Die Krise der Sklavenhalterordnung im Westen des römischen Reiches [Reprint 2021 ed.]
 9783112534465, 9783112534458

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E. M.

SCHTAJERMAN

DIE KRISE DER SKLAYENHALTERORDNUNG IM W E S T E N D E S R Ö M I S C H E N R E I C H E S

E . M. S C H T A J E R M A N

DIE KRISE DER SKLAVENHALTERORDNUNG IM WESTEN DES RÖMISCHEN REICHES Aus dem Russischen übersetzt und herausgegeben von Wolfgang Seyfarth

AKADEMIE-VERLAG • B E R L I N 1964

E. M.

IÜTaepMaH

K p H 3 H C p a ß o B J i a H e j i b H e c K o r o C T p o n B a a n a f l H H X n p o B H H i j H H x PHMCKOÄ H M n e p i w

Erschienen im Verlag der Akademie der Wissenschaften der U d S S R Moskau 1957

Erschienen im Akademie-Verlag GmbH, Berlin W 8, Leipziger Straße 3 — 4 Copyright 1964 by Akademie -Verlag GmbH, Berlin Lizenznummer 202 • 100/85/64 Gesamtherstellung: Druckhaus „Maxim Gorki", Altenburg Bestellnummer: S489 • E S 7M • Preis: DM 4 8 , -

Inhaltsverzeichnis Vorwort zur deutschen Ausgabe Vorwort des Bearbeiters der deutschen Ausgabe Verzeichnis der Abkürzungen gebräuchlicher Werke Einleitung

VII X XI 1

Erster Teil: Die Voraussetzungen der Krise

23

1. Kapitel: Die Eigentumsformen in der Kaiserzeit 1. Die antike Eigentumsform 2. Andere Eigentumsformen

26 26 36

2. Kapitel: Anzeichen und Ursachen der Krise der antiken Eigentumsform 1. Die Symptome der Krise 2. Sklaven und Sklavenhalter 3. Gesetze über die Sklaven 4. Die Verarmung der munizipalen Grundbesitzer und Sklavenhalter

46 46 48 70 75

3. Kapitel: Die Entwicklung des Großgrundbesitzes

89

4. Kapitel: Der Verfall der Familie, die gegenseitige Annäherung der Sklaven und der freien Arbeiter 107 1. Die Klassenschichtung der Sklaven 107 2. Die Ideologie der Sklaven und der freien Arbeiter 112 Zweiter Teil: Die westlichen Provinzen am Vorabend der Krise

137

1. Kapitel: Die spanischen Provinzen

142

2. Kapitel: Die gallischen Provinzen und die Rheingebiete

152

3. Kapitel: Britannien

180

4. Kapitel: Die afrikanischen Provinzen

185

5. Kapitel: Die Donauprovinzen

205

6. Kapitel: Die Ideologie der verschiedenen sozialen Gruppen der herrschenden Klasse in den westlichen Provinzen 232 1. Die Ideologie der munizipalen Kreise und der Armee 232 2. Die Ideologie der Grundbesitzeraristokratie 238

VI Dritter Teil: Der Beginn der Krise

251

1. Kapitel: Die politischen Programme und ideologischen Strömungen

253

2. Kapitel: Die erste Etappe der Krise 1. Von Kommodus bis Alexander Severus 2. Die Regierung des Macrinus und des Alexander Severus

292 292 331

Vierter Teil: Die Zuspitzung der Krise und ihre Folgen

349

1. Kapitel: Die Regierung des Maximin und der Gordiane

351

2. Kapitel: Von Gordian I I I . bis zum Tode Galliens 1. Die Auseinandersetzung zwischen den einzelnen Gruppen vor der Regierung Galliens 2. Die Regierung Galliens 3. Das Gallische Reich und die Bagauden 4. Die Volksaufstände in Afrika und die Stellung des afrikanischen Adels . . . . 5. Die „Usurpatoren" der Donauprovinzen 6. Schlußfolgerungen

367 367 380 405 424 431 435

3. Kapitel: Die „illyrischen" Kaiser und die Ergebnisse der „Krise des 3. Jahrhunderts" 438 Namen- und Sachindex

464

Vorwort zur deutschen Ausgabe Daß meine Monographie „Die Krise der Sklavenhalterordnung im Westen des Römischen Reiches" jetzt den Fachgelehrten in deutscher Sprache vorgelegt werden kann, wurde durch die liebenswürdige Unterstützung, die der Präsident der Deutschen Akademie der Wissenschaften, Herr Professor Dr. Werner Hartke, dem Vorhaben angedeihen ließ, und durch die Bemühungen des Übersetzers und Bearbeiters der deutschen Ausgabe, Herrn Dr. habil. Wolfgang Seyfarth, ermöglicht. Es sei mir gestattet, ihnen an dieser Stelle meinen aufrichtigen Dank hierfür auszusprechen. Auf diese Weise erweitert sich der Leserkreis des Buches, und dies erscheint mir um so wünschenswerter, als ich mir durchaus dessen bewußt bin, daß manche Hypothesen und Schlußfolgerungen des Buches umstritten bleiben. Immerhin bin ich der Ansicht, daß die Arbeit einen Gegenstand behandelt, der es verdient, vor allem seitens der marxistischen Historiker erörtert zu werden. Das Problem der Krise, die das Römische Reich im 3. Jahrhundert erlebte, ist nicht nur hinsichtlich der Geschichte des alten Rom interessant, sondern auch für die Erforschung der allgemeinen Gesetzmäßigkeiten des Übergangs von einer sozial-ökonomischen Form zur anderen. Aber wenn auch diese allgemeinen Gesetzmäßigkeiten stets Gültigkeit haben, so erzeugt eine jede Epoche doch entsprechend den konkreten historischen Bedingungen zahlreiche, unter anderen Bedingungen nicht wiederkehrende Erscheinungsformen der Krise und des Übergangs von der einen sozial-ökonomischen Form zur anderen. Bestimmte äußerliche und oberflächliche Analogien, wie sie gewöhnlich von den Anhängern der Zyklentheorie in den Vordergrund gerückt werden, können den marxistischen Forscher keineswegs irreführen. Zu seinen Aufgaben gehört es, zu zeigen, wie unbegründet die Versuche vieler westlicher Historiker und Soziologen sind, in der Vergangenheit Vorbilder für die Gegenwart zu suchen und Prognosen zu stellen. Gerade die Geschichte der Krise des 3. Jahrhunderts vermittelt in diesem Sinne reichhaltiges und überzeugendes Material. Neben allgemein typischen gab es auch durchaus eigenartige Züge, die mit der ganzen Ordnung der Sklavenhaltergesellschaft zusammenhingen und ihre Geschichte in der betreffenden Etappe bestimmten. Im Gegensatz zu Perioden, die sozialen Revolutionen anderer Etappen vorangingen, waren damals die Sklaven, die die hauptsächliche ausgebeutete Klasse bildeten, keine revolutionäre Klasse, der die Zukunft gehört hätte und die die breiten Massen der anderen Aus-

VIII

Vorwort zur deutschen Ausgabe

gebeuteten hätte anführen können. Im Schöße der Sklavenhaltergesellschaft selbst — auch dies ist eines ihrer Merkmale — konnte, wenn man sie in ihrem eigentlichen Sinne auffaßt, kein Übergang zu einer fortschrittlichen Produktionsweise stattfinden. In ihrer Isolierung konnte sie keinen Ausweg finden und war zu einer lange andauernden Stagnation und zum Absterben verurteilt. Elemente einer neuen Produktionsweise bildeten und verstärkten sich da, wo die Sklaverei keine größere Entwicklung erfahren hatte und wo sie die früheren sozialen Beziehungen nicht ganz zersetzen konnte, nämlich in den mehr zurückgebliebenen Gebieten der römischen Provinzen und bei den Völkern, die nicht unter Roms Herrschaft standen. Hier entwickelten sich die ersten Keime für die Klassen der Feudalgesellschaft. Die vorliegende Arbeit stellt lediglich einen ersten Versuch dar, auf Grund des uns zugänglichen Materials einige theoretische Schlüsse zu formulieren und zu beweisen, soweit sie nach meinen Vorstellungen hieraus zu ziehen sind. Meine weiteren Forschungsarbeiten haben mich inzwischen veranlaßt, meine Ansichten zu einigen Fragen etwas genauer zu formulieren: 1. Ich glaube unterstreichen zu müssen, daß sich bereits gegen Ende der römischen Republik eine Differenzierung nicht nur der Libertinen, sondern auch der Sklaven, soweit sie im Handwerk beschäftigt waren, anbahnte. Solche Sklaven gelangten bisweilen in den Besitz von Produktionsmitteln, obwohl sich ihr bürgerlicher Status nicht änderte; in sozialer Hinsicht glichen sie sich sowohl den freien Eigentümern von Produktionsmitteln als auch den gegen Lohn arbeitenden Armen an. Hieraus wird es verständlich, daß ihre Rechte am Pekulium dauerhafter und Freilassungen häufiger wurden. Allerdings dehnte sich dieser Prozeß noch nicht in größerem Umfang auf die grundlegende ausgebeutete Klasse, die Landsklaven, aus. Daher sind Pekulium und Freilassung zu jener Zeit noch nicht als Anzeichen für den Beginn der Krise anzusehen. Von einer solchen kann man erst in der zweiten Hälfte des 2. Jahrhunderts sprechen. 2. Meine frühere Ansicht, die Einmischung des Staates in die Beziehungen zwischen Sklavenhaltern und Sklaven habe erst mit der Zeit der Antonine begonnen, bedarf einer Korrektur. Denn schon zur Zeit der Republik konnten Sklaven nach altem Gewohnheitsrecht bei den Staatsbeamten Hilfe suchen. Im 1. Jahrhundert breitete sich das Recht der Sklaven aus, bei den Kaiserstatuen Schutz zu suchen. Die diesbezügliche Gesetzgebung der Antonine bedeutete nur die Fortsetzimg einer älteren Entwicklung: Ein älteres Gewohnheitsrecht wurde juristisch formuliert. Von Bedeutung ist dabei, daß nunmehr auch Landsklaven in den Genuß dieses Rechtes kamen und die Beziehungen zwischen ihnen und den Sklavenhaltern hierdurch beeinflußt wurden. 3. Während der Arbeit an meinem Buch über die Moral und die Religion der unterjochten Klassen1 kamen mir Zweifel daran, ob die Sklaven und die freien Armen nach gemeinschaftlichem Eigentum strebten. Die Verherrlichung des vergangenen „Goldenen Zeitalters" und der Lebensart der Barbaren, die kein 1

E. M. Schtajerman, Die Moral und Religion der unterjochten Ellassen des Römischen Reiches (Mopanfc H pejmrwH yrHeTeHHhix KJiaccoB PHMCKOÜ HMnepHit), Moskau 1961.

Vorwort zur deutschen Ausgabe

IX

Privateigentum kannten, wurde damals eines der populärsten Motive in manchen Schichten der herrschenden Klasse. Im einfachen Volk blieben solche Vorstellungen möglicherweise in Gebieten erhalten, wo die Gemeindebeziehungen noch einigermaßen stark waren. Wo sie zerfielen oder durch die auf Sklaverei gegründeten Beziehungen abgelöst wurden — besonders in Italien —, sahen Sklaven und Freie ihr Ideal eher in einer Gesellschaft von kleinen gleichberechtigten freien Eigentümern, die in ihrer eigenen Wirtschaft arbeiteten. Dieses Ideal richtete sich, wenn nicht subjektiv, so doch objektiv gegen die Sklaverei. Mit dieser Erscheinung hängt die Popularität des Silvanus zusammen, dem ich in meinem Buch viel Raum gewidmet habe. Mit Recht hat F. Boemer unterstrichen, daß man die Bedeutung der östlichen Götterkulte für die Ideologie der Sklaven nicht überbewerten darf. Leider waren mir aber seine Untersuchungen noch nicht bekannt, als ich mein Buch schrieb.2 Es wäre zu wünschen, daß die in dem Buch umrissenen Probleme und Ansichten zum Gegenstand einer Diskussion unter den Althistorikern der Deutschen Demokratischen Republik würden. Auf diese Weise könnte der wissenschaftliche Kontakt zwischen den Fachgelehrten unserer Länder auf dem Gebiet der alten Geschichte erweitert werden. E. M. Schtajerman Moskau, im Oktober 1963

2

F. Boemer, Untersuchungen über dieReligion der Sklaven in Griechenland und Rom, I—III, Mainz, Akademie der Wissenschaften und der Literatur, Abh. der geistes- u. sozialwiss. Kl. 1957-1961.

Vorwort des Bearbeiters der deutschen Ausgabe Seit dem Erscheinen des Originalwerkes von Frau Professor Schtajerman im Jahre 1957 ist das Problem der Krise, die das Römische Reich nach der Mitte des 2. Jahrhunderts durchmachte, nicht zur Ruhe gekommen. Daher ergab sich die Notwendigkeit, für die deutsche Ausgabe einige neuere Literatur heranzuziehen. Daß hierbei keine Vollständigkeit erreicht werden konnte, liegt bei dem Umfang des Gebietes auf der Hand. Außerdem wurden, soweit wie möglich, die Anmerkungen ergänzt und Zitate auf neuere Ausgaben umgestellt. Die umfangreiche Literatur, die die Verfasserin benutzt hat, war mir allerdings leider nicht vollständig zugänglich; daher war es nicht möglich, die Zitate ausnahmslos zu überprüfen. Die Aufgabe, das Werk von Frau Schtajerman ins Deutsche zu übersetzen, habe ich mir in der Überzeugung gestellt, daß die Förderung gegenseitigen Verstehens der sowjetischen und deutschen Altertumsforscher eine unbedingte Notwendigkeit ist. Außerdem hoffe ich gleichzeitig, mit der Herausgabe der deutschen Bearbeitung dieses Buches einen kleinen Beitrag zur Verständigung beider Völker überhaupt liefern zu können. Während der Arbeit des Übersetzens war es mein Bestreben, die Gedankengänge der Verfasserin möglichst unverfälscht im Deutschen wiederzugeben, aber ich bin mir natürlich dessen bewußt, daß der Erreichung dieses Ziels gewisse Grenzen gesetzt sind. Eine abweichende Meinung habe ich nur in wenigen Fällen besonders angemerkt. Wolfgang Seyfarth Berlin, im Oktober 1963

Verzeichnis der Abkürzungen gebräuchlicher Werke BflH /KM M I

BecTHHK ApeBHeft HCTOPHH (Zeitschrift f ü r alte Geschichte). /KypHaji MHHHCTBPCTBR HapoAHoro npoCBemeHHH (Zeitschrift des Ministeriums für Volksaufklärung). H A K CCCP H3BecTHH AKajieMHH HayK CCCP ( N a c h r i c h t e n der A k a d e m i e der Wissens c h a f t e n der U d S S R ) . AE L ' a n n é e épigraphique. Buecheler F . Buecheler, Carmina L a t i n a epigraphica, Leipzig 1895 — 1897; suppl. cur. E . L o m m a t z s c h 1926. CAH Cambridge Ancient History. Chatelain L. Chatelain, Inscriptions latines du Maroc, Paris 1942. Cholodnjak I . Cholodnjak, Carmina sepulcralia L a t i n a , ed. altera, Petropoli 1904. CJ Codex J u s t i n i a n u s . CIL Corpus Inscriptionum L a t i n a r u m vol. I — X V I , Berlin 1863£f. Cohen H . Cohen, Description historique des monnaies, frappées sous l'empire R o m a i n , 2. éd., vol. I — V I I I , Paris 1 8 8 0 - 1 8 9 2 . CTh. Codex Theodosianus. Dessau H . Dessau, Inscriptiones L a t i n a e selectae, Berlin 1892 — 1916, ed. secunda 1954-1955. FHG F r a g m e n t a Historicorum Graecorum ed. C. Müller, vol. I—V, 1841 — 1873. Fontes F o n t e s iuris R o m a n i anteiustiniani, vol. I — I I I , ed. S. Riccobono, J . Baviera aliique, ed. altera, Florenz 1940—1943. Gsell St. Gsell, Inscriptions latines de l'Algérie I : Inscriptions de la Proconsulaire, P a r i s 1922. Hoffiller V. Hoffilier u n d B. Saria, Antike I n s c h r i f t e n aus Jugoslawien, Zagreb 1938. Howald E . Howald, E . Meyer, Die römische Schweiz, Zürich 1940. ILA R . Cagnat, A. Merlin, L . Chatelain, Inscriptions latines d'Afrique, Paris 1923. JRS T h e J o u r n a l of R o m a n studies. Merlin A. Merlin, Inscriptions latines de la Tunisie, Paris 1944. Meyer H . Meyerus, Anthologia v e t e r u m L a t i n o r u m e p i g r a m m a t u m et p o e m a t u m , Leipzig 1835. RE Pauly-Wissowa-Kroll, Real-Encyclopädie der classischen Altertumswissenschaft. REL R e v u e des études Latines. Riese Anth. Anthologia L a t i n a sive poesis L a t i n a e supplementum, P a r s prior. Carmina in codicibus scripta rec. A. Riese, Leipzig 1869 — 1870. Riese R A A. Riese, Das Rheinische Germanien in den antiken Inschriften, Leipzig 1914. SHA Scriptores Historiae Augustae. SRF Die Schriften der römischen Feldmesser, hrsg. von F. Blume, K . L a c h m a n n , A. RudorfF, Bd. I, Berlin 1848, Bd. I I , Berlin 1852.

Einleitung Noch vor verhältnismäßig kurzer Zeit fand die Geschichte des Römischen Reiches vom Ende des 2. bis zum Ende des 3. Jahrhunderts bei den Historikern nur wenig Beachtung. Spezialarbeiten über diese Zeit fehlten fast ganz, und in den allgemeinen Werken wurde gewöhnlich darauf hingewiesen, daß die Schwächung der Zentralgewalt, die sich in den Händen „unwürdiger Kaiser", d. h. der Nachfolger der Antonine, befand, die Barbareneinfälle und die anwachsende „Disziplinlosigkeit der Soldaten" zu Unruhen, zu Aufständen in den Provinzen und zu einem allgemeinen Niedergang des politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Lebens geführt hätten ; allerdings sei dieser Niedergang später durch die Reformen Diokletians und Konstantins überwunden worden. 1 Nur diejenigen Historiker, die sich mit dem Problem des Untergangs des Römischen Reiches beschäftigten, widmeten dem 3. Jahrhundert einige Aufmerksamkeit. Sie betrachteten diese Vorgänge im Lichte verschiedener allgemeiner Theorien, die man eigens schuf, um die „Größe und den Niedergang Roms" zu erklären.2 Die Anregung, die Ereignisse des 3. Jahrhunderts genauer zu erforschen, gab das bekannte Werk von M. I. Rostowzew „The social and economic history of the roman empire" (Oxford 1926)3. Bekanntlich ging nach Ansicht dieses Gelehrten im Römischen Reich im 3. Jahrhundert eine „soziale Revolution" vor sich, die von einer Armee der Armen und der Bauern gegen die städtische Bourgeoisie durchgeführt wurde. Diese Revolution hatte nach Rostowzew zur Folge, daß der staatliche Druck auf die Bürger unerträglich wurde und sich die Interessen des einzelnen den Staatsinteressen völlig unterordnen mußten. In dieser Revolution erblickte Rostowzew die Ursache für den Untergang der antiken Wirtschaft und

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Dieser Standpunkt hat seinen Ursprung in Werken wie H. Schillers „Geschichte der römischen Kaiserzeit", 2 Bde., Gotha 1883 — 1887, und kam auch in neueren Arbeiten selbst so angesehener Historiker wie Toutain und Besnier zum Ausdruck; vgl. J. Toutain, L'économie antique, Paris 1927, 416 ff. und M. Besnier, L'empire romain de l'avènement des Sévères au concile de Nicée, Paris 1937, 279 ff. Über die letzten Arbeiten zu diesem Thema s. A. II. KAHT^AH, IIpoÖJieMLi NO3ßHEFT P H M C KOft HMnepHH B coBpeMeHHoft 6yp>Kya3H0ft JMTOpaType (A. P. Kashdan, Probleme der späten römischen Kaiserzeit in der modernen bürgerlichen Literatur), B/JH 1950, 1, 166 bis 176. M. I. Rostowzew, Gesellschaft und Wirtschaft im römischen Kaiserreich, übers, von L. Wickert, 2 Bde., Leipzig 1931.

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Einleitung

Kultur. Bei aller reaktionären Einstellung dieses Gelehrten und obgleich seine allgemeine Konzeption unzulässig ist, darf man nicht vergessen, daß seine Arbeit den ersten Versuch enthält, die soziale und politische Situation im Römischen Reich zu jener Zeit zu analysieren und mit Hilfe dieser Analyse die Ereignisse des 3. Jahrhunderts zu erklären. Ungeachtet der durchaus tendenziösen Darstellung, die nicht nur bei uns, sondern auch im Westen Kritik hervorrief, fand Rostowzews Buch in der historischen Literatur weithin ein Echo. Abgesehen davon, daß seine Konzeption von vielen bürgerlichen Historikern angenommen wurde4, lenkte seine Arbeit die Aufmerksamkeit der Spezialisten für das 3. Jahrhundert auf sich. Die Ereignisse, die man früher gewöhnlich als Folge mehr oder weniger zufälliger Faktoren ansah — z. B. militärischer Mißerfolge, der Finanzkrise, der Herrschsucht und Unfähigkeit der Kaiser —, wollen in letzter Zeit einige Autoren mit der allgemeinen Entwicklung im Römischen Reich verbinden. Früher stellte man sich dieses Jahrhundert als eine peinliche Bruchstelle zwischen zwei Perioden vor, in denen sich das Römische Reich auf der Höhe seiner Macht befand, nämlich der Regierungszeit der Antonine und der Zeit Konstantins. Nunmehr erschien es den Historikern als ein wichtiger Angelpunkt für das historische Geschehen. Von den Arbeiten, die die Geschichte dieser Zeit im allgemeinen Zusammenhang betrachten, müssen, soweit sie in letzter Zeit im Westen erschienen sind, die Monographien von F. Altheim 5 und A. Calderini8 erwähnt werden. Die Arbeiten Altheims lenken die Aufmerksamkeit auf sich, da er die Krise des Römischen Reiches unter allgemein weltgeschichtlichem Aspekt betrachtet, und zwar im Zusammenhang mit analogen Vorgängen im Iran und in China. Außerdem zieht er die Geschichte der benachbarten Völker in Betracht. Dennoch ist seine Problemstellung sehr einseitig. Von Altheims Standpunkt aus gesehen, waren das Römische Reich, der Iran und China Länder mit einer hohen, aber schon alternden Zivilisation; ihnen standen junge Völker gegenüber, die von der Kultur noch nicht berührt waren. Im Kampf mit ihnen waren jene Staaten gezwungen, ihre Bewaffnung, Taktik und Heeresorganisation zu verbessern; an die erste Stelle rückte die schwerbewaffnete Reiterei, und dies war nach Altheims Meinung von entscheidendem Einfluß auf die gesamte politische und soziale Ordnung der alten zivilisierten Staaten und bedingte ihre Entwicklung zum Feudalismus. 4

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Rostowzew folgen mehr oder weniger die Autoren der entsprechenden Kapitel der CAH (A. Alföldi, W. Ensslin, F. Örtel) und A. Aymard, der Verfasser der Abschnitte über die Geschichte Roms im 2. Bande der „Histoire générale des civilisations" — Rome et son empire, Paris 1954. F. Altheim, Die Soldatenkaiser, Frankfurt am Main 1939; Die Krise der alten Welt im 3. Jahrhundert u. Z. und ihre Ursachen, 2 Bde., Berlin 1943; Niedergang der alten Welt — Eine Untersuchung der Ursachen, 2 Bde., Frankfurt am Main 1952. A. Calderini, Storia di Roma VII, I Severi. La crisi dell'Impero nel III. secolo, Bologna 1949. Die Ansichten beider Autoren legen wir summarisch auf der Grundlage ihrer Arbeiten dar.

Einleitung

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Mit seiner Konzeption tritt Altheim den Gelehrten entgegen, die in der gesellschaftlichen Entwicklung und im Klassenkampf die treibenden Kräfte der Geschichte erblicken. Erst kürzlich wiederholte er, daß sowohl die Sozialgeschichte als auch die Geschichte des Klassenkampfes Sekundärerscheinungen seien, die sich aus der Geschichte der Kriege und der Außenpolitik ableiten. Die Kriegsgeschichte betrachtet Altheim als einen Kampf der Rassen. Von seinem Standpunkt aus gesehen, war das 3. Jahrhundert deswegen ein historischer Wendepunkt, weil gerade damals neue Stämme und Rassen auftraten, die in siegreichen Kriegen die alten Rassen ablösten und eine „neue Ordnung" errichten konnten und mußten. Eine solche Konzeption verleitet Altheim zu unzähligen Übertreibungen und unbegründeten Behauptungen, besonders im Hinblick auf die innerpolitische Geschichte des Reiches. Als Hauptfaktor in der Geschichte des Römischen Reiches während des 3. Jahrhunderts sieht Altheim den Kampf zwischen den alten und den neuen Rassen und Völkern an; Ausdruck dessen seien die Kämpfe der Illyrer, Syrer, Mauren, Kelten und Giermanen um die Macht. Nach der Meinung der Soldaten des 3. Jahrhunderts, so nimmt Altheim an, mußte das Reich zur Domäne irgendeiner Nationalität werden. Denselben Rassengegensatz bezeichnet er auch als Hauptmerkmal des Kampfes, den das illyrische Heer (welches gleichsam ein Feind der antiken Kultur war, in Wirklichkeit aber als wahrer Nachfolger Roms und Träger der „Romidee" erschien) mit dem aus Asiaten bestehenden Senat zu führen hatte (welcher unter der Plagge der Verteidigung römischer Tradition auftrat, ohne sie allerdings begreifen zu können). Anzeichen für ein Erstarken des „Nationalbewußtseins" erblickt Altheim in den Aufständen von „Usurpatoren" in den Provinzen. Manche Kaiser, unter ihnen Gallien, versuchten den „Usurpatoren" ein aus mehreren Stämmen zusammengesetztes Heer entgegenzustellen, dessen einzigen Mittelpunkt gewissermaßen die Person des Kaisers bildete. Jedoch hatten auch solche Versuche keinen Erfolg. Für außerordentlich wichtig hält Altheim die nationale Zugehörigkeit der einzelnen Kaiser und die Eigenschaften, die nach seiner Meinung für die verschiedenen Völker typisch sind. So sieht er z. B. einen Zusammenhang zwischen der Politik des Septimius Severus und dem Weltempfinden des gebürtigen Afrikaners. Offensichtlich ist Altheim in diesem Punkte von Spengler abhängig; denn dieser charakterisiert in ähnlicher Weise die Merkmale, die die Weltauffassung der Angehörigen des arabischen Kulturkreises auszeichnen. In der Rolle, die die Frauen aus der Dynastie der Severer spielten, äußerten sich nach Altheims Ansicht weibliche, sinnliche Eigenschaften des Ostens im Gegensatz zu dem männlichen Prinzip, das für die Illyrer und Germanen typisch sei. Dasselbe weibliche Prinzip schreibt er auch dem Senat zu. Merkwürdig ist nur, daß Altheim Kommodus als den ersten ansieht, der unter den Kaisern dieses Prinzip vertrat, obwohl er die Frage nach dessen Herkunft umgeht. Dafür gibt er sich, wenn er auf Gallien zu sprechen kommt, alle Mühe, dessen etruskische Herkunft zu beweisen; denn diese gestatte es nicht, diesen Kaiser ganz als „westlichen Menschen" anzusehen.

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Einleitung

Von demselben Standpunkt aus betrachtet Altheim auch die Ideologie des 3. Jahrhunderts. Die verschiedenen ideologischen Strömungen, Kulte usw. bringen für ihn nur die Individualität der einzelnen Völker zum Ausdruck. Man sieht, die allgemeine Konzeption Altheims ist völlig unannehmbar. Wenn man auch vielleicht in gewissem Sinne davon sprechen kann, daß sich auf römischem Gebiet Nationalitäten bildeten — parallel zu dem gleichen Prozeß, der sich bei den benachbarten Stämmen beobachten läßt —, so entbehrt es doch jeglicher Grundlage, wollte man dem eine entscheidende Rolle zuschreiben. Man kann in den Quellen keinerlei Spuren ermitteln, wonach Stammes- oder RaSsenhader die Ereignisse des 3. Jahrhunderts beeinflußt hätte. Der Senat, den Altheim als Vertreter des Ostens ansieht (obwohl nicht mehr als 30 bis 35 Prozent von den Senatoren aus östlichen Provinzen stammten), stand in Opposition zu Trägern des „östlichen Geistes", wie es die Severer bis zu Alexander waren, unterstützte aber dafür die „Illyrer" Klaudius II. und Probus. Illyrische Truppen riefen Septimius Severus zum Kaiser aus, aber die aus Kelten und Giermanen bestehenden rheinischen Legionen erhoben sich gegen gallische Kaiser. Keine einzige Quelle erwähnt, daß Gruppen, die einen Kaiser ausriefen oder Stürzten, sich hierbei von seiner Volkszugehörigkeit leiten ließen oder daß während der Bürgerkriege des 3. Jahrhunderts Armeen deswegen gegeneinander in den Krieg gezogen seien, weil ihre nationale Zusammensetzung unterschiedlich war. Mit Recht macht Altheim darauf aufmerksam, daß im 3. Jahrhundert die Bevölkerung der vormals rückständigen Gebiete, z. B. der Donauländer, eine größere Rolle zu spielen begann. Dies erklärt sich jedoch nicht im entferntesten aus einem „Erwachen des illyrischen Geistes". Als die auf Sklaverei gegründeten Beziehungen verfielen, wurden vielmehr, wie wir im einzelnen noch zeigen werden, natürlicherweise diejenigen Gebiete, in denen die Sklaverei schwächer entwickelt war, von der Krise weniger berührt und traten nun mehr in den Vordergrund. In diesen Gebieten blieb übrigens auch eine breitere Bevölkerungsschicht erhalten, die für den Dienst in der Armee geeignet war. Infolgedessen traten die Illyrer, Thraker, Britannier, Mauren, Syrer, Araber usw., d. h. Menschen aus weit entfernten, „von der Kultur unberührten" Gebieten, wie Altheim sie bezeichnet, in der Armee immer mehr hervor. Sie haben jedoch keinen Versuch unternommen, das Römische Reich in eine „Domäne ihrer Nationalitäten" zu verwandeln. Im Gegenteil: Der „Araberscheich" Philipp ließ, als er Kaiser geworden war, die Tausendjahrfeier Roms feierlich begehen, aber die Versuche Elagabals, Seinen Gott von Emesa zum Hauptgott des Reiches zu machen, stießen beim Senat und beim Heer auf einstimmige Ablehnung. Die Spaltung war nicht nationaler, sondern sozialer Art, und dies beachtet Altheim nirgends. Wenn er davon spricht, daß der Feudalismus im 3. Jahrhundert sich zu entwickeln begann, so stützt er sich dabei nur auf einzelne, ganz äußerliche Merkmale, z. B. auf das Auftreten gepanzerter Reiter, die den mittelalterlichen Rittern glichen, oder die Herausforderung zum Zweikampf, die Gallien angeblich dem Postumus geschickt hat, einen Vorfall, der an die Rittersitten des Mittelalters erinnert.

Einleitung

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Wenn Altheim die Rolle und die Bedeutung des Klassenkampfes in der Geschichte des 3. Jahrhunderts bestreitet, so bedeutet dies einen Schritt rückwärts selbst im Vergleich zu den antiken Autoren, die z. B. die Gewaltenteilung zwischen Diokletian und Maximian mit den Aufständen der Bagauden in Gallien und der Quinquegentanei in Afrika in Verbindung brachten. Sein Rassenstandpunkt verleitet Altheim dazu, viele Tatsachen zu entstellen, und so verlieren seine Schlußfolgerungen an wissenschaftlichem Wert. Ähnlich wie Altheim rechnet Calderini das 3. Jahrhundert zu den wichtigsten Wendepunkten der Geschichte. Er stellt die Frage, ob man für diese Zeit mit Recht eine Revolution im Reich annehmen könne, und beantwortet sie positiv. Seine Vorstellungen von der Revolution sind jedoch verschwommen. Nach Calderini entwickelt sich die menschliche Gesellschaft normalerweise auf dem Wege der Evolution. Von Zeit zu Zeit tauchen nach seiner Ansicht infolge eines allzu schnellen Tempos der Entwicklung innerhalb der Gesellschaft Widersprüche auf, die auf normalem Wege nicht mehr beseitigt werden können. Dann bricht eine Revolution herein — eine Periode, in der alles Alte und Überlebte gewaltsam und schnell vernichtet wird und das Neue siegt. Diesem gehört die Zukunft. Die treibenden revolutionären Kräfte sucht Calderini in den Ideen, die nach seiner Meinung nicht vom menschlichen Willen abhängen, sondern ihren eigenen Gesetzen unterliegen. Das Ergebnis der Revolution des 3. Jahrhunderts erblickt er darin, daß der Prinzipat des Augustus und der Antonine durch die aristokratische und christliche Monarchie des 4. Jahrhunderts abgelöst wurde. Altheims Konzeption lehnt Calderini ab. Er gelangt vielmehr zu der Ansicht, der Kampf im Reiche sei nicht durch den Rassengegensatz, sondern durch den Widerspruch zwischen den zentrifugalen und den zentripetalen Tendenzen hervorgerufen worden. Zu den letzteren rechnet er die „Romidee", der nicht nur die Soldaten, sondern auch die Barbaren ergeben waren. Zu den zentrifugalen Tendenzen zählen nach Calderinis Meinung die verschiedenartigsten ökonomischen, sozialen, politischen und ideologischen Faktoren, die er fast völlig isoliert voneinander betrachtet. Vom Standpunkt Calderinis aus gesehen, erreichte die Bevölkerung des Reiches unter den Antoninen Frieden und vollkommenes Glück. Aber die Katastrophen, die unter Mark Aurel über das Reich hereinbrachen, und besonders der Übergang der Macht auf Kommodus riefen die Krise hervor. Die Kaiser strebten danach, ihre Macht zu einer göttlichen und absoluten zu machen. Immer unbedeutender wurde der Senat, der Bewahrer von Tradition und Kultur. I m Senat, in der Armee und sogar auf dem Kaiserthron verdrängten Männer aus den Provinzen — besonders aus dem Osten gebürtige, die fremde Ideen mitbrachten — die Italiker. Die Armee wurde zur Repräsentantin der niederen Klassen, und ehrgeizige Kommandeure machten sie sich zunutze, um mit ihrer Hilfe die Macht zu ergreifen. Sobald sie diese erlangt hatten, handelten sie nach Ansicht Calderinis als Vertreter der armen Leute. Diese Schicht der Armen, aus der die Armee bestand, brachte dann eine neue Schicht von Reichen hervor, und diese haben die alte herrschende Klasse und ihre Kultur vernichtet. Der Niedergang des Handels, der Rückgang 2 Schtajerman

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des Kredits und die Konfiskationen von Grund und Boden brachten Schließlich den wirtschaftlichen Verfall mit sich. Der staatliche Druck veranlaßte viele Menschen, bei den Großgrundbesitzern Zuflucht zu suchen, und so bahnte sich bereits eine Zersplitterung an, wie sie für den Feudalismus bezeichnend ist. Zu den Kräften der „Dissoziation" rechnet Calderini einerseits die Barbareneinfälle, durch die die Provinzen veranlaßt wurden, sich selbst zu verteidigen und eigene Kaiser auszurufen, andererseits die Verbreitung östlicher Kulte und des Christentums. Da jedoch die „Romidee" in der Armee lebendig blieb, gewann sie schließlich die Oberhand, und so wurde die Einheit des Reiches wiederhergestellt. Der Standpunkt Calderinis ist eklektisch. Ohne wirklich eine eigene Konzeption von der Krise des 3. Jahrhunderts zu haben, beschränkt er sich auf ein Verschmelzen verschiedener, in der Literatur bereits verbreiteter Theorien.' Die Gründe, die er für die Krise anführt, erweisen sich bei näherer Betrachtung als zweitrangige Erscheinungen oder werden durch die Quellen nicht bestätigt. In unserer Literatur kritisierte man erst kürzlich die Theorie, nach der die Kaiser des 3. Jahrhunderts als Führer der Armen aufzufassen wären, aber auch den Standpunkt der Rassenhistoriker, wonach das römische Volk und seine herrschende Klasse durch das Eindringen von Menschen aus dem Osten zugrunde gerichtet worden wären. Ebensowenig überzeugt Calderinis These vom zersetzenden Einfluß östlicher Kulte und des Christentums; denn, wie wir im einzelnen zeigen werden, entwickelten sich gleichartige Lehren und Vorstellungen auf der Grundlage rein römischer Kulte auch im Westen. Dieser Prozeß wurde im Westen wie im Osten dadurch hervorgerufen, daß der Klassenkampf sich verschärfte und die Krise der Sklavenhalterordnung die Lage der verschiedenen Klassen und sozialen Gruppen tiefgehend veränderte. Abzulehnen ist Calderinis Auffassung, die Finanzkrise und der Niedergang des Handels wären für den wirtschaftlichen Verfall entscheidend gewesen. Die Wirtschaft der Sklavenhaltergesellschaft blieb im Grunde genommen stets eine Naturalwirtschaft; ihr Hauptzweig war immer die Landwirtschaft. Die Waren und Geldbeziehungen stellten in der Wirtschaft des Reiches nicht den Hauptfaktor dar, wenngleich sie sie stark beeinflußten. Auch der weitverbreitete Gedanke, der Abfall der Provinzen von Rom sei durch die Barbareneinfälle hervorgerufen worden, ist nicht überzeugend. Natürlich verschärften sich durch die militärischen Niederlagen der Römer alle Widersprüche, und die Aufstände gegen die römische Herrschaft wurden begünstigt. Doch haben die Donaugebiete die römische Herrschaft unterstützt, obwohl sie am meisten unter den Kriegen mit dem gotischen Stammesverband zu leiden hatten. Die Usurpationsversuche des Ingenuus und des Regalianus waren im ganzen 7

Die Wertung der Kaiser des 3. Jahrhunderts als „Führer der Armen" finden wir bei allen Nachfolgern der Konzeption Rostowzews. Am konsequentesten wird dieser Gedanke im XII. Band der CAH durchgeführt. Auf den „zersetzenden Einfluß" der Menschen östlicher Herkunft und östlicher Ideen hat T. Frank sein besonderes Augenmerk gerichtet (T. Frank, History of Rome, New York 1942 und in weiteren Arbeiten).

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genommen nur kurzfristige Episoden und stießen weder bei der Masse des Heeres noch bei irgendwelchen bedeutenden sozialen Gruppen der einheimischen Bevölkerung auf Sympathie. Auch die afrikanischen Provinzen machten keinen ernsthaften Versuch, sich von Rom zu trennen, obwohl die ständigen Einfälle der Mauren ihnen viel Schaden zufügten. Andererseits unterstützten Britannien und Spanien, die nicht oder fast nicht von den Invasionen der Barbaren berührt wurden, unverzüglich die gallischen Kaiser, und Britannien trennte sich auch nach der Liquidation des gallischen Reiches wieder von Rom, indem es seine eigenen Kaiser Carausius und Allectus ausrief. So können Calderinis Ansichten über die Ereignisse des 3. Jahrhunderts nicht überzeugen. Origineller ist die Ansicht E. Mannis 8 . Er weist darauf hin, welche Bedeutung das Anwachsen der Latifundien und die Widersprüche zwischen deren Besitzern und dem Heer hatten. Aber er erwähnt diesen Gedanken nur am Rande, ohne ihn zu entwickeln oder organisch mit den Ereignissen des 3. Jahrhunderts zu verbinden. Für die marxistischen Historiker besteht kein Zweifel daran, daß sowohl der Untergang des Römischen Reiches als auch die Krise des 3. Jahrhunderts, die ihm voranging, sich aus der Krise der Sklavenhalterordnung ergaben. Die modernen bürgerlichen Historiker bestreiten die marxistische Lehre von den sozialökonomischen Ordnungen mit den Besonderheiten ihrer Entwicklung, die nur ihnen eigen sind und sich unter anderen Bedingungen nicht wiederholen, und unterschätzen die Bedeutung der Sklavenarbeit im Römischen Reich. Hiermit begehen sie aber den Fehler, die Geschichte des Reiches stark zu modernisieren. Zum Beispiel versucht man zu beweisen, daß die Sklavenzahl im Römischen Reich unerheblich war und daß infolgedessen die Sklaverei für das ökonomische, soziale und politische Leben dieser Zeit keine große Bedeutung hatte. Dies gilt besonders für Westermann 9 , dem andere moderne Historiker folgen. 10 Vor allem ist zu bemerken, daß Westermanns Methode, an dieses Problem heranzugehen, sehr fragwürdig ist. Zwar ist es auch nach seiner Ansicht unmöglich, eine Statistik über die Sklavenhaltung aufzustellen, doch behauptet er trotzdem, einige grundlegende Tatsachen und der „allgemeine Eindruck" führten zu der Annahme, daß in der Kaiserzeit Einzelpersonen gewöhnlich nur wenige Sklaven besaßen, da deren Preise erheblich anstiegen, als der Kriegsgefangenenzustrom versiegte. Hierdurch seien die Grundbesitzer veranlaßt worden, anstelle der Sklaven Kolonen 8 9 10

2*

E. Manni, L'Impero di Gallieno. Contributo alla storia del III. secolo, Koma 1949. W. L. Westermann, The slave systems of greek and roman antiquity, Philadelphia 1955. Z. B. M. Geizer, der in seiner Besprechung des Buches von N. A. Maschkin, Zwischen Republik und Kaiserreich (Gnomon 27, 1955, 7, 525 ff.) behauptet, Westermann habe die Vorstellung von der führenden und überhaupt von irgendeiner bedeutenden Rolle der Sklaverei im alten Rom widerlegt, und deswegen begingen die sowjetischen Historiker einen Fehler, wenn sie von dem Bestehen der auf Sklaverei beruhenden Produktionsweise ausgingen (a. O. 528f).

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auszubeuten. Folglich sei der Niedergang der Sklaverei nicht die Ursache, sondern lediglich eine Folge der allgemeinen Veränderungen gewesen, die im Reich vor sich gingen. Einige Erwägungen Westermanns über die Frage, wie groß die Sklavenzahl gewesen sein kann, sind überaus umstritten, z. B. die Überlegungen darüber, wieviele Sklaven den Statiliern und Volusiern gehörten. Er möchte die Anzahl aus den Inschriften ihrer Familiengrüfte feststellen und übergeht einfach Angaben, die seinem Standpunkt widersprechen, z. B. die Nachricht des älteren Plinius über Caecilius Isidorus, der nach seinem Testament 4116 Sklaven hinterließ. 11 Ähnliches gilt für die Sklavenpreise. So führt er wohl einige Angaben aus dem 1. und dem Anfang des 2. Jahrhunderts an, schweigt aber über einen Erlaß vom Ende des 2. Jahrhunderts, der sich mit Flurschäden beschäftigt und den Durchschnittspreis eines Hirtensklaven mit 500 Denaren veranschlagt. 12 Durch die letzte Angabe wird natürlich seine Theorie über eine erhebliche Preissteigerung für Sklaven in Zweifel gezogen. Ferner ignoriert er völlig den mit seiner Konzeption unvereinbaren Umstand, daß kein römischer Autor, wenn er auf ökonomische Fragen zu sprechen kommt, über einen Mangel an Sklaven oder deren hohen Preis klagt, während im Gegensatz hierzu manche römische Autoren, wie wir noch sehen werden, der Ansicht waren, daß gerade eine übermäßige Anzahl von Sklaven der Wirtschaft erheblichen Schaden brachte. Schließlich wertet Westermann auch die Rechtsquellen nicht aus, obwohl sie eine Vorstellung davon vermitteln, welche Rolle Sklaven und Kolonen zu verschiedenen Zeiten in den einzelnen Wirtschaftstypen spielten, wie sich der Begriff des Gutsinventars entwickelte und wie damit die Lage der Sklaven und Kolonen in Zusammenhang zu bringen ist. Ebensowenig berücksichtigt er ähnliche Tatsachen, die bedeutend mehr Material für einen „allgemeinen Eindruck" liefern als von vornherein zum Mißerfolg verdammte Versuche, eine Art Statistik über das Verhältnis der Sklavenarbeit zu anderen Arten der Arbeit in den verschiedenen Zeiten und in den einzelnen römischen Provinzen aufzustellen. Aber es handelt sich gar nicht darum, wie Westermann die Quellen auswertet. Viel wichtiger ist, daß Autoren sich auf solche statistischen Angaben berufen, um den Beweis zu führen, die Sklavenhalterformation als solche hätte nicht bestanden. Sie weisen z. B. auf eine unbedeutende Sklavenzahl in irgendeinem römischen Gebiet hin und auf den ständig sinkenden Anteil der Sklavenarbeit an der Produktion. Diese Autoren berücksichtigen nicht, daß die Sklavenhalterordnung wie jede antagonistische Formation vielgestaltig war und daß es innerhalb des riesigen Römischen Reiches verschiedene Eigentumsformen — vom Urgemeindeeigentum bis zum entstehenden Feudaleigentum — gab und dementsprechend verschiedene Klassen und soziale Gruppen, die in manchen Gebieten vielleicht das Übergewicht über die grundlegenden Klassen der Sklaven und Sklavenhalter hatten. Eine Gesellschaftsformation wird aber nicht durch das zahlenmäßige Verhältnis der einzelnen Kategorien der arbeitenden Bevölkerung bestimmt, sondern durch 11

Plin. nat, hiat. 33, 47.

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CIL VIII 23956.

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den Umstand, welche Beziehungen und welche Ausbeutungsart bestimmend und führend sind. Um dies festzustellen, muß man das Problem von einer ganz anderen Seite her angreifen. Es ist zu klären, welcher Wirtschaftstyp — Kleinbauernwirtschaft, Sklavenhaltervilla, feudales Landgut, durch Lohnarbeiter bearbeitetes Gut — entstand und sich infolge des Zerfalls der Formen entwickelte, die für frühere Etappen typisch waren, z. B. für die Urgemeinde oder für die verschiedenen Formen der patriarchalischen Sklaverei. Ferner müssen wir untersuchen, welche Arbeitskraft in dem betreffenden Wirtschaftstyp hauptsächlich ausgebeutet wurde, in welchen Formen die verschiedenen Kategorien von Arbeitern vorherrschend ausgebeutet wurden und welche durch Recht oder Gewohnheit gebildeten Normen ihre gesellschaftliche Stellung bestimmten, d. h. ob sie dem Typus nach Sklaven, Leibeigene oder Lohnarbeiter waren. Welcher Art waren ihre Eigentumsrechte, ihre Beziehungen zu den Produktionsmitteln und zu dem Besitzer der Produktionsmittel, und in welcher Richtung entwickelte sich ihre Lage? Welcher Art war die typische ökonomische und Soziale Zelle der jeweiligen Gesellschaft: Blutsverwandten- oder Dorfgemeinde, bäuerliche Familie oder eine Familie, die die Sklaven, sowie die abhängigen und freien Mitglieder umfaßte, usw. ? Denn diese Zelle hatte Einfluß auf die Struktur der gesamten sozialen Einrichtungen und auf die ideologischen Vorstellungen der verschiedenen Klassen. Wie wir hier zeigen wollen, bestätigt die Analyse all dieser Momente, daß im Römischen Reich unabhängig von der Sklavenzahl die auf Sklaverei gegründeten Beziehungen führend waren; sie drückten allen Seiten des Lebens ihren Stempel auf, und zwar nicht nur in ihrer Blütezeit, sondern auch während der Krise bis zum völligen Sieg des Feudalismus. In den Arbeiten einiger sowjetischer Historiker fanden sich eine Zeitlang Ansichten, nach denen die Krise der auf Sklaverei gegründeten Produktionsweise entweder gleichzeitig mit der Krise der griechischen Polis im 4. Jahrhundert v. u. Z. oder mit den großen Sklavenaufständen des 2. und 1. Jahrhunderts v.u.Z. begann. Die gesamte folgende Geschichte der Sklavenhalterstaaten betrachteten diese Historiker als einen Wechsel von Perioden zeitweiliger Stabilisierung und von Perioden, in denen sich die Krise verschärfte. Unter diesem Gesichtspunkt sah man auch die Krise des 3. Jahrhunderts an; danach hätte sie zu einer neuen Stabilisierung und zu einer Reaktion der Sklavenhalter unter Diokletian und Konstantin geführt. Bei einer solchen Ansicht bliebe in der römischen Geschichte manches unerklärlich, vor allem aber ließen sich die besonderen Probleme der uns interessierenden Periode nicht erläutern. Will man wirklich die Merkmale der Krise im 3. Jahrhundert ignorieren und diese lediglich als eine von den vielen Krisen ansehen, die die Sklavenhaltergesellschaft erschütterten, so werden die grundlegenden Veränderungen auf ökonomischem, Sozialem und politischem Gebiet unverständlich, die ihre Folgen waren und die selbst bei flüchtigster Bekanntschaft mit der Geschichte der Kaiserzeit ins Auge fallen: die zunehmende Bedeutung der Kolonen in der Produktion ; die Verlagerung der ökonomischen Zentren aus den verfallenden Städten auf die immer größer werdenden Güter; die Volksauf stände, in denen schon nicht

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mehr die Sklaven, sondern die Kolonen und Bauern die führende Rolle Spielten; die Naturalisierung der Wirtschaft; die tiefgreifenden Veränderungen in der Organisation des Staates und in der Ideologie uSw. Später gaben die meisten sowjetischen Althistoriker die Ansicht auf, daß sich die Krise ununterbrochen sieben bis acht Jahrhunderte hingezogen hätte 1 3 ; jetzt begann man ihren Anfang auf das Ende des 2. Jahrhunderts zu datieren. Eben mit dem Beginn dieser Krise verband man jetzt auch die Ereignisse während des 3. Jahrhunderts. Eine solche Problemstellung finden wir in den Arbeiten von W. S. Sergejew, der sich am meisten von allen sowjetischen Historikern mit dem Problem befaßt hat, inwiefern Elemente der feudalistischen Produktionsweise im Schöße der Sklavenhalterordnung heranwuchsen und sich entwickelten. Nach Sergejew drückt sich in der Krise des 3. Jahrhunderts die Krise der auf Sklaverei gegründeten Produktionsweise aus, gleichzeitig entwickelten sich bereits Elemente der Feudalbeziehungen 14 . Allerdings verbindet Sergejew diese allgemeine These nicht mit den konkreten Ereignissen des 3. Jahrhunderts. Bekanntlich muß sich der Kampf der alten, überlebten Produktionsweise mit dem Neuen, das sich erst seinen Weg bahnt, auch in den Widersprüchen zwischen den Klassen und sozialen Gruppen zeigen, die mit den beiden Formen verbunden sind. Sergejew analysiert allerdings nicht, wie sich diese Widersprüchlichkeit konkret äußerte. Er spricht von der zunehmenden Bedeutung der Armee, die, wie er meint, aus Provinzialen, Barbaren, Freigelassenen und Sklaven bestand 1 5 (zweifellos ein Mißverständnis, da Sklaven und Freigelassene, abgesehen von einigen Ausnahmen, keinen Zutritt zur Armee hatten), von Veränderungen innerhalb der herrschenden Klasse und vom wachsenden Steuerdruck. Hiermit bringt er den „Übergang des Sklavenhalter-Roms zum Rom der- Leibeigenschaft" in Verbindung, obwohl er meint, daß alle diese Veränderungen durch die Interessen der Sklavenhalterklasse hervorgerufen worden seien. 16 Sergejew ist der Ansicht, daß die Krise des 3. Jahrhunderts den Zerfall des Sklavensystems beschleunigte 17 , schreibt aber diesen äußerst wichtigen Vorgang nur der allgemeinen Zerrüttung und dem allgemeinen Niedergang zu, obwohl er auch den Volksaufständen große Bedeutung beimißt. Einerseits spricht er davon, daß sich die feudalistische Produktionsweise entwickelte und allmählich das Übergewicht gewann, andererseits charakterisiert er die Kaiser der zweiten Hälfte des 3. Jahrhunderts als Vertreter der Sklavenhalterreaktion und als Restauratoren des Sklavenhalterstaates. Natürlich ergibt sich hierbei die Frage, ob nicht Versuche, die Sklavenhalterordnung wiederherzustellen, auf den Widerstand derjenigen stießen, die die neuen gesellschaftlichen Beziehungen vertraten. Aber Sergejew gibt hierauf keine Antwort. 13

14 15

Zur Geschichte des Problems s. A. I\ EoKmamm, K Bonpocy o npoßneMe nafleHHH aHTiiqHoit pa60BJiaflenLiecK0fi (fiopMaijHH (A. G. Bokstschanin, Zum Problem des Niedergangs der antiken Sklavenhalterformation) in: üpenoflaBaHHe HCTopHH b uiKOJie (Der Geschichtsunterricht in der Schule) 1952, 5, 22 — 35. B. C. CepreeB, O^epKH no hctophh flpeBHero Prnvia (W. S. Sergejew, Abriß der Geschichte des alten Rom) II, Moskau 1938, 622 ff. 16 17 Ebenda 610. Ebenda 6 1 2 - 6 1 3 ; 618. Ebenda 641.

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Einen ähnlichen Standpunkt nimmt auch S. I. Kowaljew ein. Er richtet in seiner Arbeit sein Augenmerk auf die besonderen Merkmale der Krise des 3. Jahrhunderts. Er unterstreicht, daß im 3. Jahrhundert einer „kleinen Clique von Großgrundbesitzern und des Geld- und Handelsadels, die sich auf den militärischen und bürokratischen Staatsapparat stützten, eine mehr oder weniger gleichförmige Masse der arbeitenden Bevölkerung gegenüberstand".18 Gebührend beachtet Kowaljew auch die Tatsache, daß — nach seinen Worten — gegen Ende des 3. Jahrhunderts „die Sklavenhalterklasse begann, sich in eine Klasse von Großgrundbesitzern halb Sklaven haltenden, halb feudalen Typs zu verwandeln", die zu einer sozialen Stütze für den Dominat wurde.19 Hiermit bringt er die Tatsache in Zusammenhang, daß in der römischen Gesellschaft eine breite revolutionäre Front aus Arbeitenden und Unterdrückten entstand; denn diese Elemente wurden durch die neu entstehenden Beziehungen zu einer einheitlichen Masse vereinigt. 20 Sergejew und Kowaljew haben gezeigt, daß die Sklavenhalterordnung mit dem Ende des 2. Jahrhunderts in die Krise eintrat und daß gleichzeitig die ersten Elemente der Feudalordnung entstanden. Ferner wiesen sie nach, daß sich die soziale Natur der herrschenden Klasse allmählich wandelte und daß Veränderungen in der sozialökonomischen Struktur zu einer Veränderung der staatlichen Formen führten. Weiterhin haben sie dargelegt, daß auch der Klassenkampf einen anderen Charakter annahm. Er wurde jetzt im wesentlichen zu einem Kampf zwischen der zu einer einförmigen Masse von Leibeigenen zusammenwachsenden Bevölkerung und den Großgrundbesitzern. Da jedoch Sergejew und Kowaljew ihre Feststellungen innerhalb allgemeiner Abhandlungen getroffen haben, brachten sie sie auch nur in allgemeiner Form vor, ohne an Hand des Materials zu erforschen, wie die festgestellten Erscheinungen auf die verschiedenen Seiten der Ökonomik, der sozialen Struktur, der politischen Ordnung und der Ideologie des Kaiserreichs eingewirkt haben. Es gehörte nicht zu ihren Zielen, grundlegend zu untersuchen, wie der Kampf verlief und zu welchen Höhepunkten er führte. Auf eine etwas andere Art und Weise geht N. A. Maschkin an die Ereignisse des 3. Jahrhunderts heran. Auch er datiert den Beginn der Krise auf das Ende des 2. Jahrhunderts. Für ihre Hauptursachen hält er den Niedergang des Handels und der Finanzen, aber auch die Durchsetzung des Heeres mit provinziellen und barbarischen Elementen. Die zuerst erwähnten Umstände führten nach seiner Ansicht dazu, daß die Städte verfielen.21 Nach Maschkin bestand die römische Armee im 3. Jahrhundert aus deklassierten Elementen, die ihre Prätendenten in der Absicht auf den Thron setzten, sich bei den Unruhen zu bereichern. Indessen ist es kaum wahrscheinlich, daß während der Bürgerkriege, die sich Jahrhunderte lang hinzogen, die Armee eine Macht darstellte, die nicht mit irgendeiner Klasse der Gesellschaft verbunden gewesen wäre. 18 19

C. H. KoBajieB, ßpeBHii» Phm (S. I. Kowaljew, Das alte Rom), Leningrad 1948, 656. Ebenda 692.

20 21

Ebenda 734. N. A. Maschkin, Römische Geschichte, Berlin 1953, 563 ff.

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In der Klassengesellschaft ist die Armee wie auch der Staat selbst immer das Werkzeug der Klasse, auf die sich der Staat stützt. Wenn wir annehmen, daß die Kaiser, die einander im 3. Jahrhundert ablösten, nur vorgeschobene Figuren deklassierter Elemente waren und sich lediglich von deren Forderungen und Wünschen leiten ließen, gelangen wir zwangsläufig dahin, den Klassencharakter des damaligen römischen Staates zu negieren, oder wir müssen diesen Staat als Organ des Lumpenproletariats ansehen. Offensichtlich kann man weder den einen noch den anderen Standpunkt hinnehmen. Die Armee brachte niemals ein dauerhaftes Programm hervor und bedrückte in den anhaltenden inneren und äußeren Kriegen die verschiedensten Bevölkerungsschichten. Aber man kann dies nicht nach einigen Gesichtspunkten entscheiden, die bis zu einem gewissen Grade subjektiv bleiben. Wichtig ist es, festzustellen, ob die sogenannten Soldatenkaiser eine bestimmte politische Linie verfolgten und welcher sozialen Gruppe diese Linie entgegenkam. I m Grunde genommen kann man auch die Soldaten des 3. Jahrhunderts nicht als deklassierte Elemente ansehen. Erstens war der Soldat zu jener Zeit nicht selten Sohn eines Veteranen und selbst jedenfalls zukünftiger Veteran, also Grundbesitzer und Mitglied des Standes der Dekurionen, denen die Veteranen und Soldaten rechtlich gleichgestellt waren. Zweitens haben die Soldaten im 3. Jahrhundert keineswegs die Verbindungen mit dem Wirtschaftsleben der Provinz abreißen lassen, aus der sie hervorgegangen waren und wo ihre Einheit stand. Inschriften und Gesetzbücher lassen erkennen, daß die Soldaten, auch wenn sie sich im Dienst befanden, verschiedenartige Geschäfte betrieben und allerlei bewegliche und unbewegliche Habe besaßen, darunter Sklaven und Land. Man gab den Soldaten eine Parzelle von dem Grund und Boden, den die „Soldatenkaiser" bei den reichen Eigentümern konfisziert hatten. Deshalb gingen unter der Regierung senatsfeindlicher Kaiser, z. B. des Kommodus oder Karakalla, unter den Adligen stets Gerüchte um, der Kaiser beabsichtige, ihnen den Grund und Boden fortzunehmen und unter die Soldaten zu verteilen. Wenn nun aber die Soldaten Grundbesitzer waren, so ist es natürlich, daß sie in sozialer Hinsicht denjenigen nahestanden, die Grund und Boden mit dem gleichen Rechtstitel wie sie selbst besaßen und ihre Güter mit denselben Methoden ausbeuteten, und daß sie bestimmte Beziehungen zu den übrigen sozialen Gruppen und Klassen im Reich unterhielten. Will man die Rolle der Armee im 3. Jahrhundert untersuchen, so muß man berücksichtigen, welche komplizierte soziale Struktur die römische Gesellschaft hatte und wie vielgestaltig ihre Widersprüche waren. Wie wir in unserer Untersuchung zeigen werden, verschärften sich seit dem Ende des 2. Jahrhunderts die Widersprüche innerhalb der besitzenden Klasse; in dem nunmehr beginnenden Kampf standen auf der einen Seite die Besitzer der kleinen und mittleren Villen, die zu einem städtischen Territorium gehörten und gewöhnlich durch Sklaven bearbeitet wurden; die andere Partei bildeten die Eigentümer der großen Güter, die aus den städtischen Territorien abgesondert waren. Auf diesen Gütern gewann die Ausbeutung der Kolonen, auf dem Lande angesiedelter Sklaven und Frei-

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gelassener und an die Scholle gebundener Bauern immer mehr die Oberhand. Die städtischen Grundbesitzer und Sklavenhalter wünschten, den Reichtum und die Macht der Grundherren einzuschränken, und Maßnahmen, die einige Kaiser am Ende des 2. und im 3. Jahrhundert in dieser Richtung ergriffen, kamen ihren Interessen vollauf entgegen. Deshalb liegt kein Grund für die Annahme vor, daß gerade die Armen die „Soldatenkaiser" zu solchen Maßnahmen gedrängt hätten. Für die Geschichte des Klassenkampfes in dieser Zeit ist die (bisher bedauerlicherweise noch nicht veröffentlichte) Arbeit von A. D. Dmitrew „Die sozialen Bewegungen im römischen Kaiserreich" (1949) von großem Wert. Sein Hauptaugenmerk richtet der Verfasser jedoch auf das späte Kaiserreich. Nach Ansicht der sowjetischen Historiker gab es aus der Krise der auf Sklaverei gegründeten Produktionsweise innerhalb der Sklavenhalterordnung keinen Ausweg, sondern sie konnte nur durch eine revolutionäre Umgestaltung der Gesellschaft ihren Abschluß finden. Folglich mußte sie unbedingt alle Seiten des Lebens berühren und auf Wirtschaft, Politik, Ideologie und auf die soziale Ordnung einwirken. Deswegen darf man alle diese Momente nicht losgelöst voneinander betrachten, wie es z. B. Calderini tut. Vor allem muß man verfolgen, wie sich die Krise in so grundlegenden Einrichtungen der Sklavenhaltergesellschaft, wie der Familie, der Stadt, der Villa usw., widerspiegelte, welches Schicksal die hauptsächlichen Gesellschaftsklassen erfuhren, wie sich diese Veränderungen auf den Staatsaufbau auswirkten und welchen Ausdruck sie in der Ideologie der verschiedenen Klassen und sozialen Gruppen fanden. Da wir für das 3. Jahrhundert nur spärliche Zeugnisse besitzen, kann nur eine solche „komplexe" Methode bei dem Versuch helfen, einige Gesetzmäßigkeiten aufzudecken und, wenn auch nur in groben Zügen, ein mehr oder weniger vollständiges Bild zu zeichnen. Die zweite wichtige Aufgabe besteht darin, die verschiedenen im Reich nebeneinander bestehenden Eigentumsformen und die mit ihnen verbundenen sozialen Gruppen möglichst genau zu bestimmen. Die früher in unserer Wissenschaft weitverbreitete Vorstellung, es hätte in der Sklavenhalterordnung nur zwei Klassen gegeben — Sklaven und Sklavenhalter —, hat man jetzt aufgegeben. I n Arbeiten aus den letzten Jahren finden wir durchaus richtige Hinweise auf die Nebenklassen, die in der damaligen Gesellschaft bestanden.22 Aber bisher waren diese Hinweise nur allgemein, ohne auf die verschiedenen Perioden der alten Geschichte angewendet zu werden. Dabei ist diese Frage für die uns interessierende Zeit besonders wichtig. Durch die Krise zersetzten sich die Hauptklassen der Sklavenhaltergesellschaft. Infolgedessen traten andere Klassen und soziale Gruppen, die früher mehr im Hintergrund standen, stärker hervor.

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C. JI. YTHeHKO, O KJiaccax H KJiaccoBOä C T p y K T y p e airrmnoro paßoiwiaaejimecitoro oömecTBa (S. L. Uttschenko, Die Klassen und die Klassenstruktur der antiken Sklavenhaltergesellschaft), B,D,H 1951, 4, 15—21; K . B . OCTPOBHTHHOB, OMcpiiii BKOHOMHKH ÄOKanHTaJiHCTHHecKHX (fiopMauHtt (K. W. Ostrowitjanow, Abriß der Ökonomik der vorkapitalistischen Formationen), Moskau 1945, 64f.

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Sehr interessant sind die Schlußfolgerungen, die 0 . W. Kudrjawzew in dieser Hinsicht gezogen hat. 2 3 Bei einer Analyse der Verhältnisse in Achaja während der ersten zwei Jahrhunderte u. Z. legt er dar, daß sich das Wirtschaftsleben dieser Provinz in dauernder Rückständigkeit befand, da die auf Sklaverei gegründeten Beziehungen dort schon längst überlebt waren und sich noch keine neue Produktionsweise herausgebildet hatte. Der Autor erklärt dies damit, daß es in Achaja weder große exterritoriale (d. h. nicht zu einem städtischen Territorium gehörende) Latifundien noch außerstädtisches Bauernland gab — zwei Bodenkategorien, auf denen Feudalbeziehungen entstehen konnten. Der gesamte Boden von Achaja gehörte zu städtischen Territorien. Es gab dort nur die antike Eigentumsform. Diese Beobachtung von Kudrjawzew ist f ü r die Geschichte der Sklavenhalterordnung beachtenswert. Die Produktionsweise, die auf Sklaverei beruhte, hatte sich infolge der Zersetzung der Urgemeinde und der Beziehungen der frühen Sklaverei entwickelt. Wenn sie, wie dies in Achaja der Fall war, schließlich von der Bildfläche verschwanden, so wurde die beginnende Krise der auf Sklaverei beruhenden Produktion besonders langwierig, da es innerhalb einer reinen Sklavenhaltergesellschaft keine K r ä f t e gab, die einen Ausweg ermöglicht hätten. Der Sklave, der mit einem Pekulium belehnt und auf dem Lande angesiedelt worden war, blieb weiterhin Sklave und wurde deshalb noch nicht zum Träger neuer Beziehungen. Obwohl der Kampf der Sklaven gegen die Sklavenhalter der Sklavenhalterordnung einen schweren Schlag versetzte, konnte diese dadurch nicht beseitigt werden. Freie Landpächter und Freigelassene als Pächter blieben städtische Bürger; als solche hatten sie städtische Verpflichtungen zu tragen und waren von den Stadtverwaltungen abhängig. Sie verwandelten sich nicht in Kolonen — „die Vorläufer der mittelalterlichen Leibeigenen" —, die lediglich mit dem Gute verbunden waren und ausschließlich von dessen Besitzer abhingen. Selbst die Grundbesitzer blieben Stadtbürger. Die Stadt verschlang einen bedeutenden und immer größer werdenden Teil des Mehrprodukts, der unproduktiv verausgabt wurde, und stand einer Vermehrung des privaten Grundeigentums im Wege. Der Boden war freilich in der Hand der einheimischen Oligarchie konzentriert, aber deren Güter besaßen nicht die Vorrechte exterritorialer Latifundien, die diese im Vergleich zur Sklavenhaltervilla zu einem fortschrittlicheren Wirtschaftstyp machten. I n völlig urbanisierten Gebieten konnte sich der Kolonat auch deswegen nicht entwickeln, weil die städtischen Armen sich nicht mit der Landwirtschaft beschäftigen wollten, die Ländereien aber infolge des Arbeitskräftemangels verödeten. Hinzu kommt, daß die städtischen Armen, obwohl sie sich nicht selten gegen die Oligarchie empörten, keine revolutionäre Klasse, also keine Träger neuer Beziehungen waren. Ihre Existenz war mit dem Bestand der Sklavenhaltergesellschaft eng verbunden, da die Spenden, die sie erhielten, auf Kosten des

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O. B. KyapHBueB, BmiHHCKHe iipobhhijhh EaJiKaHCKoro nonyocTpoBa bo II b. h. 3. (O. W. Kudrjawzew, Die hellenischen Provinzen der Balkanhalbinsel im 2. Jahrhundert u. Z.), Moskau 1954.

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Arbeitsprodukts der Sklaven gingen und nur in der Sklavenhalterordnung die städtische Organisation bestand, die derartige Verteilungen in großem Maßstabe ermöglichte. Die Elemente des Feudalismus entstanden auf der Grundlage anderer Beziehungen, die zeitlich neben der entwickelten Sklaverei bestanden. Die Hauptrolle spielte hierbei einerseits die freie Bauernschaft, die in Stammes- oder Dorfgemeinden in außerstädtischen Gebieten lebte, andererseits aber auch die freie und halbfreie Bevölkerung der exterritorialen Latifundien. In der Blütezeit der Sklavenhalterordnung nahmen die Sklavenhaltervillen und die Städte an Zahl zu, da sich die Gemeinde auflöste und die großen Güter des Stammesadels zerstückelt wurden. Mit der fortschreitenden Krise änderte sich die Lage. Der Großgrundbesitz erstarkte von neuem, und gleichzeitig nahm die Ausbeutung der Kolonen zu, die in der Produktion einen immer wichtigeren Platz einnahmen. Aus den Gemeinden sonderten sich reiche Eigentümer aus; sie knechteten die Bauern und machten sie zu Kolonen. Es faßte eine Eigentums- und Ausbeutungsform Fuß, die die entsprechenden feudalistischen Formen vorwegnahm. Die geknechteten Bauern und Kolonen waren in der damaligen Gesellschaft das revolutionärste Element; Sklaven und Freigelassene, die auf dem Lande angesiedelt waren, standen den Kolonen unter den Freien am nächsten. Ohne Zweifel nahmen sie aktiv an deren Aufständen teil. Solche Erhebungen begannen gewöhnlich dort, wo sich eine zahlreiche Dorfbevölkerung erhalten hatte, und dort erreichten sie auch ihren Höhepunkt. Zum Beispiel entfaltete sich die Bewegung der Quinquegentanei und später die der Agonistiker in Mauretanien und Numidien, dagegen blieb das prokonsularische Afrika davon unberührt. Der Bagaudenaufstand, der die drei gallischen Provinzen erschütterte, fand offensichtlich in der Narbonensis kein Echo. Die revolutionären Bewegungen in den Donauprovinzen erreichten ihren Höhepunkt in der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts (der Aufstand des Prokop und der Gotenauf stand), als man dort damit begann, die Bauernmassen zu knechten, die bald darauf durch die Gesetze über die illyrischen und thrakischen Kolonen an den Boden gebunden wurden. Bekanntlich waren gerade diese Aufstände der Landbevölkerung eine der wichtigsten Ursachen für den Untergang des Weströmischen Reiches. Zur gleichen Zeit bildete sich in diesen Gebieten die Klasse der Großgrundbesitzer. Diese waren schon nicht mehr daran interessiert, weiter an die Stadt gebunden zu bleiben, und beuteten in erster Linie nicht mehr Sklaven aus, sondern Kolonen. Diese entstehende Klasse war bereit, solche Normen der Sklavenhaltergesellschaft beizubehalten, die ihre Macht über Sklaven und Kolonen sicherten, sie bekämpfte aber alles, was ihr unter den neuen Bedingungen überflüssig erschien oder hinderlich war. Diese Klasse verfolgte separatistische Bestrebungen. Ihre Absichten traten bisweilen zurück, wenn von Seiten der Volksmassen Gefahr drohte. Zu anderen Zeiten hingegen lebten sie wieder auf und trugen nicht wenig zum Zerfall und zum Untergang des Westreichs bei. Von allen diesen Vorgängen kann man sich nur ein Bild machen, wenn man zu klären versucht, in welchen Provinzen und Gebieten des Reiches die verschiedenen

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Eigentumsformen vorherrschten und welches Schicksal sie erlitten. Von diesem Gesichtspunkt aus werden in der vorliegenden Arbeit die westlichen Provinzen des Römischen Reiches untersucht. 24 Aus mehreren Gründen halten wir es f ü r möglich, die Westprovinzen als eine besondere Gruppe zusammenzufassen. Der wichtigste Grund ist, daß diese Provinzen im Römischen Reich aufgingen, als sie sich noch auf verschiedenen Stufen der zerfallenden Urgemeindeordnung befanden, während die östlichen Provinzen schon einen jahrhundertelangen Entwicklungsweg der Klassengesellschaft und des Staates zurückgelegt hatten. Deshalb vollzogen sich im Westen Bildung, Blüte und Krise der auf Sklaverei gegründeten Produktionsweise in der reinsten, „klassischen" Form. Die letzte Aufgabe unserer Arbeit besteht darin, den Hintergrund der Bürgerkriege und des ideologischen Kampfes in den weströmischen Provinzen zur Zeit der Krise des 3. Jahrhunderts aufzudecken. Größtes Interesse verdienen die Wechselbeziehungen der verschiedenen Klassen und sozialen Gruppen, ferner deren subjektive oder objektive Ziele und die Frage, wieweit diese mit den überlebten oder mit den aufkeimenden neuen Beziehungen verbunden waren, und schließlich das Problem, was die Krise des 3. Jahrhunderts für den Verfall und den Untergang der auf Sklaverei gegründeten Produktionsweise bedeutete. Wir werden die politische Geschichte nicht systematisch darstellen, da sie durch die allgemeinen Lehrbücher hinlänglich bekannt ist. Unser Hauptaugenmerk richten wir auf diejenigen Momente, die zur Lösung der oben aufgezeigten Probleme beitragen können. So wird z. B. die Politik eines Kaisers oder der in seinem Namen handelnden Regierung hauptsächlich unter dem Gesichtspunkt ihres KlaSSeninhalts betrachtet werden. Wir gehen davon aus, welcher sozialen Gruppe diese oder jene Politik entsprach, und welchen Einfluß sie auf die Krise der Sklavenhalterordnung in den westlichen Provinzen ausübte. Hierbei wird eine gewisse Schematisierung kaum vermieden werden können. Manches wird unberücksichtigt bleiben, wenn die allgemeinen historischen Gesetzmäßigkeiten einer so komplizierten Periode zu umreißen sind. Es bereitet unserer Darstellung wesentliche Schwierigkeiten, daß die Quellen über unsere Probleme nur wenig aussagen und obendrein unzuverlässig sind. Das Bild, das sich auf Grund der verschiedenen, oft minutiösen Einzelheiten entwerfen läßt — diese Einzelheiten stammen aus sehr verschiedenartigen Schriftdenkmälern —, kann keinen Anspruch auf Vollständigkeit und Genauigkeit erheben. Unter unseren Quellen gibt es keine, auf die man sich so gut stützen könnte wie auf Appian für die Untersuchung der Bürgerkriege oder auf Tacitus für die Erforschung des ersten Jahrhunderts der Kaiserzeit. Auch deshalb ist es notwendig, die mannigfaltigen Quellen komplex zu benutzen, darunter die juristischen Werke, die gewöhnlich nur den Rechtshistorikern als Material dienen, die philosophischen 24

Im ersten Teil der vorliegenden Arbeit, der der Frage der allgemeinen Voraussetzungen der Krise gewidmet ist, wird auch das italische Material ausgewertet. Dieses Material wurde zu Recht herangezogen, da sich die auf Sklaverei gegründete Produktionsweise in den westlichen Provinzen auf demselben Wege entwickelte wie in Italien, obwohl sie dort nicht einen so hohen Stand erreicht hat.

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Schriften, die hauptsächlich das Augenmerk von Historikern der Philosophie auf sich lenken, und die poetischen Schöpfungen, die oft anonym sind und nicht selten überhaupt ignoriert werden. Nehmen wir als Beispiel die uns erhaltenen Auszüge aus juristischen Werken, die in den Digesten und SpezialSammlungen zusammengefaßt sind. Bekanntlich bekleideten viele große Rechtsgelehrte, wie Papinian, Paulus, Ulpian und Modestin, das Amt des Praefectus Praetorio. Sie waren also die nächsten Ratgeber des Kaisers oder leiteten zuweilen die Regierung, wie Ulpian. Es ist unvorstellbar, daß die Politik der Regierungen, in denen diese Männer mit an erster Stelle standen, in ihren Werken nicht zum Ausdruck gekommen wäre und daß sie selbst bei allem Konservativismus des römischen Rechts die Veränderungen ignorieren konnten, die im Wirtschaftsleben und in der sozialen Ordnung vor sich gegangen waren. Freilich kann man nicht immer feststellen, wann dieses oder jenes Gesetz oder ein Kommentar dazu herausgegeben worden ist (in dieser Hinsicht liefern die kaiserlichen Reskripte zuverlässigeres Material), aber es ist interessant, zu verfolgen, welchem Gesetz die verschiedenen Juristen ihre Aufmerksamkeit widmeten und wie sie dieses Gesetz in ihren Arbeiten interpretierten. Besonders interessant in diesem Sinne ist es, die juristischen Fragmente aus dem 3. Jahrhundert mit denen aus dem 1. und 2. Jahrhundert zu vergleichen, denn dadurch werden die Veränderungen deutlich und können beurteilt werden. Wenn wir ferner z. B. wissen, daß Modestin Praefectus Praetorio Maximins und Erzieher Seines Sohnes war, so können wir annehmen, daß er den Kreisen nahestand, die diesen Kaiser auf den Thron erhoben und ihn unterstützt haben. Und wenn in seinen Werken harte Gesetze gegen „Rebellen" formuliert und bestätigt werden, So bekräftigt dies ein weiteres Mal, daß Maximin kein Führer und Vertreter der aufständischen Massen war 26 . Bedeutsames Material liefern die Numismatik und die Epigraphik. Für die Geschichte des ideologischen Kampfes und in Hinsicht auf die politischen Programme verschiedener sozialer Gruppen sind die Münzen besonders interessant, da sie Propagandazwecken dienten. Münzen Galliens symbolisieren z. B. sein Regierungsprogramm. Alföldi, Delbrück, Mattingly und andere Forscher, die diese Münzen untersucht haben, sind zu einigen sehr wertvollen und interessanten Schlußfolgerungen gelangt. Jedoch kommt den Münzen vieler Kaiser keine Originalität zu; sie wiederholen lediglich frühere Vorbilder oder enthalten populäre Losungen („Frieden", „Freiheit", „Glück", „Milde" u. a. m.), über die sich kein Kaiser hinwegsetzte. Am aufschlußreichsten sind Solche Münzen, die etwas über das offizielle Programm der jeweiligen Regierung zum Ausdruck bringen, obwohl auch in diesen Fällen nicht immer genau gesagt werden kann, wie die verschiedenen Losungen ausgelegt wurden. Ohne eine Klärung dieser Frage würde leicht ein falscher Eindruck entstehen; z. B. könnte man folgern, daß das Programm der Senatspartei vom Ende

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Die allzu kritische Haltung einiger westeuropäischer Forscher gegenüber den Rechtsquellen ist nicht gerechtfertigt; s. H. C. IlepeTepcKHÄ, J^HrecTLi SOcTHHHaHa (I. S. Pereterskij, Die Digesten Justinians), Moskau 1956, 81 f.; 92.

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der Republik bis zum Ende der Kaiserzeit unverändert blieb. Dies entspricht natürlich nicht der Wirklichkeit. Die Inschriften liefern uns so wertvolles Material wie keine andere Quelle. Nur sie übermitteln uns bestimmte Nachrichten über die Organisation und die territoriale Verteilung der Dorf- und Stammesländereien und der Latifundien. Außerdem enthalten sie Nachrichten über die Stellung der Soldaten und Veteranen im gesellschaftlichen Leben, über Kulte und Religionen, die unter den Volksmassen verbreitet waren, usw. Jedoch sind die epigraphischen Angaben nur fragmentarisch, da uns von den zahlreichen Inschriften nur ein kleiner Teil erhalten blieb. Nichtsdestoweniger können die Inschriften dem Historiker, der sie umfassend auswertet, sehr viel bieten. So erscheinen in vielen Inschriften aus den Donauprovinzen Soldaten und Veteranen als Mitglieder städtischer Verwaltungen. Mit dem Anfang des 3. Jahrhunderts verringert sich die Zahl der gallischen städtischen Inschriften sehr, während gleichzeitig die Anzahl der Inschriften aus rheinischen Dörfern zunimmt. Auf den Grabmälern von Sklaven, Freigelassenen und Handwerkern treten gleichartige Ideen und Vorstellungen auf. Aus all diesem Material können wir trotz seines fragmentarischen Zustandes doch recht glaubwürdige Schlußfolgerungen ziehen. Die Werke der antiken Historiker liefern für unser Thema verhältnismäßig wenig, da die besten und zuverlässigsten von ihnen, Dio Cassius und Herodian, bekanntlich ihre Erzählungen nicht bis zu der Zeit fortgeführt haben, in der die Krise am heftigsten war. Für diese Zeit verfügen wir lediglich über die kurzen Mitteilungen der Scriptores Historiae Augustae (im folgenden SHA abgekürzt), des Aurelius Victor, des Eutrop, des Orosius, des Zosimos und des Zonaras, sowie über die Fragmente einzelner griechischer Historiker, die den östlichen Provinzen bedeutend mehr Aufmerksamkeit widmeten als den westlichen. Bisher wurden in historischen Arbeiten über diese Zeit die Werke von Philosophen, christlichen Autoren, Dichtern usw. verhältnismäßig wenig ausgewertet. Wenn man aus ihnen auch nicht viele historische Fakten im engeren Sinne schöpfen kann, so vermitteln sie doch reichhaltiges Material über die ideologischen Richtungen und Widersprüche26. Diese Quellen sind mannigfaltig und lassen sich zuweilen nur schwer differenzieren, da sie — unterschiedlich in der Form — sich gegenseitig ergänzen und nicht isoliert untersucht werden dürfen. Will man z. B. die Grundzüge der Ideologie der Sklaven und der freien arbeitenden Armen und die Entwicklung dieser Ideologie versuchsweise charakterisieren, so muß man einige Gedichte des Phädrus und des Avian, ferner Sammlungen gangbarer Redensarten und Sprichwörter, anonyme Gedichte und metrische Grabinschriften heranziehen, darüber hinaus Autoren, die uns Nachrichten über die populäre Richtung des Kynismus überliefern, und die Werke Commodians, der mit größter Wucht die Gefühle und Hoffnungen der Massen zum Ausdruck brachte, die sich im 3. Jahrhundert zum Kampf mit den Vornehmen und Reichen erhoben. Diese Quellen 26

Einige von ihnen enthalten auch Mitteilungen über die sozialen Verhältnisse; z. B. findet man im „Goldenen Esel" und in der „Apologie" des Apuleius über die afrikanische Agrarordnung und in den Werken Senecas über die Lage der Sklaven wertvolles Material.

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haben keinen einheitlichen Wert. Die Grabinschriften enthalten vielfach Hinweise auf die soziale Lage des Verstorbenen, lassen sich aber zum großen Teil bei aller Mühe nur annähernd datieren. Auch die anonymen Gedichte sind selten datierbar. Die Lebenszeit Commodians k a n n man als festgelegt ansehen 2 7 , aber es besteht Uneinigkeit darüber, in welcher Provinz er lebte und wirkte. Ziehen wir alles Material in Betracht, das uns zur Verfügung steht, so können wir immerhin ein recht deutliches Bild entwerfen und von Elementen einer Ideologie der Sklaven und der freien Armen sprechen, einer Ideologie, die als Protest gegen die Anschauungen der herrschenden Klasse aufkam und sich mit der Verschärfung der Klassengegensätze weiter entwickelte. Ähnliches läßt sich auch über die Quellen zur Ideologie der anderen sozialen Gruppen sagen. Seneca formulierte die Weltanschauung der Stoiker, wie sie später unter den Antoninen vorherrschend wurde, und das Buch Mark Aurels ermöglicht es uns, zu einem Urteil über ihren Niedergang zu gelangen. Wir können verfolgen, wie sich die einzelnen Gruppen der herrschenden Klasse ihre besondere Ideologie schufen, die mit ihrem politischen Programm eng verbunden war. Die ideologische Entwicklung der munizipalen Kreise können wir an den Werken des Apuleius und des Philostrat, an den Traktaten der Hermetisten und den Werken der Neuplatoniker erkennen. Eigene politische Systeme tauchen auch unter den Großgrundbesitzern in den Provinzen auf. Eines der wichtigsten Literaturdenkmäler, die ihre Ansichten zum Ausdruck bringen, ist das Werk des Dio CassiuS, besonders die Reden, die Dio dem Agrippa und dem Mäcenas in den Mund legt (Buch LH). Die Nachrichten, die wir aus diesen Quellen schöpfen und die sich bis zu einem gewissen Grade durch numismatische und epigraphische Angaben bestätigen und ergänzen lassen, erweitern unsere Vorstellung vom Wesen des Kampfes, der damals tobte, und verhelfen uns zu einem Urteil über Seine Ergebnisse, besonders darüber, wer aus diesem Kampf als Sieger hervorging. Die umstrittenste Quelle ist das bekannte Sammelwerk der SHA. Die Anzahl der Abhandlungen, die diesem Werk gewidmet sind, ist sehr groß und wächst mit jedem Jahre, obwohl die Autoren der letzten Untersuchungen nicht selten zu den Methoden und Argumenten der früheren Kritiker der SHA zurückkehrten: Mommsen, Dessau, Seeck, Lecrivain. Wie schon früher bestreiten noch heute einige Forscher jeglichen Wert dieses Sammelwerks als Quelle für die Geschichte des 3. Jahrhunderts, da sie der Ansicht sind, daß es nicht vor Ende des 4. bis Anfang des 5. Jahrhunderts zusammengestellt sei und die meisten Angaben erfunden seien. 28 Viele Anhänger h a t die Theorie von Baynes gefunden. Danach wurde der Text der SHA während der Regierung des Julian Apostata verfaßt, um dessen Politik zu verherrlichen, oder zur Zeit des Theodosius niedergeschrieben. Andere erblicken hingegen in diesem Werk ein antichristliches Pamphlet, obwohl sich die SHA für die Christen kaum interessie27 28

M. Simonetti, Sulla cronologia di Commodiano, Aevum 27, 1953, 3, 227—239. W. Hartke, Geschichte und Politik im spätantiken Rom, Leipzig 1940; Römische Kinderkaiser, Berlin 1951.

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ren. 29 Schließlich folgen einige Forscher Löcrivain. Sie treten für die herkömmliche Datierung auf die Zeit Diokletians — Konstantins ein und erkennen die SHA als eine Geschichtsquelle von bedeutendem Wert an. 30 Nach ihrer Ansicht sind Anachronismen, die in diesem Sammelwerk vorkommen, von Späteren Redaktoren eingefügt worden. Die Forscher, die sich speziell mit den SHA befassen, sehen es als ihre Aufgabe an festzustellen, welche Quellen der Autor oder die Autoren dieses Sammelwerks benutzt haben. Da jedoch die damalige historische Literatur zum größten Teil verlorengegangen ist, handelt es sich hierbei meistens um Subjektive Vermutungen. Außerdem beweisen die Kritiker, daß verschiedene Mitteilungen der SHA falsch sind, und versuchen darzulegen, mit welcher Absicht sie erdacht wurden. Aber auch diese Methode führt zu keinen bedeutenden Ergebnissen. 31 Um zu entscheiden, in welchem Maße die SHA für die Erforschung des 3. Jahrhunderts ausgewertet werden können, muß man das Hauptaugenmerk nicht auf ihre Einzelheiten, sondern auf die allgemeine Tendenz ihrer Kompilatoren richten. Man sollte nicht versuchen, jeden einzelnen Absatz irgendeinem bestimmten, uns meistens unbekannten Autor zuzuschreiben. Einleuchtend ist der Standpunkt Mannis: Wenn auch die Redaktoren im ausgehenden 4. Jahrhundert der Sammlung manches hinzugefügt hätten, gehöre doch dieses Literaturdenkmal im wesentlichen in die Zeit Diokletians oder Konstantins, da es die Senatsideologie gerade dieser Zeitspanne zum Ausdruck bringe. Betrachten wir einige Beispiele: Die SHA sind der Armee sehr feindlich gesinnt. Sie billigen diejenigen „Senats"-Kaiser, wie Alexander Severus, Gordian I I I . und Probus, die danach strebten, den Einfluß der regulären Truppen zu vermindern, indem sie die Gründung von Militärkolonien an den Grenzen förderten und die Barbaren, die auf den verödeten Ländereien angesiedelt worden waren, zum Militärdienst heranzogen. Im 4. und 5. Jahrhundert war diese Frage nicht a k u t : Die Armee bestand schon zu einem großen Teil aus „Barbaren", die man anwarb oder die bereits auf römischem Boden seßhaft waren. Im 3. Jahrhundert war dies ein ganz aktuelles Problem, und viele Inschriften bestätigen, daß die oben genannten „Senatskaiser", besonders Alexander Severus und Gordian III., es tatsächlich in dem Sinne zu entscheiden suchten, in dem die SHA darüber Schreiben. Ein anderes Beispiel: Die SHA zeigen nicht nur höchste Begeisterung für die Angehörigen der Dynastie der Antonine, die vor Kommodus regierten, sondern 29 30

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N. H. Baynes, The Historia Augusta, its date and purpose, Oxford 1926; CAH XII 710; Baynes betont an dieser Stelle: The questions are still under discussion. L. Homo, Lea documents de l'histoire Auguste et leur valeur historique, Revue historique 151, 1926, 161 — 198; 152, 1926, 1—31; vgl. E. Hohl, Zur Historia Augusta-Forschung, Klio 27, 1934, 1/2, 149—164; E. Manni, Recente studi sulla Historia Augusta, La parola del passato 1953, faso. 28. Eine eingehendere Analyse dieses Literaturdenkmals findet man in unserem Aufsatz ,,Scriptores Historiae Augustae KaK HcropmecKHii hctohhhk" (Die Scriptores Historiae Augustae als Geschichtsquelle), BflH 1957, 1, 233—245 und ebenfalls bei A. H. floßaTyp, MeropHH H3yieHHH Scriptores Historiae Augustae (A. I. Dowatur, Die Geschichte der Erforschung der Scriptores Historiae Augustae) ebenda 245—256.

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sie betonen auch die besondere Verehrung, die ihnen die „guten", d. h. die von der Aristokratie auf den Thron erhobenen Kaiser erwiesen. Tatsächlich wissen wir aus epigraphischen und numismatischen Angaben, daß der Kult der Antonine am Ende des 2. und im 3. Jahrhundert unter der Aristokratie der westlichen Provinzen weit verbreitet war. Gordian II., der nach den Worten seines Biographen seine Abstammung auf Trajan zurückführte, ließ Münzen mit der Legende Traianus divus pater schlagen. Ein anderer „Senatskaiser", Decius, nahm den Namen Trajan an und brachte eine ganze Serie von Münzen heraus, die den zu Göttern erhobenen Kaisern gewidmet waren, und unter diesen spielten wiederum die Antonine die Hauptrolle. Im 4. und 5. Jahrhundert hatte jedoch der Kult der Antonine keine besondere Bedeutung mehr. Grenzenlose Sympathie genießen bei den SHA Klaudius II. und besonders Probus, der ähnlich wie Alexander Severus das Ideal eines Kaisers verkörperte — vom Standpunkt der Aristokratie aus gesehen. Aber das, was Trebellius Pollio und Vopiscus von den Verdiensten und Heldentaten Klaudius' II. und Probus' sagen — ob nun in ihrem eigenen Namen oder im Namen der Kaiser in den Reden und Briefen, die diesen zugeschrieben sind (ob diese Reden und Briefe echt sind, hat in diesem Falle für uns keine Bedeutung) —, findet eine Analogie in den gallischen Panegyriken auf Maximian und Konstantius Chlorus. Die Datierung dieser Panegyriken unterliegt keinem Zweifel, und ebenso steht es fest, daß ihre Autoren zu den Ideologen der einheimischen Aristokratie gehörten. Also kann man folgern, daß sich in der gallischen Aristokratie gegen Ende des 3. bis Anfang des 4. Jahrhunderts eine bestimmte Vorstellung davon entwickelte, wie ein „guter" Kaiser zu handeln hatte, und daß diese Vorstellung in den Panegyriken und den SHA ihren Niederschlag gefunden hat. Der letztere Umstand ist besonders deshalb wichtig, weil er ein starkes Argument für die Theorie darstellt, bei der Abfassung des Sammelwerks sei eine Quelle benutzt worden, die jemand in Gallien geschrieben habe, der zur dortigen Aristokratie gehörte oder jedenfalls deren Ideologie vertrat. Hiermit hängt es zusammen, daß einerseits die gallischen Kaiser, besonders Postumus und Tetricus, so hoch eingeschätzt werden, und andererseits Gallien scharf verurteilt wird. Diese Tradition hielt sich in den westlichen Provinzen so hartnäckig, daß sie sogar noch auf Orosius einwirkte, der gewöhnlich christlichen Schriftstellern folgte. Er verleumdet Gallien und streicht Postumus heraus, ungeachtet dessen, daß in der christlichen Geschichtsschreibung (z. B. bei Eusebius) Gallien hoch geschätzt wird, da er die Christenverfolgungen beendete. Aus alledem können wir folgern, daß auf die SHA ein starker Einfluß von einer Quelle ausging, die westliche aristokratische Ansichten des 3. Jahrhunderts widerspiegelte. Folglich kann man die SHA für eine Charakterisierung dieser Kreise auswerten, insbesondere, wenn man ihnen andere parallele Angaben gegenüberstellt. So zeigt bereits ein flüchtiger Überblick über die Quellen, daß nur ihre komplexe Untersuchung zu bestimmten Ergebnissen führen kann. Immerhin bleiben diese Ergebnisse noch weitgehend hypothetisch. 3 Schtajerman

ERSTER TEIL

D I E VORAUSSETZUNGEN DER KRISE

Über den Zeitpunkt, zu dem die Krise begann, besteht bei den meisten sowjetischen Historikern kein Zweifel. Allerdings darf man nicht vergessen, daß sich einige für die Zeit der Krise typische Erscheinungen schon vor dem Ende des 2. Jahrhunderts bemerkbar machten, vor allem in den Gebieten, wo die Sklaverei am weitesten entwickelt war. Wie wir zeigen werden, lassen sich derartige Symptome schon vom Beginn des 2. Jahrhunderts an in den südöstlichen Bezirken Spaniens verfolgen — von Italien ganz zu schweigen. Ziemlich früh erscheinen in der Ideologie der ausgebeuteten Massen auch Züge, die für die Zeit der Krise, als sich der Klassenkampf heftig verschärfte, bezeichnend sind. Solche Einzelheiten berechtigen aber noch nicht dazu, die Krise früher zu datieren. Widersprüche, die der auf Sklaverei gegründeten Produktionsweise eigentümlich sind, gab es in ihrer ganzen Geschichte, und sie traten um so stärker hervor, je höher sie entwickelt war. Sehr wichtige Besonderheiten dieser Produktionsweise, wie die äußerst niedrige Arbeitsproduktivität, die sich aus der Interesselosigkeit der Sklaven ergab, und die unvermeidlichen, immer weiter ansteigenden Aufwendungen zur Erhaltung der an der Produktion nicht beteiligten Bevölkerung usw., begannen zutage zu treten, sobald die Sklaverei in der Produktion vorherrschte. Das alles waren Voraussetzungen für den unausbleiblichen Anbruch der Krise. Solange sich jedoch in einem großen Teil der römischen Sklavenhalterwelt die Produktivkräfte weiterentwickelten und solange alle neuen Gebiete zu Entwicklungszentren der Sklavenhalterordnung mit allen ihr eigentümlichen Einrichtungen wurden, kann man noch nicht davon reden, daß die Krise dieser Produktionsweise im ganzen begonnen hätte. Die Krise einer Produktionsweise, so auch die Krise der auf Sklaverei gegründeten, bricht dann herein, wenn die herrschenden Produktionsbeziehungen in Widerspruch zu den Produktivkräften geraten und deren weitere Entwicklung zu hemmen beginnen. Der Charakter der Produktionsbeziehungen wird bekanntlich durch die Formen des Eigentums an den Produktionsmitteln bedingt, und die Eigentumsformen bestimmen ihrerseits die Lage und die Wechselbeziehungen der verschiedenen sozialen Gruppen. Welcher Art waren die Eigentumsformen und die mit ihnen verbundenen sozialen Gruppen im Römischen Reich zu dem Zeitpunkt, zu dem man vom Anbruch der Krise der auf Sklaverei gegründeten Produktionsweise sprechen kann?

1. K A P I T E L

Die Eigentumsformen in der Kaiserzeit In der Kaiserzeit gab es vier Eigentumsformen: 1. die auf Sklaverei gegründete, die Marx als die antike Eigentumsform definiert hat; 2. die Gemeindeform des Eigentums. Für sie ist das staatliche Eigentum am Boden bezeichnend. Der Boden befindet sich im Besitz der Dorf- oder Stammesgemeinden, soweit sie nicht zu städtischen Territorien gehören. 3. Die sogenannten exterritorialen Latifundien (saltus), die nicht zum Territorium einer Stadt, sondern Privatbesitzern gehören. 4. Ländereien, die staatliches oder kaiserliches Eigentum sind. In den verschiedenen Provinzen und Gebieten des Reiches war auch das Verhältnis dieser Formen zueinander verschieden, aber mehr oder weniger waren sie überall vertreten. Durch ihre Entwicklung und Wechselwirkung wurde der Entwicklungsgang der einzelnen Provinzen wie auch des Reiches im ganzen wesentlich bestimmt.

1. Die antike

Eigentumsform

In den ersten Jahrhunderten u. Z. war die auf Sklaverei gegründete, antike Eigentumsform führend und bestimmend. Für sie ist die absolute Gewalt des Sklavenhalters über den Sklaven charakteristisch, der der Produktionsmittel beraubt und selbst Eigentum des Herrn ist; hinzu kommt als weiteres Charakteristikum das begrenzte Eigentum des Besitzers an dem Hauptproduktionsmittel, dem Boden. Natürlich existierte das Privateigentum am Boden, und der Besitzer konnte praktisch über sein Gut nach seinem Gutdünken verfügen. Jedoch war dieses Eigentum durch die Stadt eingeschränkt. Sie hatte im Römischen Reich zwar die Selbständigkeit der Polis verloren, aber deren Züge behalten, die sie zu einem Kollektiv von Grundbesitzern und Sklavenhaltern machten. Dieses war die Organisation der freien Bürger mit der Aufgabe, ihre Herrschaft über die Sklaven aufrechtzuerhalten und Widerstände zu unterdrücken. In gewissem Sinne trat die Tatsache, daß die Rechte des Grundbesitzers begrenzt waren, auch offen zutage. So hatte z. B. ständig ein Gesetz Gültigkeit, kraft dessen ein Gut, das zwei Jahre lang unbearbeitet blieb, von jedem in Besitz genommen werden konnte, der es bearbeiten wollte. Auf diese Weise wurde er dessen rechtmäßiger Besitzer. 1 Dieses Gesetz wurzelte in der Auffassung, daß die einzelne 1

PuMCKoe qacTiioe npaBO

(Das römische Privatrecht), Moskau 1948, 183; 210.

Die Eigentumsformen in der Kaiserzeit

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Landparzelle ein Stück des städtischen Bodenfundus war, der der Stadt als Ganzem gehörte. Sie konnte es nicht zulassen, daß der Boden zeitweise unbearbeitet blieb, und daher vergab sie ihn an Leute, die eine Bearbeitung gewährleisteten. Ein erheblicher Teil der Ländereien blieb im Besitz der Stadt und wurde an Bürger in kurz- oder langfristige Pacht vergeben. Obgleich die langfristige, „ewige" Pacht praktisch dem Besitz gleichkam, konnte sie doch aufgehoben werden, sobald die Pachtsumme nicht mehr gezahlt wurde. 2 Wie aus der sogenannten Tafel von Velleia hervorgeht, wurde der Boden, den die Stadt selbst bearbeitete, von Sklaven und Kolonen bestellt. 3 Andere städtische Ländereien blieben Weideland und Wald als gemeinsames Eigentum aller Bürger oder aller Gruppen von Landbesitzern. Dieser Teil wurde zuweilen unter die Besitzer der Güter aufgeteilt, blieb zuweilen aber auch ungeteilt. 4 Da es städtische Ländereien gab, konnten sich die privaten Güter nicht unbegrenzt ausbreiten. Manche städtischen Ländereien konnten überhaupt nicht verkauft werden und in Privatbesitz übergehen. 5 Andere wurden wahrscheinlich nur unter besonderen Umständen verkauft, wenn die Stadt an Geldmangel litt. So erwähnt eine Inschrift aus Ostia aus der Zeit des Kaisers Mark Aurel den Verkauf städtischen Bodens im Zusammenhang mit Ausgaben, die durch einen Krieg notwendig waren. 6 Jedoch waren sich sowohl die Regierung als auch die städtischen Bürger dessen wohl bewußt, wie richtig es für die Stadt war, ihr Eigentum an den städtischen Ländereien zu erhalten; darum bemühten sie sich, der Stadt die Parzellen zurückzuerstatten, die durch Verkauf oder unmittelbare Besitzergreifung 7 in Privathand übergegangen waren. 8 Am weitesten ging in dieser Hinsicht eine allgemeine Verfügung des Septimius Severus. Danach wurden ehemalige städtische Ländereien nach dem Tode des 2 3

4 7

8

CIL X I 1147 § 43. In dem zitierten Paragraphen, der den verpfändeten städtischen Ländereien gewidmet ist, werden reliqua colonorum und pretia mancipiorum erwähnt. 6 6 SRF I 15; 79; 85. Ebenda 85f. CIL X I V 375. Versuche derartiger Besitzergreifungen erwähnt der Kommentator des Frontin, Urbicus (SRF I 79). So erfahren wir aus der Inschrift auf dem Triumphbogen zu Ehren des Tiberius zu Leptis in Afrika, daß der Prokonsul von Afrika C. Rubellius Blandus der Stadt Ländereien zurückerstattete und verfügte, daß für die von diesen Ländereien eingehenden Einkünfte alle Straßen von Leptis mit Steinen gepflastert werden sollten (AE 1948, 1); eine Inschrift aus Pompeji teilt mit, daß der Tribun T. Suedius Clemens auf Wunsch Vespasians der Stadt Parzellen wiedergab, die sich in Privatbesitz befanden (CIL X 1018); eine gleichartige Maßnahme wurde unter Vespasian in Cannae durchgeführt (AE 1945, 85); der Quattuorvir P. Pescennius Secundus aus Capua erhielt auf Beschluß des örtlichen Rates eine Dankinschrift dafür, daß er der Stadt Ländereien zurückgab (CIL X 3917); die oben erwähnte Inschrift aus Ostia (s. Anm. 6) wurde zu Ehren des P. Lucilius Gamala aufgestellt, der die höchsten Munzipalämter bekleidet hatte und der Stadt 15200 Sesterzen schenkte, damit sie keine städtischen Ländereien zu verkaufen brauchte. In der Stadt Ferentinum wurde dem Quattuorvir und Quinquennalen A. Quinctilius Priscus eine Statue errichtet, der für 70000 Sesterzen der Stadt drei Güter und eine Weide abgekauft und sie der Stadt auf ewige Zeiten zurückgegeben hatte (CIL X 5853).

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Die Voraussetzungen der Krise

Käufers von seinen Erben zurückgekauft und den Städten zurückerstattet. 9 So schränkte das Bestreben, die städtischen Ländereien als ökonomische Basis des Kollektivs der Grundbesitzer und Sklavenhalter aufrechtzuerhalten, die Entwicklung des privaten Grundeigentums ein und führte zu einem Widerspruch mit den Interessen der reichen Besitzer, die nach einer Mitteilung des Frontin und des Urbicus städtisches Gemeindeland erwarben und bearbeiteten. 10 Am deutlichsten zeigte sich der Einfluß der städtischen Organisation auf die Rechte des Besitzers in den obligatorischen und in den formal freiwilligen, tatsächlich aber ebenso obligatorischen Verpflichtungen und Lasten, die er im städtischen Interesse zu übernehmen hatte. Die ungeheuren Aufwendungen, die die Dekurionen, Magistrate und reichen Bürger zugunsten der Städte für öffentliche Bauten, öffentliche Speisungen und Alimentationsstiftungen, für die Bedürfnisse der Kollegien, für den Lebensmittelankauf zugunsten der Städter und zur Erleichterung der von diesen zu zahlenden Steuern auf sich nahmen, haben stets die Aufmerksamkeit der Forscher gefesselt, die sich mit der römischen Geschichte befassen. Die einen führen sie auf das ehrgeizige Streben der „Wohltäter" zurück, durch ein Standbild geehrt zu werden oder von den „dankbaren Mitbürgern" ein Ehrendekret oder ein Begräbnis auf Gemeindekosten zu erlangen, andere auf den uneigennützigen Patriotismus reicher Bürger und auf deren Liebe zu ihrer Vaterstadt. Wahrscheinlich spielten beide Motive eine gewisse Rolle, da die Tradition, die bis in die Zeit der unabhängigen Polis reicht und in den Werken vieler Philosophen und Schriftsteller aus den verschiedenen Perioden der Sklavenhalterordnung zum Ausdruck kommt, forderte, daß ein reicher Bürger nicht kargte, wenn es darum ginge, den Ruhm der Vaterstadt zu mehren und weniger bemittelte Mitbürger zu unterstützen. Aber diese Tradition entwickelte und behauptete sich deswegen, weil sie das wichtigste Element der Ideologie des antiken Sklavenhalters darstellte, der nur als Mitglied des Kollektivs der freien Bürger Sklaven besitzen konnte. Damit dieses Kollektiv in sichtbarer Einheit erhalten blieb und nicht durch zunehmende Widersprüche zwischen den Reichen und den Armen zerstört wurde, die sich ja mit den Sklaven hätten verbinden können, mußten die Besitzenden den Nichtbesitzenden einen Teil des Mehrprodukts überlassen, das sie durch die Ausbeutung der Sklaven gewannen. Wenn die städtische Sklavenhalteroberschicht arme Leute bewirtete, Spenden für die Kinder von Armen gab, öffentliche Bauten übernahm, Verdienstmöglichkeiten für die freien Gewerbetreibenden schuf, die Kollegien dieser Gewerbetreibenden und der „kleinen Leute" unterstützte, so wirkte sie, welche auch immer die subjektiven Beweggründe ihrer Angehörigen sein mögen, letztlich daraufhin, den Gegensatz zwischen den Freien — unabhängig von ihrer Vermögenslage — und den Sklaven zu erhalten, die Freien zusammenzuschließen und alle Freien mehr oder weniger an der Ausbeutung der Sklaven teilhaben zu lassen. Ähnlich waren im übrigen auch Maßnahmen begründet, die man ständig in den Städten ergriff, um die Lebensmittelpreise zu regulieren, in erster Linie die Korn9

Dig. 31, 78.

10

SRF I 17; 79.

Die Eigentumsformen in der Kaiserzeit

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preise, da Kornmangel und Kornteuerung meistens zu Unruhen unter der städtischen Plebs führten. So wurde z. B. durch ein Dekret des Legaten Pisidiens zur Zeit Domitians auf eine Eingabe der Dekurionen und Duumvirn Antiochias hin allen Einwohnern dieser Stadt befohlen, ihren Vorrat an Mehl und Korn bis auf eine für die Familie notwendige Menge zu festgesetzten Preisen zu verkaufen, um So die Kornteuerung zu lindern, die infolge des strengen Winters und einer Mißernte entstanden war. 11 Nach einem Gesetz Mark Aurels sahen sich nicht selten Dekurionen genötigt, den Bürgern Getreide auch unter den festgesetzten Preisen zu verkaufen. 12 Die Versorgung der Stadt mit Korn und zuweilen auch mit Wein und ö l war für die städtischen Magistrate und Dekurionen eine der wichtigsten Pflichten. 13 Dieses Gewohnheitsrecht schränkte ebenfalls die Besitzrechte des Eigentümers ein: Dieser war nicht nur gezwungen, einen Teil seiner Einkünfte zugunsten der Stadt abzugeben, sondern konnte auch nicht frei über das Produkt verfügen, das durch die Arbeit seiner Sklaven auf seinem Grund und Boden erzeugt worden war. Auch konnte er dieses Produkt weder zu dem für ihn selbst günstigsten Preise verkaufen noch vom Verkauf zurückhalten. So war die Einschränkung des Privateigentums, von der man bis zu einem gewissen Grade sprechen kann, für die Existenz der antiken Stadt, also auch für die Existenz der Städte, die zum Römischen Reich gehörten, notwendig. Ohne die Stadtorganisation wäre die entwickelte Sklaverei unvorstellbar gewesen. In den Provinzen waren die Rechte der Grundbesitzer außerdem durch den Staat eingeschränkt; denn der Provinzialboden (soweit er nicht Kolonen gehörte, die das italische Bürgerrecht besaßen) galt als Eigentum des Kaisers (in den kaiserlichen Provinzen) oder des römischen Volkes (in den senatorischen Provinzen), d. h., er galt als Staatsland, also als Nachfolger des republikanischen ager fublicus, oder als „Königsland" der östlichen Herrscher, obwohl in der Praxis dieser Boden vermittels verschiedener juristischer Kniffe dem privaten gleichgestellt war. Provinzialland konnte verkauft und gekauft werden, aber zuweilen nahm der Kaiser es den Besitzern fort, um eine Kolonie zu gründen, es an Veteranen zu verteilen usw. 14 Marx und Engels haben mehrfach darauf hingewiesen, daß die auf Sklaverei gegründete, antike Eigentumsform begrenzt war. 15 Bei einer gewissen Einschränkung des Eigentums am Boden und teilweise an seinen Produkten ist der antiken Eigentumsform die unbeschränkte Macht des Herrn über den unmittelbaren Erzeuger, den Sklaven, eigentümlich; denn nur bei 11 14 16

12 13 AE 1925, 126. Dig. 48, 12, 3. Dig. 50, 4, 1, 2; 18, 5. Z. B. Dig. 21, 2, 11. „Die Staatsbürger" — so lesen wir in der „Deutschen Ideologie" — „besitzen nur in ihrer Gemeinschaft die Macht über ihre arbeitenden Sklaven und sind schon deshalb an die Form des Gemeindeeigentums gebunden. Es ist das gemeinschaftliche Privateigentum der aktiven Staatsbürger, die den Sklaven gegenüber gezwungen sind, in dieser naturwüchsigen Weise der Assoziation zu bleiben." (K. Marx und F. Engels, Die deutsche Ideologie, Berlin 1953, 18f.). In einer seiner frühen Schriften schrieb Marx: „Im übrigen macht sich das Privateigentum im Ganzen, wie bei den alten klassischen Völkern

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Die Voraussetzungen der Krise

einer solchen absoluten Macht über Leben und Tod kann der Besitzer den Sklaven zur Arbeit zwingen. Der Sklave wiederum besitzt keine Produktionsmittel und hat keine Rechte an dem von ihm erzeugten Produkt, kann also kein Interesse an der Arbeit haben. Deswegen ist die Grundzelle der römischen Sklavenhaltergesellschaft die Familie, an deren Spitze der Herr, der pater familias steht, der einzige vollberechtigte Eigentümer, der mit dem unbegrenzten Recht ausgestattet ist, über das Schicksal und selbst das Leben seiner Sklaven zu verfügen. Zum Unterschied vom Feudalherrn, dessen Gewalt über den leibeigenen Bauern unzertrennlich mit dem Besitz des Bodens zusammenhing, auf dem dieser Leibeigene ansässig war, besaß der Sklavenhalter den Sklaven unmittelbar, unabhängig von irgendwelcher Beziehung zu anderen Arten des Eigentums. Der Sklavenhalter bestimmte selbst, welchen Platz der Sklave in seiner Wirtschaft einnahm, und konnte ihn nach Belieben auswechseln. Selbst wenn der Sklave freigelassen wurde, blieb er von seinem früheren Herrn abhängig und war ihm mit einem Teil seiner Arbeit und seines Vermögens verpflichtet. In gewissem Sinne blieb er Mitglied der Familie seines Patrons. Die Familie als ursprüngliche soziale Organisation der römischen Sklavenhaltergesellschaft spielte eine so große Rolle in deren ganzer Struktur, daß sie auch auf die übrigen Beziehungen einwirkte, die sich in dieser Gesellschaft bildeten. So wurde z. B. der freie Lohnarbeiter beinahe als Familienmitglied angesehen. Ihn durfte man ebenso wie den Sklaven in keiner Gerichtssache befragen, die sich gegen seinen Arbeitgeber richtete. Falls er Seinen Arbeitgeber bestahl oder betrog, konnte ihn dieser ebensowenig verklagen wie einen Sklaven, denn man war der Auffassung, daß der Arbeitgeber sowohl mit diesem als auch mit jenem durch seine eigene Macht fertig werden mußte. Die Familie zog auch die Klienten in ihre Wirkungssphäre. Festus schreibt 16 , daß Klienten zur Familie gerechnet werden können. Für sie galt ebenso wie für die Familienmitglieder der Eid beim Genius des pater familias als am heiligsten, und gegenseitige Verpflichtungen des Patrons und der Klienten standen unter dem Schutze der Tradition und der Religion. Nach dem Vorbild der Familie waren die Kollegien der „kleinen Leute" aufgebaut, und mit der Familie verglich man nicht selten sogar den Staat. Dies alles läßt die Bedeutung der Familie erkennen, die sich die Mitglieder der römischen Sklavenhaltergesellschaft als die natürlichste Organisationsform vor-

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überhaupt, als öffentliches Eigentum geltend, entweder, wie in den guten Zeiten, als Aufwand der Republik, oder als luxuriöse und allgemeine Wohltat (Bäder etc.) gegen den Haufen" (K. Marx und F. Engels, Werke I, Berlin 1956, 315). Eingehend behandelt Marx diese Frage in seiner Arbeit „Formen, die der kapitalistischen Produktion vorhergehen": „Bei den Antiken . . . gegensätzliche Form von Staatsgrundeigentum und Privatgrundeigentum, so daß das letztre durch das erstre vermittelt oder das erstre selbst in dieser doppelten Form existiert" (1952, 17). — Diese Äußerungen braucht man nicht nur auf die selbständigen antiken Städte zu beziehen; die Städte, die zu dem Bestand des Reiches gehörten (wie auch zum Bestand der hellenistischen Monarchien), behielten diese selben Züge bei und waren gewissermaßen Mittelglieder zwischen dem Bürger und dem Staat. Festus, de significatione verborum ed. Lindsay s. v. patronus 334, p. 300 f., wo der Text leider sehr zerstört ist.

Die Eigentumsformen in der Kaiserzeit

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stellten. Und tatsächlich: Die Familie, in der das Oberhaupt den unmittelbaren Zwang zur Arbeit ausübte und den Widerstand der Sklaven unterdrückte, und die Stadt als Kollektiv der Sklavenhalter und Grundbesitzer, als eine Vereinigung mit dem Zweck, die Sklaven im Gehorsam zu halten und die besitzlosen Freien an sich zu binden und zu unterdrücken — sie beide waren für die Existenz der auf Sklaverei beruhenden, antiken Eigentumsform unentbehrlich. Beide festigten sich je nach Verbreitung dieser Eigentumsform, und deshalb breiteten sich in den verschiedenen Provinzen, wo die Anzahl der Städte zunahm, gleichzeitig fast immer die auf Sklaverei gegründeten Beziehungen aus. Die Anzahl der Städte stellt einen ziemlich sicheren Gradmesser für die Verbreitung der Sklaverei dar. Andererseits ist, wie wir noch sehen werden, der Zerfall der auf Sklaverei gegründeten Eigentumsform untrennbar mit dem Zerfall der Familie und der städtischen Organisation verbunden gewesen. Wenn die Familie die soziale Grundzelle der Sklavenhaltergesellschaft darstellte, so war das Landgut — fundus, villa —, das sich auf städtischem Gelände befand und einem Privatbesitzer gehörte, während der höchsten Blüte der auf Sklaverei gegründeten Beziehungen ihre grundlegende wirtschaftliche Einheit. Was eine solche Villa eigentlich war, ist durch die Werke der römischen Agronomen hinlänglich bekannt. In bezug auf die Entwicklung der Produktivkräfte war sie zweifellos eine fortschrittlichere Wirtschaftsform als die Latifundien Italiens und der westlichen Provinzen vom 1. Jahrhundert v. u. Z. bis zum 1. Jahrhundert u. Z. In Italien betrieben die Großgrundbesitzer zu jener Zeit extensive Viehzucht auf der Grundlage der Sklavenarbeit, oder sie beuteten die Arbeit von Klienten und Schuldnern aus, die eine kleine, hinsichtlich ihrer Methoden veraltete Wirtschaft führten. Noch bezeichnender waren diese Beziehungen für die westlichen Provinzen, wo auf Ländereien der Stammesaristokratie Bauern ansässig waren, deren Abhängigkeitsform für die zerfallende Urgemeinde typisch war. In den ersten Jahrhunderten u. Z. wurden durch Proskriptionen, Konfiskationen und eine breitangelegte Kolonisationstätigkeit zahlreiche große Landkomplexe zerstückelt und in Sklavenhaltervillen verwandelt. Nach den Worten des Siculus Flaccus wurden manchmal auch die Ländereien der Stämme und der Latifundienbesitzer unter die auf diesen Feldern ansässigen Bauern verteilt, nachdem man die Ländereien beschlagnahmt hatte. 17 Daß die Villen an Zahl zunahmen, bezeugen auch zahlreiche archäologische Daten, und ohne Zweifel führte ihre Verbreitung zunächst zu einem allgemeinen wirtschaftlichen Aufschwung in den einzelnen Provinzen; denn in Zusammenhang damit entwickelten sich Landbau, Handwerk und Handel, wurden neue landwirtschaftliche Kulturen akklimatisiert, neue handwerkliche Produktionszweige übernommen, die Verbindungswege verbessert, das Bauwesen erweitert u. a. Die Villa hatte unter den Bedingungen der auf Sklaverei gegründeten Produktionsweise den Vorzug, daß sie eine einfache Kooperation ermöglichte, die die 17

S R F I 161; cum pulsi sunt populi potestatique qui locupletiorum fuissent lati fundi, cuius agro fuissent plures personae, Ms divisus et assignatus est.

in

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Die Voraussetzungen der Krise

Arbeitsproduktivität hob; außerdem gestattete sie es, die Sklavenarbeit zweckmäßig zu organisieren und eine bestimmte Arbeitsteilung sowohl zwischen den einzelnen Gebieten und Wirtschaftszweigen als auch innerhalb der einzelnen Wirtschaften einzurichten. Dies erhöhte die Qualifikation der Arbeiter und vertiefte ihre Produktionsfertigkeiten. Bei dem langsamen technischen Fortschritt in der Sklavenhaltergesellschaft kamen gerade die aufgezeigten Momente der Entwicklung der Produktivkräfte zugute.18 Die Kooperation machte es möglich, Arbeiten durchzuführen, die größeren Aufwand erforderten; so konnten z . B . Wälder durchforstet, Sümpfe entwässert und Olivenhaine angelegt werden. Außerdem ermöglichte sie es, in einem kritischen Augenblick „viele Hände gleichzeitig in derselben ungeteilten Operation zusammenwirken" zu lassen.19 Schließlich konnte man durch diese Kooperation Arbeit einsparen, die notwendig war, um die Arbeiter zu betreuen: In der Villa gab es Bäcker, Töpfer und andere Handwerker, die für die Familie arbeiteten und das Inventar reparierten, während in kleinen Wirtschaften alle diese Arbeiten vom Arbeiter selbst oder von den Familienmitgliedern ausgeführt werden mußten. Ulpian zählt die Leute auf, die zum Begriff des Gutsinventars gehörten (instrumentum), abgesehen von den Sklaven, die nur auf dem Felde arbeiteten; er nennt den Schließer, den Straßenkehrer, den Gärtner, den Hirten, den Waldhüter, den Imker, den Bäcker, den Barbier, den Handwerker, der Reparaturen ausführt, den Müller, die Köchin, die Weberin, den Maultiertreiber, den Jäger, den Vogelfänger und den Erzieher.20 Paulus spricht von Sklaven, die landwirtschaftliche Arbeiten ausführen, von Aufsehern, dem Verwalter, dem Waldhüter, dem Bäcker, der Köchin, der Näherin, die ländliche Kleidung verfertigt, von dem Schuhmacher, dem Schmied und dem Zimmermann.21 Natürlich gab es nicht alle aufgezählten Arbeiter in jeder Villa; in den kleineren Wirtschaften war ihre Zahl geringer, während sie auf den großen Gütern mit Hilfsbetrieben, wie Käsereien, Walkmühlen, Webereien, Hütten- und großen Töpfereibetrieben, größer war.22 Jedoch unterliegt es keinem Zweifel, daß sich eine erhebliche Arbeitsersparnis ergeben mußte, wenn es in der Villa Arbeiter mit verschiedenen Spezialberufen und Personal zu ihrer Bedienung gab. Gleichzeitig wird deutlich, daß die Villa die Möglichkeit für eine gewisse Arbeitsteilung bot, durch die die Arbeitsmethoden verbessert werden konnten. Wenn wir die Angaben Varros, Columellas, Plinius des Älteren, der Digesten und des Palladius über das landwirtschaftliche Inventar im eigentlichen Sinne dieses Wortes vergleichen, so Sehen wir, daß es Jahrhunderte lang unverändert blieb. In der Zeit der ausgehenden Republik und in der frühen Kaiserzeit wurde

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19 20 22

Über die Bedeutung der Kooperation in der sklavenhaltenden Wirtschaft s. K . W. Ostrowitjanow a. O. 55. K . Marx, Das Kapital I, Berlin 1955, 341. 21 Paulus, Sent. 3, 6, 3 4 - 5 4 . Dig. 33, 7, 8; 12. A. Steinwenter, Fundus cum instrumento, Wien 1942, 33 (Sitz. Ber. Akad. phil. hist. Kl. 221,1).

Die Eigentumsformen in der Kaiserzeit

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die landwirtschaftliche Technik vervollkommnet und um einige Erfindungen bereichert: dem Pflug mit Streichbrett und fahrbarem Vordergestell, der Egge, einer Mähmaschine, einer Wassermühle neuer Konstruktion, Wein- und Olivenpressen und neuen Instrumenten zum Pfropfen von Obstbäumen. Dies waren offensichtlich die letzten technischen Fortschritte in der Zeit der Sklavenhalterordnung. Wie bereits in unserer Literatur bemerkt wurde, 23 war die Anwendung komplizierter Produktionsgeräte durch die Interesselosigkeit der Sklaven an der Arbeit erschwert; denn man konnte sie nur durch beständigen Zwang und unermüdliche Aufsicht dazu veranlassen, Geräte zu benutzen, die eine aufmerksamere und selbständigere Arbeit erforderten. Wie sowjetische Forscher mit Recht gezeigt haben, gab es im Zusammenhang hiermit Meinungsverschiedenheiten unter den römischen agronomischen Schulen: Die eine von ihnen empfahl, nur die einfachsten Geräte und Wirtschaftsmethoden anzuwenden, um die Aufwendung zu verringern, während die andere Schule, die Columella vertrat, versuchte, Wege zur größten Rationalisierung der Wirtschaft zu erforschen, die auf der Sklavenarbeit beruhte. Wie man sieht, war ein Fortschritt möglich, und zwar hauptsächlich dadurch, daß man Erfahrungen sammelte und die Qualifikation der Arbeiter erhöhte. Schon Columella spricht davon, daß Sklaven einen Spezialberuf haben müßten, der durch ihre persönlichen Fähigkeiten bestimmt würde, und rät, beim Ankauf eines qualifizierten Winzers nicht geizig zu sein. 24 Palladius, der drei Jahrhunderte später lebte, war nicht nur einfacher Kompilator, sondern auch ein erfahrener Landwirt. Er stützt sich auf eigene Beobachtungen und stellt diese mehrfach den Angaben Columellas gegenüber. So spricht er von Arbeitern mit verschiedener Spezialausbildung und unterschiedlicher Qualifikation. Zum Beispiel schreibt Palladius in den Kapiteln, die der Geflügelhaltung gewidmet sind, daß jede Frau Hühner aufzuziehen verstehe 26 , er unterstellt aber offensichtlich, daß die Wartung von Pfauen und Fasanen usw. als eines verwöhnteren Geflügels von den Sklaven, die hiermit beschäftigt waren, besondere Kenntnisse verlangte. Ulpian schreibt bei seinen Ausführungen über das Formular, nach welchem man die Steuererklärung für ein Gut aufzustellen hatte, daß man bei den Sklaven ihre Herkunft, ihr Lebensalter, ihre Beschäftigung (officio,) und ihren Spezialberuf (artificia) angeben müsse. 26 Folglich hatten zu Anfang des 3. Jahrhunderts Sklaven, die in der Landwirtschaft beschäftigt waren, gewöhnlich einen Spezialberuf.

23

S. die Einleitung von M. H. BypcKHit zu dem Buch „ K a T O H , BappoH, KonyMejiJia, o cejibCKOM xO3H0CTBe (M. I. Burskij, Cato, Varro, Columella und Plinius über die Landwirtschaft), Moskau—Leningrad 1937 und die Aufsätze von M. E. C e p r e e H K O , ,H,Ba rana cejitcKHx XO3HÄCTB B ÜTAJIHH I BEKA H. a. (M. E. Sergejenko, Zwei Typen ländlicher Wirtschaften in Italien im 1. Jahrhundert u. Z.), HAK CCCP, VII cepna, OT«. o6m. Hayn (Nachrichten der Akademie der Wissenschaften des SS SR, Ser. VII, Abt. Allg. Wiss. 1935, 6 ) und: 14.3 HCTopHH c e j i b C K o r o x o 3 H f t C T B a «peBHefi HTanHH (Aus der Geschichte der Landwirtschaft des antiken Italien), B,11,11 1953, 3, 65 — 76. Columella, de re rustica 1, 9; 3, 3,8. Palladius, opus agriculturae 1, 27, 1. Dig, 50, 15, 4, 5. IIJIHHHIT

24 25 26

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Die Voraussetzungen der Krise

Interessante Hinweise hierzu finden wir in den Ausführungen der Juristen zu den verschiedenen Arten von AufWendungen, die ein Ehemann bei der Verwaltung eines Gutes vornehmen kann, wenn dies zur Mitgift seiner Frau gehört. 27 Diese Aufwendungen teilte man in notwendige, nützliche und dem Vergnügen dienende ein. Zu den notwendigen Aufwendungen rechnete man den Bau von Dämmen im Meer oder in einem Fluß, von Deichen zur Ableitung eines Stromes, den Bau einer Bäckerei oder eines Speichers, die Instandsetzung eines Gebäudes und die Wiederherstellung eingegangener Olivenpflanzungen, ferner Aufwendungen, die zur Gesunderhaltung der Sklaven erforderlich wurden, die Erweiterung von Weingärten und die Anlage von Baumschulen. Zu den nützlichen Ausgaben gehörte die Anpflanzung neuer Obstbäume, die Einrichtung einer Werkstatt oder eines Ladens (taberna), die Ausbildung der Sklaven und der Ankauf von Vieh, dessen Mist man zum Düngen brauchte. Wie man sieht, ist hier mit keinem Wort von einer Verbesserung des alten oder vom Ankauf neuen, vervollkommneten landwirtschaftlichen Inventars die Rede. Dafür wird auf den Nutzen solcher Ausgaben hingewiesen, durch die eine Qualifikation der Sklaven erreicht werden sollte. Da der ganze diesbezügliche Titel der Digesten davon ausgeht, welche Aufwendungen die Rentabilität eines Gutes erhöhen können, ist die Schlußfolgerung erlaubt, daß als sicherster Weg hierzu nicht technische Verbesserungen, sondern größere produktive Fertigkeiten der Arbeiter galten. Jedoch war es unter den Bedingungen der Sklavenhalterordnung nur bei ständiger Aufsicht über den Sklaven möglich, diesen, auch wenn er qualifiziert war, dazu zu zwingen, seine Kenntnisse auszunutzen und anzuwenden. „Andererseits . . . entspringt diese Arbeit der Oberaufsicht — so schreibt Marx — notwendig in allen Produktionsweisen, die auf dem Gegensatz zwischen dem Arbeiter als dem unmittelbaren Produzenten und dem Eigentümer der Produktionsmittel beruhn. J e größer dieser Gegensatz, desto größer die Rolle, die diese Arbeit der Oberaufsicht spielt. Sie erreicht daher ihr Maximum im Sklavensystem". 28 Klagen über die Nachlässigkeit von Sklaven und die Verödung von Landgütern, um die sich der Eigentümer selbst nicht kümmert, finden ihre markanteste Formulierung bei Columella 29 und werden zu einem Gemeinplatz in den Werken der verschiedensten Schriftsteller der Kaiserzeit. Wollte man die Sklaven im Produktionsprozeß organisieren oder die Vorteile zur Geltung bringen, die vervollkommnete Werkzeuge, höher qualifizierte Arbeiter und die damalige auf langdauernder Erfahrung beruhende Agrarwissenschaft gewährten, so war dies nur möglich, wenn die Villa nicht eine bestimmte Bodenfläche und Sklavenzahl überschritt. War dies aber doch der Fall oder gehörten einem Besitzer mehrere Villen in verschiedenen Gegenden, so wurde die „Arbeit der Aufsicht" übermäßig groß und eine rationelle Wirtschaftsorganisation undenkbar. Nicht zufällig schrieben die bekanntesten Agronomen jener Zeit im Hinblick auf eine Wirtschaft mittlerer Größe und ver27 28 29

Dig. 25, 1, 1 - 1 6 . K. Marx, Das Kapital III, Berlin 1956, 419. Columella 1, 7, 7.

Die Eigentumsformen in der Kaiserzeit

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hielten sich den Latifundien gegenüber ablehnend 30 , wobei sie beständig unterstrichen, daß diese nicht genügend bearbeitet werden konnten. Abgesehen von den Schwierigkeiten, die die Verwaltung der Sklaven auf übermäßig großen Gütern bereitete, bildeten solche Latifundien, wenn sie auf reiner Sklavenarbeit beruhten, eine direkte Gefahr für die Sklavenhalter, da die Konzentration vieler Sklaven an einem Orte immer zu Meutereien führen konnte, die leicht in einen Sklavenaufstand überging. Wie ernst diese Gefahr war, wird an dem Beispiel der Domitia Lepida sichtbar, die unter Klaudius unter der Beschuldigung vor Gericht gestellt wurde, sie habe auf ihren süditalischen Latifundien allzuviele Sklaven zusammengezogen und nicht für genügende Aufsicht gesorgt, sodaß sie hiermit den Frieden des Staates gefährdete. 31 Wie man annehmen kann, entfalteten sich die günstigsten Bedingungen für einen Fortschritt der Produktivkräfte bei entwickelter Sklaverei auf dem Landgut mittlerer Größe; denn hier gab es die einfache Kooperation, eine Arbeitsteilung sowohl innerhalb des Gutes, als auch zwischen den einzelnen Gütern und Bezirken, und hier sammelten und vertieften sich infolge der Spezialisierung Erfahrungen und produktive Arbeitsmethoden. Zu diesen Bedingungen gehörte außerdem die absolute Macht des Herrn, der den Arbeitszwang für die Sklaven durchführte, sie ständig beaufsichtigte und ihren Platz in der Wirtschaft bestimmte. Diese Bedingungen setzten die Existenz der Stadt als eines Kollektivs von Grundbesitzern und Sklavenhaltern in dem entsprechenden Landgebiet voraus. Die letzte, aber ebenfalls notwendige Bedingung war eine genügende Warenproduktion; denn wir wissen aus den Werken derselben Agronomen, daß gewöhnlich in der Villa, besonders aber in der spezialisierten Villa, nur die notwendigsten Gebrauchsgegenstände für den Besitzer und seine Sklaven hergestellt wurden, während man die meisten derartigen Gegenstände kaufte, selbst wenn es sich um landwirtschaftliches Inventar handelte. Die Entwicklung der Warenproduktion war untrennbar mit der Entwicklung der Sklavenhalterwirtschaft verbunden. Deswegen entfaltete sich in den Provinzen je nach dem Ausmaß der Sklaverei nicht nur die Stadtorganisation, sondern es blühten auch Handel und Handwerk auf. Mit dem Zerfall der auf Sklaverei gegründeten Produktionsweise begann dagegen der umgekehrte Prozeß. Der Sklavenhaltervilla in der Landwirtschaft entsprach im Handwerk die Werkstatt mittlerer Größe. Auch hier sehen wir, daß die Entwicklung nicht so Sehr dank vervollkommneter Technik vor sich geht, als durch eine gewisse primitive Arbeitsteilung innerhalb der Werkstatt und eine äußerst detaillierte Spezialisierung. 32 Hierdurch festigten und vertieften sich die Produktionserfahrungen der 30

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Allerdings ist die Meinung geäußert worden (z. B. von H. Gummerus, Der römische Gutsbetrieb als wirtschaftlicher Organismus nach den Werken des Cato, Varro und Columella, Leipzig 1906 [Klio, Beiheft 5], 77), daß Columella für die großen Plantagen geschrieben habe. Jedoch ist selbst Gummerus der Ansicht, daß die Wirtschaft des Columella etwa 1500 Joch und 30—40 Sklaven umfaßte, und dies kann man nicht als eine große Plantage ansehen. Tacitus, Ann. 12, 65. So ist uns z. B. aus Inschriften bekannt, daß es im Juwelier-Gewerbe außer den Handwerkern, die goldene und silberne Kleinodien herstellten und unter denen man Gießer,

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Die Voraussetzungen der Krise

freien Handwerker und auch der in den Werkstätten arbeitenden Sklaven, von denen manche, wenn sie freigelassen wurden, eigene Werkstätten eröffneten. Doch konnte sich die Produktion hier wie in der Landwirtschaft nur innerhalb sehr enger Grenzen ausdehnen. So haben z. B. bekannte Besitzer von Töpferwerkstätten, in denen die arretinische Keramik hergestellt wurde, nicht ihre alten Unternehmen erweitert, wenn sie Vermögen erworben hatten, sondern sie eröffneten neue Werkstätten, und zwar häufig in anderen Gebieten, z. B. in Kleinasien. Wie wir noch sehen werden, hat die Konzentration der Produktion in den Händen einiger großer Eigentümer, in Sonderheit der Kaiser, nicht zur Begründung einer Großfabrikation, sondern im Gegenteil zur Zerstückelung der Produktion geführt. Offensichtlich war es auch im Handwerk unmöglich, Sklaven in größerer Zahl zu organisieren und unter wirksame Aufsicht zu stellen.

2. Andere

Eigentumsformen

Die auf Sklaverei gegründete Eigentumsform war in der frühen Kaiserzeit führend, aber sie war, wie bereits gesagt wurde, nicht die einzige Eigentumsform. In den Provinzen, besonders in den stark romanisierten, in denen sich die entwickelte Sklaverei, die mit ihr verbundene städtische Gesellschaft und infolgedessen auch die römische materielle und geistige Kultur verbreitet hatten, gab es weiterhin außerstädtische Territorien, die in der Nutznießung der Stämme und Dorfgemeinden verblieben. Anscheinend erhielten sich Dörfer mit größeren oder kleineren Überbleibseln der Gemeindeordnung stellenweise auch in Gebieten, die Schmiede, H ä m m e r e r unterschied, n o c h folgende Spezialberufe g a b : G e m m e n s c h n e i d e r , Ziseleure v o n Reliefdarstellungen, G r a v e u r e , Schleifer v o n Edelsteinen, Elfenbeinschneider, Spezialisten f ü r die B e a r b e i t u n g v o n Ringen, f ü r die Herstellung v o n Silbergeschirr, welches v o n d e n einen Meistern hergestellt wurde, w ä h r e n d andere es verzierten, f ü r die Herstellung v o n goldenen Litzen u n d f ü r Goldstickerei. A n der P r o d u k t i o n v o n K l e i d u n g w a r e n Hechler v o n Seide, Walker, Spezialisten f ü r die B e a r b e i t u n g v o n Seide, Weberinnen, F ä r b e r , Schneider u n d Sticker beteiligt. A u ß e r d e m g a b es Spezialisten f ü r die H e r stellung v o n Sachen a u s Filz, f ü r die A n f e r t i g u n g v o n K l e i d u n g verschiedener Sorten, z. B. besonderer Militärmäntel u n d besonders grober Mäntel, die m a n f ü r die Sklaven k a u f t e , ferner W e b e r u n d W e b e r i n n e n f ü r Seide, L e i n e w a n d u n d Wolle. I n der Lederp r o d u k t i o n g a b es H a n d w e r k e r , die die Felle bearbeiteten, Ledergerber, die R i e m e n u n d Ziegenschläuche herstellten, S c h u h f n a c h e r , die besonderes H a u s s c h u h w e r k , S a n d a l e n u n d Soldatenstiefel anfertigten, u n d Sattler, die Pferdegeschirr herstellten. Aus der Menge d e r Schmiede lösten sich Spezialisten heraus, die Nägel p r o d u z i e r t e n oder Schwerter, Schüde u n d P a n z e r schmiedeten, a u s der Menge der S k u l p t o r e n Meister, die kleine F i g ü r c h e n , L a r e n , Augen f ü r S t a t u e n usw. bearbeiteten. Die I n s c h r i f t e n e r w ä h n e n einen H a n d w e r k e r , der sich f ü r die Herstellung v o n K a n d e l a b e r n spezialisiert h a t t e , oder f ü r Achsen v o n W a g e n r ä d e r n , Leim usw. Viele Beispiele v o n I n s c h r i f t e n , auf d e n e n H a n d werker e r w ä h n t werden, findet m a n in der v o n uns zusammengestellten S a m m l u n g „H36paHHbie jiaTHiicKHe nanmtcn no connajibiio — anoHOMmecKott h c t o p h h paimeft P H M C K O Ö HMnepHH" (Ausgewählte lateinische I n s c h r i f t e n zur sozial-ökonomischen Geschichte der f r ü h e n römischen Kaiserzeit), B / J H 1955, 2 — 1957, 1, s. Verzeichnis V I , PeMecJia H npoeccnn ( H a n d w e r k e u n d Berufe), B f l H 1957, 1, 221 ff.

Die Eigentumsformen in der Kaiserzeit

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Städten zugeteilt worden waren und städtischen Behörden unterstanden. Solche Dörfer erwarben mit der Zeit eine quasimunizipale, d. h. eine Organisation, die der städtischen ähnlich war, und erhielten bisweilen infolge ihrer wachsenden Bedeutung den Status einer Stadt. In einigen Fällen war eine solche territoriale Einheit nicht das Dorf, sondern der Gau oder der Grund und Boden, auf welchem ein Stamm wohnte. Konkrete Beispiele werden wir bei der Betrachtung der Lage in den einzelnen Provinzen noch anführen. Festus gibt eine Definition des Wortes vicus — Dorf und schreibt, daß manche Dörfer hinsichtlich ihrer Organisation den Städten ähnlich seien; andere hätten eine solche Organisation nicht, trotzdem würden aber dort Märkte abgehalten und jährlich die Magistrate des Dorfes und des Gaues gewählt. Festus weist darauf hin, daß man Dörfer entsprechend den ländlichen Gebieten benannte, in denen es keine Villen gab; das bedeutet: In gewissem Sinne stellte man die Dörfer den Villen gegenüber. Freilich hatte in Italien, wo der ganze Boden zum städtischen Gelände gehörte, die alte Einteilung in Gaue und Dörfer ihre Bedeutung verloren, aber für die Provinzen, wo ein größerer oder kleinerer Teil des Bodens außerhalb der städtischen Territorien verblieb, behielt diese Gegenüberstellung ihren ursprünglichen Sinn. So heißt es im Liber coloniarum hinsichtlich Dalmatiens, daß es in den verschiedenen Gebieten Dörfer (vici) und Landgüter (possessiones) gebe. Die letzteren dienen als Zeugnis für eine im Gange befindliche Bodenzuteilung (testimonia agralia dividentia).33 Da der Ausdruck possessiones mit dem Begriff der Villen oder Güter identisch ist 34 , bestätigt die angeführte Stelle, daß sich in den Provinzen das Dorf besonders dadurch von der Villa unterschied, daß sein Grund und Boden nicht in das Eigentum städtischer Kolonisten, Veteranen oder Bürger übergegangen war. Sie alle wurden mit einem ganz bestimmten Gelände belehnt, das vermessen, abgegrenzt und im Grundbuch eingetragen wurde. Wie aus den Werken der Landmesser ersichtlich ist, wurde selbst bei der Gründung einer Kolonie nicht unbedingt das ganze umliegende Gelände dieser Kolonie untergeordnet bzw. mit einem anderen Status versehen. Hygin weist darauf hin, daß zur Jurisdiktion einer Kolonie nur der Boden (und offensichtlich die Leute, die ihn besaßen und besiedelten) gehörte, der den Kolonisten als Anteil gegeben worden war. Nach seinen Worten behielten diejenigen Besitzer, denen bei der Gründung der Kolonie ihre Güter belassen wurden, ohne daß sie deren Bürger geworden waren, ihren früheren Status. Bisweilen verteilte man an neue Eigentümer Boden aus fremdem Gelände, wo man jedoch die Rechte nicht beseitigte. 35 Folglich wurden nur diejenigen früheren Besitzer, denen ihr Boden gewissermaßen aufs neue verliehen wurde, zu Bürgern der Kolonie und mußten sich ihrer Jurisdiktion unterwerfen. Wenn sie nur einfach auf ihrem Boden verblieben, S4

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4

SRFI240. Festus 308, ed. Lindsay p. 277 s. v. possessiones und Isidor von Sevilla, Etym. 15, 13, 3, der possessio als Ländereien definiert, die, ob in privatem oder in allgemeinem Besitz, durch Okkupation zum Besitz geworden sind. S R F 1 1 1 8 — 119: ut, cum ex alieno territorio sumpsisset agros quosadsignaret, proprietatem quidem daret scilicet cui adsignabat, sed territorio, intra quod adsignabat, ius non auferret. Schtajerman

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Die Voraussetzungen der Krise

änderte sich weder ihr eigener Status noch der ihrer Ländereien. Siculus Flaccus fügt hinzu, daß für eine n e u e Kolonie den Nachbarn nicht der ganze Boden fortgenommen werde, sondern lediglich soviel, wie für die Verleihung an die Kolonisten notwendig sei. 36 So behielten selbst innerhalb der Territorien v o n Kolonien manche Ländereien ihren alten Status; u m so mehr mußte es solche Ländereien dort geben, wo verhältnismäßig wenig Städte mit den Rechten einer Kolonie oder eines Munizipiums lagen. Es läßt sich nicht bestreiten, daß in den ersten Jahrhunderten der Kaiserzeit, als sich die auf Sklaverei gegründeten Beziehungen noch entwickelten u n d über neue Gebiete ausbreiteten, die allgemeine Tendenz mit Förderung u n d Unterstützung der Regierung dazu neigte, die Stadtorganisation zu verbreiten, d. h. den gesamten B o d e n in städtisches Territorium u n d die gesamte Bevölkerung i n Bürger v o n Städten umzuwandeln. 3 7 Wie wir jedoch aus den Angaben der Landmesser ersehen und wie zahlreiche Inschriften aus den Provinzen zeigen, hat dieser Prozeß keinen Abschluß gefunden, vielmehr überwogen in manchen Provinzen und Gebieten die außerstädtischen Territorien bei weitem gegenüber städtischem Gelände. Deswegen kann m a n nicht annehmen (wie Rostowzew dies tut), daß der grundlegende soziale Wider36

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SRF I 160. — Die Angaben der Landmesser werden durch einen Kataster bestätigt, der in Orange gefunden wurde; vgl. J . Sautel und A. Piganiol, Les inscriptions cadastrales d'Orange, Gallia 13, 1955, 1, 5—39. Hieraus ist ersichtlich, daß bei der Gründung einer Kolonie ein Teil des Bodens den Kolonisten als Anteil übergeben wurde, während ein weiterer Teil des Bodens Eigentum der Kolonie als solcher blieb und entweder an Kolonisten in Einzelpacht oder einheimischen Dörfern und Stämmen in Kollektivpacht vergeben wurde. Schließlich wurde ein Teil dem Stamm zurückerstattet, auf dessen Gelände die Kolonie gegründet wurde. Das berühmte Ehrendekret für Fabius Severus aus der norditalischen Stadt Tergeste bietet eine sehr anschauliche Illustration für diese Tendenz. Wir erfahren aus ihm, daß die Alpenstämme der Carni und Catali von Augustus der Stadt zugeteilt worden waren. Antoninus Pius verfügte dann auf die Bitten des Fabius Severus hin, daß diejenigen von ihnen, die dies durch ihre Lebensführung und ihr Vermögen verdient hätten, durch Bekleidung der Ädilität in die Kurie aufgenommen werden sollten, so daß auf diese Weise die Kurie ergänzt und die städtische Kasse aufgefüllt würde (CIL V 532). Bedenkt man, daß in jener Zeit in Italien die Munizipalämter, die die in die Kurie aufzunehmenden Carni und Catali erhalten sollten, ihre frühere Anziehungskraft verloren hatten (ebenso wie auch das römische Bürgerrecht), so muß man zugeben, daß die Verfügung des Antoninus Pius lediglich für die Stadt von Nutzen war, aber nicht für die zu ihr gehörigen Stämme. Denselben Sinn hatten auch die Verfügungen verschiedener Kaiser, die einigen Städten das Recht gaben, zur Bekleidung von Munzipalämtern die sogenannten Ansiedler (incolae) heranzuziehen, d. h. Personen, die nicht Bürger der Stadt waren, aber auf deren Gelände Feld besaßen. Derartige Fälle sind bekannt aus Frontin (SRF I 52), aus einer Inschrift aus Aquileja vom Jahre 105, die ein entsprechendes Edikt Trajans zugunsten von Aquileia erwähnt (CIL V 875) und von einer Inschrift aus Volubilis (Mauretania Tingitana), die verschiedene Privilegien aufzählt, welche Klaudius dieser Stadt für ihre Teilnahme an der Niederwerfung des Aufstandes des Aedemon verliehen hat (Chatelain 116) u. a. m. In allgemeiner Form fand diese Tendenz ihren Ausdruck in der Formulierung Ulpians: Wer in einem Dorf geboren ist, hat, wie sich von selbst versteht, zum Vaterland diejenige Stadtgemeinde, zu der dieses Dorf gehört (Dig. 50, 1, 30).

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Spruch in der Kaiserzeit zwischen der Stadt, die ihre Ländereien ausbeutete, und den ausgebeuteten, der Stadt untertänigen Bauern bestand. Zweifellos hat die Entwicklung der auf Sklaverei gegründeten Beziehungen einen ungeheuren Einfluß auf die Landbevölkerung ausgeübt. Diese Beziehungen verbreiteten sich unter der Landbevölkerung, zersetzten sie, spalteten sie in einen wohlhabenderen Teil, der selbst zu Sklavenhaltern wurde, und in eine besitzlose Schicht, die durch Schulden an die römischen und einheimischen Wucherer in Sklaverei geriet. Wenn die Zersetzung weit genug vorgeschritten war, verwandelte sich das Dorf- oder Stammesgelände in eine Stadt mit allen ihren antiken Eigenheiten. So wurde im 2. Jahrhundert das Territorium der Musulamen eine Stadt; dieser Stamm hatte seinerzeit am Aufstand des Tacfarinas teilgenommen. Die Zersetzung der Beziehungen, die der Urgemeinde noch mehr oder weniger nahestanden und sich in den verschiedenen westlichen Gebieten und Provinzen erhalten hatten, führte zur Sklaverei und ging häufig sehr schnell vor sich. Trotzdem haben diese Beziehungen in vielen Fällen nicht nur neben der auf Sklaverei gegründeten Produktionsweise fortbestanden, sondern sie haben diese sogar überlebt. Die Territorien, die nicht in städtisches Eigentum übergingen, blieben im unmittelbaren Eigentum des Kaisers oder des römischen Volkes, was in der Kaiserzeit tatsächlich keinen Unterschied bedeutete. Die Stämme der Kelten, Germanen, Thraker, Illyrer, Mauren, Berber usw., in deren Besitz sich Grund und Boden befand, behielten noch die für sie typische Gemeindeordnung oder jedenfalls erhebliche Überbleibsel davon zurück. Die Wirtschaft war klein und beruhte auf der persönlichen Arbeit des Bauern, hin und wieder arbeiteten vielleicht ein oder zwei Sklaven mit. Vielleicht halfen sich auch die Nachbarn gegenseitig bei der Bodenbearbeitung 38 , und dies war offensichtlich ebenfalls ein Überbleibsel aus der Urgemeindeordnung. Den Boden, den die Gemeinde zur Nutzung erhalten hatte, verteilten die Gemeindemitglied er nach eigenem Ermessen untereinander, wahrscheinlich vermittels der Magistrate oder Ältesten oder eines gewählten Rates. 39 Der Verkauf von Boden an Personen, die nicht zur Gemeinde gehörten, war erschwert. 40 Wie einige Inschriften aus den Rheingebieten, von denen noch eingehender die Rede sein wird, erkennen lassen, stellte die Dorfgemeinde Rekruten für die Hilfsformationen der örtlichen Miliz und belehnte sie später zum Lohn für den Militärdienst selbst mit manchen Privilegien. Wahrscheinlich verteilte die Gemeinde auch selbst die Steuern, die für die Bodenbenutzung auf sie entfielen. Wie man sieht, unterschied sich die soeben beschriebene Eigentumsform wesentlich von der auf Sklaverei gegründeten, antiken Eigentumsform. Der Boden war 38

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Über gegenseitige Hilfe von Nachbarn s. Apuleius, Apol. 17. Das Bestehen einer nachbarlichen Organisation (vicinitas, vicinia, vicini) wird auch durch Inschriften aus verschiedenen Gebieten der westlichen Provinzen bezeugt, z. B. CIL II 806; 821; V I I I 2 3 398; X I I 4155; X I I I 3652; 7845; AE 1928, 13. A. Schulten, Die peregrinen Gaugemeinden des römischen Reiches, Rhein. Mus. 50, 1895, 4 8 9 - 5 5 7 , bes. 513; 542. E. Levy, West Roman vulgär law, Philadelphia 1951, 119.

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nicht Eigentum, sondern wurde lediglich von den Gemeinden und ihren Mitgliedern genutzt. Sklaven wurden nur in geringer Zahl ausgebeutet. Es gab wohl auch Sklaven, die der Gemeinde als Ganzem gehörten. Diese Vermutung legt eine Inschrift vom Jahre 239 aus Spanien nahe, wo außerstädtische Gemeinden, wie in Afrika, die Bezeichnung „Stämme" — gentes tragen. Die Inschrift wurde zu Ehren der Patrone der Stadt Segisamo durch einige Personen aufgestellt, unter denen sich Handwerker befanden: ein Kammacher, ein Tuchwalker, ein Schuhmacher, Nagelschmiede und Personen, die die Bezeichnung libertus gentilis tragen, während eine andere Person dieses Verzeichnisses servus gentilis genannt wird. 41 Die Freigelassenen führen den Namen Publicius, den gewöhnlich Sklaven von Städten und Korporationen bei ihrer Freilassung erhielten. Einer der Patrone, die in der Inschrift genannt werden, Valerius Lupus, ist offensichtlich (nach einer Konjektur des Herausgebers) als gentilis bezeichnet. Offenbar war er als Vertreter der gens der Patron der Freigelassenen des Stammes, während die übrigen vier Patrone diese Stellung nur hinsichtlich der Handwerker und der übrigen freien Bürger von Segisamo hatten. Daß es Gemeindesklaven gab, bezeugt vielleicht auch ein in Mauretania Caesariensis nahe bei der Stadt Medea gefundener Lampenstempel Caprarii. Der Herausgeber bringt ihn mit dem Stamme der Caprarienses in Verbindung, der in diesem Gebiet ansässig war und Lampen mit seinem eigenen Stempel herstellte. 42 Wenn diese Stammesgemeinde tatsächlich keramische Werkstätten besaß, so gehörten ihr wahrscheinlich auch die Sklaven, die darin arbeiteten. Es lassen sich also bestimmte Züge feststellen : die Nutzung des Bodens, an dem nur der Staat Eigentumsrecht hat, die Gemeindeordnung oder jedenfalls erhebliche Überbleibsel davon, eine nur schwach entwickelte Sklaverei und kollektiver Sklavenbesitz. Wegen all dieser Merkmale ist diese Eigentumsform derjenigen ähnlich, die der antiken zeitlich vorausging. Sie entspricht im großen und ganzen der Stufe in der Geschichte der Sklavenhalterformation, in der nicht die entwickelte, sondern die patriarchalische Sklaverei vorherrschte. Als diese sich auflöste, breitete sich in den ersten Jahrhunderten der Kaiserzeit die Eigentumsform aus, die auf die entwickelte Sklaverei gegründet war. Die patriarchalische Sklaverei, die dieser vorausgegangen war, überlebte sie auch, so daß auf ihrer Grundlage später völlig andere Beziehungen entstehen konnten. In der Blütezeit der auf Sklaverei gegründeten Produktionsweise war sie wenig bemerkbar, sie gewann aber um so mehr an Bedeutung, je weiter die Krise fortschritt. Von ganz besonderer Art war die Eigentumsform, die durch die sogenannten exterritorialen Latifundien repräsentiert wurde, d. h. der Grundbesitz privater Personen, der aus den städtischen Territorien ausgesondert war. Hyginus Gromaticus schreibt, daß diese Landgüter „verdienter Personen" deren vollständiges Eigentum waren. Sie waren durch nichts einer Kolonie verpflichtet und wurden als auf dem Boden des römischen Volkes befindlich angesehen. 43 „Diese Güter — 4

» CIL II 5812. E. Cat, Essai sur la province Romaine de Mauretanie Césarienne, Paris 1891, 23. 43 SRF 1197 : excepti sunt fundi bene meritorum, ut in toturn privati iuris essent, nec ullarn coloniae munificentiam deberent et essent in solo populi Romani.

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Die Eigentumsformen in der Kaiserzeit

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so schreibt er — sind denjenigen überlassen, denen es gestattet ist, da es (im allgemeinen) einer einzelnen Person nicht zukommt, mehr zu besitzen, als im Edikt angegeben ist. . . . Wir tragen in die Aufzeichnungen die überlassenen Güter so ein, daß sie in dem Vermögen verbleiben". 44 Auf diese Güter bezieht sich auch die bekannte Stelle aus Frontin über Streitigkeiten zwischen den Städten und Privatpersonen hinsichtlich der Frage, wem Personen unterstehen, die auf einem bestimmten Territorium leben. Wie Frontin bemerkt, entstanden solche Streitigkeiten am häufigsten in den Provinzen, in denen Privatpersonen Latifundien von nicht geringerem Ausmaß besaßen, als es die städtischen Territorien aufwiesen. „Privatpersonen haben — so fährt Frontin fort — auf den Latifundien keine geringe Menge einfachen Volkes und Dörfer rings u m eine festungsartige Villa. Die Städte pflegen Streitigkeiten über das Recht eines Territoriums zu beginnen, weil sie behaupten, daß man diesem Teil des Bodens Verpflichtungen auferlegen oder aus einem Dorf Rekruten ausheben oder denjenigen Ländereien die Pflicht zu Fuhren und zur Beförderung von Lebensmitteln auferlegen müsse, die diese Städte für sich in Anspruch zu nehmen versuchen". 4 5 Von Dörfern, die sich in Privatbesitz befinden, berichten auch Papinian u n d Modestin anderthalb Jahrhunderte nach Frontin. Modestin analysiert als Beispiel ein Testament, in welchem eine Frau ihrer Tochter (aus erster Ehe?) und deren Kindern den Teil eines Dorfes, den sie als Mitgift in die Ehe eingebracht hatte, zusammen mit den Einwohnern des Dorfes der Naklener unter der Bedingung vermacht, daß die Nutznießung ihrem Manne auf Lebenszeit gehört. 46 Wie Papinian ausführt, müssen Dörfer, die ihre eigenen Grenzen haben, wenn sie einer Stadt testamentarisch vermacht sind, dieser auch in dem Falle übergeben werden, wenn der Testator versprochen hat, in einem anderen Schriftstück ihre Grenzen zu bestimmen und die Form eines Wettkampfes zu bezeichnen, der nach seinem Willen jährlich veranstaltet werden soll, selbst wenn er dieses Versprechen infolge seines plötzlich eingetretenen Todes nicht einhalten konnte. 4 7 Diese Nachrichten vermitteln eine Vorstellung von den Grundzügen der Eigentumsform, die hier untersucht werden soll. I h r wichtigstes Merkmal war die Unabhängigkeit von der Stadt, denn dieses Land gehörte zu keinem städtischen Territorium. Folglich war der Besitzer eines solchen exterritorialen Gutes nicht Mitglied eines städtischen Kollektivs von Sklavenhaltern und Grundbesitzern, vielmehr war er unmittelbar dem Staat Untertan und konnte in seinen Rechten n u r durch diesen eingeschränkt werden. Sein Eigentumsrecht am Boden war ein vollständigeres und entwickelteres Privateigentum im Verhältnis zu dem Eigentumsrecht des Besitzers einer Villa, die zu einem städtischen Territorium gehörte. 44

SRF I 197: . . . inscribemus ergo concessos sie, vi in aere permaneant. „In aere" kann hier nur die Bedeutung „im Aktivvermögen" haben, wodurch auch der Unterschied dieser Güter zu denjenigen hervorgehoben wird, die nicht excepti waren. 15 SRF I 53: kabent autem in saltibus privati non exiguum populum plebeium et vicos circa villam in modurn munitionum. Tum, r. p. controversias de iure territorii solent movere, quod aut indicere muñera dicant oportere in ea parte soli, aut legere tironem ex vico, aut vecturas aut copias devehendas indicere eis locis quae loca res p. adserere conantur. 4 47 « Dig. 31, 34, 7. Dig. 31, 77, 33.

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Die Voraussetzungen der Krise

Außerdem waren offensichtlich die Arbeiter auf diesen Gütern von Anfang an anderer Herkunft als auf den Villen. Natürlich waren die Besitzer dieser Güter große Sklavenbesitzer und beuteten wenigstens in den ersten Jahrhunderten der Kaiserzeit in großem Maße die Sklavenarbeit aus. Aber wenn auf den Villen die Sklaven die Hauptproduzenten waren und die Arbeit freier Bauern und Kolonen hier nur eine zweitrangige Rolle spielte, so lagen die Dinge auf den Latifundien völlig anders. Schon durch ihr Ausmaß war es aus den angegebenen Gründen unmöglich, sie allein mit Sklaven zu bewirtschaften. Hier mußten sich Großgrundbesitz und Kleinwirtschaft verbinden und folglich andere Methoden zur Ausbeutung der unmittelbaren Erzeuger angewendet werden als in den Sklavenhaltervillen. Auf dem Gelände der exterritorialen Latifundien gab es Dörfer, deren Einwohner zwar frei, aber trotzdem ihrem Besitzer Untertan waren. Schon deshalb kann angenommen werden, daß auf diesen Ländereien außer den Sklaven auch Freie arbeiteten. Daß die Dorfbevölkerung nicht aus Sklaven, sondern aus Freien bestand, geht daraus hervor, daß die städtische Verwaltung hier Rekruten auszuheben versuchte; Sklaven hatten aber bekanntlich keinen Zutritt zur Armee. Die von Papinian erwähnten jährlichen Wettkämpfe, die der Besitzer in seinen Dörfern veranstalten wollte, sprechen ebenfalls dafür, daß die Dörfer von Freien bewohnt waren. Aus zahlreichen Inschriften ist bekannt, daß Mittel für die Veranstaltung verschiedener jährlicher Feierlichkeiten gewöhnlich zum Geburtstag oder Sterbetag des Kaisers, Patrons o. ä. entweder Korporationen der Freien, Kollegien oder den Bewohnern eines Dorfes oder Gaus geschenkt oder vermacht wurden. Indessen war, wie aus dem von Modestin angeführten Beispiel von dem Dorf der Naklener ersichtlich ist, die Dorfbevölkerung nicht nur abhängig von dem Besitzer, sondern sie galt auch gewissermaßen als sein Eigentum; denn die Erblasserin spricht davon, daß sie einen Teil des Dorfes zusammen mit den Menschen als Mitgift erhalten hatte. Über die Landparzellen, die von ihnen bearbeitet wurden, und über das ganze Dorfgelände verfügte der Besitzer nach freiem Ermessen, da der von Papinian erwähnte Testator sich offenbar noch anschickte, die Grenzen der Dörfer neu festzusetzen, obwohl sie schon ihre Grenzen hatten. In einer Ekloge, die Nemesian im 3. Jahrhundert zu Ehren eines verstorbenen Grundbesitzers namens Meliboeus verfaßt hat, wird erwähnt, daß er gerne Rechtsstreitigkeiten der Landleute (ruricolum Utes) schlichtete und daß unter seiner Herrschaft das Meßfähnchen umstrittene Äcker (ambiguos agros) voneinander abgrenzte. 48 Es war möglich, daß ein Besitzer einem ganzen Dorf Land zuwies, welches die Einwohner untereinander verteilten, wobei der Herr oberster Schiedsrichter blieb. Wie wir später an Beispielen aus verschiedenen Provinzen zeigen werden, stellte ein Dorf, das zu einem exterritorialen Latifundium gehörte, oft eine Gemeinde dar, die einem Dorf auf Staatsland glich — mit gewählten Verwaltungsorganen und eigenen Schutzgottheiten. Jedoch vermitteln die erwähnten Angaben keine ganz genaue Vorstellung von der Lage der Dorfbevölkerung auf den Privatländereien, von ihren Beziehungen 48

Nemesian, 1, 52—55 (E. Baehrens, Poetae Latini minores, Leipzig 1883, III 178).

Die Eigentumsformen in der Kaiserzeit

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zum Besitzer und von der Entstehung und Entwicklung dieser Beziehungen. Als der Kolonat zur herrschenden Ausbeutungsform wurde, wurden alle Bewohner von Privatländereien Kolonen. Oft waren sie Nachkommen von Kleinpächtern, die von altersher auf dem Gute lebten, oft Klienten und geknechtete Schuldner des Grundbesitzers. Klienten bearbeiteten die Ländereien ihres Patrons in Italien zur Zeit der Republik und in Gallien zur Zeit Caesars. Horaz tadelt Patrone, die Klienten von ihrem Grund und Boden verjagen. Festus gibt eine ganz phantastische Etymologie des Wortes •patres; er leitet es von partes ab, da die patres gleichsam ihr Land anteilweise an die kleinen Leute (tenuioribus) verteilt hätten. Unter diesen „kleinen Leuten" versteht er natürlich die Klienten, und das Wort patrocinium bringt er in Verbindung mit der Verteilung der „kleinen Leute" unter die patres, die jene mit ihren Hilfsmitteln schützen sollten.49 Die Beziehungen des Meliboeus zu den Bauern, wie sie in der oben erwähnten Ekloge des Nemesian dargestellt sind, kann man sich auch am ehesten als Verhältnis zwischen einem Patron und seinen Klienten denken, jedenfalls leichter als ein Verhältnis zwischen dem Patron und Kolonen; denn im letzteren Falle wäre es unverständlich, wieso er Streitigkeiten hätte schlichten sollen, die wegen der Abgrenzung der Parzellen unter ihnen entstanden, da ja der Kolone eine bestimmte Parzelle erhielt, von der her sich auch seine Pachtzahlungen und sonstigen Verpflichtungen ableiteten. Analogien hierzu findet man in den Briefen des jüngeren Plinius. In einigen spricht er von seinen Pächtern als von Kolonen 50, aber in anderen Fällen gebraucht er den allgemeineren Ausdruck rustici, und zwar hauptsächlich in Verbindung damit, daß er Zeit vergeuden muß, um ihre Klagen und Rechtsstreitigkeiten zu beurteilen. 51 Heitland hält alle diese rustici für Kolonen des Plinius 52 ; aber in jener Zeit war die Terminologie genauer als später, und es ist durchaus möglich, daß die von Plinius erwähnten rustici seine Klienten waren, die entweder auf seinen Ländereien oder in ihrer Nachbarschaft wohnten. Darauf, daß kleine Nachbarn von großen Eigentümern abhängig wurden und daß infolgedessen das Wort vicinus = Nachbar eine besondere Bedeutung bekam, hat M. E . Sergejenko hingewiesen.53 Möglicherweise war in den westlichen Provinzen, wo die Überbleibsel der Beziehungen aus der Zeit der zerfallenden Urgemeindeordnung während der Entstehungszeit des Patronats und der Klientel bedeutend stärker waren als in Italien, die Ausbeutung von Klienten auf den großen Gütern noch bedeutend weiter entwickelt. Ziemlich bekannt ist auch die Gewohnheit, Schuldner auszubeuten; sie mußten ihre Schuld auf den Gütern der Gläubiger abarbeiten. Die Angaben Varros und Colu49

so 61 52 53

Festus 320/1 s. v. patres ed. Lindsay p. 288f. und 292/3 s. v. patrocinia ed. Lindsay p. 262 f. Z. B. Plinius Minor, ep. 3,19; 9,36. Ebenda 7,30; 9,15. W. E . Heitland, Agricola, Cambridge 1921, 320. M. E . CepreeHKO, K hctophh KOJiOHaTHLix OTHomeHHÄ (M. E . Sergejenko, Zur Geschichte der Kolonatsbeziehungen), B / J H 1949, 2, 56—59.

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Die Voraussetzungen der Krise

mellas hierüber hat Gummerus überzeugend erläutert. 54 Er weist darauf hin, daß die obaerati, die bei Varro als Arbeiter auf dem Landgut erwähnt werden, nicht Kolonen sind, wie Fustel de Coulanges und Schulten annahmen, sondern vielmehr Schuldner; denn Varro selbst setzt in „De lingua Latina" den Begriff obaeratus mit dem Begriff nexus gleich und erklärt, daß so ein Freier genannt wurde, der seine Schuld abarbeiten mußte, bis er sie ganz beglichen hatte. Gummerus vergleicht diese Stelle mit dem Hinweis Quintilians, daß der Schuldner nach dem Gesetz so lange dienen mußte, bis die Schuld abgetragen war. Ferner führt Gummerus auch ein bekanntes Zitat aus Columella an. 55 Dieser tadelt die Adligen, weil sie weite Gebiete besaßen, obwohl sie diesen Besitz nur dadurch halten konnten, daß Bürger verpflichtet waren, dort ihre Schulden abzuarbeiten. Warum Gummerus aber meint, daß hier von Kolonen die Rede sei, ist unverständlich, da das von ihm angeführte Zitat aus Varro klar zeigt, daß auch hier geknechtete Schuldner gemeint sind. Daß Schuldner ihre Schuld abarbeiteten, wie es aus Varro bekannt ist, war in den Provinzen üblich. In der Folgezeit änderte sich die Schuldknechtschaft (der Schuldner bekam Seine frühere Parzelle als prekaristischen Besitz wieder), aber oifensichtlich kam sie in mancherlei Gestalt auf den großen Landgütern während der ganzen Kaiserzeit vor. Ebenso wie die Ausbeutung der Klienten war die Knechtung der Schuldner einerseits ein Überbleibsel von Beziehungen, die der entwickelten Sklaverei vorangegangen waren, andererseits aber — in der Zeit des Zerfalls der Sklavenhalterordnung — wurde die Ausbeutung von Schuldnern wie auch die Knechtung von Gemeindemitgliedern eine der Grundlagen für eine neue Produktionsweise. Eine weitere Eigentumsform war das kaiserliche Eigentum, d. h. Ländereien in unmittelbarem Besitz des Fiskus und des Kaisers; sie wurden von kaiserlichen Prokuratoren verwaltet. Eigentlich kann man diese Ländereien hinsichtlich der Wirtschaftsführung und der auf ihnen tätigen Arbeiter nicht als etwas Einheitliches ansehen. Den Kaisern gehörten außer verhältnismäßig kleinen Villen, die von Vögten verwaltet und von Sklaven bearbeitet wurden, umfangreiche Ländereien, die einzelne Personen oder auch ganze Dörfer für eine Pachtsumme (vectigalia) in ewiger Pacht hatten. Dies geschah auf der gleichen Grundlage wie bei den städtischen Ländereien. Schließlich besaßen die Kaiser unermeßliche Latifundien für die dieselbe Lage galt wie für die exterritorialen Güter von Privatpersonen. Diese Güter vergab man an Großpächter, die sie dann in kleinen Parzellen an Kolonen verpachteten. 56 Das kaiserliche Landeigentum, das an sich schon groß war und durch Konfiskationen, Schenkungen, Testamente und die Inbesitznahme 54 65 56

H. Gummerus, Der römische Gutsbetrieb, 62. Columella 1, 3, 12: . . . more praepotentium, qui possident fines gentium, quos .. . occupatos nexu civium . . . tenent. Außer den allgemein bekannten Arbeiten von Schulten und Baudouain über die kaiserlichen Güter ist auch die Arbeit von Lecrivain interessant, die sich für die Feststellung des Bestandes der kaiserlichen Güter neben epigraphischen Angaben auch auf die Aufzählung der Ländereien bei Papst Sylvester stützt, die Kaiser Konstantin der Kirche geschenkt hat. — Ch. Lecrivain, De agris publicis imperatoriisque, Paris 1887, 11.

Die Eigentumsformen in der Kaiserzeit

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von herrenlosem Vermögen ständig zunahm, konnte als Reserve für die Stärkung der verschiedenen Eigentumsformen und der mit ihnen verbundenen sozialen Gruppen dienen. Dies ist wichtig für das Verständnis der Krise und des Kampfes der verschiedenen sozialen Gruppen, die die politische Geschichte des 3. Jahrhunderts bestimmten. Kaiserliche Ländereien oder auch ein Teil von ihnen konnten Großgrundbesitzern verkauft, langfristig verpachtet oder durch Schenkung übereignet werden und so deren ökonomische und politische Macht stärken. Auf staatlichen Ländereien konnten Veteranenkolonien angelegt oder einzelne Veteranen angesiedelt werden, die kleine und mittlere Sklavenhaltervillen gründeten. Kaiserliche Landgüter konnten durch Gewährung des Okkupationsrechts kleiner Parzellen unter Verleihung von Privilegien, wie dies nach einem Gesetz Hadrians stattfand, in den Besitz kleiner und mittlerer Grundbesitzer übergehen, wodurch wiederum die auf Sklaverei gegründete Produktionsweise gefestigt wurde. Jene Ländereien konnten aber auch dörflichen Gemeinden überlassen werden, wie man aus dem oben angeführten Auszug aus Frontin ersieht. Wie er schreibt, traten die von ihm aufgezählten Ursachen für Zusammenstöße zwischen einer Stadtverwaltung und Latifundienbesitzern besonders oft dann auf, wenn nicht eine Privatperson, sondern der Kaiser Besitzer des saltus war. 87 Schließlich konnten diese Ländereien auch von Kolonen bearbeitet werden, die eine Naturairente entrichten und Frondienste leisten mußten, und dies stärkte wiederum die Ausbeutungsform, die die Leibeigenschaft vorwegnahm. So sahen die in der Kaiserzeit nebeneinander bestehenden Eigentumsformen aus. Vom Herannahen der Krise kann man sprechen, seitdem der Niedergang der auf Sklaverei gegründeten, antiken Eigentumsform begann. « SRF I 53.

2. K A P I T E L

Anzeichen und Ursachen der Krise der antiken Eigentumsform 1. Die Symptome der Krise Die auf Sklaverei gegründeten Beziehungen waren im Westen am vollkommensten in Italien entwickelt. Sie breiteten sich allmählich auf die westlichen Provinzen aus, aber je mehr die Sklaverei die Produktion erfaßte, desto schneller nahte in den einzelnen Provinzen die Krise der auf Sklaverei gegründeten Produktionsweise. Dieser Prozeß verlief in den verschiedenen Gebieten nicht gleichmäßig. Zur selben Zeit, als in manchen Provinzen die Krise schon begonnen hatte (z. B. in Spanien in der Mitte des 2. Jahrhunderts), näherten sich andere Provinzen erst der wirtschaftlichen Blüte, die zeitweise die entwickelte Sklaverei und die auf Sklaverei gegründete Eigentumsform begleitete (z. B. erlebte Afrika den größten Aufschwung im Anfang des 3. Jahrhunderts). Dies ist auch verständlich; denn die Provinzen wurden nur durch die politische Macht Roms zusammengehalten, und selbst einzelne Gebiete der Provinzen behielten ungeachtet der nivellierenden Tendenzen in vieler Hinsicht ihre besondere soziale Struktur, ihre eigene ökonomische Basis und ihre eigene Entwicklung. Nichtsdestoweniger kam die Zeit, für die man von einer Krise sprechen kann, die die auf Sklaverei gegründete Produktionsweise im ganzen ergriffen hatte. Als ihre ersten Symptome sind der in den meisten Provinzen beginnende Niedergang der Arbeitsproduktivität, die Verödung der Ländereien und der Verfall des Handwerks und der Bautätigkeit anzusehen. Da ferner die entwickelte Sklaverei von der städtischen Organisation nicht zu trennen war, kann man als weitere wichtige Symptome der Krise die Verarmung der städtischen Grundbesitzer, den Verfall des Standes der Dekurionen und die Konzentration von Land in den Händen der Großgrundbesitzer und als Folge dessen den Verfall der Stadt als einer politischen und ökonomischen Organisation ansehen. Solche Symptome machten sich, wie schon gesagt wurde, in den einzelnen Provinzen zu verschiedenen Zeiten bemerkbar und können als Anzeichen für ein Herannahen der Krise der auf Sklaverei gegründeten Produktionsweise im ganzen gelten, sobald sie die meisten Provinzen erfaßt haben. Aber es lassen sich auch noch andere, allgemeinere Anzeichen für das Herannahen dieser Krise anführen. Am wesentlichsten ist der Umstand, daß die Auflösung der Urgemeinde-Beziehungen jetzt nicht mehr zum Entstehen der auf Sklaverei gegründeten Produktionsweise führte. I n der Zeit der Sklavenhalterordnung bildeten sich die auf Sklaverei gegründeten Beziehungen nicht nur bei den Stämmen heraus, die unter römische Herrschaft gerieten, als sie noch im Anfangsstadium der Urgemeinde-Beziehungen waren, sondern auch bei den

Anzeichen und Ursachen der Krise der antiken Eigentumsform

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benachbarten Völkern, die zwar nicht direkt zum Reich gehörten, wohl aber infolge politischer und ökonomischer Verbindungen in Seine Einflußsphäre hineingezogen wurden. Die Geschichte der römischen Siege und Niederlagen im Westen zeigt, daß die verschiedenen Gebiete in das Reich aui gewaltsamem oder friedlichem Wege erst dann einbezogen werden konnten, wenn sich bei den Völkern, die zu Objekten der römischen Expansion wurden, die auf Sklaverei gegründeten Beziehungen entweder schon genügend entwickelt hatten oder der Boden für ihre Entwicklung hinreichend vorbereitet war. In solchen Fällen schloß der einheimische Adel, weil er Aufstände des von ihm geknechteten Volkes befürchtete, mit Rom ein Bündnis und erreichte dadurch unter Aufgabe Seiner Unabhängigkeit das, was die alten Apologeten der römischen Herrschaft „Rettung vor Aufruhr" nannten, während die heutigen bürgerlichen Historiker es als „sozialen Frieden" bezeichnen. Denselben Weg nahm die Entwicklung augenscheinlich bei den Nachbarstämmen, die formal ihre Unabhängigkeit bewahrt hatten. Als aber die auf Sklaverei gegründete Produktionsweise von der Krise erfaßt wurde, änderte sich die Lage. Die Auflösung der Urgemeindeordnung bei den Stämmen sowohl innerhalb als auch außerhalb des Reichs führte nun nicht mehr dazu, daß sich die Sklaverei und die auf Sklaverei gegründete Eigentumsform entwickelten. Vielmehr entstanden bei den germanischen, slawischen und sarmatischen Stämmen, die mit dem Reich mehr oder weniger ökonomisch verbunden waren und den Einfluß seiner Technik zu spüren bekamen, eigene Produktivkräfte; diese waren aber, als im Reich die Krise begann, schon nicht mehr mit der Urgemeindeordnung vereinbar. Jene Völker lernten die entwickelte Sklaverei nicht kennen, sondern bildeten neue, fortschrittlichere gesellschaftliche Beziehungen heraus, die ihnen den Sieg über die Sklavenhalterstaaten gewährleisteten.1 Was für einen Einfluß diese Vorgänge auf die Entwicklung der Stämme ausübten, die zum Reich gehörten, wird nach Möglichkeit bei der Behandlung der einzelnen Provinzen dargelegt werden. Vorläufig läßt sich sagen: Da aus den Dörfern und Stammesterritorien keine neuen Städte mehr entstanden, muß die Entwicklung der sozialökonomischen Ordnung bei den Stämmen innerhalb des Reichs unter den Bedingungen der Krise der auf Sklaverei gegründeten Produktionsweise einen anderen Weg genommen haben, und zwar ebenfalls unter Umgehung der entwickelten Sklaverei. Schließlich ist die Art und Weise von Bedeutung, wie sich die Kolonatsbeziehungen hier herausbildeten. Dies geschah weniger dadurch, daß angesiedelte Sklaven und kleine, ehemals freie Pächter ausgebeutet wurden; vielmehr wurden Gemeindebauern durch Großgrundbesitzer geknechtet, die schnell zu Macht gelangt waren. Die Entwicklung der Freilassung von Sklaven kann man zwar nicht als Hauptmerkmal der Krise der Sklaverei ansehen, sie gehört aber zu ihren Symptomen. Freilassung von Sklaven und Gewährung eines Pekuliums an sie gab es auch in der Blütezeit der Sklavenhalterformation; besonders viele Sklaven wurden gerade 1

Ebenso entwickelten sich offenbar wechselseitige Beziehungen auch zwischen den Sklavenhalterstaaten der Schwarzmeerküste, Mittelasiens und Chinas und den benachbarten Nomadenvölkern.

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Die Voraussetzungen der Krise

in der letzten Zeit der Republik freigelassen. Sowohl damals als auch zu Beginn der Kaiserzeit gewährte man ihnen ein Pekulium in sehr verschiedener Form, ja ein Jurist des 1. Jahrhunderts v. u. Z., AlfenuS, spricht sogar von einem Sklaven, der ein Gut seines Herrn gepachtet hatte. 2 Wenn man also von den Merkmalen der Krise der auf Sklaverei gegründeten Produktionsweise spricht, ist nicht nur in Betracht zu ziehen, wie die Anzahl der mit einem Pekulium belehnten und freigelassenen Sklaven zunahm, sondern auch, wie sich die Beziehungen zwischen dem Freigelassenen und seinem Patron veränderten, soweit sie eine juristische Formulierung erhalten haben. Ein weiteres wichtiges Merkmal ist es, daß sich die Verbindung des Sklaven mit Seinem Pekulium festigte; denn sie wurde wahrscheinlich in der Praxis bedeutend enger, als es bei dem im allgemeinen recht konservativen römischen Recht in der juristischen Theorie zum Ausdruck kam. Immerhin fand dies auch in ihr eine gewisse Widerspiegelung. Zu den Symptomen der Krise gehört auch die Entwicklung des Kolonats. Sie hängt eng mit der Eigentumsform, die durch die exterritorialen Saltus vertreten war, und mit der Auflösung der Familie zusammen, die ihre Bedeutung als Grundzelle der Gesellschaft nach und nach einbüßte. Die Zersetzung der Familie und der Stadt führte zu Veränderungen im Staatswesen und zu einer Entartung der Ideologie, die für die ersten Jahrhunderte der Kaiserzeit kennzeichnend war. Auch hierin sind Symptome der Krise zu erkennen, wenn auch keine grundlegenden, wie bürgerliche Historiker gelegentlich meinen. Vielmehr handelt es sich um Sekundärerscheinungen. Sie wollen als Ausdruck der Vorgänge angesehen werden, die sich in der Ökonomik und in der Gesellschaft vollzogen haben. Dennoch sind sie sehr bezeichnend und bestätigen, daß die Krise tatsächlich alle Seiten des Lebens der Sklavenhalterwelt erfaßt hat. Welche Ursachen führten nun zur Auflösung der antiken Eigentumsform? Um diese Frage beantworten zu können, müssen wir uns in erster Linie mit den Sklaven der ersten Jahrhunderte der Kaiserzeit beschäftigen.

2. Sklaven und

Sklavenhalter

Die Krise der auf Sklaverei gegründeten Produktionsweise brach um so schneller herein, je weiter die Sklaverei in alle Sphären des Wirtschaftslebens der jeweiligen Provinz oder eines Gebietes eingedrungen war und je mehr in den führenden Wirtschaftszweigen die Arbeit der Freien durch Sklavenarbeit verdrängt wurde. Die Freien, die aus dem Wirtschaftsprozeß verdrängt worden waren, füllten die Reihen des Lumpenproletariats auf, und dieses erhob mehr oder weniger Anspruch auf einen Teil des von den Sklaven erzeugten Produkts. Aber auch noch andere unproduktive Ausgaben wuchsen mit der Zeit, da sie fest mit der Entwicklung der auf Sklaverei gegründeten Produktionsweise und ihren Besonderheiten verbunden waren. Dig. 15, 3, 16.

Anzeichen und Ursachen der Krise der antiken Eigentumsform

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Die produzierende Klasse, die Sklaven, mußte für immer mehr Personen, die an der Produktion nicht beteiligt waren, den Lebensunterhalt beschaffen. Da aber infolge der Beständigkeit der Basis in der Sklavenhalterordnung die Produktion nur in begrenztem Umfang erweitert werden konnte, wurde die Ausbeutung der Sklaven verstärkt, und so vertiefte sich die Kluft zwischen den Sklaven und den Sklavenhaltern immer mehr. Diese Entwicklung wurde, wie in unserer Literatur schon mehrfach ausgeführt worden ist, durch den zunehmenden Warenaustausch begünstigt. Denn die Villenbesitzer produzierten für den Markt und bemühten sich infolgedessen, möglichst viel Produkte aus den Sklaven herauszupressen. In den ersten Jahrhunderten der Kaiserzeit gab es bekanntlich keine Sklavenaufstände, die an die sizilischen Erhebungen und an den Spartacus-Aufstand erinnert hätten. Das bedeutet jedoch nicht, daß die Gegensätze zwischen den Sklaven und den Sklavenhaltern jetzt geringer waren als damals. Im Gegenteil: So merkwürdig dies auch auf den ersten Blick erscheint, haben jene Widersprüche in den Werken Ciceros, der doch Zeitgenosse des Spartacus-Aufstandes war, ein bedeutend geringeres Echo gefunden als in den Werken der Autoren des 1. Jahrhunderts u. Z., wo es dem Anschein nach keine unmittelbare Gefahr für die Sklavenhalter gab. Zwar widmet Cicero den Sklaven im allgemeinen nur wenig Aufmerksamkeit, aber trotzdem erwähnt er einige Einzelheiten, z.B., daß die sizilischen Sklavenhalter dem Verres Bestechungsgelder gaben, damit er ihre Sklaven freiließ, obwohl sie verdächtig waren, mit Spartacus Beziehungen gehabt zu haben, oder über die Herren, die am Vorabend des Spartacus-Aufstandes mit ihren Sklaven bewaffnete Abteilungen aufstellten, um sie zu Plünderungen und zum Raub des Eigentums ihrer Nachbarn auszusenden. Schließlich erwähnt er, daß Clodius seine Sklaven aus den Bergen bewaffnete, um die Parteigänger der Optimaten aus ihren Villen zu vertreiben.3 Diese und zahlreiche andere ähnliche Tatsachen aus dieser Zeit legen die Annahme nahe, daß die Sklavenhalter, so sehr sie auch durch die großen Sklavenaufstände der letzten zwei Jahrhunderte der Republik erschreckt waren, die Gefahr noch nicht im vollen Ausmaß begriffen hatten, die ihnen von Seiten der Sklaven drohen konnte. In den ersten Jahrhunderten der Kaiserzeit ändert sich die Lage. Die verschiedensten Autoren schreiben in einem beliebigen Zusammenhang über die Sklaven. Der Sieg der entwickelten Sklaverei vernichtete die Reste patriarchalischer Beziehungen zwischen dem Sklavenhalter und dem Sklaven. Seneca bemerkt mit Bedauern, daß man die Sklaven nur noch auf der Bühne familiares nenne, eine Bezeichnung, die man ihnen einstmals gegeben hatte und die von ihrer nahen Beziehung zum pater familias zeugte4. In seiner Biographie des Galba erwähnt Sueton das Verschwinden einer alten Sitte, nach der die Sklaven an jedem Morgen ihren Herrn begrüßen kamen.6 Charakteristisch ist ein Fragment aus den Werken des Masurius Sabinus, eines Juristen der ersten Hälfte des 1. Jahrhunderts, das bei Aulus Gellius erhalten ist.6 Masurius Sabinus erkannte zwar die Möglichkeit der 3 4

Cicero, pro Milone 9, 26; pro M. Tullio 21. Vgl. auch die Rede pro Sestio. 6 Sueton, Galba 4. 6 Aulus Gellius 5, 19, 1 1 - 1 4 . Seneca, ep. 47.

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Die Voraussetzungen der Krise

gesetzlichen Adoption eines Freigelassenen durch einen Freien an, hielt es aber nicht für zulässig, daß Leute aus dem Stande der Freigelassenen (homines libertini ordinis) auf diesem Wege die Rechte von Freigeborenen erlangten. I m anderen Falle, so schrieb er, wenn eine solche Möglichkeit in dem alten Recht bestanden und sich erhalten hätte, würde dies bedeuten, daß sogar ein Sklave von Seinem Herrn vor dem Prätor adoptiert werden könne. Viele alte Juristen, so fährt er fort, seien der Ansicht gewesen, daß so etwas möglich sei. Das ist natürlich nur ein kleiner Zug, aber er ist interessant. „Die alten Juristen", also die Juristen der republikanischen Zeit, waren der Meinung, ein Freigelassener oder ein Sklave könne von einem Freien adoptiert werden und die Rechte eines Freien erlangen, aber ein Jurist, der im 1. Jahrhundert u. Z. schrieb, als die Widersprüche zwischen den Klassen der Sklavenhaltergesellschaft sich verschärft und vertieft hatten, bestritt eine solche Möglichkeit und hielt sie f ü r völlig absurd. I n der bürgerlichen Literatur, sowohl in der westeuropäischen als auch in der vorrevolutionären russischen, ist die Meinung weit verbreitet, daß sich die Lage der Sklaven in den ersten Jahrhunderten der Kaiserzeit unter dem Einfluß des Stoizismus, des Christentums und einer allgemeinen „Milderung der S i t t e n " bedeutend verbessert habe. 7 Eine Behandlung der Sklaven, wie sie Diodor bei der Erörterung der Gründe f ü r den sizilischen Aufstand erwähnt, kam wahrscheinlich nur noch selten vor, doch hatte sich dies nicht infolge einer „Milderung der Sitten" geändert, sondern aus ökonomischen und politischen Ursachen. Zu den ökonomischen Gründen gehört, daß der Sklave an Wert gewann. Während der Kriege des 2. und 1. Jahrhunderts v. u. Z. konnten die ungeheuren Massen der unterworfenen und versklavten Bevölkerung nicht genügend rationell und produkt i v ausgenutzt werden, da die Wirtschaft noch nicht weit genug entwickelt war, daß m a n so viele neue Sklaven hätte verwenden können. Außerdem waren die freie Arbeit der Bauern und die halbfreie Arbeit der Klienten, Schuldner u. a. noch sehr weit verbreitet. Deswegen hielt man auf den Sklaven keine großen Stücke. Man wollte ihn nicht ernähren und nicht kleiden, da sich die Kosten f ü r seine Nahrung und Kleidung nicht dadurch bezahlt machten, daß man ihn ausbeutete. Man ging mit seinem Leben und seiner Arbeitskraft schonungslos um, weil man sie nicht voll ausnutzen konnte. Als die Sklavenhalterwirtschaft ein höheres Niveau und eine rationellere Organisation erreichte, begann auch ihr grundlegendes Element, der Sklave selbst, einen höheren Wert zu repräsentieren. Der Sklave mußte mit einem Minimum an Kleidung und Nahrung versehen werden, damit er arbeiten konnte, — das verstand 7

S. z. B. H. B. ÜOMHJiOBCKHii, 9imrpa, Felicit(ati) aet(atis oder -erwae?)140, Felicitas saeculi141, Pax fundata14Z, Restitut(or) gener(is) humani143, Ubique Pax144 und andere gewöhnlichere. Diese Münzen sollten nicht nur die kaiserliche Politik propagieren, sondern auch ein Gegengewicht gegen den Pessimismus bilden, der innerhalb der munizipalen Stände immer weiter um sich griff und auch in der Weltanschauung Cyprians und den Lehren der Gnostiker zum Ausdruck kam. Ein interessantes Beispiel für völligen Pessimismus bietet ein Gedicht, dessen Autor und Abfassungszeit nicht bekannt sind, das jedoch nach den unten angestellten Überlegungen, wie es scheint, auf die Mitte des 3. Jahrhunderts datiert werden kann. Es ist der Stadt Mantua gewidmet und von einem Einwohner dieser Stadt geschrieben : Die Stadt, die ihr Haupt unter den Städten erhob wie die Zypressen unter den sanften Maulbeerbäumen, unser Mantua, steht jetzt den anderen soviel an Ehre nach wie die niedrige Narde den purpurnen Rosengärten oder der Schlehdorn dem Ölbaum oder die Erle den Weinstöcken, der Nieswurz der Narde, die Bohne dem Pfeffer, der Tuffstein dem Golde. Wo keiner der ersten Bürger bleibt, gibt es auch keine Einheimischen mehr. Alles haben die sich stets gleichenden Tyrannen geraubt. Traurig ist der Friede davongegangen, Bürgerkriege werden geführt, kalt ist die Ehre der Liebe, die Samen des Hasses wachsen. Es mangelt an Korn, namenloses Unkraut erhebt sich. Die Leute, die nach dem Los die Wache halten, verkaufen die Steine der Mauern und die Schutzwehren. Die Pflege der Götter und der Tugenden sinkt darnieder. Jeder bildet sich selbst etwas, was er verehren will, und der Verstand ist ratlos. Mantua, einer großen Ruine gleich, wehe dir, da dich barbarische Einwohner füllen ! Sie, die ein Leib hervorgebracht hat, zerschneiden dich mit ihrer Sprache! Kein Bruder versteht mehr des anderen Worte. Wie oft hat Tityus die Bürger ermahnt, sich zu hüten, daß nicht der Wolf im Stalle die Schafherde stören möge. Zwietracht und Hader hindern das ganze Volk, den Räubern Widerstand zu leisten. Es schläft der Hirt. Ich sehe schlimmes Unheil in der Nähe ! Wehe mir ! Sei gnädig, wenn du dich jetzt noch um deine Mutter kümmerst ! 145 Klagen über den Verfall der Städte begegnen auch in Inschriften. So wird in einer Inschrift aus Salernum zu Ehren des Arrius Mecius Gracchus, eines vir clarissimus, gesagt, die Stadt habe vernachlässigt und erschöpft darniedergelegen, die Bürger seien entlaufen, und der Stand der Dekurionen sei in Verfall geraten. 146 132 135 138 111 144

Cohen, Phü. père 201. Ebenda 217. Ebenda 96. Ebenda 205 f. Ebenda 1 0 1 5 - 1 0 1 9 .

133 138 138 142 145

Ebenda 218. Ebenda 42. Ebenda 101. Ebenda 7 6 9 - 7 7 1 . Riese, Anth. 686.

134 137 140 143 146

Ebenda 7 1 - 8 1 . Cohen, Gall. 9 2 2 - 9 2 5 . Ebenda 180. Ebenda 901 f. CIL X 520.

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I n einer Inschrift aus Abella wird dem Konsular Barbarius Pompeianus der Dank dafür ausgesprochen, daß er die verwüstete Stadt verschönerte, indem er ihre Straßen mit Steinen aus den Steinbrüchen und nicht aus zerstörten Monumenten pflasterte. 117 Dasselbe Motiv wurde in dem oben zitierten Gedicht ausgeführt. Seine Datierung auf das 3. Jahrhundert wird dadurch möglich, daß die Bürgerkriege und die Tyrannen erwähnt werden. Es früher zu datieren — vielleicht noch vor Maximin —, ist aus dem Grunde unmöglich, weil bis zu der genannten Zeit keine Bürgerkriege auf italischem Gebiet bekannt sind, aber auch in die Zeit Maximins kann man es nicht setzen, weil Aquileja, wo sich damals die Hauptereignisse abspielten, so weit von Mantua entfernt ist, daß es von jenen kaum berührt werden konnte. Andererseits kann man diese Verse auch kaum auf das 4. Jahrhundert beziehen, denn sie erwähnen das Christentum nicht, sondern sprechen im Gegenteil von geistiger Zersetzung, und diese ging der Einführung einer verbindlichen Staatsreligion vorauf. Am ehesten wurden sie zur Zeit Galliens geschrieben, unter dem frischen Eindruck des Krieges mit Aureolus. Denn dieser besaß Mailand als Zentrum seiner Macht; es war nicht weit von Mantua entfernt,das unter den durchziehenden Truppen des Gallien oder des Aureolus zu leiden gehabt haben mochte. Vielleicht nahmen auch die Einwohner von Mantua auf einer von beiden Seiten am Kriege teil. Unter den barbarischen Bewohnern, die die ursprünglichen Einwohner der Stadt abgelöst hätten, kann man illyrische Soldaten verstehen, von denen es, seit die Prätorianergarde aus den Donautruppen ergänzt wurde, in Italien viele gab. Wenn wir das Gedicht richtig datiert haben, unterstreicht es deutlieh, wie düster die Vertreter des Standes der Dekurionen damals die Wirklichkeit betrachteten. Sicher gehörte der Dichter zu diesem Stand, zumal er es bedauert, daß die ersten Personen die Stadt verließen. Besonders bedeutsam ist es, daß der Verfasser, obwohl er Heide ist und den Niedergang der alten Götterverehrung betrauert, in einen prophetischen Ton verfällt und gleichsam das Ende der Welt voraussagt. Überhaupt kommt er mit dem gezeichneten Bild nahe an Cyprian heran. Solchen Stimmungen wollte Gallien dadurch entgegenwirken, daß er die Hoffnung auf Glück, Frieden, Wohlergehen und ein neues Goldenes Zeitalter erweckte oder wachhielt. Wenn sich die absterbende Sklavenhalterklasse für eine aktive Teilnahme an dem immer heftiger werdenden Kampf stählen wollte, mußte sie versuchen, eine neue Ideologie herauszuarbeiten. Ohne eine solche wären die Hoffnungslosigkeit und der Pessimismus unter ihren Mitgliedern nicht einzudämmen gewesen. Unter Gallien wurde der Versuch gemacht, ein Gegengift gegen die Dekadenz und die Passivität zu finden. Mit solchen Bemühungen hing es auch zusammen, daß Plotins Philosophie zu jener Zeit eine Rolle spielte; sie erfreute sich des besonderen Schutzes Galliens. Um die Mitte des 3. Jahrhunderts gerieten die Philosophenschulen in Verfall. Porphyrius erwähnt die Worte des berühmten Gelehrten und Rhetors Longinus, 147

CIL X 1199 aus Abella; . . . Barbarius Pompeianus v. c. cons(ularis) . . . civitatem [A~\bellam nuda ante soli deformitate sordentem silicibus e montibus excisis non e dirutis monumentis advectis consternendam ornandamque curavit.

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daß es in seiner Kindheit (d. h. unter Septimius Severus) viele Philosophen gegeben habe, die verschiedene Schulen führten, während jetzt, in der Mitte des 3. Jahrhunderts, nur noch wenige da seien. Wahrscheinlich war daran hauptsächlich der Verfall des Standes der Dekurionen und der mit diesem verbundenen Intelligenz schuld. Aus diesen Kreisen gingen die meisten Hörer und Schüler der Philosophen hervor, während sich die Aristokratie ihnen gegenüber in der Mehrzahl ablehnend oder, wie Dio Cassius, sogar feindlich verhielt. Die Offiziere des Heeres kannten nur die einfachen Kulte ihrer Provinzen und interessierten sich kaum für abstrakte Probleme. So verwandelten sich die Philosophenschulen mit der Zeit in kleine, geschlossene Zirkel Auserwählter. Bekanntlich legten die Schüler des Ammonius Saccas, zu denen auch Plotin gehörte, den Schwur ab, nichts von seiner Lehre auszuplaudern, und Plotin selbst begann erst sehr spät, seinen Hörerkreis zu erweitern. Seine Lehre blieb lange Zeit — bis zum Beginn der Regierung Galliens — nur wenigen zugänglich. Diese Entwicklung wurde kaum, wie manche Gelehrte annehmen, durch eine Annäherung der Philosophenschulen an die Gemeinschaften der Mysten verursacht 148 , eine Ansicht, die sich auch dadurch nicht begründen läßt, daß sich Plotin in den Enneaden einige Male auf die ägyptischen Mysterien beruft. Viel wahrscheinlicher wirkten hier Gefühle der Isoliertheit von der Umgebung, der Unmöglichkeit eines gegenseitigen Verstehens und des Widerstrebens, die eigenen Ideen vor denen zu profanieren, die den Philosophen doch nur als ungebildeter Pöbel galten. Später finden wir ähnliche Stimmungen in den Briefen des Synesius. Er wollte die Bischofswürde nicht annehmen, da ihn dies nach seinen Worten gezwungen hätte, mit der Menge über Gott zu reden, während er sein ganzes Leben und seine besten seelischen Kräfte dem Nachdenken über Gott gewidmet hatte. Wir haben bereits von dem tiefen Pessimismus gesprochen, der den Ideologen der Sklavenhalterklasse damals eigen war und der sich mit der zunehmenden Zerrüttung dieser Klasse noch verschlimmerte. Man begann das Böse nicht mehr als zufällige Erscheinung, sondern als etwas Unausweichliches und der Welt Immanentes anzusehen. Das Interesse an sozialen Fragen, die einst den ersten Platz in der antiken Philosophie eingenommen hatten, verschwand. Die Gesellschaft, die früher den Boden für die Tätigkeit des Bürgers und des Philosophen gebildet hatte, sah man jetzt als etwas dem Individuum Feindliches an. Die Flucht aus der Gesellschaft wurde zu einer so allgemeinen Grundlage für die meisten philosophischen Systeme, daß man sie fast für selbstverständlich hielt. An die Stelle des Gedankens eines gesellschaftlich nützlichen Lebens, der bei den Stoikern so stark war, trat der Aufruf, sich in die eigene Seele zurückzuziehen und sich allen menschlichen Angelegenheiten zu versagen. Die Zurückgezogenheit von der Gesellschaft führte zu einem aristokratischen System und zu einer scharfen Unterscheidung zwischen Eingeweihten und Nichteingeweihten, zwischen denen, die das Wissen besaßen und denen göttliche Offenbarung zuteil geworden war, und den gewöhnlichen Menschen, die ihren materiellen Interessen lebten. Das Hauptproblem bildete die Frage, wo das Böse herstamme und wie man sich von ihm befreien könne. Die 148

S. z. B. F. Heinemann, Plotin, Leipzig 1921, 120f.

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Unzufriedenheit mit der Wirklichkeit und das Fehlen einer Perspektive für die Zukunft diktierten die Antwort, nämlich daß der Grund für das Böse in der materiellen Welt liege, die früher oder später untergehen oder durch einen göttlichen Retter entsühnt werden müsse. In Verbindung hiermit wurden noch weitere Probleme erörtert: Willensfreiheit und Sünde, Vorbestimmung und Vergeltung für die Sünde, die Verbindung der Sünde mit dem Bösen, die Wechselbeziehung zwischen dem Bösen und der guten Gottheit. Diese und manch andere Fragen, die in dieser Weise früher nur von Gnostikern gestellt worden waren, beschäftigten jetzt die Philosophen und Theologen der verschiedensten Richtungen. Sogar die christliche Kirche, die sich früher philosophischen Spekulationen gegenüber ablehnend verhalten hatte, war gezwungen, auf solche Fragen zu antworten, wie es in den Werken des Clemens Alexandrinus und besonders des Origines der Fall ist. In verschiedenen Varianten verbreitete sich der Dualismus, der das Problem des Bösen am einfachsten löste. Bei den Gnostikern verlagerte sich der Schwerpunkt von philosophischen und kosmologischen Problemen auf Fragen der Entsühnung und der Rettung der Seele. J e mehr der Haß auf die materielle Welt zunahm, desto eindringlicher wurde eine strenge und düstere Askese gepriesen. Sehr viele von den genannten Momenten sind dem System Plotins eigen, aber es enthält auch andere Züge. Zwar ist hier nicht der Ort, dieses System genau zu erklären und zu analysieren, aber für uns ist es wichtig, seine Bedeutung im Klassenkampf innerhalb der einzelnen Klassen jener Zeit zu klären und zu versuchen festzustellen, welcher sozialen Gruppe diese Philosophie nahestand und warum sie gerade unter Gallien ihre endgültige Formulierung fand, als sich alle sozialen Widersprüche besonders verschärften. Diese Aufgabe ist schwierig, denn in den Enneaden Plotins werden zeitgenössische Ereignisse mit keinem Wort erwähnt, und sozialen und politischen Fragen wird keinerlei Aufmerksamkeit gewidmet. Obwohl er sich für einen Kommentator Piatons hält, läßt Plotin dessen Gesellschafts- und Staatslehre vollkommen fallen. Nicht umsonst wird in der umfangreichen Literatur, die Plotin gewidmet ist, das soziale Wesen seines Systems überhaupt nicht berührt. Man sieht ihn einmal als den letzten Griechen an, dann wiederum als Brahmanen, als Vorläufer Schellings oder gewissermaßen als Altmeister der Hegelianer. Wie abstrakt aber auch ein philosophisches System gewesen sein mag, es muß mit tausend Fäden mit den dringenden Fragen seiner Zeit zusammenhängen, und so bleiben auch für Plotin unter den zahlreichen Problemen, die von ihm gestreift werden, jene die wichtigsten, die seine Zeitgenossen bewegten: die Herkunft des Bösen, das Verhältnis des Menschen zur Welt und zur Gottheit, die Erlangung eines Zustandes, der des Weisen am würdigsten ist. Man hat viel darüber gestritten, welche Elementein seiner Philosophie vorherrschen: der Piatonismus, der Pythagoreismus, die östliche Theologie oder indische philosophische Lehren. Aber dieser Streit ist im wesentlichen scholastisch. Wie man auch irgendein System in seine Bestandteile zergliedern mag, solche Versuche tragen nicht zum Verständnis dessen bei, warum es mehr oder weniger großen Einfluß auf das Denken der Zeitgenossen gewonnen hat, die einer bestimmten sozialen Gruppe angehörten.

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In der Philosophie Plotins wird der Versuch unternommen, eine neue Begründung der stoischen Idee von der Weltharmonie und der Einheit der Welt zu finden, und dies stand schließlich mit der Begründung der Aufgaben und Pflichten des römischen Bürgers in Zusammenhang. In seinen Enneaden wiederholt Plotin öfter Bilder und Gedanken, die uns bereits aus den Werken der Stoiker bekannt sind: Die Welt ist ein einheitliches Ganzes, alle Dinge sind untereinander durch Sympathie verbunden. 149 Der Mensch ist ein organischer Teil dieses Ganzen, ein Akteur des Weltgeschehens, der verpflichtet ist, das zu erfüllen, was die ihm zugewiesene Rolle von ihm fordert. 180 Die Flucht vor der Welt lehnt Plotin nicht ab, doch behandelt er sie ebenso wie die Stoiker nicht als tatsächlichen Rückzug aus der Umwelt, sondern als ein des Weisen würdiges Leben in der Welt. 151 Nach Plotin ist die Welt in ihrer Gesamtheit völlig harmonisch und schön, das Böse in einem ihrer Teile wird durch das Gute in einem anderen Teil wieder ausgeglichen. Ist z. B. eine Stadt zerstört und sind ihre Einwohner gefangengenommen worden, so folgt hierauf vielleicht in der Zukunft der Bau einer neuen und besseren Stadt. Die einen Lebewesen kommen um, weil sie anderen als Nahrung dienen, und das ist für sie die beste Verwendung, da sie ja sowieso sterblich sind. Kriege stärken die Tapferkeit der Menschen; die Gefallenen sind nicht zu bedauern, denn wer ein kurzes Leben würdig gelebt hat, ist nicht weniger glücklich zu nennen als derjenige, der lange gelebt hat. Das Glück kann man nicht nach seiner Dauer messen, weil es kein Vorgang, sondern ein Zustand ist. Die Welt wegen des Bösen zu tadeln, dasin ihr ist, wäre ebenso kurzsichtig, als wollte man einen Maler kritisieren, weil er nicht nur helle, sondern auch dunkle Farben verwendet, die doch für die Harmonie des ganzen Bildes notwendig sind. Allgemein auftretende Unordnung, sagt Plotin, führt womöglich zur Ordnung und hat ihren Ursprung lediglich in dem Streben nach dieser. 162 Das alles sind bekannte Lehren der stoischen Ethik. Aber es ist interessant, daß diese Vorstellungen bei Plotin ein aktiveres Wesen annehmen als sie es bei den Stoikern hatten. Gern vergleicht er den Menschen mit dem Soldaten auf dem Schlachtfeld, und er fragt, ob nicht die scheinbare Ungerechtigkeit in der Welt, wo die Bösen die Guten beherrschen, darin ihren Ursprung hat, daß die Guten schwach sind und sich passiv verhalten. Wenn sie nicht fett gewordenen Schafen ähnlich wären, über die die Wölfe ohne Widerstand herfallen können, wären sie nicht Sklaven der bösen Herrscher geworden. Im Kampf siege man nicht durch Gebete, sondern durch Mut und K r a f t ; nicht Gebet, sondern Fleiß verhelfe zu einer guten Ernte und zu reichem Ertrag; deswegen, so sagt Plotin, ist euer böser, aber energischer Nachbar reicher als ihr, und ihr dürft euch nicht über ihn beklagen. 153 In Zusammenhang mit diesen Gedanken steht auch seine Ansicht über die Ewigkeit und Unvergänglichkeit der Welt, und auch diese Ansicht deutet auf seine Abhängigkeit von den Stoikern hin. Scharf wendet er sich gegen alle Theorien einer 149 160 152 153

Plotin, Ennead. 2, 3, 7; 14; 4, 3, 16; 4, 32 u. a. 161 Ebenda 2, 3, 13; 3, 2, 17. Ebenda 1, 8, 6. Ebenda 1, 5, 3; 3, 1, 4; 2, 2; 4; 11; 15; 18; 4, 3, 9; 16; 6, 8, 8. Ebenda 3, 2, 5; 8.

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Weltschöpfung, eines möglichen Weltuntergangs, einer Ungesetzmäßigkeit der Welt, der Möglichkeit von Katastrophen und der Zufälligkeit ihrer Entwicklung. Die Theorie der Gnostiker, daß die Welt infolge eines Sündenfalles eines der Äonen entstanden sei und daß am Ende ihre Entsühnung kommen werde, erscheint ihm sinnlos. Nach seiner Meinung ist alles in der Welt dem einen zeitlosen Gesetz untergeordnet, da die Welt sich notwendigerweise ständig neu erzeugt und von einer ewigen Weltseele gelenkt wird. In der Geschichte des Weltalls ist eine Katastrophe schlechterdings unmöglich. 164 Diese Einstellung in einer Zeit, in der fast alle Menschen irgendwelche gewaltigen Veränderungen auf der Erde oder im Kosmos erwarteten, ist charakteristisch. Sie mußte einen Widerhall bei den Schichten finden, die ihr Ideal nicht in einer neuen oder kommenden, sondern in der alten und vergangenen Ordnung der Dinge suchten und noch die Hoffnung hegten, dieses Vergangene wiederherzustellen oder beizubehalten. Ähnlich wie Philostrat begründet Plotin stoische Lehren, die einstmals zum Erfolg des Stoizismus beigetragen und ihn in der Zeit der Antonine zur offiziellen Ideologie gemacht hatten, völlig anders als die Stoiker. Der beiläufig von Philostrat geäußerte Gedanke, daß die Vernunft selbst in ihrer höchsten Vollendung (also folglich auch ein von der Vernunft geleitetes Leben, das das Ideal des stoischen Weisen war) einem schönen, aber von keinem inneren Licht erleuchteten Gesicht ähnlich sei, wird von Plotin entwickelt und durchdacht. Der Intellekt ist für ihn nur die erste Emanation des höchsten, einzigen Gutes, welches alles Bestehende durchdringt, Anfang und Ende aller Dinge bildet und die allgemeine Einheit bedingt. Diese Einheit ist für Plotin wie für die Stoiker Voraussetzung der Ethik. Aber während für die Stoiker auch die Ursache der Welt materiell ist, so ist umgekehrt für Plotin die materielle Welt nur der letzte Widerschein des Lichtes, das aus ihrer Quelle, dem höchsten Gut, hervorgeht und das — allmählich im Intellekt und in der Seele schwächer werdend — schließlich völlig in der passiven, gestaltlosen Materie verlischt. Deswegen ist für Plotin die Übung in der Tugend zwar notwendig, aber bei weitem nicht Selbstzweck wie bei den Stoikern. Sie ist lediglich ein Mittel, die Seele von Leidenschaften zu reinigen, die durch ihre Berührung mit der Materie entstehen, und sie von einer falschen Vorstellung zu befreien, als hätten Handlungen im praktischen Leben irgendeine reale Bedeutung. Wenn die Stoiker die Seele als materiell anerkannten und der Meinung waren, sie neige zu Affekten und Lastern, so bestreitet Plotin energisch, daß sie materiell sei und daß in ihr irgendwelche Veränderungen vor sich gehen können. Nach seiner Ansicht rühren Laster, das Böse und Leidenschaften lediglich von einer Verbindung der Seele mit der Materie her, aber sie verändern die Seele nicht, und sie kann sich von ihnen reinigen, wie das Gold sich von hängengebliebenem Schmutz reinigt. Nach Plotin kann die Seele nicht materiell sein, da sie dann ebenso wie der Körper unter äußeren Nöten leiden müßte; sie gehört nicht zur sinnlichen, sondern zur intelligiblen Welt. 155 Wenn sich der Mensch in seine Seele zurückzieht, wenn er sie erkennt, 154 16i

Plotin, Ennead. 2, 1, 1 - 4 ; 2, 7, 3; 3, 2, 1; 4, 3, 12; 5, 8, 7; 6, 7, 2 u. a. Ebenda 1, 6, 5f.; 1, 8, 4; 13; 14; 3, 2, 7; 4, 7, 10; 5, 9, 13; 6, 1, 27 u. a.

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tut er den ersten Schritt zur Betrachtung des höchsten Gutes und zur Vereinigung mit diesem. So findet der Mensch, der inmitten der weltlichen Übel lebt, Zuflucht in seiner Seele, und sie hören auf, ihn zu berühren. 156 Daher lebt der Mensch, oder eher der Philosoph, weiter in der Welt und kommt auch seinen Pflichten weiter nach. Gleichzeitig aber lebt er gewissermaßen außerhalb der Welt, wobei er ein Ziel vor sich hat, das nicht von den Ereignissen und Bedingungen abhängt, die ihn umgeben. Wenn Plotin auch der Ansicht ist, daß der Mensch gegenüber der Gesellschaft gewisse Verpflichtungen hat — eine Ansicht, die auch andere gleichzeitige Ideologen der absterbenden Klasse vertraten —, so legt er doch gegenüber der Gesellschaft und den meisten Menschen Verachtung und Geringschätzung an den Tag. Bis auf einige Auserwählte sind die Menschen seiner Ansicht nach gänzlich in das materielle Leben verstrickt und besitzen nicht einen Funken Weisheit. Sie haben nicht mehr Wert als Sklaven und sind nur dazu tauglich, für die wenigen wirklichen Philosophen zu arbeiten. Sie sind sogar zu gering, als daß die Philosophen wünschen könnten, sie zu bessern oder zu leiten. 157 Die Vorstellung von einer Mission des Weisen als eines Lehrers, der die Menschen bessert, wie etwa der Kyniker Epiktets oder der Apollonius des Philostrat es sein konnten, ist Plotin völlig fremd. I n Plotins System verbindet sich die Anerkennung einer persönlichen Pflicht gegenüber dem Ganzen mit einem weitgehenden Individualismus, der bei ihm vielleicht noch folgerichtiger ist als bei den Gnostikern. Diese schilt er, weil sie nur an sich selbst denken, anderen Leuten aus dem Wege gehen und keine Tugendlehre haben. 158 In seiner Philosophie ist die Zersetzung der Polismoral, die in ihren Grundlagen kollektivistisch war, bis zu den äußersten in der Antike möglichen Grenzen gegangen; und auch hieran können wir erkennen, in welchem Maße die antike Gemeinde und die antike Eigentumsform in Verfall waren. Plotins Hauptaufmerksamkeit gilt der Selbsterkenntnis, die zugleich Gotteserkenntnis ist. „Ich habe versucht, das Göttliche in uns zu dem Göttlichen hinzuführen, das überall waltet" 1 6 9 — mit diesen Worten, die er kurz vor seinem Tode sprach, hat Plotin eine Grundidee seines Systems am eindrucksvollsten formuliert. Um das göttliche Prinzip in sich selbst zu erkennen, muß der Mensch sich von allem ablenken und alles entfernen, wie es Plotin ausdrückt, und in sich selbst schauen. Dann wird er das einzige Licht erblicken, das nirgends einen Ursprung hat, da es allgegenwärtig ist, wenn man es auch nicht immer sieht. Die Betrachtung dieses Lichtes oder vielmehr des höchsten Gutes, das Plotin oft mit dem Licht gleichsetzt, bedeutet für ihn die höchste Seligkeit und das Ziel des Weisen. Die Tugend ist lediglich der Weg zu diesem Ziel. 160 Plotin verwendet viel Mühe darauf zu beweisen, daß die Welt der Ideen nicht außerhalb des Intellekts besteht, wie Piaton meinte, sondern daß sie innerhalb 15S 157 168 159 160

Plotin, Ennead. 1, 4, 7; 6, 8; 5, 1, 2; 11; 3, 6f; 5, 8, 10f.; 6, 7, 33 u. a. Ebenda 2, 4, 1; 5; 7, 9; 4, 7, 8; 5, 9, 1. Ebenda 2, 7, 15. Vita Plotini 2 . . . (prjaac; 7T£ipäai}ca tö ev T)|xtv Seiov äväfeiv Ttpo? tö ev tcö Plotin Ennead. 1, 6, 9; 5, 3, 17 u. a.

ttocvtI -9-etov.

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desselben existiere und im Denken ständig neu erzeugt werde. Die Welt der Ideen läßt sich nirgends lokalisieren, sondern ist allgegenwärtig, folglich auch dem Menschen eigen, wie sich auch das höchste Gut überall befindet. Die Gottheit an irgendeinem bestimmten Ort unterzubringen, etwa hinter den unbeweglichen Sternen, war für Plotin unvorstellbar. 161 Um sich über die Seele und den Intellekt der Betrachtung des höchsten Gutes zu nähern, muß der Mensch sich nicht nach außen wenden, sondern in sein Innerstes schauen. Die Götter müßten zu ihm kommen, nicht er zu ihnen 1 6 1 a , sagte Plotin einmal zur großen Verwunderung seiner Schüler. So erreicht man nach seiner Meinung die volle Autarkie 162 , von der alle antiken Philosophen soviel gesprochen haben. Diese Autarkie, die bedeutend vollständiger war als die stoische, verlieh nach Plotins Ansicht dem Menschen auch dann, wenn er sich nicht von der Welt entfernte, sondern dem Staate diente, Gleichmut gegenüber allen Schicksalsschlägen, da sie im Hinblick auf die ekstatische Vereinigung mit dem höchsten Gut jegliche Bedeutung verloren. 163 Aber die Betrachtung, wie sie Plotin versteht, ist nicht passiv, sondern sie ist schöpferische, ständige Selbstvervollkommnung, wie auch die Betrachtung der Weltseele durch den Intellekt eine ständige Schöpfung der sinnlichen Welt bedeutet. Dabei unterscheidet sich der Individualismus Plotins wesentlich von dem der Gnostiker, da er gleichwohl versucht, die Idee der wechselseitigen Verbindung in der Welt aufrechtzuerhalten, bei der auch der Mensch als ein Glied der Welt im ganzen miteinbegriffen ist. So weist Plotin den Menschen auf seine Verpflichtungen gegenüber dem Ganzen hin. 164 Dies bedeutet aber, daß hier der Versuch gemacht wird, etwas von der Moral zu retten, die einen jeden Menschen verpflichtete, in erster Linie ein guter Bürger zu sein. Bei Plotin wird dies durch sein Verhältnis zur Natur erreicht. Zum Unterschied von den Gnostikern, die die Welt im ganzen für böse hielten, findet Plotin sie schön. Die Betrachtung der Schönheit des Weltalls hält er für den unmittelbaren Weg zur Reinigung der Seele und zur Erkenntnis des höchsten Gutes. Erfüllt von der Schönheit und Harmonie der Natur beginnt der Mensch zu erkennen, daß auch in ihm das göttliche Prinzip waltet, dessen Gegenwart er überall wahrnimmt. Dieser Gedanke spielte, wie wir dargelegt haben, auch in der Lehre der Hermetisten eine große Rolle. Die Askese der Gnostiker richtete sich gegen alle Gesetze der Natur und der Welt, die sie als ein Werk des bösen Demiurgen ansahen, während sie selbst den göttlichen Funken in sich zu tragen und außerhalb dieser Welt zu stehen vermeinten. I m Gegensatz dazu spricht Plotin von seiner Einheit mit der Welt. Er tritt gegen eine ausschließliche Lobpreisung des Menschen und seiner Seele auf. Niedriger als die Menschen stehen die Tiere, höher die Gestirne und Götter, deren Seelen sich nicht mit der Materie vermengen und nur in der Welt der Ideen bestehen. 166 Alles hat seinen Platz und ordnet sich einem strengen Gesetz unter, alles ist har161

Plotin, Ennead. 5, 5, 6; 6, 1, 27.

i6ia Vita Plotini 10 . . . g