Süddeutsche Jakobiner: Klassenkämpfe und republikanische Bestrebungen im deutschen Süden Ende des 18. Jahrhunderts [Reprint 2021 ed.] 9783112530528, 9783112530511


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German Pages 855 [790] Year 1963

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Süddeutsche Jakobiner: Klassenkämpfe und republikanische Bestrebungen im deutschen Süden Ende des 18. Jahrhunderts [Reprint 2021 ed.]
 9783112530528, 9783112530511

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DEUTSCHE AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN ZU BERLIN S C H R I F T E N DES I N S T I T U T S FÜR

GESCHICHTE

REIHE I: ALLGEMEINE U N D DEUTSCHE GESCHICHTE BAND 13

HEINRICH SCHEEL

SÜDDEUTSCHE JAKOBINER Klassenkämpfe und republikanische Bestrebungen im deutschen Süden Ende des 18. Jahrhunderts

AKADEMIE-VERLAG

• BERLIN-1962

Erschienen im Akademie-Verlag GmbH, Berlin W 8, Leipziger Straße 3-4 Copyright 1962 by Akademie-Verlag GmbH Lizenznummer: 202 • 100/141/62 Satz, Druck und Bindung: IV/2/14 • VEB Werkdruck Gräfenhainichen • 1687 Bestellnummer: 2083/1/13 • E S 14 E

MEINER

MUTTER

UND DEM ANDENKEN MEINES

VATERS

INHALTSVERZEICHNIS

Vorwort Kapitel I Die sozialökonomischen Verhältnisse und die Verschärfung der Klassenkämpfe nach dem Beginn des Reichskrieges 1. Das Kurfürstentum Bayern 2. Das Herzogtum Württemberg 3. Die Markgrafschaft Baden 4. Die Reichsstädte 5. Die übrigen Territorien und Territorialsplitter

1 5 35 51 58 81

Kapitel II Der Widerstand der Massen gegen den Interventionskrieg

97

Kapitel III Die Zusammenarbeit antifeudaler Kräfte mit Frankreich

146

Kapitel IV Das Scheitern der republikanischen Bestrebungen während des Feldzuges 1796 1. Die Stimmung der Massen bei Beginn des Feldzuges 2. Das Verhalten Frankreichs zu den republikanischen Bestrebungen . . . 3. Die Hintergründe der Politik des bourgeoisen Frankreichs 4. Das Verhalten der französischen Armeen und der Beginn des Volkswiderstandes

193 195 215 241 258

Kapitel V Die bürgerlich-liberale Bewegung in Württemberg 1796/1797 1. Die bürgerlich-liberale Bewegung in der Zeit der Vorbereitung des Landtages 2. Der Reformlandtag 1797

291 293 325

Kapitel VI Die erneute Offensive der revolutionären Demokraten zu Beginn des Rastatter Kongresses 1797/1798 1. Die allgemeine politische und militärische Situation vom Ende des Jahres 1796 bis zum Rastatter Kongreß 2. Die Bestrebungen linksrheinischer Republikaner zur Revolutionierung Südwestdeutschlands 3. Der Plan zur Sprengung des Rastatter Kongresses

353 355 364 385

VI

Inhaltsverzeichnis Kapitel VII Der Aufschwung der antifeudalen Bewegung im gesamten Süden unter dem Einfluß der helvetischen Revolution 1798/1799 1. Die zunehmende Gärung in Oberschwaben und am Oberrhein . . . . 2. Die Radikalisierung in Württemberg und Franken 3. Das Anwachsen der antifeudalen Opposition in Bayern 4. Die revolutionär-demokratischen Bestrebungen zur Bildung einer süddeutschen Republik 5. Die französische Politik gegenüber den Fürsten und den Revolutionären

409 411 425 438 452 499

Kapitel VIII Der 2. Koalitionskrieg 1799-1801 und die Ausläufer der revolutionär-demokratischen Bestrebungen im außerbayerischen Süden 523 1. Die Haltung der süddeutschen Fürsten während des Krieges 525 2. Volksbewaffnungspläne und das Verhalten der Massen im Kriege . . . 535 3. Die Ausläufer der revolutionär-demokratischen Bestrebungen . . . . 555 Kapitel IX Die republikanischen Bestrebungen in Bayern als letzter Höhepunkt der antifeudalen Bewegung in Süddeutschland 1799-1801 1. Liberale Bestrebungen nach dem Regierungsantritt Maximilian Josephs in Bayern 1799 2. Die Radikalisierung der antifeudalen Bewegung mit dem Beginn des Jahres 1800 3. Republikanische Bestrebungen nach dem Einmarsch der Franzosen 1800 4. Das Scheitern der revolutionären Bestrebungen 1800/1801 Schlußbemerkungen

589 591 612 634 672 698

I. Literaturverzeichnis

714

II. Personen- und Ortsregister

740

VORWORT

Die vorliegende Arbeit möchte als ein Beitrag zu dem großen Thema des Einflusses der Französischen Revolution auf Deutschland verstanden sein; sie möchte Voraussetzungen schaffen helfen, die eine umfassende wissenschaftliche, das heißt marxistische Untersuchung des Gesamtproblems ermöglichen. Mit der Französischen Revolution beginnt die Periode des Sieges und der Festigung des Kapitalismus in den fortgeschrittenen Ländern. Das gilt auch für Deutschland. Die feudale Ordnung, die jede Entwicklung in jeder Sphäre des gesellschaftlichen Lebens zu ersticken drohte, war überreif; ihr Sturz und die Durchsetzung der bürgerlichen Gesellschaft standen auf der Tagesordnung. Auf Deutschland - zumal es unmittelbarer Nachbar Frankreichs war - mußte darum das welthistorische Ereignis der Französischen Revolution einen besonders starken Einfluß ausüben. Im Zuge der Revolution in Frankreich und ihrer Folgen machte Deutschland tiefgreifende Veränderungen durch, die es auf den Weg zu einer bürgerlichen Gesellschaftsordnung führten. Eine solche Feststellung ist verhältnismäßig leicht getroffen, besagt sie doch nur, daß auch in Deutschland die allgemeine Gesetzmäßigkeit der Entwicklung vom Feudalismus zum Kapitalismus zum Durchbrach gelangte. Von besonderem Interesse aber und nur durch umfangreiche Detailforschungen zu ergründen ist die Art und Weise, wie sich unter den konkreten historischen und nationalen Bedingungen diese Entwicklung durchsetzte. Die Beantwortung dieser Frage hilft spezifische Züge erkennen, die den Verlauf der Geschichte des deutschen Volkes bis in unsere Zeit maßgeblich bestimmten. Sie hilft die Verderber unseres Volkes von den schöpferischen Kräften sondern und die rechte Orientierung im gegenwärtigen Kampf um die Lösung der Schicksalsfragen der Nation gewinnen. Nirgends werden die historischen Wurzeln der Kräfte des Fortschritts und der Reaktion von heute in dieser Deutlichkeit bloßgelegt wie an den Knotenpunkten unserer Geschichte. Die Französische Revolution als ein welthistorisches Ereignis, das unmittelbaren Einfluß auf die Entwicklung in Deutschland nahm, ist ein solcher Knotenpunkt. Das Schicksal der deutschen Nation hängt von der Entwicklung der Demokratie ab. Das ist eine Erkenntnis, die zu begreifen nicht schwerfallen sollte, nachdem die Diktatur der deutschen Imperialisten und Militaristen bereits zwei verheerende Kriege über die Völker gebracht hat. Die Erkenntnis ist zudem schon vor mehr als hundert Jahren von Marx und Engels formuliert worden. Nicht zufällig jedoch waren es die Begründer der proletarischen Ideologie, die damit die wahren nationalen Lebensinteressen des deutschen Volkes in seiner Gesamtheit zum Ausdruck brachten. Die nationalen Lebensinteressen werden von den allgemeinen Gesetzmäßigkeiten der gesellschaftlichen Entwicklung bestimmt und sind dann gewahrt, wenn die Nation den historisch notwendigen Fortschritt auf breitester Basis und darum mit maxi-

VIII

Vorwort

maier Gründlichkeit bewältigen kann, das heißt, die nationalen Lebensinteressen werden in dem Grade gewahrt, wie die Demokratie die inneren und äußeren Beziehungen der Nation gestaltet. Die Arbeiterklasse, deren Sieg über die kapitalistische Ausbeuterordnung Verhältnisse schafft, „worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist" gerät zu keiner Zeit in Widerspruch mit den Grundinteressen der Nation, sondern ist umgekehrt die einzige Klasse, die uneingeschränkt die historischen Entwicklungsbedürfnisse der Nation zu erkennen und für sie einzutreten vermag. Anders die Bourgeoisie! Selbst in ihrem progressiven Stadium, da sie noch eine aufsteigende Klasse war und der Nation gegenüber einen Führungsanspruch erheben durfte, war sie „unfähig zu einem konsequenten Demokratismus", verhinderte ihr Charakter als Ausbeuterklasse, daß sich ihre Interessen mit denen der Nation vollkommen deckten. „Für die Bourgeoisie ist es vorteilhaft, daß die bürgerliche Revolution nicht gar zu entschieden alle Überreste der alten Zeit hinwegfegt, sondern einige von ihnen bestehen läßt, daß also diese Revolution nicht völlig konsequent ist, nicht bis zu Ende geht, nicht entschieden und schonungslos i s t . . . ; daß diese Umgestaltungen die revolutionäre Aktivität, Initiative und Energie des einfachen Volkes, das heißt der Bauernschaft und insbesondere der Arbeiter, möglichst wenig entwickeln, denn sonst wird es den Arbeitern um so leichter fallen, . . . die Waffen, mit denen die bürgerliche Revolution sie ausrüstet, die Freiheit, die sie ihnen gibt, und die demokratischen Einrichtungen, die auf dem von der Leibeigenschaft gesäuberten Boden entstehen, gegen die Bourgeoisie selbst zu kehren." 2 Das gilt mehr oder weniger für jede Bourgeoisie, auch für die französische, obwohl sie eine klassische Revolution durchführte, den König köpfte und eine Republik gründete. „Jawohl, sie hat die Republik errichtet, aber was für eine, - eine wirklich demokratische?" 3 Nein! Selbst unter den Jakobinern behielt das Gesetz Le Chapelier, das den Arbeitern das Assoziations- und Streikrecht verweigerte, seine Gültigkeit. War schon die französische Bourgeoisie „unfähig zu einem konsequenten Demokratismus", um wieviel mehr die deutsche! Sie kann geradezu den traurigen Ruhm für sich beanspruchen, das klassische Beispiel für die extremste Inkonsequenz und Kompromißlerei mit den Kräften der feudalen Reaktion geliefert zu haben. In ungleich stärkerem Maße waren darum auch ihre positiven Leistungen für die Entwicklung der Nation von vornherein mit negativen Elementen verbunden, die den Lebensinteressen der Nation widersprachen. Ihre antidemokratischen Tendenzen, die ihr in besonders starkem Maße bereits in der aufsteigenden Phase eigen waren, wirkten sich ebenso sehr als antinationale Momente aus. Mit dem Übergang in das Stadium des Imperialismus vermochte die Bourgeoisie, extrem antidemokratisch und reaktionär geworden, in gar keiner Weise mehr die Entwicklungsbedürfnisse 1

2

3

MarxjEtigels, Manifest der Kommunistischen Partei. In: Werke. Dietz Verlag, Berlin 1959, Bd. 4, S. 482. Lenin, W. I., Zwei Taktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution. In: Werke. Dietz Verlag, Berlin 1957, Bd. 9, S. 37/38. Stalin, J. W., Die provisorische revolutionäre Regierung und die Sozialdemokratie. In: Werke. Dietz Verlag, Berlin 1950, Bd. 1, S. 129.

Vorwort

IX

der Nation zu vertreten; im Gegenteil, sie hat sich in den schlimmsten Feind der Nation verwandelt, und es ist nun die Arbeiterklasse, die als konsequenteste demokratische Kraft die Führung der Nation übernimmt. So wie die Arbeiterklasse zu allen Zeiten der beste Sachwalter der nationalen Interessen war und ist, so ist auch die Ideologie der Arbeiterklasse, der Marxismus-Leninismus, allein in der Lage, eine nationale Konzeption zu entwickeln, die den Bedürfnissen der Nation vollkommen entspricht. »Die Ziele der Kommunisten entsprechen den höchsten Interessen der Nation." 4 Eine solche auf der Basis des Marxismus-Leninismus entwickelte nationale Konzeption bestimmt heute die Politik der Deutschen Demokratischen Republik, des ersten Arbeiter- und Bauernstaates auf deutschem Boden. Sie betrachtet als den Kern der nationalen Frage in der Gegenwart die Beseitigung des deutschen Imperialismus und Militarismus, deren Kriegsvorbereitungen die physische Existenz des ganzen deutschen Volkes bedrohen. Dieser Konzeption liegt die wissenschaftliche Analyse der Widersprüche der gesellschaftlichen Entwicklung und der Klassenkämpfe unserer Zeit zugrunde, gesehen auf dem weltweiten Hintergrund der Gegensätze zwischen den proletarisch-revolutionären Kräften auf der einen und den imperialistisch-reaktionären auf der anderen Seite. Die Wissenschaftlichkeit der Analyse schließt die Berücksichtigung der Lehren aus Jahrhunderten deutscher Geschichte ein. Die nationale Konzeption ist darum nicht nur der zuverlässige Kompaß für unseren Weg nach vorn, sondern sie bietet gleichzeitig die sichere Orientierung für das Verständnis unserer nationalen Geschichte insgesamt. Die proletarische Konzeption der nationalen Entwicklung hat ihre Vorgeschichte; Träger der notwendigerweise unreiferen, vorproletarischen Konzeption war die Gesamtheit der werktätigen Volksmassen, und ihre Verkünder waren zugleich die Verfechter der entschiedensten demokratischen Forderungen ihrer Zeit. Der Historiker, der über die Geschichte der deutschen Nation im Zeitalter der Französischen Revolution schreiben will, muß hier ansetzen; er muß für diese entschiedensten demokratischen Kräfte Partei ergreifen, denn sie gaben den nationalen Bedürfnissen ihrer Epoche den klarsten Ausdruck; er muß diese wahrhaft nationalen Kräfte der Vergessenheit entreißen, in die sie die bürgerliche Geschichtsschreibung gestoßen hat, und das verpflichtende Erbe wieder lebendig machen, damit es uns in unserem gegenwärtigen Kampf um ein einiges, friedliebendes und wahrhaft demokratisches Deutschland beseelt. Ausgerüstet mit einer nationalen Konzeption, die den Lebensinteressen des deutschen Volkes vollkommen entspricht, kann der marxistische Historiker Fragen an die Geschichte stellen, deren Beantwortung die Vergangenheit für die Gegenwart nutzbar macht, und gleichzeitig sicher sein, den richtigen Ansatzpunkt für eine exakte und umfassende wissenschaftliche Erforschung des Entwicklungsganges der deutschen Nation zu besitzen. Die bürgerliche Historiographie hat zu keiner Zeit eine solche zuverlässige Orientierung besessen. Imperialistisch entartet, verfälscht sie die Vergangenheit, um die 4

Erklärung der Beratung von Vertretern der kommunistischen und Arbeiterparteien. In: »Einheit, Zeitschrift für Theorie und Praxis des wissenschaftlichen Sozialismus", 15. Jahrg., H. 12, S. 1814, 1960.

X

Vorwort

antinationale Politik der Imperialisten und Militaristen mit historischen Argumenten zu versorgen. Es ist bezeichnend, daß die deutsche bürgerliche Geschichtsschreibung in mehr als einem Jahrhundert kein Werk zustande gebracht hat, das sich in umfassender Weise mit dem Problem des Einflusses der Französischen Revolution auf Deutschland auseinandersetzt. Ihr war nichts daran gelegen, eine Problematik zu untersuchen, die geeignet wäre, den Kampf der deutschen Arbeiterklasse um eine demokratische Entwicklung Deutschlands nach innen und außen durch die Aufdeckung der revolutionären und demokratischen Traditionen des deutschen Volkes zu unterstützen. Die Lücke wird auch nicht durch das 1951 erschienene Buch von Fritz Valjavec über die Entstehung der politischen Strömungen in Deutschland im Zeitraum von 1770 bis 1815 ausgefüllt. 5 Erstens läßt diese Thematik dem Einfluß der Französischen Revolution nur einen geringen Raum. Zum anderen leidet Valjavecs Darstellung unter der vorgefaßten Meinung, »daß unsere Nation in diesem wichtigen Abschnitt europäischer Geschichte auf der Höhe ihrer politischen und sittlichen Aufgaben gestanden hat".6 Das ist reinste Apologetik der deutschen Bourgeoisie, deren Versagen dem deutschen Volk aufgebürdet und als „legitime nationale Eigentümlichkeit" gerechtfertigt wird. Es ist nur nicht Apologetik von jener primitiven Art, die da historisch bewies: »Ausländer, Fremde sind es meist. Die unter uns gesät den Geist Der Rebellion. Dergleichen Sünder, Gottlob! sind selten Landeskinder." 7 Soweit Valjavec mit seinen Materialien dazu beiträgt, diese unsinnige Vorstellung zu zerstören, erwirbt er sich ein Verdienst; soweit er damit auch Plänen bestimmter imperialistischer Kreise in den USA nach 1945 entgegentrat, die mit der These von der politischen Unbegabtheit des deutschen Volkes die Notwendigkeit der Verwandlung Deutschlands in einen Kartoffelacker begründeten, leistete er Nützliches.8 Aber niemals kann man sich damit einverstanden erklären, daß er das Unvermögen des deutschen Bürgertrums als Gesamtklasse, seine historische Mission zu erfüllen und im Bündnis mit den Volksmassen die soziale und nationale Frage kompromißlos im bürgerlichen Sinne zu lösen, den Leistungen des französischen Bürgertums ebenbürtig zur Seite stellt. Ja, Valjavec erlaubt sich sogar die Ungeheuerlichkeit, die deutsche faschistische Barbarei mit der französischen Geschichte von 1792 bis 1814 als Verfehlungen beider Völker zu vergleichen.9 Von einer solchen Warte aus dem 5

Valjavec, Fritz, Die Entstehung der politischen Strömungen in Deutschland 1770-1815. Verlag von R. Oldenbourg, München 1951. 9 Ebenda, S. 416. 1 Heine, Heinrich, Erinnerung aus Krähwinkels Schreckenstagen. In: Werke und Briefe in zehn Bänden. Herausgegeben von Hans Kaufmann. Aufbau-Verlag, Berlin 1961, Bd. 2, S. 240. 8 Valjavec, Fritz, a. a. O., S. 415. • .Mögen unsere Fehler in einem bestimmten Zeitabschnitt der jüngsten Vergangenheit noch so grofj gewesen sein, der Wert oder Unwert eines Volkes darf nicht an einer einzelnen, im Grunde willkürlich herausgegriffenen Entwicklungsstufe gemessen werden. Es ist ja auch nicht üblich, Frankreich nach seiner Politik im Zeitalter Ludwigs XIV. oder der Zeit zwischen 1792 und 1814 zu beurteilen." Ebenda, S. 416.

Vorwort

XI

Problem des Einflusses der Französischen Revolution auf Deutschland gerecht zu werden, ist selbstverständlich unmöglich. Es sind ausländische bürgerliche Historiker, die sich mit diesem Thema beschäftigt haben. 1920 veröffentlichte der Engländer George Peabody Gooch und 1928 der Schweizer Alfred Stern ein Werk zu dieser Frage. 1 0 Beide Historiker sind dem Problem nicht auf den Grund gegangen, sondern haben lediglich das Echo der Französischen Revolution in den Köpfen einzelner deutscher Schriftsteller und Philosophen am Ausgange des 18. Jahrhunderts untersucht. Mit Recht sagt Jacques Droz von diesen beiden Werken: »Man weifj nicht, nachdem man sie gelesen, was die deutsche Nation gedacht hat." 1 1 Allerdings hält auch das eigene, 1949 erschienene Werk dieses französischen Historikers nicht das, was es im Vorwort verspricht, und schließt nicht die bei seinen Vorgängern richtig erkannte Lücke. Der Kreis, den er in die Betrachtung einbezieht, ist breiter gespannt, aber nimmt dennoch gerade die entscheidende Kraft der geschichtlichen Entwicklung, die Volksmassen, aus. Droz treibt, nicht anders als Gooch und Stern, abstrakte Ideologiegeschichte, losgelöst von den konkreten sozialen Verhältnissen in Deutschland, deren Erforschung er zwar für wünschenswert hält, von denen er jedoch absehen zu können meint. 12 Ein solcher idealistischer Ausgangspunkt muß mit Notwendigkeit zur Verzerrung der historischen Wahrheit führen: Die demokratischen Bewegungen, in denen die Wirkung der Französischen Revolution ihren gründlichsten und nachhaltigsten Ausdruck fand, werden in ein paar Zeilen oder gar in Anmerkungen abgehandelt 1 3 ; die rein metaphysische Rezeption französischer Ideen durch die Mehrheit der bürgerlichen Intelligenz dagegen - von Droz nicht begriffen als das in der allgemeinen Rückständigkeit der deutschen Bourgeoisie begründete Unvermögen, die in den Volksmassen vorhandenen revolutionären Potenzen in eine aktive und unüberwindliche Kraft zum Sturz des Feudalismus zu verwandeln - wird umgekehrt in aller Breite dargestellt und die Trennung des geistigen vom politischen Leben sogar als ein wertvoller Zug des Deutschen schlechthin interpretiert. Den Deutschen kennzeichne ein Missionsgedanke, der sich auf die von Schiller behauptete Überlegenheit seiner moralischen Kultur gründe. Droz ist in dieser abstrakten Vorstellung vom deutschen Wesen so befangen, daß er solchen praktischen Revolutionären wie Forster oder Rebmann natürlich nicht gerecht werden kann. Wenn er im August 1959 auf einem Kolloquium deutscher und französischer Historiker in Leipzig den Verfasser dieser Arbeit davor warnte, Verbreitung und Einfluß entschieden revolutionärer Flugschriften, wie sie in Süddeutschland umliefen, zu überschätzen 1 4 , so wäre dabei zu 10

11

12 13 14

Gooch, George Peabody. Germany and the French Revolution. London 1920. Stern, Altred, Der Einfluß der Französischen Revolution auf das deutsche Geistesleben. Stuttgart u. Berlin 1928. »On ignore, après les avoir lus, ce qu'a pensé la nation allemande." Droz, Jacques, L'Allemagne et la Révolution française. Presses Universitaires de France Paris 1949, S. III. Ebenda, S. IV. Ebenda, S. 41 Anm. 1, S. 105, 207. Laube, Adoli, Erstes Kolloquium von Historikern Frankreichs und der DDR. In: »Zeitschrift für Geschichtswissenschaft", 7. Jahrg., H. 6, S. 1348, 1959.

XII

Vorwort

erinnern, daß sich zum Beispiel in ganz Bayern ein einziger Subskribent für Goethes Werke fand, und dieser eine war der preußische Gesandte in München. Droz unterschätzt nicht nur, sondern er sieht überhaupt nicht die in den Volksmassen lebendige demokratische Kraft. Zu welchen politischen verderblichen Konsequenzen ein solcher Standpunkt führt, zeigt der ungeheuerliche Satz, mit dem Droz seinen im Dezember 1951 am Institut für europäische Geschichte in Mainz gehaltenen Vortrag über »Deutschland und die Französische Revolution" schloß: «Zum Verständnis des gegenwärtigen Deutschland ist es höchst wichtig, sich zu vergegenwärtigen, daß der Begriff der deutschenMission dem des deutschen Nationalbewußtseins vorausging." 15 Gemeint ist das Deutschland Adenauers, der eben erst unser Vaterland gespalten hatte, um einer wahrhaft demokratischen Entwicklung des ganzen Deutschlands den Weg zu verlegen; gemeint ist das Deutschland der wiedererstarkenden Imperialisten und Militaristen, deren „Missionstätigkeit" nur wenige Jahre zuvor für Europa in einem Meer von Blut und Tränen endete; gemeint ist das Deutschland der Revanchisten, die nach dem Zusammenbruch 1945 klein begannen, heute aber als „Missionare des christlichen Abendlandes" schon wieder diktieren wollen und gewissenlos den Frieden der Welt bedrohen. Die Leugnung der Rolle der Volksmassen hat den französischen Historiker die grimmigsten Feinde auch seines eigenen Volkes verkennen lassen. Die Mißachtung der Volksmassen ist eine generelle Erscheinung in der bürgerlichen Historiographie. Sie versperrt ihr den Zugang zum wirklichen Verständnis der historischen Entwicklung, denn wie will man die Geschichte eines Volkes schreiben, wenn man das eigentliche Volk, die werktätigen Massen, negiert! Die deutsche Geschichte im Zeitalter der Französischen Revolution liegt wie ein riesiges, kaum beackertes Feld vor der marxistischen Geschichtsforschung, die allein die Mittel besitzt, es gründlich zu erschließen. Der Boden verspricht eine reiche Ernte an wissenschaftlichen Kenntnissen und Erkenntnissen, aber er verlangt zugleich, daß beträchtliche Arbeit investiert wird. Tausend Fragen sind zu klären. Für den marxistischen Historiker, der die Geschichtsforschung nicht um ihrer selbst willen treibt, ist es selbstverständlich, daß er solchen Fragen den Vorzug gibt, deren Lösung einen unmittelbaren ideologischen Beitrag für den Sieg der friedliebenden Kräfte des deutschen Volkes in der Gegenwart darstellt. Ausgehend von der nationalen Konzeption der Partei der Arbeiterklasse untersucht darum die vorliegende Arbeit in erster Linie den Kampf der Volksmassen und ihrer mutigsten Sprecher gegen den verrotteten Feudalismus und für die Durchsetzung der bürgerlichen Gesellschaftsordnung, gegen den Partikularismus und für einen deutschen Nationalstaat. Sie orientiert sich auf die entschiedensten demokratischen Kräfte, weil sie hinsichtlich der nationalen Entwicklung eine Grundlinie vertraten, die den Lebensinteressen des deutschen Volkes am meisten entsprach, die, von der Arbeiterklasse fortgesetzt, auf höherer Stufe in der Deutschen Demokratischen Republik zum Siege geführt wurde und auch das künftige einheitliche Deutschland bestimmen wird. Die Arbeit 15

DTOZ, Jacques, S. 33.

Deutschland und die Französische Revolution. Steiner Verlag, Wiesbaden 1955,

Vorwort

XIII

begrenzt die Untersuchung dieser Problematik zeitlich und territorial. Sie beschränkt sich auf das südliche Deutschland in der Zeit zwischen dem Beginn des Reichskrieges 1793 und seinem unwiderruflichen Ende 1801, dem Schritt um Schritt die Auflösung des alten Reichsverbandes folgte. Sie wählt also einen Teil Deutschlands und einen Zeitabschnitt aus, worin im Gefolge der Kriege zwischen dem bürgerlichen Frankreich und der feudalen Koalition die Gegensätze zwischen dem Neuen und dem Alten besonders scharf aufeinanderstießen. Dieser Tatbestand rechtfertigt eine so detaillierte Untersuchung wie die vorliegende; gleichzeitig erzwangen die Fülle des zu bewältigenden Materials und der Mangel an marxistischen Vorarbeiten eine solche Beschränkung. Was die bürgerliche Historiographie zur Geschichte Süddeutschlands im ausgehenden 18. Jahrhundert zusammengetragen hat, ist umfangreich, aber im Grunde doch vor allem Material und nur in begrenztem Sinne eigentliche Vorarbeit. Im wesentlichen hat sie historische Fakten gesichert und im günstigsten Falle Teilerkenntnisse geliefert, die für die vorliegende Arbeit genutzt werden konnten. Die Masse der Darstellungen behandelt landes- und lokalgeschichtliche Themen aller Art, meist in Form von Aufsätzen, die in den verschiedensten landesgeschichtlichen Zeitschriften verstreut sind. Ihr Wert für die vorliegende Untersuchung besteht darin, daß sie da und dort Mitteilungen über oppositionelle Regungen, wenn auch oft nur als lokale Kuriosa bringen. In dieser Art nützlich sind sogar die vielen rein chauvinistischen Machwerke, die sorgfältig alle Exzesse der französischen Truppen registrieren, um sich darüber zu entrüsten, und doppelt entrüstet sind, wenn die Bevölkerung den Franzosen vielfach dennoch vor den Soldaten der Koalition den Vorzug gab. Dasselbe gilt von den Darstellungen, die zu Nutz und Frommen des deutschen Militarismus den in einzelnen Gegenden aufflammenden Volkswiderstand gegen die republikanischen Armeen als Ausdruck eines völkischen Wehrwillens preisen, aber trotz ihrer Kunst in der Verzerrung am Material letztlich scheitern. Die allgemeine Tendenz der bürgerlichen Historiographie, eine Thematik zu meiden, die revolutionäre und demokratische Traditionen im deutschen Volke lebendig erhalten könnte, erstreckt sich auch auf die Landesgeschichte, obwohl gerade hier kaum ein Gegenstand unbearbeitet bleibt, aus dem sich ein Artikel fabrizieren läßt. Dynastische Geschichtsklitterung dominiert und gibt selbst den verschwindend wenigen Arbeiten, die tatsächlich einzelne revolutionär-demokratische Bestrebungen behandeln, noch das Gepräge. So liegen für das Gebiet des Oberrheins im wesentlichen nur zwei Aufsätze vor, um die Jahrhundertwende von dem Karlsruher Archivrat Obser verfaßt, die denn auch ganz im Sinne des Krähwinkler Magistrats die Revolutionäre als Werkzeuge des Auslandes verleumden und auf diese Weise die Leser zu treuer Anhänglichkeit an das angestammte badische Herrscherhaus erziehen wollen.16 Ähnliche Aufsätze lieferten Heigel und Du Moulin Eckart im ausgehenden 19. Jahrhundert über die 16

Obser, Karl, Der Marquis von Poterat und die revolutionäre Propaganda am Oberrhein im Jahre 1796. In: »Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins', NF Bd. 7, S. 385 ff., 1892. Obser, Karl, Die revolutionäre Propaganda am Oberrhein im Jahre 1798. In: »Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins", NF Bd. 24, S. 199 ff., 1909.

XIV

Vorwort

revolutionären Bestrebungen in Bayern, dessen Bevölkerung natürlich „gar nicht dazu angetan" war und die «in dem gesunden Sinne des Volkes nicht Wurzel zu fassen vermochten".17 Du Moulin Eckart insbesondere scheute keine Mühe, die „Ehre" eines so namhaften Bayern wie Utzschneider vor dem Verdacht revolutionärer Gesinnung zu retten und. Palmström antizipierend, zu beweisen, „daß nicht sein kann, was nicht sein darf".18 Maenner, der in der Zeit der Weimarer Republik schrieb, die immerhin das Kind einer Revolution war, glaubt ebenso in der Geschichte den Trost zu finden, daß der deutsche Volkscharakter den gallischen „Blutrausch" nicht kennt, „die schwärenden Wunden seines Staates nur selten und immer kurz zum Ausbruch treibt und zu völliger Heilung nicht ausbluten lägt" 19 ; seine Darstellung, die übrigens bereits dort schließt, wo die bayerischen Revolutionäre noch gar nicht zu massiver Offensive angesetzt haben, dient ganz eindeutig der Rechtfertigung aller Halbheiten der Novemberrevolution und der blutigen Unterdrückung der Münchener Räterepublik im besonderen. Für den engen Bereich der Stadt Nürnberg in der Zeit zwischen 1789 und 1796 hat jüngst Ernstberger einige wertvolle Materialien mitgeteilt. Die chronologische Anordnung und der Verzicht auf eine Analyse der sozialen Herkunft seiner Funde machen es ihm möglich, eine Tendenz zunehmender Mäßigung der oppositionellen Kräfte herauszulesen; wenn dann entgegen dieser angeblichen Tendenz dennoch ein Aufruhr ausbricht und die Stadt erschüttert, rettet sich Ernstberger in die Psychologie und meint, daß sich hier „etwas wie eine Torschlußpanik unter den Nürnberger Revolutionsgesinnten anzudeuten" scheine.20 Für Württemberg liefert Hölzle das meiste Material, bettet es jedoch ganz in den Streit zwischen Herzog und Ständen ein, so daß es darin förmlich untergeht. 21 Wertvoller als die Darstellungen waren für die vorliegende Arbeit die Aktenpublikationen bürgerlicher Historiker, seien es Veröffentlichungen kleinerer Funde in landesgeschichtlichen Zeitschriften, Dokumentenanhänge oder groß angelegte Editionen. Aus ihnen spricht die Zeit selbst, wenn auch nicht die Zeit schlechthin. In dreifacher Weise ist die Aussagekraft dieser Publikationen eingeschränkt: Erstens handelt es sich bei den kleineren Veröffentlichungen vielfach um Zufallsfunde; solchem Zufall muß man dankbar sein, aber er ist natürlich kein zulängliches Auswahlprinzip. Zweitens sind die Gesichtspunkte, unter denen vor allem bei größeren Editionen die Auswahl erfolgt, so sehr von den Interessen der bürgerlichen 17

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Heigel, Karl Theodor, Die Jakobiner in München. In: Aus drei Jahrhunderten. Vorträge aus der neueren deutschen Geschichte. Wien 1881, S. 206. Du Moulin Eckart, Richard Graf, Regierungsfeindliche Strömungen in Bayern und die auswärtigen Mächte im Jahre 1800. In: Beilage zur „Allgemeinen Zeitung", Jahrg. 1893, Nr. 205 (Beilagen-Nr. 170), S. 5. Du Moulin Eckart, Richard Grai, Eine Ehrenrettung. In: „Forschungen zur Kultur- und Literaturgeschichte Bayerns", Bd. 5, S. 129 ff., 1897. Maenner, Ludwig, Bayern vor und in der Französischen Revolution. Berlin u. Leipzig 1927, S. 164. Ernstberger, Anton, Nürnberg im Widerschein der Französischen Revolution 1798-1796. In: „Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte", Bd. 21, S. 462, 1958. Hölzle, Erwin, Das alte Recht und die Revolution. Eine politische Geschichte Württembergs in der Revolutionszeit 1789-1805. München u. Berlin 1931.

Vorwort

XV

Historiographie bestimmt, dag häufig Wesentliches zu Unwesentlichem erklärt und damit von der Aufnahme ausgeschlossen wird. In der von Erdmannsdörffer und Obser bearbeiteten und herausgegebenen mehrbändigen Politischen Correspondenz Karl Friedrichs von Baden zum Beispiel liest man die bezeichnende Anmerkung: „Weitläufige Untersuchungsakten finden sich im Generallandesarchiv, die für die Geschichte der geheimen Propaganda von Interesse sind, aber hier nicht eingehender mitgeteilt werden können." 2 2 Drittens sind diese Dokumente in ihrer weitaus überwiegenden Mehrzahl Äugerungen der herrschenden Klasse, die notwendig die Regungen des Volkes und revolutionäre Bestrebungen feindlich und darum verzerrt registriert. Während Archivstudien den zweiten genannten Mangel aufheben können, bleibt die letzterwähnte Schwierigkeit immer dieselbe; bei der Überfülle des archivalischen Materials ist auch der Zufall nicht völlig auszuschalten, der den Forscher manche brauchbare oder sogar wertvolle Quelle übersehen lägt. Gerade die Unmöglichkeit aber, sämtliche vorhandenen Archivmaterialien zu durchmustern, macht die genannten Publikationen bei allen Einschränkungen dennoch zu wertvollen Hilfen. Dasselbe gilt in noch höherem Mage von Memoiren, Tagebüchern, Briefwechseln etc., die bürgerliche Wissenschaftler herausgegeben haben. Einmal verhindert hier das in der Regel angewandte Prinzip der Vollständigkeit eine einseitige Auswahl; zum zweiten finden sich unter den Verfassern nicht nur Repräsentanten und Verteidiger der bestehenden Ordnung, sondern auch kritische Beobachter und oppositionelle Köpfe. Selbst wenn ihre Opposition nicht über liberale Tendenzen hinausging, beleuchten ihre Darstellungen die Ereignisse aus einem anderen Blickwinkel als die staatlichen Organe, ergänzen die amtlichen Verlautbarungen und gestatten so eine umfassendere und zuverlässigere Einschätzung. Dieselben Vorzüge besitzen die zeitgenössischen selbständigen Darstellungen und die zeitgenössischen Artikel in Zeitschriften und Zeitungen, die darum auch nach Möglichkeit stets herangezogen wurden. Soweit sie linksrheinischen Ursprungs sind und süddeutsche Probleme behandeln, waren sie für die vorliegende Untersuchung besonders interessant, da sie eine mehr oder minder demokratische Sprache sprechen. Einen ganz hervorragenden Quellenwert besitzt die zeitgenössische Kampfliteratur, in erster Linie natürlich die revolutionäre Flugschrift, das Flugblatt und das Pasquill. Ihre Existenz ist unmittelbares Zeugnis für die revolutionäre Tätigkeit; ihre Dichte und ihre Aufeinanderfolge geben Auskunft über die Intensität dieser Tätigkeit; ihr Inhalt zeigt den ideologischen Reifegrad und die Richtung an, in der die Revolutionäre unter den konkreten Bedingungen vorgehen wollten. Zahlreiche revolutionäre Flugschriften befinden sich in den öffentlichen wissenschaftlichen Bibliotheken Süddeutschlands, vor allem Münchens; sie sind also ohne Schwierigkeiten zugänglich, sind auch von bürgerlichen Historikern eingesehen, aber von keinem einzigen analysiert und ausgewertet worden. Was bisher geboten wurde, waren armselige Hinweise, abschätzige Beurteilungen und im günstigsten Falle oberflächliche Zu22

Politische Correspondenz Karl Friedrichs von Baden 1783-1806. Heidelberg 1892, Bd. 2, S. 376 Anm. 1.

XVI

Vorwort

sammenfassungen. Wenn die vorliegende Arbeit diesen Zeugnissen eine vorzügliche Beachtung schenkt, so ist das keineswegs ein bloßer Akt der historischen Gerechtigkeit, sondern Ausdruck der prinzipiellen Erkenntnis, daß hier die Avantgarde der Kräfte zu Worte kommt, deren Forderungen den Lebensinteressen des deutschen Volkes am vollkommensten entsprachen und die zu allen Zeiten maßgeblich und am entschiedensten die historische Entwicklung vorangetrieben haben. Selbst wenn diese Kräfte keinen Sieg errangen und der Fortschritt sich nur langsam und qualvoll auf dem Wege von Reformen durchsetzte, die von oben gewährt wurden, so war dennoch die entscheidende innere Ursache auch für diesen Fortschritt der Kampf der demokratischen Kräfte des Volkes. Sinngemäß gelten hier die gleichen Worte Lenins, die er über die Bismarcksche Verfassung äußerte: »Deutschland hat Freiheiten erhalten, trotz Bismarcks, trotz der preußischen Liberalen, nur dank dem nachdrücklichen und hartnäckigen Streben der Arbeiterklasse (teilweise, aber zu sehr geringem Teil, der demokratischen Kleinbourgeoisie) nach weitestgehender Demokratisierung." 23 Ein gut Teil unmittelbarer Zeugnisse revolutionärer Aktivität förderte selbstverständlich die Durchsicht des archivalischen Materials zutage, von mittelbaren ganz zu schweigen. Hier lagern gewaltige Schätze, die alle zu heben unmöglich war. Weise Beschränkung war geboten. Am wichtigsten schien die Auswertung der badischen, württembergischen und bayerischen Archivalien. Das Badische Generallandesarchiv in Karlsruhe, das Hauptstaatsarchiv Stuttgart mit seinem Filialarchiv Ludwigsburg und das Bayerische Hauptstaatsarchiv in München mit seinen Abteilungen I, II, Geheimes Staatsarchiv und Kreisarchiv haben denn auch neben der Handschriftenabteilung der Bayerischen Staatsbibliothek und dem Stadtarchiv München viel Wertvolles geboten, das in die vorliegende Arbeit einging. Im Deutschen Zentralarchiv in Merseburg erwiesen sich vor allem die preußischen Gesandtschaftsberichte aus Paris, München, Stuttgart, vom Rastatter Kongreß, aus Regensburg usw. als sehr ergiebig; insbesondere für den fränkischen Kreis verfügt das Archiv über unentbehrliche Materialien. Auf glückliche Weise konnte das Sächsische Landeshauptarchiv in Dresden durch seine Gesandtschaftsberichte zur Ergänzung der preußischen beitragen; ihnen ist unter anderem zu danken, daß ein hochbedeutsamer Verfassungsentwurf südwestdeutscher Revolutionäre für ein republikanisches Deutschland wieder aufgefunden werden konnte. Als sehr nützlich hat sich schließlich auch die Durchsicht einiger tschechoslowakischer Archive erwiesen, so der Staatsarchive Trebon und Kuks, des Staatlichen Zentralarchivs in Prag und der Handschriftenabteilung der Bibliothek des Nationalmuseums in Prag. Selbstverständlich treffen, was den Wert der Archivmaterialien angeht, dieselben Einschränkungen zu, die für die Aktenpublikationen gelten müssen, das Auswahlprinzip ausgenommen. Daß Aktenfetischismus insbesondere den Gesandtschaftsberichten gegenüber ganz und gar nicht angebracht ist, hat schon Heinrich Lang, 23

Lenin, W. 1., [Über Bismarck und das Bismarcksche Deutschland]. In: Über Deutschland und die deutsche Arbeiterbewegung. Aus Schriften, Reden, Briefen. Dietz Verlag, Berlin 1957, S. 81.

Vorwort

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der der preußischen Gesandtschaft in Rastatt zugeteilt war und also die Praxis sehr wohl kannte, in seiner boshaften und doch treffenden Art festgestellt: „Überhaupt dürften alle Minister und großen Herren glauben, daß es mit solchen Berichten der Gesandten eine ganz eigene Sache ist. Die Herren geben gewöhnlich Dialoge zwischen sich und den fremden Ministern, die in ihrem Leben nicht so gehalten wurden; sie selbst geben dabei immer solche scharfsinnigen Antworten, die vielleicht recht zweckmäßig gewesen wären, dem Herrn Gesandten aber in der Tat einen Tag nachher einfallen; s i e . . . pflegen alles so zu deuten, anzustreichen und zu illuminieren, wie sie meinen, daß es der allgewaltige Premierminister gern sehen werde, so daß am Ende ein solcher Gesandtschaftsbericht ein Roman, aber ein schlechter ist." 2 4 Um die vorliegende Arbeit einem möglichst breiten Leserkreise zugänglich zu machen, hat der Verfasser alle Zitate, die aus französisch geschriebenen Quellen entnommen wurden, ins Deutsche übersetzt und den entsprechenden französischen Text in der Anmerkung gebracht. In Übereinstimmung mit dem Beschluß der deutschen Publikationsinstitute auf dem Historikerkongreß in Halle 1930 ist in allen Fällen bei der Zitierung der Texte aus dem 18. Jahrhundert die heutige Schreibweise verwendet worden.25 Nur ausgesprochen mundartliche Sonderheiten wurden beibehalten, ebenso einzelne Versehen, deren Verbesserung die Vorlage sehr verändert hätte. Der Verfasser hat vielen zu danken, die in verschiedener Weise zur Vollendung der vorliegenden Arbeit beitrugen; im besonderen dankt er der Deutschen Akademie der Wissenschaften zu Berlin für ihre großzügige Förderung, Herrn Prof. Dr. Karl Obermann als wissenschaftlichem Betreuer der Arbeit, den Herren Archivaren der genannten Archive für ihre freundliche Hilfe und Frau Edith Korth, die bei den Korrekturarbeiten half und mit großer Sorgfalt das Register anfertigte. 21

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Memoiren des Karl Heinrich Ritters von Lang. Skizzen aus meinem Leben und Wirken, meinen Reisen und meiner Zeit. In zwei Teilen. Braunschweig 1842, T. 1, S. 336. Schnitze, Johann, Grundsätze für die äußere Textgestaltung bei der Herausgabe von Quellen zur neueren Geschichte. In: .Forschungen zur Brandenburgischen und Preußischen Geschichte", Bd. 43, S. 345 ff., 1930.

2 Süddeutsche Jakobiner

1. Das Kurfürstentum Bayern

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Staat mit einer zentral geleiteten Behördenorganisation zustande zu bringen. 10 Zu den kleinsten Landsplittern rechneten die reichsritterschaftlichen Besitzungen, die oft nicht mehr als ein Dorf und vielleicht noch ein halbes umfaßten. Die Masse lag im fränkischen und im schwäbischen Kreis; in jedem gab es etwa 700 reichsritterschaftliche Güter. Im Durchschnitt gebot der einzelne Reichsritter über rund 250 Untertanen. 11 Der Zersplitterung der politischen Organisation entsprach die der ökonomischen Interessen. Damit aber waren einer Überwindung des staatlichen Chaos die größten Hindernisse in den Weg gelegt. „Wo sollte politische Konzentration in einem Lande herkommen, dem alle ökonomischen Bedingungen derselben fehlten?" 1 2 Die Niederlage der frühbürgerlichen Revolution, der Verfall der Industrie und des Handels in einer Zeit, da sich mit der Entdeckung Amerikas der moderne Weltmarkt auftat, die Verheerungen des Dreißigjährigen Krieges haben die Bürgerklasse, die allein die ökonomischen Bedingungen für eine politische Konzentration im nationalen Maßstab schaffen konnte, eine verkrüppelte Entwicklung nehmen lassen. Nur sehr langsam erholte sie sich im ausgehenden 17. und im 18. Jahrhundert; Engels sprach vom »Wiederemporkriechen des Bürgertums". 13 Angesichts des verkrüppelten bürgerlichen Elements konnte sich auch der Absolutismus in Deutschland nur in seiner „allerverkrüppeltsten, halb patriarchalischen Form" durchsetzen. 14 Während der Absolutismus in seiner klassischen Form die ökonomische Entwicklung der werdenden Bourgeoisie begünstigte und so die Mittel schuf, seine eigentliche historische Aufgabe, die Zentralisierung des Staats im nationalen Rahmen, zu lösen, verzerrten die besonderen Bedingungen in Deutschland diese Funktion des Absolutismus in der Weise, daß nur eine provinzielle Zentralisation übrigblieb, die die nationale Zersplitterung vertiefte. Bei dem niedrigen und dazu noch ungleichmäßigen Niveau der Entwicklung in Deutschland hatte sich selbst dieser Prozeß nicht vollkommen durchgesetzt. Darum konnten geistliche Fürsten, Reichsstädte und die Zwerggebilde feudaler Grafen und Herren neben den größeren Territorien bestehen bleiben, deren Absolutismus im übrigen auch recht unterschiedlich ausgebildet war. 1. Das Kurfürstentum Bayern An der Spitze Bayerns stand ein absoluter Fürst, neben dem die ständische Vertretung nur noch eine sehr geringe Rolle spielte. In der Oberpfalz war die landschaftliche Verfassung gänzlich unterdrückt; in dem Nebenlande Neuburg existierte 10

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Bader. Karl Siegiried, Der deutsche Südwesten in seiner territorialstaatlichen Entwicklung. Köhler Verlag, Stuttgart 1950, S. 115/16. Biedermann, Karl a. a. O., S. 11. Berghaus, Heinrich, a. a. O., Leipzig 1860, Bd. 2, S. 268. Marx/Engels, Die deutsche Ideologie. In: Werke. Dietz Verlag, Berlin 1958, Bd. 3, S. 178. Engels, Friedrich, [Notizen über Deutschland). In: Marx/Engels, Über Deutschland und die deutsche Arbeiterbewegung. Aus Werken, Schriften, Briefen. Dietz Verlag, Berlin 1961, Bd. 1, S. 565. Marx/Engels, Die deutsche Ideologie, a. a. O., S. 178.

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I. Sozialökonomische Verhältnisse und Verschärfung der Klassenkämpfe

zwar noch etwas davon, ohne jedoch für den Gesamtstaat Bedeutung zu haben; in Altbayern waren die Stände seit dem letzten Vollandtag 1669 auf eine Landschaftsverordnung reduziert, die sich aus 8 Rittern, 4 Prälaten und 4 Vertretern der Rentamtsstädte zusammensetzte.15 Als integrierende Bestandteile der absoluten Monarchie hatte sich eine umfangreiche Zivil-, Militär- und Pfaffenbürokratie herausgebildet. Dennoch war die Position des absoluten Fürsten sehr schwach. In Altbayern betrug sein Anteil am Bodenbesitz 1 4 % , während die Geistlichkeit über 5 6 % und der weltliche Adel über 24 % verfügte. Der Rest von 6 % verteilte sich auf freibäuerlichen und bürgerlichen Grundbesitz.16 Daß die Privilegierten a u ß e r d e m über 44 % des Territoriums die Gerichtsbarkeit ausübten, schmälerte die Macht des Fürsten beträchtlich.17 Geistlicher und weltlicher Adel konnten die Bevölkerung in einem Maße aussaugen, daß für die landesherrliche Kasse nur ein Bruchteil übrigblieb. Die Geistlichkeit bereicherte sich noch zusätzlich durch die unaufhörlichen Kollekten, von denen sich niemand auszuschließen wagte.18 Die Kapitalien sämtlicher geistlicher Stiftungen in Bayern wurden auf 60 Millionen Gulden geschätzt.19 Die ständige Finanznot zwang den Fürsten, hier Anleihen aufzunehmen, die ihn abhängig machten und der Geistlichkeit starken politischen Einfluß und finanziellen Gewinn garantierten. Der weltliche Adel, den nach dem Zeugnis des bayerischen Historikers und Zeitgenossen Westenrieder »schlechte Erziehung, tierische Unwissenheit und Dummheit" auszeichneten 2 0 , sicherte sich seinen Einfluß unter anderem dadurch, daß er neben dem Hofstaat den zivilen und militärischen Apparat zu seiner Domäne machte. Der zeitgenössische fortschrittliche Publizist Wekhrlin schrieb 1778 in seinem .Anseimus Rabiosus": «Die Ausschweifungen, die Ränke, die Erpressungen dieses Hofpöbels sind unerträglich. Der Kurfürst befindet sich mitten an seinem Hofe wie in einem Lande, in welches von allen Seiten die Feinde eindringen und das in der Plünderung begriffen ist. Dieses Unglück blickt er mit Gelassenheit an." 2 1 Der Ämterkauf war die Regel und sollte die Staatskasse füllen helfen; das Amt aber war wiederum das Mittel, durch Sportein, Taxen und Bestechungsgelder ein Vielfaches 15

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Zimmermann, Fritz. Bayerische Verfassungsgeschichte vom Ausgang der Landschaft bis zur Verfassungsurkunde von 1818. 1. Teil: Vorgeschichte und Entstehung der Konstitution von 1808. Phil. Diss. München 1940, S. 3/4. Steinwachs, Otto, Der Ausgang der landschaftlichen Verordnung in Bayern. In: .Oberbayerisches Archiv für vaterländische Geschichte", Bd. 55, S. 61, 1910. Brentano, Lujo, Gesammelte Aufsätze. Stuttgart 1899, Bd. 1, S. 235. Schmelzte, Hans, Der Staatshaushalt des Herzogtums Bayern im 18. Jahrhundert mit Berücksichtigung der wirtschaftlichen, politischen und sozialen Verhältnisse des Landes. Stuttgart 1900, S. 38. In der Oberpfalz lagen die Verhältnisse günstiger für den Kurfürsten, da er dort über 75 % des Territoriums als Gerichtsherr gebot; Maenner, Ludwig, a. a. O., S. 19. Hausmann, Sebastian, Die Grundentlastung in Bayern. Wirtschaftsgeschichtlicher Versuch. Strasburg 1892, S. 18. Biedermann, Kail, a. a. O., Leipzig 1880, Bd. 2, S. 1096 Anm. Wolt, Georg Jacob, Das kurfürstliche München 1 6 2 0 - 1 8 0 0 . Zeitgenössische Dokumente und Bilder. München 1930, S. 325. Wekhrlin, Wilhelm Ludwig, Anseimus Rabiosus Reise durch Oberdeutschland. Salzburg u. Leipzig 1778, S. 26.

1. Das Kurfürstentum Bayern

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des Kaufpreises aus der Bevölkerung herauszuholen.22 Viele Ämter waren bloße Sinekuren für adlige Fräulein; der Adrefjkalender vom Jahre 1799 führt zum Beispiel eine Grenzhauptmautnerin zu Stadt am Hof und eine Oberforstmeisterin zu Burglengenfeld auf, die sich nie irgendeiner amtlichen Tätigkeit unterzogen.23 Im Heer war die Zahl der Offiziere Legion. „Man hält zu zwei oder drei Rheinschiffen sogar einen Großadmiral", heißt es in einer zeitgenössischen Reisebeschreibung.24 Wekhrlin bemerkte bissig: „Die Menge der Stabsoffiziere ist so groß, daß die Bayern behaupten, wenn ein Feind vom Land käme, so könnte man ihn bloß mit Generals aus dem Felde schlagen." 2 5 Gegenüber der starken Position, die Adel und Geistlichkeit in allen Sphären des gesellschaftlichen Lebens innehatten, stellte das Bürgertum in Bayern kein Gegengewicht dar, auf das sich der Fürst stützen konnte. Nach den statistischen Erhebungen des Jahres 1794 lebten in Altbayern 82,2 % der Einwohner auf dem Lande. Von den restlichen 17,8%, die als Bürger galten, weil sie in Städten und Marktflecken wohnten, trieben viele ebenfalls als Ackerbürger Landwirtschaft.26 Das Gesicht der gewerblichen Produktion wurde nahezu völlig durch das zunftmäßig organisierte Handwerk bestimmt. Hazzi stellte in seinen „Statistischen Aufschlüssen über das Herzogtum Bayern" um 1800 fest, „daß beinahe alles bloß handwerksmäßig wie in kleinen Städtchen und nichts ins Große betrieben wird".27 Auch die Hauptstadt München war trotz ihrer 38 000 Einwohner kein Zentrum, von dem in industrieller Hinsicht eine mobilisierende Wirkung ausging. Wenn der Reisende Gercken „einige Fabriken von Sammet, Seide und Tapeten" anmerkte, so tat er es nur ihrer Seltenheit wegen.28 Einen gewissen Namen hatte sich die um die Mitte des 18. Jahrhunderts gegründete Nymphenburger Porzellanmanufaktur gemacht, die 1765/66 etwa 300 Arbeiter beschäftigte.29 Nicolai aber, der sie in den achtziger Jahren besichtigte, fand „in allem nur 30 Arbeiter" und bemängelte auch die dort hergestellten Tassen als „dick und unförmlich".80 Das wenige, was an Manufakturen vorhanden war, 12

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Meyer, Christian, Bayern vor 100 Jahren. Personen und Zustände in Bayern im Zeitalter des Napoleonismus. München 1900, S. 12/13. (Lang. Karl Heinrich Ritter von). Der Minister Graf von Montgelas unter der Regierung König Maximilians von Bayern, o. O. 1814, S. 22. Wolf, Georg Jacob, Das kurfürstliche München..., a. a. O., S. 266. Reinhardstöttner, Karl von, Bayern und seine Hauptstadt im Lichte von Reiseschilderungen und fremden Kundgebungen. In: „Forschungen zur Kultur- und Literaturgeschichte Bayerns", Bd. 3, S. 252, 1895. Lütge, Friedrich, Die bayerische Grundherrschaft. Untersuchungen über die Agrarverfassung Altbayerns im 1 6 . - 1 8 . Jahrhundert. Piscator Verlag, Stuttgart 1949, S. 9/10. Tyska, Karl von, Handwerk und Handwerker in Bayern im 18. Jahrhundert. Staatswiss. Diss. Tübingen 1908, S. 32. Gercken, Philipp Wilhelm, Reisen durch Schwaben, Bayern, angrenzende Schweiz, Franken und die rheinischen Provinzen etc. in den Jahren 1 7 7 9 - 1 7 8 2 . Stendal 1783, T. 1, S. 345. Stieda, W., Die keramische Industrie in Bayern während des 18. Jahrhunderts. Leipzig 1906, S. 57. Nicolai, Friedrich, Beschreibung einer Reise durch Deutschland und die Schweiz im Jahre 1781, nebst Bemerkungen über Gelehrsamkeit, Industrie, Religion und Sitten. Berlin u. Stettin 1786, Bd. 7, S. 25.

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arbeitete häufig auf staatliche Rechnung, verdankte seine Fortexistenz - wie die Landshuter Manufaktur für Wollenzeugwaren - ausländischen Unternehmern31 oder hielt sich mit Mühe kraft kurfürstlicher Privilegien und Einfuhrverbote.32 Daß der Verlag keine große Rolle spielte, ergibt sich schon aus der geringen Zahl der Landweber, die wenig mehr als 3000 Menschen ausmachten und noch dazu häufig für außerbayerische Unternehmer in Augsburg arbeiteten.33 „Industrie und Manufakturen muß man in diesem Lande nicht suchen", stellte Gercken in seiner Reisebeschreibung lakonisch fest. „Ebenso ist es mit Handel und Wandel beschaffen." 3 4 Der Export beschränkte sich im wesentlichen auf Salz, Vieh und Getreide, Ausfuhrartikel also, „die größtenteils der Agrikultur angehörten und darum fast nur die materiellen Lebensquellen des Landadels und darum seine relative Macht den Bürgern gegenüber vermehrten".35 Nur in der Oberpfalz, wo die Feudalverfassung schon stärker unterhöhlt war, lagen die Verhältnisse etwas günstiger.36 Allein in der Linnenweberei arbeiteten hier 1798 über 3000 Stühle mit entsprechend vielen Spinnern. Eine gewisse Bedeutung für den Export besaß auch die Oberpfälzer Glasindustrie.37 Der Erzbergbau blieb zwerghaft; das wichtigste Bergamt Amberg beschäftigte 1793/94 nur 50 Bergleute, die etwa die Hälfte der vorhandenen Hämmer mit Erz belieferten.38 Es fehlte nicht an Reform- und Förderungsversuchen des Kurfürsten in Industrie und Landwirtschaft, wenn er damit auch nur den engen Zweck verfolgte, mit der Erhöhung der Produktivität dem Fiskus größere Quellen zu erschließen. Jede erfolgreiche Reform half bewußt oder unbewußt, die Elemente des Neuen zu entwickeln. Nur waren in Bayern alle diese Versuche mehr oder weniger erfolglos. 1779 unternahm der Kurfürst einen vorsichtigen Versuch, die Verhältnisse wenigstens seiner Grundholden zu reformieren. Dem Bauern sollte ein besseres Besitzrecht, das Erbrecht, zuerkannt werden; die Laudemialabgabe, die häufig zur völligen Verschuldung geführt hatte, sollte ratenweise auf 20 Jahre verteilt und das Mortuarium sogar ganz abgeschafft werden. Aber nicht nur die in der Verfügung ausgesprochene Erwartung, daß die anderen Grundherren dem Beispiel des Landesherrn folgen würden, blieb unerfüllt, sondern auch auf seinen eigenen Domänen kam die Reform nicht voran. Die Bestimmung, daß jede der beabsichtigten Erleichterungen nur auf ausdrücklichen Antrag des Bauern erfolgen sollte, gab der reaktionären Beamtenschaft das 31

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Kreuter, B., Beiträge zur Geschichte der Wollengewebe in Bayern im Zeitalter des Merkantilsystems. In: „Oberbayerisches Archiv für vaterländische Geschichte", Bd. 50, S. 305, 1897. Schmelzte, Hans, a. a. O., S. 97. Tyska, Karl von, a. a. O., S. 4, 34. Gercken, Philipp Wilhelm, a. a. O., Stendal 1784, T. 2, S. 127. Marx, Karl, Die moralisierende Kritik und die kritisierende Moral. Beitrag zur Deutschen Kulturgeschichte. Gegen Karl Heinzen von Karl Marx. In: Werke. Dietz Verlag, Berlin 1959, Bd. 4, S. 346. Die Oberpfalz kannte z. B. keine Leibeigenschaft mehr; Lütge, Friedrich, a. a. O., S. 69 ff. Rapp, Georg, Geschichtliche Mitteilungen über die Stadt Amberg und ihre Nachbarstädte mit besonderer Rücksichtnahme auf deren Handel und Erwerbsquellen. Amberg 1881, S. 42. Knauer, Heinrich, Der Bergbau zu Amberg in der Oberpfalz. Ein Beitrag zur vaterländischen Wirtschaftsgeschichte. Phil. Diss. Erlangen u. Amberg 1913, S. 43/44.

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Mittel an die Hand, die Verordnung gründlich zu sabotieren. 39 Kein besseres Schicksal hatten andere landesherrliche Mandate, die den Anbau von Futterkräutern zu fördern suchten, indem sie sie für zehntfrei erklärten. 40 Von dem bestimmenden Einfluß des reaktionärsten Teils der herrschenden Klasse, der Geistlichkeit, zeugt unter anderem der Regierungserlaß vom 22. August 1786, der 50 schon abgewürdigte Feiertage erneut zu heiligen gebot. 41 Die Pfaffen waren daran wegen der Opfer und anderer Akzidentien, viele Adlige wegen des Besuchs ihrer Brau- und Wirtshäuser interessiert. 42 Die Resultate einer solchen Maßnahme waren für die Entwicklung der Produktivität geradezu verheerend angesichts der Tatsache, daß die Zahl der kirchlich vorgeschriebenen Feiertage in Bayern damit die der Sonntage mehrfach übertraf. Statt die feudalen Fesseln zu lockern und neue Entwicklungsmöglichkeiten zu eröffnen, wurden die Bindungen verstärkt. Einer solchen Vereinigung aufgeklärter Männer wie der Sittlich-ökonomischen Gesellschaft zu Burghausen, die mit der Herausgabe des „Bayerisch-ökonomischen Hausvaters" zur Hebung des Ackerbaus beizutragen sich bemühte, wurde 1791 jede finanzielle Unterstützung durch den Staat entzogen, was einem Todesurteil gleichkam.43 Das Ergebnis einer solchen Adels- und Pfaffenherrschaft war wirtschaftliche Stagnation in Stadt und Land. Die kümmerlichen Möglichkeiten der Manufakturentwicklung charakterisierte Westenrieder durch folgendes Bild: »Ich sah . . . große Schiffe bauen, sah sie mit Waren aller Art befrachten, sah rüstige Steuermänner herbeikommen - aber diese ganz vergeblich auf die Ankunft eines Windes warten, welcher die Segel schwellen, das Schiff in Bewegung setzen und die Verführung der Waren begünstigen sollte."44 Die Lage des zunftmäßig organisierten Gewerbes wurde immer trostloser. Bei der geringen Kaufkraft der Bevölkerung und gegenüber den billigeren und besseren Manufakturprodukten des Auslands konnte es nicht bestehen. In verzweifeltem Kampf gegen diese Entwicklung griffen die Zünfte zu Mitteln, die das Übel nicht minderten, sondern letzten Endes nur vergrößerten. Sie verschanzten sich hinter ihren Privilegien, bekämpften wütend jede Neuerung, eiferten gegen den angeblichen Kleiderluxus der Bevölkerung, die auswärtige Manufakturprodukte den schlechteren und teureren einheimischen Waren vorzog, erklärten die Zünfte für geschlossen, begrenzten die Aufstiegsmöglichkeiten der Gesellen zum Meister und drosselten auf diese Weise die Produktion. Der Anteil der Handwerker an der erwachsenen männlichen Bevölkerung der bayerischen Städte und Märkte betrug 1771 durchschnittlich nur 37 %. 4 5 Die Meister waren bereits in der Mehrzahl *• Walch, Albert, Die wirtschaftspolitische Entwicklung in Bayern unter Montgelas (1799 bis 1817). Staatswiss. Diss. Erlangen 1935, S. 25/26. 40 Damianott, Athanasius D„ Die Zehntregulierung in Bayern. Stuttgart 1896, S. 16/17. 41 Maenner, Ludwig, a. a. O., S. 138. 42 (Rottmariner, Simon), Bemerkungen über Laudemial- und andere grundherrliche Rechte in Bayern. Frankfurt u. Leipzig 1799, S. 201. 43 Reinhardstöttner, Karl von. Die sittlich-ökonomische Gesellschaft zu Burghausen (1765 bis 1802). In-, .Forschungen zur Kultur- und Literaturgeschichte Bayerns", Bd. 3, S. 116, 1895. 44 Schmelzte, Hans, a. a. O., S. 99. 45 Tyska, Karl von, a. a. O., S. 20.

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Alleinmeister, die nicht einen einzigen Gesellen beschäftigten.46 Gesellen sanken zu Plebejern hinab. Viele trieben ihr Handwerk als Pfuscher außerhalb des Rahmens der Zünfte. In München erreichte 1771 die Zahl der Pfuscher im Schneidergewerbe nahezu die der zünftigen Meister; bei Schustern und Perückenmachern war sie sogar größer.47 Wenn die Hauptstadt trotz dieser elenden wirtschaftlichen Lage 38 000 Einwohner zählte und ernähren konnte, so war das zu einem guten Teil nur durch den kolossalen Hofstaat möglich, der unter Karl Theodor über 2000 Personen umfaßte und allein ein Sechstel des gesamten Haushalts verschlang.48 Wie das Gewerbe stagnierte die Landwirtschaft. Nur knapp 4 % des Bodens waren bäuerliches Eigentum.49 Sie verteilten sich vor allem unter die rund 13 000 »Bauernkönige", die mit Hilfe von Gesinde und Tagelöhnern ihre Einödhöfe, geschlossene, bis zu einer Viertelmeile große, an keinen Flurzwang gebundene Wirtschaften, bestellten.50 Es waren bei dem chronischen Landarbeitermangel und der geringen Arbeitsproduktivität des Gesindes weder Musterwirtschaften, noch gaben sie der bayerischen Landwirtschaft das Gesicht. Ebensowenig allerdings taten es auch die 1400 Hofmarksherren, die auf ihren aus der Vereinigung von Grund- und Gerichtsherrschaft entstandenen Hofmarken eine beträchtliche Eigenwirtschaft betrieben, so daß man von Ansätzen zu einer Gutswirtschaft sprechen kann.51 In der Masse war der Grund und Boden in kleine und mittlere Wirtschaften aufgeteilt, die von hörigen und leibeigenen Bauern bearbeitet wurden. Wie seit Jahrhunderten lastete »auf dem Bauer... der ganze Schichtenbau der Gesellschaft." 5 2 Er hatte die Masse der direkten Staatssteuern zu tragen, die das Neunfache dessen ausmachten, was Adel, Geistlichkeit und Städte zahlten.53 Weiter belasteten ihn hohe indirekte Steuern und Aufschläge und nicht zuletzt die schamlose Gewinnsucht der korrupten Beamtenschaft. »Beamte und Bauernschinder galten beinahe für Synonyme"; sie wurden als Leute angesehen, »die vom öffentlichen Raube lebten", stellte rückblickend das bayerische Finanzministerium in einem Bericht aus dem Jahre 1807 fest. 54 Dann aber drückten den Bauern vor allem die Unzahl feudaler Abgaben und Dienste, die er dem Grund-, Gerichts-, Zehnt- und Leibherrn schuldete und die nur zu einem geringen Teil in Geldleistungen umgewandelt waren. Am schlimmsten litt er dort, wo wie bei den Hofmarken der einzelne Feudalherr die verschiedenen Gerechtsame in einer Hand vereinigte. Relativ gering drückte die Leibherrschaft. Schwer wogen dagegen die grundherrlichen Lasten, zumal das in Altbayern verbreitete schlechte Besitzrecht ihre häufige Erhöhung begünstigte. Besonders verhaßt Schmelzte, Hans, a. a. O., S. 88. Tyska. Karl von, a. a. O., S. 113 ff. 45 Hoffmann, Ludwig, Geschichte der direkten Steuern in Bayern vom Ende des 18. bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts. Leipzig 1883, S. 163. Schaielzle. Hans, a. a. O., S. 21. 49 Brentano, Lujo, a. a. O., S. 235. 50 Lütge, Friedrich, a. a. O., S. 64. si Ebenda, S. 58 ff. 52 Engels, Friedrich, Der deutsche Bauernkrieg. In: Marx/Engels, Werke. Dietz Verlag, Berlin 1960, Bd. 7, S. 339. 53 Maenner, Ludwig, a. a. O., S. 19. 54 Schmelzle, Hans. a. a. O., S. 267. 44 47

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waren die Laudemien, die bei jedem Besitzwechsel erhoben wurden. Ursprünglich betrugen sie nur 3 % des Gutswertes, stiegen aber bald auf 5 % und 10 % , wobei der Grundherr und seine Eintreiber alle möglichen Schliche anwandten, diese Sätze zu verdoppeln und zu verdreifachen und schließlich auch die Laudemialpflicht auf die fahrende Habe auszudehnen. 55 Häufig genug war der Bauer, der den Hof übernahm, auf diese Weise gezwungen, beim Grundherrn einen Kredit aufzunehmen, der nur zu neuen Plackereien führte. 56 Von den aus der Gerichtsherrschaft abgeleiteten Verpflichtungen waren die Gerichtsscharwerke oder -fronen am schwersten und lästigsten. In der Hofmark Amerang zum Beispiel betrug Anfang des 18. Jahrhunderts die Höhe der Scharwerke im Jahr für einen Handdienstpflichtigen 50 Tage, für einen Spanndienstpflichtigen 30 Tage mit Gespann und 10 Tage ohne Gespann. 57 Um das Ausmaß dieser Belastungen voll zu begreifen, muß man sich der Fülle vorgeschriebener Feiertage erinnern. Der dem Zehntherrn gehörige Zehnt half schließlich jeden Anreiz zum Anbau von Kulturpflanzen zerstören, denn er wurde nicht nur von den größeren Feldfrüchten wie Getreide, sondern auch von Obst, Hopfen, Flachs, Hanf, Tabak usw. erhoben. 58 Unter diesen Bedingungen mußte Bayern zu 55 M 51

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Lütge, Friedrich, a. a. O., S. 141 ff. Hausmann, Sebastian, a. a. O., S. 69/70. Lütge. Friedrich, a. a. O., S. 127. Lütge verfolgt die reaktionäre Tendenz, die feudale Ausbeutung zu verharmlosen. Das zeigt sich u. a. auch bei der Behandlung der Ablösungssumme für die Scharwerke. Obwohl allgemein bekannt ist und auch Lütge selber es bestätigt, welch geringen Wert landesherrliche Mandate in Bayern besagen (Lütge, a. a. O., S. 103), beruft er sich auf das Mandat von 1724, um seine Annahme von 8 Gulden als in der Regel gültigen Höchstbetrag für die Ablösung zu stützen (ebenda, S. 122). Von dieser Basis aus ist es dann leicht, die von Hausmann übernommene Mitteilung, wonach die Bauern einer bestimmten Hofmark für die Ablösung der auf einem halben Hof liegenden Scharwerke 18 Gulden geboten haben, als Ausnahme abzutun (ebenda, S. 126/27). Die Quelle, die Hausmann anzog und die Lütge nicht kennt, findet sich als Nachtrag einer Schrift von Simon Rottmanner, einem der besten Kenner der bayerischen Agrarverhältnisse jener Zeit: .Beitrag zur Geschichte der Frone oder Scharwerk in Bayern. Frankfurt am Main 1798", S. 173 ff. Von der betreffenden Hofmark wird hier gesagt, dag die Voreltern des damaligen Besitzers sie 1656 im Rentamt München kauften (S. 173). Da Lütges wie auch Hausmanns Aufstellung der dieser Hofmark zu leistenden Scharwerke unvollständig ist (Lütge, a. a. O., S. 126; Hausmann, a. a. O., S. 60/61), soll hier noch folgende Ergänzung aus jener Schrift Platz finden: »Unter den oben angeführten Scharwerksverrichtungen habe ich die Jagdscharwerk beizusetzen vergessen, vermöge welcher jeder Untertan gehalten ist, sowohl in den eigenen herrschaftlichen als gestifteten Waldungen mehrere Wochen im Herbste bei dem Fuchsklopfen und Jagden zu erscheinen, wofür er weiter nichts erhält als zerrissene Kleider, müde Füße und nicht selten, wenn er nicht wie die Koppelhunde alle Hecken und Stauden durchschlieft, einen blaugeklopften Rücken" (S. 183). Auch die Flugschrift .Ober den Wert und die Folgen der ständischen Freiheiten in Bayern* vom Jahre 1797 sagt ausdrücklich, dag sich die Standesherren nicht mit 8 Gulden Scharwerkgeld begnügen: .Sie lassen sich, wenn sie auch die Frondienste nicht wirklich fordern, nach dem Beispiele der Landesherrschaft zum Scharwerkgelde vom Hofe nicht mit 6, 7, 8 Gulden begnügen, sondern fordern gemeiniglich vom Hofe 16 bis 18 und noch mehr Gulden, und die Untertanen müssen gleichwohl noch sonderbar die Jagdfronen und an einigen bestimmten Tagen die ordinäre Scharwerk verrichten " (S. 86). Damianoff, Athanasius D., a. a. O., S. 13/14. Hausmann, Sebastian, a. a. O., S. 76/77.

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I. Sozialökonomische Verhältnisse und Verschärfung der Klassenkämpfe

den landwirtschaftlich rückständigsten Gebieten Deutschlands zählen. Weite Strecken anbaufähigen Bodens lagen wüst. »Wenn man, sagt ein Bayer selbst, zu den ungeheuren Sümpfen, verwildeten Heiden, zahlreichen Pfützen und Viehtriften noch die öden Höfe rechnet, deren Anzahl auf 5000 angegeben wird, so ist gewiß mehr als ein Drittel des Landes nicht bebaut." 59 Die veraltete reine Dreifelderwirtschaft herrschte nahezu uneingeschränkt. Gercken, der Anfang der 80er Jahre Bayern bereiste, stellte fest: „Der Landmann bleibt lediglich bloß bei seinem Getreidebau, ohne weiter auf etwas anderes auch zu raffinieren... Man findet also auf den Feldern weder Tabak, Färbekräuter, Welschkorn (nur dieses in wenigen Gegenden), Klee (auch nur in den wenigsten Gegenden), rote Burgunderrüben etc., nichts wie Getreide und etwas mit Kartoffeln angebaut. Auch die Kultur oder Bearbeitung des Ackers selbst ist nicht die beste." 60 Die bäuerliche Initiative war in Fesseln geschlagen. „Was soll ich ein schönes Haus bauen", sagte der Bauer, „daß meine Grundherrschaft sich dabei wieder den Beutel spicken und von meinen Kindern höhere Laudemien nehmen kann?" 61 Sozial unter den einen Hof bewirtschaftenden Bauern stand die Schicht der Tagelöhner und des Gesindes, die in Bayern ein Drittel der gesamten bäuerlichen Bevölkerung ausmachte. In der Masse rekrutierten sich diese landlosen Landarbeiter aus der Bauernschaft im engeren Sinne. Bei der herrschenden und von der Feudalklasse wegen der leichteren Eintreibung feudaler Leistungen begünstigten Unteilbarkeit der Höfe blieb für einen Teil der Kinder nur dieser Weg übrig. Darüber hinaus sorgte der in Bayern übliche Gesindezwangsdienst für Auffüllung dieser Schicht. Das Gesinde unterlag dem Züchtigungsrecht und war im Alter, wenn die Arbeitskraft nachließ, der No