Die Deutschen Gesellschaften des 18. Jahrhunderts: Ein Gruppenbild 9783110776218, 9783110776133

The German Societies that assigned themselves the role of maintaining German "language, poetry, and eloquence"

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German Pages 699 [700] Year 2023

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Table of contents :
Vorwort
Inhalt
Abkürzungsverzeichnis
Einleitung
1 Beginnen
2 Regeln
3 Beitreten
4 Arbeiten
5 Folgen
6 Ehren
7 Enden
Schlussbetrachtung: Üben. Nutzen. Gelten
Anhang: Die Deutschen Gesellschaften in Einzelartikeln
Quellen und Literatur
Sachregister
Personenregister
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Die Deutschen Gesellschaften des 18. Jahrhunderts: Ein Gruppenbild
 9783110776218, 9783110776133

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Andreas Erb Die Deutschen Gesellschaften des 18. Jahrhunderts

Hallesche Beiträge zur Europäischen Aufklärung

Schriftenreihe des Interdisziplinären Zentrums für die Erforschung der Europäischen Aufklärung Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg Herausgegeben von Daniel Cyranka, Elisabeth Décultot, Jörg Dierken, Robert Fajen, Ottfried Fraisse, Daniel Fulda, Frank Grunert, Wolfgang Hirschmann, Heiner F. Klemme, Till Kössler, Andreas Pečar, Jürgen Stolzenberg, Sabine Volk-Birke, Daniel Weidner, Wiebke Windorf Wissenschaftlicher Beirat Albrecht Beutel, Colas Duflo, Corey Dyck, Nathalie Ferrand, Marian Füssel, Avi Lifschitz, Robert Louden, Laurenz Lütteken, Steffen Martus, Laura Stevens

Band 69

Andreas Erb

Die Deutschen Gesellschaften des 18. Jahrhunderts Ein Gruppenbild

ISBN 978-3-11-077613-3 e-ISBN (PDF) 978-3-11-077621-8 e-ISBN (EPUB) 978-3-11-077626-3 ISSN 0948-6070 Library of Congress Control Number: 2023934968 Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar. © 2023 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston Druckvorlage: Aleksandra Ambrozy Druck und Bindung: CPI books GmbH, Leck www.degruyter.com

| „Morgens bei Büchner die Briefe von Lenz an Salzmann im Morgenblatt und das Protokoll der Deutschen Gesellschaft in Straßburg, bei welcher Lenz Secretair war, gelesen: darüber ganz melancholisch und nichts getan.“ Aufzeichnung Georg Feins vom 11. Mai 1835, zit. nach: Michael Will: „Autopsie“ und „reproduktive Phantasie“: Quellenstudien zu Georg Büchner. Würzburg 2000, S. 42.

„Die gelehrte Geschichte von der Gesellschaft muß doch auch ihre Schreiber haben. Vielleicht wartet hie oder da die Welt darauf.“ Johann Heinrich Oest: Versuch einer kritischen Prosodie. Frankfurt am Main 1765, Vorrede, o.P.

Vorwort Die Ursprünge dieses Buchs reichen weit zurück und liegen im Forschungsprojekt der Stiftung Volkswagenwerk „Bruch oder Kontinuität? – Zum Wandel des südwestdeutschen Raumes im Zeichen von Ancien Régime, Französischer Revolution und Empire“, in dessen Rahmen ich Mitte der 90er Jahre die Protokolle der Mannheimer Deutschen Gesellschaft bearbeitet habe. Schnell wurde klar, dass für eine Einordnung dieser Gesellschaft in den Kontext der Deutschen Gesellschaften zahlreiche Voraussetzungen fehlten und eine Gesamtdarstellung erforderlich sein würde. Die Arbeit daran begleitete mich fortan über viele Unterbrechungen und Durststrecken hinweg. Meine Einbindung in die Aktivitäten der Martin-LutherUniversität Halle-Wittenberg und in die Historische Kommission für SachsenAnhalt gab schließlich den Impuls, das Werk zu vollenden. 2020 wurde die Arbeit von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg als Habilitationsschrift angenommen. Die Dankesschuld, die sich in diesem langen Zeitraum angehäuft hat, reicht weit über die in einzelnen Anmerkungen ausgesprochenen Referenzen hinaus. In Mannheim hat mich Wilhelm Kreutz zu diesem Thema geführt. Andreas Pečar fand sich gerne bereit, die Arbeit zu betreuen. Ihm, Holger Zaunstöck und Winfried Müller danke ich nicht nur für die Übernahme der Gutachten im Habilitationsverfahren und vielfältige praktische Hilfe, sondern auch für viele Gespräche, die mein Verständnis für das 18. Jahrhundert vertieft und geschärft haben. Andreas Pečar und allen Mitherausgebern der Halleschen Beiträge zur Europäischen Aufklärung danke ich für die Aufnahme in ihre Schriftreihe. Frau Aleksandra Ambrozy und Frau Andrea Thiele seitens des Interdisziplinären Zentrums für die Erforschung der Europäischen Aufklärung sowie der Verlag De Gruyter haben die vielfältigen redaktionellen und koordinatorischen Arbeiten engagiert und kompetent wahrgenommen. Herrn Rüdiger Otto und allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Arbeitsstelle „Edition des Briefwechsels von Johann Christoph Gottsched“ bin ich zu Dank für viele Auskünfte und Einschätzungen verpflichtet. Nicht zuletzt gilt dankbare Erinnerung auch ihrem 2015 verstorbenen Begründer Detlef Döring. Jan Brademann, Paul Beckus, Rüdiger Otto und Andrea Tonert haben sich dankenswerterweise dem mühseligen Geschäft unterzogen, die verschiedenen Entwürfe kritisch zu lesen. Mein Dank gilt nicht zuletzt allen Kolleginnen und Kollegen in den Archiven und Bibliotheken, die mich – häufig weit über das Maß des heute üblichen hinaus – mit Recherchen, Auskünften und Reproduktionen versorgt haben.

https://doi.org/10.1515/9783110776218-202

VIII | Vorwort

Gerade eine Arbeit, die aus weit verstreuten Quellen schöpfen muss, ist auf ihre Unterstützung angewiesen. Der größte Dank jedoch gehört meiner Lebensgefährtin Andrea Tonert. Sie hat die Genese des Werks über Jahre immer wieder durch geduldiges Zuhören, aufmunternden Zuspruch, tatkräftige Unterstützung und kritische Lektüre begleitet und befördert. Nicht nur deswegen ist die Arbeit ihr gewidmet.

Inhalt Vorwort | VII Abkürzungsverzeichnis | XI Einleitung | 1 Untersuchungsgegenstand und Fragestellung | 1 Methoden und Darstellungsweisen | 13 Quellen | 17 Forschungsstand | 22 1 1.1 1.2 1.2.1 1.2.2 1.2.3 1.2.4

Beginnen | 35 Hintergründe und Vordenker | 35 Gründen | 59 Zweierlei Anfang | 59 Projekte Schmieden | 65 Rahmen Finden | 69 Sich Ausbreiten | 87

2 2.1 2.1.1 2.1.2 2.1.3 2.1.4 2.2

Regeln | 103 Festsetzen | 103 Satzungen | 103 Ämter | 106 Mitgliedschaftsstatus | 112 Der erneuerte Gelehrte als ideales Mitglied | 122 Durchsetzen | 139

3 3.1 3.2 3.3 3.3.1 3.3.2 3.3.3 3.3.4 3.3.5 3.3.6

Beitreten | 162 Motive | 162 Der Weg in die Gesellschaft | 188 Die Mitgliederschaft | 212 Größe und Frequenz | 212 Gelehrtheit | 232 Stand | 250 Konfession | 266 Region | 274 Geschlecht | 284

X | Inhalt

4 4.1 4.1.1 4.1.2 4.2 4.2.1 4.2.2 4.2.3 4.3 4.3.1 4.3.2 4.3.3 4.3.4

Arbeiten | 294 Ermöglichen | 294 Finanzieren | 294 Sammeln | 303 Texten | 321 Sitzungen | 321 Sprachen | 331 Gesellenstücke oder Meisterwerke? | 347 Handeln durch Sprechen | 353 Der Ansatz | 353 Gattungen | 355 Themen | 361 Publikationsverhalten | 374

5 5.1 5.2 5.3

Folgen | 392 Abstammen | 392 Leitbild Leipzig? | 400 Vernetzen | 417

6 6.1 6.2 6.3 6.4 6.5 6.6

Ehren | 437 Ansehen | 437 Privilegieren | 439 Protegieren | 454 Krönen | 467 Inszenieren | 473 Integrieren | 487

7 7.1 7.2

Enden | 512 Verlieren | 512 Beerben | 521

Schlussbetrachtung: Üben. Nutzen. Gelten | 527 Anhang: Die Deutschen Gesellschaften in Einzelartikeln | 541 Quellen und Literatur | 605 Sachregister | 673 Personenregister | 681

Abkürzungsverzeichnis ADB ALB Anm. Art. Aufl. BB Bd. bearb. DBA Ders. / Dies. Diss. Ebd. EdN f. GHA GLAK GBW

GNM PBO GStA PK HAB Hg. Hg. v. Hs. (Hss.) HStA HWRh Kap. LA BW LASA masch. N.F. o.D. o.O. o.S. SächsStA-D SB PK Sign. SLUB StA StadtA

Allgemeine Deutsche Biographie. 56 Bde. Leipzig 1875–1912 Stadtarchiv Dessau-Roßlau, Anhaltische Landesbücherei Dessau Anmerkung / Fußnote Artikel Auflage Behördenbibliothek Band bearbeitet Deutsches Biographisches Archiv Derselbe/Dieselbe(n) Dissertation Ebenda Enzyklopädie der Neuzeit. Hg. v. Friedrich Jaeger. 16 Bde. Stuttgart 2005–2012 folgende Seite Bayerisches Hauptstaatsarchiv München, Abt. III Geheimes Hausarchiv Landesarchiv Baden-Württemberg – Generallandesarchiv Karlsruhe Johann Christoph Gottsched: Briefwechsel. Unter Einschluß des Briefwechsels von Luise Adelgunde Victorie Gottsched. Hg. v. Detlef Döring, Caroline Köhler, Franziska Menzel, Rüdiger Otto u. Michael Schlott. 16 Bde. Berlin u. Boston 2007–2022 Germanisches Nationalmuseum Nürnberg, Archiv des Pegnesischen Blumenordens Geheimes Staatsarchiv – Preußischer Kulturbesitz Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel Herausgeber herausgegeben von Handschrift(en) Hauptstaatsarchiv Historisches Wörterbuch der Rhetorik. Hg. v. Gert Ueding. 15 Bde. Tübingen 1992–2015 Kapitel Landesarchiv Baden-Württemberg Landesarchiv Sachsen-Anhalt maschinenschriftlich Neue Folge ohne Datum ohne Ort ohne Seitennummerierung Sächsisches Staatsarchiv – Hauptstaatsarchiv Dresden Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz Signatur Sächsische Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden Staatsarchiv Stadtarchiv

https://doi.org/10.1515/9783110776218-204

XII | Abkürzungsverzeichnis

StAW StB SUB Bremen SUB Göttingen SUB Hamburg ThULB UA UAJ UB UB Erlangen Vgl. ZB Zürich

Niedersächsisches Landesarchiv – Standort Wolfenbüttel Stadtbibliothek Staats- und Universitätsbibliothek Bremen Niedersächsische Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg „Carl von Ossietzky“ Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek Jena Universitätsarchiv Universitätsarchiv Jena Universitätsbibliothek Universitätsbibliothek Erlangen-Nürnberg, Handschriftenabteilung Vergleiche Zentralbibliothek Zürich

Einleitung Untersuchungsgegenstand und Fragestellung „Man könnte also deutsche Gesellschaften als ein Kabinett ansehen worin oft ein philosophischer Ältester junge Affen in ihrer Überzeugung große Geister zu sein, wie in einem leichten Spiritus aufbewahrt, […].“1 Eine solche, wenig schmeichelhafte Charakterisierung, wie sie Georg Christoph Lichtenberg in seine Sudelbücher eintrug, fand Widerhall auch in den Erfolgsbüchern ihrer Epoche wie Christoph Martin Wielands Don Sylvio von Rosalva: „So bald er zu reden anfing, lallte er Epigrammen, und sein Witz wurde nach und nach so stachlig, daß ihm keine Biene mehr gewachsen war, obgleich die dümmste im ganzen Korbe zum wenigsten so viel Witz hatte als ein Mitglied der Deutschen Gesellschaft zu ***.“2 Dass zwei derart prominente Aufklärer sich so abfällig über die Deutschen Gesellschaften äußerten, lässt eine Beschäftigung mit diesen wenig erquicklich erscheinen. Horden dilettierender Kleingeister tauchen vor dem geistigen Auge auf, die hinter dem Pedanten und Leithammel Gottsched einher trotten und jegliches dichterisches Talent in einer Wasserflut mediokrer Massenproduktion zu ertränken üben – weit entfernt davon, ja entgegengesetzt dazu, den Weg zum gesellschaftlichen Fortschritt oder in den literarischen Olymp zu weisen. Dennoch will es nicht gelingen, sie aus der Geschichtsschreibung zur deutschen Aufklärung in die Fußnoten einiger weniger hochspezialisierter Werke abzudrängen. Zu häufig tauchen sie auf, in Dichterbiographien und in der gelehrten Publizistik, in Überblicksdarstellungen und auf Titelkupfern, und drängeln sich auf das Gruppenbild der deutschen Aufklärer. Ihnen dort einen angemessenen Platz zuzuweisen, ist bislang nicht gelungen. Selbst elementare Angaben wie Mitgliederzahlen, innere Verfassung, Umfang und Ausrichtung der Textproduktion, institutionelle Verortung, territoriale Ausdehnung und Vernetzung fehlen, bleiben im Dunkeln oder sind lückenhaft. Nicht zuletzt fehlt eine allgemein anerkannte Definition dieses Sozietätstypus. Eben dies, nämlich den Untersuchungsgegenstand „Deutsche Gesellschaft“ räumlich, zeitlich und sachlich so klar als möglich abzugrenzen, ist für deren Beschreibung aber unerlässlich.

|| 1 Georg Christoph Lichtenberg: Sudelbücher B 306. In: Ders.: Schriften und Briefe. Bd. 1. Hg. v. Wolfgang Promies. München 1980, S. 126. 2 Christoph Martin Wieland: C. M. Wielands Sämmtliche Werke. 39 Bde. u. 6 Supplemente. Leipzig 1795–1811, hier Bd. 12: Don Sylvio von Rosalva. Erster Theil (1795), S. 116 (Buch VI, 1). https://doi.org/10.1515/9783110776218-001

2 | Einleitung

Sozialformationen welcher Art auch immer zu benennen, zu klassifizieren und zu definieren scheint eines der mühseligsten und undankbarsten Geschäfte jeder Gesellschaftswissenschaft zu sein. Aufgeklärte Gesellschaften etwa von humanistischen Sodalitäten oder den Vereinen des 19. Jahrhunderts abzugrenzen, ist und bleibt Gegenstand reger Debatten.3 Eine Bestimmung des Untertypus ‚Deutsche Gesellschaft‘, die es anhand bestimmter Merkmale ermöglicht, einzelne Vereinigungen diesem Sozietätstyp zuzuordnen oder sie von ihm auszuschließen, wird, will man sich nicht mit Lichtenbergs Verdikt begnügen, nicht einfacher. Formale und eindeutige Kriterien wie Mitgliederzahl, Vorhandensein von Statuten oder Gründungsdatum grenzen sie von anderen Gesellschaften ihrer Zeit in keiner Weise ab. Affinitäten zu anderen Sozietätsformen der Aufklärung wie Akademien, Gelehrten Gesellschaften und Rednergesellschaften liegen dagegen auf der Hand. Die ausgiebige Selbstthematisierung gelehrter Bemühungen und die Neigung der zeitgenössischen Philosophen zu Systematisierungen und klaren Begriffen lassen eigentlich eine oder gar mehrere zeitgenössische Definitionen erwarten. Sie finden sich jedoch nicht, selbst Zedlers Universal-Lexicon beschränkt sich darauf, die Leipziger und Jenaer Gründung in separaten Artikeln zu behandeln.4 Johann Andreas Fabricius, der selbst mehreren Deutschen und Gelehrten Gesellschaften angehörte, näherte sich 1754 in seiner Historie der Gelehrsamkeit dem Thema zwar systematisch-klassifikatorisch, beschränkte sich aber darauf, mehrere Deutsche Gesellschaften aufzuzählen.5

|| 3 Vgl. etwa Klaus Garber: Sozietät und Geistes-Adel. Von Dante zum Jakobiner-Club. Der frühneuzeitliche Diskurs de vera nobilitate und seine institutionelle Ausformung zur gelehrten Akademie. In: Ders., Heinz Wismann u. Winfried Siebers (Hg.): Europäische Sozietätsbewegung und demokratische Tradition. Die europäischen Akademien der Frühen Neuzeit zwischen Frührenaissance und Spätaufklärung. Bd. 1. Tübingen 1996, S. 1–39; Bernhard Jahn: Zur Typologie und Funktion von Sozietäten. In: Internationales Archiv für Sozialgeschichte der deutschen Literatur 24 (1999), S. 153–160; Holger Zaunstöck: Sozietätslandschaft und Mitgliederstrukturen. Die mitteldeutschen Aufklärungsgesellschaften im 18. Jahrhundert. Tübingen 1999, S. 34–82. 4 Vgl. die Artikel in Johann Heinrich Zedler: Grosses vollständiges Universal Lexicon aller Wissenschaften und Künste, welche bißhero durch menschlichen Verstand und Witz erfunden und verbessert worden [...]. 64 Bde. Leipzig u. Halle 1732–1750, hier Bd. 38, Sp. 174 u. 190–192 sowie Bd. 42, Sp. 1820. Ebd., Sp. 1819, werden auch die Bemühungen der Berliner Akademie der Wissenschaften um die deutsche Sprache in einem Artikel „Teutsche Gesellschaft zu Berlin“ behandelt. 5 Vgl. Johann Andreas Fabricius: Abriß einer allgemeinen Historie der Gelehrsamkeit. 3 Bde. Leipzig 1752–1754, hier Bd. 3 (1754), S. 772–781. In einem gedruckten Sozietätsprojekt an seinem neuen Wirkungsort Nordhausen ergänzte er diese Auflistung: Ders.: Der Kaiserlichen Freyen

Untersuchungsgegenstand und Fragestellung | 3

Mag dieser Mangel noch der zeitlichen Nähe zum Gegenstand geschuldet sein, fällt er in der älteren wie neueren Forschung als gravierendes Defizit auf. Klare Abgrenzungen des Begriffs fehlen durchgängig und selbst dort, wo der enzyklopädische Charakter mancher Arbeiten dies erwarten ließe.6 In der Regel begnügte sich die Forschung damit, im Kielwasser Fabricius’ mehr oder weniger umfangreiche und vollständige Auflistungen einzelner Gesellschaften zu liefern. Wolfram Suchier, der als einer der ersten systematischeren Erforscher der Sozietätsbewegung gelten kann, hat sich wie Fabricius mit einer Reihe von Einzelnennungen begnügt und diese mit der Nennung von „ähnlichen Vereinen mit anderen Namen“7 erweitert. Auch in zahlreichen neueren Arbeiten dominieren Aufstellungen der Gesellschaften, verbunden mit der Darstellung und Diskussion einzelner Merkmale, ohne eine klare Bestimmung des Untersuchungsgegenstands zu leisten.8 Prima vista immerhin bieten die Deutschen Gesellschaften die besten Voraussetzungen dafür, definitorische Probleme elegant zu meistern. Zum einen ist „Deutsche Gesellschaft“ (bzw. „Teutsche Gesellschaft“) ein Quellenterminus und spiegelt sowohl die Selbstwahrnehmung dieser Formation als auch die Wahrnehmung der Zeitgenossen, ohne dass Schablonen und Kampfbegriffe späterer Epochen den Begriff verzerren. Zum anderen scheint es fast, als wollten die Namensgeber selbst im Geiste des frühaufklärerischen Rationalismus einer Definition die Wege ebnen, indem sie den Namen an die klassische aristotelische Struktur einer Definition nach genus proximum und differentia specifica anlehnten. Die zeitgenössischen Begriffe „Gesellschaft“ bzw. „Sozietät“ sind in der Forschung zum 18. Jahrhundert klar von der aus dem Mittelalter rührenden Korporation als Form des Zusammenschlusses geschieden. Ist die Mitgliedschaft in einer Korporation für den Einzelnen durch die Geburt in einem be-

|| Reichsstadt Nordhausen Hoch Edelg. und Hochweisen Rath […] will hiedurch zur Anhörung einiger Reden welche den 13ten des Weinmonats 1763 nach geendigter Prüfung in dem großen Hörsale öffentlich sollen gehalten werden […] einladen. Nordhausen [1763], S. 6f. Eine weitere Ergänzung bildet der von seinem Verfasser Johann Christian Messerschmidt als anonyme Einsendung deklarierte „Beytrag von Teutschen Gesellschaften zu dem VII. Artickel des zweyten Stücks der Critischen Bibliothek, p. 188“. In: Critische Bibliothek. Bd. 1 (1749), S. 395–398. 6 Vgl. etwa Carl Diesch: Art. Deutsche Gesellschaften. In: Paul Merker u. Wolfgang Stammler (Hg.): Reallexikon der deutschen Literaturgeschichte. Bd. 1, S. 229–231; Wolfgang Hardtwig: Art. Deutsche Gesellschaften. In: EdN 2 (2005), Sp. 936–938. 7 Wolfram Suchier: Die Mitglieder der Deutschen Gesellschaft zu Göttingen von 1738 bis Anfang 1755. In: Zeitschrift des Historischen Vereins für Niedersachsen 81 (1916), S. 48. 8 Vgl. etwa Dieter Cherubim u. Ariane Walsdorf: Sprachkritik als Aufklärung. Die Deutsche Gesellschaft in Göttingen im 18. Jahrhundert. Göttingen 2004.

4 | Einleitung

stimmten Stand festgelegt bzw. ausgeschlossen, so kann dieser bei Gesellschaften bzw. Sozietäten sich grundsätzlich frei für oder gegen den Beginn, die Fortführung und Beendigung einer Mitgliedschaft entscheiden. Neben der Freiwilligkeit seitens der Mitglieder wird seitens der Gesellschaft eine hinreichende organisatorische Verfestigung, meist über schriftlich niedergelegte Statuten, als konstitutives Merkmal angesehen. Gilt trotz Vorläufern im 16. und 17. Jahrhundert die Epoche der Aufklärung als saeculum aureum der Sozietäten, ja geradezu als das „gesellige Jahrhundert“,9 tritt im 19. Jahrhundert der Begriff des Vereins in den Vordergrund. Ihn dadurch abzugrenzen, dass man seine vorwiegend speziellen Zwecke gegenüber einer eher universellen Zielsetzung aufklärerischer Gesellschaften betont, verkennt, dass schon in der Frühaufklärung zahlreiche Gründungen klar definierte Einzelziele verfolgten. Dass andererseits die Deutschen Gesellschaften in Leipzig und Königsberg mit Ausrichtung auf vaterländische Altertümer bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs bestanden,10 zeigt, wie fließend sich die Übergänge im Einzelfall gestalteten. Lassen sich bei dem Begriff Gesellschaft noch eine Reihe gut anwendbarer Merkmale anführen, liegt mit „deutsch“ wohl einer der umstrittensten Begriffe der mitteleuropäischen Historiographiegeschichte vor. Das eigene Wirkungsfeld oder den eigenen Mitgliederstamm damit ethnisch oder national abzugrenzen, wie es die Deutsche Gesellschaft in Pennsylvanien tat,11 wäre im deutschen Sprachraum schlicht sinnlos gewesen. Überdies nahmen die Deutschen Gesellschaften immer wieder Gelehrte aus anderen Teilen Europas auf. Ihn als Bezeichnung des Trägers zu verstehen, führt nur auf andere Abwege, da das Heilige Römische Reich Deutscher Nation weder institutioneller Träger dieser Gesellschaften war, noch sich deren Ausbreitung auf den Boden des Alten Reichs beschränkte. Dass Bedeutung und Schreibweise des Wortes „deutsch“ Gegenstand der Diskussion in den Deutschen Gesellschaften selbst waren, zeigt, dass es keine allgemein akzeptierten Realitäten und Voraussetzungen beschrieb, sondern ein

|| 9 Ulrich Im Hof: Das gesellige Jahrhundert. Gesellschaft und Gesellschaften im Zeitalter der Aufklärung. München 1982. 10 Vgl. zur Geschichte der Deutschen Gesellschaft in Königsberg bis 1945 Carl Diesch: Die Staats- und Universitätsbibliothek und das wissenschaftliche Leben in Königsberg 1927–1945. Eingeleitet u. kommentiert v. Manfred Komorowski. In: Bibliothek. Forschung und Praxis 18 (1994), S. 380f. 11 Diese Deutsche Gesellschaft verstand sich nach Ausweis ihrer Präambel von 1764 als eine „Gesellschaft zur Hülffe und Beystand der armen Frembdlinge Teutscher Nation in Pensylvanien“. – Vgl. Oswald Seidensticker: Geschichte der Deutschen Gesellschaft von Pensylvanien von der Zeit der Gründung 1764 bis zum Jahre 1876. Philadelphia 1876, S. 40.

Untersuchungsgegenstand und Fragestellung | 5

Programm. Analog zu anderen Sozietätstypen der Aufklärung wie den Lesegesellschaften oder den Ökonomischen Gesellschaften war „deutsch“ nicht Ausgangspunkt, sondern Zielsetzung dieser Gesellschaften. Eine nähere Bestimmung dieses Ziels leisteten viele Statuten mit der häufig gebrauchten Formulierung „Pflege der deutschen Sprache, Poesie und Beredsamkeit“ – und eben mit der Selbstbenennung als „Deutsche Gesellschaft“. Auf Grundlage dieser Überlegungen sollen die Deutschen Gesellschaften wie folgt definiert werden: Unter Deutschen Gesellschaften ist eine Bewegung aufgeklärter Sozietäten im deutschen Sprachraum zu verstehen, deren im Gesellschaftsnamen erklärtes Ziel und Tätigkeitsschwerpunkt die Pflege der deutschen Sprache, Poesie und Beredsamkeit war. Eine derart enge Anlehnung an den Gesellschaftsnamen mag einer solchen Definition den Vorwurf zuziehen, in fast tautologischer Verengung ein komplexes Bündel von Sozietätsmerkmalen mit bloßer Wortklauberei unzulässig zu vereinfachen und Variationen dieses Sozietätsmodells ebenso wie dessen Adaptionen in anderen Kontexten zu ignorieren. Eine Definition ‚dem Namen nach‘ leistet jedoch durchaus mehr als nur eine einfache Handhabbarkeit; als Definition ‚von innen‘ folgt sie dem Selbstverständnis der Deutschen Gesellschaften und zeigt so an, dass sich ihre Mitglieder zumindest zum Zeitpunkt der Gründung dieser Geselligkeitsform zurechneten und sich ihren Zielen verschrieben. Sie steht zudem in der Forschungstradition, aufgeklärte Sozietäten nach ihren Zielsetzungen einzuteilen.12 Bewusst ausgeklammert bleibt in diesem Kontext die Frage, ob und inwieweit die Gesellschaften ihre selbstgesteckten Programme tatsächlich einlösten. Ohne späteren Ergebnissen vorzugreifen, sind auf diesem Feld teils erhebliche Abweichungen zu konstatieren. Regionale, institutionelle und individuelle Besonderheiten, aber auch strukturelle Gründe haben eine Rolle dabei gespielt, dass sich manche Deutschen Gesellschaften thematisch ausweiteten und fernab ihrer erklärten Gründungsziele agierten. Gerade solche Divergenzen aber lenken den Blick zurück auf den programmatischen Ausgangspunkt als einigende Klammer und legen es umso näher, die Bewegung nach ihrem Antrieb zu charakterisieren.

|| 12 Vgl. mit Aufführung der älteren Literatur Zaunstöck: Sozietätslandschaft und Mitgliederstrukturen, S. 38.

6 | Einleitung

Schwierigkeiten hingegen bereitet der Versuch, auf dieser Basis aus der Fülle der aufgeklärten Sozietäten die einzelnen Deutschen Gesellschaften herauszulösen und diese nicht intensional mit einer abstrakten Definition, sondern extensional nach ihrem konkreten Umfang zu bestimmen.13 Eben diesen Weg haben die meisten Darstellungen beschritten und sich dabei keineswegs auf ausdrücklich als „Deutsche Gesellschaft“ titulierte Sozietäten beschränkt. So hat Wolfram Suchier in seiner Aufstellung von „ähnlichen Vereinen mit anderen Namen“ gesprochen.14 Dazu gehören etwa die Gegengründungen, die Johann Andreas Fabricius mit der Vertrauten Rednergesellschaft in Thüringen in Jena oder Christian Heinrich Gütther in Königsberg mit der Freyen Gesellschaft vornahmen. Als Gründung neben der in Leipzig existierenden Deutschen Gesellschaft kann die Gesellschaft der schönen Wissenschaften und der freyen Künste begriffen werden, die gemeinsam mit anderen Sozietäten gleichen Namens in Kiel und Öttingen am Ries in zahlreichen Aufzählungen als verwandte Gesellschaften erscheinen.15 Seltener tauchten die Rednergesellschaften in Leipzig, Brieg oder Nordhausen und ausgesprochene Literaturgesellschaften wie Marburg in den Listen auf. Unklar blieb auch die Grenze zu Gelehrten Gesellschaften, insbesondere wenn diese sich der deutschen Sprache zuwandten; schon Zedlers Enzyklopädie hatte die Deutsche Klasse der Berliner Akademie als „Deutsche Gesellschaft“ bezeichnet,16 Fabricius sie „in gewisser Masse“ als zugehörig angesehen.17 Die Gottscheds Zielen nahestehende Zittauer „Lehrbegierige Gesellschaft“ wurde in der Lokalgeschichtsschreibung als „Collegium Teutoniko-Poeticum“18 bezeichnet, die Duisburgische Gelehrte Gesellschaft sah Eugen Wolff als einen „Seitentrieb dieses Gesellschaftslebens“19 an. Diese wiederum führten Suchier, der seinerseits die Berliner Akademieklasse ausschloss, sowie Cherubim und Walsdorf in ihren

|| 13 Vgl. zum Komplex der intensionalen und extensionalen Definitionen einführend Edmund Rungaldier: Analytische Sprachphilosophie. Stuttgart, Berlin u. Köln 1990, S. 82–88. 14 Suchier: Mitglieder, S. 48. 15 Vgl. Eugen Wolff: Gottscheds Stellung im deutschen Bildungsleben. Bd. 2. Kiel u. Leipzig 1897, S. 3. 16 Vgl. Art. Teutsche Gesellschaft zu Berlin. In: Zedler: Universal-Lexicon. Bd. 42, Sp. 1819f. 17 Fabricius: Historie der Gelehrsamkeit. Bd. 3, S. 777. 18 Vgl. Christian Gottlieb May: Zittau, im Literar-Verhältnis der Vorzeit und Gegenwart. Zittau u. Leipzig [o.J.], S. 17. 19 Vgl. Wolff: Gottscheds Stellung. Bd. 2, S. 5. Vgl. dazu auch die Einschätzung in Johann Christian Christoph Rüdiger: Neuester Zuwachs der teutschen, fremden und allgemeinen Sprachkunde in eigenen Aufsätzen, Bücheranzeigen und Nachrichten. Viertes Stück. Leipzig 1785, S. 167: „Sie ist zwar nicht bloß aber doch zugleich teutsche Gesellschaft.“

Untersuchungsgegenstand und Fragestellung | 7

Katalogen Deutscher Gesellschaften auf.20 Es klingt wie eine Kapitulation vor der Unabgrenzbarkeit dieser Sozietätsbewegung, wenn Carl Diesch seine Aufzählung mit der pauschalen Nennung anderer Gesellschaften beschließt, „die mit mehr oder weniger Recht dem Kreise der D.G. zugezählt werden können“.21 In der vorliegenden Arbeit werden ausschließlich Sozietäten behandelt, die sich der deutschen Sprache und Literatur widmeten. So reizvoll es wäre, eine im europäischen Maßstab vergleichende Untersuchung dieses Sozietätstypus etwa im Blick auf die Accademia della Crusca, die Select Society for Promoting the Reading and Speaking of the English Language in Scotland,22 den ungarischen Verein und Gesellschaft zur Pflege der slowakischen Sprache in Preßburg23 oder die Gesellschaft zur Verbesserung der dänischen Geschichte und Sprache anzustellen – es würde den Rahmen dieser Studie sprengen. Aus dem gleichen Grund bleiben die Lateinischen, Englischen oder Französischen Gesellschaften im deutschen Sprachraum außen vor, obwohl diese strukturell teilweise ähnlich waren. Das Vorhaben, eine Vielzahl von Sozietäten und Sozietätstypen mit teils sehr ähnlichen Merkmalen begrifflich klar voneinander zu scheiden und zu klassifizieren, mag Zusammenhänge herstellen; es zerstört aber zugleich andere Zusammenhänge und bleibt letztlich willkürlich. Wenn im Folgenden eine engere Auslegung des Begriffs „Deutsche Gesellschaft“ den Kreis der behandelten Gesellschaften begrenzt, sollen deren teilweise starken Affinitäten zu Gesellschaften der schönen Wissenschaften, Rednergesellschaften oder anderen Gelehrten Gesellschaften in keiner Weise geleugnet werden. Letztlich schafft aber eine Einbeziehung dieser Sozietätsformen keine klareren und praktikableren Grenzen, sondern wirft nur neue und wohl auch größere Abgrenzungsprobleme zu den Geselligkeitsformen auf, die den letztgenannten nahestanden, etwa zu Predigergesellschaften oder vielen anderen Gelehrten Gesellschaften, die sich im Laufe des 18. Jahrhunderts immer weiter der deutschen Sprache öffneten. Den zahlreichen Ähnlichkeiten zwischen den oben genannten Sozietätsformen soll Rechnung getragen werden, indem in einem eigenen Abschnitt die Deutschen Gesellschaften im engeren Sinne mit den ihnen affinen Sozietätsformen verglichen werden. || 20 Vgl. Suchier: Mitglieder, S. 47; Cherubim u. Walsdorf: Sprachkritik als Aufklärung, S. 152. 21 Diesch: Deutsche Gesellschaften, S. 231. 22 Vgl. zu dieser Iris Fleßenkämper: Considerations – Encouragements – Improvements. Die Select Society in Edinburgh 1754–1764. Soziale Zusammensetzung und kommunikative Praxis einer schottischen Gelehrtengesellschaft zur Zeit der Aufklärung. Berlin 2010, S. 310–315. 23 Vgl. zu diesen Josef Schroedl: Geschichte der evangelischen Kirchengemeinde A.B. zu Pozsony/Preßburg. Teil II: Einzeldarstellungen aus der inneren Geschichte der Gemeinde. Preßburg 1906, S. 306–310.

8 | Einleitung

Eine engere Auswahl wurde nicht getroffen, vielmehr wurden alle ermittelten Deutschen Gesellschaften mit ihren Mitgliedern und Werken in die Studie einbezogen. Ein Katalog der behandelten Sozietäten im Anhang führt die als Deutsche Gesellschaften im engeren Sinne bezeichneten auf. Da die Überlieferungslage zu den einzelnen Gesellschaften sehr unterschiedlich ausfällt und diese deshalb auch in entsprechend unterschiedlicher Breite und Tiefe behandelt werden können, soll dieser Katalog zugleich als kurze Geschichte der jeweiligen Gesellschaft und Vademecum für weitere Forschungen dienen. Verführerisch erscheint es vor diesem Hintergrund, eine histoire totale der Sozietätsbewegung „Deutsche Gesellschaft“ zu verfassen, die ihre Genese, ihre Organisationsformen, ihren Mitgliederstamm und ihre Vernetzungen ebenso in den Blick nimmt wie eine Katalogisierung und Einordnung ihrer Werke in die Literatur- und Wissenschaftsgeschichte. Zahlreiche dieser Aspekte sollen zur Sprache kommen, manche Themenfelder, die eher der Sprach- und Literaturwissenschaft zuzurechnen sind, werden aber auch ausgeblendet. Insbesondere muss eine Einordnung in eine Literaturgeschichte als reine Textgeschichte genauso unterbleiben wie die in die Geschichte der Sprachwissenschaft. Reizvoll wäre es etwa gewesen, der Frage nachzugehen, wie sich der Anspruch auf die Pflege einer Hochsprache mit der sprachlichen Wirklichkeit der gesellschaftlichen Ausarbeitungen vertrug. Einzelne Äußerungen über das Vorkommen von Regionalismen mögen einiges erhellen können, sind aber keine tragfähige Basis für die Klärung dieser Fragen, die einer sprachwissenschaftlichen Analyse der gedruckten und handschriftlichen Arbeiten der Mitglieder in repräsentativer Auswahl vorbehalten bleiben muss. Die Inventarisierung dieser Arbeiten stellt immerhin einen wichtigen ersten Schritt in diese Richtung dar. Nicht weniger interessante Ergebnisse verspräche eine inhaltliche Auswertung der über 5000 erfassten Arbeiten, die nur zum Bruchteil Eingang in die Literaturgeschichte oder die Geschichte ihrer jeweiligen Fachdisziplin gefunden haben. Auch unter der Voraussetzung, dass die in den Gesellschaften entstandenen Texte kaum als Höhepunkte der Geschichte ihrer Gattung gelten können, liegt hier ein einzigartiger Fundus von Quellen vor, der die Geschichte der jeweiligen Disziplin aus der Sicht der Lernenden und ‚Dilettanten‘ beleuchten kann. Gleiches gilt für die Geschichte der Philosophie; zahlreiche Texte werfen Licht auf die Geschichte des Wolffianismus und die Popularphilosophie der deutschen Aufklärung. Epochemachend sind sie kaum zu nennen, epochentypisch allerdings unbedingt. Mit Abhandlungen zu theologischen, historischen, rechtlichen bis hin zu naturwissenschaftlichen Fragen ließe sich die Reihe in gleicher Weise fortsetzen. Die vorliegende Arbeit blendet diese sprach-, literatur-, philosophie- und wissenschaftsgeschichtlichen Aspekte zwar nicht völlig aus, vernachlässigt sie

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jedoch bewusst und behandelt die Texte der Deutschen Gesellschaften als Sprechakte im Sinne John L. Austins, mit deren Hilfe die Sozietäten versuchten, sich im gelehrten Feld bestmöglich aufzustellen.24 Deutlich unterbelichtet erscheinen in dieser Arbeit ferner die lokalen Zusammenhänge am jeweiligen Sozietätssitz. Dass die einzelnen Deutschen Gesellschaften Teil einer gesamtdeutschen Sozietätsbewegung waren, bedeutete keinesfalls, dass sie von ihrer jeweiligen regionalen Umgebung abgehoben existierten. Zweifellos spielten regionale und lokale Besonderheiten in die Geschichte dieser Gesellschaften hinein und beeinflussten diese zum Teil erheblich. Sie alle zu würdigen würde jedoch den Rahmen dieser Arbeit völlig sprengen, so dass die Auseinandersetzung mit diesen Besonderheiten gesonderten Studien zu Einzelsozietäten vorbehalten bleiben muss. Auch fehlt der Vergleich mit affinen Sozietätsformen in Europa, die allerdings für das 18. Jahrhundert sehr selten gewesen zu sein scheinen.25 All diesen Lücken zum Trotz erhebt die vorliegende Arbeit den Anspruch, als eine erste Gesamtdarstellung dieser Sozietätsbewegung wesentliche Aspekte ebenso zusammenhängend wie differenziert zur Sprache zu bringen. Nicht weniger verführerisch als der Gedanke einer Gesamtdarstellung mag es sein, die Bedeutung des Forschungsgegenstandes „Deutsche Gesellschaften“ dadurch aufzuwerten, dass man ihre Bedeutung für die ‚Moderne‘ herausarbeitet. Unter dem Paradigma eines ‚Aufstiegs des Bürgertums‘ galten und gelten aufgeklärte Sozietäten mit freiwilliger Mitgliedschaft, egalitärer Geselligkeit und geschriebenen Statuten als ‚Protoverfassungen‘ häufig als Vorreiter der bürgerlicher Emanzipation.26 Zuschreibungen aus dieser Sicht sind zwar nicht so häufig wie bei den Sozietätsformen der Freimaurer oder dem Illuminatenorden, dominieren – und verstellen – aber bislang in unterschiedlicher Form den Blick auf die Deutschen Gesellschaften. So hieß es über ihre Statuten: „Demokrati-

|| 24 Vgl. dazu Kap. 4.2 Reden und Schreiben. 25 Vgl. Wolfgang Hardtwig: Art. Deutsche Gesellschaften. In: EdN 2 (2005), Sp. 938. 26 Vgl. bspw. Fred E. Schrader: Die Formierung der bürgerlichen Gesellschaft 1550–1850. Frankfurt a.M. 1996, S. 76–92; Emanuel Peter: Geselligkeiten. Literatur, Gruppenbildung und kultureller Wandel im 18. Jahrhundert. Tübingen 1999, aber auch die Germanistik der DDR, in denen in den Deutschen Gesellschaften eine „Tendenz zur bürgerlichen Sprachnation“ erkennbar werden soll. – Werner Bahner u. Werner Neumann (Hg.): Sprachwissenschaftliche Germanistik. Ihre Herausbildung und Begründung. Berlin 1985, S. 216. Wiederholt wird diese Auffassung der Deutschen Gesellschaften als „Teil einer zunehmenden Selbstorganisation des gebildeten städtischen Bürgertums“ noch jüngst bei Nina Hahne: Der Rede-Essay als Selbsttechnik in Deutschen Gesellschaften des 18. Jahrhunderts. In: Markus Meumann u. Olaf Simons (Hg.): Aufsatzpraktiken im 18. Jahrhundert. Hamburg 2017, S. 191.

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sche Verhaltensregeln steuerten den Bildungsprozeß“27 und auch die „kritische gegenseitige Kontrolle“28 habe eine Geselligkeitsform des Ancien Régime als „Mittelpunkt moderner intellektueller Bestrebungen“29 im Vorzimmer einer entwickelten demokratischen Gesellschaft platziert. Andere Vereinnahmungen traten hinzu, so universitätsgeschichtlich jene als „Vorform seminaristischen Betriebs“30 der modernen Universität. Es ist nicht zu leugnen, dass einzelne Merkmale der Deutschen Gesellschaften sich als Vorboten oder Anfänge späterer Entwicklungen ansehen lassen. Eine Deutung im Lichte des Vorscheins lässt jedoch maßgebliche Aspekte im Dunkeln und leidet an dem Gebrechen jeglicher Teleologie, dass keine Zukunft Ursache einer Vergangenheit oder Gegenwart sein kann. Auf diesem Wege kann nur eine Vorgeschichte der jeweiligen Gegenwart, nicht aber eine Geschichte der Sozietätsbewegung selbst entstehen.31 Demgegenüber versteht die vorliegende Studie die Deutschen Gesellschaften dezidiert als eine Erscheinung des 18. Jahrhunderts und versucht, deren Entwicklung aus der Eigenlogik der damaligen Ständegesellschaft heraus zu deuten. Dabei geht sie von der institutionellen und sozialen Basis aus, der Ge-

|| 27 Richard van Dülmen: Die Gesellschaft der Aufklärer. Zur bürgerlichen Emanzipation und aufklärerischen Kultur in Deutschland. Frankfurt a.M. 1986, S. 52, aufgegriffen von Wolfgang Hardtwig: „In der Tat intendierten die Gesellschaften über die philologische Arbeit hinaus einen gemeinsamen, von demokratischen Verfahrensregeln gesteuerten Bildungsprozeß.“ – Wolfgang Hardtwig: Genossenschaft, Sekte, Verein in Deutschland. Bd. 1: Vom Spätmittelalter bis zur Französischen Revolution. München 1997, S. 229. Auch Thomas Charles Rauter: The Eighteenth-Century „Deutsche Gesellschaft“: A Literary Society of the German Middle Class. Diss. Urbana, Illinois 1970, spricht S. 77 von „vigorously democratic principles of the society’s statutes“. Vgl. auch jüngst Fleßenkämper: Considerations – Encouragements – Improvements, S. 36; Marc Banditt: Gelehrte – Republik – Gelehrtenrepublik. Der Strukturwandel der Naturforschenden Gesellschaft in Danzig 1743 bis 1820 und die Danziger Aufklärung. Wiesbaden 2018, S. 39. 28 Dülmen: Gesellschaft der Aufklärer, S. 50. 29 Rolf Engelsing: Der Bürger als Leser. Lesergeschichte in Deutschland 1500 bis 1800. Stuttgart 1974, S. 110. 30 Klaus Weimar: Geschichte der deutschen Literaturwissenschaft bis zum Ende des 19. Jahrhunderts. Paderborn 2003, S. 50. Ausführlich zu diesem Thema mit gleicher Stoßrichtung Wilhelm Erben: Die Entstehung der Universitäts-Seminare. In: Internationale Monatsschrift für Wissenschaft, Kunst und Technik 7 (1913), Sp. 1262. 31 Vgl. zur Kritik moderner Vereinnahmungen der Aufklärung Andreas Pečar u. Damien Tricoire: Falsche Freunde. War die Aufklärung wirklich die Geburtsstunde der Moderne? Frankfurt a.M. 2015; Dan Edelstein: The Enlightenment. A Genealogy. Chicago 2010, S. 95. Vgl. zur Kritik von Teleologie grundlegend Karl Löwith: Weltgeschichte und Heilsgeschehen. Die theologischen Voraussetzungen der Geschichtsphilosophie. Stuttgart 1953.

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lehrsamkeit, die sich in erster Linie an den deutschen Universitäten und Gymnasien, aber auch an den Höfen und in privaten Zirkeln organisierte. Ziel der Deutschen Gesellschaften war es, so lautet die These der Arbeit, über die „Pflege der deutschen Sprache, Poesie und Beredsamkeit“ die Gelehrten aus den Schranken der Latinität zu größerer Beachtung und Achtung in der Ständegesellschaft zu führen. Dabei war die Hinwendung zur Muttersprachlichkeit Teil einer umfassenden Habitusänderung der Gelehrten, die sich an den Idealen von Klarheit und Nutzen für das Gemeinwesen orientieren sollte. Ihre Mitglieder sollten so über ihre in den Gesellschaften erworbenen bzw. geschulten intellektuellen und moralischen Qualitäten den Gelehrtenstand als neue nobilitas literaria distinguieren und zu einer zentralen gesellschaftlichen Kraft aufwerten. Indem sie dieses Ziel verfolgten, entwickelten die Gesellschaften Normen und Praktiken, die teilweise an die in der gelehrten Welt vorgefundenen anknüpften, diese teilweise aber auch unter ihren Idealen von Klarheit und Nutzen transformierten. Damit zieht diese Arbeit die Theorie des französischen Soziologen Pierre Bourdieu über die „feinen Unterschiede“32 sowie seine „Theorie der Praxis“33 heran, die schon seit längerem in den historischen Disziplinen auf die Gesellschaften der Vormoderne angewendet werden.34 Sie setzen sich von einer kritiklosen Übernahme subjektiver ‚Erlebnisse‘ der Handelnden ebenso ab wie gegen eine Überfrachtung mit theoretischen Vorannahmen. Der praxeologische Ansatz begreift die Praktiken als wechselseitige Bedingtheiten objektiver Bedin-

|| 32 Pierre Bourdieu: Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft. Frankfurt a.M. 1987 (zuerst 1979). 33 Ders.: Entwurf einer Theorie der Praxis auf der ethnologischen Grundlage der kabylischen Gesellschaft. Frankfurt a.M. 1979 (zuerst 1972). 34 Pierre Bourdieu hat nur einen Aufsatz publiziert, der sich explizit mit der Geschichte der Frühen Neuzeit befasst: Von der königlichen Hausmacht zur Staatsraison. Ein Modell der Genese des bürokratischen Feldes. In: Ders.: Schwierige Interdisziplinarität. Zum Verhältnis von Soziologie und Geschichtswissenschaft. Hg. v. Elke Ohnacker u. Franz Schultheis. Münster 2004, S. 24–47. Vgl. zur Anwendbarkeit von Bourdieus Theorien in der Frühneuzeitforschung Marian Füssel: Die feinen Unterschiede in der Ständegesellschaft. Der praxeologische Ansatz Pierre Bourdieus. In: Ders. u. Thomas Weller (Hg.): Soziale Ungleichheit und ständische Gesellschaft. Theorien und Debatten in der Frühneuzeitforschung. Frankfurt a.M. 2011, S. 24–46; ders.: Praxeologische Perspektiven in der Frühneuzeitforschung. In: Arndt Brendecke (Hg.): Praktiken der Frühen Neuzeit. Akteure – Handlungen – Artefakte. Köln, Weimar u. Wien 2015, S. 21–33; Arndt Brendecke: Von Postulaten zu Praktiken. Eine Einführung. In: Ebd., S. 13–20; Sven Reichardt: Bourdieu für Historiker? Ein kultursoziologisches Angebot an die Sozialgeschichte. In: Thomas Mergel u. Thomas Welskopp (Hg.): Geschichte zwischen Kultur und Gesellschaft: Beiträge zur Theoriedebatte. München 1997, S. 71–93.

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gungen und der Wahrnehmungsweisen der Akteure: Deren Handlungsweisen folgen eigenen Logiken, die ihren – von objektiven Bedingungen geformten – Wahrnehmungen eben dieser objektiven Bedingungen verpflichtet sind.35 Schlüssel zum Verständnis dieser Logiken sind die Handlungen: „Im opus operatum und in ihm allein enthüllt sich der modus operandi […].“36 Dabei griffe es jedoch zu kurz, die Vielfalt der Orte, Jahrzehnte und Personen zu leugnen und diese Sozietätsbewegung als monolithischen Block zu behandeln, deren Mitglieder von den Schlüsselfiguren über die Studenten bis hin zum weit entfernten Ehrenmitglied auf ein einziges Programm und eine einheitliche Praxis eingeschworen waren. Vielmehr traten zahlreiche Ziele, Wünsche und Ängste der unterschiedlichen Akteure hinzu, koexistierten und durchdrangen sich, behinderten, ergänzten und verstärkten einander. Der Weg der Gelehrten aus dem Elfenbeinturm soll deshalb nicht als ‚Siegeszug einer Idee‘ beschrieben werden. Anspruch und Wirklichkeit dieser Sozietätsbewegung sollen gleichermaßen und in ihren Wechselwirkungen thematisiert und dabei auch Antworten darauf gegeben werden, ob das Auslaufen dieses Sozietätsmodells gegen Ende des 18. Jahrhunderts als Zeichen seines Scheiterns oder seines Erfolges zu werten ist. In seiner Studie über Die feinen Unterschiede hat Bourdieu Formen des Kapitals von Persönlichkeiten oder Gruppen analysiert, die sich als anschlussfähig nicht nur für die hochgradig distinktive Gesellschaft der Frühen Neuzeit erwiesen haben. So hat der Begriff des sozialen Kapitals Eingang in die Netzwerkforschung gefunden,37 deren Ansätze und Methoden sich auf mehreren Ebenen für eine Analyse der erhobenen Mitgliedsdaten fruchtbar machen lassen. Als Teil und Instrument des persönlichen Netzwerks eines Mitglieds spielten die Deutschen Gesellschaften genauso eine Rolle, wie sie selbst durch einflussreiche Protektoren und prominente Ehrenmitglieder sowie durch Mehrfachmitgliedschaften und andere Kooperationsformen mit anderen Deutschen Gesellschaften Netzwerke aufbauten und pflegten. Der Ansatz Bourdieus, den Habitus als eine zentrale Beschreibungskategorie und das Streben nach Distinktion als einen Schlüssel des Handelns anzusehen, hat sich in der Frühneuzeitforschung als ebenso fruchtbar erwiesen wie der Versuch, soziales Handeln aus der Eigenlogik der untersuchten und nicht den wechselnden Interessen der untersuchenden Personen und Gesellschaften

|| 35 Vgl. Bourdieu: Entwurf einer Theorie der Praxis, S. 257. 36 Ebd., S. 209. 37 Vgl. zum Zusammenspiel von Netzwerk und sozialem Kapital Dorothea Jansen: Einführung in die Netzwerkanalyse. Grundlagen, Methoden, Forschungsbeispiele. 3. Aufl. Wiesbaden 2006.

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zu begreifen. Ihr Reiz für die vorliegende Arbeit liegt zum einen in der fundamentalen Opposition, in der ihre Anwendung zum gängigen Bild aufgeklärter Sozietäten als Kritiker des Ancien Régime und Wegbereiter bürgerlicher Gleichberechtigung steht. Zum anderen ermöglicht es gerade dieser Ansatz, eine Deutung aus dem ständisch-distinktiv geprägten Selbstverständnis der Verfechter, Gegner und Zuschauer dieser Sozietätsbewegung heraus zu entwickeln und nicht modernere Kategorien an die Akteure heranzutragen.

Methoden und Darstellungsweisen Gemäß ihrem Ansatz, die Deutschen Gesellschaften in ihrer Eigenlogik zu erfassen und zu interpretieren, will sich die vorliegende Arbeit nicht auf isolierte Einzelgesichtspunkte beschränken. Im Gegenteil sollen wenn auch nicht alle, so doch zahlreiche Facetten in ihrem Zusammenspiel dargestellt werden. Dies erfordert auch eine methodische Pluralität, die sich in drei Hauptstränge aufgliedert. Unverzichtbare Grundlage ist die aus den Quellen geschöpfte Rekonstruktion der Ereignisse und deren zusammenhängende Erzählung. Für eine Gesamtdarstellung dieser Bewegung aber erweist sich eine rein chronologische Erzählung als Darstellungsform nicht nur deshalb als unangemessen, weil mehrere fast zeitgleich ablaufende und häufig ähnliche Erzählstränge nicht auszubreiten sind, ohne ein kaum zu entwirrendes Knäuel an Einzelgeschichten zu präsentieren. Es fiele so auch schwer, systematische Fragestellungen zu verfolgen und den Gesellschaften gemeinsame Strukturen und Probleme herauszuarbeiten. Die Arbeit ist deshalb nicht chronologisch, sondern systematisch nach verschiedenen Handlungsfeldern gegliedert. Beabsichtigt ist, diese Felder nicht für sich stehen zu lassen, sondern in ihren wechselseitigen Verflechtungen vorzuführen. In ihrer Abfolge aufeinander aufbauend, soll so ein möglichst dichtes Bild dieser Sozietätsbewegung entstehen. Die einzelnen Deutschen Gesellschaften freilich erscheinen in einer solchen Bildkomposition gezwungenermaßen unterbelichtet. Ihre individuellen Geschichten werden nicht zusammenhängend erzählt, sondern von Fall zu Fall illustrierend herangezogen. Gleiches gilt für ihre Umgebung, wohl wissend, dass die einzelnen Sozietäten nicht nur Teil einer Sozietätsbewegung waren, sondern auch Teil der jeweiligen Sozietätslandschaft, ihres gelehrten Umfelds, des jeweiligen Ortes, Territoriums und einer bestimmten Region. Diesem Defizit soll wenigstens teilweise abgeholfen werden, indem in einem Katalog der Deutschen Gesellschaften die Grundzüge ihrer Geschichte mit Angaben zu ihrer Mitgliederschaft, ihren Publikationen sowie den einschlägigen Quellen und Darstellungen im Anhang aufgeführt werden.

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Mit dem Anspruch der Deutschen Gesellschaften, die deutsche Sprache, Poesie und Beredsamkeit zu pflegen, stand fest, worin ihre Tätigkeit sich niederzuschlagen hatte. Ihr wesentliches Produkt waren die von den Mitgliedern verfassten, vorgetragenen und teilweise publizierten Texte. Es liegt also mehr als nahe, ihre Lektüre und Interpretation zu einer zentralen Methode dieser Arbeit zu machen. Kaum eine zeitgenössische Textgattung blieb von den Deutschen Gesellschaften unbearbeitet, das Spektrum reicht von den normativen Texten der Statuten über gelehrte Abhandlungen in zahlreichen Disziplinen bis hin zu Wörterbüchern, von Gelegenheitsgedichten bis zu Versepen. Ähnliches gilt für das sprachliche und gedankliche Niveau der gesellschaftlichen Produkte. Bald nach Erscheinen kanonisierte Texte wie Schillers Abhandlung über die „Schaubühne als eine moralische Anstalt“ stehen neben unbeholfenen literarischen Erstlingen. Deren Untersuchung nach Vorbildern, bewussten und unbewussten Voraussetzungen und Intentionen verspricht Aufschlüsse über das Selbstverständnis der Vereinigungen und ihrer Mitglieder. Zugleich lassen die Texte es zu, Konsens und Dissens innerhalb der Gesellschaften, aber auch ihren Rang in der gelehrten Welt zu verorten. Ihre Zahl geht in die Tausende, so dass Vollständigkeit zwar in der bibliographischen Erfassung versucht wurde, in der Lektüre aber von vornherein utopisch ist. Die Auswahl der herangezogenen Texte gründet sich auf eine Vielzahl von Faktoren wie dem gelehrten und dem innergesellschaftlichen Rang des Autors, Samples nach Gesellschaften, Textgattungen, behandelten Themen etc. sowie einer breiten Zufallsauswahl. Eine literarische Höhenkammwanderung soll so ebenso vermieden werden wie die schon von spöttischen Zeitgenossen geübte Abqualifizierung als peinlicher Dilettantismus. Aller Reflexion einer solchen Auswahl zum Trotz bleibt beim Verfahren klassischer Textinterpretation das Problem, die weit überwiegende Zahl der Texte nicht zu Wort kommen zu lassen und der Masse des Geschriebenen nicht gerecht zu werden. Ähnlich könnte der Vorwurf hinsichtlich der Mitglieder lauten: Angesichts von über dreißig Gesellschaften, mehreren tausend Mitgliedern und Mitgliedschaften muss eine belastbare Analyse prosopographisch vorgehen und eher auf die Gruppen, Durchschnittswerte und Strukturen zielen als auf die wenigen prominenten Personen. Zahlen und Figuren sind methodisch nicht der einzige, aber ein legitimer Schlüssel der Kreaturen, die in ihrer Summe die Deutschen Gesellschaften bewegten und von ihnen bewegt wurden. Quantifizierende Verfahren sollen auf mehreren Feldern zur Anwendung kommen, wobei zahlreiche Segmentierungen, Differenzierungen und Kombinationen der Einzelmerkmale möglich sind.

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Die ermittelten Daten sind in einer Access-Datenbank zusammengefasst, die sie in fünf Tabellen organisiert. Ausgangspunkt ist eine Tabelle über die Sozietäten, die deren Namen, Ort, Territorium, institutionelle Verortung, zeitliche Dauer und Mitgliederzahl aufführt. Die Organisation der Gesellschaften über schriftliche Statuten ist Gegenstand einer weiteren Tabelle, die neben Stammdaten wie Sozietät, Verfasser, Titel, Datum, Umfang oder Überlieferungsform die behandelten Felder der Organisation und die zu vergebenden Ämter, aber auch die Beeinflussung durch die Statuten anderer Deutscher Gesellschaften systematisiert. Ungleich größer sind die hierauf folgenden Tabellen, als deren Basis diejenige zu den Mitgliedern gelten kann. Neben dem Namen und den Lebensdaten des Mitglieds erfasst sie dessen lokale und territoriale Herkunft, seine Konfession, die eventuelle Zugehörigkeit zum Adel, Beginn und Ort des Universitätsbzw. Gymnasialbesuchs sowie das Vorhandensein von Publikationen. Diesen Angaben zugeordnet sind relationale Daten zu den Mitgliedschaften, die aus Daten zur Sozietät, dem Eintritts- und Austrittsdatum, den in der Gesellschaft bekleideten Funktionen sowie dem zum Eintrittszeitpunkt wahrgenommenen Beruf, akademischen Status und Aufenthaltsort sowie aus Daten zum Status als ordentliches, auswärtiges oder Ehrenmitglied bestehen.38 Die Tabelle zu den Werken schließlich führt die in der Gesellschaft entstandenen Ausarbeitungen mit den gängigen bibliographischen Angaben zur persönlichen und gesellschaftlichen Urheberschaft, zu Titel, Erscheinungsort und Jahr sowie gegebenenfalls zum übergeordneten Werk auf. Hinzu kommen Klassifikationen der Ausarbeitungen nach Textgattung und thematischer Ausrichtung. Allen fünf Tabellen gemeinsam sind Angaben zu Quellen und Literatur sowie Felder für nicht weiter quantifizierbare Bemerkungen. Diese Tabellen sind miteinander verknüpft und können nicht nur für sich ausgewertet, sondern auch in die unterschiedlichsten Beziehungen zueinander gesetzt werden, beispielsweise Anzahl und Muster von Mehrfachmitgliedschaften, Beziehungen zwischen Größe der Sozietät und der Existenz von Satzungen, Studienrichtung und Publikationsthemen der Mitglieder etc. Auf die Bildung von Samples wurde verzichtet, alle erreichbaren Daten wurden eingegeben und ausgewertet. Dass die Zufälle der Überlieferung auch für diese Arbeit ein Sample eigener Art gebildet haben, sei damit natürlich nicht geleugnet. Auch innerhalb der erhobenen Daten bestehen überlieferungsbedingte Ungleichgewichte. Für viele Gesellschaften ist man bei der Bestimmung ihrer Dau-

|| 38 Vgl. zu den Charakteristika relationaler Daten Jansen: Einführung in die Netzwerkanalyse, S. 59.

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er auf einzelne Erwähnungen angewiesen, wobei das Ende der meisten Gesellschaften nur schwer zu datieren ist. Präzise Mitgliederzahlen sind nur selten zu bestimmen, da selbst umfangreiche Mitgliederlisten nur Momentaufnahmen erlauben. Manche Statuten sind nicht überliefert, sondern können nur ihrer Existenz nach oder über die Erwähnung einzelner Bestimmungen vage erschlossen werden. Erlauben es die Listen beispielsweise, den Beruf und den akademischen Status der Mitglieder annähernd vollständig zu erheben, geben sie eher weniger Auskunft zum Datum ihres Eintritts. Vollständige Lebensdaten sind in großer Dichte, aber bei weitem nicht vollständig aus den zahlreichen Gelehrtenlexika, Adelskalendern oder Pfarrerbüchern39 zu erheben, die regionale Herkunft der Mitglieder lässt sich häufig aus den Matrikel40 ablesen, wohingegen ihre Konfession bei weitem nicht immer genannt wird. Während die gedruckten Werke der Gesellschaften sich bis auf wenige Kriegsverluste präzise einordnen lassen, sind deren ungedruckte Hinterlassenschaften nicht nur wesentlich zufälliger überliefert, sondern auch aufwändiger und weniger präzise zu beschreiben. In noch höherem Maße gilt dies für die Ausarbeitungen, von deren Existenz nur noch Einträge in den Protokollen oder Erwähnungen in anderen Quellen zeugen. Dennoch erlaubt es die umfangreiche Überlieferung, ein hinreichend dichtes Bild der Gesellschaften zu zeichnen, das weit über die Reihung punktueller Erkenntnisse hinausgeht. So sind die Angaben zur Herkunft, dem Beruf und akademischen Status der Mitglieder mit 99% quasi komplett, ihre Eintrittsdaten zu etwa 95% bekannt. Zu mehr als 80% der Mitglieder konnten die oben genannten biographischen Angaben vollständig ermittelt werden. Schwieriger sind dagegen Aussagen über die Dauer der Mitgliedschaften zu treffen, da das Datum des formellen Austritts aus der Gesellschaft nur über kontinuierliche Protokollserien fassbar wird und zahlreiche Mitgliedschaften tatsächlich schon lange vor dem Tod des Mitglieds erloschen waren, so dass hier lediglich Stichproben gemacht werden können. Die Aura des Exakten, die Tabellen, Grafiken und Diagramme verströmen, trügt zuweilen. Karteileichen verleihen sie gleiches Gewicht wie engagierten Mitgliedern, überführen Lücken der Überlieferung in Nullpunkte der Entwick-

|| 39 Vgl. zur Quellenkunde der Pfarrerbücher mit ausführlicher bibliographischer Erfassung Heinrich Löber: Bibliographie der Pfarrerbücher deutscher Landeskirchen nebst evangelischer Kirchen im europäischen Ausland. In: Aus evangelischen Archiven 53 (2013), S. 21–42. 40 Vgl. zu Matrikeln aus quellenkundlicher Sicht mit Hinweisen auf ältere Literatur Matthias Asche u. Susanne Häcker: Matrikeln. In: Ulrich Rasche (Hg.): Quellen zur frühneuzeitlichen Universitätsgeschichte. Typen, Bestände, Forschungsperspektiven. Wiesbaden 2011, S. 243–267.

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lung oder geben Gesellschaften am Rande der Wahrnehmbarkeit den Schein ungebrochener Kontinuität. Die Daten selbst, ihre Klassifizierung und Aggregierung können nicht unkommentiert für sich stehen, sondern bedürfen stets ihrer Ergänzung, Qualifizierung und Würdigung durch andere Quellen und Einordnung in größere Zusammenhänge. Insofern werden die genannten Methoden zwar immer wieder thematisch bezogene Schwerpunkte bilden, letztlich aber immer miteinander verwoben bleiben. Die Felder, auf denen die Sozietäten, ihre Mitglieder und ihre Zeitgenossen agierten, waren keineswegs in einer Systematik aufeinander bezogen, die eine bruchlose Bändigung der Faktenmassen in einer wissenschaftlichen Arbeit ermöglicht. Die zahlreichen Aspekte dieser Sozietätsbewegung schichten sich nicht übereinander, sondern sind wechselseitig in vielen Verknüpfungen aufeinander bezogen. Dem Forscher präsentieren sie sich als Konglomerat wie als Netz wechselseitiger Kausalitäten, Koppelungen und Interdependenzen, als Mit- oder Gegen-, als Von- oder Nebeneinander. Sie in das lineare Nacheinander eines Buchs zu überführen, lässt ihn stets zwischen einer Deformierung dieser Strukturen und einem Sichverheddern in ihnen lavieren. Gleichzeitig melden elf Jahrzehnte, fast vierzig Gesellschaften, zweitausendachthundert namentlich bekannte Mitglieder, politisch-kulturelle Räume von der Schweiz bis nach Königsberg und von der Wesermündung bis zu den Karpaten, drei hauptsächlich vertretene Bekenntnisse und unterschiedliche Träger einen enormen Differenzierungsbedarf.

Quellen Mit einer unbefriedigenden Quellenlage lässt sich die bisherige Vernachlässigung der Deutschen Gesellschaften kaum erklären. Im Gegenteil, zu etlichen Deutschen Gesellschaften liegt – auch und gerade im Vergleich zu anderen, besser erforschten Sozietätstypen – mit gedruckten und ungedruckten gesellschaftlichen Arbeiten, Statuten, Mitgliederlisten, Protokollen, Umläufen, Briefen, Memoiren und ähnlichem Material eine in die Breite und Tiefe gehende Quellenbasis vor, die Auskünfte zu den verschiedensten Fragen gibt, vom Programm der Bewegung bis hin zu den Banalitäten des gesellschaftlichen Alltags. Neben ihrem beachtlichen Umfang und der Fülle der in diesen Quellen berührten Themen sind die Vorteile dieses nach Quellentypen weit aufgefächerten Corpus nicht zuletzt quellensystematischer Natur; sie erlauben es zum einen, sowohl normativ die Zielvorstellungen der Akteure als auch deskriptiv das tatsächliche Geschehen in den Blick zu nehmen und somit Anspruch und Wirklichkeit nebeneinander zu stellen. Zum anderen nehmen sie unterschiedliche Perspektiven ein. Die Sicht der genehmigenden Obrigkeiten ist ebenso vertreten

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wie die der aufgeklärten Publizistik, diejenige der gesellschaftlichen Protagonisten ebenso wie die Voten der einfachen Mitglieder. Wie kommt diese Fülle zustande? Gelehrtengeschichtliche Arbeiten können in der Regel schon deshalb auf eine befriedigende Quellenlage41 zurückgreifen, da die Produktion, Publikation und Konsumtion von Texten ureigene Aufgabe der Gelehrten und deren Speicherung zentrales Anliegen war. Die Translokalität der gelehrten Welten hat die Entstehung und den Ausbau von Kommunikationsmedien wie Briefen42 und Rezensionen begünstigt. Die meisten Gesellschaften waren darauf ausgerichtet, in ihrer Umgebung positiv und dauerhaft wahrgenommen zu werden, veranstalteten also häufig öffentliche Sitzungen und gaben eifrig ihre Statuten, Mitgliederlisten, Einladungsschriften und sonstigen Werke in den Druck. Ihre Absicht, den Stil der Mitglieder durch Kritik zu schulen, begünstigte die schriftliche Niederlegung der Arbeiten und ihrer Beurteilungen. Ein weiterer Grund für den Quellenreichtum liegt in der institutionellen Anbindung der Gesellschaften. Die Deutschen Gesellschaften verstanden sich häufig als Einrichtungen einer übergeordneten Institution, in der Regel der Universität oder des Hofes. Deren Aufsichtsführung hat die Forschung Informationen etwa zu den Statuten, Mitgliedern und Finanzen der Deutschen Gesellschaften zu verdanken. Nicht zuletzt wurzelt diese günstige Quellenlage in der hohen Priorität, die die Gesellschaften Fragen ihrer eigenen Verfassung einräumten und dazu häufig auf Nachprüfbarkeit und somit Schriftlichkeit setzten, so dass regelrechte Gesellschaftsarchive wie in Bremen, Göttingen, Helmstedt, Königsberg oder Jena entstanden, in denen sich Protokolle, Rechnungsbücher, Umläufe, Mitgliederlisten und Schriftwechsel finden. Manchmal wurde das Archiv der Gesellschaft nach deren Ende der Bibliothek oder dem Archiv der Hochschule zur Verfügung gestellt. Die meisten dieser Archive haben sich in großem Umfang erhalten, als Verluste müssen lediglich die Archive der Deutschen Gesellschaften in Königsberg43 sowie in Teilen der Leipziger Gründung angesehen werden. Für das Archiv der Göttinger Deutschen Gesellschaft sind aufgrund des Fehlens etwa der Gottschediana und in anderen Zusammenhängen aufgetauchten Schriften gezielte Vernichtungen und Entfremdungen anzu|| 41 Vgl. zur Quellenkunde mit Schwerpunkt auf die Universitäten Rasche (Hg.): Quellen zur frühneuzeitlichen Universitätsgeschichte. Eine Bestandsaufnahme und Typologie von Quellen zu akademischen Sozietäten fehlen. 42 Vgl. dazu Detlef Döring: Gelehrtenkorrespondenz. In: Ebd., S. 315–340. 43 Das Archiv der Deutschen Gesellschaft in Königsberg befand sich in der dortigen Stadtbibliothek. – Vgl. Erich Jenisch: Ein unbekannter Jugendaufsatz Zacharias Werners. In: Euphorion 34 (1933), S. 413–437, der eine Handschrift Zacharias Werners als bei den Akten der Deutschen Gesellschaft in der Stadtbibliothek Königsberg befindlich erwähnt (S. 420).

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nehmen.44 Hinzu kommen Nachlässe der in den Deutschen Gesellschaften tätigen Gelehrten wie der Gottscheds in der Universitätsbibliothek Leipzig, der des Mannheimer Geschäftsverwesers Anton von Klein in der Bibliothèque nationale et universitaire de Strasbourg oder der des Altdorfer Vorstehers Georg Andreas Will in der Stadtbibliothek Nürnberg mit Briefwechseln und anderem Schriftgut mit gesellschaftlichem Bezug. Die meisten Deutschen Gesellschaften haben sich Statuten gegeben, aus denen ihre Zielsetzungen, ihre Organisation und ihr Selbstverständnis hervorgehen. Die dort enthaltenen Anleihen bei anderen Statuten geben Aufschluss über die vorbildgebenden Gesellschaften und können Filiationsverhältnisse erhellen. Es handelt sich dabei allerdings um normative Quellen, die nicht immer die tatsächlichen Abläufe wiedergeben müssen, und gerade in derart überschaubaren Gruppen, wie es die Deutschen Gesellschaften waren, konnten sich Einzelne immer wieder einen ‚in der Verfassung nicht vorgesehenen‘ Einfluss verschaffen. Häufig sind Mitgliederlisten veröffentlicht worden oder anderweitig überlie45 fert, die über die Größe hinaus soziale und konfessionelle Zusammensetzung verraten. Die quantitative und qualitative Entwicklung der Mitglieder lässt nicht nur Rückschlüsse auf Blüte und Verfall der Gesellschaften zu; sie ist zugleich Indikator von Schwerpunktverlagerungen in der Zusammensetzung und den Interessen, Öffnungen und Abschottungen des gesellschaftlichen Lebens sowie deren Stellung im Gesamtkontext der Deutschen Gesellschaften wie der aufklärerischen Gesellschaften überhaupt. Die Einrichtung der auswärtigen Mitgliedschaft, von der die Deutschen Gesellschaften häufigen Gebrauch machten, zeigt anhand ihrer Ausbreitung und wechselseitiger Mitgliedschaften deren Vernetzung untereinander und mit anderen Gesellschaftstypen wie Freimaurern, Akademien und vor allem den benachbarten Sozietätstypen wie den Literarischen Gesellschaften und den Gesellschaften der schönen Wissenschaften und der freien Künste.46 Die geistes- und literaturgeschichtliche Einordnung der Deutschen Gesellschaften kann anhand ihrer Veröffentlichungen vollzogen werden.47 Sie sind in

|| 44 Vgl. Paul Otto: Die deutsche Gesellschaft in Göttingen (1738–1758). München 1898, S. Vf. 45 Vgl. zur Überlieferung der Mitgliederlisten die Einzelaufstellung im Anhang. Über gedruckte und handschriftlich überlieferte Listen konnten über 2700 Mitglieder namhaft gemacht werden. Da zu vielen Gesellschaften keine oder höchst unvollständige Verzeichnisse vorliegen, dürfte sich die tatsächliche Zahl weitaus höher bewegen. 46 Als Datenquelle für Netzwerkanalysen sind Mitgliederverzeichnisse in der einschlägigen Forschung seit langem anerkannt. – Vgl. Jansen: Einführung in die Netzwerkanalyse, S. 70. 47 Bereits 1754 hat Johann Andreas Fabricius, selbst Mitglied der Jenaer Deutschen Gesellschaft, eine Zusammenstellung der einzelnen Deutschen Gesellschaften mit einer Auswahl aus

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Quantität und Qualität stark unterschiedlich; während in Leipzig und Mannheim eigene Periodika erschienen, konnten viele Gesellschaften nur sporadisch oder gar nicht mit Eigenpublikationen aufwarten. Daneben blieben viele Produktionen der Mitglieder ungedruckt; gerade diese indes ermöglichen Einblicke in das sprachlich-literarische Durchschnittsniveau der gesellschaftlichen Produktionen.48 Die Stellung der gesellschaftlichen Arbeiten in der deutschen Aufklärung wird durch die Aufnahme erhellt, die ihre Publikationen und anderweitigen Aktivitäten in den Zeitschriften und Veröffentlichungen des 18. Jahrhunderts fanden. Von äußerst hohem Quellenwert, aber auch seltener überliefert sind die Sitzungsprotokolle der Gesellschaften. Viele der aus vorher genannten Quellen gewonnenen Erkenntnisse können mit ihrer Hilfe noch wesentlich verfeinert werden. Zu den Protokollen treten die Umläufe der Entscheidungsvorschläge unter den Mitgliedern, an denen diese sich rege beteiligten und dem heutigen Leser differenzierte Stimmungsbilder ermöglichen. Die Veröffentlichungen sind in ihrer Genese nachzuvollziehen, daneben kann man die Lektüren der Deutschen Gesellschaften sowie deren Urteile darüber ersehen. Die Diskussion über die Aufnahme neuer Mitglieder, interne Querelen und eine Fülle anderer Details ermöglichen aus anderen Quellen nicht zu gewinnende Nahaufnahmen. Viele Gesellschaften führten mit ihren auswärtigen Mitgliedern, Mitgliedschaftskan|| deren Publikationen veröffentlicht. – Ders.: Abriß einer allgemeinen Historie der Gelehrsamkeit. Bd. 3. Leipzig 1754, S. 772–781. Eine Spezialbibliographie der Veröffentlichungen der Deutschen Gesellschaft existiert nicht; zu einzelnen Gesellschaften wurden in anderen Zusammenhängen Bibliographien erstellt: Wilhelm Erman u. Ewald Horn (Hg.): Bibliographie der deutschen Universitäten. Bd. 2. Leipzig u. Berlin 1904 (für universitär angebundene Deutsche Gesellschaften); Johannes Müller: Die wissenschaftlichen Vereine und Gesellschaften Deutschlands im neunzehnten Jahrhundert. Bibliographie ihrer Veröffentlichungen. Bd. 1. Berlin 1883, S. 302–314 u. 718f. (Königsberg) sowie S. 326–331 (Leipzig); themengebunden werden Einzelpublikationen aufgeführt bei Jeremias David Reuss: Repertorium commentationum a societatibus litterariis editarum. 16 Bde. Göttingen 1801–1821, insb. Bd. 8 u. 9 (1810). Eine breite Auswahl findet sich ferner in der Bibliographie von Rauter: The Eighteenth-Century ‚Deutsche Gesellschaft‘. 48 Größere Sammlungen ungedruckter Ausarbeitungen existieren von den Gesellschaften in Altdorf, Bremen, Erlangen, Göttingen, Helmstedt, Jena und Zürich. Ihre systematische Erfassung blieb in der Regel aus, eine Ausnahme bilden die Manuskripte der Deutschen Gesel