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German Pages 327 Year 1890
Tirol 1812-1816
und
J Erzherzog Johann von Defterreich
zumeist aus seinem Nachlasse
dargestellt von
Dr. Franz Ritter von Krones , Prof. a. d. Universität in Graz.
Innsbruck. Verlag der Wagner'schen Universitäts -Buchhandlung 1890.
LOAN STACK
Druck der Wagner'schen Universitäts - Buchdruckerei.
D6775
476
Dem Sohne
Erzherzog Johanns von Desterreich,
Franz
Grafen
von
Meran ,
widmet dies Buch
ehrerbietigst
der Verfasser.
388
I .
1
Vorwort.
Als der Verfasser 1886 sein Buch „ Zur Geschichte Desterreichs im Zeitalter der französischen Kriege und der Restauration, 1792 bis 1816 mit besonderer Rücksicht auf das Berufsleben des Staatsmannes Frhr. Anton v. Baldacci “ , *) erscheinen ließ, stellte er, wie Vorwort und Schluß besagen, **) eine Fortsetzung in Aussicht, welche Erzherzog Johann und die Tiroler Frage, den bezüglichen Einfluß Baldaccis und dessen Denkschrift über die inneren Zustände Desterreichs vom Jahre 1816 *** ) behandeln würde. Das Buch fand im Ganzen keine unfreundliche Aufnahme, ob günstig und ſein Verfaſſer, gewohnt, von allen Rezensionen lieber zu lernen als oder ungünstig, unbefangen oder befangen, sich mit ihnen streitbar auseinanderzusehen, hält bei aller Erkenntnis der Mängel seiner gut gemeinten Arbeit, noch immer an der Ueberzeugung fest, daß jene Persönlichkeit, die er in der Strömung der großen Ereignisse als episodische Figur zu zeichnen sich befliß, dieses Aufwandes an Mühe nicht unwerth war, mag man sie nun als „ Staatsmann " oder blos als „ Staatsbeamten" gelten lassen. Wohl aber fühlte er selbst schon nach Abschluß jenes Buches, was dann von Seite maßgebender Fachmänner ausgesprochen wurde, daß der sachliche Schwerpunkt der Darstellung in den tagebücherlichen Aufzeichnungen Erzherzog
Johanns
von Oesterreich ruhe.
*) Gotha, Perthes, XX. u . 396 S. **) VII. — VIII ., 371–372. ***) Dieſe Denkschrift erſchien sammt Erläuterungen 1889 im 74. Bande des Archivs für österr. Geschichte (Wiener Akad . ) u . im Sonderabdruck ( 160 S. ) .
VI
Der damalige Zweck erlaubte es nicht, diese werthvolle Quelle als solche zusammenhängend zu verwerthen ; sie konnte nur gelegentlich für diese Beiträge zur Geschichte Oesterreichs in der Franzosenzeit ausgenügt werden, wie überhaupt das ganze Buch nur den Charakter von erläuternden Skizzen in Hinsicht des Ganges der großen Ereignisse und von Ausführungen über bedeutsame Einzelheiten in sich tragen wollte und konnte. Inzwischen brachte die weitere Beschäftigung mit dieſem Gegenstande und dem bezüglichen Nachlasse Erzherzog Johanns den Verfasser zum Entschlusse, das,
was er vor vier Jahren als ge-
legentliche Fortseßung angekündigt, als
etwas durchaus Selbst-
ständiges zu bearbeiten, wenn gleich zwischen dem früheren und dem vorliegendem Buche ein Zusammenhang insofern besteht, als die Persönlichkeit Baldaccis auch hier, allerdings nur als stellenweise Nebenerscheinung, auftaucht. Den Mittelpunkt dieses Werkchens, deſſen Erscheinen in einem rührigen, um die Geschichte überhaupt und des Landes Tirol insbesondere bestverdienten, Verlage dem Verfasser doppelt nahe lag, bildet nunmehr Erzherzog Johann von Oesterreich, und sein reicher handschriftlicher Nachlaß, vor allem die ursprünglichen Tagebücher
und späteren Aufzeichnungen ,
er-
scheinen als wesentliche Quelle der geschichtlichen Erzählung. Der Titel der Monographie lautet bestimmt genug, um an-
zudeuten, was der Verfasser bieten will.
Es ist das Verhältnis
des genannten Kaisersohnes zur tirolischen Frage in ihren lezten Wandlungen ( 1812-1816) .
Stand auch der verewigte Erzherzog ,
eine der volksthümlichsten Geſtalten in der neuern Geschichte Desterreichs, den Geschicken Tirols schon 1800-1809 nahe genug, war die Befreiung des Landes in den Tagen Andreas Hofers ein von ihm nicht geringen Theils vorbereitetes und gefördertes Werk, so sind es doch vornehmlich die Jahre 1812-1816 , in denen seine maßgebenden Lebensziele mit der Zukunft des ihm stets theuern Landes eng verkettet erscheinen und durch ihr Scheitern einen nachhaltigen Einfluß auf sein weiteres Dasein und Wirken ausüben. Anderseits bietet gerade jener Nachlaß nicht blos das sprechendste Zeugnis für das Wesen und die Ziele des Erzherzogs, sondern
VII
auch eine Hauptquelle für die tiefere Erkenntnis von Ereignissen, die den Gang des großen Kampfes gegen Napoleon I. als wichtige Episoden begleiten und gewissermaßen den Nachhall deſſen bilden, was 1809 Tirol als Schauplatz eines weltgeschichtlich gewordenen Drama's erscheinen läßt. Der Verfasser erkennt rückhaltlos an, was er vor allen der sachlich bedeutenden Veröffentlichung des Veteranen tirolischer Geschichtsschreibung Albert Jägers , *) seines unvergeßlichen Lehrers an der Wiener Hochschule, ferner der Studie Streiters **) und dem Schlußtheile der Geschichte Tirols von Josef Egger ***) als willkommenen Vorarbeiten verdankt, und auch sonst wird der kundige Leser die maßgebende Hilfsliteratur nicht unberücksichtigt finden.
Immerhin darf er hoffen, daß ihn seine Hauptquelle, der
handschriftliche Nachlaß Erzherzog Johanns, in die Lage versezte, der
lezten ,
entscheidenden Phase der
damaligen Tiroler Frage
in ihrer Stellung zu dem genannten Fürstensohne eine ziemlich abschließende Darstellung zu geben, so weit dies eben möglich war. Eine Spezialgeschichte Tirols innerhalb der Jahre 1812-1816 darf man in dem Buche nicht ſuchen ; seine Aufgabe iſt eine andere. Dennoch kommen auch ihr neue und nicht unwichtige Beiträge zu gute.
Zahlreiche
Persönlichkeiten
der
Regierungssphären ,
Ver-
trauens- und Vordermänner Tirols, erscheinen auf der Bildfläche in ihrem verschiedensten Wirken, und vor Allem findet der Plan des neuen Volkskrieges um das der Fremdherrschaft verfallene Gebirgsland, von 1812-1813, ſein Scheitern und
das Geschick der
Nächstbetheiligten wesentliche Aufhellungen. Um das Buch nicht allzu umfangreich werden zu laſſen und doch dem Wichtigen die ihm gebührende Ausführlichkeit zu wahren,
*) A. Jäger's Vortrag in der feierlichen Akademieſizung vom 30. Mai 1856 „ Die Wiedervereinigung Tirols mit Desterreich in den Jahren 1813 bis 1816 " (Wien 1856, 41 S. ) erschien wesentlich umgearbeitet und erweitert 1871 unter dem Titel „Tirols Rückkehr unter Desterreich und seine Bemühungen zur Wiedererlangung des alten Landrechtes von 1813-1816 “ ( 192 S. ) . **) „Der Tiroler Befreiungskampf von 1813." Sybels historische Zeitschrift XV. Bd., 1866, 359-374. ***) III. Bd . Innsbruck, Wagner ( 1880), S. 832-865.
VIII
mußte einerseits
allgemein Bekanntes nur angedeutet , anderseits
vieles, den möglichst knapp gehaltenen Text Erläuterndes und Ergänzendes, in den Anmerkungen untergebracht werden. Der Anhang bietet eine Reihe von Aktenstücken, deren vollinhaltliche oder auszugsweise Veröffentlichung dem Verfaſſer nicht unerheblich schien. Ein möglichst genaues Inhaltsverzeichnis und ein knapp gefaßtes Personenregister dürften willkommen sein. Daß der Verfasser die " Stimmen der Zeit ", die Aktenstücke sowohl
als
die vertraulichen Korrespondenzen
und rückhaltlosen
Kundgebungen der an den geschichtlichen Vorgängen hauptsächlich Betheiligten, möglichst ausgiebig verwerthete und unmittelbar sprechen ließ, dürfte von jedem Unbefangenen eher gebilligt als bemängelt werden. Er wollte eben Geschehenes erzählen, nicht „ Geschichte machen“.
Mit seiner Ansicht hat er nirgends, wo es unerläßlich
schien, hinter dem Berge gehalten, aber sich auch thunlichst gehütet, vorgefaßte Meinungen in das Buch zu tragen, mit den Anschauungen und Prinzipien der Gegenwart Gehalt und Gepräge einer wesentlich verschiedenen Epoche zu zerseßen und abzuschwächen. Der Dank, den der Verfasser dem Manne zu zollen hat, welcher in hochherziger Weiſe den Nachlaß seines erlauchten Vaters zu Nuz und Frommen der geschichtlichen Wahrheit als Freund derselben erschloß, findet sich in der Widmung des Buches
aus-
gesprochen. Die Fachgenossen dürften dies Gefühl der Erkenntlichkeit mit dem Verfasser theilen. Und so sei dies anspruchslose Buch den Söhnen des Landes , von welchem es handelt, und allen Geschichtsfreunden innerhalb und außerhalb der Grenzpfähle Deſterreich-Ungarns beſtens empfohlen.
Graz , Ostern 1890.
Der Verfasser .
Inhaltsübersicht.
I. Rückblicke
(S. 1-21). 1) 1703-1809 . (S. 1--5 .) Tirol und Baiern 1703, 1705-1714 ( 1 ) . Französische Invaſion 1797 (1–2). Das Kriegsjahr 1805 (2–4). Tirol im Jahre 1809 (4-5) . 2) Tirol seit dem Wien - Schönbrunner Frieden. Die Auftheilung des Landes. (S. 6-10). Die Folgen des Befreiungskampfes von 1809, der bairisch-französische Theilungsvertrag vom 28. Februar 1810 und das Patent vom 23. Juni 1810 (6-7). Das Welschthum in Tirol (8). Weitere Pläne Frankreichs (8-9) . Boßen und Meran (9) . Vorarlberg (9-10) . 3) Zustände Tirols unter fremder Herrschaft. 1810 - 1813 (S. 10-13). Bairisch oder Deutschtirol ; seine Einrichtung ( 10-12) . Französisch -Illyrien und Italien ( 12-13).
Tirol bei
4) Stimmen aus dem bairischen Lager 1810 (S. 13--21) . Die " Geschichte der Deportirung der königlich bairischen Civilbeamten nach Ungarn und Böhmen . . . von einem Deportirten. " Prof. Mathes und Joh. Graff, Frhr. v. Ehrenfeld (13–15). „Zwei Aktenſtücke über die Meutereien in Tirol." Professor Mathes , der falsche „Malsiner“ (S. 16-21). II. Erzherzog Johann und Tirol 1800-1812. Der Kaisersohn und seine Tagebücher (S. 22-46) . Erzherzog Johann, Steiermark und Tirol (22-23). Die Reisen des Erzherzogs in Tirol 1800-1804 (23). 1805 und 1809 (23-26). Die Tagebücher des Erzherzogs und die spätere Rückschau auf alles Erlebte (26–27) . Das Wesen Erzherzog Johanns (27-29) . Der Inhalt der Tagebücher (29 bis 30). Tagebücherliche Aufzeichnungen von 1805-1811 (30-33). Das
X Jahr 1812. Der russische Feldzug Napoleons und Oesterreich (34–36) . Die „Napoleonhaſſer“ oder der Antinapoleonismus (36–37). Erzh. Johanns Aufzeichnungen von 1811 und 1812 (38—46). III. Die Tiroler und Vorarlberger in Wien. Hormayr, Schneider , Roschmann (S. 47-57). Die Maßregeln der Regierung von 1810 und Hormayr (47–48). Die Tiroler Kolonie in Wien (48-49) . Dr. Anton Schneider (49). Josef Frhr. v. Hormayr und seine Beziehungen zu Erzh. Johann. Hormayrs Rolle in Tirol 1809 (49-54). Anton Leopold von Roſchmann, ſein Vorleben, 1809 (55-57). IV. Erzherzog Jóhann und der Alpenbund . 1812-1813 . Der Plan eines Volkskrieges in Tirol und Vorarlberg (G. 58-107). Erzh. Johanns spätere Aufzeichnungen (58-61). Das Tagebuch zum 8. Juni 1833 (61–62) . Die „ Individualität“ des Erzherzogs (62–63). Daz Tagebuch vom Februar 1812 (63-64) . Der Plan des „ Alpenbundes “ 1812 bis 1813 (64-66). Die Vertrauten des Planes (66–68) . Der „ Entwurf“ des Alpenbundes ( 69-71) . Der Entschluß zur Ausführung (71–72) . Der 7. März 1813 und seine Folgen, nach den Aufzeichnungen des Erzherzogs (72-75). Hormayrs „Lebensbilder aus den Befreiungskriegen" über den Verrath Roschmanns (75–82). Bedenken gegen diese Darstellung (82–83) . Hormayrs vertrauliche Briefe an Erzh. Johann aus Munkács und vom Brünner Spielberge 1813-1814 (83–86) . Hormayrs Schreiben an Erzh. Johann vom 5. September 1816 (in den „ Lebensbildern“) über Roschmanns Verrath (86 bis 88). Das Memoire Hormayrs von 1814 (89–92). Schneider, Frhr. von Gagern (92). Das Tagebuch Erzherzog Johanns von 1814 über Roſchmann (93-95). Die offizielle Geheimrolle des Lezteren (95). Psychologische Analyse der Handlungsweise Roschmanns (96). Die Gegner der Erzherzoge (96-97) . Baldacci, Metternich (97–98) . Die Anschauung der leitenden Kreise über den Alpenbund (98–100). Der Auftrag des Kaisers an FML. Grafen Nimptſch vom 7. März 1813 ( 100-101 ) . Roschmann ( 101–102) , Hormayrs und Schneiders Geschick ( 102-103) . Freiherr von Gagern und seine Denkschrift vom April 1814 ( 104-106). Franz Graf von Reisach und Hormayr (106-107). V. Tirol bis zum Vertrage von Ried (S. 108-143). Die Stimmungen in Tirol und die Vertrauensmänner Erzherzog Johanns ( 108–109) . Erzh. Johann nach Thernberg. Sein Sekretär Binner (110) . Ereignisse in Bairisch-Tirol (110-112). Sachlage in Französisch-Tirol ( 112). Jakob Riedl und die Tiroler „ wilde Jagd " ( 112–113). Rückkehr Erzh. Johanns
ΧΙ nach Wien. Sein Tagebuch ( 113–116). Rückkehr nach Thernberg Anfangs Juni 1813. Aufzeichnungen ( 116-117). Die Alpenwanderung des Erzherzogs in der Steiermark und die Botschaften vom kaiserlichen Hoflager in Böhmen, Juli 1813 ( 119-121 ) . Die Rolle des Erzherzogs in der Tiroler Frage ( 121–122). Zuſammentreffen mit Roschmann in Wien, 27. Juli 1813. Schreiben des Erzherzogs an den Kaiser und Metternich ( 122–123) . FZM. Frhr . von Hiller (123-124) . Oberst Loy, FML. v. Fenner ( 124). Die Juſtruktion des Erzherzogs für Roschmann, die Sendlinge nach Tirol ( 124–126) . Erzh . Johann nach Thernberg, 5. August 1813 (125-126) . Rückkehr nach Wien, 8. August. Ansichten und Berathungen über die Sachlage ( 126–128) . Schreiben an den Kaiser und Metternich ( 128) . Adam Müller ( 128-129) . Roschmanns Abgang zur innerösterreichischen Armee ( 129–130). Die Stellungen der österr . Okkupationsarmee ( 130-131 ) . Hillers Operationen und Roschmanns Verhalten ( 131-133) . FML. Fenner und Landesschüßenmajor Eisenstecken (133) bis 134). Aufstandsregungen in Deutschtirol und die Maßregeln Baierns (134-136). Gegenstimmungen. Der Abgang der Emissäre des Aufstandes (136). Die Ereignisse im Pusterthale und die Bemühungen des Erzherzogs ( 136-137). Baierns Abfall von Napoleon ( 138). Roſchmanns Berichte an Erzh. Johann und deſſen Eingabe an den Kaiser ( 139–140) . Vordringen der Desterreicher nach Südtirol (141 ) . Der Abschluß des Rieder Vertrages und die Stimmung Deutschtirols ( 141–143). VI. Tirol seit dem Rieder Vertrage bis zur Wiedervereinigung des ganzen Landes mit Desterreich. (S. 144-186). Die Tiroler und die bairische Verwaltung ( 144–145). Die Ernennung Bellegardes. Roſchmanns Verhältnis zu Hiller ( 145–146) . Erzh. Johann und die Sachlage (146-147) . Die Tiroler Ereignisse vom Spätjahre 1813 und das Einschreiten Desterreichs ( 147–152). Roschmanns Abgang nach Innsbruck und Bericht (152-154) . Die Maßregeln der österreichischen Regierung ( 154) bis 155). Baierns Verhalten (155–157) . Südtirol, Roschmann und seine Rechtfertigung des Provisoriums ( 157-164). Seine Aufgabe und Gesinnung (165–166). Joſeph von Giovanelli der jüngere ( 166–170) . Giovanellis Denkschrift vom 24. April 1814 ( 170–171 ) . Kundgebungen Deutsch-Tirols vom Frühjahre 1714 und Giovanellis Thätigkeit ( 171–172) . K. v. Eyberg und seine Denkschrift (173). Giovanellis „ Bemerkungen “ ( 173–174). K. Maria Louise in Innsbruck (175). Bittschriften der Landgerichte Kufstein , Kipbühel und Sterzing ( 175). Die Sehnsucht nach der Statthalterschaft Erzh. Johanns und die Agitation gegen Roſchmann ( 175–176). Der Pariſer Sondervertrag zwischen Oesterreich und Baiern vom 3. Juni 1814, und die weiteren Maßregeln des leßteren ( 176-177). Das Besißergreifungspatent ( 177). Die tirolische Bauerndeputation und Erzh. Johann. Kaisers Franz Rückkehr nach Wien und die Aufzeichnungen Erzh. Johanns ( 178–181 ) . Die „ Arbeit“ über
XII Tirol. Erzh. Johann und Hormayr ( 181–182). Giovanelli und die Bittſchrift vom 23. Juni 1814 ( 183-185). Abschied der Deputation ( 185). Die Bitt= schrift vom 8. Juni 1814 ( 185-186).
VII. Tirol unter der Verwaltung Roschmanns.
Die Statthalter-
schaft Bissingens und die Lösung der Verfassungsfrage, 1814-1816. (S. 187-247.) Roschmann und sein Lager. Giovanelli und Binner. Der „Krieg um Tirol" (187-189) . Der Fluch des Provisoriums (189-190) . „Der Bote aus Südtirol". Adam Müller gegen Görres ( 190-192) . Roschmann und ſeine Gönner (191–192) . Erzh. Johann über Baldacci (192–194) . Der Erzherzog und Dr. Anton Schneider. Die Tiroler Vertrauensmänner (194—195) . Die Aufnahme der Deputation in den Wiener Regierungskreiſen (195–198) . Grabmayers Audienz zu Baden bei Wien, 3. Juli 1814 ( 198-199) . Roſchmanns Erscheinen in Innsbruck ; das Gerücht von Neugestaltungen des Tiroler Landgebietes (199). Die Aeußerung Roschmanns über das „ eroberte" Tirol (200) . Die Tiroler in Wien (200) . Badler bei Baldacci (200-201) . Die Deputation Tirols und Roschmann (202–203) . Die Denkschrift Erzh. Johanns über Tirol (203-204) . Die Bittschrift der Boyner. Luß und Staffler (205–206) . Roschmann und seine Deputation. Erzh. Johann nach Thernberg (206). Binner, Schneider, Grabmayer und Giovanelli. Hormayr (207-208) . Der Trienter Fürstbischof über Roschmann (208-209) . Speckbacher, Wintersteller, Rainer und Roschmann (209) . Frischmann (209) . Die Audienz der Roschmann'schen Landesdeputation auf Persenbeug (210) . Die Audienzgänge (211 ) . Baldacci (211 ) . An der Hoftafel und bei Baldacci. Rückreiſe ( 212) . Dr. Franz v. Plattner aus Bozen in Innsbruck (212) . Ungeduldiges Zuwarten der Tiroler. Hofrath Purtscher (213). Die Bohner Versammlung. M. Ladurner (213) . Die Zusammenkunft von Trens bei Mauls und ihre Beſchlüſſe (213–214). Das Verhör zu Algund (215 ) . Rückkehr Erzh. Johanns von Thernberg nach Wien (215). Die Anschauungen im Schooße der Länder-Hofkommiſſion (215–216). Giovanellis Abreise von Wien und seine „ Audienz “ bei Roſchmann (216–217) . Giovanelli über Roschmanns Gebahren (217–218) . Eisenstecken und Gafler (218). Stimmungsbericht Professor Dr. J. Braun's aus Innsbruck (219–220) . Dobrowa (220). Roschmanns Klage über „ Umtriebe“ Binners (220) . Biſſingen (220) . Adam Müller (220–221 ) . Biſſingens Beſtimmung für Tirol (221–222) . Die Länder-Hofkommiſſion (222). Graf Ugartes Aeußerung gegen Hormayr in Brünn (222–223) . Das Tagebuch Erzh. Johanns über die Audienz Dr. Anton Schneiders (223) . Gespräch mit dem Könige von Baiern (223—224) . Roschmanns Maßregeln (224) . Napoleons Entweichen von Elba. Murats Rüstungen. Weisungen an Roschmann (224-225) . Dessen Erklärung. Hofkanzler Lažansky (225 ). Die Bestallung Erzh. Johanns zum „ Geniedirektor der deutschen Armee". Seine Reise zur Entgegennahme der Huldigung im Venetianischen und in der Lombardei an Stelle des Kaiſers (226). Eintreffen im
XIII Boßen kaiserl. Hauptquartier. Einnahme von Hüningen ( 227). Reise nach Paris und England (228). Rückkehr nach Wien. Das Schreiben Frhr. v. Haagers in Hinsicht der Tiroler Statthalterschaft des Erzherzogs (229--231 ) . Die Ansicht der Hofkanzlei über Roschmann. Adam Müllers Abgang von Tirol und seine Denkschrift (231) . Graf Bissingen als Statthalter. Roschmanns Auszeichnung und Verwendung im französischen Okkupationsgebiete (232) . Giovanellis und Plattners Audienz in Wien (233) . Bissingens Statthalterschaft. Das Proviſorium. Plattners Brief an Binner. Der Volkswiß (233–235) . Der Kaiſer in Vorarlberg und Tirol. Innsbrucker Aeußernngen des Monarchen (236-237) . Der Kaiser in (237). Eisensteckens Audienz (237) . Weiterreise des Kaisers nach Italien. Der zweite Pariſer Frieden . Tod der Kaiſerin (238–239) . Die neue Verfassungsurkunde für Tirol vom 24. März 1816 (239-240) . Erzh. Johann über die Huldigung (241) . Die Lösung der Salzburger Frage (241-242). Die Huldigung zu Innsbruck, 1816. Die Universität ; Erzh. Johann als Rector perpetuus (242-243) . Die Lösung der Tiroler Frage (243–244) . Erzh. Johann Aeußerungen über dieselbe (244-247) .
VIII. Schlußwort. Die Genossen des Alpenbundes ( S. 248-251 ). Hormayr und Erzh. Johann . Dessen Tagebuch (248–249) . Hormayrs Uebertritt in bairische Dienste. Dr. Anton Schneider (249-250) . Roschmann (250). Erzh. Johann von Desterreich (250—251).
Anhang. 1. Kaiserin Maria Ludovika an ihren Schwager Erzh. Johann, 16. April 1809, Wien (Erster Theil des Schreibens) II. Erzherzog Johann über den Alpenbund (Tagebuch, 1813, • • 24. -27. Februar) III. Metternich an Erzh. Johann, 9. März 1813 IV. Kaiser Franz an Erzh. Johann, 15. Juli 1813. Brandeis V. Metternich an Erzh. Johann, 1813, 13. Juli, Prag • VI. Roschmann an Erzh. Johann, 1813, 18. Juli, Prag Konzept Denkschrift VII. der Erzh. Johann an K. Franz in das Hoflager zu Brandeis an der Elbe. 1813, 28. Juli Wien • • VIII. Instruction für Roschmann, als er in das Hoflager Sr. Majestät des Kaisers nach Brandeis abging. 1813, 3. Aug. IX. Erzh. Johann an Metternich. 1813, 4. Aug. X. Erzh. Johann an K. Franz I. 1813, 28. Aug., Wien • XI. Schreiben Erzh. Johanns an Metternich, 1813, 28. Aug. Wien
Seite 255-256 256-258 258-259 259 260 260--261
261-263 263-265 265-266 266-268 268-269
XIV
XII. XIII. XIV. XV. XVI.
Seite Erzh. Johann an den Kaiser. 1813, 13. Sept. Wien • 269-270 270 Roschmann an Erzh. Johann, 1813, 23. Sept., Lienz Erzherzog Johann an Metternich, 1813, 24. Sept., Wien 270-271 271-273 Erzh. Johann an K. Franz I. 1813, 5. Oft., Wien Fenners Korrespondenz mit Mazzuchelli's , 1813 , 29., 273 30. Sept., Sillian-Niederdorf Roschmann an Erzh. Johann 1813, 10. Ott., Brunecken 274 Roschmann an Erzh. Johann, 1813, 16. Okt., Salurn . 274 −275 275 Fenner an Erzh. Johann, 1813, 17. Oft., Trient Roschmann an Erzh. Johann, 1813, 31. Okt., Trient • 275-276
XVII. XVIII. XIX. XX. XXI. Roschmann an Erzh. Johann, 1813, 8. Jänner, Trient XXII. Hormayr an Erzh. Johann, 1814, 15. März XXIII. Karl v. Eybergs Vorlage für Fürst Georg Metternich. 1814, 26. März XXIV. Metternich an Erzh. Johann, 1814, 27. Mai, Paris · XXV. Hormayr an Erzh. Johann, 1814, 5. Juli . XXVI. Auszug eines Schreibens v. Hormayr aus Brünn. 1814, 14. Sept., Brünn XXVII. Notus (Giovanelli) an Erzh . Johann, 1814, 21. Ott., • Bozen . XXVIII. Giovanelli an Erzh. Johann, 10. Nov., Bogen XXIX. Gedrängte Uebersicht" (aus Bozen) 1814 v . D. und Unterschrift XXX. Undatirter Bericht aus Tirol (wahrſch. v . Dr. Plattner aus Bozen an Binner) . 1814, Herbſt (mit Randgloſſen des Erzh. Johann) XXXI. Hormayr an Erzh. Johann 1815, 17. Jänner, Brünn XXXII . Hormayr an Erzh. Johann 1815, 27. Jänner, Brünn XXXIII. Hormahr an Erzh. Johann, 1815, 19. Febr., Brünn XXXIV. Frhr. v. Liechtenthurn an Erzh. Johann, 1815 , 26. Juni Wien XXXV. Konzept des Erzherzogs, 1815 (Mai oder Juni) XXXVI. Hormayr an Erzh. Johann, 1815, 30. Sept., Brünn XXXVII. Binner an Erzh. Johann, 1816, 20. Jänner, Wien
276-278 278-279 279-280 280 280-282 282-284
285-286 286-288 288-290
290-292 292-293 293–294 294-295 295 295-297 297-298 299-300
Tirol 1812-1816.
I.
Rückblick e.
1) 1703-1809. Es war im zweiten Jahre des Krieges um die spanische Erbfolge, als sich Tirol von den Heeren Baierns und Frankreichs bedrängt sah und zu den Waffen griff, um die drohende Fremdherrschaft abzuwehren. Klug und muthvoll eingeleitet, geſtaltet ſich eine allgemeine Erhebung, der richtige Volkskrieg, in einem Lande, das ein Zeitgenosse ¹) zutreffend verschanzte gefürstete Grafschaft“ nennt,
„ die von Natur wohlund der reiche Erfolg
des Wagnisses blieb in der Erinnerung des Tirolers unverwüstlich haften. Der schroffe Gegensaz zum nachbarlichen Baier, damals ebenſo entschieden geltend gemacht, wie wenige Jahre später (1705 bis 1714) von dem Leßteren in Aufständen wider die österreichische Besetzung
des wittelsbachischen Kurfürstenthums geräuschvoll
an
den Tag gelegt, blieb unaustilgbar und mit dem halb bewußten, halb von der Macht der Gewohnheit bedingten Festhalten an dem Staatswesen Desterreichs innig verwachsen. Das achtzehnte Jahrhundert ging zur Neige, der französische Eroberer fand 1797 vom Süden her den Weg ins Herz Oesterreichs, und nicht so vorübergehend wie 1703 entlud sich das Kriegsgewitter über Tirol ;
es blieb als Bollwerk Oesterreichs und als wichtiges
1) Nigrinus. Die von Natur wohlverschanzte gefürstete Grafschaft Tirol (Frankfurt, 1703.) 1 Krones , Tirol 1812-1816.
2
I. Rückblicke.
1) 1703-1809 .
Verkehrsgebiet zwischen der Poebene und dem
Donaualpenlande
schweren Anstürmen, harten Wechselfällen und längerer Heimsuchung ausgesezt.
Tirols Landsturm hat es an redlicher Mühe, den über-
mächtigen Feind abzuwehren, nicht fehlen lassen, und
das Ver-
hängnis des großen Krieges v. J. 1805, der hohe Preis um welchen man den Frieden von Preßburg erkaufen mußte, drückte den Tiroler um so härter, da er sich losgeriſſen vom österreichischen Gesammtstaate, bairisch geworden sah und nur zu bald in den planmäßigen Neuerungen der Fremdherrschaft nicht blos das begreifliche Streben, Tirol dem bairischen Verwaltungswesen anzugleichen, sondern auch, was ungleich empfindlicher berührte, die entschiedene Absicht gewahrte, jene Grundfäße durchzuführen, die seinem zähen Festhalten an dem Erbe der Väter, an seiner Verfaſſung, ſeinem Glauben und Kirchenthum zuwiderliefen. 2)
Die kirchlichen Neuerungen Baierns
konnten ebenso wenig ohne aufregenden Rückschlag auf die öffentliche Meinung in Tirol bleiben als dies in Hinsicht mancher Eingriffe in die ständischen Gerechtſamen der Fall war, obschon gerade
2) Vgl. Gustav Frhr. v. Lerchenfeld , Geschichte Bayerns unter Kais. Maximilian Joſeph I. mit besonderer Beziehung auf die Entstehung der Verfaſſungsurkunde. (Berlin, 1854) S. 36–37 . Egger, Geſch. Tirols III . 388–526. Lerchenfeld sagt a. a. D. S. 46 : „Blutig rächten sich jene großentheils von übelverſtandener Aufklärerei eingegebenen Maßregeln bezüglich der äußeren Form des Gottesdienstes, der Schließung der Feldkapellen, der Beseitigung der Heiligenbilder und Crucifige an den Straßen, der Aufhebung der Klöster u. s. w., ſie bestärkten das an äußerem Ceremoniendienste hängende, diesen mit dem Wesen der Religion selbst verwechselnde Volk in dem absichtlich genährten Wahne, daß man das Volk luthrisch machen wolle" . Diesem Geständniß eines angesehenen Vertreters bairischer Staatsinteressen stellen wir die eingehenden Darlegungen eines hervorragenden Historikers und Anwalts der Vergangenheit Tirols, Albert Jäger , an die Seite, welche u. d . T. „Zur Vorgeschichte des Jahres 1809" in den Sizungsberichten der philos. Klaſſe, hist. philos. Klaſſe 8. Bd. ( 1852) und im Sonderabdruck (37 SS.) erſchienen und später auch u. d. T. „ Die Priesterverfolgung in Tirol von 1806 bis 1809 " veröffentlicht wurden. Wir finden hier die Konflikte der bairischen Regierung mit den Bischöfen von Trient, Brixen und Chur als Sprengelinhabern und Kirchenvorstehern aftenmäßig erörtert. Auch Jäger gewahrt in den kirchlichen Reformen Baierns die eigentliche Quelle der Volkserhebung des Jahres 1809. Vgl. ferner auch Heigel Ludwig I. König von Baiern. (Leipzig 1872) S. 28.
I. Rückblicke.
1) 1703-1809.
3
im Verwaltungswesen den Einrichtungen auf Seite Baierns die Anerkennung nicht abgesprochen werden darf, daß sie manches Verrottete gemeinnüßig beſeitigten. ³) In einem Lande, wo Geistlichkeit, Adel und Bürgerthum nicht blos, sondern auch die Bauernschaft, an das Mitrathen und Mitthun bei den eigenen Angelegenheiten seit Jahrhunderten gewohnt blieb, wie eng auch der Kreis dieser Thätigkeit abgesteckt erscheint, wo die Vertheidigung des eigenen Bodens , einerseits als Pflicht, anderseits als Recht, und eine nicht zu unterschäßende Vertrautheit mit der Waffe das Gefühl für Selbsthilfe dem Landmanne so gut wie dem Bürger und vor allem dem Erſteren einflößte, wo endlich ein zähes Festhalten an dem Herkömmlichen, Ererbten im Staate und in der Gesellschaft vorhanden war, und gerade der Bauernstand sich als Kern des Ganzen fühlte, da lief die an all' diesen Zuständen und Ueberzeugungen rüttelnde Fremdherrschaft Gefahr, den Geist des ernsten Widerspruches
aus der
Tiefe des Volksthums gegen sich heraufzubeschwören, ohne daß sie sichere Bürgschaften und Machtmittel besaß, diesen Geist zu bannen, der Bewegung rechtzeitig Meister zu werden. Aber auch Desterreich konnte den Verlust Tirols
als eines
Erblandes und starken Bollwerks nicht leicht verwinden.
Kaiser
Franz selbst betrachtete sicherlich die Abtretung Tirols und Vorarlbergs
nur als
ein zeitweiliges, erzwungenes Opfer, mochte er
auch nach seiner ganzen Denkweise jedem bewaffneten Wagniß, vor Allem aber einem Volksaufstande, Volkskriege, abgeneigt sein.
3) Vgl. Jäger a. a. D. Sonderabdr. S. 4—6. „ Baiern“, heißt es hier, „in deſſen Plane es allerdings lag, die verschiedenartigen Verwaltungsformen der neuerworbenen Provinzen durch Ausscheidung der unbequemen und Aſſimilirung der brauchbaren auf eine leichter zu beherrschende Einheit zurückzuführen, wollte nicht gleich im Anfange die Sache auf die Spize treiben und begann ſeine Umgestaltungen nicht mit zerstörenden, sondern mit wohlthätigen Reformen. " Vgl. Egger a. a. D. - Die eigentliche Apologie der bairiſchen Verwaltung : „Tirol unter der bairischen Regierung“ von einem Tiroler (v. Hörmann ) I. (einziger) Band Aarau, 1816, behandelt dies, abgesehen von der Tendenz des Buches, klar, eingehend und sachgemäß. Selbst Hormayr (s. seine Recension des Buches im Archiv 1816, Nr. 118 , 30. Sept. ) mußte manches Gute darin anerkennen. 1*
4
I. Rückblicke.
1) 1703-1809.
Was in Folge eines kaiserlichen Handschreibens vom 29. Dezember 1805 (Holitsch)
die k. k. ö. bevollmächtigte Hofkommission
bei der Uebergabe Tirols an Baierns ( 10. April 1806) 4) als den innigen Wunsch des Kaisers bezeichnete : „ Tirol möge durch gleichschuldige Erfüllung der Unterthans- und Konſtitutionspflichten, dann des Gehorsames gegen seinen neuen Beherrscher sich ebenso auszeichnen, um die Dauer seiner Wohlfahrt hiedurch zu sichern" schloß gewiß nicht das lebhafte Verlangen nach dem Wiederbeſize des hart Eingebüßten unter geänderten Verhältniſſen aus . Der neue große Krieg gegen Napoleon, zu welchem Desterreich seit 1808 geräuschlos aber entschieden rüstete, bewirkte dieſe Veränderung, als das Frühjahr 1809 die Schwelle überschritt. Eine wichtige Rolle in diesem wechselvollen Kampfe war dem Tiroler Volke zugedacht, nicht blos die Heeresleitung sondern auch die Staatskunst Oesterreichs mußte mit diesem Lande rechnen, und so spannen sich an der Wende der Jahre 1808-9 Fäden zwischen Wien und Tirol, welche die Erhebung vorbereiteten und in der Hand einer hochgestellten Persönlichkeit zusammenliefen, deren wir bald ausführlich gedenken werden. Daß gerade die Wortführer und Vorkämpfer der Erhebung Tirols im Jahre 1809 Männer aus Dorf 5) und Landſtadt waren, daß der schlichte Sandwirth von Passeyr als Oberkommandant eine Spanne Zeit hindurch an der Spize des freigewordenen Landes stand, zu einem weltgeschichtlichen Namen kam, beweist nur wieder, daß seine Heimat die richtige Wiege des Volkskrieges blieb, dessen 4) Das k. Handschreiben abgedr. in Hormayrs Taschenb. f. vaterl. Geschichte 1838, 345–6 u. in den Lebensbildern a. d. Befr.-Kr. II. (2. Aufl. ) 430-32. Es heißt hier u. A.: „ Es ist allerdings der für mich so schmerzliche Zeitpunkt herbeigekommen, wo gebieteriſche Umstände es mir zur Nothwendigkeit machen, der Beherrschung des Landes Tirol zu entsagen. Wie schwer dieses Opfer meinem Herzen gefallen sei, wiſſen die biederen Tiroler ohnehin . “ Das Schreiben der k. ö. Uebergabskommiſſion an die tirol. Stände v. 10. April 1806 ſ. b. (Hörmann) Tirol u . bair. Reg. 437—8, unterz . von Johann Grafen und Herrn zu Brandis und Karl von Eyberg. 5) Vgl. das Buch v. Hörmann S. 224 ff. ſeine drastische und zutreffende Charakteristik des Verhaltens der Bauern zu den „Herren “, und Lerchenfeld a. a. D. S. 36, 46.
I. Rückblicke.
2 ) Die Auftheilung des Landes .
5
Geschichte uns wie der würzige Hauch der Bergluft anweht, und dessen Erfolg noch grünte, als der Lorbeerzweig von Aspern längst ins Welken fam. Das Markten und Feilschen über den eigenen und fremden Antheil des
bezüglichen Verdienstes ,
das
nachträgliche hämische
Kritteln und ungeberdige Schmähen über d.n „ Bauernkrieg “ und seine oft querköpfigen und uneinigen Führer, nicht blos von Seite der Anwälte der Baiernherrschaft ®) sondern selbst solcher, die in der Erhebung Tirols eine Rolle spielten 7), das widerliche Aufbauschen und Breittreten der Rechtsfrage, all dies konnte und kann das gesunde Urtheil der Mit- und Nachwelt über den Kampf des Bergvolkes am Inn, an der Drau und Etsch nicht verrücken, so lange das warme Gefühl für Volksthum und Freiheit im Menschenherzen seine Stätte findet. Was nicht nur den Geſchichtschreiber zu erwärmen sondern auch den Dichter zu begeistern vermag 8), bleibt in seiner Geltung erhaben über dem Gewöhnlichen und Gemeinen, und alle Schlagschatten können das Lichtbild nicht decken und austilgen.
2) Tirol ſeit dem Wien-Schönbrunner Frieden. des Landes . 1809-1810.
Die Auftheilung
Der Oktoberfriede, von dem rücksichtslosen Sieger den Bevollmächtigten des Kaisers abgelistet und abgerungen, entschied, wie einst der Preßburger Vertrag,
über
das Geschick Tirols ; er ent-
fremdete abermals das Land, um dessen Besit noch kurz vorher
6) Wir werden solche Stimmen im vierten Abschnitte begegnen. 7) Man vgl. nur das, was Hormayr in der zweiten, ganz umgearbeiteten, Auflage seines Buches „ Geschichte Andreas Hofers aus Paſſeyr, Oberanführer der Tiroler 1809 " (Altenburg und Leipzig 1817) u . d. T. „ Das Land Tirol und der Tirolerkrieg von 1809 " (Leipzig 2 Bde., 1845.) über die Ereigniſſe und Persönlichkeiten des Bewegungsjahres schreibt, abgesehen von den bezüglichen Abschnitten in seinen „ Lebensbildern aus den Befreiungskriegen.“ 8) Vgl. Frankl Andreas Hofer im Liede. Mit Originalurkunden. Innsbruck 1884.
6
L. Rückblicke .
2) Die Auftheilung des Landes .
Ströme von Blut geflossen, dem tief gedemüthigten Oesterreich. 9) Der Verzweiflungskampf, den dann Andreas Hofer, von übel berathenen Higköpfen und der eigenen Grundneigung fortgerissen, nochmals versuchte, schloß mit dem „ Trauerspiele in Mantua “ , mit seiner Hinrichtung. Tirol erscheint jedoch von dem Ausgange des Krieges im Jahre 1809 ungleich härter betroffen, als dies 1805 der Fall war, denn damals ward es von so erschütternden Wechſelfällen nicht heimgesucht, das Land kam nicht wie jezt, 1809, als wieder bezwungenes Gebiet unter die Fremdherrschaft ; es blieb überdies ungetheilt, wogegen nunmehr die Wiedererlangung des Beſizes, mit Hilfe der französischen Waffen, theuer bezahlt werden mußte, bezahlt mit der Theilung Tirols. 10) Der Vertrag Napoleons mit König Max Joseph I. v. 28. Febr. 1810 sezte sie als eine „ billige “ Uebereinkunft fest, wie sehr sich auch Baiern dawider sträuben mochte 11) ; den 28. Mai d . I. gebot der Franzosenkaiser die Vereinigung des ganzen Etschkreises und
9) Die beste Sammlung aller auf den Abschluß des Tiroler Freiheitskrieges bezüglichen Aktenſtücke finden sich in dem auch Hörmann zugeſchriebenen Buche : „Intereſſante Beiträge zu einer Geſchichte der Ereignisse in Tirol vom 10. April 1809 bis zum 20. Febr. 1810, gesammelt und herausgegeben zur unterhaltenden Vergleichung mit anderen Nachrichten, Zeitungen und französischen Armee-Tags -Berichten nebst kurzen Anmerkungen : Sine ira et studio. " a. D. 1810. Vgl. auch Hormayrs Taſchb . f. vaterl. Geschichte, 1840 ,,Tirolensia “, G. 18-62. 10) Ueber diese Theilungsangelegenheit vgl. das maßgebende Werk Hörmanns , Tirol u. d. bair. Reg. 291–308 „ Theilung des Landes i. J. 1810. “ Vgl. Bidermann , „ Die Italiäner im tirol. Provinzialverbande“ ( Jnnsbruck, Wagner, 1874) S. 144, 146, 196 ... und Egger a. a. D. III. 799 bis 800 im Kurzen. wanded Hörmann weist S. 292 darauf hin, daß schon in der Uebergabsurkunde v. 11. Febr. 1806 ein Landbezirk im Süden Tirols für den Kaiser von Frankreich als König von Italien vorbehalten wurde, was Besorgnisse auf Seite Baierns und Tirols erregte ; der Münchner Vertrag vom 23. Mai 1806, zwischen Berthier und Montgelas abgeschlossen, wurde allerdings dieser Vorbehalt durch die entgiltige Grenzregulirung beseitigt und die förmliche Ausantwortung des betreffenden Landstriches an Baiern-Tirol am 28. Mai 1806 vollzogen. 11) Der Vertrag wurde von Seite Baierns 3. März 1810 ratifizirt.
I. Rückblicke.
2) Die Auftheilung des Landes.
7
nahezu des halben Eisackkreises - 160 Quadratmeilen und mehr als 300.000 handeltreibender, gewerbfleißiger Einwohner — einerseits mit dem italienischen Königreiche, anderseits mit den „ illyrischen “ Provinzen Frankreichs, deren Name und Verwaltung : Dalmatien, ein gutes Stück von Kroatien, Istrien, Görz, Krain, den Villacher Kreis von Kärnten und nunmehr auch Ost- Tirol umfaßte. Am 7. Juni wurde der bezügliche Grenzbestimmungsvertrag zwischen den Bevollmächtigten Baierns und Frankreichs vollzogen. 12) Hienach kamen die Landgerichte : Lienz und Sillian ſammt den ehedem salzburgischen Gerichten Windisch-Matrai und Lengberg zu Französisch-Illyrien, Buchenſtein und Ampezzo zum italieniſchen Dipartimento della Piave und das Hauptgebiet : der Etschkreis und das Uebrige vom Eiſackkreise (Landgericht Boßen mit Ausnahme des größeren Theiles der Gerichte Tisens und Sarnthal, die Gerichte Tiers und Völs bei Brixen, Landgericht Klauſen) und ein Drittheil des Gerichtes Welsperg (Katastralgemeinde Toblach) , Antheile des Gerichtes Antholz, anderseits des Gerichtes Gargazon bei Meran, zum Dipartimento del alto Adige, mit dem Präfektur- Orte Trient , dem sich als Verwaltungssige zweiter Ordnung : Roveredo , Riva , Cles und Bozen anschlossen. Es war dies eine in jedem Sinne unnatürliche Zerreißung Tirols, bei welcher die Begehrlichkeit Frankreichs und verschiedene Umtriebe mitwirkten. Am 23. Juni 1810 entband der bairische König die Einwohner des von Frankreich abgetretenen Gebietes ihrer Unterthanspflicht ; sicherlich that er es nicht leichten Herzens, wie dies der Wortlaut seiner Kundmachung deutlich verräth. 13) Baiern selbst hatte vor dem Jahre 1809 alles gethan um den Landesverband Tirols zu Gunsten eines rascheren Aufgehens dieses
12) Der Grenzvertrag v. 7. Juni 1810 Bozen, b . Hörmann , Tirol u. b. R. S. 466-69 ; mit Supplement S. 469-473 ; er ist unterzeichnet auf französischer Seite von : Comte d'Anthonard und Chevalier d'Alberti , auf bairischer Seite von : Gf. Thürheim , Gen. Raglowich , Legationsrath Hörmann (,, Conseiller de Legation ") und Appellationsrath Dipauli (conseiller des appels). 18) Hörmann a. a. D. 303.
8
I. Rückblicke.
2) Die Auftheilung des Landes.
Gebietes in dem jungen Königreiche der Wittelsbacher zu zerſeßen, es ging damit der geschichtlichen Einheit und dem Namen Tirols zu Leibe. überdies
Durch die Schöpfung des Etschkreises leistete es ohne
alle Absicht
der immer bewußteren Regung
des
Welschthums in Tirol Vorſchub, denn diese Regung mußte, seitdem der vorgenannte Gebietstheil und ein gutes Stück des Eisackkreises zu Französisch-Italien geschlagen wurde, einen ungleich stärkeren Antrieb gewinnen. Welschtirol begann sich als ein Stück Italiens zu fühlen, denn man gehörte nun förmlich zum reame italiano, man hörte es nicht ungern, wenn der Armeebefehl Napoleons an den Vicekönig Italiens und mittelbar an Baraguay d'Hilliers, den Befehlshaber der französischen Kriegsmacht auf tiroliſchem Boden, von dem 14 Tirol italien " sprach 14) und begrüßte mit Behagen die Beſizergreifung vom Landgerichte Bozen, welche troß aller Einsprache Baierns sofort vollzogen ward. Anderseits drückte der italienische Senat dem Imperator des neuen Weltreiches (13. April 1810) seine freudigen Gefühle aus, daß nunmehr die norischen geschichtsberühmten Alpen als Bollwerk (barriera) Italiens zu betrachten seien. 15)
Ein Zeitgenosse A. von
Hörmann, Legationsrath in bairischen Diensten, Mitunterzeichner der Grenzscheidungsurkunde vom 7. Juni 1810, hatte deshalb auch die unangenehme Empfindung, daß es sich hier um eine allmälige Verschiebung Italiens bis an'.den Brenner handle. 16) Am 10. Juni feierte Trient nicht ohne festliches Gepränge seine Vereinigung mit dem Königreiche Italien. 17) Napoleon hatte außerdem noch im November des Jahres 1810 eine neue Schmälerung Bairiſch-Tirols zu Gunsten des franzöſiſchen Landesantheils im Auge, für welche Baiern durch das Gebiet von
14) S. Hörmann a. a. D. 299 : „, de faire occuper le Tirol allemand par les troupes bavaroises et de concentrer les troupes italiennes dans le Tirol italien." 15) Giornale 16) 17)
Hörmann a. a. . 300 nach dem Wortlaute der Adreſſe im ufficiale di Milano 1810, Nr. 151. Hörmann a. a. D. 304. Bidermann a. a. D. 147.
I. Rückblicke.
9
2) Die Auftheilung des Landes.
Erfurt entschädigt werden sollte, und beharrte anderseits
auf der
Vereinigung Windisch-Matrais und Teffereckens mit dem illyrischen Provinzialverbande. 18) Diese Vorgänge mußten Alle bitter empfinden,
welche als
richtige Tiroler die geschichtlich gewordene Einheit des Landes feſthielten, und insbesondere jene, welche mit der bairischen Herrschaft sich nie befreunden konnten, 1809 gegen sie in Waffen standen und ihre Wiederherstellung doppelt haßten. An Kundgebungen zu nicht gefehlt.
Gunsten der Landeseinheit hatte
es
Die Bogner Versammlung der Vertreter von Bozen,
Meran, Brixen, Sterzing, Lienz und Brunecken vom 20. Dezember 1809 hatte den Zweck, Abgeordnete an den Vicekönig Italiens zu` entsenden und dessen Vermittlung zu Gunsten der bedrohten Einheit des Landes anzusuchen.
Ebenso verwahrte sich 23. Februar
1810 die Stadtgemeinde von Boßen gegenüber der bairischen Hofkommiſſion auf das entschiedenste wider die „ Verläumdung “ , beim Mailänder Gouvernement Schritte gethan zu haben, damit Bogen vom Königreiche Baiern getrennt werde ", und schloß mit der Versicherung des „ ungetheilten Wunsches " ,
der die Bewohner
der Stadt Bozen beseele, mit dem übrigen Tirol vereinigt bei der Krone Baiern zu bleiben, was der Stadt Meran, und zwar sehr zu ihrem Vortheile, um eben diese Zeit geglückt war. 19)
Daß es
jedoch auch gegentheilige Privatinteressen und Wünsche gab, möchten wir nicht in Abrede stellen. Aber auch über den Arlberg müssen wir deu Blick lenken. Vorarlberg theilte seit dem Preßburger Frieden das Geschick
18) Correspondance Napoleon XXI. Bd . 290, 3. Nov. 1810, (Fontainebleau) an Champagny, Herzog v. Cadore, u. desgl. v. 19. Septemb. S. 150. 19) Die bezüglichen Aktenstücke b . Hörmann a. a. D. S. 458–464. Interessant sind auch die Mittheilungen über die obigen Theilungsangelegenheiten und die bezüglichen Geschicke Bogens in dem jüngst erschienenen Buche Simeoner's " Die Stadt Bozen“ (Bozen, 1890), insbesondere nach dem Tagebuche des H. v. Hepperger, S. 768-787. Anderseits findet sich über das günstigere Geschick Merans Einiges in dem Buche Stampfer's Gesch. v. M. (Jnnsbr . Wagner 1889), 269 ff.
I. Rückblicke.
10
3) Tirol unter fremder Herrschaft.
Tirols, bairisch zu werden ; auch hier schlug, ohne jedoch so allgemein zu sein, die Erhebung wider die Fremdherrschaft los. Oktoberfriede des Jahres 1809 sicherte sie.
Der
War nun auch Vor-
arlberg von so einschneidenden Veränderungen nicht berührt, wie solche das Nachbarland Tirol heimsuchten, so fehlte es auch hier nicht an Stimmungen, welche der Sache und dem älteren Besigrechte Oesterreichs treu blieben, nicht an Männern,
die, wie der
gesinnungstüchtige Rechtsanwalt, Dr. Anton Schneider, aus der Heimat verdrängt, geächtet, entschlossen waren, für jedes einigermaßen hoffnungsfähige Wagnis gegen die Fremdherrschaft die ganze Persönlichkeit einzusetzen.
3) Bustände Tirols unter fremder Herrschaft 1810–1813 . Wir müssen nun die Zustände Tirols ins Auge faſſen, solche durch den wurden.
Umschwung
der
Landesverhältnisse
wie
geschaffen
Zunächst sei des bairisch gebliebenen Gebietes, des Kernes von Deutschtirol, gedacht.
Dazu gehörte vorzugsweise der Inn-
kreis , welcher das ehedem salzburgische Zillerthal und den Reſt des Eisackkreises umfaßte, während das Landgericht Kizbühel dem Salzachkreise und Reutte
im Lechthale Tirols dem Iller-
kreise zugewiesen erscheint. Der bairische Antheil Tirols umfaßte 268 % Quadratmeilen mit 297,000 Einwohnern . 20)
dem
Der Innkreis stand, wie der benachbarte Salzachkreis, unter General Gouvernement des Kronprinzen Ludwig von
20) Vgl. Hörmann a. a. O. im Texte und in dem Anhange über die Gliederung Bairisch-Tirols. Die ursprünglichen 6 Kreise : Unterinnthal, Oberinnthal, Pusterthal, an der Etsch, Trient, Roveredo wurden 1. April 1809 in drei : Innkreis ( 10 Landgerichte), Eis ackkreis ( 9 Landgerichte) und Etschkreis (15 Landgerichte) verschmolzen. 1810, 31. Aug. gab es in Bairisch - Tirol nachstehende Landgerichte : Kizbühel, Kufstein, Rattenberg, Schwaz, Hall, Innsbruck, Stubai, Steinach, Telfs, Silz, Jmst, Reutte, Landeck, Ried, Nauders, Glurns, Schlanders, Meran, Paſſeyr, Lana, Sarnthal, Kastelrutt, Klausen, Brixen, Mühlbach, Sterzing, Bruneck, Enneberg, Taufers und Welsberg. S. auch Egger a. a. D. 821 ff.
L. Rückblicke.
3) Tirol unter fremder Herrschaft.
11
Baieru, der abwechselnd in Salzburg und Innsbruck seinen Sit nahm und auch Meran nicht vernachläßigte ; die Geschäfte des Kreiskommiſſariates leitete Lerchenfeld ) . 21)
ein Generalkommissär ( Freiherr von
Die Zahl der Landgerichte wurde vermehrt, die Auftheilung der Patrimonialgerichte oder grundherrlichen Gerichtsstände unter die nächstgelegenen Landgerichte vollzogen. Mit der neuen Kreiseintheilung ging Hand in Hand : die neue Gestaltung der Kreisbehörden ( 7. Oktober 1810 ) und der Finanzverwaltung (als : Finanzdirektionen , Kreiskassen und Rentämter), die Vorschreibung neuer Steuern, so der Tabaksteuer, welche mit einer neuen Zoll- und Moutordnung zuſammenhing, und des Stempelgefälles . Weitere Herabsetzungen der ständischen und hochstiftlichen Schuldverschreibungen sollten die Ziele der 1811 zu München eingesezten kön. Staatsschuldentilgungskommiſſion fördern helfen. Die neue Kreiseintheilung hatte auch das Schaffen von KreisAppellationsgerichten
zu
Folge.
Innsbruck mit 6 Kriminalgerichtsbezirken. das neue , dem in Kraft.
Ein solches beſtand zu 1813 (26. April) trat
Côde Napoleon nachgebildete, bairische Civilrecht
Von besonderer Bedeutung erscheint das KonskriptionsGesez vom 29. März 1812. fehlerhaft,
Es war in seinen Grundsäßen nicht
auch die Durchführung im Ganzen milde und gleich-
förmig. Auch läßt sich dabei eine gewisse Begünstigung des „ Innkreises " (Tirols) nicht verkennen,
gleichwie in der Ernennung des
bairischen Kronprinzen zum Kommandanten der Truppen des Innund Salzachkreises sollte.
Im
eine
Großen und
besondere Auszeichnung
erblickt
werden
Ganzen war die bairische Verwaltung
Deutsch- Tirols 22) nichts weniger als planlos oder willkürlich ; an ihr haftete jedoch der Fluch des Jahres 1809 , der Druck wachsender 21) Maximilian Emanuel, geb. 16. Nov. 1778 zu Ingolstadt, 1800 Rath der Landesdirektion von Bairisch- Schwaben (1807-1809 in Stuttgart), 1808 Generalkommissär in Ansbach, 1809 in Nürnberg, f. 1810 zu Innsbruck. (S. die Allg. d . Biogr. XVIII . Bd . , 423–424 v . Max Frhr. v . Lerchenfeld .) 22) Vgl. Hörmann XIV. Abſchn. „ Organiſazion des baier. Antheiles von Tirol", 309-332 u. Egger III. 820 ff.
12
I. Rückblicke.
3) Tirol unter fremder Herrschaft.
Auflagen und raſtloser Neuerungen, die das Hergebrachte zersetzten und wie das Konskriptionsgesetz vor Allen - dem herkömmlichen Grundsage der Landesbewaffnung Hohn sprachen. Der Deutschtiroler ließ den Kopf hängen, denn er konnte seine Vergangenheit, seine landschaftliche Einheit, das Jahr 1809 nicht vergessen, das Gefühl landschaftlicher Zerrissenheit floß mit der öden
Empfindung
zusammen ,
man
müsse
weitere
Neuerungen,
wachsende Opfer für einen Staat über sich ergehen lassen, von dem man sich kürzlich losgerungen hatte, der dem Machtgebote eines Stärkeren unterstand, und je weiter desto mehr die Vormundschaft Napoleons als lässige Fessel verspürte. Nicht besser war die Lage und Zukunft des an FranzösischIllyrien und Italien abgetretenen Tirols . Pusterthaler
Der Einwohner der
Kantone " : Lienz und Sillian unterſtand dem Inten-
danten zu Villach und dem Subdelegirten in Lienz, in kirchlicher Beziehung dem Laibacher Bisthum, eine empfindliche Einbuße für den Brixner Sprengel.
Der Appellhof hatte seinen Sig in der
Krainer Landeshauptstadt.
An Grund-, Perſonal- und indirekten
Steuern ließ es die finanzielle Oberverwaltung der Departements Illyriens nicht fehlen. Die Gemeinden : Toblach, Ampezzo, Buchenstein und Primör gehörten zum Dipartimento della Piave, Welschtirol sammt dem halben Eisackkreise zum
Dipartimento del Adige superiore,
mit
Präfekten, Vizepräfekten und Sekretären. Das Gerichtswesen versahen hier ein Gerichtshof (corte) in Trient, ein Tribunal erster Instanz zu Bozen und 20
in drei Klaſſen gegliederte Friedens-
gerichte, nebst zwei Handelsgerichten (in Bozeu und Roveredo). Das Appellationstribunal befand sich in Brescia, der Kaſſationshof in Mailand. Am empfindlichsten war und blieb auch im italienischen Tirol die Thätigkeit der nach französischem Muſter eingerichteten Finanzbehörden, die der Generaldirektion in Mailand untergeordnet waren, so durch die
wesentliche Erhöhung der Grundsteuer, der neuen
Perſonalsteuer und der langen Kette anderweitiger Gefälle. 28) 23) Vgl. Egger III. 813-820 und Jäger , Tirols Rückkehr unter
I. Rückblicke.
4) Stimmen aus dem bairischen Lager. 1810.
Der Wechsel der Herrschaft mußte also
13
auch hier wie immer
bezahlt werden und die Erforderniſſe wuchsen im Verhältniſſe zu dem Bedarfe des riesigen Staatskörpers , dem Südtirol eingefügt erscheint, der wachsende Schlagschatten des zweifelhaften Glückes, ein Stück des napoleonischen Italiens geworden zu sein.
4) Stimmen aus dem bairischen Lager.
1810 .
Die bairische Herrschaft hatte ihre aufrichtigen Freunde und eigennüßigen Anhänger in Tirol neben der Maſſe jener Landesbewohner, die sich in das Unvermeidliche ihrer Wiederanerkennung fügen lernten und die Sehnsucht nach dem, was 1809 errungen worden, in ihre Bruſt verſchloſſen. Am lauteſten erhoben ihre Stimme ſelbſtverſtändlich alle jene, die damals von dem Wechsel der Herrschaft, der Verdrängung Baierns am härtesten betroffen wurden und das Gefühl des Grolles, anderseits das der Befriedigung über die neue Umkehr der Dinge als Antrieb empfanden, die entschiedenen Anwälte der Sache Desterreichs im Lande anzuklagen, zu verkeßern, die Ausgewanderten als Landesverräther zu brandmarken , schmähen ;
Erscheinungen ,
das Andenken der Todten zu
die allen solchen Erschütterungen und
Parteiwirren des öffentlichen Lebens anhaften. Nehmen wir beispielsweise die 1810 erschienene „ Geschichte der Deportirung der königlich baieriſchen Civilbeamten nach Ungarn und Böhmen . . . von einem Deportirten" zur Hand. 24) Der Löwenantheil
an
der Herausgabe dieses zweibändigen
Desterreich ( 1871 ) Anhang I. Rendite del Dipartimento del alto Adige 1810-1814. 24) „ Geschichte der Deportirung der kön. baier. Civilbeamten nach Ungarn und Böhmen nebst Bemerkungen über die gleichzeitigen Kriegsereignisse und über die durchwanderten Länder, von einem Deportirten ". I. Bd . 262, II. Bd . 206 S. und „Aktenstücke der Deportirung der k. baier. Civilbeamten “ 64 S. Ein Pendant dazu ist „ Nachricht von der Gefangennehmung des k. bayer. Oberlieutenants Baron von Hohenhausen v . 25. Novemb. 1809 zwiſchen Klausen und Brixen im Eisackkreise des Königreiches Bayern. Ein kleiner Beitrag zur Geſchichte der Inſurrektion in Tirol. 1810. “ o . D. 15 S. 8º.
14
I. Rückblicke.
Werkes
fällt
dem
4) Stimmen aus dem bairischen Lager. 1810. in
Anonymität
sich
bergenden
Professor
Mathes 25) zu, einem Manne, deſſen unſauberer Feder wir gleich weiter unter wieder begegnen werden.
An Leidenschaftlichkeit er-
scheint ihm Johann Graff , Freiherr von Ehrenfeld, ein Patrizier aus Bozen, der sich 1801 den Theresienorden erwarb, seit 1806 jedoch ein entschiedener Anhänger der bairiſchen Herrſchaft wurde, ebenbürtig ; seine Deportation bildet auch einen ziemlich umfangreichen, von im ſelbſt abgefaßten, Theil des Ganzen, eines Beitrages, wie er auch aus der Feder anderer Schicksalsgenoſſen des Jahres 1809 floß.26) Als Deportirte erscheinen außer den Genannten von der Innsbrucker Universität : der Rektor Spechtenhauser, die Professoren Bertoldi und Schultes ; als eigentliche Beamte : Jh. v . Aretin ( Gen.Comm. des Eisackkreises), Gf. v. Welsperg (Gen. Comm. des Etschkreises), Gf. Lodron ( Gen. - Comm. des Innkreises), H. v . Hofstetter (Direktor des Eisackkreises ), Joseph Gf. v. Khuen, der Innsbrucker Polizeidirektor Schubert, der Kreisdirektor von Mieg, Straßenbaudirektor von Pigenot, die Kreisräthe Eder und Heffele, Oberpoſtmeister Fh. von Brück, Finanzrath Königer, der Bohner Polizeikommissär Fh. von Donnersberg, die Landrichter von Kufstein und Meran: Wiesend und Vincenti, die Landesgerichtsassessoren von Kufstein und Meran : Eder und Hörmann, der Finanzdirektionssekretär Pez, der Bohner Mautinspektor Reiser, der Neumarkter Rentamtmann Ronchi, der Innsbrucker Maut- Oberbeamte Finsterer, der Bogner Stadtgerichtsassessor Stautner, Forstkommissär Herder , Kasernenverwalter Leidersdorff, Quartiermeister Reinhard ... eine in Hinsicht ihrer Berufsstellung gemischte Gesellschaft, die von dem Umschwunge des Jahres 1809 , als Tirol wieder österreichisch geworden, hart betroffen wurde. Nach Klagenfurt zunächst und von hier in drei Kolonnen nach Preßburg, Olmüß und Budweis geschafft, fand sie auf dem Wege der Auswechslung ihr Asyl in Baiern, erlebte auch hier den neuen Wechsel der Zeiten, den Rückfall Tirols an die kurz vorher 25) Prof. Mathes gilt als Verfasser des pamphletartigen Buches. S. Egger III. 796, 797. 26) "! Geschichte der Deportirung des Johann Graff von Ehrenfeld, k. k. hon. Majors, Ritter des Militär-Thereſienordens, k. k. ö . Handelskonſuls in Tirol, dann kön . österr. Handlungskonsuls in Tirol, dann kön . bair. Majors à la suite und Commandanten der Bürgergarde zu Bozen in Tirol (von ihm ſelbſt beſchrieben) “ Gesch. der Deport, II. 97–134 Text ; 135-158 Belegſtücken
I. Rückblicke.
4) Stimmen aus dem bairischen Lager. 1810.
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verdrängte Landesherrschaft und ſah nun mit Befriedigung die Rollen getauscht, die Anhänger Oesterreichs theils landesflüchtig, theils widerwillig der neuen Sachlage sich fügend .
Wir begreifen,
daß sich die Empfindungen so mancher Persönlichkeit unter den einſtmals Deportirten
gegen
den
Mann besonders
leidenschaft-
lich kehrten, welcher als Ober- Intendant Oesterreichs im Tiroler Befreiungskriege den maßgebenden Einfluß auf ihr Geschick geübt hatte, es war dies Freiherr v . Hormayr 27) ,
dessen Name und
Thätigkeit uns weiterhin noch viel beschäftigen wird ; einer, der an Leidenschaftlichkeit seinen Gegnern allerdings nicht nachſtand . Eine Stelle in dieser Deportationsgeschichte fällt besonders auf, da sie den Geist der Tiroler Bevölkerung i. J. 1809 kennzeichnet : „Man wird schwerlich irgend ein Land finden, wo eine so dummeigensinnige Anhänglichkeit an alles Herkommen herrscht, als in Tirol. Was nicht ist, wie es im Jahre 1703 war, das wird verhöhnt und verspottet . Jezt wird's gut werden " , sagte der Postillon zu Sterzing zur Kellnerin, „ jezt wird's gut werden, jezt wird wieder Alles, wie es anno drei war . “ „ So ist's Recht“ , sagte die Dirne, „wie's anno drei war, muß's werden. " „Wie's anno drei war !" schrie der Wirth noch, der eben vorbeigieng, und bald hallte Haus und Gaſſe von anno drei in gewiß mehr als zwanzig Stimmen wieder, so daß wir glaubten, die Rebellen haben sich anno drei für heute als Losungswort gegeben. " 28) So fest wurzelten also die Erinnerungen an das Jahr 1703 in Allen, welche das damals ( 1809) im vollen Zuge befindliche Werk der Befreiung von der Fremdherrschaft freudig begrüßten. Das Spätjahr 1809 bereitete nun allen diesen eine grausame Enttäuschung, Baiern war wieder der Herr Tirols geworden, allerdings bald mit stark beschnittenem Machtgebiete.
27) S. Gesch. d . Deport. II. 76 f. insbes. S. 81 im Berichte des Frhr. v. Donnersberg , II. 121-2 Anm. im Berichte Ehrenfelds (über die fortwährenden Räuſche Hormayrs ), II. 159 im Berichte v. Hofstetter's, II. 173 im Berichte Josephs Gf. v. Khuen und 195 ff. im Berichte v. Ronch i’3, woselbst auch S. 205 die Verhaftung der Professoren : Feilmoser , Hubel, Albertini , Gilg und Jud ( 19., 20. Aug. 1809 ) und ihre Verwahrung im Schlosse Welsperg zur Sprache kommt. 28) Gesch. d . Deport. I. 16.
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I. Rückblicke. 4) Stimmen aus dem bairischen Lager. 1810. Der gleichen Zeit wie die „ Deportationsgeschichte" entſtammt
ein Pamphlet, überhaupt das stärkste, was in dieser Richtung aus dem bairischen Lager hervorging. Es sind dies „ Zwei Aktenstücke über die Meutereien in Tirol " . 29) Ihr Verfasser ist der uns von dort aus schon bekannte Professor Mathes .
Was diese Stilübung
- in der Form eines fortlaufenden Kommentars zu der österreichischen Proklamation vom 8. April 1809 30) und zu Andreas Hofers Verordnung vom 11. Oktober d . I. um so widerlicher macht, ist der Umstand, daß der namenlose Verfaſſer zwei angebliche Briefe (vom 15. u. 19. Nov. 1809) des Brixner Profeſſors Malsiner vorausschickt, Machwerke, die somit einen fremden Namen als Deckmantel mißbrauchen. 31) Der Schluß des ersten Stückes bedenkt die von Erzh. Johann und seinen Bevollmächtigten auf
29) „ als Kommentar zu dem Artikel aus Innsbruck in der Allgemeinen Zeitung" Nr. 25, „Zum Besten der Wittwen und Waisen der in Tirol gebliebenen Soldaten “, v . D. J. 90 S. 8º. 30) Es ist die auch sonst mehrfach abgedruckte Proclamation Erzh. Jo = hanns, unterz. von Chasteler und Hormayr, dat. v. Villach. 31) Wie aus Hormayrs Archiv f. G. G. Kr. . . 1810, Nr. 44, 45 (11., 13. April) hervorgeht, ſezte man mit dieſem Pamphlete jenen Frh. von Ehrenfeld in Verbindung, der als „ ehrloser Calumniant verfolgt, sogar fremden Namen uſurpirt“, und der richtige Profeſſor Malsiner proteſtirte gegen dieſen unverantwortlichen Mißbrauch mit seinem Namen in einem vom 1. März 1810 aus Brixen datirten offenen Briefe, gleichwie die „ außermärktlichen" Deputirten : Johann Anton Gräßl , Karl Hingerle und Joſeph von Zallinger und der Kanzler des Bogner Merkantil- Magistrats , Dr. Franz von Plattner, eine „ Gegenvorstellung über die Vorſtellung des Frh. v. Ehrenfeld an S. Majestät den König von Baiern (als Beilage IX . zu ſeiner Deportationsgeschichte)" einreichten. (Hier heißt es, Deportat. Gesch. II . S. 157 : „Ich legte S. Majestät dem Könige (v . Baiern) eine Bittſchrift im Namen aller gutgesinnten Bürger Bozens zu Füßen und entwickelte in dieser die Verhältnisse der dortigen Bewohner und die Ursachen, warum eine Unterwerfungsdeputation am Fuße des Thrones unterblieb. “) Auf diese und eine ähnliche „Gegenvorstellung " eines der Verläumdeten J. v. Giovanelli — hin, veröffentlichte auch Ehrenfeld zu München 29. März und 20. April 1810 eine ziemlich gewundene Erklärung “ und „ Gegenerklärung " . Als Verfasser der „zwei Aktenstücke“ hat jedoch jener Profeſſor Mathes zu gelten, dem auch Giovanelli mit einer " Epistel an Malsiner " antwortete. Vgl. Egger , III. 797.
I. Rückblicke.
4) Stimmen aus dem bairischen Lager. 1810.
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den 1. Mai 1809 in den engeren Ausschuß nach Brixen einberufenen Vertrauensmänner mit folgender Gesammtcharakteriſtik : Sehen Sie, diese Bandelkrämer, Mauleseltreiber, Milchbauern, Viehhändler, Kontrabandiers, abgehauste Wirthe und Bauern, diese Mönche und Mönchsknechte sind „ die ehrwürdige Versammlung, die Männer , welche die öffentliche Stimme laut und ungetheilt hiezu bezeichnet", -sind die auserwählten Tiroler des Erzherzogs Johann, des Marquis Chasteller und des Baron Hormayr. " . . . 32) Dieses summarische Verdikt läßt woht leicht ermeſſen, wie der Verfaſſer mit allen jenen umſpringt, welche er in jenem Verzeichniſſe von Landesvertretern vorfand und als gut österreichisch in gehässigster und niedrigster Weise zu brandmarken bestrebt erscheint. Nur einzelne schlüpfen unverläſtert durch 33), weil der Verfaſſer von ihnen offenbar nichts zu sagen wußte, und von Alex. Attlmeyer, Landrichter in Taufers, heißt es: "1 Unter dem Gesindel (!) des engen Ausschusses vielleicht der Beste und Edelste ; er war Hormahrs Schulgespan und soll ihm manches Stück gearbeitet haben . “ 34) Unter den Klöster vorstehern von Wilten, Stams , Marienberg und Gries , die alle schlecht wegkommen, ist dem Verfaſſer der Abt des erstgenannten Stiftes , Markus , am meisten verhaßt : „eine der verderblichsten Giftpflanzen im Weingarten des Herrn, die schon durch ihre Ausdünstung von Ferne tödtlich iſt. “ 35) Beſtverläumdet werden die Adeligen : Aschauer zu Aichenrein, Freiherr v . Lichtenthurn 36 ) und Alois Graf v . Tannen-
32) S. 35 . 33) Es sind dies Peter Amort von Rodeneck (S. 34), Johann Faller, Layer von Rodenegg (S. 34), Kemmater von Schabs (33), Alex. Fortun. Linser (30), Joh. Mayer von Issing aus Schöneck (33), Sigm. Frh . v. Moll, Intendant von Roveredo ( 11) . 34) S. 33. 35) S. 23-24 . Abt Sebaſtian von Stams wird als Gourmand „ der der Rebellion in der Hoffnung der Wiederherstellung seiner vorigen Prälatentafel mit ganzem Bauche anhängt“ , Placidus Abt zu Marienberg als fein ,,placidus" sondern furiosus iniquus, Augustin Probst von Gries als „Weinjude“ und „würdiger Pendant zu Markus" an den Pranger gestellt. 36) S. 26 „ein durch seinen Einfluß bei der Landſchaft reich gewordener Schurke, dem von jeher nichts, was seiner Habsucht und seinem Stolze als neugebackener Baron schmeicheln konnte, zu niederträchtig gewesen ist" 2 Krones , Tirol 1812-1816 .
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I. Rückblicke.
4) Stimmen aus dem bairischen Lager . 1810.
berg , Frh. zu Trazberg 37), der Sohn des Grafen Ignaz, von deſſen Nachkommenschaft es heißt : „Alle eilf Kinder des blinden, alten, schwarz und gelben Salamanders sind blind, bis auf vier, die viel leicht von einem Basilisken herkommen " (!!) . 38) Daß dem edlen Todten, Andreas Hofer , nur Fußtritte versezt werden , daß er bloß als " Figurant " , als „Puppe" gilt, an welcher Andere „ nach Belieben zogen 39)", ist selbstverständlich, daß Franz Nessing (Nösing), der " innigste Freund Hormayrs " , schlechthin ein „ Vagabund " heißt, darf uns nicht Wunder nehmen . 40) Die volle Schale des Zornes wird aber über die drei Persönlichkeiten entleert, die der Verfasser als höchst gefährliche Anwälte der österreichischen Sache verkezert, es sind dies Andreas Dipauli und die beiden Giovanelli , Vater und Sohn . 41 ) Dem älteren Giovanelli war es nimmer vergönnt, das Vaterland wieder österreichisch geworden zu schauen ; sein Sohn und Dipauli sollten aber noch weit über dieſe lezte Wendung der Dinge hinaus der Heimat nüßen ; ins-
" Sein Bruder, Gesandter des ö . Hofes in der Schweiz benahm sich wie ein Bandit unter den Schweizern, und besorgte mit Purtscher , dem Vikar des Bischofes von Chur, und dem alten Giovanelli die Pulverzufuhr aus der Schweiz. Ihm wird die Strafe ebensowenig ausbleiben als dem Schweizerischen Gesandten zu Wien, dem einfältigen Bösewicht Müller, Giovanelli des Hauptes der Verschwörung zu Boßen innigster Schwager." 37) „Mit Blindheit geschlagen und noch leidenschaftlicher als sein Vater. “ 38) S. 21 u. 26. Ignaz Gf. v . T., Fh . zu Trazberg, Herr zu Rattenberg am Inn, zu Neuhaus an der Etſch, Ob . Erbl. Jägermeister und Kämmerer erscheint damals als Landeshauptmann- Stellvertreter. 39) S. 32. „ Er war, wie sie mirs glauben können, bei der ganzen Geschichte seiner Oberkommandantſchaft blos Figurant, die Puppe, an der die Giovanelli , Reinhart , die Prälaten, die Rebellen- Chefs und Häupter der Mitverschworenen nach Belieben zogen, um ihr blutiges Marionettenspiel ſicher hinter demselben vollenden zu können . Hofer äußerte sich einst selbst hierüber etwas zu laut, und dieſe Aeußerung hätte ihm bald seine Existenz gekostet. “ 40) S. ,,28. Ein Vagabund, der sich als Kaffeesieder zu Bozen einmiethete und bei seinen Landsleuten nicht mehr als 50 fl. Kredit hatte. Er wurde von den Verschworenen öfters nach Wien geſchickt, um dort bei Hor mayr, deſſen Freund er war, Verhaltungsbefehle zu holen . Er warb die Rebellen und galt viel bei ihnen, denn er ist einer der beſten Schüßen .“ 41) Giovanelli, Josef v., war in Bozen 7. Mai 1750 geb. und starb daselbst 19. Nov. 1812. Vgl . über ihn einen der folgenden Abschnitte, welcher sich vorzüglich mit seinem Sohne beschäftigen wird.
I. Rückblicke.
4) Stimmen aus dem bairischen Lager. 1810.
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besondere war es dem jüngeren Giovanelli vorbehalten eine der wichtigsten politischen Rollen als Wortführer Tirols zu spielen . Wenn der Verfaſſer von Dipauli 42) nebenher sagen muß, daß er " unstreitig unter die besten Köpfe Tirols " zähle, so ist dies schwerwiegend. Sonst freilich gehört Dipauli, „der innigste Freund Hormayrs “ , der " vertraute Agent Erzherzog Johanns “ , der „ innigste Freund des Hauses Giovanelli " , das „bekannte Orakel aller Bozner Rebellen " u. s. w . auch zu den Grundwurzeln alles Uebels . 43) Der ältere Giovanelli wird folgendermaßen abkonterfeit :. "In seinem zerlumpten Venetianer Mantel, den er auch im Sommer. nie ablegt, unter seinem zerlumpten dreieckigen Hütlein, das Ideal von einem Banditen . . . Ein zweiter Abraham schlachtete er seinen . eigenen Sohn und verführte ihn zu den heilloſeſten Unternehmungen gegen sein Vaterland dadurch, daß er als Spießgeselle und Gehilfe Hormayrs mit demselben im Lande umher reisen mußte“ . . . 44)
Doch genug dieser Proben eines ebenso widerlichen als leidenschaftlichen Parteihaſſes ! 45)
42) Andreas Dipauli Frhr. v . Tannheim, geb. zu Aldein bei Bozen 14. Nov. 1761 , † zu Innsbruck 25. Febr . 1839, Sohn eines wohlhabenden Landmannes im Fleimser Thale, Bürger von Boßen, 1744 k. k. Rath, 1797 in den Adelſtand erhoben, 1803 Appellationsrath, 1814 Präſes des Appellationsgerichtes, 1816 Hofrath bei der obersten Justizstelle in Wien. Er war einer der beſten Kenner des Landrechtes und der Geschichte Tirols, für welche er ſ . 1791 eine wahrhaft monumentale Sammlung , die „ Biblioteca Tirolensis" anlegte ; auch begründete er den „ Sammler f. Gesch. u. Statiſtik Tirols", eine Zeitschrift, welche 1803 zuerst erschien. Vgl. Staffler , das deutsch. Tirol u. Vorarlberg 1847, I., 720 f. und Bergmann, Medaillen u. s. w. 445, ferner Wurzbach , ö . biogr. Lex. III, 313. 43) S. 9-10 . Anm. 13. 44) S. 28. Anm. 9. 45) Wir wollen nur noch erwähnen, daß neben Dipauli als ö . UnterIntendanten zu Innsbruck, als solcher zu Brixen Franz v. Riccabona und als solcher zu Roveredo Sigmund Fh. v. Moll erscheinen. Leßteren bezeichnet das Pamphlet als den „ gebildetſten Mann Tirols“ (S. 10, Anm. 13), während Riccabona „ein Schalk, wenn irgend einer in Tirol !" genannt wird . Dementſprechend wird der ständische Buchhalter, damals Finanzdirektor zu Trient, Joseph von Tschiderer ein „ Jesuit “, „ Giovanellis liebster Neffe“ und der bisherige Kreisrath von Trient, damals Finanzdirektor in Roveredo, Alois Marcabruni, „ ein weltlicher Kapuziner" genannt, „bald niederträchtig im 2*
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I. Rückblicke.
4) Stimmen aus dem bairischen Lager. 1810 .
Wir wollen weder in dem zweiten Schreiben des falschen Malſiner ſeinen Auslaſſungen über die Jünger des Franziskaner-Paters Herculanus Oberrauch die Herkulaner ", die "I Mystiker " ― Tirols, nachgehen, noch auch in dem ekeln Wuste von Anmerkungen, welche das zweite Aktenstück begleiten und mit dem boshaften Ausfalle auf Tschiderer und die Einfalt Hofers schließen, umherſpüren, um eine weitere Aehrenlese des gröblichſten Schimpfes zu bieten. 46)
Staube friechend mit geheuchelter Demuth, bald aufgeschwollen vom Gifte des wüthendsten Fanatismus , alle Rechte und Pflichten des Menschen mit Füßen tretend . “ (S. 11--12.) Joſeph von Senger , Finanzdirektor zu Innsbruck, heißt ein „ Kaßengesicht“ . „Einen niederträchtigeren Menschen, der im Stande ist, den ärmsten Bettler um einen Heller zu übervortheilen, wie Senger habe ich noch nirgends in der Welt kennen gelernt“ . . . ( S. 12—13) . Solche eintönige Schmähungen verurtheilen das anonym erschienene Pamphlet in den Augen eines jeden Unbefangenen. Im Vergleiche damit sind die gleichfalls antiösterreichischen "1 Materialien zur Geschichte des österr. Revolutionirungssystems “ 1. - 3. Heft 1809, o. D. die sich auf Zustände in Baiern und Sachsen beziehen und das „ Betragen kön. baier. Truppen im Innkreise" entschuldigen wollen, jedenfalls anständig geschrieben. (Als ihr Verfaſſer gilt der uns wohlbekannte Hörmann .) 46) S. 67. „ Nachdem nun auf die bereits angeführte offizielle Weise die angezeigten hochgepriesenen Herren Profeſſoren an die Stelle der Deportirten und Quieszirten ernannt waren, siehe da, da erhoben 2 Pfaffen ihre Stimme. Tschiderer, der Großjeſuite in Tirol, der am 4. Oktober mit Freudenthränen im Auge die Apotheosis Hofers in der Franziskanerkirche hielt vor den versammelten Bauern, Tschiderer, der bekannte Exjesuite, eilte zu Hofer. „ Um Gottes willen, schrie er schon bei der Thür, „ um Gottes willen, was haben Sie gethan, Herr Ober-Kommandant ! Die Profeſſoren, die Sie neu ernannt haben, sind ja lauter Herkulaner ! Wir sind ja alle, alle des Teufels auf's neue !“ „Wie, Herkulaner ? “ ſagte der Sandwirth, „wenns so ist, so muß ein ganz neuer Boden gelegt werden . " Er rief nun seinen Adjutanten, schickte denselben zum Herrn von Anderlan und ließ ihm sagen : „ mit den Provisoris ſei's nix“. Er soll nicht referiren. Tags darauf kamen die wahren Muſageten, unsere Baiern. Et sic nos servavit Apollo. " - Natürlich kann sich der Verfasser nicht enthalten, der Unterschrift „Andrä Hofer, Oberkommandant in Tyrol“ -- „und Mauleseltreiberwirth am Sande in Paſſeyer, des chinesischen Ordens Großkreuz " anzuhängen. Ueber P. Herkulanus Oberrauch vergleiche auch Probst , Geschichte der Innsbrucker Univerſität S. 288 — 289 , An= merkung 2.
I. Rückblicke.
4) Stimmen aus dem bairischen Lager. 1810.
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Es war uns nur darum zu thun, anzudeuten, welche Waffen gegen die gut österreichischen Tiroler gebraucht wurden, wie man sie von gewisser
Seite als eine wahre Rotte Korah zu brand-
marken bestrebt war. Von den so Behandelten schwiegen auch nicht Alle ; so begann ein Federkrieg, der nicht zum Vortheile der Ankläger ausfiel,
aber in dem Maaße auch,
wie er unerquicklich
wurde 47), die Abneigung gegen die bairische Herrschaft nur verschärfte.
Solche „Freunde" mußten ihr gefährlich werden.
47) Vgl. Egger III. 797.
II.
Erzherzog Johann und Tirol 1800–1812 .
Der Kaisersohn und seine Tagebücher. Die lebendige Ueberlieferung des Volkes und die Jahrbücher der Geschichte haben mit den wechselvollen Ereignissen der Jahre 1800-1815 den Namen und das Wirken eines Fürstensohnes verknüpft, dessen Herz eben so kräftig für die Macht und Ehre seines Hauses schlug als für das Wohl der Völker Oesterreichs, für die gedeihliche Zukunft Deutschlands und für den Gewinn der Menschheit durch güterschaffende Arbeit und Pflege des Sinnes für Natur und Geschichte, Wahrheit und Recht . Die Nachwelt flocht ihm nicht den Lorbeerkranz des schlachtenfrohen Eroberers oder weltbewegenden Staatenlenkers, es war ihm auch das Diadem eines Herrschers nicht beschieden, er war weder eine militärische noch eine politische Größe, aber dafür drückte sie dem Enkel Maria Theresias, der ein halbes Jahrhundert österreichischer Geschichte mitlebte, die Bürgerkrone, die dem werkthätigen Freunde des Volkes, dem Förderer des Gemeinnüßigen, dem Menschen in der edelsten Bedeutung des Wortes gebührt, - als unvergängliche Zierde auf das Haupt ; die Verehrung der Zeitgenossen für ihn blieb das Erbgut der Zeiten. 48)
48) Es fehlt nicht an Biographieen und Beiträgen zur Lebensgeschichte Erzh. Johanns, wie man sich aus dem Verzeichnisse in Schlossar's „Literatur der Steiermark", 1886, S. 9-11 , Nr. 189-251 überzeugen kann, und noch immer fließen solche Beiträge zu ; immerhin gibt es noch keine, dem
II. Erzherzog Johann und Tirol 1800-1812 .
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Zwei Landschaften Desterreichs im Bereiche der Alpenwelt, an deren Reizen sein naturfreudiges Gemüth mit allen Fibern hing, dürfen vor Allen um den Platz in seinem Herzen streiten, die Steiermark , mit welcher der größte Theil seines fruchtbaren Lebens verwuchs, wo
er recht eigentlich heimisch war, wo er die
Augen für immer schloß,
und Tirol , das sich der Jüngling
und Mann zur eigentlichen Stätte gedeihlichen Wirkens auserſah, an dessen wechselvollen Geschicken er mit Hand und Herz Theil hatte, und wo er sich die lezte Ruhestätte erkor.
Erzherzog Johann hatte seit dem Jahre 1800 Tirol kennen und lieben gelernt. 49)
Es war dies bei Gelegenheit einer Dienſtals jugendlicher Armee-
ceise, welche er im Herbste des Jahres
kommandant von achtzehn Jahren über Wasserburg in Niederbaiern nach Kufstein und Innsbruck, mit dem Zwecke, die bairisch-tirolische Grenze kennen zu lernen, dann über Nauders, Meran und Bozen, über den Brenner wieder nach Innsbruck und zurück über St. Johann im Pongau und Salzburg unternahm, und deren landſchaftliche Eindrücke ihn zu einem begeisterten Briefe an Johannes von Müller, seinen Lehrmeister in der Geschichte, veranlaßten. Sieben Monate später (August, Sept. 1801) ſehen wir den Prinzen Nord- und Südtirol dazwischen Vorarlberg durchwandern.
1804, im Sommer, reiste er wieder ins Land am Inn
und an der Etsch.
Dann kam es zum Feldzuge des Jahres 1805,
der ihn Mitte September zunächst als Seele des allgemeinen Waffenaufgebotes im Herzen des Landes zeigt. 50) Die schlimme Wendung
Manne in seinen verschiedenen Lebensrichtungen und Lebensläufen erschöpfend gerechte Darstellung, deren besondere Schwierigkeiten allerdings nicht unterschäßt werden dürfen. Vgl. auch Ilwof, Erzh. Johann u. s. Beziehungen zu den Alpenländern, Ztſchr. d. d. u. ö . Alpenvereines, 1882, S. 1-47. 49) S. D. v. Schönherr, Schloß Schenna, seine Geschichte und seine Besizer. Meran, 1886. Anhang III. „Reisen des Erzherzogs Johann nach und in Tirol ; zusammengestellt aus dessen Tagebüchern von Franz Grafen v. Meran", dem Sohne des Verewigten ( 130 ff.) . 50) Sachgemäß skizzirt bei Egger III . 345 ff. Daß es da und dort etwas Unbotmäßigkeit gegen die „ Regulären “, Kantönlithum, wie der Schweizer sagt, abseßen mochte — zeigt der damalige Brief Erzh. Ludwigs an seinen Bruder Erzh. Johann v. 27. Sept. 1805 aus Boßen (Beil. z . Tgb.) ; er
24
II. Erzherzog Johann und Tirol 1800-1812 .
des großes Krieges drängte ihn im Oktober d. I. zum Rückzuge nach Innerösterreich. In Sterzing und Brunecken nahm er bewegten Gemüthes Abschied von seinen Tirolern und empfing ihren Handschlag auf Sein Abſchiedsdie Wiedervereinigung Tirols mit Oesterreich. im Drucke führt Tiroler" treuen und schreiben an die „ biedern Er selbst sollte das das Datum Innsbruck, 26. Oktober". 51) Land seiner Wünsche erst nach 28 Jahren wieder sehen ; ein widriges Geschick, dessen Erörterung späteren Abschnitten dieses Buches vorbehalten bleibt, hielt ihn gegen seinen Willen und wider all' die Hoffnungen, welche ihn 1812-1816 beseelten, dem Lande fern . Die nachhaltigen persönlichen Beziehungen Erzh. Johanns zu den der bairischen Fremdherrschaft abgeneigten Tirolern wirkten wesentlich mit bei jener Selbstbefreiung des Landes, welche, 1808 von ihm vorbereitet wirklicht wurde.
und gefördert ,
im Kriegsjahre 1809
ver-
lautet im wesentlichen Theile wörtlich : „Ich bin gestern um 4 Uhr NM. glücklich hier angekommen . Ich erkundigte mich überall unterwegs wie es mit der Landmiliz gehe. Ich fand überall , daß Alles schon beiſammen und gerichtet sei. Nur der Ort Algund will sich nicht dazu herbeilaſſen, wie mich der in Meran ſtationirte Hauptmann versicherte. Sie sind zwar schon gemustert worden, allein exercieren wollen sie gar nicht. Neulich als er sie exercieren wollte, machten sie immer das Verkehrte, lachten ihn aus, zeigten ihm den A . . . und gingen von selbst weg . Als er sich nun deshalb an das Gericht wandte, wurde er auch dort ausgelacht. Die Schüßen haben sich auch nicht zur lezten Musterung gestellt. Er versicherte, er wolle lieber Unterlieutenant bei einem Regimente werden, als länger bei der Landmiliz bleiben. Wie ich hier erfahre, will es im Pusterthal mit der Miliz nicht recht vorwärts . Du wirſt ſelbſt am besten wiſſen, was in dieser Sache zu .. Nicht thun ist, ich habe dir dieses blos zur Nachricht schreiben wollen" unerwähnt soll bleiben, daß sich im Nachlasse Erzherzogs Johann auch die Eingabe eines gewissen Johann Schröder, Gubernialamts - Diener-,, Gehielfen" findet, worin er seine mit einer Abbildung erläuterte Erfindung einer zweirädrigen mit Spießen gespickten , Landsturm - Maschine " empfiehlt. (Die Eingabe ist vom 2. November 1805 , Innsbruck, datirt.) 51) S. darüber Schneidawind , Das Leben des Erzh. Johanns von Desterreich S. 85 ff. und insbesondere Moriggl , „ Der Feldzug des Jahres 1805 u. s. Folgen f. Oesterreich überhaupt und Tirol insbesondere." 3 Bde. (Innsbruck 1860–63) III ,
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Diesen Antheil des Erzherzogs an dem Befreiungswerke hat die Geschichte des Jahres 1809 unwiderleglich verbucht. Der Brief der Kaiserin Maria Ludovika vom 16. April 1809 an ihren Schwager bezeugt dies ebenso nachdrücklich, allerdings im Tone des Bedauerns, da die hochsinnige Frau den Aufstand der Tiroler mit ihrem eigenartigen Rechtsgefühle nicht vereinbaren konnte.
Es ist
ein Brief, der wie so mancher Andere die Gefühle des Vertrauens und der Freundschaft ausspricht, welche die Kaiserin dem Erzherzoge bewahrte. 52) Noch aus der für Tirol verhängnisvollen Zeit, welche dem Oktoberfrieden des Jahres 1809 folgte, begegnen wir sprechenden Zeugnissen für den Zusammenhang, iu welchem die Persönlichkeit des Erzherzogs mit dem traurigen Ausgange der Dinge dort blieb, an ihn war ein Nothruf Andreas Hofers vom 22. Oktober gerichtet 53), aber die Hände des Prinzen waren durch den Frieden
52) Vgl. über das J. 1809 die erschöpfende Zuſammenstellung der ge= druckten Quellen und Darstellungen bei Egger III . S. 883–889 und des von ihm benußten Handschriftlichen S. 881-883 . Die ausführlichste, allerdings nicht ganz unbefangene, Darstellung von Tiroler Seite bleibt noch immer die des Zeitgenossen Dr. Josef Rapp ( jubil . k. k. Gubernialrathes und Kammerprokurators zu Innsbruck, geb. 1780, † 30. Juni 1865, damals Finanzrath ; vgl. s. Biogr. von Moriggl , Linz 1865) „ Tirol i . J. 1809 " (Innsbruck 1852). Er ist ein Antipode Hormahrs. Sehr gehaltvoll ist auch die ausführliche und sachgemäße Darstellung bei Egger , III . 527-813 . Den Brief der Kaiſerin an Erzh. Johann, v . 16. April 1809 , s . Anhang Nr. I. (so weit sein Inhalt hieher gehört) . 53) Gleichzeitig schrieb der bedrängte A. Hofer, angesichts der Unsicherheit der ganzen Sachlage (22. Oft. 1809 d . Steinach) an K. Franz I. Der Schluß lautet : „ Ich bitte nochmals fußfällig um Unterſtüßung und Hilfe ; ich und das ganze Land werfen uns in Ihre Arme und so hoffen wir auch sicher auf Ihre Hilfe, indem E. Maj . die Güte ſelbſt und daher als der gerechtesteunter allen Monarchen allgemein verehrt werden . " (Erzh. Joh. Nachlaß, 1809, Beil. Nr. 1648). - V. 24. Oft. 1809 datirt ein Kundschaftsbericht des berufenen Querkopfs Kolb an Erzh. Johann. Wissen wir doch auch, daß noch Ende Sept. also kurz vor dem Abſchluſſe des Wiener Oktoberfriedens ein von Erzh. Johann verfaßter und 12. Sept. an den Kaiser abgesandter Entwurf der Procla = mation zu einer neuen Waffenerhebung in ganz Innerösterreich geplant wurde. In dem kais. Schreiben v . Totis (in Ungarn) an Erzh. Johann (5. s. Nachlaß 1809 , Beil. Nr. 1600, i.) hatte der Polizei-Vizepräsident Frhr.
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II. Erzherzog Johann und Tirol 1800-1812 .
gebunden, er mußte mit schwerem Herzen der Preisgebung Tirols und dem lezten Verzweiflungskampfe aus der Ferne zusehen. Die Flucht der Ereignisse, welche innerhalb der Jahre 1805 bis 1809 sich bewegen, laſſen ihren frischen Eindruck und Nachhall in den Tagebüchern des Erzherzogs erkennen.
Im Bereiche
der tirolischen Frage von 1812-1816, der dieses Buch näher treten soll, bieten sie eine kostbare Fundgrube für die Erkenntnis des Thatsächlichen und seiner tiefer liegenden Bedingungen, ebenso wie für die Beurtheilung dessen, was ſein Innerstes dabei bewegte, was für ihn ein Antrieb zum Handeln aber auch eine Quelle unerfüllter Wünsche und schmerzlicher Enttäuschungen ward . Diesen Fülle
ursprünglichen Tagebüchern ,
maßgebender
Belege
Erzherzog Johann noch
aller
Art
begleitet
die
von
erscheinen ,
am Abende seines Lebens ,
mit
einer hat seiner
Emsigkeit und gewiſſenhaften Ordnungsliebe, aber auch mit seiner Pietät für das Erlebte und den weiten Kreis der ihm verwandten und befreundeten Zeitgenossen, - Eigenschaften, die bei ihm hervorstechen,
fortlaufende Bemerkungen, Fingerzeige, mitunter auch
längere Skizzen der Ereignisse, mit Hinweisen auf jene Belege, gewiſſermaſſen ein zweites Tagebuch in Schlagworten, eine Rückschau auf alles Erlebte, zugesellt.
Was dort als gleichzeitig Ge-
dachtes und Empfundenes, als Tagesbericht, ausführlich oder knapp, je nach seiner Bedeutung oder der Stimmung des Augenblicks entsprechend, der fleißigen Feder entquoll, findet sich hier im Greiſenalter, gleichsam aus der Vogelschau, kurz betrachtet, berichtigt oder ergänzt. Und noch eines Umstandes möchten wir da gedenken. Grundzug der Natur des
Erzherzogs
war
Ein
das Wohlwollen, der
Optimismus eines warmblütigen Herzens, das vollen Glauben und reiches Vertrauen der Welt entgegenbringt und sich auch durch erlebte Enttäuschungen nicht zum Gegentheile bekehren läßt. Manche dieser Enttäuschungen, aus denen
ein wesentlich anderes Urtheil
v. Haager den Auftrag erhalten, ihn in 3--4000 Exemplaren u. z . in allen inneröst. Sprachen zur Verbreitung an Erzh. Johann gelangen zu laſſen (Vgl. die Notiz in Krones , Z. Geſch. Oesterreichs . . . 1792-1816 , Gotha 18861 S. 144, wo er sich angedeutet findet.)
II. Erzherzog Johann und Tirol 1800-1812 .
27
über Erlebtes, Thatsachen und Persönlichkeiten, floß, findet sich nun in den Aufzeichnungen des Lebensabendes, ja nicht selten als Randgloſſe in das ursprüngliche Tagebuch eingetragen. Ungleich häufiger begegnet man jedoch Richtigstellungen eines vom Erzherzoge nachmals als übereilt oder in der Aufwallung des Gefühles abgegebenen Urtheiles, das nun zu Gunsten des Betroffenen verbeſſert erscheint. Solche Randbemerkungen begleiten auch des ursprüngliche Tagebuch, oder es fand sich der Erzherzog bewogen, da und dort eine solche Stelle auszustreichen. Darin spiegelt sich das jenem Grundzuge seiner Natur entsprechende Bestreben ab, die bessere Seite der Menschen zu ergründen und sich an dieſer für die minder löblichen schadlos zu halten, dem ursprünglich härter Beurtheilten oder Verkannten in seinem Wesen, Thun und Lassen gerecht zu werden. Erzherzog Johann war eine weiche, ungemein empfängliche Persönlichkeit, welcher der Verkehr mit der Natur, mit unverkünstelten
naiven,
anderseits mit tief angelegten, reich begabten
Menschen und mit guten Büchern stets Bedürfniß blieb, der für das allgemeine Wohl in großen oder bescheidenen Verhältnissen einen raſtlosen Trieb nach Thätigkeit fühlte, und dies alles in um so
erhöhtem Maaße,
je mehr ihm die Schranken seiner hohen
Lebensstellung, anderseits die Hemmnisse seines Strebens bewußt waren, und je weniger ihn anderseits die Förmlichkeiten und der bloße Zeitvertreib in den hohen gesellschaftlichen Kreisen befriedigen fonnten. Dennoch würde man weit fehlen, in dem Erzherzoge einen Demokraten im Fürstenmantel erblicken zu wollen. Es lebte in ihm eine unwandelbare Achtung für das geschichtlich Gewordene, für den überlieferten Glauben und die ererbten Sagungen in Brauch und Sitte, denn sein bevorzugtes Fach war die Geschichte, in deren Blättern anderseits sein bewegliches Auge die. Nothwendigkeit des Fortschrittes und gemeinmenschlicher Rechte verzeichnet fand ; die grausen Verirrungen der französischen Umwälzung hatten seinen Blick für den Anspruch der Völker auf Bildung und Wohlfahrt nicht zu trüben vermocht, und war auch dem habsburgischen Prinzen die Ueberzeugung von der unbeschränkten Hoheit des Monarchen geläufig, so entwickelte sich doch in ihm stets leb=
II. Erzherzog Johann und Tirol 1800-1812 .
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hafter die Vorliebe für verfassungsmäßige Zustände, und wider rohe Herrscherwillkür wallt jederzeit ſein Herz auf. Erzherzog Johann war auch kein Romantiker, wie sehr ihm auch Freude an der Natur, am Voltsthümlichen, Sinn und Vorliebe für deutsche Art eigen waren und blieben.
Fern jeder ge=
machten, poetisirenden Ueberschwänglichkeit der Empfindung , allen Gefühlsdämmerungen, allem Selbſtironiſiren und jenem zerseßenden Pessimismus, der die Natur bemängelt und den Idealen der vom Pflichtgefühle getragenen Lebensanschauung mit dem Lächeln der Ueberlegenheit Hohn spricht, - versenkte sich der Kaisersohn in die Reize
der Natur,
ausgerüstet
mit
gediegenen,
insbesondere
botanischen Kenntniſſen, mit dem klaren, scharfen Blicke für das Gesammte und Einzelne und namentlich für das, was den reichen Gaben der Natur den eigentlichen Werth verleiht, für das Leben und Schaffen des Menschen innerhalb ihres Kreises und mit ihrer Hilfe.
Neben dem Naturfreunde, der vor allem die Gebirgswelt
liebt, gern auf ihren Höhen wandelt und innerhalb ihrer Bevölkerung weilt,
macht sich auch der Liebhaber der Landwirthschaft
geltend, dem nicht leicht ein örtlicher Mangel und Fortschritt dieser Richtung entgeht. Deshalb fühlt er sich auch in Frühjahrs-, Sommers- und Herbstzeit am wohlsten auf seinem Gute Thernberg, im Wiener Walde
am Schlattenbache,
nahe
der steierischen
Grenze 54)
als
Grundherr und Landwirth, von wo er weite Wanderungen in die Nachbarschaft einheimst.
antritt
und
nene
Eindrücke ,
Die Residenz macht ihn stets bald müde, wie in ein erfrischendes
neue
Erfahrungen
er flüchtet hinaus,
Stahlbad ; hier wird sein Denken und
Empfinden kräftiger, des Druckes und der Störungen ledig , die ihm dort lästig fallen.
Dennoch bleibt er da und dort eine ge-
sellige Natur, der ein anregender Verkehr mit Menschen verschiedener
54) Dies Gut kaufte 1807 der Erzherzog Johann dem damaligen Beſizer, Johannes Konstantin Wlaſto, einem Griechen von Herkunft, ab. Vgl . Schweickhardt's Darstellung des Erzh. Oesterreich u . d . E. Wien ( 1833) VI. Bð . S. 222 ff. über Thernberg, das als Schloßbau ins frühe Mittelalter zurückreicht.
29
II. Erzherzog Johann und Tirol 1800-1812 .
Lebenskreise Bedürfniß ist, und, mag es die Stadt oder der Gebirgswinkel sein, überall nimmt
er Bücher zur Hand,
wechselnden Ansprüche geistiger Nahrung
um für die
Sorge zu tragen.
Ge-
ſchichte, Naturkunde, Reisebeschreibungen, Militärwiſſenſchaft treten da in den Vordergrund . Die Tagebücher des Erzherzogs, die wir für dieses Buch vorzugsweise benüßten, betreffen die Jahre 1809-1816 ; sie bewegen sich innerhalb seines 27. und 34. Lebensjahres, in der Zeit des kräftigſten Mannesalters.
Eine gewaltig erregte, an großen Um-
wälzungen reiche Epoche findet sich hier, theils in Schlagworten theils
in Betrachtungen,
mit
der ganzen Frische
unmittelbarer
Empfindung und Aufzeichnung untergebracht, und dazwischen läuft der Faden der eigenen Lebensgeschichte, des Erstrebten und Gewollten, der innersten Regungen, wie sie der Augenblick bescheert, und die gleich der Ebbe und Fluth im Gemüthe wechseln. Diese Aufzeichnungen
lassen uns erkennen,
wie warm der
habsburgische Prinz für die Wohlfahrt und Zukunft Oesterreichs und des eigenen Hauſes empfand, wie er deutsches Wesen als sein eigenstes fühlte.
Das innige Verhältniß zu den Brüdern, ins-
besondere zu Erzherzog Karl , das im Jahre 1809 eine vorübergehende Trübung
erlitt 55), aber durch Erzherzog Johann wieder
hergestellt, keinerlei weiteren Mißverſtändniſſen ausgesezt war und in dem gleichartigen Geschicke beider Prinzen seine Festigung erlebte, findet in diesen Blättern ebenso klare Belege wie die Anhänglichkeit Erzherzog Johanns an seinen ältesten Bruder, seinen „Kaiser und Herrn ", bei allen Gegensäßen des Charakters und der politischen Anschauungen, als Ausfluß der patriarchalischen Stellung, in welcher wir Kaiser Franz zu seinen Brüdern finden, und deren eifersüchtige Wahrung von Seite des Monarchen den Schlüssel zu Thatsachen bietet, die uns weiterhin beschäftigen sollen. Die Tagebücher reden eine schmucklose Sprache, wie sie der Augenblick eingab, nicht gewählt und nicht gefeilt ; sie sollten zunächſt ja nur die eigenen Erinnerungen an das Erlebte feſtigen und 55) Als Nachwehen der Ereignisse, die dem Siege bei Aspern und insbesondere der Wagramer Schlacht folgten. Vgl . darüber mein i. Anm. 53 cit. Werk v. Krones, S. 110 ff.
30
II. Erzherzog Johann und Tirol 1800-1812 .
ein stilles Vermächtniß für die Nachwelt sein ; dennoch muthen den Leser gerade diese Schlichtheit, dieses Sichgehenlaſſen in der Ausdrucksweise ebenso an wie die am meisten verbreiteten Bildniſſe des Prinzen, welche ihn uns im Lodenrocke, miit Gemsbarthut, Büchſe und Alpenstock vorführen .
Es ist das gleiche Erfrischende, das uns
in ſeinen Bemerkungen über Staatskunst, Volkswohl, Recht und Sitte wie
Gesellschaft,
Gebirgsluft anweht, doppelt erquicklich in
einer Zeit, deren Wust an Staatsschriften und Korrespondenzen einen drückenden Dunstkreis schuf.
Inmitten der zünftigen Ver-
treter der Staatskunst ist der „ Gefühlspolitiker " willkommen, wenn auch nicht immer überzeugt, dennoch stets anspricht, sich ins Herz blicken läßt
da
der, er
und, absichtslos, die wichtigsten Be-
obachtungen verbucht. Das glaubten wir vorausschicken zu sollen,
bevor
wir die
Tagebücher aus den Jahren 1805-1812 für das Verhältniß des Erzherzogs zu der Sache Tirols das Wort nehmen lassen. In diesen Aufzeichnungen begegnen uns 1805 zum 10. Auguſt unter der Ueberschrift „ Was ich mir wünsche " 56) die Bemerkung, er möchte an kriegen,
der Spize des Auffenberg'schen Corps
überzeugt,
hier
in
Tirol
am meisten dem Vaterlande dienen zu
können. In Tirol könnte er seinem Bruder mehr nüßen als ein anderer. Pia desideria (fromme Wünsche ) ! mit diesem Stoßseufzer schließt diese Betrachtung. Wenn hier zunächst der Thatendrang des dreiundzwanzigjährigen Militärs sich äußert, so verbürgt uns drei Jahre später (22., 23. November 1808) eine ausführliche
56) Tageb. z. 10. 10. Aug. 1805 . . . „ Mich wünschte ich in Tirol an der Spiße des Auffenberg'schen Korps, überzeugt, hier am meisten dem Vaterlande dienen zu können “ . . . Es heißt dann weiter . . . „ Nach Italien soll ich gehen als Kommandirender unter meinem Bruder ; fähig bin ich noch nicht eine so große Armee zu leiten. Was werde ich da thun. Obwohl mein Bruder Karl väterlich mir alles zeigen, alles kommuniciren würde, so wäre ich doch da todt, umſonſt und unverwendet mit Kopf und Herz . Soll es drum sein, wenn ihm ein Unglück geschieht, oh, ſo iſt Ludwig (Erzh.) ebenso gut, denn der Plan wird gemacht sein und umgeben bleibt er doch von Zach und Bellegarde, die fähig sind , ihm an die Hand zu gehen, und Talente hat er so viel wie ich. In Tirol könnte ich Karln selbst mehr nußen denn ein Corps . . Pia desideria !"
II. Erzherzog Johann und Tirol 1800-1812 .
31
Stelle des Tagebuches, daß ihn der Kaiser am meisten mit der Statthalterschaft in Tirol beglücken würde. 57) Seither wuchs Tirol dem Erzherzoge immer mehr ans Herz ; besonders hart traf ihn der Ausgang des Kriegsjahres 1809, das schlimme Loos des preisgegebenen Landes .
In einer nebenläufigen Aufzeichnung
vom Dezember 1809
gibt er diesen Empfindungen lebhaften Ausdruck , er klagt, daß man das Land im Stiche ließ, und noch am Abende seines Lebens kommt er auf das Geschick Tirols und auf Vorgänge zu sprechen, die ſeinen eigenen beſten Willen lähmten, die Bewegung verhängnisvoll anfachten. Jedes Wort athmet die Ueberzeugung die Staatskunst 57) Tageb. z. 22. , 23. Novemb. 1808 gelegentlich der Mittheilung des damaligen Ministers Stadion, Frhr . v. Erlach plane die Vermälung Erzh. Johanns mit einer Verwandten Napoleons , wogegen sich Johann als „unsinniges Projekt“ ereifert. Daran knüpft der Erzherzog nachstehende Betrachtungen : .. Ich bleibe, wie ich bin und will nicht mehr, frei wie ich bin und treu meinem Kaiser und keinem Andern. Ich habe mir es zum Geseze gemacht, nie eine Krone oder Regierung anzunehmen . . . treu Oeſterreich ; dieſen Boden verlasse ich nicht, von meinem Kaiser weiche ich nicht. Zu arm bin ich um ſtandesmäßig zu heirathen, doch hab' ich genug zu meinem Lebensunterhalt, gibt mir mein Herr, um mein eigeues Haus zu halten, dann verlange ich nichts mehr, selbst vom Onkel Albert (Prinz Albert v. Sachsen-Teschen, Erzh. Karls Adoptivvater) und Karl nichts, und sollte das große Vermögen des Erſteren auf mich kommen, so würde ich es, mich einbegriffen, mit meinen Brüdern Anton, Rainer, Ludwig theilen, ſo daß wir Alle gut leben könnten. (Bekanntlich aber heirathete Erzh. Karl 17. Sept. 1815. ) Will mich mein Kaiser glücklich machen, so gebe er mich als Gouverneur in eine deutsche Provinz, daß ich dort wenigstens etwas Gutes thun könne, denn ich bedarf Thätigkeit und will für Andere wirken ; in einer Kanzley trockenes Papier verzehren ist nicht meine Sache. Durch acht volle Jahre war ich gebunden ; nie war ich ein Freund der Hauptstadt. In einer Provinz, welche ich kenne, und wo man mich kennt (damit war ſelbſtverſtändlich Tirol gemeint), ebenso wie Andere den hiesigen Stellen untergeordnet, könnte ich Militär und Civil unter mich vereinigen ; welch schöner Wirkungskreis bliebe mir im Frieden ! Sorgen für diesen Theil des Staates, dem Kaiser Vorschläge machen, seinen Willen ausführen, losarbeiten auf Moralität, Ehrlichkeit und Treue, für die Jugend sorgen, für die Aneiferung der Wiſſenſchaften, für die Aufnahme des Landes, im Kriege es vertheidigen oder jenseits der Grenze meinem Bruder untergeordnet fämpfen" ..
32
II. Erzherzog Johann und Tirol 1800-1812 .
habe sich damals an dem genannten Lande schwer versündigt" . In jenem erstangeführten Auffage klingt aber auch der Gedankengang in einen Schluß aus, der das heiße Verlangen des Erzherzogs ausdrückt, eine rettende That zu unternehmen. 58) Dann folgt das trübe Jahr 1810, in welchem er wie jeder rechtschaffene Freund Oesterreichs, so recht den bittern Nachgeschmack des Wiener Friedens, seiner Opfer und Folgen verspürt, vor Allem jedoch darüber klagt, daß man seinen Thätigkeitstrieb, die Leiſtungsfähigkeit eines jungen Mannes von achtundzwanzig Jahren nicht „Ich nenne Nichtsthun ", schreibt er (um den verwerthen wolle. 25. September 1810),
wenn ich nicht mittelbar oder unmittelbar
für das Beſte des Staates wirke (denn Beſchäftigung für mich Ich bin 28 Jahre alt, geſund, mein Kopf
habe ich hinlänglich).
und Körper können etwas vertragen, ich fühle mich, daß ich etwas leiſten und angeſtrengt leisten könnte. Mein Streben geht dahin, weil ich zuerst mein Vaterland herzlich liebe und ich muß ungebraucht zusehen, wenn mein Staat und mein Haus täglich sinket. Daß man mich wie einen Schreiber oder Taglöhner mit kleinfügigen Gegenständen beſchäftige, das ist nicht meine Sache.
Ich
58) 1809 Dezember, ( 1736 b) von der eigenen Hand des Erzherzogs 2¼ 4° S. beschrieben (in Versform) : „Trauret Freunde der Krieg ist geendet, nun wird bald Friede. Nicht daß ich den Frieden haſſe, nicht daß (mich) blinder Ehrgeiz durch Krieg Ruhm zu erwerben treibet. Den Frieden, der Menschen größte Wohlthat wünsche ich recht inniglich. Doch Wohlthat muß er sein . . . Hochherzigkeit ist, was Habsburgs Söhne kleidet, des Vaters Rudolfs Tugend war es ja. Wer hieß Leopolden bei Sempach redlich sterben, wer Friedrich in Kummer und Noth ausharren, wer Max und Carl den Mächtigſten trogen, wer Ferdinand und Thereſia ſo unerschütterlich kämpfen ? Darum blieb Desterreich immer groß, weil Muth und hoher Sinn es nie verließ . Soll er von uns gewichen sein ? Wart Ihr gewiß, weil Krieges Glück Euch jezt verließ, daß es so bleiben sollte ? Wo blieb denn Euer Muth, wo Euer Selbstgefühl, daß Ihr dem Feind so unbedingt alles geben mußtet ? Wo dachtet Ihr denn hin, als Ihr Tirol verließet. War dies der Lohn für die bewiesene Treue ? Wo war Euer Stolz, das Gefühl der alten Redlichkeit, daß Ihr dies Volk des Feindes Rache überließet Die thatenschwangere Zeit ist lange nicht vorbei. Wer weiß, wem es von Euch gegeben, dem Vaterlande das zu ſein, was einſt Camill und die Scipionen dem fast besiegten Rom waren. “
II. Erzherzog Johann und Tirol 1800–1812 .
33
will sie auch besorgen, wenn sie mit wichtigen im Zusammenhange stehen. Aber, wenn man mich brauchen wollte, so wünschte ich es auf eine Art, wo Kopf und Herz wirken können. da und thue nichts,
Leider stehe ich
dies nagt beständig an meinem Gemüthe. “ 5º)
In der zweiten Hälfte des Dezembers ( 1810 ) beschäftigt ihn der Gedanke, den auch der „,Tugendbund " in Preußen zu verwirklichen bestrebt war :
„ Vereinigung der Guten, Erprobten zur Erhaltung
des Guten in den Zeiten der nahenden Barbarei, wohin uns Napoleon , wenn er noch lange regiert, bringen wird. Wäre ich in Steiermark fest, so wäre dies noch leichter. Hier (Wien) ist es schwer, weil alle Tritte belauscht werden . . ." So ist ihm denn auch dieses Land ein ersehnter Boden seiner Saat für die Zukunft. nach Tirol durch. 6 ) 1811 :
Aber immer wieder schlägt die Sehnsucht 11 Wollte Gott " , schreibt er Anfangs Mai
ich sähe es wieder.
Es ist nicht Ehrgeiz, aber ich paßte
am besten zu den Leuten."
Bevor wir uns
in das an solchen Aufzeichnungen ungleich
reichere Tagebuch des Jahres 1812 vertiefen und erkennen lernen,
59) Tagebuch 1810--1812 ; 3. 14. - 25 . Septemb. 1810 (Wien) . Schluß : ་་,Wenn ich einmal werde 40 Jahre alt sein, so werde ich lange dies nicht leiſten können, was ich jezt thun könnte. Wer ersezt mir diese verlorne Zeit, wer kann mich dann trösten, beruhigen ? Niemand ! . . . (Randbemerkung aus ſpäter Zeit: " Das war mein Kummer durch 30 Jahre ; was hätte ich leisten können !") 6º) Tageb. 1810-1812 , z . 16./27 . Dez. 1810. Schon zum 14./25 . Sept. 1810 findet sich (d . Wien) dieſer Gedanke aufgezeichnet : . . . . Der Erzh. hebt mit einem Stoßseufzer über die sich immer durchkreuzenden Einflüſſe auf die Regierung an : „Auf was soll man nun zählen ? Einmal hat A, einmal B, einmal X Einfluß und dies ſo veränderlich wie ein Aprilwetter. Glücklich der, der nichts zu sagen hat und entfernt ist. Wollte Gott ich könnte aufpacken und dahin kommen, wo ich es so lange wünsche und wo ich Gutes wirken könnte, bis einſt beſſere Zeiten kommen, wo mich mein Staat und Fürſt ſo brauchen mag, wie ich es im Stande zu leisten wäre. “ "! Morgen gehe ich zurück nach Thernberg , froh, Wien zu verlassen, wo ich mich nur geärgert habe und gesehen, wie gewaltig es bergab gehet, und wie sehr es Zeit ist zu denken an eine Vereinigung rech t = licher Männer , um bei einem Stoß noch die Bruchstücke zu retten." Krones , Tirol 1812-1816. 3
34
II. Erzherzog Johann und Tirol 1800-1812 .
wie jener Plan in der Seele des Erzherzogs immer bestimmtere Geſtalt annahm , muß einigeu Vorbetrachtungen Raum gegeben werden. -1810 1812 stand Napoleon auf dem Höhepunkte seines Glücks. Der Erfolg ist der Meister der Dinge, und vor der abenteuerlichen Maßlosigkeit dieser Erfolge, vor dem Imperator
der
Alles wagen zu dürfen schien, weil ihm bisher Alles geglückt, lag die halbe Welt im Staube, oder fügte sich, entmuthigt oder grollend, der rücksichtslosen Gewaltherrschaft. Jene Männer aber, welche sich ihr nicht beugen wollten, oder, dem Gebieter über eine halbe Welt gefährlich scheinend, geächtet und verfolgt wurden, suchten außerhalb seines Machtkreises eine Freistatt und harrten der Zeit, in welcher das Geschick mit dem verwöhnten Sohne des Glückes würde. 61)
abrechnen
Durch das Mißgeschick im Kriegsjahre 1809 niedergeworfen, eines großen Länderkreises beraubt,
vom Meere
abgeschnürt,
in
seinem staatlichen Ansehen und Geldwesen bedenklich erschüttert, umflammert von der Macht Frankreichs und seiner Vasallen, den vordersten Rheinbundfürſten :
Baden,
Würtemberg,
Baiern
und
Sachsen, hatte Desterreich, nächst England der beharrlichste Gegner Napoleons, den Gedanken an einen neuen Waffengang auf unbestimmte Zeit vertagen müssen. Erschien doch dieser Gedanke in Folge mehrfacher bitterer Erfahrungen als ein hoffnungsloser, und K. Franz glaubte sich dem Wunsche des von ihm gehaßten und gefürchteten Erben der Revolution fügen zu müſſen ;
er gab ihm
seine Tochter zur Frau, da sich, wenn wir Metternich glauben dürfen,
Maria Luise mit ihrem Willen dem
Interesse des
Reiches " fügen zu müſſen erklärte. 62) Die des Krieges müde und eingeschüchterte Bevölkerung gewahrte
61) Vgl. (Hormayrs ) Lebensbilder aus den Befreiungskriegen I., II. (2. Aufl.) die Werke über Stein von Perß und Seeley und Fh. v . Helfert, Maria Louiſe von Oesterreich, Kaiſerin der Franzosen (Wien 1873 ) insbeſ. 180 ff. Vgl. auch Krones „ 3. Gesch. Desterr. 1792-1816 ", S. 220-229. 62) Aus Metternichs nachgelassenen Papieren" h. v. s. Sohne , besorgt v . A. v . Klinkowström, I. S. 98 ff. insbes. S. 100 .. und Aktenstücke II . 317-356. Helfert a. a. D. 60 ff.
11. Erzherzog Johann und Tirol 1800-1812.
35
in diesem Ereigniß eine willkommene Bürgschaft des Friedens, und der Monarch theilte diese Ansicht,
womit sich die Hoffnung ver-
knüpfen mochte, in diesem neuen Verhältnisse zu Napoleon die Gelegenheit zu gewinnen, das Verlorene theilweise wieder zurück zu erwerben. Selbst Metternich , der neue Lenker des Staatsschiffes, wie sehr er auch bemüht iſt, in ſeinen Denkwürdigkeiten ſelbſtgefällig darzulegen, daß seine gesammte Politik vor und nach dem Märzvertrage d. J. 1812 mit Napoleon darauf berechnet war, Oesterreich sich sammeln und rüſten zu lassen bis zum Augenblick der neuen, großen Entscheidung, und wenn wir ihm auch glauben mögen, daß seine Abneigung gegen das Syſtem Napoleons mit der Voraussicht ſeiner Unhaltbarkeit zuſammenging, 63) — dachte zunächst wohl nur an ein Ausnüßen dieſes Verhältniſſes, an die möglichste Sicherung Desterreichs nach allen Seiten, als der Cäsar an der Seine zum entscheidenden Waffengange gegen Rußland ſich anſchickte ; rechnete weit mehr mit dem Kriegsglück Napoleons
auch er
als mit der
Möglichkeit eines verhängnisvollen Ausganges dieser so großartig ausgerüsteten Unternehmung. 64)
63) Vgl. insbesondere den Vortrag Metternichs an den Kaiser in Graz v . J. 1810, 17. Januar, sammt kais. Reſolution II. 405–420 u . I. 115–117. S. auch m. Werk 3. Gesch. Desterr. 1792-1816, S. 207–213. Vgl . Baillou über die Memoiren Metternichs, Sybels hiſt. Zeitſch. XLIV. Bd . 227 ff. und Fournier Napoleon I., 2. Bdch. ( 1888.) Schluß. 64) S. Metternich a. a. D. II . 417-420 u . die kais. Reſolution S. 420, desgleichen der Vortrag v . 28. Nov. 1811 an den Kaiſer II. 426 ff. und vom 15. Januar 1813 S. 438–442 . Napoleon lenkte in seiner Besprechung mit Schwarzenberg das Augenmerk auf folgende politische Gesichtspunkte : 1. Garantie oder der Umtauſch Galiziens nach Desterreichs Belieben. 2. Illyrien als Compensationsobjekt. 3. Die Hinweisung auf die türkischen Fürstenthümer und auf eine neue Grenze gegen Deutſchland als Acquiſitionsgegenstände. (Als hauptsächlichsten , größten Acquisitionsgegenstand sah Metternich die illyrischen Provinzen an. ) - Die Frage über die Grenze gegen Baiern könne allenfalls wie jene bezüglich Schlesiens auf den Zeitpunkt des Friedens verschoben werden, jedoch müſſe er wünschen, daß bei erſterer wenigstens alsbald die Zuſicherung zu erhalten gesucht würde, daß wenn nicht die ehemalige Inngrenze wenigstens eine andere als die gegenwärtige, 3*
II. Erzherzog Johann und Tirol 1800--1812 .
36
Und so rechnete auch die Allgemeinheit, nicht blos der Kreis der Verehrer, sondern auch der der Gegner Napoleons. In der schwülen Uebergangszeit
der Jahre
1810-1812
tauchten in Desterreich Persönlichkeiten auf, welche bestrebt waren , als
Anwälte
der Sache Deutschlands
die Gemeinsamkeit ſeiner
und Desterreichs Interessen zu vertreten und Napoleons Gewaltherrschaft als das allgemeine Unheil zu brandmarken.
Als Gegen-
säge in ihren politischen Anschauungen über Deutschlands Zukunft, aber eines Sinnes in der Verurtheilung der Politik Napoleons , erscheinen der von ihm bestgehaßte Freiherr von Stein , gefügt wie sein Name, 65) und Freiherr von
feſt-
Gagern , weicher,
beweglicher, in seinem Wesen verwandter dem österreichischen Naturell, ein Mann voll Begeisterung für die deutsche Sache, nicht so klar und entschieden in seinem politiſchen Denken wie jener, aber ebenſowenig ein „ Träumer" als ein „ Partikularist“ in des Wortes landläufiger Bedeutung. 66) Wir begreifen, daß sich zwiſchen ihm und Erzherzog Johann ein inniges Verhältniß entwickeln konnte. Stein und Gagern waren „ Napoleonshaſſer “ und „ Deutschthümler", wie solche der österreichische Premier in seinen Denkwürdigkeiten da und dort mit einem unfreundlichen Seitenblicke
eine auf beſſere militärische und adminiſtrative Punkte berechnete Grenze versichert würde." (S. 439–440 .) 65) Vgl. über den Aufenthalt Stein's in Desterreich 1809-1812 (Mai) das Werk von Perz II . 4. Buch, anderseits Seeley II. Bd . desgl. findet sich in Krones , Zur Gesch. Desterr. 1792- - 1816 einiges Einschlägige S. 221-227 bemerkt. 66) S. die Autobiographie Gagerns in s. Werke Mein Antheil an der Politik" I. Bd . ( 1823, Stuttgart) und die biogr. Sfizze von K. Wippermann in d. allgem. d . Biogr. VIII. 303–307 . Hanns Chriſtoph Ernſt Frhr. v. G. geb. 25. Jan. 1766 auf dem reichsrittersch. Schloß zu Kleinriedesheim bei Worms als S. des herzogl. pfalzzweibrücken'schen Oberhofmeiſters geh. Rathes Freih. Karl Gottlieb v. G., s . 1786 Landespräsident des oraniſchen Fürsten Friedrich Wilhelm von Naſſau-Weilburg, 1795 für die Gründung eines „engeren Fürstenbundes“ thätig ; durch das Dekret Napoleons von 1810 gezwungen aus naſſau’ſchen Dienſten zu treten. 1810-1813 in Wien lebend. Treitschke (D. Gesch. I. II . ) ſicht in ihm natürlich blos den phantastischen Partikularisten.
37
II. Erzherzog Johann und Tirol 1800–1812 .
bedenkt 67) , denn sie galten ihm als voreilige Umſturzmänner und Träger zweischneidiger Ideen. Auch eingefleischte Oesterreicher und Bureaukraten wie ein Baldacci68), noch immer ein Vertrauensmann des Kaisers und Metternich schon deshalb unbequem, fanden fich unter den „ Napoleonhaſſern". Der Antinapoleonismus erscheint damals in Oesterreich weit verzweigt und von verschiedenen Persönlichkeiten der höheren Gesellschaft als
ein stiller Krieg gehegt und gepflegt, wie sich dies in
manchen aristokratischen Salons Wiens, anderseits in den böhmischen Bädern als Sammelpunkten der vornehmen Welt kundgab, oder als förmliches Programm weitaussehender politischer Unternehmungen, von hochgestellten und rührigen Persönlichkeiten entworfen und verfolgt.
An der Spize letterer stand Erzherzog Franz von Este,
der Bruder der Kaiſerin Maria Ludovika ; ſein Ausflug auf die jonischen Inseln, auf das dalmatinische Eiland Lissa hatte vornehmlich den Zweck, mit England, dem Erzfeinde Napoleons , in steter Fühlung
zu
bleiben.
Das
brittische
Kabinet
besaß
an
Johnſton und King eifrige Sachwalter in der Kaiserstadt an der Donau.
Fiquelmont , Latour , Catinelli gehörten zu
den namhaften Begleitern des Prinzen.
Der hannoveranische Graf
Walmoden und der ebenſo projektenreiche als geſchäftige Wallone, Graf Nugent , eine ritterliche Natur, waren bei den französischen Gleich verdächtig
Aufpaſſern in Wien sehr schlecht angeſchrieben.
wie die „ Schleppträger" Englands, mußte der franzöſiſchen Diplomatie der Kreis der Schüßlinge des russischen Gesandtschaftshotels allda erscheinen. 69)
67) Metternich a. a. D. I. S. 128 u . 136–7. 68) Ich versuchte in m . Werke „Z. Gesch. Desterr. 1792-1816 “ die nicht zu unterschäßende Bedeutung dieses Mannes, als Vertrauensperſon des Kaiſers zu zeichnen . Frhr. Anton v. Baldacci blieb es auch, als Präses des General-Rechnungsdirektoriums (s. 9. Mai 1811 ), wie zuvor als Mitglied des Staatsrathes und Konferenzministeriums. Die tirolische Verfaſſungsfrage wird uns mit ihm noch öfters zuſammenführen. 69) Vgl. darüber (Hormayr's ) Lebensbilder aus den Befreiungskriegen 2. Aufl. I. 83 f., II. 150 f. ( „ Die Heldenpilgerfahrten Nugent's “ ) u . Helfert's Maria Louise S. 170 u. a. a. C.
II. Erzherzog Johann und Tirol 1800-1812 .
38
Unter solchen Verhältnissen stand Erzh. Johann wie ein aufmerksamer Beobachter zunächst mit verschränkten Armen da ; auch ſeine Wünsche und Vorsäge entwickelten sich im Gange der Zeit. Zunächst fühlte er die Nothwendigkeit einer Wiedergeburt des eigenen, darniederliegenden Staates . Deshalb spricht das Tagebuch aus dem Spätjahre 1810
von drei nothwendigen Maßregeln. Zunächst müſſe man ſich mit Napoleon „ verstehen “, man müſſe ergründen, was der Gewalthaber an der Seine, sein vom Schicksal aufgedrungener Schwiegerneffe, über das weitere Verhältniß Oester= reichs
zu Frankreich
denke,
und was Oesterreich von ihm zu Zweitens bedürfe es eines gedeihlichen Systems der Finanzverwaltung und drittens der Regeneration des erwarten habe.
Innern.
Man solle alle heterogenen Theile einander nähern, den deutschen Ländern die Zügel etwas schießen, den ungarischen etwas fester anlegen lassen ; die vier Stände überall errichten, ihnen Antheil an dem Ganzen geben und dadurch, „ daß sie mitwirken, den Patriotismus wecken“. Mit diesen leicht hingeworfenen Worten gibt er seiner Ueberzeugung von der Zeitgemäßheit einer gleichartigen Repräsentativ= Verfaſſung Deutsch-Oesterreichs, mit einem Seitenhiebe auf Ungarns allzu großen Vorsprung im Selfgouvernement, Ausdruck. 70) Immer unerquicklicher wird ihm das Wiener Dasein, Zwielicht, die Gewitterschwüle der politischen Verhältnisse.
das Der
Krieg zwischen Frankreich und Rußland erscheint ihm f. Mai 1811 als "1 richtig ". „Bewahre mich Gott vor Amt und Wirkungskreis “ , schreibt er im August 1811 , „ den, den ich wünsche, ausgenommen, unɔ das ist jener in Graz , weil ich überzeugt bin, da nüßen zu können. “ 71) Wir werden später nochmals diesem Gedanken begegnen. Auch andere Gedanken
beschäftigten
damals
sein
aufgeregtes
Innere.
70) Erzh. Johanns Tageb . 1810-1812, z . 16. - 27 . Dez. 1810 . . Das ewige Gesez, welches den Zeitgeist leitet, läßt sich nicht hemmen.“ 71) Ebenda, 30. Mai - 5 . Juni 1811. Randbemerkung aus später Zeit ,,Fire Idee wegen Graz. Die Ereignisse brachten mich in so weit davon ab, daß meine Wünsche sich auf das möglichste Gute auszuführen beschränkten, und ich nicht mehr an so eine Anstellung dachte."
II. Erzherzog Johann und Tirol 1800--1812.
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Einen Theil des Sommers brachte er, damals kränkelnd, im ſteiermärkischen Kurorte Rohitsch zu .
Er traf hier mit dem Bruder
Napoleons, dem Erkönige von Holland,
Ludwig Bonaparte,
zusammen. Mit dem Trübsinn mischt sich die Sehnsucht nach dem Glücke der Häuslichkeit nach eigenem Herde und Kindern. 72) Es brennt ihm der Boden unter den Füßen.
Um Neujahr
1812 drängt es ihn abermals zu einer längeren Ortsveränderung. Er besorgt das Schlimmste. 73) Um diese Zeit sprach Hormayr bei ihm vor
eine Per-
sönlichkeit, deren Beziehungen zum Erzherzoge weiter unten eingehendere Behandlung finden werden. heißt es im Tagebuche (7. , 8. Jänner)
„Hormayr war bei mir “ , • er meinte, das Beſte
wäre, wenn ich als Volontär zu Napoleon käme, weil er mich dann lieb gewinnen und
ich dort manches Ueble verhüten könnte.
Mag ſein ; ich wünsche es nicht ;
ich möchte wohl ihn und seine
Umgebung kennen, darum am liebsten auf 3 Monate nach Paris ; sonst aber nichts . . . " 74) Man sieht welch' abenteuerliche Projekte in der Nähe des 72) Es war dies im Juni Juli 1811 ; er reiste damals von Rohitſch durch Unterſteier ins Kärntner Ostgebiet. Zu seinen Herzenswünschen macht er in späteren Tagen die Randbemerkung : „Beides ( Ehe und das Geschenk eines Kindes) kam wunderbar in Erfüllung, lezteres gab mir Gott 1839 ( Geburtsjahr des Grafen von Meran) . Das durfte ich damals nicht hoffen.“ Im Spätherbste finden wir ihn abermals in der Steiermark. Als er vom Schloſſe Frauheim (bei Badendorf im Gerichtsbezirke Wildon) einen entzückenden Sonnenuntergang betrachtet (November 1811 ) - schreibt er unter diesem Eindruck : „es fielen mir alle meine Pläne, alle meine Vorsäge wieder ein ; sie wurden erneuert und befestigt ; kann ich nicht so glücklich als Mensch sein, oh ſo laſſe mich wenigstens andere glücklich machen.“ . „ Drum kann ich jenen nicht verzeihen, die den Kaiser hinderten, mich nach Innerösterreich zu senden; zwei Jahre 1809-1811) machten sie mir verlieren und noch kann ich nicht ſo wirken als wäre ich dort. (Randbemerkung aus später Zeit : „ Fixe Idee ! Ich wäre dort ebenso gelähmt gewesen, das System wäre geblieben !") 78) Tageb. 1810-1812, z. 1. Jänner 1812 : „ Gott gebe, daß das Jahr 1812 nicht das leßte für Oesterreich ſei, aber es fängt gewaltig trübe an." 74) Tageb. 1810-1812 , 3. 7., 8. Januar 1812 : Entschluß, weg zu gehen. „Hormayr war bei mir, ich sagte es ihm“ .
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II. Erzherzog Johann und Tirol 1800-1812 .
Erzherzogs auftauchten ; ihn selbst drängte es, den Mann näher kennen zu lernen, welcher Desterreich und Deutschland so schweres Leid angethan.
Doch es kam nicht dazu .
Die Seele des Erzherzogs erfüllte ja immer mehr der Gedanke, von Tirol aus an der Sprengung der Fesseln zu arbeiten, welche Napoleon Oesterreich angelegt. er nichts wissen.
Aber von voreiligem Wagniß will
Als ihn den 28. Jänner 1812 Nugent , der
Heißsporn, besucht, und manches „fallen " ließ, woraus der Erzherzog ersah, " daß er neuerdings anbandeln möchte“ , daß ihm selbst zugemuthet werde, „ an der Spiße der Gebirgsvölker eine Diversion zu machen“, habe ihm der Prinz geantwortet, es ſei vorderhand nichts zu thun, als deutsches Blut für beſſere Zeiten zu sparen ; jezt sei es zu früh. „ Wenn die Völker der Alpen von Cattaro bis an den Inn sich erheben", verzeichnet der Erzherzog in sein Tagebuch,
„ dann ziehe ich mein Schwert und stecke
es nicht eher ein als bis das Werk vollbracht ist.
Darum aber
muß ich ruhig bleiben. " 75) Um dieſe Zeit (Anfangs Februar 1812) erfuhr der kaiserliche Prinz, das österreichische Kabinet habe nach Paris geschrieben und den Antrag gemacht, Französisch - Illyrien und Tirol für die Zeit des Krieges mit Rußland zu beſehen, um dort Ruhe zu erhalten und die genannten Länder dann wieder zurück zu geben. Er zeigt sich von dieser angeblichen Werbung bei Napoleon um so schlechter erbaut als es hieß, man habe dabei das Auge auf ihn selbst geworfen.
Anderseits wurde ihm hinterbracht, man wolle.
ein Observationskorps in Siebenbürgen und Polen aufſtellen und ihm das Kommando übertragen. 76)
75) Tageb. 1810-1812 , 3. 12. -31 . Jänner 1812. (Randbemerkung aus später Zeit. " Und doch gab es Leute , welche dem Kaiser vorstellten , ich wollte mich zum „ Könige der Gebirge " machen. Es waren Menschen , die nicht im Stande sind zu begreifen, wie man für Freiheit alles wagen und doch nichts für sich suchen kann. ") 76) Tagebuch v. 1810-1812 . 3. 3. – 10 . Februar 1812. "! Ein toller Gedanke ! Wird Napoleon je in so etwas willigen ; er kann ja nach der Kenntnißz unseres Thuns und Laſſens überzeugt sein, daß wir, wenn es nur ein wenig
II. Erzherzog Johann und Tirol 1800-1812.
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Es kam weder zu dem einen noch zu dem andern ; immerhin ist es bezeichnend, daß ihm solche Mittheilungen zu Ohren kamen und seinen Entschluß nur festigten, sich für eine Erhebung der Gebirgsvölker Desterreichs aufzusparen. In der ersten Hälfte des März 1812 beunruhigt ihn der Gedanke einer vorschnellen Volksbewegung in Tirol. 77) Ende März beschäftigt ihn besonders die Dresdener Zusammenkunft seines kaiserlichen Bruders mit Napoleon. 78)
sie ſie
„ Napoleon hat eine Entrevue verlangt, bis Ende April wird in Dresden statthaben, dahin geht mit dem Kaiser die
Kaiserin , Metternich , Wrbna , Kutschera ; ohne daß die Frau (Maria Ludovika) es wußte, wurde für sie zugesagt ; erst sechs Tage darauf erfuhr sie es. (Maria Luise) mitbringt, wünscht, bei ihr bleiben ;
Napoleon, da er seine Frau die Kaiserin möge einige Zeit
er verlangt auch da seine Frau es wünſche, daß
man die zwei Söhne (Kronprinzen Ferdinand und Erzh. Franz Karl) mitbringen möge, vermuthlich, um zu ſehen, was von ihnen zu erwarten ist ; dies wurde wohlweislich abgelehnt. Eine Offenſivund Defenſiv-Allianz scheint Desterreich gemacht zu haben, 30.000. Mann gibt es als Auxiliartruppen. Napoleon verlangt Karln und es scheint, daß man zugesagt habe . . . “ „Metternich war bei Karl , ihn zu bereden, er soll das Kommando übernehmen. Karl schlägt es ab, er hat Recht ; er geht
übel ginge, ihm dieſe Länder nie mehr wieder zurückstellen werden, und wea weiß, ob man nicht dieſen klugen Gedanken schon gefaßt hat ! Wir schaden uns ja mehr durch so einen Antrag und den Völkern, sie, die uns so treu waren, en depôt zu nehmen und zu ihrem Unglück aufzuheben. Ein Glück, daß die Sache von der Art iſt, daß ſie nicht geſchehen wird “ . . . Ueber den Plan, ihn an die Spiße eines Armeekorps zu stellen verſtändigte ihn Sickingen (Tageb. z. 30. Januar 1812). Erzh. Johann ſprach davon mit der Kaiſerin. Diese rieth ihm, sich äußersten Falles mit seinem leidenden Zuſtande zu decken. 77) Tageb. 3. 10. - 13. März 1812 . . . . „ În den Gebirgen Gährung, was soll da werden ? Nur leßteres nicht ; es ist zu früh, alle meine Rettungsentwürfe würden daran ſcheitern “ . . . . (Randbem, aus ſpäterer Zeit : „ Nachrichten aus Tirol gaben dies an“). 78) Tageb. 7. März 1812. Ueber die Entrevue zu Dresden vgl. Metternich a. a. C. I. 123 f., u. Frh. v . Helfert M. L. 213 f.
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Il. Erzherzog Johann und Tirol 1800-1812.
zum Kaiser, stellt ihm alle seine Gründe vor ; dieser sagt ihm, das Corps sei mit Allem versehen, Geld genug für die Campagne, er folle annehmen." Erzherzog Karl sei jedoch festgeblieben und habe Schwarzenberg vorgeschlagen, der Kaiſer dies übel aufgenommen. Nach Paris wäre dann darüber geschrieben worden. Napoleon werde aber nicht leicht von seinem Wunſche abgehen . Karl möge zusehen, wie er da herauskomme ; bekäme er 100 000 Mann und . freie Hand, dann stünde es freilich anders, so würde er aber eine 11schlechte Rolle
spielen" . Auf jenen sehr ernstlichen Konflikt zwischen dem Kaiser und Erzherzog Karl kommt das Tagebuch (5.- 14. April 1812) abermals zu sprechen. Jener habe gegen Erzh. Johann diesfalls geäußert : "1 Der General oder Beamte könne sich wohl pensioniren lassen oder quittiren, wenn er nicht gehen wolle, allein seine Brüder seien verpflichtet, Alles für den Staat zu thun." Es sei das dritte Mal, daß Karl ihm dies anthäte, das werde er ihm nicht verzeihen, brauchen, wenn er ſelbſt anſuchte. 79)
und auch ihn nicht
weiter
Der Krieg zwischen Napoleon und Rußland erfüllt das ganze Denken Erzherzog Johanns, aber immer Tirol und seinen Lieblingsplan zurück. 80)
wieder kommt er auf
Einer der Vordermänner des Befreiungskrieges vom
Jahre
1809, Eisenstecken , fand sich Ende Mai 1812 bei ihm ein. 81)
79) Vgl. Metternich a . a . D. II. 442–444. Ueber Schwarzenbergs Audienz bei Napoleon v. 17. Dez. 1811. In dem Vortrage Metternichs an K. Franz v . 15. Januar 1812 heißt es ( S. 441–442) : „ Sollten die Beweggründe, welche gegen die Uebergabe des Kommando an S. kais. Hoheit sprechen, Euerer Majestät überwiegend scheinen, so wäre allerdings das Kommando dem Fürsten Schwarzenberg selbst anzuvertrauen, und in dieſem Sinne die Eröffnung in Paris zu machen. “ Aus Erzh. Johanns Tageb ., aus den persönlichen Mittheilungen des Kaisers und Erzh. Karls an denselben geht bestimmt hervor, daß K. Franz die Erfüllung des Wunsches Napoleons sehr ernstlich wollte, ja daß dies zu einer neuen Verstimmung zwischen dem Kaiſer und Erzh. Karl führte. (In einer Randbemerkung aus ſpäter Zeit ſagt der Erzherzog : „ Der edle Herr verzieh doch, aber das Mißtrauen und der Groll waren nicht zu löschen, leider von manchen Leuten auf beiden Seiten angefacht. ) 80) „ Schweiz und Tirol auf !“ schreibt er A. April 1812 in s . Tagebuch. 81) Eisenstecken Josef, vgl. über ihn den nächsten Abschnitt und das
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II. Erzherzog Johann und Tirol 1800-1812.
Seine Mittheilungen über Deportationen aus Franzöſiſch-Tirol nach Mantua, über die Noth und den Mißmuth im Lande regen den Erzherzog auf; nicht minder auch die Nachricht vom Auftauchen englischer Emiſſäre im Lande. schreibt er (6. Juni) ;
„ Tirol braucht kein England “
wir wollen frei sein ohne fremdes Zuthun.
Auf Tirol hoffe ich noch viel.
Die Schweiz soll 3000 Mann
gegen dies Land, um es zu beobachten, ſtellen, dies ist lächerlich, denn wo wird Freund gegen Freund handeln.
Die Schweiz und
Tirol find eng verbrüdert und das von lange her . " 82) Dieser Gedanke kehrt verstärkt wieder im Juli
1812.
Er
war aus Böhmen, wo er 6. Juni seinen Bruder, den Kaiser, in Prag besucht hatte, zurückgekehrt und brachte Manches mit, was ihn nachdenklich machte. 83) Den 8. August 1812 verzeichnet er das, was er vom Kaiſer bei Tische vernommen ; derselbe glaubte auch, daß der Krieg bald zu Ende gehen werde, „ dann vielleicht Entrevue mit Napoleon ! " 84) „Ich bemerkte aus den Reden, " heißt es ihm Tagebuche, ?? daß der Kaiser Ruhe wünsche ;
er hat Recht, aber er sagte mir,
mit den
Ruſſen ſei nichts zu machen gewesen, sie hätten durch zwei Miniſter
Biographische bei Simeoner, Boyen, 640 f. Den 28. Juli 1812 schrieb der Tiroler Frh. v. Liechtenthurn , vormals ö . Geschäftsträger in der Schweiz, an E. Johann : „Meine Landsleute haben in der Nachbarschaft viel Pulver aufgekauft, schreibt man, ungeachtet der vielen Arrestationen im Welschen Tirol. In Illyrien , im Venetianiſchen und dem übrigen Italien sei die Stimmung stets die nämliche, die Kerls fäßen den ganzen Tag hindurch am Ufer, lösten sich regelmäßig einander ab und sehen mit ihren Fernröhren ins weite Meer hinaus, als ob sie die reiche Flotte von Peru zu erwarten hätten. Oh wenn nur das Ganze um eine andere Axe sich drehte !" 82) Tagebuch a. a. C. „ Engliſche Emiſſäre im Lande, die ſoll der Teufel holen" 83) Tagebuch 3. 18. Juli . . „ Das arme Tirol ! was so geschunden wird, und wo eine gewaltige Gährung bevorſteht ; das Blutvergießen, den Aufwand von Kräften ohne Nußen verhüten, dies liegt mir im Kopfe. Dazu das Einwirken von Engelland. Ich sprach darüber mit Einigen : Wirken ohne Engelland, aber nicht wie so viele Narren in ihrer blinden Wuth_gegen Napoleon" 84) Tageb. a. a. C. „ wenn ich nur dabei wäre, das wäre gut, Deus providelit !"
II. Erzherzog Johann und Tirol 1800–1812 .
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auf einmal mit ihm negotiiren lassen ; also dachte er doch noch an eine Möglichkeit, mit ihm zu halten ?! " 85) Voll trüber Gedanken und des Unmuthes über die russische Kriegsführung begab sich Erzherzog Johann den 27. Auguſt in die Steiermark. Die Aufnahme dort that seinem Herzen wohl : „ Auf der ganzen Reise und in Sauerbrunn (Rohitsch) konnte ich bemerken, wie die Steierer mich mögen ; ein Wink von mir und alles geschah, alles kam mir zuvor ; gute, barmherzige Menschen, oh Totis, wäre mir da nicht der Streich gespielt worden, ſo ſäße ich 3 Jahre schon in Graz, froh, zufrieden und hätte viel für das Land thun können,
so aber ? . . . Ich hinge so gern an diesem
Lande, könnte ich nur das dafür thun, was ich wünsche, was könnte es nicht glücklich werden !" 86) So hatte der damalige Stand des Russenkrieges Napoleons die Hoffnungen Erzherzog Johanns, seinen Lieblingsplan arg_geschädigt.
Zu Thernberg beschäftigen ihn ganz und gar die
Nachrichten aus Nordosten ; ebenso in Wien wo er Ende September (1812) eintrifft. Er glaubt
wie so viele damals
Napoleons über das
Czarenreich.
an den vollen Triumph
„ Bis Neujahr ist die Sache
geendigt", schreibt er resignirt den 4. Oktober in sein Tagebuch. 87) Als jedoch Napoleon auf dem Marsche nach Moskau begriffen ist, in weiter Ferne vorwärts stürmt, seinem Verhängnißz entgegen, da überkömmt den Erzherzog der Gedanke, jest wäre es an der Zeit, loszuschlagen, und von diesem Gedanken überfließt seine Feder ; ein umfassender Plan,
wobei Oesterreich, Preußen, Sachsen und Polen zusammenwirken sollen, findet sich verbucht ; Tirol und Illyrien haben darin ihre besondere Rolle, ebenso
85) Tageb. a . a. D. 86) Tageb. 3. 28. Aug. Rohitſch. (Randbem. aus späterer Zeit u. z. v. J. 1830 : "",Damals (in Totis , 1809) rieth man dem Kaiser davon ab -wie es sein Wille früher war mich nach Innerösterreich zu senden und anzustellen, jezt sehe ich ein, daß es ein Glück war, daß es nicht geschah und danke Gott dafür. ") Vgl. v . S. 38. 87) Randbemerkung aus späterer Zeit : „ Freilich, aber auf eine andere Weise !"
II. Erzherzog Johann und Tirol 1800–1812 . die Schweiz.
Aber schließlich verzweifelt er daran,
45 daß die zu
dem Werke der allgemeinen Befreiung Berufenen sich zu einem solchen Werke emporraffen werden - „und so verfliegt der Augenblick, vielleicht der Lezte, der uns blieb. “ 88) Ich suche mir einen Stüßpunkt, " schreibt er in der zweiten Hälfte des Oktober 1812 , 89) ,,wo ich meinen Hebel anseßen kann, nur einen kleinen Fleck Erde, um für die Zukunft das Gute zu bewahren und da vorzubereiten, und zu seiner Zeit zu handeln, und dies zu erreichen ist mein Streben.
Hier heißt es Klugheit,
da die Kraft ruhen soll, doch auf eine oder andere Art schreite ich zum Zwecke ; sollte denn nirgends der Saame für künftige Zeit zu dem Baume gelegt werden, daß er, dereinst groß, die Redlichen erquicke ? “ . . Um diese Zeit beunruhigte ihn das Gerücht von dem Kränkeln Schwarzenbergs, des Kommandirenden der öſterreichischen Hilfsarmee Napoleons ;
von hier nicht unterstüßt, von dort getrieben,
mag er wohl los zu werden wünschen.
Schon gewöhnt man sich
an diesen Gedanken, und die Wahl fällt, um ihn zu ersehen, auf mich; dazu der Beweggrund , daß Napoleon erst dann von der Aufrichtigkeit Desterreichs überzeugt sein wird, wenn ein Fürst vom Hause zu der Armee gesandt wird ".
Diese Besorgniſſe, denen er
Ende Oktober 1812 Ausdruck gibt, schwanden wieder. 9º) Bald darauf wird der Erzherzog mit Gagern bekannt ; 91) "1 deutsch von Herz und
er findet Gefallen an dem Manne, der Sinn, voll Feuer “ .
„ Er besucht mich jezt öfters," heißt es
weiter im Tagebuche zum 8.- 20. Nov. 1812 ,
„ und ſo kam das
Gespräch auf mein licbes Tirol , jezt so bedrängt ; könnte ich doch
88) Tageb. 3. 12. -23 . Oft . 1812. Wien. 89) Tageb. z. 23. - 27 . Oft. 1812. Wien. 90) Tageb. z . 28. - 31 . Oft. 1812. Wien . 91) Tageb. 3. 8. - 20. Nov. 1812. Wien. „ Ich machte die Bekanntschaft mit einem Herrn von Gagern, vormals Miniſter des Fürsten von Naſſau, der einiges sehr gut geschrieben, in der Blüte seiner Jahre . . . .“ (Randbem. aus spät. Zeit : „ Diese Bekanntschaft dauerte bis zu seinem Tode 1852 (Erzherzog Johann † 1859) ich schäßte diesen höchst unterrichteten edlen deutschen Edelmann sehr hoch. “)
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II. Erzherzog Johann und Tirol 1800-1812 .
einmal meine Idee eines glücklichen Landes realiſiren, wie wohl wäre es mir" Je mehr der Winterfeldzug Napoleons eine Wendung nahm , wie es in den Dezembernotizen ,,die Niemand voraus sah", geschrieben erscheint, und je weniger von der Thatkraft des Wiener Hofes zu erwarten war, desto gereifter zeigt sich der Entschluß des Erzherzogs , die Befreiung des
österreichischen Alpenlandes ,
vor
Allem Tirols , in die eigene Hand zu nehmen und mit Hülfe vertrauter Genossen durchzuführen.
Wir müssen dieſelben zuvor
näher ins Auge faſſen, um dann den Faden der Erzählung an der Hand des Tagebuches vom Jahresſchluſſe 1812 an wieder aufzunehmen und das Wesen jenes Befreiungsplanes, seine Ziele und sein Geschick näher kennen zu lernen.
III.
Die Tiroler und Vorarlberger in Wien.
Hormayr, Schneider, Roſchmann. Das Spätjahr 1809 hatte die österreichische Partei in Tirol, die Vordermänner des Befreiungskrieges, schwer heimgesucht.
Der österreichische Hof fühlte auch die Verpflichtung, für alle jene zu sorgen, welche nicht bairisch werden wollten und konnten, die das Thor zur Heimat hinter sich verſchloſſen ſahen. Die vorläufige Unterbringung jener Tiroler, die nach Abschluß des Waffenstillstandes (Juli) mit der regulären Mannschaft aus der Heimat abzogen, zu
Groß - Kanischa ,
dann Warasdin ,
der Auftrag an den bisherigen Armee-Intendanten Hormayr , die verdientesten seiner Landsleute für eine entsprechende Belohnung namhaft zu machen, die Errichtung einer eigenen „ Hofkommiſſion für Tirol und Vorarlberg " ( 1810) unter dem Vorsige des Grafen Ugarte, mit einem Rathskollegium, dem auch Hormayr und Roschmann angehörten, endlich die allerdings gut gemeinte aber zu kläglichem Ende gedichene Anlage einer Kolonie für auswandernde Tiroler und Vorarlberger auf ungarischem Boden, - all diese Maßregeln bewegen sich in der angedeuteten Richtung. 92) Leider wurde dabei der Anspruch auf Anerkennung oder Fürsorge nicht immer
unbefangen
abgewogen,
wie
dies
aus
dem
Ministerialberichte Hormayrs vom 26. Sept. 1809 hervorgeht, denn
92) S. darüber Egger III. 800 f.
48
III. Die Tiroler und Vorarlberger in Wien.
hier erscheint so mancher über- so mancher unterschäßt.
Der ge=
weſene Armee-Intendant für Tirol war ebenso wenig leidenschaftslos in der Abschätzung der eigenen als in der Geltendmachung fremder Verdienste. 93) Unter den Tirolern, welche um diese Zeit eine Auswandererkolonie in Wien bildeten begegnen uns als namhafte Vordermänner des Befreiungskampfes vom Jahre 1809 : Aschbacher Anton, vom Achenthal, der Altersgenosse Hormayrs, der schon als Student mit seinem Vater, dem Zolleinnehmer von Achensee, in den Krieg des Jahres 1800 zog und 1809 als Hauptmann des Landsturmes keiner Gefahr aus
dem Wege ging, 94)
Eisenstecken .
Josef, Sohn eines Taglöhners, geboren 1779 zu Matrei im Wippthal, dem so wie Aschbacher 1810 der Majors- Charakter und die goldene Medaille zuerkannt wurde, eine Persönlichkeit, welche, wie wir sehen werden, Erzherzog Johann besonders schäzen lernte, 95) der allbekannte Peter Joachim Haspinger ( „ Pater Jochem“), einer der Heißſporne, der den verhängnisvollen Schluß des Kriegsdrama von
1809
mitverschuldete, 96)
Sieberer
Jakob ,
von
Thiersee, der Genosse Speckbachers , dessen Gestalt neben der Hofers in der Ueberlieferung die populärste blieb, und Philipp von Wörndle auch vielgenannt im Jahre 1809.97)
93) Das Einzelne bei Egger III, 801–2. Das Richtige traf er jedenfalls, wenn er : Eiſenſtecken, Sicberer, Aſchbacher, Winterſteller, Speckbacher bezw. auch Straub belobte und auch eine Reihe anderer Persönlichkeiten, darunter 3. B. Josef Graf v. Mohr, Josef Frh. v. Lichtenthurn, die Grafen v . Sternbach, Tannenberg, einen Jos. v . Giovanelli, Philipp v . Wörndle, den Bürgerm . v . Bozen Peter v . Menz, den Frh. v. Eyrl anerkennend nannte. Wenn er aber einen Teimer dem Hofer gleichſtellte, die Verdienste der Purtscher, Danej, Haspinger und Mayr todtschwieg, so war dies Befangenheit, und einer dieser Uebergangenen, Finanzrath Josef Rapp , hat dies in seinem scharfen Buche, „Tyrol im Jahre 1809 " dem ehemaligen „ O. Intendanten“ Hormayr heimgezahlt. 94) Vgl. Wurzbach Desterr. biogr. Lex. I. 75 u. über seine Thätigkeit im Befreiungskriege die Nachweise bei Egger III. 95) Wurzbach IV. 17-68 . Egger III. vgl. Anm. 81 . 96) Vgl. den Art. v. Heigel in der Allg. d . Biogr. X. 746-750. 97) Ucb. Sieberer und Philipp v . Wörndle desgl. über Speckbacher Egger III. u . d . Buch v . J. G. Mayr Der Mann von Rinn (Speck-
III. Die Tiroler und Vorarlberger in Wien.
49
Mit ihnen hausten in der Residenz noch manche andere Landsleute 98), von mehr oder minder bewegter Vergangenheit, Persönlichkeiten nicht immer lauteren Charakters, deren gegenseitiges Verhalten mancherlei gerechten Anstoß erregte und die Tiroler Kolonie vielfach in Verruf brachte. Vorarlberg war namentlich durch Anton Schneider vertreten (geb. 13. Oft. 1777 zu Weiler), den schon im Jahre 1807
der
bairische General-Kommissär, Frhr. v. Grafenreuth, verhaften ließ und das Jahr 1803 an der Spige des Vorarlberger Landſturmes zeigt.
Der heimischen Stellung
als Rechtsanwalt verlustig, fand
Schneider seine Zuflucht in Wien, und 1811 einen Lebenshalt als k. k. Appellationsrath. 99)
Sein weiteres Geschick wird uns noch
später beschäftigen ; es mit ist dem Hormayrs eng verkettet, dessen Persönlichkeit und Beziehungen zu Erzherzog Johann eine nähere Erörterung finden müſſen . Selten hat die Natur einem Menschen so viel an geistigen Fähigkeiten,
an Frühreife,
vielseitiger Belesenheit und Bildung,
riesigem Gedächtniß und spannkräftiger Leistungsfähigkeit für Aufgaben der Wiſſenſchaft und des praktischen Lebens zugedacht, wie sich dies in Joseph Hormayr Frhr. v. Hortenburg 100), dem
bacher) u. d . Kriegsereigniſſe v . Tirol, nach hist. Quell. bearb. Innsbr. 1851 . Ueber Wörndle vgl. die Schlußabſchnitte. 98) A. Jäger, Tirols Rückk. u . Deſterreich . . S. 30 hebt unter ihnen jene hervor, deren sich Erzh. Johann für seinen Plan der Insurgierung Tirols 1812-13 bedienen wollte u. z. außer den Genannten noch : Frischmann einen bekannten „Heißsporn“, Krinseisen , von Campi , Banal und den patriotischen Sänger Tirols Gänsbacher von Sterzing, der nachmals die große goldene Medaille erhielt. Vgl . Egger III . 808 . 99) Vgl. den Nekrolog des früh Verstorbenen v . Hormayr in deſſen Archive XI. Jahrg. 1820, Nr. 104 u. Dest. Nation . Encyclop . IV. 569 ; Wurzbach XXXI. 11–13. Wir werden seiner und seiner Vergangenheit noch öfters und zum Schluſſe gedenken. 100) Eine Selbstbiographie findet sich in Meusels , „ Gelehrtes Teutschland", XVIII. Bd . ( 1821 ) . Vgl. auch „ Taschenbuch f. vaterländ . Geſch. “ h. v. Hormayr XXV. ( 1826) 419-498 u . XXXVI . Jahrg . (1847) S. 352 bis 367 ; desgl. lieferte H. die Daten für die Biographie, welche J. G. Merian in dem Werke „Biographische Züge aus dem Leben deutscher Männer“ I. Bð . 4 Krones , Tirol 1812-1816.
III. Die Tiroler und Vorarlberger in Wien .
50
Enkel des verdienten Juristen der theresianischen Epoche 101) vereinigt findet. Aber so wie seine zahlreichen Werke und schier unübersehbaren Auffäße war er auch selbst. Alles athmet Leidenschaftlichkeit, Formlosigkeit, eine Ueberfülle von Antitheſen, ein Abſpringen von einem Gedanken zum andern, ein aufdringliches Selbſtgefühl, das den ruhigen Blick für die Thatsachen trübt und dem fremden Verdienſte oft nahe tritt. Und ſo kommt es, daß ſeine eigenen unläugbaren Verdienſte um die österreichische Historiographie, deren rastloser Chorführer er wurde, ebenso unter jenen Gebrechen als unter dem Einflusse eines allerdings durch manche Kränkungen hervorgerufenen Gesinnungswechsels bedenklich litten, gerade wie dies in Hinsicht seiner vielſeitigen Bestrebungen zu Gunsten seines Vaterlandes der Fall war. Ein Mann von Geiſt, vielseitigſter Bildung und unermüdlicher Thatkraft,
deſſen Leidenschaftlichkeit ihm leider mehr Feinde als
Freunde erwerben mußte, ſtand er allerdings hoch über so Manchem, der ihn verfeherte. Ein Zeitgenosse Erzherzog Johanns im engsten Sinne, 102) hatte Hormayr um das Jahr 1800 durch den damaligen Brigadier in Tirol, Marquis Chasteler , die Gelegenheit gefunden, sich dem leicht zugänglichen,
leutseligen und feuriger Begabung rasch be-
freundeten Prinzen zu nähern.
Hormahr war damals Adjutant
in der tirolischen Landwehr, bald darauf Hauptmann, und begann
(Leipzig 1815) heraus gab. Vgl. auch Wurzbach IX. 277–287 u . den Art. v . Heigel i. d . Allg . d . Biogr. XIII . 131–135 . 101) Josef Ignaz Veit Frhr . v . Hormayr (geb. 1705 † 1779) . Vgl. über ihn den Artikel von Egger i. d . Allg. d . Biogr . XIII . 129–131 . Hor mayr veröffentlichte im Taſchb. f. vaterl. Geſch. XXVII. J. 1838, S. 342–345 ein intereſſantes Gutachten seines Großvaters v . J. 1753, (9. März, Jnnsbruck) über die Organisation Tirols nach dem Muster der übrigen deutsch. Erbländer, insbesondere in Ansehung der Kreisämter . 102) Beide kamen den 20. Jänner 1782 zur Welt ; der Erzherzog in Florenz, Hormayr zu Innsbruck ; doch findet man auch als Hormayrs Geburtsjahr 1781 angegeben . Daß Erſteres das Richtige, beweist der Brief Hormayrs an Erzh. Johann v. 9. Okt. 1813 (Brünn, Spielberg), worin „von zwei am 20. Jänner 1782 Geborenen" die Rede ist, „ deren Einer ein Prinz von Geblüt, der andere kein Prinz ward, während Beide für die gleiche Sache eintraten. “
51
III. Die Tiroler und Vorarlberger in Wien.
1802 seine amtliche Laufbahn als k. t. Hofkonzipist ; 1803 hatte er es bereits zum referirenden Hofsekretär der Staatskanzlei gebracht, und wenige Jahre später (1808) trat er an die Spize des k. k. Haus-, Hof- und Staatsarchivs und zugleich in die Dienste der Hof- und Staatskanzlei, wo er dem Hofrath Rademacher zur Seite verwendet wurde. Hier war es insbesondere Johannes von Müller , 103) der bekannte Universalhistoriker
und
Geschichtschreiber
des
Schweizer
Volkes, Publizist und Politiker, die glänzendſte Erscheinung unter den ་་ Gelehrten" der Staatskanzlei, welcher die nähere Bekanntschaft Hormayrs mit Erzherzog Johann, Müllers Zöglinge in der Liebe zur Geschichte, anbahnte. Hormayrs Ausführungen vom 6. Sept. 1802 über das Ersprießliche einer zweckmäßigen Ansiedlung auswanderungslustiger Deutschen im koloniſationsbedürftigen Staate Desterrreich eröffnete gewissermaßen dieſen
näheren,
sich rasch entwickelnden Verkehr, 104) welcher als Bindemittel die Vorliebe des Prinzen für die Geschichte und das Land Tirol aufweist.
Erzherzog Johann äußerte sich darüber selbst in späteren
Aufzeichnungen (z. J. 1802) folgendermaßen : „Hormayr, in Wien angestellt, mir durch Müller zugeführt, tritt nun zum ersten Male in meiner Erzählung auf. “
103) Vgl. den Art. v. Wegele in d . Allg. d . Biogr. XXII . 597–610 . Sein 12j . Aufenthalt in Wien fällt zwischen die J. 1792-1804. Ueber sein Verhältniß zu Erzh. Johann vgl. die Liter. über den Lezteren und die Tagebücher , s. w . u. Der Erzherzog blieb ihm zeitlebens dankbar. So schreibt er ins Tagebuch z . 1. - 13 . Mai 1811 : „Ich habe nunmehr Müllers Briefe gelesen, wie herrlich sind die geschrieben ! Was habe ich nicht aus denselben gelernt ; in mir entſtund der Gedanke, die Geschichte meines Hauses zu schreiben. Kein leichtes Unternehmen, doch wirklich gut und nüßlich. Ich will mich dazu vorbereiten. " 104) Darüber die späteren Aufzeichnungen Erzh. Johanns z . J. 1802 . Bogen 80. Der Erzherzog verbreitet sich über diesen Gegenstand und bemerkt zunächst über Hormayrs „ Zuſchrift“. „ Diese enthält zwei Gegenstände, die Auswanderung in Süddeutschland und die Ansiedler. Diese Sache hat sich bis auf unsere Tage und in den lezteren in zunehmender Zahl wiederholt. Sie ist zu wenig beachtet worden und mußte an den Hinderniſſen, an den Mangel an Vorbereitungen in Desterreich stets scheitern“ 3*
III. Die Tiroler und Vorarlberger in Wien.
52
Für die vertraulichen Beziehungen zwischen Beiden spricht am besten das Schreiben Hormayrs vom 11. Juli 1804.105) Hier ereifert sich dieser über die Hartköpfigkeit der Gerichte Sonnenburg, Thaur und Petersberg,
„ dieſe verdorbenen Halbſtädter, Halbland-
Leute. " Man könne nicht leicht auf einen guten Erfolg in der militärischen Organiſation hoffen,
wenn nicht exemplarische Strenge
gegen boshafte und ſaumselige Obrigkeiten, wider die Rädelsführer und sogenannten Bauernkönige angewendet werde. „Euer f. f. Hoheit", heißt es dann weiter, "1 ist das große Werk aufbehalten, dem braven Lande eine dauernde Vertheidigungsanstalt zu geben, die Intriguen gegen Chastelers Thätigkeit, Talent und Dienſteifer zu zerstören, das Mißtrauen und die Zweifelsucht der Gutgesinnten zu heben und sich dadurch um die äußere Sicherheit der Monarchie ein ewig dauerndes Verdienst zu erwerben ." Hormayr verweist dann auf seine eigenen patriotischen Beſtrebungen, auf die demnächst erscheinende Geschichte Tirols und den vaterländischen „ Almanach" 106) und bittet um die Erlaubniß, dem lezteren das Bild des Erzherzogs voranstellen zu dürfen.
Den
Schluß des Briefes bildet eine den Uebertritt Johannes v. Müller's aus österreichischen in preußischen Staatsdienst betreffende Stelle. " Müller's Verlust ist Höchstdenselben bereits bekannt. Bei aller Wandelbarkeit und Unzuverlässigkeit seiner Gesinnungen bleibt er immer ein gefährliches Werkzeug in fremder und zumal in solcher Hand. " Es ist bedeutsam, was Erzherzog Johann am Abende seines Lebens
als Kommentar zu diesem Ausfalle Hormayrs gegen Jo-
hannes v. M. aufzeichnet. 107)
Hormayrs Urtheil sei nicht richtig,
ein gefährliches Werkzeug sei I. v. M. nie geworden, und der Erzherzog habe bei ihm keinerlei Unzuverlässigkeit der Gesinnung vorgefunden .
Wer hätte überhaupt damals geahnt,
daß nach einer
Reihe von Jahren Hormayr selbst zu einer solchen Vorausseßung Anlaß geben würde, als
auch er die Dienste Oesterreichs verließ
105) An Erzherzog Johann. Ebenda, Beil. Nr. 352 a . 106) „ Tiroler Almanach“ auf d . I. 1802-1804, 3 Bde. , Wien. 107) Erzh. Johanns spät. Aufz. Bog. 80 .
III. Die Tiroler und Vorarlberger in Wien.
53
und „ antiöſterreichisch “ schrieb. Eine solche Parallele fiele für ihn desto ungünstiger aus, da er selbst österreichischer Unterthan, J. von Müller hingegen „freier Schweizer“ war. Die Vorbereitung
des
Befreiungskrieges
Ende
1808
und
dieser selbst, im Jahre 1809, führten den Erzherzog und Hormayr in das engste Geleise gemeinsamer Thätigkeit.
Die Einleitungen zur
Erhebung des Landes Tirol in Wien (Ende 1808), die erſten Maßregeln vom Frühjahre
1809
zeigen
die rechte Hand des Prinzen war ,
am besten , daß
daß Hormayr
in seinem planreichen
Kopfe die ganzen Fäden des Aufſtandes zuſammenliefen. Als = General Intendant hat Hormayr auf dem Boden Tirols bis zur unseligen Wendung des großen Krieges und dessen Rückschlage auf die Sache des Landes Außerordentliches geleistet .
Er durfte
in seinen nachträglichen Schilderungen 108) der Ereigniſſe immerhin darauf pochen, er mag im Rechte sein, wenn er da und dort über Verkennung und Ränke klagt, wenn dem Lichtbilde der Hofer'schen Tage kurzsichtige Beschränktheit, Uneinigkeit und Unbotmäßigkeit in den Kreisen der Männer der Bewegung als
Schlagschatten bei-
gesellt werden, - er hat jedoch sein unläugbares Verdienst durch Leidenschaftlichkeit und Selbſtüberſchäßung unmittelbar, durch eigene Widersprüche als Geschichtsschreiber des Jahres 1809 mittelbar und um so mehr geschädigt, ja sogar die Anklage auf unlautere Ausbeutung seines Amtes gegen sich heraufbeschworen. Ist ferner nicht zu läugnen, daß ihn bei der Abfaſſung jener Liste der um Desterreich verdienten Tiroler vom 26. September 1809 Unbefangenheit des Urtheils durchaus nicht immer geleitet, so hat er in seinem Gutachten vom 28. März 1810 zu viel den Anwalt des Staates und zu wenig den Tiroler hervorgekehrt, was ihm nachmals daheim übel vermerkt wurde. Er sprach nämlich den Staatsschaz von jeder Verpflichtung frei, die nach dem Abzuge der kaiserlichen Truppen aus dem Lande erwachsenen öffentlichen Auslagen zu vergüten, da die Tiroler damals nur ihre eigene Sache verfochten hätten.
Ja er trat auch für die Auffassung ein, daß
108) S. o . Anm. 22 insbesondere „ Das Land Tirol u. d . Tirolerkrieg v. 1809 ", ferner die „ Lebensbilder aus den Befreiungskriegen“, 1. u. 2. Aufl.
54
III. Die Tiroler und Vorarlberger in Wien.
die allein für die Verwaltung und Vertheidigung entfallenen Kosten nur vom Lande nicht vom Staate zu tragen wären. Dennoch war er Tiroler, durch das Fehlschlagen der von ihm selbst gehegten Hoffnungen, durch die Vernichtung der von ihm thätigst angestrebten Errungenschaften des Jahres 1809, durch die neue Baiernherrschaft in Tirol und persönlich durch die heftigsten Angriffe aus
ihrem Lager aufgestachelt und herausgefordert, 109)
und mit dieſen Empfindungen verknüpfte sich der Thatendrang einer ehrgeizigen , allen politischen Aktionen zuneigenden , das Außerordentliche liebenden Natur, der der Segen einer glücklichen Häuslichkeit versagt blieb ; gewiß nicht ohne eigene Schuld. 109) Vgl. Hormayrs Erklärung v. 8. Febr. 1810 : „Erklärung. Meine ämtliche Bestimmung als Intendant des achten Armeekorps in Tyrol und Vorarlberg hat mir eine Reihe der gehäſſigſten Schmähungen zugezogen, die ich während des Krieges als eine gewöhnliche Folge desselben, meines damaligen schwierigen Standpunktes und dessen ansah, was dort, trog vieler Hindernisse und geringer Mittel dennoch geleistet worden iſt. In solchen Aufträgen darf einem treuen Diener auch der Muth nicht versagen, seine Brust den giftigen Pfeilen der Verläumdung blos zu stellen ! Nach dem Kriege haben bestimmte und allbekannte Befehle dem Geſchäftsmann wie dem Schriftsteller untersagt, innerhalb der Grenzen des Friedens Federkriege noch fortzuseßen. Dennoch gewahrt man in einigen bayerischen Zeitungen (aber auch nur in dieſen und stets unter dem schmählichen Mantel der Anonymität) noch immer wiederholte Zuckungen einer unglücklichen Rache, die in ebenso niedrigen als lächerlichen Erdichtungen einen verachtungswerthen Nothbehelf sucht. Die Zeit der Feindseligkeiten ist vorüber. Troß solcher einzelnen Convulsionen des Parteigeistes wird auch der Krieg von 1809 mit allen seinen Episoden bald der Geschichte angehören, die ohne jede Rücksicht auf zufälliges Gelingen oder Mißlingen -- Willen, Kraft und Ausdauer würdigt . Dem Krieg in Tyrol und den inneren Ursachen und Personen, die ihn herbeyführten, ja gerade erzwangen, wird ebenso wenig eine pragmatische Geschichtsschreibung ausbleiben als der Kampf der ersten Eidgenossen, der Geusen und der Schritt der Häuser Wasa und Braganza zum Thron ihren Müller und Schiller, Celsius und Vertôt gefunden haben. Dieser Augenblick ist nicht mehr ferne, um ihn nicht mit Ruhe und Bewußtsein zu erwarten. Wien am 8. Februar 1810. Joseph Freiherr von Hormayr, k. k. Hofrath, Director des geheimen Archivs, Ritter des Leopoldordens. " Arch. f. Geogr. Historie, Staats- u. Kriegskunst, Wien, 1810, S. 107.
III. Die Tiroler und Vorarlberger in Wien.
55
Zu Hormayrs Freunden und Vertrauten zählte seit 1809 ein Landsmann, Anton Leopold von Roschmann ,
Sohn des gleich-
namigen f. k. Gubernialrathes und Kreishauptmannes, Enkel jenes Anton R., der mit Recht als Begründer der neuern Geschichtsforschung Tirols, als unsäglich fleißiger Sammler des heimischen Geschichtsstoffes auf ein dankbares Andenken des Vaterlandes zählen darf.
Geboren zu Innsbruck den 26. Dezember 1777 , ſomit etwas
älter als Hormayr, trat R. 1800 in den Staatsdienst. Das Jahr 1809 verhalf ihm zu einer namhaften Stellung, da sich ihn Hormayr als kais. Unter- Intendanten, somit zum Gehilfen auserkor. genannt.
Sein Name wird im Befreiungskriege Tirols oft
Er überdauerte auch die Thätigkeit seines höhergestellten
Freundes im Lande und zwar in der Stellung
eines Landes-
kommissärs, als welcher er im September 1809 auftritt.
Dann,
zur Zeit der Landesverwaltung Andreas Hofer's, begab er sich in das kaiserliche Hauptquartier zu Komorn, woselbst noch immer eine Partei zur Fortsetzung des Krieges mit Napoleon drängte, wurde zum f. f. General- Landeskommiſſär ernannt und eilte am 8. Oktober 1809 mit den ihm anvertrauten Geldern von Warasdin, wo sich eine Tirolerkolonie befand, heimwärts.
Das Geld schickte er durch
erprobte Landsleute voraus, und ihm selbst gelang es, den Weg durch die französischen Truppenaufstellungen nach Tirol zu finden. Fünfmal glückte es ihm, in der Kleidung eines Bauers durchzukommen . Zunächst hielt er sich in Lienz auf und erklärte, im Auftrage des Landeskommandanten Hofer zu handeln, um mit mehr Erfolg Anstalten zur Vertheidigung Tirols treffen zu können. Von Lienz reiste er zum Brenner, nach Sterzing, wo er mit den Bevollmächtigten Hofers zusammenkam.
Er theilte ihnen den Bestand der Wiener Friedens-
unterhandlungen mit, doch sei bis jezt so gut wie nichts entschieden. Von Sterzing wandte sich Roschmann die Brennerstraße südwärts nach
Bozen,
um die
im
Landsturmkorps
brochenen Zwistigkeiten zu schlichten.
Eisensteckens
ausge-
Ueberdies sorgte er, so gut
es ging, für die Sicherung des Pusterthales und Welschtirols, bildete Schüßenkompagnien in der Gegend von Meran, im Thal Paſſeyer und eilte dann zu Hofer.
III. Die Tiroler und Vorarlberger in Wien.
56
Inzwischen war (14. Cft. 1809; der verhängnisvolle WienSchönbrunner Friede geschlossen geſchloſſen worden. Zunächst erhielt Roschmann nur gerüchtweise Kenntniß von demselben und war entschlossen, im Einvernehmen mit Hofer das Aeußerſte zur Abwehr der anrückenden Franzosen aufzubieten. Da traf nun aber als kaiserlicher Courier J. Frhr. von Liechtenthurn den 29. Oktober im Hauptquartiere Hofers auf dem Schönberge mit der Botſchaft ein, der Friede sei geschlossen, und Tirol habe die Waffen niederzulegen.
Ueberdies überbrachte er den bezüglichen Aufruf des französischen Vizekönigs von Italien und ein Handſchreiben Erzherzogs Johann. Roschmann übernahm nun die schwierige Auf-
gabe, seinen Landsleuten begreiflich zu machen, man müſſe ſich in das Unvermeidliche fügen. Nachdem er dann die vom mitgebrachten Gelde 3000 Dukaten und 20.000 Gulden zur Vertheilung in die Hände Hofers niedergelegt hatte, begab er sich durch Westtirol in die Schweiz und gelangte von hier nicht ohne Gefahren über Würtemberg, Baiern und Böhmen Mitte Dezember 1809 nach Wien. Er erhielt dann die Anstellung als Kreishauptmann von Traiskirchen in Nieder-Oesterreich. 110) Jedenfalls hatte sich Roschmann bisher als thätiger Anwalt der Sache Tirols ,
als verwendbarer und entschloſſener Staats-
110) Ueber Roschmann vgl . die Todesnachricht in der Wiener Zeitung v. 18. Mai 1830, S. 570, die furzen Angaben in Bergmann's Auffage über „ Die Pflege der Numismatik in Desterreich" in den Sizungsber . der k. Atad . d . Wiſſ. hist. phil. Abth . 41. B. ( 1863) S. 41, Wurzbach , öſterr. biogr. Lex. XXVI , 352–353 u . m. Auff. i. d . Allg. d . Biogr . (29. Bd . 1889, S. 171-173, wo sich jedoch durch ein Versehen als Geburtsjahr 1771 einschlich,) abgesehen von dem, was sich in zeitgenöss . Aufzeichnungen über ihn findet ; das Ungünstigste bei Hormayr in den „ Lebensbildern “ (ſ. w. u.) und in den Büchern aus dem baierischen Lager v. 1809-1810 . . . . So heißt es 3. B. in der "/ Gesch. der Deport. baier. Civilbeamten" I. S. 9 : „ Auch Roschmann, ein junger Laffe (!) (er war damals 32 Jahre alt), den Hormayr abgesendet hatte , benahm sich eben so niederträchtig. " Der alte Gub. - Rath Trentinaglia zu Innsbruck habe sich als Roschmann den „ Generalkommiſſär des Innkreises " spielte, geäußert : "1 Wenn Buben regieren und wenn Buben so regieren und Männer so mißhandeln, so lege ich hier vor der ganzen Ver. sammlung mein Amt nieder. "
57
III. Die Tiroler und Vorarlberger in Wien. beamte gezeigt , wir begreifen daher auch,
daß er dem engsten
Kreise der Vertrauten Erzherzog Johanns beigezogen wurde, als der lettere Ende 1812 entschlossen war, die Tiroler Frage neuerdings in die Hand zu nehmen.
Niemand durchschaute damals das
„ Problematische“ dieſer Persönlichkeit, niemand ahnte, daß in Roschmann
Ehrgeiz
wucherten,
und
Selbstsucht
daß er, der ideenbare
jede
edlere
Empfindung
aber schlaue,
kalt
über-
verständige
,,Streber ", im entscheidenden Augenblicke nicht anstehen würde, den ganzen Plan und seine Genossen zu verrathen und über sie hin= weg das eigene Beste zu suchen .
Daß er dies that, geht aus
späteren Thatsachen unzweifelhaft hervor und brandmarkt unvertilgbar sein Andenken, weit mehr als das, was später die Patriotenliga und die Verfaſſungsfreunde Tirols als schwere Anklage wider ihn erhoben.
IV.
Erzherzog
Johann
und
der
Alpenbund.
1812-1813 .
Der Plan eines Volkskrieges in Tirol und Vorarlberg.
„ Viel wurde über diesen Gegenstand gesprochen, in mehreren Schriften derselbe erörtert, doch das Wahre an der Sache ist theils in dem damals geführten Tagebuche , theils in den an mich geschriebenen Briefen Hormayrs zu finden, das Wahre steht auch in des edlen Gagern Eingabe an den Kaiser. Es haben einige Schneidawind 112) und die Zeitschrift
wie Schimmer, 111)
„Die Gegenwart" 113) für gut befunden, sich mit meiner Person zu beschäftigen, nebst Richtigem findet sich viel Unrichtiges, das iſt die Folge wenn man eine Individualität nach eigenen Ansichten beurtheilt, da wird in der Regel etwas von der Wirklichkeit sehr Verschiedenes daraus. " Vor Allem geschieht Metternich sehr Unrecht ; nicht er war
111) C. A. Schimmer , Das Leben und Wirken des Erzh. Johann von Desterreich, nach Originalquellen Urkunden geschildert. Mainz 1849 ( 131 S.) . Der betreffende Abschnitt S. 37-43 unter der Ueberschrift „ Das große vermeintliche Complott von 1813 ". 112) F. J. A. Schneidawind , Das Leben des Erzherzogs Johann von Oesterreich. Mit besonderer Berücksichtigung der Feldzüge des Prinzen in den Jahren 1800, 1805 , 1809 u . 1815. Schaffhausen, 1849. Der bezügliche Abschnitt S. 223-228 . 113) "1 Gegenwart", Zeitschrift, h. v. Brockhaus zu Leipzig .
IV. Erzherzog Johann und der „Alpenbund“.
59
es, der keinen Erzherzog wollte, sondern ganz andere Leute ; nicht Lag es an den Erzherzogen, wohl aber an Manchen in der Umgebung derselben, welche sie zuweilen übel beriethen,
des Kaiſers
Ansehen verlegten und dadurch jenen, die das Mißtrauen anfachten, Stoff dazu geliefert . Richtiger ist, was Schneidawind und die Gegenwart sagt, dies bestätigt auch mein Tagebuch ; ich wollte Tirol wieder zu Desterreich bringen, unterhielt deswegen die Verbindungen mit dem Volke. Ob nun die Kabinette von London und Petersburg ihr Augenmerk auf mich geworfen, ist mir unbekannt, aber möglich, denn ich verbarg nicht meine Gesinnung, und der Zuſtand von Tirol und der andern in fremde Hände gekommenen österreichischen Gebirgs· • provinzen war mir unerträglich 114) Daß Engelland in Tirol aufrege, dies war mir bekannt ; ſie (die Engländer) mußten trachten, Napoleon so viele Feinde und Verlegenheiten als möglich auf den Hals zu ziehen ; ich habe dies in meinem Tagebuche bemerkt ; mir lag daran, Tirol zu Desterreich, nicht zur Schweiz zu bringen.
Erstere Befürchtungen und dunkle
Gerüchte waren der Anlaß, statt die Wahrheit der Sache zu ergründen, sie als baare Münze anzunehmen und mit Bosheit gewürzt, jene Sagen zu erdichten, welche gegen mein Streben vorgebracht wurden ; ich war ja schon vom J. 1799 an im Verdachte, den Schweizern gewogen zu sein.
Mir lag weiters daran, die
Einflußnahme Englands in die tirolischen Angelegenheiten zu hemmen ; dazu war das beſte Mittel, die Sache selbst in die Hand zu nehmen und sich an die Spiße zu stellen, so konnte das Gute bewirkt und vielem Uebel, dem Spiel der Leidenschaften u. s. w. vorgebeugt werden." 115)
114) Spätere Aufz. aus den Jahren 1852-59, Bogen 179. Nun folgt eine Stelle, in welcher der Erzherzog der Vermuthung, er habe auch den Salon der Fürstin Bagration besucht (wo bekanntlich Antinapoleonismus gepflegt wurde) entschieden gegenübertritt. Ich habe diese Frau bei den Festlichkeiten. des Congresses gesehen, aber nie ein Wort mit ihr gesprochen. “ 115) Ueber ſeinen Plan mit Tirol vgl . das Spätere. Der Erzh . cit. auch eine Depesche Castlereaghs folgenden Wortlautes : ,,Un point, en lequel faudra avoir des notions importantes et exactes, ce sont les mouvements insur-
IV. Erzherzog Johann und der „Alpenbund ".
60
So lautet die Aufzeichnung des Erzherzogs , zu der er sich am Abende seines Lebens gedrungen fühlte.
Wir müſſen
daher vor Allem sein ursprüngliches Tagebuch und gelegentlich auch die andern Zeugnisse sprechen laſſen, auf die er verweist ; damit Was der greise erwiesene Thatsachen verknüpfen.
auch weitere
Kaisersohn vier Jahrzehnte später darüber sagt, erscheint wie aus der Vogelschau betrachtet, in welcher das Einzelne, seine Größenverhältnisse und alle scharfen Gegensäße verschwimmen, als ruhige allseits versöhnlicher Rückblick auf etwas längſt
Erwägung und
Abgethanes, erhaben über alle jene Erregungen des Augenblicks, über den raschen Wellenschlag des Gemüthes, über alle jene Erwartungen, die einst den jüngern Mann erfüllten, begeisterten und alle Enttäuschungen, die ihn vormals bitter fränkten.
rectionels depuis les confins de Hongrie jusqu'à la Suisse. On a de fréquents pourparlers avec les deputés et on tâche de les retenir. Les trois petits cantons de la Suisse sont les plus ardents, mais tous se préparent (Randbem. „Ich hatte an Reding – Staatsmann der Schweiz † 1818 geschrieben“). On désire , que le Tyrol se déclare de vouloir se joindre à la ligue helvétique. Le Comte de La Tour („ ebenderselbe, den ich 1809 nach Neapel sandte“, Gf. Theod. Franz Baillet-Latour) a écrit le 7 juin à Nugent, que le retard de son arrivée fait beaucoup de mal, qu'il est à craindre, qu' on ne puisse plus retenir les Croates et les Illyriens, qu' on a deja excités depuis un an, que la présence de l'archiduc (Jean) pourrait tout diriger vers un bout et peut - être reussir à retarder l'explosion." Diese Stelle der Depesche findet sich auch bei Schneidawind S. 224 abgedruckt. Ebenso citirt der Erzherzog eine Stelle aus dem Schreiben des Grafen Münster v . 7. März 1813 (aus London in Chiffre) an Gf. Nugent „den Mittelpunkt aller Verständnisse gegen Neapel am adriatischen und Mittelmeere bis z . 17. März “ : „ Le baron de Wessenberg (öst. Botschafter an dem engliſchen Kabinet) arrive ici en peu de jours proposer la médiation de l'Autriche pour la paix générale. L'idée seule est si absurde, qu'il est superflu de la discuter. La Prusse se déclare contre la France, et l'évenement et l'enthousiasme général de la nation entrainera l'Autriche. Il est important, que vous sachiez, que l'archiduc Jean a declaré a King (d. engl. -diplom. Agent in Wien), qu'il se mettrait incessament à la tête du Tirol et du Vorarlberg, qui va s'insurger. " Diese Depesche findet sich gleichfalls bei Schneidawind ausgezogen ; zunächst bietet sie Hormayr in den Lebensbildern aus den Befreiungskriegen I. (2. A. ) S. 160.
IV. Erzherzog Johann und der „Alpenbund “ .
61
Immerhin bildet ja das Ereigniß v. J. 1813 einen verhängnisvollen Wendepunkt im Leben des Erzherzogs, es hielt ihn zwanzig volle Jahre Tirol fern, bewirkte allmälich seinen Rücktritt aus den Bahnen des politischen Lebens, und Steiermark wurde das Gebiet, wo er gemeinnüßig zu wirken Gelegenheit fand, sein dauerndes Heim und den eigenen Herd bestellte.
Was er in den Tagen vor-
gerückten Alters über Metternich bemerkt, entquoll einer versöhnten Stimmung, die ihn selbst als Anwalt des genannten Staatsmannes sprechen hieß. 116) „ Daß ich nicht mehr Tirol betreten durfte, " lautet die betreffende Stelle in diesen spätern Aufzeichnungen,
„ dies ist wahr ;
warum ? War es die Folge des aufgeregten Verdachtes, oder aus Eifersucht, oder aus Rücksicht für Baiern ?
Ich weiß es nicht,
dies ist aber gewiß, daß ich erst nach vielen Jahren jenes Land wieder zu sehen bekam. " Er selbst hat jedoch in dem Tagebuche z. 8. Juni 1833, alſo zwanzig Jahre früher, der Nachwelt in schlichten Worten Rechenſchaft gegeben, wie damals der langjährige Bann in Hinsicht Tirols gebrochen würde, und diese Aufzeichnung belehrt uns, daß „ Metternich bisher das einzige Hinderniß gewesen ". 117) Der Widerspruch 11 ) Der Erzherzog bezieht sich auf die Stelle b. Schimmer S. 42, wo von Metternichs Antrag die Rede ist, dem Erzherzoge Tirol verſchloſſen zu halten und schreibt folgendes dazu : „In allen diesen Schriften waltet eine große Leidenschaft gegen Metternich, da dieſe 1848–9 erſchienen, ſo ſind dieselben als der Wiederhall des Haſſes einer Partei gegen jenen Staatsmann. " 117) Diese Stelle findet sich (offenbar durch Mittheilung des Grafen von Meran) bei Schönherr (d . Schl. Schenna) abgedruckt und lautet : „Ich war nur kurze Zeit in Wien gewesen und doch hatte ich viele Leute gesprochen und manches geordnet. Ich hatte meinem Kaiſer alles vorgetragen, was die anvertraute Befestigung (in Venedig, Verona und Brixen) betrifft. Ich hatte mit dem Kaiser sehr aufrichtig über Vieles gesprochen, über Italien u . s. w. Krieg, Friede, Stimmung über Tirol, wobei ich ihn, nachdem ich Jahr und Tag nichts mehr gesagt, in Betreff meiner wieder fragte, aber gleich auch um die Bewilligung bat, mit Fürst Metternich sprechen zu dürfen, was dem Kaiser recht war, da Metternich bisher das einzige Hinderniß gewesen. So sauer es mir wurde, ging ich also, nachdem ich seit 7 Jahren das Haus in Geschäften nicht betceten hatte , zu Metternich und trug ihm ganz kurz vor, was die Befestigung betrifft und wie ich von Tirol
62
IV. Erzherzog Johann und der „ Alpenbund“.
dessen mit dem,
was er am Abende seines Lebens über das be-
zügliche Verhalten des langlebigen Staatslenkers Desterreichs schrieb, dürfte nach der einen Seite hin in dem versöhnlichen Geiſte des Erzherzogs, nach der andern in den Nachweiſen dieſes anspruchslosen Buches seine theilweise Erklärung finden. So liegt vor uns Anfang und
Ende,
Ursache und Nach-
wirkung dessen, was nun in seinem thatsächlichen Bestande klargelegt werden soll. Zunächst wollen wir dem Winke des greisen Erzherzogs folgen und seiner „ Individualität“ gedenken.
Es handelt sich da um ein
Anknüpfen an Einiges, was bereits als Vorbemerkung zu seinen Tagebüchern erwähnt wurde. Erzh. Johann war ein Gefühlsmensch, eine weiche, ungemein empfängliche Natur, Optimist,
der gern ideale Anschauungen in
das wirkliche Leben trägt, eine edle, arglose und deshalb auch vertrauensselige Persönlichkeit,
ein Sanguiniker, der leicht für eine
Idee entbrennt, die Mittel sie zu verwirklichen überschäßt und die thatsächlichen Hindernisse geringer anschlägt, Wirklichkeit entspricht.
als es der baaren
Diesem Sanguinismus war jedoch mancher
Tropfen mechancholischen Wesens beigemengt ; sie entquollen früheren schmerzlichen Erlebnissen und Enttäuschungen, dem beengenden Be= wußtsein drückender Verhältnisse und hemmender Schranken, jenem Gegensage, in welchem sich seine Anschauungen über Politik und Volkswohl zur heimischen Staatsraiſon bewegten, ohne daß dieſer Gegensah ein werden könnte.
prinzipieller,
ein scharf
ausgesprochener
genannt
Diesen gemischten Stimmungen giebt das gleichzeitige Tagebuch sattsam Ausdruck. Den Erzherzog erfüllte jedoch auch ein strenges Pflichtgefühl, eine manchmal zur Selbſtquälerei
neigende Gewissenhaftigkeit und
bisher ausgeschloſſen war, was man daraus gefolgert, und fragte ihn endlich, ob noch Anstände obwalteten. Er antwortete, es habe gar keinen An = stand mehr. Gut, also bat ich ihn, er möchte es S. Majestät sagen. Er that dies auch noch am nämlichen Tage, wie mir der Kaiser sagte. Also dieſer Punkt wäre geschlichtet, ich werde nach 28 Jahren Tirol wieder sehen, aber wie finden !" S. 54–55 .
IV. Erzherzog Johann und der „ Alpenbund “ .
63
die Scheu vor gewaltsamen Veränderungen des Beſtehenden, anderseits Thätigkeitstrieb ,
den er lahmgelegt sah, und der Ehrgeiz,
ſeiner Geburt und Rangſtellung im Leben gerecht zu werden. Das Alles muß in Betracht gezogen werden, um das Vorhaben des Erzherzogs in Hinsicht Tirols im richtigen Lichte zu sehen.
Er hielt
ſich in seinem Gewiſſen für verpflichtet, die „ Gebirgsvölker“ Deſterreichs, insbesondere Tirol und Vorarlberg, der Fremdherrschaft zu entreißen, da ihnen die Staatsraison Desterreichs dies seit 1809 schuldig geblieben sei, und er vor Allem sein den Tirolern gegebenes Wort einlösen müſſe. Diese Anschauung überfliegt alle Bedenken und politischen Rücksichten, sie bricht immer wieder durch ; da und dort in Worten überschwänglichen Gefühles, wie schon Anfangs Februar 1812, 118) als er fürchtete durch einen andern Auftrag seiner Lieblingsidee entfremdet zu werden und die einstweilige Beseßung Illyriens und Tirols als „ Depôt“ Frankreichs einleiten zu müſſen : „Zweimal erhob sich Tirol auf sein Wort, um seinem Herrn zu dienen, zweimal beruhigte es sich wieder, unbesiegt, auf sein Wort. Ein Wunder, daß er bei dieser Unternehmung nicht Glauben und Vertrauen bei ihnen verloren.
Die Vorsehung hat da die
Hand im Spiel, es scheint, sie seien noch zu etwas beſtimmt.
Ein
drittes Mal sie hintergehen, mit falschen Hoffnungen sie hintergehen, um Ruhe zu erhalten, das Werkzeug des Despotismus sein, gegen die Freiheit arbeiten,
nimmermehr! Ich bin frei geboren,
will so redlich sterben ; ich beuge mich vor niemand als vor Gott und meinem rechtmäßigen Fürsten, schäße die Ehre als das höchste. Für Freiheit gegen allgemeine Unterdrückung kämpfen, in Gottes Namen, aber sonst nicht !
Meine Zeit wird und muß kommen, ich
fühle den Trieb und eine Ahnung in mir . . . und will man mich zwingen, wohlan - so gehe ich, dann aber lebewohl Desterreich, ich bleibe in Tirol und rette oder falle mit dieſem biederen Volke, das werde ich meinem Herrn sagen, ob er es will darauf ankommen laſſen, das mag er überlegen ; ich bin der Mann, der das,
118) Tagebuch z . 1. -3. Febr. 1812 .
64
IV. Erzherzog Johann und der „ Alpenbund“.
was er sagt, ausführt, werde. " 119) ――
wenn ich
auf das Aeußerste
getrieben
Der Plan, sich an die Spige einer Volksbewegung zunächst in Tirol und Vorarlberg zu stellen, war im Spätjahre 1812 unter veränderten Umständen in ein neues Stadium getreten.
Ende De-
zember bemerkt der Erzherzog in seinem Tagebuche, die Sache sei eingeleitet. 120) Im Jänner
1813
erregen die Anzeichen großer Ereignisse,
der Anbruch einer neuen Zeit,
mächtig sein Innerstes, er erörtert
die Möglichkeit eines Friedens ; vor Allem aber drängt es ihn vorwärts, nur spricht er von einer nothwendigen Frist : „ Stünden wir da gerüstet, so hätte Süddeutschland, wo die Stimme nach Unabhängigkeit laut spricht, auch einen Vereinigungspunkt ; da wäre Alles gut, da könnte Friede werden. Ich war die Tage nicht müßig ,
arbeitete Illyrien betreffend , sprach mit Wallmoden 121)
über das Zweckmäßige und die Mittel, die zu Gebote stehen, über meinen festen Entschluß.
Gott gebe, daß es ohne einen Ausbruch
119) Randbemerkung aus später Zeit : „Mein fester Vorsaß war, zu gehorchen, nach Tirol zu gehen, käme es an Oesterreich wieder, gut ; wenn es aber durch Umstände wieder abgegeben werden, wenn Oesterreich wieder darauf verzichten sollte, dort zu bleiben, zu fallen, oder mich unabhängig mit diesem Volke zu behaupten, bis die Zeit komme, wo ich es wieder an Oesterreich bringen könnte" 120) Tgb. 26. - 31 . Dez. Dann sah ich Hormayr, Hammer (der bekannte Orientalist), Gagern oft ; die Sache ist durch Bühler I. (Hofrath in der Staatskanzlei) eingeleitet ; könnte sie nur jenen Erfolg bringen, den ich so aufrichtig wünsche, Rettung und die Rettung zuerst, von wo sie zuerst ausgehen muß." . . 121) Tageb. z. 14. - 26. Jänner „Wallmoden (s. w. u.) ist hier nicht unbedeutend, richtig sehend, die Schwierigkeiten berechnend, doch er sieht die zwei Fälle ein, die ich ihm sagte, entweder mit oder ohne Oesterreich" . Damals sprach Erzh. Johann auch mit der Kaiſerin, Maria Ludovika, die ihm rieth, zu heiraten und ein ruhiges Leben zu führen ; er habe ihr erwidert : „ Meine Rolle sei mir vorgezeichnet, ich werde sie spielen, es gelte das Wohl der Menschheit ; überstehe ich die, dann wolle ich froh das Leben genießen ; falle ich, so falle ich meiner Pflicht als Mensch für meine Brüder. Sie wurde nachdenkend ; ich glaube es, ſo etwas ſagt ihr selten einer.“
65
IV. Erzherzog Johann und der „ Alpenbund“. geschehe,
noch sind drei Monate Frist . . . Tag und Nacht denke
ich der Sache nach und forsche, es ist keine Kleinigkeit, und ich möchte das gelungen sehen, täglich entstehen mir neue Gedanken, und ich sehe, wie ich sie dem Ganzen anpaſſen kann. Wenn Rußland an die Elbe gelangt, dann möchte es wohl Zeit werden." Anfang Februar war so manches wichtige Ereigniß geschehen ; am 22. Jänner hatte Schwarzenberg den kaiserlichen Befehl zum Rückzuge erhalten, der „ erste Schritt zum Abfalle Oesterreichs ", wie Napoleon richtig ahnte. 122)
Die Ruſſen erschienen an
der
Weichsel, Erzherzog Johann hoffte sie bald an der Oder zu wissen, dann müsse Preußen mit.
"! Mein Plan geht dahin “ , schreibt er in sein Tagebuch, „zuerst erhebt sich Tirol, dem die alte Verfaſſung gegeben wird, zugleich die Grenze (d. i . die Militärgrenze),
daran schließt sich :
Salzburg, der Villacher Kreis, Krain ; die Engländer landen in Fiume, dann Eröffnung der Verbindung mit Tirol, Ausbruch nach Welschland, Erhebung des Veltlin und der Brescianer Thäler ; Beginn im Aretinischen und Modenesischen,
Coup de Mare auf
Genua von Seite Sardiniens ; 123) zugleich nach Norden hinaus, nach Baiern und Schwaben, Werbungen, Gewinnung dieser Höfe, deutsche Legion, dann läßt sich erst das Weitere bestimmen.
Dester-
reich im Bunde mitwirkend, oder wenigstens nicht dagegen.
Es
werden sich Viele wundern, manche mein Unternehmen als einen Narrenstreich bezeichnen, manche ihn tadeln, einige mich als einen verlorenen Menschen bedauern, was fümmert es mich ?
Si Deus
nobiscum, qui contra nos ? Bin ich glücklich, geht die Sache vorwärts , dann werden alle die Augen aufreißen, bewundern und sagen, wer hätte dies geglaubt ? mein Ernst. " 124)
Was ich heute Gagern sagte, ist
122) Vgl. Oncken , Oesterreich u . Preußen im Befreiungskriege, I. S. 105 . 123) ,,Coup de mare" bedeutet wohl eine Blokade. Franz von Este Heiratete (Juni 1812) die k. Prinzeſſin Beatrice von Sardinien. Erzh. Johann bemerkt in s. Tageb. z. 20. Dez. 1811 er habe mit Metternich über Manches gesprochen, so auch wäre da die Rede gewesen von der Thorheit des Erzh. Franz, der „ Italien erobern" wolle. Vgl. Hormayrs Lebensbilder I. S. 83 f. 124) S. Tageb. 1813, 29. Jänner - 3. Febr. 5 Krones, Tirol 1812-1816.
66
IV. Erzherzog Johann und der „Alpenbund".
Einige Tage später schreibt er : Die Ereignisse möchte ich • Nichts kann geschehen , bis nicht die rascher folgen sehen Ruſſen an der Elbe ſtehen , und Napoleon gegen sie ; das ist bis Mai ; dann sind die Berge schneefrei ; jezt könnten die Kräfte gegen diese Völker gewendet, große Schwierigkeiten machen." 125) Wohl hatte Preußens König bereits
den „ Aufruf an ſein
Volk" (vom 3. Februar 1813) erlaſſen , aber die Ruſſen ſtanden noch nicht an der Elbe. „ Mich hat diese Nachricht gewaltig erschüttert" heißt es zum 7. Februar ; „ ich habe es so redlich gemeint , soll denn auch dieser mein Lieblingsplan scheitern , und wenn auch dies nicht, so ist er auf Jahre zurückgedrängt, und wie • alsdann ?" 126) Aber an dem Plane wird weiter gearbeitet. "? Abends um 7 Uhr" - schreibt der Erzherzog zum 11. Februar ,, nachdem ich Alle (Bediensteten) schlafen geſchickt , ging ich in das Archiv (H. Hof- und Staatsarchiv) ; da waren Hormayr , Schneider, Eisenstecken , Luz , Walmoden und King. Dort wurde für die Zukunft alles abgeredet , die Disposition für Tirol und Vorarlberg gemacht , das erste Geld bestimmt , dann Geld , Geſchüß, Munition verlangt , der Entwurf für Fiume gemacht , endlich die Nothwendigkeit der Unternehmung auf Venedig
und
jener
auf
Genua sardinischerſeits, wozu mein Vetter bestimmt ist, gezeigt. " Wir haben dieser Aufzeichnung wenig Erläuterndes beizufügen. Es sind uns bekannte Persönlichkeiten , die den engen Kreis der Vertrauteſten des Erzherzogs bilden , nur des einen war bisher nicht gedacht ; es ist der Bauer Georg Luz aus der Gegend von Bozen, 127) der auch im Jahre 1809 das Seinige that.
England
erscheint durch seinen politischen Agenten , den rührigen King, 128) vertreten.
Der Inselmacht, Englands, konnte man nicht weiter ent-
125) S. Tagebuch 1813, 29. Jänner -3. Februar. 126) Ebenda. 127) Wir werden ihm als Abgeordneten 1814 begegnen. 128) Den Namen der englischen diplom. Agenten Johnson und King begegenen wir beispielsweise in der Korrespondenz Nugents mit dem brittischen Kabinet ( 1811 , 1812) und in Graf Münsters Korrespondenz. Hormayr, Lebensbilder, 2. Aufl. II. 155, 156, 160, 161 ... . . .
67
IV. Erzherzog Johann und der „ Alpenbund“ . behren.
Seine Flotte und sein Geld waren für das Unternehmen
unentbehrlich.
Für die Action Sardiniens sollte der Vetter des
Erzherzogs, Franz von Eſte, der Bruder der Kaiſerin, als SchwiegerSohn des Königs von Sardinien, eintreten. Sieben Tage später (14. Febr. ) heißt es, die Vollmachtträger ſeien bereits abgegangen, auch was Venedig beträfe, desgleichen die Briefe an den englischen Agenten Johnson nach der dalmatinischen Insel Lissa.
Bis Ende März hätten drei englische Schiffe
vor
Fiume zu erscheinen. Laſſen wir nun den Erzherzog selbst das Wort nehmen : Abends kamen wir zusammen : Ich, Hormayr , Roschmann, Schneider, King.
Ich sprach Lezterem ernsthaft zu , weil er
die Mittel schaffen muß, weil wir uns keiner Verlegenheit ausseßen können , wenn anders Alles gelingen soll ; darum die Disposition von Geld nach Tyrol , Vorarlberg , Salzburg , Illyrien.
Zugleich
wurden manche Sachen gedruckt um sie in den Gebirgen zu verbreiten. Ein Bote ging ab mit einem Zettel an Winterſteller , 129) der ihn benachrichtigt und die Zeit beſtimmt“ . Aber schon um den 20. Februar wußte der Erzherzog , daß die Wiener Polizeibehörde ( ihr damaliger Präses Freiherr von Haager, 130) der Sohn des unserm Prinzen unvergeßlichen Erziehers, stand mit ihm wohl bestens , war aber selbstverständlich kein Einmehrere der Freunde des geheimen Planes beaufgeweihter) sichtige und, wie es schien, vornehmlich Roschmann . Der Erzherzog verbrannte deshalb im Intereſſe der Sache und seiner Genossen
129) Winterſteller Rupert, geb. zu Kirchdorf in Tirol 25. Jänner 1773, Gastwirth, 1797, 1798, 1800, 1805 als Landwehrmann thätig, 1809 ein Vertrauensmann Hofers, gänzlich verarmt, herumirrend, 1810, 25. März aufgegriffen und nach München geschafft, 1810, Novemb. freigeworden. (Wurzbach 57. Bd .) Vgl. über ihn w. u . 130) Franz Haager Frhr. v. Altensteig war der Sohn des FML. Alois (geb. 1750, † 1816) , anfangs Militär dann in Civildienſten, s. 1809 Vicepräſes, s. 1813 Präſes der obersten Polizeibehörde ; † August 1816. Erzh. Johann kommt wiederholt auf diese Persönlichkeit zu sprechen und zwar in günſtiger Weise. Wir werden Haagers auch im Folgenden mehrfach gedenken, insbesondere was die Rolle Haagers in der ganzen Angelegenheit nach den abweichenden Anschauungen Hormayrs und des Erzherzogs betrifft. 5*
68
IV. Erzherzog Johann und der „ Alpenbund “ .
alle auf das Unternehmen bezughabenden Schriften und verbarg sein Tagebuch , worin ohnehin alles enthalten sei , 131) an einem sichern Orte.
Noch ſchien die heikle Angelegenheit vor Entdeckung
geborgen. Als man Ende Februar zusammenkam wurde das eigentfiche
" Comité"
aus
dem Erzherzoge,
Hormayr
(für
das
Innere) und Frhr. von Gagern (für das Diplomatiſche) gebildet. Letterer sprach auch mit Rechberg , dem Gesandten Baierns , „ um ihm seinen Haß gegen Oesterreich zu benehmen “ . 132) Um diese Zeit näherte sich auch Frhr. von Liechtenthurn, vormals Geschäftsträger Desterreichs in der Schweiz ,
Tiroler von
Geburt , vor Jahren auch Kreishauptmann zu Imst, und Bruder eines Vertrauensmannes der österreichischen Partei im Jahre 1809, dem kaiserlichen Prinzen.
„ Er roch Lunte ", wie der Erzherzog
schreibt, aber Letterer war nicht gewillt, denetwas zudringlichen Mann ins Vertrauen zu ziehen , da dieser keine geringe Rolle dabei und in Tirol zu spielen gesonnen war. 133) 181) Tageb. 20. Febr. 1813. Randbemerkung aus späterer Zeit : „Das war sehr klug ; nach langer Zeit erwies es sich, daß Roschmann ein falscher Bruder gewesen und angegeben hatte.“ 182) Tageb. Ende Febr. 1813. Frhr . v . Gagern hat in ſ. „ Beiträgen 3. Zeitgeschichte" I. S. 5—6 ( 1814, am Rhein, April 1814) bemerkt, was er früher schon gegen K. Max J. I. v. Baiern und den Gen. Gf. Wrede über die richtige Aufgabe Baierns geäußert hatte, und (S. 17—18) ſein Gespräch mit Graf Rechberg, vor Gagern Abgange aus Wien (Ende März 1813) . 188) Tageb. 24. - 27. Febr . 1813. „ Liechtenthurn war bei mir, er riechet meine Lunte, da er einen Brief von Zellweger (Schweiz) erhalten ; ich laſſe mir ihn geben, und er bekommt ihn nicht mehr zurück ; ihm selbst machte ich eine Menge Einwendungen, um ihn von dem Gedanken abzubringen.“ Darauf folgt eine ſchwer verſtändliche Stelle; „Zwei Tiroler, Torggler und Limbscher (?) haben bei Ott angebandelt ; diesen Alles versprochen , darauf Liechtenthurn mit ihm konferirt ; er (Liechtenthurn) begehrt 3 Mill. an Geld, dieses ihm hoffen gemacht. Liechtenthurn will aber, man solle hier um die Erlaubniß begehren (das wäre das wahre ! ). Dann meint er, ich und er als Landeshauptmann (das noch besser !) . Wir sollen wirken und wenn Deſterreich aufhört neutral zu bleiben, ihm alles übergeben. Ich ließ ihn beim Glauben, wollte aber nichts von diesen Dingen wissen, da keiner Macht zu trauen sei , forderte sodann ihm einen schriftlichen Plan ab, dann habe ich ihn in meinen Händen, ich kenne ihn schon als Kreishauptmann zu Imst und traue ihm nicht" . . . Offenbar ist unter Ott niemand anderer als Otto, der
IV. Erzherzog Johann und der „Alpenbund ".
69
Um diese Zeit vollendete auch der Erzherzog den „ Entwurf“ des ganzen Unternehmens und theilte diesen seinen Genossen mit ; es ist dies jenes Schriftstück, das er in sein gleichzeitiges Tagebuch vollſtändig aufnahm , und deſſen Inhalt am besten alle Verdächtigungen anderseits alle Ueberschwänglichkeiten der Auffassung und alle Verdächtigungen widerlegt, die daran geknüpft wurden. Der „ Alpenbund “ habe Tirol , Salzburg , Vorarlberg
die
damals bairischen Länder, anderseits Illyrien, die welschen Thäler “ ― in Frankreichs Beſize und die Schweiz zu umfassen. „ Erstere Gruppe bildet den Kern. Sie und Illyrien sind eine Nothwendigkeit für Desterreich als Bollwerke Deutschlands. "
und umschließen die Pforten
Diesen Bund werde die Regierung Oesterreichs,
sobald man sähe , daß man dadurch für sie handle , ohne sie zu kompromittiren ,
den eigenen Interessen
als befreundet erkennen.
Rußland und England würden ihn unterſtüßen. Rußland, Preußen und dem Alpenbunde dürfte es auch gelingen, Baiern und Würtemberg zu bekehren und ihnen den Weg einer richtigen Wahrung der eigenen Interessen zu zeigen. In Italien lasse sich eine befreundete Stimmung wecken ; Neapel müsse gewonnen, die Schweiz als nächſter Nachbar Tirols zum Anſchluſſe gebracht werden, mit Beachtung der verschiedenen Kantonsintereſſen. Der Erzherzog selbst wolle als Führer ohne Namen auftreten, entschlossen , wenn Alles vollbracht und der Friede gesichert sei , in sein „ väterliches Haus “
so zurückzukehren ,
wie er es
verlassen.
Eine solche Uneigennüßigkeit werde wohl die Regierung Oesterreichs gewinnen.
Der bezügliche Aufruf hat alles Zweckdienliche zu ent=
damalige französische Gesandte, zu verstehen, welcher seinen Vorgänger Alexander de la Rochefoucauld abgelöst hatte, ein Elsässer von Geburt, den der Erzherzog in s. Tageb. ( 1813 , 21. März) folgendermaßen charakterisirt : „Otto war ein braver Mann, ein Elsäſſer, alſo deutschen Charakters, überdies kein Freund des Despotismus. " Ihn löste Ende März Narbonne ab, allerdings ein Diplomat ganz anderen Schlages. - Die obige dunkle Stelle des Tagebuches ließe sich nur so erklären, daß jene beiden Tiroler und dann Liechtenthurn dem franz. Gesandten Otto vorspiegelten, Tirol auf Frankreichs Rechnung und für dasselbe zu bewaffnen , eine abenteuerliche Finte , von der der Erzherzog allerdings nichts wissen wollte ; ähnlich dem Antrage Oesterreichs. Vgl. o. den Text S. 40 u. Anmerkung 76.
70
IV. Erzherzog Johann und der „Alpenbund“.
halten, aber weder auf Rußland noch auf England als Bundesgenossen zu verweisen. Die Alpenvölker ſeien es , die durch eigene Kraft sich erhüben ; das errege keinen Verdacht und lasse Alles im besseren Lichte erscheinen. und Hilfe verweisen.
Später könne
man
auf Verbindung
Sogleich haben Boten und Briefe an die
Fürsten und Nachbarn abzugehen ; die bewaffnete Erhebung beſtärke ihre Wirkung.
Geld und Waffen seien die Hauptsache. Für jenes
hätten Rußland und England aufzukommen. ersten sechs Monate damit gedeckt sein.
Man müſſe für die
Die Bewaffnung haben die
nächsten Zeughäuser, Kärnten und die Schweiz, zu beſorgen.
Ge-
schütz soll England über Fiume durch Illyrien herbeischaffen, außer dem, was die benachbarten Zeughäuser liefern könnten. heißungen seien abzulehnen .
Leere Ver-
Eine Verbindung mit England und
Rußland und die rasche Kenntnißnahme von allen Ereigniſſen ſtelle sich in der Folge als nothwendig heraus. In den unter Fremdherrschaft stehenden österreichischen Ländern des Alpenbundes habe man alle fremden Beamten und höheren Obrigkeiten über die Grenze zu schaffen.
Die Gemeinden erheben
sich unter der Führung der neuen Landrichter ; den Erzherzog ſelbſt umgibt
ein
enger Kreis
von Vertrauensmännern.
Der Prinz,
Hormahr und Gagern bilden das eigentliche „ Comité". Die Hauptrolle in der Erhebung fällt dem Bauer zu.
Die Länder werden.
nach den Gerichten und der Volkszahl in Kompagnieen gegliedert, aus denen
größere Kontingente
zuſammenſeßen. Bedarffall
unter
einem Oberanführer sich
Den Kern der Landschaften bildet die für de
eingerichtete Reserve.
Eine
auserlesene
Truppe
mit
tüchtigen höheren Offizieren umgibt den Erzherzog ; aus diesen erwächst ein Generalstab. Zur Ausbildung der Reiterei und Artillerie bedürfe
es
einiger Offiziere und
Gemeiner.
Durch Werbungen
ließen sich leichter Bataillons zusammenstellen und so die Gestaltung eines Heeres ermöglichen.
Operationen könne man nicht vor-
herbeſtimmen , zunächst nur die Verdrängung des französischen Generals Bertrand aus Verona , Züge gegen Augsburg, München, Lindau und Salzburg ins Auge faſſen. Auf Ordnung und Mannszucht müsse man sehen und alle Aeußerungen, die auf Anarchie schließen ließen, vermeiden, das gewänne die öffentliche Meinung.
IV. Erzherzog Johann und der „Alpenbund".
71
Dies der wesentlichste Inhalt des „ Entwurfes " 134) ; schmucklos, hier ausführlichen , dort rein skizzenhaft , wie sein Wortlaut zeigt, spricht er deutlich genug für seine Loyalität
dem Kaiser von
Desterreich gegenüber , für die Uneigennüßigkeit seines Verfaſſers . Man kann darin den Sanguinismus des Erzherzogs, eine hoffnungsselige Ueberschätzung der Sachlage und der Mittel, anderseits eine Unterschäzung der entgegenstehenden Schwierigkeiten, die Unhaltbarkeit mancher Vorausſeßungen bemängeln, man kann so weit gehen, zu behaupten , daß die Vereitlung des ganzen Unternehmens ein Glück für ihn war, ihn vor schweren Gefahren und Enttäuschungen behütete , aber Niemand kann aus diesem Schriftstücke den Entschluß des Prinzen ableiten , Politik auf eigene Gefahr und Rechnung treiben zu wollen.
Auch zwischen den Zeilen läßt sich dies nicht herauslesen, und alle weiteren Thatsachen, das im Tage-
buche verbürgte Denken und Empfinden des Erzherzogs ,
werfen keinerlei Schatten oder Zwielicht auf seine beſtgemeinten Pläne. Als diese Pläne zunächst im Spätjahre 1812 seine Seele beschäftigten , galt es ein Wagniß bei der Abwesenheit Napoleons auf dem fernen russischen Kriegsschauplage ; sie wurden vertagt, denn es fehlten alle Mittel zu einem greifbaren Erfolge. Als dann wieder der französische Imperator , aus dem Norden heimgekehrt, die gefürchteten Waffen
wider
den beginnenden Befreiungskrieg
Europas sammelte , als anderseits Rußland und Preußen Schulter an Schulter standen , verschob der Erzherzog sein Losſchlagen zuchst bis zum Erscheinen der Russen an der Elbe und dann bis in den Frühsommer. Man erkennt, wie ihn das Gefühl einer großen Verantwortlichkeit — namentlich dem so oft hart geprüften Tirol gegenüber — zögern und zuwarten macht ; aber er bemüht sich alles vorzubereiten. Anfang März sieht er sich nun durch die Ahnung, die Staats-
polizei sei dem Ganzen auf der Spur , zur Beschleunigung des Unternehmens gedrängt. 135) Er erfährt , Metternich habe den 184) S. den Anhang Nr. II. „ Die Polizei auf der Spur 135) Tageb. 4., 5. , 6. , 7. März 1814 . des Ganzen, Saurau" (Franz Gf. v., damals Statthalter von Niederösterreich, 1809 Armeekommissär bei Erzh. Johann in Italien, 1800-1804 war er
IV. Erzherzog Johann und der „ Alpenbund “.
72
Courier des englischen Agenten King aufhalten und ihm Depeschen abnehmen lassen ;
er tröstet sich damit ,
seine
ſie ſeien in
Chiffren geschrieben. Der Umstand, daß ihn (5. März) der Kaiser zu sich vorgefordert habe, mußte ihn in seinen schlimmen Ahnungen beſtärken. Am Abende des 5. März 1813 trifft er auf dem Glacis mit seinen Vertrauten zuſammen, ſpricht mit ihnen über die Geldbedürfnisse des Unternehmens und von der Nothwendigkeit, schnell zu sein, da Gefahr mit jedem Verzuge drohe ; er ſelbſt ſei zu Allem bereit.
Er hatte ursprünglich den Ostermontag (19. April) im
Auge, an welchem er , unter dem Vorwande , aufs Land zu gehen, sich nach Graz begeben wollte, um von da den geraden Weges nach Tirol einzuschlagen. 136) Wallmoden war bereits nach dem Süden abgereist und Eisenstecken ,
einer der verläßlichsten Sendlinge
für Tirol, abgefertigt worden. Desgleichen ging ein Bote an einen andern Tiroler, Wintersteller , ab. Aber schon am 7. März fiel der vorbereitete Schlag.
Hor-
mayr, Schneider und Roſchmann wurden „ in kurzem Wege “ verhaftet und ihre Deportirung verfügt.
Wir werden auf dies Ereignis
weiter unten ausführlicher zu sprechen kommen. Vorerſt laſſen wir noch das Tagebuch des Erzherzogs sprechen.
„ Am
8. März“ ,
schreibt er , „ gieng ich zu dem Kaiser ; er gab mir einen Aufsat der Polizei zu lesen ; dieser enthielt das Ganze , so genau als hätte ich es aufgesetzt. Ich war bereitet und änderte nicht die Farbe ; nebst Wahrem standen Geschwäße darin , die mich ärgerten, da ich solches nie gedacht.
Ich las ihn zweimal.
Der Kaiser
sagte , ich sollte mich äußern und gab mir den Zettel an Winterſteller ...
Der Bote hatte alles ausgesagt , da Roschmann ihn
ausgesendet und Glauben gemacht , der Kaiser wisse von Allem ;
Adlatus des damaligen Polizeipräsidenten Pergen) „ vermuthet etwas, der könnte mir einen Freundschaftsdienst erweisen ; ich sprach mit Hormayr, warnte, erfuhr daß Metternich Kings Courier habe ausrauben laſſen, daß aber alles in Chiffre geschrieben sei “ (Randbem. aus späterer Zeit : „Natürlich war es gewesen, sobald er eine Spur von der Sache hatte, denn delikat in Mitteln ist man in der Politik nicht“ ). „ Ich stellte ihm (Hormayr) die Nothwendigkeit vor, den Kronprinzen (von Baiern, Ludwig) in Innsbruck zu schonen. " 13 ) Das findet sich als Rand bem. aus späterer Zeit.
73
IV. Erzherzog Johann und der „ Alpenbund “ . bei der Maut angehalten , gab er Alles an .
Im Aufsatz stand
Alles, Wallmoden, King , Johnson , Venedig , Fiume betreffend ; es ist also mehr als wahrscheinlich, daß die Papiere des Couriers (an King) manches enthalten , daß man Kings Schriften visitirt hat ; wie wäre es sonst möglich ?
Ich gestand die Sache selbst ein,
läugnete aber die Einverständniſſe, entschuldigte die drei : Hormayr, Schneider und Roſchmann waren arretirt. Eisenstecken hatte nichts eingestanden ; er wird blos für einen Boten gehalten , ehrlicher Kerl !" 137 137) ... "1 Soviel ich aus seinen (des Kaiſers) Reden entnehmen konnte , gibt der Kaiser die Hoffnung nicht auf, Tirol im Guten zurückzuerhalten “ . Am gleichen Tage sprach der Erzherzog mit Gagern , der ihm rieth , dem Kaiser Alles zu enthüllen.
Der Prinz begab sich
nun abermals zu seinem kaiserlichen Bruder. „ Ich erzählte die Sache"
Lauten seine eigenen Worte
„ ohne Andere zu kompromittiren, bat für die Drei, sagte, ich glaube es sei blos Geschwäß und unvorsichtiges Benehmen ihrerseits, führte die früheren Dienste dieser Männer, ihre Vaterlandsliebe und das Ansehen , was sie genießen, an und rieth zur Schonung ; er könne strafen mit einer Hand , mit der andern erheben" .
Unter Anderm
habe der Kaiser gesagt : „ ich sollte bedenken , wenn ich gefangen würde , was ich für Gefahren liefe ; ich erwiderte , das hätte ich ,,Da ge= bedacht, und Ersteres würde mir nicht geschehen “. stand mir der Kaiser , er habe die Sache seit vierzehn Tagen gewußt ; er habe Roschmann zu mir kommen sehen ; er habe Beweise
haben wollen.
Der Bote an Winterſteller
habe
aus-
gesagt, in der Redoute habe Hormayr (leider wirkt bei ihm der Wein) wie ein Pferd gesprochen , und ſo ſei Alles gehört worden. Bei Eisenstecken habe man die Büchel und Geld gefunden ; erstere habe Roschmann drucken laſſen , das sei gefehlt ; lezteres werde er dem Engländer zurückstellen lassen ; er sagte dann weiter , er habe mich unter Allen am liebsten gehabt und blos mich herausreißen wollen. Die Sicilioten hätten mich verlangt, um Ordnung zu
187) Kandbem. aus späterer Zeit : „Er wußte Alles und schwieg, das war ein treuer, verläßlicher Mann !"
74
IV. Erzherzog Johann und der „ Alpenbund “.
machen ; ich sagte , ich bleibe bei den Deutschen.
Zulegt sagte ich,
ich hoffe , ich scheide von ihm in Freundschaft , daß ich bei ihm gewonnen habe , meine reine Absicht verdiene es ; ich bäte ihn , die Lage Tirols nicht zu vergessen ; es sei nicht zu hindern ; er möge mich bald hineinschicken , damit ich ausführen könne mit seinem Wiſſen, was ich als Ehrensache für dieſes biedere Volk gerne gethan hätte.
Er sagte, er wolle mich gewiß brauchen".
Am gleichen Tage noch erfuhr der Erzherzog , Hormayr, Schneider und Roschmann seien „transportirt" , wohin, wiſſe er nicht, aber nicht als Gefangene, sondern als Beobachtete. Der folgende Tag (9. März) begab sich der Prinz zu dem Staatskanzler Metternich und sprach mit ihm aufrichtig , ernst heißt es im Tageund nachdrücklich“ . „ So viel ich merkte", buch,
wird Roſchmann und Schneider nicht viel geschehen , Hor-
mayr die Zeche zahlen müssen , doch ich helfe ihm heraus" tröstet er sich. Gagern , der am 8. zum Polizeipräsidenten, Frhr. v. Hager, berufen worden war und dem Erzherzoge die Deportirung jener Drei mitgetheilt hatte, brachte Tags darauf bei Metternich in Erfahrung , Bayern habe die Sache angezeigt.
Dazu bemerkt das
Tagebuch (9. März) : „ Gagern geht weg ; für ihn denkt Metternich gut, man schont und ſchüßt und wünscht die Sache, das Verdienst derselben will man für sich.
Der Entschluß gefiel , doch galt er
verfrüht und man wünschte ihn mit eigenem Zuthun.
Deutlich
ſagte Metternich, es wäre ihm Alles recht, was außerhalb geſchehe ; so gefiele die Unternehmung auf Venedig, Genua u. s. w. “ Als der Erzherzog Abends (9. März) nach Hause zurückkehrte, fand er einen Brief des Staatskanzlers Metternich vor , welcher Theilnahme an dem Geschicke Roschmanns verrieth.
Der Erz-
herzog beantwortete das Schreiben erfreut, denn Roschmann habe ihm im Jahre 1809 wesentliche Dienste geleistet, die er ihm nicht vergessen wolle. 138) • Roschmann hat mir in Totis 188) Tagebuch z . 9. März 1813 wesentlich gedient (vgl. v. d . Text und Anm. Nr. 86) ( 1809), ich vergesse es nicht. (Randbem. aus späterer Zeit : „Tempora mutantur etc. so war es bei ihm ; er wollte höher steigen. ")
IV. Erzherzog Johann und der „ Alpenbund“.
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Wir haben bisher ausschließlich das Tagebuch zu Wort kommen laſſen
und
müssen
nun
andere
Zeugnisse
etwas mehr Licht in das Dunkel tragen ,
vornehmen ,
die
welches den verhängniß-
vollen 7. März deckt, um dem eigentlichen Verräther auf die Spur zu kommen. Zunächst ist es bedeutsam , zeichnung im Tagebuche findet ,
daß sich zum 6. März eine Aufwelche für diese Ausführungen
aufgespart wurde. Ich ging zur Kaiserin" , schreibt der Erzherzog, die wußte schon die Geschichte mit Wallmoden und erzählte sie mir.
Roschmann war festgehalten worden und in Unter-
suchung ; Eisenstecken angehalten , bei ihm die Schriften gefunden “. Ahnungslos verzeichnet dies der Erzherzog ; an die Verräther-Rolle Roschmanns , dieses Vertrauensmannes , glaubte er damals ebenſo wenig, als Monate später, denn für einen solchen Verdacht wurde erſt ſpäter Raum in seiner arglosen Seele. Laſſen wir nun einen Hauptbetheiligten, Frhr. v. Hormayr, sprechen.
Wir beginnen mit der Schilderung der Vorfälle vom
6. und 7. März 1813 , wie sie sich in seinen „ Lebensbildern aus den Befreiungskriegen " 139) aufgezeichnet finden , um sie dann mit andern Eröffnungen des Genannten in Briefen und Denkschriften zu verbinden und durch aktenmäßige Aufſchlüſſe zu erläutern : " Am 6. März Nachts erschien Roschmann (wie gewöhnlich) mit verstörtem Wesen erzählend, daß Hofrath Braulik vom Polizeiministerium mit einem Aktuar bei ihm (und nur bei ihm) erschienen sei, seine Papiere durchwühlt, aber natürlich nichts gefunden habe! Er, Roschmann , sei alsdann sogleich zum Polizeiminister , Baron Haager gegangen, um sich über einen so auffallenden, auf keinerlei Inzichten zu begründenden Schritt zu beschweren, Haager habe ihn aber ziemlich schnöde abgefertigt. Alle ahnten wohl einen argen Mißverstand, vielleicht eine leidige Wendung der Politik des Cabinets ,
139) 2. Aufl. II . Bd . Nr. 54, S. 496-518 . Jm III . Bde. S. 536 f. unter der Ueberschrift „Roschmanniade" werden Zeitungsstimmen besprochen, insbesondere die Berichte der „ Allgemeinen Zeitung “ v. 21. März u. 12. April 1813 über diese Wiener Vorgänge. Die Darstellung Hormayrs überging in die Werke von Schneidawind , Schimmer und in Vehse's (ſtark anekdotenhafte) Geschichte des österr. Hofes und Adels und der österr. Diplomatie. 10. Bdch. (Hamburg, 1852) S. 134–137.
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IV. Erzherzog Johann und der „ Alpenbund“.
vielleicht neue, gebieterische Forderungen Bonaparte's und kleinmüthige Nachgiebigkeit dagegen ?? Das rechte Wort des Räthsels, daß es den Prinzen von Geblüte insgesammt gelte, das ahnte Niemand. Sonntags am 7. März 1813 schrieb Roschmann : Er werde nach zehn Uhr Abends zu Hormayr kommen ; Schneider und wer sonst noch von den Häuptern, möge ja gewiß da sein. Er habe Wichtiges zu eröffnen. Der Elende hatte sich in Person an die Spiße der Häscher gestellt. Kaum war er eingetreten, kaum war die Thür ge= schlossen, als drei Ober- und drei Unter- Commiſſäre der Polizei eintraten, vierzig Mann waren auf den Stiegenhäusern vertheilt, drei Wagen hielten vor dem Thore. Hormahrn, Schneidern und Roschmann wurden Jedem ein gleichlautendes Schreiben des Polizeidirektors der Stadt Wien, Hofraths Siber, übergeben, des lakonischen Inhalts : „ Der Ober-Commiſſär, Joseph Schuster, sei hiedurch beauftragt, den Herrn Hofrath Baron von Hormahr ohne weiteres zu verhaften und an den Ort seiner Bestimmung zu bringen. “ Schneider öffnete nicht den Mund, - der sonst so kecke Roschmann, mit der ledernen Stirne, schien doch einen Augenblick von der Abscheulichkeit seiner Rolle ergriffen und einer Ohnmacht nahe, ſo daß Hormayr ihn anrief, sich zu ermannen. Darauf wendete sich Hormayr zu den Commissären und sagte : „ Der Vorgang sei höchſt geſezwidrig und tumultuarisch. Er kenne Keinen von ihnen, er kenne nicht einmal die Unterschrift, die Bonapartische Polizei habe schon öfters derlei Entführungen vollbracht. Er sei Chef des geheimen Staatsarchivs , er sei bereit in Haft zu bleiben und sich jeder Untersuchung zu unterwerfen. Aber er könne und müsse verlangen, sein Amt ordentlich übergeben zu können, denn welche ungeheure Verantwortlichkeit könne man ihm sonst zuwälzen ?" Vergebens man erinnerte ihn blos, ſich mit Kleidern und Wäsche für eine weite Reise zu versehen, und als dieses geschehen war, fuhren die Commissäre in jener berühmten Sturmesnacht mit ihm der ungarischen Grenze zu . In der Wiener Vorstadt, Landstraße, harrte ein geräumiger Wagen mit vier Postpferden. In diesen stieg er und sein Begleiter aus dem Fiaker hinüber, und so ging es über hundert Meilen an die siebenbürgische Grenze, in das verrufene Munkács . . . Die Commissäre übergaben nach der höchst beschwerlichen Reise dem Commandanten, Major Czapka, „ einen Staatsgefangenen, Namens Hilbert , für dessen Unterkunft und Verpflegung er zu sorgen, und ihm mit Anstand und Achtung zu begegnen habe, den aber Niemand sehen und , bei schwerster Verantwortung, Niemand von seinem Dasein Kenntniß haben dürfe" Ebenso wurde Schneider als ein Staatsgefangener, Namens Schuster, dem Oberstlieutenant Raidt, Commandanten der Brünner
IV. Erzherzog Johann und der „ Alpenbund “.
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Citadelle, des Spielberges, übergeben, doch ihm bald große Erleichterungen vergönnt und die Geſellſchaft seiner wackern Frau gestattet. 140) Roschmann saß natürlich keinen Augenblick gefangen, sondern war nur abgesondert und versteckt, in ununterbrochener Verbindung mit seiner Familie, seinen Freunden und mit seinen Geschäften, bis er, schon nach drei Monaten 141) auf eine Weise geehrt und belohnt hervortrat, wie noch kaum ein anderer Emporkömmling. Die Leidenschaftlichkeit des Volkes und Heeres gegen Bonaparte verschaffte übrigens den beiden Gefangenen, Hormayr und Schneider, manche unvergeßliche Stunde. Gerade bevor Judas Roschmann hinging, seine Freunde selbst zu fangen, war er beim Kaiser gewesen, der ihn mit den Worten "1 Lassen Sie sich durch nichts irre machen, Roschmann ! entließ, Niemals vergesse ich, welchen schwierigen und gefährlichen Dienst Sie Mir geleistet haben. Wenn alle Welt wider Sie ist, so werde ich für Sie sein." Diese Worte vernahm des Kaisers vertrauter Kammerdiener Ruttner und tröstete des andern Tages damit einen Freund Hormayrs, den gelehrten und freisinnigen Prälaten von Melk, Anton Reyberger. Des andern Tages ging dies schon wie ein Lauffeuer durch ganz Wien . Niemand hatte eine Ahnung von Roschmanns Verworfenheit. Man hielt diesen Schritt für eine nothgedrungene Komödie, um den Franzosen Sand in die Augen zu streuen. Fünfundvierzig andere, 1809 durch Auszeichnung und Opfer hervorragende Individuen aus Tirol, aus Vorarlberg und dem Veltlin waren zu gleicher Zeit aus Wien verbannt und ihnen Olmüş , Brünn , Iglau , Görz , Cilli , Marburg und Klagenfurt als Aufenthalt angewiesen worden “ Wir wollen das, was Hormayr in seiner leidenschaftlichen, stets aufwallenden Art über die Stimmung in Desterreich, über die den Erzherzogen abgeneigte Regierungspartei, über Roschmanns bedenkliches Vorleben aufzeichnet, bei Seite lassen und nur das aufnehmen, was er über deſſen frühere Rolle als „,faux frère " , als „ agent provocateur" sagt : „Kaum war Roschmann zehn Tage in Wien, binnen welcher er sich dem Erzherzoge Johann, Hormayr, Schneider und anderen dort befindlichen Häuptern des Aufstandes von 1809 in jeder Weise auf-
140) S. darüber die Briefe Hormayrs an Erzh. Johann aus Brünn w. u. 141) Eigentlich 5 Monaten, M. Juli 1813, ſ. w. u.
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IV. Erzherzog Johann und der „ Alpenbund“.
drang, als er in Folge des verabredeten, geheimen Operationsplanes (der Gegenpartei der Erzherzoge) zur ungejäumten Ausführung seiner Instructionen und seines schändlichen Doppelspieles schritt. Die Nähe seines Kreisamtes Traiskirchen bei des Kaisers Sommerresidenz Laxenburg und bei den Heilquellen von Baden hatte ihn in tägliche Berührung mit dem gesammten Hofe geſeßt. Er eilte nun zu seinem Gönner, dem General Kutschera , des Kaiſers Adjutanten, 142) der sich das engste Vertrauen durch Cammerage über den Erzherzog Joseph Palatin errungen hatte, bei welchem Kutschera früher gestanden war. Auch der Oberförster Marno war einer der Jhrigen, aber blos Bote und kein Wiſſender. Dem armen Kutschera dem höchst unsittlichen Begleiter des sittenreinsten Monarchen , Kutschera, der eine, sein Lakayen- und Denunciantentalent so weit übersteigende Rolle spielte, und der nach seiner Weise sogleich mit Roschmann zu scherzen und zu falbadern anfing über die ihm wohlbekannten tirolischen Verhältnisse, stellte Roschmann ſich vielmehr als einen von Angst und Gewiſſensbiſſen gepeinigten Mann dar. Er flehte ihn an, ihm zur Enthüllung höchſt gefährlicher Umtriebe eine Audienz beim Monarchen zu verschaffen, aber an einem dritten Orte und in tiefster Verborgenheit , da bei der mindesten Verlautbarung ein wichtiges und gefährliches Geheimniß auf dem Spiele stehe. Roschmann erhielt auch dieses geheime Gehör im Dunkel des nächsten Abends, in der Wohnung einer kaiserlichen Kammerdienerin, auf der Burgbastei. Er warf sich dem Kaiser Franz zu Füßen, sagend : „Nur allein seine unbegränzte Anhänglichkeit an des Monarchen geheiligte Person und sein Eid müßten entschuldigen, was er jego vorzubringen habe. " Der Kaiser etwas betroffen und erschrocken, ließ ihn ungescheut reden, es möge sein was es wolle. Roschmann eröffnete nun : „ Die dem Kaiser bekannten Einleitungen und Vorbereitungen in Tirol, Vorarlberg, Kärnten und Kroatien (welcher wegen man täglich den General Nugent aus England zurückerwarte) seien durch Hormayr mit Talent, Energie und Lokalkenntniß eingeleitet und ein noch glänzenderer Erfolg als 1809 scheine unzweifelhaft. Diesmal sei schon bereit, was 1809 gar nicht, oder viel zu spät eingetroffen sei Geld und Waffen aus England . Dennoch 142) Ueber diese auch in den Tagebüchern Erzh. Johanns ( 1809 f.) sehr ungünstig beurtheilte Persönlichkeit vgl. auch Genz ' Tagebücher (s. darüber Krones 3. Gesch. Desterreichs 1792-1816 ", S. 86-87, 92, 133, 135, 219). — Kutschera war vorher im Hofstaate des Erzh. -Palatins Joseph ; s. 1805 Generaladjutant des Kaisers. Vgl. auch Springer , Deſt. Gesch. I. 114 und Wurzbach, ö. biogr. Leg. XIII.
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liege hier eine ungeheuere Falschheit zum Grund ; denn nicht für den Kaiser geschehe das Alles , nicht für Wiedervereinigung Tirols mit dem Hauptkörper der Monarchie. Vielmehr sei Hormayr die Seele einer zahlreichen Partei, die für Tirol die vollständige alte Constitution und den Erzherzog Johann zum Könige von Rhätien wolle. " Hormayr beleuchtet nun die „ größte Lüge " , die das „ meiſte Glück mache “ , in ihrer Nichtigkeit und fährt fort : „ Dessen ungeachtet fand Roschmanns insipide und verläumderiſche Denunciation vollen Glauben, und dieser eigens bestellte faux frère wurde natürlich damit beauftragt, den gefährlichen Anschlag ununterbrochen durch jedes Mittel, mit jedem Aufwande zu surveilliren . Er rückte nun mit den Bedingungen hervor, die ihm bei jener ersten nächtlichen Berathung zugeflüstert waren : 1 ) Er müsse carte blanche haben für jeden Schritt, den er thue. Damit die Verschworenen an ihn glaubten, müsse er sich voranstellen, er müsse sich selbst am meisten compromittiren. Nur so könne er in alle Geheimnisse eindringen ; nur so habe man die ganze Sache in der Hand, könne sie so weit gehen lassen, als man wolle, und augenblicklich ersticken, wenn es an der Zeit sei. 2) Das Ganze müsse als Staatsstreich ausgeführt werden. Nie dürfe eine gesetzliche Untersuchung Plaz greifen, denn sonst wäre er, zum Lohne für seine Aufopferung, bei der ersten Confrontation blosgestellt und gebrandmarkt. 3) Er habe Hormayr von früher Jugend an das Meiſte zu danken ; er müſſe daher das kaiserliche Wort haben, daß selber zwar für diesen Fall unschädlich gemacht, aber seine Existenz ihm, dem Familienvater, der 1809 viel gethan und geopfert, erhalten werde . Auch deshalb dürfe die Justiz sich nie darein miſchen . 4) Ebenso sei der Erzherzog (Johann) sein und seines Vaters Freund und Wohlthäter gewesen ; die Welt werde ihn ohnehin als einen Gezeichneten fliehen und verabscheuen . Um so mehr müsse er auf jenen Bedingungen bestehen. Er opfere dem Kaiser Alles und habe keinen Ersaz als das Bewußtsein seiner religiösen Treue und Anhänglichkeit, die ihn selbst zu solchen Schritten begeistere. „Bisher, in die ersten Tage des Februars 1813 “ , heißt es bei Hormayr weiter, war Alles der Erkundschaftung, der Ausbreitung der Verbindungen, der Vorbereitung von Mitteln und Wegen, der Ansschiffung des Nöthigen an der adriatiſch-illyrischen Küste, der weiteren Zuschmuggelung auf die bezeichneten Central- und Influenzpunkte gewidmet gewesen und auf dieser Stufe streng geblieben . Nichts war
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bisher geschehen, was compromittiren, was den Argwohn der respectiven Regierungen hätte reizen, was einen unzeitigen Ausbruch hätte provociren können. Im Gegentheile war Geduld in Aussicht naher ErLösung (selbst für harte Fälle von Rekruten- und Steuereintreibung) überall wohlmeinend gepredigt, hundertfache Vorsicht war empfohlen ; jede (selbst gleichgiltig scheinende) schriftliche Mittheilung an Gleichgesinnte war schwer verpönt worden . Von diesem Augenblicke an that Roschmann selbst , und Er allein, Alles und Jedes, was gefährlich und sträflich genannt werden. mochte, Alles, was den Prinzen Johann tiefer verwickeln, was den Ausbruch voreilig beschleunigen konnte. Selbst sein Amt mußte ihm dazu die Mittel vervielfältigen. In seiner Kreisamtsdruckerei zu Traiskirchen ließ er durch den Buchdrucker Ulrichs die, damals in Wien noch schwer verpónten, russischen und englischen Siegesberichte drucken. Er wollte alle Augenblicke Boten aus Tirol, bei sich in Traiskirchen, oder im nahen Laxenburg und Guntramsdorf versteckt haben, für die er sich vom Erzherzog Botenlohn und Zehrung zahlen ließ, die er in den Sack steckte. Diese (niemals existirenden) Boten sollten, im Namen ihrer Committenten durchaus etwas Schriftliches vom Erzherzog begehrt haben, wenn ja die Bewegung zu Gunsten Desterreichs und nicht im republikanischen Schweizerſinn Statt haben sollt. Der Ausbruch sei nicht länger zu verschieben, denn Grenier rückte vom Po bereits an die Etsch herauf und dieser Durchmarsch nach Sachsen sei bestimmt, neuen Auflagen und einer großen Rekrutenaushebung zur Bedeckung zu dienen. - Entschlossen sezte Hormayr durch, daß der Erzherzog nichts Schriftliches an die Tiroler von sich gab, noch weniger (worauf Roschmann hartnäckig drang, und wozu er den Herzog von Accerenza bereits als schnellen Ueberbringer ausgemittelt hatte) an den Kaiser Alexander zu Gunsten Tirols schrieb, von welchem bereits mehrere Werbungen an den in der ganzen Alpenwelt höchst populären Prinzen ergangen waren . Der englische Agent King in Wien (welches Johnson und Walpole bereits verlassen hatten) erklärte sich bereit, sehr ansehnliche Geldmittel und einen großen Waffentransport zur Disposition des Erzherzogs zu ſtellen, auch, wie der Ausbruch geschehen sei , Sir Robert Wilson sogleich bei ihm accreditiren zu machen. Der Generallieutenant Graf Louis Wallmoden (bereit, zum Kaiser Alexander abzugehen, wo man Peußens heroische Erklärung stündlich gewärtigte) war bei allen Zusammenkünften zugegen. Wollte man die Sache niederschlagen , wollte man die schwere Compromittirung eines Prinzen vom Geblüte hindern , ſo bedurfte es nur eines einzigen Wortes und es war von nichts mehr die Rede! Aber offenbar wollte man sie so weit als möglich gehen.
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Lassen , den Prinzen nicht herausziehen , sondern ihn vielmehr immer tiefer verwickeln und hieraus die geharnischte Schlußfolge ziehen gehen die Tendenzen sämmtlicher Prinzen des Hauses ! Wallmoden ließ man ruhig auf Kalisch abreisen. King erhielt drei Tage früher Pässe für einen eben dahin abzusendenden Courier. Dieser wurde bei Prerau im nordöstlichen Mähren von Räubern überfallen (in die sich unter Anderen der Brünner Polizeikommissär Schmidthammer und der nachmalige Kreishauptmann Czikann verkleidet hatten) seiner Depesche beraubt und nach Wien zurückgewiesen. Man wollte dem sogenannten „ Gewiſſen des Kaiſers Franz" , dem Justiz- Staatsrath Pfleger 143) , doch eine Art von corpus delicti vorweisen , da bisher Roschmanns Cammerage die einzige Grundy. samsten Beschuldigungen gewesen wäre. allen die nachstehenden lezten Schreiben des Hormayr. 144) Noch Mittags vorher, als wuyuraden ) Verhaftungen geschahen , begegnete der Kaiser dem Erzherzog Johann auf der Bastei, spazierte eine Weile mit ihm, Kutschera und Oberst Bley und scherzte unter Anderem : „Man müsse sich ja vor der französischen Polizei in Wien in Acht nehmen, die eine viel bessere Nase habe als die seinige, es könnte uns sonst gehen, wie der Königin Karolina auf Sicilien durch die Engländer." Hormayr , Roschmann und Schneider pflegten jeden Abend um zehn Uhr zusammen zu kommen, sich die Ereignisse des Tages wechselseitig mitzutheilen . Es befremdete sie nicht (und Roschmann gewiß am wenigsten) sich Schritt vor Schritt von Mouches (in Wien „ Naderer“ , in Prag „Blaumeisen “ genannt) beobachtet zu sehen. Noch führte man den Fliegenwedel sehr scharf gegen die antibonapartischen "" Fanatiker und Narren", wie die bonapartische Clique sie nannte, ische und russische Reisende und Couriere - Wall-
Anton Pfleger, Ritter von Wertenau, geb. zu Eisnern in Krain 1748, 1774-1798 Prof. in Lemberg, s . 1798 im öffentlichen Juſtizdienste, 1805 Hofrath im Departement des Innern, Staats- u. Konferenzrath. Wurzbach, XXII . 199–200. 144) Hormayrs Lebensbilder II. 528 ff. Das legte dieser Schreiben des Frhr. v. Haager , dat. noch v . 2. März 1813, S. 533, dankt ihm für die bisher bewiesene außerordentliche Thätigkeit und mahnt zur größten Wachsamkeit und Vorsicht , damit, wie er ſchon 17. Sept. 1812 (S. 530 ) mittheilen ließ (durch den Polizeirath Ratolicska) „ weder unsere Regierung noch viel weniger aber die Person Seiner Majestät compromittirt werde" Krones , Tirol 1812-1816 . 6
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moden und Nugent waren eben so surveillirt gewesen, und welche Geheimnisse Oesterreichs lagen nicht dennoch in ihrer Hand ?" Und nun kommt Hormayr nach einem nicht sehr erbaulichen Seitenblicke auf Gagerns Naivität, 145) auf die bereits vorangestellten Scenen vom 6. und 7. März 1813 zu sprechen. Es schien nothwendig, die Aussage Hormayrs in ihrem weſentlichen Umfange kennen zu lernen. Vergessen wir nicht , daß sie einem Werke einverleibt ist, das in erster Auflage 1841-4 herausfam .
Damals waren schon achtzehn Jahre über jenes Ereignis
dahingegangen , und der Verfaſſer hatte inzwischen Manches an Aufschlüſſen über sein eigenes Verhängnis und deſſen Ursprung in Erfahrung bringen können.
Anderseits kann auch wieder der Um-
stand, daß der gebrandmarkte Verräther, Roſchmann , läîîyf, y2 -shon war , als die Lebensbilder aus den Befreiungskriegen den Weg in die Oeffentlichkeit nahmen , auf all die schweren Beschuldigungen mithin nicht antworten konnte, Bedenken einflößen 146). Denn auch die andern Persönlichkeiten , denen da Hormayr eine Hauptrolle zuweist, auf die er sich als Gewährsmänner beruft, waren großentheils nicht mehr unter den Lebenden , also
außer Stande , für
Hormayrs Angaben einzustehen oder solche richtig zu stellen. Ucberdies erregt gerade das Detail der Hormayr'ſchen Erzählung, all die Umstände, wie, wann und wo Roſchmann Aufpaſſer und Verräther wurde, vor Allem der Bericht von der geheimen Audienz des Genannten bei dem Kaiser in allen Einzelnheiten, und nicht zum geringsten die in Hormayr stets hervorbrechende unser Leidenschaftlichkeit eines überreizten Selbstgefühles 145) Hormayrs Lebensbilder II . (2. Aufl.) 500–501 . Wir kommen auf Gagern noch später zurück. 146) Hormayrs Lebensbilder III, 543–4. Das Intelligenzblatt der Augsburger Allg. Zeitung v . 16. März 1842, Nr . 75 enthielt auch eine von der f. k. Hofraths - Witwe Roschmann unterzeichnete, undatierte Erklärung, worin gesagt wurde, der Verfaſſer oder Herausgeber der Lebensbilder könne kein echter Edelmann sein, da er mit der Entwirrung jener so lange verschleierten Verwickelung erst jezt hervorträte, da Herr von Roschmann schon lange im Grabe ruhe und sich nicht mehr vertheidigen könne. Hormayr rechtfertigt sich und betont, daß schon seit 1815 die Ueberzeugung von Roſchmanns Verrätherrolle der Oeffentlichkeit geläufig gewesen sei.
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begreifliches Mißtrauen ; wissen wir ja doch , daß Hormayr - Destereich im dreizehn Jahre nach seiner Rehabilitirung ( 1828) — bitteren Grolle über erlittenes Unrecht und Anfeindungen aller Art verließ und, bairisch geworden, mit diesem Grolle mehr als eines seiner zeitgeschichtlichen Werke pamphletartig kränkte. Vollends vermag nicht die Anonymität der „ Lebensbilder", das Verstecktsein des Verfaſſers hinter seinem Buche , den Leser im Glauben an die Darstellung Hormayrs sonderlich zu festigen. Unwillkürlich
denkt
man
an
eine
leidenschaftliche
Selbst-
täuſchung, genährt durch den Eindruck, daß der einſtmalige Genoſſe des verunglückten Unternehmens dabei allein seine Rechnung fand und hoher Gönnerschaft theilhaftig wurde , an willkürliche Kombinationen und Schlußfolgerungen , an begierig aufgegriffene Gerüchte und mancherlei nachträglichen Klatsch, an eine bedenkliche Mischung von Dichtung und Wahrheit. Wir nehmen daher zunächſt dieſe Darlegung Hormayrs einfach zur Kenntnis , um uns sofort den Anklagen zuzuwenden , welche in seinen
vertraulichen
an
Erzherzog Johann
gerichteten
Briefen 147), aus der Zeit seiner Haft 1813-1814 und der anschließenden Epoche der Rehabilitirung, wider Roſchmann gekehrt erscheinen ; das ist ein Prüfstein für das Obige. Während (28.
der erste Brief aus dem Kerker
Mai 1813) nur des
in Munkács
eigenen Verhängnisses mit gerechtem
Seelenschmerze gedenkt , kommt der nächste vom 11. Sept. 1813, Jeschrieben auf dem Spielberg bei Brünn im Mährerlande und Durch einen Vertrauensmann, Baron Haysdorf von Lindau, dem Empfänger übermittelt , bereits auf Roschmann zu sprechen .
Noch
gilt er ihm nicht als Verräther, aber schon als Einer, der es verstand , aus dem gemeinsamen Schiffbruch mit Gewinn davon zu kommen. " Mehr als Alles empörte mich" schreibt er Roschmanns Begünstigung , der weder an Verdienst sich mit uns meſſen kann, in gleichem Falle ist , wenn je eine erlogene politische Nothwendigkeit unsere Gefangennehmung gebot, und schon gleich anfangs 147) Diese Briefe befinden sich im Nachlasse Erzh. Johanns als Beilagen zu seinen Aufzeichnungen Fasz . XXVI. ff. 6*
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nur daran dachte , sein Interesse zu besorgen , wie sich E. K. H. wohl noch erinnern werden. Aber solche Menschen liebt der Herr" . In dem dritten Brünner Briefe vom 1. Okt. 1813 148) ergeht
sich Hormayr blos in einer Charakteriſtik Roschmanns , den der Schreiber der Unfähigkeit zeiht , eine so wichtige Rolle zu spielen, die man ihm ihn als
anvertraue ; im
nächsten vom 9. Okt. bezeichnet er
„ falsch und undankbar" ; das Schreiben vom 18. Okt.
unterzieht seine Amtsgebahrung im Jahre Kritik 149).
1809
einer abfälligen
Aber in dem Briefe ohne Datum, welcher den Rieder Vertrag zwischen Baiern und Desterreich vom 8. Okt. 1813 als abgeschlossen voraussetzt und jedenfalls zwischen das Schreiben vom 18. und das vom 31. Okt. (ſ. w. u. ) der Zeit nach fällt, bezeichnet er Roschmann bereits als den für die Entdeckung des bekannten Unternehmens gedungenen Denuncianten. „ Aber warum soll ich Ihnen länger etwas verhehlen eibt er , „ was man freilich niemals zugeben wird noch kann , was ich erst bei meiner Heimkehr Ihnen offenbaren wollte, nun aber, da die Sache so lange dauert , selbst Hagern sehr trocken geschrieben habe , wogegen sich mein Herz lang empört hat, — der Verräther ist Roschmann, der nie von Wien entfernt , sondern zum Blendwerk dort eingeschlossen war , (B . . . . . K ... . . . L . . ., ja alle seine Vertrauten wissen es) , der jezt Orden , Stelle , Freiheit zum Ablohn der schändlichsten Denunciation hat, als Judaslohn fürs Vaterland, für Ihre verkaufte und verrathene Huld, für das Unglück Meiner, des Freundes, der ihn gehoben und getragen hat.
In Höchstdero
Herzen ist kein Raum , eine solche Verworfenheit zu fassen. werden es als eine Blase betrachten , die das Gefängnis getrieben hat". „ Aber nicht nur", heißt es an anderer Stelle ,
Sie auf-
„ daß es mir
148) Dieser Brief ist mittelbar für den Erzh. Johann beſtimmt und an dessen Privatsekretär Binner gerichtet, auf welchen wir im nächsten Abschnitte zu sprechen kommen. 149) „Tirol hat er (Roſchmann) etwa halb geſehen, Vorarlberg gar nicht, historischer und konstitutioneller, ja selbst geographischer Kenntniß und militärischer Ordnung nicht zu gedenken. "
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eine hochverehrte Hand schon nach Munkács schrieb , erhielt ich zeither unwiderlegliche Beweise ; am lautesten spricht , was geschah! Daß ihn die Polizei , die den Plan zur Rettung des theuren Landes dunkel ahnte, eigens unter dem Vorwande einer Rechnungslegung kommen ließ, als faux frère in unsere Mitte mischte, ist so wahr , als auf meinem Sterbebette E. K. H. , Tirol und meine Kinder der Gegenstand meines lezten Seufzers sein werden , so wahr , als ich Ihnen in 13 Jahren mit Wissen und Willen nie die Treue brach".
aus :
Das Schreiben vom 30. Okt. (Spielberg) bricht in die Worte " ... Einige der an mich gelangten Fragen Roschmanns
haben die letzten Zweifel über Roschmanns beiſpiellos niedrigen Verrath verwischt.
Nicht aus Mangel an Klugheit von unserer
Seite triumphirt er , der jezt noch gegen E. K. H. den Heuchler fortspielt , sondern , weil eine solche Schändlichkeit an Vaterland, Wohlthäter und Fr an unzähligen Schwüren und Ehren-
worten unglaublich schlen“ . So erscheint Hormayr schon im Spätherbste des Jahres 1813 von dem Verrathe Roschmanns überzeugt 150) .
In den späteren
150) Hormayr an Erzh. Johann ( 1814, 15. April, Brünn). „ Ich selbst staune über meine Dummheit, oder vielmehr über meine Unfähigkeit, es zu glauben, daß ein brüderlich behandelter Schulfreund, blos um sich einen gar sehr überlegenen Nebenbuhler vom Halſe zu schaffen, solcher Abscheulichkeit fähig ſei. Nur so war es möglich, daß ich arglos blieb, als er mir von einem zweiten Rettungsversuche der Tiroler, wovon Stackelberg (russ. Diplomat in Wien) wiſſe und er das Haupt werden sollte, sehr hoch sprach, und ich dann leeres Stroh fand, als die Winterstellerischen Boten, für die er Reisegeld annahm, für die er so heftig (um ein corpus delicti zu haben) um einige Zeilen von Höchstdero Hand drang, welche Höchstdieselben niederschrieben, Er um des Siegels willen noch mit nach Hause lief, und dieſe Boten verschwunden waren, als ich sie des andern Morgens verabredetermaßen selbst sprechen wollte, als er am zweiten Vorabende des Bruches, plötzlich die wichtige Entdeckung mittheilte, Gagern sei ein Verräther,/ und dieser wirklich um die bestimmte Stunde dahin bestellt wurde, wo ihn uns Roschmann zu zeigen versprach. Als er (Roſchmann) Faschingsdienstag früh nach Traiskirchen fuhr, um Abends Eisenstecken und Pircher die Druckſorten zu übergeben, fuhr der Polizeibeamte mit ihm, der Eisensteckens Verhaftung in Bruck einleitete und späterhin auch mich transportirte“..
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Briefen an Erzherzog Johann hat sein leidenschaftlicher aber richtiger Spürſinn der Belastungen Roschmanns noch mehr aufgetrieben. Drei Jahre später , als Hormayr bereits rehabilitirt war (1816 , 5. Sept. ) faßt er in einem ausführlichen Schreiben an Erzherzog Johann gewiſſermaßen Alles zuſammen, was er als Erläuterung des Verrathes Roschmanns in Erfahrung gebracht habe. Wir müssen dieſer längeren Stelle hier Raum geben , da sie mit den Darlegungen Hormayrs in den „ Lebensbildern“ sachlich mehr zuſammenhängt, gewiſſermaßen die Verbindungsbrücke schlägt.
" Stets blieb es mir, " heißt es da, „eine wehmüthige Beruhigung. daß ich, weit entfernt aufzureizen oder anzudringen, vielmehr nichts versäumt habe, alle Inconvenienzen, und alle Gefahren der Sache. mit lebendigen Farben zu schildern, daß ich darüber mehr als einmal daß ich nebst der unzeitiger Furchtsamkeit beschuldigt worden bin, abſoluten Ablehnung jedes Einfluſſes in die, zur Disposition geſtellten, Geldmittel mich beharrlich geweigert habe, mit irgend einem fremden Agenten zu sprechen, außer in Höchstdero Gegenwart, daß ich endlich noch am 22. Februar Sonntags früh mir auf das dringendſte den ehrfurchtsvollen Rath erlaubt habe, Euere Kais. Hoheit möchten S. Majestät dem Kaiser (von dessen Stimmung wir in einer ganz ungegründeten Ansicht waren) bis ins kleinste Detail Alles entdecken, indem nur an Höchst Ihnen , nicht an uns die Reihe zu reden sei, daß ich endlich, als meine Bitte vor der irrigen Alternative ver ſtummen mußte, es vorgezogen habe, lieber alle Folgen eines unſeligen Mißverstandes zu tragen, als durch Angeberei auf meine eigene Sicherheit bedacht zu sein. Die Art, wie dieses Verständniß durch Rosch-
„Wie beschwor Hormayr an Erzh. Johann ( 1815, 7. Jänner, Brünn) dem ins mich der Schuft (Roschmann) nicht, E. t. H. zu überreden . russisch-preußische Lager nach Kalisch abgehenden Herzog von AccerenzaPignatelli , Gemal der jüngsten Kurländerin, einige eigenhändige Zeilen an den Kaiser Alexander mitzugeben ? Es war am Faschingssonntage, 8 Tage vor unserer Verhaftung. Unter andern Abhaltungsgründen, deren es inzwischen bei E. t. H. gar nicht bedurfte, erwähne ich auch (E. k. H. werden sich gewiß noch daran zurückerinnern), wenn kein anderer Gegengrund wäre, so wäre das schon genug, daß Accerenza bekanntlich Vertrauter und Werkzeug der mailändischen Erzherzoge (Nebenlinie der ö . Habsburger, von Modena-Este). Im entgegengesezten Falle wäre es Accerenza ebenso gegangen wie dem Couriere Kings . Wie glühend dürstete man nicht nach einem corpus delicti !" .... .
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mann sunveillirt, gesteigert, mißleitet wurde, lag ganz im gewöhnlichen Laufe der Dinge und in vielfacher historischer Uebung. Die Folgen haben selbe zum Geheimniß der Sperlinge auf den Dächern gemacht, es wäre also lächerlich, hier eine ängstliche Renitenz darüber beobachten zu wollen. Inzwischen kann (Hofrath) Roschmann unmöglich aus höherem Auftrage gehandelt haben , da er, wie gesagt, einzig nur darauf ausging, die Sache nur immer mehr zu steigern , da er dem Baron Gagern einen Originalauftrag des verewigten Baron Haager vorwies, ihn während seines Sommeraufenthaltes in Baden 1812 genau zu beobachten, da er King Blankettpässe und die in seiner Kreisamtsdruckerei zu Traiskirchen aus eigenem Anerbieten gedruckten russischen und englischen Griegsnachrichten gab, da er ihn veranlaßte, den Grafen Johann Salis (Graubündter) von Prag eigens kommen zu lassen mit dem Versprechen, ihn bei sich zu verbergen ? Höchstdieselben erinnern sich, wie Er von King für seine Mitwirkung ein bestimmt ausgesprochenes, bei Eskeles 151 ) zu depositirendes Kapital forderte, worüber ihn Höchstdieselben mit großer Indignation zurückwiesen, wie er um nur intereſſante corpora delicti herauszulocken, bald von Wintersteller, bald von andern Parteihäuptern geheime Boten meldete, für sie Reiſegelder empfing und alle Künste anwendete, um von E. K. H. einige Zeilen herauszuwinden, dem Herzog von Accerenza einen Brief an den Kaiser Alexander nach Kalisch 152) mitzugeben, was aber nicht geschah, wie er noch am lezten Tage auf Beschleunigung der Ausführung drang, unzähliger anderer, schwarzer Züge dieser Art zu ge= schweigen, welche Major Eisenstecken und andere reichlich liefern könnten. Alle diese Züge liefen unter den Tirolern von Mund zu Mund . Ich habe bisher nicht einmal gegen die Polizei-Hofstelle eine Darstellung des ganzen Herganges gemacht, ja ein unverbrüchliches Stillschweigen hierüber beobachtet, und sogar jezt, wo nach vierthalb Jahren die dem Eisenstecken abgenommenen Gelder wieder zur Sprache kamen, den Herrn Staatsminister, Fürsten von Metternich, um seine Vermittelung angegangen, nicht in den Fall zu kommen, über dieſe Sache laut reden zu müssen, da die einzelnen Facta in einer so complicirten Sache nicht aus dem Zusammenhange gerissen werden können, ohne der Würde und Wahrheit zu vergeben, da ferners die Darstellung des ganzen Herganges mir leicht als eine Klage über 151) Wiener Bankhaus neben den Firmen Arnstein, Geymüller und Graf Fries. Die Baronin Cäcilie Eskeles war die Schwester der Baronin Fanny Arnstein und beide Töchter des Berliner Geldköniges Ißig . Vgl. Vehſe, Gesch. d. ö. Hofes u . d . ö . D. IX. 311 . 152) Vgl. o. Anm. 150.
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die noch immer versagte Möglichkeit jener Rechtfertigung oder über die so lange als martervolle Ungewißheit hätte mißdeutet werden können. Diese Rücksicht drang sich mir um so gebieterischer auf, als Hofrath Roschmann Alles angewendet hat, mir die seltsamsten und heftigsten Aeußerungen anzudichten, während mir die über mein Benehmen einvernommenen Behörden gewissenhafte Gerechtigkeit widerfahren ließen. Ja sogar der abgebrauchte Kunstgriff anonymer Briefe kam weiter aufs Tapet, um den ehrwürdigen FürstErzbischof von mir abzuziehen und dem Staatsrath Hudelist Zweifel an der Aufrichtigkeit der durch Eure Kais. Hoheit zwischen uns ge= ſtifteten Aussöhnung einzuflüſtern. Weit entfernt die leiseste Klage oder auch nur einen bedeutenderern Rückblick auf mein Schicksal im Herzen oder auf der Zunge zu tragen, zumal jezt, wo mein liebster Wunsch erfüllt ist, mich auf eine ehrenvolle Weise ganz der Wiſſenſchaft ergeben zu können, muß ich vielmehr nur das gegen mich bewährte Uebermaaß von Milde und Gnade anstaunen, wenn man auch nur ein Drittheil von Roschmanns schändlichen Verläumdungen als wahr angenommen hat. Selbe sind ebensosehr durch unglaubliche Arglist als durch ein seltenes und tückisch genug benüßtes Zusammentreffen der Umstände begünstigt worden, so daß dieser Mann, den erst seine Administration in Tirol näher ans Tageslicht gezogen hat, noch immer als ein, die alten römischen oder brittischen Muster überbietender Tugendheld dasteht, welcher gegen des Kaisers eigenen Bruder, gegen die Stimme der Ehre und des Vertrauens, der Freundschaft, der Dankbarkeit und Vaterlandsliebe, ein anderer Cato, ohne mindeste Nebenrücksicht, blos dem Rufe der Pflicht und einer grenzenlosen Devotion gegen die geheiligte Person des Monarchen gefolgt ist und aus purer überirdischer Tugend die Rolle des Anstifters , des Angebers und Häschers mit bewunderungswerther Virtuosität in seiner Person vereinigt hat. " 153) Vergleichen wir das Leztangeführte mit dem , was er in den „Lebensbildern “ zu enthüllen bemüht ist , so decken oder ergänzen sich die Darlegungen, unbeschadet einer gewissen Zurückhaltung, die im Jahre 1816 selbst dem Erzherzog Johann gegenüber geboten schien , fünfundzwanzig Jahre später von Hormayr , dem bairisch gewordenen Anonymus, fallen gelassen werden durfte. Aber in einem wesentlichen Punkte gehen sie
auseinander.
158) Das Schreiben Hormayrs v. 5. Sept. 1816, abgedruckt in den Lebensbildern, 2. A. II . 488–495 .
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Während 1816 Hormayr ausdrücklich sagt , daß Roschmann „ inzwischen unmöglich aus höherem Auftrage gehandelt habe “ , verbreitet er sich in den Lebensbildern gerade darüber , daß er Roschmann als feiles Werkzeug einer Partei brandmarkt, welche durch ihn den Erzherzog kompromittiren wollte und ihm die widerliche Rolle des Verschwörungsmachers zuwies. Wir wollen auf letzteren Umstand noch zurückkommen.
Vor-
läufig müſſen wir eingestehen , daß , wie wir auch von Hormayrs Anschauung
und
Berichten
über
Roschmanns
Handlungsweise
denken mögen, das Gewicht der wider ihn gerichteten Anklagen ein schweres ist. Aber noch müssen wir des Hormahr'schen Memoires. gedenken, welches offenbar dem Jahr 1814 angehört und sich abschriftlich im Nachlasse des Erzherzogs Johann vorfindet 154) .
Es
stellt sich dem gedruckten Briefe Hormayrs vom Jahre 1816 an die Seite und möge, so weit es diesen ergänzt, hier seine auszugsweise Wiedergabe finden. Zunächst erörtert Hormayr den Plan des Erzherzogs , dessen Ziel das gleiche gewesen sei , wie bei der Insurgirung Tirols im Jahre 1809. Für diesen Plan seien schließlich Wallmoden , der englische Agent King und der brittische Botschafter Walpole gewonnen worden.
Auch die Kommandanten der englischen Ge-
schwader in der Adria, Freemantle und Hoste, ſtanden damit in Beziehungen. Hormayr übergeht
dann
auf Roschmanns Persönlichkeit,
Vergangenheit und Angeberrolle in dem ganzen Handel. Es heißt hier:
Durch seine Liaison in Tirol gleichfalls benach-
richtigt von der dort täglich steigenden Gährung, war der H. v. Roschmann unter dem Vorwande einer Rechnungslegung mit Urlaub von seinem Kreisamte nach Wien gekommen. Mehr als eine ihm gleich gut bekannte Spur gab ihm den Schlüſſel zu dem, was sich vorbereitete. Der Erzherzog (wiewohl nicht in der besten Meinung von der Lauterkeit seiner Absichten und der Güte seines Charakters, durch mehrere im Jahre 1809 zu Keßtely und Kis -Bér vorgefallene Auftritte)
154) Fasz. XXVII.
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wurde ihn in alles einzuweihen von Hormayr überredet, der, ohne von Roschmanns eigenthümlichen Gaben und seiner Feder sowie ſeinen Connexionen außerordentliche Begriffe zu hegen . . . . ihn dennoch für ein treffliches subalternes Werkzeug hielt. Aus der ersten Unterredung ergab sich , daß er bereits mit dem Grafen Stackelberg , mit dem indessen nach Lissa abgegangenen Johnson, welche Hormayr niemals auch nur von Gesicht kannten, durch dritte Hand verbunden gewesen , aber über sie mißvergnügt ſei , gleich wohl noch mit Erſterem nach Graz communicire. Hormayr und außer in Gegenwart des
Schneider haben mit King niemals ,
Erzherzogs oder auf dessen Auftrag verkehrt , letterer ihn von einem Rendezvous prävenirte.
außer
durch Seine kaiserl. Hoheit
daß
etwa
beſtimmten
Gleich nachdem er zum ersten Male einer solchen Zuſammenkunft beigewohnt , ging Roschmann des andern Tages öffentlich zu King und bot ihm seinen Beitritt, seine Kreisamtsdruckerei, die bei ihm auf unvorgesehene Polizeierforderniſſe aufliegenden Blanquettpäſſe und die Verbergung jeder ihm interessanten Personen an, namentlich des wackeren Veltliners Juvalta und des biederen Grafen Johannes Salis , Brünn ,
die hierauf wirklich Beide , jener von
dieſer von Prag über Preßburg wieder in die Nähe von
Wien gekommen sind.
Dafür forderte Roschmann (King machte
von all dem wirklichen Gebrauch) , daß für den Fall eines unglücklichen Ausganges King sogleich jest 30.000 fl. schwere Münze für ihn depositire. Bei
der Zusammenkunft
desselben
Abends
erklärte King
hierüber Hormayr und Schneider ziemlich barsch, er glaube, ſo wie unlängst ein Kollege in Norddeutschland , die Dupe eines ſelbſtsüchtigen Komplotes zu werden, nur des Prinzen Name und Wort verbürgten ihm
das Gegentheil ,
durchaus nichts zu thun haben .
aber
mit Roschmann wolle er
Der in wenig Minuten nach-
gekommene Erzherzog mißbilligte ſehr jenen unzeitigen, das Ganze in Schatten stellenden, Schritt, aber da man Roschmann mehr als in einer Hinsicht bedurfte , legte sich die Sache wieder bei und in den Vorbereitungen wurde thätig fortgefahren. Nach des Prinzen bestimmtesten Versicherungen wurden die
IV. Erzherzog Johann und der „Alpenbund “.
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Vorbereitungen in der Art betrieben , daß von der inländischen Polizei dabei nichts zu befürchten stehe, aber Alles Aufsehen wegen des Publikums sowohl als wegen der äußerst wachsamen franzöſischen und bairischen Spionage zu vermeiden , überhaupt nichts Schriftliches zu unterhandeln sei 155) . Da in der ersten Vorausſezung zu Werke gegangen wurde , befremdete es Hormayr nur wenig, seit Hälfte Jänner handgreiflich beobachtet und begleitet sich zu wiſſen“ . . . Ueber die Verrätherrolle Roschmanns äußert sich Hormayr in seinem Memoire folgendermaßen : ,,Dem Erzherzoge und den Uebrigen heuchelte er unter oftmaligem Schwur und Ehrenwort den größten Enthusiasmus für pas unglückliche Vaterland : er drängte den Erzherzog nur um einige Zeilen an den bekannten heldenmüthigen Wintersteller , die er sogleich der Polizei überlieferte. Er brachte verschiedene geheime Zeichen von Boten hervor , die er in Mannersdorf , Tribuswinkel u. a. a. OO. versteckt habe, ließ sich für selbe Reisegeld geben, und wenn man sie selbst sprechen wollte, waren sie unter allerlei leeren Vorwänden seinerseits verschwunden. Ja, um sich recht fest zu akkreditiren, wies er Original- Dekrete der Polizeihofstelle King und Allen mit Hohngelächter vor, worin ihm über verschiedene intereſſante Personen in den Umgebungen Wiens und in Baden während Sommers 1812 die Invigilirung übertragen war.
des
Am dritten Abend vor der Verhaftung suchte er noch arglistig die Schuld des Verrathes auf den mit im Einverständnisse geweſenen oranischen Minister Baron Gagern zu schieben 156) ; ja er war Judas genug , Alle auf 10 Uhr Abends den 7. März zusammenzubeſtellen , damit ihre Arretirung im nämlichen Augenblicke geschehen könne. Er hat sogar ,
um seiner ehrlosen Dienstleistung desto mehr
155) Vgl. d . Tageb. des Erzh. z. 4. - 6. März 1813 ; Randbem. aus späterer Zeit, über Roschmann s. w . u . 156) Er denunzirte ihn bei Hormayr und Schneider, das Ganze Metternich verrathen zu haben, was diese nicht glauben konnten. Gagern, von ihnen befragt, klärte sie über seinen Gang zu Metternich auf.
92
IV. Erzherzog Johann und der „ Alpenbund “.
Wichtigkeit beizulegen ,
ausgesagt , daß man nicht für Oesterreich,
sondern im Schweizer Sinne habe handeln wollen. " 157) Von Hormayrs Schicksalsgenossen , Schneider , liegt nichts vor, was ſeinen eigenen Anſichten über die Handlungsweise Roschmanns Ausdruck gebe , jedenfalls nahm er eine Ueberzeugung mit sich ins Grab , die sich von der Hormayrs nicht wesentlich unterFrhr. v. Gagern konnte bei seiner edeln Denkweiſe und geringen Kenntniß vom Sachverhalte nicht so bald an einen Verrath Roschmanns glauben 159) . schied 158) .
157) Hormayr an Erzh. Johann ( 1814, 17. Jänner, Brünn) : „Von Gagern hörte ich erst, man habe den Kaiser glauben gemacht : Wir hätten nicht für Oesterreich sondern im schweizerischen Sinne handeln wollen, oder nach Unabhängigkeit für ein Land gestrebt, das mit zwei Dritttheilen seines Bedarfes vom Auslande abhängt !" Besonders bedeutsam ist aber das, was Schneider aus seiner Haft durch den Schicksalsgenossen, Hormayr, mit folgenden dessen Briefe v. März 1814 angefügten Zeilen mittheilen ließ : „Rechnen E. k. H. nicht zur Ungnade, daß ich es wage, die äußerste Betroffenheit über den bewußten Brief auszudrücken, von dem ich durch einen höchst unerwarteten Zufall Kenntniß bekam. Wenn solche Infamieen öffentlich gesagt werden dürfen, so können wir uns freilich über unser Schicksal nicht länger mehr verwundern“ ... In den Verlaſſenſchaftspapieren einer Militärperſon von Rang fand sich ein Brief aus Welschtirol von der Hälfte des verflossenen Dezembers (1813), welcher nebst lebhaften Mißvergnügen über die Auswahl der Perſonen zum neuen Adminiſtrationskonſeil in Trient namentlich über den Conte Consolati und della Mulle nebst einigen Ausfällen gegen Roschmann (die mir aber nur aus getäuschten Hoffnungen herzurühren ſchienen), auch Winke über unsere Geschichte enthält und ausführliche (Angaben) aus dem Römischen Hause zu Calliano ( Südtirol) wiſſen will : E. k. H. hätten sich an die Spiße der Tiroler stellen , nach eigener Herrschaft und Independenz streben , die Herzogin von Oldenburg heiraten und unter Rußlands Aegide Oesterreich eine rechte Brille auf die Nase seßen wollen." 158) Auch das vorzugsweise dem Andenken Schneiders gewidmete und gut gemeinte Buch von Rob . Byr „ Anno Neun und Dreizehn , biographisches Andenkblatt aus den deutschen Freiheitskämpfen “, Innsbruck, 1866 (Wagner), halb Roman und halb Geschichte bietet in dieser Beziehung nichts, obſchon es in der Vorrede (S. 10) heißt, daß der Verf. unter Anderm den „Nachlaß“ Schneiders benußte. 159) Seit der Wiederbegegnung mit Erzh. Johann v. 19. Sept. 1814
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IV. Erzherzog Johann und der „Alpenbund ".
Nun drängt es uns aber , das Tagebuch Erzherzog Johanns zu Rathe zu ziehen , um zu
erfahren , wie dieser über
Roschmann dachte. Man ſieht, daß die brieflichen Anklagen Hormayrs im Spätjahre 1813 Selbstgefühles
von
dem Prinzen
und
als Ausbruch eines
überreizten Pessimismus
angesehen
gekränkten wurden.
Wie schmerzlich ihn auch die Thatsache berühren mußte, daß Roſchmann der geschäftige Anwalt einer Sache wurde , für die der Erzherzog sein ganzes Wesen einzusehen gewillt war , daß Roschmann die Besizergreifung von den Alpenländern ´als Aufgabe überkam, daß man Roschmann zum Vertrauensmanne erkor und ihn selbst mit leeren Vertröstungen abspeiste und fern hielt , er konnte und wollte nicht an den Verrath Roschmanns glauben 160). Erst zum 30. April 1814 findet sich die Einzeichnung „ Sollte wohl sich immer mehr bestättigen , was ich kaum zu ver- ich muthen anfange , daß Roschmann ein Judas ist, will Beweise , sonst nichts ; gegen ihn kabaliren thue ich nicht, er bricht sich selbst durch seinen Uebermuth den Hals ". 161) Aber ganz anders lautet die Aufzeichnung zum 23. Mai 1814 : „Nun habe ich Gewißheit , daß Roschmann ein Judas war ; - ein elendes, treuloses, verächtliches Benehmen ! Ich habe ihn aufgezogen , empfohlen , geliebt , steigen machen ; er hat sich zu Allem angeboten , und hielt er es für seine Pflicht, so zu handeln , so hätte ein treuherziges Wort von ihm können
(Tageb. des Erzh.) war wohl Gagern über Roschmann im Klaren. 1815, 11. Febr. schrieb Hormayr aus Brünn an den Erzherzog . . . „ Auch Gagern schreibt mir, die Baiern prahlten damit, daß ihr König dem Kaiser Tirol empfehle ! Er (der König) betitle Roschmann öffentlich einen Hauptkujon .. 160) Tageb. z . 1. Nov. 1813, welches der Audienz der mit ihrem Gatten längst zerfallenen Frau Hormayrs beim Erzherzoge anläßlich ihrer Lage gedenkt, „so erfuhr ich Alles, was ich schon wußte, und noch manches, was ich nicht glauben will , als z. B. daß an Roschmann nichts sei , daß er als falscher Bruder Alles verrathen habe ... Randbemerkung aus späterer Zeit : "I Es war wahr, aber ich konnte es nicht glauben." 161) Randbem. aus späterer Zeit : „ Das geschah.“ Ueber Franz Raffl aus Schenna vgl. Egger III . 788-791 .
94
IV. Erzherzog Johann und der „Alpenbund".
Alles versehen ; statt diesem ist er es gewesen , der die Sache be= trieben , der mehr gefordert , als man gewollt , der so also Beweise sich gemacht, um dann den Schurken zu spielen. Kann der redliche Kaiser so einem Menschen trauen , wird nicht sein Ehrgeiz ihm Gesez sein, er nur immer höher zu steigen denken, und ist er nicht in Tirol gehaßt, als eine Geisel angesehen ; kann so ein Mensch in einem Lande als Vorsteher belassen werden , wo sein Handeln bekannt ist , wo man ihn mit Raffl ,
der den Sandwirth verrieth,
in gleiche Kategorie sezt ? Ich hoffe nein ; ich kann nicht mehr mit ihm unter einem Dache wohnen.
Trauet der Kaiser solchen Men-
schen , so kann ich diesen besten Herrn nur bedauern , sie werden ſein Vertrauen oft mißbrauchen. . . . Ich habe zum Glück Beweise, die ich gewiß vorbringen werde, wenn die Rede sein sollte, die ihr ganz in seiner Blöße stehen machen" . 162) . Und zum 24. Mai d. I. heißt es : Ich hatte Haager (de . Polizeipräsidenten) bei mir und erzählte ihm Alles, Es gibt eine Art nichts zu bejahen , die doch dem, der es kennt ,
Gewißheit gibt ;
und nun keinen Zweifel
mehr Roschmann betreffend ; ihn überlasse ich der gerechten Nemesis ; sie erreicht ihn gewiß und bald. “ Nicht aus Hormayrs Briefen hat der Erzherzog seine Ueberzeugung von Roschmanns Schuld gewonnen, er suchte nach andern Beweisen und ihre Klarheit zwang ihn endlich, daran zu glauben, was er früher für undenkbar hielt. Und so liegt denn in diesen Aufzeichnungen des Erzherzogs vom Jahre 1814 die wichtigste Bekräftigung, daß Hormayrs Ahnung im Wesentlichen das Richtige traf , und daß , was
er dann
als
volle Erkenntnis verbürgt , mehr denn die halbe Wahrheit enthält. Die Akten der damaligen Polizeihofstelle, die Korrespondenzen und Vormerke der Staatskanzlei in dieser Sache bleiben allerdings für uns ein Buch mit sieben Siegeln , aber zur Ehrenrettung Roschmanns würden sie sicherlich nichts beitragen , auch wenn sie offen
162) Randbem. aus späterer Zeit : „Richte ihn die Nachwelt, aber nicht so strenge als jene, die ihm daraufhin Vertrauen schenkten und ihn als Werk-zeug brauchten. Tirol hat ihn schon gerichtet. "
IV. Erzherzog Johann und der „Alpenbund ". vor uns lägen , sie würden das nicht abschwächen ,
95 was , wie der
Erzherzog zum Jahre 1814 schreibt, bereits als allgemeines Verdikt in Tirol die Runde machte.
Schlimmer und härter als der Ver-
gleich Roschmanns mit dem Strolche Raffl , der Andreas Hofer den Feinden um schnödes Geld in die Hände spielte, konnte die "1 Stimme des Volkes " nicht urtheilen.
Wir müssen nun aber mit Hülfe des Tagebuches Erzherzog Johanns zu dem Stellung nehmen, was Hormayr namentlich in den Lebensbildern über die offizielle Geheimrolle seines Genossen Roschmann aussagt. Der Kaiser selbst bedeutete seinem Bruder, Erzherzog Johann, am 8. März 1813, er habe schon vierzehn Tage vorher von der Sache gewußt , Roschmann zu ihm kommen sehen und Beweise haben wollen ; um diese Zeit beiläufig (20. Febr.) schrieb der Erzherzog n sein Tagebuch : es sei ihm bekannt, daß die Polizei auf mehrere heiner Genossen ihr Auge habe, vorzüglich auf Roschmann . Seine | Aufzeichnung aus späteren Jahren charakteriſirt Roſchmanns Benehmen gerade dazumal (siche 14. Februar), als die maßgebenden Geheimverhandlungen gepflogen wurden, in einer Weise, welche auffallend mit den Erinnerungen Hormayrs zuſammenſtimmt 163) : „ Dieser war es, der immer Geld haben wollte und schriftliche Aufträge mit meiner Unterschrift , um Beweise in Händen zu haben ; er erhielt Keines von Beiden, auch
er an, uns zuwider zu werden, und
wir mißtrauten ihm zuleht, aber es war zu spät. “ Um diese Zeit hatte mithin Roschmann seine schmähliche Rolle bereits übernommen, und die Erzählung Hormayrs von Roſchmanns vertraulicher Mittheilung an Kutschera, den Günſtling des Kaisers, von der erbetenen Geheimaudienz bei dem Monarchen u. s. w böte dann die grelle Leuchte für die Erkenntnis des dunkeln Weges, den Roschmann betreten. Der „ Alpenbund ", dies an sich harmlos gedachte aber verhängnisvoll gedeutete Wort im Entwurfe des Erzherzogs, ließ sich sehr gut für die Mähre vom künftigen „ Könige der Gebirge " oder „Rhätiens " verwerthen. 164)
163) Tageb. 3. 4. - 6. März 1813, spätere Randbem. 164) S. oben Anm. Nr. 157 .
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IV. Erzherzog Johann und der „Alpenbund". Es handelt sich nun um die Hauptsache , um die psycho-
logische Analyse der Handlungsweise Roschmanns . Hiebei wird man allerdings über Vermuthungen nicht hinwegkommen.
Man
darf annehmen , daß Roschmann ursprünglich vielleicht seinen Ehrgeiz , sein Streberthum mit der Theilnahme an dem Plane des Erzherzogs befriedigen wollte, man braucht nicht so weit zu gehen, um mit Hormayr in ihm den „ Verschwörungsmacher “ von Hauſe aus zu erblicken. Die Wahrnehmung jedoch, daß nicht ihm, sondern Hormayr die Hauptrolle der „ innern Geschäfte “ zugedacht sei, anderseits die Erkenntnis von den Schwierigkeiten -- ja von der Hoffnungslosigkeit
des ganzen Wagnisses, zeitigten in ihm den
unſittlichen Entschluß, als „ reuiger“ Angeber des „ Staatsstreiches " sich den Weg zu einer bedeutenden Zukunft zu ebnen, und da galt es denn auch, den Staatsstreich in seinem Reifen zu beschleunigen, Beweise für seine angebliche Gefährlichkeit in die Hände zu bekommen, was ihm jedoch nicht ganz nach Wunsch gelang. Manches von dem , was Hormayr auf das Kerbholz des „ Verräthers “ seßt; so Roschmanns Handlungsweise im Jahre 1812 , kann als noch außerhalb des Verrathes gelegen angenommen werden. Nun aber fordert die Angabe Hormayrs in den „ Lebensbildern “ , Roschmann habe sich einer Partei zur Verfügung gestellt, welche die „ Erzherzoge “ und voran den Prinzen Johann diskreditiren wollte, sein wiederholter, auch aus den Briefen an Erzherzog Johann hervorleuchtender Hinweis auf Metternich und die in der Staatskanzlei geschmiedete Entdeckung und Vereitlung jenes Befreiungsplanes, eine weitergreifende Erwägung beziehungsweise Richtig= stellung. Daß es besonders seit der Staatskrise von 1809 eine gegen die Verwendung der Erzherzoge, der Brüder des Kaiſers vor Allen, eintretende Partei in den Hof- und Regierungskreisen gab , daß sich gewissermaßen die schon früher wider Erzherzog Karls Doppelstellung
als
Generalissimus
und
Hofkriegsrathspräsidenten
kämpfenden Strömungen erweiterten und ausgemacht gelten .
verzweigten ,
darf
anals
In diesem Sinne bestand eine den Erzherzogen
feindliche Partei, und die gleichzeitigen Aufzeichnungen des Prinzen
IV. Erzherzog Johann und der „ Alpenbund ".
97
Johann kommen wiederholt auf diese Thatsache und die betreffenden Persönlichkeiten zu sprechen. 165) In dieser Partei haben wir nicht blos Persönlichkeiten zu suchen, welche aus unlautern Beweggründen gegen die Erzherzoge intriguirten, denen das traurige Schlußergebnis des Kriegsjahres, das wiederholte und nachhaltige Zerwürfnis zwiſchen dem Kaiſer und Erzherzog Karl, dem Vordermanne der Brüder des Monarchen, und die von ihnen eifrig genährte Hinneigung des Letteren zum Mißtrauen sehr zu statten kam, — sondern auch solche Männer in der ämtlichen Umgebung des Kaiſers , denen es prinzipiell widerstrebte , die zahlreichen Erzherzoge in Stellungen ersten Ranges untergebracht zu sehen , weil ſie darin eine unberechtigte Monopolisirung solcher Aemter in der kaiserlichen Familie , anderseits
in der erzeptionellen Stellung der
Prinzen des regierenden Hauſes, denen seit Kaiser Franz der auszeichnende Titel „ kaiserliche Hoheiten “ zu Theil wurde, ein schädliches Dezentralisiren in der Arbeit der Regierungsmaschine, eine Hemmung oder Störung ihres normalen Ganges erblickten. Der zäheste unter den Vertretern dieses Prinzips war und blieb der
gewesene Staatsrath ,
damals Vorstand des
General-
rechnungshofes , dann 1814 und 1815 Armeehofkommissär oder Armeeminiſter Anton v . Baldacci , 166) der entschiedenste Bureaukrat 165) Vgl. darüber mein Buch : „Zur Gesch. Oesterreichs im Zeitalter der französ. Kriege u . d . Reſtauration 1792-1816 " (Gotha 1886) II. Buch 53–92. 166) Vgl. das gleiche Werk, das besonders das Berufsleben Baldaccis berücksichtigt. Derselbe war 1762 zu Wien geboren , Enkel eines korsischen Adeligen, 1798 Hofrat der galiziſchen Hofkanzlei, 1803 Mitglied der politischen Sektion des inländischen Departements des Staats- und Konferenzministeriums u. s. 1805 insbesondere Kabinetsreferent des Kaisers und dessen Vertrauensmann in allen Verwaltungs- und Personalfragen, was wohl die Annahme, er sei Chef der geheimen Staatspolizei gewesen, am besten erklärt, 1809 einer der entschiedensten Napoleonhaſſer und Vertreter des Krieges bis zum Wien-Schönbrunner Oktoberfrieden, 1809 Geheimrath, bald Vizekanzler der vereinigten Hoffanzlei, 1811 Präjes des Gen.-Rechnungsdirektoriums, 1813-1815 „ Armeeminiſter“ am faiſ. Hoflager zur Zeit der I. und II. Okkupation Frankreichs, außerdem Civilchef der lezteren und von maßgebendem Einfluß bei der Organisation der rückerworbenen ö . Provinzen. Vgl. auch m. Veröffentlichung im Archiv f. ö . Geſch. 74. Bd . ( 1889) . Krones , Tirol 1812-1816 . 7
98
IV. Erzherzog Johann und der „ Alpenbund “.
und Centraliſt , eine ſtarre , heftige ,
aber offene und pflichttreue,
kenntnisreiche und arbeitstüchtige Beamtennatur , fernösterreichischer ,,nur Art. "1 Baldacci fiel," wie Hormayr richtig bemerkt, ſcheinbar in Ungnade , " 167) da er sich mächtige Feinde gemacht hatte und in dem neuen Staatsminiſter Oesterreichs einen überlegenen Widersacher fand, dem es nicht behagte , seine Kreise durch einen unberufenen „ Routinier" der politischen Adminiſtration gestört zu sehen. Baldacci behauptete nichtsdestoweniger das persönliche Vertrauen
seines
kaiserlichen Gebieters in ungeschwächter Weise
auch weiter hin und verstand es auch, einen Kreis jüngerer ſtrebſamer und anerkannt tüchtiger Kräfte um sich zu sammeln, die „ Baldacci'sche Partei ". 168) Wie einflußreich seine Rolle in der Tiroler Frage 1813-1816 wurde, erhellt sattſam aus dem später Folgenden. Selbst Metternich wird sicherlich, bei aller Verschiedenheit seines Gedankenkreises von dem eines Baldacci,
aus naheliegenden
Gründen kein Freund einer erzherzoglichen Amts- Oligarchie gewesen. sein , wie entschieden auch Erzherzog Johann am Abende seines Lebens Metternich gegen den Anwurf, er habe die Erzherzoge angefeindet , in Schuß nimmt. anders.
Lange Zeit dachte er selbst darüber
Unläugbar ist es also, daß man eine persönliche und prinzipielle Gegnerschaft ,
einen Antagonismus
wider die Erzherzoge bei Be-
urtheilung der damaligen Sachlage in Rechnung stellen muß , und daß
gerade das patriarchalische Verhältnis zwischen dem Kaiser,
ſeinen Brüdern ,
Schwägern und Vettern , den Monarchen miß-
167) Hormayr 1814 (o. D.) an Erzh. Johann (Frühjahr) : „ Baldacci, durchlauchtigster Herr, fällt nie ganz ; er ist nicht zu entbehren . Was that er nicht alles während seiner scheinbaren Ungnade 1807 und 1809 ? Entgegen= kommen wird er nicht, aber jeden erhaltenem Wink respektvoll ergreifen“ . . Ueber Baldaccis Verhältniß zu Metternich vgl. m. Anm. 165 cit. Werk S. 191 bis 192 u. 235-237. 168) Es waren dies Pillersdorff , die Gebrüder Hauer , Kü b e ck Hormayrs Briefe und Erzh. Johanns Tagebücher kommen darauf öfters zu sprechen . u. A.
IV. Erzherzog Johann und der „ Alpenbund".
99
trauisch machte, sobald er merkte oder ihm hinterbracht wurde, daß einer der Seinigen eigene Wege gehen , Politik auf eigene Faust treiben wolle. Inwieweit nun jene Gegnerschaft den Plan des Erzherzogs Johann witterte, und welche Mittel und Wege sie suchte , der bedenklichen Sache auf die Spur zu kommen, das entzieht sich unserer Kenntnis .
Darüber klärt uns auch Hormayr nicht auf , und dies
um so weniger, je leidenschaftlicher er bei seinen Enthüllungen verfährt.
Sicherlich hatte das auswärtige Amt und die Staatspolizei
mancherlei Anhaltspunkte dafür gewonnen, daß etwas im Zuge ſei, bevor sich Roschmann mit seiner Denunciation unmittelbar an die Perſon des Monarchen, früher vielleicht auch an andere maßgebende Leute, wandte.
Er wurde nun zum Aufpasser und Mitarbeiter an
jenem Neze beſtellt , das man fertig bringen und dann über das Unternehmen werfen wollte. Roschmann hatte ja das Wagnis Erzherzog Johanns schwarz genug geschildert, um seine Loyalität und sein Verdienst in ein um so glänzenderes Licht zu stellen. Der Kaiser erblickte darin ein seine Autorität und Monarchie bedrohendes Unternehmen , das ihn überdies vor Frankreich und Baiern schwer kompromittirte , was vor Allem für Metternich , als Leiter des auswärtigen Amtes maßgebend war , und Männer, wie Baldacci, verurtheilten es als ein Ausſpielen halb föderaliſtiſcher halb republikaniſcher Ideen gegen den Einheitsstaat. Jedenfalls gewahrte der Monarch in seinem Bruder einen „Verführten “, wie rückhaltslos auch Erzherzog Johann den Plan ſeines Unternehmens auf sich nahm , und Hormayr galt in des Kaisers Augen vornehmlich als „ Verführer “. Hormayrs überschwängliches Selbstgefühl und bis zum Uebermaß scharfe Zunge , hatte ihm Feinde genug gemacht , hinauf reichten ;
die hoch
er mag auch selbstgefällig und voreilig aus der
Schule geschwagt haben, wie dies ja der Kaiſer ſelbſt ſeinem Bruder gegenüber bemerkte. Auch in der Staatskanzlei war Hormayr schlecht angeschrieben, Hudelist , ein Vertrauensmann Metternichs , sein Feind, und die leidenschaftliche Haltung Hormayrs gegen den Staats7*
100
IV. Erzherzog Johann und der „Alpenbund “.
minister , welche seine Briefe und späteren Werke durchzieht, hängt wohl guten Theils damit zusammen. 169) Schneiders Schuld wog weit leichter in den Augen des Kaisers, 170) Gagern endlich, der ausländische Diplomat, war ein freier Mann. Am gleichen Tage , an welchem die Verhaftung Hormayrs, Schneiders und zum Scheine auch die Roschmanns , des Gelegenheitsmachers , verfügt wurde ,
7. März , erließ Kaiser Franz
eine geheime Weiſung an FML. Grafen Nimptsch , einen aus der Umgebung Erzherzogs Johann , darüber zu wachen , daß sich sein Bruder ohne des Monarchen Erlaubnis von Wien nicht entferne, und daß der Kaiser von einem solchen zu vermuthenden Schritte bei Zeiten unterrichtet werde.
Graf Nimptſch trage die Verant-
169) Vgl. den Brief Hormayrs (Anmerkung 167). „Man kann dem Entschlusse, sich Metternich zu nähern, nicht mehr applaudiren als ich, obgleich ich ihn hasse und gering achte , aber er hat nun einmal die Welt errettet, wie die Gänse des Kapitols, und so falsch und verlogen er iſt, thut er hier vielleicht etwas aus Heuchelei “ . . . 1814, 5. Juli schreibt H. an den Erzh. Johann : „Wie viel mag Metternich für gut befunden haben, dem Kaiser von der eigentlichen Rolle zu sagen, die Roschmann gespielt hat. Sie wird von dem Verhör anfangen , das man nicht mit uns , wohl aber mit ihm aufnahm, als wir schon weggeschleppt waren, während sie doch weit früher begonnen hat. Und jener erlogene Trost auf den Herzog von Tirol", auf den „ Pascha von drei Roßschweifen“ und das „Helvetisiren “, welch ein reiches Geschlecht der boshafteſten Verläumdungen !“ Hormayr redete sich ein (Brief an Erzh. Joh . v . 9. Nov. 1814) der Polizei-V.-Präſes habe ihn opfern wollen. „Haager, ehehin des Grafen Wallis getreuer Vertreter, trat , als die Nothwendigkeit großer Rüstungen sein Finanzſyſtem unhaltbar, seinen Fall nahe machte, zu Metternich über. Er legte mich, mit meiner Existenz und Freiheit, das angenehmste Geschenk, zu seinen Füßen, und wie herrlich ließ sich diese Pastete nicht zugleich gegen alle Prinzen gebrauchen ?" ... In der Staatskanzlei (meint Hormayr) hielten noch immer ſelbſt Männer, die Hormayrn wohlwollten, ihn achteten, wie z . B. Baron Binder , Weissenwolf, Stürmer das Mährchen fest : Erzherzog habe nach unabhängiger Herrschaft gestrebt, Hormayr aber , erfüllt von republikanischen Ideen, habe Tirol helvetisiren und selbst an die Spize treten wollen . . . 170) Vgl. w. u. die Mittheilung Schneiders über seine nachmalige Audienz beim Kaiser v. 1815 ſ . Anhang Nr. XXXII .
IV. Erzherzog Johann und der „ Alpenbund “.
101
wortung , daß dieser Auftrag streng geheim bleibe und dürfe auch nur unter dieser Voraussetzung den einen oder den andern KammerHerrn seines Bruders ins Vertrauen ziehen. 171) Ueberdies nahm der Monarch ſelbſt ( 8. März) ſeinem Bruder das Wort ab, von seinem Plane abzustehen ; er wußte, daß er sich auf eine solche Zusage verlassen könne. 172) Wie lebhaft den Erzherzog das Geschick der verhafteten Genoſſen beschäftigte, dafür liefert das Tagebuch sprechende Belege. 173) Er verſtändigte davon zunächst ihre Angehörigen, dann bot er alles zu Gunsten der Deportirten auf. Eine seltsame Ironie des Schicksals wollte es, daß er sich auch für Roschmann einseßte , welchem Schritte bereits 9. März der Staatsminister Graf Metternich aus naheliegenden Gründen sehr willfährig entgegenkam.
Den gleichzeitigen Kommentar hiezu ver-
sprach der Premier dem Kaiser zu liefern. 174) Daß Roschmann in Wien verborgen blieb, 175) bis man seiner für Tirol bedurfte, und daß , wie seinerzeit (15. Juli) der Kaiser aus Brandeis an der Elbe seinem Bruder , Erzherzog Johann, schreibt
dessen Untersuchung
ganz
erscheint uns sehr begreiflich. 176)
zu
dessen Gunſten ausfiel “ ,
Roschmann gleitet deshalb auch
171) Im Nachlasse des Erzherzogs . Erzh. Johann bekam somit dieſe wichtige Weisung in seine Hände, offenbar durch Nimptsch selbst. 172) Tageb. z . 8. März . „ Ungern gab ich es, aber wenn mein Herr, statt zu zürnen, alles anwendet, mich herauszureiſſen, gut brüderlich zu mir spricht und edel handelt, wie kann ich minder sein. Ich halte bei Gott Wort und sollte ich darüber mich zu Tode grämen. Gott möge es leiten, so wie ich Man sieht, wie dies unter dem augenblicklichen Eindruck von es verdiene." Tageb. z . 11. März : " Ein einem Gefühlsmenschen geschrieben wurde !
Elender behauptete, ich würde bei allem dem, daß ich mein Wort gegeben, am 14. April in Tirol ſein !“ 173) So z . B. gleich wieder 11. März, Gespräch mit dem Polizei-Präſ. Haager über Hormayr, z . 12. März 1813. . . . . „Beim Kaiser ; vertheidigte meine Freunde ,, u. a. vielen Stellen. 174) S. Anhang Nr. III . Vgl. v . S. 74. 175) Erzh. Johann bemerkt in s. Tageb . z . 2. - 4. April 1813 „Hormayr . . . iſt in Munkatſch ; Schneider ſigt auf dem Spielberge, Roschmann hier oder in Königgräß. Hoffentlich werden sie bald loskommen. “ 176) S. Anhang Nr. IV.
IV. Erzherzog Johann und der „ Alpenbund ".
102
in seiner eigenen Zuſchrift an den Prinzen (18. Juli, Prag) über sein „ Exil " sehr wortkarg hinweg. 177)
Sein Thun und Laſſen
wird uns noch vielseitig beschäftigen. Um so mehr Anlaß fand Hormayr über sein eigenes Los zu klagen.
Daß man ihn bis nach Munkács,
in die alte ge=
schichtlich berühmte Feste des östlichen Oberungarns, schaffen ließ, beweist , wie man ihn weit weg von Wien haben wollte.
Sein
erſter bereits angeführter Brief von dort (28. Mai 1813 ), 178) der wie mancher andere nicht ohne Schwierigkeiten den Weg in die Hände seines befreundeten Gönners, des Erzherzogs Johann, fand, überfließt von begreiflicher Erbitterung über seine Behandlung, von welcher der Prinz sicherlich keine Ahnung hatte, und welche wohl auch dem Willen des Kaisers nicht entsprechen mochte. nächst wurde ihm derselbe Kerker angewiesen ,
Denn zu-
worin Riedl saß,
der Oesterreich revolutioniren und den Kaiser ermorden wollte", 179) " ,das Tageslicht fällt nur von oben durch dreifache Gitter ein, und ich war nahe daran," schreibt er, zu erblinden." Erst in der fünften Woche habe er die Erlaubnis erhalten, sich mit Lesen, Schreiben und Zeichnen zu beschäftigen.
Dennoch erfreute er sich,
wie er später gesteht , manches freundlichen Entgegenkommens. 180) 177) S. w. u. (Anhang Nr. VI.) 178) Der Brief beginnt mit den Worten : „Mit vieler List gelingt es mir endlich diese Zeilen an E. k. Hoheit zu bringen. Sie müssen strenges Geheimniß bleiben , wenn ich nicht noch unglücklicher werden joll .. P. S. Man hat mir hier den Namen Hilbert beigelegt, aber Wiener Briefe haben alles verrathen." (Der Brief wurde dem Erzherzog durch den Amtsrath Büttner mit einem Begleitschreiben des Leßteren (v . 30. Juni 1813, Wien) zugestellt, u. z . hatte es ihm ein Freund des unglücklichen Hormayr (es war dies 1. Schreiben Hormayrs v. 11. Sept. 1813 der in Wien befindliche Huſarenoberſt i. R. Bubna) "1 offen wie es ist anvertraut, um es auf die sicherste Art in die Hände von E. k. Hoheit zu bringen. ") 179) Andreas Frhr. von Riedl gehörte zu der sog . „ Jakobiner-Verschwörung“ in Deſterreich v. 1794–1795 und wurde zu „sechzigjährigem Kerker verurtheilt" (1795, 22. Juli), ſ . Weiß Gesch. Wiens II . Bd . 2. Aufl. S. 235. 180) Als solche , welche ihm die Munkácser Haft erträglich machten, erſcheinen : Kommandant Czapka, besonders aber der Plazlieutenant Bittl=
IV. Erzherzog Johann und der „ Alpenbund “. Als er den zweiten Brief vom
11. Sept. 1813
103 an seinen
fürstlichen Beschüßer schrieb, 181) gelang es wohl deſſen unverdroſſenen Bemühungen, die Uebersiedlung Hormayrs in das Staatsgefängnis auf dem Spielberge von Brünn, unter günstigeren Bedingungen des Gefängnislebens, zu bewirken. 182)
Am 12. Juli verließ Hor-
mayr die Munkàcſer Haft , um über Kaschau , Eperies , Leutſchau, Sz . Miklòs , Alsò -Kubin , Bela , Sillein, nach Lissa und von da über die Eingangsgrenze Mährens , durch Holleschau und Ölmüß an den neuen Ort seiner Haft gebracht zu werden. Hier befand sich längst bereits Hormayrs Schicksalsgenoſſe, der wackere Vorarlberger, Dr. A. Schneider , dem für Ende Juni 1813 seine brave Gattin als Genoffin der Gefangenschaft folgen durfte , während Hormayr (30. Okt. ) klagt , daß ihm bisher nicht eine einzige wahrhaft dringende Unterredung in Familienangelegenheiten mit seiner Frau gestattet worden sei . 183) In einem früheren Briefe (1. Okt.) schilt er es als „ zwecklose Grausamkeit “, daß man ihn von seinem Genoſſen Schneider getrennt halte. So verlebten denn Hormayr und Schneider manches Monat auf dem Spielberge, während große Ereignisse, der Niedergang der französischen Allgewalt , der Sieg der Verbündeten , die neue Gestaltung Europas an dem geistigen Auge der Gefangenen vorüberzogen.
Unter welchen Umständen sie im Jahre 1814 Freiheit und
Rehabilitirung wieder erlangten, ſei der Erzählung in einem späteren Abschnitte aufgespart. Aber noch eines Mannes müſſen wir gedenken , der zu den Vertrauteſten Erzherzogs Johann zählte und bald nach dem Ereignisse vom 7. März Abschied von Oesterreich nahm.
Seinen
mayer, der Geniehauptmann Nagler und der ungarische Edelmann Derencsényi. „Wiener Briefe aus guter Hand verriethen die ganze Geschichte und weckten mir große Theilnahme“ . . . 181) Dieſen 2. Brief überbrachte Frhr. von Haysdorf aus Lindau dem Erzherzoge. 182) Erzh. Joh. Tageb. 1813, 2. –4. April, „für Hormayr bat ich vor, daß er an einen gesunden Ort komme . . . man versprach es mir“ ... 183) Hormayr, 30. Oft. 1813, v . Spielberge an Erzh. Johann bemerkt, daß Schneider seine Gattin seit 4 Monaten bei ſich habe.
104
IV. Erzherzog Johann und der „Alpenbund “.
Entschluß , den Weg auswärts zu
nehmen , verzeichnet der Prinz
bereits zum 9. März.
Am 22. d . M. nahm Gagern vom Erz-
herzoge Abschied. 184)
Er verließ den Kaiserstaat , nicht ohne ein
sprechendes Denkmal
seiner Ueberzeugung von der Berechtigung
jenes Unternehmens zu hinterlassen. Vom 10. März stammt jene an Kaiser Franz I. gerichtete Denkschrift Gagerns , die bald darauf seinen „ Beiträgen zur Zeitgeschichte " (April 1814) einverleibt erscheint. 185) Eine Abschrift jener Eingabe an den Herrscher Oesterreichs legte er in die Hände seines fürstlichen Freundes . 186) Diese Denkschrift Gagerns ist eine nicht ohne stellenweisen Schwung geschriebene Vertheidigung des ganzen Unternehmens, dem sich Gagern mit ganzer Seele hinzugeben entschlossen war. „ Nach der Meinung jener verhafteten Männer “ , schreibt Gagern, ,,denen ich hierin zu glauben hatte, war dieser Aufstand ganz und gar und so sehr in den Wünschen des Volkes, daß der Ausbruch_tag= täglich vorzusehen war und noch ist, daß eine gewaltsame Conſcription, ein beschwerlicher Durchmarsch, die Annäherung fremder Heere, ein zufälliger Zank, das Feuer anfachen und verbreiten konnte. Es war daher weder unvernünftig noch schien es uns pflichtwidrig, wenn sie wünschten, diesem vorzusehenden Ereigniß bessere Resultate zu sichern ; wenn sie ihre Landsleute nicht wehr- und mittellos sehen wollten , wenn sie ihnen verſtändige Anführung und Leitung bereiten, wenn sie sie von Volksexzessen, von der Sehnsucht nach fremder Hülfe, von demokratischen Prinzipien und Einflüsterungen abzogen und sie alsbald unter Fahne und Befehl eines tapfern Fürſten des Kaiserhauses versetten . Als in unseren Berathschlagungen die Frage von den Hilfsmitteln war, fand der Antrag alsbald Gehör, Niemand sonst zum Bruch der Pflicht, was auch immer der Vorwand sei, unter den Lieber wollten S. kaiserliche Hoheit Einheimischen zu verleiten. (Erzh. Johann) vergrößerten Gefahren entgegengehen und es der Zukunft anheimſtellen . .... . .. Jene drei Verhafteten, H. v . Hormayr, 184) Erzh. Joh. Tageb. 185) „ Beiträge 3. Zeitgeschichte ", I., mit dem Motto : combattuta e rea qualche onesto riposo il ciel destine" April 1814, 14 S., 4º. Die Denksch. a. d . Kaiser Franz I. 186) Nachl. des Erzh. Fasz . XXVI,
ין,Così a mia vita (Taſſo), am Rhein S. 10-16,
IV. Erzherzog Johann und der „ Alpenbund “ .
105
von Roschmann und Schneider hatten mit schweren Opfern ihre Anhänglichkeit an Herrn und Land schon bewährt. Das sind sehr traurige Verhältnisse des Lebens, wenn man zwischen Herrn und Land mitten inne steht . Wie leicht ist nicht die Verwechslung, wie leicht der Glaube, daß es ein und dasselbe Interesse sei, wie leicht war das nicht hier ? Wie verzeihlich erschien ihnen das Verbrechen nicht des gebrochenen sondern des unterbrochenen Dienstkontrakts ; wie entschuldigend die Idee, daß sie mit Gefahr ihres Lebens zu größeren Dienstleistungen hineilten ! Euerer kaiserlichen Majestät ist es jedoch nicht unbekannt geblieben, daß der Freiherr von Hormayr, oberster Direktor des geheimen Staatsarchivs, und also in einem Posten des höchsten Vertrauens und der Verantwortlichkeit bestellt, determinirt wurde, Wien und sein Amt nicht ohne die allerhöchste Genehmigung zu verlassen. Dieser Umstand, daß er sich nicht nur der kaiserlichen Disposition gänzlich unterwerfen wollte, rechtfertigt ihn, aber auch uns, und zeigt schon allein, wie man gedacht und gehofft hat. " Gagern entwickelt nun die Anschauungen, welche ihn in Bezug der Sachlage in Deutschland und in Hinsicht der Zweckdienlichkeit eines Aufstandes der Tiroler und Vorarlberger beherrschten , welche Aufgabe man in Illyrien und gegen Italien hin lösen wollte und knüpft dann an diese Erörterungen nachstehende Schlußbetrachtung : „Niemand unter uns, so viel mir bekannt ist, gehörte zu einer fremden und geheimen Gesellschaft. Den sogenannten Tugendbund kenne ich nur von Hörensagen, und von jeher habe ich so gedacht, daß unter den Besseren zu allen edlen Zwecken ohnehin eine ewige Abrede besteht ; die förmliche Association aber uns alsbald mit vielen sehr mittelmäßigen Personen in eine unanständige Confraternität versezt. Nur das war mir aus guten Quellen bewußt, daß das gewaltige Streben im Norden den Süden erschreckt, weil man die Grundsäge und Absichten, für die man kämpfen will, noch nicht ausgesprochen hat. Mein Wunſch ist, daß die hier angebogenen acht Punkte, die ich wörtlich, so den Leitern der Geschäfte im Norden durch den Grafen Wallmoden habe vorlegen lassen, den Gesinnungen Eurer kais. Majestät nicht zuwider sein mögen. Daß ich übrigens weder Geld noch Geldeswerth in Anspruch nahm, sondern eine Ehre darein sezte, mit meiner eigenen schon disponiblen Habe anständig und als ein Edelmann den Vorsatz auszuführen, ist Euer f . M. hinlänglich bekannt geworden . Diese innere Verwaltung war Sache derer, die das Land kannten. Als sie den Zweck wollten, mußten sie wohl unumgänglich die Mittel bereiten, und hatten meine Zustimmung. Es war jedoch im Angesicht des Erzherzogs bereits eben so von strenger Comptabilität die Rede, als Seine Hoheit mit eigener Hand sich so ausdrückten : daß nur der höchste Grad der Uneigennützigkeit
106
IV. Erzherzog Johann und der „ Alpenbund “.
von allen Seiten diese Handlung gerecht und groß werde erscheinen lassen.“ So klingt denn aus diesen Worten ein selbstständiger und wohlthuender Nachhall dessen, was unter der Aegide des Erzherzogs Johann im Frühjahre 1813 mit bester Absicht ins Werk gesezt werden sollte und ein so verhängnisvolles Ende nahm.
Wir müſſen aber noch einer Persönlichkeit mit wenigen Worten gedenken , welche von dem auswärtigen Amte Oesterreichs und der obersten Polizeibehörde in einem engen Zusammenhange mit dem Unternehmen Erzherzog Johanns gedacht wurde, den der in dieſer Frage maßgebende Gewährsmann, Hormayr entschieden in Abrede stellt. 187) Es ist dies der bairische
Staatsbeamte ,
Franz Graf von
Reisach. Als Hormayr 1802-1809 im Departement der Wiener Hof- und Staatskanzlei arbeitete , vornehmlich in den Baiern betreffenden Angelegenheiten, wurde er zufällig auf den Genannten, damals Landrichter zu Hilpoldsstein (Regensburger Kreis ), aufmerksam gemacht als
einen in unglücklicher Ehe
und schlechter
Vermögenslage befindlichen Mann , der dann 1809, zur Zeit der Intendantur Hormayrs in Tirol, Generalkommissär des Lechkreises, Hofkommissär Baierns
bei
der Wiederunterwerfung Vorarlbergs
und schließlich Generalkommiſſär des Illerkreises , mit dem Size zu Kempten, wurde. Reisach habe sich in mehr als einer Richtung österreich187) ( 1814, 5. Juni, Hormayr an Erzh. Johann . ) „ In das höchste Erstaunen verſeßte mich die Nachricht, Graf Reisach , aus deſſen Briefen ich wohl ersah, er ſei deportirt und erfahren, es sei bei den Russen bei weitem nicht alles Gold was glänze, wäre arretirt und nach München ausgeliefert. Ich vermag dies keineswegs zusammenzureimen mit der bekannten, großherzigen Denkart des ruſſiſchen Kaiſers, mit Steins entſchiedener Protection, mit der Vorliebe der Engländer. Anderseits wird wohl Montgelas Alles aufgeboten haben, um sich zu rächen für die bittern, zerschmetternden Wahrheiten in Reijachs anonymer aber wohlbekannter Brochure" . . . Weder jezt noch im März 1813 konnte man das Mindeſte und Kompromittirende bei ihm finden . Vgl . Anhang Nr. XXVI. und die Stelle in Horm. „ Lebensbildern “ II., 490 .
107
IV. Erzherzog Johann und der „ Alpenbund “. freundlich
bewiesen ;
insbesondere verdankte ihm
Schneider
sein Leben, welchen Dienst der Lettere allerdings später mit 6000 fl. bezahlte.
Reisach
?? Paralysirens ,
war Anfangs
1813 blos für die Rolle
Connivirens und Verheimlichens "
des
beſtimmt , also
blos für eine „ passive“ Thätigkeit, da er für eine andere nicht der Mann geweſen ſei. Die Beziehungen zu ihm wurden von Hormayr blos mündlich, durch vertraute Boten unterhalten. ་ ་ Beunruhigt über den eigentlichen Plan , Gang und Umfang der Sache , sowie über den Lohn , welcher ihm zu Theil werden dürfte," bemerkt Hormayr, „ sandte Reisach im Jänner 1813, ohne solches Wien ,
vorher im mindesten anzukündigen , seinen Bruder nach ein unbesonnener Schritt , der nothwendig in Wien
und in München Aufsehen erregen mußte. " Kaum war der Bruder Reisachs wieder zurückgereist , so kam seine Schwägerin , eine junge Gräfin Salis - Soglio mit der Nachricht von Reisachs Entlassung an , mit dem Beiſaße , daß seiner Person Gefahr drohe. Der entlassene und politisch geächtete Staatsbeamte rächte sich dann durch eine anonyme Brochure gegen den Minister Montgelas, die bald eine Gegenschrift zur Folge hatte. "1 Wäre ich Reisach Dankbarkeit schuldig , schreibt Hormayr (1814 , 14. Sept. aus Brünn) , so würde ich selbst jezt nicht von ihm weichen. So aber denke ich, daß er gut genug war, zu einem Werkzeug für eine große und edle Sache , aber niemals
gut
genug zu meinem Freunde. Man holt sich die Perle gern auch aus einer schmußigen Muſchel. Mich konnte er durch nichts in der Welt kompromittiren. Ich aber hatte ihn seit 1809 unbedingt in meiner Hand. Abspringen konnte er nicht mehr, die Thür war hinter ihm geschlossen. “ Man sieht, wie weithin das Ereignis vom März 1813 ſeine Wellenkreise zog. vergebens
nach
In den Tagebüchern des Erzherzogs suchen wir dem Namen Reisachs als eines Förderers
des
Unternehmens . Er stand nur mit Hormayr in Verbindung , und dessen spätere Briefe kommen wiederholt auf ihn zu sprechen .
V.
Tirol bis zum Vertrage von Ried.
Als sich das Ereignis vom 7. März 1813 in der Kaiſerſtadt zutrug, - herrschte in Tirol, im französischen und bairischen Antheile eine dumpfe, schwüle Stille. Sie entsprach der unbehaglichen Dämmerung, welche damals und noch so manche bange Woche über der Politik des Wiener Hofes und des Lenkers der auswärtigen Angelegenheiten Oesterreichs lagerte . Und doch glaubte Erzherzog Johann , wie er zum 9. März in sein Tagebuch einträgt, deutlich zu bemerken, „ daß es früh oder spät zum Kriege kömmt “ , daß man ihn „ brauchen und loslassen“ werde, 188) daß sein Entschluß keinen üblen Eindruck gemacht habe. Lezteres war allerdings eine Selbsttäuschung. 189) In diesen Hoffnungen war sein Blick unverwandt nach Tirol gerichtet. Eisenstecken, ſein Vertrauensmann, kam in den lezten Tagen von dort nach Wien zurück. 190)
„ Alles ist so dort eingerichtet,"
188) Randbem. aus späterer Zeit: „ Eitle Hoffnungen an die ich glaubte, . . . gemacht, um mich zu beruhigen und festzuhalten“ 189) Weiter heißt es im gleichz . Tageb . „ Gagern geht weg (es geschah dies erst 22. März) ; für ihn denkt Metternich gut ; man schont und schüßt und wünscht die Sache, das Verdienst der Sache für sich habend ; der Entschluß gefiel, doch zu früh, und wünschten ihn mit ihrem Zuthun. Deutlich ſagte er (Metternich), es wäre ihm Alles recht, was außerhalb geschehe ; so gefiele ihm die Unternehmung auf Venedig , Genua u. s. w. , Vgl. v. S. 74. 190) Erzh. Joh. Tageb. 3. 16. März 1813. „ Nachmittags erhielt ich einen Brief von Eisenstecken an Hormayr, er war angehalten und visitirt
V. Tirol bis zum Vertrage von Ried. schreibt der Erzherzog zum 24.- 26. März ,
109
„ daß ich es nur zu
erregen brauche " ; die Boten stünden in Bereitschaft , dem Kaiser erzählen.
er werde es
Der Zug der Deutschen an die Elbe verbürgt ihm die Wendung daheim zum Kriege. Um diese Zeit kam Oberst v. Loy von der geheimen Bereifung der illyrischen Provinzen zurück und brachte Nachrichten von „ Einverſtändniſſen “ zwiſchen Oesterreichisch-Kroatien und Illyrien , von dem Unternehmen der englischen Flotille gegen die dalmatinischen Inseln Lesina , Curzola und Liſſa , ihren Anschlag gegen Cattaro, im Vereine mit den Montenegrinern. 191) Allgemein sei das Mißvergnügen in Illyrien.
Radezky theilt
ihm die Entschließung mit, wonach zwei Armeen aufgestellt werden sollten. Der Drang nach Thätigkeit und die alte Liebe zu seinen Gebirgsvölkern klammert sich an die Aussicht , in Tirol und der Schweiz verwendet zu werden.
Er verlange auch nichts mehr und
hoffe, da zeigen zu können, was er vermöge.
Sehr Unrecht sei es
jedoch, daß man seinen Bruder, Erzherzog Karl, bei Seite schiebe. Um so weniger möchte er denn seine Tiroler und Vorarlberger einem voreiligen Wagnis , den Gefahren einer voreiligen Erhebung ausgesezt sehen. 192) ,,Salis war bei mir," schreibt
worden, und nichts fand man bei ihm, alles hatte dieser Treue versteckt, wie freute es mich zu ſehen, was ein redlicher Tiroler vermag ; jezt ist er frei, doch beobachtet. Ich ließ ihm Klugheit, und daß er nichts ohne meine beſtimmte Weisung unternehme, anbefehlen. “ 191) Erzh. Joh. Tageb. z . 27. - 29. März 1813. In den Aktenbeilagen (Fasz . XXVI.) findet sich mit dem Datum 28. März 1813, Wien ( 1 Fol.-Bog.) eine „Beschreibung der bei meinen in den illyrischen Provinzen vollbrachten Hin- und Herreisen angestellten Bemerkungen und darüber geschöpften Beobachtungen von Frhr. v. Loy, k. k. Armee-Obriſt. “ 192) Erzh. Joh. Tageb. z. 21. März 1813 (ſpäter nachgetragen). "I werden Nachrichten von Unruhen in Tirol ausgesprengt und daß deswegen einige erschossen wurden . . . Ueberhaupt sprechen hier Viele und zu viel." Die von Streiter angeführten , auf geheimen Wegen verbreiteten Briefe des Erzherzogs , worin es hieß : „ Ermannt Euch, die Welt und Kaiser Franz, der Vielgeliebte, ſehen auf Euch, Wir vertrauen euerem Helden-
V. Tirol bis zum Vertrage von Ried.
110
er zum 30. März ; „ ich hinderte , daß nicht von Seite des Auslandes Tirol aufgeregt wurde , indem ich die Hoffnung gab , es könne besser durch uns geschehen. " „ Ehrlich, wie ich (dem Kaiser) versprochen, sandte ich den Boten nach Vorarlberg zurück ; ſie ſollen abwarten ; wenn es im Guten geschehe, sei es besser, und wäre dies nicht, so würde ich ja selbst kommen ; ließ alle Lieben grüßen.“ Daß ihm aber der Weg zu seinen Gebirgsvölkern verſchloſſen bleiben würde , das hätte ihm schon die bestimmte Weisung seines kaiserlichen Bruders nahelegen sollen , der ihm , als Erzherzog Johann Anfangs April bei Hofe Abschied nahm , um sein Landgut Thernberg für einige Zeit zu bezichen, sagte, er möge ja nicht nach Man besorgte also Graz gehen, weil ihm sonst Alles zuliefe“ . doch noch immer, er könnte seine eigenen Wege einschlagen.
Nicht
ohne schmerzliche Empfindungen über solches Mißtrauen verließ er die Reſidenz. 193) In Wien blieb sein verläßlicher Wachtposten , Binner , bilden
Privatsekretär des Erzherzogs,
fortan
zurück ;
der
wackere
seine Berichte
eine wichtige Nebenquelle unserer Geſchichtserzäh-
lung. 194) In Thernberg traf ihn eine bedeutsame Nachricht aus Bai-
risch - Tirol ,
ein richtiges
Stimmungsbild.
Um
den
fünften
April erlicß der Gouverneur von Meran den Befehl zur Aushebung der Rekruten , was mit aller Strenge vollzogen wurde.
Als diese
sinne, Gott wird Euer Unternehmen segnen und bald werde ich selbst in Euerer Mitte sein, handelt im herzlichen Verein als Männer, es gilt für Gott und Oesterreich“ (Hist. 3. XV. 360) dürften in die Zeit des Juli und Auguſt fallen . 193) Erzh. Joh. Tageb. z . 2. - 4. April 1813. Randbem. aus späterer Zeit : " Also Furcht, ich möchte auf und davon gehen, oh !" 194) Ueber Anton Binner findet sich nachstehende Bemerkung in den späteren Aufzeichnungen, Bogen 166 : „ war mir von Seite des Hofkriegsrathes zugewiesen und blieb in seiner Anstellung als Hof-Sekretär bis zu seinem Tode bei mir, sehr in der klassischen Spezialliteratur unterrichtet, sehr gutes Konzept, schöne Schrift, ordnungsliebend ; Deutsch), Böhmisch, Latein, Welsch gut sprechend, dabei fröhlich und voll Sonderbarkeiten. Seine Korreſpondenz, von welcher in der Folge viel vorkommen wird, schildert ihn hinreichend."
111
V. Tirol bis zum Vertrage von Ried.
jedoch an die sogenannte Marlinger Brücke kamen , ſtand da ein Bauernhause und fiel über die begleitenden Soldaten und Beamten her, machte die meisten nieder und warf sie in das Wasser, so daß nur wenige entkamen.
Die Flüchtigen wandten sich nun um Hilfe
nach Bozen, aber sie blieb aus, da keine verfügbare Besaßung vorhanden war. Die mit Gewalt befreiten Rekruten riefen aber im Vereine
mit
den Bauern
voll Freude :
„ Es lebe
komm Franz ! und rette uns doch einmal !"
der Kaiser,
und entwichen ins
Gebirge. 195) Mochte auch dieſe Nachricht mit einigen Uebertreibungen des Thatbestandes ihren Weg über die Landesgrenze gemacht haben, im Wesentlichen meldete sie Wahres . 196) Es war ein sehr bedenkliches Zeichen der wachsenden Gährung unter dem Landvolke des Burggrafenamtes , obschon die Stadt Meran an sich „ nie bessere Zeiten " sah, als seit dem 28. Februar 1810, der sie im Gegenden Baiern zusprach, und saße zu der Schweſterſtadt Bozen dieſe ihren eigenen Vortheil in dem Gedeihen und in der Gesinnung der Meraner zu wahren suchten. Nichtsdestoweniger ließ sich das Frühjahr 1813 ſehr bedenklich an , und die Auflehnungen wider die Rekrutirung in den Landgemeinden trugen auch den geistlichen und weltlichen Vorstehern Merans eine scharfe Rüge des Generalkommissärs Bairisch-Tirols, Frhr. v. Lerchenfeld , ein, als dieser am 17. April von Innsbruck herbeigeeilt war. Ihm folgten Ende April 700 Mann Executionstruppen, die in Meran einrückten. 197) Baiern begann aber auch entschieden nach allen jenen Tirolern und Vorarlbergern zu fahnden ,
die sie als österreichische Wühler
zu kennen glaubte. Dem Erzherzoge wurde aus Wien am 13. April gemeldet , der wackere Wintersteller , ein Name guten Klanges aus dem Freiheitskampfe des Jahres 1809, sei in Ketten und Banden über Kufstein nach München geschafft worden.
Dagegen wäre
195) Eisenstecken an Erzh. Johann 6. April 1813 (Wien) . 196) Vgl. Stampfer , Geſchichte von Meran (Innsbruck, Wagner 1889) S. 274. Vgl . 271-73. 197) Stampfer a. a. D. 274-5.
112
Gutmorgen
V. Tirol bis zum Vertrage von Ried.
aus Tirol eingetroffen und sei vom Kaiſer mit
guten, herzerhebenden Versicherungen entlassen worden. 198) Nicht tröstlicher lauteten die Berichte aus FranzösischTirol über Gewaltthaten der Franzosen , den Rekrutirungszwang und die verzweifelte Stimmung allerwärts. 199) Der deutsche Befreiungskrieg verräth so seinen Wiederhall in dem Lande am Inn und der Etsch ; man möchte gern an den Gitterstäben der Fremdherrschaft rütteln und blickt sehnsüchtig nach Wien hinüber , wo gleichfalls die öffentliche Meinung jedem Zusammengehen mit Frankreich abhold erscheint. Befand sich doch bereits ein Tirolerkind als rühriger Schöpfer einer heimischen Scharfschüßenkompagnie unter den Preußen, der kampfluſtige Jakob Riedl aus Fügen , der gewesene Adjutant Speckbachers , den der abenteuernde Sinn sogar nach London geführt haben soll, und der jezt
198) Binner an Erzh. Johann, 13. April 1813, Wien. . . . „ Ein aufgefangener Zettel an ihn von H. (ormayr) geſchrieben ist seines Unglücks leidige Ursach. Dieses Faktum erschütterte meinen Freund ( Eisenstecken ) so sehr, daß ich alle Troſtgründe aufbieten muß, um ihn zu beruhigen. Er ahnet Unglück für Weib und Kinder. “ Thatsächlich wurde ſein Weib verhaftet (ſ. w. u.) . Wie und wann Wintersteller loskam, ist fraglich ; 1814 war er bereits in Freiheit. Vgl. o . S. 67 Anm . 129 . Als die Franzosen 199) 1813, 14. April. Binner an Erzh. Johann : durch Schabs bei Brixen zogen, zündeten sie dieſen Ort an. Der bekannte Schabser Peter wäre bald ein Opfer seines österreichischen Patriotismus geworden ; er war bereits zum Erſchießen verurtheilt, als ihn Plazer durch seine Beredſamkeit rettete. Plazer hat schon manch würdigen Tiroler uns aufbewahrt. noch Aber viele einzelne Tiroler werden abgeführt in Ketten, und schläft man !!" 1813, 23. April, Wien. Eisensteckens Bericht . „ Ich habe verläßliche Nachricht aus Tirol, daß in und um Bozen Jünglinge und Männer von 20-40 Jahren einschließlich ausgehoben und den Kohorten einverleibt werden. Man kleidet sie gut und verſieht sie mit Musketen. Schon sind die meiſten der vortrefflichen , im Jahre 1809 für Desterreichs Rechte durch Tapferkeit so sehr ausgezeichneten, Gaſſeriſchen Schüßen - Kompagnie dabei . Viele der Gutgesinnten verlieren nun vollends die so lange furchtlos gehegte Hoffnung auf Rettung. Die Bösen erheben hohnlachend ihre Häupter darüber, die Meiſten aber überlassen sich dem Trunke, um ihre Unzufriedenheit und ihren Groll wenigstens auf Augenblicke zu verscheuchen, mit dem Ausrufe : Es komme wie es wolle, nun gelte es den lezten Nothkreuzer !“ . . .
V. Tirol bis zum Vertrage von Ried.
113
von Berlin aus , aus den in Deutschland verstreuten Landsleuten die
wilde Tiroler Jagd" , ein Seitenstück zur Lühow'schen, an-
sammelte. 200) Die eigene Unruhe und Spannung trieb unsern Erzherzog aus seinem ländlichen Ruhesize in die Residenz zurück (20. April) ; ihn freute die
gute Stimmung" der Wiener. 201) Selbst die Kaiſerin,
wie sehr auch in ihr die Enttäuschungen des Jahres 1809 nachwirkten , sah die Nothwendigkeit ein , müsse. 202)
daß Oesterreich etwas thun
Gleichzeitig sprach der Erzherzog bei Metternich vor,
um ihm die Bedeutung des Augenblicks , die Zustände in Tirol ans Herz zu legen ; 203) Tags darauf versucht er es beim Kaiſer. 204) Wie schwer fällt ihm jezt auf die Seele , daß man ihm die Hände gebunden ; 205) wie hart empfindet er es, daß Oesterreich sich von Preußen überflügeln laſſe.
200) 1813, 5. Mai. Binner an Erzh. Johann. „ In der Breslauer und Hamburger Zeitung steht wörtlich folgender Artikel : Jakob Riedl, ein Tyroler, errichtet in Berlin eine Scharfſchüßen-Compagnie mit der er dem Feind schon manchen Schaden zufügte. Dieser brave Mann war Adjutant bei dem hingerichteten wackern unvergeßlichen Hofer. Riedl hat, wie bekannt, vortreffliche Dienste 1809 geleistet. " 13. Mai (derſ. an denſ.) über das Gleiche. „ Er habe 2 ScharfſchüßenKompagnien errichtet und werde in einem Berliner Blatte wegen seiner bereits bewiesenen Tapferkeit und klugen Benehmens vorzüglich gerühmt." 201) Erzh. Joh. Tageb. z . 20. April 1813 ( 2 Uhr NM. in Wien) . . . . „nichts als die gute Stimmung gehört, die hier unter dem Volke herrscht, und als ein Gericht sich verbreitete, als ſei Oesterreich mit Frankreich, welche Gährung und Niedergeschlagenheit, bis man es abläugnete und die Leute beruhigte !" 202) Erzh. Joh. Tageb. z . 22. April 1813. 203) Ebenda .. ging dann zu Metternich, erzählte ihm über Tyrol, die Ereignisse . . . Ich sprach über Baiern, sagte, wie schlecht dieſes handle, fand ihn dagegen eingenommen" 204) Ebenda z . 23. April 1813. „ Früh zum Kaiser, ich sagte ihm Alles, was ich Metternich gesagt hatte, zeigte ihm freimüthig unsere ganze Lage ; er gab mir recht" • „Schade, daß mein Projekt nicht 205) Ebenda z. 22. April 1813 durchging, daß die Unvorsichtigkeit einiger Menſchen es zu Waſſer machte ; ich wäre jezt darinnen (Tirol) thätig und rettend, Baiern hingeriſſen (zur Allianz) 8 Krones, Tirol 1812-1816 .
V. Tirol bis zum Vertrage von Ried .
114
Mit solchen Empfindungen reist er den 29. April nach Thernberg zurück. Hier bemüht er sich, Metternichs Politik zu enträthſeln ; seine Sicherheit und Ruhe machen den Erzherzog staunen. 206) Als ihm
(den 10. Mai) der „ österreichische Beobachter " die
Nachricht von der Schlacht bei Lüßen , von dem Rückzuge der „ Franken " bringt , da verzeichnet er in sein Tagebuch :
„ Ich kann
nicht beschreiben, was ich dabei fühlte, ich weinte vor Freude, nur das schmerzte mich , daß Oesterreich nicht dabei geweſen “ . Der 13. Mai bringt
wieder
fröhliche Nachrichten ,
die Erfolge der
Deutschen vom 6. und 7. d. M., aber um so mehr grämt er sich über die heimische Zuwartungspolitik. Vor Allem beherrscht ihn jedoch wie immer der Gedanke an sein Tirol.
Aufregende Nachrichten von dort nehmen über Wien
zu ihm den Weg.
Joseph Gummer aus Bozen , bei welchem
einst Erzherzog Johann seinen Aufenthalt genommen, sei verhaftet, ebenso die Gattin des in Wien weilenden Eisenstecken — als Geisel für ihren von den Baiern geächteten Mann
, Gaſſer, der
sich von Wien glücklich nach Tirol durchgeschlagen , zu Glurns in die Hände der Behörden gerathen und nach Bozen abgeführt worden. Vierzig vermögliche Tiroler würden als Gefangene den Weg nach Passau geschleppt , unter ihnen auch der bekannte Straub, Gastwirth aus Hall. 207) Diese betrübenden Nachrichten , das Zögern Desterreichs , den
und Napoleon hätte eine verdammte Diversion (gegen sich), was ihm gewiß nicht lieb wäre." 206) Ebenda z . 4. Mai 1813 : „Ich begreife Metternich nicht, und seine Sicherheit und Ruhe zeigen entweder ein großes Talent, oder eine Eigenliebe, eine Eitelkeit ohne gleichen, aus welcher nur Selbsttäuschung und Maßregeln hervorgehen können, die zum Ruin führen “ . . . 207) 1813, 9. Mai. Binner an Erzh. Johann. Josef Gummer aus Boßen, bei dem einſt E. k. Hoheit höchst ihren Aufenthalt machten, iſt nebst der braven Gattin des E.(iſenſtecken) verhaftet und unterſucht worden. (Ueber dieſen ihm innigst befreundeten E. schreibt Binner ziemlich viel.) -13. Mai (derſ. an denſ.) . „ Gasser , der hier troß aller Aufsicht von Seite der Polizei glücklich durchkam, wurde in Glurns im Vintſchgau ertappt, in Haft genommen und geſchloſſen durch Bozen geführt . . . . So wird denn
115
V. Tirol bis zum Vertrage von Ried .
entscheidenden Schritt zu thun, die erzwungene Unthätigkeit, all dies drückt und beengt das Gemüth des Erzherzogs in seiner ländlichen Abgeschiedenheit. „ Es fielen mir alle Widerwärtigkeiten meines Lebens ein“ schreibt er zum 22. Mai ; „ die Thränen traten mir in die Augen, doch dachte ich Alles zum Opfer zu bringen , gerne zu leiden, wenn ich nur das für die Menschheit und das Vaterland ausführen könnte , was ich so sehnlichst wünsche , Freiheit , Rettung von dem Tyrannen Napoleon ; meinen Kaiser glücklich zu sehen.
Ich ver-
lange nicht Macht , nicht Ruhm , nicht Ehre , aber ich kann doch nicht ruhig bei dem allgemeinen Elend sein , was Alle so mächtig drückt. Eine tiefe Wunde hat mir das Scheitern meiner leßten Entwürfe geschlagen ; indeſſen ich will sie verschmerzen, wenn Alles sich zum Guten wendet. “ Als der Erzherzog den 30. Mai von Thernberg nach Wien zurückkam , da hörte er vom Kaiser , dieser werde binnen drei Tagen sich nach Jitschin in Böhmen begeben , um Frieden zu machen , und dann vor dem Juli zurückkehren. schreibt der Erzherzog ,
„ Ich bat ihn, "
„ auf den Süden aufmerksam zu sein ; der
Vizekönig sei nach Italien und ſammle ein Heer. 208) Er gestand , es sei gegen uns , würden wir gegen Frankreich sein.
Ich bat um Gegenanſtalten , ich zeigte , wie wir da bedroht
und das blos um der guten Sache fort und fort einer nach dem andern willen 1 unglücklich gemacht!" 16. Mai (ders. an dens.) . „ E - ns (Eisensteckens) Gattin ist wieder auf freien Fuß gesezt worden ; eben heut erhielt er einen Brief von ihr, eigenhändig geschrieben. Dagegen sind 40 vermögliche Tiroler frisch in Haft o schöne genommen und nach Passau verlegt worden. Man nahm ihnen ihr bei sich gehabtes Geld und wirft ihnen täglich 14 Kr. R.-W. Großmuth! aus. Da sie alle vermöglich sind, so kann man sich wohl denken, daß ihre Börsen gefüllt waren. Unter ihnen befindet sich ein Führer, Gastwirth Straub, einer der vermöglichſten aus Hall. “ 208) Vgl . Correspondance de Napoleons I. XXV. Bd . 357, 1813, 18. Mai, Dresden, Weijung des Kaisers an Eugen Beauharnais : Engagez le roi de Bavière a fortifier dans le Tyrol quelques gorges, quelques „ chiuse “ et quelques fortins à fin d'être maître de passages et de contenir les habitants. 8*
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V. Tirol bis zum Vertrage von Ried.
würden. Er sagte, es sei Alles in Marsch gesezt, bei 50.000 Mann, die sich in die Nähe zögen , um gleich bei der Hand zu sein. Ich trug mich an , wenn er über dieſen Landestheil Notizen wollte ; er sagte Nichts. Das lege ich mir so aus , man werde mich nur im äußersten Falle, vielleicht auch gar nicht brauchen. Er erlaubte, daß ich in die Alpen gehen könne ; das ist eine schöne Entschädigung für mich! Indessen doch etwas ; man wird mich doch brauchen müſſen, wenn einmal Zeit kommt, und die ist nicht gar weit. " 209)
Aber die vorläufige Ablehnung seiner Dienste schmerzt ihn begreiflicherweise , ohne sein Pflichtgefühl abzuschwächen , wie dies seine Aufzeichnung zum 1. Juni 1813 erweist. 210) An dem Abend dieſes Tages begibt er sich auf „ lange hin “ nach Thernberg , um seinen Lebensmuth aufzurichten, das Weitere abzuwarten. Die leidige Mittelstellung Oesterreichs zwischen Frankreich und Rußland, macht dem Erzherzog auch dort wachsende Sorgen. — „ Tirol und Illyrien muß erobert werden “, schreibt er in sein Tagebuch, „ und alles jene , was mit Klugheit nach gehöriger Vorbereitung geführt, so leicht hätte geschehen können , wird viel Blut kosten , und im wer Norden fällt der Schauplatz des Krieges an die Grenze ; weiß
ob nicht in unsere Staaten selbst.
Doch würde ich immer
diese lettere Partei (Rußlands, bezw. Preußens) ergreifen, weil sie doch noch zur Rettung führen kann. “ 211) Das Zurückweichen Rußlands und Preußens, aus strategischen Gründen , beschäftigt ihn lebhaft .
Man dürfe Napoleon ja durch So lange
feine längere Waffenruhe zu Athem kommen lassen.
nicht mindestens der Rhein , die Vogesen , der Inn und die Alpen zu Grenzen Deutſchlands und Oesterreichs würden , käme es zu feiner Ruhe.
Holland und Niederlande müßten einen, Italien den
209) Erzh. Joh. Tageb. z. 30. Mai 1813. Der Kaiser befand sich damals in Laxenburg. 210) Ebenda z. 1. Juni. (Beſuch bei seinem Bruder Erzh. Karl.) „Wir (Erzh. Johann und Karl) werden nicht gebraucht werden, auch wäre da keine Ehre ; ist mein Kaiſer in Gefahr, so sprach Karl, dann wollen wir das Verzweifelte übernehmen und wagen, so wie redliche Unterthanen ; bis dahin bleibe ich ruhig auf dem Lande. “ 211) Ebenda z. 3. Juni 1813 .
V. Tirol bis zum Vertrage von Ried.
andern unabhängigen Staat bilden,
117
Deutschland frei werden , die
Schweiz eine Vergrößerung erfahren , und zwar wenn Desterreich Tirol und Vorarlberg nicht wieder erhalten könnte, durch die lettgenannten zwei Länder.
Illyrien , Salzburg und das Innviertel
müßten jedoch unbedingt an Oesterreich , damit es eine Weſtgrenze gewinne. 212) Er beklagt ( 12. Juni) den Waffenstillstand mit Napoleon. Sollte Desterreich dahinter stecken, um mit seinen eigenen Rüstungen für den Juli fertig zu werden. vor Allem sicher gehen.
Metternich wolle den Krieg , aber
Unter diesen Eindrücken schloß der Erzherzog den dritten Band seiner Tagebücher ( 13. Juni) in Thernberg ab , wo sich 9. Juni die Kaiſerin Maria Ludovica mit dem Kronprinzen Ferdinand, in Begleitung Erzherzogs Anton zu kurzem Beſuche eingefunden hatten, und hier begann er auch den vierten zu schreiben, „ in der Zeit der größten Krisis der Menschheit. " 213) Desterreich hat die Augen auf sich von ganz Europa " , hebt er den 14. Juni 1813 an,
„ hält noch zwischen den Alliirten und
Frankreich das Gleichgewicht , die Schale ; wohin Oesterreich tritt, ſinkt sie , und es folgt die Entscheidung , und kann wohl noch ein Zweifel zwischen der zu betretenden Schale sein , zwischen Segen und Fluch? Mögen die Geister der großen Ahnen Habsburgs unser Haus umschweben, sie mögen ihre Nachkommen zum Wahren führen ; oh, es ist so nothwendig, daß sie beistehen ! " Der Juni bescheerte dem Erzherzoge so manche wichtige Nachricht aus der Feder seines getreuen und emsig schreibenden Sekretärs Binner.
Zunächst hatte sich das Gerücht verbreitet , Bairisch- oder Deutschtirol solle auch mit Französisch - Italien vereinigt werden. 214) Der unermüdliche Eisenstecken ,
dem in Wien der Boden
212) Ebenda z . 6. Juni 1813. 213) Ebenda 3. 14. Juni 1813 . 214) 3. Juni 1813, Binner an Erzh. Johann.
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V. Tirol bis zum Vertrage von Ried.
unter den Sohlen brannte , trug sich mit dem Gedanken , aus den vielen Hundert Tirolern , die zu Wien im freiwilligen Exile und unter den drückendsten Verhältnissen lebten , könne der Kern eines eigenen Korps gebildet werden , das zu
ansehnlicher Stärke an-
wachsen dürfte. 215) Das Vorgehen des Landsmannes Riedl im preußischen Heergefolge mußte doppelt befeuernd wirken. Anfangs Juli 1813 begab sich Eisenstecken selbst nach Thernberg.
Der Erzherzog erfuhr , daß Deputationen an den Kaiser
aus Tirol erwartet wurden ; er rieth , dieselben nicht gleich nach Wien abgehen zu lassen, sondern einige Tage vorher an ihn nach Thernberg zu weisen.
Minder erfreulich war es damals für ihn
zu vernehmen, daß die Untersuchung in der Sache seiner Genoſſen, erst im Zuge sei . 216) In wachsender Spannung ,
ob und wann Desterreich zum
Schwerte greife , und welcher Wirkungskreis ihm selbst beschieden sei, hatte der Erzherzog in Gemeinschaft mit seinem Bruder , Erzherzog Karl , Mitte Juli eine Alpenwanderung in die obere Steiermark verabredet und angetreten. Als sich, nach diesem viertägigen Ausfluge, die Brüder trennen sollten und auf dem Wege in Mariazell einkehrten , traf unvermuthet
nach Weichselboden
Binner , der Privatsekretär des Erzherzogs , aus Wien ein , mit einem Handschreiben
des Kaisers ,
einem Briefe
Metternich und mit den Zeilen Roschmanns ,
des Ministers
der eigentlich jene
beiden Zuſchriften dem Prinzen zu überbringen hatte , vorzog, sie durch Binner zustellen zu laſſen. 217)
es jedoch
215) Binner an Erzh. Johann 23. Juni 1813. Eisenstecken rechnete sogar auf 10-12000 Mann. 216) Erzh. Joh. Tageb. z. 3., 4. Juli 1813. Eisenstecken berichtete auch, daß die Untersuchung über die 3 Herren ( Hormayr , Roschmann , Schneider) erst beginne. Anderseits hatte 20. Mai Binner an Erzh. Johann geſchrieben : . . „Haager (Polizeipräſes) ſagte einem Bekannten von mir : in 10 Tagen werden die Drei freigelassen ; fünf Tage sind schon verflossen, oh möchten sie nach Verlauf der andern Hälfte ja gewiß erscheinen . “ Dies alles erwies sich als illuſoriſch. 217) Ebenda z . 20. Juli 1813.
V. Tirol bis zum Vertrage von Ried.
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Bevor wir diesen Zuſchriften näher treten, müssen wir vorausschicken, daß sich Anfangs Juni das kaiserliche Hauptquartier zu Jitschin in Böhmen befand, den 17. Juni Graf Metternich mit dem russischen Kaiser in Opočno zusammentraf, nachdem er sich bereits in Czaslau mit Nesselrode besprochen hatte, daß die österreichische Armee unter Schwarzenberg, mit Radetzky zur Seite, ihren Aufmarsch im östlichen und nördlichen Theile Böhmens neben den Ruſſen und Preußen vollzog , der Premierminister Oesterreichs den 25. Juni zur entscheidenden Besprechung mit Napoleon in Dresden eintraf und mit der Annahme
der
bewaffneten Mediation Desterreichs
seitens Napoleons , während der bis zum 10. Auguſt vereinbarten Waffenruhe, in das Hauptquartier nach Jitschin (1. Juli 1813), zurückkehrte.
Der sogen. Friedenskongreß ſollte in Prag beginnen,
wohin sich Metternich begab , während Kaiser Franz von Fitschin vorläufig nach Brandeis an der Elbe reiste , um hier das Weitere abzuwarten. 218) Das
eigenhändige Schreiben
des
Kaisers
an Erzherzog
Johann datirt von Brandeis 15. Juli 1813, bemerkt zunächſt, daß die Untersuchung Roschmanns beendigt und ganz zu deſſen Gunſten ausgefallen sei .
Roschmann werde dem Erzherzoge die Aufträge
des Monarchen überbringen als neue und große Beweise des kaiserlichen Zutrauens.
Der Herrscher Oesterreichs rechne auf die Bei-
hülfe Tirols aber nur im Falle des Krieges , der sich bis zum 15. August entscheiden müsse , damit dessen Bewohner nicht voreilig zu nußlosen Opfern herangezogen würden. des Aufstandes Tirols
Die „ Epoche
müsse also der des wirklich begonnenen
Krieges folgen " , und dies um so mehr , als sich auch in diesem Falle nicht voraussehen lasse, ob Tirol ungeachtet seiner Wichtigkeit einen Ausschlag im ersten Augenblick zu geben vermöge.
Der Erz-
herzog dürfe daher nicht früher dort erscheinen als bis der Ausbruch des Krieges und die Bewegung in Tirol als dessen unmittelbare Folge eingetreten sein werde. Vorderhand habe somit der Erzherzog ohne alles Aufsehen in Thernberg zu verweilen und sich mit Rosch-
218) Vgl. darüber insbesondere Oncken Oesterreich und Preußen im Befreiungskriege II. 327 ff. Fournier, Napoleon, III. Abth. 142 ff.
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V. Tirol bis zum Vertrage von Ried.
mann als dem Vertrauensmanne des Kaiſers in Bezug Tirols ausschließlich zu verständigen. 219) Der Brief Metternichs an Erzh. Johann (Prag, 15. Juli) ist begreiflicherweise nur eine Einbegleitung und Paraphrase des kaiserlichen Handschreibens. 220) Mit sehr gemischten Empfindungen erfüllt uns das Schreiben Roschmanns (Prag , 18. Juli) an den Prinzen , die Stilübung des Genossen Hormayrs und Schneiders , dem der verhängnisvolle 7. März 1813 den zukunftsreichen Weg zur kaiserlichen Gunst und einer bedeutenden politischen Aufgabe gebahnt hatte , während jene zwei als Staatsverbrecher im Gefängniſſe ſaßen. Mit einem kurzen Sage :
„ Aus meinem Exil nach Prag berufen", springt er über
die vier Monate hinweg , welche seit jener Nacht und seinem Auftauchen in Prag, an der Seite Metternichs, verflossen, und nur der Schluß des glatten , ausgeklügelten Schreibens spricht von den erlittenen 11 Leiden" und 11 unverschuldeten Kränkungen " jener Epoche der angeblichen Untersuchung und des angeblichen Exils. Allerdings sind seine Zeilen, wie er sich äußert, „ in ſichtlicher Eile" geschrieben , er habe so Vieles seinem "1 angebeteten " Prinzen zu sagen, so manches aufzuklären. Würde seine Gegenwart in Innerösterreich nicht jenes Aufsehen erregen, das der Kaiser so sorgsam beseitigt wissen wolle, so hätte er sich die Freude nicht versagen können , Depeschen selbst zu überbringen.
Sr. Hoheit dieſe
So aber glaubte er besser zu thun,
ſie an den Privatsekretär des Erzherzogs mit Extrapost abzuschicken. Mit den geräuschvollen Worten:
Wie immer die Würfel
fallen , werden wir nun als Männer handeln , die selbst die Bewunderung der Feinde erringen sollen ", schließt Roschmann seine Zuſchrift. 221)
Ueber den Eindruck der Handschreiben des Kaisers und ſeines Ministers bemerkt das Tagebuch des Erzherzogs : 11 Sie geben mir die Bestimmung nach Tirol , wie, womit , wann, war nicht
219) S. Anhang Nr. V. 220) S. Anhang Nr. VI. 221) Roschmann an Erzh. Johann, 18. Juli, ſ . Anhang Nr. VI.
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V. Tirol bis zum Vertrage von Ried.
dabei ; Roschmann würde es mir eröffnen. Viel Unbeſtimmtes fand ich darin, indes war ich froh, etwas zu thun zu haben. " Später allerdings, als die Schuppen von seinen Augen fielen, dachte Erzh. Johann darüber anders ; 222) er überzeugte sich von dem unaustilgbaren Mißtrauen gegen seinen persönlichen Eintritt in die Tiroler Frage, von der Besorgnis, man würde ihn gegen die Intereſſen und Zwecke der Krone ausnüßen , und von dem Kunstgriffe , dieſe Beweggründe mit einem Hinhalten auf unbeſtimmte Zeit zu verhüllen. Ihm, dessen alleiniges Ziel die Befreiung Tirols und eine den Wünschen des Landes entsprechende Ordnung seiner Angelegenheiten war und blieb , wobei er unmittelbar bethätigt sein wollte, war die Rolle eines Berichterstatters aus der Ferne , und zwar eines solchen vorbehalten , deſſen treu gemeinte Vorstellungen
zur
Kenntnis genommen " wurden , während Roschmann, der eigentliche Vertrauensmann
der maßgebenden Wiener Kreise ,
des Kaisers,
Metternichs und Baldaccis, blieb und als Hofkommiſſär für Tirol ebenso eifrig bemüht erscheint , die Fernhaltung des Erzherzogs zu sichern , Herr der Sachlage zu werden , wie er hiefür bereits vor der Uebernahme seiner Sendung gearbeitet und die zweckdienlichen Minen gelegt hatte. 223) Man hätte dem
Erzherzoge mehrere Jahre herber Enttäu-
schungen erspart und anderseits das Urtheil der Welt über ein solches Vorgehen wesentlich anders gestaltet , wenn man dem Erzherzoge offen erklärt haben würde , daß seine persönliche Stellung als Glied des Kaiserhauses, die Rücksicht für Baiern u . s. w., die Uebernahme einer solchen Rolle von seiner Seite unthunlich erſcheinen laſſe ; man konnte sich hiebei auch hinter die Beweggründe verschanzen, welche zu den Maßregeln des 7. März 1813 geführt hatten, vor Allem aber durfte man da nicht den schlauen „ Mit-
222) Erzh. Joh. Tageb. z. 20. Juli 1813. Randbem. aus späterer Zeit : ,,es war eine Fopperei, fürchtete man, ich würde durchgehen, wollte man mich festhalten, oder was war es, - wozu einen zum Narren halten ?" 223) Hormayr an Erzh. Johann ( 1814, 25. Dezember, Brünn) über Roschmanns Verrath . . . „ Sein hoher Gönner Baldacci erzählt nun selbst, wie Judas (Roſchmann) im Juli 1813 in Prag gegen E. k. H. arbeitete, und wie belog er Sie, als er von dort zurückkam ?“ . . .
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verschwörer", Herrn von Roschmann , als loyales Werkzeug für die Revindicationspolitik verwerthen, ohne das gerechteste Mißtrauen der tiefer Blickenden herauszufordern . Allein man gefiel sich darin, den Erzherzog zu vertröſten , die eigene Gesinnung im Dunkel zu halten, weil man seine Beliebtheit in Tirol ausnüßen, durch ihn aus der Ferne günstig auf das Land einwirken und dessen beste Hoffnungen rege erhalten wollte. In Thernberg , wohin der Erzherzog aus Steiermark ſich zunächst
begeben ,
erhielt
derselbe
den
25. Juli
ein Schreiben.
Roschmanns zugestellt. 224) Letterer ſei den 16. Juli von Prag nach Wien gereist und warte sehnlichst auf die Anweisung der zugesagten Geldmittel.
Eisenstecken , Haspinger , Frick , die ihm nach
Thernberg folgen würden, müßten gleich den Weg zur Heimat einschlagen, Speckbacher und Sieberer sich über das Salzburgische ins Innthal den Weg suchen.
Käme es
nicht bis längstens Montag
(26. Juli) zur Flüssigmachung der nothwendigen Summen, so wolle er den 27. zunächst in Thernberg erscheinen. Voll Ungeduld eilte nun der Erzherzog den 26. nach Wien. Am Morgen des nächsten Tages fand sich Roschmann bei ihm "1 Er wußte wenig oder gar nichts ; ich frug ihn über Alles ein. aus und ſah, daß an Anſtalten nichts geschehen war. “ 225) Schon den 28. schickte der Prinz zwei ausführliche Schreiben an den Kaiser und Metternich , worin er seinen Anschauungen über die Sachlage und
die nothwendigen Kriegs- und Geldmittel
Ausdruck gab. 226) Am liebsten wäre es ihm gewesen, den Monarchen und seinen Minister persönlich sprechen zu können , da er aber davon abſtehen mußte , entschloß er sich , Roschmann alsbald ans Hoflager abzusenden. Inzwischen ließ er die oben genannten Botschafter nach Tirol wandern . Noch sah er in Roschmann einen „ redlichen Mann “ , 227) der 224) Dat. v. Wien, 24. Juli 1813 . 225) Erzh. Joh. Tageb. z. 27. Juli 1813. Randbem. aus späterer Zeit : „Roschmann war am allerwenigsten für mich, denn er mußte wohl denken, daß ſein Verrath an mir doch endlich mir bekannt werden würde. “ 226) S. Anhang Nr. VII. (an den Kaiser). 227) Erzh. Joh. Tageb. z . 28. Juli . Heute gingen die Briefe mittelst
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beste Beweis für dessen eiserne Stirne und Geriebenheit, anderseits für den Optimismus des Erzherzogs , der eine solche Maske nicht rasch zu lüften vermochte, und gab ihm unter dieser Voraussetzung eine ausführliche Weisung (3. Auguſt 1813) mit auf den Weg, 228) nachdem er 1. Auguſt an Metternich geschrieben, 229) mit dem Hofkriegsrathspräsidenten , FM. Bellegarde ,
und Tags darauf mit
Roschmann die kritische Sachlage eingehend besprochen hatte. Selbst mit dem Falle , daß der voraussichtliche Waffengang der Alliirten eine ungünstige Entscheidung bescheeren würde , und ein Friede Tirol preisgäbe, er dann im Lande bleiben müsse, macht er sich vertraut. • Bedeutsam ist das , was (zum 29. Juli) der kaiserliche Prinz über seine Besprechung mit Feldzeugmeiſter v. Hiller äußert, der für das Oberkommando der Armee gegen Franzöſiſch-Illyrien und
Courieren ab (an den Kaiser und an Metternich) ; ich hatte die Leute nach Tirol abgesandt, es sind : Eisenstecken , Pater Joachim , Speckbacher, Sieberer, Türk (über leßteren schrieb 26. April 1813 Keil aus Klagenfurt an Binner : „daß der Türk hier eine geheime Polizei wegen der Tiroler macht ; jezt können Sie es mir glauben, daß er immer falsch war und er es nicht nothwendig hatte zu thun, indem er von dem Kaiser so gut belohnt worden ist“) . . . Am meisten wünschte ich den Kaiser und Metternich sprechen zu können, da ich aber dies nicht darf, so gedenke ich, Roschmann in einigen Tagen dahin abzusenden (Randbem. aus späterer Zeit : „ Das war das Dümmſte, was ich that, da er doch für sich arbeitete und von mir keine Rede mehr war ") . Duka also und Wrbna dagegen (Duka Feldzeugm. und Vertrauensmann des Kaiſers in milit. Sachen, Wrbna Gen.-Adjutant des Kaiſers), - daß ein Erzherzog angestellt werde, Metternich dafür (das hatte ihm offenbar Roschmann mala fide hinterbracht und Erzh. Johann mochte gern daran glauben). Roschmann benahm sich dabei als ein redlicher Mann. Sie fürchten sich, ich könnte gefangen werden ; erstlich glaube ich nicht an die Möglichkeit, besonders in den Gebirgen, und dann werde ich gewiß nicht ohne Klugheit operiren, und im schlimmsten Falle, was macht mein Verluſt dem Staate ? Es bindet ihn zu nichts, da bin ich in der Kategorie wie jeder andere General" 228) S. Anhang Nr. VIII. 229) Erzh. Tageb. z . 1. Aug. . . . „ Schrieb ich an Metternich . . . sprach mit Bellegarde ( Hofkriegsrathspräſidenten ) , ſegte ihn in Kenntnis von Allem, bat ihn, die Sache, wenn sie an ihn käme zu betreiben ; er versprach es und schien mir auch das Ganze zu faſſen. “
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V. Tirol bis zum Vertrage von Ried .
Italien ausersehen , der bezüglichen Weisungen gewärtig , Erkundigungen beim Erzherzoge einzog , die dieſer ſelbſtverſtändlich nicht erledigen konnte. Die Reden Hillers machten auf ihn den Eindruck, der Genannte fürchte , der Erzherzog wolle unabhängig operiren und mehr denn ein künftiger Statthalter Tirols sein. Er erwarte sich somit von Hiller keine Hilfe. Auch mit dessen Ansicht , was zu thun sei, wenn der Erzherzog ins Land Tirol komme, war dieser wenig einverstanden. 230)
Oberst Loy wurde von dem kaiserlichen Prinzen für Vorarlberg in Aussicht genommen. Für die Campagne gegen Tirol von Kärnten aus sei vom
Kaiser der FML. F. Ph. v. Fenner bestimmt , ein Tiroler , von Salurn gebürtig, 1809 Generalmajor , bei seinen Landsleuten beliebt, der vorher alles aufgeboten hatte, um der ihm unwillkommenen Verwendung bei der böhmischen Hauptarmee zu entgehen. 281) Die Instruktion , welche Roschmann für das kaiserliche Hoflager erhielt , zeigt am besten , wie ernstlich sich der Erzherzog mit ſeiner vermeintlichen Aufgabe beſchäftigte.
• „Hiller legt meine Kommiſſion ſo 230) Ebenda z. 29. Juli 1813 aus, als wenn ich, sobald Tirol gewonnen, hinter dreinfahren und da bleiben solle ; bis dahin solle ich es abwarten . Die Stände müßten gleich wieder errichtet werden (ein wahrer Mißgriff, der alles lähmen würde, da in Tirol alles der Bauer ist) . - Hiller ginge dann vorläufig nach Bruck a. d. M. ab. “ 281) 1813, 30. April. Binner an Erzh. Johann. . . . Gen. Fenner iſt vorgestern angelangt. Thränen des unverdienten Schmerzes quollen von seinen Wangen, da er erzählte, daß er nach Prag gehen und ein Land verlaſſen müſſe, wo er die Liebe, Achtung und das Vertrauen des Publikums so entschieden hat. Ueber alles kränkt ihn am meisten das Gerede, als müſſe er von Klagenfurt deshalb fort, weil er sich in der Tiroler Geschichte verfänglich gemacht habe, was doch von diesem wahrhaft vortrefflichen Patrioten grundfalsch ist . . . 4. Mai (derſ. an dens.) . . . . Fenner hat morgen eine Audienz bei Sr. Majestät, dann reist er am Morgen langsam ab, weil er sich mit der Hoffnung schmeichelt, die frohe Botschaft seiner Rückkehr werde ihn auf dem Wege treffen ... . . . 5. Mai (derſ. an denſ.) . Eben jezt sprach ich den braven Fenner. Er kam eben von der Audienz. Se. Majestät nahmen ihn huldvoll auf, äußerten sich aber, daß er ihn, gewisser Personen wegen, die bei ihm einsprachen, auf gewisse Anzeige andershin habe bestimmen müssen. " (Doch blieb Fenner dem FZM. Hiller zugetheilt.)
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V. Tirol bis zum Vertrage von Ried.
Noch ahnte er nicht, wie nußlos für seinen persönlichen Zweck diese ganze Arbeit war , wie derselbe Mann , dem er sie ans Herz legte und der mit ihr am 5. August von Wien abging ,
gar so
fern davon war, für sie einzustehen. Kein anderes Geschick blühte ja auch dem ausführlichen Schreiben des kaiserlichen Prinzen an Miniſter Metternich (v. 4. Aug.), worin er auf die rasche Unterſtüßung der Erhebung Tirols, für welche er den 16. Aug. festgesezt habe, dringt, ſeinen beſten Willen dabei bezeugt, darauf hinweist , daß Tirol nicht zum vierten Male aufgeopfert werden dürfe und wie es dreimal (1801 , 1805, 1809) auf sein Geheiß zu den Waffen griff. 232) Am gleichen Tage, an welchem Roschmann an das kaiserliche Hoflager,
Speckbacher
und
Sieberer
nach Tirol abgingen
(5. Aug.) reiste der Erzherzog nach Thernberg zurück. 233) Gott weis es, was ich fühle und doppelt fühle in der jeßigen Krisis" , schreibt er da in sein Tagebuch.
„ Mein Herr und Kaiser
hat mich für Tirol berufen, ich thue es gerne, ich möchte so sehr diesem Lande für alles Ueble , was es litt, Gutes thun.
Möge nicht der
Neid der Menschen, nicht Mißgunſt, nicht Leichtſinn mich wieder von dieſem entfernen ; es thäte mir sehr wehe ; ich würde es zu tragen wiſſen als Mann, ich habe schon viel ertragen ; indes hoffe ich doch, daß wenn es gelten soll , man mir die Gebirge lassen wird.
Ich
habe dafür gelebt , ich habe mich dazu gebildet , Körper und Geiſt und vom dafür vorbereitet. Ich sehe mich an meinen Tisch Kaiser, von Metternich kein Wort als Antwort.
Hat ihnen meine
freie Sprache, haben ihnen meine Forderungen mißfallen, glaubten In sie denn , ich allein ohne nichts könne dies leisten ?"
232) S. Anhang Nr. IX. 233) Den 30. Juli (Tageb. ) hatte der Erzherzog den Obersten Loy für Vorarlberg bestimmt , Eisenstecken durch Pusterthal bis Meran , Pater Joachim (Haspinger) durch den Pinzgau nach Sterzing mit den nöthigen Befehlen entboten. Auch ließ er einige Vertrauensmänner in Tirol, so den Schabser Peter, den G. zu Mais, den Wirth zu Hochberg und womöglich den entsprungenen Gasser benachrichtigen . Speckbacher und Sieberer fanden sich zum Abschiede 4. Auguſt beim Erzherzoge ein. Speckbacher wurde von Roschmann mit 250 Dukaten ausgerüstet nach Nordtirol entboten (Streiter a. a. . 361 ). Was seine Instruktion für Roſchmann betrifft, ſo beſagt eine spätere Randbemerkung : „Meine Federn ſteckte die Krähe im Hoflager auf“ . .
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V. Tirol bis zum Vertrage von Ried.
solchen Erwägungen und Beſorgniſſen verbrachte er die nächſte Zeit. Aber er bleibt unter allen Umständen entschlossen , wenn er nach Tirol käme, das Land nicht zu verlassen und sollte es ihn das Leben kosten, dies könnte er mit Ehren nimmer thun. 234) Mit diesen Empfindungen schmerzlicher Ungeduld verknüpft sich jedoch das Gefühl des Unbehagens, von liebgewordenen Verhältniſſen, von seinem Thernberg, von seinen Büchern und Schriften für lange Zeit und aufs Ungewisse hin scheiden zu sollen. 235) Am 8. August begibt sich der Erzherzog nach Wien .
Tags
darauf bespricht er mit dem Hofkriegsrathspräsidenten, Grafen Bellegarde die nothwendigen militärischen Voranſtalten. 236)
Den Frhr.
Liechtenthurn möchte er schon als österr. Botschafter auf dem Wege in die Schweiz ſehen, um für die allgemeine Sache zu wirken. An dem Ausbruche des Krieges zweifelt er nicht länger. 237) Wenn nur schon Roschmann
das seinige am kaiserlichen Hoflager zu
Brandeis gethan habe ! 238)
Mit Sehnsucht erwartet er sein Er-
scheinen. „Es ist die höchste Zeit , daß er kommt" , schreibt der Erzherzog in sein Tagebuch den 19. Auguſt, an demselben Tage, deſſen Morgen ihm die Nummer des „ Desterreichischen Beobachters " mit dem Kriegsmanifeſte des Kaisers aus der Feder Friedrichs von Geng, 239) vor die Augen brachte, - „hier habe ich Leute bei=
234) Erzh. Joh. Tageb. z . 5. Auguſt 1813 . 235) Ebenda z. 6. Aug. 1813 . 236) Ebenda z. 9. Aug. 1813 . 237) Lichtenthurn ist leider noch hier und noch nicht nach der Schweiz abgegangen ; seine Abreise wäre doch nothwendig. Nach allem, was ich hier höre, zweifle ich nicht mehr an den Krieg. “ 238) Erzh. Joh. Tageb. z . 11. Aug. 1813 , Randbem. aus späterer Zeit : „ Das Seinige bewirkte er freilich ! " z . 13. Aug. „ Es ist kein Zweifel mehr am Kriege, bis 17. ist er los . Glück in Böhmen, Glück bei Hillern, damit ich nicht lange müssig zu sein brauche. “ 16. Aug. „ Wrede ſoll durch einen Tiroler todtgeschossen worden sein, wozu alſo alle die Güter, Herrlichkeiten und alles Beugen vor Napoleon, was hat es genügt ? (Randbem . aus späterer Zeit : „Falsche Nachricht, er sattelte bald um !“) 239) „es ist sehr gut, gemäßigt, wahr und so, wie jeder Fürst stets ſchreiben sollte. Mich freute es sehr ; ich glaube Genz' Feder darin zu er-
V. Tirol bis zum Vertrage von Ried.
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sammen, Alles stockt bereits, Roschmann schon 14 Tage abwesend ; nur eine hohe Ursache kann ihn dazu bewegen ; wer weiß , was Duka, Baldacci für Hindernisse in den Weg legen und Sprünge machen. Ich möchte wahrlich diese Zeit der Ungewißheit überstanden haben und an meinem Geschäfte sein. “ Allein dazu sollte es nicht kommen , der ahnungslose Erzherzog nur den von
widerstreitenden Empfindungen beherrschten
Zuschauer abgeben, dem ebensowenig die Kriegsführung der Alliirten gegen Napoleon im Norden als im Süden das Vorgehen Hillers Französisch-Illyrien gegenüber , namentlich in Kärnten , anderseits die „ voreiligen “ Proklamationen des Genannten behagten. 240) Voll Ungeduld sah er dem Zurückkommen Roſchmanns (24. Aug.) entgegen , der wieder ohne Geld kam , und doch meinte der Erzherzog mindestens auf zwei Monate gedeckt sein zu müſſen. Den Grafen Salis wollte er mit sich nehmen , da ihm dieser in Hinsicht der Schweiz gute Dienste leisten könne. ??‚Nach Tirol,“ ſchreibt der Erzherzog zum 27. Auguſt, „ ſendet Hiller Aufrufe, ganz gegen den Befehl des Kaiſers und macht mir eine Menge Konfusionen ; ich berichte es ; entweder muß ich die Sache führen oder Er, sonst geht es nicht “ ... . . . Die maßgebende Proklamation Hillers war am 17. August 1813 von Knittelfeld aus erlaſſen worden, ohne den erwarteten Eindruck zu machen.
kennen. Sei es von wem immer, so ist es sehr gut abgefaßt und noch das Beste, was ich sah, faßlich für Jedermann und aufrichtig“. Frhr. v. Duka war ein Vertrauensmann des Kaiſers . Vgl. v . S. 123 Anm. 227, u. w. u. 240) Erzh. Joh. Tageb. z. 23. Aug. 1813 ... . . . „ Hiller dehnt sich zu viel aus ; zu Villach ſich konzentriren, Spital halten ; Reuß (Kommandant eines öſt. Observationskorps an der damaligen bair. Grenze) nach Salzburg, so können sie sich wechselseitig unterſtüßen ; aber Hiller möchte gern Tirol befreien, ohne die Mittel zu haben, die Kenntnis , und ohne dazu befähigt zu sein, er pouſſirt dann Fenner , ja macht Proclamen , alles gegen den Willen des Kaisers . . . und ſo läuft er Gefahr, da er sich ohnehin als zu schwach ergibt, noch schwächer zu werden und einen Affront zu erhalten. “ Noch vor Ende August 1813 hatten sich drei österreichiſche Feldjäger, da das nordöstliche Tirol vom bairischen Militär entblöst war, bis Lueg am Fuße des Brenners vorgewagt und den 28. Aug. einen französischen Courier abgefangen. Streiter a. a. . 362 .
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V. Tirol bis zum Vertrage von Ried . Vergessen wir nicht , daß der Kaiser in jenem Schreiben an
Erzherzog Johann jeder
voreiligen
Erhebung Tirols
abgeneigt
ſchien , daß man jeder Herausforderung Baierns möglichst ausweichen und zunächst die Waffen gegen das französische Königreich Italien
zur Rückeroberung seines Besizes
auf deutsch-
österreichischem Boden gewendet wissen wollte. Am 28. Auguſt
1813 begab sich Erzh. Johann zu Belle-
garde in Begleitung Roschmanns , um mit dem Präsidenten • des Hofkriegsraths die nothwendigen Maßregeln zu besprechen. Roschmann solle zunächst nach Klagenfurt abgehen , Hiller „ im Zaum halten“ , damit dieser nichts übereile ; die außerhalb ihres Vaterlandes in Wien und andern Orten der Monarchie lebenden Tiroler seien nach Klagenfurt zu weisen, um dort die weiteren Verfügungen abzuwarten ; er selbst wolle den Kaiser brieflich zu einer Aeußerung drängen. 241) vom
Der Prinz hatte nämlich außer dem
5. Auguſt aus Brandeis datirten Handschreiben des Kaiſers
an ihn und Bellegarde, das blos von dem Einvernehmen zwischen dem Erzherzoge und Roschmann als maßgebender Grundlage der Aktion handelte , nichts weiter in Händen .
Er schrieb daher den
29. August 1813 an den Monarchen und dessen Miniſter , worin er neuerdings seinen Gedanken , wovon das Gelingen der Unternehmung im Alpengebiete abhinge, Ausdruck gab. 242) Tags darauf fand sich bei ihm eine Persönlichkeit ein, die ein seltsames Geschick für eine Zeitlang mit der Tiroler Frage verflechten sollte , Adam Müller , das Berliner Kind , der Freund und Schüßling Friedrichs von Gent, der philosophische, theosophische Politiker und Publicist , der geistreiche Querkopf , den gerade in einem kritischen Augenblicke , als Müllers Versuch mit einem Erziehungsinstitut in Wien eine finanzielle Niederlage erlebte, Roschmann , der selbstbewußte Hofkommiſſär für Tirol, als Leibſtiliſten und Ideen- Einbläser anwarb. So kam denn Müller bald in den „ chikanösen“
Gebirgswinkel. 248)
Auf Erzherzog Johann machte
241) Erzh. Joh. Tageb. z . 28. Aug. 1813 . 24 ) C. [nhang X. a . XI. 243) Erzh. Joh. Tageb. z . 30. Aug. 1813. Vgl . über Adam Müller den ausführlichen Artikel v. Mischler in der Allg . d . Biogr. XXII. Bd . ( 1885 )
V. Tirol bis zum Vertrage von Ried.
129
der redegewandte Mann der Gelehrsamkeit keinen schlechten Eindruck. „ Adam Müller war bei mir " (heißt es zum 30. August), es ist ein Vergnügen, mit ihm zu sprechen ; ich will ihn brauchen ; was sonst seine Ansichten , bekümmert mich wenig."
Allerdings
kam es nicht dazu , daß ihn der Erzherzog brauchte , ebenso wenig als einen der ihm vorgestellten Beamten , welche Roschmann beigegeben wurden, sie dienten den Zwecken eines Andern. Der Erzherzog blieb auf Wartefrist gefeßt , zur unerquicklichſten Rolle verurtheilt , und nicht tröstlicher erschienen ihm die Ereignisse des großen Krieges. Ueberdies lastete das Geschick Schneiders und Hormayrs schwer auf seinem Herzen. 244) Ende August nahm Roschmann Abschied von dem kaiſerlichen Prinzen.
„ Er geht nach Tirol mit seinen Unterbeamten",
heißt es zum 31. d. M.,
„ ſeine Ehrlichkeit bringt mich noch in
dieses Land. "
Noch lag ja die Binde auf den Augen des arg=
losen Prinzen.
#1 Er hat von Seite der Staatskanzlei den Befehl
hineinzugehen," heißt es weiter, „ zu sehen, daß, wenn Tirol aufsteht, eine Deputation komme , welche Hilfe und Schuß begehre , alles vorzubereiten und Hillern zu sondiren , was er von Truppen abgeben könne."
Allerdings klingt auch wieder die Besorgnis , die
501-511 . Vgl . Treitschke Deutsche Gesch. II . 96. Der betreffende Brief Müllers an seinen Freund und Protektor F. v. Genz datirt von 1814, 7. Febr. Trient. Adam Müller an Genz. (Ueber das Geschick seines Erziehungsinstitutes ) . „In dem Augenblick, wo ich über den Groschen grübelte, der mich über den morgenden Tag weghelfen sollte, trat Roschmann , den ich nie gesehen, in mein Zimmer. Wenige Tage darauf war ich in Tirol, und meine heldenmüthige Frau löste allein das ganze Gewebe, worin ich mich verstrickt hatte. Roschmann erkennt die Opfer, die ich ihm gebracht. Außer uns beiden war niemand in diesem chikanösen Winkel : der Kaiser , Metternich und Baldacci sind zufrieden, ob ich dabei genannt wurde, gilt mir gleich .... Eben jezt ist der Bericht über mich an den Kaiser abgegangen ; ich bleibe wahrscheinlich in dieser Provinz ." Briefwechsel zwischen Friedrich v. Genz und Adam Heinrich Müller. Stuttgart 1857, S. 173-175, Nr. 118. 244) Erzh. Tageb. 3. 31. Aug. 1813 : ... Schneiders Befreiung hoffe ich gewiß. Mit Hormayr wird es am schwersten gehen, und das ist doch der beste Kopf unter Allen ; mit der Zeit bringe ich ihn heraus“ 9 Krones , Tirol 1812-1816 .
130
V. Tirol bis zum Vertrage von Ried.
Ahnung hervor, „ man wünsche lieber, ihn nicht zu brauchen , man fürchte seinen Einfluß im Lande , das ſei eine erbärmliche Furcht. Wäre nicht der Kaiser, nie hätte er diesen Auftrag erhalten."
Er
ist also der Meinung , daß andere Persönlichkeiten sich dagegen ſtemmten. 245) Der Erzherzog hatte mit Roschmann vereinbart , daß , wenn die kaiserlichen Truppen in Lienz stünden, er dahin abgehen und das Nöthige in Hinsicht der Deputation an den Kaiser veranlaſſen, übrigens ihm täglich berichten und
seine Zuſchriften genau be-
zeichnen solle , um zu sehen , ob keine unterschlagen oder zurückgehalten würde. Zur Zeit , als
( 1. Sept.) die Nachrichten von dem Kriegs-
schauplaze um Dresden dem Erzherzoge zukamen , beſorgte dieſer einen Einfall der Baiern , zu deſſen Abwehr denn auch ein Beobachtungskorps unter dem Fürsten von Reuß aufgestellt worden war. Mit begreiflicher Spannung erwartete eine Botschaft Roschmanns.
er jedoch vor Allem
Dieser war am 3. September (Morgens) zu Klagenfurt, im Hauptquartier Hillers eingetroffen und erstattete am 6. d . M. einen Bericht an den Erzherzog 246) und zwar bezeichnend genug
245) Randbem. aus späterer Zeit : „ Arglos war ich, was hat er für ſein Vaterland gethan ? Drüber spricht Tirol mit“ . . Als Unterbeamte Roschmanns verzeichnet das Tagebuch z . 30. Aug. 1813 : Toresani , Hauer (Leopold, aus der angesehenen, rasch emporgekommenen Beamtenfamilie dieſes Namens), Magi, Pfleger (Sohn des einflußreichen Staatsrathes), Rhoner, junge brauchbare Leute". 246) Roschmann an Erzh. Johann 6. September 1813, Klagenfurt. Vgl. die gedruckten Berichte o. " Relationen über die Kämpfe vom September u. Oktober 1813 : a) 6. Sept. bei Feistriß, 8. Sept. bei Treſain (4º, 15 .), b) im September bei : Lippa, Jelschane, St. Marein, Weichselburg, St. Hermagor, Hollenburg, Laſchiß und Zirkniß (22 S.), c) im Oktober bei : Tarvis, an der Mühlbacher Klauſe, bei Baſſano, San Marco, Calliano, Cismone (22 S.) sämmtliche 1814, in Wien herausgegeben . Vgl. Wurzbach, ö. biogr. Lex. IX. Bd . 20 ff. (Art. „ Hiller "). Frhr. v. Welden (damals Oberst im Generalſtabe), Der Krieg der Desterreicher in Italien gegen die Franzosen 1813 bis 1814, 2. A. Graz 1855. Sporschil, Feldzug der Desterreicher in Illyrien und Italien 1813–1814. Braunschweig 1843. Das chronologische der Kämpfe in „Desterreichs Kriege s. 1495 “, H. v . k. k. Kriegsarchive ; mit Schlußwort v.
V. Tirol bis zum Vertrage von Ried.
131
als Abschrift seiner Eingabe an den Staatsminister Metternich. Dem beigeschlossenen Ausweise über die Stellungen der k. k. Armee für Innerösterreich gemäß befand sich auf dem rechten Flügel FML. von Fenner mit seinem Korps in der Gegend von Lienz, General Ecard stand bei Spital a. d. Drau , Marschall bei Villach, Fermont bei Rossen , während das Gros der Armee (4 Bataillons und 16 Escadronen) um Klagenfurt angesammelt war , und das Centrum bei Feistrig operirte. Am Kankerpaſſe zwischen Kärnten und Krain hielten vier Kompagnieen, und einzelne Posten streiften über das Gebirge bis Podpetsch im Krainischen. Drei Bataillons Fußvolk und eine Kavallerie- Division unter dem Generale Fabris stand in Fühlung mit den unter Radivojević. gegen Neustadtl , Weichselburg und Adelsberg detachirten und bis Fiume vorgeschobenen Truppenabtheilungen. Am 10. Sept. brachte ein Courier dem Erzherzoge den Brief Roschmanns vom 8. d . M. , zunächst mit der Nachricht von der Schlappe der Oesterreicher bei Feistriß (vom 6. Sept.) . Die allzu ausgedehnte Aufstellung der Truppen ermöglichte den Truppen des Vizekönigs von Italien dieſen anfänglichen Vortheil an der Schwelle des Loiblpaſſes ; hier , um Spital , bei Paternion und im Gailthale bei Hermagor seßte es Gefechte ab, welche dem Kommandirenden Hiller Zurückhaltung und Konzentrirung geboten. Roschmann , zu deſſen beſſeren Eigenschaften Muth und Entschlossenheit zählten ,
anderseits wenig Verträglichkeit und ein -
starker Hang zum Denunziren und Intriguiren innewohnte , Eigenschaften , die je weiter desto mehr sein Verhältnis zu Hiller verschlimmern mußten , drängte gleich nach seiner Ankunft den Oberkommandirenden zur Abgabe eines Truppentheiles für die Unternehmung gegen Französisch- Tirol, für welche zunächst FML. ― seine Stellung wie wir wissen
Fenner bestimmt war , der
zwischen Sachsenburg und Lienz eingenommen hatte. Hiller versprach am 5. September zwei Bataillons, drei Escadronen und eine Batterie, und
an sie sollten sich die um Roſchmann ver-
Rothauscher (Wien 1876), S. 114-117, 122. Vgl. auch Streiter a. a. O., Egger III. 852f. Aelschker Gesch. Kärntens II . Bd . S. 1138 f. 9*
132
V. Tirol bis zum Vertrage von Ried.
sammelten Tiroler schließen. Roschmann hatte (5. Sept. 1813 ) von Klagenfurt aus durch Eisenstecken für die Verbreitung einer schwungvollen Flugschrift Sorge tragen lassen und den 13. Sept. als Tag der Waffenerhebung für Deutschtirol bestimmt. 247) Das Ergebnis der Gefechte vom 6. September kam nun jedoch diesen Entwürfen in die Quere.
Unter diesem Eindruck schrieb
daher der Hofkommiſſär (8. Sept.) Zeilen :
an den Erzherzog nachstehende
„ Obwohl nun nach diesen Ereignissen der Herr Feldzeugmeister Hiller sein zwei Tage früher gegebenes Versprechen zurücknahm, so stand es dennoch nicht mehr in meiner Gewalt , das im Einverständnis mit dem Herrn Kommandirenden den Tirolern am 5. Sept. gegebene Signal zu widerrufen. Ich muß das im Namen. Sr. Majestät den Tirolern gegebene Wort lösen, bin auch noch der frohen Hoffnung, daß dies in der von Sr. Majeſtät vorgezeichneten Art wird geschehen können , da der Vizekönig bei dem Stande der Sachen im Norden von Deutſchland unmöglich ernsthafte Absichten auf Inner-Oesterreich haben oder ausführen kann " . 248) Dürfen wir diesen Worten Roschmanns Glauben schenken , so vermögen wir dies weniger seiner an den Erzherzog von Klagenfurt aus (8. Sept.) gerichteten Depesche gegenüber. Er werde, heißt es da, „ das dringende Bedürfnis “ , den Erzherzog hier zu haben , desgleichen das Eintreffen der dem Lezteren zugedachten Armee- Abtheilung in ihre Aufstellungspunkte dem Kaiſer mit aller Ausführlichkeit zur Kenntnis bringen. Das Erscheinen des Erzherzogs lag am allerwenigsten in den 247) Streiter a. a. D. 361. Diese Flugschrift stammte aus der Feder eines aus Wien ausgewanderten Tirolers. Als Beweggrund erscheint angeführt : „Das reine stolze Widerstreben gegen die unheilige und knechtische Behandlung eines edlen Volkes ; Alles, was durch die Religion der Väter und die Gebräuche der Altvordern dem Volke ehrwürdig und heilig war, ist vernichtet, entweiht das Heiligthum unserer Tempel, ausgeraubt unsere Klöster und mit harter Strenge die Diener des Alters hilflos in das Elend verwiesen“ . 248) Vgl. Erzh. Joh. Tageb. z. 10. Sept. 1813 : „Hiller bei Feistrit zurückgedrängt und hat den Loibl verloren, nichtsdestoweniger steht er noch längs der Drau zerstreuet. Abends Courier von Roschmann. “ Der Brief Roschmanns in dem Nachlasse des Erzh. Fasz . XXVI.
133
V. Tirol bis zum Vertrage von Ried .
persönlichen Wünschen des Hofkommiſſärs , und Niemand wußte besser als er , daß dies auch an maßgebender Stelle nie genehmigt würde. Er konnte also ganz unbesorgt diesen Wunsch heucheln und hiemit die in der Seele des Erzherzogs aufdämmernden Verdachtsgründe gegen seine Gesinnung und Rolle nicht ohne Erfolg beschwören. 249) Um diese Zeit
(13. Sept.) schrieb Erzh. Johann aus Wien
an den Kaiser : Hiller müsse sich konzentriren, für Tirol könne im Augenblick von seiner Seite nichts gethan werden. — Dagegen sei Fürst Reuß sehr wohl in der Lage, von seinen 34 000 Mann, die als Beobachtungsheer Baiern gegenüber an der Traun stünden, immerhin etwas für einen solchen Zweck abzugeben. 250) Zwei Tage später ( 15. Sept.) hinterbrachte Bellegarde dem Erzherzog einige „ kleine Vortheile “ der Kaiserlichen in Istrien und Krain. General Fenner hatte dem Lehteren berichtet, 6000 Mann feindlicher Truppen wären nach Bozen geschafft worden , um von da aus Brixen zu beseßen.
Die Tiroler drohten jedoch , über sie
herzufallen. Am 10. September habe sich der Landsturm im Pusterthale erhoben, also drei Tage vor der anberaumten Frist des Losschlagens. 251) War die Proclamation Hillers vom 17. August 1813 an die Tiroler auch etwas verfrüht gewesen , so gelang doch in Folge der Ereignisse auf dem Boden Oberkärntens vom 6. - 12. Sept. der Vorstoß des Korps
unter Fenner , 252)
dem alsbald
am
12.
249) Roschmann an Erzh. Johann, ebenda 8. Sept., 3. 14. Sept. 1813 schreibt der Erzh. in s. Tageb . „Nachrichten über die Gefechte bei Möllendorf, Geyersberg. 12. wollten die Desterreicher angreifen, der Feind zog sich zurück, gut, da ich kein Vertrauen auf unſere Führer.“ 250) Erzh. Johanns Schreiben an den Kaiſer ſ . Anhang Nr. XII. Erzh. Joh. Tageb. z. 15. Sept. 1813 . 251) Ebenda. Vgl. über das im Unterinnthal Geplante w. u . 252) Fenner hatte den Landschüßenmajor ( Obristwachtmeister" nennt ihn Fenners w. u. angeführter Aufruf) Eisenstecken mit einer halben Kompagnie Jäger, einem Zuge Frimonthusaren und einer Kompagnie Freiwilliger durchs Busterthal gegen Brixen vorausgeschickt und eine „ offene Ordre", d . v . 9. Sept. 1813, Lienz, erlaſſen. " Es sei der allerhöchste Wille S. k. k. Majeſtät, die Grafschaft Tirol auf immer von dem Joche zu befreien, wel-
134
V. Tirol bis zum Vertrage von Ried.
Roschmann von Feldkirchen nach Lienz folgte, um die zwei von ihm in Klagenfurt aus Tiroler Flüchtlingen gebildeten Schüßenkompagnien abzuwarten. 253) Der tapfere Eisenstecken drang bis zur Mühlbacher Klause vor ,
umging die feindliche Jägerkompagnie ,
die von Roveredo
herbeigeschafft worden war, besezte die Klause und wagte sich noch am selben Tage (12. Sept. 1813) bis Brixen vor. 254)
Leider
wurde er in voreiliger Weise in seiner geringen Waffenmacht durch Entzichung eines Truppentheiles geschwächt, was zum Glücke später durch das Landesaufgebot im Puſterthale wettgemacht wurde.
In
Osttirol regte sich der Volksgeiſt. So konnte Roschmann (16. Sept. Lienz) berichten, ein Aufstand der bairischen Tiroler sei in Sterzing ausgebrochen. Man habe die königlichen Wappen abgerissen ; die Vorposten der Oesterreicher stünden bereits in Brixen. Die "Haupt-Coups " im untern Innthale seien jedoch
durch eine weise
Vorsicht der dortigen Freunde bis zur Ankunft einer gehörigen kaiserlichen Macht in Brixen aufgeschoben " . eine solche Unterstügung.
Stündlich erwarte er
„ Bis dahin", schließt er ,
ist freilich
das Mißtrauen des Volkes zu rechtfertigen, welches mich bis heute außer Stand gesezt hat , eine gehörig qualificirte Deputation an Seine kaiserliche Majestät aufzutreiben und abgehen zu laſſen.“
ches die bisherigen Beherrscher diesem Lande aufgelegt haben und dasselbe dem österreichischen Staatenbunde wieder einzuverleiben“ ... 253) Roschmann an Erzh. Joh. 13. Sept., Lienz. 254) Roschmann an Erzh. Johann, 16. September 1813, Lienz. Hierher gehört ein undat. Brief Eisensteckens an Erzh. Johann über sein Vordringen bis Brixen, wo er sich nunmehr als Vorposten- und Stadtkommandant befinde. Er bittet um eiligste Verstärkung , da er auf Befehl Fenners die Husaren und Jäger seines kleinen Corps habe abgeben müſſen und es sich um das Zutrauen der Landesbrüder in so kritischer Lage handle. Roschmann muthete ihm in ſ. Ordre v. 16. Sept. (Lienz) zu „ auch ohne Unterstübung des Militärs ", mit den Schüßenkompagnieen, für deren Organisation er die Zeit habe benüßen sollen, bis Bozen , ja vielleicht noch weiter vorzurücken. Vgl. Streiter a. a. D. 464 und Simeoner , "Die Stadt Bozen“, (Boßen 1890) S. 822 ff. Derselbe liefert auch S. 640-641 eine Biographie Eisensteckens, des „ Badlwirthes “.
135
V. Tirol bis zum Vertrage von Ried.
Wir begreifen, daß, wie unvertilgbar auch die Abneigung des Tirolers
gegen
die Fremdherrschaft
und
die Anhänglichkeit an
Oesterreich geblieben, in Bairiſch-Tirol ein großes , allgemeines Aufflammen des kriegerischen Volksgeistes unter den damaligen Umſtänden nicht gut denkbar erschien. 255) vergessen , daß das Ereignis vom
Zunächſt darf man nicht
7. März 1813 , das Geschick
Hormayrs und Schneiders , auf die einer solchen Bewegung befreundeten Kreiſe in Tirol abkühlend gewirkt hatte , und daß die bairische Regierung daraus auch Kapital zu schlagen verſtand, das Andenken Hofers und des Jahres 1809 möglichst zu brandmarken bemüht blieb und nach allen Freunden und Sendlingen Oesterreichs zu fahnden sich befliß.
Baiern war entschlossen , sich als
Regierung “ zu zeigen , das Wort Napoleons , Tirol zu regieren", Lügen zu strafen.
„ starke
„ es verſtünde nicht,
Der Verweser Bairisch-Tirols , Generalkommissär Frhr. von Lerchenfeld , ließ es an Rührigkeit nicht fehlen.
Er wußte bald,
daß in der Umgebung von Innsbruck der verwegene Speckbacher sich herumtreibe , daß im Achenthale Aschbacher , um Kufstein Sieberer, im Passeyerthale und um Meran Haspinger ,
im
Vintschgau Frischmann aufgetaucht seien und mit der Verbreitung von Aufrufen nicht säumig wären , daß Haager , ein Vertrauensmann Hillers , im Ober-Innthal sich rühre , daß sich im Engadin, zu Zernez, geächtete und flüchtige Tiroler und Vorarlberger ansammelten. Lerchenfeld sezte 1000 Gulden auf den Kopf Aschbachers , 1000 Dukaten auf den Speckbachers , für den,
„ der
sich dieses verworfenen Rebellenchefs bemächtigen und ihn lebendig einliefern würde". Nicht wenige Vorarlberger wurden als Gefangene nach Passau deportirt 256) Die Proklamation Wredes vom 9. Sept. aus Braunau besagte den festen Entschluß , der „ Rebellion“ das Handwerk zu legen ; allerdings liefen die durch den österreichischen
255) Vgl. Streiter a. a. D. , Jäger 64 f., Egger III. 840 f. 256) S. das Verzeichnis in dem Schreiben Erzh. Johanns an den Kaiser v. 13. Sept. 1813. Anhang XII. Zu dieſen gehörte auch der muthige Schulmeister Nachbauer von Brederis im Bregenzer Kreiſe.
V. Tirol bis zum Vertrage von Ried.
136
Geschäftsträger Hruby
besorgten Unterhandlungen
mit Baiern
längst schon ihren Weg. 257) Aber nicht nur solche Maßregeln lähmten alles Wirken der Vertrauensmänner
des
ursprünglichen Erhebungsplanes ,
ſondern
ebenso sehr die leidige Erkenntnis , daß die Bevölkerung Deutschtirols im Unter-Innthal so gut wie im Vintschgau , keine Lust bezeuge, sich auf gut Glück zu erheben, wie dies vor Allem in der Ende August vom Brixner Fürstbischofe (Lodron)
verordnete
Abmahnung des Volkes von der Theilnahme an dem Kriege und besonders charakteristisch in der Erklärung der Gemeinde Hötting oder in dem Gedenkbilde auf das Mellecker Treffen in der Kirche zu Alpach bei Brixlegg an den Tag tritt. 258) So erklären wir uns denn auch , daß diese Emissäre : Aschbacher, Frischmann, Haspinger, Sieberer und Speckbacher , dessen Aufruf besagte , man solle sich mit der Erhebung beeilen , bevor Desterreich oder Baiern über Tirol als erobertes Land verfügen (!) den bairischen Gebietstheil wieder räumten und es vorzogen ,
an
den dankbarern Kämpfen
um
die Rückeroberung
Französisch-Tirols mitzuwirken. 259) „Roschmann
bittet um Unterſtüßung “ , schrieb Erzherzog
Johann in sein Tagebuch zum 19. Sept. 1813, „ um das Vertrauen zu erregen , denn die verschiedenen Gerüchte in Deutschland machen Manchen schwanken, und ſo iſt es ihm nicht gelungen, eine Depu257) Vgl. Heilmann , Feldmarschall Fürst Wrede. Leipzig 1881, S. 253 ff. 258) Streiter a. a. D. 363. Jäger S. 66. 259) Speckbacher (den auch Erzh. Johann in s. Briefen an J. von Hammer (Ilwof, Mitth. des hist. V. f. Steierm. 1879) Nr. 14 (24. Juli 1819) einmal als „Konfusionsrath" bezeichnet,) war nicht sehr glücklich in seinem Auftreten im untern Innthale und bald von den Baiern wie ein Wild gehezt, ſo daß er einmal ſogar im Paramentenkaſten der Kirche von Rinn sein Nachtlager suchen mußte. Er hatte durch seinen Aufruf mit den Pusterthalern einen allgemeinen Aufruf zum Landsturmangriff auf Hall und Innsbruck für den 12. Septemb. 1813 vereinbart, was er meist durch seinen Eigensinn, ſelbſt kurzweg die Landeshauptstadt einzunehmen, vereitelte. Er mußte dann bald auf seine Flucht über den Tauern ins Pusterthal bedacht sein. - Sehr übereilt ging auch Haspinger gegen Meran vor. Vgl. Streiter a. a. D. 361–64.
V. Tirol bis zum Vertrage von Ried. tation zusammenzubringen .
So wie
137
ich die Sache ansehe , hätte
entweder dieser Einfall unterbleiben oder mit Macht geschehen sollen. So macht man sich nur lächerlich und setzt sich einem Affront aus. Ich berichte an Seine Majeſtät und werde Vorstellungen machen, zugleich werde ich an Graf Metternich schreiben und sehen , die Sachen zum endlichen Abschluß zu bringen." Noch bevor die Depesche Roschmanns vom 23. Sept. 1813 (Lienz) an den Erzherzog gelangte, worin die glückliche Ankunft Spec bachers und die entscheidende Schlappe der Italiener bei der Mühlbacher Klause gemeldet, anderseits die Besorgnis von einem Umſichgreifen des „ Terrorismus “ bei der zweifelhaften und verworrenen Sachlage in Osttirol ausgesprochen wurde, 260) schrieb der Erzherzog an Metternich (24. Sept.) über die gleiche Sache : jezt , da sich der erschreckte Feind nach Trient zurückziehe heiße es handeln, habe man den ersten Schritt gethan, so müſſe man weiter. Reuß könne ganz gut Truppen zu einer Diversion über die Tauern nach Tirol einbrechen lassen. So würden sich auch Unternehmungen gegen München , Lindau ,
Augsburg ,
anderseits
gegen Verona,
Baſſano, empfehlen. Baiern (deſſen falsche Kabinetspolitik er fürchte) würde dann biegsamer werden. 261) Ein gleichartiger Bericht des kaiserlichen Prinzen ging auch an den Monarchen ab. 262)
260) Roschmann an Erzh. Johann 23. Sept. 1813, Lienz s. Anhang Nr. XIII. Hier wird Speckbacher belobt, „ der sich gleich geblieben“, dagegen wird der „ übrigens wegen vieler guten Eigenschaften sehr brauchbare Schüßenmajor“ Eisenstecken getadelt, „ der sich zu übernehmen anfange, und eigenmächtige Arretirungen und Schreckensmaßregeln vornahm, welche die unglücklichen Repressalien in Bozen veranlaßten. “ -- Diese etwas übertriebenen, die wachsende Abneigung Roschmanns gegen Eisenstecken kennzeichnenden Beſchuldigungen mögen sich vornehmlich auf die von Eisenstecken veranlaßte Verhaftung des kön. bair. Poſtdirektors von Himmelswunder beschränken, deſſen Freilassung durch Roschmann verfügt wurde, weil er „ blos in seiner Pflicht handelte“. Streiter a. a. D. 363. 261) Konzept des Schreibens an Metternich in Erzh. Johanns Nachlaß Fasz. XXVI. Anhang XIV. 262) Anhang Nr. XV. Interessant ist das, was Erzh. Johann in ſ. Tageb. v. 22. Sept. 1813 als „ meine Gedanken über die Theilung der Länder
V. Tirol bis zum Vertrage von Ried .
138
Metternich unterhandelte aber bereits seit 7. Sept. 1813 mit wachsendem Erfolge über Baierns Abfall von Napoleon ; dem Waffenstillstande mit Desterreich , welchem eigentlich kein Krieg vorausgegangen war , folgte Baierns Neutralitätserklärung an Napoleon vom 21. Sept., und Wrede drang im Gegensaße zu Montgelas auf raschen Anschluß an die verbündeten Großmächte. 263) war
Der
Preis
für
die
Bundesgenossenschaft Baierns seines Beſizes . So
vorläufig die Gewährleistung
liefen zwei Strömungen, die geräuschvolle, militärische, des Krieges um Tirol, und die stille, am Diplomatentische, neben einander. Das Tagebuch des Erzherzogs zum 27. September kommt darauf zu sprechen.
Damals war Osttirol bis zum Brenner lebendig. 264)
bei dem (kommenden) Frieden“ verzeichnet, u. z . mit Rückſicht auf Tirol und Vorarlberg : " Tirol bleibt, dazu Vorarlberg, das Brigner Zillerthal, Lofer und Pinzgau bis über Taxenbach, regiert nach seiner freien Verfassung. Schweiz und Tirol innig vereinigt , die Pässe bewachend, wenn es nicht zu Oesterreich kommt. " (Randbem. aus späterer Zeit.) „ Damals wußte man nicht, was ein Friede bringen würde ; Tirol und Salzburg unerläßlich für Desterreich, wollte es dasselbe nicht, so konnte es nur mit der Schweiz vereinigt werden. “ 263) Heilmann a. a. D. S. 260 ff . Vgl. Heigel Ludwig I. v. Baiern 35-36. Der Vertrag von Ried, 8. Okt. abgeſchloſſen, 12., 15. Okt. ratifizirt ; endgiltig 18. Nov. zu Frankfurt b. Neumann Recueil de traîtés 2c. II. 381-383. 264) Was die Wirkungen der öſterreichischen Aufgebote betrifft, so hatte vor allem Konrad von Juvalta zwei Schüßenkompagnieen in Sterzing aufgebracht, aber sich auch an Fenner um etwas Mannschaft gewendet. Der genannte Feldmarschall hatte den Josef Rangger mit Vollmachten nach Axams, Stubay und Selrain behufs Werbung von Schüßenkompagnieen entboten, aber die Gemeindevorstände bestanden zuvor auf dem Erscheinen k. k. Militärs. Das erfuhr auch der von Hofers Zeiten her bekannte Kurat von Weitenthal, Georg Lantschner, als er im Tauferser Thale erschien. Vgl. Streiter a. a. D. S. 364. Erzherzog Johann schrieb in sein Tagebuch v. 1813, 27. Sept. Früh Haysdorf bei mir, er gab mir Aufſchlüſſe über Hormayrs Schicksal und seine Aufträge, er kennt Stein, Neſſelrode 2c., ich ſchreibe nun Troſt an Hormayr und denke Haysdorf (Frhr. v. Haysdorf) für Tirol zu brauchen. Dann war (Sebastian ?) Riedl bei mir, er kommt von Lienz. Tirol ist auf, Pusterthal bewaffnet, Sterzing, der Brenner beseßt ; an Geld und Munition mangelt es ; überall die beste Stimmung. Speckbacher schon in Inns-
139
V. Tirol bis zum Vertrage von Ried.
Zur Zeit als Roschmann von Lienz ins innere Puſterthal Tirols abging , kam Mensi
(sein Unterbeamter) , von ihm ab-
geschickt , nach Wien und zum Prinzen (2. Okt.) . schreibt der Erzherzog , „ ist die Stimmung gut , nichts ,
„ In Tirol, “
allein ſie thun
da alle unsere Maßregeln nicht von der Art sind , das
Vertrauen zu gewinnen ; das Volk ist zu klug und zu oft gewißigt, um sich in ein unwahrscheinliches Spiel einzulaſſen,
das ſagen ſie
selbst ; sobald sie von Desterreich Ernst sehen , was sie betrifft, dann werden sie alles thun" ... Als Roschmann dem Erzherzoge von Brunecken aus (10. Okt. ) meldete, Fenner sei hier eingerückt, denn die Kämpfe der k. k. Truppen und der Landschüßen vom 30. Sept. -7. Okt. schlossen mit der Erſtürmung der Mühlbacher Klause , also mit dem günſtigſten Erfolge gegen die Generäle Französisch-Italiens : Mazzuchelli und Giflenga —, 265) war bereits der Rieder Vertrag zwischen Desterrreich und Baiern (8. Okt. 1813) unterzeichnet, und dadurch erhielt ihren Kommentar jene Weiſung Metternichs vom Teplizer Hoflager (26. Sept.) an Roschmann , derzufolge keine „ Civilbefizergreifung vor Cession der Provinz (an Desterreich) “ stattfinden solle.
Unter diesen Umständen," schreibt Roschmann
in der folgenden Depesche (Salurn, 16. Okt.) , „ war ich genöthigt, unterm 13. d . M. von Bozen aus durch einen Courier an Seine Majestät die allerunterthänigste Anfrage gelangen zu laſſen, ob die Deputation nichtsdestoweniger die Wünsche der Nation in das allerhöchste Hoflager überbringen dürfe.
Ich darf hoffen , daß die
Antwort bejahend ausfallen wird , da alles darauf ankommt , daß wenigstens der Wille einer militärischen Behauptung der Provinz allerhöchsten Ortes
bestätigt
und das Volk über sein künftiges
bruck gewesen ; Preis auf seinen Kopf, er in Sicherheit, ich werde nun mit Bellegarde, Haager sprechen und dem Kaiſer berichten ; wie lau alles geht, warum dieſe Leute nicht unterſtüßen ? Um 10 Uhr kam Meyersfeld als Courier von Roschmann ; dieser geht nun nach Brixen . . . niemand iſt in Tirol, das Land ganz vom Feinde entblöst. Speckbachers Muth, der dem Preis von 1000 Dukaten troßt und in den Bergen des Untern Innthales steckt. Sonst bei Hiller alles gut . . . “ 265) Vgl. Streiter a . a. D. 365, Egger 836, Simeoner 823.
140
V. Tirol bis zum Vertrage von Ried .
Schicksal einigermaßen beruhigt werde, da alle bisherigen glücklichen Operationen als von der innerösterreichischen Armee abhängig betrachtet werden können ,
und
anderseits die Negociationen mit
Baiern, abseiten der k. k. Civil- Autorität“ , jede Maßregel verhindert haben , welche das Ganze des Landes umfaßt und den Willen, Tirol ſelbſt für immer zu behaupten, deutlich angezeigt hätte. “ 266) Erzherzog Johann hatte jedoch selbst bereits in dem ausführlichen Schreiben (5. Okt., Wien) an den Kaiser 267) dieſe ſchwierige Sachlage
nach
allen Richtungen
beleuchtet.
Er nahm für das
behutsamste Vorgehen das Wort, aber er unterließ auch nicht, das die Gesinnung und das Handeln der Tiroler lähmende Gefühl der Unsicherheit zu kennzeichnen und darzulegen , welch „ unangenehme Wendung" der Sache von bairischer Seite gegeben werde. Baiern äußere sich , man könne nicht glauben , Oesterreich wolle das Volk aufwiegeln. So mußte , wie dies auch die Resolution des Kaisers vom 13. Okt. (Marienberg) an den Erzherzog andeutet, 268) das Auge
266) Zu diesem Schreiben Roschmanns an Erzh. Johann, bemerkt deſſen Tageb. 3. 10. Okt. 1813 das Eintreffen eines Couriers Roschmanns, der das Einrücken Fenners in Brunecken nach Zurückwerfung Mazzuchellis meldete. 267) S. Anhang Nr. XV. Vgl. v. S. 137. 268) Diese kaiserliche Resolution mußte den Erzherzog allerdings in einer und andern Richtung schmerzlich berühren, wie dies seine tagebücherliche Einzeichnung zum 19. Okt. 1813 ausspricht : . . . „ Ich erhielt eine Resolution vom Kaiser, welche mir sagt, daß Metternich den Roschmann unterrichten werde, was mit dem bairischen Antheile Tirols zu geschehen habe, -- also mir wurde nichts gesagt ! Ich vermuthe, Tirol bleibt, so wie es ist, bis zum Frieden. Armes Land ! Und welchen Eindruck soll dies auf dasselbe machen, wenn man so wenig dafür sorgt ? Glaubt man alſo, daß es nicht an der Zeit ſei, mich hineinzusenden ? Mir ist es recht, aber ich hätte es verdient, daß man mir etwas darüber gesagt ; oder will man mich nicht mehr ? Auch möglich. Ich gestehe es, es hat mich geschmerzt. Ich will dulden, tragen, ausharren, schweigen, so lange der Krieg dauert. Wie aber Friede wird, gehe ich zum Kaiser, stelle ihm treuherzig vor, wie ich für ihn gedacht, wie ich alles geduldet, geschwiegen, nun aber es leichter ſei, mich zu entbehren, und lege meine Stelle nieder, gehe nach Graz oder auf das Land (lieber wäre es mir - nach Innsbruck ; dies werde ich nicht dürfen) und lebe für die Menschen und die Zukunft. Es ist hart, so behandelt zu werden, mich zu beordern, wo ich es nicht gesucht, und dann zwei
141
V. Tirol bis zum Vertrage von Ried.
des nach oben ungemein geschmeidigen Landeskommiſſärs auf den Wink der Staatskanzlei gerichtet bleiben , die das Spiel mit verdeckten Karten noch längere Zeit im Gange zu halten sich bemüßigt glaubte,
und so erklären wir uns auch das Verbot Roſch-
manns gegen das Vorhaben des Landesſchüßenmajors Sieberer, als dieser nach Erstürmung der Mühlbacher Klause den Brenner besezte , um von da vor Innsbruck zu rücken , während Fenner, und Roschmann diesem zur Seite , die Straße nach Trient einschlugen und Hiller bereit war, mit dem Gros der Armee in Tirol einzurücken.
Die Berichte Roschmanns an Erzherzog Johann vom
16. Oktober aus Salurn und Tags darauf aus Trient zeigen, wie rasch es mit der Beſeßung Südtirols vorwärts ging .
Ebenso
berichtete Fenner darüber an den Erzherzog ( 17. Oktober, Trient). Während er gewiß ehrlich das Erscheinen des kaiserlichen Prinzen in Tirol herbeiwünschte , heuchelte Roſchmann dieſe Sehnsucht in gekünſtelten Worten, so gut es ging. 269) Deßungeachtet kam es in Bairisch - Tirol zu Ereignissen, welche den Schatten weiterer Verwicklungen vorauswarfen.
Die
Absendung des riesenstarken Bauernführers vom Jahre 1809, Johann Rott , durch Sieberer nach Innsbruck ( 11. Okt. 1813) , um hier die noch nicht offiziell bekannt gewordene Thatsache des Rieder Vertrages in Erfahrung zu bringen, dessen ungerechtfertigte Verhaftung und gewaltsame Befreiung durch seine Genoſſen - unter tragikomischen Scenen ( 13. Okt.) , welche der Uebereifer des bairischen General-Landeskommiſſärs , Frhr. von Lerchenfeld , herbeiführte, und das Nachspiel dazu vom 16. Oktober, was am besten für die Gesinnung der Innsbrucker spricht , die stürmische Freude , die sich bei dem Anblick der ersten kaiserlichen Soldaten als Parlamenalles dies stimmte täre Fenners und Roſchmanns kundgab , nicht gut zu dem Entſchluſſe des Münchner Kabinets, nicht zu der Aeußerung des Ministers Montgelas gegen den österreichischen
Monate in der Unwiſſenheit zu laſſen, stehen geben, man bedürfe meiner nicht“
endlich auf eine gute Art zu ver-
269) S. Anhang Nr. XVI. und die weiteren Berichte v . 10., 16., 17. u. 31. Oft . 1813 , Nr. XVII., XVIII. , XIX., XX.
142
V. Tirol bis zum Vertrage von Ried.
Botschafter, Grafen Apponyi , „ die Regierung müſſe ſich feſt und unerschütterlich zeigen ; das
rebellische Volk müsse gezüchtigt wer=
den. " 270) Denn Desterreich war fest entschlossen , ganz Tirol und Vorarlberg zurückzugewinnen , alles Sträuben Baierns konnte dies höchstens hinausschieben , und es besaß auch nicht die Macht , der nach Wiedervereinigung seines ungetheilten Landes mit Desterreich, angesichts der Erfolge der kaiserlichen Waffen in Französisch-Tirol vorwärtsdrängenden, Gesinnung des Deutschtirolers , einen feſten Damm entgegenzuschen. Die
Maßregeln
Baierns
nach
dem
ließen allerdings einen solchen schluß erkennen.
Rieder Vertrage Ent-
wenn auch erfolglosen
Die Verkündigung dieses Traktates
durch den Freiherrn von
Lerchenfeld erbitterte nicht nur die der bairischen Herrschaft entgegenstrebenden Tiroler, sie mußte auch den Oberkommandirenden, Frhr. von Hiller , beleidigen ; es war dies die Stelle , in welcher die 11 vielfachen Umtriebe " "theils von Seite der österreichischen Militärbehörden , theils von den mit ihnen ins Land gekommenen Emigranten " den Befehl
gebrandmarkt ( 22. Oktober ) ,
wurden. den
Hiller
bezüglichen
erließ
denn
auch
Maueranschlag
in
Brixen zu entfernen. Mit dieſer Proklamation des bairischen General-Kreiskommiſſärs war die Verkündigung einer Amnestie für alle jene verknüpft , welche die österreichische Fahne verlassen würden, um zur bairischen zurückzukehren.
Alle jene jedoch, welche sich
der Konskriptionspflicht entzögen , müßten binnen 6 Wochen in königlich-bairische Dienste treten. Die Stimmung in Deutschtirol war bitter geworden und gedrückt , als man den IV. Artikel des Rieder Vertrages kennen lernte und darin las, der Kaiser von Desterreich garantire in seinem und im Namen seiner Alliirten dem Könige von Baiern den freien und friedlichen Genuß , sowie die volle Souveränität
aller Länder
und Städte,
Do-
mänen und Festungen , in deren Besize er sich vor dem ― wenn auch dem
Beginne der Feindseligkeiten befand , 270) Jäger, a. a. D. 65 ff.
143
V. Tirol bis zum Vertrage von Ried.
Eingeweihteren nicht entgehen konnte , daß einer der geheimen Separatartikel dem künftigen Länderaustausche zwischen Oesterreich und Baiern das Pförtchen offen halte.
Denn die Pro-
flamation Roschmanns von Trient aus
(24. Oktober) 271)
forderte nicht blos Einstellung aller Feindseligkeiten gegen Baiern als der neuverbündeten Macht, sondern sprach von Regelungen der Grenze zwischen Oesterreich und Baiern als einer Angelegenheit, welche fünftighin nicht von der Willkür des einzelnen Gewalthabers oder von dem Rechte der Eroberung , sondern von der freien Anerkennung und Zustimmung der übrigen Mächte abhinge.
Es war
dies offenbar das getreue Echo der Weisungen Metternichs an den österreichischen Landeskommissär.
So legte die Diplomatie einen
Schlagbaum zwischen das Land am Inn und der Etsch, und Baiern hielt ihn krampfhaft nieder. Unter solchen Eindrücken schrieb Erzh. Johann sein Tagebuch am 31. Oft. 1813. Hier heißt es : „Ich las mehrere Briefe aus Tirol; sie bestätigten das, was ich vermuthete, den üblen Eindruck des Vertrages mit Baiern, das geringe Vertrauen , das Desterreich sich erworben , und wie nothwendig ein Mann von Ansehen und unparteiisch; wie froh , daß ich noch nicht erschienen , und soll ich dahin kommen, so muß ich damit anfangen , Alles aufzuheben, Alt und Neu , und etwas Neues zu schaffen ; wie Wenige kennen den Geist des Volkes und wollen sich die Mühe geben, lernen" !
ihn kennen zu
Diese trügerische Hoffnung sollte ihn noch länger begleiten und auch das Volk Tirols gängeln, bis sie vor dem Hauche fertiger Thatsachen zerfloß.
271) Streiter 367-8, Jäger 73 ff.
VI.
Tirol seit dem Rieder Vertrage bis zur Wiedervereinigung
des
ganzen
Landes
mit Defterreich .
Während das wenig erquickliche Nachspiel der Leipziger Völkerschlacht, die Zerfahrenheit und Langsamkeit in den Entschließungen der Großmächte, angesichts des letzten Waffenganges mit Napoleon, die Geduld aller Fener auf eine harte Probe stellten, deren Herz einer raschen und gründlichen Lösung der großen Frage entgegenschlug, und die Langsamkeit in den Bewegungen des österreichischen Hoflagers von Frankfurt bis an die Schwelle der Schweiz, dieser Sachlage des Spätjahres 1813 entsprach , lastete auf Nordtirol der Rieder Vertrag als böser Alp ;
Ost- und Südtirol hinwieder verspürte nicht
den Segen, sondern die Laſten der neuen Ordnung der Dinge als ein, wie der Landeskommiſſär Roschmann immer nachdrücklicher zu betonen Anlaß nahm, „ erobertes " Land. Diesseits des Brenners, im Innthale und an der obern Etsch festigte sich bei nicht Wenigen die trübe Voraussetzung , das Land, der bairische „ Innkreis “ , werde bairisch bleiben müſſen , und die Beamten dieser Krone waren da und dort beslissen , das Volk in diesem Gedanken zu beſtärken, wie dies beispielsweise die absonderliche Kommentirung des Rieder-Vertrages durch den Landrichter von Passeyr , Simon Thaddäus Hack , darthut , welcher nicht anstand , das österreichische Militär „ Lumpengesindel “ und „ Spiß-
VI. Tirols Wiedervereinigung mit Desterreich.
145
buben ", und die Paſſeyrer „ Briganten“ zu schimpfen, die es wieder auf eine „Rebellion " wie im Jahre 1809 abgesehen hätten. " 272) Tirols Land und Volk wollte aber wieder ein Ganzes werden , und dies unaustilgbare Begehren , anderseits
der bei aller
Verstimmung über die Sachlage ungeschwächte Drang nach Wiedervereinigung mit Oesterreich, machten sich gelegentlich Luft, so beim Durchmarsche kaiserlichen Militärs ;
die gewaltsamen Maßregeln
der bairischen Verwaltung angesichts dieser Stimmungen , mehrten überdies nur den Groll wider die Fremdherrschaft ". Um diese Zeit bereitete sich auch eine Aenderung ‘ im_Oberbefehle der gegen Italien gerichteten Streitkräfte Desterreichs , die Ernennung Bellegardes zum Höchstkommandirenden, vor , dem dann Hiller den Plaz zu räumen hatte.
Das Tagebuch des
Erzherzogs glossirt bereits zum 11. November 1813 diese beschlossene Thatsache. 273) Roschmann stand mit Hiller nicht gut und untergrub erfolgreich dessen Kredit im kaiserlichen Hoflager. Schon zur Zeit des Rückzuges Napoleons soll er dies durch seinen Courier , den Tiroler Frick , haben beſorgen laſſen , mit welchem er ſelbſt ſpäter gründlich zerfiel. 274) In dem Schreiben an Erzh. Johann (9. Nov., Trient) klagt der Landeskommiſſär über die Strategie Hillers , die Langsamkeit seines Zuges und die dem Lande Tirol dadurch erwachsenden Laſten . Er sei nicht Politiker und Stratege genug , um die Gründe beurtheilen zu können , welche den Feldzeugmeiſter hiebei leiteten , aber
272) Jäger S. 75. 273) Erzh. Joh. Tageb. 11. Nov. 1813 : ,,Bellegarde übernimmt das Kommando, unter ihm Hiller (dieſer wird ſich freuen !), Reuß und Klenau ; das Heer wird auf 130 000 Mann gebracht. Bellegarde hat alle Eigenschaften und einen edlen Charakter, aber als Soldat ist Hiller über (wenn nur auch das Herz so wäre). Ersterer (Bellegarde) ist gewaltig unentschlossen, zu vorsichtig, und hier kömmt es auf große Schnelligkeit an. " 3. 12. Nov. „Bellegarde geht zum Heere, warum nicht ich ? Ich wollte gern unter Jedem dienen, so modere 11 ich hier ... 274) Das intereſſante Schreiben Hormayrs an Erzh. Johann v. 30. Sept. 1815 , worin die Beziehungen Fricks zu Roschmann eingehend dargestellt werden. S. Anhang Nr. XXXVI. 10 Krones , Tirol 1812-1816.
146
VI. Tirols Wiedervereinigung mit Oesterreich.
die Bedrückung des Volkes durch die
ungeheueren Bedürfnisse der
Armee" lägen ihm vor Augen, und er habe diesfalls an den Herrn Minister der auswärtigen Angelegenheiten und an Baldacci, (den Armceminister im kaiserlichen Hauptquartier zu Frankfurt a. M. bekanntlich Vertrauensmann des Monarchen in allen Fragen der Reoccupation und Organiſirung der Länder) geschrieben ; man ſieht, Roschmann wandte sich an die richtigen Adressen. 275) Auch Erzherzog Johann war von der Kriegsführung Hillers nicht erbaut. Er selbst grämte sich damals über die Unthätigkeit, zu der er verdammt blieb , da auch sein Ansuchen , bei den allenfalls vorzunehmenden Belagerungen
verwendet
zu
werden ,
vom
Kaiser
( 18. Nov. , Frankfurt) eine ablehnende Beantwortung erlebte. 276) Er beklagte sich auch darüber gegen Bellegarde, als dieser bei ihm vorsprach , um Abschied zu nehmen , da er alsbald zum Heere abging. 277) Diese gedrückte Stimmung begleitete den Prinzen nach Thern-
275) Roschmann an Erzh. Johann 9. Nov. Trient. Erzh. Joh. Tageb. 3. 11. Nov. 1813 ... . . . „ Karln (Erzh .) an der Spiße der großen, ich jenes Hillers, würden es gewiß eben so gut gemacht haben als dieſe, obwohl ich, ohne Ruhmredigkeit, überzeugt bin, viel besser, thätiger, schneller und auch . erfolgreicher." 276) Dieſes Schreiben lautet : „ Lieber Bruder ! Dein Anerbieten, welches Du mir mit Deinem Briefe v. 7. Nov. gemacht hast, bei den allenfalls vorzunehmenden Belagerungen Dienste zu leisten, so werth es mir ist, weil ich Dich kenne, kann ich bei gegenwärtigen Umständen, da Keiner meiner Be freundeten im Feld ist, und auch aus andern Ursachen nicht willfahren; ich bitte Dich alſo, beschränke gegenwärtig Deinen Eifer auf die Bestimmung ausgewählter Offiziere zu diesem Zwecke und glaube mich übrigens wie jederzeit Deinen aufrichtigen Freund und Bruder. Franz." Frankfurt, 18. Nov. 1813. Im Tageb. 3. 7. Nov. 1813 heißt es : „Ich schrieb an den Kaiser, um ihm meine Dienste bei Belagerungen anzubieten, da es mein Geschäft iſt (als Chef des Genieweſens) ; ich verſuchte es, ob es gelingt, ich weiß nicht ; man muß alles versuchen, um nüßlich zu sein." 277) Das Kriegsministerium wurde bei Abwesenheit Bellegardes dem FM. Wenzel Colloredo übertragen, den Erzh. Johann sehr ungünſtig beurtheilt ; ebenso den Vizepräſes Frhr. v . Stipesies. („ Vielredner, Vielſchreiber, sonst nichts", - spätere Randbem.: „fleißiger Detailmenſch. “)
VI. Tirols Wiedervereinigung mit Desterreich.
147
berg (25. Nov.) und (29. d. M. ) zurück nach Wien.
Noch immer
hält er die schwache Hoffnung , nach Tirol zu kommen, fest ; mit Behagen verzeichnet er in sein Tagebuch (7. Dezember 1813) die Aussicht , daß dies Land in seinem nördlichen Theile gegen ein Aequivalent von Baiern zurückgegeben werde , und bei allem Verdachte , der sich in seiner Seele gegen Roschmann ansammelt Hormayrs Briefe und eigene Erwägungen erweckten ihn kann und will er dennoch nicht den Stab über Roschmanns Handlungsweise brechen. 278) Anderseits sehen wir ihn bestrebt, die Brünner Gefangenschaft Hormayrs , des
am schwärzesten
angeschriebenen Genossen des
verunglückten Befreiungsplanes, zu lösen. Doch es blieb ein langes, schweres Stück Arbeit, denn die unbedachte Heftigkeit des Gefangenen in Briefen und Reden wurde sein eigener, schlimmster Gegner und stellte auch das Mitgefühl des
Erzherzogs
manchmal
auf
eine
harte Probe. Aber
nun zu den Tiroler Ereignissen vom Spät-
jahr 1813 . Wie sehr auch die bairische Verwaltung sich die Miene überlegener Sicherheit gab , so mußte sie doch immer mehr das Gefühl beschleichen ,
auf einem Boden zu stehen , welcher jeden Augenblick
inneren Erschütterungen ausgesetzt war, und der lezte Monat des Jahres 1813 gestaltete sich in dieser Richtung sehr unerquicklich und bedrohlich. 279) Vor Allem waren Bozen und Sterzing Mittelpunkte einer Bewegung , welche die Wiederherstellung des alten ungetheilten Tirols" auf ihre Fahnen schrieb und ebenso in Brixen, Brunecken als Meran Boden faßte.
Von Bozen aus wurde 5. Dez. 1813
ein gut gemeinter aber ziemlich unbeholfener Aufruf verbreitet, der „ die tirolische Nation “ als Unterzeichnung führte , und auf den zechenden Dezemer" (10. Dez.)
6 ur frühe in allen Kirchen die
278) Unvorsichtig, aufbrausend voll Eigendünkel und ohne Erfahrung glaube ich nicht“, mag lepterer (Roſchmann) sein, aber schlecht schreibt der Erzh. in sein Tageb. z. 1. Nov. 1813. 279) Vgl. darüber Streiter 368 f., Jäger 78 ff., Egger III. 842 f. Stampfer, G. v . Meran 275–276. Simeoner, Boßen 828 ff. 10 *
VI. Tirols Wiedervereinigung mit Oesterreich.
148
Sturmglocken" gegen die „ Unterdriker " zu läuten vorschrieb, anderseits jedoch „ Blinderungen oder Todschläge in dießem heilligen Kampfe" mit der Todesstrafe belegte, während zu Sterzing und in der Nachbarschaft Berathungen
über
eine Adresse und
Deputation an den
Kaiser behufs Wiedervereinigung ganz Tirols mit Oesterreich statt hatten , denen eine Verſtändigung von Vertrauensmännern , gleichzeitig mit dem Bozner Aufrufe (5. Dez.) folgte. Die bezügliche Bittschrift an den Kaiser erging sich in Ausdrücken freudiger Hoffnung und in eingehender Darlegung der Schäden , welche die bairische Herrschaft dem Lande angethan habe. • Zunächst wird die Nichterfüllung der mit der Abtretung Tirols von Seite Desterreichs verbundenen Bedingungen (1805) durch Baiern hervorgehoben, das Eigenmächtige, Gewaltsame der Fremdherrschaft in Kirchenfachen , ihre finanziellen Maßregeln beleuchtet, die „Vernichtung "
der Innsbrucker Universität beklagt , auf die
schlechte Behandlung guttirolischer Beamten, auf die Lähmung von Gewerbe , Ackerbau und Viehzucht , auf die verhaßte Militärkonskription hingewiesen, die Erschleichung einer Erklärung der Tiroler zu Gunsten der bairischen Herrschaft gebrandmarkt und flehentlich um Wiedervereinigung Tirols mit Oesterreich gebeten. 280) Die Unterzeichner dieser Adreſſe waren keineswegs persönlich angesehene Leute, keine „ Vordermänner" Deutschtirols ; ches erscheint darin schwülstig und übertrieben ,
gar man-
dennoch war sie
ein bedeutsames Symptom der die Tiefe des Volkes bewegenden Stimmung . Um Brunecken , Brixen und Meran sammeln sich Haufen
280) Der Inhalt der interessanten Bittschrift (unterz. von Roman Zeiller aus dem Lg. Silz , Andreas Gstirner von Matrai, Johann Klingenschmied von Vomp , Joseph Hofer , Bürgermeister von Sterzing Josef Peteffi von Meran und Jakob Jäger von Gumbs im Namen der betreffenden Gerichte und Landestheile : ganz Ober-Innthal, ganz Wippthal, ganz Unter-Innthal , Landger. Sterzing , ganz Burggrafenamt und Passeyr und ganz Vintschgau) bei Jäger S. 79-80 und im wörtlichen Auszug im Anhange II., 140-192 ; doch soll es hier statt 5. September, 5. Dezember heißen. Abschriften von der Proklamation des 5. Dez., von Bellegardes Aufruf, Relation u . s. w. in den Beilagen zu Erzh. Joh. Tageb.
VI. Tirols Wiedervereinigung mit Desterreich.
149
bewaffneter Bauern, um die Amtsträger der bairischen Verwaltung gewaltsam zu beseitigen. flammt allerorten auf.
Der Entschluß zu bewaffneter Selbsthilfe
Diesen bedrohlichen Anzeichen einer Volkserhebung
gegenüber
verfügte die bairische Regierung über eine winzige Kriegsmacht, deren Wirksamkeit von den in den Soldatenrock gezwängten Rekruten eher gehemmt als gefördert wurde.
So konnte es kommen , daß
10. und 11. Dezember 1813 einige hundert bewaffnete Bauern das bairische Generalkommiſſariat zu Innsbruck in eine bedenkliche Zwangslage brachten. Die Brixner Zuſammenkunft der
„ gemeinsamen Ausschüſſe “
beschloß unter protokollarischer Anklage der bairischen Regierung, ihren Gewaltmaßregeln zuvorzukommen, die Truppen zu entwaffnen, die bairischen Beamten zu entseßen , die unter ihnen am meisten Verhaßten über die Grenze zu schaffen, das Wappen Baierns herabzureißen u. s . w .
Bei Mals
im Vintſchgau wurden
13. Dez.
1813 einige hundert Baiern entwaffnet und festgenommen. Die Sterzinger Versammlung, der das zufällige Erscheinen Aschbachers als kaiserl. Couriers sehr zu statten kam, ließ ihrem Aufrufe an die Tiroler vom 8. Dezember die That auf dem Fuße folgen ; der bairische Landrichter , der sich entgegenseßte wurde verhaftet, und schon am 10. Dez. stand die „ Insurrektion “ vor den Thoren
Innsbrucks .
Wortführer
jener
Versammlung,
dann
Häupter des bunten Freischärlerhausens, waren : der Bauer und Krämer Joh. Empel von Kirchdorf und der querköpfige Schwärmer Alois Kluibenschedl , vormals Novize im Kloster Stams, dann Leibdiener des dortigen Prälaten, außerdem Rott, Jizl, Torggler und Georg Hazel von Mareit. Schon am 11. Dez. waren sie Herren der Stadt, was bei dem
Umstande , daß Lerchenfeld bettlägerig war , um so leichter ging, und Tags darauf seßte es Gewaltthätigkeiten ab , denen die Geistlichen Mayr (Servit) und Gepp (Kapuziner) nach Thunlichkeit zu steuern suchten. Den hilflosen Baiern mußte somit das Erscheinen des öfter- · reichischen Feldmarschalls ,
Grafen Bellegarde ( 12. Dez.) ,
Rettung in höchster Noth willkommen sein.
als
Sein Aufruf an die
150
VI. Tirols Wiedervereinigung mit Desterreich.
„Tiroler“, worin er die Solidarität der Interessen Oesterreichs und Baierns im Befreiungskampfe gegen Napoleon betonte,
von einem
„ pflichtmäßigen “ Anschlusse der Tiroler an die Schaaren Baierns sprach und zum Gehorsam aufforderte , konnte ebensowenig überzeugen als beschwichtigen , und dies umsoweniger , als es hieß , er habe ihn auf Bitten des bairischen General-Kommiſſärs Frhr. von Lerchenfeld erlassen , und da sich sogar das Gerücht verbreitete, das sei gar kein echter österreichischer General , sondern ein in solche Uniform gesteckter Baier.
Dazu kam
die unſelige Wirkung der Proklamation Lerchenfelds , die schließlich mit den Baiern unter Wrede , mit Desterreichern und 20 000 Russen (!) drohte. Wir Kaiser, laſſen.
wollen
nun
den Bericht
Bellegardes
an
vom Tage seines Eintreffens zu Innsbruck ,
Bellegarde habe heute bei seiner Ankunft , Zirl blos unzusammenhängende Gerüchte vernommen , Innsbruck
nachdem
den
sprechen
er in
und für übertrieben gehaltene einem bedeutenden Aufruhr der
umliegenden Bewohner preisgegeben gefunden" .
Sie seien gestern
(11.) Früh unter der Anführung von 5-6 durch FZM. Hiller erst kürzlich entlassenen Landschüßen-Offizieren in der Stärke — von 15-1800 Bauern in die Stadt gedrungen , hätten die 600 bairischen Soldaten, meist Rekruten , nach kurzem Widerstande verjagt , die ärarischen Kaſſen , Waffen- und Montur- Depôts mit Beschlag belegt, einige der hier angestellten bairischen Beamten ihres Privateigenthums beraubt, überdies Nachmittags den größten Haufen von den Ihrigen aus Innsbruck entsendet, um das gegen Rattenberg abziehende bairische Militär zu verfolgen, und wenn möglich, den leztgenannten festen Ort auch zu beseßen. Zu Innsbruck seien nur
100
bewaffnete
Bauern
zurückgeblieben ,
die sich in der
folgenden Nacht und bis zum Zeitpunkte dieses Berichtes keinerlei weiteren Gewaltthaten erlaubten , der bereits gestern durch sie neu wärtig seien.
anderseits
jedoch des Zuzuges
aufgebotenen Insurgenten ge-
Die Anführer des Bauernheeres hätten bei ihrem gestrigen Eindringen in die Stadt mehrere geschriebene Proklamationen
VI. Tirols Wiedervereinigung mit Oesterreich. verbreitet, deren eine hier beiliege.
151
Alle seien so ziemlich gleichen
Inhalts , von Niemand persönlich unterzeichnet , blos „ im Namen angeblichen Repräsentanten" erdes Tiroler Volkes " von dessen Lassen und lauteten dahin: das Tiroler Volk , müde des längeren und unerträglichen Druckes der bairischen Herrschaft, wolle sich selbst befreien und unter den Szepter des Kaisers von Oesterreich zurückkehren. In der That habe man alle bairischen Wappen entfernt und an ihre Stelle , so an der Post, den f. k. Adler aufgepflanzt. Die Sache sei nicht ohne Belang , und dies um so weniger, als die nämlichen Insurgenten die bairischen Beamten in Sterzing und Steinach festgenommen und in das dem Freiherrn von Sternbach gehörige Schloß Welsthurn (Wolfsthurn) abgeführt hätten. General- Landes-Kommissär Frhr. von Lerchenfeld liege schon seit zwei Monaten krank darnieder und habe allen Einfluß Die Erbitterung über die bairische Conskription ſei verloren. allgemein. Bellegarde habe alsbald einen beschwichtigenden Aufruf erlassen.
Der Zustand der Dinge sei auch bezüglich der kaiserlichen
Truppen auf ihrem Marſche aus Sachsen nach Italien unangenehm und gewiß nicht gleichgiltig, daß im Rücken der Armee ein aufgereiztes, erst kürzlich ( 1809) in ſeiner Furchtbarkeit erkanntes Volk wie die Tiroler - im Insurrektionsstande verbleiben. Er rechne auf die väterlichen Verfügungen des Kaisers zur Hintanhaltung größeren Unheils. Einen günstigen Erfolg hatten die Unterhandlungen , welche Frhr. von Lerchenfeld mit den Führern der Aufſtändiſchen an seinem Krankenlager pflog , und der Zuspruch besonnener Bürger und Geistlichen , ſo daß Kluibenschedl völlig in sich ging, und durch P. Daney , eine bekannte und sehr verschieden beurtheilte Persönlichkeit 281) des Jahres 1809 , die zum Gehorsam und zur
281) Daney Josef geb. zu Schlanders 1. Mai 1782, Feldkaplan Hofers 1809 ; † 1826 (Wurzbach III. 356 f.), worin auch die leidenschaftliche Verurtheilung dieses Mannes von Seite Hormayrs und Dancy's Ehrenrettung durch Staffler behandelt wird. 4. Jänner 1816 ſchrieb Hormayr aus Raiz in
VI. Tirols Wiedervereinigung mit Desterreich.
152 Ruhe
mahnenden
Stellen
aus
(13. Dezember) verlesen ließ.
der
Proklamation
Bellegardes
Auch Dipauli und I. v. Hör-
mann 282) wirkten in diesem Sinne.
Das Meiste that allerdings
die Gegenwart des österreichischen Feldmarschalls , der dann bald Innsbruck verließ, um zunächst nach Hall abzugehen, wo es auch stürmisch zuging. Eine kleine Abtheilung kaiserlichen Militärs blieb in der Landeshauptſtadt ; störungen ab.
am
14. u. 15. Dez. ſeßte es neue Ruhe-
Appell.-Rath Dipauli war inzwischen nach Kempten geeilt, um hier bei dem k. k. Generalmajor Quosdanovich ausgiebigere Unterſtüßung anzusprechen. Ein Grenadierbataillon marschierte nun nach Innsbruck voraus , und bald folgte ein ganzes Korps unter dem Befehle des FML. v. Mayr , auf seinem Marsche aus Sachsen nach Italien.
Mit ausgiebiger Mannschaft hielt dann
Quosdanovich Innsbruck beſeßt. Am 19. Dezember 1813 traf nun auch der kais. Kommiſſär des okkupirten Südtirols, H. v. Roschmann, ein. 283) Eine kais. Weisung
und
der eigene Drang als Friedensstifter eine Rolle zu
ſpielen, beſtimmten ihn, herbeizueilen. Er hatte zunächst am 11. Dez. einen Bericht an den Fürsten Metternich abgehen lassen ; zwei Tage später erhielt er durch einen vorausgeschickten Courier die Nachricht von dem nahen Eintreffen des Feldmarschalls Bellegarde und bald darauf dessen eigenen Bericht über die Sachlage. Er habe nun dem Frhr. von Lerchenfeld seine Vermittlung auf dem Wege der Güte, und wenn dieſe nichts fruchten würde , geboten.
auf dem der Gewalt , an-
Dem damit vorausgesendeten Eilboten folgte er dann
Mähren an Erzh. Johann : „Was Euer t. Hoheit von Donah (richtiger : Daney oder Danej) ſchreiben, heißt den Vogel auf den Kopf treffen. Es ist das einzig Wahre. Seine 32 Attestate beweisen alle wider ihn, statt für ihn und betreffen die Defenſion gar nicht, sondern den Moment der Unterwerfung (1809). Sie charakterisiren so recht den verschmißten, unruhigen Pfaffen, der ganz gegen das Wesen seines Standes sich in Alles mengte . . ." 282) Offenbar der in bairischen Diensten stehende, nachmalige Regierungspräsident, Verfaſſer des bekannten Buches : „Tirol unter bair. Verwaltung." 283) Roschmanns Bericht an Erzh. Johann v. 8. Jänner, aus Trient. S. Anhang Nr. XXI. Vgl. Jäger S. 92 ff. über Roschmanns Miſſion. — Empel erscheint aber später im Zuchthause zu Innsbruck verwahrt.
153
VI. Tirols Wiedervereinigung mit Desterreich. selbst.
Zu Bozen hatte er 17. Dez.
eine anonyme Brochure :
„An die insurgirten Tiroler vom Dezember 1813 , Desterreicher" drucken lassen.
von
einem
Nach dem Vintschgau und nach
Meran ließ er den Landeskommissär Paller abgehen , mit dem Befehle , die verhafteten bairischen Beamten , zu befreien, die Anführer der dortigen Insurgenten zur Unterwerfung zu nöthigen, die Aufrührer zu zerstreuen und mit Roſchmann sodann in Innsbruck zusammenzutreffen. Der Landeskommiſſär beſorgte, wie ſein Bericht an den Staatskanzler besagte ,
einen
allgemeinen
Aufstand
und
Angriff ;
zu
Sterzing habe ein Kriegsrath der Bauern stattgefunden, um den Angriff auf Rattenberg ins Werk
zu
sehen.
Der bekannte
Empel sei am 14. Dezember von der militärischen Bedeckung des Rekonvaleszenten- Transports entwaffnet , festgenommen , und nach Rattenberg abgeführt worden.
„ Die Uebrigen “, heißt es in seinem weiteren Berichte an Erzherzog Johann , " wurden durch mich zur Ordnung zurückgebracht und nach Trient unter strenge surveillance gestellt." " In der Nacht vom 18. zum 19. kam ich in Innsbruck an, “ lautet wörtlich der weitere Bericht.
„ Diese diskrete Auswahl der
Tageszeit meiner Ankunft wird mir von den k. bairischen Behörden um so höher angerechnet, als vorauszusehen war , daß ich zu jeder andern Stunde die ganze Gegend von Innsbruck allarmiren würde. Die Ruhe war wieder hergestellt , und zum ersten Male ein versöhnliches Einvernehmen mit den jenseitigen Autoritäten bewirkt. Wie viele Verhandlungen waren aber noch nothwendig , um die gänzlich stillstehende Verwaltung wieder in Bewegung zu sehen ! Ew. K. Hoheit werden es begreiflich finden , daß ich allen diesen schwierigen Geschäften körperlich unterlag. Ein Gerücht , ich sei vom Baron Lerchenfeld vergiftet worden , welches durch den Umstand , daß ich von einem Diner desselben , nach Hauſe zurückkehrend , von dem Uebel befallen worden , verbreitete sich mit unglaublicher Schnelle durch das Land . Neue Gründe des Mißtrauens führte jeder Tag herbei. " Nachdem die Ordnung wieder hergestellt war, sei er nach Trient zurückgekehrt. Frhr. v. Lerchenfeld habe ihm seinen Dank schriftlich ausgedrückt.
154
VI. Tirols Wiedervereinigung mit Desterreich. Der Bericht Roschmanns verräth wie immer etwas von seiner
Selbstgefälligkeit und berechneten Wichtigthuerei.
Die den Dingen
in Innsbruck näher stehenden Persönlichkeiten wußten überdies, wie unerquicklich sich der Verkehr zwischen ihm und Lerchenfeld gestaltete , und allgemein war die Ansicht , Roschmann habe sich dem Ansinnen des bairischen General-Kommissärs , die Aufständischen durch eine von ihm unterzeichnete Erklärung zur Einsicht und zum Gehorsam zurückzuführen , durch eine improviſirte Kolik entzogen, worauf er aus Innsbruck rasch verschwand. Anderseits erlebte Frhr. von Lerchenfeld , als er am 21. Dez. 1813 ein Verhör mit den Vertrauensmännern der Bauernschaft in Gegenwart des Generalmajors Quosdanovich anstellte, wenig Tröſtliches, denn die Bauern erklärten rund heraus : „ daß sie österreichisch sein und bleiben wollten " . Während all diese Dinge sich abspielten , weilte der Mann, dem der Zustand Tirols , diese ungesunde Verquickung eines halb „ eroberten“ und halb bairischen aber doch schon von Oesterreich bevormundeten Landes, schwer aufs Herz fiel, nothgedrungen in der Ferne , wie ein theilnehmender Freund mit gebundenen Händen. Das Tagebuch Erzherzogs Johann läßt die Lebhaftigkeit der Empfindungen ermessen, welche das aus und über Tirol Erfahrene in ihm
wachrief, es beweist , wie entschieden er auf der Seite des
Landes stand , ohne das Bedenkliche einer Auflehnung
des aufs
tiefste erregten Volksgeiſtes wider die beſtehende Ordnung der Dinge zu verkennen. War es doch nur das mehr oder minder ungeberdige Streben nach einem Ziele , das ja auch der behutsamer und ge= räuſchloser vorgehenden Staatskunst Oesterreichs vor Augen blieb. 284)
284) Erzh. Joh. Tageb. z . 21. Dez. 1813 : „ Baierns höhnisches Benehmen, seine Plackereien und Erpressungen haben in Tirol Aufstände bewirkt. Die Zeitung gibt uns an, daß 3000 Bauern ins Innviertel gerückt und die Beamten mißhandelt u. s. w. Viele Unglückliche wird dies machen und nur den Haß vermehren. Zeit wäre es, ein Ende zu machen. Wahrlich sonderbar ! Ein Volk wagt Alles, um seinen alten Herrn zu bekommen, und man macht nicht viel dergleichen . Desterreich soll es besißen, regieren und behalten, das ist das beste. Baiern sollte man bis zum Frieden indeß mit einer Summe entschädigen , die wahrlich nicht groß
155
VI. Tirols Wiedervereinigung mit Desterreich.
Schon den 13. November 1813 , also zur Zeit als sich das kaiserliche Hoflager noch in Frankfurt a. M. befand , erhielt Metternich den Auftrag , bei dem bairischen Hofe für eine schonendere Behandlung der Deutsch- Tiroler und für die Amnestie der Oesterreich-Freunde zu wirken.
Als Kaiser Franz I. die Nach-
richt von der Beilegung der Innsbrucker Dezemberunruhen empfing, erledigte er dies in einer Weise, die jenen Auftrag bekräftigte. Die bairische Regierung nahm dies nicht sonderlich zuvorkommend auf, wie uns die oben angeführte Aeußerung des Ministers Montgelas gegen den österreichischen Botschafter in München , Graf Apponyi, lehrt. Baiern glaubte noch immer, sich auf die „starke Regierung “ in Tirol hinausspielen zu können. Am 23.
Dezember 1813 ließ Baldacci ,
der Rathgeber
des Kaisers in allen die Wiedergewinnung und Neugestaltung der ehemals österreichischen Länder betreffenden Angelegenheiten, seinem Schüßling Roschmann , allerdings
im engsten Vertrauen“ ,
die
Mittheilung zukommen , daß bereits mit dem bairischen Hofe in Hinsicht der Abtretung seines Antheiles von Tirol Unterhandlungen angeknüpft seien, deren augenblicklicher Erfolg allerdings nicht verbürgt werden könne , die jedoch einen günstigen Ausgang kaum bezweifeln ließen. 285)
ſein kann , da dieses Land wenig trug ." 22. Dez. 1813 : „ Tirol ist vermuthlich auf Bellegardes Aufruf ruhig, wie lange ? Desterreich hätte es übernehmen sollen. Allein Tirol ist in der Politik zu unbedeutend, als daß man daran denke. Was ich dabei fühle, kann nur der erklären, der mich und meine Verhältnisse kennt. " 23. Dez. 1813 : „In Tirol soll es nicht zu Ende sein, Deputirte sollen zum Kaiser gegangen sein ; Gott gebe, daß der Skandal einmal ein Ende nehme. " 24. Dez. 1813 : „ Tirol wird hoffentlich ruhig sein. Die bairischen Neckereien führen zu nichts ; ſie ſchaden der allgemeinen Sache. Man hätte den Durchmarsch kaiserlicher Truppen vermeiden sollen ; das konnte nur Anlaß zu Aeußerungen und Gehässigkeiten geben ; darauf unkluges Benehmen der Tiroler ; sie handelten und sprachen, wie sie es fühlten, erregten die Galle der bairischen Beamten ; noch größere Unklugheit dieser : etwas hindern zu wollen, worüber sie ein Auge hätten zudrücken sollen. Hier ist nicht Aufhebung Einzelner, hier ist Uebereinstimmung . aller der Bezirke, die in der Nähe der Sache waren . . .“ 285) S. darüber Jäger 97 ff., Streiter S. 372–73, beſonders über
156
VI. Tirols Wiedervereinigung mit Oesterreich. Der Deutschtiroler stand jedoch immer noch Thatsachen gegen-
über , welche ihm das Loskommen von der Fremdherrschaft in unbestimmte Ferne rückten. - Montgelas und Lerchenfeld betrachteten es als eine Ehrensache , das Land festzuhalten. Das bairische Militär im Gebiete von Rattenberg , Kufstein und Wörgl erhielt Verstärkungen ; es kam zu Befestigungsarbeiten daselbst , die ebenso wie die Militärverpflegung auf den Landgerichten empfindlich lasteten. Das St. Martinskloster in Schwaz wurde verschanzt, die Zillerbrücke befestigt , und das Alles geschah nach dem Rieder Vertrage, gewissermaßen trog desselben. Gerüchtweise machte die Aeußerung des bairischen Staatsministers die Runde, „ eher würde man russische Hilfe anrufen, als auch nur ein Dorf der drei Herrschaften : Kufstein , Kizbühel und Rattenberg an Oesterreich abtreten ". Das hieß also , Baiern sei entschlossen , äußersten Falles den Nordosten Tirols festzuhalten , sich gewissermaßen auf den Standpunkt des Schärdinger Friedens von 1369 zu stellen , und die wichtige Errungenschaft Maximilians I. Hause Desterreich zu entziehen. Der österreichische Hof
vom Jahre 1504 dem
konnte je weiter desto weniger der
verworrenen Sachlage in Tirol mit verschränkten Armen zusehen. Die kaiserlichen Handbillette vom
14. und 19. Jänner 1814 an
den Staatskanzler Metternich bezweckten ein entschiedenes Vorgehen gegen die Zwangsmaßregeln Baierns in Tirol.
Das bezob
sich vornehmlich auf eine Reihe harter Polizeimaßregeln der Fremdherrschaft, die dem Monarchen von verschiedenen Seiten hinterbracht wurden. Daß noch im Jänner 1814 der bisherige General-LandesKommiſſär des Innkreises , Frhr. v. Lerchenfeld , abberufen wurde, ein Ergebnis der diplomatischen Aktion Metternichs am bairischen war jedenfalls eine Errungenschaft , welche einigermaßen
Hofe,
beschwichtigend auf die allgemeine Bewegung in Deutschtirol einwirken konnte , die nicht mehr zu dämpfen und zu hemmen war und immer bedrohlicher um sich griff.
fehlgeschlagene Versuche der bairischen Verwaltung die Tiroler kirre zu machen oder abzuwiegeln u. s. w.
VI. Tirols Wiedervereinigung mit Oesterreich.
157
„ In Tirol“ , schreibt Erzherzog Johann (27. Jänner 1814) in sein Tagebuch , „haben die Bauern so viel bewirkt , daß es die Baiern geräumt, und sie blos Rattenbergs Verschanzungen mit Depôts und bairischem Landſturm besezt halten. Innsbruck ist frei, Lerchenfeld in München. Kapuziner und Serviten haben es bei dem Volke verscherzt , weil sie die Baiern schüßen wollten ; die Freischaaren beginnen wieder, die Leute versehen sich mit Stußen ; nichts wollen ſie Baiern mehr zahlen ; alle , die dafür sprechen, werden übel angesehen, so der Pfarrer von Imst, so der Landrichter von Sterzing, der den kaiserlichen Adler auf dem Rücken durch die Stadt tragen mußte.
Zu Innsbruck liegt ein Bataillon Beaulieu.
Der Kron-
prinz (von Baiern) ſteht nicht im Ansehen ; ſeine Popularität nüßt ihm nichts " · Bevor aber die
großen Ereignisse ,
die Schlußkämpfe
mit
Napoleon auf dem Boden Frankreichs ihren Abschluß fanden, und der erste Pariser Friede dem Einzuge der Alliirten in die Stadt an der Seine (31. März) folgte , kam es in Bairisch-Tirol zu die nicht minder als die oben verzeichneten Be-
Ereignissen ,
wegungen des Volkes erkennen lassen , daß man sich hier bereits österreichisch fühlte , bevor noch die Staatskunst das erlösende Wort sprach. Zuvor müssen wir jedoch auf die Zustände des bereits
okku-
pirten Südtirols einen Blick werfen und die Thätigkeit des Mannes beleuchten , dem ein durch den Erfolg keineswegs gerechtfertigtes Vertrauen
eine
schwierige Aufgabe zuwies ,
eine Auf-
gabe , die den ganzen Mann von Geist und Herz erheischte , und deren Vergreifen in den Augen der öffentlichen Meinung doppelt verhängnisvoll werden mußte , sobald diesem Vertrauensmanne der Krone die Neugestaltung des ganzen Landes zugedacht und übertragen erschien und sein Ehrgeiz den Statthalterposten Tirols mit allen Mitteln anzustreben begann. Wir kennen die Rolle , welche Roschmann in jenem Befreiungsplane gespielt hatte , an dessen Wiege Erzherzog Johann stand. Der 7. März des Jahres 1813 -die trübe Erinnerung an diesen Tag, blieb in den Aufzeichnungen
des Prinzen ver-
158
VI. Tirols Wiedervereinigung mit Oesterreich.
bucht 286) ―
zerstörte einen Lebenszweck desselben und wirkte in
den Folgen bestimmend auf sein ganzes weiteres Dasein , gleichwie er in das Geschick Hormayrs gewaltsam
eingriff,
sein leiden-
schaftliches Selbstgefühl und patriotisches Empfinden vergiftete und auch in die Seele Schneiders tiefe Schatten warf. Roschmann hat die leitenden Kreise wie den Monarchen über seine Gesinnung gründlich getäuscht ; der angeblich „ reuige “ Entdecker eines
unheilvollen " Planes
wurde als gefügiges Werkzeug
bei dessen Vernichtung gebraucht. Immerhin war es, auch bei der, irrigen, Voraussetzung seiner loyalen Denkweise, bedenklich und gewagt, ihn, anstatt des Erzherzogs , in der Tiroler Frage zu verwenden, da er von vornherein das Mißtrauen aller jener wider sich herausfordern mußte, welchen die damaligen Wiener Vorgänge nicht ganz unbekannt blieben , das plögliche Emporkommen Roſchmanns
im Gegensahe zu der Behandlung seiner Genossen
auffallen mußte, und die auf den Erzherzog als den richtigen Erlöser unverdrossen warteten. ; Das unverdiente Vertrauen des Monarchen , der sich leicht von äußerlicher Loyalität bestechen ließ und die einmal gefaßte gute Meinung ebenso zäh und beharrlich festzuhalten pflegte , wie ihr traf mit der Ueberschäzung der Anlagen und der Gegentheil, Leistungsfähigkeit zusammen , die bei den maßgebenden Persönlichfeiten Roschmann gegenüber bestand. Darin begegneten sich offenbar Metternich und Baldacci , der Diplomat und der Verwaltungspolitiker, der Staatsmann und der Bureaukrat, sonst Antipoden und Antagoniſten ; Roſchmann wurde die Vertrauensperson Beider. Roschmann besaß Entschlossenheit
und
den Thätigkeitstrieb
einer ehrgeizigen Natur , die sich unbedenklich für Alles verwenden läßt, 287) gefügig nach oben und herrisch nach unten ; die Zukunft 28 ) Erzh. Tageb . 3. 7. März 1814 : Heute aber ist der Jahrestag, wo Hormayr und die Sache Tirols verrathen und die Herren angehalten worden ; hoffentlich werden sie bei dem Frieden Freiheit erhalten. Ein Judas war dabei , darüber wird die Zeit Licht geben.“ (23. Mai kannte er bereits den Judas .) 287) Hormayr an Erzh. Johann, 1813, 1. Oft., Brünn (Spielberg), aus
VI. Tirols Wiedervereinigung mit Desterreich.
159
und den Vortheil Tirols , seiner Heimat , schätzte er blos nach den seinem Emporkommen günstigen Umständen ab. Der ideenbare Routinier verstand sich auf die Auswahl brauchbarer , ja vorzüg licher Arbeitskräfte , ohne daß es dabei an Mißgriffen fehlte , und + die publizistische Seite seines Wirkens versah Adam Müller, der sich bald thun 288)
wie dies seine Briefe an Fr. von Genz 1 darnicht blos als Einbläser und Herold der öffentlichen
Kundgebungen Roschmanns , ſondern auch als Gevatter der politischen Wiedergeburt Tirols nach dem Wunsche und Willen der Regierung und im Sinne ihrer Verwaltungsschablone mit unverholenem Selbstgefühl geberdete, ohne der Ironie des Zufalles inne zu werden , welcher ihn , den Berliner Literaten , Philoſophen und Theosophen in das wildfremde Gebirgsland versezte , dessen Eigenart ihm ebenso unverständlich blieb, als umgekehrt seine eigene Denkweise dem richtigen Tiroler. In Roschmanns Vorgehen werden wir unschwer das doppelte Ziel erkennen, sich bei der Lösung der Tiroler Frage als den Unentbehrlichen obenan zu halten , anderseits den maßgebenden Anz schauungen und Wünschen der Regierung unbedingt nachzukommen, ja dieselben thunlichst zu überbieten , wo es ihm ein besonderes Verdienst einbringen könnte, und die Stimme des Volkes, womöglich gedämpft und abgeändert , durch sein Sprachrohr : an den Stufen des Thrones vernehmen zu lassen. Es wäre ebenso unhistorisch als ungerecht, Roschmann für die Lösung der Tiroler Frage nach ihrer staatsrechtlichen Seite verantwortlich zu machen , er handelte nur nach höheren Weisungen ; daß er aber hiebei den Tiroler ganz und gar verläugnete, daß er die frischen Wunden des Landes , kühlen Herzens, ausbluten ließ, ſtatt ſie, mitfühlend , zu verbinden, und daß er sich
einer Zeit , wo er noch nicht vom Verrathe Roschmanns überzeugt war : „Roschmann, den ich 1806 und 1809 gehoben habe, sehr brav vor dem Feind, entschlossen arbeitsam, ein exzellentes Werkzeug, aber er hat auch nicht Eine eigene Idee, ist gar nicht der Mann, eine große Boutique zu führen, in der Feder nur was er von mir gelernt hat, und da nicht viel, kommod und hochmüthig" 288) Darüber w . u.
VI. Tirols Wiedervereinigung mit Desterreich .
160
jeden Widerspruch verkeßernd
rücksichtslos
zwischen
den
Herrscher und das Tiroler Volk drängte , um die öffentliche Meinung zu fälschen und selbst obenan zu bleiben, - das hat ihm Tirol nicht verzeihen können, und es sah ihn mit Genugthuung scheiden, als ihn auch seine früheren Gönner nicht länger halten konnten und wollten. Roschmann
war am
10. Dezember 1813
mit
kaiserlichem
Handschreiben von Frankfurt zum „ provisorischen Landeschef des italienisch-illyrischen Antheiles von Tirol" ernannt worden.
Zwei
Tage später ( 15. Dez.) erließ er aus Roveredo eine Kundmachung, welche die einstweilige Gerichtsverwaltung Welschtirols betraf und wiederholt auf die „ Eroberung “ „der ehemals zu den österreichischen Erbstaaten gehörigen Provinz Tirol" den Ton legt , wonach vor dem Abſchluſſe eines allgemeinen Friedens nur die auf dem Rechte der Eroberung gegründete militärische Beſizergreifung eintreten könne. Die vom 31. Dezember datirten Finanzmaßregeln Roſchmanns
für
das
genannte
Gebiet
boten
äußerst
geringe
Er-
leichterungen dieſem hart mitgenommenen Lande , und ihre Rechtfertigung konnten die herbe Sylvesterspende durchaus nicht mundgerecht versüßen. Eine gleiche Aufnahme fand die den
1. März
1814 von
Trient aus verkündigte „ proviſoriſche Organiſation der politischen Behörden des illyrischen und italienischen Theiles von Tirol" , das wieder von dem Prinzip der „ Eroberung" durchtränkt war. 289) Die kaiserliche Entschließung vom 10. März 1814 zu Gunsten der Wiedereinführung der früheren Geseze in Illyrisch-Tirol stand mit jenen Weiſungen im Zuſammenhange, welche Graf Franz von Saurau als Hofkommiſſär für Illyrien am kaiserlichen Hoflager in Frankreich unter Mitwirkung Baldaccis überkommen hatte. 290) Ihr
289) Vgl. über diese Thätigkeit Roschmanns Jäger 109 ff., Egger III. 845 f. 290) Vgl. das Nähere in meinem Werke „Z. Geſch. Dest. 1792-1816, 5. Buch, S. 247 ff. In dem Gutachten Baldaccis v. 29. Sept. 1813 über Bellegardes Vortrag, betreffend die Adminiſtration der illyr. Provinzen, wird Roschmanns als „Oberlandes-Kommissärs" für Tirol gedacht. Das Saurau-Baldaccische Operat s. ebenda S. 280 ff. Siehe die bezüglichen Gut-
1 VI. Tirols Wiedervereinigung mit Desterreich.
161
zufolge sezte Roschmann mit Erlaſſe vom 26. März die alten und neuen Gefeße vom 1. April an für Illyrisch-Tirol in Kraft und errichtete das Landgericht in Lienz und die drei Landgerichtserpoſituren zu Windisch-Matrei, Innichen und Ampezzo. Roschmann selbst fand es jedoch räthlich, sich bei dem Manne über sein Thun und Lassen zu rechtfertigen, den er einst verrathen, verleumdet hatte und mit verlogenen Worten immer noch als sehnlichst erwarteten Erlöser Tirols zu begrüßen pflegte, ihn, dem er nur die Wege zu ebnen befliſſen ſei. Es geschah dies (8. Mai 1814) zu einer Zeit, als auch Deutsch-Tirols Rückfall an Oesterreich bereits entschieden war, und Roſchmann die Zukunft des ganzen Landes in die Hand zu nehmen sich beeilte, - zu einer Zeit, da Erzherzogs Johann steigender Verdacht zur Ueberzeugung von der Untreue Roschmanns fortschritt und er das Gebahren des Lezteren in Tirol längst bereits zu tadeln Anlaß fand. Es erscheint zweckmäßig, den wesentlichen Inhalt dieser Rechtfertigungsschrift Roschmanns hier einzufügen. 291) Roschmann hebt mit der Schwierigkeit ſeiner ämtlichen Stellung -an , die ihm auch die Vorkehrungen für die italienische Armee Desterreichs aufgelastet und bei dem eigenthümlichen Verhältnisse Oesterreichs zu Baiern allerhand sein Thun hemmende Rücksichten geboten habe. „Mein eigenes Dienstverhältnis "
heißt es dann wörtlich,
„war unbeſtimmt ; die provisorischen Adminiſtrations -Verordnungen, welche ich in Ermanglung einer anderweitigen Behörde zu treffen genöthigt war , mußten mit um so größerer Umſtändlichkeit vor Sr. k. k. Majestät verantwortet werden , als es nicht entschieden war , ob nicht der illyrische Antheil von Tirol dem Gouverneur von Illyrien , der italienische dem von Italien zufallen würde. Nichtsdestoweniger waren bei der Nähe des Kriegstheaters die achten Baldaccis und Erledigungen des Kaisers v. Nov. 1813 in m. angef. Werke S. 265. 291) Erzh. Johanns Nachlaß. Sie umfaßt 8½ S. Fol. S. Jäger S. 120 und Anhang III. ( 192) „Verz . der Steuern u . Abgaben, welche Roſchmann in dem illyr. ital. Theile Tirols forterheben ließ." 11 Krones , Tirol 1812-1816.
162
VI. Tirols Wiedervereinigung mit Oesterreich.
Anforderungen an die erschöpfte und doch aus Rücksicht gegen Baiern noch nicht zu ihrer ehemaligen Integrität zurückgekommene Provinz Tirol so groß , daß ohne die Wiederherstellung einer interimistischen Ordnung der Dinge , insbesondere aber ohne Reaktivirung der Finanzgefälle der Dienst Sr. Majestät unvermeidliche Störungen erfahren mußte. Ich konnte mich demnach nicht mit der bloßen Vorbereitung der Materialien für die künftige provisorische Landesregierung begnügen , sondern mußte , da die außer= ordentlichen Hilfsquellen und der Unterhalt der Landesdefenſion erschöpft waren , zu den bisherigen ordentlichen Revenuen meine Zuflucht nehmen.
Die modifizirte Wiederherstellung derselben er-
forderte eine Reviſion der ganzen bisherigen Verfaſſung und eine vorsichtige Rückkehr zu allen den Einrichtungen , von denen das Finanzsystem des Feindes abhängig gewesen war. Unter diesen Geschäften, welche bei der Beschränktheit des mir untergeordneten Ober - Landes - Commiſſariatiſchen Personals
noch
dadurch erschwert wurden, daß die erſten politiſchen und Finanzbeamten der Provinz bei ihrer Flucht die wichtigsten Akten mit sich fortgeführt hatten, ward ich von dem Entſchluſſe Sr. Majestät, vermöge deſſen mir die provisorische Adminiſtration der eroberten Antheile Tirols unter der Leitung Sr. Excellenz des H. ArmeeHofkommissärs von Baldacci anvertraut wurde, unterrichtet, auch wurde mir der von Sr. Majestät unterm 28. Nov. vorigen Jahres (1813) für die provisorische Verwaltung der eroberten illyrischen und italienischen Provinzen erlaſſene Kabinetsbefehl zur Nachachtung mitgetheilt. " Die Schrift wendet sich dann zu der Nothwendigkeit eines Provisoriums . „ Ich mußte von dem Grundſaße ausgehen“
heißt es weiter,
„daß die plögliche Erleichterung von einem drückenden Joch in staatswirthschaftlicher Hinsicht von nicht viel weniger nachtheiligen Folgen ist als selbst der jähe Uebergang von einer sanften und liberalen zu einer harten und unväterlichen Regierung , und daß nur durch eine allmälige und ſtufenweise Verbesserung dem Unterthan die nöthige Zeit verschafft wird , sich mit seiner Haushaltung in die neue und ungewohnte Ordnung der Dinge zu fügen. Dieser
VI. Tirols Wiedervereinigung mit Desterreich.
163
bei allen Gelegenheiten von mir öffentlich ausgesprochene Grundfaß kam mit den von Sr. Majestät in dem erwähnten Kabinetsbefehle angeordneten Verhaltungsregeln überein.
Die fortdauernden Be-
dürfnisse eines kostspieligen Krieges erforderten die Aufrechthaltung der vom Feinde benügten Reſſourcen , dieſe zog die einstweilige Beibehaltung der feindlichen Gesetzgebung und der Côde Napoleon die interimistische Fortdauer der inneren Form der bisherigen Verwaltung nach sich." Nachdem Roschmann die Reihe
solcher
provisorischen Ver-
fügungen als gerechtfertigt darzulegen sich bemüht und überzeugt ist, „sie um so unbefangener und zuversichtlicher" dem „ erleuchteten Urtheile " des Erzherzogs unterstellen zu dürfen, — schlüpft er über den heikelsten Punkt , die tirolische Verfassungsfrage mit folgenden Worten hinweg : „Nur nach hergestelltem Frieden ließ sich bestimmen, in wiefern die älteren Vorrechte , Privilegien und Imunitäten Tirols wieder eintreten konnten. In keiner Hinsicht durfte den Dispositionen Sr. Majestät vorgegriffen werden , da von allerhöchster Gnade, nicht aber als ein dem Lande angebornes Recht die etwaigen zukünftigen Begünstigungen
Tirols den Bewohnern zukommen mußten. Uebrigens war die Civil-Beſißergreifung , welche den ausdrücklichen
Weisungen Sr. fürstlichen Gnaden des Herrn Miniſters der auswärtigen Angelegenheiten zufolge nicht vor dem Abſchluſſe des allgemeinen Friedens stattfinden sollte , unumgängliche Bedingung der Wiederherstellung der Verfassung. Es blieb also auch in dieser Beziehung nichts übrig als die militärische Beſizergreifung so wohlthätig und heilsam anzuordnen als die oben entwickelten höheren Beschränkungen gestatteten. “ Roschmann entwickelt nun im einzelnen die Grundſäße seiner Kundmachung vom 15. Dezember 1813 nach ihrer militärischen, polizeilichen und finanziellen Seite und besonderen Geltung für das vormals italienische Tirol. „ Im Illyrischen Antheile"
fährt er dann fort, „ war
die Lage der Umstände durchaus verschieden. noch die Lokalität war ein Hindernis
der
Weder die Sprache schleunigen Wieder11 *
164
VI. Tirols Wiedervereinigung mit Desterreich.
herstellung der deutschen Geseze.
Se. Majestät ertheilte mir durch
die allerhöchste Entschließung aus Troyes vom 10. März , die Se. Erz. der Herr Armee-Hofkommiſſär (Baldacci) mir zur Nachachtung mitzutheilen die Gnade hatten , die Befugnis , wie es in den illyrischen Provinzen geschehen durfte, so auch in dem eroberten Antheile von Tirol zu den vaterländischen Geſeßen zurückzukehren. Wie im italienischen Tirol die Sprache und der Mangel ge = eigneter Beamten und einer italienischen Uebersehung
des öster-
reichischen Gesetzbuches sich dieser Wohlthat widerseßte , vor allem aber, wie der apprehensive Charakter der Bewohner des bairischen Tirols (welche die definitive Einführung der österreichischen Verfassung gesehen haben
würden ,
daß
für
ein Zeichen an-
über ihr
Schicksal der
Stab gebrochen sei) zu einer Beibehaltung des provisorischen Zuſtandes nöthigte, werden Euer k. Hoheit aus Höchſtihrer Kenntnis des Landes und der die dermalige Okkupation begleitenden Nebenumstände ohne mein Zuthun ermessen. Für den illyrischen Antheil existirten die örtlichen Hinderniſſe nicht , und der Eifersucht der bairischen Tiroler wurde dadurch begegnet , daß ſelbſt dieſe Wiedereinführung
der österreichischen Geseze nur für
eine provisorische Maßregel ausgegeben wurde, und daß sich ihre Wirksamkeit nur über das Gebiet eines sehr kleinen Kreisamtes erstreckte". Indem die Schrift die bezüglichen Kundmachungen, insbesondere die vom 26. März über die Justizverfassung anführt , schließt sie mit folgender Aeußerung ihres Verfaſſers : „ Die Aufgabe, die mir durch die Umstände vorbehalten wurde, da sich voraussehen ließ, daß bis zur definitiven Einrichtung des Landes die juſtizielle Einheit nicht zu bewirken stand , war : durch Vermittlung der finanziellen und politischen Einrichtung das Band zwischen beiden Landestheilen festzuhalten und zwei Fragmente einer alten Provinz, welche in der lezten Zeit integrirende Theile zweier verschiedenen feindlichen Reiche gebildet hatten , von dieſen , ſo viel als möglich loszureißen und sie dem alten Verbande, unter welchem sie Jahrhunderte lang alle Segnungen eines väterlichen Scepters empfunden hatten, allmälig wieder zuzuführen “.
165
VI. Tirols Wiedervereinigung mit Oesterreich.
Wir wiſſen nicht, ob dieſe ausführliche Apologie der bisherigen Thätigkeit Roschmanns aus deſſen eigener Feder stammt oder von einer der ihn umgebenden Hilfskräfte herrührt.
Jedenfalls ist sie
nicht ungeschickt gemacht, die Logik der Thatsachen mit der Sophiſtik der Selbstrechtfertigung ſo verbrämt und verschlungen , daß
der
oberflächliche Blick beides unbedenklich in Kauf nimmt , selbst das, was aus gutem Grunde über den „ apprehensiven Charakter der Bairisch-Tiroler"
bemerkt erscheint , über das „ wilde Fleisch“
wie es Roschmanns publizistischer Gehilfe, Adam Müller , nennt, das man nicht "1 wegzubeißen “ , „ ſondern in den großen Körper“ in den Gesammtstaat Desterreich — „hineinzukurieren"
habe. 292)
Sicherlich war das , was Roschmann andeutet , die durchgreifende Austriacisirung Tirols, ein getreues Echo der leitenden Anschauungen an maßgebender Stelle , welche im Interesse des Staatssäckels die ununterbrochene Arbeit der Steuerschraube
im bereits okkupirten
Tirol wünschten und aus dem Gesichtspunkte
des
monarchiſch-
bureaukratischen Systems , anderseits der politisch- adminiſtrativen Gleichförmigkeit : die Wiedervereinigung Tirols zur einheitlichen Provinz als Gnadengeschenk der Krone , nicht als Ergebnis einer weit um sich greifenden Volksbewegung betrachtet wissen wollten, welche fern davon waren , das „alte Tirol" — Tirol vor dem Preßburger Frieden
wiederherzustellen ,
den Geist des Jahres
1809 heraufzubeschwören. Roschmann handelte unter dem Schilde der ihm wohlbekannten Anschauungen , aber statt im Geiste seiner wichtigen Sendung zu wirken , dem Pulsschlage der wahren öffentlichen Meinung nachzuspüren und aus nächſter , unmittelbarer Wahrnehmung in Bezug des Volkscharakters und der allgemeinen Nothlage das richtig zu stellen, was die Staatskunst von Ferne her oberflächlich ins Auge faßte und theils zu hoch anschlug, theils unterschäßte, über seiner Amtspflicht den Patrioten, den Tiroler nicht ganz zu vergessen, den billigen Erwartungen und Wünschen seines Heimatlandes entgegenzukommen , — suchte er in seinem Streberthum die höheren Weisungen noch zu übertrumpfen , die Regierung in ihren Grund-
292) Brief Müllers an Genk, 30. Sept. 1814 ; ſ . w. u.
166
VI. Tirols Wiedervereinigung mit Desterreich.
anschauungen bezüglich Tirols zu beſtärken und die entgegenstrebenden Kundgebungen, den Ruf nach der alten Verfaſſung, das Verlangen nach dem Erzherzog Johann entweder abzuschwächen, oder, wenn es nicht gelang , all dies zu ersticken, zurufen.
Gegenstimmen künstlich wach-
Die Vergangenheit Roschmanns macht Vieles begreiflich.
Wir müssen nun aber dieser Kundgebungen in „ BairischTirol" gedenken, wie solche seit dem Frühjahre 1814 immer lauter den Weg zum Throne suchten, 298) vor allem aber der Persönlichkeit näher treten , die der geistige Quell derselben und der berufenſte Rathgeber , der geschickteste Anwalt der tirolischen Patrioten und Verfassungsfreunde blieb. Joseph von Giovanelli war der Sohn des gleichnamigen Vaters , dessen Rolle in den Jahrbüchern der Geschichte Tirols 1796-1801 und 1809 von Freund und Feind als eine hervorragende bezeichnet wird. Aus deffen Ehe mit Marianne Katharine von Pach 1783, 12. April in Bozen entſproſſen, begann und vollendete Giovanelli seine Gymnasialſtudien in der Vaterstadt und begab sich dann an die Universität zu Padua , von wo er in die Heimat zurückging und die Innsbrucker Hochschule bezog . ihn dann zu Wien , 1801 Studien beschäftigt
und
im
Wir finden
bis Anfang 1805 mit akademischen Verkehre
mit
wissenschaftlich
und
literarisch bedeutenden Männern. 294)
298) Dahin gehört das sog. „ Manifest der Tiroler“, das Streiter z. Schl. s. Auffages S. 374 anführt, worin die bairische Verwaltung in der schärfsten Weise verurtheilt erscheint. Vor Allem gelte es den Schwur, nicht mehr Baiern anzugehören. "1„ Alle Stände müssen sich versammeln und diese leßte Selbsthülfe soll jede vorangegangene Insurrektion übertreffen. Es muß allen Ständen Tirols, dem Adeligen wie dem Priester, dem Bürger wie dem Bauern die wichtigste Angelegenheit sein, alles aufzuopfern, um das heiligste ihrer Güter, die freie Ausübung ihrer Religion, ihren rechtmäßigen Beherrscher, ihre Verfassung und ihre Freiheiten, ihren Wohlstand und Erwerb wieder zu erringen" . Desterreich wird an das Jahr 1809 erinnert und Baiern vor fruchtlosen Anstrengungen und nuglosen Opfern gewarnt, die nur zum Aufruhr reizten. - Die Schrift war für den Kaiser von Oesterreich und für den König von Baiern bestimmt. 294) Vgl. Histor. polit. Blätter f. d . kathol. Deutschland, h. v. Phillips und G. Görres, XX. Bd . , München 1847, III . „Joseph Frhr. v. Giovanelli,
167
VI. Tirols Wiedervereinigung mit Desterreich. So hatte er sich eine vielseitige , Schulung wurzelnde Bildung Rechts- und
in gründlicher klassischer
und gediegene Kenntnisse in den
Staatswissenschaften
angeeignet
und
begann seit
20. April 1805 seiner Heimat und dem Staate als Praktikant beim Bozner Kreisamte , dann beim Gubernium und Fiskalamte in Innsbruck zu dienen.
Als dem Preßburger Friedensſchluſſe
Februar 1806 - die Uebergabe Tirols an Baiern folgte , wurde Giovanelli bei der bezüglichen Hofkommiſſion in der Eigenschaft eines Aktuars verwendet. 1807
Ein kaiserliches Dekret vom 30. Nov.
anerkannte seine tüchtigen (unentgeltlichen) Leiſtungen und
ſicherte ihm eine Anstellung in den k. k. Erbländern , falls er sich um eine solche bewürbe. Der junge Mann , aus wohlhabendem Hause , seit 1807 mit der Tochter des eidgenössischen Geschäftsträgers in Wien , Freiin von Müller - Müllegg , vermählt, durch und durch Tiroler und Freund persönlicher Unabhängigkeit, zog es vor , mit seiner Gattin im Bozner Heim zu leben , die trüben Tage der bairischen Herrschaft über sich ergehen zu laſſen , und mit dem Vater eines Herzens und Sinnes
die Erhebung Tirols im Jahre 1809 als deren rührigſter Sachwalter zu fördern. Das Haus seines Vaters in Bozen war im Süden des
Brenners der Sammelplag der österreichischen Partei, deſſen Name, Geld und Kredit ein wichtiger Hebel des Befreiungskrieges, seine Klugheit, seine Kenntnis des Landes und der Leute die Seele der Unternehmungen in diesem Landgebiete.
Der jüngere Giovanelli
besorgte die Vollführung der wichtigen Aufträge seines Vaters und blieb dem Oberkommandanten Tirols , Andreas Hofer , bis zu jenem Zeitpunkte an der Seite , da der Zwang der Umstände die Wieder-Anerkennung der Fremdherrschaft gebieterisch forderte. Dem älteren Giovanelli gelang es , die Unterwerfungserklärung der Tiroler fertig zu bringen ; mit ihr eilte der Sohn nach Trient, wiederholt in Gefahr , von den noch unter Waffen gebliebenen Landſtürmlern als Verräther an der Sache Tirols behandelt zu werden.
Bruchstücke zur Geschichte u. Charakteristik Tirols . Erstes Fragment. S. 25-47. Vgl. die kurze, warme Charakteriſtik b. Jäger S. 117 Anm.
168
VI. Tirols Wiedervereinigung mit Oesterreich.
Nach dem trüben Ende des Volkskrieges begab sich unser Giovanelli mit Weib und Kindern zu seinem Schwiegervater nach Wien und harrte hier beſſerer Zeiten.
Sein Vater erlebte nicht
mehr das Morgenroth des Befreiungskrieges ; er starb den 19. Nov. 1812 und vererbte Alles , Besiz , Vermögen , persönliches Ansehen und seine Patriotenrolle auf den einzigen Sohn , welcher in Wien die Todesbotschaft empfing und für einige Zeit sich nach Bozen begab, um dann wieder nach Wien zurückzukehren. War, wie oben bemerkt, das Haus des älteren Giovanelli in Bozen der Sammelpunkt der österreichisch gesinnten Tiroler gewesen, so bildete das Wiener Heim Giovanellis des Jüngern einen solchen für jene Landsleute , die es vorzogen , auszuwandern statt bairisch oder französisch zu werden.
Der kräftige , behäbige Mann hatte
vom Vater die Leutseligkeit , die Mischung von Gemüthlichkeit und Schalkhaftigkeit , die Schärfe des Urtheils und den Humor überkommen, der das Schwierigste fertig bringen , das Unangenehmste ertragen hilft. Derselbe Mann, welcher mit den schlichteſten Landsleuten in ihrer Denk- und Sprachweise zu verkehren gewohnt blieb, konnte aber auch eine feingeschliffene Feder führen und Fragen des Rechtes und der Politik mit tiefem Verständnis durchdringen und lösen. Vergleichen wir die Briefe Giovanellis mit denen seines Verwandten , des Frhr. von Hormayr , 295) so bieten sie allerdings
295) Hormahrs wie immer stark subjektiv angehauchtes Urtheil über Giovanelli findet sich wiederholt in s. Briefen an Erzh. Johann. So in einem Briefe o. D. 1814 (Mai) : „ Giovanelli, nicht weil er mein Cousin und Jugendfreund , sondern weil es Wahrheit ist, ist zwar furchtſam und in Meinungen nicht so fest und treu wie der unvergeßliche Vater, der wohl verdient hätte, diese Epoche zu erleben, aber edel, Erzpatriot, Euer f. Hoheit ergeben, weil er weiß, daß das Land keinen himmlischeren Fürsprecher und Vertreter haben kann. Ich schreibe Binner (Sekr. des Erzh.), sich an ihn zu machen, und ihn zu influiren, denn E. k. H. glauben gar nicht, wie viele Kanäle er im Lande hat, zu wirken, und er wird mit Feuer in die Sache eingehen . . .“ 18. Juni daß er, 1814 schreibt er : „Ich habe Höchstdenselben Giovanelli empfohlen ; verheßt und belogen von Roſchmann (diesbezüglich war wohl Hormayr ſtark in Irrthum !) rasend gegen mich deklamirte, vergab ich, weil ich seine Talente, Landeskenntnis und Patriotismus für Höchstdero Sache nüßlich glaubte. Aber
VI. Tirols Wiedervereinigung mit Desterreich.
169
nicht jene überreiche Aehrenlese an historischen Reminiszenzen , unerschöpflichen , aber auch allzu häufigen und sich wiederholenden Paralellen und Antithefen , an kühnen Gedankensprüngen , leidenſchaftlichen Ausfällen und ſarkaſtiſchen Randbemerkungen , welche Hormayrs Epiſteln als überpfeffertes Gericht erscheinen laſſen, aber sie sind dafür stoff- und formgerechter , verrathen ein sicheres und bewegliches Auge für Thatsachen und Persönlichkeiten und entbehren auch nicht des attischen Salzes.
Während Hormayrs krankhafter
Ehrgeiz, galliges, unverträgliches Wesen, der Fluch häuslichen Unglücks und der begreifliche Groll über sein unverdientes Geſchick seine Korrespondenz so zerfahren und vulkaniſch erscheinen laſſen, wie es sein Inneres war , haben wir es bei Giovanellis Handlungen und Schriften mit
einer
harmonischen ,
von
glücklichen
Privatverhältnissen begünstigten Natur zu thun , die sich über ihr Wollen und Können klar blieb. Erztiroler , Autonomist , an dem von den Vätern Ererbten festhaltend , an der Verfaſſung , an dem Glauben und dem Brauche seines Landes , dabei wissenschaftlich gebildet, rede- und federgewandt , mußte Giovanelli der Führer und das Orakel seiner Heimats- und Gesinnungsgenossen werden. Früh heimisch geworden in der Kaiserstadt an der Donau, mitten in einem weiten Kreise persönlicher Bekanntschaften und Verbindungen , - war auch Giovanelli dem Lieblinge und der Hoffnung der Tiroler , Erzherzog Johann , näher getreten und deſſen Aufzeichnungen früherer und späterer Zeit bieten uns ausgiebige Belege für die Zuneigung und Achtung , welche der kaiserliche Prinz beiden Giovanellis , dem Vater 296) und Sohne , als Vordermännern des Tiroler Volkes zeitlebens bewahrte.
ich bitte, sich seiner mit größter Umſicht zu bedienen, ihn zu brauchen, aber in Nichts einzuweihen, denn er ist durch den ihn unbedingt gängelnden, sehr zweideutigen Dr. Rapp , das Organ einer Partei in Wien, die zwar von Roſchmanns Arroganz beleidigt ist, aber nichts weniger will als Rückkehr des Prinzen zu großer Wirksamkeit“ (auch da sah wohl Hormayr durch eine getrübte Brille !) 1814, 20. Juli : „ Giovanelli ist zu benüßen ; er denkt für Vaterland gut ; zu vertrauen ist ihm aber nichts ; er wird von der Polizei gebraucht (!) “ . . .
296) Ueber den älteren Giovanelli heißt es in den Aufzeichnungen aus dem Lebensabende des Erzherzogs (Bogen 80) : "1" · • er gehörte unter meine
170
VI. Tirols Wiedervereinigung mit Desterreich.
Diese vertraulichen Beziehungen bezeugen die nicht seltenen Zuſchriften des jüngeren Giovanelli an seinen hochgestellten Gönner, denen selten sein Name , sondern blos „ Notus “ (der „Bekannte “ ) unterzeichnet erscheint. Giovanelli war nächst Hormayr auch derjenige , dessen Anschauungen über Tirols Rechte und Zustände der Erzherzog gern zu Rathe zog , und so war möglicher Weise auch jene Denkschrift über Tirol vom 24. April 1814 für den Erzherzog bestimmt , die wir als maßgebenden Ausdruck des politischen Glaubensbekenntniſſes Giovanellis in ihren Schlagworten zur Sprache bringen. 297)
Giovanelli
legt
einen
besondern Nachdruck auf den Sat :
"‚Der Wohlstand, ja man möchte sagen, die Existenz des tirolischen Volkes ſei einzig und allein an seine Verfaſſung geknüpft“ . Indem er dann bei seinem Konservatismus über den
afterphilosophischen Geist" des Zeitalters der Revolution den Stab bricht , erörtert er das in seinem innersten Wesen unvertilgbare jener Verfassungen, ,,die unmittelbar aus der Natur und den Verhältnissen eines Landes
und Volkes entstanden “ und wendet dies auf Tirol an.
Die Ver-
fassung Tirols hänge unlöslich mit den Kulturzuständen und. Vertheidigungsverhältnissen des Landes zusammen. Man müſſe ſeine „ militärische Selbſtſtändigkeit“ ebenso sorgfältig beachten wie die Thatsache, daß Tirols Ackerbau nie eine Quelle des Reichthums war, daß sich jedoch seit Herzog Friedrich IV. das „ produktive Kapital" durch die Landſtandſchaft des Bauers und Bürgers, neben den bisherigen adeligen und gräflichen Grundherren, in eben dem Maße günstig vertheilte als es sich vermehrte. Um so nothwendiger erscheine die Wahrung der Verfaſſung und des entsprechenden Abgabensystems. War Tirol nie eine Finanzquelle Oesterreichs , so könne es jezt , nachdem es den Druck von Freund und Feind erlitten, noch weniger als eine solche betrachtet werden.
Um so größer sei
wahren Freunde." „ ein Mann von hohen Verdiensten um sein Vaterland, unerschütterlich in seinen Grundsägen, welche er unter allen Umſtänden bewährte ; gehörte zu den Ausgezeichnetsten Tirols . . ." 297) S. hist. polit. Bl. a. a. D. 32-40, das Wesentlichste der Denkschrift ; fie findet sich im Nachlasse des Erzherzogs nicht vor.
VI. Tirols Wiedervereinigung mit Desterreich.
171
für den österreichischen Großſtaat Tirols militärisch - politische Bedeutung, wie sich dies von Maximilian I. bis zum Jahre 1809 geschichtlich begründen lasse. Der Tiroler, der beste Vertheidiger dieser Naturfestung, hängt an seinem Lande, an seiner Freiheit, an seinem Glauben und an seiner Verfassung und erblickt in der Anhänglichkeit an das österreichische Regentenhaus den sichersten Bürgen der Lezteren. Indem Giovanelli die Verfassung Tirols geschichtlich entwickelt , kommt er auf den Tiroler als Landesvertheidiger zurück, als den richtigen Mann des Aufgebotes , des Landſturmes , des Milizsystems , auf seine geringere Eignung in der Linie zu dienen und bespricht die nationalökonomischen Schäden der Konskription. Die natürliche Beschaffenheit des Landes, der Charakter der Nation und ihr Verhältnis zu Oesterreich, der großen europäiſchen Mittelmacht, stünde mit der früheren Verfaſſung_im_vollkommenſten Einklang. So viel über Giovanellis politische Anschauungen.
Kommen
wir nun wieder auf die allgemeine Sachlage zurück. Eine der frühesten Kundgebungen der Tiroler war die von 110 Personen aus verschiedenen Landestheilen und Ständen : Geistlichen , Gutsbeſizern ,
Gemeindevorstehern und Ausschußleuten am
12. Februar 1814 zu Brunecken vereinbarte Bittschrift an den Kaiser , welche J. J. Told, Leop. Visdomini und Bartlmä Guggenberger behufs weiterer Vorlage an Giovanelli nach Wien absandten. 298) Ihr folgte bald die mit 25 Unterſchriften versehene Bittſchrift der „Begwaltigten des nördlichen Tirols " 299) vom 4. März.
298) Jäger 117–118. 299) Erzh. Johanns Nachlaß ; mit 25 Unterschr. (Vertreten erscheinen die Gemeinden : Innsbruck , Telfs , Thaur , Hall (Straub), Volders , Rattenberg, Schwaz , Zell am Ziller.) Es heißt da unter Anderm : „Einige Theile des zerstümmelten ehemaligen Tirols, die Frankreich zu Jllyrien und Italien abgeriſſen hatte, waren zwar so glücklich, schon im Laufe des vergangenen Jahres unter der Verwaltung einer provisorischen österr. Landkommission zu kommen , aber sie fühlen den großen Unterschied zwischen den Gesinnungen eines einzelnen Beamten und den erhabenen Grundsäßen , die von jeher in
172
VI. Tirols Wiedervereinigung mit Desterreich.
Sie enthielt einen scharfen Ausfall gegen den Landeskommissär (Roschmann) und begründete ihre Berechtigung damit : daß alle bisherigen Vorstellungen , theils an die bairische Regierung , theils an den Fürsten Metternich, theils an den k. Landeskommiſſär vergeblich gewesen seien. Den Schluß machte die Bitte um die Statthalterschaft Erzherzogs Johann. Das Tagebuch des Lezteren zum 27. Jänner 1814 gedenkt mit unverholener Befriedigung all dessen, was der Bauer in Tirol im Drange der Selbsthilfe bewirkte. Er konnte aber auch die Gemeinſchädlichkeit solcher unklarer und unnatürlicher Verhältnisse bei dem ihm angeborenen Gefühle für Volkswohl, Recht und Ordnung nicht verkennen. 300) Wir wissen, daß Giovanelli die Brunecker Bittschrift vom einige
12. Februar und wahrscheinlich auch die vom 4. März
Wochen später (25. März) dem Frhrn. von Haager überreichte, um sie durch ihn an den Kaiser gelangen zu laſſen. präſident beförderte sie (21. April) den Handlungen des walteten."
Der Polizei-
an den Kaiſer in Begleitung
österreichischen Prinzengeblütes ob-
Man sagt weiters darin, daß schon sehr dringende Beschwerden an das allerhöchste Hoflager gelangt sind , weil der Landeskommissär nach Grundsäßen vorgegangen ist, die das angeborene Gefühl der Nation im hohen Grade beleidigen müssen. Nordtirol schmachte nach Befreiung. 300) Erzh. Joh. Tageb. z. 27. Jänner 1814. "In Tirol haben die Bauern so viel bewirket, daß es die Baiern geräumt und blos Rattenbergs Verschanzungen mit Depots und bairischem Landsturm besezt halten. Innsbruck ist frei, Lerchenfeld in München, Kapuziner und Serviten (dies bezieht sich offenbar auf die wirksame Fürsprache des Kapuzinerprovinzials P. Jakob Gepp und des Serviten P. Benitius Mayr in den bewegten Dezembertagen Innsbrucks zu Gunsten der bairischen Beamten ; vgl. oben u. Jäger a. a. D. 87) haben es bei dem Volke verwirkt, weil sie die Baiern schüßen wollten ; die Freischüßen beginnen wieder, die Leute versehen sich mit Stußen ; nichts wollen sie Baiern mehr zahlen, alle die für sie (Baiern) sprechen, werden übel angesehen, so der Pfarrer von Imst, so der Landrichter von Sterzing, der den kaiserlichen Adler auf dem Rücken durch die Stadt tragen mußte.“ (Vgl. v . S. 157.) Zum 1. März 1814 : „Allein nach Tirol wünsche ich nur dann zu kommen wenn ich diesem lieben Volke seine Verfaſſung, Glück, Ruhe und frohe Dinge bringen kann ; sonst, gebe Gott, daß ich hier bleibe“ (Randbem. aus späterer Zeit) : „Mein Wunsch war bedingt, und ich hatte Recht, in dem von mir gesezten Falle es nicht zu wünschen. "
VI. Tirols Wiedervereinigung mit Oesterreich.
173
einer Denkschrift Giovanellis und mit günſtigen Aufschlüssen über den Verfaſſer dieser „ Bemerkungen über die ehemalige Verfaſſung von Tirol, entworfen bei Gelegenheit einer Sr. Majestät dem Kaiſer vorgelegten Bittschrift mehrerer Gemeinden um die Wiederherstellung .. 301)
derselben"
Aber auch von anderer Seite im Schooße der Regierung begann man zu fragen und zu forschen nach der Eigenart des rückerworbenen Landes . Darauf verweist die von dem k. k. Hofrathe Karl von Eyberg , einem Tiroler, der den Vertheidigungskriegen von 1796—1800 nahestand und auch deren Geschichtschreiber wurde, verfaßte
historische Darlegung und geographisch statiſtiſche Würdi-
gung", die der Genannte dem Fürsten Georg v. Metternich, Vater und gelegentlich Stellvertreter des österreichischen Staatskanzlers, als Gutachten oder Amtsvorlage einreichte. Das offiziöse Aktenſtück umfaßt 31 Artikel , von denen die drei lezten Vorarlberg betreffen. Die politische Seite der Denkschrift abgesehen von ihren Darlegungen des früheren Ständethums und landschaftlichen Verwaltungsorganismus von Tirol 302) erſcheint auf die sehr harmlos gehaltenen §§ 28 und 31 beschränkt.
Immerhin empfahl Eyberg die Wiederherstellung
der alten Verfaſſung Tirols als etwas populäres und unbedenkliches , indem ja auch der lezten Privilegienbeſtätigung die Klausel „ unbeschadet der landesfürstlichen Rechte" beigefügt wäre. Wenn hier der Staatsbeamte eine flüchtige Landeskunde von Tirol mit einem nüchternen Worte zu Gunsten seiner Verfassung schließt ,
so
finden
wir dies ebenso begreiflich wie die feurige
Apologie derselben aus der Feder eines eingefleischten Tiroler Autonomiſten , wie dies unser Giovanelli war. Und so möge denn auch hier der Gedankengang seiner „ Bemerkungen “ zur Sprache kommen und zwar in jenem Theile , der sich mit der vielleicht für Erzherzog Johann bestimmten Denkschrift vom 24. April inhaltlich nicht deckt. 303)
301 ) Vgl. Jäger 119. 302) S. Anhang Nr . XXIII., s. auch Metternichs Brief an Erzh. Johann Nr. XXIV. aus Paris, 27. Mai 1814. 308) S. Jäger 307 ff.
VI. Tirols Wiedervereinigung mit Desterreich.
174
Nachdem die Ausführungen Giovanellis der politisch-ſtrategischen Bedeutung Tirols und der „ traurigen Erfahrungen “ gedachten, welche in Folge der Maßregeln Joſefs II. hinsichtlich_der_Konskription, seiner Mißachtung der Volksbewaffnung und der Schleifung der Grenzfestungen Tirols gemacht wurden, betont die Schrift die Thatsache , daß Tirol 1809 nicht durch die Schuld des Landes unter die Fremdherrschaft gelangte , daß der Tiroler sein Vaterland wie seine eigene Scholle und seine Verfaſſung über Alles liebe, daß ſein Charakter mit der Verfaſſung verwachsen sei. Die tirolische Verfassung sei sicher die älteste in Deutschland und bis auf die neueste Zeit, die gleiche geblieben , auch nach der Säkularisation von Brixen und Trient. Giovanelli Tirols
führt sodann die Rechte
auf drei Hauptpunkte
zurück :
1)
und Freiheiten Verfaſſungsmäßiger
Einfluß auf die Justiz- und Polizei- Gesetzgebung , 2) Ausschließliches Recht der Stände zur Ausschreibung , Einhebung und Verwaltung der Steuern, 3) Recht und Pflicht der Landesvertheidigung. Bei dem verfassungsmäßigen Abgabenwesen „ konnte die Kultur des Landes gedeihen ,
obwohl der Druck unseres Zeitalters auch
noch unter der österreichischen Herrschaft bereits fühlbar zu werden begann. Der Tiroler war bei diesem Abgabensysteme wohl abſolut, aber nicht relativ , nicht im Verhältnisse zur Seltenheit und zum fargen Erträgnisse seines Bodens besser gehalten als ein anderer Unterthan der österreichischen Erbländer. " Der Tiroler habe sich in Nothfällen nie den gemeinſamen Lasten entzogen , er habe im Gegentheil im Verhältnis zu seiner Kraft immer deren so viel wo nicht mehr als andere getragen, „jedoch mit Vorbehalt seines Rechtes “ .
Ueberdies sei ja die Ver-
fassung des Landes durch das Besizergreifungspatent von 1809 in ihrem vollen Umfange wiederhergestellt worden , wie dies auch die a. h. Handbillete vom 18. April und 29. Mai darlegten ; die Zeit somit gekommen, "1 wo das kaiserliche Wort eingelöst" werden könne.
Anfangs Juni 1814 - etwa drei Wochen nach dem demonſtrativen Jubel ,
mit welchem
die Tochter des Monarchen von
VI. Tirols Wiedervereinigung mit Oesterreich.
175
Oesterreich, die Exkaiſerin der Franzosen , Maria Luise , auf ihrer Durchreise
nach Wien
zu
Innsbruck
( 12. Mai)
begrüßt
wurde, 804) richteten 18 Vertreter des Landgerichtes Kufstein an Erzh. Johann eine von ihnen unterzeichnete Bittſchrift, worin ſie zunächst der Besorgnis Ausdruck gaben ,
daß es der bairischen
Regierung gelingen könne , die Gerichte Kufstein ,
Kizbühel und
Rattenberg zurückzubehalten , anderseits behufs ihrer Einverleibung in Tirol, um ſeine Fürsprache sich bewarben und seine Ernennung zum Landesgouverneur
als Gipfelpunkt
ihrer Erwartungen be-
grüßten. Eine gleiche Eingabe des Landgerichtes Kitzbühel machte ihren Weg an den Erzherzog zur selben Zeit. 305) Auch das Landgericht Sterzing fand sich zu einer von 26 Unterschriften beglaubigten Adreſſe veranlaßt , die der nämlichen Bestimmung entgegenging. Sie erinnerte den kaiserlichen Prinzen an sein Versprechen vom Jahre 1805 „bald wieder zu kommen“ und schloß mit einem Segenspruche auf den
„ allgeliebten Landes-
vater Se. Majestät den Kaiser Franz, und seinen durchlauchtigsten Bruder Erzh. Johann, unser Landesoberhaupt“. 306) Zeigte sich gerade dieser lebhafte , je weiterhin desto lauter ausgesprochene Wunsch nach der Gubernatur Erzherzogs Johann und der Wiederherstellung der innern Verwaltung , wie solche vor 1805 bestanden , nicht von dem gewünschten Erfolge begleitet, weil er das
beharrliche Mißtrauen des Kaisers
gegen die Ziele der
tirolischen Verfassungsmänner oder Autonomiſten und die Abneigung der eines
maßgebenden Räthe der Krone gegen jede
Geltendmachung
Rechtsanspruches " auf die alte Verfaſſung Tirols — einen
,,Anachronismus " in ihren Augen - um so stärker anfachte, 307)
304) S. Jäger 104-106 und über die Maifeier ebenda 103-104 ; Egger III. 846. 305) Im Nachlasse des Erzh. Fasz. XXVI. Die Petition der Gemeinde Kufstein trägt 16, die der Gemeinde Kizbühel 18 Unterschriften. 306) Ebenda. Unter den 25 Unterschriften begegnen wir der des Frhr. Joh. Wilh. Sternbach, des Frhr. Gobert Sternbach, Karls v. Klebelsberg , des Stadtpfarrers Alois Felix Helff, des Josef Nötter (Wirth z . gold. Adler), des Math. Auchendaler u. A. 307) Tageb. des Erzh. Joh. z . 26. April 1814 (Thernberg) : „Haben nicht
VI. Tirols Wiedervereinigung mit Oesterreich.
176
so sollte, wie wir sehen werden, auch die wachsende Agitation gegen Roschmann , den provisorischen Landeschef Tirols, einen hartnäckigen Widerstand finden, der von ihm und seinen Gönnern ausging , bevor auch diese einsahen , ihn nicht länger halten zu können. Immerhin war die unentbehrliche Vorbedingung der Wünsche des Landes um diese Zeit erfüllt , der Pariser Sondervertrag zwischen Desterreich und Baiern vom 3. Juni 1814 unterzeichnet, wonach lettere Macht gegen anderweitige Entschädigungen
in
den Rückfall
des Inn-
und Hausruckviertels ,
Bairisch-Tirols und Vorarlbergs willigte ; die Salzburger Frage blieb noch in der Schwebe. 308) Allerdings verzog sich noch etwas die thatsächliche Auslieferung des „ Innkreises " wie Bairisch Tirol eigentlich genannt werden muß - an die österreichische Verwaltung. Zuvor noch hatten Bauerndeputationen Militärbefehlshaber zu Innsbruck ,
den
österreichischen
Major Belichy , den Quos-
danovich zurückgelaſſen hatte, mit der Frage beſtürmt : „ Wann man denn endlich österreichisch würde ? " 309), und er selbst war überzeugt, daß bei längerer Dauer dieses unerquicklichen Zwitterzustandes ein neuer Aufstand gegen die bairische Verwaltung begänne. Denn gerade damals ergriff Baiern militärische Maßregeln in welche einen herausfordernden Charakter zeigten. Major
Tirol ,
Belichy vermochte die darob entstandene Aufregung nur dadurch beſchwören ,
daß er einerseits die am 5. Juni (1814) gegen Hall
schon Elende dem Herrn gesagt ; ich wollte das Land helvetisiren , hätten sie lieber gesagt, ich wolle Tirol und Helvetien österreichiſiren. . . . Niemand wird dem Kaiſer Tirol so führen wie ich, Roschmann am allerwenigsten, da gehört Geburt, Soldatenstand, Muth, Offenheit, Derbheit, gerades Benehmen, höchste Popularität und Strenge, man muß lange sich dazu vorbereitet haben, man muß Sitte, Gebräuche, Sprache kennen, man muß Schüß, Bergsteiger sein und so wie einer von ihnen, man muß mit sechs Pferden zu fahren wissen und am Fuße des Thrones seines Herrn zu reden verstehen." Damals vermuthete er bereits den Verrath Roschmanns , wie die Einzeichnung z. 30. April 1814 beweist. S. oben. 308) Neumann Recueil des traîtés . . • VI. 180 f. 309) Jäger 106.
VI. Tirols Wiedervereinigung mit Oesterreich. vorrückenden
400
Mann
Baiern
vom
Weitermarsche
177 mit
der
Drohung aufhielt, er würde alsbald mit seiner Truppe von Innsbruck abziehen und die dortige bairische Verwaltung ihrem Geschicke preisgeben, und anderseits den ergrimmten Bauern die Absendung einer Botschaft nach Wien empfahl. Sieben angesehene Vertreter ihres Standes begaben sich auch alsbald nach Wien. 310) Es geschah dies zur Zeit , als Roschmann aus München, wo er mit Kaiser Franz zusammengetroffen war , den Weg nach Innsbruck einschlug.
Er kam hier den 12. Juni an und erließ
die Kundmachung, daß längstens binnen vierzehn Tagen die „ österreichische Reokkupation Tirols " stattfinde , was auch den 26. Juni 1814 der Fall war. Das Besizergreifungspatent , dem die bairische Verzichtleistung vom 19. Juni vorangegangen, war von Worten des Landeskommissärs begleitet, die möglichst nachdrücklich den Tirolern die Pflicht loyaler Dankbarkeit ans Herz legten. 311) Inzwischen war bereits (10. Juni) die neue Bauerndeputation in Wien eingetroffen . Dies und alle andern Kundgebungen des Landes erfüllten den Erzherzog mit freudiger Rührung. in Tirol.
Alles wünsche sein Erscheinen
Er höre , daß auch die Steierer ihn begehrten ,
aber
wie gern er sie auch habe , Tirols Rechte auf ihn seien ältere. Giovanelli wurde mit der Abfaſſung der Petition betraut. 312)
310) Jäger 107. Die Deputation bestand aus folgenden Männern : . Schupferwirth Etschmann, Simon Kiechl, Wirth zum goldenen Löwen in Innsbruck, Seb. Riedl aus dem Zillerthal, Kaspar Seybold, Karl Pohl, Josef Guffler und Josef Peteffi. 811) Jäger 108-109. 312) Erzh. Joh. Tageb. z . 12. Mai 1814 (Wien). „ Ich halte es für das Beste, daß hierher bald eine Deputation komme, diese soll dem Kaiser eine Bitte einreichen, welche ihren Zustand und ihre Bitten ihm vorträgt." 19. Mai: .. Ich würde die Leute dahin zu ſtimmen wiſſen, wohin der Kaiser es wünschte, iſt dieſes und das Schicksal der Verfaſſung und Leitung des Landes bestimmt, dann hoffe ich, würde der Kaiser auch meiner nicht vergeſſen und mich dahin senden ; ich würde es begehren. " 1814, 10. Juni (Tirol. Deput.) . „Wie war ich gerührt, als ich aus allen Briefen, aus den Vollmachten, mich im Andenken des Volkes sah, alle erinnern 12 Krones , Tirol 1812-1816.
VI. Tirols Wiedervereinigung mit Oesterreich.
178 Am
15. Juni
nahte Kaiser
Franz
nach
langer
Ab-
wesenheit der Hauptstadt wieder , und seiner harrte eine zahlreiche Vertretung
der
Provinzen
des
Reiches
zur
Begrüßung
des
Herrschers. Erzh. Johann war mit den andern Brüdern dem Monarchen bis Burkersdorf entgegengefahren. Laſſen wir darüber sein Tagebuch sprechen , das an die Ankunft des Monarchen in Burkersdorf (2 Uhr Nachm.) folgende Worte knüpft 313) : " Ich hatte mich wahrlich lange, lange nach ihm geſehnt, freute mich sehr , stumm, weil ich tief bewegt war. umarmte Alle.
Er stieg aus und
Weiß Gott , wie es geschah , ich allein fiel durch.
Das schmerzte mich tief und es schmeckte mir gar nichts mehr ; natürlich , daß ich mir eine Menge vorstellte , und ich wußte mich nichts schuldig ; im Gegentheil, wie habe ich mich nicht benommen ; ich schwieg, hörte ja, freute mich, daß er unter uns ſei , ſpach mit Wrbna über das , wie es ihnen gegangen.
Nachmittags fuhren
wir nach Schönbrunn voraus ; die ganze Straße war geziert, Alt und Jung heraus ; in allen Dörfern Vorbereitungen nach ihren Kräften ; in Schönbrunn
Alles voll.
Als er dort angekommen
war , zeigte er sich auf der Altan , gewiß über 10000 Menschen, meist ordentliche Menschen ,
standen
und schwangen ihre Hüte,
Tücher u. s. w., riefen ihm zu ; mir rannen die Thränen, denn es freute mich inniglich, wie meinem Herrn durch Liebe der Seinigen
sich meiner und wünschen, der Kaiser möge gnädigst mich hereinsenden . Dies hat mich sehr gelohnt für manchen Kummer ; so höre ich, wollen die Steierer mich auch begehren ; so gerne ich sie habe, ſo brave Menſchen ſie ſind und die Existenz gewiß angenehmer wäre, ſo ſehr muß ich es hindern, denn Tirol hat ältere Rechte, und ich bin es dem Lande schuldig, mich für dasselbe aufzuopfern, um nur einigermaßen gut zu machen, was dem armen Lande durch 9 volle Jahre geschah, und ihnen die Liebe zu erwidern, die sie mir aufbewahren . Gott möge mich hineinbringen, mein Kaiser wird es nicht bereuen, ich halte ihm ja das Land und kommt Gelegenheit, so soll er dies Volk kennen lernen, wie treu ihm ergeben, wie redlich. Tief hat mich das Buch des Bartholdy (Berlin, 1814) über dies Land beweget, es sind nur Bruchſtücke, aber wahre Bruchſtücke, welche Erinnerungen für mich ! Er wolle alles Schriftliche dem K. übergeben. “ 318) Erzh. Joh. Tageb. z. 15. Juni 1814.
179
VI. Triols Wiedervereinigung mit Desterreich. seine Anstrengungen vergolten werden.
Da war es , wo er mich
fragte , „ wie es mir ginge " ; ich sagte ,
„ gut , seitdem er bei uns
wieder ſei, und wie wir um ihn besorgt " ; er erwiderte , „ er könne mir versichern, nie sei ihm das Geringste geschehen“ .
Daß er mit
mir sprach, that mir wohl , es war auch nothwendig , denn mich hätte seine Ungnade schwer gedrückt , wäre unausstehlich gewesen.' Tags darauf (16. Juni 1814) hielt Kaiser Franz von Schönbrunn aus den Einzug in Wien. „ Die Witterung konnte nicht schöner sein" schreibt der Erzherzog, „ an 40000 Fremde" !
"1 Glücklich bin ich, daß ich dieſen Tag erlebt ; er ist und wird der schönste meines Lebens sein “ . . . „ Mein alter treuer Schimmel trug mich; es iſt ſein leßter Dienst , nun nichts mehr“ " Abends soupirten wir beim Kaiſer , der mit mir sprach , das hat mich wieder ganz geheilt“ . So bricht aus allen diesen Aufzeichnungen, wie sie der Augenblick eingab, das Gefühl des Erzherzogs durch, dem, wie bitter auch das bisher Erlebte für ihn war , das Herz nur von Anhänglichkeit an den kaiserlichen Bruder, das Familienoberhaupt, den Patriarchen des Staates und seines Hauses, überwallt.
Dies zu ermeſſen war
das kühle Herz , der nüchterne und auf vorgefaßter Meinung zäh beharrende Sinn des Monarchen
nicht
geeignet.
Und dennoch
konnte auch ihm die Anhänglichkeit und Selbſtlosigkeit des jüngern Bruders nicht entgehen. Fünf Tage später fuhr der Erzherzog nach Schönbrunn . 314) „Nach dem Essen ging ich mit dem Kaiſer in ſein Zimmer," heißt es im Tagebuch zum 21. Juni. Thun und Lassen bis jetzt ,
„ Dort berichtete ich ihm all mein
und zuleßt , daß die Deputirten
(aus Tirol) hier wären ; er wußte es. Ich sagte ihm , ich hätte sie , da das Land noch nicht übergeben , verborgen gehalten ; sie machten eben eine Bittſchrift und würden dieselbe schon bringen.
Ihre Bitten wären gemäßigt ; vorzüglich handle es sich
um ihre Verfassung.
Da bemerkte ich , daß der Kaiser
nicht gestimmt sei , dieſe ihnen zu geben , denn er sagte mir, man müſſe erſt ſehen , ob das Volk noch so gut geblieben , ob es
914) Erzh. Joh. Tageb. z. 21. Juni 1814.
12 *
VI. Tirols Wiedervereinigung mit Desterreich.
180
nicht verdorben ; ich versicherte , gewiß nicht, Adel nichts mehr sei.
dann , daß der
Ich versicherte ihm, daß er zwar arm;
ob er noch zahlreich bestehe ; was die Geistlichkeit betreffe, könne er statt der aufgehobenen Abteien die Hauptpfarren aufnehmen. Ich sah nun deutlich die Tendenz des Baldacci , Alles auf eine Fuß zu schlagen. Der Kaiser sagte mir weiter, daß er morgen die Stände (der österr. Länder)
in corpore empfangen und ihnen
eine Rede halten würde ; für die Tiroler sei auch was drinnen gestanden , das habe er ansgestrichen , weil Keiner erscheine. Mir schien ,
daß dieſe Rede wohl die neue Tendenz aussprechen
könnte, und ſegnete die Verhältnisse, welche meine Tiroler hinderten, zu erscheinen ; so hat der Kaiser ihnen nichts gesagt , so ist er in keiner Verlegenheit und noch steht ihm frei, auf ihre Bitten Rücksicht zu nehmen. Verfaſſung , macht .
die
So kann er ihnen ihre Verfaſſung laſſen , eine ihm
freie Hand läßt und das Land glücklich
Als ich zurückkam (nach Wien) , ließ ich Giovanelli rufen, trug ihm auf, die Bittſchrift zu beschleunigen, sagte ihm den Sinn, in welchem sie gemacht werden sollte , namentlich zu dem Herzen des Kaisers sprechend, vorstellend, was das Land gethan , und wie deſſen Verfaſſung allein es so blühend erhalten , und an sein gegebenes Wort erinnernd.
Ich werde dann diese Bittſchrift durch-
lesen, von Haager prüfen lassen, dann den Deputirten übergeben, ich möchte sie bald zurücksenden. Wenn ich so glücklich wäre, Tirol das zu verschaffen, was es bedarf, so hätte ich endlich meine Schuld abgezahlt ; ich hätte zugleich das Intereſſe meines Herrn besorgt , dann mag mit mir geschehen , was will.
Die Leute dringen darauf , mich zu begehren ;
ich will es ihnen ausreden. Sendet mich mein Herr in das Land, so macht es mich glücklich, will er es nicht, so ist es meine Pflicht, zu gehorchen ; nie soll mein Herr meinetwegen in Verlegenheit gesezt werden. Meine Arbeit ist vollendet ; sie ist herzlich wahr, und ich denke , keine der schlechtesten , die ich gemacht , vielleicht bahnt sie mir den Weg dahin , vielleicht auch nicht ; ich mußte sie machen, weil Niemand das Land kennt , weil darüber so falsche Begriffe
VI. Tirols Wiedervereinigung mit Oesterreich.
181
bestehen. Gott laſſe mir, nachdem ich den schönen Tag der Rückkehr meines Herrn erlebte , auch jenen erleben , Tirol wieder zu sehen, dem Lande Gutes zu thun, was ich so herzlich wünſche. Diesen Herbst will der Kaiser durch dieses Land nach Italien gehen, warum ist es mir nicht gegeben, ihn als sein Statthalter in Tirol zu empfangen ; ich glaube, er würde dort frohe Stunden haben , denn so einen Empfang würde er nicht erlebt haben. Es ist etwas ganz anderes , wenn die Leute alles allein thun , oder wenn man ihrem guten Willen eine Richtung gibt. Mein schönster Tag (wäre es), wo ich zu Fuß, das Pferd meines Herrn führend, ihn in Innsbruck in die Burg seiner Väter führen könnte. “ 315)
Wir wollten diese wichtige Stelle des Tagebuches Erzherzogs Johann, die Eindrücke seiner Unterredung mit dem Kaiser und den Erguß seiner Empfindungen nicht unterbrechen und kommen nun auf einen Punkt der Aufzeichnungen zurück , der ein Lieblingskind seiner Muße, die „ Arbeit“ über Tirol betrifft , welche er als Denkschrift für den Kaiſer und jene Hofkommiſſion beſtimmte , die unter dem Vorſiße des Grafen Lažansky für die Einrichtung der rückerworbenen Provinzen Desterreichs eingesetzt war. 316) Der wichtigste Berather des Erzherzogs bei dieser Arbeit war Hormayr , noch dazumal, als er auf dem Brünner Spielberge in Haft saß, und seit dem Zeitpunkte (Mai 1814) ,
als sich seine
Festungshaft in eine Internirung in der Landeshauptstadt Mährens verwandelte , während Schneider ganz auf freien Fuß gesezt wurde und am 19. Juni 1814 bei dem Erzherzoge vorsprach. 317) Ungeberdig und leidenschaftlich gegen Alles ankämpfend ,
was ihn
drückte und lähmte , aber dabei unermüdlich mit der Feder thätig,
315) Erzh. Joh. Tageb. z. 21. Juni. Randbem. aus späterer Zeit : „Ich schwärmte, die fixe Idee machte mich blind für das, was ich zu erwarten hatte." 316) Dieſe Denkschrift liegt uns nicht vor. Vgl. die aus dem Sommer 1815 stammende Einbegleitung derselben von des Erzherzogs Hand (im Konzept), woraus ihr ganzer Zweck und auch am besten hervorgeht, wie sehr es den Erzherzog schmerzte, sie so lange bereits ( 10 Monate) im Schooße der Behörden ruhend zu wissen. Anhang Nr. XXXV. 817) S. den Schlußabschnitt.
VI. Tirols Wiedervereinigung mit Desterreich.
182
stets rasch bei der Sache , ließ sich Hormayr die einzelnen Theile der Ausarbeitung
des
Erzherzogs
durch seinen
unwandelbaren
Freund und Nothhelfer, den Privatsekretär des kaiserlichen Prinzen, Binner , und andere sichere Mittelspersonen zur Durchsicht und für sachliche Bemerkungen zustellen , um hiedurch dem Vertrauen seines hohen Gönners und — bei allen Unüberlegtheiten Hormayrs unermüdlichen Fürsprechers, anderseits der Wichtigkeit der Sache seiner Heimat Rechnung zu tragen. Mitte März 1814 äußert sich Hormayr brieflich über die „Eintheilung des Memoires an den Kaiser über Tirol ", 818) nicht ohne Randgloſſen, die ſeinem heißblütigen Naturell und gallfüchtigen Wesen, vor allem aber der ihn bei seiner Lebenslage beherrschenden Stimmung zu Gute gehalten werden müſſen.
Den 3. Juni 1814
sendet er an den Erzherzog jenen Theil der Skizze zurück, welcher Tirols
" Repräsentation"
(Ständevertretung)
betreffe . 319)
Fünf
Tage später bringt er den Abſaß , welcher über die Ordnung der geistlichen Sachen in Tirol handelt, mit Zusäßen und Berichtigungen in Vorlage. 320)
Mehr anzuführen," schreibt er am 5. Juli bei
Rücksendung des neuesten Bogens , 321)
„ wäre präſumtiös geweſen.
Die Ideen sind herrlich, die Stellung kräftig ; ich möchte den sehen, der über das Land tiefer und richtiger gedacht hätte, als Sie gnädigster Herr ! " Wie einseitig und leidenschaftlich Hormayr nebenher sich ausläßt , er fühlte sich damals doch ganz als Tiroler , der nach allen Seiten hin das bewegliche Auge wendet und keinen Anlaß vorübergehen läßt , um über Alles die Schale seines Zornes zu ergießen, was Tirol und Vorarlberg abträglich sein könnte. 322)
318) S. Anhang Nr. XXV. 319) Hormayr an Erzh. Johann (Brünn). 320) Hormayr an Erzh. Johann, 8. Juni (Brünn). 321) Hormayr an Erzh. Johann (Brünn). 322) 1813, 18. Okt. ( Spielberg) spricht er von dem „ Genius des Landes und Volkes, gegründet auf das stolze Hochgefühl des Wohlstandes und seit Margarethe Maultasch beschworenen konstitutionellen Freiheit ", das „ Männer von Geist und Muth" bedürfe, nicht der : Trentinaglia, Eyberg, Seeger, ganz in Perrücken, mit langen Westen, die keinen Rath wissen wo die Prioren
VI. Tirols Wiedervereinigung mit Desterreich.
183
Wir müssen nun aber auch jener von Giovanelli verfaßten Bittschrift der Tiroler Deputation gedenken, die den 23. Juni 1814 als Datum trägt und das herausgreifen , was der Verfaſſer vorbringt, um den Monarchen an ſein den Tirolern so oft gegebenes Kaiserwort zu erinnern. Im Jahre 1363 ſei Tirol durch freie Einwilligung der Stände und mit Vorbehalt aller seiner Rechte an Oesterreich übergegangen, und so und nicht anders als es Desterreich beſeſſen ―― auch an Baiern. Das bezeuge die k. Erklärung vom 24. Dezember 1805 zufolge der Vorstellung der tirolischen Stände an den damaligen Gouverneur, Grafen Brandis : Tirol werde ungetheilt bleiben und seine Verfassung behalten.
Der zweite Abschnitt des Preßburger Friedens-
vertrages werde hierüber die Stände Tirols vollständig beruhigen. Alle Herrscher Oesterreichs und so auch Kaiser Franz hätten diese Verfassung bei ihrem Regierungsantritte bestätigt. 1809 (18. Aprif) habe der Kaiser sein Mißfallen über den vertragswidrigen Umsturz der tirolischen Verfassung geäußert, welche er überdies durch das Besizergreifungspatent vom 13. April 1809 an Erzh. Johann in ihrem vollen Umfange wiederherstellte. im Jahre 1809
Alle
auf k. Befehl erlassenen Proklamationen bezögen
sich auf diese Verfaſſung , und kein Land habe 1809 für das Interesse des Kaiſers und für ſeine Verfaſſung mehr gethan als
(Vorakten) sie im Stiche lassen ; 1813, 30. Sept. ereifert er sich über die „ Unverschämtheit“ des bairiſchen Manifeſtes und über die von Seite Desterreichs zugesicherte " Garantie der Integrität Baierns " ; 1814, 24. März möchte er, daß Desterreich Salzburg und die Inngrenze zurückerhalte. Um dieſelbe Zeit schreibt er: „Das läßt sich doch nicht denken, daß Baiern gerade das Alles behalten soll, was es jezt besizt : Lindau, Vorarlberg, das eigentliche alte Tirol, Salzburg , Braunau bis gegen Lambach ? Gott sei vor ! Es nehme Würzburg, Aschaffenburg, Fulda oder besser Baden ins Elsaß hinüber, von Hüningen bis gegen Mainz ; Würtemberg bis an den Rhein, Baiern in gleicher Linie vor, wir an die Isar ! 2. März 1814 hatte er dem Erzherzog vorgehalten : Vorarlberg und Tirol müssen uns werden, sowie sie Baiern im Preßburger Frieden erhielt, nämlich mit : Lustenau , St. Ge = rold , Blumeneck , Trient , Brixen , sammt Lindau , Sonthofen , Werdenfels. 3. August 1814 ereifert er sich über die Abreißung des Landgerichts Weiler von Vorarlberg . .
VI. Tirols Wiedervereinigung mit Oesterreich.
184
Tirol ; man dürfe daher auch vom Monarchen die wohlverdiente Anerkennung
der
mit Mark und Blut des Landes " erworbenen
Verdienste um das österreichische Kaiserhaus erwarten. 1813 seien die Tiroler vom kommandirenden General, Grafen von Hiller, durch seine Proklamation vom 17. August aus Knittelfeld (in Steiermark) mit ausdrücklichem Hinweise auf die Verfaſſung zu den Waffen gerufen worden.
Die Tiroler verdankten ihre Be-
freiung zunächst dem eigenen Muthe , und der Kaiser habe die Verdienste der Einzelnen dann anerkannt und belohnt. Der Friede von 1809 (Wien- Schönbrunn, Oktober) habe rücksichtlich Tirols an den früheren Traktaten nichts geändert , der Kaiser selbst die Umstürzung der Verfaſſung für eine Ungerechtigkeit erklärt.
1808-1814 befand sich Tirol in einem „ unrechtlichen“
Zustande. Der Zusagartikel des Pariser Friedens vom 30. Mai 1814 --erkläre die Abtretungsverträge von 1805 und 1809 für nichtig, dadurch trete Tirol gleichsam von selbst wieder in sein altes Verhältnis .
„ Das wiederholt uns gegebene Kaiserwort ist stehen ge-
blieben ,
dadurch
erhalten
wir eine
neue
Versicherung
unserer
künftigen Existenz. “ 323) Giovanelli ließ dann diese Petition dem Fürsten Metternich
behufs Vorlage an den Kaiser unterbreiten und verfaßte dazu eine Einbegleitung , worin er an den Staatsmannes appellirte.
„ allumfassenden Tiefblick"
des
Erzherzog Johann nahm von der Petition Einſicht und ertheilte ihr alles Lob. Er war auch von der Aufnahme der Tiroler
328) S. diese Bittschrift in ( Hormayrs ) Lebensbilder aus den Befreiungskriegen (2. Aufl .) II. 438-446. Jäger 123 ff. (cit. nach der 1. Aufl. des Hormayr'schen Werkes) erörtert ihren Inhalt und berichtigt die Namenschreibung von 4 Deputirten Simon Kiechl (für die Landgerichte : Innsbruck, Telfs und Schwag), Johann Etschmann (für die Landg. Schönberg, Steinach und Sterzing), Sebastian Riedl (Horm. „Riedel“, f. die Landg. Zillerthal und Rattenberg), Kaspar Seybold (Horm. „ Sebald ", f. die Landg. Kizbühel und Kufstein), Karl Pohl (Horm. „Bohl", f. die Landg. Silz, Imst und Landeck), Josef Guffler (Horm. „Küfler“) und Josef Peteffi (Horm. „Betel “, f. das ganze Burggrafenamt und Vintschgau) . Vgl. v . S. 177, Anm. 310.
185
VI. Tirols Wiedervereinigung mit Desterreich.
Abgeordneten beim Kaiſer (27. Juni) nicht schlecht erbaut. „ Drei Viertel Stunden blieben sie bei ihm, wurden sehr gut aufgenommen ," schreibt er in sein Tagebuch, - „auf ihren Vortrag beschränkte sich seine Antwort.
Er könne ihnen nichts versprechen ,
schon für sie das Beſte thun. ſie ihm vortrugen.
er würde
Dies wiederholte er auf jedes, was,
Endlich als die Rede Mich betreffend vorkam,
sagten sie , ich habe es ihnen verboten , sie hätten aber bestimmten Befehl von ihren Kommittenten , es zu thun.
Die Antwort war :
„es sei schon recht ; er könne ihnen nichts versprechen “ . 324) „Ich finde, " heißt es weiter in der Aufzeichnung des Erzherzogs , „ der Kaiser hat Recht ; er will Alles erheben , dann entscheiden.
Was ich ersehen kann und was zu bekämpfen , ist die
Meinung , als herrsche Uneinigkeit unter ihnen . Das Beste kann eine ordentliche Deputation bewirken . . . . Abgeschlagen hat der Kaiser nichts ; das ist immer viel und gut , jezt heißt es , arbeiten und das Begonnene durchführen. “ So legte sich der Sanguinismus des Erzherzogs die Sachen zurecht ; er hoffte noch immer und Alles. Auch die Aeußerung der Kaiserin Maria Ludovika zu Baden (28. Juni) , wohin der Hof übersiedelte , that ihm wohl :
„ Der Kaiser sei mit der Bauern-
deputation zufrieden geweſen ; sie hätten zuleßt wegen meiner einen Fußfall gethan. Es freute mich, ich fragte, ob es der Kaiser übel genommen ; sie sagte : Nein " · Am 29. Juni nahmen die Deputirten Tirols Abschied vom Erzherzog : „Wenn ich so unter diesen Leuten stehe, " bemerkt er zu diesem Tage, - „ dann vergesse ich auf Alles . Treues , redliches Volk, verkannt, — einem unerfahrenen, jungen, ehrgeizigen Schleicher preisgegeben !" 325) Doch soll schließlich auch jener Bittschrift nicht vergessen werden, welche den 8. Juni des Jahres 1814 von nichts weniger als
324) Erzh. Joh. Tageb. z. 27. Juni 1814. 325) Erzh. Joh. Tageb. z. 29. Juni 1814 . . . Er rieth ihnen überdies „gegen eine Ernennung von Deputirten durch Roschmann zu protestiren, eventuell an den Kaiser zu reccuriren. " Seine Angelegenheit (Statthalterschaft) könne „So schieden bei der Ankunft des Kaiſers im Lande angeregt werden . wir gerührt von einander, die Hände uns gebend. “
186
VI. Tirols Wiedervereinigung mit Oesterreich.
28 Gerichtsbezirken und Gemeinden des noch als bairisch geltenden Tiroler Gebietes ausging und nicht blos die Wiederherstellung der alten Landesverfassung sondern auch
bezeichnend
genug
die
herrschende Stimmung und deren Vordermänner - die Aufrechthaltung der „ väterlichen Religion“ , die Herstellung der bischöflichen Seminare und die „ Verbesserung des Unterhaltes der Religionsdiener" betont. Insbesondere kehrt sie sich gegen jene Innsbrucker Lehrkräfte ,
welche , wie der Direktor der deutschen Schulen,
Hubel , die Lycealprofessoren : Albertini , Bertoldi , Feilmoser und Spechtenhauser, "1 mit den aus Baiern hereingeſendeten Aposteln an der Untergrabung der Religion weiter gearbeitet haben. “ 326) So erscheint das „Baiernthum" und Alles was mit deſſen früheren Maßregeln zuſammenhing, verfehmt, und so begreifen wir auch , daß alle jene Tiroler , die dann nach der förmlichen Besitergreifung von Tirol durch Desterreich , aus Baiern , wo sie in ämtlichen Stellungen untergebracht waren , heimkehrten , mit sehr unfreundlichen Augen betrachtet wurden ; der Volkswig nannte sie Maikäfer", weil sie, mit falschem Datum, wie man glaubte, bereits im Mai nach Tirol zurückdekretirt worden seien. 327)
326) Jäger 121-122 . Die durch Gerichtskassiere, Vorsteher und Ausschußmänner vertretenen Gemeinden und Gerichtsbezirke waren : Natters, Axams, Birgit, Gößens, Kematen, Sellrain, Oberperfuß, Ranggen, Inzing, Flauerling, Lengenfeld, Rasen, Teis, Velturns, Brixen , Albains, Winkl, - ferner : Sonnenburg, Hertenberg, Petersberg, Klausen, Pfeffersberg, Brixen , Mühlbach, Taufers und Brunecken. Ueber Hubel und Feilmoser s. w . u. 327) Probst Gesch. d . Innsbr. Univ. ( 1869) S. 298.
VII.
Tirol unter der Verwaltung Roschmanns. Die Statthalterschaft Bissingens und die Lösung der Verfallungsfrage 1814-1816.
Der „Schleicher“, gegen den sich das Tagebuch des Erzherzogs - bewegte sich auf dem vom 29. Juni 1814 kehrt, Roschmann Geleise eines erfolgreichen Streberthums .
Jezt lag Tirol ganz in
seiner Hand, und bald sollte er noch höher steigen, denn der 4. Aug. 1814 trug ihm
die Ernennung
zum
„ wirklichen Hofrathe und
Einrichtungs-Hofkommiſſär für Tirol und Vorarlberg“ ein.
Aber
dieses Vertrauensamt sollte ihm , wie er hoffte , nur den Weg zur Statthalterschaft, vom „ Provisorium“ zum „ Definitivum “ bahnen. Es galt da vor Allem, die öffentliche Meinung im Lande zu eigenen Gunsten zu bearbeiten, 328) deren Kundgebungen, die Deputationen,
• Was 328) 1814, 15. März, Brünn. Hormayr an Erzh. Johann. E. f. H. (in dem Briefe vom 10. März) von Roschmann schreiben, ist -endlich das was ich längst gesagt, wofür ich schriftliche Beweise habe. Sein schwarzer Undank und schändlicher Verrath an Wohlthätern und an Freunden weckt ihm einen Richter in jedes Biedermannes Brust. Sein Bauernstolz läßt ihn alle Regeln der Klugheit vernachlässigen und in der Auswahl der Mittel alles Decorum. Doch das steckt im Blute. Ich erinnere mich aus den Kinderjahren der Untersuchung des Vaters als Kloster-Aufhebungs- Kommissär und des Aergerniſſes der Bauern, daß seine Mutter die berühmten "„ Grallen“ (Perlen) der Waldraster Muttergottes öffentlich am Halse trug. Nicht
188
VII. Die Löſung der Tiroler Frage 1814–1816.
in dieser Richtung auszuwählen und zu bevormunden
und die
Leistungen seiner , allerdings schwierigen , Amtsführung an maßgebender Stelle in möglichst vortheilhaftes Licht zu sehen. So bildete dann Roschmanns Lager in Innsbruck den Ausgangspunkt einer vielumfassenden Agitation gegen die unbotmäßige und hartköpfige Patrioten- und Verfaſſungspartei, gegen das „ wilde Fleisch" in Tirol , wie bekanntermaßen Adam Müller , der Leibpublizist Roschmanns , sich auszudrücken pflegte , und die „ alten Tiroler" suchten wieder ihren Halt an dem unermüdlichen Sachwalter der Autonomie der Verfaſſung Tirols , Giovanelli , vor Allem aber an dem Erzherzog Johann, dessen treuer, unermüdlicher ― für Sekretär , Binner im engen Verkehre mit Giovanelli jede Regung in Tirol das Auge offen hielt , die Sendboten der Patriotenpartei bei sich versammelte, ihre Stimmung für den Erzherzog , seinen und ihren Abgott , anzufachen sich befliß und sobald sein Gebieter von Wien abwesend war - Bericht um Bericht in seiner genauen, treuherzigen Weise an ihn abzusenden pflegte. Binner war und blieb aber auch der ausdauernde Anwalt der Zukunft Hormayrs , der von seinem mährischen Exile aus Brief auf Brief an den Erzherzog schrieb und darin mit Rathschlägen, tirolischen Stimmungsberichten, Keulenschlägen auf Roschmann und deſſen Verbündete , Schleppträger und Sendlinge nicht sparte. 329)
nur Eisenstecken, sondern auch Gagern, der solches schriftlich betheuert, ich und Schneider in Brünn (durch den Polizeikommiſſär S chmidt hammer), Haysdorf und Juvalta wurden im ſtrengsten Geheim doch heftig auf Roſchmanns Angabe urgirt, man habe nicht für Oesterreich handeln wollen, sondern indepedent, im schweizerischen Sinne " .. 31. März (Brünn) : „Binner (Sekr. des Erz.) wird E. t. H. mittheilen, was mir Wörndle (Landrath in Innsbruck ſ. ü. ihn w. u.) antwortete wegen des Dankadreſſen-Zeugnis- und BelobungenPressens, womit sich vorzüglich Speckbacher und Wintersteller (s. ü. sie w. u.) im Innthale für Roschmann beschäftigen, theils durch gute Worte, Verheißungen und Geld. " 329) 1814, 30. Mai (Brünn) . „Von Jhrer vertraulichen Unterredung mit S. Majestät, durchlauchtigster Herr, hängt meine ganze Zukunft, hängt noch viel mehr ab, die Erfüllung Ihres und so vieler Tausende heißen Wunsches, die vorher nöthige Entlarvung der ausgestreuten Lügen wider die Reinheit unserer Absichten, welche Roschmann so sorgfältig und giftig in
VII. Die Lösung der Tiroler Frage 1814-1816.
189
So gab es einen lebhaften „Krieg um Tirol" , dessen Wechselfälle im Tagebuch des Erzherzogs und dessen zahlreichen Aktenbeilagen genugsam erläutert werden. Roschmann hatte sich , wie bereits an anderer Stelle gesagt worden , mit tüchtigen Hilfskräften , aber auch mit Persönlichkeiten umgeben , über deren anmaßende Selbstsucht die Meinung aller Gutgesinnten den Stab brach. 330)
In Bezug der Tiroler ging er
aus gutem Grunde sehr wählerisch vor ;
er traute den Meisten
nicht , denn sie eigneten sich nicht für seine Verwaltungsziele und persönlichen Bestrebungen , wobei auch nicht geläugnet werden soll, daß die neuen Aufgaben der Landesverwaltung in dieser Beziehung wählerisch machen mußten. Es läßt sich dies ebensowenig in Abrede stellen als die Thatsache , daß durchaus nicht alles , was der provisorische Landeschef verfügte , schlecht war, daß auch ein Besserer schwerlich allgemeinen aber auf seiner Hand ruhte Dank geerntet haben würde , nun einmal der Fluch, 331)
denn
sie
war
in den Augen der
unseren Alpen verbreitet, um den Leuten begreiflich zu machen : ihr Wunsch sei unthunlich und zu gefährlich, sie sollten sich ihr gutes Spiel nicht selbst verderben, indem sie gleich im ersten Augenblick mit einer so gehässigen Bitte auftreten, die man ihnen geradewegs abſchlagen müſſe u . s. w. Badler , denke ich, bringt reichliche Noten über diesen Text mit sich. Daß ich mit ihm spreche, daß er unter den nöthigen Vorsichten hiehergekommen, ist höchst nöthig, um den Wunsch der Nation längs der ganzen Kette der gut und treu Bewährten zu organisiren und in Worte zu kleiden . . .' 330) Ein solcher war Dordi, von welchem im Herbste 1814 v. Plattner aus Bozen an Binner schrieb (Erzh. Joh. Nachl. ) : „ Einer der Menschen, die am meisten schaden und der alle bairischen und italienischen Grundsäße eingesogen hat, wie die Kinder die Muttermilch eingesogen haben, ist Dordi, Roschmanns Leib- und Magenlieferant. Man hätte glauben sollen, daß die allgemeine Unzufriedenheit, welche dieser Mensch im Lande verbreitet hat, den Chef wohl hätte belehren können, daß deſſen Rathschläge für das Land nicht taugen und ihm keine Ehre bringen, allein er ist blind und scheint wie Napoleon in den lezten Tagen seiner Herrschaft Mißgriffe zu machen. “ Hörmayr nennt ihn in seinen Briefen an den Erzherzog v. 19. Febr. 1815 Brünn : „Roschmanns Intimus , 1794 bei der Jakobinergeschichte von den Bognern der tirolische Brina genannt." ... 331) Besonders auf seinen finanziellen Maßregeln sowohl in Süd- alz Nordtirol. Vgl. darüber Jäger insbesondere den Anhang I. u . III.
190
VII. Die Lösung der Tiroler Frage 1814-1816 .
Patriotenpartei die eines Menschen ,
der
durch Verrath_empor-
gekommen sei und durch Landespreisgebung
noch höher steigen
wolle , dem die ganze Selbstſucht und Hoffart eines Emporkömmlings 332) und nach oben die Augendienerei eines gesinnungslosen Bureaukraten innewohne , fieberhafte Vielgeschäftigkeit ohne jede Weihe fruchtbarer Ideen und schöpferischen Gedanken. 333) Auf die öffentliche Meinung sollte „ Der Bote aus Südtirol" wirken, der Anfangs zu Brunecken (?), Brixen , ſodann in Bozen und zulezt in Trient erſchien. 384) In dessen Spalten veröffentlichte Adam Müller , der publiziſtiſche Beirath Roſchmanns, im Juli 1814 geharnischte Worte gegen die „ demagogiſchen Auffäße" eines Görres im Rheinischen Merkur" , welche wider die Fürsten als Verächter der Völker donnerten und schweren Befürchtungen vor dem nahen Wiener Kongreſſe aussprachen, jenes Görres, über welchen Geng an Rahel schrieb : Seit Jesaias , Dante und manchmal Shakespeare habe nicht leicht Jemand erhabener , furchtbarer und teuflischer geschrieben, 335) - und deſſen in der „ Allgemeinen Zeitung“
vom 23. Juni
1814 nachgedruckten Auffah
332) Hormayr an Erzh. Johann 3. Aug. 1814 (Brünn) aus einem ihm von Tirol zugekommenen Briefe : „Roschmanns Stolz, seine Pracht in Meubles ist orientalisch. Kein Lehrbach, kein Bissingen that je etwas dergleichen. Niemanden gibt er eine Viſite zurück, selbst nicht Feldmarschalllieutenants und Generals . Er läßt sich laden und erscheint nirgends . Alle Briefe öffnet er ... selbst der einst so zuverlässige Kugstatscher ist ein taubstummer Knecht unseres Alba . . . " 333) Erzh. Joh. Tageb. z. 25. Juni 1814 . . . „ Roschmann soll Landeschef in Tirol und Wurmser in Italien werden, Leute, die bekannt genug ſind, um etwas darüber zu sagen, die neue Steuerregulirung wollen sie überall einführen, im Mailändischen auch, wo schon die beste besteht, die man als Muſter eingeführt hat ; mir steht der Verſtand ſtill !" ... 334) Der „Bote von Südtirol“ erſchien zunächſt u. z. bis 26. Okt. (Nr. 6) in Brixen, dann in Bozen (bei Eberle), schließlich in Trient. Wir finden darin beispielsweise die Proklamation Roschmanns v. 24. Oft., 27. Okt. 1813, den Aufruf des Landeskommiſſärs v. 14. Jänner 1814 . . . Vgl. Jäger 52, 147, Simeoner die St. Boßen, S. 828-836. - Dieses Blatt wanderte dann von Trient mit Roschmann und Müller nach Innsbruck. 335) Jäger 143, 147-148.
Vgl. die Allg. d . Biogr. IX. 378 ff.
VII. Die Lösung der Tiroler Frage 1814-1816.
191
Erzherzog Johann in seinem Tagebuche (27. Juni) 836) ſehr anerkennend glossirt. Adam Müller hatte in einem Briefe an Gent (7. Febr. 1814) 337) die Bemerkung eingeflochten : „ Der Kaiser , MetterAn diese Trias Baldacci sind zufrieden" .
nich und
klammerte sich auch Roschmann mit seinem ganzen findigen Wesen. Der Monarch sah in ihm den loyalen Entdecker eines bedenklichen Verschwörungsplanes, den ergebenen, verwendbaren Verwaltungsbeamten der keinen andern Willen habe als den , seiner Miſſion zu entsprechen.
Wie gröblich er den Kaiser bei jener
Denunziation hinters Licht geführt , dann nicht erfahren haben ,
das dürfte der Herrscher auch
als er triftige Gründe hatte , Rosch-
mann von seiner Stellung in Tirol zu entheben ,
denn auch die
Vertrauensmänner des Kaisers, welche nachmals hinter das Blendwerk Roschmanns kamen , hüteten sich wohl , den Monarchen von dieser gröblichen Täuſchung zu unterrichten, und Erzherzog Johann, der selbst lange genug an den Verrath Roschmanns nicht glauben wollte, dachte zu vornehm, um durch eine solche nachträgliche Enthüllung rachsüchtig zu erscheinen, da ihm zunächst die Denunziation Roschmanns gegolten hatte. Metternich lernte wohl auch erst später das hohle Wesen Roschmanns richtiger beurtheilen ; vorderhand fand er ihn für das allgemeine Regierungsprogramm verwendbar , und da der Staatskanzler
gegen die Gubernatur eines Erzherzogs
überhaupt
und
insbesondere des Prinzen Johann aus naheliegenden Gründen eingenommen war und blieb , so schien ihm Roschmann an seinem richtigen Plaze zu stehen. Den wichtigsten Halt fand Roschmann jedoch an Baldacci, 338) 336) 388) Erzh. Joh. Tageb. 27. Juni 1814 : „Ein äußerst merkwürdiger Artikel steht in der „ Allgemeinen Zeitung“ vom 23. Junius ; er ist aus dem Rhein. Merkur gezogen, der bereits uns sehr viel Gutes , Freimüthiges, Kräftiges gab. " Er citirt eine längere Stelle, mit der Bemerkung „Wie viel Wahres, oh, oh !" 337) S. o. S. 129. 338) Ueber Baldacci vgl. mein Werk „ Z. Geſch . Oest. 1792-1816 ", worin einige Stellen des Tagebuches Erzh. Johanns, die auch hier im Texte sich finden, bereits angeführt wurden, so S. 85, 300-301 .
192
VII. Die Lösung der Tiroler Frage 1814-1816.
der energischen Verkörperung des
gleichförmigen , normalgerechten
Verwaltungsprinzips bureaukratischer Art , der gewiß noch entschiedener gegen provinzielle Ausnahmsrechte, ständische Autonomie und gegen den Einfluß
eines Erzherzog - Gubernators in
persönlich exemten Stellung ankämpfte.
einer
Troß mancher mächtiger
Gegnerschaft , behauptete Baldacci ſeine Vertrauensstellung in den inneren Angelegenheiten und namentlich in den Fragen ,
die sich
um die Einrichtung der rückerworbenen Länder Oeſterreichs drehten. Das Tagebuch Erzherzog Johanns beweist dies
am beſten ;
es bietet das Urtheil des kaiserlichen Prinzen über einen Mann, dem auch Hormayr die Anerkennung eines starken Willens und arbeitstüchtigen Selbstgefühles nicht versagen konnte.
Besonders
bedeutsam ist das , was er über den Besuch Baldaccis (10.´ Juni) und zum 25. Juni über diese Persönlichkeit aufzeichnet. 339) Dort heißt es :
Baldacci war bei mir, er mußte mir seine
Bemerkungen über Frankreich erzählen.
Da war die Rede Hor-
mayr betreffend , aus welcher ich sah , daß der Kaiser über ihn gewaltig erbost ist ; dann über Tirol.
Ueber dies Land hat er
wenig Begriffe." 340) 339) Erzh. Joh. Tageb . z . 25. Juni 1814. 340) Erzh. Joh. Tageb. z. 28. Juni 1814. Beim Kaiser, Er hält die Tiroler für in Parteien zerriſſen . . . Nun soll Tirol organisirt werden ; dazu nehmen sie ein paar Jahre an (das Gott erbarme, zwei Monate wären noch zu viel !). Während der Zeit erhält Roschmann Gelegenheit sich Verdienste zu sammeln, bleibt provisorischer Landeschef, kann dann wirklicher werden ; jezt beſeßt er die Stellen mit Satelliten, so hat er Hauer nach Innsbruck genommen, den jungen Kübeck nach Linz gegeben, so erhebt er die Leute, die hier verwandt mit der Baldaccischen Partei ſind . . . O theurer Herr, wie wenig kennst Du Deine Leute. Wäre ich in Tirol, ich wollte Dir ein Probestück liefern, was ein Land sei, wenn es zweckmäßig adminiſtrirt wird, und wie sehr Du geliebt würdest .. Das Votum der obersten Justizstelle, kräftig und wahr über Roschmanns Gestirn ist unterschlagen und vom Kaiſer nicht gesehen worden, ein gleiches von der Hofkanzlei, ſo wird der Herr bedient ! “ Juli 3. 1814. Es ist der 5. Band meines Tagebuches den ich beginne hier in Thernberg, meinem Schlosse wo Ruhe mir vergönnet, Ruhe die ich nur darum suche, weil jene Thätigkeit, die ich mir wünsche, mir nicht zu theil wird. Gesund, kräftig, mein Geist noch helle, mein Herz warm, manches geſehen, erfahren, gelernt, guten Willens und das kann ich sagen niemand je
VII. Die Lösung der Tiroler Frage 1814-1816 .
193
" Was hat denn der Kaiser an diesem Baldacci ? " , heißt es an der zweiten Stelle, „ Ich gebe zu, daß er ehrlich, ohne Intereſſe, fleißig und selbst woran ich noch zweifle ein logischer Ge-
schäftsmann ist , aber dagegen kennt er die Länder nicht , ist nicht im Stande , bei einer durchgeführten Diskussion Ruhe zu halten, — - folglich bald am Ende seines Lateins . In ihm sind weder die Vorkenntnisse , noch die Bildung , noch das weitere Studium , was den Staatsmann macht ; darum bei jeder Schwierigkeit verlegen und nicht im Stande, Mittel zu finden. Darinnen liegt der Grund, warum er auf etwas Neues hinarbeitet , warum er überall durchgreifet ; es ist leichter, garz was Neues einzuführen, beſonders mit Gewalt, als zu modifiziren, planmäßig, alles deliberirend, vorzugehen, alle Hindernisse zu beachten. Sein Temperament ist
gallsüchtig ,
in
Despotismus , Härte und Eigensinn , dabei
ihm
Alles
Gewalt,
ein gewaltiger Eigen-
dünkel , da er gerne von sich spricht , um den Leuten Glauben zu machen , wie er den Kaiser vorstelle , was er mache und was für ein Vertrauen er besize. Durch seine Bureaukratie , durch seine
treuer gegen meinen Fürsten in Liebe zu meinem deutschen Vaterlande, zu meinen Bergen, wo ich des guten so viel genoß, 32 Jahre alt, was könnte ich leisten, was leiste ich ? Ein innerer Gram verfolgt mich und nur meine Ergebung in den der alles zum Beſten lenkt, erhält mich noch. Daß ich diesen Krieg nicht mitgemacht, ich der immer der war, der unter allen nicht verzweifelte, der Rettung in der Völker Kraft ſah, der oft und am ersten helfen wollte und den Augenblick erkannte, - war sehr schmerzlich, wer kann mir dies ersehen. Roschmann regiert, wie ? und ob zum Nußen des Kaiſers, ob er ſo dienen kann ? ob nicht in allen seinen Handlungen das Ich vorwalten mag und das Land darüber zu Grunde geht, das ist eine andere Frage . Es ist nicht genug, bureaukratiſiren und befehlen zu können , das Warum und daß die Befehle die zweckmäßigſten ſeien, das gibt nur Studium des Landes Doch genug davon . Soll ich Tirol nicht mehr sehen, so ist es der legte Streich, aber auch der tödtliche, der meinem Gemüte beigebracht wird, denn dann könnte es sich wohl fügen, daß ich allen Geſchäften den Rücken kehrte, die Hauptstadt verließe und mich ganz auf das Land zöge, um alles zu vergessen, und blos für mich zu studiren. Diesen Herbst wird es sich entscheiden ; dieser Band wird wohl die Lösung meines Schicksals und die zukünftige Richtung meines Lebens enthalten" ... 13 Krones , Tirol 1812-1816.
194
VII. Die Lösung der Tiroler Frage 1814-1816.
Derbheit hat er sich hinaufgehoben und doch (auch) durch (ſeine) Klugheit, nie ein großes Amt bekleiden zu wollen. Ich sprach ihn und werde ihn noch sprechen, blos um ihn kennen zu lernen ; ich fürchte nur ,
daß er Roschmann protegire , weil dieser in seine
Pfeife bläst, Tirol manchen Kummer bereiten und seinen Kaiſer zu manchem Schritt bereden wird, der nachtheilig." Die Aussicht, daß Roschmann, einer von „ Baldacci's Partei “ , provisorischer Landeschef , dann wirklicher werde, und die Langathmigkeit der Vorkehrungen für die neue Organisation Tirols bekümmerten den Erzherzog, der bald auf seinem Schloſſe Thernberg Erholung und Trost suchte. 341) Aber er besorgte auch mit Grund, daß Roschmann alles
vorkehre ,
um
dem Kaiser die eigentliche
Stimmung im Lande thunlichst zu verschleiern , daß er sich seine Deputirten wählen und dem Kaiser selbst vorführen wolle. Dem wollte der Erzherzog durch Weisungen , die ins Land gingen, begegnen.
Bezüglich Vorarlbergs besprach er sich mit
Schneider, der in Wien der Entscheidung über seine weitere Existenz und Berufsstellung gewärtig war , und Hormayr arbeitete gleichfalls
in
dieser Richtung. 342)
Als Vertrauensmann
ward
341) 1814, 26. Juni Vollendung der Bittschrift. - Lob derselben. „Indes kam die Nachricht, daß Roschmann die Erlaubnis wegen der Deputation erhalten ; die einen sagen, er führe ſie ſelbſt, die andern, er müſſe im Lande bleiben und diese heraussenden ; gewiß ist es, daß bei seiner Keckheit er die Deputirten auswählen und nicht zum Worte kommen laſſen werde ; dadurch geschieht es, daß der Kaiſer das Wahre nicht erfährt und das Land darunter leidet. Da war es meine Pflicht vorzubauen. Ich ließ alſo ins Land schreiben, die Abgesandten würden bald zurückkommen ; wolle und könne man diese nicht abwarten, so sollte das Land sich in die Wahl der Abzusendenden nicht irren lassen und frei wählen, die besten, redlichsten, freimüthigſten aus jedem Stande, ich meinte : Stemberger , Nagele , Wiltner Prälat, Plattner (Franz v.), Eyrl (Frhr. v.), Klos , Linser , Wintersteller, Straub, Visdomini, Schabser Peter, Riedl. Die sollen dann reden, wie es ihnen ums Herz ist. “ 342) Erzh. Joh. Tageb. z. 30. Juni 1819. Diesfalls schrieb dann später Hormayr an den Erzherzog ( 1814, 26. Juli, Brünn) : „ Nach Vorarlberg sind bereits angezeigtermassen die gehörigen Instructionen abgegangen. Heute trafen fünf verschiedene Antworten hierauf von den bewußten Vertrauten ein, wobei ich die umständlichſte (jene des E. k. H. gewiß noch erinnerlichen Dr.
195
VII. Die Lösung der Tiroler Frage 1814–1816. auch Eisenstecken
ausersehen. 343)
Der
war
und
in
genauester
Fühlung
mit den Hoffnungen
und
Wünschen
der
tirolischen
Verfaſſungspartei.
fangs
blieb
Juni
1814
Rottensteiner ,
lag
ihm
die
von
vier
kaiserliche
Prinz
Schon
Bauern :
An-
Johann
Georg Luz , Johann Mumbler und Josef
Gasser „ im Namen der Bozner Gemeinde"
unterzeichnete Be-
schwerde über den „ Kommiſſär Roschmann “ vor , der die Tiroler „wie Feinde" und die Provinz „ wie ein erobertes Land " behandle. Zum Schluſſe heißt es : „ Ehevor war es unter Desterreich nicht so ; jezt , obwohl wir restaurirt sind , müssen wir beinahe zehnmal so viel zahlen.
Das ist eine italienische Verfügung , die Oesterreich
doch auch nicht beibehalten sollte.
Weiters sind jetzt wiederum
alle diejenigen angestellt , die ehevor uns am meisten ausgesaugt haben. " 344) Giovanelli berichtete Ende Juni und Anfang Juli 1814 über die Audienz der Tiroler Abgeordneten bei dem Staatsrathe Ganahl, Landrichters, ehhinnigen Syndikus in Bregenz, eines furchtſamen, aber ganz kenntnis- und einflußreichen Mannes) beiſchließe. Die Tendenz iſt : Realiſirung des Lieblingswunsches wovon man aber dem Judas , der dort königliche Ehren genoß , wohlweislich gar nichts entdeckt hat. Trefflich ist die Wahl der Deputirten : Liberat Steger, Dekan von Bregenz, ein eifriger Advokat Matthis von Feldkirch, voll Desterreicher, edel, fest, beredt, Energie, Todfeind der Baiern, Kaufmann Lautner von Dornbirn, der reichste Mann im Lande, Fabrikant Mezler von Schwarzenberg im Bregenzerwald, der Heimat der Angelika Kaufmann, 1809 Major. Ueberflüssig ist es E. t. H. zu bitten, sie recht auszuzeichnen. “ 343) Der Erzherzog in s. Tageb. z. 30. Juni 1814 : " Später kam Eisenstecken; dieser geht ebenfalls nach Hause über Salzburg zu Wintersteller, dann ins Innthal, Jnnsbruck, Landeck, Vintschgau, Boßen, Pusterthal, Etschland, Sterzing, Wippthal, um Allen Muth zu machen und für eine aufrichtige Deputation zu sorgen. " 344) Erzh. Johann Nachl. Fasz. XXVI . „ Drückende Note von Südtirol", einbegleitet 1. Juni 1814 von Pater Mathias Wisshofer , Dechant von St. Johann : „Nach einer langen düsteren Trennungsnacht graut endlich durch die unläugbare Fürsicht die schönste Morgenröthe wieder, ja selbst der hellſte Mittag einer seit mehreren Jahren sehnlichſt erseufzten Zukunft scheint wirklich zu beginnen, nur etwelche Wolken trüben ihn noch. Möchte sie doch die Sonne, nach der wir sämmtlich harren, nach der sich unsere Herzen lenken, die alle Wünsche bezielen, in Bälde gänzlich verschwinden machen“ . 13*
196
VII. Die Lösung der Tiroler Frage 1814-1816 .
Baldacci , ſeinem Kollegen Lorenz und über den ihnen vom FM. Fürsten Schwarzenberg und
vom FZM. Duca zugesicherten Em-
pfang, der ihnen auch am 1. Juli bei den Genannten, desgleichen auch bei dem alten Fürsten Metternich, zu Theil wurde.
Sein Sohn,
der Staatsminister, war noch von Wien abwesend ; Hudelist, seine rechte Hand, rieth den Deputirten , die Ankunft des Premiers abzuwarten, welche sich jedoch lange noch verzog. Baldacci hatte sie ungemein freundlich aufgenommen ; ihm schmeichelte offenbar das Vertrauen der schlichten Landleute. Er gab die besten Worte : „Wenn auch die Verhältnisse der Zeit manche Veränderungen an ihrer Verfaſſung nothwendig machen“ - - äußerte er sich so soll doch Alles , was an derselben Gutes war , beibehalten werden " - eine allerdings nicht ganz tröstliche Versicherung. Auch Staatsrath Lorenz empfing seine äußerst wohlwollend .
lieben Landsleute"
Duca , der Vertrauensmann des Kaiſers in
militärisch-politiſchen Angelegenheiten 345) scheint mehr den „ galanten Hofmann" herausgekehrt zu haben, während sie Fürst Schwarzenberg als Präsident des Hofkriegsrathes um so herzlicher aufnahm und sie mit den Worten entließ : Er könne beinahe dafür bürgen, daß ihnen ihre alten Freiheiten wiedergegeben und ihre Wünsche erfüllt würden. Der alte Fürst Metternich war bis zu Thränen gerührt.
Allerdings hatte auch Duca gesagt : der Kaiser
wäre sehr gut gegen das Land gesinnt und hätte mit ihm öfters darüber gesprochen, der Nachsah jedoch erinnerte stark an die Worte Baldaccis, sollte nämlich auch Mehreres an den alten Einrichtungen geändert werden , so geſchähe es nur zu ihrem Besten ; das Gute würde auf jeden Fall beibehalten werden ". Bemerkenswerth ist das , was am 2. Juli 1814 Baldacci bei der Abschiedsaudienz der Deputirten des nördlichen Tirols vorbrachte ;
er
habe ihnen „ treuherzig gestanden", ihm
wären die
Tiroler als eigensinnige Köpfe ſammt und ſonders geschildert worden, er sehe aber, daß es falsch sei. 346) 345) Frhr. Peter v. Duca, geb. 1756, 1801 FML. u . Gen.-Quartiermeister. Ueber seinen Einfluß vgl. mein Werk : „Zur Geschichte Desterreichs 1792-1816." S. 42, 107, 217, 219. 346) Ueber alles dies : Giovanelli ( „,Notus “ ) an Erzh. Johann 30. Juni,
VII. Die Lösung der Tiroler Frage 1814-1816. Auch bei
dem
Grafen Lažansky , 347)
197
bald Präses der
Ländereinrichtungs -Hofkommission, gab es einen freundlichen Empfang ; Staatsrath Pfleger , 348) vertröstete ſie auf die „ Gerechtigkeit“ des Monarchen, von welcher sich alles erwarten lasse.
Ebenso
benahmen sich Graf Karl Zichy , 349) Wallis 350) und Ugarte , 351) die Staatsräthe Josef von Hauer 352) und Hudelist 353) äußerst zuvorkommend.
Letterer sprach sich gegen den Deputirten Kiechl
,,offenherzig " aus : daß man gegen die Tiroler anführe, sie wären in mehrere Parteien getheilt und hätten sich an Rußland , England, Preußen, ja sogar an die Schweiz gewendet ; er erwarte aber, sie würden wieder die alten Tiroler werden und in dieser Vorausſehung werde man ihnen auch ihre alte Verfaſſung wiedergeben. Man sieht, die Tiroler hatte man in den leitenden Kreisen nicht
3. Juli 1814 ; dazu den Bericht Binners v. 3. Juli. Vgl. auch Histor. polit. Bl. XX. Bd . ( 1847), Giovanelli I. Fragment, S. 40-42. Als Deputirte werden Kiech , Peteffi , Etschmann , Seybold , Riedl namentlich angeführt. Sie gehörten zu der oben erwähnten Deputation Nordtirols, deren Bittschrift vom 23. Juni 1814 datirt . S. o . S. 177 u. 184. 347) Prokop Graf Lažansky d . jüngere (zu unterscheiden von dem älteren, welcher 1804 als böhm. öſt. Oberſtkanzler ſtarb), Hofkanzler. 348) Pfleger Anton R. v. Weitenau, geb. zu Eisnern in Krain 1748, † 1820, 1774-1798 Prof. d . R. zu Lemberg, 1798 Appellationsrath in Galizien, 1801 Hofrath, 1805 Hofrath im Depart. des Innern, Staatsrath, 1814 Geheimrath. Vgl. Erzh. Johanns Urtheil über ihn, in m. Werke „Zur Geſch. Deſt. 1792–1816 “, S. 195. 349) Der bekannte St.- u . Konf.-Minister, ein „ Intimus " Metternichs . 350) Der vormalige Finanzminister, kein Freund Baldaccis, ebenso wenig als Zichy, Ugarte, Duca (s. m. Werk S. 303). 351) Alois Graf Ugarte s. 1802 Nachfolger des älteren Lažansky als böhm. öſt. Hoffanzler. 352) Dem geh. Staats- und Konferenzrathe zugetheilt. Er war vormals Hofrath der allgemeinen Hofkammer. Von seinen Brüdern finden wir Leopold bei Roschmann , Franz Seraphin 1813-1814 bei Baldacci im Armeeminiſterium. 353) Hudelist Josef v. geb. zu St. Veit in Kärnten, ſ. 1791 in diplomatiſchen Diensten, so in Berlin, Petersburg, f. 1803 Hofrath in der t . t. Hof- und Staatskanzlei, s. 1813 in der engeren Konferenz, Staatsrath. Genz sagt 1809 in s. Tageb. ( 1. Ausgb . S. 72) „ ſpäter ein Mann von Wichtigkeit“. Vgl. m. Werk Zur Gesch. Dest. 1792-1816 ", S. 147-148,
198
VII. Die Lösung der Tiroler Frage 1814-1816 .
zum Besten angeschrieben ; es war daher an der Zeit , daß man dort die eigentlichen Vertreter des Volkes sich zeigen und hören ließ. Diesen Zweck unterstüßte wesentlich die raſtlose Thätigkeit Giovanellis in Wien , der auch für seine Person bei dem Sekretär Metternichs, I. v. Pilat vorsprach. 354) Sachlich am wichtigsten , bedeutsamer als die schönen Worte mit denen , wie immer bei solcher Sachlage die schlichten Boten Tirols da und dort aus den Gemächern der hohen Herren hinauskomplimentirt wurden , erscheint die bekannte Audienz des Dr. von Grabmayer aus Bozen am Sonntage (3. Juli) beim Kaiser, zu Baden, dem bekannten Kurorte in der Nähe von Wien . Der wackere , redefertige Mann hatte sich den 29. Juni bei Erzherzog Johann eingefunden und mit ihm besprochen. Grabmayer hielt den Zweifeln des Kaisers an der Loyalität der Tiroler Stand und wurde von dem Monarchen in der gnädigsten Weise entlassen.
Vor Allem aber intereſſirt uns die Mittheilung , was
zwischen dem Kaiser und Dr. Grabmayer in Hinsicht der Deputationen Tirols zur Sprache kam. Wir folgen da dem genauen Berichte Giovanellis an Erzh. Johann , der seit 1. Juli nicht mehr in Wien weilte , sondern sein liebes Thernberg , den heilkräftigen Sommersiß bezog , um leichter alles zu verwinden , was an Enttäuschungen und halben Hoffnungen sein Herz drückte. Die Hauptstelle lautet : „ Grabmayer brachte die Bitte vor , Se. Majestät möchten der Stadt Bozen bewilligen, eine Deputation hierher zu schicken.
Der
Kaiser erwiderte , er habe für das Land Tirol bereits eine Deputation resolvirt.
Grabmayer erlaubte sich zu fragen ,
Deputation eine gewählte oder eine ernannte sei ?
ob
diese
Hierauf
stuzte der Kaiser und erwiderte : „ eine ernannte, jedoch, was soll da
354) Giovanelli ( ,, Notus “) an Erzh . Johann 6. Juli 1814, Wien " Aus dem Munde dieses Lezteren vernahm ich zu meinem großen Troſte, daß man die Wiederherstellung der alten Ordnung der Dinge als erstes Prinzip aufstelle , und daß also auch für Tirol von der Verwendung des Fürſten alles Gute zu erwarten sei . Auch Herr Staatsrath Pfleger hat sich heute in dieser Hinsicht gegen mich sehr günstig geäußert, nur glaubte er nicht, daß er hierüber um seine Meinung gefragt werden dürfte. “
VII. Die Lösung der Tiroler Frage 1814--1816 .
199
für ein Unterschied sein ? “ „ Wenn es ſo iſt “ , erwiderte Grabmayer, so werden Eure Majestät wohl die Sprache dessen vernehmen , der die Deputation hierher führt und Alles , was er ihr in den Mund legt, aber nicht die Sprache der Tiroler, nicht die Wünsche und Bitten des Volkes."
Das war ein scharfes
Wort, dessen Spize gegen den Landeskommissär , bald Landeschef Tirols, gerichtet war. 355) Den 24. Juni
1814 , wie dies der Innsbrucker Landrath
Phil. von Wörndle durch seinen in Wien verweilenden Sohn, dem Sekretär des Erzherzogs, Binner, mittheilen ließ, war Roschmann aus Südtirol zu Innsbruck eingetroffen und beim Niederkircher abgestiegen. In seinem Gefolge befanden sich Adam Müller , Liebisch , Kugstatscher u. A. sämmtlich in Tiroler Feldjäger - Uniform. einzuziehen.
Er gedenke nächstens in die Burg
Seine „ Leibwache " wärde mit ein paar Bauern unter
dem Befehle des Hell von Völs und
des Eller von Hötting ver-
stärkt, deren er sich auch als Kommissäre bediente.
Diese Leibwache
werde jederzeit der Tafel Roschmanns beigezogen. 356) Giovanelli hatte in der brieflichen Meldung an Erzh. Johann vom 30. Juni eines Gerüchtes erwähnt , das damals beängstigend auf die Tiroler einwirkte. Es hieß nämlich, Roschmann habe sich vor der Uebernahme des nördlichen Tirols nach Mailand verfügen müssen, weil der südliche Theil des Landes von Lavis angefangen mit den italienischen Provinzen vereinigt, somit von Tirol losgerissen und dem Grafen v. Bellegarde zur Organisation übergeben würde. Dagegen solle ein Theil des salzburgischen Gebirgslandes und Vorarlberg mit Tirol vereinigt und nach den Prinzipien, welche für alle eroberten Provinzen gleichmäßig in Ausübung kämen, organisirt werden.
355) Giovanelli (Notus) an Erzh. Johann 7. Juli 1814, Wien. Das Wesentlichste der Audienz abgedr . in den Histor. polit. Bl. XX. ( 1847) Giovanelli I. Fragment, S. 42--44, kurz angeführt auch bei Jäger S. 155 . Der Kaiser entließ Dr. v . Grab mayer mit den Worten : „ Sie sind ein Muster eines braven Mannes, Sie haben sich vortrefflich benommen. “ 356) Binner an Erzh. Johann, 3. Juli 1814 (Wörndles Brief an seinen Sohn vom 25. Juni).
200
VII. Die Lösung der Tiroler Frage 1814-1816. Nicht minder aufregend wirkte besonders auf die Bewohner
des vormals französischen Tirolerlandes
die Giovanelli hinter-
brachte Aeußerung Roschmanns : rücksichtlich Tirols müßten nun ganz neue Verhältnisse eintreten , da nur ein Theil des Landes vertragsmäßig
übernommen ,
Provinz zu behandeln sei ;
das
Uebrige
aber
als
eroberte
Giovanelli erblickte darin eine neue
Bestätigung , daß man mit dem Gedanken umgehe ,
das „ welsche
Confinium“ vom Lande abzureißen und mit Italien zu vereinigen. An diese Mittheilung knüpfte Giovanelli die Nachricht, Roschmann habe den Auftrag erhalten , nach erfolgter Besißnahme von Nordtirol eine Deputation zu wählen und sie nach Wien zu begleiten. 357) Um diese Zeit rüsteten die früheren Tiroler Deputirten, denen das theuere Pflaster Wiens
bereits
unter
den Füßen brannte,
außer Stande , die Ankunft Metternichs länger abzuwarten, großentheils zur Abreise , entzückt über die ihnen im Namen des Erzherzogs von seinem Sekretär Binner erwiesene Gastfreundschaft 358) und voll Hoffnung , ihren geliebten Prinzen „Hannes “ denn doch bald in Tirol zu sehen . Sie reisten am 11. ab , wie Giovanelli. Einzelne, wie Dr. v. Grabmayer, Badler, Guffler und Riedl blieben zurück, leßterer um die aus dem damals ſalzburgischen Zillerthal angemeldete Deputation zu führen, die ihre Heimat sobald als möglich österreichisch und nicht länger bairisch haben wollten. Badlers Audienz bei Baldacci (11. Juli) war nicht ohne
357) Giovanelli (Notus) an Erzh. Johann 3. Juli 1814. Als ich den 358) 1814, 7. Juli, Wien. Binner an Erzh. Johann. Tirolern meldete, daß ich sie bewirthen werde, gingen ihnen die Augen über. Sie kommen einzeln und paarweis im Stillen täglich zu mir und da werden öfters doch mäßig und bescheiden Toaste auf das Wohl des von ihnen so sehr angebeteten Erzherzoges, meines gnädigsten Herrn ausgestürzt. Badler habe in Baden, obschon wiederholt von Kutschera bestellt, es zu einer Audienz beim Kaiser nicht bringen können . . . Heute gaben S. Maj . die lezte Audienz, den Deputirten aus Ungarn und Siebenbürgen . Kutschera kehrt diesen Abend nach Baden zurück. Von S. Majestät geschieht das Nämliche später, oder Morgen früh. Man schüttelt darüber hier bedenklich den Kopf, daß S. Majestät keine Audienzen an Private zu geben geruhen."
VII. Die Lösung der Tiroler Frage 1814-1816.
201
einige wichtige Momente. 359) Der einflußreiche Mann eröffnete ihm , daß der Kaiser den FZM. Fenner zum Militärkommandanten Tirols bereits ernannt habe , was ihn ganz befriedige. Fenner ſelbſt wiſſe davon noch nichts. Die guten Tiroler würden zwar wieder Manche ihrer alten Freiheiten erhalten, doch nicht Alle , denn die gegenwärtigen politischen Verhältnisse ließen es nicht zu . Ihr Lieblingswunsch jedoch, von der Rekrutirung frei zu sein , werde erfüllt werden. Baldacci kenne aus Erfahrung das Land 360) und wiſſe nur zu gut, man in finanzieller Hinsicht auf Tirol nicht rechnen könne.
daß
Auch die Errichtung einer Landmiliz sei gegen den Antrag. Salzwerde ganz gewiß zu Desterreich kommen. Zuletzt habe Baldacci die Deputirten gelobt und gestanden , sie hätten sehr be-
burg
scheiden und vernünftig gesprochen ; es würde aber jezt eine Depu tation aus dem ganzen Lande erscheinen. Man erwartete diese Sendboten unter Roschmanns Führung ungefähr innerhalb 14 Tagen, doch verschob sich ihr Eintreffen bis . in den August hinein. Erzherzog Johann, der, nach einem erquickenden Ausfluge ins steierische Oberland, 361) von Thernberg am 15. Juli 1814 nach Wien zurückgekehrt war , erfuhr bezüglich dieser Deputation durch Dr. v. Grabmayer: Roschmann habe bereits die Liste eingesendet, die von ihm Auserkorenen wollten sich jedoch nicht auf den Weg
359) Binner an Erzh. Johann, 12. Juli 1814. 360) Vgl. Ficker's Skizze einer Geschichte des k. k. statist. Bureaus in den Jahren 1829-1853 (in den Mitth. aus dem Geb. d . Statistik der österr. Monarchie, IV. J., Wien 1855 ) S. 4, „ Frhr. v . Baldacci hatte bereits im Jahre 1803 im a. H. Auftrage bei Gelegenheit einer Geschäftsreise nach Dalmatien, Istrien und Venedig von den Adminiſtrationsbehörden dieſer Provinzen sowohl als auch Inner-Oesterreichs und Tirols sehr schäßbare Materialien gesammelt, die jedoch während der feindlichen Invaſion größtentheils verloren gingen.“ Vgl. auch m. Auff. Frhr . Anton v. Baldacci über die inneren Zustände Oesterreichs . Denksch. ü . Oeſt. a . dem J. 1816, h. u . eingel. Archiv f. öst. Gesch. h. v. d . Wiener Akad . 74. Bd . 1889 u . Sep. - Abdr. 361 ) Von Erzh. Johanns Alpenreisen in der Steiermark nach seinen tagebücherlichen Aufzeichnungen liegt veröffentlicht nur eine das Jahr 1810 betreffende Publikation v. Ilw of vor . Graz 1882.
202
VII. Die Löſung der Tiroler Frage 1814-1816.
machen , vermeinend , ſie ſeien nicht gewählt , sondern ernannt, und würden es vor dem Lande nicht verantworten können. 362) Jeden= falls mochte da nicht Alles in der Rechnung Roschmanns stimmen, wenn er auch seiner Zeit thatsächlich mit der stattlichen Deputation eintraf. Anderseits hatte schon den 13. Juli der nach allen Seiten hin rührige Binner dem Erzherzoge nach Thernberg gemeldet , der wackere Hofrath Purtscher , 363) ein Tiroler von Geburt , wurde bald als Organisator der Gerichtsverhältnisse Tirols an seinen Bestimmungsort abreisen, wodurch ein heilsames Gegengewicht der Eigenmächtigkeiten Roschmanns erwüchse , vor Allem jedoch eine Aeußerung Baldaccis mitgetheilt : Die Tiroler würden einen würdigen Mann zum Gouverneur erhalten , mit dem sie zufrieden sein würden. Das gefalle ihm allerdings wenig ( denn er gönnte nur ſeinem Herrn dieſen Play), 364) immerhin müßte dieſe Aeußerung den Gedanken nahelegen, daß die Tage des Roschmann'schen Provisoriums gezählt seien. Damit im Zusammenhange ſteht eine Aufzeichnung im Tagebuche des Erzherzogs zum 26. Juli : „ Roschmann kommt als Hofrath zur Hofkanzlei oder zur Länderorganisirungs-Kommiſſion ; das ist gut, dort ohne Müller 365) . . . muß er mit seinem Kopfe
362) Erzh. Joh. Tageb. z . 18. Juli 1814. "" Ist dies so, dann hoch Tirol ! Es ist wieder ein Beweis , wie brav die Leute sind." 33) Er diente früher im galiziſchen Appellationsgerichte. Erzh. Johann nennnt ihn in s. Tageb. z. 28. Juni 1813 : "! Der redliche Purtscher" Binner schrieb den 13. Juni 1814 an seinen Herrn : „ Purtscher dürfte den 16. Juli abreiſen. “ 364) Binner a. a. O. „ In dem Wort , würdiger Mann' scheint mir Vieles zu liegen, was meinem Wunsche gar nicht entspricht." 365) Wie hoch man den Einfluß Adam Müllers auf Roſchmann zu Jnnsbruck anschlug , beweist z . B. die Aufzeichnung eines gewiegten Mannes, Dipauli : „ Vielleicht findet Roschmann darum einige Entschuldigung, daß er selbst, wie aus allen seinen Handlungen hervorgeht, nur ein ränkesüchtiger, heftiger , der Privatrache ergebener und auf persönlichen Vortheil bedachter, übrigens ein kopfloser Mann, ganz unter dem Einflusse seines Sekretärs , Adam stand. " Jäger 148. Anm .
VII. Die Lösung der Tiroler Frage 1814-1816.
203
operiren und da wird sichs bald zeigen , wie weit wir her sind, das stürzt ihn. " In den leitenden Sphären muß also bereits die Gouverneurfrage Tirols und das Ende der Mission Roschmanns in Erwägung gezogenw orden sein, 366) obschon lettere gerade jezt durchRoschmanns Ernennung vom 4. August 1814 zum „ wirklichen Hofrathe und Länder-Einrichtungs-Hofkommissär für Tirol und Vorarlberg" das volle Gewicht empfangen ſollte. Das in seiner Grundſtimmung immer optimiſtiſche Gemüth des Erzherzogs war damals durch Manches wieder gehoben.
Am
18. Juli sprach er mit seinem Bruder, dem Kaiser , über das, was ihm Dr. Grabmayer von seiner Audienz mitgetheilt 367) und empfing den Eindruck,
„ daß er doch für dieses Land
Alten sein lassen werde " .
(Tirol) es beim
Darin bestärkte ihn ein Gespräch vom
31. Juli, das manches wichtige Streiflicht auf die allgemeine Sachlage wirft. 368) Anderseits hatte Metternich, selbst vor Kurzem eingetroffen,
366) Darauf wies auch die spätere Eröffnung des Kaisers hin, daß er den Tirolern einen würdigen Mann als Statthalter vorbehalte. 367) Erzh. Joh. Tageb. 18. Juli 1814 : . . „Beim Kaiſer ... . . . dann sprach ich Tirol betreffend. Ich nahm mir einen Rand und ſagte das, was Grabmayr ihm gesagt. Ich finde, daß der Herr zulezt doch für dieses Land es bei dem Alten wird ſein laſſen, das ist mein Ziel. Jezt heißt es, Metternich bearbeiten ; er (der Kaiſer) ſagte mir, daß 22 Deputirte kommen. " 368) Erzh. Joh. Tageb. z. 31. Juli 1814 : „ Abschied vom Kaiſer (da der Erzh. nach Thernberg abging ). Dann sagte er mir, er wolle Tirol das Alte geben bis auf kleine Modifikationen, nämlich, daß sie eine Zahl Soldaten unterhielten. Ich sagte es sei nicht genug, das Land müſſe mit Vorarlberg 3000 Jäger erhalten, nebſtbei Miliz und die alte Vertheidigung, dann die Adminiſtration, ſo daß er ihm nichts schenke. Er war damit zufrieden. Ich ersehe daraus, daß er anfängt einzusehen, daß es nicht anders geht. " (Randbem. aus späterer Zeit) : „Man machte dem Kaiser weiß, er habe Tirol alles gegeben, bis auf kleine Modifikationen, und eben diese waren es, welche die Hauptsache verminderten ; jene, die es vorſchlugen, wußten wohl, was sie thäten). Die Italiener, vorzüglich die Krainer haben vor ihm wahr und freimüthig gesprochen ; das hat gewirkt. Der Dechant zu Krainburg, nicht minder Joseph (Erzh. Palatin) erzählt mir es, und er benüßte die Gelegenheit, um dem Kaiſer die Sache offen darzustellen, wie sie ist."
204
VII. Die Lösung der Tiroler Frage 1814-1816 .
den Erzherzog aufgefordert (27. Juli), ihm Alles an Aufzeichnungen, was Tirol betreffe , zu übergeben , was er auch Anfangs Auguſt that ; es war dies offenbar jene Denkschrift über Tirol. Schwerlich nahm sich wohl Metternich , mit den Vorbereitungen des Wiener Kongresses beschäftigt und mehr Diplomat als Staatsmann, Zeit und Muße, die gewissenhafte Arbeit des Erzherzogs so zu würdigen, wie sie es verdiente. 369) Ebenso legte der kaiserliche Prinz sein Elaborat in die Hände des Grafen Lažansky , dem damals der Kaiser den Vorsiz bei der Länderorganisirungs - Kommiſſion übertragen ,
was
für
den
Erzherzog als wahrer Gewinn für Tirol erschien. Er war auch zufrieden, daß der Kaiser, die von Roschmann aufgebotene Landesdeputation anwies ,
bis zu seiner Ankunft nach Wien zu warten,
und unterließ es nicht , dem für die bezeichnete Kommiſſion gleichfalls in Aussicht genommenen Hofrathe Eyberg und ebenso dem Justizmanne, Hofrath Purtscher, verläßliche Tiroler als Vertrauensmänner zu empfehlen. 370) 369) Erzh. Joh. Tageb. z . 24. Juli 1814 und 2. Aug. (Wien) : „ Ich ging zu Metternich, brachte ihm meinen Auffaz Tirol betreffend und bat ihn, ihn zu lesen ; er versprach es ; ich hoffe es . Dieser Mann sieht richtig und ins Große, je mehr ich ihn kennen lerne, desto mehr finde ich ihn geeignet für die Stelle, nur wünsche ich weniger Leichtigkeit in Betrachtung der Dinge" . (Randbem. aus späterer Zeit : Hätte er gründlich den Gegenstand sich eigen gemacht so wäre es gut gewesen, allein er hatte andere Dinge zu verfolgen und so ergründete er die Sache nicht. ") 370) Erzh. Johanns Tagebuch z. 3. August 1814. „Lažansky. Gott sei Dank; hat der Kaiser ihm den Vorsiz in der Organisationskommission der Provinzen gegeben, so kommt Tirol in die Hände dieſes Ehrenmannes. Ich übergab ihm mein Elaborat und hoffe das Beste. Der Kaiser hieß die Deputirten zu Hauſe bleiben bis zu ſeiner Ankunft ; das ist gut, wenn sie nur nicht bereits unterwegs sind . Eyberg soll zur Kommiſſion kommen ; er kennt das Land. Ich empfahl ihm : Röggel und de Lama , brave Leute. Purtschern empfahl ich : Aberer, Azwanger und Fischer, drei brave Männer ; so nach und nach kommen vertraute Leute, auf die der Kaiser zählen kann. “ Hormayr bezeichnet in seinem Briefe an Erzh. Johann v. 4. Sept. 1814 ( Klosterneuburg) den Aberer (Ueberbringer des Schreibens) als unerschütterlich redlichen Mann, der ohne Eigennuß , ohne Nebenabsicht seine (Hormayrs) bitterſten Stunden (im Brünner Haftorte) versüßt und dazu, daß er noch lebe, das Meiste beigetragen habe.
VII. Die Lösung der Tiroler Frage 1814-1816.
205
Roschmann, der die von Dr. v. Grabmayer dem Kaiſer am 3. Juli übergebene Bittschrift der Bogner durch Baldacci zur "1Wissenschaft und Darnachachtung " überkommen hatte, nahm, wie dies seine Kundmachung ergab , von Deputirten des Bauernstandes aus dem deutschen Theile Welschtirols Umgang. Um dies wettzumachen, versammelten sich Abgeordnete der deutschen Gemeinden dieses Gebietes 22. Juli in Bozen , welche Stadt ihre schlimme Lage auch in besonderer Eingabe an den Erzherzog zu schildern nicht versäumt hatte, 371) und einigten sich über die Vollmacht für ihre Abgesandten, als welche Georg Luz von Gries und Josef Staffler vom Ritten gewählt wurden.
Sie sollten den Kaiſer
um Wiederherstellung der alten Verfaſſung und um Aufhebung des Provisoriums bitten. Die Instruktion der Sendboten ent= wickelte in umfassender Weise alle Wünsche und Beschwerden ihrer Landesgenossen. Lug und Staffler brachen schon den 29. Juli von Bozen auf, um der Deputation Roschmanns zuvorzukommen .
Giovanelli
erachtete diese Deputation für unzeitig , that aber dann das Möglichste für seine Landsleute, und ſeiner Feder entstammte jene ausführliche Denkschrift , mit welcher sich Luz und Staffler bei dem Monarchen einzufinden hatten. 372) Obschon Kaiser Franz auf seinem Sommersiße , Schloß Lubereck , an der Donau, - den beiden Deputirten, insbesondere dem Wortführer Luz , Gelegenheit gab, sich in der ziemlich langen Audienz (v. 10. Aug. 1814) über mancherlei eingehend zu äußern, was ihnen und ihren Auftraggebern am Herzen lag , so war er begreiflicherweise von den Beschwerden über den kürzlich in Rang und Würden erhöhten Roschmann nicht sehr erbaut , wie sich dies
371) S. das nicht unintereſſante Aktenstück im Anhange Nr. XXIX. 372) S. Jäger 351 f. Im Nachlasse des Erzherzogs findet sich von der Hand desselben 3. 4. August 1814 angemerkt : „Vollmacht, dat. v. 23. Juli Boßen (mit 19 Unterschriften) für Josef Staffler , Gemeindevorsteher von Ritten und Georg Luz, offenbar derselbe, der schon im Frühjahre 1813 als eine Vertrauensperson des Erzherzogs in dessen Tagebuch verzeichnet erscheint und auch die früher erwähnte Vorstellung v . Anfang Juni 1814 als erſter unterzeichnet hatte.
206 am
VII. Die Lösung der Tiroler Frage 1814-1816 . besten
aus
der Aeußerung
ergibt ,
daß
die Tiroler einen
Jeden , den man ins Land schicke , für einen Verräther hielten. Dennoch versprach er „ im November mit einem Manne zu kommen, gegen den sie wohl nichts einzuwenden haben dürften" . 373) Während Luz und Staffler ihrem Auftrage nachgingen, hatte sich Roschmann mit seiner ſtattlichen Landes deputation auf den Weg gemacht.
Je vier Vertreter der Geistlichkeit , des Adels,
der landesfürstlichen Bürgerschaft und acht des Bauernstandes Tirols gaben ihm das Geleite, und vier Deputirte Vorarlbergs ſchloſſen sich den 20 Abgeordneten des Schwesterlandes an.
Am 6. Auguſt
trennte sich der provisorische Landeschef Tirols von seinen Begleitern, um bei seinem Vater , dem Kreishauptmanne , in St. Pölten einzukehren und am Abende des nächsten Tages (7. Aug.) nach Wien abzugehen. Von all dem verſtändigt Binner (7. Aug.) 374) ſeinen Herrn auf das Genaueste ,
da der Erzherzog
welche sein Tagebuch verlassen hatte ,
enthält ,
um sich nach
aus triftigen Gründen,
Wien Tags Thernberg
zuvor
(6. Auguſt)
zurückzuziehen 375)
und von hier aus in seine geliebten Berge des ſteieriſchen Ober-
373) Der Audienzbericht findet sich in den Histor. polit. Bl. XX. Bd . Giovanelli, II. Fragment 147--151 abgedr. in Kurzem bei Jäger S. 156 f. In den histor. polit. Bl. wird Gutenbrunn als Ort der Audienz bezeichnet ; richtiger ist Schl. Lubereck, wohin sich der Kaiser s. 1. August von Baden aus begeben hatte, wie dies auch Jäger a. a . D. angibt. Binner läßt auch in seinem Berichte an den Erzherzog vom 5. Auguſt 1814 die beiden Deputirten nach Lubereck reisen. Gutenbrunn liegt in der Nähe. 374) Binner an Erzh. Joh. 7. Aug. 1814. 375) Erzh. Joh . Tageb. z . 5. August 1814 . . „ Die Deputirten kommen, sind großentheils Leute, schwach oder furchtsam niedergedrückt durch Roschmann ! Nur eine langſame Bearbeitung kann da wirken ; trete ich auf , so ist es coup d'éclat ; ich erscheine als Opponent gegen den Kaiser , eine elende Rolle , und verderbe es dem Lande ; mein Wirken wird dann unnüß. Ueberdies, wie soll ich Roschmann , der mich verrathen, betrogen hat , der tückisch , falsch und niederträchtig handelt, ein gutes Gesicht machen ? Er müßte gleich merken, daß ich ihn durchſehe, und dann könnte er wegen meiner dem Lande Schelmenstreiche
207
VII. Die Löſung der Tiroler Frage 1814-1816 . landes zu eilen.
Vor seiner Abreise sprachen bei ihm
noch der
Dekan von Bregenz , Steger , und der Bürgermeister von Innsbruck, Karl von Tschusi , vor. Luz und Staffler sollten sich bei ihm behufs Empfanges von Verhaltungsmaßregeln einfinden. 376)
Sie begaben sich dann
nach Schloß Lubeneck, wo ( 10. Aug.) die bereits erwähnte Audienz stattfand.
Giovanelli hatte es so
eingerichtet ,
daß
sie
bis
9. August in Wien verweilten , um nicht auf der Straße mit der Deputation Roschmanns zusammenzutreffen ; dann sollten sie über das Salzkammergut den Rückweg in die Heimat nehmen. Binner, Schneider, Grabmayer und Giovanelli vertheilten unter einander die wichtige Aufgabe, sich mit den Deputirten Roschmanns näher zu verſtändigen, und der Erstgenannte ließ es ebensowenig
an Rührigkeit
als
an
fortlaufenden Berichten
an
seinen Herrn über das Vorgekehrte und Gehörte fehlen, wobei ihn Giovanelli aufs eifrigſte unterstüßte. 877) spielen. Ich gehe also und weiche aus ; bis der Kaiser kommt, fehre ich zurück, eher kommen die Deputirten nicht vor ; indes bearbeite ich Lažansky , Metternich , Wessenberg." 876) 1814, 7. Auguſt, Wien. Binner an Erzh. Johann. „R(oſchmann) iſt gestern in St. Pölten angelangt und speist heute bei seinem Vater. Abends wird er hier sicher erwartet. Wie man seiner Ankunft gewiß ist, werden Luz und Staffler das Bewußte mit Untersteiner zu bewerkstelligen, sogleich sich anschicken. Beide, Luz und Staffler werden mit Gutheißen des Giova(nelli) Euer kais. Hoheit in Gſtatt aufſuchen, um Höchſtſie von dem in Kenntnis zu seben, was sie ausgerichtet haben. Dienstag den 9. geschieht ihre Abreise zu dem vorgesteckten Zweck (10. Aug. 1814 meldet er dem Erzherzoge ihre am 8. Aug. 8 Uhr Ab. erfolgte Abreise nach Lubereck). Heute kam Wintersteller mit Georg Rainer , einem Wirth aus Kufſtein. Ich habe sie gleich Solo gefangen. Morgen werden sie von mir bewirthet. Ihnen so wie den übrigen mit der nöthigen Vorsicht jenen Geiſt einzuhauchen, der nur einzig zum wahren Guten führen kann, soll und wird mein einziges Streben und Weben sein. Gestern langte Abends auch der Prälat von Wiltau an. Die Uebrigen von Wörndle verzeichneten werden alle noch gewärtiget." 377) ( 1814, 7. Auguſt, ebenda. ) Binner an Erzh. Johann . „ Schneider, Grabmayr , Giovanelli und ich bieten uns gemeinschaftlich die Hände und sprechen uns des Tages mehrere Male. Steger, der Dekan aus Bregenz, ist ganz entzückt von der lezten Unterredung (mit Erzh. Johann) noch und führt und stimmt die Mitkollegen zur wahren Sprache. Nur vergaß ich auf
208
VII. Die Lösung der Tiroler Frage 1814-1816. Zeitweilig ließ sich auch Hormayr von Brünn aus in Briefen
an den Erzherzog in schneidigen Glossen über die Sachlage und die Deputationen vernehmen , mit jener leidenschaftlichen Energie, welche sich
in
die
Gefühls-
und
Denkweise
seines
fürstlichen
Gönners, in das „Zuwarten “ und „ Dulden“ nicht finden konnte. 378) Von besonderem Interesse ist das, was Binner, durch welchen Giovanelli mit dem Trienter Fürstbischof (Thun)
persönlich
bekannt gemacht wurde , von der Aeußerung dieses Kirchenfürſten über Roschmann, dem Erzherzog (10. Aug.) hinterbrachte. „Roschmann sei seinem Geschäfte nicht gewachsen ; sein Talent wäre mehr dazu geeignet, sich leiten zu lassen, als Andere zu leiten. Er habe einen zu langsam faſſenden Geist , habe keinen reinen Ueberblick des
Ganzen und kenne selbst das
Was die Abgaben anbelangt ,
Intrinsecum nicht.
hätte er kein billiges Ebenmaß zu
treffen gewußt. Die Beschwerden seien stark. Er habe durch sein Benehmen das Zutrauen wie die Liebe der Nation verloren und
den Fürstbischof von Trient. Der Prälat von Wiltau ist nichts weniger als auf des Judas (Roschmann) Seite. Giova(nelli) schreibt und berichtet das Nähere.“ 378) Bezeichnend ist der Brief Hormayrs an Erzh. Johann v . 3. Aug. 1814 (Brünn), womit er das Schreiben des Lezteren v. 28. Juli beantwortet und in leidenschaftlichen Worten gegen die Theorie des Zuwartens und der Resignation ankämpft, welche aus dem empfangenen Briefe herausgeklungen haben muß : (Bestätigt den Empfang des Briefes v . 28.) . . . „ Gott bewahre vor dem Deus providebit, dagegen ich E. k. H. einſt ſelbſt ſo richtig eifern hörte ! Dieſe Art religiöser Resignation, ähnlich der herrenhuterischen Stellung der Schafe, wenn sie geschoren werden, ist das Grab aller männlichen Kraft, aller bürgerlichen, soldatischen und zuvörderst aller fürstlichen Tugend. Weit entfernt, wie der erdgeborne Riese Antäus von jedem Falle sich wieder neugestärkt emporzuringen, empfängt man die Schläge des Schicksals wie der Soldat auf der Bank!! -- bedankt sich noch für das erlittene Unrecht. Hätten E. t. H. dem Kaiser einmal fest und wahr mit der Ehrfurcht und Liebe, die ihm geziemt, von der Sache gesprochen, der Bösewicht wäre entlarvt und (von uns gar nicht zu reden) es wäre auch dem Lande geholfen ! Dem Lande, dem bald nicht mehr zu helfen sein wird, da auch E. k. H. es verlaſſen, oder wenigstens nicht am rechten Orte (und nur einmal) für selbes sprechen. Alles andere Reden und Schreiben ist leer, wie die Stimme der Rufenden in der Wüſte“ ... . .
VII. Die Lösung der Tiroler Frage 1814-1816.
209
geschehe in seinen Mißgriffen keine Abänderung, so sei das „ Landl“ am Abgrunde des Verderbens. Schmußig sei er nie gewesen ; im Gegentheile handle er sehr splendid und habe viel für die Armen gethan.
In dieser leidenschaftslosen Charakteristik lag genug des
Verurtheilenden, und gewiß dachte der Fürstbischof noch schlimmer von Roschmann, als ihm Binner sicherlich in den dunkelſten Farben - den Verrath des Landeschefs von Tirol an dem Erzherzoge, an Hormayr und Schneider darzustellen sich beeilte. 379) Am meisten war Binner über die Abgeordneten Speckbacher, Wintersteller und Rainer aufgebracht , da er sie gänzlich im Solde Roschmanns gewahrte. Er lud die beiden Leßtgenannten zu ſich , um sie auszuholen und ihnen , wenn möglich , die Augen zu öffnen. Winterstellers Geständnisse zeigten deutlich , daß er von Roschmann gründlich geschult worden.
Der Landeschef habe ihm
und ſeinen Genoſſen eingeſchärft : Bei der Audienz hübſch ſtill zu sein und nur dann zu sprechen, wenn er von Roschmann hiezu den Wink bekäme. Ueberhaupt habe er ihnen noch keine eigentliche Instruktion gegeben ; er laſſe nur abwechselnd täglich zwei zu sich kommen, um seine Befehle einzuholen. 380) Dieser Eigenmächtigkeit Roſchmanns entsprach auch die Verfügung, seinem einſtigen Courier, dem Tiroler Frischmann, der sich Roſchmanns Weiſungen, zu Gunſten deſſen Gubernatur zu agitiren, nicht fügen wollte , sodann dessen Sohne , ferner einem Meraner und einem Bauer aus dem Vintschgau keine Pässe ausfolgen zu lassen , da Niemand
ohne sein Wissen sich nach Wien begeben
dürfe. 381) Den 13. August 1814 spät Abends erhielten die Landes-
379) Binner an Erzh. Johann 10. Aug. 1814 .
980) Binner an Erzh. Johann a. gl . Tage . . . „ Lange war Winterſteller zurückhaltend, ein Gläschen mehr eingeſchüttet löste ihm endlich die Zunge “ . . . 3. Aug. 1814 schrieb Hormayr an Erzh. Johann : ... " Es ist wichtig, daß Binner die Deputirten zumal die Bauern öfters zu sich lade. Was E. k. H. nicht wohl sagen können, kann er um so eindringlicher vortragen. " 381) Binner an Erzh. Johann. 17. Aug. 1814. Das war der Bescheid Leopolds v. Hauer, des Stellvertreters Roschmanns. 14 Krones, Tirol 1812-1816.
210
VII. Die Lösung der Tiroler Frage 1814-1816.
Deputirten Tirols 382) jählings den unvermutheten Befehl, sogleich Huldigung “ darzubringen. aufzubrechen, um dem Kaiser ihre Roschmann hatte eine Estaffette an den Kaiser nach Lubereck abgeschickt, mit der Bitte, der Monarch wolle zum ökonomischen Besten der (bäuerlichen) Deputation die Audienz dort, also noch vor seiner Rückkehr nach Wien, zu ertheilen geruhen. 383) Die Bauern hatten nun ihre liebe Noth, um die nothwendigen Fahrgelegenheiten aufzutreiben . Die Audienz fand den 16. Aug. auf dem Schlosse Persenbeug statt, wohin sich der Kaiser von Lubereck begeben hatte. Sie stach in ihrem ganzen Verlaufe gewaltig ab von jenen freien Kundgebungen der früheren Abgeordneten Tirols. Roschmann war der einzige Sprecher, und seine kurze Rede überfloß einzig und allein von der Dankbarkeit Tirols für die Großmuth und Gnade des Kaiſers, „ in deſſen Hände man mit dem unverbrüchlichen Eide der Treue die Hoffnungen und Wünsche der Nation ganz und gar lege, ohne der allerhöchsten Entscheidung vorzugreifen". Daß er, wie es heißt, sie überdies aus dem Hute herauslas, konnte ihren Eindruck auf die wenig erbaute Deputation keineswegs günstiger geſtalten. 384)
Anm.
382) Das vollſtändige Verzeichnis der Deputirten b . Jäger S. 156 , Die Geistlichkeit vertraten : Fürſtbischof Emanuel Graf Thun
v. Trient, Joh. Frhr. von Trentini , Domherr von Trient, Max Graf Wolkenstein, Domherr v. Brixen, damals Stadtpfarrer von Meran und Markus, Abt von Wilten ; den landständischen Adel : Peter Graf v . Wolkenstein (Trient) , Frhr. Josef von Reinhart (Innsbruck) , von Plawen (Latsch), Joh. Peter v . Fedrigotti (Roveredo) ; die Städte : Karl v. Tſchuſi, Bürgermstr. von Innsbruck, Domin. von Kager , Bürgermstr. von Boßen, Joh. A. Krezl, Handelsm . von Boßen, Röck, Bürgermſtr. von Lienz. Aus der Bauernschaft erkor Roschmann : Speckbacher , Rainer , Pinisdorfer, Wintersteller , Ladurner von Algund, J. Nößl von Mais , Nagele von Steinach, Stemberger von Brunecken. Binner meldete dem Erzherzoge stets das Kommen der einzelnen Deputirten. Binner be383) Binner an Erzh. Johann 14. Aug. 1814 (Wien). merkt dazu, allerdings etwas sanguinisch, ,,Eigentlich mag sich wohl Roschmann fürchten, daß die Deputirten, Speckbacher ausgenommen, von ihm alle abfallen dürften. Seinen Deputirten sei ohnehin vor der Heimreiſe bange, da sie ja nicht vom Lande gewählt worden." 384) Binner an Erzh. Johann 24. Aug. 1814.
VII. Die Lösung der Tiroler Frage 1814-1816.
211
Ohnehin hatten schon vorher der Fürstbischof von Trient , der Abt von Wilten , der Dechant von Bregenz , der Baron von Reinhart u. A.
auf Privataudienzen gedrungen.
Hatte sichs
doch Roschmann herausgenommen , sein ergebenes „ Kleeblatt “ : Speckbacher, Wintersteller 385) und Rainer als bequemes dreifaches Sprachrohr des
" richtigen " Bauernwillens Tirols in
besonderer Audienz dem Kaiser vorzuführen. Allein auch bei diesen Privataudienzen suchte Roschmann die Führung in der Hand zu behalten.
Die Erzherzoge
(der , deſſen Antlig zu scheuen Roschmann alle Ursache hatte , war fern von Wien), - vermied er, Polizeipräsident Frhr. von Haager ließ ihn gar nicht vor , der beste Beweis, was dieſer Mann von ihm dachte. 386) Zweimal wurden die Deputirten
zu
wichtigsten Manne , Baldacci , gebracht.
dem
für Roschmann
Anderthalb Stunden
sprach er mit diesem unter vier Augen, die andern mußten warten. Baldaccis Aeußerung : „ Die Tiroler müßten sich so manche Aenderungen an ihrer Verfaſſung gefallen laſſen , das Alte könne und werde nicht mehr bestehen, " machte keinen tröstlichen Eindruck ; einer
385) Binner an Erzh. Johann 21. Aug. 1814. „Wintersteller, Speckbacher, Rainer aus Kufſtein, dies unſelige Kleeblatt des elendeſten Hypokriten. (Randbemerkung des Erzherzogs aus späterer Zeit : „brave Leute ! ") Sie ſollten von Roschmann verführt um den Kronprinzen ( Ferdinand) für Tirol flehen.“ Lezteres klingt nicht sehr wahrscheinlich. Ueber Winterſteller heißt es dann noch weiter im Briefe Binners : „ließ sich hier kühn und unverholen allerwärts verlauten : es wäre nicht einmal förderlich für das Land , wenn ein Erzherzog hineinkäme , zumal der Erzherzog Johann, der mit dem Kaiser in einer Art Spannung stünde ; der Kaiser wolle keinen Erzherzog in den eroberten Ländern angestellt wissen ; wahrlich ganz die Sprache und der Gifthauch des Judas (Roschmanns) ! Gegen den Erzherzog Karl wagte er sich besonders noch heraus .“ 386) Berichte Binners an Erzh. Johann v. 21. - 24 . Aug. 1814 und Jägers ausführliche Angaben S. 161–163 . In einer Audienz des Fürſtbischofs von Trient beim Großherzoge von Toskana ( Ferdinand ) habe jener an dieſem einen liebenswürdigen Herrn gefunden, der ganz zum wahren Nuzen Tirols gestimmt und gesinnt ſei, „aber, aber “, äußerte der Großherzog, „ der fatale Baldacci ! " (Binner 21. Aug. 1814 an Erzh. Johann). 14*
212
VII. Die Lösung der Tiroler Frage 1814-1816.
der Bauern-Deputirten konnte eine Gegenbemerkung nicht unterdrücken. Denn bei der Hoftafel, zu der ſie geladen wurden, war Miniſter Metternich auffallend
kühl ; er könne nichts thun , ſie müßten abwarten , was der Kaiser beschließen würde. Umsoweniger konnte
die Freundlichkeit des kais. Gen.- Adjutanten Wrbna dagegen aufkommen , denn sie war mit den Worten : sein Einfluß sei gering, er werde das Beste thun, nur verbrämt. Zum Mittagstische Baldaccis in Hiezing waren sämmtliche Tiroler geladen, und der Gaſtgeber bot alle ihm zur Verfügung stehende Freundlichkeit auf. So kehrten denn Roschmanns Deputirte nach Hause zurück, wie der Fürstbischof von Trient zu Binner sich äußerte, „ mit leeren Händen" . Er habe kein Wort des Troſtes für seine guten Leute. 387) Anderseits war man entſchloſſen, in einer Denkschrift für den Patriotismus der Tiroler und ihre loyalen Wünsche einzutreten. 388) Im Lande Tirol konnte dies Ergebnis nicht ohne tiefe Verstimmung aufgenommen werden. Wußte man doch, daß die Bozner Merkantil-Deputirten Dr. Franz v. Plattner und Peter v. Mayrl, die sich nach Innsbruck zur dortigen , Roschmann unterſtehenden, Organisirungskommiſſion begaben , brachten. 389)
auch nur leere Worte heim-
387) Binner an Erzh. Johann 21. Aug. 1814. 388) 1814, 24. August, Wien. Binner an Erzh. Johann. ,,Da Se. Majestät bei der bereits abgeschickten dritten Deputation sich nicht des geringsten verlauten ließen, ob ihnen die alte Verfaſſung belaſſen werde, da Allerhöchſtdieselben vielmehr laut sagten : Die Tiroler wären nicht mehr die alten Tiroler, sie wären höchst argwöhnisch und mit Keinem der Kommiſſäre zufrieden, so hätte die lezte Deputation (mit Ausnahme Speckbachers und Winterſtellers ) voll tiefer Kränkung darüber sich eine Schrift verfaſſen laſſen, in der ſie um eine unparteiische Untersuchung baten in Hinsicht ihres Benehmens. Denn ſie sähen aus der allerhöchsten Aeußerung ſo ſonnenklar, daß ſie verläumdet worden ; sie berufen sich auf Brandis, auf Bissingen, mit denen sie stets zufrieden waren und jezt auf Purtscher, der ihr volles Vertrauen und ihre Liebe habe. Sie bitten dann ferners um die baldige Auflösung der ihnen so drückend werdenden proviſorischen Regierung und um die sie einzig glücklich machende alte Verfaſſung." 889) Jäger 168.
213
VII. Die Lösung der Tiroler Frage 1814-1816. Allerdings
überflogen
die Wünsche
und Erwartungen
der
Tiroler die Grenzen der Zeit , die Schranken der gegebenen Verhältniſſe und die namhaften Schwierigkeiten einer neuen Landeseinrichtung ; immerhin äußerte sich selbst ein Regierungsbeamter, der Justiz- Einrichtungs-Hofkommiſſär , Hofrath Purtscher , von Roschmanns Thätigkeit wenig erbaut, dahin : Man stehe nun schon faſt zwei Monate wieder unter österreichischer Regierung -- das Etschland wäre seit einem Jahre wieder österreichisch
aber an
den von Baiern und von der italienischen Regierung eingeführten Geseßen und an der von ihnen gegebenen Verfassung sei noch so viel als gar nichts geändert worden, der Tiroler erkenne an nichts, daß er wieder österreichisch geworden " . 390)
Der Tiroler war nun einmal an Selbsthilfe und an das Gemeinberathen gewohnt und gewiesen , und so kam es bald zu bedeutsamen Erscheinungen in dieser Richtung. Anfangs September trat in Bozen eine Versammlung mit einem Proteste gegen die Roschmannische Deputation, die „Kommandirten", 391) hervor und beschloß, nach dem Vorgange Stafflers die Einberufung eines allgemeinen Tages für den 8. Sept. 1814 nach Trens bei Mauls , im Bezirke von Sterzing. Der Bauer Mathias Ladurner (genannt
der Oberdorner ") von Algund, der zu der
Roschmann'schen Deputation gehört, legte eine, von Giovanelli verfaßte Bittschrift
an
den
Kaiser
vor ,
die
allgemeinen Bei-
fall fand. 390) Jäger 168–169. Binner schrieb schon 13. Aug. 1814 an seinen Herrn : Purtscher habe den Antrag der Bogner bewilligt, eine von ihnen selbst gewählte Deputation nach Wien zu senden, da er über das ungerechte Vorgehen Roschmanns, der aus Südtirol keinen Bauern wählte, entrüstet sei. Plattner habe sich daher auch schon zu Purtscher nach Innsbruck begeben." Es scheint jedoch nicht dazu gekommen zu ſein. 301) Daß Roschmann bei der Bildung dieser Deputation nach höheren Weisungen handelte ist gewiß, ebenso entsprach die Zusammenseßung im Ganzen so ziemlich der der alten Landesausschüsse, und einzelne Persönlichkeiten waren ganz namhafte Männer, aber die öffentliche Meinung sah in Allem sein tendenziöses Werk und wohl aus gutem Grunde ; so verargte man ihm auch die Ausschließung der deutschen Gemeinden Südtirols. Vgl . Egger III., 850.
VII. Die Lösung der Tiroler Frage 1814-1816.
214
Roschmann witterte dahinter sogleich eine zu seiner Entfernung aus Tirol geplante Verschwörung und fandte einen Kanzleibeamten, vormals
Landgerichtsaktuar zu Klausen ,
Johann Ebner ,
nach
Bruneck um Erkundigungen einzuholen. Zu Trens , bei Mauls , versammelten sich thatsächlich am 8. September die Abgeordneten von 34 Städten , Landgemeinden und Gerichten und zwar mit Vollmachten von Seite Anderer, ſo daß die Zahl der beschwerdeführenden Gemeinden auf 300-400 stieg . Adel und Klerus blieben dem Maulser Tage fern ; es war eine reine Bauern- und Bürgerversammlung. 392) Der Kundschaftsbericht Ebners an Roſchmann miſcht offenbar Richtiges mit Irrigem ; demnach stünden Eisenstecken ,
„ der
Badlwirth" , an der Spize, das Ausschreiben ſoll von Staffler ausgegangen sein (wie ſich's auch thatsächlich verhielt) ; gegen Roschmann habe man sich direkt nicht geäußert. Die Bittschrift enthalte drei Hauptpunkte: 1. Wiederherstellung der Stände und der Landschaft , 2. Bestätigung der Privilegien , 3. Erzherzog Johann
als
392) Hist. polit. BI. XX. 152–154. Vertreten waren : Landgericht und Stadt Mer an, die Landgerichte : Innsbruck, Steinach, Rattenberg, Sarnthal, Hall, Schwaz und Mühlbach, das ganze Oberinnthal, Landgericht Enneberg, der Bezirk von Bozen, Karneid, Völs , Kastelrutt , Deutschnofen , Jenesien , Terlan , Ritten, Laßfons , Feldthurns , Altenburg , Kaltern , Tramin , Neumarkt, Auer, Kurtatsch, Margreit, Salurns ... Jäger 169 , Egger III., 851. Erzh. Johann in sein Tageb. z . 19. Septemb. 1814 : „J Tirol ist indeß der Landtag in dem Wippthale, die Hauptzusammentretung in Trens bei Mauls gehalten worden, wo sie dann ihre Punkte aufgefeßt und die Deputirten benennt haben, die hierher kommen sollen, sie dem Kaiser zu bringen. Gut ist es, daß er von allen Seiten das Nämliche hört, endlich sicht er es ein und beſchließt es ; es geschieht für ſein Wohl ; er wird es mir danken, daß ich hier die Herren in die Kenntnis des Wahren sezte." 21. Sept. „Ich habe das Resultat der Conferenz in Trens gelesen. Was darin steht, ist strenge wahr. Die Bittſchrift ſandte ich in das Kabinet ; alle Vollmachten gedenken meiner ; für mich mehr als Alles . Daß doch es ein Volk in der Welt gibt, wo meine Stimme freundlich klinget, wo mein redlich Streben, wo mein Herz erkannt wird ! Möge Gott mir die Mittel geben, es ihnen zu erseyen ; ich thue, was ich kann ; diese Leute lasse ich gewiß nicht ſizen ; wir taugen am besten zusammen" .
VII. Die Lösung der Tiroler Frage 1814-1816. fünftiger Gouverneur des Landes.
215
Die ganze Sache scheine von
Bozen auszugehen. Von Wien aus soll der Rath ertheilt worden sein, die Versammlung und Petition noch vor dem Wiener Kongresse zustande zu bringen. 393) Ein artiges Nachspiel zu dieſen Kundschaften des provisorischen Landeschefs bietet dessen Vorgehen in Algund.
Am 11. Sept.
wurde von ihm eine eigene Kommission aus Bozen nach dem genannten Orte entboten , und hier von derselben mit dem Bauer Ladurner ( Oberdorner ") und mit dem Pfarrer ein geheimes Verhör vorgenommen. Ladurner mußte viele Fragen beantworten, die sich vornehmlich auf den Verkehr mit Giovanelli , auf die von dem Leßteren verfaßten Schriften , auf die von Ladurner in Bozen vorgelegte Petition , deren Verbreitung u. s . w. bezogen. Beim Ortsgeistlichen wurde auch eifrig nach Wiener Korreſpondenzen gefahndet , doch fanden sich bei ihm nur zwei Briefe Ladurners, zwei vom Frhrn. Eyrl aus Bozen und zwei vom Hofmeister des Giovanelliſchen Hauſes aus Wien , überdies die Abſchrift der von Giovanelli verfaßten Bittschrift vor , welche die erste Tiroler Deputation dem Kaiser überreicht hatte. 394) Erzh. Johann war von Thernberg Anfangs September in die Reſidenz zurückgekommen, wo sich bald der glänzende Kreis von gekrönten Häuptern und Staatsmännern ansammeln sollte, dem als „ Wiener Kongresse " die weitschichtige Aufgabe zufiel, Europa wieder einzurenken
und sichere Bürgschaften
eines
dauernden Friedens
auszuflügeln. Der Erzherzog gewann in Wien
den täuschenden Eindruck,
daß Tirol seine alte Verfassung wieder erhalten dürfte und seine Denkschrift das ihrige hiezu beitrüge.
Er war bekanntlich sehr zu-
frieden, daß Lažansky Vorsißender der bezüglichen Wiener CentralHofkommission geworden, dennoch ist es sehr zweifelhaft, daß dieſer der entschiedenen Anschauung Baldaccis , bei der alten Verfassung Tirols könne es
nicht bleiben ,
sich
entgegengestemmt
393) Jäger 171. 394) Mathias Ladurner (Oberdorner) an Binner, d. 20. Oktober 1814, Algund (den Brief sende er der Vorsicht wegen auf einem andern Wege).
216
VII. Die Lösung der Tiroler Frage 1814-1816.
hätte. 395)
Günstig für sie lauteten die Gutachten des Hofraths
v. Eyberg und Frhr. v. Liechtenthurn.
Aber auch Nicht-
Tiroler, wie z . B. die von Baldacci und Erzherzog Rainer zu solchen Aeußerungen aufgeforderten Fachmänner : Landeskommiſſär von Mensi und Kreishauptmann Benz sprachen sich im gleichen Sinne aus .
Dasselbe gilt von einem der tüchtigsten Köpfe
in
dieser Richtung , J. B. Rinna , dem auch im Organiſationswerke für Dalmatien eine wichtige Rolle zufiel. 396)
Dennoch schleppten
sich die Berathungen in das nächſte Jahr hinüber , ohne daß das Zünglein der Wage zu Gunsten der Wünsche Tirols ausschlug. Der kaiserliche Prinz , wie sehr ihn auch die Pflichten seiner Lebensstellung und die Fülle der Eindrücke , die der Wiener Kongreß darbot, in Anspruch nahmen, blieb doch mit der Tiroler Frage, dem Mittelpunkte seiner Gedanken und Wünsche in steter Fühlung. An ihn gelangten fortwährend vertrauliche Kundgebungen aus dem Herzen des Landes. 397) Die bedeutendsten Kundgebungen flossen aus der Feder Giovanelli's , der am 2. Okt. 1814 vom Erzherzoge Abschied nahm, um mit der Familie in ſeine Vaterſtadt Bozen zurückzukehren. hatte in Wien sein möglichstes
Er
gethan und nahm daheim ohne
Entmuthigung seine und des Landes Sache wieder auf. „ Giovanelli, mein Getreuer ,
ging heute fort,"
schreibt der kaiserliche Prinz
395) Erzh. Joh. Tageb . 19. Sept. 1814 : „Bei der Länderorganisirungskommission geht es sehr gut vorwärts ; mein Aufſaß und das Streben redlicher, rechtlicher Männer werden hoffentlich Tirol seine alte Verfaſſung geben (Randbemerkung aus späterer Zeit : „täuschte mich sehr “). Roschmanns Orga = nisationsplan kommt nächstens, dieſen erhalte ich zum Lesen und werde gewiß meine Bemerkungen dazu machen. Diesem Judas muß man die Larve abziehen“ . . .
396) Jäger 163–164. 397) Erzh. Johanns Tageb . 28. Sept. 1814. „In Tirol dauert Roſchmanns Tücke fort ; ich habe darüber Vorſtellungen vom Lande erhalten, es iſt Zeit, daß diesem Manne einmal das Handwerk gelegt wird. " So auch den interessanten Brief (wahrscheinlich von Dr. F. v. Plattner aus Bozen) an Binner , Herbſt 1814, o . D., mit vielen Personalien und den eigenhändigen Randbemerkungen des k. Prinzen im Anhange Nr. XXX,
VII. Die Lösung der Tiroler Frage 1814--1816.
217
-
ich wünsche ihn in seinem Vaterlande bald zu sehen. “ 398)
Der erste Brief, den Giovanelli aus seinem Heim an den Erzherzog schrieb, trägt das Datum vom 21. Oktober 1814, vier Tage nach seiner Ankunft in Bozen. 399)
Er hatte sich ziemlich
lange zu Innsbruck aufgehalten, und sein von seiner Ironie durchtränkter Brief charakterisirt vortrefflich die dortigen Zustände und die Wirthschaft Roschmanns ,
der ihn ebenso gründlich haßte
als fürchtete. Wir erfahren zunächst, daß der provisorische Landeschef einen gewiſſen Gizl aus Brixen als Kundschafter auf den „Kongreß“ von Trens bei Mauls abgehen ließ und dann mit dem Amte eines Zöllners
in Kollmann entlohnte, und daß er
ursprünglich vor hatte, jene Versammlung aufheben zu laſſen, wozu ihm aber das Militär (Komm. Fenner) die Beihilfe versagte. Giovanelli wünsche auch bei dieſem Anlaſſe zu erfahren , was mit jener zu Mauls unterzeichneten Bittschrift geschah, welche durch den Erzherzog ins kaiserl. Kabinet befördert wurde. Als Giovanelli „ beim Herrn Landeschef eine allergnädigste Audienz erhielt “ , gab ihm Roschmann
„ nebst vielen zärtlichen
Vorwürfen über mein (Giovanellis) hinterlistiges Benehmen und vielen Freundschaftsversicherungen den Trost, daß er auf keinen Fall nach vollendeter Organisation in Tirol bleiben und unter keiner Bedingung in Wien in Tiroler Ge= schäften einen Strich mehr arbeiten würde. Uebrigens habe er ― wie er hoch und theuer versicherte , Alles zum Besten seines Vaterlandes gethan und erst unlängst bei der in Bösenbeug (Persenbeug) erhaltenen Audienz Sr. Majeſtät fußfällig gebeten, daß doch Eure kaiserl. Hoheit nach Tirol allergnädigst bestimmt werden wolle." Was sich wohl Giovanelli beim Hören , der Erzherzog beim Lesen dieser „ Versicherungen" gedacht haben mögen ! „ In Innsbruck ," heißt es weiter , „ ist die Unzufriedenheit mit Roschmanns Regierung noch viel größer als hier (Boßen) ;
398) Hist. polit. Bl . a. a. D. S. 154, laſſen Giovanelli mit Familie im September 1814 von Wien abreisen, was unrichtig ist. 399) S. Anhang Nr. XXVII,
218
VII. Die Lösung dez Tiroler Frage 1814-1816 .
es scheint daher, daß er im evangelischen Sinne alles Gute, wovon er spricht, ganz im Stillen wirke, weil Niemand etwas davon ver· spürt. " Wie die Organisation der Schulen durch Roschmann beweise , habe er besonders die Geschicklichkeit , „ allzeit die Nichtswürdigsten und Unfähigsten herauszufinden “, - ein Urtheil , das allerdings etwas zu voll und befangen lautet. Sehr scharf erscheint Giovanellis Kritik über die Sachlage in einem zweiten Briefe vom 10. Nov. 1814, 400) der Roschmanns Gebahren im Allgemeinen und Einzelnen zergliedert und mittheilt, die Oberinnthaler hätten soeben eine an Se. Majeſtät gerichtete Bittschrift Herrn v. Roschmann zur Einbegleitung übergeben, dieſer jedoch von einer solchen nichts wissen wollen , vielmehr seine Ungnade laut werden laſſen , weil die erste Bitte darin bestand ,
der
Kaiser möge den Erzherzog Johann ins Land schicken.
So
erhielt denn auch der Landschüßenmajor Eisenstecken , dem Roschmann seit 1813 nicht grün war, wegen der Versammlung zu Trens nachträglich einen Präsidial-Verweis, obschon er die dort vereinbarte Bittſchrift nicht unterzeichnet hatte , und Gafler - ein Genosse Hofers im Jahre 1809 wurde von Roschmann ungerechter Weise beschuldigt , haben. 401)
Tiroler
Gelder
im
Jahre
1809
unterschlagen
zu
400) Giovanelli an Erzh. Johann 10. Novemb . 1814, Boßen, Anhang Nr. XXVIII . 401 ) 1814, 11. Nov., Wien. Binner an Erzh. Johann. „ Unterthänigſter Bericht. " „Nun schießt der Schuft R(oschman)n seinen giftigen Pfeil auch gegen den biederen ganz verarmten, hier hungernden Gafler ab. Er beschuldigte lezteren, 1809 Tiroler Gelder unterschlagen zu haben. Die Sache verhält sich so : Hofer empfing in diesem Jahre Unterstüßungsgelder für Schwaß. Hofer mußte, Kriegsereignisse willen, schnell fliehen und gab diese Gelder rechtlichen Leuten in Verwahrung mit der Erklärung : Man könne die Landesvertheidiger Tirols im höchsten Nothfall gegen die Bedingung unterstüßen, daß sie es für den eigentlichen Zweck wieder rückerseßen.' Von diesem Gelde erhielt Gafler einige Hundert Gulden, die, vereint ſelbſt mit jenem Geldbetrag, den er von R(oſchmann) erhielt, bei weitem nicht hinreichten, seine untergehabte Compagnie zu verpflegen, und Gaflers eigene Forderung bleibt ganz liquid aufrecht. Giovanelli schenkte mir reinen Wein darüber und schickt mir deshalb einen sehr intereſſanten Brief mit der warmen Bitte,
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VII. Die Lösung der Tiroler Frage 1814-1816.
Selbst ein ganz Unbetheiligter, der seit Anfangs November angestellte Professor der Medizin zu Innsbruck, Josef Braun , vom Erzh. Johann beauftragt, ihm über die Stimmung zu berichten, schreibt (23. Nov.) :
„ Die Unzufriedenheit mit Roschmann ist
allgemein ;
abgesehen von einigen nicht sehr empfehlenswerthen , von ihm gewonnenen Bauern , sind die Landleute auch nicht mehr gut auf ihn zu sprechen , vor Allem die Südtiroler. “
Nicht ohne Intereſſe
ist die diesem Stimmungsberichte eingeflochtene Notiz : „ der Tiroler Ludwig Pögl , spanischer Oberstlieutenant, habe Leute gekannt, die vor der Allianz mit Baiern ( 1813 Okt.) in Tirol herumgingen, mit dem Versprechen, daß nicht nur die alte Constitution, sondern sogar jene unter Margarethe Maultasch in Tirol wieder hergestellt würde.
Derlei Dinge ließen die Leute zu viel erwarten
und machten die Enttäuschten doppelt mißmuthig.“ Sehr begierig sei man in Innsbruck , was Roschmann mit dem „ Insurgentenchef" Empel , dem bekannten Genossen Kluibenschedls, anfangen werde , der von den Baiern als Verbrecher übergeben wurde, und den aus dem Zuchthause zu befreien die Bauern versuchten.
Empel ſelbſt wolle seine Haft nicht verlassen , bis ihm
nicht Genugthuung widerfahren sei. Die Sache hänge nun in Wien zur Entscheidung. Außerdem klage man , daß Roschmann so viele Italiener an sich ziehe.
Viel Lärm mache besonders, daß er seinen Finanzreferenten Dordi 402) zum Gubernialrathe vorgeschlagen. Man wisse nämlich, daß Letterer unter dem Gouvernement Waidmannsdorfs einem antiösterreichischen Klub
angehörte
und
unter
der
den armen Gafler hier in Schuß zu nehmen, was ich auch thue. Ich unterlegte die Sache brühheiß dem Baron Haager, um gehörige Notiz davon zu nehmen, weil Gafler höchstwahrscheinlich auf R(oschmanns) Veranlassung, durch die Polizei hier inquirirt werden wird . Ich bat zugleich um die Rückgabe des Briefes, den ich aber bis zu dieſer Stunde (es ist der zweite Tag) nicht erhielt ; denn seiner Wichtigkeit und Vortrags wegen, muß ich ihn auf jeden Fall meinem gnädigsten Herrn senden. Ich habe seitdem mehrere wichtige Data erhalten über R.' unſeliges Benehmen, vorzüglich über die verdammten Milchgesichter und Zuzel = kinder, die er zum wahren Skandal jedes rechtlichen Mannes angestellt hat. “ 402) S. über Dordi w. oben . S. 189, Anm. 330 ,
220
VII. Die Lösung der Tiroler Frage 1812-1816.
italienischen Regierung als ihr eifriger Anhänger in Südtirol ſein Glück machte. Roschmann laſſe ſich vorzüglich von Doubrawa (Dobrowa), einem leidenschaftlichen und vorurtheilsvollen Manne, bei Aemterbeſegungen leiten , was man ihm übel nehme, - weil Baiern und Unwürdige befördert würden. 403) Roschmann ahnte wohl längst ,
daß die dunkeln Schatten
seiner Amtsführung auch in Wien sich ansammelten. dort auch über die
Umtriebe"
So hatte er
Binners Klage geführt , was
Erzh. Johann in seiner Unterredung mit dem Kaiſer (13. Okt.) zur Sprache brachte und seinen getreuen Privatsekretär in Schuß nahm.
Allerdings wurde Roschmann von Wenigen so gehaßt und
verachtet wie von diesem richtig empfindenden Manne. 404) Bei diesem Gespräche brachte der Monarch selbst die Sprache auf Tirol. Er wolle dem Lande die Verfaſſung geben und nichts Anderes begehren als ein höheres Geldquantum, und daß die Tiroler Truppen unterhalten. Er werde, fuhr er dann fort, Roschmann aus Tirol nehmen und Bissingen - damals Gouverneur der Steiermark
dahin geben , mit einer höheren Unterſtüßung.
Erzherzog Johann lobte die Wahl, bat aber, den Adam Müller ebenfalls herauszunehmen. Wie sich dieser geiſtvolle, aber in allen praktischen Fragen besonders in der tirolischen - unklare Ideologe als Mittelpunkt der Geschäfte und geistigen Vormund Roſchmanns fühlte , was er
403) Joseph Braun, Prof. d. Medizin, an Erzh. Johann, 23. Novemb. 404) Erzh. Joh. Tageb. 23. Okt. 1814, dazu Tageb. 22. Oktober. . . „ Abends Ball bei Zichy . Da traf ich Lažansky an, der mir Rosch = manns Benehmen erzählte. Dieser Mensch hat Klage gegen mich geführt , darauf erhielt ich eine Note von Lažansky , welche mich auf unbesonnene Reden meines Sekretarius aufmerksam machte. Die Ehrlichkeit dieſes kenne ich lang. Lažanky und Haager, die Alles wissen, haben als redliche Männer gehandelt. " Vgl. Sein Hormayrs Brief an den Erzherzog v . 9. Nov. 1819, Brünn. (Roschmanns) lester bösartiger , E. kaiserlichen Hoheit vermeinter, aber auf Binner gefallener Streich war doch höchst undelikat. "
VII. Die Lösung der Tiroler Frage 1814-1816 .
221
denn auch sicherlich war , beweist sein Brief an Gent 405) (vom 22. Sept. 1814) . Diese seine Rolle fand allerdings bei den Vollbluttirolern eine scharfe Verurtheilung und aus gutem Grunde, denn er , der Fremdling unter Verhältniſſen , die ſein Blick nur streifte, nie durchdrang , war kaum berufen , die Tiroler Frage in einem nach Oben und Unten gedeihlichen Sinne zu lösen . So ging das Jahr 1814 zur Neige. Erzh. Johann wußte wohl schon längst , daß Roschmanns Tage gezählt seien , und dies tröstete ihn über das Welken der so lange gehegten Hoffnung, dem Lande Tirol das zu werden , wozu nun Bissingen ausersehen war. „Bissingen geht nach Tirol, Goës nach Graz. endlich , das ist ein wahres Glück ; das sagte ich
Gott sei Dank und nicht
405) 1814, 22. Sept. , Wien. Fried . v . Genz an H. A. Müller : „ Unterrichten Sie mich vor allen Dingen von Ihrer eigenen Lage. Haben Sie den Boten von Tirol aufgegeben ! Oder, wenn Sie auch nur noch Antheil an der Direktion desselben haben, wie können Sie die einfältigen Artikel dulden, die neulich zuweilen in diesem Blatte erschienen sind . Z. B. noch am 3. Sept. "I‚An der Herſtellung von Polen unter ſeinem alten Namen zweifelt man wenig." (Briefwechsel zw . Genz u. Müller S. 175, Nr. 119. ) Meine Lage ist 1814, 30. Sept., Innsbruck. Müller an v . Genz : die alte ; ich glaube viel und immer neues Verdienst zu dem alten zu fügen, während sich die Aussicht weiter und weiter verliert. Die Unruhen in der Schweiz, die Organiſation Tirols, die Intriguen von Italien geben viel zu thun. Bis nach Neapel und Genf herab entgeht mir nicht leicht eine intereſſante Person, und die Bekanntschaft mit dieſen merkwürdigen Ländern werde ich nie bereuen, ebenso wenig die Kenntnis unserer Monarchie, die an keiner andern Stelle (JIhre unschäßbaren Mittheilungen eingerechnet) sich mir bis in die kleinsten Nuancen der Verfaſſung mit so ungewöhnlicher Klarheit darſtellen kann, als da wo es darauf ankommt, das wilde Fleisch von Tirol und Italien nicht etwa wegzubeizen , sondern in den großen Körper hineinzukurieren. Die intereſſanteſten Arbeiten fallen mir durch eine natürliche Schwerkraft zu ; ich möchte der Lohn nähme dieselbe Richtung. Der Bote von Tirol geht mich so wenig an, daß ich ihn, aufrichtig gesagt, seit vielen Wochen nicht gelesen habe. Indessen werde ich ihn bei Gelegenheit seines instruktiven Unsinns wieder in Aufsicht nehmen . . . Wiesel war in Innsbruck, von Jahren und Schicksalen etwas abgekühlt, ſonſt frech und geistreich wie immer“ . . . (a. a. D. 176–177 Nr. 120.) 1815, 29. März, Innsbruck datirt der lezte Brief Adam Müllers aus Tirol (der nächste, 24. Juni, bereits aus Heidelberg). ...
VII. Die Lösung der Tiroler Frage 1814-1816 .
222 mehr
dem Kaiser, als er mir es sagte,"
verzeichnet der Erz-
herzog in sein Tagebuch zum 24. Dez. 1814 . Graf Ferdinand von Bissingen-Nippenburg 406) fühlte wohl auch doppelt die Verpflichtung , mit seinen Neujahrswünſchen an den Erzherzog die Bitte um deſſen werkthätiges Wohlwollen zu verbinden. Er wußte doch , was ein Lebensziel des kaiserlichen Prinzen und
ein Lieblingswunsch des Landes
singen vor zwölf Jahren
als Statthalter verließ
war , und
das Bisnun unter
wesentlich verschiedenen , schwierigeren Verhältnissen neuerdings als solcher betreten sollte ; ein Mann von Kenntnis des Landes, gutem Willen aber bescheidenen Gaben.
Indessen sollte sich der wirkliche
Antritt seines neuen Berufes noch Monate hinausziehen. wurde
er
den Berathungen der
Vorerſt
„ Central-Länder-Organisirungs-
Kommission" über die Besehungsvorschläge für
die Innsbrucker
Statthaltereiposten und die „ organischen Verfaſſungsanträge “ beigezogen. 407) Die Kongreßarbeit , ein wachsender Kampf gegnerischer Strömungen , mit Ergebnissen , die den „ Völkern " manche herbe Enttäuschung beschieden , mochte ihr kleinergefügtes und geräuschloseres aber immerhin ihr Spiegelbild in den langathmigen Verhandlungen jener Hofkommission finden , welche auch über die endgültige Gestaltung der inneren Verhältnisse Tirols zu entscheiden hatte. Jedenfalls wog in ihrem Schooße die Anschauung Baldaccis vor , deren Kern in den vielleicht etwas zugeschärften Aeußerungen ruht , welche der Brünner Gubernialrath, Graf Ugarte , gegen
40 ) Ferdinand Graf von Bissingen - Nippenburg (vgl . Wurzbach I. 412-413 ) war schon einmal, bis 1803, Gouverneur Tirols. Eine sehr leidenschaftlich gefärbte Charakteriſtik dieses von Erzh. Johann in seiner Rechtlichkeit anerkannten, allerdings minder begabten, Mannes findet sich in einem Briefe Hormayrs an Erzh. Johann ( 1814, zwiſchen 28. Juli und 3. Auguſt geſchr.) „Bissingen ! der 1809 aus lauter Poltronerie blödsinnig wurde , in Graz nicht verhaßt ist, weil er alles gehen läßt ; durch den Kanal der Frau auch zugänglich und schmußig ; soll denn Tirol ein Spital werden, wie St. Mary ? (Friedhof Wiens .)“ Alſo ſchon damals bekam Hormayr Kunde von der in Sicht stehenden zweiten Tiroler Statthalterschaft Bissingens. 407) 1814, 29. Dez. und 1815, 20. Jänner. Gouv . Graf Biſſingen an Erzh. Johann.
VII. Die Löſung der Tiroler Frage 1814-1816 .
223
Hormayr machte und darin das republikanische Treiben der Patriotenpartei Tirols , die Nothwendigkeit , Ausländer in den vornehmsten Landesämtern unterzubringen, die Unbotmäßigkeit des Bauernstandes und die Zweckwidrigkeit betonte , einen Erzherzog hinzuschicken , der „ die Partei des Landes gegen das Intereſſe des Staates genommen haben würde , um sich aparten Kredit und Popularität zu er= werben. " 408) Das Tagebuch Erzherzog Johanns beweist , daß er tro Bissingens Ernennung noch immer die Möglichkeit einer Verwendung in Tirol nicht ganz preisgab . „Schneider war bei dem Kaiser, " heißt es zum 25. Januar 1815,
der ihn sehr gut aufnahm, aber seine Anstellung in Vor-
arlberg abschlug, weil er, wie er sagte , kein Parteihaupt dort anstellen wolle." — „ Ob ich auch darunter begriffen bin ?" fährt der Erzherzog fort. Für mich taugt keine andere Anstellung . Wien ist mir zur Last ; das schöne , ehrenvolle Amt in Mailand oder Venedig,
davor bewahre mich Gott ! Welsche ! (zwar gute Leute,
aber immer doch Welsche), Repräsentation, Pracht, Luxus, warmes Klima (35 ) , das sind lauter Dinge , die mir nicht taugen.
In
Tirol sind Menschen, Luft, Klima, Lebensart, Alles für mich, Ruhe, Thätigkeit , Einfachheit.
Als Inspektor der Miliz , Inhaber des
Jägerregimentes , was könnte ich nicht in militärischer Richtung wirken, als Vorsteher des Landes Gutes thun, und doch bliebe mir hinlänglich Zeit zum Studium , für Wissenschaft , für körperliche Bewegung ! " Aus der gleichen Zeit stammt aber noch eine Tagebuchnotiz über ein Gespräch des Erzherzogs mit dem Könige von Baiern, das sich um Tirol und um Roschmann drehte, und ein merkwürdiges Zusammentreffen des beiderseitigen Urtheiles darthat. 409)
408) S. den intereſſanten Brief Hormayrs v . 17. Jan. 1815 an Erzh. Johann s. Anhang XXXI. 409) 1815, 22. Jan. „ Der König von Baiern, mit dem ich so wie mit seinen Söhnen gut bin und alles mache, um so zu bleiben, weil ich dadurch eine Schwierigkeit, Tirol betreffend, aufgehoben glaube, nahm mich auf die Seite und fragte mich, was ich Tirol betreffend ſage ; er finde, daß es schlecht gehe : „Ja, wenn ich aufrichtig sprechen soll, ich finde es auch“, – „ und der Roschmann der
224
VII. Die Lösung der Tiroler Frage 1814-1816. Die Verfügungen des provisorischen Landeschefs
von Tirol,
welcher der Ankunft des neuen Statthalters gewiß ſehr übellaunig entgegensah , erwiesen sich auch weiterhin ebensowenig glücklich als beschwichtigend.
Der Konsumzoll auf das bairische Getreide war
ein Mißgriff, die Steuereintreibung erschien je weiter desto drückender , und die Maßregelungen des Barons Sternbach in Sterzing, der Advokaten Dr. Angerer und Brügel als Verfasser aufwieglerischer" Gemeindebeschwerden galten als Willkürakte.
Aller-
dings mußte sich auch Hofrath Purtscher nachsagen laſſen , daß nicht Alles so wurde , wie man es erwartet hatte. waren
eben
von
langeher
verstimmt ,
Die Gemüther
mißtrauisch
und
unge-
duldig. 410) Auch die volle Dämmerung, welche über die Berathungen der politischen Zukunft Tirols im Schooße der Centralkommiſſion für die Einrichtung der neu erworbenen Länder ihren Schleier geworfen, vermehrte das allgemeine Unbehagen. Da fuhr in den stauenden Luftkreis des Wiener Kongresses und auch dieser Hofkommiſſion wie ein Windſtoß die Nachricht des 10. März von dem neuen Wagnis Napoleons , seiner Landung an der Küste Südfrankreichs, 411) und bald traf auch die Botschaft ein, Murat , der König Neapels, erhebe die Waffen. Nun erhielt Roschmann von Wien den Auftrag , Tirol in Vertheidigungszustand zu sehen ;
er
begriff alsbald ,
dies wäre
sei ein schlechter Mensch. “ „Ich kann so etwas dem Kaiſer nicht sagen, es käme parteiisch von mir heraus, aber ich hielte ihn für einen Coujon. “ Er habe Beweise davon und habe es dem Kaiser gesagt . . . Ich war verſteinert über den Baiern, welcher Tirol gequält, ausgesaugt, und jezt hervortritt und für dieses Volk spricht, . . Höchst sonderbar !! Dies giebt mir Gelegenheit meinen Kaiſer darüber zu sprechen, welches ich thun werde." 410) S. den bezüglichen Brief des über die Tiroler Verhältnisse im Laufenden stets erhaltenen Hormayrs an Erzh. Johann v. 19. Febr. 1815, Brünn, im Anhange Nr. XXXIII. 411) Die Nachricht über die Abfahrt Napoleons von Elba erhielt Erzh. Johann zuerst am fünften März bei Hofe aus dem Munde Kaiſer Alexanders I. (Tageb. 6. März 1815), sodann über den Versuch einer Landung bei Antibes , 8 Uhr Morgens 11. März, durch einen Zettel seines Bruders Erzh. Palatin Joſef. (Beil. z . Tageb.)
VII. Die Lösung der Tiroler Frage 1814-1816.
225
platterdings unmöglich , wenn der Stand der Dinge im Lande keine Aenderung erführe. Die Ungeduld des Volkes wegen noch nicht erfolgter Herſtellung des alten Tirols, gehe allmälig in Gleichgiltigkeit über , überall stelle man
die Forderung nach Wieder-
herstellung der Verfaſſung als erste Bedingung einer militärischen Mitwirkung voran " . Man müſſe also , wie dies bereits den Hofstellen längst vorliegende Operate darlegten, die Verfaſſung Tirols wieder herstellen , aber mit Modifikationen , welche die veränderten Zeitbedingungen erforderten. Daß jedoch , so lange der „ im Lande verhaßte" Roschmann seines Amtes walte , eine Bewaffnung Tirols nach den Grundsäßen der alten Landes = Verfassung , baar unmöglich sei , und Bissingen die Sache in die Hände nehmen müsse, - erkannte Hofkanzler Lažansky sofort und hob dies auch in seinem Gutachten über Roschmanns Bericht an den Staatskanzler mit aller Entschiedenheit hervor. 412) Der provisorische Landeschef Tirols hatte eben als solcher seinen Kredit längst eingebüßt und ihn auch Baldacci fallen gelaſſen. 413) Der 24. März 1815 414) bescheerte aber auch dem Erzherzog
412) Jäger 173-175. 418) Hormayr (vom 19. Febr. ) 1815 an Erzh . Johann : „ ich weiß aus guter Quelle, daß Baldacci in seiner Meinung von Roschmann gewaltig wankt, von seiner abscheulichen Rolle nur sehr unvollständig unterrichtet, und ſich gewiſſermaßen zu schämen anfängt, ſeine Partei genommen zu haben. “ 414) Vgl. Tageb. 19., 20. März 1815. „ Karl ging zum Kaiser, um eine Anstellung zu bitten, wenn der Krieg ausbrechen sollte ; er bot sich zu Allem an, wahrlich mit vieler Selbstverläugnung ; der Kaiser war verlegen. Morgen geht Ludwig, Freitags schleppe ich mich hin ; ob wir etwas durchsehen werden, ist die Frage. Allein Pflicht ist es, zu sprechen und jezt höchste Zeit, da alle Feldequipagen vorbereitet werden ; ich gehe, wie man will, unter wem man will und werde nicht Bedingungen seßen ; mir ist es um die Ehre zu thun, um sonst nichts . Ich habe keine Absicht ; ich verlange weder Auszeichnung, noch Vorrückung, noch etwas Anderes. “ Vgl. über seine weitere Tageb.-Bemerkungen m. Werk „Zur Geſch. Oesterreichs 1792-1816 ", S. 308, woselbst aber durch ein Versehen der 19., 20. Januar statt dem 21. März angegeben erscheint. Z. 26. März heißt es im Tageb.: „ Gestern war ich beim Kaiser, der mir meine Beſtimmung als Geniedirektor bei der Armee gab und sehr freundlich war . . er ſprach viel über Italien, und ſo ſah ich, daß er 15 Krones , Tirol 1812-1816.
226
VII. Die Lösung der Tiroler Frage 1814-1816.
Johann eine seinem Drange nach Thätigkeit für das Allgemeine nothdürftig entsprechende Stellung als "1 Genie-Direktor der deutschen Armee " unter Schwarzenbergs Oberbefehle.
Zuvor aber , wie
sichs im April entschied, sollte er im Namen des Kaiſers die Huldigung des Venetianischen und der Lombardei entgegennehmen. Schmerzlich war für ihn nur die Weisung , den Weg aus Italien nach Südwestdeutſchland, an den Ort ſeiner militärischen Thätigkeit, „incognito durch die Schweiz" einzuschlagen , damit er ja nicht den Boden Tirols betrete, wie er dies wohl leicht herausfand . 415) So brach denn der kaiserliche Prinz nach längerem Zuwarten, mit dem Rüstzeug der offiziellen Weisungen, Proklamen und Reden ausgerüstet ,
den 27. April 1815 von Wien auf und erreichte am
Abende des gleichen Tages Bruck a. d. M., Tags darauf Klagenfurt, in der Nacht des 29. April das friaulische Venzone. 10 Uhr Morgens den 30. ging es weiter bis Udine, 1. Mai nach Venedig , woselbst er bis zum 9. d. M. unter der Last offizieller Feierlichkeiten aller Art verweilen mußte.
Am 14. Mai traf der
Erzherzog in der Hauptstadt der Lombardei ein, die er nach Ablauf der Flut ceremonieller Geschäfte erst am 22. d. M. verlassen konnte. Ueber Pavia (22. Mai) führte
ihn der Weg
nach Turin zum
Könige Sardiniens ; zwei Tage später an die Pforten der italiegesonnen ist, nach geendigten Unruhen mich mit sich zu nehmen oder dahin reisen zu lassen. " 415) (1815, 9. - 13. April. ) „Lažansky , Ugarte waren bei mir ; so wie diese so Wallis einer Meinung, wie unbillig, mich nach Venedig und Mailand (zu senden) und nicht zugleich nach Tirol, die Huldigung anzunehmen und dies vorzüglich nach des Schinders Roſchmann ſeinen Exasperirungs -Operationen, - und eben weil ich es bin. Endlich anerkennt man, daß ich wohl in den Bergen etwas vermag. Die Wahrheit kömmt doch jederzeit an das Tageslicht ; mein Kaiſer wird sehen, wie ich es mit ihm gemeint habe, und daß der einzig Schlechte bei der Sache Roschmann gewesen sei. Ich werde über Tirol kein Wort erwähnen, ich nichts suchen , erhalte ich keinen Befehl, über die Schweiz nach Deutschland zurückkehren . Gebietet es aber der Kaiser, dann wird jener Tag, wo ich die heimatlichen Berge betreten werde, der Lohn und Ersaß für alles vergangene Leiden sein ; ich werde dann in den wenigen Tagen erweisen, was ein redlich gesprochenes Wort aus wahrer Bruſt bei diesen Menschen vermag, und daß so ein Wort mehr für meinen Herrn bewirket als die ganze zweijährige Gestion und alle gedruckten Verordnungen des Roſchmann et Consorten . "
VII. Die Lösung der Tiroler Frage 1814-1816. nischen Schweiz .
227
Wie sehnte er sich nach seiner Gebirgswelt und
den Orten , an welche sich die ihm geläufigen Ueberlieferungen der Geschichte und Sage , die Erinnerungen an seine Ahnen knüpften. Allerdings konnte er hier nur kurze Zeit wie im Fluge den Blick hierhin und dorthin wenden, denn schon am 4. Juni verließ er Bern, um dem Schwabenlande zuzueilen.
Am 6. Juni traf er in Tübingen
ein, Tags darauf zu Heidelberg , in der Hauptstadt der alten Pfalz, wo das kaiserliche Hauptquartier ſtand. Die Belagerung der Grenzfeſtungen Frankreichs , insbesondere Hüningens, der gefürchteten Nachbarin Baſels, mußte er in unfreiwilliger Muße noch lange verschieben , da es geraume Zeit an allen unentbehrlichen Angriffsmitteln mangelte. Wiederholt bricht in dem Tagebuche die Sehnsucht nach Tirol durch, für dessen alte Verfaſſung er auch beim Kaiser, zu Heidelberg das Wort ergriff. 416) Erst am
17. August 1815
konnten
die Tranchéen
gegen
Hüningen eröffnet werden, dennoch hatte der Erzherzog die Genugthuung, elf Tage später in die übergebene Feste einziehen zu können und als Wohlthäter Basels begrüßt zu werden , in Prosa und Reim. 417) Bald darauf erhielt er die Weisung , sich nach Paris zu begeben , an das Hoflager des kaiserlichen Bruders , wo ihm dann
41 ) Das Obige nach den Tageb. - Aufzeichnungen des Erzherzogs. 3. 25. Juni (Freiburg i. Br.) heißt es : „ Mich hat dieſe Gegend, Tracht, Gesichtsbildung der freundliche frohe Blick der Menschen an Obersteier und an Tirol erinnert . . . Gott laſſe mich nicht in Welschland, sondern wo deutſcher Boden ist, wirken : Steiermark, Kärnten, Salzburg, Tirol . . . Sei es eine Chimäre, es ist ein schöner Traum, der mich umgaukelt !“ 3. 23. Juni 1815 (Heidelberg) . . . „ Könnte ich nur nach vollbrachtem Kriege die theuern Thäler sehen, die Tirol sich nennen, wo ich dem Volke, das Volk mir theuer ist, auch dies liegt in Gottes Hand ; kann ich es nicht so glücklich machen, wie ich wünsche, dann mag ich auch nicht hineinkommen. Ich speiste bei dem Kaiser, der mich über Einiges, Tirol betreffend fragte. Ich bat ihn, es beim Alten zu belaſſen, das ſei für das Land das Beſte und bringe Gedeihen, sei das Wohlfeilſte und ohne Schwierigkeiten “ . . . 417) In den Beilagen (Aktenfaszikel) finden sich mehrere ſolcher gedruckten Gelegenheitshuldigungen. 15 *
228
VII. Die Lösung der Tiroler Frage 1814-1816.
ein neuer Auftrag,
in Gemeinschaft mit seinem Bruder , Erzh.
Ludwig , nach England abzugehen , und den Prinz-Regenten (Leopold , Herzog von Koburg) , seinen guten Bekannten von der Kongreßzeit und
einen Genossen der heitern Tafelrunde zur
„blauen Erde" auf Sebenstein zu begrüßen. 418) So ward allerdings ein früherer Reiseplan in anderer Form verwirklicht.419) Vom 16. Sept. bis 19. Okt. weilte Erzherzog Johann in der Hauptstadt Frankreichs , und
der mächtige Stoß
der dort auf-
gesammelten Schriften und Notizen über die Maſſe des Merkwürdigen und Gemeinnügigen in der Weltstadt an der Seine wie viel ihn hier anzog und beschäftigte ,
beweist,
ohne daß sein Gemüth
von diesem Aufenthalte befriedigt ward. Am 22. Okt. überschiffte er mit seinem Bruder den Kanal zwischen Calais und Dover , und welche Fülle von Eindrücken ihn überkam , als er London erreichte , verräth der erste Brief von dort (24. Oft. 1815) an einen seiner auf dem Festlande zurück― mir geht gebliebenen Brüder : „ Das ist ein Land ! Engelland es wie einem Wilden, der nach Europa kommt, ich gaffe Alles an und kann nicht genug sehen ! " 420)
418) In den aus späterer Zeit stammenden Aufzeichnungen, Bogen 183, 3. 9. - 13. März 1815 heißt es, seine Gäste in Thernberg seien : der Herzog von Weimar , Prinz Wilhelm von Preußen (Bruder des Königs) und Leopold Herzog von Koburg gewesen. Am 11. März habe er sie nach Sebenstein geführt, wo ich ihnen ein Rittergastmahl veranstaltete. Es ist Manches über den damals bestehenden Verein auf blauer Erde gesprochen worden ; die Einen betrachteten die Sache als eine Mummerei, einen bloßen Scherz und Andere als etwas Ernstliches, als eine bestimmte Zwecke verfolgende Verbrüderung ; Andere als bloße Schwelgerei, von dem Allen nichts. ― Der Herzog von Weimar, „ ein trefflicher Deutscher“ erhielt den Ritternamen „ Pnet“. In dem ursprünglichen Tageb. z . 16. Sept. 1814, wo er den neapolitanischen Vetter Leopold zum Gaſte hatte, spricht er von „ der Kinderei der blauen Erde. “ 419) Im Tageb. des Erzh . z. 13. Dez. 1813, findet sich der mit seinen Brüdern, Rainer und Ludwig, vereinbarte Plan angesichts eines dauernden Friedens - die Türkei, Levante, Italien, Schweiz , Frankreich, England, Holland, Norddeutſchland im Verlauf von einem Jahre beiläufig zu bereisen . Der Umschwung der Dinge seit Frühjahr 1814 vereitelte diesen Plan. 420) Brief an einen seiner Brüder (Konzept). Ueber die Reise nach England u . s. w., s. den Bericht des Altgrafen Hugo v. Salm - Reifferſ che i d
VII. Die Lösung der Tiroler Frage 1814-1816 .
229
Wien betrat er erst wieder den 13. April des nächsten Jahres (1816) unter wesentlich veränderten allgemeinen Verhältnissen und Er fand die nachdem bereits die Tiroler Frage gelöst war. heimischen Zustände bei Abwesenheit des Kaisers sehr unerquicklich.421) Des Landes seiner Sehnsucht hatte er auch auf den Wegen in die Fremde nicht vergessen, und überallhin folgten ihm die Meldungen ſeines getreuen Binner und Zuſchriften seiner Tiroler Vertrauensmänner.
"1 Mein Wunsch war nicht , "
schreibt er am Abende seines
Lebens, 422) ,, nach Paris zu gehen, denn ich begehrte nicht dahin ; berufen wurde ich - auf eine indirekte Weise , die sich bestimmter aussprach, als man merkte, daß ich keine besondere Luſt dazu hatte. Ich wollte bis zum Rückmarsch der Armee auf meinem Posten ausharren und wünschte , da ich schon da war , die Schweiz , vorzüglich die Urkantone , besuchen zu können ;
ich hoffte , der Kaiser
dürfte , wenn er Frankreich verließe und nach Tirol ginge , mich mitnehmen ; was der Mensch wünſchet, hofft er auch. In so einem Falle ist der größte Freundschaftsdienst jener, aufrichtig alle Illuſion zu benehmen ; es läßt sich dies, wenn man auf Herz und Vernunft wirket, jedenfalls ausführen und den Schmerz getäuschter Hoffnungen mildern. Diesen Freundschaftsdienst leistete mir der edle Polizeipräsident Haager. Der Brief, welchen er mir am 18. September 1815 aus Wien schrieb, lieferte den Beweis davon. " 423) Es erscheint zweckdienlich , die betreffende Hauptstelle dieſes wichtigen Schreibens hier in ihrem Wortlaut einzufügen . Sie bietet den Schlüssel zu
dem zähen Entschlusse des Kaisers und seiner
Vertrauensmänner und auch für die Grundanschauung der burcau-
in Hormayrs Archive 1816, Nr. 132 ff., 1817, Nr. 140 ff., im Kurzen bei Schimmer D. L. u . W. Erzh. Johann, S. 53-62. 421) Erzh. Joh. Tageb. z. 14. April 1816. „Kaum angekommen, Klagen von allen Seiten. Zeit ist es, daß der Kaiſer zurückkehrt ; es geht schlimmer als jemals, die Triebkraft ist erloschen, der Intrigue und Trägheit Geist weit ärger als jemals ; ich verhalte mich ruhig und schweige“ 422) Spätere Aufzeichnungen, 1815 , Bogen 193 . 423) Haagers Brief an Erzh. Johann 18. Sept. 1815 , Wien.
230
VII. Die Lösung der Tiroler Frage 1814-1816.
kratischen Hofkreise überhaupt, den Erzherzog von Tirol fern halten zu müssen. Indem Haager dem Erzherzoge von einer Bewerbung um das Gouvernement Tirols abräth , begründet er dies in nachstehenden Zeilen: „Der Geist und der Wirkungskreis , den H. D. in eine ſolche Aktivität würden legen wollen, paßt nicht in den Geiſt unſerer Zeit und in die Grundsäge , nach welchen man ſelbſt das wieder erlangte Tirol zu organisiren vorhat.
Man wird die Schwierig-
keiten vorhersehen, wegen welchen man dieserwegen mit E. k. Hoheit zu kämpfen haben würde und diese Gefahr vermeiden wollen. Sie selbst, gnädigster Herr, wollten Sie um diese Aktivität sich in Konkurrenz ſezen , riskiren die Kränkung , abgewieſen zu werden, oder die Gefahr , wenn Sie reussiren , es in drei Monaten zu bereuen, weil Sie nicht das würden sein können, was Sie wünschen, und dann die Gemüther des Landes sich gegen Unsern Herrn crasperiren würden , was Ihr Herz und Ihren treuen Unterthanssinn erschrecken muß. Wie Sie selbst das Vorgefühl äußern, dürfte selbst der nur das Tiroler Gouvernement jezt betreffende Wunsch die Idee von Absichten Ihrerseits und von Verhältnissen mit dem Lande bezengen, die Ihrer Loyauté auf eine empfindliche Weise zu nahe treten würde." "Ich sehe den Fall ," schreibt Haager weiter , „ daß ich mich in dem Allen irre, nun so würden Se. Majestät , wenn Sie, gnädigster Herr, nun in Paris ſind , ja ohnehin Anlaß haben , Ihnen selbst die Proposition zu machen , das Tiroler Gouvernement zu übernehmen ; Se. Majeſtät zweifeln wohl nicht an Ihrer Geneigtheit
dazu.
Schweigt
der
Kaiser
also
davon ,
so
ist
es
der
sicherste Beweis, daß auch Ihre Bitte fruchtlos, ja wohl nachtheilig sein würde" Wie sehr der Erzherzog die Abmahnung des ihm befreundeten be-
Mannes nochmals und wohl auch dazumal begründet fand,
weisen seine Worte in jener Betrachtung aus späten Tagen : „ Was Tirol betrifft , vollkommen wahr ; ich drücke es mit folgenden Worten aus : Man wollte Tirol nicht mehr das geben, wie es war ; ich hatte die Ueberzeugung , daß das Alte das Beste ſei ; konnte ich mich brauchen laſſen , die Hoffnungen , welche das
VII. Die Lösung der Tiroler Frage 1814-1816 .
Volk auf mich sehte , zu täuschen ?
231
Also wurde ich Opponent
der Regierung ; konnte und durfte es sein ? Niemals ! Beſſer aus dem Spiele bleiben und Kräfte und Ansichten zum Dienste des Monarchen, zum Wohle des Landes unverlegt erhalten. Der Rath Haagers war richtig.
Schwieg der Kaiser, so war es ein Beweis ,
daß er es nicht wollte.
Dieses bestätigte sich bald durch meine
Sendung nach Engelland. " +24) Blicken wir nun auf die Lösung der Tiroler Frage zurück , wie sie sich vom Frühjahre 1815
ab vielgewunden ab-
spielte. 425) Wir wissen , daß vor Allem die Schilderhebung Murats den lebhaften Wunſch der österreichischen Regierung erregte , Tirol im Wehrzustand zu sehen, und wie ſelbſt Roſchmann begriff, daß dies nicht ohne ein Entgegenkommen auf politischem Wege möglich sei. +26) Ebenso entschieden hatte aber auch , wie wir sahen, das Gutachten Hofkanzlers Grafen Lažansky,
des Präſes der Ländereinrichtungs-
Kommiſſion vom 4. April betont , daß Hofrath Roschmann , der im Lande verhaßt sei, darauf keinen Einfluß zu nehmen habe. Bevor Adam Müller (23. April 1815), von Metternich als Legationsrath für das kaiserliche Hauptquartier ausersehen, mittelst Estafette abberufen, Tirol den Rücken kehrte, ohne hier ein gutes Andenken
zu
hinterlassen ,
befand sich
bereits
seine
umfangreiche
Denkschrift über die Nothwendigkeit einschneidender Aenderungen im tirolischen Verfassungswesen , mit ungünstigen Seitenblicken auf das Treiben der Tiroler , auf dem Wege zum kaiserlichen Hose, seine lehte Arbeit in diesem Bereiche und wohl eine derjenigen, von welcher Roschmann in jenem Berichte an den österreichischen Staatskanzler (30. März 1815) sprach. 427) Zwei Tage vor dem Abgange Adam Müllers war endlich
424) S. das oben (S. 225) Geſagte. 425) Jäger 173 ff. Im Dez. 1814 war die tröstliche Kunde nach Innsbruck gekommen, daß Hofrath Eyberg mit einem Gutachten über die WiederHerstellung der Verfassung betraut ſei. 426) Jäger 174 f. 427) Jäger 148, 149, 175.
232
VII. Die Lösung der Tiroler Frage 1814-1816 .
der längst erwartete Statthalter , Graf Bissingen 428) in Innsbruck eingetroffen (21. April) und übernahm nun die Geschäfte des Landes , während der provisorische Landeschef , Roschmann , in aller Stille die Landeshauptstadt
(9. Mai) räumte.
rühmliche Rolle war endlich ausgespielt ,
Seine un-
und wenn auch seine
zahlreichen Gegner und Verächter ihn weder des goldenen Verdienstkreuzes noch der Bestallung zum Adlatus des kaiserlichen Armeekommissärs der italienischen Armee unter Frimont , Grafen Wurmsers ,
würdig
zur
vollzogenen
Zeit der
Generalgouverneur
erachteten , zweiten
des
( wir
begegnen
Okkupation
ihm
jedoch
Frankreichs
Rhônegebietes , 429)
als unter
der Oberleitung Baldaccis , der hiefür Roſchmanns Brauchbarkeit nicht unterschäßte)
so tröstete man sich mit der Thatsache seiner
Entfernung , ohne gleichwohl der Besorgnisse vor seiner weiteren Einflußnahme auf die Löſung der Tiroler Frage ledig zu werden.430) Diese Lösung lag aber noch immer in unbestimmter Ferne, und dies besorgten die Tiroler um so
mehr , als die rasche Be-
wältigung der Kriegsgefahr im Süden, Bianchis Sieg bei Tolentino (23. Mai 1815) über König Joachim von Neapel (Murat) , die
428) 1815, 18. Febr., Innsbruck. Wörndle an Erzh. Johann. „Gestern ist ein Courier angekommen, der uns Biſſingens Ankunft auf die ersten Tage der nächsten Woche verkündigte, dagegen sind auch Roschmanns Couriere und Eilboten nach Wien tagtäglich in Bewegung ; er würde sich der Telegrafen bedienen, wenn sie nicht für ihn in Tirol auf ewig erloschen wären. Auch die beseelten Telegrafen : Speckbacher und Consorten stellen ihre Bewegungen ein. Am 12. Februar wurde auf seine Person sogar bei seiner eigenen Tafel vergeſſen, einen Toast auszubringen. Den jüngst angekommenen Polizeidirektor trägt er auf den Händen, aber dieſer Mann hat zu viele Festigkeit, sich von ihm gängeln zu laſſen, er scheint ein stilles Waſſer zu sein, welches sich tiefer gründet, als Roschmann glaubt" . 429) S. Krones „3. Gesch. Deſt. 1792-1816 ", S. 348. 430) Binner an Erzh. Johann, 30. Mai 1815, Wien. Vgl. des Genannten Schreiben an Erzh. Johann v. 2. Sept. 1816, Wien . „ Alles spuckt nun aus über Judas (Roschmann), welcher sogar in Lyon einige geheime Denuntiationen gegen E. . H. und gegen das Belagerungskorps in Hüningen eingeschickt hat, die sich gegenwärtig beim Gen.-Rechn. -Direktorium (Präſes : Baldacci) in den Händen des Vizepräsidenten Eyberg befinden. Auch Hofrath Dipauli bekömmt immer noch geheime Anzeigen, daß Judas gegen die Tiroler (arbeite). “
233
VII. Die Lösung der Tiroler Frage 1814–1816.
Landesvertheidigung Tirols weniger dringlich machte, und sohin die Nöthigung, die damit verquickte Verfassungsangelegenheit rascher zu erledigen, nimmer vorhanden war. Vorher schon hatten sich (in der zweiten Hälfte des April 1815), als Vertrauensmänner Südtirols Giovanelli und Plattner aus Boßen nach Wien 481) auf den Weg gemacht. empfing ſie (29. April) freundlich ,
Der Kaiser
äußerte sich jedoch ,
er müsse
ihnen offenherzig gestehen , daß das Land größtentheils zwar seine alte Verfaſſung wieder erhalten würde, jedoch in einigen und andern Fällen sich eine den Zeitumständen angepaßte Veränderung gefallen laſſen müsse , so die Verpflichtung der sogenannten Landmiliz, in Kriegszeiten auch über die Grenze zu gehen.
Als dann die beiden Abgeordneten von der Erholung sprachen, der das ausgesangte Land
dringlich bedürfe , und daß nur die
alte Verfaſſung das Land glücklich machen könne, daß die Tiroler stets bereit sein würden , ihr Land zu vertheidigen , man aber jezt ebenso sehr der Menschenhände für den Feldbau nöthig hätte, äußerte der Monarch : Tirol sei ja stets auf den Ruf seines Bruders (Erzherzog Johanns ) zum Kampfe bereit gewesen und ohne Widerrede über die Grenze gegangen , worauf Giovanelli und Plattner fast gleichzeitig mit den Worten einfielen : „ Ja , Euer Majestät, zu Allem iſt das Land bereit, mit Gut und Blut, wenn es nur auch das Glück hätte, in seinen Schooß diesen so angebeteten Prinzen kommen zu sehen. " Darauf habe der Kaiser nichts erwidert und das Gespräch auf etwas anderes gelenkt. Giovanelli und Plattner verließen den 8. Mai Wien, nicht beruhigter, als sie es betreten hatten. Der neue Statthalter Tirols , Bissingen ,
brachte seinen
ehrlichen Entschluß mit, die verfahrenen Angelegenheiten des Landes aber , ohne durchgreifende auf ein besseres Geleise zu bringen, Energie , ohne ausreichende Hilfskräfte , 432) überdies unter dem lähmenden Einfluß der in den obersten Sphären noch immer nicht
431) Binner an Erzh . Johann, 8. Mai 1815, Wien. 432) S. darüber den Brief Liechtenthurns v . 26. Juni, Wien. Anhang Nr. XXXIV.
234
VII. Die Lösung der Tiroler Frage 1814-1816.
entschiedenen obersten Frage , konnte er nicht Wunder wirken , die ungeſtümen Wünsche des zuwartenden Tirols 433) nicht befriedigen. Ebensowenig war die k. Entschließung vom 20. Juli
1815,
welche, ohne näheren Fingerzeig, den Willen des Monarchen kundgab ,
daß
die ständische Verfassung
in Tirol wieder hergestellt
werde, im Stande, den Unmuth über das „ ewige Hangen und Bangen im Provisorium" zu verflüchtigen. 484) Sehr gut hat diese unerquicklichen Zustände Plattner in seinem Briefe an Binner gekennzeichnet : „Unsere Lage ist noch immer die alte ", schreibt er aus Bozen (26. Juli) ;
„ Bissingen hat guten Willen , aber gebundene Hände.
Man suchte das Kind anders zu taufen ; man gab uns Kreisämter, ein Gubernium und einen Gouverneur statt Kreiskommiſſärs und Präfekten ; die Regierung selbst aber wird , wie unter Roschmann, provisorisch geführt.
Südtirol hat eine italienische und Nordtirol
eine bairische Finanzverwaltung.
Die Auflagen sind die nämlichen.
433) 1815, 19. Juni. Wien. Binrer an Erzh. Johann. . . „Die guten edleren Tiroler, an deren Spige der brave Appellationsrath Peer (von Hormayr besonders als Muster eines Mannes gepriesen) steht, bitten fußfälligſt und mit flehenden Händen, gnädigst zu bewirken, damit doch ein Mal der provisorische Zustand im Justiz fache ein Ende nehmen möchte. S. Majestät, unser gnädigster Kaiser, haben diesen Gegenstand mit sich genommen, und es ist darüber wie über Hor(mayrs ) Schicksal bis zu dieser Stunde noch keine allerhöchste Entschließung erflossen. " „Rapp Vgl. dazu 1815, 24. Juli. Wien . Binner an Erzh. Johann. ...
ist auf ein Vierteljahr von hier in sein Vaterland abgereist. Er befindet sich bei Plattner und Giovanelli. Ich schrieb heute an beide, um das gnädigst abgeforderte Elaborat in Hinsicht der Justizverfassung zu erhalten. Allein es wird wohl zu spät sein, weil der diesfällige, von Purtscher S. Majestät unterlegte Entwurf schon vorige Woche resolvirt an den Staatsrath ſo eingeschickt wurde. Was ich als wahr darüber hörte, ist : Purtscher sei einſtweilen zum Präsidenten des Appellationsgerichtes, der ehrwürdige Peer zum Hofrath des Stadt- und Landgerichts in Innsbruck, Bonelli qua talis beim Stadtund Landgericht in Trient, ernannt worden. Die Sache kommt bei der oberſten Justizſtelle erst im Rathe vor ; ich forderte Peer auf, daß er umständlich Euer k. Hoheit das Nähere darüber eröffnen möchte, und er verſprach es zu thun“ . . . 434) Jäger 177.
VII. Die Lösung der Tiroler Frage 1814-1816 .
235
Roschmanns politischer Koder mit allen seinen 358 Paragraphen ist in voller Wirksamkeit.
Von all dem , was der Kaiser
in der Audienz vom 29. April dem Giovanelli und mir versprochen hat, ist keine Sylbe in Erfüllung gekommen. Von Wiederherstellung der Stände , die wir nach allen Versicherungen schon in Wien proklamirt zu hören hofften (Plattner kannte noch nicht die kaiserl. Entschließung vom 20. Juli), ist dermal keine Rede, und man läßt uns als verwaiste und ganz verlassene Kinder unserm wahrhaft Wäre die Gefahr an unsere elenden Schicksal über Grenze gekommen und Herr Murat nicht so schnell vernichtet worden , ja dann hätte man uns gegeben, alles , was wir verlangt hätten.
Denn Tirol , die Vormauer der österreichischen Monarchie
hätte doch wissen müssen ,
warum es die Waffen neuerlich er-
griffen hatte ? Nun sei wie ihm wolle ! Wir leben in der Hoffnung , c'est à dire, wir sind schwanger ; ob ein Bankert oder ein wohlgeformtes und echtes Kind die Frucht unserer nicht 9
sondern beinahe 24-
monatlichen Leiden sein wird , kann nur durch die Erfahrung bewährt werden. " 435) ... Auch der Volkswiß , der schon Mitte April 1815 ein artiges Reimlein auf die noch immer ausständige Verfaſſung_erſann, 436) wagte sich unbedenklich an das 11 Provisorium " . Ein Bäuerlein erinnerte den Kreishauptmann v. Mersi im Herbste an die biblische Geschichte vom geduloigen Job, der alle Prüfungen, so unmittelbar von Gott kamen , wacker überstanden habe , sobald aber Gott den Job dem Teufel provisorisch in die Gewalt gab, sei dieser auf den Misthaufen gefallen. 437) Mit dem Empfange, den Vorarlberg und Tirol im Spät-
435) 1815, 26. Juli, Wien. Binner an den Erzh. Johann ; theilt wörtlich den Brief Plattners mit. 436) Jäger 176–177. Am 15. April 1815 fand man am Piedestal der galoppirenden Reiterstatue des Erzherzogs Leopold († 1632) zu Innsbruck folgende Inschrift: "1 Du reitest so lange, und reitest noch immer, wohin? ➖ Um die Landesverfassung -— nach Wien !" 487) Binner an Erzh. Johann, 25. Oft. 1815, Wien,
236
VII. Die Lösung der Tiroler Frage 1814-1816.
herbste des Jahres dem Kaiſer auf seiner Heimreise von Frankreich bereiteten, konnte dieser allerdings zufrieden sein. Der Monarch war am 5. Okt. 1815 von Dijon nach Basel aufgebrochen , woselbst er den 9. und 10. d. M. verweilte. In Begleitung des General - Adjutanten Grafen Wrbna hatte er die Habsburg besucht.
In Zürich traf er den 13. Okt. ein und Tags
darauf in Bregenz . 438)
Am 16. kam er nach Feldkirch.
Als
er drei Tage später (19.) in Landeck seinen Einzug hielt, empfingen ihn hier der Gouverneur Bissingen , der Landeskommandirende Fenner, im Geleite vieler Hunderte von Landesschüßen , und auch der Kreishauptmann Dobrowa , dem man es übelnahm, daß er nicht rechtzeitig für eine Deputation Sorge getragen und in seiner Ansprache allzu selbstgefällig betont habe , er sei der erste Beamte gewesen , der 1809 wegen seiner Anhänglichkeit an Desterreich von dem bairiſchen General-Kommiſſär ausgewiesen worden, während man von ihm ganz andere Dinge wisse. 439) Zu Innsbruck verbrachte der Kaiser die Zeit vom 20. bis 26. Okt. unter Festlichkeiten , deren Höhepunkt das große Schießen. von 800 Schüßen war . Die richtigen Tiroler erfuhren mit Genugthuung , daß der Monarch bei dem Besuche der Normalschule mit ihrem Direktor Hubel höchst unzufrieden gewesen sein , besonders als die Ursulinerinnen klagten , Hubel habe die Mädchen mit der Geographie und Mythologie geplagt (!) .
Der Globus und
die Landkarten
438) Nach den Aufzeichnungen Erzh. Johanns i. s. Tageb. In Vorarlberg verlangte der Kaiser nach einer Deputation, die ihm die Wünsche und Bitten des Landes vorbrächte.
439) Binner an Erzh. Johann, 11. Nov. 1815 ... ,,während es notorisch genug ist, daß er der erste gewesen ist, der dem bairischen Generalkommiſſariate in Innsbruck eine Rechtfertigungsschrift übergab, worin er behauptete, daß er nur als bairischer Spion gedient habe, um die schändlichen Pläne des österreichischen Kabinettes zu erfahren . Er wollte auch ein Memoire in Druck geben, wo er den österreichischen Hof und Hormayr auf die unglimpflichste Art mitnahm, was ihm aber verweigert wurde, vermuthlich weil ihn Baiern richtiger taxirte" Vgl. Hormayr an Erzh. Johann, 25. Aug. 1815, wo es heißt: „ Dobrowa, auch eine Schlange, die ich an meinem Busen erwärmte. “
VII. Die Lösung der Tiroler Frage 1814-1816 . mußten auf der Stelle fortgeschafft werden.
237
Auch erzählte man
ſich, zwei ausländische Beamte seien vom Kaiser über besondere Gegenstände befragt worden. Als sie erwiderten , daß sie wegen mangelnder Landeskenntnis
überfragt" seien, d. i. darauf nicht zu
antworten wüßten, sagte der Monarch : Warum sie denn angeſucht hätten „ ins Tirol " übersetzt zu werden ? Sie entschuldigten sich damit : Roschmann habe sie dazu aufgefordert, worauf der Kaiſer erwiderte : " Sagen Sie mir doch vom Roschmann nichts ; ich will von ihm nichts wissen " . 440) Wir verbuchen diese gleichzeitigen Berichte, ohne für ihre volle Wahrheit einstehen zu können. Sie kennzeichnen aber ganz zutreffend das Geschick Kaiſers Franz, in seiner Art populär zu ſein.
Am 26. Oktober machte der Herrscher Oesterreichs die Fahrt über den Brenner nach Boßen ; längs der ganzen Landstraße machten die Unterinnthaler Bauern, dann die Wippthaler Schüßen Spalier und fielen beim Vorüberfahren des kaiserlichen Wagens auf die Kniee.
Er sei bis zu Thränen gerührt gewesen und habe
versprochen im nächsten Mai ( 1816) wiederzukommen. 441) Bozen blieb (27. Okt.) in der Verherrlichung der Durchreise des Kaisers nach Italien hinter der Landeshauptstadt nicht zurück.442) Ja die allzu kostspielige Stadtbeleuchtung mit Wachslichtern habe dem Kaiser mißfallen ,
aus Mitleid für die Armuth des Landes.
Unter den durch Audienzen Ausgezeichneten befand sich Eisenstecken. 443)
Eine der Ansprachen habe den Kaiser etwas be-
440) Binner an Erzh. Johann, 15. Nov. 1815 . 441) Binner a. a. O. 442) Ueber die Bogner Festlichkeiten s. Simeoner , Geschichte d. St. Bozen, S. 840-847. 448) 1815, 11. Nov., Wien. Binner an Erzh. Johann. . . . " Aus Bozen schreibt mir Freund Eisenstecken : Er habe das Glück gehabt, den guten Kaiser zu sprechen ; Seine Majeſtät ließen ihn willkürlich selbst zu sich rufen, was dieſem ſo verdienstvollen Mann äußerst schmeicheln muß. Eiſenstecken, der noch so manches zu fordern und für sich selbst zu bitten gehabt hätte, that auf sich Verzicht und sprach einzig, was das Land betrifft. Ich hatte ihn vorher selbst so berathen. Er stellte vor, wie das Land durch die provisorische Regierung so ganz ausgesaugt und in einen Abgrund von Noth und Elend gestürzt worden sei. Seine Majestät hörten ihn sehr gnädig an
VII. Die Lösung der Tiroler Frage 1814-1816 .
238
leidigt. 444) --- Vor seiner Abreise nach Trient, wohin er sich be= reits in Gesellschaft der Kaiserin begab , welche , bruſtleidend, den Weg
inzwischen von Wien
durch Innerösterreich und
das
Pusterthal nach Bozen , in kleinen Tagreisen , eingeschlagen hatte, habe er sich in Bozen geäußert : Kommendes Frühjahr werde er mit dem ganzen Hofstaate und im Geleite Erzh. Johanns zurückkehren. Am 28. traf Kaiser Franz in Trient ein und reiste dann durch das Valsugan nach Mestre (30. Okt.) , um den 31. Oktober seinen Einzug in Venedig zu halten. Der Aufenthalt in der Lagunenstadt währte vom 1. November bis 18. Dezember 1815.
Hier traf auch die modenenſiſch-Eſte’ſche
Verwandtschaft der kränklichen Kaiſerin ein. Die Nachricht vom endgiltigen Abschlusse des Zweiten Pariser Friedens (20. Nov.) wurde dem Monarchen in Venedig hinterbracht. Am 18. Dezember verließ er die Stadt am Rialto , um über Padua , wo er bis zum 23. Dezember sich aufhielt , über Mantua und Cremona der Hauptstadt der Lombardei sich zu nähern. Mailand beherbergte den Kaiserhof vom 31. Dezember 1815 bis zum 11. April des nächsten Jahres. Im Palaste zu Canossa erlag den
und versprachen baldige Abhilfe . Was en detail er dem Herrn vortrug in Betreff des Wohls und Wehes des Landes wird mir umständlich geschrieben werden ; wie ich's habe, werd' ich's sogleich berichten. Vorläufig nur das im Allgemeinen : „Das Alte wie es war , kommt nicht mehr , aber doch Einiges davon in Erfüllung ; die Zeit kann doch noch Rosen bringen." 444) Binner an Erzh. Johann, 15. Nov. 1815. Vgl. 1816, 18. Mai, Wien. Binner an Erzh. Johann. "I Plattner schickt ehrerbietigst eine Abschrift seiner Vorstellung, die er dem Monarchen in einer Audienz reichen wird. Er bittet um die höchste Gnade ſie des Lesens zu würdigen. Plattner hatte im vorigen Jahre durch einen freisinnigen aber herzlichen Tirolerausdruck sich die Mißgunst des Kaisers zugezogen. Ich hatte diese Sache Euer k. Hoheit nach London berichtet und brauche mich daher nicht zu wiederholen. Unverkennbar sind Plattners mannigfaltige Verdienste, und dennoch sieht er keine, gar nicht die mindeste Belohnung . Gerade hierin hegt die Größe seiner edlen Denkart. Nur will er nicht als Patriot Desterreichs verkannt werden ; darum und nur darum dieſe ſeine Vorstellung an den Kaiser “ . . .
239 .
VII. Die Lösung der Tiroler Frage 1814-1816.
7. April Kaiserin Maria Ludovika ihrem tückischen, unheilbaren Leiden ; der verwitwete Monarch reiste dann nach Venedig zurück. 445)
Den 27. Mai 1816 sollte ihn wieder die Landeshaupt-
stadt Innsbruck sehen , als er kam , die Huldigung des Landes entgegenzunehmen. Er hatte dies von Fiume aus den 14. Mai
1816 den
Tirolern angekündigt und den Weg durchs Pusterthal genommen. Blicken wir nun auf die Zwischenzeit zurück, die als wichtigſtes Ergebnis die längsterwartete Verfassung Tirols und die Rückerwerbung
des Nachbarlandes Salzburg sammt
dem
Innviertel
bescheerte. Die Verfassungsurkunde 446) 24. März 1816.
führt
das Datum vom
Die Einleitung anerkennt die „ vielfältigen Ver-
dienste und die hochherzigen patriotiſchen Geſinnungen der biederen Bewohner dieses Landes " und spricht den Beschluß der Herrschers aus, „ die unter der vorigen Regierung aufgehobene ständische Verfaſſung auf der Grundlage derjenigen Privilegien und Freiheitsbriefe , welche Unsere in Gott ruhenden Vorfahren und Wir ſelbſt dem Lande aus besonderer Gnade verliehen haben, herzustellen und dabei nur diejenigen Verbesserungen vorzunehmen , welche die veränderten Verhältnisse und das Bedürfnis der Zeit erheischen." Lassen schon diese einleitenden Worte erkennen, daß diese Verfassung nicht mehr die alte sein sollte, sondern das , was aus allen früheren Andeutungen des Monarchen durchblickte, und was Baldacci und seine Gesinnungsgenossen, nicht anders wohl auch die Staatskanzlei, als Glaubensſay feſthielten, ein dem herrschenden Staatsprinzip angepaßtes Gnadengeschenk der Krone , also nicht mehr und nicht weniger als das , was sich das österreichische Kabinet unter dem vielsprechenden aber ideal gebliebenen 13. Artikel der Deutschen Bundesakte von 8. Juni 1815 vorstellte : ein möglich zu sparendes Almosen an die Völker , so beweist dies auch der Inhalt der 19 Artikel dieses Patentes , das von dem obersten Kanzler Alois Graf v. Ugarte , vom Hofkanzler 445) Alles nach Vormerken Erzh. Johanns z . J. 1815, Tagebuch. 44 ) Jäger 177 --- 182.
VII. Die Lösung der Tiroler Frage 1814-1816 .
240
Prokop Grafen v. Lažansky und vom Hofrath Karl v. Eyberg mit unterzeichnet erscheint. Insbesondere gilt dies von den Artikeln 6 und 7 , welche die Besteuerung betreffen, vom 8., der den Ständen in ihren geseßmäßigen Versammlungen blos das Recht der Bitten und Vorstellungen im Namen des Landes einräumt und das Abſenden von Deputationen an das k. Hoflager nur nach vorläufig vom Herrscher erhaltener Genehmigung gestattet, und vom 14. bis 18. Abschnitte, worin sich der Monarch vorbehält, die Stände ganz nach seinem Ermessen auch in einem sammeln ,
offenen Landtage zu ver-
die ordnungsmäßigen ständischen Versamm-
lungen als großen Ausschuß (mit 52 „Vokalen “ oder Stimmen) und eine „ perennirende “
oder
„perpetuirliche“ „ Aktivität“ (mit je
einem „Vokal“ oder Vertreter) — leßtere
zur currenten Behand-
lung der den Ständen anvertrauten Geschäfte " feſtſtellt und die Geschäftsweise einer jeden dieſer beiden Vertretungen regelt. Der 10. Art. schreibt dem Lande zur Vertheidigung der Monarchie die Stellung eines Jäger-Regimentes mit 4 Bataillons vor und verweist auf eine später zu erlaſſende Anordnung der „ Landesdefension ", welche den 9. Mai 1816 folgte. " Tirol hat eine modifizirte Verfassung ", schrieb Erzherzog
Johann in sein Tagebuch zum 17. April 1816 , „ſie ist gut, wenn Jemand zur Ausführung Popularität mit Kraft und Festigkeit verbindet.
Bissingen ist ehrlich , aber beschränkten Geistes, was soll da herauskommen ? Ich schweige, und überlaſſe es Gott, das Beste zu thun. “ 447) In Tirol sprach man allerdings schärfer über die kaiserliche Gabe , die so ärmlich ausgefallen war und so lange hatte auf sich
warten lassen.
Daß Erzh. Johann den Kaiser auf der Reise zur
Entgegennahme der Huldigung nicht begleitete ,
machte Viele ver-
447) Erzh. Johanns Tageb. Hormayr in seinen Briefen vom 28. Juli 1814 hat, wie wir wissen, in seiner leidenschaftlichen Art Bissingen arg mitgenommen. Von Fenner schreibt er ein guter, tapferer Ochse, der sein Glück durch Roschmann gemacht hat (?), der schlecht lesen und gar nicht schreiben kann, auf den sich so zu verlaſſen ist, wie auf alle Schwachen“
VII. Die Lösung der Tiroler Frage 1814-1816.
drossen ,
man hatte darauf
241
mit Bestimmtheit gerechnet. 448)
„ Der Kaiser wird am 15. Mai die Huldigung in Innsbruck nehmen" -bemerkt der Erzherzog in sein Tagebuch, noch bevor
er
von
(13. April),
seiner
langen Reise
in
Wien
eingetroffen
war
selbst dies werde ich nicht sehen , 449) wer wird
mich rufen ?" Der Weg nach Tirol sollte ihm noch lange versperrt bleiben. Die Salzburger, für Tirol so wichtige, nachbarliche, Frage ward den 14. April 1816 gelöst. Sie hatte noch viel Staub aufgewirbelt , denn dies Land und das Innviertel hielten die Baiern krampfhaft fest. auf
die
Im Dezember (1815) , als Metternich entschieden
Rückabtretung
drang ,
und
General Vacquant
nach -
München abging, um gewissermaßen das Ultimatum zu stellen, bereitete Oesterreich auch eine bewaffnete Demonſtration vor, ſo daß gegen Ende des Januars 1816 ein Corps unter Bianchi in der Stärke von 25 Bataillons und 42 Schwadronen zwischen Budweis und Klattau in Böhmen, anderseits zwischen Enns, Efferding und Lambach in Oberösterreich Stellung nahm.
Montgelas wandte
sich an Wrede mit der Anfrage , ob man bairischerseits stark genug sei ,
einem
allfälligen Angriffe Oesterreichs zu begegnen ,
„Von 448) 1816, 13. Mai, Wien . Binner an Erzh. Johann. Plattner aus Bozen, der ganz im Einklange mit Giovanelli spricht, wurde mir Nachstehendes geschrieben : Von der Constitution sprachen verständige Leute : a) Der Bauer versteht sie nicht und wird sich erst nach dem ersten Kongreſſe (der Ständevertretung) einen Begriff davon machen. b) Der verständige, biedere, hochherzige Tiroler weint und trauert und denkt sich, was ich nicht niederzuschreiben wage. c) Der verständige aber zugleich egoistische Mann sagt : mir ist alles gleich und ißt und trinkt drauf los. Man ist wie niedergedonnert, daß Euer k. Hoheit nicht an der Seite unseres Kaisers ins Land kommen ; man hatte es als ganz ausgemacht gehalten. " 449) Tageb. Erzh. Johanns 13. April 1816. Rand bem. aus späterer Zeit : „Diese sah ich nicht, aber was hätte ich da thun können, wenn ich auch dabei gewesen wäre. Aber ich sah jene seines Sohnes (Ferdinand I. 1838) und diente ihm nicht unnüß .“ 16 Krones, Tirol 1812-1816.
242
VII. Die Lösung der Tiroler Frage 1814-1816.
worauf er eine sehr ausweichende Antwort erhalten haben soll, ,,welche genugsam ersehen ließ ,
daß nichts vorbereitet war und
man bei großen Ausgaben für das Militär keine brauchbare Armee besaß. " 450)
Frhr. von Aretin ließ eine geharnischte Brochure gegen Oesterreich mit dem bezeichnenden Titel „ Entweder oder" vom Stapel laufen , für deren Verbreitung besonders Prinz Karl von Baiern Sorge trug. „ Jede Pflugschar solle sich in ein Schwert verwandeln , um die Zweiherrschaft Oesterreichs und Preußens zu bekämpfen. " 451) Im Frühjahre 1816 begab sich überdies der bairische Kronprinz Ludwig an den Kaiserhof nach Mailand und traf hier mit dem Vertreter Badens, Frhr. v. Berckheim, zuſammen, der wieder gegen die drohenden Ansprüche Oesterreichs auf den Breisgau und die jüngere Pfalz die Stimmen erheben sollte. Kronprinz Ludwig kehrte zurück, mit der Ueberzeugung, daß Baiern die Rückgabe Salzburgs , des Innviertels und des Amtes Vils, dessen Einwohner durchaus österreichisch werden
wollten ,
gegen
anderweitige Entschädigungen eingehen müsse , was den 14. April 1816 ins Reine gebracht wurde. 452) So war denn endlich auch die Salzburger Frage , eine der wichtigsten Angelegenheiten für das Hinterland Tirol, gelöst, bevor Kaiser Franz zur Entgegennahme der Huldigung den Einzug in Innsbruck hielt. 453) Unter den bemerkenswerthen Vorgängen gebührt eine besondere Erwähnung die Audienz des Rektors und der Hofschulprofessoren bei dem Monarchen.
450) Heilmann , Wrede S. 432-433 , Treitschke , Deutsche Geschichte II . 131 ff. 451) Binner, 13. Jänner 1816, Wien, an Erzh. Johann. Sendet die Flugschrift ein „ die den Keim des Aufruhrs gegen Oesterreich in sich enthält ; sie machte viel Sensation, in allen Ecken Salzburgs war sie angeklebt. “ 452) S. die bezüglichen Berträge bei Neumann Recueil III. 127 ff. Das kais. Patent über die Besißergreifung von Salzburg dat . v . 1. Mai 1816 . 453) Egger III , 861 ff.
VII. Die Lösung der Tiroler Frage 1814-1816. Die Innsbrucker Universität hatte 1782
243 mit andern
Schwesteranstalten Desterreichs das Loos getheilt , ein Lyceum zu werden ; Kaiser Leopold II. gewährte (1791 ) den Ständen Tirols die Wiederherstellung der Innsbrucker Univerſität, und Erzherzog — in den Tagen der ersten Statthalterschaft des
Johann wurde
Grafen Bissingen, — mit kaiserl. Bestätigung vom 1. November 1800 zum beständigen Rektor (Rector perpetuus) der Hochschule erwählt , wie dies die bezügliche Urkunde der Universität und die Rede des damaligen Prorektors und Professors
der Mathematik
und Technologie, Josef Stapf, bezeugen. 454)
Als Baiern zum zweiten Male Herr Tirols
geworden war,
verfügte der König ( 1810) die Wiederumwandlung der Universität in ein Lyceum, deſſen Bedeutung immer tiefer sank. Kaiser Franz I. wurde nun um die Wiederherstellung der Universität gebeten , und sein damaliges Gespräch mit dem Rektor Bertoldi und mit dem Professor Feilmoser charakterisirt treffend die Denkweise des Monarchen über Schulbücher , Jus canonicum und seine landesherrlichen Rechte. 455) Alles dies war vorübergegangen , Desterreichs alter Länderbestand wieder hergestellt , der Friede allgemein zu Ehren gebracht, allerdings nicht jener, der mit dem Wohlgefühle gedeihlicher Erholung und inneren fruchtbaren Errungenschaften verbunden ſein ſoll.
So
454) „Rede bei der feierlichen Einseßung Sr. kais. Hoheit des durchl. Erzherzogs Johann von Oesterreich u. s. w. als beſtändigen Rektor der k. k. leopold. Universität zu Innsbruck“ ... . . . 1800 (Wagner). Stapfs Rede v. S. 3–42. Die lat. Urkunde über die Wahl 45-52 , u . z . v . Stapf, Bertholdi (Dekan d . theol.), Orsler (Dekan d . jurid.), Niedermaier (Dekan d . medic.), v. Zallinger (Dekan d. philos. Fakultät) unterzeichnet. 455) Probst , G. d . Jnnsbr. Univ. S. 303–304, wo das intereſſante Gespräch des Kaisers mit dem Rektor Bertholdi und mit dem Prof. Feilmoser abgedruckt ist. Charakteriſtiſch lautet die Stelle in der Replik des Kaiſers auf des Rektors Erklärung (Ich vertheidige die Rechte Eurer Majestät) : „Ich weiß schon, da bin ich Mann, von meinen Rechten laß ich mir nichts nehmen. Ich hoffe mit Bischöfen auszukommen ; ich will aber auch keinen Geistlichen kompromittiren, darum hab' ich überall, wo eine Universität oder ein Lyceum ist, einen weltlichen Professor für das Jus canonicum. Diesen können sie nicht so herumbeissen." * 16
244
VII. Die Lösung der Tiroler Frage 1814-1816.
war es auch in Tirol.
Man athmete auf, denn die Zerrissenheit
des Landes, die drückenden Ausnahmsverhältnisse, der unerquicklichste Zwitterzustand hatten ihr Ende gefunden , man war nicht mehr französisch und nicht mehr bairisch, man war wieder österreichisch, also das
geworden , um was man lange genug ,
Waffen einer großen allgemeinen Erhebung ,
1809 mit den
1812-1814 mit
unermüdlichen Kundgebungen des Volkswillens gerungen hatte. Dies, der innere Friede, die geseßliche Ordnung waren Wohlthaten , und wenn so mancher auch an die örtlichen und gelegentlichen Vortheile dachte , wie sie die Baiernzeit dem Lande Tirol bescheerte,
im Allgemeinen lobte man sichs doch, daß man hinter
dem schwarzgelben Schlagbaume wohnte und nicht mehr innerhalb der blauweißen Grenzpfähle ſaß. Aber eine tiefe Ermattung lastete auf dem lange und schwer heimgesuchten Lande. Wie viel des "‚provisorischen“ war noch auszugestalten ! Der Webstuhl der Verund waltung hing noch voll der verworrenen Einschlagfäden, die Hauptsache fehlte , die lautere Freude am Wechsel der Zeiten, denn die alte Verfaſſung hatte man in ihrer Gänze nicht zurückerhalten ,
und die neue verquickte blos die Gebrechen , die Eng-
herzigkeit der
alten
beherrschen sollte,
mit mit
dem , der
was nun ganz Deutſchöſterreich
Bevormundung
Lebens auf Schritt und Tritt.
des
landschaftlichen
Das Kaiserwort vom Jahre 1806
und 1809 war jedenfalls „ gedreht und gedeutelt" worden . Erzherzog Johann sah Tirol , Vorarlberg und Salzburg mit Desterreich wieder vereinigt, aber auch jede Hoffnung zertreten, dieſen Ländern das zu werden , was er seit Jahren werden wollte. „ Mein Kaiser hat mir nicht ein Wort über Tirol, Vorarlberg und Salzburg fallen lassen“ heißt es in seinem Tagebuche zum 2. Juli 1816,456) - ich habe die Namen nicht ausgesprochen, er wird mir kein Wort darüber sagen.
So weit hat man ihm darüber
Mißtrauen gegen jenen eingeflößt, der in jenem Lande (Tirol) ihm am besten dienen würde ;
es ist , als wenn er auswiche , mit mir
darüber zu reden ; mich schmerzt es tief.
Er sollte ja froh sein,
wenn Jedermann sein Herz vor ihm ergösse ; will er denn kalte 456) Erzh. Joh. Tageb.
VII. Die Lösung der Tiroler Frage 1814-1816. Seelen ?
Was sind diese ?
245
Es ist das schwerste , das drückendste,
mir zu denken ; vielleicht sehe ich nie mehr diese Berge und die guten Menschen, für die ich wahrhaft gelebt ! Hart ist es, vielleicht eine Prüfung.
Gott vergebe es denen , die das
Gute scheitern
machten, welches ich hätte thun können, doch hin komme ich gewiß ; neben dem Wirth zum Sand (Andreas Hofer) wird der Hanns ruhen, dort wo so viele für ihren Kaiser geblutet. " Und in späten Tagen , als er längst erkannt haben mochte, daß ihm das Geschick ersparte, herbe Enttäuschungen zu erleben, im Widerſtreite zwiſchen Herz und Amtspflicht , Landesintereſſe und hat er dennoch die Ueberzeugung Staatsraison sich abzunügen, festgehalten , daß es im Jahre 1816 anders gekommen war , als Tirol seit 1809 erwarten durfte.
Es schreibt die Hand des
Greises folgende Worte : 457) „Das Blut Hofers forderte eine Sühnung , und diese konnte nur darin bestehen, daß Tirol das wieder wurde, was und wie es war , wofür das Volk gekämpft , so viel geblutet , vereinigt mit Oesterreich und seinem geliebten Kaiser. Der Eroberer war gefallen, der Druck von der bedrängten Menschheit beseitigt , die alten , von Desterreich getrennten Provinzen wieder Bestandtheile des Kaiserstaates, so auch Tirol. Was sollte nun mit dieſem Lande geschehen ? War es nun an der Zeit, das 1809 wiederholt gegebene Kaiſerwort, worauf das Land gebaut , zu lösen , oder — hielt man sich von jeder Verpflichtung befreit ? Dies ist eine ernste Frage, die nur Gewissen und Herz , aber nicht juristische Kasuistik beantworten können. Im ersten Falle erschien der Kaiser groß, edel und eine allgemeine Stimme des Beifalles hätte durch ganz Deutschland, überall, wo dankbare Herzen schlagen , wiederhallt. Und was war dabei gewagt ? Gar nichts ; es blieb immer dann die Möglichkeit , jene Veränderungen, welche vielleicht die Zeit erforderte, einverständlich zu bewirken.
Im zweiten Falle überhebe man mich eines schmerzlichen Ausspruches, ich beschränke mich, die Sache zu erzählen. Mein Tagebuch ,
nicht nachträglich ,
457) Aufz. Bogen 180 .
sondern täglich geschrieben,
VII. Die Lösung der Tiroler Frage 1814-1816 .
246
spricht aus, was ich fühle, was ich sprach und schriftlich einreichte. Jene, denen die frühere Verfaſſung ein Dorn im Auge war , nicht aus reiner Anhänglichkeit zu ihrem Kaiser , sondern aus Neid und Mißgunst, weil sie selbst nach ganz andern unbeschränkteren Vorrechten strebten , jene, die es nicht vertragen konnten , daß sie nicht schalten ,
walten und ihr bureaukratisches Regiment ungehindert
führen konnten, fanden den Augenblick günſtig, um das zu erreichen, was sie wollten. Vor Allem wurde getrachtet, die Leiſtungen dieſes Volkes zu verkleinern , durch Schilderung der Gefahr , die durch das Gefühl der Kraft im Volke entstehen konnte, (als Beispiel Deutschlands Erhebung und die Folge dessen, das Begehren nach Verfassungen , wodurch das strenge, Argunbeschränkte Walten der Regierungen beschränkt würde) wohn und Mißtrauen zu erregen und die Nothwendigkeit möglichster Beschränkungen der Völker in jeder Theilnahme an den Landesangelegenheiten darzustellen . . Um des Kaisers Gewiſſen zu beſchwichtigen, wurde ihm vorgestellt, daß, nachdem Tirol im Jahre 1809 verloren gegangen und abgetreten wurde, alle Verpflichtungen erloschen und nach einer Zeitperiode von fünf Jahren Tirol wie ein erobertes Land zu betrachten sei, dem man ein damals gegebenes auf andere Vorausſetzungen gegründetes Wort zu halten nicht schuldig sei.
Daß dies
nicht meine Ansicht wäre , hatte ich mich ausgesprochen, daher fanden sie mich nicht geeignet und nicht geschmeidig genug für ihre Absichten. Roschmann ließ sich dazu brauchen, denn sein Ehrgeiz trieb ihn zum Höherstreben an. Die Pflicht eines treuen Dieners, der seinen Herrn liebt, ist es, Wahrheit in schuldiger Ehrfurcht zu bekennen , zu vertreten . . . .
Konnte man denn nicht bei der
großen Vorliebe , welche man stets in Oesterreich für Provisorien hatte, auch ein solches bis nach dem Frieden und bis zur nächsten Anwesenheit des Kaisers in Tirol verlängern ; da gab es Zeit , jene Leute zu hören , welche darüber zu sprechen im Stande waren, Alles zu prüfen und dann die geeigneten Entſchlüſſe zu faſſen . . In Bedrängnis zur Erreichung eines Zweckes ist man nicht
VII. Die Lösung der Tiroler Frage 1814-1816.
247
karg mit Versprechungen ; wenn sich aber die Umstände günstig erweisen, so tritt Reue ein, etwas versprochen zu haben , und man Ich glaube, möchte dessen , was ungelegen ist , überhoben sein. - hat man aber sein man soll im Versprechen sehr vorsichtig sein, Wort gegeben, - dasselbe halten, und nicht Ausflüchte suchen oder unterhandeln, sondern halten, einfach wie es versprochen wurde, das ist meine Meinung.“
VIII.
Schlußwort.
Die Genossen des Alpenbundes. Den 8. Sept. 1816 sprach Hormayr , der lang und hartgeprüfte , beim Erzherzog vor. in
der Hand des
Seine Angelegenheit lag schließlich
kaiserlichen Vertrauensmannes Baldacci 458) .
Er war den 10. August d. I., nachdem seine Bewerbung um die durch Hofrath Stingls Tod erledigte Stelle eines Kustos Hofbibliothek
ohne Erfolg
geblieben ,
zum
an der
„ Historiografen
von
Oesterreich" ernannt worden , eine seinen Fähigkeiten und seiner ganzen Lebensrichtung entsprechenden Stellung , die freilich mehr ein „ Titel “ war und ihm die glänzendere Vergangenheit als Direktor des Haus-, Hof- und Staatsarchivs und Hilfskraft der Staatskanzlei nicht vergessen machen konnte. „Hormayr war bei mir ," -- heißt es im Tagebuche des
kaiserlichen Prinzen zum 8. Sept. 1816 , 11 nachdem ich ihn seit 1813 nicht gesehen hatte, froh, daß die Sache endlich geendigt ... Ich habe nie aufgehört mit ihm in Verbindung zu sein und werde es immer bleiben ; es wußte es der Kaiser , Metternich , Haager, Alle ; sie konnten mich darum nur schäßen ; er wird noch wesentliche Dienste leisten und hoffentlich wird jener, welcher der Schurke war, noch durch Gottes Finger, der gerecht ist, entlarvt werden. "
458) S. das interessante Gespräch Binners mit Baldacci in seinem Berichte an den auf seiner engliſchen Reiſe abwesenden Erzh. Johann, 20. Jänn. 1816, Wien. Anhang Nr. XXXVII.
VIII. Die Genossen des Alpenbundes.
249
Hormayr hat später seinem Vaterlande und dem Heimatstaate für immer den Rücken gewendet , denn er konnte nichts verwinden, nichts vergessen und noch weniger seinen krankhaften Ehrgeiz bezähmen. Er trat in die Dienste Baierns, das er vormals so heftig in Wort und That befehdet , ohne dort das alles zu finden , was er suchte ; am wenigsten begegnete ihm Achtung und Vertrauen. Der Fluch seiner Vergangenheit und seines Naturells 459) gab ihm über die Grenze das Geleite in den Nachbarstaat.
Er lebte noch lange
(† 1848) und überlebte seinen literarischen Ruf, wie oft er auch dann noch die gewandte Feder zur Hand nahm . Das Meiste was er in späteren Jahren schrieb , wurde zum Pamphlet , wodurch er mit der eigenen Vergangenheit in grellen Widerspruch gerieth. Auch sein Leidensgefährte in den Jahren 1813-14 , der Vorarlberger Freiheitskämpfer unter österreichischer Fahne, Dr. Anton Schneider , längst der Haft ledig, 460)
als
das Geſchick Tirols
und seiner Heimat entschieden ward , erreichte nicht das Ziel , was ihn für seine Lebensprüfungen entschädigen konnte , die Bregenzer Kreishauptmannsstelle.
Der Parteimann, dem es an Feinden auch
daheim nicht gebrach, der Verbündete Hormayrs, erschien hiefür als unmöglich. Er starb bereits vier Jahre nach seiner Freilassung (16. Juli 1820) zu Fideris in Graubündten , wo er Heilung für
459) S. das Konzept eines Schreibens Erzh. Johanns an Hormayr v . 1816 (v . D. offenbar nach seiner Rückkunft und vor dem Wiedersehen). Nachdem der Erzherzog das Herz und die Verdienſte Hormayrs gerühmt, schließt er mit folgender Mahnung : „Ihr Kopf muß abgekühlt werden, sonst werden Sie an keinem Orte der Welt auf einen grünen Zweig kommen . Man kann in der Welt nicht immer Thüren einrennen, nicht ohne die Andern bestehen, darum ist Klugheit, Ernst und stilles Benehmen nothwendig ; es läßt sich wohl mit Kraft, Redlichkeit und Gewandtheit paaren. Wer hat in dieser Welt mehr Ruhm gebracht, eine ruhige, klare Quelle, oder ein verheerender Wildbach ? Sie gehen mir sehr nahe, und es war eine Zeit, wo ich allein stand und Sie vertheidigte, jezt sind der Freunde mehr ; erhalten Sie diese auf dem Wege, den ich Ihnen vorzeichne. Ein Mehreres morgen. " 450) Von besonderem Interesse ist der Bericht Schneiders über seine Audienz beim Kaiser in dem Briefe Hormayrs an Erzh. Johann vom 27. Jänner 1815 (Brünn), s . Anhang Nr. XXXII .
VIII. Die Genossen des Alpenbundes .
250
ſein Kränkeln gesucht, jähen Todes. 461)
Der „herkulische “ Schnei-
der, wie Hormayr seinen Mitgefangenen auf dem Spielberge nannte, war minder lebenszäh als sein Genoſſe. Roschmann , der
„falsche Bruder" , der „ Verräther"
vom
7. März 1813, sollte nicht lange die Ernte seines Streberthums genießen.
Schon die Entfernung aus
Tirol war ein deutliches
Zeichen , das Geschick habe seinen Hoffnungen eine feste Schranke gezogen, und die auch sonst eingeheimsten Auszeichnungen, die kurze Rolle während der zweiten Okkupation Frankreichs als „ Gouverneur“ eines Departements mochten ihm, selbst als eine Abfertigung erscheinen.
Er war und blieb in der öffentlichen Meinung gerichtet
und geächtet, 462) und auch seine früheren Gönner konnten sich diesem Urtheilsspruche nicht verschließen.
Das mochte denn auch
an ihm nagen und sein Leben vergällen.
Er starb den 18. Mai
1830 im dreiundfünfzigſten Lebensjahre, und ſeit 1819, als geweſener Hofrath der Hoffanzlei, bereits im Ruhestande. Dem Erzherzog „Johann von Oesterreich“ , deſſen reicher Nachlaß an tagebücherlichen Aufzeichnungen und Schriftstücken aller Art die Hauptquelle dieſes anspruchslosen Buches blieb, war es beschieden, sämmtliche vertraute „ Genoſſen des Alpenbundes “ vom Jahre 1813 zu überleben 463) und — zwanzig Jahre nach dieſem für ſein weiteres öffentliches Leben entscheidenden Ereignis - den Weg wieder offen zu finden, in das Land ſeiner Jugendträume, ſeines Mannes-
461) Byr , Anno Neun und Dreizehn (Innsbruck 1865) . S. 260-262 462) Erzh. Johann an Hormahr v. 1816 s. v. Anm. 487. „ Alle Ausfälle (Hormayrs) gegen Roschmann heißen nichts, sie sind unter aller Kritik, Sie gewinnen nichts dadurch ; überlassen Sie diesen Menschen seinem schwankenden Gange, der ihn bald zum Sturz und - so wie es ein solcher verdient - zur Verachtung und Vergessenheit bringen wird. Ich habe meinem Herrn (dem Kaiser) nie mehr Roschmann betreffend gesagt, als daß er für das Land (Tirol) nichts tauge ; wäre es von mir edel, und dürfte ich meinem Herrn vorhalten, daß er sich in diesem Menschen geirrt ? Daß er es erkennt, beweist seine (Roschmanns ) schnelle Abberufung. Also von nun an - Roschmann unter die Todten ! Kein Wort über ihn, gegen wen immer" 463) H. v. Gagern † 22. Oft. 1852, Erzh. Johann † 10. Mai 1859.
VIII. Die Genossen des Alpenbundes.
251
strebens, seiner unwandelbaren Zuneigung.464) Als dann ( 1848) AltDesterreich zusammenbrach, und auch die Zukunft Deutschlands eine offene Frage wurde , der heimische Staat unter schweren Stürmen sich neu zusammenzufügen begann, trat noch einmal der volksthümer, liche Kaisersohn als Mann des Tages in den Vordergrund, dem die Geschichte und die Forderungen der Zeit kein verschlossenes Buch blieben und im Herbste 1816 der bedeutsame Ausspruch über seine Umgebung aus der Feder quoll : „ Den Blick in die Zukunft, den vermisse ich bei den Besten und den Meiſten “ ! 465) 464) Hormayr an Erzh . Johann. 14. Juli 1816, Brünn. . . „Und ist unser einziges Wünschen daß recht Dein Brueder, der Hannes noch herkommen mecht !" „ Das war der bedeutungsvolle Schluß des nationalen Gedichtes von dem kreuzbraven Baudirektor Zoller , das dem Kaiſer bei dem ländlichen Feste in Kemmaten hätte überreicht werden sollen. Regenwetter verhinderte es . Mag man es mir immerhin wieder übelnehmen, ich ließ es in mein Archiv drucken, unter allen den übrigen Gelegenheitsgedichten, worunter sich jenes von Weissenbach: „Andreas Hofers Schatten ", sehr vortheilhaft auszeichnet." 465) Tageb. 3. 7., 8. Sept. 1816.
Anhang.
I. Kaiſerin Maria Ludovika an ihren Schwager Erzherzog Johann , 16. April 1809 , Wien. (Erster Theil des Schreibens ).
Lieber Johann ! Sie kennen mich genug, um überzeugt zu sein, daß meine einzige Absicht ist, das Wohl des Staates und die Ehre unseres besten Herrn (des Kaisers) zu erhalten und zu befördern . Verzeihen Sie mein bester Freund, wenn ich Sie auf einen Gegenstand aufmerksam mache, der so wichtig ist. Gestern las ich die Anrede an die Tiroler (die Proclamation Erzh. Johanns ), und kann Ihnen nicht sagen, wie es mir weh that, Ihre Unterschrift zu finden. Ich bin ganz betäubt ; ich erkenne in derselben weder Ihren rechtschaffenen, biedern Charakter, noch Ihren Scharfsinn ; nur im Schlafe können Sie dies gelesen haben. Mit welchem Recht können wir die Tiroler aufmuntern zur Empörung, zur Untreue gegen ihren rechtmäßigen Gebieter ; denn das ist der König von Bayern . Wir haben ihm das Land durch feierlichen Tractat abgetreten, wir haben für uns und unsere Nachkommen auf ewig Verzicht geleistet. Von dem Augenblick an haben wir unsere Kraft verloren, und durch unser gegenwärtiges Betragen wird unserem Feind Anlaß gegeben, die Oesterreicher als Aufrührer fremder Völker als wahre Demokraten zu erklären ; vor ganz Europa verlieren wir den Credit unserer Rechtschaffenheit und erhalten dabey keinen Vortheil, denn auch ohne Schrift würden diese gutmüthigen Leute gewiß für uns gesinnt sein. Sie werden mir ſagen, im Krieg iſt alles erlaubt ; ja im Kampfe ! Aber gestattet sind nicht heimliche Verräthereien ; um groß zu sein braucht man das nicht . Ferners könnte man Napoleon zum Beispiel darstellen ; - aber sind wir berechtigt, ungerecht zu handeln weil Andere Spizbuben sind ? Wer diese Schrift geschrieben, so wie leider Karls Brief an den König von Bayern, muß entweder sehr einfältig sein oder sehr neumodische Grundsäße haben. Wir sagen einem König, er soll dem Willen seiner Unterthanen folgen, hier muntert man Lettere gegen ihren Herrn auf ; welches Beiſpiel von Demokrazie geben wir ? Leider leben wir in einem Jahrhundert,
256
II. 1813. 24. bis 27. Februar.
wo unter dem Deckmantel des Patriotismus man stets die Achtung für den Monarchen und seine Gewalt zu vermindern sucht. Sie werden sagen, daß ich zu hißig bin, mein bester Freund ; ich hab' es wohl überlegt und baue der Zukunft vor. Ich weiß, daß Sie Aufrichtigkeit lieben , folglich werde ich sie stets gegen Sie beobachten. Antworten Sie mir nicht, ich bitte Sie, Sie haben wichtigere Geschäfte .. II. Erzherzog Johann über den Alpenbund . (Tagebuch, 1813, 27. Februar). Der Alpenbund ist der Name, welcher mir der Zweckmäßigste scheint, unbestimmt genug, um alle Alpen oder nur einen Theil in sich zu fassen. Der Zweck desselben ist Freiheit und eine den Verhältnissen des Landes anpassende Verfassung, Aufhebung alles Drückenden, Kampf gegen Uebermacht und Anmaßungen und Mitwirkung . zur allgemeinen Beschleunigung eines dauerhaften Friedens. Der Alpenbund umfaßt nebst Tirol die Salzburgischen Gebirge, Vorarlberg ; diese drei bilden den Kern, dann Illyrien, die welschen Thäler, die Schweiz . So wie für ist der eben angeführte Zweck jener ist, den man erreichen will, den man der ganzen Welt bekennen muß, so muß schon auf die Zukunft für das Schicksal dieser Länder vorgedacht und dazu die Mächte gestimmt werden . Tirol, Illyrien, das Innviertel, Salzburgs Flachland ſind Oesterreich nothwendig. Italiens Schicksal gehört nicht hieher. Tirol, Vorarlberg und Salzburgs Gebirgsthäler, die Pforten Deutschlands, das Bollwerk gegen dieses Land und Italien, was soll daraus werden, welcher Lohn erwartet diese biederen Völker für ihre Aufopferungen ? Der erste Schritt ist, so viele Freunde zu gewinnen als möglich. Desterreich wird es billigen, wenn ihm Ruhe, Sicherheit, Anhänglichkeit gesichert wird, wenn es siehet, daß man für dasselbe handelt, ohne es zu kompromittiren, wenn man alle Anarchie und Democratie zu hindern, zu leiten trachtet, darum die erſten Aeußerungen, so daß sie alle Compromittirung vermeiden . Rußland und Engelland werden unterſtüßen ; Ernst, Thätigkeit, wirksame Diversionen , redliches Benehmen, Uneigennüßigkeit sie fesseln . Die deutschen Fürsten (welche in Betracht kommen) sind blos Baiern und Würtemberg ; ersterem eine Versicherung von Seiten Rußlands und Preußens seiner Integrität bis auf die Gebirge, freundschaftlich ernste Sprache von Seite des Alpenbundes, welches ihm sein wahres Interesse, die Unmöglichkeit je die Gebirge zu behalten, Hoffnung beſſerer Länderſtrecken bei erfolgendem Frieden und den Nugen
II. 1813. 24. bis 27. Februar.
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zeiget, daß es sein Contingent zu behalten gezwungen wird. Würtembergs Regent, ein Herr eines festen Charakters , muß persönlich ge= wonnen werden : Anerkennung seiner Eigenschaften, Vertrauen, Versprechung von Beistand 2c. Zu vermeiden alles, was Trennung des Volkes vom Fürsten scheinen könnte. Frankreich ist der Feind, so auch Italien; im lezteren läßt sich wohl aufregen, Neapel muß gewonnen, die Schweiz aufgerufen werden als gleiches Interesse habend, als das Land der Freiheit, als nächſter Nachbar von Tirol, sich anzuschließen, das Joch abzuschütteln ; hier die verschiedenen Cantonal-Interessen wohl zu beachten ; - auf die Alpenthäler blos zu rechnen. Ich meines Theils trete als Führer auf , ohne Namen, ohne irgend einen Verdacht zu erregen , als wolle ich mehr als nach vollbrachter That und nach gemachtem Frieden in mein väterliches Haus , so wie ich war , zurückkehren. Uneigennüßigkeit gewinnt Desterreich, da es die Hoffnung erhält, verlorene Länder ohne Zuthun zu bekommen, gewinnt die Alliirten, gewinnt Deutschlands Fürsten, da es eine neue Erscheinung ist. Alles muß das Manifeſt enthalten ; dieſes ſpreche nicht von Rußland, nicht von Engelland ; es sind die Alpenvölker, die durch ihre Kraft sich erheben, es erregt keinen Verdacht, die Sache erscheint in einem beſſeren Lichte . Später läßt sich auf Verbindung und Unterstützung hinweisen, dieses erscheint gleich im Anfange. Gleich gehen die Boten und Briefe an die Fürsten und Nachbarn, unterstützt durch die gewaffnete Masse. Geld und Waffen ist die Hauptsache ; ersteres muß Engelland und Rußland geben ; die Summe muß für den ersten Anfang bedeutend sein. Sie wird bestimmt durch den Bedarf für die Anführer im ersten Augenblick, und diese muß in das Land gebracht und vertheilt werden. (sie ist begründet) in dem Bedarf zu dem Ankaufe von Waffen, in dem Bedarf für die Führer und in dem Bedarf für das Ganze auf die ersten 6 Monate ; dieses darum, weil die Verbindung in der ersten Zeit wohl unterbrochen sein dürfte, und man sich nicht aussehen darf, aufzuliegen. Ein Theil muß also igt hineingebracht werden einen Theil muß ich hineinbringen und in der Schweiz müssen hinlängliche Anweisungen bereit stehen . Waffen müssen die Schweiz und Kärnten und dann die nächsten Zeughäuser liefern ; Munition ebenfalls . Pulver muß jezt geliefert und an bestimmte Punkte deponirt werden . Geschütz müssen Engelland über Fiume durch Illyrien, und die nachbarlichen Zeughäuſer liefern. - Geld ist also die Hauptsache, und, ohne daß dasselbe bereit stehe, ist nichts anzufangen. Leere Verheißungen sind nicht anzunehmen. 17 Krones , Tirol 1812-1816 .
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III. 1813. 9. März.
Eine Verbindung mit Engelland und Rußland wird in der Folge nöthig, und daß man von allen Ereignissen unterrichtet sei, die vorfallen. Der Weg über Klagenfurt und Graz der sicherste, in legterem einen Agenten, in ersterem einen in Kaufmannsgestalt. Die Leitung des Landes . Wegschaffung aller fremden Beamten und höherer Obrigkeiten über die Grenze, die Obrigkeiten führen ihre Gemeinden ; neue Landrichter, und bei mir wenige Menschen, das ist das Ganze. Ich Hormayr für das Junere, Gagern für das Diplomatische, wir Drei machen das Comité und gemeinschaftlich alles behandelt, beschlossen, feine Einseitigkeit. Der Bauer ist ja der, der hier wirken soll . Das Land militärisch in Compagnien nach Gerichten und Volksmenge (getheilt), dieſe (wählt) ihre Führer, nach der Lage des Landes ; mehrere in eine Abtheilung gestoßen, diesen einen Oberanführer. Der Kern des Landes als Reserve, dahin, wo es nothwendig wird . Um mich die besten als eine auserlesene Truppe ; die tüchtigen, höheren bei mir. Jene Offiziere dienen in Folge als Generalstab. Errichtung von Reiterei und Artillerie, dazu einige Offiziere und Gemeine zur Bildung. Errichtung der Werbungen, um leichter Bataillons zuſammenzustellen, daraus vielleicht ein Heer. Operationen lassen sich nicht bestimmen. Sprengung des Gen. Bertrand zu Verona, Zug nach Augsburg, München, Lindau Salzburg . Ordnung, Mannszucht, Vermeidung aller Aeußerungen von Anarchie ; dieses gewinnt die Meinung. Diesen Entwurf ließ ich Gagern lesen ; er pflichtete ihm bei ; er beweise, daß ich für mich nichts suche, daß ich blos meine Schuld in Tirol abtragen und Desterreich nüßen will. (Randglosse aus späterer Zeit :) „ So war der Hanns und ist es geblieben, und doch welche Verläumdungen über ihn ! Darunter, er wolle sich zum Könige der Gebirge machen . Wie konnte man mich für so thöricht halten ? Ich König ! der so gerne meine Unabhängigkeit habe und einfach lebe. " III. Metternich an Erzherzog Johann, 9. März 1813 , Wien . Ich habe die Empfehlung, welche Ew . kais. Hoheit dem Kreishauptmann von Roschmann zu ertheilen geruthen, in ganz besondere
IV. 1813. 15. Juli.
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Ueberlegung genommen und glaube, daß ein Wort, welches Höchst= dieselben an Se . Majestät zu deſſen Gunsten schreiben dürften, einen Sollten E. k. Hoheit diesen Vorschlag guten Eindruck machen könnte. gut zu heißen finden, so würde ich von meiner Seite das Gesuch unterstüßen, wünschte aber von dem Augenblick, wenn es angebracht werden dürfte, unterrichtet zu sein. Wien am 9. März 1813. Metternich. IV. K. Franz an Erzherzog Johann. 1813 , 15. Juli, Brandeis (erhalten mittelst Curier im Gußwerk Mariazell am 20. Julius 1813, um 4 Uhr früh) . Lieber Bruder ! Der Kreishauptmann Roschmann, dessen Untersuchung beendigt und ganz zu dessen Gunsten ausgefallen ist, wird Dir dieses Schreiben einhändigen . Ich gebe Dir durch die Aufträge, deren er sich gegen Dich entledigen wird, neue und große Beweise des Zutrauens und hoffe, daß Du Dich desselben meinen Absichten gemäß ganz würdig machen wirst. Meine Absicht auf die Beihilfe Tirols im Fall des Krieges eine Frage, welche sich zwischen jezt und dem 15. August gänzlich entscheiden wird ist jedoch der möglichsten Schonung dieses Landes und so vieler biederer Menschen untergeordnet, welche ich nicht ohne bestimmten Nußen aufgeopfert wissen möchte. Es ist demnach in dem von mir festgesezten Plane ebenfalls bestimmt, daß die Epoche des Aufstandes in Tirol jener des wirklich begonnenen Krieges folgen müsse. Ich finde mich um so mehr zu dieser Rücksicht bewogen, als noch unmöglich vorgesehen werden kann, ob es wirklich zum allgemeinen Kriege kommen wird, und ob Tirol seiner sehr großen Wichtigkeit ungeachtet einen Ausschlag für den ersten Augenblick zu geben vermag. Es ist demnach alles einzuleiten, daß Du persönlich nicht erscheinest, bis der Ausbruch des Krieges und als dessen unmittelbare Folge die Bewegung in Tirol ausgebrochen sein wird . Du hast also vor der Hand unaufsichtlich in Thernberg zu verweilen, und da ich dem Kreishauptmann Roschmann alles Vertrauen in Rücksicht der Kenntniß des betreffenden Landes und der mir darin schon geleisteten Dienste schenke, so wirst Du Dich mit ihm hierwegen in ausschließende Rücksprache setzen. Uebrigens glaube mich zeitlebens Deinen besten Freund und Bruder Franz.
Brandeis den 15. Juli 1813 .
17*
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V. 1813. 15. Juli.
VI. 1813. 18. Juli. V.
Metternich an Erzh. Johann.
1813 , 15. Juli, Prag.
Se. M. der Kaiser haben geruht, mir das Handſchreiben mitzutheilen , welches Allerhöchstdieselben unter Einem an Ew. Kais. Hoheit erlassen. Der Augenblick scheint gekommen zu sein, in welchem der rege Eifer Ew. K. H. für das Beste des Vaterlandes in offene Schranken wird treten können. Ich glaube nicht irgend etwas zu der Allerhöchsten Eröffnung beifügen zu können, was Ew. Hoheit nicht bereits selbst aus derselben abstrahirt haben werden. Wir stehen auf dem Wendepunkte. Wenige Tage werden das Schicksal von Millionen entscheiden. Der Kaiser will aber auf keinen Fall unnöthige Schlachtopfer liefern. Daher wünscht er den Ausbruch in Tirol erſt nach erfolgtem Ausbruch des österreichischen Krieges. Der Kreishauptmann v. R. ist übrigens in der Lage, E. k. H. alle unsere mündliche Auskunft zu ertheilen. Ich glaube mit Sr. M., daß Höchst= dieselbe in Niemand größeres Vertrauen sehen könne als in ihn ; je enger conzentrirt das Geheimniß ist und bleibt, je sicherer ist der Erfolg ; das Ganze zum gedeilichen Ende zu leiten sind E. K. Hoheit von der Vorsehung berufen. In Betreff der seiner Zeit zu erlassenden Publikanden werde ich mit Höchstdemselben die gehörige Rücksprache zu pflegen nicht ermangeln. Ich erachte dies um so unerläßlicher, als unser politischer Gang bisher zu rein war, als daß wir ihm nicht bis zu Ende und in allen Nuancen treu bleiben sollten . Gewähren Höchstdieſelben mir für die Zukunft jenes persönliche Vertrauen fortzusehen, von welchem ich bereits zu schäzbare Beweiſe erhalten habe, um nicht unbedingt auf selbes zu zählen. Nur durch diese enge Zusammenficht (sic) kann ein Augenblick wie der gegenwärtige und wie es die folgenden wahrscheinlich sein werden, zu einem gedeihlichen Ende führen. Zu E. k. H. Gnade mich empfehlend verharre ich mit tiefſter Ehrfurcht Ew . tais. Hoheit unterhänigst gehorsamer Metternich.
VI. Roschmann an Erzh . Johann .
1813 , 18. Juli, Prag.
Kaiserliche Hoheit, Durchlauchtigster Erzherzog und Herr! Aus meinem Eril nach Prag gerufen - habe ich daselbst das
beifolgende Handbillet Sr. Maj . nebst einem Schreiben des Grafen Metternich und auch verschiedene andere Aufträge, die mich wieder in
VII. 1823. 28. Juli.
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das bürgerliche Leben zurückrufen, erhalten . Würde meine Gegenwart in Innerösterreich nicht jenes zu große Aufsehen, welches Se. Maj. so sorgsam entfernt wissen wollen, erregen, so hätte ich mir die Freude nicht versagen können, Euer k. Hoheit diese Depesche selbst zu überbringen, so aber glaube ich besser zu thun, H. v. Piner (Binner) mit Extrapost abzuschicken. Wahrscheinlich werden Euer k. Hoheit sich nun nach Thernberg zu begeben geruhen, um mich allvorderst zu sprechen, ich bitte nur um ein Aviso und werde alsbald, als ich Sie daselbst angelangt weiß, unter dem Vorwande eines Besuches dahin eilen. Wie vieles habe ich Ihnen, angebeteter Prinz, nicht zu sagen, wie manches aufzuklären ! - Ihr freundlicher Willkomm wird mich für alle Leiden und so viele unverschuldete Kränkungen entschädigen. Wie immer die Würfel fallen — werden wir nun als Männer handeln, die ſelbſt die Bewunderung der Feinde erringen sollen . In sichtlicher Eile und tiefster Unterwürfigkeit Euer f . Hoheit unterthänigst gehorsamster Wien am 18. Juli 1813. Roschmann.
VII. Konzept der Denkschrift Erzherzogs Johanns an K. 1813 , Franz in das Hoflager zu Brandeis a. d . Elbe . 28. Juli, Wien . Euer Majestät eigenhändiges Schreiben erhielt ich, als ich auf einer Alpenreise im Gußwerk zu Zell mich befand, und ich säumte nicht in soweit es ohne Aufsehen zu erregen thunlich war, auch unter dem Vorwande der schlechten Witterung mich nach Thernberg zurückzubegeben. Das Vertrauen, was Höchstdieselben in mich zu sezen geruhen, hat mich innigst gerührt, und mich bei einem vielleicht bevorstehenden so wichtigen Kampfe nicht vergessen zu sehen, muß mich wahrlich mit der größten Dankbarkeit gegen E. M. erfüllen, von deren Gnade ich schon so vielfältige Beweise erhielt. Ihren höchsten Absichten ganz zu entsprechen, ganz nach Ihrem Geiste zu handeln und so mir das zu verdienen, was E. M. mir ißt gnädigst anvertrauen, ist mein einziger Gedanke. Erlauben Höchstdieselben, daß ich nach zuerst abgelegtem Danke Ihnen in Kürze die Lage, die Ausführung und die nothwendigen Mittel darstellen darf, und dann das, was nach gepflogener Rücksprache mit Roschmann eingeleitet wurde. Euer Majestät Wille ist, daß Tirol dann wirke, wenn der Krieg ent= schieden ist, damit das Land nicht durch einen unzeitigen Ausbruch aufgeopfert werde ; mir däucht weiters, daß E. Majeſtät Absicht ist,
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VII. 1813. 28. Juli.
daß nach entschiedenem Kriege der Aufstand geschehe und durch die Vorsteher des Landes dann Höchst Ihre Hilfe angerufen werde, wo sodann die Unterstützung zu geschehen hat, - endlich erscheint mir als eine Hauptsache, daß Ew. Majestät Name sowohl im Beginne der Sache und im Angesicht der Welt als in der Folge in Rücksicht des Landes nicht compromittirt werde . Ersteres wird durch jene Einleitung, lehteres durch einen Vorschlag vermieden , den ich Ew. Majeſtät machen werde, sobald ich auf den Punkt hinsichtlich der Landesorganiſation und der dem Lande zu machenden Zusagen kommen werde. Euer Majestät Einsicht ist aber nicht entgangen, wie nothwendig es ist, Hülfe bereit zu halten, um Tirol sowie der Aufstand ausge= brochen ist, zu unterstüßen, und dies damit sie (die Tiroler) nicht das Opfer ihres guten Willens werden, damit durch erworbenes Vertrauen die Stimmung erhöhet, die äußersten Anstrengungen bewirkt, endlich der Anarchie und dem bei solchen Volksbewegungen unvermeidlichen Spiele lang verhaltener Leidenschaften vorgebeugt und nicht unnöthig Blut vergossen werde. Tirol soll als eine wirkende Feste betrachtet werden, welche, wenn auch von allen Seiten umschlossen, sich selbst bis auf das Aeußerste behauptet, die Hauptverbindung zwischen Deutschland und Welschland dem Feinde benimmt, und durch seine immerwährenden Ausfälle demselben Abbruch thut. Nur durch einen aus diesem Lande mit einem Kerne von Truppen und der gesammten Bevölkerung geführten thägen Krieg, durch Unternehmungen in den angrenzenden Gebieten, im Rücken des Feindes und auf deſſen Communication lassen sich maßgebende Erfolge erwarten . E. Maj. mögen nun defensiven oder offensiven Krieg beschlossen haben, so leistet Tirol nach dem von mir vorgeschlagenen Systeme wichtige Dienste. " (Nun folgt die Darlegung des militärischen Theiles der Aufgabe, der erforderlichen Streitkräfte, der Aufstellung derselben zunächst zwi= schen Judenburg und Leoben bis zum thatsächlichen Ausbruche des Aufstandes in Tirol, worauf dann über das Ennsthal, den Tauern und das Pinzgau der Einmarsch in den Mittelpunkt des Landes, nämlich in die Gegend von Brixen, Sterzing und des Brenners stattzufinden hätte. Die Stärke dieses Corps wird mit 2 Linien-Regimentern, 1 Grenzer-Regimente, 2 Jäger-Bataillons und 2 KavallerieRegimentern angesezt ; dazu eine reitende und zwei Linien-Batterien ; zu Pionirdiensten würden sich die Tiroler brodlosen Bergknappen eignen). "Ich muß hier Ew. Majestät bitten, nichts in Rücksicht der Regierung veranlassen zu wollen, nichts Tirol für die Zukunft zu ver-
VIII. 1813. 3. Aug.
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sprechen. Landes -Adminiſtration, Regierung, Landtage u . s. w. ſind in einem Augenblicke solcher Gährung lähmende Maßregeln, wie die Erfahrung der Jahre 1801 , 1805 , 1809 uns zeigte. Eine militärische Leitung, Begünstigungen des Volkes durch die ihm überlassene Wahl seiner Führer, genährte Hoffnung einer besseren Zukunft erworben durch großze Anstrengungen das ist alles und hinlänglich. Wer den Tiroler kennt, wird seinen Muth, jeine Liebe zu seinem Heerde, zu seiner freien Verfassung und seine treue Anhänglichkeit kennen, aber auch einsehen, wie nothwendig es ist, ihn durch Ansehen und gerechte Strenge in Schranken zu halten, damit er nicht ausarte ; höchste Popularität und höchster Erust. Hat die Vorsehung Euer Majestät edles, menschenfreundliches Streben und die allgemeinen Anstrengungen durch einen Frieden gekrönt, dann können E. M., wenn Tirol es um Sie verdiente (woran ich nicht zweifle), dieſem Lande ſeine alte gewiß der Armuth und natürlichen Lage Tirols anpassende Verfassung mit den nothwendigen Modifikationen geben, und dann wird dies, da Höchstdieselben durch kein Versprechen gebunden waren, als eine Wohlthat und nicht als gehaltenes Wort dem Lande gelten. Ich habe hier wahrlich nichts anderes vor Augen, als daß E. Majestät sich durch nichts binden. Geld ist das Hauptvehikel, daß es an diesem nicht fehle, das geruhen E. Maj . zu befehlen, damit in dieser Rücksicht in der Schweiz die nothwendigen Wege geöffnet werden, damit im Falle einer augenblicklichen Unterbrechung der Verbindung ich nicht aufliege, das ist meine Bitte." (Bezeichnung oder Vorschlag der ihm für das Unternehmen nothwendig erscheinenden Militärpersonen . Im Einvernehmen mit Roschmann habe er bereits die Vertrauten : Eisenstecken, Speckbacher, Sieterer, Pater Joachim und Frick ins Land gesendet. In der Sache könne das größte Geheimniß gewahrt bleiben. Er selbst würde sich bis zum entscheidenden Augenblick in Thernberg aufhalten und dann gegebenen Falles nach Leoben verfügen. Betreffs der Verpflegung der Truppen werde er rechtzeitig einen Entwurf vorlegen. Was seine eigenen Bedürfniſſe betrifft, so könnte er sich mit dem Fürsten Trautmannsdorf in Verbindung setzen) . VIII. Instruction für Roschmann, als er in das Hoflager Sr. Maj. des Kaisers nach Brandeis abgieng . 1813 , 3. Aug. 1. Wichtigkeit Tirols nach einer für Desterreich glücklich entschiedenen Schlacht.
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VIII. 1813. 3. Aug.
2. Bedenken, vor einer solchen Entscheidung Tirol aufzubieten. Nehmen wir an, das Volk sei schon weit, vielleicht zu weit ge= gangen, um wieder einlenken zu können, es harrt aus, es hat nichts mehr zu verlieren . So lange Desterreich kämpft, ist noch Rettung, wenn aber dieses zum Frieden schreitet und Tirol aus höheren Rücksichten vielleicht da nicht bedenken kann, was bleibt dann übrig ? Verzweiflung im Lande, Parteiwuth, und da ist an Rückkehr gar nicht mehr zu denken. Das Volk wird jene, die im Lande sind und anführten, nicht mehr herauslassen und fordern, sie sollen den Kelch ganz mit ihnen leeren. Was ist das Ende ? 3. Hinweis auf die Lage des Landes und des Krieges vor der Schlacht bei Lüßen und damals, als man die Sache vorbereitete, und auf die jetzige noch unentschiedene Sachlage. 4. Nothwendigkeit, den Aufstand rasch und kräftig zu unterſtüßen, damit er sich konsolidire. 5. Der vertrauenerweckende Name des Führers genügt nicht, es bedarf der Mittel von Außen her, ausgiebiger Hilfe. 6. Nothwendigkeit der Autorität und der Aufrechthaltung der Ordnung. 7. Nothwendigkeit der Organisirung der Streitkräfte im Lande. 8. Die militärischen Bedürfniſſe : a) Streitkräfte, b) Geſchüße, c) Munition, d) Personale zur Erzeugung der Munition und Einrichtung von Gußwerken. 9. Geld, die Hauptsache für die ersten Kriegsauslagen, Besoldung der Truppen, Kundschafter- und Emiſſärdienst, Ankauf von Lebensmitteln . Art der Geldanweisung. Vermeiden der Verlegenheiten wie sie 1809 eintraten . Aus dem Lande selbst lassen sich keine Geldmittel auftreiben . Diesbezüglich bedarf es bestimmter Befehle und Anweisungen . 10. Nothwendigkeit bestimmter Instructionen : a) von Seite des Kaisers für den Erzherzog, welche bestimmt sagt, was zu thun iſt, was dem Lande zu eröffnen sei, und wozu cooperirt werde ; die den Gesichtspunkt des Monarchen, seine Absichten rücksichtlich der Nachbarländer, ihrer Behandlung und der Schweiz betrifft, das Militärische und Politische, die Geldsache, die Vollmacht zur Einrichtung des Landes u. s. w. enthält ; b) von Seite des Grafen Metternich, enthaltend seine Ansichten über Mittel, Verbindungen, Wege der Unternehmung ; c) eine "/ ostensible Verordnung, " das Militärische und die Organifirung des Landes betreffend ; d) Weiſung für den Erzherzog, wenn es zu beginnen habe (der Hofkriegsrathspräsident könne sich dann mit ihm ins Einvernehmen seßen) ; e ) Befehle und Weisungen über die Verpflegung des Einmarsches und der Nachschübe.
IX. 1813. 4. Aug.
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11. Ueber die ersten Schritte bei der Occupation wird er einen kurzen Entwurf verfassen, derselbe wird auch enthalten : 12. was in Tirol anzufangen sei. 13. Proclamationen a) anonyme kräftige Aufrufe an das Land ; b) kurzes Proclame von Seite des Erzherzogs ; c) dann erst mehrere solcher im Volkston. Vermeiden alles dessen, was die Leidenschaften aufregt oder mißgedeutet werden könnte ; edle, freie, feste Sprache. 14. Für seine Person genügen seine 2 Adjutanten und Major Schön. 15. Sonst bedürfe er nur Pferde, Pferdeporzionen , eine Summe für Tafelgelder ; das übrige besorgt er selbst. Nach dem Kriege wird alles zurückgestellt . 16. Schließlich ist es gut, diesen Herren zu zeigen, daß mein Wille gut sei, daß an meinem Eifer nichts fehlen wird, daß ich für des Herrn Dienst alles froh thun werde ; doch auch auf die Fälle aufmerksam zu machen, die eintreten könnten, wenn Desterreich ein Mißgeschick träfe, was mir dann zu thun übrig bleibe. Wohl die Sachen so vortragen, daß ihnen an das Herz gelegt werde, sie möchten nicht glauben, ich mache Difficultäten, um nichts zu thun , sondern blos um alles darzustellen ; denn wenn ich einmal losgelassen werde, kann ich nicht mehr denken , was daraus wird, sondern muß alles aufbieten, um die höchsten Resultate hervorzubringen ; - es sei besser wenig versprechen, viel thun.
IX . Erzherzog Johann an Metternich. 1813 , 4. Aug. (Konzept) .
Lieber Graf! Meiner Zusage getreu, sehe ich Sie in die Kenntniß deſſen, was bisher veranlaßt wurde. Meine Vertrauten sind abgegangen ; der 16 . ist als der Tag dem Lande bekannt gegeben worden, an welchem es zur Ergreifung der Waffen bereit sein soll. Ich versprach noch Boten dahin zu senden, welche es von der Gewißheit des Krieges benachrichtigen und das Signal des Ausbruches angeben werden ; bis dahin dürfe nichts geschehen . Wir sind dann übereingekommen, daß sie dann sogleich gegen Salzburgs Gebirgsland und Kärnten vorrücken und Deputirte senden sollen, um die Hilfe Sr. Majestät anzuflehen. Dieses kann in den ersten Tagen nach dem Ausbruche geschehen . Diese Leute ihrem Schicksale zu überlassen - dünkt mich weder klug noch rechtlich; jest ist ihre Lage ganz verschieden von jener als ich die Sache begann. Damals hatte Napoleon bei Lügen nicht gesiegt ; er ſtand noch am Rhein. Italien, Baiern waren noch ganz entblöst, da hinderte
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X. 1813. 28. Aug.
nichts den Aufstand und daß dieser um sich greife : nirgends war Widerstand ; die Vorsteher waren ruhig zu Hause, die Begeisterung allgemein, alles versprach sich ein baldiges Ende. Zwar ist die Stimmung in Tirol jezt die gleiche, aber in Baiern und Italien stehen ansehnliche, feindliche Kräfte ; Napoleons lezte Vortheile, seine großen Heere und die günstige Lage, in welcher er sich befindet, das Ungewisse, wer als Sieger aus diesem Kampfe heraustreten werde, endlich der Verlust der besseren Führer, welche entweder nach Kempten oder nach Oberhaus geführt oder endlich flüchtig geworden sind, haben einen tiefen Eindruck gemacht. Soll ein Aufstand von Erfolg sein, so muß er gleich unterstützt werden, er muß die Wahrscheinlichkeit zu erringender Vortheile und die Hoffnung rege machen, daß die Tiroler in Folge eintretender Mißgeschicke nicht zum vierten Male aufgeopfert werden. Ich sage das nicht , um Schwierigkeiten zu machen, das sei ferne von mir ; im Gegentheile bin ich zu Allem mit Freude bereit, was mein Herr mir befehlen wird, aber es ist meine Pflicht, die Sachen so darzustellen, wie sie sind, die Mittel anzugeben, welcher ich zur Ausführung meines Auftrages bedarf und zu zeigen , unter welchen Umständen es am vortheilhaftesten geschehen kann . Dreimal habe ich das brave Volk 1801 , 1805, 1809 zur Ergreifung der Weltbekannt ist die Ablegung derselben auf Waffen aufgefordert. mein Geheiß 1805 , weltbekannt, was es 1809 geleistet, ich kann nur dessen endliches Glück und für den Dienst meines Herrn das beſte wünschen. Tirol muß bei jeziger Lage unterſtüzt werden, um Mißtrauen, Lauigkeit und dessen Unglück zu verhüten. Die Bewohner müssen Wahrscheinlichkeit eines Erfolges und Hoffnung haben, nicht neuerdings aufgeopfert zu werden . . . . . X. Erzh. Johann an K. Franz I. 1813 , 28. Aug. , Wien. (Konzept) . Erstattet in Folge der Ankunft Roschmanns seinen Bericht über die Sachlage in Tirol. (Von einigen der nach Vorarlberg und Tirol abgesendeten Leuten habe er Nachricht von ihrer Ankunft und Wirksamkeit erhalten. Es sei alles vorbereitet, um auf den ersten Wink von ihm aufzustehen. Die Schwäche der feindlichen Landesbesaßungen mache dies nicht schwer, alles stünde zur Occupation bereit) . " Die Stimmung ist immer die gleiche, Wunsch nach baldiger Erlösung und jetzt große Aufmerksamkeit auf die Ereignisse, mit dem festen Willen, die nächste Gelegenheit, wo eine Verbindung mit Desterreich angeknüpft werden kann, zu benügen, alles auf den Wink zu handeln und Unterſtüßung wartend . “
X. 1813. 28. Aug.
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(Bericht über die strategischen Pläne des Vizekönigs von Italien; die Stimmung Kroatiens, der Uebertritt der alten Grenzer-Bataillons) . „Bis jezt suchte ich in Tirol Ruhe zu erhalten, und das so lange, bis E. Majestät mir befehlen, was zu thun sei ; ob aber dies weiter wird möglich sein, wage ich nicht nach den durch FZM. Hiller geschehenen Veranlassungen zu bestimmen . Ich lege E. M. ein von ihm erlassenes Proclame und die Nachricht, daß Vorposten in Lienz, also in Tirol sich befinden, bei . Ich sollte denken, nach jenem, was mir bekannt ist, dies sei doch nicht E. M. Wille und Befehl gewesen. Wer kann nun gut stehen, daß bei dem ersten Erscheinen kaiserlicher Völker nicht die nächsten Gerichte sich erheben und dann die Sache um sich greife, ohne Zusammenhang, (denn auser mir und einigen sehr wenigen kennt niemand die Kette) und Unordnung bewirkt wird. Führer, vielmehr Schreier stellen sich dann an die Spiße, lassen ihren Leidenschaften ein freies Spiel, begehen Grausamkeiten, und statt der so nothwendigen Ordnung tritt Anarchie an deren Stelle . Ich gestehe es E. M. aufrichtig , daß ich beinahe geneigt war, mich in den Wagen zu sehen und mit Roschmann an Ort und Stelle zu gehen, um wenigstens die Sache nicht entarten zu lassen ; allein kältere Ueberlegung brachte mich auf den Entschluß, erst E. M. Befehle abzuwarten. Ich möchte nicht gern, daß voreilige und dann nicht gehörig unterstützte Schritte zuerst das Gepräge von Aufwiegelungen trügen, dann unglückliche Leute machten, die bei ordentlich geführter Sache uns sehr zu statten gekommen wären. Wenn E. M. den Besitz Tirols und Vorarlbergs wollen, so darf nur mit der zu bestimmenden Truppenzahl hineingerückt, sich dort festgesezt werden, — dann schließt sich das Volk an, und ihr Aufstand ist dann eine Folge geschehener militärischer Occupation, und nun dächte ich, wäre es Zeit zum Proclamiren. Der Aufstand muß ohnedies durch die geheimen Triebfedern und das Erscheinen der für das Land bestimmten Truppen geschehen. Einige Deportirungen sind erst kürzlich vor sich gegangen . Zwanzig sollen nach München und einige nach Italien geführt worden sein. Ich muß bei der dermaligen Bewandniß der Sachen E. M. bitten, mir Ihre Befehle zu geben und gnädigst den von FM. Bellegarde erstatteten Vortrag zu resolviren, damit ich dann weiter in der Sache arbeiten und an meine Bestimmung abgehen könne. Hier werde ich beständig von allen Leuten Tirols überlaufen, wovon die Wenigsten taugen, und die nur in sehr untergeordneten Stellen zu verwenden sind. Ich vertröste sie, so gut ich kann. Wie wohlthätig für mich, wenn ich wenigstens diesen etwas sagen könnte. Roschmann habe ich in Allem unterrichtet und sende ihn voraus, um einige noch nothwendige Anstalten zu treffen. Er hat bei Hudelist eine Summe
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XI. 1813. 28. Aug.
Geldes erhoben, um die dringendsten Ausgaben für den Anfang zu decken. FM. Bellegarde seße ich stets von Allem in die Kenntniß . Roschmann soll, sobald er an Ort und Stelle ist, mir die Lage der Dinge und den Erfolg der getroffenen Einleitungen berichten, welches ich dann sogleich zur Kenntniß E. M. bringen werde. Er soll aber nebstbei FZM. Hiller abhalten, irgend einen voreiligen Schritt zu machen, bis nicht von E. M. Befehle einlangen . Ich unterlege hier E. M. als Beweis, wie nothwendig es ist, die zu gebrauchenden Tiroler kurz zu halten, einen Brief des Wörndle aus Lienz an Esquelles (Eskeles ) hier in Wien, wo er ihn in die Kenntniß einer Sache seßt, die geheim gehalten werden soll, um nicht manche Menschen unglücklich zu machen. Wörndle kennt das Pusterthal ; da in untergeordneter Stellung, unter Aufsicht, wird er gut dienen, allein nie würde ich mich trauen, ihn auf einen sich selbst überLassenen Posten zu stellen. Für Vorarlberg bedürfen wir eines Mannes, und ich kenne keinen, der mehr Thätigkeit und Landeskenntniß und Ansehen besigt, als der auf dem Spielberg fizende Appellationsrath Schneider. Ich wage es nicht zu äußern, ob E. M., durch wichtige Gründe bewogen, meine Bitte vielleicht abweiſen müſſen, halte es jedoch für meine Pflicht, um dessen Loslassung und Verwendung wenn anders möglich zu bitten. Ich erwarte die Befehle E. M. hier in Wien und werde dann jedes froh ergreifen, was mir von Allerhöchdemselben geboten wird ; nur bitte ich in Rücksicht dessen, was ich, mein Hauswesen betreffend , mich zu bitten unterſtand, gnädigſt Bedacht nehmen zu wollen. Dies soll mich aber auf keinen Fall aufhalten. “
XI. Schreiben Erzherzog Johanns an Metternich. 1813 , 28. Aug., Wien . (Konzept ; im Wesentlichen mit dem gleichzeitigen an K. Franz I. übereinstimmend ; Schluß) : „Ich bin, obgleich, was mein Persönliches betrifft, nichts ge= schehen konnte, weil Se . Majestät darüber nichts anzuordnen geruhten, doch bereit, auf jeden Wink zur Sache zu schreiten, und wahrlich, ich wünsche nichts sehnlicher, als aus dieser peinigenden Ungewißheit bald herausgerissen zu werden und den Zeitpunkt zu erfahren, wenn ich handeln darf. Wichtige Geschäfte und vielleicht diese ernste thatenreiche Zeit mögen wohl die Ursache sein, daß ich noch nichts erhielt . Stellen Sie sich aber meine Lage vor, etwas zu wiſſen und doch nichts Bestimmtes, überlaufen den ganzen Tag von den Leuten, und sie von einem zum andern Tage vertrösten zu müssen. Ich verlasse mich
XII. 1813. 13. Sept.
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wahrlich hier wieder auf Sie, daß Sie mir darin mit gutem Rath an die Hand gehen und Sr. Majestät, bei dem ich hierüber mich auch anfrage, die Sache vorstellen werden, damit auf meine und des FM. Gr. Bellegarde gemachten Anfragen und Ansuchen die beſtimmte Resolution bald erfolge. Nach beiliegendem Blatt ist Lienz beseßt. Wer steht mir nun gut, daß in Tirol nicht etwas geschehe. Was soll ohne Leitung, ohne Mittelpunkt daraus entſtehen ? Sie sehen also selbst die Nothwendigkeit ein, daß mein gnädigster Herr mir bald befehle, was zu geschehen hat. Ich bitte, denken Sie an mich, wir seßen in Sie unser Vertrauen. "
XII. Erzherzog Johann an den Kaiser. 1813 , 13. Sept. Wien (Konzept). Bericht über die Action Hillers und Tirol . . . . . „ Es ist vom FZM. Hiller bei seiner ausgedehnten Stellung nicht zu verlangen, daß er Truppen detachirt, im Gegentheile wird eine engere Concentrirung nothwendig . Für Tirol ist also von dieser Seite nicht zu rechnen, wenn aber das Land sich erhebt und E. M. Hülfe anfleht, so könnten Allerhöchstdieselben sich doch bewogen finden, für Tirol etwas zu thun . Unbekannt ist mir die Lage des Fürsten Reuß, allein seine auf 34.000 M. sich belaufende Armee von guten Truppen steht ruhig an der Traun. Die ihr gegenüberstehenden Baiern sind weder an Zahl noch an Güte ihm gewachsen; es scheint, daß diese Ruhe noch einige Zeit dauern könnte. Könnte nicht vielleicht von da Tirol unterſtügt werden ? Es würde denselben nicht ſehr schwächen, da man die Zahl auf eine mäßige herabſeßen könnte und Hillern wäre jedenfalls durch so eine Diversion geholfen . . . . . Nach getroffener Rücksprache mit dem Staatsrath Hudelist und Fh. Hager schaffe ich alle Tiroler von hier einzeln weg, sie werden nach Klagenfurt instradirt und bekommen ein mäßiges Reisegeld. So wird Wien nach und nach leer und die Leute näher an ihre Bestimmung gebracht. Die hier eingelangten Kundschafter und unter diesen ein Bewährter aus Vorarlberg brachte folgende Nachrichten. Die aus Vorarlberg Deportirten sind : Moosbauer vom Bregenzerwald, Langli von Gößis, Kronenwirth von Gögis , Feyerle von Feldkirch, Bachmayer von Fussach, Ruff von Dornbirn, Schneider von Höchst.
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XIII. 1813. 23. Sept.
XIV. 1813. 24. Sept.
Diese saßen auf dem Oberhaus zu Passau und sollen jezt über München wieder in das Land zurückgebracht worden sein." (Schluß enthält Angaben über die Stellung der Baiern unter Wrede) .
XIII. Roschmann an Erzh. Johann .
1813 , 23.
Sept.
Lienz.
(Meldet ihm zunächst, daß Speckbacher, auf dessen Kopf 12. Sept. Baiern 1000 Dukaten seßte, diesen Morgen wohlbehalten in Lienz eintraf. Lob Speckbachers, der sich gleich geblieben. Tadel Eisensteckens „ übrigens wegen vieler guter Eigenſchaften sehr brauchbarer Schüßenmajor ," der bei Mühlbach die Italiener zerstreute, die größtentheils gefangen genommen wurden , der sich zu übernehmen anfange und „ eigenmächtige Annectirungen und Schreckensmaßregeln“ vornähme, welche die unglücklichen Repreſſalien in Bozen veranlaßten). „Viele Gefahren bedrohen das treue Tirol : die größte von allen wäre, wenn die dermaligen Umstände Männer, die in untergeordneten Wirkungskreisen große Dienste zu leisten vermöchten, zu vollständigen Terroristen ausbildeten, und wenn dann das Volk der unvermeidlichen Eifersucht dieser verschiedenen Demagogen preisgegeben würde. Die Unterstügung regulirter k. k. Truppen ist auch aus diesen Gründen die erste und letzte Bedingung einer vollständigen und sichern Befreiung Tirols ; diese allein können die verschiedenen Schüßenkommandanten in Schranken erhalten und das Land vor einer wenn auch vorübergehenden Anarchie bewahren. Ich erwarte mit Ungeduld die Entscheidung des Herrn Commandanten en chef über meine lezte Anforderung einer geringen Verstärkung, mit noch größerer den Augenblick, wo E. kais. Hoheit alle Privatleidenschaften durch Ihre bloße Ankunft beseitigend, an der Spitze eines zureichenden Truppencorps den tirolischen Boden betreten werden. " Ich verharre mit unbeschränkter Submission. Eurer kais. Hoheit unterthänigst gehorsamster Roschmann .
XIV. Erzherzog Johann an Metternich. 1813 , 24. Sept. Wien . (Konzept). Mittheilungen über die kritische Sachlage in Tirol. "In Tirol ist es zum Ausbruch gekommen, in Pusterthal haben die Bewohner die Waffen ergriffen, bei Mühlbach gab es Thätlichkeiten, Sterzing folgte, und so wird nach und nach das
XV. 1813. 5. Oft.
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Feuer um sich greifen, wir werden hören, wie immer andere Bezirke sich erheben ; das sind partielle Aufstände ; sie zeigen, daß Wille, Muth und Kraft da sei, allein nichts Ganzes . Die Art, wie das Fener angezündet wurde, ist nicht die wahre. " (Darlegung der ganzen Angelegenheit und des Ungenügens der Streitkräfte). "I Ein Beweis ist, daß bei dem besten Willen der Leute Niemand sich herbeiließ, als Deputirter zu Sr. Majestät zu gehen. Der Feind wird dies bald erfahren. Der erste Augenblick hat ihn erschreckt. Die nach Bozen vorgerückten Truppen kehrten plöglich um und zogen sich nach Trient. Ueberall im Land Angst und Sorge bei den Beamten, allein, wenn er (der Feind) eines beſſeren belehrt, doch etwas unternimmt und diese Handvoll Leute sprengt und Roschmann ferner ein Affront geschehe, welcher Eindruck auf das Land ! ich will nichts sagen von den andern Folgen, als nur, daß manch braver Mann es mit Freiheit und Leben bezahlen müßte, denn eben jezt wurden aus Bozen manche rechtliche Leute deportirt" . . . Er wolle ganz freimüthig sich auslassen. Habe man den ersten Schritt gethan, so müsse man weiter. Reuß könne ganz gut Truppen zu einer Diversion über die Tauern nach Tirol absenden. Ebenso empfehlen sich Unternehmungen gegen München, Lindau, Augsburg, Verona, Bassano. Baiern (dessen falsche Kabinetspolitik er fürchte) würde dann biegsamer werden. (Einen gleichartigen Bericht sandte Erzh. Johann unter gleichem . Datum an den Kaiſer).
XV . Erzherzog Johann an Kaiser Franz L. 1813 , 5. Okt., Wien. Bericht über den Stand der Occupation Tirols , die Erfolge Eisensteckens und Speckbachers Ankunft in Lienz .... "IEuer Maj . muß es wundern, warum bis jetzt in Tirol noch fein allgemeiner und kräftiger Aufstand geschah. Ich glaube darüber einige Aufschlüsse geben zu können . Allerhöchst ist es bekannt, wie Baiern und Frankreich jedes in seinem Theile während dieser 3 Jahre planmäßig an der Zugrunderichtung des Landes gearbeitet. Nicht allein wurde das Volk durch unerschwingliche Abgaben und Lasten gedrückt, sondern man trachtete die Blüthe der Jugend durch zahlreiche Rekrutirungen zu zerstören, und dies ist leider nur zu sehr gelungen. Zwar irren zerstreut eine große Menge in den nachbarlichen Ländern, in E. M. Erbſtaaten und in der Schweiz, herum, die sich, wenn einmal die Sache im Gange ist, finden werden, allein Viele fraß das Schwert und Elend , Manche stehen noch in der Reihe unserer Feinde. Das ist eine empfindliche Wunde für ein Land, welches bei den Beschwerlichkeiten seiner Feldarbeiten nicht genug Hände haben kann .
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XV. 1813. 5. Oft.
Abnahme an Streitern ist also eine der Ursachen, jedoch besteht noch immer der Kern, das ist der Bauer selbst, bereitwillig zu Allem , treu an Desterreich hängend, vom besten Willen beseelt, aber vorsichtiger durch öfteres Unglück geworden ; die meisten Beamten leitet das Interesse ; ihnen ist nicht zu trauen, sie werden entweder Hindernisse in den Weg legen oder lau dienen. Diese Vorsicht des Volkes, ein Beweis ihrer Klugheit, ist eigentlich der Hauptgrund von Allem. Deutlich und offen sind ihre Aeußerungen, gerne wollen sie alles thun, wenn sie überzeugt sein werden, es sei Desterreich Ernst um sie. Schon dreimal seien sie in Stich gelassen worden und erst jezt vor Kurzem hätte man mehrere ihrer Anführer aufgehoben und von Seite Baierns deportirt. Sie wollen nicht neuerdings Gefahr laufen, noch übler ihren Zustand zu machen. Dazu kommt noch, daß es allgemein im Lande bekannt ist, daß Desterreich mit Baiern unterhandle. Dies hat Alle wie natürlich gelähmt ; dumpfe Gerüchte geben die Hoffnung, einstens ihrem theuern alten Herrn wieder zuzugehören, andere laſſen darüber in Ungewißheit, und es fangen bereits die Anführer an zu denken, es sei besser, die Entwicklung dieser Verhandlungen abzuwarten ; dann sei es auf jeden Fall noch Zeit zu handeln. Von baierischer Seite wird der Sache eine sehr unangenehme Wendung gegeben ; sie äußern sich, sie können nicht glauben, Desterreich wolle das Volk aufwiegeln. Sie tragen sogar an, wenn sie ihn bekämen, Speck bacher uns auszuliefern. Nehmen E. M. alles dieses zusammen, und ich glaube Allerhöchst= selber werden darin mehr als hinlänglich Ursache finden, um ein wahrhaft kluges Volk von jedem Entschlusse abzuhalten, deſſen Folgen es nicht vorsehen kann. Endlich kommt noch dazu, daß die Stärke, womit Fenner ausrückte, wahrlich eher dazu geeignet ist, Mißtrauen als Vertrauen zu erregen und daß diese Stärke nicht sehr mit den Aeußerungen übereinstimmt, die das erlassene Proclam enthält. Bei so bewandten Umständen hielt ich es für den Dienst E. Majestät als das angemessenste, R(oschmann) zu schreiben, er solle sich keinem Affront aussehen. Alle kecken, gewagten Streiche, wenn sie mißlingen, könnten der guten Sache nur großen Schaden verursachen, und ihr Gelingen ſei uns dann gewiß, wenn wir es mit mehr Wahrscheinlichkeit eines günstigen Erfolges unternehmen können. Die Hoffnung der Tiroler sei fortan zu nähren, soviel wie möglich die Fortschritte der Heere Eurer Majestät und der Alliirten auszubeuten und alle Triebfedern spielen lassen, die auf das Volk wirken können. Von Lienz aus könne dies aber so gut geschehen und sicherer, als von Brixen. Er solle alle Gewaltthätigkeiten und Eigenmächtigkeiten Mancher hindern, die ihren Privathaß unter dem Mantel, der Sache Eurer Majestät zu dienen, freien Lauf lassen möchten ; kurz Alles mit Klug-
XVI. 1813. 29. Sept.
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heit vermeiden, was erbittern, beleidigen oder kompromittiren könnte ; so also Zeit gewinnen ; indeß Alles vorzubereiten , damit , wenn E. M. wahrlich väterliche Gesinnungen es gelingen solle, im Guten mit Baiern zu schlichten, nichts verdorben werde ; wenn nicht, duch Alles bereit sei, dann mit doppelter Kraft zu wirken. Uebrigens solle er seine Einverständnisse immer mehr ausbreiten, Waffen und Munition zu bekommen suchen und alle die ihm zulaufenden Ausgewanderten sichten, da Viele unter ihnen nichts taugen. So glaube ich E. M. Absichten am besten zu entsprechen, allen ungünstigen Ereignissen vorzubeugen, ohne jedoch für die Zukunft etwas zu vernachlässigen. Sobald ich meine Daten erhalte, werde ich nicht ermangeln, E. M. meinen weiteren unterthänigsten Bericht zu erstatten. " Erzh. Johann m. p.
Kais. Rand - Erledigung : „ Das Angezeigte nehme Ich zur Wissenschaft. Da aber die soeben mit dem Münchener Hofe abgeschlossenen Verträge in Beziehung auf den baierischen Antheil Tirols besondere Instruktionen für den Oberlandeskommissär Roschmann nothwendig machen, so habe Ich ihm diese durch meinen Minister der auswärtigen Verhältnisse ertheilen lassen." Marienberg, den 13. Oktober 1813 . Franz m. p.
XVI. Fenner an den Kommandirenden der kön. italienischen und neapolitanischen, dermalen in Tirol aufgestellten Truppen. 1813 , 29. Sept. Hauptquartier Sillian. (Abschr.). Erklärt mit Rücksicht auf einen besondern Fall „daß die mit seinen Truppen verbündeten Tiroler in jeder Rücksicht den übrigen Combattanten gleich geachtet werden müssen und daß er für jeden gemißhandelten Gefangenen ohne Unterschied an der doppelten Anzahl kais. französischer oder kön. italienischer oder neapolitanischer Gefangenen die strengsten Repressalien vollziehen lassen. werde. " 30. Sept.
Niederdorf.
Freiherr v. Mazuchelli, Komman-
dirender der Avantgarde der Reservetruppen, daß nur Ein Schüße (chasseur), Mahoni gefangen genommen und entsprechend behandelt (respecté) worden sei. Sonst seien keine andern Militärs in ſeine Hände gefallen.
Krones , Tirol 1812--1816 ,
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XVII. 1813. 10. Oft.
XVIII .
1813. 16. Oft.
XVII. Roschmann an Erzh. Johann. 1813 , 10. Oktober Mittags . Brunecken. Theilt ihm seinen Bericht über die Vorfälle in Tirol vom 28. Sept. bis 4. Okt. mit, den er an Metternich gesendet. Weitere Details werde er später melden. „Höchstdieselben werden in dieser kurzen und flüchtigen Darstellung die alten Tiroler ebenso als den Geist jener Truppen wiederfinden, welche E. kaiserliche Hoheit so oft zum Siege geführt haben. Was hat in diesen glücklichen Tagen dem Lande zu seinem Glücke fehlen können als die Gegenwart des Prinzen, der sich für das Schicksal und den Ruhm der Tiroler so besonders interessirt ?" (Der beiliegende Bericht aus Niederdorf 4. Okt. 1813 , 4 Uhr Morgens bezieht sich auch auf die angebliche Mißhandlung gefangener Tiroler von feindlicher Seite und den von Roschmann bei Fenner veranlaßten Protest (s. o . Nr. XVI) . XVIII. Roschmann an Erzherzog Johann. 1813 , 16. Oft. Salurn. Die Besetzung Brixens und Bozens in Folge der glücklichen Eroberung der Mühlbacher Klause. „Es hatte sich unmittelbar eine aus den angeſehensten Männern der Provinz bestehende Deputation formirt, die eben abgehen sollte, als ich von Sr. Exc. dem Herrn Grafen Metternich aus Töplig v. 26. Sept. die Weisung erhielt, daß dem ausdrücklichen Willen Sr. Majestät gemäß eine Civilbeſizergreifung vor Ceſſion der Povinz durch einen Friedensschluß nicht stattfinden soll. Unter diesen Umständen war ich genöthigt, unterm 13. dz . von Bozen aus durch Courier an Se. Majestät die allerunterthänigste Anfrage gelangen zu lassen, ob die Deputation nichtsdestoweniger die Wünsche der Nation in das Allerhöchste Hoflager überbringen dürfe. Ich darf hoffen, daß die Antwort bejahend ausfallen wird, da Alles darauf ankommt, daß wenigstens der Wille einer militärischen Behauptung der Provinz Allerhöchsten Orts bestätigt und das Volk über sein künftiges Schicksal einigermaßen beruhigt werde da alle bisherigen glücklichen Operationen als von der innerösterreichischen Armee abhängig betrachtet werden können, und anderseits die Negociationen mit Baiern, abseiten der f. f. Civilautorität, jede Maßregel verhindert haben, welche das Ganze des Landes umfaßt und den Willen, Tirol selbst für immer zu be haupten, deutlich angezeigt hätte. " (Vorgerücktsein der Truppen bis Trient. F3M . Hiller kündigte seine bevorstehende Ankunft in Tirol mit dem Gros der Armee an).
XIX. 1813. 17. Oft.
XX . 1813. 31. Oft.
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Ueber den Landesschüßenmajor Speckbacher. „ Auch der Landesschüßenmajor Eisenstecken hat im Felde diejenigen Dienste geleistet, die von ihm zu erwarten standen, wiewohl er einerseits an Reinheit der Absichten weit hinter dem Speckbacher zurückbleibt ; auch wohl hier und dort unter der Firma des früher erlittenen Verlustes an seinem Vermögen die Selbstentschädigung zu weit treiben mag, immer aber durch seinen Hang zu anarchiſchen und terroristischen Maßregeln dem im gegenwärtigen Kriege höhern Ortes vorgeschriebenen Geiste der Mäßigung widerspricht. " . . . . . XIX . Fenner an Erzherzog Johann.
1813 , 17. Okt. , Trient.
Bericht über die Besehung des südlich des Brenners bis über Trient gelegenen Landestheiles von Tirol von Ende August bis zum 15. Okt. , an welchem Tage General Giflenga die Stadt Trient räumte und sich blos auf das Kastell beschränkte. „Beglücken E. k. Hoheit dieses Land mit Höchstdero Gegenwart, das dem durchlauchtigsten Hause unerschütterlich treu ergebene Volk erwartet mit Ungeduld den großmüthigsten und verehrungswürdigſten Prinzen in seiner Mitte, alle Herzen schlagen Euer t. Hoheit ent= gegen. Die Organisation der Schüßen- Compagnien geht gut von statten ; 12 Compagnien Tiroler Schüßen kämpfen bereits in unseren Reihen ; mehrere sind im Entstehen ; Euer kais. Hoheit dürfen sich zeigen, und Alles greift zu den Waffen." Trient, am 17. Oft . 1813 . Fenner.
XX. Roschmann an Erzherzog Johann .
1813 , 31. Okt. , Trient.
Am 19. Okt. habe er durch den Fürsten Reuß die Nachricht vom Rieder Vertrage mit Baiern erhalten, hiemit die Weisung, daß der bairische Antheil von Tirol von jedem Einflusse österreichischer Behörden unabhängig sei. Roschmanns schwierige Lage den bairischen Behörden gegenüber. Unmuth der bairisch gebliebenen Tiroler. Unfluge Leidenschaftlichkeit der bairischen Beamten, insbesondere die feindseligen, tückischen Schritte des Gen. Com. im Innkreise, Frh. v . Lerchenfeld. Fortschritte der Armee Hillers seit den glücklichen Gefechten bei Brunecken und Mühlbach. Die Division Bonfanti zog sich über Trient zurück und beschränke sich auf die Besezthaltung des Kastells von Trient. Lebhafter Wunsch, daß der freie Durchmarsch der Armee Hillers durch Tirol stattfinde. 31. Okt. Abzug der Franzosen vom 18 *
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Kastell Trient.
XXI . 1814. 8. Jänner .
Da Französisch- Tirol vom Feinde gereiniget sei, ent-
laſſe R. (1. beil. gedr. Procl .) den 30. Okt. die freiwilligen Landesschüßen-Compagnieen des illyrischen und italienischen Tirols . XXI.
Roschmann an Erzh . Johann. 1814 , 8. Jänner, Trient . Entschuldigt sich wegen längerer Pauſe in der Berichterstattung. „ Der unglückliche Aufstand in dem k. bairischen Antheile Tirols, den ich besänftigen zu helfen berufen war, die Vollendung der interimistischen Organisation des italienischen Antheiles , endlich eine lebensgefährliche Krankheit, die ich in Innsbruck zu überstehen hatte und die eine neue Veranlassung für das Volk wurde, sich in dem Mißtrauen gegen die bairischen Behörden zu bestärken, werden mich bei Höchstdemselben vollständig rechtfertigen . Üleberdies darf ich hoffen, daß durch die mündlichen Aussagen des Herrn Landeskommissär v. Hauer der Zweck, E. kais. Hoheit in zuſammenhängender Kenntniß der hiesigen Vorgänge zu erhalten, besser als durch schriftliche Berichte erreicht worden ist. Das leßte unglückliche Ereigniß war seit langer Zeit vorauszusehen. Um Tirol zu beherrschen, muß man die Eigenheiten des Landes ebensosehr lieben als zu schonen wissen. Statt dessen hatte sich das unpolitische System der bairischen Regierung seit der Allianz und Die Beamten hielten durch dieselbe sichtlich bestärkt und verhärtet. sich durch die Garantie Desterreichs für unumschränkter als je, während sich das Volk der endlichen Erfüllung seiner Wünsche kurz vorher näher als je geglaubt hatte . Es zeigten sich wirkliche Spuren des Neides und der Eifersucht gegen die italienischen und illyrischen Tiroler : das großmüthige Geschenk Seiner Majestät an die durch den längeren Aufenthalt der Truppen erschöpften Gemeinden, auch wohl die dem Speckbacher und Eisenstecken widerfahrene Gnade kontrastirten zu stark mit der Behandlung der bairischen Marſchſtationen und mit den Stockschlägen und Kolbenstößen, womit die k. bairischen Autoritäten den unsern durchmarschirenden Truppen zu Innsbruck bewiesenen Antheil des Volkes vergolten hatten. Als nun die bairischen Unterthanen aus unseren Schüßen-Compagnien auf das jenſeitige Gebiet zurückgezwungen wurden und die Konskriptionsgeseze gegen ſie vollzogen werden sollten, hatte man das Signal für den Ausbruch der Unruhen selbst gegeben. Wie konnte man verhüten, was durch Maßregeln, gegen die unserseits lebhaft protestirt worden war, veranlaßt wurde. Beim Ausbruch der Insurrektion am 8. Dezember hielten mich Organisations- und Verpflegungsgeschäfte in Roveredo
XXI. 1814. 8. Jänner .
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fest. Ich begnügte mich mit der Beruhigung, daß keiner der Meinigen, wie auch bisher bewiesen worden ist, weder Speckbacher, noch Eisenstecken, Sieberer, Krinseisen , Wild, Aschbacher u. s. f. Antheil genommen hatte. Am 11. Dez., da ich zuerst den Umfang der Sache zu beurtheilen anfing, ging ein Bericht an den Fürſten Metternich ab. Am 13. erhielt ich durch einen vorausgesendeten Courier die Nachricht von der nahen Ankunft des FM. Bellegarde und nachher von ihm selbst die Details der Ereignisse, denen er bei seiner Durchreise durch Innsbruck als Augenzeuge angewohnt hatte. Die Intercession wurde unvermeidlich ; für die einrückende Division Mayer mußte gesorgt, die bairischen Beamten mußten zu diesem Ende wieder eingesezt werden. Beruhigend für mich war es, daß der Feldmarschall nur im Einverständniß mit mir zu Werk gehen wollte. Dem Baron Lerchenfeld wurde unsere Vermittlung zuerst im Wege der Güte, und, wenn diese nichts helfen sollte, der Gewalt angeboten. Ich selbst folgte dem Courier, mit dem ich das fallsige Schreiben des Feldmarschalls vorausgesendet hatte, um einige Stunden später mit desto größerer Eile nach, als ein neuer Angriff zumal auf Rattenberg vom 18 . in einem Kriegsrathe der Insurgenten zu Sterzing verabredet wer= den sollte. Nach Meran und über Vintschgau (wo über 300 Baiern von 118 Tirolern entwaffnet worden waren) durch das Oberinnthal sandte ich den Landeskommissär Paller mit dem Befehl, die bairischen Beamten wieder einzusehen, die Verhafteten zu befreien, die Anführer der Insurgenten zur Unterwerfung zu nöthigen, die Rebellen zu zerstreuen und dann mit mir in Innsbruck, wohin ich mich persönlich über Brixen und Sterzing begab, zusammenzutreffen. Rodt, Jigl, Torgler, Kluibenschedl und Empel waren die Hauptanstifter. Der lettere war in Innsbruck schon am 14. durch den Beistand eines k. k . Rekonvaleszententransports , der an diesem Tage die Garnison von Innsbruck formirte, entwaffnet, arretirt und nach Rattenberg abgeführt worden. Die Uebrigen wurden durch mich zur Ordnung zurückgebracht und nach Trient unter strenge Surveillance gestellt. In der Nacht vom 18. zum 19. kam ich in Innsbruck an. Diese diskrete Auswahl der Tageszeit meiner Ankunft ward mir von den f . bair. Behörden um so höher angerechnet, als vorauszusehen war, daß ich zu jeder andern Stunde die ganze Gegend von Jnnsbruck allarmiren würde. Die Ruhe war wieder hergestellt und zum ersten Male ein versöhnliches Einvernehmen mit den jenseitigen Autoritäten bewirkt. Wieviele Verhandlungen aber waren noch nothwendig, um die gänzlich stillstehende Verwaltung wieder in Bewegung zu sehen. E. k. Hoheit werden es begreiflich finden, daß ich allen diesen schwierigen Geschäften
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XXII . 1814. 15. März.
körperlich unterlag . Ein Gerücht, ich sei vom Baron Lerchenfeld vergiftet worden, welches durch den Umstand, daß ich, von einem Diner desselben nach Hause zurückkehrend, von dem Uebel befallen worden, verbreitete sich mit unglaublicher Schnelligkeit durch das Land . Neue Gründe des Mißtrauens führte jeder Tag herbei ; ich war bestimmt, Innsbruck unter den unangenehmsten Verhältnissen wieder zu sehen. Indeß war die Division des FML. von Mayer eingerückt : es war die Absicht, die bairischen Truppen unter dem Schuße desselben neuerdings einzuführen. Sollte aber der Krieg in Italien nicht durch die Vorgänge in Tirol wesentlich gehemmt werden, so durfte nur eine unbedeutende k. k. Beſazung von 3 Comp . in Innsbruck und 1 Comp. in jedem der drei Orte : Brixen, Sterzing und Meran zurückbleiben . Diese Macht war stark genug, um die Tiroler zu beruhigen, zu schwach, um das bairiſche Militär gegen das Volk zu schügen, alſo blieben die (von Baiern) angedrohten Truppen in Rattenberg und für den Augenblick war auch dieser Anstand gehoben. Ich kehrte zurück : der Dank des Baron Lerchenfeld ward mir schriftlich ausgedrückt. Ew. k. Hoheit kennen Tirol zu gut, um nicht das Land für innerlich beruhigt zu halten. Von unserer Seite war mit persönlichen Aufopferungen Alles geschehen, was sich von den treuesten Alliirten erwarten ließ. Wer vermag den Sinn eines Bergvolkes zu ändern ? Ich habe jene Gegenden mit der Ueberzeugung verlaſſen, daß auch zur Befestigung der Allianz kein wirksamerer Schritt gedenkbar ist, als die Vereinigung der drei Antheile Tirols. " Ich ersterbe in tiefster Submiſſion E. f . Hoheit unterthänigst gehorsamster Roschmann (m . p.) XXII. Hormayr an Erzherzog Johann.
1814 , 15. März .
Das Memoire über Tirol für den Kaiser wäre einzutheilen in : I. Militärische Reflexionen a) Zusammenhang mit Salzburg und dem Graubündten dominirenden Vorarlberg, b) bittere Bemerkungen über das von 1801-1805 Versäumte und dessen ungeheure Folgen, c) Fortifikationen aa) an den Landmarken, bb) im Innern, d) Miliz -Organisirung nach dem Genius des Landes und Volkes , e) größere Zahl Militär (Kasernen : Neustift, Gries, Viecht, Marienberg), f) Approviſionirung, Pulvermühlen (wo zu errichten), Scheibenschießen, Gewehrfabrik, kurz alle KriegsII. Administration wie in stoffe wie in einer blokirten Feste Salzburg. „Kreisämter, die bestimmt sind , den Bauer gegen das Dominium zu schüßen, sind, wo keine Dominien, wo der Bauer Herr
XXIII. 1814. 26. März.
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ist, ein echt österreichischer Schlendrian, eine bucklichte Idee d' uniformité." „ Dazu soll E. t. H. Graf Zichy die (ich darf es sagen) exelLenten Hauptakten der Staatskanzleien, an die böhmische Kanzlei und an die geh. Kreditskommission wegen der Organisation Salzburgs und wegen der Einführung des Papiergeldes daſelbſt ( 1806-1808 ) auf ein paar Tage ausheben, als gehörte es für ihn selbst. Da finden E. f . Hoheit einen reichen Ideenhaufen. Die übrigen Justiz und Gefällsbranchen wie zuvor. III. Stände in Vorarlberg die alten, in Tirol muß eine neue Schöpfung werden. IV. Transito, der muß viel helfen ; keine Binnenzölle, nur an die Grenzen . V. Papiergeld . Tirol ist nur als Festung wichtig. Fortifiziren. 2 Infanterie-, 1 Jäger -Regiment , 3 Escadron Kavallerie drein halten ohne Papiergeld ist unmöglich ; ebenso unthunlich eine halbe Million schweren Geldes jährlich hineinzuschicken . VI. Instruktion publique . Die Universität ist wieder herzustellen ; sie war unter Baiern auf Wälschmichel dotirt. Obgleich das Meiste verkauft ist, finden sich doch noch so viel Klostergüter. gut dann geschah, in andern Erblanden den Unterricht der Jugend blos Geistlichen zu vertrauen, so ist in Tirol, wo ohnehin im Aeußern der Religion zu viel geschieht, eher das Gegentheil rathsam. Der Klerus, dumm, boshaft, bedarf ein Generalseminar und an deſſen Spize einen gelehrten eifrigen Mann von Ansehen, der kein Tiroler sein darf. Der Tiroler Almanach von 1805 bei Degen und der I. und II. Band des Archivs für Süddeutschland bei Doll - sind E. . H. hiebei stets unentbehrlich auf dem Tische. Das Memoire wird von Schell oder Binner halbbrüchig kopirt und bogenweiſe (die Post geht alle Tage) unter abwechselnden Adressen hergeschickt. Ich werde es dann sowohl redigiren als das Fehlende ersehen und die eigenen bestialischen Gedanken höherer Prüfung unterziehen ...." XXIII. Karl v. Eyberg's Vorlage an den Fürsten Georg Metternich 1814, 26. März . (11 Bα . Fol .). § 1-28 handelt von Tirol, 29-31 von Vorarlberg . § 28. " Die Bestätigung der alten Verfassung Tirols sowie der ständischen Privilegien dürfte bei den großen Interessen, die man damit für die Sicherheit der österreichischen Monarchie, für den Durch zugshandel bezweckt und womit man zugleich den Schlüſſel von Italien, Deutschland und des innern Helvetiens sest in den Händen behält, um so minder Bedenklichkeiten erregen und unterliegen, als bei deu
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XXIV. 1814. 27. Mai.
legten Privilegien -Bestätigungsurkunden auch am Schlusse die Klausel beigedruckt war : unbeschadet der landesfürstlichen Rechte. Die ganze Tiroler Nation scheint damit Staat zu machen, daß Se. jest regierende t. t. Majestät von Oesterreich, die schon bei höchſt= dero Regierungsantritt die Verfassung und die Privilegien Tirols allergnädigst bestätigt hatten, bei Tirols Reacquisition derselben die alte mit ihren Freiheiten versehene Verfassung im Wesentlichen wieder huldreichst schenken und dabei nur solche Beisäge eintreten laſſen werden, welche die Zeitumstände und Erfahrung selbst zum Wohl und Glückt des tirolischen Volkes gebieten, und deren einige auch unverkennbar nothwendig sein dürften. " § 31 , Schluß (über die Wichtigkeit Vorarlbergs für Tirol) : "„ Zu wünschen wäre also, daß diese Außenwerke mit Tirol reacquirirt würdeu und dem Ländchen Vorarlberg seine alte Verfassuag mit der von Zeitumständen und Erfahrung nöthig gemachten Abänderung gegeben würde ; auch wäre zu wünschen, wenn doch das Land Salzburg nicht wieder an das durchlauchtigste Haus Oesterreich rückkommen sollte, daß die Enklaven und Bergwerke, welche Salzburg in Tirol hatte, besonders im Zillerthale, mit der Reacquiſition Tirols zugleich reacquirirt und dadurch unendlich viel Territorialstreitigkeiten und Jurisdiktionskonflikten auf immer vorgebeugt würde. "
XXIV. Metternich an Erzherzog Johann.
1814 , 27. Mai , Paris.
Ich danke Eurer kaiserlichen Hoheit ergebenst für den gnädigen legten Brief. Ich werde nicht ermangeln, in der vorliegenden Angelegenheit Höchstdero Wünschen nach Thunlichkeit zu entsprechen. Das große Werk ist in allen seinen Haupttheilen vollbracht. Euer kais. Hoheit sind mehr als Andere berufen, diesem Ereignisse den ganzen Werth beizulegen, welcher ihm gebührt. Die Vorsehung hat vielleicht nie ein Unternehmen auffallender gesegnet, als das gegenwärtig beinahe geendigte. Ich erwarte mit wirklicher Ungeduld den Augenblick, in dem ich Höchstdenselben manche Aufschlüsse werde geben können , welche gewöhnlichen Beobachtern nöthiger Weise entgehen müssen, von einem lebhaften Gefühle und einem durchgreifenden Geiste wie Euer tais. Hoheit sicher geahnt wurden. Höchstdieselben kennen meine persönliche Anhänglichkeit und Verehrung zu gut, um nicht von selber auch ohne erneuerte Versicherung überzeugt zu sein. Metternich.
XXV. 1814. 5. Juli.
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XXV. Hormayr an Erzherzog Johann . 1814 , 5. Juli. Bezieht sich auf die von ihm eingesehenen und mit unmaßgeblichen Bemerkungen versehenen neuesten Bogen (der Denkschr. Erzherz. Johanns über Tirol). . „Mehr anzufügen wäre präſumtiv gewesen ; die Ideen sind herrlich, die Stellung kräftig ; ich möchte den sehen, der über das Land tiefer und richtiger gedacht hätte als Sie, gnädigster Herr ! Vorarlberg sende ich Dienstags ganz vollendet auch bereits ſammt den Tabellen ins Reine geschrieben, ab, daß es gleich überreicht werden kann . Nun stünden nur noch die Ideen zur Verbesserung der ständischen Repräsentation aus . Ich meine unzielseßlich so : a) In den alten Namen so wenig wie möglich ändern ; statt der ausgetretenen aufgehobenen Abteien der Senat der Innsbrucker Universität, seinerzeit die Vorstände der neuen geistlichen Unterrichtsanstalten ; die übrigen Stimmen wachsen dem treuen Bauernstande zu .... b) Die einst bischöflichen Städte Brixen, Bruneck, Klausen , Trient, Riva , die brixnerisch und trientnerischen Landgerichte führen die Stimmen von Briren und Trient, nicht der Landesherr ; die Opposition ist ja keine englische oder hungarische , und doch scheint es mit Recht Untergrabung der Freiheit, daß der Landesfürst zugleich Stand ist und leicht Majora erzwingen kann in der unpopulärſten Sache. Der Bauer und Bürger sind überall Landstand , in Brixen und Trient wie in Alt- Tirol. c) Erinnerung, bei den Deputirten, vorzüglich vom Adelsſtände, in der Wahl die Ehre des Landes durch ausgezeichnete Individuen zu bedenken ; ein Stadler, Pichler, Liechtenthurn ; . . . machten die ganze Repräsentation lächerlich ; ein Eyberg war genug, um den schwachen Reinhard völlig zu ergänzen. d) Die dem Bauernstande zuwachsenden Vota werden follektive geführt, von den am meisten ausgezeichneten Gerichten : Primör, Fleims, Boßen mit Mallgreyen, Meran mit Tirol und Algund, Schlanders , Landeck , Sonnenburg, Kizbühel, Rodeneck, Passeier. e) Alles dieses kann nur auf dem großen Landtage ge= schehen, der auf den 1. Nov. 1814 nach Innsbruck zu berufen wäre. f) Die erloschene Stelle der Freisassen von Goldeck wäre in der Matrikel der Familie Hofers einzuräumen, welcher der Adel ohnehin schon durch Handbillet ddo . Neu -Pölla 10. Mai 1809 zu= gesichert ist.
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XXVI. 1814. 14. Sept.
g) Der Genehmigung der Landesstelle wäre ein Vorschlag der Stände zur möglichsten Vereinfachung und Ersparniß in oeconomicis zu unterlegen, zumal bei der Steuereinhebung . . . “
XXVI. Auszug eines Schreibens v. Hormahr aus Brünn (wahr= scheinlich an den Frh. v. Stahl, seinen Gönner), betreffend den Grafen Reisach. 1814, 14. Sept., Brünn . (Abschrift). „ Das was E. Excellenz am Schlusse Ihrer gefälligen Zuschrift vom 7. ds . über die Grafen Reisach bemerkten, hat auch mir schon längſt ein peinliches Gefühl aufgedrungen. Sie wissen, daß wir hierin, wie in so vielen andern Dingen des Lebens und der Wissenschaften von jeher ganz gleich dachten, und wie ich gedachten Grafen selbst in meinen Berichten an das Polizeiministerium schilderte, die im Grunde gar keine Geheimnisse sondern blos lebendige Gemälde der von Zeit zu Zeit in meinem Vaterlande herrschenden Stimmung gewesen sind. Persönlich habe ich den Grafen Reisach nie gekannt, ja niemals gesehen, aber da ich von 1802-1809 im Departement der auswärtigen Geschäfte, oft mit Hofrath Rademacher getheilt, meiſt aber allein, das Portefeuille der schweizerischen und deutschen Angelegenheiten, vorzüglich des Münchner Hofes führte, machte mich ein bedeutender Zufall aufmerksam auf diesen Mann, damals noch Landrichter zu Hipoldsstein. Eben jener Zufall trug gar nichts bei, unsere Charaktere einander zu nähern . Ich gewahrte nämlich gleich, daß eine höchst unglückliche Ehe, ruinöse Wuchergeschäfte und ein grenzenloser Leichtsinn den Grafen Reisach des edelsten Kleinodes eines selbständigen Mannes, der Freiheit und Unbefangenheit als Privaten und Geschäftsmann, beraubt hätten. Sie wissen, mein hochverehrter Freund, wie streng und fest ich meinerseits immer auf dieses Kleinod gehalten, und daß mein diesfälliges Bewußtsein, verbunden mit dem Selbstgefühl der Ueberlegenheit über meine Feinde mich endlich denselben unterliegen gemacht habe . Ich werde dereinst aus dem österreichischen Dienst wohl nichts mit mir nehmen, als diesen erlaubten und gegründeten Stolz und das Andenken an Manches, was ich für diesen Staat durch Schrift, That und Opfer gewirkt habe und was zuleht auf solche Art belohnt worden ist. Sie können sich leicht vorstellen, daß in dem halben Jahre, welches dem Kriegsausbruche vorausging, die Generalkommiſſärs der an Tirol und Vorarlberg gränzenden Kreise der Gegenstand meiner Beobachtungen gewesen sind.
XXVI. 1814. 14. Sept.
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Als ich jene mühe- und gefahrvolle Mission nach Tirol übernahm, wo ich mich gar bald in der allergrößten Vergessenheit und Verlassenheit sah, war Reisach Generalkommissär des Lechkreises, bald darauf Hofkommissär der zur Unterwerfung Vorarlbergs bestimmten Truppenkorps, endlich statt des verhaßten und ebenso ve= nalen Merz Generalkommiſſär des Iller - Kreises zu Kempten. So wenig er jemals Ansprüche auf meine Achtung hatte, kann man ihm dennoch das Zeugniß nicht versagen, daß er der deutschen Sache von jeher selbst, wo er Mühe und Gefahr, geschweige denn den mindesten Nußen davon hatte, jederzeit treu ergeben war. Ich erfuhr dieses bei der Befreiung so vieler österreichischer Kriegsgefangener, zu welcher er connivirte, in der Lähmung mancher Anstalten gegen Vorarlberg, in der Ignorirung so vieler Dinge, welche die Opfer jenes Krieges vermehrt haben würden. Auch nach der Unterwerfung Vorarlbergs verfuhr er, während sich andere geschäftig zu Denunciationen und Henkersdiensten herandrängten, mit einer Schonung, die ihn jenem braven Ländchen für immer unvergeßlich macht. Appellationsrath Schneider verdankt ihm das Leben. Dieser ― Dienst wurde Reisach (jedoch erst später) mit 6000 fl. bezahlt . Mit Desterreich stand er niemals in Connexion, bewies überhaupt auch später die unſelige Halbheit, mehr als genug zu thun, um den Argwohn seines Gouvernements aufzuregen, und doch viel zu wenig, um von der Gegenpartei volles Vertrauen und unbeschränkten Dank zu ernten. In jener unvergeßlichen Epoche , wo die Vernichtung der französischen Heere in Rußland alle Gemüther zu frischer Hoffnung und zu männlichen Entschlüssen weckten, in welcher unsere Geschichte ihren Ursprung nahm, war Graf Reisach freilich eine nicht zu umgehende Person, sowohl um eine nene Rekrutirung so viel möglich hinterstellig zu machen, als auch so manche nöthige Verbindung und Vorbereitung, das Einschwärzen von Pulver und Gewehren aus der Schweiz und manche sonstige bedeutende Relation in den Bergen und Thälern der Eidgenossen, dem Münchner Ministerium ganz zu verheimlichen, oder als unbedeutend und als das Werk eigennüßiger Angeber darzustellen. So wenig ich 1809 beim Entwurfe bei der Vorbereitung und bis zum Momente der Ausführung der Tiroler Insurrection jemals eine Zeile von mir gab, so wenig geschah dieses in den ersten Monaten des Jahres 1813. Es ist schlechterdings unmöglich, daß unter Reisachs Papieren sich das Mindeste hierauf Bezug habende vorgefunden habe. Selbst unter jenen begeisternden Aussichten blieb er ewig immer voll Bedenken und Muthlosigkeit, obgleich die ihm zugedachte Rolle durchaus nicht compromittirend, sondern blos negativ war, nicht im Handeln und
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XXVI. 1814. 14. Sept.
Wagen bestand (als wozu er offenbar nicht der Mann war) sondern im Paralysiren, Conniviren und Verheimlichen. Alle Communication mit ihm geschah blos mündlich , durch vertraute Boten. Beunruhigt über den eigentlichen Plan , Gang und Umfang der Sache, sowie über den Lohn, welcher ihm zutheil werden dürfte, sendete er im Jänner 1813 , ohne solches im mindeſten vorher zu aviſiren, ſeinen Bruder nach Wien, ein unbesonnener Schritt, der nothwendig in Wien und in München Aufsehen erregen mußte. Der Bruder war kaum wieder zurückgereist, als seine Schwägerin, eine junge Gräfin Salis - Soglio mit der Nachricht von Reisachs Entlassung ankam, mit dem Beiſaße, daß seiner Perſon Gefahr drohe ; die Ausraubung jenes englischen Couriers bei Weißkirchen in Mähren und die über den ganzen Plan entscheidende Nacht des 7. März 1813 folgten allzu rasch auf einander, als daß ich noch die Nachricht von seiner Flucht hätte erhalten können. Erst neuerlich hat er mir wieder geschrieben, und ich bekenne, daß ich mich noch bis zur Stunde zu keiner Antwort habe entschließen können. Nicht als ob Glück oder Unglück mein Urtheil über ihn, meine Gesinnungen für die deutsche und für des Vaterlandes Sache verändert hätten, aber die Dinge, die jezt von seinen Feinden wider ihn hervorkommen , wenn sie auch größtentheils übertrieben wurden, sind von einer Natur, daß ich mit ihm nichts zu schaffen haben will, weil, wer sich unter die Kleien mengt, von den Säuen gefressen wird. Schneider ist in einem ganz andern Falle. Sein Leben stand in Reisachs Hand ; er hat gegen ihn große Verpflichtungen und war enge mit ihm verbunden. Wäre ich Reisach Dankbarkeit schuldig, so würde ich selbst jezt nicht von ihm weichen. So aber denke ich, daß er gut genug war, zu einem Werkzeug für eine große und edle Sache, aber niemals gut genug zu meinem Freunde. Man holt sich die Perle gern auch aus einer schmuzigen Muschel. Mich konnte er durch nichts in der Welt compromittiren . Ich aber halte ihn seit 1809 unbedingt in meiner Hand. Abspringen konnte er nicht mehr, die Thür war hinter ihm geschlossen. Euer Excellenz werden daraus ersehen, daß unsere Meinung auch hierinfalls von jeher zusammentraf. “
XXVII. 1814. 21. Oft.
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XXVII. Notus (Giovanelli) an Erzh . Johann .
1814, 21. Okt., Boßen.
Nach meiner ziemlich beschwerlichen Reise bin ich am 17. ds . glücklich hier angekommen. Außer einer sehr strengen Durchsuchung und Prüfung meiner Papiere an der tirolisch-österreichischen Grenze, welche ich des H. v . Roschmanns freundschaftlicher Aufmerksamkeit zu verdanken habe, fand ich während meiner ganzen Reise nicht den geringsten Anstand . - Zum Unglück für den Mautner, welcher sonst, wenn er etwas gefunden hätte, reichlich belohnt worden wäre, führte Daß Herr ich nichts mit mir als Obligationen, Quittungen 2c. v. Roschmann jene Patrioten, welche sich gleich ihm durch Spionniren, Anzeigenmachen 2c. Verdienſte um den Staat erworben, auszuzeichnen wisse, davon hat er erst neulich dadurch den Beweis gegeben, daß er einen gewissen Gil aus Brixen, den er als Kundschafter auf den Kongreß nach Mauls schickte, zwei Tage nach erhaltener Auskunft beim Zollamte zu Kollmann anstellte, was Gigl, der sich übrigens brav und vor dem Feinde tapfer benommen haben soll, sonst durch alle seine Verdienste schwerlich erreicht haben dürfte. Es war Roschmanns Gesinnung , den Kongreß von Mauls förmlich aufheben zu lassen, wozu ihm aber das Militär die Assistenz versagte, deswegen er sich damit begnügen mußte, die Verhandlungen soviel wie möglich auszukundschaften, was ihm auch nicht vollkommen gelungen ist. Es wäre sehr wichtig zu erfahren, was mit jener Bittschrift, welche bei dieser Gelegenheit unterzeichnet und durch E. k. Hoheit ins Kabinet befördert wurde, geschehen, und wie selbe aufgenommen worden ist. Sollten E. t. Hoheit Gelegenheit haben, etwas hierüber zu vernehmen, so bitte ich gehorsamst, mich hierüber auf vertrautem Wege in Kenntniß sehen zu laſſen. Bei meiner Anwesenheit in Innsbruck nahm ich beim Landeschef eine allergnädigste Audienz, in welcher er nebst vielen zärtlichen Vorwürfen über mein hinterlistiges Benehmen und vielen Freundschaftsversicherungen mir den Trost gab, daß er auf keinen Fall nach vollendeter Organisation in Tirol bleiben und unter keiner Bedingung in Wien in Tiroler Geschäften einen Strich mehr arbeiten würde. Uebrigens habe er wie er mich hoch und theuer versicherte, Alles zum Besten seines Vaterlandes gethan und erst unlängst bei der in Bösenbeug (Persenbeug) erhaltenen Audienz Sr. Majeſtät faſt fußfällig gebeten, daß doch E. kais. Hoheit nach Tirol allergnädigst bestimmt werden wollen. In Innsbruck ist die Unzufriedenheit mit Roschmanns Re-
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XXVIII. 1814. 10. Nov.
gierung noch viel größer als hier ; es scheint daher, daß er im evangelischen Sinne alles Gute, wovon er spricht, ganz im Stillen wirke, weil Niemand etwas davon verspürt . Die Stimmung habe ich im ganzen Lande vortrefflich gefunden. Man tröstet sich mit der Hoffnung einer bessern Zukunft. Sollten E. f . Hoheit hierüber etwas Näheres erfahren, so bitte ich mich davon zum Troste aller Gutgesinnten ehemöglichst verſtändigen zu laſſen. Nebst vielen andern Gründen der Unzufriedenheit hat der ganze Klerus auch vorzüglich noch diesen, daß R. die Organisirung der deutschen Schulen dem Hubel und jene der zu errichtenden Univerſität dem Bertoldi übertragen hat. Ueberhaupt hat er bei Besegung aller Stellen eine besondere Geschicklichkeit, allezeit die Nichtswürdigsten und Unfähigsten herauszufinden . . .
XXVIII . Giovanelli an Erzh. Johann.
1814, 10. Nov. , Bogen .
Ich nehme mir die Freiheit, Euer kaiserl. Hoheit in der Anlage ein Projekt für die sehr wichtige Diözesaneintheilung von Tirol zu unterlegen, welches mir mit dem Auftrage überschickt wurde, daß ich es zur höchsten Kenntniß E. t. Hoheit bringen soll. Finden Höchst= dieselben die darin entwickelten Ideen einer besondern Aufmerksamkeit und Berücksichtigung würdig, so kann es unmöglich an Mitteln und Wegen fehlen, sie bei der nun bald erfolgenden Organisirung der Provinz zu realisiren. Unser provisorischer Zustand ist noch immer derselbe. Auf allen Seiten wird gepreßt und gedrückt, keine Klage gehört, keine Bitte berücksichtigt und keine Forderung befriedigt . Diese Art von Verfahren nannte man früher plündern oder schinden, doch heutzutage unter der baierischen und italienischen wie unter der Roschmannischen Oberherrschaft heißt das regieren. - Ist denn noch immer keine Hoffnung, daß unsere Verfaſſung, unsere Stände bald restituirt werden ? Es wäre von der höchsten Wichtigkeit, daß bei der definitiven Organisirung die gerechten Wünsche, Bitten und Gesinnungen der Nation durch ein legales Organ zur allerhöchsten Kenntniß Sr. Maj. gebracht werden könnten ; wie ist aber dies vor der Wiederherstellung eines repräsentativen Körpers möglich ? Roschmann soll, wie ich höre, in seinen Organiſationsvorschlägen der Verfassung noch mit keiner Silbe erwähnt haben. Sehr natürlich ! Es ist ja viel bequemer, zu schalten und zu walten, wenn keine Klage und keine Beschwerde laut werden, wenn keine Vorstellung an den Thron des Monarchen gelangen, wenn die bloße Willkür gehalten und das, was geschieht, keiner Kontrolle unterworfen werden kann.
XXVIII. 1814. 10. Nov.
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Die Verwirrung, in welcher wir uns befinden, ist unbeschreiblich und steigt natürlicher Weise mit jedem Tage. Oft weiß keiner von allen unsern Gewalthabern, nach welchen Grundsäßen verfahren werden soll : es wird daher im Allgemeinen dem provisorischen Kreiskommissariate von der Hofkommiſſion der Auftrag ertheilt, es soll nach den in Desterreich bestehenden Normalien entscheiden . Auf die hierauf sehr natürlich erfolgte Anfrage, was denn in Oesterreich vorgeschrieben sei ? erwiedert die Hofkommission, nachdem man die österreichischen Vorschriften nicht bei Handen habe, so wäre sich wieder einstweilen an die früheren bairischen Vorschriften zu halten. Bei einer solchen Procedur ist man stets mit sich im Widerspruche ; auch wird sehr oft weil man nicht weiß, was man sagen soll - gar nichts gesagt, und die Geschäfte bleiben unerledigt, mit Ausnahme des Steuereintreibens , welches seinen verderblichen Gang fortgeht, wie unter Baiern und Italien. Das Schulwesen in Tirol, dessen Organisirung um so wichtiger ist, weil unter den frühern Regierungen alles in Verfall ge= rieth und weil davon das Wohl und Weh unserer künftigen Generation wesentlich abhängt , ist wie alle übrigen Zweige der öffentlichen Verwaltung noch immer in der größten Unordnung . Heuer wird auf dem Lyceum zu Innsbruck und in dem Gymnasium halb nach öfterreichischen, halb nach bairischen Grundsägen gelehrt, und da auf wiederholtes Befragen keine bestimmte Weisung zu erhalten war, that jeder Professor was er will, nach seinem besten Wiſſen und Gewiſſen. Wenn wir einmal wieder eine ständische Kaſſe hätten, so würde das Wiederaufleben der Universität (deren sich Euer k. Hoheit als rector perpetuus vorzüglich annehmen müssen) keiner Schwierigkeit unterliegen, indem wir uns dann sehr leicht zur Bestreitung alles dessen herbeilassen könnten, was der bestehende Fond nicht abwirft. - Ich nehme mir die gehorsamste Freiheit, den Herrn Appellationsrath v. Peer, einen unserer rechtschaffensten und instruirtesten Männer, der sich gegenwärtig in Wien befindet, ganz vorzüglich der höchsten Huld und Gnade Eurer kaiserlichen Hoheit zu empfehlen : Von ihm können Höchstdieselben über die bedrängte Lage unseres Vaterlandes und vorzüglich des bairischen Antheiles wahre und detaillirte Aufschlüsse erhalten. Ich hoffe, dieser Mann wird ganz vorzüglich, so weit seine Sphäre reicht, zum Besten des Vaterlandes mitwirken . Ich habe mir bereits in Wien die unterthänigste Freiheit genommen, Euerer k. Hoheit meinen Freund Rapp vorzustellen, und ihn, wie er es in vollem Maße verdient, Eurer k. Hoheit zu em pfehlen. Er soll nun im Vorschlage sein, als Kammerprokurator nach Innsbruck zu kommen, wenn das Fiskalamt dort organisirt wird. Roschmann ist aber ganz gegen ihn aus keinem andern Grunde,
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XXIX. 1814. Notizen.
als weil er mein Freund ist. - Wollten E. t. H. die hohe Gnade haben, ihn nach Verdienst dem Grafen Lažansky zu empfehlen, oder auch sonst mit Höchstdero viel vermögenden Protektion zu unterſtüßen, ſo würde er gewiß diesen Dienstesposten erhalten, für welchen wir verläßlich im ganzen Lande kein würdigeres und geschickteres Subjekt aufweisen können . Ich wage es, E. k. Hoheit um diesen neuen Beweis höchster Huld und Gnade gehorsamst zu bitten. P. S. Soeben vernehme ich, daß die Ober - Innthaler eine kräftige an Se. Majeſtät gerichtete Bittſchrift Herrn v. Roſchmann zur Einbegleitung übergaben, daß er aber davon keinen Gebrauch machte, sondern vielmehr seine hohe Ungnade auf die Unterschriebenen warf, weil die erste Bitte darin bestand, Se. Majestät möchten Euer f. H. ins Land schicken . “ XXIX . „Gedrängte Uebersicht der im südlichen Tirol seit dem Einrücken der f . f. ö . Truppen stattgefundenen Ereignisse in militärischer und provisorisch - adminiſtrativer Hinsicht mit Berücksichtigung auf unsere Lage seit dem Eintritte der baier. Regierung und Uebergabe des südlichen Tirols an Italien " ( 9 Bα . kl . 4º) o . Datum u. Unterschrift. ( 1814). (Der Erzh. bemerkt auf Bogen 180. . . „ Von der Stadt Bozen erhielt ich beiliegenden kurzgefaßten Aufſag “ ) . . . . " Man kann aber nicht bergen, daß die Erwartungen, mit welchen der Anblick der österreichischen Fahnen unsere Herzen erfüllte, nicht eingetroffen seien. Keine Proklamazion, kein Aufruf ging voraus - es war kein Tirol mehr vorhanden, es war natürlich ein zerstückeltes Land ohne Namen ein erobertes Land. Aber dieses Land oder wir Etschländer sammt dem übrigen Tirol haben nicht vergessen den Aufruf vom Jahre 1809 , nicht vergeffen, daß man uns unsere Landesverfassung, unsere wohl erworbenen Rechte und Freiheiten zugesichert hatte, nicht vergessen, daß man uns das Schild und das Herz Desterreichs nannte. Wir haben nicht vergeſſen, was uns der allgeliebte Erzh. Johann sagte und ebenso er= innerlich ist uns das allerhöchste Handschreiben unseres gnädigsten Kaisers ddo . Schärding 18. April 1809 , in welchem er uns seine Kinder nennt und uns unter die getreuesten Bewohner des österreichischen Staates zählt. Mit unauslöschlichen Buchstaben ſind nicht minder gegraben in unsere Herzen die Worte des Kaisers vom 29. Mai 1809 aus Wolkersdorf in seinem Handschreiben an den Erzh. Johann,
XXIX. 1814.
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den er uns nach der glücklichen Schlacht bei Aspern zum Anführer und zum Schuß bestimmte" (Analyse der bisherigen Ergebnisse des österreichischen Provisoriums). " Die einzige Erleichterung bestand in der durch den Abgang der Finanz-Soldaten faktisch gewordenen Aufhebung der Consum- Zölle, welche jedoch später um so drückender eingeführt wurden. " Erst im November habe man den bairischen Zolltarif v. 1776 herausgeschlagen, obschon man das gänzliche Versiegen des Zollgefälles nachwies . ,,Die bisherigen Finanz - Verordnungen v. 27. und 31. Dez. 1813, Justizdekrete v. 15. Dez. 1813 , 23. Jänner und 17. April 1814, polit. Organisation v. 1. März 1814, alle diese Verordnungen sind von den obigen Tagen datirt, aber jede um 1-2 Monate später bekannt gemacht worden. “ „Wenn wir lediglich als erobertes Volk betrachtet werden, so müssen wir allerdings erkennen , daß in Folge obiger Verordnungen wir keine Conscription, keinen Salz- und Tabaks -Appalto und eine Verminderung der direkten Abgaben von 11 zu 6 haben. " (Große Leistungen Bogens : 10.000 Mann bis Ende Februar verpflegt. Durchzüge, Erhaltung des Spitals, das sammt der Konkurrenz mindestens 300.000 fl. kostete, und woselbst bis Ende Februar 42.750 Krieger gut verpflegt wurden .) „ Code Napoleon der gehässige und das noch gehässigere französische Gerichtsverfahren besteht noch, Stempel nur um 4 vermindert, Register- Tagen nur unbedeutend herabgesezt . Der Etschländer glaubt sich auch würdig der Vortheile, die dem illyrischen Tiroler durch die provisorische Justizverfassung vom 26. März zu Theil wurde . . . Weh thut es uns aber, daß wir lediglich von italienischen Tirolern beherrscht werden “ . . . (Bozen's Rolle f. 1809. Berechtigung Boßens zur Huldigung, welche ihr durch den Befehl des Kaisers verwehrt ist. Das werde wohl nur für den Oktober ( 1813 ) - als Schlachtenmonat berechnet gewesen sein) . „Wenn aber die ansehnlichste und abwechselnd erste stimmführende Stadt der ehemaligen ständischen Repräsentation dem Monarchen zu huldigen begehrt und nebenbei ihre Bitten um Wiedererlangung des Alten vorbringen will : so war und ist es nicht der Wille des väterlichen Monarchen, dieselben nicht anzuhören, denn dieser erwartet nicht, wie es die Weisung der provisorischen Regierung zu verstehen gibt und so wie es unter Napoleon Sitte war, den Auftrag der Behörden, um Gefühle auszudrücken, welche nicht die Furcht und ein Gebot, sondern lediglich die Liebe und Anhänglichkeit hervorbringt, umſomehr, als dieser Antheil Tirols ohne die Vereinigung mit dem Bairischen 19 Krones , Tirol 1812-1816 .
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XXX. 1814.
fein Land genannt werden kann, und es folglich sogar die Schicklichfeit gebietet, daß die einzige teutsche Stadt und Gegend desselben Antheils in diesem Augenblicke für sich allein ihrem teutschen Herrn und Kaiser huldige. "
XXX. Undatirter Bericht aus Tirol (wahrscheinlich v. Dr. Franz Plattner in Bozen) 1814, Herbst, (an Binner) ohne Namen , mit Randbemerkungen des Erzherzogs . „Podestà Kager soll von Roschmann als Deputirter ernannt sein. " (Randbem.: „Kager ein guter , redlicher , aber furchtsamer Mann. ") „Kager war in Innsbruck, wo Dobrowa wie Dordi Referent ist. Dieser ist wenigstens ein ehrlicher Mann , aber auch eine diſtinguirte, folglich nach der Pfeife tanzende Person und hat nicht ermangelt, den Kager für Roschmann einzunehmen “ ... (Randbem.: „ Dobrowa war, so weit ich ihn kenne, ein braver Mann.") „ Nun gebe ich Ihnen eine gedrängte Uebersicht von Allem, was in Innsbruck vorgeht, in der Voraussetzung, daß Ihnen noch nicht Alles bekannt sein wird. Als Roschmann den bairischen Antheil übernommen hatte, ging es über das Kreiskommissariat. Peez, der ein wahrer Ehrenmann ist, und woran das Land seiner Zeit nicht übel fahren wird, wurde provisorischer Kreisdirektor. Serntheim, der ehemalige k. Rath in Brixen erster, Laicharting zweiter , Gummer dritter Kreisrath ; Dobrowa Referent, der gegenwärtig viel vermag. Beim Appellationsgericht außer dem Abzug des bairischen Präsidenten Welden und Direktor Werner wurde wegen noch nicht erfolgter Ankunft des Hofrathes Purtscher nichts verändert und Dipauli als erster Rath dirigirt ; er steht aber nicht in Gnaden und ist zu erwarten, was mit ihm geschieht. Die ins Land zurückgekehrten Tiroler, worunter Welsperg, Peer zc . sind noch immer in Innsbruck ohne Beschäftigung, ohne funktioniren zu dürfen. Sie sind alle nach der Convention vom 10. Juni ( 1814) hereindetachirt worden, ihr Anstellungsdekret ist aber aus einem bairischen Ministerialfalso vom 30. Mai dekretirt. Diese Transplantirten nennt man in Innsbruck die „ Maikäfer, " die im Mai entstehen und im Juni in die Erde sich verkriechen . Ueber ihr Schicksal ist von Wien noch keine Entscheidung eingetroffen, nämlich ob sie übernommen werden oder nicht. Uebrigens sinkt auch in Innsbruck der Muth und der Jubel ; man stußt, daß Dordi als Wälscher das Factotum ist, man ist unzufrieden, daß Reinhard
XXX. 1814
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uud der Prälat von Wilien als bekannte Patres Patriæ außer einer Mittags - Einladung zu keinen Konferenzen beigezogen und über nichts gehört wurden, und desgleichen mehr. Quid dicis ? So behalten sich die Sachen, und woher eine nahe Aussicht zum Bessern, umsomehr, als auch der bairische Antheil sich wie wir eines Provisoriums zu erfreuen hat. " (Randbem.: „Liechtenthurn und Serntheim hätten den Ruf äußerst beschränkter Köpfe, also mit ihnen Alles zu machen. Dipauli schwach und furchtsam, aber seiner Kenntnisse wegen. nothwendig zu brauchen, sonst ehrlich . Peer das Beste, was das Land bekommen kann, ein ausgezeichneter Mann rücksichtlich des Charakters und der Kenntnisse. Welsperg hat sich zu sehr kompromittirt, um in Tirol mit Vortheil je angestellt werden zu können . Dordi hat alle Stimmen gegen sich. Der Wiltener Prälat war einer der Besten, redlich und gerade, sehr brauchbar bei der Landschaft. Reinhard , einst Generalreferent, leistete mir gute Dienste, schon alt und abgelebt, allein tadellos seines Charakters wegen") . „R(oschmann ) ging am 4. in Begleitung Direktors Peez nach Vorarlberg und kam am 10. Abends über Vintschgau hieher. Beez ging gleich nach Innsbruck zurück“ (Randbem. des Erzerzogs : Peez ist ein Baier, sonst redlich, überall, nur nicht in Tirol brauchbar. Roschmann gab ihm eine der ersten Stellen, was das Volk sehr tadelte. “ ) — „ und R(oſchmann) nachdem er sich eine halbe Stunde aufgehalten, ging nach Calliano nicht nur allein seine Frau, sondern auch die ganze Roner'sche Familie abzuholen, mit der er vorgestern hierdurch nach Innsbruck reiste . Unser Mondschein-Wirth übernahm die Lieferung der ganzen Bagage von Calliano nach Innsbruck und Hall um 5 fl. 30 kr. für den Zentner ; alles übrige wird in Calliano verkauft, sogar die Häuser und Güter, und Alles übersiedelt nach Daraus wollen Manche schließen, daß auch Roschmanns) Wien. Aufenthalt in Innsbruck von keiner langen Dauer sein wird, und er, nachdem er die Deputation nach Wien geführt und vorgestellt haben wird, wohin er den Auftrag hat, auch nicht mehr zurückkehren werde. Hier geht es im Alten fort, die Verpflegung der Truppen hat zwar aufgehört, aber den Gefangenen, die zurückkommen, muß man doch zu essen geben. Die Vorspann ist drückender als jemals wegen neuen Magazinsvorräthen, und das Zahlen geht in einem fort, so daß bis Ende 1814 die Steuertermin-Concurrenz nämlich Communal und Prädial auf 46 netto sich belaufen , die seit dem Oft. 1813 , ohne die Kapitaliensteuer und Vermögenssteuer einzurechnen, die Boßen leisten mußte, eingetrieben wurden und eingetrieben werden, 19*
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XXXI. 1815, 17. Jan.
dergestalt, daß, wenn man drei Termine auf den Steuerknecht und die Gemeinde Boßen zu 150 Steuerknechten, wie ganz richtig, ansezet, wir nun den 10. Theil unseres Steuerkapitals in 15 Monaten seit der Ankunft der Oesterreicher geopfert haben, und doch haben wir im Vergleich anderer Provinzen für Oesterreich nichts gethan. Benüßen Sie dieſes argumentum ad hominem - es muß auch gewiß auffallen. Auch das Spital, wenn schon gering, ist noch vorhanden, und das Militär zahlt nicht, und leztlich muß ich Ihnen noch bemerken, daß, wie Sie wissen, hierunter kein Stempel, kein Register und kein Umgeld begriffen ist, und von allen übrigen Aerarialgefällen auch nichts. Wenn nur nicht die definitive Organisirung bis nach dem Wiener Congresse verschoben wird, denn ich fürchte leider, daß es noch lange dauern mag, besonders in finanzieller Hinsicht, da für Süd -Desterreich das Budget bereits auf das ganze Jahr 1814 entworfen ist. Von Erzh. Johann erzählt man, er sei bei dem Dechant zu St. Johann auf einen Besuch bereits angesagt, denn er begleite den Erzh. Ferdinand bis Mantua , bereiſe dann als Genie- Direktor die italienischen Festungen. Wenn dies wäre, würden wir ihn zu Gesicht bekommen. Wie steht es mit seinem Gouvernement in Tirol ? Müssen wir bis zur Ankunft des Kaisers exorcisirt werden. Valeas et me ama.“ XXXI.
Hormayr an Erzherzog Johann.
1815 , 17. Januar, Brünn
„ Der hiesige Gubernialrath, Graf Ugarte, der lang im Hauptquartier und um Baldacci war, darauf von Paris über Lyon, Genua, Turin, Mailand und Verona zurückkam, berichtete mir unlängst im Gespräche das ganze Roschmannisch - Baldaccische Glaubensbekenntniß über Tirol und war sehr verwundert, diese Meinung, welche ihm Roschmann bei seiner Durchreise durch Innsbruck ganz besonders eingeprägt hatte, widerlegt zu sehen. Der erlittene Druck, die mehrmalige Besißveränderung, die Inſurrektion von 1809 hätten die Tiroler leider aus den Fugen aller bürgerlichen Ordnung und Gehorsams herausgerissen, den Nationalcharakter verdorben, sie unruhig, anmaßend, mit nichts zufrieden gemacht. Es gährten dort republikanische Ideen, angefacht durch die langen innern Zwiste in der nahen Schweiz . Festigkeit und Strenge allein können dem Uebel steuern . Es wäre gar nicht gut, zu viele Eingeborne anzustellen, ja es sei vielmehr Bedürfniß, die vorzüglichsten Pläge durchaus mit Beamten aus andern Provinzen zu beseßen, auf die Tiroler könne
XXXII . 1815. 17. Jän.
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man sich nie ganz verlassen . Selbst jezt hindere nur Armuth und Unvermögenheit die Bauern, nach ihrem bösen Vorsaße sich aller Zahlungs- und Bürgerpflicht gewaltsam zu entziehen. Nur diese allein könne den Stolz niederhalten und das unsinnige Pochen auf die prahlerisch vergrößerten Opfer und Verdienste von 1809. Unter diesen Umständen wäre wohl das Zweckwidrigste gewesen , einen Erzherzog herzuschicken, der das Interesse des Landes gegen das Interesse des Staates genommen haben würde, um sich aparten Kredit und Popularität zu erwerben. Es sei ein wahres Glück, daß Tirol auf diese Weise wieder gewonnen wurde, denn wäre dies, wie 1809, durch das Volk selbst geschehen und vollends gar mit einem Erzherzog an der Spize, so hätte kein Teufel mehr die Tiroler im Zaum halten können. " XXXII. Hormayr an Erzherzog Johann.
1815 , 17. Jänner, Brünn.
„Von einer Audienz schreibt mir Schneider (der zwar nach seinen, manchmal etwas egoistischen Ansichten, das Günstige gerne verheimlicht oder verkleinert, um es desto gewisser ausschließend zu genießen) der Kaiser habe ihn sehr freundlich aufgenommen und gesagt : das Vergangene sei vergeben und vergessen, er solle nur fünftighin der Regierung nicht mehr vorgreifen. Schneider erwiderte : dieses sei unsere Absicht auch damals nicht gewesen . Wir hätten aus zu vielen Gründen die Zuversicht genährt, man würde diese frühere, durch so viele Motive gebotene Befreiung unseres Vaterlandes zwar nicht begünstigen, aber auch nicht hindern, vorzüglich, da im entgegengesezten Falle ein einziger vertraulicher Wink Alles beschwich tigt haben würde. Schneider habe dieses um so mehr glauben müssen, da Roschmann seine Kreisamtsdruckerei, seine Pässe einem fremden Agenten förmlich feilgeboten habe und mit den Dekreten des braven Haager den unwürdigsten Spott trieb. Der Kaiser antwortete : Er sei von allem diesem unterrichtet, - wohin denn jezt Schneiders Wünsche giengen ? Nach Vorarlberg, antwortete dieser, mußte aber hören, dieses sei vorderhand nicht möglich. Der Factionsgeist tobe dort noch allzusehr. Ein ehemaliger Vorderösterreicher sei dahin bestimmt, der als Fremder nicht so viele Collisionen zu bekämpfen habe. Ich weiß nicht, inwieferne dieses damit übereinstimmt, was Schneider E. k . Hoheit relationirt haben mag, allein mir scheinen daraus unmaßgeblich fol= gende Corollare hervorzugehen . Der Kaiser selbst grollt über Roschmann und wird ihn fallen lassen, hiebei influirt von mehreren Ministern, denen seine dummen Streiche, seine Violenz, sein lebermuth längst
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XXXIII. 1815. 19. Febr.
zum Aerger war, und die das Gefährliche der jeßigen Gährung unter den Völkern , das mächtige Emporstreben constitutioneller Formen und des dritten Standes merken, wovon E. k. Hoheit schon im Winter 1812-1813 fo prophetisch gesprochen haben. . . ." XXXIII . Hormayr an Erzherzog Johann. 1815 , 19. Febr. (Ueber die Lage Tirols und die Mißgriffe Roschmanns).
Brünn .
"‚ Der lezte Mißwachs und Roschmanns echt Geßler'ſche Exekutionen brachten schon so viele Familien in Oberinnthal und Obervintſchgau an den Bettelstab ! Bei dem herrschenden Getreidemangel sezte der Asinus (Roschmann) zur Erhöhung des Gefälls noch auf das hereingehende bairische Korn einen Conſumzoll von 30 kr. per Scheffel. Sogleich schlug die bairische Maut zu Mittewald 34 kr. als Eſſito, also zusammen 1 fl. 4 kr. darauf !! O Pharisäer, Zöllner und Publikum im heiligen Evangelium ! Der Blutigel Dordi, Roschmanns Intimus 1794 bei der Jakobinergeschichte von den Bognern der tirolische Brina genannt, zeigt keine Lust, von Mailand zurückzukommen ... Mit der Steuereintreibung geht es noch ziemlich schlecht, troz Drohungen und guter Worte, daß die Rentmeister auf gut bonapartisch Procente beziehen und die Gemeindeanwälte selbst drängen und treiben, da sie, dem vaterländischen Interesse vielfältig fremd, als Habenichts von den bairischen Obrigkeiten hiezu eigens ausgesucht und zum Lohne fast niemals um eine Communalrechnung angegangen wurden. Selbst in die heilige Justiz schlichen sich allerlei Wühlereien ein. Der sonst rechtliche Purtscher beließ auf gut galizisch dem Tarbeamten an seinem Provisorium 10 Percente des reinen Ertrags neben dem Gehalte. Von einem Rekurs gegen allfällige Uebervortheilung ist keine Rede, troz jener großen Versuchung ! Die Patrioten bedauern sehr, daß dieser redliche Mann seine Laufbahn nicht im Vaterlande gemacht hat, sondern in dem mit hohem Recht verrufenen Polen, und daß er sich aus Mangel an Personalkenntniß einigen Appellationsräthen preisgibt, die 1809 eine ganz abscheuliche Rolle gespielt und dadurch verdient haben, zwischen zwei Stühlen niederzusigen, weil sie Gott und dem Mammon zugleich dienen wollten. Dagegen rühmt man sehr die Auszeichnung der treu gebliebenen Anhänger Oesterreichs beim Salinare ( Salzgefälle) durch den Hofkommiſſär Vernier, obgleich die Tiroler es ihm nicht recht verzeihen wollen, daß er nach dem Beispiele so vieler Anderer 1809 alles Aerarische gar so ge= wissenhaft dem Feinde übergeben haben soll. Wie alle Andern hat auch er in seiner Instruktion den lieu commun, den größtmöglichsten Ertrag, herauszuschlagen. Man fürchtet nur, es möchte dieses zum
XXXIV. 1815. 26. Juni.
XXXV. 1815.
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Nachtheil des Viehstandes und der Lacticinien, wohl auch des armen Taglöhners und Fuhrmannes geschehen, und die so wichtige Abnahme der Schweiz nach Baiern oder Frankreich gewendet werden . Kenner zu Hall schütteln die Köpfe über die Aeußerungen , daß die Waldungen stärker hergenommen und ein Neuſchurf als Hoffnungsbau geführt werden solle, ohne den alten Berg rasten zu lassen. Doch von all derlei technischen Dingen rede ich wie der Blinde von der Farbe. E. f. Hoheit werden schon das Wahre herausfinden. "
XXXIV . Liechtenthurn an Erzherzog Johann.
1815 , 26. Juni, Wien .
„Euer f. Hoheit wird schon bekannt sein, daß die allerhöchsten Entschließungen sowohl über die Landesverfassung als über die Juſtizverwaltung in Tirol noch ausstehen. Roschmann hat bei seiner Rückkunft höchst wahrscheinlich darauf Einfluß genommen. Se. Maj. haben ihn zu seiner großen Auszeichnung mit dem goldenen Kreuz geziert, folglich sein Benehmen in Tirol öffentlich genehmigt, wodurch das Land, wie man schreibt, in seinen Hoffnungen für die Zukunft ganz niedergemacht (sic) ist. Am schwersten ist der Herr Gouverneur Graf Bissingen daran, der nur einen und einen halben Rath, nämlich Röggle und den noch tauben Laicharting zur Hilfe hat. Terailza und Glocksperg mögen Männer von vielen Kenntniſſen ſein ; Tirol und dessen Eigenheiten kennen zu lernen, wird eine längere Zeit erfordert. Der Protomedicus Lößbacher wird seinem Fache nicht vorstehen können . Er war Chirurg, studirte dann die höhere Arzneiwissenschaft und wurde ausübender Arzt, aber alle andern Gegenstände der Landesregierung sind ihm fremd . Der geistliche Rath ist nicht ernannt, v. Thaler, der aus badischen Diensten dahin bestimmt ist, kömmt vielleicht erst in 6 Wochen an. Der Hofrath Baron Spiegelfeld bleibt noch bis länger fort in Triest, bis Rosetti den Posten antritt, der in Abwesenheit des Grafen Saurau die Geschäfte in Mailand leitet. Von Tirol weiß Spiegelfeld auch nichts, vom ständischen Wesen gar nichts, und so lange Bissingen nicht die Stände in Mitwirkung sehen kann, ist er für größere Gegenstände von allen Seiten gehemmt und hienach würdigen Höchstdieselben seine schwere Stellung. Roschmann soll ihm nicht weniger als 8000 unerledigter Bittschriften zurückgelassen haben.“ XXXV. Konzept des Erzherzogs.
1815.
(c . Mai o . Juni) .
„Hier erhalten Sie meinen Auffah Tirol betreffend ; er ist etwas voluminös allein da er vor 10 Monaten eingereicht
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XXXV. 1815.
und damals von Tirol (welches mehrere hundert Jahre von Desterreich besessen und administrirt war) wie von Neuholland ge= sprochen wurde, auch das allgemeine Generalisirungs- System sich aussprach, so hielt ich es für nothwendig, alle Gegenstände zu berühren . Ich reichte die Schrift dem Fürsten Metternich und Grafen Lažansky ein ; Pfleger , Kübeck , Eyberg xc. erhielten sie ebenfalls. Seitdem berathet man über die Einrichtung des Landes , vermeinend aber stets den schnellsten und leichtesten Weg einzuschlagen, nämlich dem status von 1805 zu entnehmen, wo Oesterreich Tirol verlor, von welcher Zeit noch viele Beamte hier und im Lande sich befanden. Stündlich wurde jede Einrichtung durch die willkürlichen Anmaßungen, durch die Härte der Administration im Lande erschwert. Nach einer Gestion von beinahe 1½ Jahren hat Herr Roschmann und Consorten es so weit gebracht, seinem Nachfolger ein Land zu übergeben, welches ausgesaugt, bedrückt, verwirrt dasteht, wo alles nur Mögliche gemacht wurde, das Volk zu erbittern, den so ersehnten Herrn gehässig zu machen, wo zu diesem Zwecke alle Triebfedern in Bewegung gesezt werden ; seine Finanzoperationen, seine niederträchtigen Polizeieinrichtungen (Spionsystem 2c. ) sind Belege davon . Wenn einmal dieser von seinem Monarchen so hoch geachtete Staatsdiener mit so unbegrenztem Vertrauen beschert, der für alle Wohlthaten nur sich als Zweck betrachtete, dem Lande mit dem Fluche des Volkes als zweiter Geßler so nennt man ihn den Rücken wird gekehrt haben, dann werden Anzeigen erscheinen und Beweise reden, die jeßt nicht geglaubt oder als Aeußerungen von Neid und Unzufriedenheit verhallen würden. Ein kräftiges Volk will eine kräftige Hand, ein biederes Volk auch ein biederes Herz . Verschnitten iſt jezt viel, der Groll der Parteien weit größer ; sein Nachfolger wird einen harten Stand haben, um nur das, was er verdorben , wieder gut zu machen. Die finanziellen Zweige in einem verarmten, ausgesaugten, die Adminiſtration in einem verwirrten, die militärische (iſt wohl die wichtigſte) in einem nun mißtrauisch gemachten Lande zu ordnen, den Geist des Volkes zu erheben, für künftige Staatszwecke die Parteien zu vereinigen, Friede, Ruhe, Aufrichtigkeit, Betriebsamfeit wieder zu beleben, Tirol wieder zu dem alten Tirol (und nicht zu einem moderniſirten Unding) zu machen, allen Wunsch nach einer Vereinigung mit der Schweiz durch einen eigenen bestehenden Zustand zu ersticken, und doch die Schweiz von Tirol und für Desterreich zu bearbeiten (das Salz spielt die eine Rolle), alles , ohne Aufsehen zu erregen, beruhigen, stillen, doch festen und raschen Ganges, — sind Dinge, die nicht so leicht sind als manche glauben. Tirol bleibt ewig ein Bollwerk, die Citadelle im Gebirge, so ist es zu behandeln . Es soll Desterreich nichts kosten, aber seine Felsen können auch keine
XXXVI. 1815. 30. Sept.
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Finanzquellen werden. Die Besaßung ist das Volk, damit es streite, muß es eine Ursache dazu haben, und diese ist seine alte Verfassung , an welcher es schwärmerisch festhält, ohne welche es kein Heil kennt, die das Band war, welches diese Menschen so unverbrüch lich treu an Desterreichs Monarchen knüpfte. Meine Vorschläge, die Manchem überflüssig erscheinen werden, gründen sich auf Kenntniß der Nation ; es sind Dinge, die nichts kosten, die einen tiefen Eindruck auf das Volk machen und, ohne den geringsten Einfluß auf irgend etwas die Staatsverwaltung Betreffen= des zu nehmen, des Kaisers Namen unvergeßlich, die Anhänglichkeit des Landes unerschütterlich machen würden. Man vergesse nicht, daß in Tirol und Vorarlberg der Bauernstand der Stand ist, der alles geleistet hat, der alles in der Zukunft leisten muß. Man vergesse nicht vor Allem, was der Kaiser 1805 versprochen, ſtipulirt und was er 1809 so heilig zugesagt hat.
XXXVI. Hormayr an Erzherzog Johann. 1815 , 30. Sept , Brünn. Fürsprache zu Gunsten eines braven Mannes. " (Von anderer Hand). „ Es ist dieses der Mautheinnehmer zu Neudorf, Frick einst Ammann zu Fraſtanz in Vorarlberg, 1808 als Wortführer gegen die Rekrutirung von Baiern vertrieben, 1809 von mir mit dem besten Erfolge gebraucht. Als Vorarlberg nach dem Treffen bei Wörgl und der Capitulation der Innsbrucker Schußdeputation gleichfalls entwaffnete, schlug er sich durch Schwaben, die Oberpfalz und Böhmen bis Wagram auf eine unglaubliche Weise durch , während Esch und Tschiffely bei Neumarkt gefangen wurden. 1813 berief ihn Roschmann, von E. f. H. auf ihn aufmerksam gemacht, gab ihm in Höchstdero Gegenwart die bündigsten Zusicherungen, behielt ihn zu Trient bei sich in seinem eigenen Quartier, an seinem eigenen Tische und sendete ihn insbesondere mit jener famosen Denunziation gegen den Feldzeugmeister Baron Hiller eilends an den Kaiser. Frick mußte sich Roschmanns Befehlen zufolge durch die feindlichen Posten zwischen Schmalkalden und Hanau gleich nach der Leipziger Schlacht durchschleichen, um früher zum Kaiser zu kommen, als der gleichzeitig von Hiller abgesandte Courier. Als er zurückkam, wollte ihn Roschmann im Lande umherschicken, um gleich Speckbacher und Wintersteller für ihn als Gouverneur Stimmen zu sammeln. Frick antwortete ihm mit tirolischer Offenheit : „ Das würde sich schwer erkünsteln lassen, die Stimmung sei fast allgemein für den Erzh. Johann. " Ohne ihn mehr eines Wortes zu würdigen, wendete ihm Roschmann den Rücken und sen-
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XXXVI. 1815. 30. Sept.
dete ihn noch den nämlichen Abend als Courier nach Wien mit einem Uriasbriefe an Baldacci, der soeben von Paris zurückgekommen war, des Inhalts : Man möge diesen verdächtigen und unruhigen Menschen ihm ja nicht wieder nach Tirol auf den Hals schicken, sondern an seinen alten Posten nach Neudorf sehen . Von Entschädigung für den übereilten Verkauf seiner Habe, von Belohnung, daß er sich mitten in Wrede's Lager und bis nach Vorarlberg hinausgewagt, war mit keiner Silbe mehr die Rede. Als ich in Wien war, nahmen der durchl. Erzh. Rainer und Baron Haager den wärmsten Antheil an dem unverdienten Schicksal dieses Mannes (wie sich E. f. Hoheit zum Theil aus den beiden Anlagen überzeugen können). Ueber seine frühere treffliche Dienstleistung wurde auch ich einvernommen und habe geantwortet, energisch und laut, wie ein Mann, den auch das Unglück nicht ablenken kann vom Pfade des Wahren und Rechten. Das Glück und Unglück dieses Mannes hängt nun einzig und allein davon ab, ob E. k. Hoheit noch Gedächtniß haben der ihm Sept. 1813 gemachten Versprechungen der Entschädigung und Belohnung, wenn er jenem mühe- und gefahrvollen Rufe augenblicklich folgte, seinen guten Dienstposten und seine eben wieder neu aufgerichtete Wirthschaft verließe ? Seine Bienenstöcke, seine Weine, Alles mußte er augenblicklich verschleudern . Roschmann hätte ihn noch ferners als ſeinen Busenfreund behandelt, wäre er nicht allzueifriger Tiroler ge= wesen, um ihm seine Werbung zu verweigern und ihm platt ins Gesicht zu sagen, es wäre eine vergebliche Künstelei und Intrigue, die Herzen jenes biedern Alpenvolkes von Eurer k. Hoheit abwendig machen zu wollen. Höchstdieselben werden darüber einvernommen werden. Ich schweige, denn ich weiß, daß Ihr Herz reden wird. Als Frick während meiner Abwesenheit in Wien beim Erzh. Rainer war und ihm sagte, wie wüthend Roschmann ihn verfolge, antwortete ihm dieser in einer edelmüthigen Aufwallung : „ Ja, ja, das ist ein feiner Herr ! Sie sind nicht der einzige, dem er's so gemacht hat. Noch viel schändlicher handelte er an seinem Jugendfreunde, dem Hofrath Hormayr und an meinem Bruder, seinem Wohlthäter. (Ich habe nämlich Sr. kais. Hoheit, dem Erzh. Rainer die ganze Geschichte von Anfang an haarklein erzählt)." (Hormayr bittet um eine Audienz für seine Schwester). „ Sie ist in alles und jedes Detail eingeweiht und ihr männlicher Geist, ihre Vaterlandsliebe und ihre Verbindung mit dem Bauernstande (was noch von meinem Vater und Großvater herrührt) von mir mit Nugen gebraucht worden. Auch hat sich an ihr das Schicksal mehrmals bitter versucht, zulezt noch im seltsamen Tode des FML. Baron Luz . “
XXXVII. 1816. 20. Jän.
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XXXVII. Binner an Erzherzog Johann.
1816 , 20. Jan. , Wien .
„Ich beziehe mich in aller Unterthänigkeit auf meinen den 17. ds. in Hinsicht auf Verpflegung des Hauspersonales zugeschickten umständlichen Bericht und unterlege meinem gehorſamſten Versprechen gemäß das mit dem Minister Bald (acci) gehabte wichtige Gespräch. Hor (mayr) schrieb diesem Staatsdiener in seiner Angelegenheit mit der Bitte : die Antwort seinem treuen Freund, mir, mündlich zu geben. Bald.:,Wir haben uns viel zu sagen ; wollen wir mit einander gehen, stehen oder sigen ?" Ich : Wie Euer Excellenz befehlen. Hab ich gute Botschaft meinem noch immer unglücklichen Freund zu berichten, so ist einer meiner sehnlichsten Wünsche in Erfüllung gegangen.ʻ Bald.:,Sie werden mich finden, wie ich von Anbeginn war und stets sein werde, in dieser Sache. Ihrem Freund ist Unrecht widerfahren. Haager gieng vor Allem gleich Anfangs nicht zu Werke, wie er hätte sollen ; eine gewisse Delikatesse wurde ganz beseitigt. Was ich einmal schon sagte, wiederhole ich : Seine Majestät haben mir deſſen Sache zur Untersuchung anvertraut mit dem allerhöchſten Befehl die diesfälligen Aktenstücke vom Fürsten Metternich abzufordern. Ich vollzog pünktlich den Auftrag ; aber anstatt des Ganzen erhielt ich nur Bruchstücke. Darüber fällte ich mein unparteiisches Urtheil ; ich sah in Hor- keinen Verbrecher. All mein Urtheil konzentrirte sich darauf, daß er einzig unbescheiden, einzig unklug gehandelt habe. Ich referirte darüber in zwei Bogen. Was ich schriftlich that, that ich auch mündlich. Als ich solchergestalt mein Urtheil Sr. Majestät vortrug , erwiderte Sie : Nein, nein, so ist es nicht! Hor- ist ein Verbrecher, ein großer Verbrecher : er wollte unter anderem der Regierung, den von mir aufgestellten Staatsmagimen vorgreifen ; er erdreistete sich sogar, meine kaiserlichen Entschlüsse zu meistern, zu bekriteln , ja zu verhöhnen.' Bald.: Euer Majestät vergeben mir. Nach dem, was ich unparteiisch nahm und fand, kann ich nicht anders als fest darauf bestehen. Horm. war unklug, unbescheiden, aber keineswegs ein Verbrecher. Kaiser : Sie haben nicht Alles, wie ich sehe, gelesen ; fordern Sie die übrigen Aktenstücke vom Metternich.' Hier erzählte mir der Minister, wie er die übrigen Akte bei Metternich wirklich in Anspruch genommen, aber nie erhalten habe, was ihm ungemein auffiel und auffallen mußte. Nach Verlauf einer Zeit war es dem B. daran gelegen, zu erfahren , was denn eigentlich
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XXXVII. 1816. 20. Jän.
auch mit seinem über Hormayrs Angelegenheit gefälltem Urtheil in zween Bogen geschehen sei ; aber zu seiner Verwunderung konnte er darüber nie etwas erfahren. Er, B., wollte diese 2 Bogen durchaus wieder heraus haben, da sie im Concepte von ihm geschrieben waren, und er keine Abschrift davon (zu)rückbehalten habe : er kam auf keine, auch nicht die entfernste Spur davon. Er schloß nun daraus , daß Se. Majestät dieſen Gegenstand mit seiner Aeußerung noch einem Dritten zur Beurtheilung gegeben haben müsse. Er stellte Metternich in kein helles Licht ; er bekannte, daß er sich als der Allmächtige in Oesterreichs Staate zeigen wolle, daß er aber denn doch in vieler Hinsicht sehr schiefe, ja falsche Ansichten habe. Als ich ihm erzählte, wie ich selbst vier Male in der Sache meines Freundes beim Fürsten gewesen sei, wie er mich stets ausgezeichnet gut aufgenommen, mich sogar gebeten habe Horm. zu grüßen, zu versichern, daß er ihm binnen wenigen Wochen etwas Trostvolles, ja recht Trostvolles werde sagen lassen, ja selbst schreiben werde, und feines von beiden geschehen sei, da rief B.: Ja sehen Sie, das ist so seine Sache ; er verspricht viel, hält aber wenig oder gar nichts !' Nun kam die Rede auf Hudelist. Bald.: Horm. glaube ja nie, daß dieser Mann sein Freund sei !' Als ich ihn versichert, es sei die Versicherung ganz ordentlich geschehen, erwiderte B.: Wer das glaubt, glauben kann, der kennt seinen Charakter nicht. Er iſt ein äußerst rachgieriger, unversöhnlicher Mann ; nie kann er dem verzeihen, der ihn einmal beleidiget hat, kurz, beide diese Herren sind H. entschiedene Feinde. Aber merken Sie, was ich Ihnen jezt sage und Sie Ihrem Freunde schreiben mögen : er, Hor., ist gesonnen, ſein unrecht erduldetes Schicksal als Schriftsteller bekannt zu machen ; das, ja das soll er bleiben lassen ; ich rathe es ihm gutmeinend. Denn so was, auch meisterhaft gemacht, macht wohl im Auslande Lärm und Eindruck, aber im Inlande wird es ihm gar nichts nüßen, wohl aber schaden . Er ſtehe ja ab von dieſem unſeligen Gedanken ! Das ist meine Meinung, er soll auf Untersuchung seines Vorgehens bestehen, denn so wie die Sache ist, ließe ich sie selbst nicht beruhen, denn er ist gestraft ohne gehört, ohne abgeurtheilt zu sein. Fordern kann er die Untersuchung mit vollem Rechte ; und unser Monarch, der bis ins Aengstliche gewissenhaft und gerecht ist, kann ihm diese Bitte nicht versagen.' So war das Gespräch wegen Hormayr abgethan.“
Sachliche Berichtigung und Zulähe.
1) Zu Seite 68, Anm. 133. Die mir dunkel erschienene Stelle im Tagebuche Erzherzog Johanns z. 24. - 27. Febr . 1813, die mich veranlaßte, bei „Ott“ an den franzöſiſchen Geſandten Otto zu denken, erhält eine ungleich richtigere Aufhellung, wenn man sich an das Mitglied der russischen Gesandtschaft, von Ott , hält, der wie ich einer übersehenen Stelle bei Oncken „Desterreich und Preußen im Befreiungskriege“, Berlin, 1879 (II. 94), entnehme, in Wien zurückblieb, während sein Chef, Gf. v. Stackelberg, in Graz seinen Aufenthalt nahm. Danach muß denn auch die von mir in obiger Note versuchte Erklärung dahin berichtigt werden, daß die beiden Tiroler : Torggler und Limbſcher (?), beziehungsweise Frhr. v . Liechtenthurn, mit einem Vertreter der russischen Diplomatie Verständigungen anknüpften. 2) Seite 106, Anm. 178. Hieher gehört auch als Citat : Perz, „ Das Leben des Frhr. v . Stein. “ III . ( 1851 ) S. 339, 341 , 401-402, 494-495 über Reisachs bairische Vergangenheit und weiteres Geschick. 3) Seite 189, Anm. 330, beziehungsweise Seite 294, XXXIII., „ Dordi Brina war zur von den Bognern der tirolische Brina genannt“ Zeit der Franzosenherrschaft über Italien Leiter der Finanzen in Mailand und wurde nach dem Sturze derselben von dem erbitterten Volke gelyncht. 4) Seite 228 3. 2 u. 3 von oben soll es heißen : „ und den Prinz-Regenten (Georg IV . ), sowie den Herzog von Kendal (Leopold Herzog von Koburg) zu begrüßen. " ſtatt : „ und den Prinz-Regenten (Leopold von zu begrüßen. " Koburg) .
Register der Personen-Damen.*)
21.
Aberer 204. Accerenza Pignatelli, Hzg. v., 80, 86 . Albert v . Sachsen-Teschen, Prinz v., 31 . d'Alberti, Chevalier, 7. Albertini, Prof., 15, 186 . Alexander I., K. v. Rußland, 80, 86, 87, 119. Amort v. Rodeneck Peter 17. Anderlan, Herr von, 20 . Angerer, Dr. jur., 224. Anthouard, Comte de, 7. Anton Erzh. v . Deſt. 31 , 117. Apponyi, Gf. v. , 142, 155. Aretin, Frhr. v ., 14, 242 . Arnstein, Fanny Freiin v., 87. Aschauer zu Aichenrain, s. Liechtenthurn. Aschbacher Ant. 48, 135, 136, 277. Attlmeyer Alex. 17. Auchendaler Math. 175. Auffenberg, öst. Gen., 30. Augustin, Propst von Gries, 17. Azwanger 204.
B. Bachmayer v. Fussach 269. Badler 189, 200. Bagration, Fürstin v., 59.
Baldacci, Anton Frhr. v., 37, 97, 98, 121 , 129, 146, 155, 158, 160, 162, 164, 180, 191 , 192-194, 196, 200 bis 201, 202, 211 , 212, 215, 216, 222, 232, 248, 291 , 298, 299-300 . Banal 49. Baraguay d'Hilliers, franz . Gen., 8. Bartholdy, Schriftst. , 178. Beatrice, Prinzessin v. Sardinien, 65. Beauharnais Eugen , Vizekönig von Italien, 8, 56, 115, 132. Belichy, Major, 176. Bellegarde, Gf. v., 30, 123, 126, 128, 139, 145, 146, 149–150, 152, 160, 199, 269, 277. Benz, Kreishptm ., 216. Berckheim, Frhr. v., bad . Min., 242 . Bertholdi (Bertoldi), Prof., 14, 186, 243, 286. Bertrand, franz . Gen., 70. Bianchi, öst. Gen., 232, 241 . Binder, Frhr. v., 100. Binner Anton, 110, 117, 118, 168, 182, 188, 200, 202, 207, 209, 210, 220, 247, 229, 234, 279, 290, 299. Bissingen-Nippenburg, Ferdinand Gf. v., Statth., 212, 220, 221 , 222, 225, 232, 233, 236, 240, 295.
*) In dieses Verzeichnis sind die Personennamen des Textes, der Anmerkungen und des Anhanges aufgenommen .
304 Bittimayer, Plazmajor v. Munkács, 102, 103. Bley, Oberst, 81. Bonaparte (s. Napoleon) . Ludwig, Erkönig v. Holland, 33. Bonelli 234.
Bonfanti, franz . Gen., 275. Brandis, Johann Gf. v. , 4, 212. Braun Josef, Prof., 219–220 . Brina, Finanzdirektor, 189, 294, 301 . Brück, Frhr. v., 14. Brügel, Dr. jur., 224. Bubna, Oberst, 102. Bühler, v., Staatsrath, 64. Büttner, Amtsrath, 102 . 6. Campi, v., 49. Castlereagh, engl. Min., 59 . Catinelli 37. Chasteler, Frhr. v ., öst. Gen., 16, 17, 50, 52. Colloredo Wenzel, Gf. v., 146, Consolati, Conte di, 92. Czapka, Major, 76, 102. Czikann, Polizei-Komm., 81 . D. Danej (Daney, Donay) Josef P. 48, 151-152 . Deportirte bairische Beamte aus Tirol, Verzeichnis, 14. Derencsényi 103 . Dipauli, Andr . v., 7, 18, 19, 152, 202, 232, 290, 291 . Dobrowa (Doubrawa) 220, 236, 290. Donnersberg, Frhr. v ., 14, 15 . Dordi 189, 219, 290, 291, 294 . Duka , Peter Frhr. v . , 123 , 127, 196, 197. G. Ebner Johann 214. Eckard, öst. Gen. , 131 . Eder 14. Eisenstecken Josef (der Badlwirth) 42,
48, 55, 66, 72, 85, 87, 108, 112, 114, 117, 122, 123, 125, 132, 133, 134, 195, 214, 218, 237, 263, 270, 275, 276, 277. Eller von Hötting 199. Empel (Empl) Johann , 149, 152, 153, 219, 277. Erlach, Frhr. v., 31 . Esch 297. Eskeles, Frhr. v ., Banquier, 87, Cäcilie, Baronin v., 87. Etschmann 177, 184, 197. Eyberg, Karl v., 4, 173-174, 204 , 216, 231 , 232, 238, 281, 296.
150,
268.
182, 279,
Eyrl, Frhr. v ., 48, 194, 215 . J. Fabris, öst. Gen., 131 . Faller Johann, Layer v. Rodeneck, 17. Fedrigotti 200. Feilmoser, Prof., 15, 186, 242. Fenner, v., öst. Gen., 124, 127, 131, 133, 139, 141 , 201, 236, 240, 273, 274, 275. Ferdinand, öst. Kronprinz, 117, 211. von Modena-Este, 292. von Toskana, 211 . Feyerle v. Feldkirch_269. Ficquelmont, Gf. v., 37 . Finsterer 14. Fischer 204. Franz I., K. v. Oesterr., 3, 4, 5, 29, 31, 34, 41 , 42, 43 , 72, 77, 78, 79, 86, 88, 94, 95, 97, 98, 99, 100, 101, 102, 104, 110, 111, 112, 113, 115, 118, 119, 120, 121, 122, 123, 124, 127, 128, 129, 140, 150, 155, 156, 158, 162, 175, 177, 178-181 , 182, 183, 184, 185, 190, 192, 193, 198, 199, 203, 205, 207, 210, 211 , 212, 213, 214, 220, 223 , 230, 236--239, 240-241 , 242-243, 244, 245 bis 246, 248, 251, 255, 259, 260--263,
304
264, 265-266, 268, 269, 271, 272, 273, 274, 278, 280, 284, 286, 288, 293, 293, 299-300 . von Modena-Este 37, 65, 67. Freemantle, engl. Flottenkomm., 89.
Guffler Josef 177, 184, 200. Guggenberger Bartlmä 171 . Gummer (Gumer) Joſef 114, 290. Gutmorgen 112.
Frick 122, 145, 162 . Friedrich IV., Hzg . v . Tirol, 170. Fries, Gf. v ., Banquier , 87 . Frimont, öst. Gen., 131, 232. Frischmann 49, 135, 136, 209.
Haager 135. Haager (Hager), Franz Frhr. v. Altensteig, öst. Polizeipräsident (S. des
Gafler 218-219 . Gagern, Hanns Frhr. v., 36, 45, 58, 68, 70, 73, 74, 82, 87, 91 , 92, 93, 100, 104-106, 250, 258. Ganahl, Dr. jur., 195. Gänsbacher 49. Gasser 112, 114, 125 , 195 . Genk, Friedrich v ., 126, 128, 129, 190, 191 , 221 . Gepp (Kapuziner) 149, 172 . Geymüller, Banquier, 87. Giflenga, franz . Gen., 139, 275. Gilg, Prof., 15. Giovanelli, J. v., d . ältere, 16, 18, 19, 48, 166, 167, 168. d. jüngere, 18, 19, 166-174, 180, 183-184 , 188, 185, 198, 199, 200, 205, 207, 208, 213, 215, 216 bis 218, 232, 234, 235, 285, 286. Gigl 217, 285. Glocksperg 295. Goës, Peter Gf. v ., 221 . Golded, Freisaſſen von, 281.
Görres , v ., 190. Grabmayer, Dr. v ., 198, 199 , 200, 201, 203, 207. Gräzl Johann , 16. Grafenreuth, Frhr. v., bair. LandesKomm ., 49. Graff, Frhr . v . Ehrenfeld , 14, 16. Grenier, franz . Gen., 80 . Gstirner Andreas , 148 .
5.
FML. Alois), 26, 67, 75, 87, 91, 94, 100, 101, 118, 139, 172, 211, 219, 229-230, 269, 298, 299. Hack Simon Thadd., Landrichter, 144. Hammer Josef v., (Purgstall), 64. Haspinger Joachim (Pater Joachim , Jochem), 48, 122, 123, 125, 135, 136, 263. Hazel (Hazl) Georg 149. Hauer Franz Serafin, 197 . Josef 197. - Leopold v., 130, 192, 197, 209. Haysdorf, Frhr. v., 83, 103, 188. Heffele 14. Helff Alois Felix, Pfarrer, 175. Hell von Völz 199 . Herder 14. Hiller, Frhr. v. , öſt. Gen., 123, 124, 127, 130, 131, 132, 133, 141 , 142, 145, 146, 150, 268, 269, 297. Himmelswander , v ., Postdir., 137 . Hingerle Karl 16. Hofer Andreas, der Sandwirth, 4, 6, 18, 20, 25, 36, 167, 218, 245, 281. Josef, Bürgerm . v . Sterzing, 148. Hofstetter, v., 14, 15 . Hohenhausen, Frhr. v., 13. Hörmann , J. v., 7, 8, 14, 152 . Hormayr v. Hortenburg , Frhr., 15, 16, 17, 18, 19, 25, 33, 46, 49— 54, 58, 66, 67, 68, 70, 72, 73, 74, 75-96, 98, 99, 100 , 101 , 102 bis 103, 104, 105, 106, 107, 108, 118, 119, 120, 135, 138, 158, 168-169 , 170, 176, 181-183 , 186-187 , 188
305 bis 189, 204, 208, 209, 222, 223, | Katharina Paulowna, Gr. -Herzogin v. 224, 248-249, 258, 278, 281 , 282, Oldenburg, 92. Neil 123. 292, 293, 294, 297, 299 --- 300 . - s. Großvater 50. Kemmeter (Kemmenater) von Schabz - s. Schwester, 297. (Schabser Peter), 17, 125, 194. -- Therese, s. Frau, 93, 103. Khuen, Gf. Josef v., 14, 15 . Kiechl Simon 177, 184, 197. Hoste, engl. Flottenkomm., 89. Hruby, öst. Diplomat, 136. King, engl. Diplomat, 37, 60, 66, 67, 72, 73, 80, 81 , 87, 89, 90, 91 . Hubel, Prof. u. Dir., 15, 186, 236, 286. Hudelist, Frhr. v., 88, 99, 196, 197, Klebelsberg, Karl v., 175. 267, 269, 300. Klenau, öst. Gen., 145 . Klingenschmied Johann 148. 3. Klos 194. Jäger Jakob 148. Kluibenſchedl 149, 151 , 277. Jigl 149, 277. Kolb 25. Johann, Erzh. v. Dest., 22-46, 49, Königer 14. 50, 51, 52, 53, 56, 57, 58-107, Krezl Joh. A. 210. 108, 109, 110, 113-133, 136 biş 49, 277. Krinseisen 143, 144--147, 148, 161 , 168, 169, Kronenwirth, der von Gößis, 269 . 170, 172, 173, 175, 177-182, 184 Kübeck, öst. Staatsm., 98, 192, 296. bis 185, 187, 188, 191-194, 198, Kugstatscher 190, 199. 199, 201, 202, 203-205, 206, 207, Kutschera, Frhr. v., t. Gen.-Adj., 41 , 211 , 214, 215, 216, 217, 218, 219, 78, 81, 95. 220, 221 , 222, 223, 225-231 , 233, L. 241, 243, 244-247, 248, 250 bis 251 , 255, 256, 258, 259, 260, 261 , Ladurner (,,Oberdorner“) Mathias, v. 263, 265, 266, 268, 269, 270, 271 , Algund, 210, 213, 215. 273, 274, 275, 276, 278, 280, 281, Laicharting 290, 295. 285, 286, 288, 290, 292, 293, 294, Lama de 204. 297, 298, 299. Langli v. Gögis , 269. Johnson (Johnston), engl. Diplomat, Lantschner Georg, Kurat, 138. 37, 73, 90. Latour Baillet de, Gf. v., 37, 60. Josef II., K., 174. Lautner v. Dornbirn 195. Erzh. Palatin, 78, 203. Layer v. Rodenegg s. Faller. Jßig, Banquier, 87. Lazansky Prokop, Gf. v., Hoflanzler, Jud, Prof., 15 . 181 , 197, 204, 207, 220, 225, 226, Juvalta Konrad, v., 90, 138, 188. 231, 239, 288, 296. πt. Leidersdorff 14. Kager, Bürgerm . v. Boßen, 210, 289. Leopold, Hzg. v. Koburg, 228. Karl, Erzh. v. Desterr., 29, 30, 31, Lerchenfeld, M. E. Frhr. v . , 11 , 111 , 41-42, 96, 97, 109, 116, 146, 135, 241 , 142, 149, 151 , 153, 156, 275, 278. 211, 225. Liebisch 199. - August, Gr.-Hzg. v. Weimar, 228. Karolina, K. v. Neapel, 81 . Liechtenthurn ( Lichtenthurn ) , Josef 20
306
Aschauer, Frhr. v., tirol. Landstand, 17, 18, 48, 56, 68, 281 , 291 . - - s. Bruder, öst . Diplomat u . Hofrath der Staatskanzler, 17, 43, 68, 69, 126, 216, 301 . Limbscher (?) 68, 301. Linser 17, 194. Lodron, Gf. v., bair. Gen.-Komm., 14. Gf. v., Bischof v. Brixen, 136. Lorenz, Staatsrath, 196. Lößbacher, Protomed., 295 . Loy v., Oberst, 109, 124, 125 . Ludwig, Kronprinz von Baiern, 10, 11 , 72, 242. - Erzh. v. Desterreich, 23-24, 30, 31, 225, 228. Lüzow (Corps) 113 . Luz, Gen. Frhr. v., 297. -Georg, tir. Bauer, 66, 195, 205, 207.
M. Magi 130. Malsiner, Prof., 16. Marcabruni Alois 19. Margaretha Maultasch, Herzogin von Tirol, 219. Maria Ludovika, Kais. v. Desterreich, 25, 37, 41 , 64, 67, 75, 113, 117, 185, 238, 255 . Maria Louise, Kais. v . Frankreich, 34, 41 , 175. Maria Theresia, Herrscherin v. Oesterreich, 22. Markus, Abt von Wilten (Wiltau), 17, 194, 208, 210, 211 , 291 . Marno, kais. Oberförster, 78. Marschall, öst. Gen., 131 . Mathes, Prof., 14, 16 . Matthis, Dr. jur., 195 . Maximilian I , habsb. K., 156, 171. Maximilian Joſef, K. v. Baiern, 6, 7, 68, 223-224, 255. Mayer, Joh. v . Jssing, 17. Mayr (Mayer), v., Gen. -Maj., 152, 278.
-
(Servit) 149, 172. Peter v. d. Mahr 48. Mayrl, Peter v., 212. Mazzuchelli, franz. Gen., 139, 273. Menſi, Dan. v., 139, 216. Menz Peter von, Bürgermeister von Bogen, 48. Merian, J. G., 49. Merz, bair. Gen. Komm., 283. Metternich, Georg Fürst v., 173, 196. Klem. Lothar, Min., 35, 41 , 58, 61, 65, 71, 87, 91, 96, 98, 100, 101 , 113, 114, 117, 118, 119, 120, 121, 122, 123, 124, 129, 137, 138, 146, 152, 156, 158, 163, 172, 191 , 196, 198, 200, 207, 212, 241 , 258, 260, 265, 268, 270, 296, 299, 300 . Megler v. Schwarzenberg 195. Meyersfeld 139. Mieg, v., 14. Mohr, Josef Gf. v. , 48 . Moll Sigmund, Frhr v., 17, 19 . Montgelas, Frhr. v., bair. Min., 106 , 107, 138, 141 , 155, 156, 241 . Moosbauer v. Bregenzerwald 269. Mulle, della, 92. Müller, Adam, 128, 129, 165, 190 bis 191 , 199, 202, 220, 221 , 231 . ― Johannes v., 23, 51, 52, 53. von Müllegg, schweiz . Geſ. , 18, 167. Mumbler Johann 195. Münster, Gf. v., 60. Murat, König Joachim von Neapel, 224, 232, 235 . N. Nachbaur 135. Nagele v. Steinach 194, 210. Nagler, Geniehauptm., 103. Napoleon I., K. v. Frankreich, 4, 5, 6, 31 , 34, 35, 36, 38, 40, 41, 42, 43, 44, 45, 46, 55, 59, 65, 66, 71, 115, 119, 135 , 138, 224, 265, 266, 289,
307
Narbonne, franz. Dipl., 69. Nesselrode , russ. St. - Min., 119. Nessing Franz 18. Nimptsch, Gf. v., FML., 100, 101 . Nößl J., v. Mais, 210. Nötter Josef 175. Nugent, Lamoral Gf. v., öst. Gen., 37, 40, 60, 72, 78. D.
Oberrauch, P. Herculanus, 20. Ott, v., Mitglied der russ. Gesandtschaft, 301 . Otto, franz. Dipl., 68, 69, Vgl. 301 . 2.
Pach, Katharina v ., 166. Paller, Landeskomm ., 153, 277. Peer, v., Appell. =- Rath, 234, 287, 290, 291. Peez, Direktor, 291 . Perger, Gf. v., öst. Polizeipräs., 72. Peteffi Josef 148, 177, 184, 197. Peg 14. Pfleger, Anton v., Staatsrath, 81, 197, 198. ſ. Sohn, 130, 296. Pichler 281 . Pigenot, v., 14. Pilat, v., 198. Pillersdorff Franz, Frhr. v., 98. Pinisdorfer 210. Pircher 85. Placidus, Abt von Marienberg, 17. Plattner, Dr. Franz v., 16, 189, 194, 212, 213, 232, 234-235, 238, 290.
Plazer 112. Plawen, v., 210. Pögl Ludwig 219. Pohl Karl 177, 184. Purtscher, Adjut. Hofers, 48. - v., Hofrath, 202, 204, 212, 213, 290, 294. - Vikar v. Chur, 17 .
2.
Quosdanovich, öst. Gen., 152, 154, 176. N. Rademacher, Hofrath, 51 , 282. Radezky, Gf. v ., öst. Gen., 109, 119 . Radivojević, Gen., 131. Raffl Franz 93, 94, 95. Raglovich, bair. Gen., 7. Rahel (Varnhagen) 190. Raidt, Oberst L., 76. Rainer, Erzh. v. Deſt., 31, 216, 298. Georg, 207, 209, 210, 211. Rangger Josef 138. Rapp , Dr. Joſef , 25 , 48 , 169 , 234, 287. Rechberg, Gf. v., bair. Geſ., 68. Reding, schweiz. Staatsm., 60. Reinhard, bair. Quartiermeister, 14. Reinhart ( Reinhard ), Frhr. v., 14, 18, 210, 211 , 281, 290, 291 . Reisach, Gf. v., 106-107, 282-284. Reiser 14. Reuß, Fürst v., 127, 133, 145 , 269 . Reyberger Ant., Prälat v. Melt, 77. Rhoner 130 . Riccabona Franz, v., 19. Riedl, Andr. Frhr. v., 102. Jakob 112, 113, 118. Sebast. 138, 177, 184, 197, 200. Rinna J. B. 216. Röck, Bürgerm. v. Lienz, 210. Röggle (Röggel), Gub .-Rath, 204, 295 . Ronchi 14, 15, Roschmann Anton 55. Leopold, Kreishauptmann von St. Pölten, 206. - Leopold, U.-Intend. , Kreishauptm. v. Traiskirchen, Hofkomm. u . Landeschef v. Tirol, 55-57, 67, 72, 73, 74, 75-96, 99, 100 , 101 , 105, 118, 119, 120, 121 , 122, 123, 124, 126, 128, 129, 130, 131, 132-133,
308 134, 135, 136, 137, 141 , 143, 144, 166, 145, 146, 152 155, 157 172, 176, 177, 186-191 , 192, 193, 194, 195, 199, 200, 202-203, 205, 206, 207, 208, 212, 213, 214, 215, 216, 217, 218, 219, 220, 223, 224, 225, 231 , 232, 234, 235, 237, 246, 250-251 , 259, 260, 263, 267 bis 268, 269, 273, 274, 275-277, 285, 287, 288, 289, 290, 291 , 292, 293, 294, 295, 296-297, 298. s. Witwe 82. Rott (Rodt) Johann 141 , 149, 277. Rottensteiner Johann 195. Ruff von Dornbirn 269. Ruttner, f. Kammerdiener, 77. 6. Salis, Johann Graf, 87, 90, 109. Soglio Gräfin , verehel. Gräfin Reisach, 284. Salm = Reifferscheid , Hugo Altgraf b., 228. Saurau, Franz Gf. v. , 71 , 160. Schabser Peter (5. Kemmeter). Schell 279. Schimmer, Schriftst., 59. Schmidthammer , Polizei =- Kommand., 81, 188. Schneidawind Schriftſt., 59. Schneider Anton, Dr., 10, 49, 66, 67, 72, 73, 74, 76, 77, 81 , 90, 92, 100, 101 , 103, 104, 107, 118, 120, 129, 134, 181 , 194, 207, 223, 249, 268, 283, 284, 293. s. Frau 103. v. Höchst 269. Schröder Johann 24. Schubert, bair. Poliz.-Dir., 14. Schultes, Prof., 14. Schwarzenberg, Karl Fürst v., 42, 45, 65, 119, 196, 226. Sebastian, Abt v. Stams, 17. Senger, Josef v., 19, 182 .
Serntheim 290 , 291 . Seybold Kasp. 177, 184, 197. Siber, Hofrath, 76. Sickingen 41 . Sieberer Jakob 48, 122, 123, 125, 135, 136, 141 , 263, 277. Spechtenhauser, Prof., 14, 186. Speckbacher Josef 48, 112, 122, 123, 125, 135, 136, 138, 188, 209, 210, 211, 263, 275, 276, 277, 297.
Spiegelfeld, Frhr. v ., Hofrath, 295 . Stackelberg, Frhr. v., rufs. Diplomat, 85, 90, 301 . Stadler 281 . Staffler 205, 207, 213, 214. Stautner 14. Steger Liberat, Defan von Bregenz, 195, 207, 211 . Stein, Frhr. v., 36. Stemberger 194, 210 . Sternbach, Gf. v. , 48, 224 . -- Joh. Wilh. u. Gobert, Frhr. v., 175. Stipcsics, Frhr. v., 146. Straub Josef v. Hall 48, 114, 194. Stürmer, Frhr. v ., 100. T.
Tannenberg Alois, Frhr . v. Trazberg, 17, 18, 48 u. s. Söhne. Teimer 48. Terailza 295. Thaler, von, 295. Thun, Emanuel Gf. v ., Fürstbischof v. Trient, 208, 210, 212 . Thürheim, Gf. v., 7. Told J. J. 171. Toresani 130 . Torggler 68, 149, 277, 301 . Trautmannsdorf, Fürst v., 263. Trentinaglia, Gub.-R., 56, 182 . Trentini, Joh. Frhr. v., Domherr v. Trient, 210. Tschiderer, Jos. v., 19, 20. Tschiffely 297.
309
Tschufi, Karl v., Bürgerm. v. Inns bruck, 207, 210. Türck 123. u1. Ugarte, Gf. v., Oberstkanzler, 47, 197, 226, 239. Gf. v., Gub . -Rath, 222. Untersteiner 207. V.
Vacquant, öst. Gen., 241 . Vernier, öst. Hofkomm., 294. Vincenti 14 . Visdomini Leopold 171 , 194. W.
Waidmannsdorf M. , Ch. Frhr. v., Statthalter, 219. Wallis, Josef Gf. v . , öſt. Min. , 100, 197, 226. Wallmoden ( Walmoden ) , Graf von, 37, 64, 66, 72, 73, 80, 81 , 82, 89, 105. Walpole, engl. Dipl., 80, 89. Weissenbach, Schriftst., 251 . Weissenwolf, Gf. v. , 100. Welden, bair. Appellations - GerichtsPräs., 290. Welsperg, Gf. v. , 14, 290, 291 . Werner 290.
Wessenberg, Frhr. v., öst. Diplomat, 60, 207. Wiesel 221. Wiesend 14. Wild 276. Wilhelm, Prinz v. Preußen, 228. Wilson Rob., engl. Dipl., 80. Wintersteller Rupert 48, 67, 72, 73, 85, 91, 111 , 112, 188, 194, 195, 207, 209, 210, 211 , 297. Wißhofer, P. Dech., 195 . Wlasto Joh. Const. 28. Wolkenstein Max, Gf. v. , Domherr v. Brixen, 210. Peter Gf. v., 210. Wörndle, Philipp v ., 48, 49, 188, 199, 268. Wrbna, Gf. v., 41 , 123, 212 . Wrede, Gf. v., bair. Gen. 68, 150 , 126, 135, 138, 241 . Wurmser, Gf. v., öst. Gen. -Intendant, 190, 232. 3.
Zach, Frhr. v., öst. Gen., 30 . Zallinger Josef, v., 16. Zeiller Roman 148. Zichy, Karl Gf. v., öst. Staats -Min., 197, 279. Zoller, Baudirektor, 251 .
Verbesserungen.
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23
11 Zeile 12 von oben lies „Mautordnung" statt Moutordnung. 11 "1 2 der Note 21 lies " 1807-1808" statt 1807-1809. 12 " 11 von oben lies „ lästige“ statt lässige. 13 " 3 der Note 26 hat „ dann kön . österr. Handelskonſul in Tirol “ wegzufallen . 25 " 12 von oben lies „in“ statt iu. " 30 " 4 von oben lies „ mit" statt miit. 30 " 10 der Note 56 lies "1 10." statt 10. 10. August. 2 von oben lies „ einigen“ statt einigeu. ". 34 " "1 35 " 11 von oben lies "1 Entscheidung" statt Entscheidung. 5 von oben lies „sich“ statt sich. " 37 " 2 der Note 84 lies providebit" statt providelit. "1 43 " " 48 " 16 von oben lies Pater" statt Peter. " 56 "1 13 von oben lies „ dann vom“ statt dann die vom. " 60 lezte Zeile der Note lies Befreiungskriegen „ II. " statt Befreiungsfriegen I. " 61 Zeile 19 von oben lies gebrochen „wurde “ statt gebrochen würde. " 62 " 20 von oben lies „melancholiſchen " statt mechacholiſchen. " 63 " 29 von oben lies „ und “ ſtatt uud . 2 von oben lies „ ausführlicher“ ſtatt ausführlichen . "1 71 " 3 der Note 158 lies „ Gedenkblatt“ ſtatt Andenkblatt . " 92 "1 4 der Note 167 lies „ erhaltenen“ statt erhaltenem. " 98 "1 " 111 " 27 von oben lies „ die es“ als statt die sie als . " 141 " 7 von oben lies vor Jnnnsbruck zu „ ziehen“ statt vor Jnnsbruck zu rücken. 6 der Note 295 lies „fürs Vaterland " statt für Vaterland. " 169 " " 178 " 16 von oben lies „sprach“ statt spach. " 180 " 10 von oben lies „ausgestrichen “ ſtatt ansgestrichen. 4 der Note 322 lies „ Senger" statt Seeger. " 182 "I " 12 der Note 340 lies über Roschmanns „ Gestion" statt über " 192 Roschmanns Gestirn. 1 der Note 438 lies „Binner " statt Binrer. " 234 " 6 von oben lies „ einer“ großen statt einer großen. "1 244 " 2 der Note 464 lies daß „ decht“ statt daß recht. " "1 251 7 von oben lies „ Mitwirkung zur " statt Mitwirkung. zur. " 256(II) , " 257 " 35 von oben lies „ werden“ ſtatt werdeu. 273 " 4 von oben lies „ doch" statt duch. 28 =
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