ansichten. Vielmehr hätte Rousseau darin die Auffassung eines gewöhnlichen Menschen (homme vulgaire), der sich an einen ebenso gearteten Schüler (Émile) wendet, entfaltet.
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Schluss, dass der gefundene Ansatz sich nur schlecht mit seiner sonstigen Orientierung an der klassischen Naturrechtstradition vertragen habe, wie sich an einzelnen kritischen Punkten (etwa der Bewertung der Mischverfassung) immer wieder zeige. Die Verfassung Venedigs als politisches Modell wird im Werk Rousseaus selten beachtet, war aber in den zeitgenössischen Diskussionen durchaus präsent. Die Philosophin Catherine Labro nimmt das in ihrem Beitrag zum Anlass, Rousseau, der als junger Mann in Diensten des französischen Botschafters in Venedig stand, als einen Institutionenanalytiker vorzustellen, der in seinen Schriften Faktisches und prinzi piengeleitetes Vorgehen verbinde. Durch diese Herangehensweise unterscheide er sich in der politischen Einschätzung Venedigs von anderen Aufklärern wie Montesquieu und Voltaire. Sein Interesse an normativen Konzepten (Volkssouveränitätskonzept und Egalitarismus) schärfe den Blick für die Besonderheiten des Gegebenen, wobei für Labro konkret die Frage des Wahlrechts – und hier speziell die Unterscheidung von Abstimmungen und Losverfahren – im Mittelpunkt steht. So habe Rousseau Venedig nicht als eine reine Aristokratie, sondern als eine Mischform verstanden, in der der Adel das ‚Volk‘ bilde. Anhand des Losverfahrens macht sie deutlich, dass zwar alle Adligen an der Gesetzgebung beteiligt waren, nicht aber zu gleichen Teilen an der Exekutive. Ausschlaggebend für Rousseaus Ablehnung von Voltaires Klassifikation Venedigs als Aristokratie sei somit, dass die Auswahl der hohen Staatsbeamten aufgrund des gestuften Losverfahrens weitgehend vom Einfluss einzelner Familien und deren partikularer Interessen frei gehalten werde. Die von Kant im Streit der Fakultäten vertretene Ansicht, es sei „doch süß, sich Staatsverfassungen auszudenken, die den Forderungen der Vernunft […] entsprechen“,20 dürfte Rousseau nicht ohne Weiteres geteilt haben – zu umfangreich und zu akribisch waren die Arbeiten, die er im Zusammenhang mit seinen Verfassungsprojekten unternahm. Allein, um überhaupt etwas zu Korsika sagen zu können, veranschlagte er mindestens sechs Monate Studium, gefolgt von weiteren sechs Monaten Bearbeitungszeit. Erst nach Ablauf dieser Frist, so Rousseau, könne es grundlegende Einsichten geben, einen genaueren Plan könne er sogar erst in drei Jahren vorlegen.21 Ähnlich gründlich hat er sich auch auf die Considérations sur le gouvernement de Pologne eingelassen, für die er sechs Monate lang offizielle Dokumente und Quellen studierte, bevor er sich vom Herbst 1770 bis Frühjahr 1771 an die Niederschrift des Textes machte. Dass die Vorarbeiten zu beiden Schriften so umfangreich ausfielen, ist nicht weiter verwunderlich: Schließlich war Rousseau, anders als Kant, vor allem daran interessiert, dass sich seine Verfassungsentwürfe harmonisch
20 Immanuel Kant, „Der Streit der Fakultäten“ [1798], in ders.: Werke, Akademie-Textausgabe, unver änd. photomechan. Abdr. d. Textes d. v. d. Preuß. Akad. d. Wiss. 1902 beg. Ausg. v. Kants gesammelten Schriften, Bd. VII, Berlin 1968, 1–115, hier 92. 21 Jean-Jacques Rousseau: „Rousseau an Matthieu Buttafoco (15. Oktober 1764)“, in ders.: Korrespon denzen, 287–89, hier 288.
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in die bestehenden Sitten der jeweiligen Gesellschaften einfügen – und dazu waren entsprechende Studien und Untersuchungen unverzichtbar. Der Historiker Karsten Holste lenkt in seinem Aufsatz über die Considérations sur le gouvernement de Pologne den Blick denn auch nicht primär auf den bekannten Text, sondern geht von den Fragestellungen und Interessen aus, die Rousseaus polnische Auftraggeber mit dem Projekt verbanden. Institutionentransfer, so seine These, dürfe nicht als einseitiger Vorgang missverstanden, sondern müsse als Prozess wechselseitiger Regelinterpretationen und Übersetzungen begriffen werden. Demnach habe sich Rousseau mit der Aufgabe konfrontiert gesehen, das auf spezifische Freiheiten in einer Adelsrepublik ausgerichtete Konzept ,polnischer Freiheit‘ mit weitreichenden Vorschlägen für eine Reform des Staates zu verbinden. Nicht zuletzt aus diesem Grund habe er die patriotische Erziehung, in Form einer Vielzahl von Wettbewerben, zu stärken versucht. Die von Rousseau als junges Volk charakterisierten Polen, denen er Tatkraft, Freiheits- und Unabhängigkeitsstreben zuschrieb, seien auf diese Weise zugleich „exotisiert und infantilisiert“ worden. Die traditionelle Freiheit der Polen, welche die Auftraggeber der Considérations für unbestreitbar hielten, sei Rousseau hingegen allenfalls als eine von mehreren zukünftigen Optionen erschienen. Rousseau wurde seitens der Polen übrigens erst als zweiter, nämlich nach Gabriel Bonnot de Mably, dessen Reformvorschläge für die Vertreter des polnischen Adels wohl zu radikal ausgefallen waren, um einen Verfassungsentwurf gebeten. Für seine Entscheidung, sich dieser Aufgabe zu stellen, habe sicherlich der Wunsch eine Rolle gespielt, so Holste, sich auch auf diesem Gebiet als Kontrahent Voltaires zu profilieren. Rousseau habe Polen-Litauen nicht die Werte der westlichen Zivilisation, sondern die Kritik an eben diesen lehren wollen. Damit habe sich – zehn Jahre nach dem Erscheinen des Contrat social – seine Perspektive abermals verschoben. Mit dem polnischen Verfassungsprojekt habe Rousseau die Hoffnung verbunden, die ‚Dekadenz‘ der europäischen Zivilisierung vermeiden und dem Land einen eigenen Weg in die Zukunft weisen zu können. In theoretischer Hinsicht habe er damit ebenso ein Zivilisationsgefälle und die strukturelle Andersartigkeit der osteuropäischen Länder unterstellt wie Diderot und Voltaire, nur eben unter umgekehrten Vorzeichen. Dies mache deutlich, dass bei Rousseau – ungeachtet seines offensichtlichen Bemühens, den besonderen Umständen Polens Rechnung zu tragen – immer wieder auch spezifisch-westeuropäische Vorstellungen zum Tragen gekommen seien. Für die polnischen Reformbestrebungen hätten sich aber nur wenige der von ihm vorgeschlagenen institutionellen Neuerungen als anknüpfungsfähig erwiesen. Wirkungsgeschichtlich ist in diesem Zusammenhang freilich zu bedenken, dass die Vorschläge zunächst kaum bekannt waren und sich obendrein schon 1772 mit der Teilung Polens vorerst erübrigt hatten. Erst 1789, das heißt sieben Jahre nach der posthumen Publikation der Schrift, wurden die darin enthaltenen Vorschläge Rousseaus ins Polnische übersetzt, um dann in den Verfassungsdiskussionen Anfang der 1790er-Jahre kurzzeitig eine Rolle zu spielen, bevor sie 1795 mit der Zerschlagung Polen-Litauens endgültig obsolet wurden.
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Interdisziplinäre Perspektiven Die Beiträge des dritten Abschnittes verbindet, dass sie den Blick auf Rousseaus Werk erheblich ausweiten und dabei neben den im engeren Sinne politischen Schriften auch anderen Werken – etwa dem Émile oder der Nouvelle Héloïse – die nötige Aufmerksamkeit zuteilwerden lassen. Dabei spielt in fast allen von ihnen die Sprache – Rousseau zufolge die erste Institution überhaupt – eine zentrale Rolle, und zwar nicht nur als Gegenstand der theoretischen Reflexion, sondern gleichermaßen als deren Bedingung der Möglichkeit und wichtigstes Medium. Ausgehend von diesen Überlegungen werden Rousseaus Texte ihrerseits nicht statisch, das heißt als System, begriffen, sondern gleichsam dynamisch und performativ – sei es nun in ihrem Bezug zum Leser oder im Rahmen ihrer jeweiligen Rezeptionsgeschichte(n) interpretiert. Die Literaturwissenschaftlerin Judith Frömmer setzt sich in ihrem Beitrag vor allem mit der Nouvelle Héloïse auseinander, die sie für sozialwissenschaftliche Diskussionen anschlussfähig macht. Ihren Ausgangspunkt bildet dabei das traditionelle Verständnis der institutio als Form einführender Unterweisung. Dieses gehe mit Normierung und Universalisierung ebenso einher, wie es eine Dialektik von Institution und Destitution in Gang setze, weil die Darstellung der Ersteren stets mit einem Unterlaufen der Positionen beziehungsweise mit Auflösungstendenzen verbunden sei. Rousseaus Gesellschaftskritik sei, so Frömmer mit Blick auf die moralistische Tradition in Frankreich, an eine Kritik der Einbildungskraft gekoppelt. Ihre Argumentation gliedert sich in zwei Schritte. Im ersten Teil wird die Ehe, von Rousseau im zweiten Discours als petite société bezeichnet, als Kippfigur zwischen Natur und Kultur ausgewiesen: Die Liebesgemeinschaft der Herzen setze eine imaginative Versetzung in die Rolle des Anderen voraus und destabilisiere somit die Balance des homme naturel. Der zweite Schritt bezieht sich auf den Émile und die Nouvelle Héloïse: Hier werden die ästhetischen und medialen Verfahren der Institutionalisierung der Ehe anhand von individuellen Lebensentwürfen diskutiert, die freilich alle scheitern. Allerdings gebe es Linderungsmöglichkeiten, denn aus dem Übel selbst, mithin auch aus der Romanlektüre, ließen sich ‚homöopathische‘ Therapien entwickeln. Vor diesem Hintergrund wird die Demokratisierung der Beobachtungsverhältnisse im oikos von Clarens diskutiert, wobei die Figur des Beobachters Wolmar, der ohne jede Empathie und insofern ‚asozial‘ sei, die der Versuchsanordnung eingeschriebene Paradoxie von menschlicher Gesellschaft und unmenschlicher Kontrolle verkörpere. Darüber hinaus vertritt Frömmer die Auffassung, dass die Anordnung des Romans einen Pakt Rousseaus mit dem männlichen Leser offenbare, der über die ordnungsgefährdenden Potenziale des weiblichen Begehrens aufgeklärt werden solle, wohingegen er das weibliche Publikum der Selbst- und Affektkontrolle grundsätzlich für unfähig erachtet habe.22
22 Rousseaus maskulinistischer Bias ist von feministischen Interpretinnen wiederholt herausgear beitet worden. Vgl. dazu u. a. Linda M. G. Zerelli: Signifying Woman. Culture and Chaos in Rousseau,
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Die Einbildungskraft und der Umgang mit Fiktionen ist für das Verständnis von Institutionen und Institutionenkritik bei Rousseau in mehrfacher Hinsicht wesentlich: Einerseits sind soziale Institutionen stets mit Interpretationen verbunden, ohne die sie nicht wirksam werden können, andererseits ist der Umgang mit Fiktionen gesellschaftlich durchaus folgenreich. Liest man Rousseaus Texte in diesem Lichte, so scheint es, als habe er das berühmte ‚Thomastheorem‘ vorweggenommen, demzufolge Fiktionen, die geglaubt werden, unabhängig von ihrer Angemessenheit Effekte zur Folge haben, die ernstgenommen werden müssen. Dass Rousseau diese Einsicht sowohl in ästhetischer als auch medialer Hinsicht virtuos in seinen Romanen verarbeitet, weist ihn als kulturkritischen Autor aus, der die avancierten Mittel der Kultur gegen diese selbst zu wenden versteht. Schließlich kann Rousseau den destabilisierenden Auswirkungen der Einbildung nur durch eine Schulung der (nicht per se ratio nalistisch verstandenen) Urteilskraft entgegenwirken.23 Während Frömmer die Ökonomie der Affekte thematisiert, untersucht der Politikwissenschaftler Daniel Schulz in seinem Beitrag das Verhältnis von Ökonomie und politischer Ordnung bei Rousseau. Der Längsschnitt durch das Werk (frühe Diskurse, Contrat social und die Verfassungsschriften bis hin zur Nouvelle Héloise) präsentiert Rousseau in ökonomischen Fragen als Moralisten und republikanischen Vertreter eines Primates der Politik. Schulz zeichnet die Spuren nach, die die Auseinandersetzung mit Fragen der Politischen Ökonomie in Rousseaus Werk hinterlassen hat – ausgehend von seiner Bewunderung für das antike Sparta, wo Askese und die Einfachheit der Sitten im Zentrum stünden, bis hin zur Differenzierung von Hauswirtschaft und Politik, der Rousseau eine Schlüsselstellung zuweise. Dem Discours sur l’économie politique (1755) attestiert Schulz eine Brückenfunktion zwischen dem zweiten Discours und den späteren Schriften, denn hier nehme Rousseau nicht nur die systematische Unterscheidung zwischen privatem und öffentlichem Haushalt vor, sondern schreibe beiden auch verschiedene Rationalitäten zu. Dabei stellt Schulz neben Rousseaus Kritik an der Monetarisierung der politischen Verhältnisse insbesondere den Umstand heraus, dass mit der Verwandlung privater Mittel (Steuern) in öffentliche Finanzen (Staatshaushalt) für Rousseau eine Art ‚Heiligung‘ der Letzteren verbunden sei, weshalb Korruption und Betrug durch Repräsentanten des Staates auch keine gewöhnlichen Verbrechen, sondern eine Verletzung des politischen Körpers und Verrat an dessen Geiste darstellten.
Burke, and Mill, Ithaca/NY/London 1994; Lori Jo Marso: (Un)Manly Citizen. Jean-Jacques Rousseau’s and Germaine de Staël’s Subversive Women, Baltimore/MD, London 1999; Lynda Lange (ed): Feminist Interpretations of Jean-Jacques Rousseau, University Park/PA 2002, sowie Christine Garbe: Die ,weib liche‘ List im ,männlichen‘ Text. Jean-Jacques Rousseau in der feministischen Kritik, Stuttgart, Weimar 1992. 23 Vgl. Rainer Enskat: Bedingungen der Aufklärung. Philosophische Untersuchungen zu einer Aufgabe der Urteilskraft, Weilerswist 2008, 369–514.
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Wie Frömmer geht auch Schulz in seiner Deutung auf die Nouvelle Héloïse ein, indem er die dort verhandelten Grundsätze transparenten Wirtschaftens und ihrer Rationalität erörtert. Dabei werde klar, dass es sich bei der in Clarens herrschenden Ordnung nicht um eine Ergänzung des Contrat social handele, sondern um ein Modell, das die Möglichkeit des Rückzugs aus einer weitgehend verderbten Gesamtordnung in eine private Enklave durchspiele. Rousseau befürworte Askese und Autarkie, wisse als praktischer Philosoph jedoch, dass sich auf diese Weise keine Bindungen erzeugen lassen, die stabil genug sind, um handlungsleitende Motive für die Mitglieder eines politischen Gemeinwesens zu erzeugen. Deshalb setze er, so Schulz, auf die Wirkun