Christa Wolf und Durs Grünbein: Ostdeutsche Selbstbilder nach 1989 9783110740424, 9783110741766, 9783110741872, 2021938033

This study examines the formation of self-images of East Germany in the (autobiographical) texts of Christa Wolf and Dur

311 84 24MB

German Pages 479 [480] Year 2021

Report DMCA / Copyright

DOWNLOAD PDF FILE

Table of contents :
Inhalt
Danksagung
I Ouvertüre: Turmbau zu Dresden
II Einleitung
III Theoretische Zugänge
IV Christa Wolf: Der Blick in die neue Welt
V Durs Grünbein: Auf der Suche nach dem verlorenen Selbst
VI Schluss: Kinder der Zone
Bibliographie
Abbildungen
Personenregister
Recommend Papers

Christa Wolf und Durs Grünbein: Ostdeutsche Selbstbilder nach 1989
 9783110740424, 9783110741766, 9783110741872, 2021938033

  • 0 0 0
  • Like this paper and download? You can publish your own PDF file online for free in a few minutes! Sign Up
File loading please wait...
Citation preview

Matthias Kandziora Christa Wolf und Durs Grünbein

Untersuchungen zur deutschen Literaturgeschichte

Band 161

Matthias Kandziora

Christa Wolf und Durs Grünbein

Ostdeutsche Selbstbilder nach 1989

Zgl. Dissertationsschrift an der Ludwig-Maximilians-Universität München 2020

ISBN 978-3-11-074042-4 e-ISBN (PDF) 978-3-11-074176-6 e-ISBN (EPUB) 978-3-11-074187-2 ISSN 0083-4564 Library of Congress Control Number: 2021938033 Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar. © 2021 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston Druck und Bindung: CPI books GmbH, Leck www.degruyter.com

Christa und Durs

Für Wiltrud und Michael, Charlotte und Oswald, die mir ihren Osten zeigten

Inhalt Danksagung

IX

I

Ouvertüre: Turmbau zu Dresden

II

Einleitung

III  . . .  . . .

Theoretische Zugänge 24 Selbstbilder zwischen Identität und Identifizierungen 25 25 Die Unmöglichkeit von Identität Theorie der Identifizierung 50 Prozesse der Identifizierung – Entwurf und Erinnerung 59 67 Ostdeutschland nach 1989 ‚Ostdeutschland‘ und ‚die Ostdeutschen‘ 67 Perspektiven durch Erinnerung – Gedächtnis und Literatur 71 85 Nach 1989 – Umbruch und Einbruch

IV  

Christa Wolf: Der Blick in die neue Welt 92 94 Der tiefe Fall Erinnern und Vergessen – Christa Wolf liest Freud und Benjamin 101 Die Überwindung von Zeit und Raum 119 „Ich steig noch mal runter in diesen Schacht“ – 124 Zur Erinnerungsmetaphorik von Sog und Schacht Die Macht der Stasi-Akten 130 Verlust und Melancholie 140 Schreibweisen des Autobiographischen und der Beleg des Lebens 144 Das Andere des Ostens 171 Die neue Welt der Obdachlosen 172 „Was sind das für Zeiten“ − Bezüge zur Exilliteratur 195 „Wacht auf, Verdammte dieser Erde“ – Die Anderen der Globalisierung 214 „Auferstanden aus Ruinen“ – Ein Engel bringt die Utopie 225 Zur Überwindung von Krisen – Reinigungen und 227 Genesungen Der Engel ihrer Geschichte 244 Walter Benjamin und das Niemandsland 256

. . . .   . . .  . . .

1

16

VIII

V   . . . 

Inhalt

.  . .

Durs Grünbein: Auf der Suche nach dem verlorenen Selbst 264 266 Eine Ouvertüre im Übergang Grünbeins Essayismus und seine Nichtidentität 284 Dimensionen des Essays 287 Zu Grünbeins essayistischem Schreiben 300 315 Paradoxien maritimer Metaphorik in Die Jahre im Zoo Zwischen Moderne und X – Intertextualitäten in Grünbeins Selbstbeschreibungen 329 Dresdner Kindheit um 1970 – Grünbein und die Berliner Kindheit um 1900 332 363 Von Löffeln und Akademien – Bezüge zu Franz Kafka Denk-Bilder − Optische Identifizierungen 393 Funktionen der Photographie 397 413 Der zoologische Blick

VI

Schluss: Kinder der Zone

.

426

Bibliographie 437 Siglen 437 Texte von Christa Wolf und Durs Grünbein 439 Weitere verwendete Literatur Abbildungen Personenregister

466 467

437

Danksagung Eine Studie, die sich mit den Selbstbildern von Individuen auseinandersetzt, ist ebenso wenig die Arbeit eines Einzelnen, wie es die Identifizierungen eines Subjektes sind. Beide sind immer von den gemeinschaftlichen Prozessen der Erinnerung abhängig und so ist dies für mich der Ort, sich dankend zu erinnern. Das vorliegende Buch ist die leicht überarbeitete Version meiner Dissertation, die im Juli 2020 an der Ludwig-Maximilians-Universität München als Promotionsschrift angenommen wurde. Meine Dissertation entstand im Rahmen des DFGGraduiertenkollegs Funktionen des Literarischen in Prozessen der Globalisierung an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Dem Kolleg und all seinen Beteiligten bin ich nicht zuletzt durch den institutionellen Rahmen zu Dank verpflichtet. Inka Mülder-Bach und Cornelia Ortlieb haben die Arbeit betreut und begutachtet. Für ihre Hilfestellungen, kritischen Anmerkungen und inhaltlichen Ratschläge danke ich Ihnen vielmals. Ich danke Inka Mülder-Bach, die mich stets zum genauen Arbeiten und zu einer kritischen Überprüfung angemahnt hat. Ohne ihre theoretische Expertise fehlten dieser Arbeit entscheidende Punkte. Ebenfalls möchte ich mich bei Cornelia Ortlieb ganz herzlich bedanken, die die Arbeit schon vor ihrer Entstehung förderte und deren unzählige Hinweise mein Wissen über die DDR-Literatur ungemein bereichert haben. Ich danke ihr ebenso für Förderung und zahlreiche Ratschläge in allen Lebenslagen. Robert Stockhammer danke ich dafür, dass er meine Arbeit immer mit großem Interesse begleitet und die Rolle des dritten Prüfers in meiner Disputation übernommen hat. Für Gespräche, Beratung und verschiedene Hinweise danke ich Burkhardt Wolf und Lars Bullmann. Ein besonderer Dank gebührt Sandra Fluhrer für ihre genauen Lektüren meiner Texte, ihre Ratschläge und ihr Engagement für meine Arbeit, das sie um vieles besser gemacht hat. Bei Fabienne Imlinger bedanke ich mich nicht nur für ihre Koordination im Graduiertenkolleg, sondern für ihre Hilfe in allen Situationen während des Schreibprozesses, an der LMU und in München. Ich möchte mich zudem bei allen Teilnehmenden des Münchner Oberseminars sowie des Erlanger und Berliner Colloquiums für Hinweise und Lektüren bedanken, ganz besonders bei meinen langjährigen Kolloquiumspartnern und -partnerinnen Timo Sestu, Tobias Fuchs, Gudrun Püschel, Jasmin Pfeiffer und Sandra Fluhrer. Meinen Bürokollegen und ‐kolleginnen danke ich für Gespräche, Austausch, Ideen, Auseinandersetzungen sowie gemeinsame Arbeitsstunden und Mittagessen. Timo Sestu, Patrick Geiger, Florian Kniffka, Philipp Stelzer und meiner Mutter habe ich für die Erstkorrekturen meiner Arbeit zu danken. Ein besonderer Dank https://doi.org/10.1515/9783110741766-001

X

Danksagung

gilt Bernd Weiß für das umsichtige und feinfühlige Lektorat meines Manuskriptes. Dankbar bin ich außerdem dem De Gruyter Verlag für die Aufnahme in die Reihe Untersuchungen zur deutschen Literaturgeschichte sowie insbesondere Marcus Böhm und Eva Locher für die großartige Betreuung während des Publikationsprozesses. Dem Suhrkamp Verlag, dem Walter Benjamin Archiv sowie dem Nachlass Günther Anders in der Österreichischen Nationalbibliothek danke ich für die Genehmigung der Bildrechte. Durs Grünbein danke ich ganz herzlich dafür, dass ich die Photographien aus den Jahren im Zoo abbilden darf. Die Baumgart-Stiftung, München hat meine Arbeit unbürokratisch mit einem Abschlussstipendium unterstützt, das mir in den letzten Monaten Luft zum Arbeiten verschafft hat. Meinem Graduiertenkolleg danke ich für den großzügigen Druckkostenzuschuss. Meinen Eltern und meiner Familie danke ich, dass sie nicht nur meine akademische Laufbahn, sondern mich stets in allen Lebenslagen unterstützt haben. Sie haben es mir durch meine biographische Erfahrung ermöglicht, eine solche Arbeit zu schreiben. Wenn Durs Grünbein schreibt, dass man es sich bei seiner Geburt nicht aussuchen könne, wo man von den Seinen abgeworfen wird, bin ich dankbar, dass meine Eltern, meine Großeltern und meine Geschwister es mich nie vergessen haben lassen, wie die Welt vor meiner Geburt aussah und mich Geschichte und Leben in der DDR und in Deutschland nach 1990 gelehrt haben. Meine Freunde haben mit unseren gemeinsamen Diskussionen meinen Fokus immer wieder auf das Kernthema meiner Arbeit gelenkt, meinen Blick um viele Perspektiven bereichert und mich auf andere Gedanken gebracht, wo Ablenkung nötig war. Ihnen danke ich dafür! Franca Walser habe ich für die wundervollen Zeichnungen, die am Anfang dieser Arbeit stehen, zu danken. Für ein stets verfügbares Obdach in Eichenau, Fürth und Berlin danke ich Judith, Stefan, Ida, Hanna, Franca, Eva, Julia, Stefan, Jakob, Lisa und Mattis. Der größte Dank gilt meiner Partnerin Laura Köditz, die mich in vielen Stunden ausgehalten hat, in denen mein Kopf an einem anderen Ort, in einem anderen Land und in einer anderen Zeit war, und die mich und diese Arbeit immer begleitet und umsorgt hat. Ich danke ihr für alles! München, im Winter 2020

DER GLÜCKLOSE ENGEL. Hinter ihm schwemmt Vergangenheit an, schüttet Geröll auf Flügel und Schultern, mit Lärm wie von begrabnen Trommeln, während vor ihm sich die Zukunft staut, seine Augen eindrückt, die Augäpfel sprengt wie ein Stern, das Wort umdreht zum tönenden Knebel, ihn würgt mit seinem Atem. Eine Zeit lang sieht man noch sein Flügelschlagen, hört in das Rauschen die Steinschläge vor über hinter ihm niedergehen, lauter je heftiger die vergebliche Bewegung vereinzelt, wenn sie langsamer wird. Dann schließt sich über ihm der Augenblick: auf dem schnell verschütteten Stehplatz kommt der glücklose Engel zur Ruhe, wartend auf die Geschichte in der Versteinerung von Flug Blick Atem. Bis das erneute Rauschen mächtiger Flügelschläge sich in Wellen durch den Stein fortpflanzt und seinen Flug anzeigt.¹ ()

GLÜCKLOSER ENGEL  Zwischen Stadt und Stadt Nach der Mauer der Abgrund Wind an den Schultern die fremde Hand am einsamen Fleisch Der Engel ich höre ihn noch Aber er hat kein Gesicht mehr als Deines das ich nicht kenne.² ()

 Müller, Heiner: Die Gedichte, in: Ders.: Werke. Bd. 1, hrsg. von Frank Hörnigk, Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1998, S. 53.  Müller: Die Gedichte, S. 236.

I Ouvertüre: Turmbau zu Dresden MEINLAND LIEBEN, ABER HASSEN, wie sichs darin lebt als wärs Keinland doch verlassen will ichs nicht. Es klebt mir an meinen Schuhen und mein Weggehen schwer aber spricht aus meinem Mund und macht meine Hände leer.¹

Die untergegangene DDR – dies ist eine zur Redewendung geronnene Metapher. Der vielfach in journalistischen, literarischen, filmischen und wissenschaftlichen Kontexten verwendete Terminus verweist auf die historischen Ereignisse, die ich als einen entscheidenden Bruch der jüngsten Vergangenheit verstehe – es ist (lässt man Vor- und Nachgeschichte einmal beiseite) die Zeit zwischen dem 9. November 1989 und dem 3. Oktober 1990 − und deren Fortleben gerade mit Blick auf die davon geprägten Subjektivitäten bis in die Gegenwart reichen. Doch die Metapher der untergegangenen DDR bedient mehrere Bedeutungsebenen: Sie beinhaltet das Verschwinden des Staates, der nicht einfach aufhörte zu existieren, sondern dessen Ende im Reich des Maritimen zu suchen ist. Die DDR ist untergegangen: Wohlwollend kann man verstehen, sie ist von den Wogen des Meeres im Sturm der Geschichte hinuntergerissen worden; nimmt man eine distanziertere Position zum real existierenden Sozialismus ein, so könnte man sagen, sie ist wie ein lahmer Kahn versunken. Wie man es dreht und wendet, ob es ein historisches Ereignis war, das wie einst ein Eisberg die Titanic in die Tiefe riss, oder das Schiff schon leck war, ehe es in See stach und der Untergang im Beginn zu suchen ist, die Metaphorik verweist auf die Reste: auf das, was sich am Grund des Meeres sedimentiert. Dies sind (ganz buchstäblich) die Artefakte, welche die DDR überdauert haben. Es sind aber auch die Erinnerungen, die Narrationen und die verdichteten Bilder, die sich als historisches – individuelles und kollektives − Gedächtnis absetzen. Dass die DDR ‚untergegangen‘ ist, hält sie in gewisser Weise am Leben und verfolgt jene, die von diesem Untergang zu berichten wissen und jene, die den Untergang nur vom Hörensagen kennen − als ein mythisches Narrativ.

 Brasch, Thomas: Was ich mir wünsche. Gedichte aus Liebe, hrsg. von Thomas Wild, Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2007, S. 36. https://doi.org/10.1515/9783110741766-002

2

I Ouvertüre: Turmbau zu Dresden

Mit dem Untertitel Geschichte aus einem versunkenen Land hat Uwe Tellkamp dieses Narrativ in Der Turm ² sehr prominent aufgegriffen. Denn Der Turm erzählt retrospektiv eine Familiengeschichte im Dresden der 1980er Jahre, die zielsicher auf das Ende zusteuert. Im Unterschied zu Thomas Manns Buddenbrooks als einem der literarischen Intertexte ist es nicht (nur) das Ende der Familie, sondern das Ende des Staates, also der DDR, das als Teleologie entworfen wird.³ Die heterodiegetische Erzählinstanz des Romans kennt (vornehmlich) drei Fokalisierungen: den Sohn Christian Hoffmann, den Vater Richard Hoffmann und den Onkel Meno Rohde.⁴ Mit seinem Untertitel greift Der Turm die metaphorischen Kontexte der ‚untergegangenen DDR‘ auf und verschiebt sie, denn Tellkamp ruft die ganze Tradition der versunkenen Städte auf, zuvorderst Vineta und Atlantis. Das, worüber Tellkamp berichtet, wird zur Geschichte über eine versunkene Insel, für deren Versinken Mächte verantwortlich sind, die wie Naturgewalten unkontrollierbar bleiben. In dem überaus dichten ersten Kapitel Ouvertüre verbindet der Text bereits einige zentrale Aspekte. Wie das Kapitel am Ende enthüllt, ist die Kursivierung ein Zeichen dafür, dass ein von Meno Rhode geschriebener Text vorliegt und man eigentlich Teil einer Schreibszene ist („schrieb Meno Rhode“, DT: 11). Dass in diesen Passagen Meno selbst Erzähler ist und nicht nur aus seiner Perspektive erzählt wird, stellt eine Besonderheit dar, die der Text noch mehrfach wiederholen wird. Das Kapitel Ouvertüre erhält einen weiteren Sonderstatus, da es vor dem eigentlichen Beginn der Narration steht: Der Turm ist in zwei Bücher, Die Pädagogische Provinz und Die Schwerkraft, sowie das überleitende Interludium: 1984 und das Finale: Mahlstrom geteilt.⁵ Die Ouvertüre befindet sich noch vor dem  Tellkamp, Uwe: Der Turm. Geschichte aus einem versunkenen Land. Roman, Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2008, im Folgenden unter der Sigle DT zitiert.  Vgl.: Mann, Thomas: Buddenbrooks. Verfall einer Familie, in: Ders.: Große kommentierte Frankfurter Ausgabe. Bd. 1.1, hrsg. von Eckhard Heftrich, Frankfurt a. M.: S. Fischer 2001. Zu einer Übersicht der intertextuellen Bezüge, vgl.: Bach, Susanne: Wende-Generationen/GenerationenWende. Literarische Lebenswelten vor dem Horizont der Wiedervereinigung mit Autoreninterviews, Heidelberg: Winter 2017, S. 219 – 231; Flaig, Anne: „Lesen im Rekord? Uwe Tellkamps »Der Turm« als Bildungsroman zwischen Realismus und Fantastik“, in: Horstkotte, Silke / Herrmann, Leonhard (Hrsg.): Poetiken der Gegenwart. Deutschsprachige Romane nach 2000, Berlin/Boston: De Gruyter 2013, S. 83 – 98.  Es finden sich auch Passagen, die dramatisch erzählt werden, vgl. z. B.: DT: 778−781.  Tellkamp spielt mit dem Titel des Buches auf zahlreiche Intertexte an, die er in den Text einwebt. So lässt Der Turm an die Turmgesellschaft in Goethes Wilhelm Meisters Lehrjahre denken (die Christian-Narration kann ebenfalls als ein Bildungsroman in der Tradition Goethes verstanden werden), die dort als Geheimgesellschaft einer intellektuellen Elite das Leben Wilhelms begleitet und manipuliert, vgl.: Goethe, Johann Wolfgang von: „Wilhelm Meisters Lehrjahre“, in: Ders.: Sämtliche Werke, Briefe, Tagebücher und Gespräche. Bd. I.9. Wilhelm Meisters theatralische Sendung,Wilhelm Meisters Lehrjahre, Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten, hrsg. von

I Ouvertüre: Turmbau zu Dresden

3

ersten Teil. Menos Text gibt zudem einige Hinweise, dass er aus einer anderen Perspektive als der Rest des Turmes spricht: Und ich erinnere mich an die Stadt, das Land, die Inseln, von Brücken zur Sozialistischen Union verbunden, ein Kontinent Laurasia, in dem die Zeit eingekapselt war in eine Druse, zur Anderzeit geschlossen, und die Musik erklang von den Plattenspielern, knisternd unter den Abtastarmen im dünenden Vinylschwarz, Lichtspindeln hin zum Gelbetikett der Deutschen Grammophon, zum Eterna- und Melodia-Schriftzug pulsend, während draußen der Winter das Land einfror, Schraubstöcke aus Eis an den Ufern auftürmte, die den Strom in ihren Zangen preßten und, wie den Lauf der Zeiger auf den Uhren, an den Stillstand bremsten. (DT: 7 f.; Hervorheb. i. Orig.)

Der Text legt mit dem Verb erinnern im Präsens nahe, dass aus einer historischen Distanz auf Dresden in der DDR zurückgeblickt wird. Die eingekapselte Zeit steht mit dem Stillstand der „achtziger Jahre“, den die „Türmer auf der Insel Dresden“ (DT: 8; Hervorheb. i. Original) wahrnehmen, in Korrespondenz. Zeit, deren fortwährende Thematisierung ein bestimmendes Element in der Prosa Tellkamps ist,⁶ wird im Turm einer kontinuierlichen Beschleunigung unterzogen. Das literarische Vorbild bildet Thomas Manns Der Zauberberg. Beide Texte nehmen einen Zeitraum von sieben Jahren in den Blick und beschleunigen die erzählte Zeit mit

Wilhelm Voßkamp / Herbert Jaumann, Frankfurt a. M.: Deutscher Klassiker Verlag 1992, S. 355 – 992, insbes. S. 870−876, 927 f., 944 f. Außerdem knüpft der Titel Der Turm an das gleichnamige Drama Hugo von Hofmannsthals an, in dem dieser Fragen von Macht und Herrschaft thematisiert, vgl.: Hofmannsthal, Hugo von: „Der Turm“, in: Ders.: Gesammelte Werke. Bd. III. Dramen III. 1892 −1927, hrsg.von Bernd Schoeller, Frankfurt a. M.: S. Fischer 1990, S. 177– 474. Dies greift Tellkamps Text als ein Sujet auf, wenn er implizit und explizit die Legitimität der DDR anzweifelt. So etwa Christian nach dem Tod eines anderen Wehrpflichtigen: „So was ist nur in diesem Scheißstaat möglich.“ (DT: 799, vgl. auch: DT: 329 f.). Überdies ist an den Turmbau zu Babel zu denken, obwohl der Roman zumindest perspektivisch keine große Mehrstimmigkeit oder Multiperspektivität beinhaltet, sondern sich perspektivisch (größtenteils) auf die drei zentralen Figuren beschränkt. Die Pädagogische Provinz schließt an Goethes Wilhelm Meisters Wanderjahre sowie an Hermann Hesses Das Glasperlenspiel an, vgl.: Goethe, Johann Wolfgang von: Wilhelm Meisters Wanderjahre, in: Ders.: Sämtliche Werke, Briefe, Tagebücher und Gespräche. Bd. I.10, hrsg. von Gerhard Neumann / Hans-Georg Dewitz, Frankfurt a. M.: Deutscher Klassiker Verlag 1989, S. 414, 516, 539; Hesse, Hermann: Das Glasperlenspiel, in: Ders.: Sämtliche Werke. Bd. 5, Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2001, S. 53; Clarke, David: „Space, Time and Power. The Chronotopes of Uwe Tellkamp’s ›Der Turm‹“, German Life and Letters 63/4 (2010), S. 490 – 503, hier S. 498.  In allen Prosatexten Tellkamps werden Zeit, Erinnerungen und Uhren miteinander verwoben, vgl.: Tellkamp, Uwe: Der Hecht, die Träume und das portugiesische Café. Roman, München: Dtv 2009, S. 5, 8 f., 140; Tellkamp, Uwe: Der Eisvogel. Roman, Berlin: Suhrkamp 2010, S. 38, 44, 110, 318; Tellkamp, Uwe: Die Schwebebahn. Dresdner Erkundungen, Berlin: Insel 2010, S. 22, 40 ff.

4

I Ouvertüre: Turmbau zu Dresden

zunehmender Erzählzeit immer stärker.⁷ Während bei Mann das Ende des Romans auf die Katastrophe des Ersten Weltkrieges zusteuert, wählt Tellkamp eine andere Perspektivierung: Der Mahlstrom, welchen der letzte Teil als Titel führt, reißt nicht die Welt in den Abgrund, sondern die DDR und endet mit der Grenzöffnung am 9. November 1989: „… aber dann auf einmal … schlugen die Uhren, schlugen den 9. November, »Deutschland einig Vaterland«, schlugen ans Brandenburger Tor:“ (DT: 973) Tellkamps Roman endet mit einem Doppelpunkt und deutet damit seine Fortsetzung schon an.⁸ Die vor aller Einordnung stehende Ouvertüre fällt aus dieser zeitlichen Logik heraus und schließt einzig durch das gleiche Anfangswort an die Schlusseintragung Meno Rhodes an („Suchend“, DT: 7, 972; Hervorheb. i. Original). Die meisten eingefügten Schriften Menos sind dagegen Kommentare zum direkten Geschehen und können in der gleichen Zeitebene eingeordnet werden. Angesichts des monumentalen Anspruches, den Der Turm hat und den er mit seinen verschiedenen intertextuellen Montagen und Einbettungen zahlreicher Details und Schreibformen einzuholen versucht, könnte an dieser Stelle viel gesagt werden. Die vorliegende Arbeit legt ihren Fokus aber vor allem auf ein nach 1989. Tellkamps Turm, ohne Frage Teil der Post-DDR-Literatur, nimmt in den meisten Teilen des Textes allerdings ein Perspektive vor 1989 ein. Im Unterschied zu Wolfs Stadt der Engel und Grünbeins verschiedenen Essays gibt es keine Erzählinstanz, die sich offen positioniert und Vergangenheit und Gegenwart miteinander in Verbindung setzt und so für ostdeutsche Selbstbilder und die Identifizierungen nach 1989 zu einer bestimmenden narrativen Instanz werden kann. Die einzige Ausnahme bildet Tellkamps Ouvertüre, in der bereits prominent das

 Die ersten fünf Kapitel erzählen die Geschichte des Abends des 4. Dezember 1982 (vgl.: DT: 15 −83), während im 66. Kapitel Nach dieser Unterbrechung gingen die Tage … dahin, die Überschrift ist Stifters Nachsommer entliehen, ein Zeitraum vom Winter 1987 bis zum Herbst 1988 erzählt wird (vgl.: DT: 871−882) und innerhalb weiterer zehn Seiten das Jahr 1989 erreicht ist (vgl.: DT: 892), vgl.: Mann, Thomas: Der Zauberberg, in: Ders.: Große kommentierte Frankfurter Ausgabe. Bd. 5.1, hrsg. von Michael Neumann, Frankfurt a. M.: S. Fischer 2002; Stifter, Adalbert: Der Nachsommer. Eine Erzählung. Erster Band, in: Ders.: Werke und Briefe. Historisch-Kritische Gesamtausgabe. Bd. 4,1, hrsg. von Alfred Doppler / Wolfgang Frühwald, Stuttgart/Berlin/Köln: W. Kohlhammer 1997, S. 263. Auch Bach stellt die Verbindung zu Stifter her, vgl.: Bach: Wende-Generationen/ Generationen-Wende, S. 214.  Adorno hat die Satzzeichen mit einer Ampel verglichen: „Ausrufungszeichen sind rot, Doppelpunkt grün, Gedankenstriche befehlen stop.“ Die grüne Ampel des Doppelpunktes beinhaltet also bereits, dass ein Folgetext wieder Fahrt aufnehmen wird, Adorno, Theodor W.: „Satzzeichen“, in: Ders.: Gesammelte Schriften. Bd. 11. Noten zur Literatur, hrsg. von Rolf Tiedemann, Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2003, S. 106 – 113, hier S. 106. Adornos Schriften werden im Folgenden mit dem jeweiligen Titel und der Sigle A-GS sowie der Bandnummer und Seitenzahl angegeben.

I Ouvertüre: Turmbau zu Dresden

5

Atlantis-Motiv im Mittelpunkt steht, das ich nun noch einmal in den Blick nehmen möchte. Meno Rhode schreibt in der Ouvertüre: [W]as war ATLANTIS, das wir nachts betraten, wenn das Mutabor gesprochen war, das unsichtbare Reich hinter dem sichtbaren, das erst nach langen Aufenthalten, den Touristen nicht und nicht den Traumlosen, aus den Konturen des Tages brach und Risse hinterließ, einen Schatten unter den Diagrammen dessen, was wir Die erste Wirklichkeit nannten, ATLANTIS: Die zweite Wirklichkeit, Insel Dresden / die Kohleninsel / die Kupferinsel der Regierung / Insel mit dem roten Stern / die Askanische Insel, wo Justitias Jünger arbeiteten, zu ATLANTIS verknüpft versponnen verkrustet (DT: 9; Hervorheb. u. Kursivierung i. Orig.)

Die ebenso spontan beginnende, wie abrupt endende Assoziation, die sogar auf das abschließende Satzzeichen verzichtet, stellt eine zentrale Frage des Textes in den Mittelpunkt: Was ist das Atlantis, das der Text in Gestalt der Eintragung Menos fortwährend beschwört und das mehrfach in Rekurs auf E. T. A. Hoffmanns Der goldene Topf aufgerufen wird (vgl.: DT: 880)? Die erste Wirklichkeit wird von einer zweiten Wirklichkeit durchdrungen − dem Atlantis: ein magisches Dresden, das sich in der Verwendung der „träumerischen und märchenhaft klingenden Erwähnungen“ (DT: 85) zeigt, die Meno Rohde den Orten in Dresden gibt (Karavelle, Tausendaugenhaus, Ostrom, Askanische Insel etc.) und die auch als „Kunigundenwörter“ (DT: 729) bezeichnet werden. Der zweite Aspekt, der zu diesem Atlantis gehört, ist der bildungsbürgerliche Kanon, für den Meno Rohde, der studierte Zoologe, Lektor und Teil der (kritischen) Intellektuellen-Szene in der DDR, paradigmatisch steht und den Christian durch sein selbstauferlegtes exzessives Lesen und Lernen einzuholen sucht.⁹ Angesichts dieser Aspekte könnte man annehmen, dass Tellkamps Text einer solchen Bürgerlichkeit melancholisch nachtrauert. Das Kapitel Kastalia, erneut eine Niederschrift Menos und eine der zahlreichen Anspielungen auf Hesses Das Glasperlenspiel,¹⁰ tendiert aber nur

 Dies wird in dem Kapitel Rost geschildert (vgl.: DT: 140−157), wo es in dem Versuch kulminiert, möglichst viel an einem Tag zu lesen: „Er las von 4.30 Uhr bis 24.00 Uhr ununterbrochen, allerdings mit zwei überaus lästigen Pausen durch Mittagessen und Abendbrot, die die besorgte Anne ihm aufdrängte. Schlag Mitternacht hatte er 716 Seiten gelesen – und vergessen, aber was machte das, der Rekord war gebrochen.“ (DT: 155).  Das Land, in dem Hesse das Glasperlenspiel ansiedelt, heißt Kastalien, vgl.: Hesse: Das Glasperlenspiel, S. 39. Im Turm wird es damit zu einer Anspielung auf Das Schreiben des Magister Ludi an die Erziehungsbehörde aus dem Glasperlenspiel, in der die Desavouierung des utopischen Bildungsentwurfes dieser Gesellschaft zusammengefasst wird. In diesem Ausschnitt heißt es unter anderem: „Kurz, diese kastalische Bildung, eine hohe und edle Bildung, gewiß, der ich tief dankbar bin, ist in den meisten ihrer Besitzer und Vertreter nicht Organ und Instrument, nicht aktiv und auf Ziele gerichtet, nicht bewußt einem Größeren oder Tieferen dienstbar, sondern neigt ein wenig zum Selbstgenuß und Selbstlob, zur Ausbildung und Hochzüchtung geistiger Spezia-

6

I Ouvertüre: Turmbau zu Dresden

vordergründig in eine ähnliche Richtung. Meno berichtet dort über seinen Arbeitsplatz im Hermes-Verlag: Viele Jahre waren seit der Errichtung der Mauer vergangen, die das Land umschloß und die Hauptstadt, die Kupferinsel der Regierung, teilte. Viele Jahre waren die Rosen gewachsen, hatten die Zeit verlangsamt, und wenn ich die Gelehrteninsel betrat, die Papierrepublik, […] erschien mir die Schnelligkeit, mit der Wassertropfen von den schadhaften Rohrleitungen fielen, die unvermindert wirkende Schwerkraft, die Aschbecherinhalte aus den verknasterten Büros des Lektorats II in den mit Schmierölpfützen bedeckten Innenhof sinken ließ, unwirklich, so unwirklich wie die Gestalten, die sich im eigentümlich trockenen Sepialicht gemessen bewegten, meine Kollegen, meine Vorgesetzten; (DT: 849 f.; Kursivierung. i. Orig.)

In der manieristischen Sprache, die insbesondere (aber bei weitem nicht nur) Menos Eintragungen auszeichnet, erläutert dieser die Wahrnehmung einer extremen Entschleunigung und gibt zugleich einen Blick auf die DDR als Ganzes. Der Verlag wird als Teil des staatlichen Systems beschrieben und ist doch eines der wenigen „atlantischen Häuse[r]“ (DT: 851): Wir gaben dem Volk das geistige Brot; wir waren ein Fenster zur Welt … Die Mauer schlang sich um die Gelehrteninsel, dies sozialistische Kastalien, dreifach gesichert: nach innen, nach außen und gegen das Lächeln; die Stacheldraht-Rosen trieben am Bau hoch, nur die Vögel blieben nicht hängen; Scheinwerfer suchten die Mauer ab, Hunde streiften an Laufketten durch das Niemandsland zwischen den Mauerringen. Überall die Reste vergangener Kulturen, Zeichen, die auf Entzifferung warteten, Kennpunkte in verrottenden Seekarten, aber die alten Kapitäne waren tot, die Astrolabien und Sextanten, mit denen man die Zeichen hätte lesen können, verkauft oder vergessen in den Museumsdepots unter der Stadt. (DT: 851; Kursivierung. i. Orig.)

Der Verlag scheint ein Mikrokosmos des Makrokosmos DDR zu sein, der noch einmal durch die gleichen Grenzinstitutionen abgesichert ist. Überdies deutet sich an dieser Stelle etwas an, was einen Hinweis auf die utopische Vision gibt, die Tellkamps Text erzeugt. Im Verlag verläuft (wie in der ganzen DDR des Turmes) die Zeit verlangsamt ab und harrt auf den Umsturz. Nicht einmal der Verlag, den Meno in seiner Eintragung sogar als „Literaturinstitut“ (DT: 851) bezeichnet, vertritt die bildungsbürgerliche Tradition. Dort ist sie auf dem Rückzug und in der Welt der Türmer führt sie sogar dazu, „unrettbar in der Vergangenheit“ (DT: 354) versunken zu sein. Dies greift der Text mehrfach in dem motivischen Vers auf: „Dresden … in den Musennestern / wohnt die süße Krankheit Gestern“¹¹ (DT: 361). litäten.“, S. 320. Über die Funktionalisierung dieser intertextuellen Referenz fordert Tellkamp von der Bildung selbst eine Funktion ein, welche die Türmer nicht mehr erkennen und die er, wie ich in der Folge zeige, in einer nationalistisch ausgerichteten Kulturnation sucht.  Der Vers ist kein direktes intertextuelles Zitat, taucht aber im Text mehrfach auf (vgl.: DT: 11, 342, 345 f., 361, 362, 363, 369, 371). Wie Susanne Bach argumentiert, bezieht sich das Musennest

I Ouvertüre: Turmbau zu Dresden

7

Tellkamps Text wendet sich sowohl von der Zukunftsvision eines real existierenden Sozialismus ab, der seine eigene Utopie schon lange desavouiert hat, als auch von der Versenkung in die Vergangenheit, wie es das Dresdner Bildungsbürgertum vollzieht. In seiner Poetikvorlesung Die Sandwirtschaft. Anmerkungen zu Schrift und Zeit fasst Tellkamp sein Vorgehen programmatisch zusammen: Kunst ist und fordert Utopie; das Problem des heutigen Menschen ist die anscheinende Unmöglichkeit der Utopie, totale Gegenwart ist, nach den ideologischen Katastrophen des 20. Jahrhunderts, die einzig übriggebliebene Verheißung. […] Daraus folgt der Verlust des Gedächtnisses (wer die Zukunft nur als fortgesetzte Gegenwart sieht, braucht ja keines), die schwere Betäubung und Melancholie, die wie ein Albdruck auf vielen Menschen lastet, die Gleichgültigkeit gegenüber der Vergangenheit und die Angst gegenüber dem Kommenden. Wie sollen wir leben? Auf diese Frage gibt es noch immer keine Antwort. Links und rechts, die alten Gegensätze, wollen für unser heutiges Lebensempfinden nicht mehr taugen. Wir sind ratlos. […] Die Zeit, in der wir leben, bedarf einer Korrektur, und ich versuche, indem ich Menschen beim Leben zusehe und die Waghalsigkeit begehe, sie darzustellen, meinen Teil zu leisten. Episches Schreiben ist ein Unterfangen zur Weltrettung durch Wahrheitsfindung, das ist ebenso donquichottesk wie notwendig.¹²

Was zunächst an Benjamins Poetik der Geschichtsbetrachtung erinnert, ist aber Tellkamps nicht sonderlich bescheidener Anspruch eine Lösung für ein Unbehagen, das er gegenüber der Moderne verspürt, zu finden und auf das er jüngst im rechtsextremen Magazin Sezession ein passende Antwort gegeben hat. In seinem dortigen Artikel Das späte Atlantis, der schon im Titel auf den Turm zurückverweist, schreibt er, mit einem (erneut nicht sonderlich bescheidenen) Anspruch alle Sachsen zu vertreten, angesichts der Erfolge von AFD und Pegida und der damit einhergehenden medialen und journalistischen Suche nach Antworten auf dieses Phänomen: In Sachsen, in Dresden regt sich […] Widerstand, mehr als andernorts, wie es scheint. Warum? Sogenannte Qualitätsjournalisten schieben ihre Stethoskope über die sächsische Seele und hören Sumpfgeräusche. Dabei sind uns nur Heimat und unsere Kultur nicht egal. Man muss einen Anker haben in der Zeit. Es hilft zu überleben.¹³

intertextuell auf Durs Grünbeins Charakterisierung Dresdens in Das erste Jahr, vgl.: Bach: WendeGenerationen/Generationen-Wende, S. 215 f.; Grünbein, Durs: Das erste Jahr. Berliner Aufzeichnungen, Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2001, S. 88.  Tellkamp, Uwe: Die Sandwirtschaft. Anmerkungen zu Schrift und Zeit. Leipziger Poetikvorlesung, Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2009, S. 45 f.  Tellkamp, Uwe: „Das späte Atlantis. Dresdner Aufzeichnungen“, Sezession 90 (2019), S. 42– 47, hier S. 47.

8

I Ouvertüre: Turmbau zu Dresden

Tellkamps Antworten aus der Poetikvorlesung und dem Artikel geben einen Hinweis, wie das Atlantismotiv in Der Turm zu verstehen ist. Dort geht es nicht darum, ein Bildungsbürgertum als Enklave im real existierenden Sozialismus zu bestimmen. Im Text ist dieses von Anfang an nicht in der Lage, zu leisten, was es verspricht, sondern das Bürgertum ist fortwährend auf der Flucht vor der Gegenwart in die Vergangenheit (vgl.: DT: 354). Im zweiten Buch Die Schwerkraft wird Christian Hoffmann während seines Wehrdienstes wegen kritischer Äußerungen zum (Unfall‐)Tod eines Soldaten in den Strafdienst nach Bitterfeld-Leuna versetzt. Im U-Boot, einer fensterlosen Strafzelle, gesteht er sich ein, dass „jedes humanistische Bildungsideal“¹⁴ gescheitert ist (vgl.: DT: 827, 840). Mit dieser Einsicht nimmt Christian den von einem anderen Wehrdienstleistenden gegebenen (vgl.: DT: 651) Spitznamen Nemo an: „Jetzt, dachte Christian, bin ich wirklich Nemo. Niemand.“ (DT: 827). Christian wird damit nicht nur zu einem Niemand, der sich der staatlichen Gewalt vollkommen unterwirft, sondern zu einem anverwandelten Meno, dessen Name schließlich ein Anagramm von Nemo ist.¹⁵ Beide sind eigentlich ein Niemand. Das bildungsbürgerliche Ideal, das Meno (trotz seiner Kritik) verkörpert und das Christian zu erreichen sucht, ist endgültig kompromittiert und taugt nicht mehr zur Utopie − der narzisstischen Vater Richard reiht sich hier ein, wenn auch er bildungsbürgerliche Ansprüche vertritt, aber die eigenen bürgerlichen Moralvorstellungen angesichts einer Zweitfamilie und einer Affäre mit der Freundin seines Sohnes ohnehin nicht einhalten kann (vgl.: DT: 170 −177, 781). Das Atlantis, das Meno Rhode beschwört, ist gleichsam im Staat, in dem sich diese Insel – eine von vielen Inseln von denen Tellkamps Text spricht (Askanische Insel, Kohleninsel, Kupferinsel) − befand, versunken. Historisch ist sie mit dem Staat, in dem eine solche Nische möglich war, untergegangen; als utopisches Projekt einer humanistischen Bildung war sie schon lange vorher versunken. Wie Heribert Tommek ganz richtig bemerkt hat, ist sowohl dieser Bürgerlichkeit als auch dem real existierenden Sozialismus ein ähnliches Telos der Humanität eingeschrieben.¹⁶ Die Bewohner des Turmviertels glauben zwar,  Flaig: „Lesen im Rekord?“, S. 96.  Vgl. zu einer ähnlichen Lesart: Flaig: „Lesen im Rekord?“, S. 97; Clarke: „Space, Time and Power“, S. 502. Meno folgt dem Paradigma, in der DDR möglichst als ein Niemand verstanden zu werden, der nicht wahrgenommen wird, sondern „mit gesenktem Kopf, fast unsichtbar, wie Staub“ (DT: 504) durch die Welt geht.  Vgl.: Tommek, Heribert: „Zur Entwicklung nobilitierter Autorpositionen (am Beispiel von Raoul Schrott, Durs Grünbein und Uwe Tellkamp)“, in: Ders. / Bogdal, Klaus-Michael (Hrsg.): Transformationen des literarischen Feldes in der Gegenwart. Sozialstruktur − Medien − Ökonomien − Autorpositionen, Heidelberg: Synchron 2012, S. 303 – 327, hier S. 321. Passenderweise stellt die Figur Philipp Londoner, der sowohl dem Bildungsbürgertum als auch der Nomenklatura angehört und als Grenzgänger zwischen den Milieus fungiert, die in den Text eingefügte tabel-

I Ouvertüre: Turmbau zu Dresden

9

dass sie nun in „Dresdengrad. Provinz in der UdSSR: Union der deutschsprachigen Sowjetrepubliken“ (DT: 368) leben, hängen aber − wie Meno bemerkt − einer privatistischen Scheinwelt an: Die Beschwörungen beginnen, die Dresdner Sehnsucht nach Utopie, einer Märchenstadt. Die Stadt der Nischen, der Goethe-Zitate, der Hausmusik blickt trauernd nach gestern; die leidige, ausgehöhlte Realität wird mit Träumen ergänzt: Schatten-Dresden, Schein hinter dem Sein, fließt durch dessen Poren, erzeugt Hoffmannsche Zwitter. (DT: 368; Kursivierung. i. Orig.)

Insbesondere die Hoffmannschen Zwitter, von denen Meno schreibt, verweisen autoreflexiv auf die Familie Hoffmann mit ihrer (moralischen) Zwitterfigur Richard, aber auch auf die Figuren E. T. A. Hoffmanns; vor allem jene aus Der Goldene Topf, die zwischen Mensch und (fantastischem) Tier changieren.¹⁷ Die Aufgabe einer bildungsbürgerlichen sowie die grundlegende Ablehnung einer sozialistischen Utopie strukturieren den Text und lassen die Frage offen, was der Turm als neue Utopie anbietet. Der Schluss des Romans gibt darauf eine Antwort, wenn im letzten Kapitel der Slogan des Umbruches 1989 wiederholt wird („Wir sind das Volk“, DT: 969), ehe er in „Wir sind ein Volk“ umschlägt (DT: 970) und der DDR die Zeit abgelaufen ist („… aber dann auf einmal … schlugen die Uhren“, DT: 970). Was als historische Beschreibung eines Wandels des zentralen Schlagwortes der ‚Wende‘ verstanden werden könnte, ist angesichts der Tatsache, dass der Roman am 9. November endet, allerdings eher unwahrscheinlich und zeigt eine Teleologie, die den Roman auszeichnet.¹⁸ Auffällig ist, dass die Bürgerrechtsbewegung im Text erstaunlich wenig Platz bekommt (vgl.: DT: 937 ff.) und dass, ganz im Unterschied zu den tatsächlichen weitgehend gewaltlosen Abläufen, der Roman die gewaltsame Auseinandersetzung am Dresdner Bahnhof vom 4. auf den 5. Oktober (im Zuge der aus der Prager Botschaft kommenden Transportzüge) in

larische Unterscheidung in Kleinbürger und (Bildungs‐)Bürger auf, vgl.: DT: 681. Die Figuration des Hermes-Verlages als Mikro-DDR legt eine solche Überschneidung ebenfalls nahe.  Vgl.: Hoffmann, E. T. A.: „Der goldene Topf“, in: Ders.: Sämtliche Werke in sieben Bänden. Bd. 2/1. Fantasiestücke in Callot’s Manier / Werke 1814. Text und Kommentar, hrsg. von Hartmut Steinecke, Frankfurt a. M.: Deutscher Klassiker Verlag 2006, S. 229 – 321, insbesondere die Erzählung der Serpentina: S. 288−291.  Der bereits zitierte Schlusssatz („…aber dann auf einmal… schlugen die Uhren, schlugen den 9. November, »Deutschland einig Vaterland«, schlugen ans Brandenburger Tor:“, DT: 973) reiht sich hier ein. Das der Hymne der DDR entliehene Zitat verweist auf die zunehmend aufkommenden Forderungen nach Vereinigung von DDR und BRD im sogenannten ‚Wende‘-Prozess. Gleichzeitig war dieser Vers der Grund, warum die Hymne ab den 1970er Jahren, nachdem offiziell das Ziel Vereinigung verabschiedet wurde, nur noch in Instrumentalversion zu hören war.

10

I Ouvertüre: Turmbau zu Dresden

den Mittelpunkt des Umbruches 1989 setzt (vgl.: DT: 942−962).¹⁹ Es ist nicht das Bildungsideal der ‚Türmer‘, sondern „[d]urchgreifendes Handeln […], was letztlich das Ende des Romans und der DDR herbeiführt.“²⁰ Tellkamps Text entwirft ein Paradigma der Handlung, das die DDR zum Einsturz bringt, ohne die Handelnden in den Mittelpunkt zu stellen. Vielmehr ist es das Ziel des Textes, eine Gemeinschaft zu beschwören, die eine Gemeinsamkeit der Deutschen in der DDR ist. So hat die Forschung mehrfach bemerkt, dass Tellkamps Turm ein äußerst konservatives Verständnis in sozialen und bildungspolitischen Positionen offenbart²¹ sowie sich in seinen intertextuellen Verweisen explizit auf einen deutschsprachigen Kanon bezieht, der als Teil einer deutschen Kulturnation verstanden wird.²² Bemerkenswert ist es daher, dass beispielsweise Prousts À la recherche du temps perdu, mit der Tellkamps Text aufgrund seiner Detailstudien der Gesellschaft und ihrer Gesellschaftsanlässe verglichen wurde,²³ im Text lediglich in einer absurden Nachtschicht in der Strafversetzung gelesen wird (vgl.: DT: 858). Die Handlung des Turmes strebt nicht auf einen politischen Umbruch im Sinne vieler Bürgerrechtsbewegungen, sondern sie verleiht den Protagonisten eine Stimme, die „keinen besseren Sozialismus“, sondern „gar keinen Sozialismus“ (DT: 968) wollen. Die Wiedervereinigung und das Wiedererrichten einer

 Max argumentiert in ihrem Beitrag ähnlich und verweist auf die zahlreichen Fälle, in denen der Text Authentizität insinuiert und trotzdem historische und andere (z. B. medizinische) Details abändert, vgl.: Max, Katrin: Bürgerlichkeit und bürgerliche Kultur in der Literatur der DDR, Paderborn: W. Fink 2018, S. 445 – 448.  Horstkotte, Silke: „Von Ostrom nach Atlantis. Utopisches in Uwe Tellkamps Der Turm“, in: Eke, Norbert Otto (Hrsg.): „Nach der Mauer der Abgrund“? (Wieder‐)Annäherungen an die DDRLiteratur, Amsterdam / New York: Rodopi 2013, S. 323 – 341, hier S. 325.  Ein Beispiel hierfür wären die despektierlichen und ablehnenden Bemerkungen, die Richard Hoffmann für die „Achtundsechziger“ übrighat und welche die Erzählinstanz nicht kommentiert (vgl.: DT: 74). Im Eisvogel ist sogar vom „Morbus 68“ die Rede, Tellkamp: Der Eisvogel, S. 113.  Vgl.: Tommek: „Zur Entwicklung nobilitierter Autorenpositionen“, S. 322 f.; Geisenhanslüke, Achim: „Nach Dresden. Trauma und Erinnerung im Diskurs der Gegenwart. Durs Grünbein − Marcel Beyer − Uwe Tellkamp“, in: Tommek, Heribert / Bogdal, Klaus-Michael (Hrsg.): Transformationen des literarischen Feldes in der Gegenwart. Sozialstruktur − Medien − Ökonomien − Autorpositionen, Heidelberg: Synchron 2012, S. 285 – 301, hier S. 298 f.; Kindt, Tom: „Die Vermessung der Deutschen. Zur Reflexion deutscher Identität in Romanen Georg Kleins, Daniel Kehlmanns und Uwe Tellkamps“, Zeitschrift für Germanistik 2/22 (2012), S. 362– 373, hier S. 370 ff.; Wagner, Sabrina: „Korrektur durch epische Beschreibung. ‚Konservatives Engagement‘ zwischen autorschaftlichem Selbstverständnis und literaturkritischer Rezeption am Beispiel Uwe Tellkamps“, in: Adler, Hans / Klocke, Sonja (Hrsg.): Protest und Verweigerung. Neue Tendenzen in der deutschen Literatur seit 1989 / Protest and refusal. New Trends in German Literature, Paderborn: W. Fink 2019, S. 93 – 109, hier S. 106.  Vgl.: Geisenhanslüke: „Nach Dresden“, S. 297.

I Ouvertüre: Turmbau zu Dresden

11

deutschen Kulturnation ist das Ziel des Romans, der dies an seinem ostdeutschen Exempel erzählt. Die eigenartige Konstruktion des Textes imaginiert Dresden als das eigentliche Zentrum der DDR. Zwar wird die Hauptstadt Berlin erwähnt, das intellektuelle Zentrum mit seinen Literaten ist aber Dresden. Fast alle Orte der Handlung befinden sich in Sachsen und sogar im Hiddensee-Urlaub versammelt sich das ganze Dresdner Personal des Romans auf dieser Insel.²⁴ Jene Urlaubsfahrt aus Dresden nach Hiddensee dient als eine allgemeine Beschreibung alltäglicher Abläufe in der DDR („so fuhr man in den Urlaub durch die Deutsche Demokratische Republik“, DT: 656). Diese Beobachtung deckt sich mit einem Interview Tellkamps, in dem dieser die vorgenommenen topographischen Umgestaltungen der Stadt Dresden erklärt (paradigmatisch können sie auf der Umschlagzeichnung betrachtet werden, vgl.: Abb. 1). „Die Entscheidung für mich, die realen Gegebenheiten zu verlassen, hat der Roman getroffen, der über Dresden hinauswollte. Er wollte ein Modell liefern für das Gesellschaftssystem an sich. Und das war mit Dresden allein nicht möglich.“²⁵ Mit dem Anspruch, die DDR abzubilden, verbindet sich die politische Utopie einer Wiedervereinigung, deren Desillusionierung mit Blick auf das Œuvre Tellkamps in Der Eisvogel mündet.²⁶ Im Turm wird die Zeit stillgestellt, ja soll sogar mit aller Kraft stillgestellt werden: »Die Standuhr, Richard, kannst du sie nicht anhalten? Ich kann das Ticktack nicht ertragen, es tut mir weh. Soll ich dir was zu trinken holen?« […] Richard hörte sie in der Küche hantieren […]. [E]r hielt das Uhrenpendel an. Es wehrte sich gegen den Stillstand, begann sich aus Mikroschwingungen wieder einzutakten. (DT: 859)

Für das Scheitern dieses Prozesses ist der Text mit seiner Beschleunigung der performative Beweis, während das Bürgertum in der Vergangenheit (sinnlos) versunken ist. Diese Kontemplation findet aber nur um ihrer selbst willen statt und entzieht sich einer zweckgerichteten Betrachtung. Das obige Zitat aus Tellkamps Vorlesung deutet aufgrund der Figuration der „Literatur als Bewahrerin“

 Historisch eine überaus unglaubwürdige Konstruktion, wurden Urlaubsquartiere doch zentral vergeben. Überdies wurden dort insgesamt wenig Quartiere angeboten und so wird Hiddensee zu einem zweiten Tellkamp-Dresden, in dem sich die Größen aus Literatur und Kunst ebenso wie das restliche Romanpersonal versammeln.  Jachertz, Norbert / Klinkhammer, Gisela: „Interview mit Uwe Tellkamp, Arzt und Schriftsteller: »Das ganze Thema ist immer noch radioaktiv«“, Deutsches Ärzteblatt 106/10 (2009), S. 453 −455, hier S. 453.  Auch diese Verbindung ist von der Forschung bereits mehrfach festgestellt worden, vgl.: Wagner: „Korrektur durch epische Beschreibung“; Clarke: „Space, Time and Power“, S. 503.

12

I Ouvertüre: Turmbau zu Dresden

Abb. 1: Umschlagzeichnung

ein dezidiert „konservatives Literaturverständnis“²⁷ an. In Der Eisvogel wird dieses politische Programm auf Zeit und Erinnerung angewandt, wenn (wie es der Schlusssatz formuliert) die Zeit (und hiermit ist ihre endlose Beschleunigung gemeint) zerstört werden soll.²⁸ Schon zu Beginn des Textes formuliert der Pro-

 Wagner: „Korrektur durch epische Beschreibung“, S. 97.  „– wir müssen die Zeit zerstören, sagte er, wir müssen sie zerstören, die Zeit“, Tellkamp: Der Eisvogel, S. 318 (Kursivierung i. Orig.). Tellkamp formuliert in seiner Poetikvorlesung ganz ähnlich, wenn er sich dort gegen eine Dekonstruktion und zugunsten eines Bewahrens ausspricht: „[D]a will jemand einmal nicht dekonstruieren, sondern etwas festhalten − und dafür empfinde ich Sympathie, denn sich gegen die Zeit zu stellen, die verrinnende, aus ihren unablässig mahlenden Strudeln etwas zu bewahren und dadurch einen kleinen, lächerlich donquichottesken, im eigentlichen Sinne anachronistischen Triumph − momentan − gegen jene zu erringen, der es offenbar niemals langweilig wird, immer nur zu siegen, letztlich: das ist doch eine der Aufgaben des Dichters“, Tellkamp: Die Sandwirtschaft, S. 94. Ironischerweise formuliert Tellkamp dies mit

I Ouvertüre: Turmbau zu Dresden

13

tagonist Wiggo nach einer Aufzählung zahlreicher Abscheulichkeiten der modernen Gesellschaft: [N]ein, Ohren zuhalten, weg mit dem ganzen Dreck, Tod Tod Tod, gellte es den Menschen unablässig entgegen, aus allen Rohren, aus allen Röhren, weg mit der Erinnerung, auslöschen die Vergangenheit, leben für den Augenblick, sie ließen los und wurden leicht, war es das, was sie immer gewollt hatten, werden wir alt werden, fragen die Zwanzigjährigen, die Welt ist jung, irgendwann nach der Wende wurde sie neu geboren, sie mag das Alter nicht, was alt wird, hat zu sterben begonnen, Zeit, Zeit, aus der Dunkelheit entstanden, in die Dunkelheit verschwindend, suddenly everything fell out of place, höre ich aus dem Discman, suddenly everything fell out of place, die Menschen wie Gefangene, die ihre Lebensboote durch die Straßen treideln, Einsamkeit und Angst, haltlos, bloßes nacktes Existieren, manche vielleicht in der Ahnung von etwas anderem, einem Leben, wo andere Gesetze herrschen, nicht die Zeit mit ihren Uhren, unablässiges Ticktack […].²⁹

Beide Texte Tellkamps inszenieren eine versunkene Vergangenheit und Tradition, die von einer fortschreitenden Beschleunigung und von einem Stillstand bedroht ist. Diese − und das ist Tellkamps poetisches wie sein politisches Programm − Tradition soll reaktiviert werden, allerdings nicht um sie im Sinne Benjamins mit neuer Bedeutung zu füllen,³⁰ sondern um sie zu restituieren. Tellkamps überaus konservatives Kulturverständnis inszeniert schon im Turm ein vollkommen versunkenes Bürgertum, das seine Kinder nicht auf die Gefahren des real existierenden Sozialismus vorbereitet, sondern diesen geradezu ausliefert.³¹ Wie Kai

Blick auf die Lyrik Grünbeins, der, wie in der Analyse zu seinen Texten zu zeigen sein wird, zu einem anderen Umgang mit Erinnerung kommt.  Tellkamp: Der Eisvogel, S. 32 f. (Kursivierung i. Orig.).  Dies ist das Programm von Benjamins Destruktiven Charakter: „Der destruktive Charakter steht in der Front der Traditionalisten. Einige überliefern die Dinge, indem sie sie unantastbar machen und konservieren, andere die Situationen, indem sie sie handlich machen und liquidieren. Diese nennt man die Destruktiven.“, Benjamin, Walter: „Der destruktive Charakter“, in: Ders.: Gesammelte Schriften. Bd. IV. Kleine Prosa, Baudelaire-Übertragungen, hrsg. von Rolf Tiedemann / Hermann Schweppenhäuser, Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1991, S. 396 – 398, hier s. S. 398. Benjamins Werke werden im Folgenden mit dem jeweiligen Titel und der Sigle B-GS sowie der Bandnummer und Seitenzahl angegeben. Tellkamps Text erfüllt die erste Kategorie von Benjamins Text selbst (auch wenn er den gleichen Vorwurf an die Türmer richtet), indem er selbst die DDR-Zeit archiviert, aber nur zum Zwecke eine explizit deutsche Tradition zu konservieren. Die Texte Wolfs und Grünbeins, die im Zentrum dieser Arbeit stehen, verfahren (zumindest ihrem Selbstanspruch nach) nach jenem destruktiven Paradigma, das Benjamins Denkbild vorgibt.  Vgl.: Sina, Kai: „Kriechende Seele, zerbrechlicher Geist − Zum Konzept von ›Bildung und Kultur‹ in Romanen Anna Katharina Hahns und Uwe Tellkamps“, in: Gansel, Carsten / Joch, Markus / Wolting, Monika (Hrsg.): Zwischen Erinnerung und Fremdheit. Entwicklungen in der deutschen und polnischen Literatur nach 1989, Göttingen: V&R Unipress 2015, S. 379 – 392, hier S. 389.

14

I Ouvertüre: Turmbau zu Dresden

Sina feststellt, ist es das autoreflexive Ziel, mit dem Turm selbst ein literarisches Schwergewicht zu schaffen – einen jener „Blauwale“, wie sie im Text in Rekurs auf die großen Romane „Tolstois, Dostojewskis, Thomas Manns, Musils und Doderers“ (DT: 155) genannt werden.³² Diesem Paradigma unterwirft sich der junge Christian in seinen vier Etappen, die im letzten Schritt darin enden, ein „[g]roße[s] Werk“ (DT: 157) zu erzeugen. Enttäuscht von der reinen Selbstversenkung soll Der Turm selbst ein großes Werk sein, das nicht nur die Klassiker einer explizit deutschen Tradition („eine deutsche Kunst“, DT: 148) wieder zum Fundament einer Identitätsbildung macht, sondern selbst in dieses Fundament eingeht. Die Geschichte, die Tellkamps Turm erzählt, ist zwar in dem versunkenen Land DDR angesiedelt und handelt von dem versunkenen Bürgertum im Dresdner Villenviertel, der Text will aber nicht zu einer ostdeutschen Identitätsfindung beitragen, obgleich er in dieser Nische des real existierenden Sozialismus eine Brutstätte ausmacht, sondern wendet sich einer deutschen Identität zu, auf die der Text mit seinem Ende zuläuft. Dem dicht gewebten intertextuellen Netz, das mit vielen Texten der literarischen Moderne aufwartet, ordnet Der Turm stets eine bestimmte − wie die Forschung mit Blick auf Thomas Mann bereits konstatiert hat³³ − restaurativ-konservative und antimoderne Lesart zu. Es ist daher nicht verwunderlich, dass Katrin Max in ihrer Studie zur Bürgerlichkeit in der DDR Tellkamps Roman nicht in einer ostdeutschen bzw. DDR-Tradition verortet, sondern als Teil der „neuen Bürgerlichkeit der frühen 2000er Jahre“³⁴ versteht. Tellkamps Der Turm strebt danach, sich mit Deutschland als einer Kulturnation zu identifizieren, wobei an dieser Stelle daran zu erinnern ist, dass Theodor W. Adorno sowie Etienne Balibar auf die Transformation des Begriffes Rasse zu dem der Kultur im politischen Diskurs aufmerksam gemacht haben.³⁵ Tellkamps politische Äußerungen der letzten Jahre weisen in eine ähnliche Richtung und auch Der Turm zeigt dies − ohne ihm seine literarische Qualität damit absprechen zu wollen. Als

 Vgl.: Sina: „Kriechende Seele, zerbrechlicher Geist“, S. 390.  Vgl.: Geisenhanslüke: „Nach Dresden“, S. 298; Max: Bürgerlichkeit und bürgerliche Kultur in der Literatur der DDR, S. 453.  Max: Bürgerlichkeit und bürgerliche Kultur in der Literatur der DDR, S. 455.  In Adornos Schuld und Abwehr heißt es: „Das vornehme Wort Kultur tritt anstelle des verpönten Ausdrucks Rasse, bleibt aber bloßes Deckbild für den brutalen Herrschaftsanspruch.“, Adorno: „Schuld und Abwehr. Eine qualitative Analyse zum »Gruppenexperiment«“, A-GS 9, S. 277. Vgl. auch: Balibar, Étienne: „Gibt es einen »Neo-Rassismus«?“, in: Ders. / Wallerstein, Immanuel: Rasse, Klasse, Nation. Ambivalente Identitäten, Hamburg: Argument 1992, S. 23 – 38, hier S. 27 f.

I Ouvertüre: Turmbau zu Dresden

15

poetisch-politische Zielsetzung bleibt bei Tellkamp aber die Formierung einer deutschen und nicht einer ostdeutschen ‚Identität‘ das Telos des Textes.³⁶

 Ohne Frage lassen sich in der breiten Darstellung auch partielle ostdeutsche Selbstbilder identifizieren, die der Text aber entweder als Nebenprodukt erzeugt oder sie für seine Meta-Intention funktionalisiert.

II Einleitung Auch auf dem Bahnhof wollten sie nun Westgeld haben, und Münze um Münze hieß es aus dem Portemonnaie vorzuklauben, um jedes der plötzlich viel schwereren Stücke auf seinen Wert hin zu prüfen; ein Fremder im eigenen Land, das mir freilich auch nie gehörte.¹

Die vorliegende Arbeit nimmt mit Texten Christa Wolfs und Durs Grünbeins die Identifizierungen nach 1989 in den Blick. Sie fragt nach den spezifischen Auswirkungen der historischen Zäsur 1989 auf die Selbstbilder von Ostdeutschen. Dabei sind verschiedene Aspekte von besonderer Wichtigkeit: Wie schon in der kurzen Analyse zu Uwe Tellkamp deutlich wurde, gehe ich davon aus, dass Identität eine unmögliche Konstruktion ist, die ein Text zwar versuchen kann herzustellen, dabei aber stets scheitern wird. Statt einer zu erreichenden Identität (vgl. das Kapitel Die Unmöglichkeit der Identität) finden immer nur Prozesse der Identifizierungen statt, die sich in einem Changieren zwischen retrospektiven Erinnerungen und futurischen Projektionen ausbilden (vgl. die Kapitel: Theorie der Identifizierung und Prozesse der Identifizierung). Gerade im Fall der ostdeutschen Selbstbilder ist dies von besonderem Interesse, da der Raum, zu dem Zugehörigkeiten erzeugt werden, nach dem politischen Systemwechsel 1989 nicht mehr existiert. Er kann nur durch Erinnerungen reaktiviert werden. Damit ist für Retrospektionen, aber auch für projektive Entwürfe bereits der Unterschied benannt, der die ostdeutschen Selbstbilder von beispielsweisen deutschen Selbstbildern unterscheidet. Denn eine Identifizierung als Deutscher bzw. mit Deutschland kann, obgleich ebenfalls Transformationen unterworfen, doch auf stärkere Kontinuitäten verweisen. Sich als ostdeutsch zu identifizieren, ist hingegen von dem historischen Bruch von 1989/1990 gekennzeichnet, mit dem eine grundlegende Verschiebung der Sozialstruktur des Gebietes der ehemaligen DDR einherging. Aus diesem Grund unterscheide ich in dieser Arbeit zwischen DDRund ostdeutschen Selbstbildern. Beide stehen zwar miteinander in Verbindung, letzteren ist allerdings durch ihren starken Erinnerungscharakter ein neues Apriori eingeschrieben (vgl. die Kapitel ‚Ostdeutschland‘ und die ‚Ostdeutschen‘ und Perspektiven durch Erinnerung – Gedächtnis und Literatur). Dieser Systemwechsel wird durch die Phänomene einer intensivierten Globalisierung begleitet, die in den literarischen Texten unterschiedlich stark auftreten. Die Texte der Post Rosenlöcher, Thomas: Die Wiederentdeckung des Gehens beim Wandern. Harzreise, Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1991, S. 10. https://doi.org/10.1515/9783110741766-003

II Einleitung

17

DDR-Literatur reagieren auf diese Krisenerfahrungen (wie es schon Tellkamps Der Turm zeigt) mit einem starken Rückbezug auf die Literatur der (klassischen) Moderne, die als intertextuelles Vorbild fungiert (vgl. das Kapitel Nach 1989 – Umbruch und Einbruch). Gerade die Verbindung von Intertextualität und Selbsttheoretisierung des eigenen Schreibens zeichnet die Post-DDR-Literatur aus, wobei ihr Spezifikum darin liegt, dies einerseits auf die erzählenden oder erzählten Figuren zu beziehen und andererseits in einen Kontext einzubetten, der in der DDR oder Ostdeutschland nach 1989 liegt. Alle diese Aspekte werden im ersten Kapitel Theoretische Zugänge besprochen. Im Kapitel zu Christa Wolf werde ich anhand des ersten Kapitels aus Stadt der Engel ² in zentrale Themen der folgenden Abschnitte einführen, ehe ich mich anschließend der Dialektik von Erinnern und Vergessen zuwende. In diesem Kapitel werden unter Rekurs auf die Theorien Sigmund Freuds und Walter Benjamins, die als Intertexte mehrfach prominent angeführt werden, verschiedene Aspekte erörtert: die Nichtidentität der Erzählebenen, die Thematik des blinden Flecks sowie die Erinnerungen an die Tätigkeit für die Staatssicherheit der DDR in Wolfs Stadt der Engel (vgl. das Kapitel Erinnern und Vergessen – Christa Wolf liest Freud und Benjamin). Im folgenden Kapitel Schreibweisen des Autobiographischen und der Beleg des Lebens wird unter Zuhilfenahme der Autobiographieforschung (von Lejeune über de Man bis zur Autofiktion) und Wolfs eigenen poetologischen Texten eine autobiographische Schreibweise Wolfs entwickelt. Diese wird im letzten Teil mit dem literarischen Bekenntnisschema in Verbindung gebracht, um eine zentrale Dimension des Textes zu erörtern. Anschließend wende ich mich in Das Andere des Ostens den Figurationen des Anderen zu, die Wolfs Stadt der Engel entwirft. Drei Aspekte erhalten eine besondere Aufmerksamkeit: die Obdachlosen, die Exilierten während des Nationalsozialismus und ihre Literatur sowie die Beschreibung der paradigmatischen Anderen, den Schwarzen und den Native Americans. Alle diese Gruppen werden auf eine jeweils eigene Weise funktionalisiert und fungieren als Abgrenzungs- und gleichermaßen als Bezugspunkte, in denen die Protagonistin ihre Identifizierungen auslotet. In dem abschließenden Kapitel „Auferstanden aus Ruinen“ – Ein Engel bringt die Utopie rücken noch einmal die futurischen Identifizierungen in den Fokus. Sie werden in einem utopischen Setting präsentiert, das sich stark auf Benjamins letzten Text Über den Begriff der Geschichte und den dortigen Abschnitt über den Engel der Geschichte bezieht. Angefangen von der Genesung nach persönlicher, existentiell bedrohender Krise über das Auftauchen des Engels Angelina bis hin

 Wolf, Christa: Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud, Berlin: Suhrkamp 2010, im Folgenden unter der Sigle SdE zitiert.

18

II Einleitung

zu den Weiterschreibungen von Benjamins Leben werden verschiedene utopische Dimensionen besprochen, welche entweder direkten Einfluss auf ostdeutsche Identifizierungen haben oder Strukturanalogien aufweisen. Im Abschnitt zu Durs Grünbein folgt im ersten Teil (vgl. das Kapitel Ouvertüre im Transit) eine Lektüre des ersten Kapitels der Jahre im Zoo ³, das erneut zentrale Aspekte des gesamten Textes thematisiert. Diese Lektüre wird um den Essay Transit Berlin ergänzt, der im Œuvre Grünbeins für Identifizierungen nach 1989 von besonderem Interesse ist, da er sich mit dem Künstlersein nach dem politischen Umbruch auseinandersetzt und gleichzeitig ein werkinterner intertextueller Verweis zu den Jahren im Zoo darstellt. Anschließend werde ich in Grünbeins Essayismus und seine Nichtidentität unter Rekurs auf die essayistische Tradition Grünbeins eigenen essayistischen Modus herausarbeiten und im letzten Unterkapitel werden die essayistischen Teile zur maritimen Metaphorik in Die Jahre im Zoo einer Lektüre unterzogen. Im Anschluss folgt im Kapitel Zwischen Moderne und X – Intertextualitäten in Grünbeins Selbstbeschreibungen eine Auseinandersetzung mit den dominanten Intertexten von Grünbeins Erinnerungsbuch. Benjamins Berliner Kindheit, das zahlreiche Anleihen liefert, sowie die Person Franz Kafkas (sowie Paul Adlers) und sein Hellerau-Aufenthalt kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges stehen im Mittelpunkt. In einem letzten Abschnitt zum Thema Intertextualität wird die Auseinandersetzung Grünbeins in seinem Text Kurzer Bericht an eine Akademie mit Kafkas Ein Bericht für eine Akademie behandelt. In dem abschließenden Kapitel Denk-Bilder – Optische Identifizierungen untersuche ich den Zusammenhang zwischen den Photographien, insbesondere der Titelphotographie, und den Prozessen der Identifizierungen. Zuletzt zeige ich anhand einer Lektüre des Kapitels Die Zoologische Internationale, dass Grünbeins Blick auf sich selbst als ein zoologischer Blick zu verstehen ist, der das eigene vergangene Bild formt und mit Bedeutungen aus der Erzählgegenwart auflädt. Im Schluss, wie schon in der Ouvertüre zu Tellkamps Turm, wage ich mit Jana Hensels Zonenkinder ⁴ noch einmal einen Ausblick auf einen weiteren Text der Post-DDR-Literatur, der ebenfalls ein ostdeutsches Selbstbild zeigt. Selbstbilder, wie sie die vorliegende Arbeit entwirft, orientieren sich immer an Imagined Communities. Letztere kündigt der Titel von Benedict Andersons Studie bereits an. Ein ostdeutsches Selbstbild darf dabei nicht als eine affirmative Bezugnahme auf den Staat DDR verstanden werden; ganz im Gegenteil, wie das Beispiel Grünbeins zeigt, können sie sich sogar in Opposition dazu ausbilden.  Grünbein, Durs: Die Jahre im Zoo. Ein Kaleidoskop, Berlin: Suhrkamp 2015, im Folgenden unter der Sigle DJZ zitiert.  Hensel, Jana: Zonenkinder, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 2002, im Folgenden unter der Sigle ZK zitiert.

II Einleitung

19

Gleichzeitig gibt die Nationen-Forschung aber Hinweise, die für die Entstehung von konstruierten Gemeinschaften an sich und der ostdeutschen im Besonderen produktiv sind. In Imagined Communities argumentiert Anderson, dass vier Eigenschaften existieren, welche die Vorstellung einer Nation konstituieren: It [die Nation; M.K.] is imagined because the members of even the smallest nation will never know most of their fellow-members […]. The nation is imagined as limited because even the largest of them […] has finite, if elastic boundaries, beyond which lie other nations. […] It is imagined as sovereign because the concept was born in an age in which Enlightenment and Revolution were destroying the legitimacy of the divinely-ordained, hierarchical dynastic realm. […] Finally, it is imagined as a community, because regardless of the actual inequality and exploitation that may prevail in each, the nation is always conceived as a deep, horizontal comradeship.⁵

Drei dieser Eigenschaften treffen auf die Vorstellung der ‚Ostdeutschen‘ zu, denn diese sind ebenfalls vorgestellt, begrenzt und eine Gemeinschaft. Der Aspekt der Souveränität, der die Nationenbildung vor allem historisch einbettet, ist zwar im Kontext Ostdeutschlands nicht als Spezifikum zu finden, verweist aber als historischer Index auf den Zeitraum, in dem die Vorstellung von Identität als Subjektivität aufkam (vgl. das Kapitel Die Unmöglichkeit der Identität). Ganz ähnlich hat Étienne Balibar die soziale Gemeinschaft definiert, wenn er schreibt: Jede soziale Gemeinschaft, die durch das Wirken von Institutionen reproduziert wird, ist imaginär; d. h. sie beruht auf der Projektion der individuellen Existenz in das Geflecht einer kollektiven Geschichte, auf Anerkennung eines gemeinsamen Namens und auf den Traditionen, die als Spuren einer unvordenklichen Vergangenheit erlebt werden.⁶

In der Verschränkung von Kollektiv und Individuum, die bei ostdeutschen Selbstbildern durch Erinnerungen geleistet wird, zeigt sich eine Besonderheit: Die Gemeinschaft der Ostdeutschen, wie imaginär oder vorgestellt sie auch sein mag und wie wenig eine Zugehörigkeit sich erfüllen kann, kann einerseits empirisch festgestellt werden⁷ und ist andererseits nicht institutionalisiert. Wie ich im Ka-

 Anderson, Benedict: Imagined Communities. Reflections on the Origin and Spread of Nationalism, London / New York: Verso 2016, S. 6 f.  Balibar, Étienne: „Die Nation-Form. Geschichte und Ideologie“, in: Ders. / Wallerstein, Immanuel: Rasse, Klasse, Nation. Ambivalente Identitäten, Hamburg: Argument 1992, S. 107– 130, hier S. 115.  Wie eine Umfrage des Allensbach-Instituts aus dem Juli 2019 zeigt, fühlen sich 47 % der Ostdeutschen mehr als Ostdeutsche und nur 44 % als Deutsche (bei 9 % Unentschiedenen), vgl.: Köcher, Renate / Institut für Demoskopie Allensbach: „Große Herausforderung im Osten“, 2019,

20

II Einleitung

pitel Perspektiven durch Erinnerung – Gedächtnis und Literatur zeigen werde, sind es Formen wie familiäre Kommunikation, die zur Errichtung von Vorstellungen der Ostdeutschen beitragen. Literatur kontribuiert in diesem Fall die Institutionalisierung solcher Vorstellungen und wird damit Teil einer Art Gegengedächtnis, in dem sich die Narrationen ansammeln können. Es ist in diesem Kontext noch auf vier Arbeiten hinzuweisen, die sich bereits mit sehr ähnlichen Fragestellungen beschäftigt haben: Hyacinthe Ondoas Arbeit Literatur und politische Imagination (2005) geht von einem ähnlichen Erkenntnisinteresse wie die vorliegende Argumentation aus. Ondoa begibt sich auf die Suche nach ostdeutschen Identitäten, die er am Übergang von personaler und kollektiver Identität verortet.⁸ Auch er spürt in Teilen seiner Studie den ostdeutschen Identitäten nach 1989 nach, die er infolge von Globalisierungsprozessen als intensiviert beobachtet, gleichzeitig geht seine Arbeit stärker von Traditionen aus, die er bereits in Texten der 1960er und 1970er untersucht (Wolfs Der geteilte Himmel, Dieter Nolls Die Abenteuer des Werner Holt, Hermann Kant Die Aula etc.). Seine thematisch breit angelegte Studie hält an einem Identitätsbegriff fest und arbeitet stärker diskursanalytisch, so dass einzelne philologische Auseinandersetzungen deutlich weniger Raum erhalten, als es meine Ausführungen anvisieren. Einem ähnlichen Vorgehen folgt Katrin Löfflers Buch Systemumbruch und Lebensgeschichte (2015), das allerdings nur Texte nach 1989 anvisiert.⁹ Auch dort werden einzelne philologische Analysen zugunsten der breiten Darstellung eher in den Hintergrund gerückt. Löffler legt einen starken Fokus auf Texte, die ihren autobiographischen Anspruch offen ausstellen und untersucht unter dieser Perspektive die individuellen Lebensgeschichten der Schreibenden in den Texten. Bereits 2006 hat Elke Brüns ihre Studie Nach dem Mauerfall. Eine Literaturgeschichte der Entgrenzung veröffentlicht. Wie es schon der Titel ihrer Studie ankündigt, wendet sich Brüns einer Literaturgeschichtsschreibung der Literatur der 1990er Jahre aus einer vornehmlich ostdeutschen Perspektive zu und will „das Wechselverhältnis von Umbruchserfahrung und Literatur erkunden“¹⁰. Auch hier geht es um eine eher breit angelegte Untersuchung, in der vor allem die ganz

in: IFD Allensbach, URL: https://www.ifd-allensbach.de/fileadmin/IfD/sonstige_pdfs/FAZ_Ju li2019_Ostdeutschland.pdf (letzter Zugriff am 4. März 2020).  Vgl.: Ondoa, Hyacinthe: Literatur und politische Imagination. Zur Konstruktion der ostdeutschen Identität in der DDR-Erzählliteratur vor und nach der Wende, Leipzig: Leipziger Universitätsverlag 2005, S. 14 ff.  Vgl.: Löffler, Katrin: Systemumbruch und Lebensgeschichte. Identitätskonstruktion in autobiographischen Texten ostdeutscher Autoren, Leipzig: Leipziger Universitätsverlag 2015.  Brüns, Elke: Nach dem Mauerfall. Eine Literaturgeschichte der Entgrenzung, München: W. Fink 2006, S. 18.

II Einleitung

21

konkreten Wendeerfahrungen sowie deren Literarisierung und die damit einhergehende Geschichtsnarration im Fokus stehen. Stephan Pabst hat in seiner Studie Post-Ost-Moderne (2016) vor allem den Systemumbruch in den Fokus gerückt und anhand von Lektüren zu Jirgl