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German Pages 520 Year 1878
Landeskunde
beg
Großherzogthumg
Sachſen - Weimar - Eisenach.
Don
C. Kranfeld , Hector der Bürgerſchule zu Apolba.
Erster Cheil: Chüringiſch - Sachsen - Weimarische Geschichte.
equid
Weimar Hermann Böhlau 1878.
Seiner
Königlichen Hoheit
dem
Durchlauchtigsten Fürsten und Herrn
Carl
Alexander
Großherzog von Sachsen-Weimar-Eisenach
2C. SC.
Staatliche Bibliothek Bamberg
Durchlauchtigster
Allergnädigster
Großherzog,
Landesfürſt und
Herr !
Seit einer Reihe von Jahren beschäftigte den unterthänigst Unterzeichneten der Gedanke, für das Großherzogthum
Sachsen - Weimar - Eisenach
eine
Landeskunde
zu
bearbeiten, und wenn derselbe auch durch Erfahrung aus früheren
ähnlichen Beſchäftigungen
über
die ungemeinen
Schwierigkeiten, welche der Ausführung eines solchen Vorhabens
entgegenstehen ,
durchaus
nicht
zweifelhaft sein
konnte, so wuchs doch mit der Anſammlung des nöthigen Materials die Lust zur Sache , so daß das Werk gegenwärtig seiner Vollendung entgegengeht. ist,
Je natürlicher es
bei derartigen Arbeiten und Studien zwiſchen Sonst
und Jetzt Parallelen zu ziehen , je überzeugender muß bei
VI
jedem Unbefangenen das Urtheil dahin gehen, daß gerade in den beiden letzten Jahrzehnten, alſo während der Kegierung Ew. Königlichen Hoheit, zur Hebung aller Verhältniſſe ungemein Großes
geſchehen ist.
Ist es
doch
weit
über die Grenzen des weimariſchen Landes hinaus bekannt, wie
Ew.
sorgen,
Königliche wie
der
Hoheit
für Kunst
Landeşuniverſität
Aufmerkſamkeit zugewendet Schulanſtalten gegründet,
ist,
und
Wiſſenſchaft
Höchstdero
wie
im
besondere
Lande höhere
die ſchon bestehenden erweitert
und vervollkommnet, wie die Volksschulen gehoben worden ſind, wie Handel, Gewerbe und Ackerbau, kurz alle Zweige der Verwaltung die väterliche Fürsorge Ew. Hoheit
während
Höchstdero
Regierung
Königlichen
erfahren
haben.
Unvergeſſen wird es außerdem für immer bleiben,
daß in
den ſchweren Zeiten der Noth, während des deutſch - franzőſiſchen Krieges, Ew.
Königliche Hoheit mit hinauszogen
gegen den Feind, nicht bloß um in der Nähe Sr. Majestät, deş ruhmwürdigsten deutschen Kaisers Wilhelm, Ew. Königlichen Hoheit Schwager , zu verweilen , sondern vor allen Dingen,
um den Söhnen des Landes nahe zu sein und
denselben bei den außerordentlichen Anstrengungen mit . Hülfe und Erquichung beistehen zu können.
Nach alledem konnte bei Ausarbeitung einer Landeskunde des Großherzogthums wohl kein anderer Gedanke Platz greifen als der , die Arbeit Ew. königlichen Hoheit zu widmen und damit
der tiefsten Ehrfurcht und dankbar
treuer Ergebenheit zum Cage deg fünfundzwanzigjährigen Regierungs-Jubiläums einen Ausdruck zu verleihen.
Wenn
der
unterthänigst
Unterzeichnete
gleichwohl
zögerte, diesen Gedanken zur Ausführung zu bringen , so
VII
geschah es nur in der Ueberzeugung, daß die vorliegende Arbeit nicht würdig genug ſei, um dieſelbe Ew. Königlichen Hoheit zu widmen.
Um ſo ehrender und erfreulichec war
daher für den Verfaſſer die gnädigste Antwort, daß Allerhöchstdieſelben eine Dedication der Landeskunde gern annehmen würden.
Möge Ew. Königlichen Hoheit zum Segen des Landes eine noch recht lange Regierung beschieden sein, und möge auch die Feier des Hegierungs - Jubiläums dazu
beitragen,
daş Band Herzlicher und inniger Zuneigung zwiſchen Landesfürſt und Unterthanen immer mehr zu befeſtigen !
Mit dieſen ehrfurchtsvollen Wünſchen verharret
Ew . Königlichen Hoheit
unterthänigster Diener C. Kronfeld.
Dorwort.
Es bedarf wohl einiger Motivirung, wenn in unserer ſchreiblustigen Zeit den vielen, alljährlich erscheinenden Werken sich ein neues beigeſellen will.
Im vorliegenden Falle hofft indeß der
Verfaſſer, einer weitläufigen Rechtfertigung insofern nicht zu bedürfen, als die Arbeit einerseits aus dem Bestreben hervorging, durch Vermittelung einer genauen Kenntniß des Landes die Liebe zur engeren Heimath und damit zum größeren deutschen Vaterlande zu erhöhen und zu befestigen und jener alles negirenden und zerseßenden Zeitrichtung entgegen zu arbeiten ; sodann sollte dieselbe einem längst und vielseitig gehegten Wunſche nach einem Werke mit genauen Angaben über die einzelnen Verhältniſſe des Heimathslandes entgegenkommen.
Zunächst war es nur darauf
abgeſehen, eine bis in das Speciellſte ſich einlaſſende Topographie des Großherzogthums zu schreiben ; weil aber von jedem Orte gleichzeitig auch die wichtigsten Momente aus der Localgeschichte mit berührt werden müssen und ein Verständniß für dieselben in vielen Fällen ohne eine begleitende ausführliche Geschichte des Landes nicht denkbar ist , so änderte der Verfasser seinen Plan dahin ab , das Werk in zwei Theilen zu bearbeiten : Geschichte und Topographie.
Bei tieferem Eingehen in die Sache fand sich
von selbst , daß eine Darstellung der Landesgeschichte nicht nur aus dem gedachten, sondern auch aus einem andern, gleichwichtigen Grunde
eben so nothwendig sei , wie die Ausarbeitung
Topographie.
Noch heute werden
einer
die landläufig gewordenen,
Vorwort.
X
zum Theil ganz irrigen Angaben in unserer älteren thüringiſchen Geschichte meistens noch vorgetragen , Forschungen Menzel,
eines Lepsius ,
Wegele
und
als
Michelsen ,
Anderer über
ob die gründlichen Knochenhauer ,
einzelne
Partien
der
älteren Geschichte gar nicht existirten ; sodann fehlt aber auch eine Fortführung der Landesgeschichte bis auf die neueste Zeit.
Und
doch hat gerade die lezte Periode der Umgeſtaltungen so viele gebracht und uns so gewaltige Ereignisse erleben laſſen , deren
Aufzeichnung
in chronologischer
Reihenfolge ganz
daß un-
erläßlich erschien. Der Topographie ist daher eine zuſammenhängende Landesgeschichte als
erster Theil des Werkes vorausgeschickt worden,
ausgearbeitet auf Grund anerkannt tüchtiger Werke und eigener Forschungen in den Staatsarchiven; während der zweite Theil, was die äußere Beschreibung der Ortschaften anlangt, sich zumeist auf eigene Anschauung stüßt, oder auf die gefälligen brieflichen Mittheilungen, welche dem Verfasser aus allen Theilen des Landes zugegangen sind . möglichst treues
Um von jedem, auch dem kleinsten Orte ein und
anschauliches Bild zu geben ,
wird von
demselben angegeben seine Lage und Entfernung von der nächsten Stadt ; dann folgen
die statistischen
Angaben über Zahl der
Häuser und Einwohner , über Umfang der Flur nach den verschiedenen Culturarten (Hofraithen und Gärten, Wiesen, Artland, Wald, Teiche, Bäche und Flüſſe, Wege, Leeden, Triften und Obstbaumanlagen), Angabe über Abschäzungswerth der Gebäude für die Aufstellung des Landesbrandversicherungs- Katasters , sowie schließlich noch Mittheilung über den Viehbestand , weil dieser für die Wohlhabenheit des Landes einen Maßstab mit abgiebt. Wo auf dem Lande neben der Landwirthschaft noch eine besondere Beschäftigung der Bewohner hervortritt , da ist auch diese mit angemerkt worden.
Bei den Fabrikstädten wurde eine möglichst
ausführliche Darstellung des Fabrikbetriebes bewirkt , um auch hierüber dem Leser ein deutliches Bild zu schaffen . Angaben in
den
einzelnen
Ortsgeschichten
Betreffs der
dürfte
durch die
Forschungen in den Archiven wohl Manches zu Tage gefördert worden sein, was selbst den betreffenden Ortseinwohnern bisher gänzlich unbekannt gewesen ist.
XI
Vorwort.
Natürlich hat das Ganze nicht nur eine vieljährige Vorarbeit, sondern auch die Beihülfe Anderer nöthig gemacht, welchen der Verfaſſer zu großem Danke verpflichtet ist.
Ganz besonderer
Dank gebührt den Departements des Großherzoglichen Hohen Staatsministeriums, welche zur Förderung der Arbeit in der Benuzung der Staatsarchive wesentliche Erleichterung eintreten ließen, behufs Erlangung der statistischen Angaben Einsichtnahme in die nöthigen Tabellen und Acten bereitwilligst verstatteten und alle gewünſchte Auskunft ertheilten ; ferner den Großherzoglichen Bezirksdirectionen , Justizämtern und Gemeindevorständen , welche alle Anfragen in zuvorkommender Weise beantworteten ; den Herren Beamten an der Großherzoglichen Bibliothek, besonders aber den Herren
an
den Großherzoglichen
Staatsarchiven , welche
länger als vier Jahre aus dem überreichlich vorhandenen Materiale an Urkunden ,
Acten und
anderen
Schriftstücken
alles
Nöthige zur Durcharbeitnng aussonderten und für den Unterzeichneten bereit hielten.
Nicht minder haben die Herren Geist-
lichen und Lehrer durch die Mittheilungen über ihre resp . Wohnorte der Arbeit wesentlich Vorschub geleistet und es ist nur zu bedauern , daß Zweckes
der
einige Wenige , jedenfalls
Arbeit ,
selbst
in Verkennung des
auf mehrmalige schriftliche
innerungen dennoch eine Antwort nicht gegeben haben .
Er-
Nachdem
das Werk fertig vorliegt , dürfte denselben doch die Erkenntniß kommen, daß es nicht wohl gethan war, die Beihülfe durch Stillschweigen abzulehnen. Allen aber , welche die äußerst mühsame und zeitraubende Arbeit so bereitwilligſt förderten und unterſtüßten , hiermit den besten Dank! Es erübrigt noch, die Quellen aufzuzählen, welche der Arbeit zu Grunde gelegen haben.
An gedruckten sind nach alpha-
betischer Ordnung folgende zu nennen : Beier, Adrian, Geographus Jenensis. 1672. v. Braun , Geschichte der hohen Chur- und Fürſtlichen Häuser zu Sachsen. 6 Theile. 1778-1786. Brückner, G. , Denkwürdigkeiten aus Frankens und Thüringens Geschichte und Statistik. 1852. Dominikus , Erfurt und das Erfurtische Gebiet. II. Theil. 1793. Eisenach, das Sulzaer Thal. 1821.
XII
Vorwort. Ettmüller, der Sängerkriec uf Wartburc. 1830. Franke, das 5. thür. Infanterie - Regiment Nr. 94 im Feldzuge gegen Frankreich 1870–71 . 1872. Fils, das Bad Ilmenau und seine Umgebung. 1873. Galletti , Geschichte Thüringens. 6 Bände. 1782. Glafey , Kern der Geschichte des Chur- und Fürstlichen Hauses zu Sachsen. 1753. v. Gleichenstein , Beschreibung der vormaligen Abtei Bürgel. 1729. Gottschalg, Geschichte des Herzoglichen Fürstenhauses SachsenWeimar und Eisenach. 1797. Günther, Lebensſkizzen der Professoren der Univerſität Jena von 1558-1858. 1858. Horn, Lebens- und Heldengeschichte Friedrichs des Streitbaren. 1733. Knochenhauer , Geschichte Thüringens in der karolingischen und sächsischen Zeit. 1863. Knochenhauer , Geschichte Thüringens zur Zeit des ersten Landgrafenhauses ; herausgegeben von Karl Menzel. 1869. Leonhardi , Erdbeschreibung der sächs. Lande. 1790. Lepsius, kleine Schriften, Beiträge zur thür. ſächſ. Geschichte. 1854. Leucfeld, kurze hiſtoriſche Nachricht von der alten Pfalz AUftedt. 1714.*) Michelsen, urkundlicher Ausgang der Grafschaft Orlamünda. 1856. Michelsen , über die Ehrenstücke und den Rautenkranz . 1854. Michelsen, die Landgrafschaft Thüringen unter den Königen Adolf, Albrecht und Heinrich VII. 1860. Menzel, die Landgrafſchaft Thüringen zur Zeit des Anfalles an die Herzöge Friedrich und Wilhelm. 1870. Menzel, die Aufzeichnungen des Thomas v. Buttelstedt von 1440 bis 1443. 1870. Müllers Annalen. Ortloff, Geschichte der Grumbachischen Händel. 4 Bände. Ortloff, Jena und Umgegend . 1864. Rein, Thuringia sacra. 1863 und 1865. v. Ritgen, der Führer auf die Wartburg. 1860.
1868.
*) Auch die Geschichten Limmers , nämlich : Thüringens , Meißens , des Voigt , Pleißner- und Osterlandes hat der Verfasser durchgearbeitet ; allein Limmer widerspricht sich in seinen Werken oft selbst und hat überhaupt zum Theil so flüchtig gearbeitet und eigener Combinationsgabe so oft freien Spielraum gelassen , daß man sich unmöglich auf ihn berufen kann , ohne sich selbst in Mißcredit zu bringen. Ganz treffend heißt es deshalb in dem 15. Jahresberichte (1840) des voigtländischen alterthumsforschenden Vereins über die eine ſeiner Arbeiten : Limmer hat in seiner Erklärung des Namens Reuß ein Monstrum an das Tageslicht gefördert, in dem eben so viele Fehler als Worte stecken." Und weiterhin: Hätte Limmer sich nur die Mühe geben wollen, näher nachzuforschen, so würde ihm das Verständniß bald genug aufgegangen sein, das ihn bewahrt hätte, aller Geschichte zum offenbaren Hohne bei der Voigtei de Ruzze an Ruffen zu denken, die früher, als der Name Ruſſen beſtand, nach Voigtland hätten eingewandert sein müssen." Diese Charakterisirung wird wohl genügen, um auch diejenigen vorſichtig zu machen, welche heute noch auf Limmers Angaben pochen.
Vorwort.
XIII
Rothe, Joh., thüringische Chronik, herausgegeben von R. v. Liliencron. 1859. Schneider, Sammlungen zu der Geschichte Thüringens , besonders der Stadt Weimar. 1771. Schneider, Buchonia. 1826. Schöll, Weimars Merkwürdigkeiten. 1847. Schöll, Carl-August-Büchlein. 1857. Schreiber und Färber, Jena. 1850. Schultes , historisch - ſtatiſtiſche Beschreibung der gefürsteten Grafschaft Henneberg. 1794. Schultes, Directorium diplomaticum . 1820. v. Schultes , Sachsen- Coburg-Saalfeldische Landesgeschichte. 1818. Schwert und Jäger , Eisenach und die Wartburg. Simrock, der Wartburgkrieg. 1858. Spieß, physikalische Topographie von Thüringen. 1875. Stemmler , der Pagus Orla. 1750. Wegele, Friedrich der Freidige. 1870. de Wette, historische Nachrichten von der berühmten Residenzstadt Weimar. I. und II. Theil. 1737 und 1739. Wiedeborg, Beschreibung der Stadt Jena. 1785. Zeitschrift des Vereins für thüring. Geschichte und Alterthumskunde. Zeitschrift des voigtländischen alterthumsforschenden Vereins. Außerdem wurden noch benußt die localen Mittheilungen in der
Weimarischen Zeitung ", sowie die Regierungsblätter
aus
den lezten 25 Jahren. Geschriebene Quellen waren vor allen Dingen die Urkundenregesten in dem Geh. Haupt- und Staatsarchiv (ca. 12 000 Stück Urkunden vorhanden) und dem gemeinschaftlichen ernestinischen Archive (über 6500 Urkunden) in Weimar, und die in den genannten Archiven vorhandenen Acten. namentlich im
zweiten Theile der
Defters hat der Verfasser, Landeskunde , des „ rothen
Buches " oder richtiger „ Erbbuches " gedacht, aus dem Ende des 14. und Anfang des 15. Jahrhunderts , in welchem die Zinsen und Gefälle an die Landesherrschaft verzeichnet stehen ; auch der Aufzeichnung Hortleders , des größten Staatskundigen seiner Zeit, dem der Unterricht der Söhne Herzog Johanns anvertraut war, und welcher 1640 als Fürſtl. sächs. Hofrath starb. Derselbe hat in einem dicken Quartbande (anno 1633) die einzelnen Theile des damaligen Fürstenthums Weimar mit vielen geschichtlichen Bemerkungen zusammengestellt.
Ein anderes Manuscript (aber
mit Vorsicht zu verwenden) ist das „Weimarische Evangelische Zion " von de Wette , welches wie die beiden vorher genannten
XIV
Vorwort.
im Geh. Haupt- und Staatsarchiv aufbewahrt wird .
Nächstdem
wurde eine andere sehr reichhaltige Abtheilung der Acten ausgebeutet, verzeichnet unter dem Namen „ Aemter und Städte “ .
Die
Angaben über die Verwüstungen im dreißigjährigen Kriege sind Neben diesen sind den " Landes- Visitationsacten " entnommen. noch eine große Anzahl Actenstücke , Specielles aus einzelnen Ortschaften enthaltend , excerpirt und benugt worden. Das zum Geh. Haupt- und Staatsarchiv gehörende „ Eisenacher Geheime Archiv “ , das leider immer noch auf dem Boden des Kornhauſes placirt bleiben muß, konnte infolge seines unbequemen, geradezu unpassenden werden.
Aufstellungsortes
halber
nur
wenig
ausgebeutet
Mehreremal ist auch auf das Dresdener Hauptſtaats-
archiv und auf das Hauptarchiv der Universität zu Jena verwiesen worden, welche der Verfasser behufs einer früheren Arbeit eine Zeit lang frequentirte und aus denen die bezüglichen Angaben bei jener Gelegenheit mit entnommen wurden. - - Aus den Archiven der Großherzoglichen Bezirksdirectionen sind neben den statistischen Angaben besonders
auch die Acten über die
vor-
handenen Alterthümer mit benußt worden, und aus den Archiven einiger Justizämter die meist im fertigten Amtsbeschreibungen.
vorigen Jahrhundert ange-
Es ergiebt sich daraus wohl , daß das Material ein überreichliches war und daß von den vielen Excerpten nur ein verhältnißmäßig kleiner Theil zur Verwendung gekommen ist. Möge das Buch eine recht freundliche Aufnahme finden und den Zweck erreichen, welchen der Verfasser bei Ausarbeitung desselben im Auge gehabt hat !
Apolda, im Juni 1878. Der Verfaffer.
-1
Inhaltsverzeichniß des ersten Theiles .
Sinleitung 1-5. Erster Abschnitt. Thüringen in der ältesten Zeit 6-25. Land und Leute 6. Thüringen Thüringen ein Königreich 8. unter den Merovingern 14. G Die Ausbreitung des Christenthums in Thüringen 19. Zweiter Abschnitt. Thüringen unter den Karolingern 26–39. Die Regierungszeit Pipins des Kleinen und Karls des Großen 26. Die Regierungszeit der Nachkommen Karls des Großen 29. - Bustände in Thüringen 34. Dritter Abschnitt. Thüringen unter den sächsischen Kaiſern 40—60 . Die Zeit Heinrichs I und Ottos I 40. Die Errichtung der Marken an der östlichen Grenze Thüringens . Die Zeit der übrigen sächsischen Kaiser 44. Die kirchlichen Verhältnisse. Der Streit um die Abgabe des Zehnten 50. Vierter Abschnitt. Thüringen zur Zeit des ersten Landgrafenhauses 61-132 . Die Ahnherren des landgräflichen Hauses. Graf Ludwig I, genannt mit dem Barte 61. — Graf Ludwig II, genannt der Springer 65. Graf Ludwig III und sein Bruder Heinrich 74. - Landgraf Ludwig I 77. Landgraf Ludwig II , genannt der Eiserne 80. Landgraf Ludwig III, genannt der Fromme oder Milde 88. w Landgraf Hermann I 93. Landgraf Ludwig IV, genannt der Heilige 108. Landgraf Heinrich Raspe 119. - Zustände in Thüringen, namentlich während der Regierungszeit der Landgrafen 124. Fünfter Abschnitt. Thüringen unter den Markgrafen von Meißen, bezüglich den Kurfürsten von Sachſen 133–296 . Heinrich der Erlauchte 133. - Albrecht, genannt der Entartete 140. Friedrich der Freidige , gewöhnlich der Gebiffene genannt 165. Friedrich II , genannt der Ernsthafte 172. Friedrich III , genannt
XVI
Juhaltsverzeichniß des ersten Theiles. der Strenge und seine Brüder 188. - Balthasar und sein Sohn Friedrich der Friedfertige 194. Friedrich, genannt der Streitbare, als Kurfürst von Sachsen Friedrich I 200. Kurfürst Friedrich II, genannt der Sanftmüthige. Seine Regierung bis zur Landestheilung 212. - Herzog Wilhelm III , genannt der Tapfere 216. - Kurfürst Friedrich III, genannt der Weise , und sein Bruder Johann der Beständige in gemeinschaftlicher Regierung 251. - Kurfürst Johann der Standhafte oder Beständige 264. Kurfürst Johann Friedrich der Großmüthige 278.
Sechster Abschnitt.
Die Herzöge aus dem ernestinischen Fürsten-
hause bis zur Haupttheilung des Landes 297–365 . Johann Friedrich der Mittlere 297. - Die Söhne Johann Friedrichs des Mittleren 312. - Herzog Johann Wilhelm 315. - Die vormundschaftliche Regierung Kurfürst Augusts von Sachsen 318. Herzog Friedrich Wilhelm I 323. - Die Söhne und Enkel Friedrich Wilhelms 328. - Herzog Johann 330. - Die vormundschaftliche Regierung 331. -Herzog Johann Ernst 336. - Die Betheiligung der Herzöge von Weimar am dreißigjährigen Kriege. Regierungszeit der Brüder Ernst, Wilhelm und Albrecht 338. - Die gothaische Linie des ernestinischen Fürstenhauses. Herzog Ernst der Fromme von Gotha und die aus seiner Nachkommenschaft hervorgegangenen Fürstenhäuser 359. Siebenter Abschnitt.
Die
weimarische Linie des ernestinischen
der Großherzoglichen Fürstenhauses bis zur Annahme Würde 366-431 . Herzog Wilhelm IV 366. - Die Söhne Wilhelms IV in gemein- Die herzogliche Nebenlinie zu Eisenach schaftlicher Regierung 369. 371. - Herzog Johann Ernst II zu Weimar 373. - Herzog Wilhelm Ernst 374. - Herzog Ernst August als Mitregent 384. - Die Alleinregierung Herzog Ernst Augusts 386. - Herzog Ernst August Constantin 397. - Die Herzogin Anna Amalia als Regentin 400. — Carl August. Derselbe als Herzog 402.
Achter Abschnitt.
Die
Großherzöge
von
Sachſen - Weimar-
Eisenach 432-495 . Großherzog Carl August 432. - Großherzog Carl Friedrich 441.Großherzog Carl Alexander 450.
Einleitung.
Wenn irgend etwas geeignet ist, auf die Liebe zum Heimathlande und zu unseren Stammesgenossen weckend und belebend einzuwirken , so ist es das Studium von deren Geschichte. Die Erinnerung an das Leben und Streben unserer Vorfahren , an das unablässige Ringen derselben nach größerer Cultur ; das Vergegenwärtigen aller der Ge= fahren und Hindernisse , welche jene in treuem Zusammenwirken mit ihren Führern von ihrem ersten geschichtlichen Auftreten an bis auf die neueste Zeit zur Erreichung jenes Zieles glücklich bestanden haben ; die genaue Kenntniß davon, wie sich unsere Verhältnisse nur ganz allmählich und nur stufenweis zu ihrer jezigen Gestaltung entwickelten und entwickeln konnten : das Alles zusammen lehrt uns erst die Gegenwart richtig verstehen und vertrauensvoll in die Zukunft schauen. Weder Größe noch Lage des Landes, weder Zahl der Bewohner noch Reichthum derselben, und eben so wenig das hohe Alter eines Volkes sichern ihm einen ehrenvollen Namen für zukünftige Zeiten ; sondern nur der Antheil an dem allgemeinen Streben nach größerer Ausbildung , nach ſelbſtändigem , geistig frischem Leben und Schaffen. Wenn dem deutschen Volke im Großen und Ganzen die zähe Ausdauer bei dem Ringen um jene Güter zuerkannt werden muß ; wenn selbst unsere Feinde den hohen Culturſtand des ganzen Volkes nicht in Abrede zu stellen vermögen : so dürfen wir Thüringer uns wohl rühmen, nach keiner Seite hin die lehte Stufe unter der nicht geringen Zahl deutscher Stämme einzunehmen . Erst ziemlich spät von den übrigen Völkerschaften Germaniens als gleichberechtigt anerkannt, wenn Kronfeld, Landeskunde. 1. 1
2
Einleitung.
es galt, für das große Vaterland einen wichtigen Beschluß zu fassen, wußten sich die Thüringer doch zu einer solchen Machtstellung im deutschen Reiche emporzuschwingen , daß selbst hervorragende Kaiser die Zuneigung der thüringischen Landgrafen sich zu erhalten bemüht waren. Dabei war der Hof jener ausgezeichneten Landesfürsten schon zu Anfange des 13. Jahrhunderts eine Pflegestätte der Künste , und die altehrwürdige Wartburg , der Stolz sondern ganz Deutschlands ,
nicht bloß Thüringens ,
wurde bereits im Mittelalter zu einem
Siße der Musen erhoben. Wenn nun auch die äußere Machtstellung der Landesherren mit der Zersplitterung des Landes sich wesentlich verminderte , so war jenes Zurücktreten aus dem großen öffentlichen Leben für dieselben um so mehr geeignet, ihre Wirksamkeit der größeren geistigen Cultur ihrer Unterthanen zu widmen , durch welche auch dem Geringsten im Volke ein Verständniß seiner Zeit ermöglicht wird.
Zwar haben die
Thüringer an den einfachen Sitten und Gebräuchen ihrer Voreltern zum Theil bis auf den heutigen Tag in zähester Weise festgehalten ; dabei sind sie aber auf dem Felde der Wissenschaft und Kunst wie auf dem Gebiete des Gewerbslebens und der Bodencultur unbehindert vorgeschritten und dürfen sich ihren deutschen Brüdern im Weſten und Often, im Süden und Norden getrost als ebenbürtig zur Seite stellen. Nach diesen allgemeinen Bemerkungen wollen wir uns nun zunächst die Frage beantworten, wem wir hauptsächlich Nachrichten über Thüringen verdanken. Die thüringischen Chronikenschreiber beginnen ihre Aufzeichnungen erst im 13. Jahrhundert und somit beruht Alles , was wir aus den Uranfängen unseres Volkes wissen, auf Mittheilungen römischer Schriftsteller , die bei der weiten Entfernung von unserem Vaterlande und bei den verschiedenartigen Quellen, denen sie ihre Kenntniß von Land und Volk verdankten, selbstverständlich unter einander in häufige Widersprüche gerathen mußten.
Als Thervinger und Theuringer
wird schon in der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts von Eutropius und Ammianus Marcellinus eines Volkes gedacht , und bald findet sich bei einem andern gleichzeitigen Schriftsteller , Flavius Vegetius Renatus, der die thüringischen Pferde wegen ihrer Ausdauer rühmt, der Name Toringer. Auch ein gothischer Geschichtsschreiber, Jornandes , gedenkt der Toringer. Weil dieselben mit ihren Nachbarn, den Franken, seit der zweiten Hälfte des 5. Jahrhunderts häufig in Conflict geriethen, so werden natürlich in den fränkischen Jahrbüchern viele Begebenheiten erwähnt ,
an welchen die Thüringer besonders
Einleitung.
betheiligt waren .
3
Aus diesem Grunde stammen die hauptsächlichsten
Nachrichten über das Königreich der Thüringer von dem Bischof von Tours , Georgius Florentius Gregorius . Obwohl mit der Ausbreitung des Christenthums und der Gründung verschiedener Klöster an den Grenzen Thüringens die Cultur wesentlich befördert wurde und in denselben durch das Anlegen von Jahrbüchern, z . B. des Fuldaischen, auch die Vaterlandsgeschichte eine etwas sicherere Basis erhielt, so sind einestheils jene Jahrbücher leider nur noch in Fragmenten erhalten, anderntheils waren aber auch die Aufzeichnungen mancher Klöster nicht sehr zuverlässig, wie wir bei der Geschichte der Landgrafen bald hören werden , und somit ſind
manche ihrer urkundlichen Ueber-
lieferungen doch nur von zweifelhaftem Werthe. Neben den Franken treten in späteren Jahrhunderten auch die Sachsen als Berichterstatter auf und es ist namentlich der sogenannte sächsische Annaliste , der ein reiches Material liefert. Noch mehr Klärung schaffen während der Regierung der sächsischen Kaiser Wittekind und Dietmar. Der erstere war Vorsteher der Stiftsschule zu Corvey und fertigte Jahrbücher, die von 449-937 gehen .
Seinen
Zusammenstellungen verdanken wir vorzüglich die Nachrichten über den Untergang des Königreichs Thüringen ; aber auch von ihm ift vieles Sagenhafte mit aufgenommen worden und auch manches , was Zuverlässiger ist Dietmar, Sohn des er sich selbst combinirt hat. Grafen Siegfried von Walbek , zunächst Capellan bei dem Kaiser Heinrich II , später Bischof von Merseburg . Er schrieb eine merſeburgische Chronik oder richtiger, eine Geschichte der sächsischen Kaiser. Durch seinen Aufenthalt in Merseburg trat Dietmar auch der Ge= schichte Thüringens näher und wir könnten ihn , sofern Merseburg mit zu Thüringen gerechnet wird , als ersten vaterländischen Geschichtsschreiber gelten laſſen . Besonderes Licht über die Zustände Thüringens verbreiten die Urkundensammlungen , die wir freilich außerhalb Thüringens zu suchen haben,
nämlich : die von Schannat über Fulda , von
Gudenus über Mainz , und von Erath über Quedlinburg .
Die
für die thüringische Geschichte so äußerst wichtigen Urkunden des 1 Stiftes Hersfeld sind leider bei der Reformation unbeachtet geblieben und verloren gegangen. In späterer Zeit haben wir nun Bearbeitungen einzelner Partien durch Thüringer selbst , wie die Geschichte Ludwigs IV und der heiligen Elisabeth von Berthold , Capellan des genannten Fürsten ; ferner die Geschichte der heiligen Elisabeth von Dietericus , einem 1*
4
Einleitung.
Apoldaer , der zur Zeit Kaiser Rudolfs von Habsburg lebte ; dann noch später eine thüringische Chronik von Johannes Rothe , welche eigentlich als die Urquelle aller späteren Geschichten Thüringens zu betrachten ist. Der Genannte war gebürtig aus Creuzburg a. d. Werra, wird 1387 als Priester des Marienstiftes , 1394 als Vicar der Frauenkirche , 1418 als Canonicus und 1422 als Scholaſticus des Marienstiftes zu Eisenach genannt , als welcher er seinen Rang zunächst nach dem Dechanten hatte. Am 5. Mai 1434 ist er ge= storben.*)
Sein Werk war in deutscher Sprache geschrieben, während die vorhergehenden alle sich der lateinischen Sprache bedient hatten . Veranlaßt wurde ſeine Chronik durch die Landgräfin Anna, Gemahlin Friedrichs IV oder des Friedfertigen , deren Caplan Rothe gewesen ist.
Aber auch seine Angaben ſind nicht durchweg zuverlässig , wie namentlich die Geschichte Albrechts des Unartigen zeigt. Im folgenden Jahrhunderte haben sich verschiedene Männer , wie Marcus Wagner , Peter Albinus und Cyriacus Spangenberg um die Aufklärung der thüringischen Geschichte große Verdienste erworben ; aber erst im 17. Jahrhundert hat ein gründlicher Forscher recht eigentlich Licht hereingebracht , das war Sagittarius , geb. 1643 zu Lüneburg, 1668 Rector in Saalfeld, 1671 Rector in Jena und 1674 Professor der Historie an der Universität daselbst. Die thüringische Geschichte hat derselbe jedoch nicht als ein zusammenhängendes Ganzes , sondern stückweis herausgegeben und er geht dabei mit solcher Gründlichkeit zu Werke, daß über den Namen des Landes, über Ursprung und Abkunft der Bewohner 106 Seiten ausgefüllt find.
Ein Theil seiner Arbeit ist erst geraume Zeit nach seinem
Tode veröffentlicht worden. In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts ( 1737) erſchien neben andern Werken über Thüringen eine ausführliche Chronik, abgefaßt von Heinrich v. Falkenstein. Der Verfasser hat indeß wenig eigene Forschungen angestellt , sondern sein Material den Arbeiten Sagittars entlehnt. Die meisten späteren Bearbeitungen des interessanten Stoffes stüßen sich fast lediglich auf die zuleht genannten älteren Geschichtsschreiber , haben somit keinen Anspruch auf Origi= nalität und wir können dieselben daher füglich übergehen.
Ein be=
ſonders gründliches Werk ist die sechsbändige Geschichte Thüringens von Galletti ( 1782) .
Der Verfasser benußte unter anderem die
nicht lange vorher ( 1766-1772 ) erschienenen sechs Sammlungen
*) Geh. Haupt- und Staatsarchiv in Weimar.
Urkundensammlung.
Einleitung.
5
vermischter Nachrichten zur Erläuterung und Ergänzung der sächsischen Geschichte von Professor C. W. Schuhmacher in Eisenach . Da man jedoch erst in der neuesten Zeit vielen Fleiß darauf verwendet hat , die Schäße an alten Urkunden in den Staatsarchiven zu Tage zu fördern und die bereits bekannten genau zu prüfen um ihre Echtheit festzustellen , wobei sich manche als gefälscht erwiesen haben , so konnte es nicht fehlen, daß auch dem Verfaffer des zulezt genannten Werkes mancherlei Frrungen unterlaufen mußten. Einzelne Partien der thüringiſchen Geſchichte sind in neuerer Zeit auf den wirklichen Thatbestand zurückgeführt worden durch die bekannten gründlichen Arbeiten des Professors Dr. Michelsen und des Geheimen Regierungsrathes C. P. Lepsius. Ein großes Verdienst um Sonderung der wirklich geschichtlich erwiesenen von den auf Combinationen oder auf reinen Erfindungen beruhenden Angaben hat sich in der allerneuesten Zeit Dr. Theodor Knochenhauer erworben durch seine „Geschichte Thüringens in der karolingiſchen und sächsischen Zeit“ ( 1863) und durch seine Geschichte Thüringens zur Zeit des ersten Landgrafenhauses" . Lehteres Werk ist erst nach dem Tode des Verfaſſers im Druck erschienen , versehen mit Anmerkungen von Professor Dr. Menzel (1869).
Außerdem ist als neueste gründliche Arbeit be-
sonders hervorzuheben :
„ Friedrich der Freidige und die Wettiner
seiner Zeit" von Prof. Dr. Wegele in Würzburg ( 1870). Versuchen wir nun unter Benußung der zuverlässigsten gedruckten und archivalischen Quellen eine genaue Darstellung der Geschichte unseres Volkes und seiner Fürsten.
Erster Abschnitt.
Thüringen in der ältesten
Zeit.
Land und Leute. Ueber den Umfang des ehemaligen Thüringen gehen bekanntlich die Ansichten weit auseinander . Während die Einen ihm eine Ausdehnung zusprechen von der nordſächsischen Tiefebene bis hinauf zur Donau und westlich bis zum Rheine, wollen wieder Andere das Ganze in den engen Rahmen eingefaßt haben : Thüringerwald, Werra, Unstrut und Saale. Stehen auch für die erstere Annahme sichere Gründe zur Seite , so sind die Mittheilungen doch zu dürftig , als daß man mit aller Bestimmtheit darauf fußen könnte. Dagegen ist die zweite Behauptung offenbar falsch, indem bei einigen, füdlich vom heutigen Thüringen gelegenen Strichen mit Sicherheit nachgewiesen werden kann und später Erwähnung finden wird, wann dieſelben mit Franken vereinigt, also vom Mutterlande abgetrennt wurden. Eben so ist es mit den nördlichen Gauen und deren Vereinigung mit Sachsen . Wir werden also die Grenzen des alten Thüringen nördlich bis an den Harz und südlich noch bis jenseit des Maines zu denken haben. Westlich gehörte der größere Theil des Eichsfeldes , sowie der östliche Theil der jezigen preußischen Provinz Heſſen mit dazu , und gegen Often ging die Grenze ſicherlich ein gutes Stück über die Saale hinaus. Es wurde demnach der östliche Theil von der Saale , der füdliche vom Main und der Werra, ein Theil des westlichen von der Werra, und der nördliche von der Unstrut bewässert. Auf den Urzustand des Landes paßte genau die Schilderung, welche Tacitus ,
der bekannte römische Geſchichtsschreiber (2. Hälfte
des 1. Jahrhunderts ) von dem großen Lande Germanien #berhaupt
Land und Leute.
gegeben hat.
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Als wildwachsende Producte nennt derselbe nur Eicheln,
Buchnüsse , wildes Obst , Wurzeln und Kräuter ; als Culturpflanzen das Getreide , aber davon nur Hafer und Gerste und selbst diese wurden zufolge jener Nachrichten wenig und nicht an allen Orten gebaut. An Hausthieren werden Rindvieh , Pferde , Schafe und Schweine genannt ; doch wuchsen diese Thiere selten zu einer ansehnlichen Größe auf. Der mehrste Theil des Bodens war mit Wald bedeckt als Aufenthalt von Auerochsen, Elenn- und Rennthieren, welche lehtere bei der vorschreitenden Lichtung der Wälder und der damit zusammenhängenden Milderung des Klimas sich mehr nach Norden zurückzogen. An Wildpret war kein Mangel ; aber ebenso fehlte es auch nicht an wilden , reißenden Thieren , namentlich an Bären, Luchsen und Wölfen. Die Bewohner eines solchen Landes konnten nichts anderes, als echte Naturmenschen sein , groß, stark und abgehärtet und vor keiner Gefahr zurückschreckend , noch auf der niedrigsten Culturstufe und daher auch noch nicht so weit vorgeschritten, daß sie sich bis zu dem Glauben an ein einziges höchstes Wesen hätten emporſchwingen können ; vielmehr waren Sonne , Mond , Feuer und Erde als große Wohlthäter der Menschen die Gegenstände ihrer Verehrung . Nach der Beschreibung Julius Cäsars sollen zu seiner Zeit die Cherusker auf der Nordseite des Thüringer Waldes gewohnt und sich in der Folge weiter nach Norden und Westen zurückgezogen haben. An ihre Stelle rückten die Chatten ein, gegen welche 15 n. Chr. der römische Feldherr Germanicus einen verheerenden Zug unternahm. Der obergermanische Statthalter Galba besiegte fie sodann i. J. 41 . Als Nachbarvolk der Chatten werden die Hermunduren genannt und als Grenze zwischen beiden wird die Saale angegeben. Im Jahre 69 unternahmen die Chatten in Verbindung mit andern Völkern Streifzüge in Obergermanien und
belagerten sogar Mainz ;
aber
i. J. 85 werden sie vom Kaiser Domitian unvermuthet überfallen und müssen wohl eine schwere Niederlage erlitten haben , denn sie ver= schwinden auf lange Zeit aus der Geschichte. Erst 162 taucht ihr Name wieder auf , als sie in Gemeinschaft mit andern deutschen Stämmen in Rhätien und in das gallische Germanien, d . h. in den Theil Deutschlands , der jenseit des Rheines lag, einen Einfall unternehmen.
In ihre verlassenen Wohnpläge , besonders in das heutige.
Thüringen scheinen die Hermunduren eingerückt zu sein , doch nicht von diesen rührt der Name Thüringer her , sondern aller Wahrscheinlichkeit nach von einem Stamme unter den gothischen Völkern,
L
I. Thüringen in der ältesten Zeit.
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welcher den Namen Theuringer führte und dessen schon gedacht worden ist.
Die Theuringer gehörten zu den Westgothen , welche
die jetzige Moldau und Wallachei in Besiz hatten . aber immerhin die Frage ,
Ungelöst bleibt
wie die Theuringer aus den Wohnsigen
der Westgothen in unser Vaterland gekommen sind und es läßt sich nur die Vermuthung aufstellen , daß sie mit jenen , die bekanntlich zu Anfang des 5. Jahrhunderts immer weiter nach Westen zogen und sich endlich in Frankreich und Spanien niederließen , ausgerückt und in unserem Lande, das um diese Zeit von Einwohnern entblößt war, indem sich Chatten und Hermunduren weiter nach Westen gewendet, zurückgeblieben sind und sich feste Wohnsize gründeten. Seit dem Anfange des 5. Jahrhunderts nennen die Geschichtsschreiber dieses Zeitraumes übereinstimmend als Bewohner unseres Landes die Toringer und es kann wohl keinem Zweifel unterliegen, daß Toringer und Theuringer gleichbedeutend find . Als Grenznachbarn von diesen werden im 5. und 6. Jahrhundert genannt : die Burgunder, Franken, Bojarier und Schwaben ; nach Norden die Sachsen. Nachbarn wanderten slavische Wenden ein.
Als östliche
Die Toringer waren in der Cultur durch Kömer und Griechen, mit denen sie auf ihren Zügen in Berührung gekommen waren, etwas vorgeschritten, was sich namentlich in ihrer Religion kund gab . Neben den vorher genannten Gottheiten finden wir jetzt auch den Wodan oder Odin mit seiner Gemahlin , der Frea oder Frega , die unwillkürlich an die römischen Gottheiten Mercur und Venus erinnern. Ferner wurde auch der Donnergott verehrt ; das waren die drei Gottheiten, welche überhaupt in Deutschland allgemeine Verehrung genossen . Der Charakter der Toringer wird geschildert als wild und zur Grausamkeit geneigt , dabei aber offenherzig und redlich , und somit contraſtirten sie mit den zwar feineren , aber dabei boshaften Franken.
Thüringen ein Königreich. Es unterliegt keinem Zweifel, daß die Thüringer gleich den mit ihnen verwandten Stämmen, den Ost- und Westgothen und Vandalen unter einem Oberhaupte standen . In der Zeit, als sie noch mit den Westgothen vereinigt waren , wird Athanarich als einer ihrer Könige genannt. Wenn uns von den Königen der Thüringer nur einige , und diese fast nur dem Namen nach bekannt geworden sind, Wichtiger als das bloße so liegt darin nichts Außergewöhnliches .
Thüringen ein Königreich. Namensverzeichniß der erſten thüringiſchen Könige ist die Kenntnißnahme davon, wie die Thüringer mit ihren Nachbarn , den Franken, in Feindschaft geriethen. Dieses mächtige Volk zerfiel in mehrere Stämme, von denen die Salier in den Niederlanden und die Ripuarier, Uferbewohner am Rheine , die mächtigsten waren ; sie hatten zu Anfange des 5. Jahrhunderts schon eine solche Ausbreitung gewonnen, daß ihnen bereits ein großer Theil Frankreichs unterworfen war. Unter ihrem Heerführer Chlodio (438-447 ) wurde zu der großen fränkischen Monarchie der Grund gelegt .
Wegen ihrer weiten Aus-
breitung nach Westen hin waren die Wohnpläge füdlich von Thüringen nur noch schwach bevölkert, und diese Wahrnehmung verleitete die Thüringer häufig zu Raubzügen dahin. Sobald ihm seine anderen Kriege einige Ruhe gestatteten , unternahm nun Chlodio einen Zug in das Thüringerland , eroberte bei der Gelegenheit eine an der Grenze Thüringens gelegene Burg Namens Disparg * ) und erkor sich dieselbe zu seinem zeitweiligen Aufenthaltsorte. Wenige Jahre nach dieser Begebenheit drohte von Osten her ein wildes Kriegsvolk die bestehenden jungen Königreiche über den Haufen zu werfen ; das waren die Hunnen , die unter ihrem Heerführer Attila im Jahre 451 einen verheerenden Kriegszug in westlicher Richtung unternahmen. Bei ihrem Einfall in Frankreich dienten neben andern deutschen Völkern auch Thüringer mit in ihrem Heere ; ja die Sage erzählt , daß Attila sich mit der Tochter des thüringischen Königs Günther vermählt habe .
Allein hier liegt offenbar eine Verwechselung
vor, was sich aus einer Vergleichung mit dem Nibelungenliede ergiebt. Nach Attilas Tode lösten sich die einzelnen Völkerschaften , die nur gezwungen mit den wilden Hunnen gemeinschaftliche Kriegszüge unternommen hatten , aus dem Verbande wieder los und so wurden auch die Thüringer frei. Dafür kehrten die Streitigkeiten mit ihren Nachbarn, den Franken, immer häufiger wieder.
Chlodios Nachfolger
auf dem fränkischen Königsthrone war Merwig , und nach diesem regierte sein Sohn Childerich I , ein Ausbund von Verworfenheit, dem jedes Mittel zur Befriedigung seiner thierischen Lüfte für erlaubt galt.
Er stellte den schönen Töchtern seiner Unterthanen nach; aber
über dieses unwürdige Benehmen ihres Königs waren die Franken endlich so erbittert , daß er seines Lebens nicht mehr sicher war und *) Ueber die Lage dieser Burg ist vielfach gestritten worden. Aller Wahrſcheinlichkeit nach lag dieselbe im jetzigen Juſtizamte Kaltennordheim bei den Dörfern Aschen- und Wohlmuthhausen , woselbst auf dem Dißberge eine Burg gestanden haben soll.
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I.
Thüringen in der ältesten Zeit.
seine Zuflucht zu dem thüringischen Könige Basinus nahm ; das ist der erste König unseres Landes , über den uns etwas ausführlicher berichtet wird. Basinus erwies dem Flüchtlinge volle Gastfreundschaft ; zum Danke dafür verführte ihm Childerich sein Weib Basine. Nach einiger Zeit wurde Childerich wieder in sein Land zurückberufen ; Bafine war ihrem Verführer so sehr ergeben , daß sie bald nach seinem Abzuge ihren Mann heimlich verließ, um sich mit Childerich in deſſen Lande förmlich zu vereinigen. Diesen Schimpf rächten die Thüringer durch verheerende Einfälle in Childerichs Land ; aber Basine war gleichwohl nicht zur Rückkehr zu bewegen .
Sie gebar dem Childerich
einen Sohn , Chlodwig , der später (491 ) die Thüringer mit Krieg überzog, ihr Land verwüstete und sie zur Entrichtung eines jährlichen Tributes zwang . Der König Basinus hatte drei Söhne : Baderich , Berthar und Hermannfried , welche sich nach seinem Tode in das Land theilten.
Hermannfried bekam denjenigen Theil , welcher das jeßige
Thüringen ausmacht.
Ihm lag ganz besonders daran , durch Ver-
bindung mit einem mächtigen Königshause an äußerem Ansehen
zu
gewinnen und deshalb warb er um die Nichte des ostgothischen Königs Dietrich, welcher in Italien herrschte. Durch Verbindung mit der schönen Amalberga , der Schwestertochter Dietrichs (Trasimund, König der Vandalen in Afrika war ihr Vater) glaubte er seinen Zweck am sichersten zu erreichen und ahnte nicht , daß er durch dieſe Verheirathung dereinst um Land und Leute und zuleht sogar noch auf schmähliche Weise um sein Leben kommen würde. Dietrich war ein ungemein stolzer König und wußte es dem Hermannfried sehr fühlbar zu machen, welche Ehre ihm durch die Verbindung mit einem so mächtigen Königshause zu Theil würde. Der lettere hatte sich die Gunst Dietrichs dadurch zu erwerben gesucht, daß er ihm eine Anzahl schöner, silbergrauer Pferde übersandte.
Amalberga, verwöhnt durch
den Glanz am Hofe ihres Oheims , fand sich in der thüringischen Einfachheit nicht zurecht ; die Grenzen desjenigen Theiles von Thüringen , welchen Hermannfried regierte , waren für ihren Ehrgeiz zu eng und sie war darauf bedacht , auf welche Weise das Königreich erweitert werden könnte. Als einfachstes Mittel erschien ihr die Vertreibung Baderichs und Berthars , ihrer beiden Schwäger , aus ihren Gebieten ; doch hat wohl Hermannfried vorerst ihren Einflüsterungen kein Gehör geschenkt und sie griff deshalb zu andern Mitteln .
Es wird erzählt, sie habe ihn besonders dadurch aufgereizt,
daß sie ihm nur die halbe Tafel habe decken lassen mit der spöttischen
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Thüringen ein Königreich.
Bemerkung, ein König, der nur ein halbes Königreich regiere, müſſe auch mit einer halben Tafel vorlieb nehmen . Diese immerwährenden Anreizungen verfehlen ihren Zweck nicht ; Hermannfried ist verblendet genug, seiner Frau nachzugeben und faßt den Entschluß , unter allen Umständen , selbst mit Beihülfe des Verbrechens sein Land zu ver= größern.
Unvermuthet überfällt er seinen Bruder Berthar , tödtet
ihn und zieht hierauf in dessen Land ein.
Baderich , durch diesen
Vorgang über die Absichten Hermannfrieds vollständig im Klaren, war vorsichtig und so konnte jener nicht ohne Weiteres zur Ausführung seines Planes gelangen . Um aber desto sicherer zum Ziele zu kommen , suchte er nach einem Bundesgenossen und fand einen Der vorhin erwähnte solchen an dem Frankenkönig Dietrich I. Chlodwig, Begründer des großen Frankenreiches , war 511 gestorben und hatte das Reich seinen vier Söhnen hinterlassen , die sich nach damaliger Weise drein theilten ; doch galt das ungeheure Reich immer noch als ein Ganzes . Dietrich hatte seinen Wohnsiz in Mez aufgeschlagen. Den Ostrand seines Königreichs begrenzte Baderichs Antheil an Thüringen ; es muß dieser also den westlichen und südwestlichen Theil des gesammten Thüringens ausgemacht haben. Durch das Versprechen der Hälfte von dem Baderichschen Lande ließ sich Dietrich sofort bestimmen , mit Hermannfried in ein Bündniß einzugehen.
Daß Dietrich so bereitwillig zur Ausführung
eines ganz
gemeinen Verbrechens die Hand bot, darf uns durchaus nicht wundern ; denn die Nachkommen Chlodwigs auf dem fränkischen Throne , die man die Merovinger nennt, waren fast durchweg ihrem Stammvater ebenbürtig .
Gift und Dolch hatten ihm die Alleinherrschaft
gesichert, und in gleicher Weise verfuhren seine Nachkommen .
In dem
kurzen Zeitraume von vierzig Jahren sind sechs merovingiſche Könige theils durch Gift, theils durch das Schwert um das Leben gekommen . Es ist also der Beitritt Dietrichs zu dem beabsichtigten Bubenstücke Hermannfrieds nur einer von den minder schlimmen Vorgängen in der merovingischen Königsfamilie. Den vereinigten Heeren konnte Baderich nicht widerstehen ; er wurde geschlagen und im Kampfe getödtet.
Jezt zeigte sich aber in
Hermannfrieds Charakter der habsüchtige Zug , der ihn schon zum Brudermörder gemacht hatte : er verweigerte dem Frankenkönige die Herausgabe des versprochenen Landestheils . Natürlich ließ sich dieser nicht mit leeren Worten abspeisen , sondern verband sich mit ſeinem jüngern Bruder Chlotar I gegen Hermannfried , und diese Verbindung führte das Ende des Königreichs der Thüringer herbei.
Die
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I.
Thüringen in der ältesten Zeit.
Thüringer wurden geschlagen , flohen nach der Unstrut , wurden verfolgt und in einer dreitägigen Mezelei auf dem Rumberge, gegenüber der Vizenburg, so furchtbar decimirt, daß man über die in die Unſtrut geworfenen Leichen wie über eine Brücke gehen konnte.*) Hermannfried flüchtete sich nach seiner großen und festen Burg Skidingi (Burgscheidungen) weiter abwärts an der Unstrut.
Der eben bestandene
Kampf hatte aber auch das Heer der Franken bedeutend vermindert, und doch wollte Dietrich seinen Gegner nach der ihm beigebrachten Niederlage nicht aus dem Garne lassen. Bis zur Herbeiziehung von Hülfsvölkern aus seinem eigenen Lande wäre aber offenbar viel Zeit verstrichen und Dietrich fand es daher vortheilhafter , sich mit dem nördlichen Grenzvolke der Thüringer, mit den Sachſen zu verbünden unter dem Versprechen den Lande.
der Theilhaberschaft an dem zu erobern=
Die Sachsen gingen auf den Vorschlag
ein und kamen, 9000 Mann stark, zu Hülfe .
bereitwilligst
Schon bei ihrem An-
rücken regte sich indessen in den Franken großes Mißtrauen gegen die neuen Bundesgenossen , die ihnen als reine Naturmenschen in schreckbarer Gestalt erschienen. Dietrich läßt sie schwören , um wenigstens so weit sicher zu sein, daß sie nicht etwa gegen ihn selbst feindselig auftreten und ermahnt sie, sich zur Eroberung der Burg bereit zu halten. Hierauf schlagen die Sachsen auf einer Wiese an der Unstrut der Burg gegenüber ihr Lager auf und beginnen am folgenden Tage den Sturm ; doch vergeblich.
Die Thüringer unternehmen einen
Ausfall und dringen so energisch auf sie ein , daß ihrer eine große Zahl das Schlachtfeld als Leichen bedecken.
Erst die Dunkelheit ſeßt
dem mörderischen Kampfe ein Ziel. Hätten die Franken mit in den Kampf eingegriffen, so wäre es wohl ein Leichtes gewesen, den Ausschlag zu Ungunsten der Thüringer herbeizuführen ; sie halten sich aber in der Entfernung und überlassen den Sachsen die blutige Arbeit allein, sehr damit zufrieden, daß die neuen Bundesgenossen der Zahl nach etwas vermindert werden. Hermannfried war nunmehr aber doch zu der Ueberzeugung gekommen, daß er sich der vereinten Macht gegenüber nicht lange werden halten können und unterhandelte im So Geheimen mit den Franken wegen Abschluß eines Friedens. groß war bei diesen die Abneigung gegen die Sachsen, daß sie jezt nicht nur zum Frieden bereit sind, sondern sogar beschließen, sich mit den Thüringern gemeinschaftlich auf die Sachſen zu werfen und dieſe
*) Die Nachricht hierüber ist von Wittekind , dem sächsischen Geschichtsschreiber des 11. Jahrhunderts.
Thüringen ein Königreich. zu vernichten.
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Die letteren hatten keine Ahnung von der Falschheit
der Franken und waren daher nicht wenig erstaunt, als sie von dem ins Werk gesezten Verrathe Kenntniß erhielten.
Die Sage berichtet,
einem Thüringer sei an der Unstrut sein Jagd-Habicht entflogen und am jenseitigen Ufer von einem Sachsen aufgefangen worden . Der Thüringer konnte denselben nur zurückerlangen gegen das Versprechen, dem Sachsen dafür ein Geheimniß zu entdecken , und nun theilte er jenem den verrätherischen Anschlag mit.
Der Sachse fezte eiligst die
Heerführer seines Volkes davon in Kenntniß und es entstand bei der Mittheilung des abscheulichen Verrathes im Lager der Sachsen eine nicht geringe Bewegung. Da trat ein alter , ergrauter Sachsenhäuptling in die Mitte der erregten Menge und forderte dieselbe auf, vor allen Dingen sich ruhig zu verhalten und durch nichts zu verrathen, daß man von der geplanten Schandthat Kenntniß habe, sodann aber gleich in der nächsten Nacht Burg und Stadt Scheidingen zu erobern, um geſtüßt auf den festen Punkt in Ruhe dann das Weitere abzuwarten. Gesagt, gethan. Die Thüringer hatten einen nächtlichen Ueberfall nicht vermuthet , waren also ziemlich wehrlos und wurden größtentheils niedergemegelt.
Es soll dies am 1. October 528 ge=
schehen sein. Hermannfried war in dem allgemeinen Tumulte, begünstigt durch die Nacht , mit Weib und Kindern entkommen. Am nächsten Morgen suchte sich Dietrich, so gut es eben anging, mit den Sachſen wieder auf freundlichen Fuß zu stellen, was durch die vorgeschlagene Damit war Landestheilung wohl am ersten bewerkstelligt wurde. Hermannfrieds Schicksal entschieden . Als ein umherirrender Fürst ohne Land hatte er Zeit genug , seine Schandthaten zu überdenken und sein jeßiges Schicksal als eine immer noch gelinde Strafe zu beherzigen. Amalberga war mit einigen ihrer Kinder zu ihrem Bruder Theudot entkommen , der die Ostgothen in Italien regierte. Hermannfried wurde später von seinem Besieger Dietrich zum Besuch nach Zülpich eingeladen , fand auch eine gastfreundliche Aufnahme ; aber die Einladung hatte im Hintergrunde den Zweck, ihn für immer unschädlich zu machen. Einst ging Dietrich mit ihm auf der Stadtmauer in Zülpich spazieren, als plößlich Einer aus Dietrichs Gefolge den Hermannfried von der Stadtmauer hinabstürzte , so daß er sich zu Tode fiel.
Die von ihm mit nach Zülpich genommenen Kinder
ließ Dietrich erdrosseln. Bei der zwischen Sachsen und Franken vorgenommenen Theilung Thüringens behielten die ersteren nicht nur die eroberte Festung Scheidingen , sondern überhaupt alles Land , welches auf der linken
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I.
Thüringen in der ältesten Zeit.
Seite der Unstrut liegt.
Nur eine Salzquelle in diesem Gebiete
nahmen die Franken für sich , erbauten zur Sicherstellung derselben ein festes Haus, das Frankenhaus genannt, das der Anfang geworden ist zur Gründung der Stadt Frankenhausen , während die Sachsen an der Unstrut bei der Einmündung der Helbe die umfangreiche Sachsenburg anlegten. Die Benennung Nordthüringergau im Sachsenlande erinnerte auch später noch daran , daß der Landstrich ehemals zu Thüringen gehört hatte. Der Name Thüringen blieb nur noch für denjenigen Landestheil, der sich von der Unstrut bis über das südliche Waldgebirge, die sogenannte Loyba ( Thüringerwald) erstreckte. Dieser Theil unseres Vaterlandes als der Raubantheil der Franken , mußte nun in den großen Verband des Frankenreiches mit eintreten , ohne jedoch vollständig in dasselbe einverleibt zu werden.
Thüringen unter den Merovingern. Das fränkische Reich umfaßte nach der Besiegung der Westgothen, Burgunder, Brittanier und Römer nicht nur ganz Frankeich, sondern erstreckte sich auch über einen großen Theil Deutschlands , und es würde noch gewaltiger gewesen sein, wenn man nicht so häufige Theilungen vorgenommen hätte. Der Theilung unter Chlodwigs Söhnen wurde bereits gedacht; später bildete sich immer mehr die Schei= dung aus in ein östliches und westliches Reich : Austrasien und Neustrien. Thüringen gehörte natürlich zu Austrasien. Wie es die Franken in der Regel mit den besiegten Völkern zu halten pflegten, so geschah es auch bei den Thüringern : man ließ ihnen ungestört ihre bisherige Verfassung und machte sie nur tributpflichtig ; sie mußten 500 Schweine in die königliche Küche liefern. Zur beſſeren Verwaltung des Ganzen ist auf alle Fälle schon damals die Eintheilung des Landes in Gaue beliebt worden ; doch finden sich urkundliche Nachrichten darüber erst viel später. Der Altgau wird zuerst erwähnt und das geschieht in einer Urkunde vom 3. August 775. Die Abhängigkeit von den Franken war den Thüringern sehr unbequem und sie machten daher bald einen Versuch , davon loszukommen.
Im Jahre 555 erlosch Dietrichs männliche Nachkommen-
schaft mit seinem minderjährigen Enkel Theudobald. Während sich hierauf Dietrichs jüngster Bruder Chlotar I der Herrschaft über das ganze ostfränkische Reich bemächtigte, hielten die Thüringer den Zeitpunkt für geeignet , um die ihnen lästigen Fesseln zu brechen.
Sie
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Thüringen unter den Merovingern.
fanden treue Verbündete an den Sachsen , welche auf die wachsende Macht der Franken schon längst eifersüchtig gewesen waren . Es ist das erstemal, daß wir Thüringer und Sachsen mit einander verbunden finden ; später werden wir solchen Bündnissen häufiger begegnen. Die jeßige Verbindung führte nicht zum gewünschten Ziele ; vielmehr überfiel Chlotar die Sachsen und schlug sie an der Weser ; sodann rückte er auch in Thüringen ein und verwüstete das Land , ohne Widerstand zu finden. Chlotar vereinigte das ganze fränkische Reich unter seinem Scepter ; aber nach seinem Tode zerstückelten seine Söhne dasselbe wieder. Siegbert, der dritte Sohn , bekam das ostfränkische Reich und folglich auch unser Thüringen. Unter seiner Regierung entstand für das Land eine große Gefahr.
Die Avaren , ein wildes
Volk, das vielleicht zu dem großen Stamme der Hunnen gehörte, näherte sich von Often her dem fränkischen Reiche und bedrohte somit zunächst Thüringen.
Daher eilte ihnen Siegbert im Jahr 567 bis
an die Elbe entgegen und schlug sie. Nach dem Tode von Siegberts Sohne Childebert II ( 594) führte ein Weib , Brunhild , Großmutter der Fürstensöhne , die Vormundschaft über die hinterlassenen beiden Söhne und diesen Umstand benußten die Avaren zu
neuem Vor-
dringen. Chlotar II fügte wieder die ganze fränkische Monarchie zu einem Reiche zusammen 613-622. In dem zuletzt genannten Jahre übergab er seinem Sohne Dagobert I den gegen Often ge= legenen Theil seines großen Landes , mithin auch Thüringen. Genannte wurde nach seines Vaters Tode 628 Alleinherrscher.
Der Wäh-
rend seiner Regierung rückte ein neuer Feind von Osten heran , das waren die Slaven.
Sie stammten von den Sarmaten ab, waren in
die verlassenen Wohnfiße der ausgewanderten Deutschen eingedrungen, hatten Böhmen, Mähren, die Lauſik, überhaupt den ganzen östlichen Theil Deutschlands in Besiz und waren besonders in der späteren Markgrafschaft Meißen fest eingenistet. Man nannte sie Wenden , und denjenigen Stamm, welcher zunächst an Thüringen grenzte, Sorben.
Im Anfange standen sie noch unter der Oberherrschaft
der Avaren ; aber sie wußten sich von diesen frei zu machen und gewannen immer mehr an Macht ; namentlich bildeten diejenigen in einem Theile des heutigen Oesterreich ein gut geordnetes Ganzes . Zu ihrem Könige hatten sie einen Franken, Namens Samo erwählt, den der Handel zu ihnen verschlagen hatte. Fast scheint es, als habe dieser Samo absichtlich mit den Franken Händel gesucht, denn einige fränkische Kaufleute wurden von den Wenden ausgeplündert , ohne daß eine Bestrafung der Schuldigen erfolgte.
Dagobert griff zu den
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I.
Thüringen in der ältesten Zeit.
Waffen, kämpfte aber nicht mit Vortheil und die Folge davon war, daß die äußerste östliche Provinz des fränkischen Reiches, unser Thüringen, von jest ab häufig durch räuberische Einfälle ihrer Nachbarn heimgesucht wurde.
Der Fürst der Sorben, Derban, der als nächster
Nachbar Thüringens bisher die fränkische Oberhoheit anerkannt hatte, ging nämlich jezt zu Samo über. In solcher Noth war von dem weit entfernten und überdies dem Hofleben ergebenen Könige Dagobert keine Hülfe zu erwarten ; denn ein Kriegszug in die östlichen Grenzgebiete feines Reiches war ihm zu beschwerlich. Weil aber doch etwas gegen die räuberischen Einfälle geschehen mußte, so übergab Dagobert die ganze Heereseinrichtung und das Kriegswesen in Thüringen einem besonderen Herzoge. Ein gewisser Radulf oder Rudolf wurde zu dieser neuen Würde ernannt, ohne daß wir etwas Genaueres über seine früheren Verhältnisse erfahren . Ob vor ihm schon ein Herzog eingesetzt gewesen ist, darüber findet sich keine Nachricht ; er ist der Erste in dieser Würde, dessen die Geschichte gedenkt, und ein Mann , in deſſen Thatkraft sich Dagobert nicht getäuscht hatte. Gleich sein erster Zug gegen die Sorben war glücklich, denn er trieb dieselben über die Saale zurück, obgleich sie sich in einigen Strichen diesseits bereits angesiedelt hatten. Zum Schuße gegen etwa später beabsichtigte Raubzüge erbaute er der Saale entlang eine Reihe Thürme, welche nach und nach zu den befannten Burgen erweitert wurden. Auch Rudolstadt (Rudolfs Stadt) soll seine Entstehung ihm zu verdanken haben . Die Thüringer waren ihrem Herzoge, der sie aus der Bedrängniß befreit und der Wiederholung von räuberiſchen Einfällen vorgebeugt hatte, vollständig ergeben und gewannen die Ueberzeugung , daß nur unter der Fürsorge eines selbständigen Herzogs dauernder Schuß gegen äußere Feinde herbeigeführt werden könne.
Herzog Rudolf erfreute
sich also des Vertrauens und der Zuneigung der Thüringer und das bewog ihn, sich von dem fränkischen Königshofe unabhängiger zu machen. Dort war auf Dagobert deffen noch junger Sohn Siegebert in der Regierung gefolgt.
Die Nachrichten von den Bestrebungen Rudolfs
nach möglichster Selbständigkeit wurden natürlich am fränkischen Hofe sehr ungern vernommen und man beschloß , den Herzog mit Waffengewalt in seine Schranken zurückzuweisen. Rudolf bekam von dieſem Vorhaben zeitig genug Nachricht, sammelte rasch sein Heer und erbaute an der Unstrut in aller Eile eine große, hölzerne Befestigung .
Die-
selbe soll auf der rechten Seite der Unstrut über dem jezigen Orte Memleben auf einer Anhöhe errichtet gewesen sein, woselbst noch heute
Thüringen unter den Merovingern.
ein Punkt die alte Schanze genannt wird . der Zug der Franken .
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Hierher richtete sich also
Bei ihrer Ankunft vor der Befestigung waren
fie unschlüssig , ob sie gleich zum Sturme übergehen , oder denselben für den nächsten Tag aufsparen sollten.
Ein Theil des Heeres ließ
sich nicht halten und hoffte mit stürmender Hand die Position der Thüringer zu nehmen. Rudolf ersah sich aber die günstigste Gelegenheit, stürzte in einem Ausfalle auf die Andringenden ein und schlug sie mit solcher Gewalt zurück, daß das ganze Unternehmen der Franken als völlig gescheitert betrachtet werden konnte. Ganz entmuthigt durch das Mißlingen des
ersten Angriffs schickte König
Siegebert, der sich selbst bei dem Heere befand , Boten an Rudolf Die Verhandlungen und ließ ihn um ungehinderten Abzug bitten. führten auch zu einem Abſchluſſe, mit welchem Rudolf ſehr zufrieden war. Zwar ließ er das Heer der Franken ungehindert ziehen und erkannte die Oberherrschaft derselben an ,
regierte aber fortan in
Thüringen beinahe ganz unabhängig, schloß mit den Sorben Frieden und trat mit ihnen in ein Bündniß, so daß bis zu seinem Tode, der 650 erfolgte , die Thüringer von ihren Nachbarn völlig unbelästigt blieben. Er hinterließ das Herzogthum Thüringen seinem Sohne Hetan oder Heden , den man in der Folge zum Unterschiede von seinem gleichnamigen Enkel den Aelteren benannt hat. In diesem Manne wohnte nicht die Thatkraft seines Vaters , denn er ließ es ruhig geschehen, daß die Sorben das linke Ufer der Saale in Beſiz nahmen, sich von hier aus immer weiter nach Westen hin ausbreiteten und die Thüringer verdrängten .
Für die Cultur des Bodens war
das Vordringen der Sorben durchaus nicht von Nachtheil, denn sie waren ein fleißiges Volk ,
das namentlich verstand ,
Waldesgründe in urbares Feld umzugestalten.
die düsteren
So entstanden eine
Menge neuer Dörfer und Höfe, deren Namensendung, besonders auf k und tſch , noch heute den sorbisch - wendischen Ursprung nachweist, doch mögen auch manchen von den Thüringern bereits gegründet ge= weſenen Ortschaften wendische Namen beigelegt worden sein. Die wendische Bauart der Dörfer zeigt sich namentlich darin , daß die Häuſer meist im Kreise aufgebaut sind
und
das Dorf nur einen
einzigen Zugang hat. Bis jenseit des südöstlichen Thüringerwaldes, ja bis an den oberen Main hin haben sich die Wenden niedergelassen. Herzog Heden zog nach dem südwestlichsten Theile Thüringens und nahm seinen Wohnsiz in einem Schloffe bei der Stadt Würzburg, das vielleicht den Ursprung zu der Festung Marienberg abgegeben hat. Von ihm weiß die Geschichte nichts Wichtiges zu berichten. 2 Kronfeld , Landeskunde. I.
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Thüringen in der ältesten Zeit.
1.
Sein Sohn Gozbert, von dem das nächste Capitel berichten wird , folgt ihm in der Würde eines Herzogs von Thüringen und nach diesem haben wir schon den lezten der Thüringer Herzöge, Heden II, der mit seinem Sohne in blutigem Kampfe fällt. sowohl als Heden
Gozbert
werden von den Geschichtsschreibern als höchst
grausam geschildert ; es sollen auf ihren Befehl mehrere Gaugrafen, die ihnen nicht unbedingten Gehorsam leisteten , ohne Weiteres hingerichtet worden sein .
Der Untergang der Herzogsfamilie steht im
Zusammenhange mit den blutigen Kämpfen innerhalb des fränkischen Reiches .
Die letzten fränkischen Könige aus dem merovingischen Ge-
schlechte waren so tief gesunken , daß sie sich um die Regierung gar nicht kümmerten , sondern in ihren Palästen ein schwelgerisches , verweichlichendes Leben führten. Der Majordomus oder Großhofmeister wurde jezt die Hauptperson im Lande ; er zog mit dem Heere in den Krieg und übte auch im Frieden königliche Gewalt aus. Verschiedene angesehene Familien stritten sich um diesen Rang und unter ihnen erkämpfte sich Pipin von Heriſtall in der Schlacht bei Testri 687 endlich auch über Neustrien diese Würde, nachdem er bereits Austrasien als Herzog , ohne einen merovingischen König regiert hatte. Er machte die Großhofmeisterwürde in seiner Familie erblich und starb 714 , nachdem er unter drei merovingischen Königen volle Königsgewalt ausgeübt hatte.
Nach seinem Tode entstand abermals ein
Zwist über die fragliche Würde , weil der König Chilperich von Neustrien Pipins Sohn Karl , der später den Beinamen Martell, d. h. der Hammer , erhielt , nicht als Hausmeier anerkennen wollte. Die Schlacht bei Vinci 717, in welcher auch der thüringische Herzog Heden II mit seinem Sohne Thüringer auf Karls Seite kämpfte, entschied zu seinen Gunsten. In dieser Schlacht fanden aber die Thüringer Herzöge ihren Tod.
Das Herzogsgeschlecht , welches faſt
90 Jahre die Verwaltung des Landes in Händen gehabt hatte, war erloschen und ein Nachfolger wurde nicht wieder ernannt , vielmehr überließ man die Verwaltung angesehenen Gaugrafen und sendete von Zeit zu Zeit Königsboten in das Land, um vorkommende Streitig= keiten zu schlichten oder specielle Befehle zu übermitteln . Für die Sicherung der Landesgrenzen nach Norden gegen die hereinstreifenden Sachsen , sowie nach Osten gegen die Slaven war eine solche Maßregel freilich nicht ausreichend und das Land hatte also von jenen Völkern viel zu erdulden.
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Die Ausbreitung des Christenthums in Thüringen.
Die Ausbreitung des Christenthums in Thüringen. Als die Franken in der ersten Hälfte des 6. Jahrhunderts den größten Theil Thüringens in ihre Gewalt bekamen, waren sie bereits Christen , denn 30 Jahre vorher war der Uebertritt zum Christenthume erfolgt.
Freilich scheint dasselbe seinem inneren Wesen nach
von ihnen noch nicht erfaßt gewesen zu sein , was schon aus den Greuelscenen gefolgert werden muß , welche sich sogar inmitten der Königsfamilie abspielten.
Eben so wenig zeigten sie irgend welches
Verlangen, die christliche Religion den mit ihnen verbundenen deutschen Stämmen mitzutheilen ; wenigstens findet sich nirgends eine Spur davon , daß sie versucht hätten , die Thüringer zu bekehren.
Erst
nach 150 Jahren wird hier der Anfang gemacht, aber nicht von den Franken aus, sondern der erste Missionär ist ein Frländer , Namens Kilian. Mit einem Diakonus , drei Priestern und noch sieben anderen Männern zog derselbe auf Heidenbekehrung aus und kam auch nach Würzburg , also an den Siz der thüringischen Herzöge.
Zu jener
Zeit regierte der schon erwähnte Gozbert ; dieser ließ den Heidenbekehrer zu sich kommen , hörte seinen Vorträgen aufmerksam zu und ließ sich taufen. In der Taufe erhielt er den Namen Theobald . Sein Beispiel zündete im südlichen Thüringen , so daß ein großer Theil seiner Unterthanen in jenem Landstriche gleichfalls das Christenthum annahm.
Das war im Jahre 687.
Kilian konnte sich seines
Erfolges nicht lange freuen, denn er fand auf Anftiften von Gozberts Gemahlin Geilana einen gewaltsamen Tod . Dieselbe war früher mit dem Bruder ihres jezigen Gemahls verheirathet gewesen und nach deſſen Tode wurde sie die Gemahlin von Gozbert.
Kilian hielt ein
solches Verhältniß für einen Verstoß gegen die Lehren des Christenthums ; aber er hütete sich, diese Ansicht dem Herzog gegenüber auszusprechen, so lange derselbe noch nicht getauft war. Nach vollzogener Taufe stellte er jedoch an ihn die Forderung, sich von seiner Gemahlin zu trennen . Wie Gozbert dies Anſinnen aufgenommen hat, darüber machen die Geschichtsbücher keine Meldung ; wohl aber erzählen dieselben , Geilana sei von Wuth entbrannt gegen den Mann , der ihr häusliches Glück zu vernichten drohte , und habe einstmals die Abwesenheit ihres Gemahls benußt, um Kilian sammt seinen Gefährten durch gedungene Mörder umbringen zu lassen. Bis jet waren die Fortschritte des Christenthums im nördlichen Deutschland nur gering ; daher wurde von England aus das Miſſions2*
20
I.
Thüringen in der ältesten Zeit.
werk aufs Neue angeregt.
Im Jahre 691
sandte ein englischer
Geistlicher, Namens Egbert, 12 Miſſionäre zu den heidnischen Friesen. Unter den Sendboten zeichnete sich ein gewisser Willibrod aus, so daß ihn der Papst 696 zum Erzbischof von Friesland ernannte. Seine Bekehrungsversuche hatten besonders deshalb ziemlich raschen Erfolg , weil Pipin von Heriſtall ihn in seinen Schuß nahm und die Friesen mit Heeresmacht überzog .
An diesem Kriegszuge scheint
auch der thüringische Herzog Heden II theilgenommen zu haben, denn wohl nur auf eine persönliche Bekanntschaft mit Willibrod läßt sich die Schenkung zurückführen, welche er demselben 704 in Thüringen verehrte.
Heden schenkte ihm sein Landgut in Arnstadt (Arneſtati)
mit allen dazu gehörenden Gerechtsamen.
Von den Gütern des schon
damals bestehenden Schloſſes Mühlberg übergab er ihm drei Häuſer mit ihren leibeigenen Insassen und außerdem 100 Morgen Land. Noch bedeutender war die Schenkung zu München , zwischen Berka a. J. und Tannroda gelegen.
Aus diesem Orte überließ ihm Heden 7
Hufen Landes mit eben so vielen Häusern , dann noch 400 Morgen Land und den dritten Theil des zum Bezirke gehörenden Waldes ; ferner auch noch 2 Schweinehirten mit 50 Schweinen und 2 KuhHirten mit 12 Kühen.
Aus der Urkunde geht , beiläufig bemerkt,
hervor, daß in Thüringen die Leibeigenschaft in voller Blüthe stand . Vielleicht war die Schenkung zu dem Zwecke erfolgt , um dem Erzbischof Willibrod die Möglichkeit zu schaffen , in Thüringen einige ständige christliche Lehrer unterhalten zu können .
Die Schüler und
Gehülfen von Willibrod pflegten sich nämlich alljährlich in der Sommerzeit durch das ganze nordwestliche Deutschland zu zerstreuen, vor dem Winter aber wieder nach Utrecht zurückzukehren , um sich dann in der klösterlichen Stille durch das Lesen der heiligen Schrift, durch den Rath des väterlichen Erzbischofs und durch den gegenseitigen Umgang und die Erzählung der Wirksamkeit zu neuer Arbeit zu stärken.
bisherigen Erfolge ihrer Ob und welche dieser Send-
boten bis nach Thüringen vorgedrungen sind , darüber läßt sich nichts mehr ermitteln, doch ist es ganz zweifellos, daß in einigen Gegenden Thüringens die Bewohner mit dem Christenthume bereits bekannt waren , als Bonifacius seine Bekehrung begann.
Dieser Haupt-
apostel Thüringens stammte aus einer vornehmen Familie in England und hieß eigentlich Winfried oder Wunfried . Im Kloster ausgebildet und begeistert für die Ausbreitung des Christenthums unter den Heiden meldete er sich bei Willibrod als Gehülfe und wurde mit offenen Armen empfangen.
An dem störriſchen Sinne der Fries-
Die Ausbreitung des Christenthums in Thüringen.
21
länder gingen jedoch seine Hoffnungen bald zu Grabe ; sehr verstimmt kehrte er in sein Vaterland zurück. Man wählte ihn zum Abte seines Klosters ; er schlug aber die Wahl aus , um nicht seinen ursprünglichen Plan aufgeben zu müſſen .
Der Ausführung desselben etwas
näher zu kommen , reiste er nach Rom , bat den damaligen Papst Gregor II um guten Rath und erhielt von diesem schriftliche Erlaubniß, die Ausbreitung des Christenthums auf alle mögliche Weise zu unternehmen . Jezt suchte Bonifacius nach einem Lande , in welchem das Christenthum nicht ganz unbekannt , aber noch in trauriger Verfassung war , und so kam er durch Bayern endlich auch nach Thüringen.
1
Hier gab es schon Christen, von denen aber Boni-
facius behauptete, keiner von ihnen habe die reine Christuslehre und ihre Priester führten ein sündhaftes Leben ; ganz besonders beschuldigte er sie der Hurerei und des Ehebruchs. Von anderer Seite wird freilich behauptet , die vermeintliche Irrlehre habe darin bestanden, daß die Priester sich nicht unter die Gewalt des Papstes hätten beugen wollen. Für diesmal hielt sich Bonifacius nicht lange in Thüringen auf, sondern kehrte bald wieder zu Willibrod zurück, leistete ihm drei Jahre hinter einander Beistand und sollte von dieſem zum Bischof und dereinstigen Nachfolger erklärt werden. So ehrenvoll auch diese Standeserhöhung für ihn gewesen wäre , so lehnte Bonifacius dennoch das Anerbieten ab unter dem Vorgeben, er glaube eine solche Würde nicht ohne ausdrückliche Erlaubniß des Papstes annehmen zu dürfen. Wie sich freilich später herausstellte, wollte er lieber vom Papste als von einem Erzbischof zum Bischof ernannt sein . Im Jahre 721 kehrte Bonifacius nach Thüringen zurück , begann sein Bekehrungswerk im westlichen Theile des Landes , im nachmaligen Hessen und entsandte hierauf einen seiner Schüler zur Berichterstattung an den Papst. Von dem Berichte nicht befriedigt wünschte der Papst eine persönliche Unterredung mit Bonifacius, damit dieser sein GlaubensBonifacius überreichte dasselbe einstweilen schrift= lich. Bei einer späteren Zusammenkunft mit dem Papste wurde wohl außer allem Zweifel festgesegt , wie Bonifacius das ganze Deutschland unter die Gewalt des Papstes bringen sollte ; denn mit der bekenntniß ablege.
päpstlichen Oberherrschaft sah es in Deutschland damals noch lange nicht so aus, wie es dem römischen Bischofe erwünscht erschien. Darauf gründet sich der Vorwurf, den man dem glaubenseifrigen Bonifacius gemacht hat , daß er sich nämlich für die Erweiterung der Macht des Papstes zum Werkzeug habe gebrauchen laſſen. Der Papſt
22
I.
Thüringen in der ältesten Zeit.
ernannte ihn zum Bischof und gab ihm den Namen Bonifacius, das ist Wohlthäter ; dagegen verpflichtete sich dieser zum strengsten Ge= horsam gegen den Papst. Er erhielt nun für seine weitere Thätigkeit drei Empfehlungsschreiben mit : eins an Karl Martell, ein zweites an fünf vornehme Thüringer, welche bereits zum Christenthum übergetreten waren : Asolf, Godolaus, Wilar, Gunthar und Albord ; sodann Bonifacius richtete ein drittes an das gesammte thüringer Volk. seine Schritte zuerst zu dem Regenten des Frankenreiches , Karl Martell, unterwarf sich deſſen Herrschaft, begab sich in seinen Schuß und erhielt dagegen ein offenes Empfehlungsschreiben an alle Bischöfe , Herzöge, Grafen und andere Beamten des fränkischen Reiches, worin alle aufgefordert wurden, den Glaubensboten in seinem Vorhaben zu unterstüßen.
Man erſieht daraus , in wie viel großartigerem Stile gegen
die früheren Heidenbekehrer Bonifacius seine Vorbereitungen traf und welchen Apparat derselbe erst in Bewegung sezte, bevor er sein . großes Werk begann.
Den Anfang machte er in Hessen, wo er schon
ehemals gepredigt und wo das Christenthum einige , wenn auch nur schwache Wurzeln
getrieben
hatte.
Die meisten
Bewohner waren
noch Heiden und es bedurfte einer ganz besonderen Begebenheit , um sie von der Nichtigkeit ihres heidnischen Glaubens zu überzeugen. Mit großem Geschick benußte Bonifacius eine sich ihm darbietende Gelegenheit. Bei dem Dorfe Geismar im Amte Gudensberg in der jezigen preußischen Provinz Hessen-Naſſau stand eine uralte Eiche, von der man glaubte , der Donnergott habe sich dieselbe zu seinem Wohnsize auserkoren ; es sei also schon gefährlich , sich derselben zu nähern. Nichts konnte die Lächerlichkeit solchen Glaubens an den Tag legen, als wenn Bonifacius an dieſes vermeintliche Heiligthum ungestraft Hand anlegte. Man gestattete ihm, die Eiche umzuhauen, indem die Umstehenden von der festen Ueberzeugung ausgingen , der Donnergott werde den Frevler zu Boden schmettern. Da dies aber nicht geschah, da vielmehr nach langer Arbeit seitens der Gehülfen von Bonifacius die Eiche endlich krachend zusammenstürzte ohne irgend welchen Schaden anzurichten , so entsagte das zahlreich versammelte Volk willig seinem bisherigen Glauben und nahm die christliche Religion an. Bonifacius ließ aus dem Holze des uralten Baumes eine kleine Capelle erbauen . Von Hessen aus richtete derselbe seinen Weg nach dem Eichsfelde und zerstörte hier auf dem Stufenberge den Gößendienst des Stuffo . Es wurde daselbst eine Capelle erbaut, die nachmals viele Wallfahrten veranlaßte, um Hülfe in der Noth zu erlangen, wonach der Berg den Namen Hülfsberg bekam. Nun rückte
23
Die Ausbreitung des Christenthums in Thüringen.
der eifrige Apostel auch in Thüringen ein und zwar zunächst im nördlichen Theile, wo zwei Gözenbilder verehrt wurden : die Lahra und die Jecha. Man vermuthet nicht ohne Grund , daß die Jechaburg oder das Dorf Jecha, beide ganz nahe bei Sondershausen , von dem lehteren Bilde den Namen entlehnt haben. Auch hier wurde auf die überzeugende Belehrung des unermüdlichen Heidenbekehrers der Gößendienst abgestellt. Jest wendete sich Bonifacius weiter südlich , kam endlich bis an den Thüringerwald und wußte auch hier mit hinreißender Beredsamkeit die Bewohner für das Christenthum zu gewinnen.
Bei
dem Dorfe Altenbergen ( auf halbem Wege zwischen Georgenthal und Friedrichsroda) wurde auf ſeine Anordnung, wie die Sage erzählt, eine Capelle erbaut , welche er dem Evangelisten Johannes widmete. Zum Andenken an Bonifacius ist dort 1811 ein Denkmal errichtet worden , der sogenannte Candelaber. Weiter östlich schlug er nun sein Zelt an der Ohra auf. Es wird berichtet, daß ihm unter den noch ungebildeten Umwohnern, namentlich bei deren wüſtem Geſchrei in der Nacht sehr unheimlich und bänglich geworden sei. Da war es ihm im Traume , als ob
ein großes Licht vom Himmel fich
niederlasse und ihn und seine Ruhestätte erleuchte.
In diesem Lichte
erschien ihm der Erzengel Michael , redete ihn an und sprach ihm Muth ein.
Als es Tag war , verrichtete Bonifacius ſein Dankgebet
und befahl hierauf seinem Diener, das Eſſen zuzurichten, erhielt aber von diesem die Mittheilung, daß der Vorrath aufgezehrt sei.
Gleich-
wohl bestand Bonifacius darauf , daß ein in der Nähe befindlicher großer Stein als Tiſch gedeckt wurde , und kaum war das geschehen, so flog ein großer Raubvogel mit einem Fische im Schnabel über die Stelle, ließ den Fisch fallen und schaffte damit die nöthige Speise. Nach diesen beiden Vorgängen hielt Bonifacius den Ort für heilig, erkundigte sich nach dem Besizer der Gegend
(er wird Hugo der
Aeltere genannt) und bat denselben um Ueberlassung des Areals zum Aufbau einer Kirche. Man kam auch hier seinem Wunsche bereitwilligst entgegen und so entstand die Kirche zu Ohrdruf.
Ueber-
haupt wurde die Ausbreitung der christlichen Religion in Thüringen dadurch wesentlich gefördert , daß Bonifacius einige der begütertsten Unter denselben Herren des Landes dafür zu gewinnen wußte. werden besonders hervorgehoben der schon genannte Hugo und Albolt. Von seinen weiteren Zügen durch Thüringen ist noch bekannt , daß er sich mehrmals in Erfurt aufgehalten hat , in der Stadt der heidnischen Bauern , wie er sie nennt und wo er die Marienkirche gründete ; sodann berichtet noch die Sage, daß er bei dem weimarischen
24
I. Thüringen in der ältesten Zeit.
Dorfe Heilsberg im Amte Blankenhain und bei der Stadt Apolda gepredigt habe. Bei dem lehteren Orte existirt heute noch der Bonifaciusbrunnen , deffen Quelle der Heidenbekehrer auf wunderbare Weise zu Tage gefördert haben soll.*) Das neu erstandene Christenthum in Thüringen hatte aber einen hartnäckigen Feind
an den nördlichen Nachbarn ,
den heidnischen
Sachsen , welche häufig Raubzüge in unser Vaterland unternahmen und die kaum bekehrten Thüringer nöthigten, zum Heidenthum zurückzukehren.
Deshalb unternahm Karl Martell im Jahre 728
einen
Feldzug wider die Sachſen und zwang sie nicht nur , die bisherigen Gewaltthätigkeiten einzustellen, sondern auch den Theil des fränkischen Thüringens , den sie sich bereits angeeignet hatten , wieder herauszugeben. Bonifacius , vom Papste Gregor III zum Erzbischof ernannt, war jetzt besonders darauf bedacht, in Deutschland eine feste Kirchenordnung hervorzurufen , und zu diesem Behuse hatte er den Plan, drei große Bisthümer zu errichten : Würzburg, Buraburg bei Frizlar und Erfurt. Als Bischofssig wurde ihm Mainz angewiesen ; weil er aber bereits die Würde eines Erzbischofs bekleidete , so wandelten Karlmann und Pipin , die damaligen Herren im Frankenreiche , das Bisthum Mainz in ein Erzbisthum um. Der Papst , damit vollständig einverstanden , übertrug nun dem Bonifacius die geistliche Aufsicht über alle Völker Deutschlands , welche durch seine Predigten Darunter gehörten auch zum Christenthume geführt worden waren. die Thüringer, und das Land wurde somit in kirchlichem Bezuge dem Sprengel des Erzbisthums Mainz einverleibt . Ungefähr um dieſe Zeit wurden auf Veranlassung von Bonifacius zwei wichtige geistliche Stiftungen ins Leben gerufen , welche in der Folge auf die Gestaltung Thüringens einen wesentlichen Einfluß ausgeübt haben ; das waren die beiden Abteien Fulda und Hersfeld . Die Insassen der Klöster trugen überhaupt in jener Periode zur größeren Cultur des Landes nicht wenig bei , und die Schulen , die sie in ihren Klöstern errichteten, wirkten auf die Bildung der Jugend sehr segensreich ein . Es liegt außer allem Zweifel , daß Lesen und Schreiben erst von diesem Zeitpunkte an in Thüringen mehr bekannt und geübt wurden.
Noch bei Lebzeiten seines Gründers Sturmius
*) Die Bonifaciussagen, wie sie uns in ihrer gegenwärtigen Fassung vorLiegen , datiren erst aus dem Anfange des 16. Jahrhunderts ; doch lagen denselben jedenfalls ältere Aufzeichnungen zu Grunde.
Die Ausbreitung des Christenthums in Thüringen.
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zählte das Kloster Fulda an 400 Mönche ; seine Schule wurde die berühmteste in Deutschland und übertraf sogar die Schulen Frankreichs und Englands , namentlich während der Zeit, als Rhabanus Maurus dieselbe leitete (Anfang des 9. Jahrhunderts) . Eins wollte dem frommen Bonifacius an unsern Vorfahren noch gar nicht gefallen, das war ihre Lebensweise.
Bei dem Genusse des
Fleisches richteten sich dieselben nicht nach den alttestamentlichen Vorschriften ; sie sättigten sich vielmehr mit dem Fleische manches nach der Bibel für unrein erklärten Thieres und aßen unter anderem auch das Fleisch der Pferde.
Gegen den Genuß solcher Nahrungsmittel
eiferte der Papst und befahl, Bonifacius solle demselben durch Kirchenbußen Einhalt thun.
Daß Bonifacius darauf in seiner Aengstlichkeit
oft auch wieder zu weit ging , beweist z . B. der Umstand , daß er einmal bei dem Papste anfragt, zu welcher Jahreszeit der Speck roh gegessen werden dürfe. Der Papst gab zur Antwort : erst nach Ostern.*) Schon zu den Zeiten des Bonifacius kamen die Todtenopfer und Seelenmessen auf, wie nicht minder die Verehrung der Heiligen, deren Das Ueberreste in einzelnen Kirchen große Verehrung erfuhren. Christenthum , welches Bonifacius brachte , war also mit sehr vielen menschlichen Zusäßen vermischt , trug aber doch zur rascheren Cultur des Volkes nicht wenig bei. Eine der leßten wichtigen Handlungen des Erzbischofs Bonifacius war die Salbung Pipins des Kleinen zum fränkischen Könige 752. Es ist bekannt, daß Bonifacius am Abende seines Lebens noch einen Versuch machte, die heidnischen Friesen zum Christenthume zu bekehren, bei diesem Versuche aber 755 im 75. Lebensjahre mit noch 53 seiner Begleiter den Tod fand. Wenn man seine Thätigkeit für die feste Gestaltung des Christen= thums in Deutschland zuſammenfaßt , so ist es gewiß gerechtfertigt, ihm den Namen „ Apostel der Deutschen" beizulegen, und ganz speziell muß Thüringen ihn als seinen Apostel anerkennen , gerade so wie Franken den Kilian und Bayern den Emmeran. *) Ist etwa hierauf der Ruf der Kinder zurückzuführen : „Kuckuck, der Speck ist reif!" welchen man in einigen Gegenden des mittleren Thüringen noch heute bei dem ersten Schreien des Kuckucks hören kann ?
oooo
Zweiter Abschnitt .
Thüringen unter den Karolingern. 752-911 .
Die Regierungszeit Pipins des Kleinen und Karls des Großen. Die Verwaltung des Thüringer Landes fand in derselben Weise statt , wie die des fränkischen Reiches überhaupt , indem das ganze Land in einzelne Gaue abgetheilt war , über welche besondere Gaugrafen als königliche Beamte die Aufsicht führten .
Urkundlich wird,
wie schon gedacht, erst im Jahre 775 ein Gau genannt, nämlich der Altgau (Altgaw) , während die Namen der übrigen noch viel später vorkommen ; dagegen findet ein Gaugr af erst Erwähnung im Jahre 877 . Es kann die Aufzählung der bekannt gewordenen einzelnen Gaue somit erst im weiteren Verlaufe unserer Darstellung erfolgen. Als Pipin der Kleine 768 starb, theilten sich seine zwei Söhne : Karl, der in der Geschichte den Beinamen führt der Große , und Karlmann in die väterliche Erbschaft.
Zu dem Antheile Karls gehörte
auch Thüringen. Nach einigen Jahren starb Karlmann und nun nahm Karl , ohne die unmündigen Söhne seines verstorbenen Bruders nur irgendwie zu berücksichtigen, auch dessen Landestheil mit in Besitz, damit die fränkische Monarchie nicht zersplittert würde. Mit ihrem neuen Oberherrn waren die Thüringer aber durchaus nicht zufrieden. Als Grund hierfür läßt sich nur annehmen, daß ihnen die Kriegszüge, namentlich gegen die benachbarten Sachſen , an denen sie sich nothgedrungen betheiligen mußten , im höchsten Grade zuwider gewesen sind. Die Unzufriedenheit gedieh in der Mitte der achtziger Jahre zu einer förmlichen Verschwörung und man hatte nichts Geringeres zum Zweck , als die Gefangennehmung und Ermordung des Königs,
Die Regierungszeit Pipins des Kleinen und Karls des Großen.
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oder, falls dieses nicht glücken sollte , wenigstens die Beseitigung der fränkischen Herrschaft. Der Plan konnte nicht lange verborgen bleiben, doch wollte sich Karl erst genau von dem Bestehen desselben überzeugen , bevor er über die Schuldigen ein Strafgericht hielt.
Ein
thüringischer Graf Namens Hardrat hatte seine Tochter einem fränkischen Großen verlobt , sein gegebenes Wort aber wieder zurückgenommen. Diesen Vorfall benußte jezt Karl, um die Gesinnungen der Thüringer zu erforschen, indem er befahl , daß jener seine Tochter unweigerlich herausgeben sollte.
Der Befehl wurde mit Hohn und Troß zurück-
gewiesen , wobei Hardrat von den Großen des Landes unterſtüßt wurde, so daß dem Könige über den Stand der Dinge in Thüringen kein Zweifel blieb.
Wenn nun Eginhard in seiner Lebensbeschreibung
Karls die ungemeine Milde deſſelben rühmt, welche er bei Bestrafung der Schuldigen habe walten laſſen , ſo müssen entweder die Begriffe von Milde zu jener Zeit ganz andere gewesen sein als jest , oder der Aufstand hatte wirklich eine Bedeutung und einen Umfang ge= wonnen , daß von seinem Gelingen das Fortbestehen der Herrschaft Karls abhing ; denn obwohl es nicht zu offenen Gewaltthätigkeiten gekommen war, wurden doch drei der Betheiligten mit dem Schwerte hingerichtet, Andere wurden des Augenlichtes beraubt, noch Anderen wurden die Güter genommen und sie selbst in die Verbannung geschickt. Man schreibt die harte Behandlung den Einflüsterungen der Fastrada zu, Karls Gemahlin, welche sogar eine Thüringerin gewesen sein soll. Wenn freilich das Bestreben der Thüringer darauf gerichtet war, das Band , welches die einzelnen Stämme unter einander zusammenhielt, wieder zu lockern und das große Reich in eine Anzahl kleinerer Staaten zerfallen zu machen, so ließ sich der Zorn Karls des Großen leicht erklären. Allen Nachrichten zufolge waren an dem beabsichtigten Aufstande nur die Großen und Mächtigen Thüringens betheiligt und namentlich solche, deren Wohnsize südlich vom Thüringerwalde gelegen waren. Nach Einziehung ihrer Güter schlug Karl das südliche Thüringen ganz zu Franken und seßte den Thüringerwald als Grenze fest. Weil die Aufständischen sich damit zu entschuldigen suchten, dem Staatsoberhaupte keinen Eid geleistet zu haben, so wurde von jezt ab ein allgemeiner Treueid
eingeführt , wahrscheinlich im
ganzen Umfange des Reiches. Mit dem Jahre 786 kann der Aufſtand als beendet angesehen werden , denn wir finden die Thüringer im Heere Karls des Großen, in welchem sie mit den auftrafischen Franken und den Sachsen eine der drei gegen den Bayernherzog Thassilo ge= führten Heeresabtheilungen bilden.
Ueberhaupt erkannten die Thü-
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II. Thüringen unter den Karolingern.
752-911.
ringer wohl nur zu deutlich, daß sie sich zur Abwehr ihrer unruhigen östlichen Nachbarn an ein großes Ganzes anschließen mußten. Karl der Große besiegte 789 die Wilzen und hatte sich auch schon die Böhmen dienstbar gemacht.
Zwischen diesen beiden Völkerstämmen
wohnten die sorbiſchen Slaven , die Grenznachbarn der Thüringer. Zwar war schon vor langer Zeit die Saale als Grenze festgesezt ; aber die Sorben unternahmen immer aufs Neue Raubzüge in das Thüringerland und plünderten sogar das Kloster Milz , oberen Werra, mehrmals aus .
östlich der
So weit drangen sie bereits in Thü-
ringen ein, und doch vermochte Karl nicht , ihnen kräftig Einhalt zu thun , so lange andere Unternehmungen , namentlich der Kampf mit den Sachsen, seine Kräfte in Anspruch nahmen .
Nachdem auch diese
überwunden und mit den Franken vereinigt waren, konnte die Unterwerfung der östlichen Nachbarn mit vollem Nachdruck ins Werk gesezt werden. 805 wurden durch seinen Sohn Karl die Czechen in Böhmen und die Daleminzier im Norden des Erzgebirges und zu beiden Seiten der Elbe unterworfen. Im nächsten Jahre galt der Feldzug den Sorben. Als Sammelplaß der Heere war der thüringiſche Ort Waladala , vielleicht das spätere Wallhausen ausersehen .
Auch
diesmal hatte der Feldzug einen glücklichen Ausgang ; der Sorbenkönig Milito wurde erschlagen und die anderen sorbischen Fürsten unterwarfen sich.
Zur Sicherung der Grenzen wurden zwei feste Pläße
angelegt , der eine an der mittleren Elbe in der Nähe von Magdeburg , die zur Zeit der fächsischen Kaiser viel genannte kaiserliche Pfalz Dornburg ; *) der andere an der Saale , in der Nähe von Halle, wahrscheinlich der Giebichenstein. Zur Vertheidigung der Grenze fehlten aber bestimmte Beamte ; denn nur auf die Regelung des Handels, welcher sich meistens in den Händen der Slaven befand, hatte man Bedacht genommen . Ein gewisser Madalgaud wird als Aufseher nach Erfurt beordert und er bekommt ganz besonders den Auftrag darüber zu wachen , daß den Slaven von Deutschland aus nicht etwa Waffen zugeführt werden.
Erfurt galt als Grenzpunkt,
bis zu welchem die Kaufleute mit ihren Waaren vordringen durften. Wenn sich besondere Anordnungen nöthig machten, wurden sogenannte Königsboten entfendet und daraus sind später ständige Beamte ge= worden, die Markgrafen. Die ganze Verwaltung wurde unter Karl
* Siehe Lepsius , C. P. , kleine Schriften II. Theil S. 214. Es ist dasselbe Dornburg, für welches irrthümlicher Weise häufig Dornburg a. d. Saale ausgegeben wird.
Die Regierungszeit der Nachkommen Karls des Großen.
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dem Großen eine geregeltere. Seine neuen Geseze und Verordnungen find unter dem Namen Capitularien bekannt. Weil ihm besonders daran lag , die mächtigen Herzöge immer mehr abkommen zu lassen, so wurden an deren Stelle Grafen eingeseßt , an welche theils zur Uebermittelung der Capitularien , theils auch zur Untersuchung der Rechtspflege und Zustände in den ihnen anvertrauten Landstrichen jene Königsboten von Zeit zu Zeit abgesendet wurden. Thüringen hätte wohl Ursache gehabt , mit der Fürsorge Karls des Großen für die Verwaltung wie für den aufblühenden Handel zufrieden zu sein, wenn nur nicht die Betheiligung an den fortwährenden Kriegszügen Indessen hatten diese Kriege immer wieder lästig geworden wäre. auch wieder ihr Gutes , denn sie halfen mit dazu , daß Thüringen endlich als Glied des großen Reiches mit eintrat .
Die Regierungszeit der Nachkommen Karls des Großen. Bekanntlich erbte nach Karls des Großen Tode der schwächste unter seinen Söhnen, Ludwig der Fromme im Jahre 814 das fränkische Reich. Die vorwiegende Hinneigung dieses Fürſten zum geistlichen Stande hat denselben sehr unglücklich gemacht ; denn seine vielen An= dachtsübungen ließen ihm nicht Zeit, sich um die Regierung ordentlich zu bekümmern . Daneben entstanden allerlei Wirren durch die Uneinigkeit zwischen ihm und seinen Söhnen und es ist deshalb gar nicht zu verwundern, daß die Sorben wieder ungestraft ihre Raubzüge nach Thüringen unternahmen. Die Grafen über die einzelnen Gaue waren zwar verpflichtet, solche Einfälle abzuwehren ; aber es fehlte ihnen an der nöthigen Macht, um den Eindringlingen energisch entgegentreten zu können.
Aus diesem Grunde war man darauf bedacht, die Be-
wachung der Grenzgebiete oder der Marken bestimmten Markgrafen anzuvertrauen , welche somit die Vorhut des Reiches bildeten. Die Namen der ersten Markgrafen an der thüringischen Grenze find uns nicht überliefert worden ; nicht einmal der Anführer des fränkischthüringischen Heeres, das 839 gegen die Wilzen und Sorben zu Felde zog, wird genannt . Erst 849, also während der Regierung Ludwigs des Deutschen nennt die Geschichte einen Grafen der Sorbenmark, also des Grenzgebietes Thüringens am Lande der Sorben, in der Person Thakulfs. Von ihm entwerfen die Fuldaer Jahrbücher ein sehr vortheilhaftes Bild, indem sie ihn als einen Mann schildern, der sowohl im Felde wie im Rathe erfahren ist, vom Feinde geachtet und von seinen
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II.
Thüringen unter den Karolingern 752-911.
Landsleuten um seinen Ruhm beneidet wird.
Weil Thakulf mit dem
Kloster Fulda in ſehr enger Beziehung stand und ihm ſogar ſpäter dort seine Ruhestätte bereitet wurde, so ist er jedenfalls derselbe, der schon 837 in einer Schenkungsurkunde des genannten Klosters als Zeuge aufgeführt wird . Bei seinen reichen Besißungen im Slavenlande läßt sich aber auch vermuthen, daß er sogar selbst dem Stamme der Slaven angehört habe. Seine hauptsächlichste Thätigkeit bestand nicht allein darin, die Grenze gegen einbrechende Nachbarvölker zu hüten, sondern dieselbe auch immer weiter nach Osten vorzuschieben, indem die Grenznachbarn dienstbar gemacht wurden ; doch erhielt er bei größeren Unternehmungen erst besondern Befehl vom Kaiser. Manchmal stellte sich auch das Reichsoberhaupt selbst an die Spiße der Kriegsmacht, wie das z . B. 851 geschah . Ludwigs des Deutschen Heer war damals so zahlreich, daß die Sorben gar nicht wagen durften, ihm im offenen Felde entgegen= zutreten. Ihr Land wurde verwüstet und sie baten um Gnade . Bald genug war aber die geübte Nachsicht vergessen, denn 856 muß schon wieder ein Heer gegen sie aufbrechen ; sie scheinen aber auch diesmal die Oberherrschaft wieder rasch anerkannt zu haben, denn sie leisten dem Kaiser jezt sogar Beistand auf seinem Zuge gegen die Daleminzier.
Die vollständige
Unterwerfung hatte aber noch nicht
stattgefunden; im Gegentheil wurde noch gar oft um die Oberherrschaft gekämpft und auf Seiten der Deutschen auch nicht immer mit Glück.
872 erleidet das thüringisch - sächsische Heer in einem Zuge
gegen die Sorben eine harte Niederlage, woran nur der Umstand schuld gewesen sein soll , daß kein Glied des kaiserlichen Hauses an der Spize des Kriegszuges stand, Thakulf wegen seines hohen Alters am Kampfe nicht mehr theilnehmen konnte und somit dem Neide und der Eifersucht der Grafen unter einander Thür und Thor geöffnet war.
Bei dem im Jahre 873 erfolgten Tode Thakulfs , des von
dem Feinde immer noch gefürchteten Grenzhüters ,
erhoben sich die
anwohnenden Sorben und Susaler wieder gegen die deutsche Oberherrschaft. Das Amt eines Grenzgrafen wurde jedoch bald wieder befeht ; Ratolf war der Nachfolger Thakulfs . 874 zog er gegen die aufgestandenen slavischen Nachbarn zu Felde , bei welchem Zuge Schon die Verwüstung
des Landes genügte, das Abhängigkeitsverhältniß der Slaven zu erneuern. Ratolfs Amtsthätigkeit war nicht von langer Dauer , denn 880 wird als Nachfolger von ihm der Graf Poppo genannt, ein Babenberger und Bruder jenes Heinrich, den die Geschichte als den größten Kriegshelden seiner Zeit bezeichnet.
In den östlichen Grenz-
།
ihn der Mainzer Erzbischof Liutbert begleitete.
Die Regierungszeit der Nachkommen Karls des Großen.
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landen hatten sich die Verhältnisse durch die voraus gegangenen Kämpfe schon wesentlich geändert, denn jezt galt nicht mehr die Saale als Grenze, sondern die östlich dieses Flusses zunächst wohnenden Sorben waren bereits eng mit dem deutschen Reiche verbunden und die Streifzüge der noch weiter nach Osten hin wohnenden slavischen Völker waren nicht auf das eigentliche Thüringen gerichtet, sondern auf jene bereits mit Deutschland verbundenen Landstriche. Der erste Kriegszug Poppos gegen die Daleminzier, Böhmen und östlichen Sorben, welche sich im Jahre 880 zu einem Beutezug in die Gegenden östlich der Saale vereinigt hatten, war von so gutem Erfolge begleitet, daß weitere Versuche der Slaven , in altgewohnter Weise ihre westlichen Nachbarn zu belästigen, während der Regierungszeit Poppos nicht mehr vorkamen. Er ist der erste Vorsteher der thüringisch-sorbischen Mark, welcher Herzog der Thüringer genannt wird ( 883), während ihm die Fuldaer Jahrbücher im Jahre 880 nur noch den Titel als Graf bei= legen. Ihn scheint das Streben nach höherer Machtstellung ganz besonders beherrscht zu haben, wozu die Verhältnisse in Deutschland freilich aufmuntern mußten. Aber er fand einen heftigen Gegner in einem Grafen Namens Egino , über dessen Persönlichkeit uns freilich alle näheren Berichte abgehen, von dem sich aber wohl annehmen läßt, daß er in Thüringen große Besizungen gehabt und sich dem aufstrebenden Poppo widersetzt habe. Das thüringische Volk stand jedoch treu zu seinem Herzog Poppo, den einige ältere Geschichtswerke und wohl nicht mit Unrecht als den Ahnherrn der Weimarischen Grafen declariren ; doch fehlt für diese Annahme freilich aller Anhalt zur Aufstellung einer zuverlässigen Genealogie. Nach der Absehung des Kaisers Karl des Dicken näherte sich Poppo dem neuen Kaiser Arnulf von Kärnthen und stand bei demselben bald in großer Gunst, fiel aber nach wenigen Jahren so sehr in Ungnade , daß 892 seine Absehung erfolgte. Specielle Gründe für diese harte Maßregel liegen nicht vor und es läßt sich nur vermuthen, daß sich Poppo eine Vernachlässigung seiner Amtspflichten hat zu Schulden kommen lassen. In dem genannten Jahre unternahm der Bischof Arnt von Würzburg einen Feldzug nach Osten, an welchem Poppo sich nicht mit betheiligte. Auf der Rückkehr von Böhmen hatte Arnt bei dem Flusse Chemniß das Lager aufrichten lassen , wurde aber beim Abhalten der Messe von Feinden überfallen und erschlagen und man schob vielleicht deshalb Poppo die Schuld an dem Ueberfalle zu, weil er sich von dem Kriegszuge fern gehalten hatte. Als Nachfolger von ihm nennt die Geschichte einen der vornehmsten fränkischen Grafen , Konrad ,
dessen Sohn nach
32
II. Thüringen unter den Karolingern.
752-911 .
Arnulfs Tode König von Deutschland wurde. Sein Bruder Rudolf wurde an Stelle des erschlagenen Würzburger Bischofs zum Bischof gewählt, und der dritte Bruder Gebhardt war Pfalzgraf und Graf im Oberrheingau. jener Zeit.
Mithin war die Familie wohl eine der mächtigsten zu
Allein Konrads Beſigungen lagen von der sorbischen Grenz-
mark zu weit entfernt, als daß man in seiner neuen Stellung große Thaten von ihm hätte erwarten dürfen.
Er scheint schon vor dem
Jahre 897 sein Amt wieder niedergelegt zu haben.
Das Bedürfniß
trat aber immer unabweislicher zu Tage, die Verwaltung der östlichen, den Beunruhigungen eines bösen Nachbarvolkes preisgegebenen Grenzlande sicheren und zuverläſſigen Händen anzuvertrauen. Hierzu wurde jezt ein Graf Namens Burchard ausersehen , der bis daher seinen Siz an der jetzigen Grenze Thüringens nach Franken hin aufgeschla= gen hatte , denn er besaß eine Grafschaft im Gau Grabfeld . Unter dieſem neuen Herzog gelangte Thüringen zu einer Bedeutung, wie sie dem Lande bis daher noch nicht zuerkannt worden war. Burchard war nicht bloß Hüter der Sorbengrenze, sondern er nahm als Fürst des Reiches Antheil an den öffentlichen Angelegenheiten und war 903 mit auf dem Reichstage zu Forchheim ; dann war er wieder mit zugegen unter den Großen des Reichs , als über die babenbergischen Brüder die Gütereinziehung verhängt wurde.
Diese Gleichberechtigung mit den mäch-
tigsten deutschen Fürsten, über die Angelegenheiten des Reiches mit zu bestimmen, giebt wohl den besten Beweis dafür , daß die Entwickelung des thüringischen Stammes zu einer bestimmten und festen Form ge= diehen war als Folge jenes, ein ganzes Jahrhundert hindurch ge= führten Kampfes gegen die Sorben . Thüringen war nicht mehr Grenzland , sondern der von den Sorben bewohnte Landstrich war zum Markgebiet geworden, dessen Bewohner Tribut zu zahlen hatten. In den Annalen wird Burchard fast nur als Heerführer und Herzog der Thüringer genannt ; den Titel Markgraf legt man ihm selten bei. * Die Entwickelung der thüringischen Verhältnisse wurde jedoch plöglich gehemmt durch den Einbruch der wilden Ungarnhorden in Deutschland.
Nachdem das wilde Volk seit dem Jahre 900 Bayern
mehrmals heimgesucht und ausgeplündert hatte , kam im Jahre 908 die Reihe an Thüringen. Burchard stellte sich ihnen mit einem Heere entgegen, wahrscheinlich bei Saalfeld , wie Leibniß meint, und nicht bei Eisenach, wie der Chroniſt Rothe erzählt ; denn es liegt doch viel näher anzunehmen, daß der Herzog ihnen an derjenigen Landesgrenze entgegentrat, wo sie ihren Einbruch unternahmen und nicht in dem entgegengesezten Theile des Landes , nachdem also das ganze
Die Regierungszeit der Nachkommen Karls des Großen.
Land der Plünderung preisgegeben war.
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Die Thüringer wurden
geschlagen und Herzog Burchard fiel an der Spiße seines Heeres ; ſomit stand das ganze Land dem Feinde offen. Das Schlimmste für unser Thüringen bestand aber bei der schwachen Regierung des deutschen Königs Ludwig , dem man den Spottnamen das Kind beilegte, darin , daß dem verwaisten Lande kein Oberhaupt wieder gegeben wurde. Da nahm sich der bejahrte Herzog Otto der Erlauchte von Sachsen des verlassenen Landes an. Er hatte ebenso wie seine Vorfahren*) schon thatsächlich einige Striche Thüringens in Besit ; wenigstens standen die Gaue Südthüringen von der oberen ― Unstrut nach Süden zu wie auch der eichsfeldische Gau unter seiner Botmäßigkeit. Wallhausen in der goldenen Aue war sein Eigenthum, jedenfalls auch schon Memleben. Sein eigentlicher Besiz lag am Südabhange des Harzes. Seit 901 stand Otto der Abtei Hersfeld als Abt vor , ließ dort seine Amtsgeschäfte durch einen Mönch Namens Diethart verwalten und genoß nur die weltlichen Vortheile der Abtswürde. Dieser Umstand ist um so wichtiger, als jene Abtei in allen Gauen Thüringens sehr reich begütert war. Wie nun Otto in Thüringen bereits festen Fuß gefaßt hatte, so gab auch die um jene Zeit
erfolgte Vermählung seines Sohnes Heinrich mit der Hethaburg , deren Vater Erwin im östlichen Thüringen ein großer Grundbesig gehörte, einen neuen Beweis für das Bestreben des sächfischen Herzogshauses, nach und nach Thüringen in seine Gewalt zu bekommen. Der zu Eingang erwähnte Dietmar giebt ausdrücklich an, daß neben der Schönheit der Braut auch deren reiches Besißthum einen Hauptgrund zur Heirath abgegeben habe. Heinrich erhielt durch dieselbe einen großen Theil von Merseburg , die Altstadt (nicht die Stadt Alstedt, wie häufig angegeben wird) , und dieser Ort wurde in der Folge durch seine Fürsorge ein wichtiger Punkt bei der Verwaltung Sachsens und Thüringens. Es war das Todesjahr Ottos des Erlauchten (912 ) , als die Ungarn ihren Beutezug wiederholten und daher mag es wohl gekommen sein , daß ihnen kein Widerstand entgegengestellt werden konnte. Den Titel eines Herzogs von Thü-
ringen hatte sich Otto noch nicht beigelegt ; das that erst sein Sohn Heinrich, der spätere deutsche Kaiser . Aber die Besißnahme des Landes *) Otto_der_Erlauchte war der Sohn Ludolfs (daher das Geschlecht das ludolfingſche), den Ludwig der Deutſche 845 zum Herzog von Sachſen ernannt hatte. Ludolf hinterließ bei ſeinem Tode (859) außer Otto noch einen älteren Sohn, Bruno, welcher in der Herzogswürde folgte, aber 880 in einem Feldzuge gegen die Normannen fiel. Deshalb trat Otto als Herzog von Sachſen ein. 3 Kronfeld , Landeskunde. I.
34
II. Thüringen unter den Karolingern.
wurde ihm streitig
752–911.:
gemacht durch den im Jahre 911 erwähnten
deutschen Kaiser Konrad I. Heinrich griff sofort zu den Waffen und brachte besonders die thüringischen Besizungen des Erzbischofs von Mainz, der sich auf Seite des Kaisers befand , in seine Gewalt. Zwar hatte er auch noch zwei heftige Gegner an den Brüdern Burchard und Bardo, von denen der leztere den Gau Huſitin verwaltete und die man für Söhne des 908 gefallenen Herzogs Burchard hält. Sie vermochten indeß eben so wenig gegen ihn etwas auszurichten, als der Kaiser selbst ; Heinrich blieb im unbestrittenen Besize Thüringens und somit war eine wichtige Veränderung vor sich gegangen, nämlich die Verwaltung der beiden Herzogthümer Sachsen und Thüringen ruhte in einer Hand . Von jezt an zogen also Thüringer und Sachsen gemeinschaftlich in den Kampf , wenn es galt , einen äußern Feind abzuwehren. Benußen wir den in der Geschichte Thüringens eingetretenen wichtigen Abschnitt zu einem kurzen Rückblick
auf die damaligen
Verhältnisse.
Zustände in Thüringen. Das früher so weit ausgedehnte Thüringen war in den lezten Jahrhunderten in immer engere Grenzen zurückgedrängt worden. Im Süden gehörte während der Regierungszeit der merovingischen Könige von dem jezigen Franken ein großer Theil zu Thüringen, wie schon bei Erwähnung des Herzogs Gozbert mitgetheilt wurde. Karl der Große schlug diesen Landestheil zu denjenigen Länderstrecken , welche das heutige Franken im nördlichen Bayern ausmachen .
Die von der
Abtrennung betroffenen Thüringer waren mit dem Vorgange vollständig einverstanden, nannten sich freie, auch wohl edle Franken und glaubten sich durch diese Benennung über alle anderen Völker Deutschlands erhaben. Man gewährte ihnen alle die Freiheiten und Vorrechte, welche nach den salischen Gesetzen zulässig waren. - Im Westen hatte das benachbarte Hessen in den ältesten Zeiten gleichfalls einerlei Einwohner mit Thüringen und ein großer Theil des Landes bildete Westthüringen ; aber schon in der ersten Hälfte des 8. Jahrhunderts wird Hessen von Thüringen unterschieden . ―― Nach Norden lag die Grenze bedeutend weiter hinaus als jezt, denn bei der Eintheilung des Landes in Gaue , von welcher weiter unten gehandelt werden soll, wird unter anderem der Nordthüringergan genannt, der
35
Zustände in Thüringen.
sich bis nach Magdeburg erstreckte, und in welchem die Orte Barby, Haldensleben und Helmstedt genannt werden.
In dem Hasgau, gleich-
falls einem Theile des nördlichen Thüringens, lag Allstedt, Memleben, Merseburg, Schman im Querfurtischen und Wormsleben im Mansfeldischen. - Nach Osten hin hat unstreitig ein großer Theil des Osterlandes mit zu Thüringen gehört und die Grenze ist nur durch das Eindringen der Sorben weiter nach Westen verschoben worden . Zu der Zeit, als Thüringen mit Sachsen unter einem Herzog vereinigt wurde , umfaßte es nicht mehr, als was man heutzutage ge= wöhnlich unter Thüringen versteht, so daß die größte und wichtigste Handelsstadt dès Landes, Erfurt , so ziemlich den Mittelpunkt bildete. Die Verwaltung des Ganzen erforderte eine Eintheilung des Landes in kleinere Bezirke, in Gaue , über welche je ein besonderer Vorsteher, der Gaugraf eingeseßt war. Ganz bestimmte und zuverlässige Nachrichten über die Anzahl der Gaue, sowie über deren Abgrenzung unter einander finden sich nicht mehr vor , und nur aus einzelnen Urkunden, in denen da und dort Gaugrafen oder auch Orte, als zu dieſem oder jenem Gau gehörend genannt werden , hat man ſpäter eine Zuſammenstellung versucht, ohne damit behaupten zu können, daß man überall das Rechte getroffen. Ja , die meisten Nachrichten über die Gaueintheilung sind gerade erst aus der Zeit, als die Gaugrafschaftsverfassung immer mehr verloren ging : aus dem 10. und 11. Jahrhundert.
Die Zahl der Gaue betrug etwa 20 ; darunter
find aber einige so unbedeutend , daß man sie wohl nur als Theile eines anderen, eigentlichen Gaues zu betrachten hat.
In einer Ur-
kunde von 775 wird der schon mehrfach erwähnte Altgau genannt als derjenige Bezirk , welcher durch Bonifacius in den ersten Jahrzehnten des genannten Jahrhunderts für den christlichen Cultus ge= wonnen wurde.
In diesem und in dem mit ihm verbundenen Water-
gau werden als Ortschaften genannt : Greußen, Thamsbrück, Mühlhausen , Langensalza, der Marktflecken Körner und die drei Dörfer Behringen.
Der nördlichste Gau war der Helmegau , nach dem
Flusse Helme in der goldenen Aue benannt. Er erstreckte sich von Nordhausen bis Artern. An dieſen grenzte der Nabel- oder Nebel = gau zwischen Unstrut , Wipper und Helme , mit dem vornehmsten Orte Frankenhausen. Weiter füdlich lag der Engelingau ; daher findet man jezt noch dort die Ortsnamen : Holz-, Feld-, Kirchund Westerengel.
Westlich vom Watergau lag der große Gau Eichs-
feld , zu welchem Ammera, Germar, Lengfeld, Emelhausen u . s . w. gehörten.
Zwischen Unstrut und Haynich bis zur Nesse herunter 3*
36
II.
Thüringen unter den Karolingern.
lag der Westergau.
752-911 .
Wohl als Theile desselben find anzusehen der
Lupnisgau , vom Dorfe Nazza bis nach Groß- und Wenigenlupniz im Eisenachischen, und der Hörselgau an der Hörsel, woselbst noch heute das gothaische Dorf Hörfelgau existirt. Von den Quellen der Ilm bei Ilmenau bis Rudolstadt war der Flmengau ; als Theil desselben ist wohl der Langewiesengau anzusehen , mit dem jezt noch bestehenden Orte Langewiesen . Von der fränkischen Grenze im Südosten des Thüringerwaldes an beiden Ufern der Saale und bis zur Quelle der Orla lag der große Orlagan ; ferner von Jena am linken Ufer der Saale entlang bis zur Mündung der Unstrut war der Usiti oder Huſitingau , zu welchem die Orte Weimar, Apolda, Wormstedt, Utenbach u. s. w. gehörten. Ein Blick auf die Karte genügt, um zu finden , daß unter den genannten Landstrichen noch nicht alle Theile Thüringens vertreten find. Die Urkunden führen auch Gaugrafen an , deren Gaubezirke nicht ermittelt werden können. 887 wird ein Graf Otto genannt in Südthüringen ; 949 u. 956 ein Graf Wilhelm in pago Thuringensi ; 979 Sizo in pago Winidon (im Schwarzburgischen) ; 994 Sizzo in pago Germara Marca ; 1016 hemezo in pago Westerun. Die Gauverfassung war eine altgermanische Einrichtung und sie beruhte auf dem Unterschiede der Einzelnen in Freie und Hörige. Den Kern des thüringischen Volkes bildete, wie bei jedem andern deutschen Stamme, der Stand der Freien. Die Freiheit aber war bedingt durch den Besit eines eigenen Gutes , Allod geheißen , und durch die Fähigkeit , die Waffen zu führen.
Je zehn freie Männer,
Gutsherrn , traten unter einem selbst gewählten Vorsteher in eine Gemeinde zusammen und schlichteten unter sich ihre Streitigkeiten. Zehn folche Gemeinden bildeten einen Cent oder ein Hundert und deffen Oberhaupt war der Centgraf; *) mehrere solcher Centen bildeten dann einen Gau. Der Gaugraf war vom Könige eingesezt , so gut wie der Herzog über das ganze Land . Sämmtliche Gerichte der Gemeinden , Cente und Gaue wurden unter freiem Himmel öffentlich abgehalten.
Der Freie konnte nur durch Freie gerichtet werden.
Zur Ueberwachung der Gerichtspflege, der Verwaltung der königlichen Güter und Forsten und zum Schuße der Armen und Wittwen erAn diese schienen von Zeit zu Zeit die königlichen Sendboten .
*) Nach anderer , wohl gewagter Ableitung soll Centgraf so viel bedeuten als Zehntgraf, weil derselbe die Gefälle einzunehmen und für sich den zehnten Theil der verwirkten Strafen zu berechnen hatte.
37
Zustände in Thüringen.
wendeten sich dann diejenigen , welche mit dem Rechtsspruche ihrer heimischen Gerichte nicht zufrieden waren. Heerbann war jeder Freie verpflichtet.
Zum Heeresdienst oder
Unter Anführung ihrer Cent-
und Gaugrafen zogen sie mit ihren eigenen Waffen zum Herzog oder Markgraf , und dieser führte dann den Oberbefehl über die sämmt= liche Mannschaft seines Landes. Im Gegensatz zu den Freien gab es nun eine große Zahl solcher, die einem Herrn dienstbar waren, Hörige und Leibeigene , und diese bildeten einen untergeordneten Stand .
Dazu gehörten zunächst die-
jenigen Leute , welche freiwillig nach einem bestimmten Vertrage sich in den Dienst eines Gutsherrn begaben , um entweder des Herrn Diener, oder auch sein Landbauer zu werden und im lezteren Falle von dem Ertrag der Felder dem Allodherrn einen jährlichen Zins zu bezahlen. Ferner gehörten hierher die leibeigenen Knechte , welche entweder durch Kriegsgefangenschaft oder durch das Gesetz wegen begangenen Frevels, den sie nicht durch ein Wehrgeld büßen konnten, ihre Freiheit verloren ; desgleichen auch die Nachkommen unfreier Leute , die somit von Geburt an in größter Abhängigkeit standen. Die Leibeigenen sammt ihren Weibern und Kindern gehörten dem Herrn an, wie eine Sache , konnten also auch verkauft , vertauscht oder verschenkt werden , ganz nach Belieben des Herrn. Bisweilen gab ein Herr einem oder gleich mehreren ſeiner Leibeigenen die Freiheit ; das waren dann sogenannte Freigelassene oder Colonen. Außer den einheimischen Knechten gab es auch ausländische, die in den Urkunden dieses Zeitalters Slaven genannt werden .
Die Thüringer
hatten , seitdem die Wenden von ihnen in ihrem eigenen Lande ge= züchtigt wurden, eine Menge derselben mit weggeführt und auf ihre Güter vertheilt. Besonders sollen zu Karls des Großen und Ludwigs des Frommen Zeiten viele von diesen Slaven oder Wenden nach Thüringen versezt worden sein.
Sie bauten sich mitten in Thüringen
in eigenen Dörfern an und deshalb führen mehrere derselben , ziem= lich weit ab von der Saale gelegen , wendische Namen. Dahin ge= hören z . B. Groß- und Wenigenlupnih im Eisenachischen und viel= leicht auch Cabarz und Tabarz zwischen Waltershausen und dem Inselsberge. In einer Urkunde des Klosters Fulda aus dem lezten Viertel des 8. Jahrhunderts werden in Lupniß neben 22 Bauern auch 28 Slaven erwähnt. Von Wissenschaft und Kunst konnte in jenem Zeitalter noch nicht viel die Rede sein. Als einzige Pfleger der Wiſſenſchaften ſind die Mönche anzusehen , welche in ihren Klöstern die Jugend unter-
38
II.
richteten.
Thüringen unter den Karolingern.
752–911.
Die Klosterschulen zu Fulda und Hersfeld gehörten zu
den berühmtesten Deutschlands , und von ihnen aus verbreitete sich auch über Thüringen wiſſenſchaftliche Aufklärung. Die Ausbreitung der Wissenschaft wurde jedoch dadurch gehemmt , daß Alles in latei nischer Sprache gelehrt wurde. hundert vorherrschend .
Dieselbe blieb bis zum 14. Jahr-
Der gelehrteste
Mann
seiner Zeit , durch
welchen auch auf Thüringen ein wesentlicher Einfluß ausgeübt wurde, war der schon genannte Rhabanus Maurus , geboren zu Mainz.* ) Ausgebildet zu Tours unter der Aufsicht des berühmten Alcuin, übernahm er bei seiner Zurückkunft nach Fulda , woselbst er seine Jugendzeit zugebracht , die Leitung der schon damals ausgedehnten Klosterschule. Seine große Gelehrsamkeit zog von allen Seiten Schüler herbei. Nach 24 jähriger Lehrthätigkeit wurde er zum Abte des Klosters gewählt , war aber nach 20 Jahren genöthigt , diese Stelle wieder aufzugeben, weil er sich bei seinen Studien fast nicht um die Wirthschaft des Klosters bekümmerte. Er starb 856. Verbreiteten nun auch einzelne solcher großen Geister gewiß
viel Licht unter ihren Zeitgenossen , so nahm doch die
allgemeine
Aufklärung einen sehr langsamen Verlauf , schon um deswillen , weil die Schriften solcher weisen Männer nur durch Abschreiben vervielfältigt werden konnten. Die Geistesbildung des gemeinen Mannes befand sich noch auf einer sehr tiefen Stufe ; indeß scheinen doch mechanische Arbeiten uud namentlich diejenigen Handwerke , welche den Menschen ihre Bequemlichkeiten verschaffen, schon in einiger Aufnahme geweſen zu sein . Schuster, Drechsler, Wagner, Schildmacher, Brauer , Bäcker und auch Nezmacher waren schon nicht mehr selten. Der Handel bewegte sich jetzt noch in engen Grenzen , denn das eigentlich städtische Leben lag sogar der Zeit noch fern, als Thüringen unter den sächsischen Kaisern stand . Nur Erfurt bildete einen uralten Handelsplaß. Seine Handelsartikel bestanden zunächst nur aus Naturerzeugnissen : Salz, Honig, Wachs , Käse, Wolle, Felle, Getreide und Vieh ; später kamen dazu Waffen, Gefäße aus Holz, Stein oder Metall, Tuch, Leinwand , Pelzkleider und auch Schmuckfachen. Geld gab es damals noch nicht viel. Weil die Deutschen die ersten Geldsorten zuerst von den Römern kennen gelernt hatten, so blieben auch die Benennungen von Pfunden , Soliden und Denarien noch lange bei.
Das Pfund Silber theilte man in
*) Schneider, Dr. Joseph. Geburtsort sein.
Buchonia.
20
Soliden (Schillinge)
Nach anderer Angabe soll Fulda
39
Zustände in Thüringen. und den Solidus in 12 Denarien.
Der Werth des Solidus oder
Schillings kam aber später weit herunter. Das Verhältniß des Silbers zum Golde war gleich 1 : 12. Ackerbau und Viehzucht blühten in jener Periode immer mehr auf , was die Menge der Dörfer beweist, womit Thüringen damals angefüllt war. Viele derselben existiren nicht mehr, weil die später vorkommenden häufigen Räubereien die Bewohner mancher Dörfer bewogen , sich zu einem größeren , gemeinschaftlichen Orte zusammen zu thun ; weil ferner auch Kriegsdrangsale, Feuers- und Hungersnoth die Einwohner zum Verlassen ihrer Heimstätte zwangen. Ueber den damaligen Stand der Landwirthschaft und die Beschäftigung der Bewohner , welche neben Ackerbau und Viehzucht auch die Weberei für den Hausbedarf betrieben , wie dies heute noch im nördlichsten Theile Deutschlands der Fall ist, geben uns Urkunden des Stiftes Fulda Aufschluß. Dasselbe besaß z. B. zu Haina im Gothaischen 6 Fluren oder Territorien , welche von 44 Bauern bewirthschaftet wurden , von denen jeder alle Jahr ein gemästetes Schwein und ein von eigenem Flachse verfertigtes Stück Leinwand
abgeben mußte ;
31
andere lieferten
jeder ein Schwein und ein Stück Tuch oder ein doppeltes Betttuch. Jedes Weib lieferte von Flachse , der auf den Aeckern des Klosters erbaut war , drei Hemden und gab noch jährlich 5 Hühner und 10 Eier.
Ferner werden 120 Slaven erwähnt, von denen jeder 1 Pfund
Flachs, 1 doppeltes Betttuch, 1 Scheffel Hafer und 1 Huhn jährlich zu liefern hat.
Zu Lupnih mußten die vorhandenen 28 Slaven jeder
ein Kiſſen, und die 22 Bauern jeder eine Ziegenhaut jährlich liefern. Gerade der Umstand , daß
in
Thüringen sehr viel Klosterbauern
waren, d . h. Bauern, welche gegen mäßigen Zins , bestehend in Erträgniſſen des Bodens den zum Besißthum irgend eines Klosters gehörenden Grund und Boden in Benuhung hatten , gerade das trug zum rascheren Aufblühen des Ackerbaues wesentlich bei; denn es lag im Interesse des Klosters , wenn dessen liegende Güter möglichst reichen und dazu auch mannigfaltigen Ertrag lieferten, und so wurde bei der Bekanntschaft der Klöster unter einander die Cultivirung mancher Bodenfrucht zunächst auf den Klostergütern herbeigeführt, Die Anstalten, welche dann durch Nachahmung weiter verbreitet. später ein allgemeines Aergerniß waren , die Klöster, haben also zu ihrer Zeit nach jeder Richtung hin den segensreichsten Einfluß ausgeübt.
Dritter Abschnitt.
Thüringen unter den sächsischen Kaisern.
Die Zeit Heinrichs I. und Ottos I. Zum Schluß des 2. Capitels im vorigen Abschnitte war gesagt worden , daß Herzog Heinrich von Sachsen troß des anfänglichen Widerspruchs von Seiten des Kaisers Konrad im unbestrittenen Besige Thüringens verblieb ; ja der Lettere sah sich sogar veranlaßt , vor seinem Abscheiden seinen bisherigen Gegner zum Reichsoberhaupte vorzuschlagen.
Die viel später (in der Mitte des 11. Jahrhunderts)
erfundene Sage läßt Heinrich von der Gesandtschaft , welche ihm die Mittheilung hiervon machen soll , auf dem Finkenfange überraschen. Bei der förmlichen Ausführung der Königswahl sind die Thüringer zum erstenmal als selbständiger Stamm betheiligt.
Es ist bekannt,
mit welcher Umsicht der neue Kaiser alle Vorkehrungen traf, um einen endlichen Sieg über die ungarischen Schaaren zu erringen.
Zwei
Grundbedingungen waren es , welche erfüllt werden mußten , wenn Heinrich eines Erfolges gegen die Ungarn sicher sein wollte : er be= durfte einer großen Anzahl fester Pläße, in welche sich die Umwohner bei herannahender Gefahr leicht flüchten konnten, und der bisher bestandene Heerbann mußte einer gründlichen Umgestaltung unterzogen werden . In beiden Punkten wußte Heinrich alle Schwierigkeiten glücklich zu überwinden. Seine Streitmacht noch vor Ablauf des Waffenstillstandes mit den Ungarn im wirklich ernſten Kampfe zu üben, überzog er 928 und 929 die Slaven an der Elbe und Havel mit Krieg und verband damit zugleich den Zweck, jenen die BundesSeine Truppen be= genossenschaft mit den Ungarn zu verleiden.
Die Zeit Heinrichs I. und Ottos I.
41
währten sich so gut , daß die nördlich und nordöstlich wohnenden Obotriten, Heveler, Rhedarier und Daleminzier sich ihm unterwerfen mußten. Aus ihren Ländern bildete er drei Markgrafschaften : Nordsachsen, Altmark und Meißen ; wenigstens wurde jezt der Grund dazu gelegt.
Auch die Böhmen wurden bezwungen.
Wie wichtig die Vorbereitungen Heinrichs zu einem geeigneten Empfange der Ungarn gerade für unser Thüringen waren, das sollte die Folge zeigen ; denn als deren Abgesandte im Jahre 933 statt des legten Tributes der Sage nach auf Heinrichs Befehl einen räudigen Hund vorgesezt bekamen und ergrimmt über den angethanen Schimpf in viel größerer Zahl als früher gegen Deutschland heranstürmten und
ihren Zug ganz besonders
auf Thüringen
richteten ,
würde
das Land wohl schlimmer als je ausgeplündert worden sein , wenn sich nicht die getroffenen Vorkehrungen Heinrichs
bewährt hätten .
Der gewaltige Schwarm der Ungarn theilte sich an der Grenze Thüringens in zwei Haufen , wovon der eine kleinere seinen Weg durch das nördliche Thüringen nahm , um am südlichen Fuße des Harzes hinziehend die Ufer der Weser zu gewinnen. Rasch waren Thüringer und Sachsen in den Waffen und schlugen diesen Schwarm in der Nähe von Sondershausen so entscheidend , daß nur wenige entkamen . Der zweite größere Haufen hatte sich um Merseburg gelagert und glaubte die Stadt , in der man viele Schäße vermuthete , durch Abschneiden der Zufuhren zur Uebergabe zwingen zu können. Sobald der Kaiser Heinrich von dem Herannahen der Ungarn Kunde erhalten hatte , war sein Befehl zur Ergreifung der Waffen durch das ganze deutsche Land ergangen. Bei Todesstrafe wurde die waffenfähige Mannschaft zusammengerufen. Unweit Merseburgs , bei dem Dorfe Keuschberg fand der Zusammenstoß mit den Ungarn statt und der Erfolg war ein so glänzender , daß die Ungarn sogar ihr Lager im Stiche ließen und schleunigst die Flucht ergriffen.
Der glücklichste
Augenblick für Heinrich kam erst nach gewonnener Schlacht , als er die bereits zum Transport gefesselten, von den Ungarn eingefangenen Deutschen , deren Zahl auf 4000 angegeben wird , befreien und sie den Ihrigen wiedergeben konnte. Der Ruhm Heinrichs war durch die glückliche Niederlegung des räuberischen Ungarnvolkes für alle Zeiten fest begründet. Wie man ihn den Städteerbauer nennt , so müßte man ihn mit gleichem Rechte den Begründer des Ritterwesens nennen , denn er war die Veranlassung , daß die Deutschen von jezt ab an den Kämpfen zu Pferde großes Gefallen fanden. Im Jahre 936 rief ihn aus seinem viel bewegten Leben der Tod ab , als er
42
III.
Thüringen unter den sächsischen Kaisern.
gerade in Memleben an der Unstrut verweilte. bereitete man ihm seine Grabstätte.
Zu Quedlinburg
Es läßt sich nicht verkennen, daß Heinrich mit besonderer Vorliebe in Thüringen verweilte, um hier in stiller Zurückgezogenheit von seinen sorgenvollen Regierungsgeschäften auszuruhen. Von dem lezten Reichstage in Erfurt zog er sich nach dem stillen Memleben zurück, wo ihn auch am 2. Juli genannten Jahres der Tod ereilte .
Wie in
Memleben, so hielt er sich auch gern in Allstedt auf, über welches ein besonderer Pfalzgraf die Aufsicht führte ; das war der Anfang zur späteren sächsischen Pfalz. Es bestanden noch zwei solcher Pfalzen, nämlich Wallhausen in der goldenen Aue und Merseburg an der Grenze zwischen Thüringen und Sachsen . Heinrichs Nachfolger, Otto , wußte sich troß der mehrfach gegen ihn auftretenden Empörung nicht nur als Herzog von Sachsen und Thüringen , sondern auch als deutscher Kaiser zu behaupten ; ja er führte während seiner 36jährigen Regierung das Regiment mit so fester, gewaltiger Hand , daß Deutschland alle Nachbarländer an Macht und Glanz weit übertraf und Otto mit Recht erst als der eigentliche Begründer des deutschen Reiches betrachtet werden kann.
Nach dem
Abschaffen der Königsboten, welche Karl der Große eingeführt hatte, um die Verwaltung des Landes beaufsichtigen zu lassen , theilten sich Herzöge, Bischöfe und Pfalzgrafen in den Amtskreis derselben. Um aber so viel als möglich die Zügel der Regierung selbst in den Händen zu behalten , sezte Otto unter andern in Thüringen keinen Herzog wieder ein , obschon er eigentlich als deutscher Kaiser die specielle Verwaltung nicht bloß Thüringens , sondern auch Sachsens an Andere hätte übertragen müssen.
Schon sein Vater Heinrich hatte
dies Verfahren der Selbstregierung eingehalten und nur einzelnen Grafen in Thüringen durch die Vereinigung mehrerer Grafschaften unter ihrer Verwaltung eine sichere Stellung verliehen , doch immer unter der Form völliger und vollständiger Abhängigkeit, so daß sie ein- und abgesezt werden konnten. So wird ein Graf Meginwerd während der Regierung Heinrichs in vier verschiedenen thüringischen Gauen genannt.
Der Graf Dedi besaß die Grafschaft im Haffegau .
Derselbe hatte mit dem Grafen Wilhelm, dem späteren Grafengeschlechte von Weimar angehörend , den Kaiser Otto gleich bei dem Antritt seiner Regierung kräftig unterstüßt , und es scheint , als ob beide zum Lohne für ihre treue Dienstleistung zu hervorragender Stellung im Lande emporgehoben und mit amtlicher Befugniß ausgestattet worden seien.
Die Zeit Heinrichs I. und Ottos I.
43
Nicht lange nach Ottos Regierungsantritt empörte sich Herzog Eberhard, der Bruder des früheren Kaisers Konrad, weil er es nicht vergessen konnte, daß die Kaiserkrone von seiner Familie an die Herzöge von Sachsen übergegangen war. Sein Unternehmen mißlang.
Aus Rache verband er sich mit Ottos Stiefbruder Thankmar,
welcher Ansprüche auf die Grafschaft Merseburg zu haben vermeinte. Der dritte im Bunde war der Herzog Gieselbert von Lothringen, Ottos Schwager.
Während der Fehde wurde Thankmar erschlagen 939.
Wie dieser Streit um eines Theiles von Thüringen willen angezettelt wurde, so wurde in demselben Jahre durch Heinrich, den leiblichen Bruder Ottos eine förmliche Empörung auf thüringiſchem Boden ge= plant, nämlich in Saalfeld , das an der Grenze des thüringiſchen, slavischen und fränkischen Landes zu solchen Vorhaben ganz besonders günstig gelegen war.
Heinrich ging nach Lothringen , um von da
aus in das Reich einzufallen , und ließ in denjenigen thüringiſchen Städten , die ihm eigenthümlich zustanden , Besaßungen von seinen Anhängern zurück.
In diesem Kampfe war es nun , daß die vorhin
genannten Grafen Dedi und Wilhelm sich als treue Anhänger des Kaisers Otto auszeichneten. Sie kämpften nicht nur tapfer mit in der Birthener Schlacht , sondern
Dedi wußte
sich dem Kaiser be-
sonders dadurch noch nüßlich zu erweisen , daß er in den östlichen Landen die Kunde von Ottos glänzendem Siege auszubreiten und damit die bisher dem Heinrich treu gebliebenen Städte auf des Kaisers Seite zu bringen wußte. Nur Merseburg und Burgscheidungen ließen sich nicht bewegen. Auffallend ist aber der Umstand, daß die beiden Grafen bei der Empörung Ludolfs , des eigenen Sohnes Kaiser Ottos , gegen seinen Vater (953 ) , den Gegnern des Kaiſers angehörten und deshalb bei dieſem in Ungnade fielen .
Wilhelm
scheint indeß bald und schon im folgenden Jahre wieder zu Gnaden angenommen worden zu sein.
954 konnte Otto endlich in Thüringen,
und zwar in Arnstadt einen Reichstag abhalten , bei welcher Gelegenheit sein ältester Sohn Wilhelm mit dem Erzbisthum Mainz beliehen wurde. In seiner Jugend hatte sich nämlich Otto in eine junge Wendin verliebt und mit ihr den Sohn Wilhelm gezeugt, welcher später den geistlichen Stand erwählte. als er Erzbischof wurde.
Wilhelm zählte erst 26 Jahre,
Fälschlicher Weise wird in einigen Ge=
schichtswerken behauptet , als habe der Kaiser seinem Sohne gleichzeitig die Länder Heffen und Thüringen zu erblichem Besize und Eigenthum übertragen.
Die Nachricht davon taucht erst zu Anfang
des 15. Jahrhunderts auf.
Auch Sagittarius begeht einen Irrthum,
44
III. Thüringen unter den sächsischen Kaisern .
wenn er dafür hält, als sei dem jungen Erzbischof Wilhelm die Statt= halterschaft über Thüringen aufgetragen worden, eine Ansicht, welche wohl von den Mainzer Erzbischöfen in späterer Zeit selbst erfunden und verbreitet worden ist , um die Entstehung ihrer Macht in Thüringen auf die Zeit zurückzuführen , als Ottos eigener Sohn das Erzbisthum verwaltete. Vielleicht hat zu der irrigen Annahme der Umstand beigetragen , daß Wilhelm während der Abwesenheit des Kaisers in Italien dessen Stelle 961 oder 968.
in Deutschland vertrat , entweder
Für Thüringen, deſſen geistlicher Oberherr der Erz-
bischof Wilhelm war, hat sich derselbe besonders fürsorglich erwiesen, namentlich der Stadt Erfurt gegenüber, welche auf seine Anordnung mit Mauern umgeben und zu befferer Vertheidigung mit vielen Edelleuten besezt wurde, denen er in der Umgegend Güter verlieh.
Einer
Sicherung gegen etwaige Einfälle der Bewohner in den östlichen Grenzländern hätte die Haupthandelsstadt Thüringens wohl nicht bedurft , denn dort war eine große Wandlung insofern vor sich ge= gangen , als Kaiser Otto , wie er schon früher die Bisthümer Havelberg und Brandenburg errichtet hatte , jezt drei neue Bisthümer in das Leben rief: zu Merseburg , Zeiß und Meißen , um mit der Be= festigung des Christenthums zugleich auch die weltliche Oberherrschaft immer sicherer zu stellen. Diese drei Bisthümer sollten einem Erzbisthum untergeordnet werden, zu deffen Siz Magdeburg ausersehen war. Allein , dem lezteren Plane opponirten der Erzbischof von Mainz und der Bischof von Halberstadt , so daß die Ausführung desselben wirklich bis zum Tode der Beiden ausgesezt blieb und erst 968 erfolgte.
Die Errichtung der Marken an der öftlichen Grenze Thüringens. Die Zeit der übrigen fächſiſchen Kaiſer, Die vorhin genannten drei Orte für die neuen Bischöfe wurden . zugleich auch die Wohnsize für drei Grafen , welche diese östlichen Grenzlande oder Marken zu verwalten hatten und daher Markgrafen genannt wurden.
Mithin zerfiel das ganze östliche, den Slaven ab-
gerungene Gebiet in drei Abtheilungen, von denen die eine den Bezirk um Merseburg ,
die andere den um Zeit , und die dritte den um
Meißen ausmachte.
Die Markgrafen waren nicht nur der weltliche
Schuß für die Bischöfe , sondern sie hatten die Grenzen gegen die noch weiter östlich wohnenden Slaven zu schüßen und zu vertheidigen
Die Errichtung der Marken an der östlichen Grenze Thüringens 2c.
45
und überhaupt die ganze Verwaltung der ihnen angewiesenen Landſtriche, welche nun als Vorlande Thüringens anzusehen sind, in ihren Händen.
Die Geschichte nennt uns als ersten Markgrafen von Merſe-
burg den Grafen Wigbert , und von Zeiß den Grafen Wigger. Der letztere bemühte sich ganz besonders , das Ansehen des Bischofs zu vermehren. Durch seine Verwendung bei dem Kaiser Otto II erhielt der Bischof von Zeit im Jahre 977 eine reiche Schenkung, zu welcher unter anderm die Städte Zeiß und Altenburg gehörten. Ueber Meißen war der Markgraf Günther gefeßt , unstreitig der wichtigſte unter den dreien ; denn während für Wigger schon kein Nachfolger genannt wird und zu Anfang der achtziger Jahre der Markgraf von Merseburg alle Bedeutung verloren zu haben scheint, breitete sich die Macht der meißniſchen Markgrafen immer mehr aus . Der erste dortige Markgraf Günther entstammte einem in Thüringen reich begüterten und hochangesehenen Geschlechte , das man das Ecardsche Haus nennt. Aus den Nachrichten des Fuldaer Klosters geht hervor , daß dieſes Adelsgeschlecht schon zur Zeit der Karolinger eine ziemliche Bedeutung erlangt hatte, denn man zeichnete die Todesjahre der einzelnen Hauptglieder desselben sorgfältig auf. Der erste Eckard starb 871 , ein Günther 925, ein zweiter Eckard 954 und jetzt begegnet uns wieder ein Günther als Markgraf in Meißen. Bevor ihm das wichtige Amt übertragen wurde , that er sich in den Kämpfen Ottos I rühmlich hervor , was von Wittekind und Dietmar besonders betont wird . Gleichwohl wird derselbe aus unbekannt ge= bliebenen Ursachen später als Markgraf entsegt , kommt aber bei Kaiser Otto II, welcher als neunzehnjähriger Jüngling im Jahre 973 seinem in Memleben verstorbenen Vater Otto I in der Regierung nachgefolgt war , wieder in Gunst, zieht mit ihm nach Italien und fällt kämpfend gegen die Saracenen 982.
Noch größere Bedeutung
erlangt sein Sohn Eckard . Reich begütert in Thüringen , woselbst ihm neben bedeutenden Lehngütern, wie z . B. Weißenfels, gleichzeitig ein großer Eigenbesit , wie Naumburg , die Stadt Gene (jezt Dorf Großjena am Einflusse der Unstrut in die Saale) und viele andere Güter zustanden, wußte er sich auch durch seine Waffenthaten großen Ruhm zu erwerben und Beziehungen zu den angesehenſten Geschlechtern anzuknüpfen. Durch seine eheliche Verbindung mit Swanhilde , der Tochter des von Otto I zum Herzog von Sachſen ernannten Hermann Billung, welche bereits mit Thietmar , dem Herzog von der Ostmark vermählt gewesen war , trat Eckard den hochangesehensten Familien des Landes näher und wurde bald so mächtig , daß er sich lange
46
III.
Thüringen unter den sächsischen Kaisern.
bitten ließ , bevor er in die Verheirathung seiner Tochter mit dem Sohne des Markgrafen Lothar von der Nordmark einwilligte , weil die Partie seinen hochfahrenden Plänen nicht entsprechend erschien. Nach dem Tode des Markgrafen Rikdag wurde er dessen Nachfolger in den drei vereinigten Ostmarken 985 , eroberte alsbald die von den Böhmen mit Liſt weggenommene Stadt Meißen wieder zurück , sezte den vertriebenen Bischof Wolkold in Meißen wieder ein und zwang den Böhmenherzog Boleslav zum Lehensverhältniß , während er mit dem Herzog Miseco von Polen in ein enges Freundschaftsbündniß trat. Die im Osten wohnenden , von Heinrich I bereits zinspflichtig gemachten, aber sehr wankelmüthigen Milziener wurden von ihm vollſtändig unterworfen .
992 war die Stadt Brandenburg wieder an
die Wenden verloren gegangen ; im nächsten Jahre wurde dieselbe zurückgewonnen und Markgraf Eckard war es, der an der Spize des Unternehmens stand . Wie sein Vater Günther die Vasallentreue im Kampfe gegen die Feinde des Kaisers in Italien bewährt hatte, so begleitete auch Eckard den jungen Kaiser Otto III *) 997 auf seinem zweiten Zuge nach Kom , um die dort ausgebrochenen Unruhen zu dämpfen, und führte die schwere Aufgabe aus, die für uneinnehmbar geltende Burg des Aufrührers Crescentius zu erstürmen. Der Geschichtsschreiber Dietmar weiß die Tapferkeit Eckards nicht genug zu rühmen und es ist deshalb nicht zu verwundern , Kaiser ihm seine volle Gunst zuwendete.
daß der junge
Aber die erneuerten Kämpfe
gegen die Slaven scheinen den Markgrafen zeitig wieder aus Italien zurückgerufen zu haben.
Das Gefühl seiner Kraft feuerte ihn schon
jezt zur Erstrebung höherer Ziele an und so sucht er die Verlobung seiner Tochter Liutgard mit dem Sohne des Markgrafen Lothar rückgängig zu machen und zwar aus keiner geringeren Ursache , als um der Schwiegervater des jungen Kaisers Otto zu werden.
Auch für
seinen Beſigſtand sucht Eckard Vermehrung und Befestigung , zu welchem Zwecke ihm die Stadt Naumburg , wohin auch von Gene die Begräbnißstätte der Familie verlegt wird , zum Centralpunkte dient. Zur Erreichung dieser Absichten ist ihm die Gunſt des Kaiſers von großem Werthe; er weiß sich dieselbe nicht nur zu erhalten, sondern womöglich noch in erhöhterem Grade zu sichern , als jener im Jahre 1000 nach dem Grabe des heiligen Adelbert in Gnesen
*) Otto II war 983 in Italien gestorben. Für seinen erst dreijährigen Sohn Otto III wurde eine vormundschaftliche Regierung eingesetzt, bis derfelbe 996 in Rom zum Kaiser gekrönt wurde.
Die Errichtung der Marken an der öftlichen Grenze Thüringens 2.
47
eine Wallfahrt unternimmt , bei welcher Gelegenheit ihm Ecard in Der Kaiser vermehrt Meißen einen prächtigen Empfang bereitet. bisher nur als Lehen Ecards Besit dadurch, daß er ihm mehrere erzählt, Dietmar Wie überläßt. innegehabte Orte als Eigenthum erbaten ihn sogar die Großen in Nordthüringen vom Kaiser zu ihrem Markgrafen, und wenn auch von der ausdrücklichen Zustimmung des Kaisers nichts berichtet wird , so ist doch sicherlich anzunehmen , daß derselbe nichts dagegen eingewendet hat. Aber gerade dieses immer unverhohlener zu Tage tretende Streben nach höherer Machtstellung und das dabei bewiesene herrische Auftreten zogen dem Markgrafen die Feindschaft der angesehenſten Grafen in Thüringen zu und führten mit raschen Schritten sein Verderben herbei.
Es war besonders das Weimarische Grafenhaus , das
der Ausbreitung seiner Macht einen ganz entschiedenen Widerstand entgegenseßte.
Als Stammvater dieſes mächtigen Grafengeschlechts
ist wohl nicht mit Unrecht der thüringiſche Herzog Poppo aus dem babenbergschen Hause anzusehen ; denn es ist nachgewiesen, daß Poppo einen Sohn besaß Namens Wilhelm und diesen hält man für den Vater desjenigen Grafen Wilhelm von Weimar, dem wir vorhin schon begegneten und zwar zuerst auf Seite des Kaisers Otto I und dann als Mitbetheiligten bei dem Aufstande des Herzogs Ludolf von Schwaben , infolge dessen er verbannt und erst auf dem Reichstage zu Arnstadt wieder zu Gnaden angenommen wurde. wird derselbe als Graf in Südthüringen genannt.
In den Urkunden Als dieser Wil-
helm 963 starb, hinterließ er zwei Söhne : Wilhelm und Poppo, von denen der lettere Kaiser Ottos I Caplan war , und jener bei seiner langen Lebensdauer (er
überlebte seinen Bruder fast um vierzig
Jahre) der eigentliche Begründer der Macht des Weimariſchen Grafenhauses wurde. Stammsiz der Familie war der Ort Wimmeri oder Wehmare im Gau Husitin, die heutige Stadt Weimar.
Außer in
diesem Gau hatte die Familie noch die Grafschaft in Südthüringen, im Altgau , im Helmgau und im Eichsfelde inne.
Wilhelms Ver-
hältniß zum Kaiserhause war fortwährend ein freundliches , so daß sogar Otto II im Jahre 975 in Weimar einen großen Reichstag abhielt. Um so mehr muß es auffallen , daß Wilhelm nach Ottos II Tode nicht für dessen minderjährigen Sohn Otto III Partei ergriff, sondern sich zu deſſen Gegner, zum Herzog Heinrich von Bayern hinneigte, sicherlich in der falschen Voraussetzung , auf diese Weise eine noch höhere Machtstellung zu erringen. Die sächsischen Fürsten standen aber fest zu Otto III und von ihnen wurde sogar Wilhelm in seiner
48
III.
Thüringen unter den sächsischen Kaisern.
Stadt Weimar belagert. Die merkwürdige Schwankung Wilhelms verminderte natürlich sein bisheriges Ansehen , während sein Gegner, der Markgraf Eckard als treuer Anhänger Ottos III sich dessen Gunſt im höchsten Maße zuzuwenden wußte. Bei dem unerwarteten Tode des noch nicht 22jährigen Otto III 1002 hielt endlich Markgraf Eckard den Zeitpunkt für geeignet, seine Hand nach dem höchsten Kleinod in Deutschland, nach der Kaiserkrone auszustrecken. Allein sein bisheriges herrisches Wesen hatte ihm sehr viele Feinde zugezogen und weder in Frosa , noch in Werla wußte er auf den veranstalteten Fürstenversammlungen seine Ansprüche durchzuseßen ; man einigte sich viel= mehr, den Urenkel Heinrichs I , Herzog Heinrich von Bayern , zum Kaiser zu wählen. Alle weiteren Versuche Eckards waren vergeblich und er beschloß , nach Thüringen zurückzukehren. Da ereilt ihn auf der Heimkehr der Tod , aber leider durch Mörderhand. Die beiden jungen Grafen von Nordheim und Katelenburg überfallen ihn und sein Gefolge in der Nacht, als er in dem kaiserlichen Hofe zu Pölda sein Nachtquartier aufgeschlagen hat. Er fällt kämpfend , von der Lanze des jungen Grafen Siegfried von Nordheim tödtlich getroffen. Während dieser Vorgänge belagerte Eckards Sohn Hermann im Auftrage seines Vaters den Grafen Wilhelm in Weimar , um diesen zur Fügsamkeit gegen die Forderungen Eckards zu zwingen. Schon konnte Hermann auf ein sicheres Gelingen der Belagerung rechnen, als die Todesnachricht von Pölda eintraf, infolge deren die Berennung der Burg sofort aufgehoben wurde. In Begleitung seiner Mutter reiste er dem Leichenzuge des Vaters entgegen und nach ge= schehener Bestattung in Großjena begab sich die Familie nach Meißen, jedenfalls um dem ältesten von Eckards Söhnen die Nachfolge in der Markgrafschaft zu sichern.
Inzwischen hatte der Bruder des er-
mordeten Ecard , Gunzelin die Markschaft erhalten und erst nach dessen Absetzung 1010 ward Hermann vom Kaiser Heinrich II als Markgraf in Meißen eingeſeßt. Der Untergang des Markgrafen Eckard hatte zur Folge , daß der jegt im Greifenalter stehende Graf Wilhelm von Weimar wieder zu hohem Ansehen gelangt und als eigentlicher Vertreter der Thüringer auftritt, auch wenn er nicht den Titel eines Herzogs trägt. Als der Kaiser Heinrich II 1002 nach Thüringen kam , reiſte ihm Wilhelm in Begleitung der vornehmsten Herren des Landes entgegen, um an der Grenze den neuen Herrscher zu empfangen und ihm die Anerkennung als Kaiser seitens der Thüringer auszusprechen , was jenem so wohl gefiel, daß er auf die Bitte Wilhelms den Thüringern
Die Errichtung der Marken an der östlichen Grenze Thüringens 2c.
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die Abgabe von 500 Schweinen , welche sie seit der Regierung des Frankenkönigs Theodorich alljährlich in die königliche Küche hatten liefern müssen, für die Zukunft erließ. Aus Allem geht hervor, daß Wilhelms Einfluß in Thüringen nur durch die Gewalt des Markgrafen Eckard niedergehalten worden war und nun erst zur vollen Geltung gelangte. Für das Land konnte dieses Emporkommen der Weimarischen Grafen nur von wohlthätigem Einfluß ſein ; denn wenn auch der erschlagene Eckard in Thüringen reiche Besitzungen inne hatte, so war er doch in erster Linie Markgraf von Meißen . Die Zuneigung der Großen in Thüringen hatte er sich noch obendrein durch sein gewaltthätiges Vorgehen gänzlich verscherzt.
Das Wei-
marische Grafenhaus dagegen war nur in Thüringen begütert, hatte hier mehrere Grafschaften inne und alle seine Interessen gehörten ausschließlich diesem Lande an. Der Graf Wilhelm ſtarb 1003 und hinterließ vier Söhne, auf welche die Gunst des Kaisers übergegangen zu sein scheint, namentlich auf den ältesten derselben, der wiederum den Namen Wilhelm führt , also der vierte dieſes Namens .
Das Eckardſche Haus hat die markgräf-
liche Würde nur bis zum Jahre 1046 inne gehabt. Als Hermann 1029 starb, erhielt die Markgrafschaft sein jüngerer Bruder Eckard II, der in den Kämpfen gegen die Böhmen und Slaven sich rühmlich hervorthat und vom Kaiser Heinrich III nur sein getreuester „treuer Ecard " genannt wurde , aber schon im Jahre 1046 ohne männliche Nachkommen zu hinterlassen verschied . Somit war das Eckardsche Haus in männlicher Linie ausgestorben.
Während der Blüthezeit
desselben war der Bischofssiz von Zeiß nach Naumburg verlegt worden, welche Stadt sich überhaupt ganz besonderer Fürsorge des Grafenhauſes erfreute. Die Familiengruft desselben befand sich jezt in der neu errichteten Domkirche, in welcher 11 Statuen noch heute an den vormaligen Glanz des Geschlechtes erinnern. Auch die alte Eckartsburg mit der Stadt Eckartsberga verdankt der Familie ihre Entstehung und zwar nimmt man als Zeit der Erbauung beider das Jahr 998 an. Bei dem Aussterben des Mannesstammes war eine Tochter des Markgrafen Eckard I noch am Leben.
An deren Ge-
mahl, Dietrich aus dem Stamme Buzizi fielen somit die Erbgüter der Familie.
Dietrich gilt als Stammvater des Wettinischen Hauses .
Jezt gelangten die Grafen von Weimar in den Besitz der Markgrafschaft Meißen 1046. Der zulezt genannte Graf Wilhelm von Weimar hinterließ drei Söhne : Wilhelm, Otto und Poppo. Wilhelm wurde der erste Markgraf aus dem Weimarischen Hause. 4 Kronfeld , Landeskunde. I.
Er starb
50
III.
Thüringen unter den sächsischen Kaisern.
1062 auf der Reise nach Ungarn, von wo er seine Braut heimholen wollte. Nach ihm überkommt sein Bruder Otto die Markgrafschaft Meißen. Er ist der erste in der Familie , der sich 1060 und 1067 von Orlamünda nennt und Graf im Orlagau heißt. Um diejenigen Güter in Thüringen zu erlangen , welche sein verstorbener Bruder Wilhelm vom Erzbischof von Mainz zu Lehen hatte , mußte er versprechen, von allen seinen Grundbesißungen dem mainzischen Stuhle den Zehnten zu entrichten und auch die Thüringer zu dieser Abgabe zu bewegen. Diese aus Eigennuß gegebene Zusage zog ihm den Haß des ganzen thüringiſchen Volkes zu, das seinen schon 1067 eintretenden Tod nicht im mindeſten bedauerte.
Er hinterließ nur drei Töchter.
Mit der Uebernahme der Markgrafschaft waren
die Weimariſchen
Grafen ihrem Stammlande Thüringen immer mehr entfremdet worden und Otto hatte sogar seinen Wohnsiz an die östliche Grenze desselben, nach Orlamünde verlegt. Neben diesen beiden wichtigsten Geschlechtern in Thüringen, dem Eckardschen und dem Weimarischen Hause, treten die übrigen Großen des Landes weit zurück, und wenn auch einzeln vorkommende Namen darauf hindeuten , daß ihre Träger möglicher Weise die Ahnherren später hervorragender Familien sind , wie z. B. die Namen Günther und Sizzo auf die in der nachfolgenden Zeit mächtigen Grafen von Kefernburg verweisen, so fehlt doch aller geschichtliche Nachweis .
Die
besonderen Gaugrafen verschwinden aus der Geſchichte ; dafür bilden sich zu Ende des 10. Jahrhunderts Grafschaften aus mit erblichen Oberherren , welche die alte Eintheilung des Landes in Gaue nach und nach in Vergessenheit bringen. Wie hierin , so waren auch auf einem anderen Gebiete , nämlich auf dem kirchlichen sehr wichtige Veränderungen vor sich gegangen .
Die kirchlichen Verhältnisse.
Der Streit um die Abgabe
des Zehnten. In Ansehung der kirchlichen Verhältnisse nahm unser Vaterland im Vergleich zu den übrigen Ländern des deutſchen Reiches insofern eine Sonderstellung ein , als es nicht in Bisthümer eingetheilt war, oder richtiger, als in ihm kein eigenes , heimisches Bisthum existirte. Auf die politische Entwickelung des Landes war dies von wesentlichem Einfluß ; denn eben dieser Mangel eines eigenen Bisthums wurde die Veranlassung , daß Thüringen den andern deutschen Ländern gegen=
Die kirchlichen Verhältnisse.
Der Streit um die Abgabe des Zehnten.
über lange Zeit in unbedeutender Stellung verblieb.
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Aber schon
Bonifacius , dem Apostel der Thüringer , war die Errichtung eines selbständigen Bisthums in Erfurt nicht gelungen ; denn dasselbe ging nach kurzem Bestehen wieder ein und es schwebt noch heute ein Dunkel darüber , aus welchen Ursachen dieser Vorgang hergeleitet werden soll.
Der Erzbischof von Mainz wurde daher zugleich Bischof
von Thüringen ; es läßt sich aus der weiten Entfernung des Bischofs= sizes wohl folgern, daß für das Land wenig genug geschehen ist. Größeres Gewicht als auf die Entwickelung der kirchlichen Zustände scheinen die Erzbischöfe auf ihren weltlichen Besit im Lande gelegt zu haben ; denn derselbe breitete sich wohl über ganz Thüringen aus.
Vorhin erſt wurde erwähnt , wie die Grafen von Weimar zu
Mainz im Lehensverhältniß standen und daß sogar Graf Otto als Erbe ſeines Bruders Wilhelm nur unter der Bedingung die mainziſchen Lehen erhält, daß er von seinen sämmtlichen thüringischen Besitzungen den Zehnten entrichte und zu dieser Abgabe auch die übrigen Thüringer veranlasse.
Zuſammen aufgeführt findet man freilich die Be-
sizungen der Erzbischöfe nicht , sondern es werden deren immer nur vereinzelte namhaft gemacht , wie z . B. in einer Urkunde von 731 einige Güter im Lupenzgau im Eisenachischen.
Für die mainzer
Erzbischöfe blieb die Stadt Erfurt , welche schon im 9. Jahrhundert durch ihren Handel zu großer Bedeutung gelangt war , der Hauptstützpunkt in Thüringen.
Die Stadt war zur Zeit Ludwigs
des
Deutschen noch Eigenthum des Reiches und Pfalzstadt des Kaisers ; im 11. und 12. Jahrhundert dagegen ist das Eigenthumsrecht des Erzbischofs schon nicht mehr wegzuleugnen, denn dieser läßt als weltlicher Regent seine Gerechtsame durch einen Vicedominus wahren. Nicht auf ihre Stellung als geistliche Oberherren des Landes, sondern einzig und allein auf ihre weltliche Macht im Lande war in der Folge die wichtige Rolle gegründet , welche die Erzbischöfe in Thüringen spielten. Eben deshalb waren sie während dieser Periode auch nicht darauf bedacht, durch Anlegung von Klöstern als den Ausgangspunkten des kirchlichen Lebens dem Lande Segen zu schaffen, sondern einzig und allein nur darauf, wie sie ihre Macht durch immer größeren Besit erweitern könnten . Zwar wird von Einigen die Stiftung des Petersklosters in Erfurt in das Jahr 706 , von Johannes Rothe sogar auf 636 zurückverlegt ; aber glaubhaft urkundlich wird vor der Mitte des 11. Jahrhunderts eines Klosters in Erfurt nicht gedacht. Als Erzbischof Siegfried von Mainz im Jahre 1060 Mönche dahin überführte, waren Canoniker auf dem Petersberge und der 4*
52
III.
Thüringen unter den sächsischen Kaisern.
Erzbischof gründete das Kloster auch nur in Berücksichtigung des Umstandes, daß alle Thüringer, welche sich dem Klosterleben zu widmen gedachten , aus Mangel eines inländischen Kloſters ihr Heimathsland verlassen mußten. Die Marienkirche in Erfurt soll Bonifacius drei Jahre vor seinem Tode gestiftet haben ; aber troß ihres Alters hat sie keinen Einfluß auf das kirchliche Leben in Thüringen ausgeübt. Das Kloster zu Ohrdruf schien eine besondere Wichtigkeit erhalten zu sollen ; denn es wurde die Bildungsstätte für die thüringiſche Geistlichkeit ; aber sein Bestand war nur von kurzer Dauer, indem es schon bei Lebzeiten des mainzer Erzbischofs Lullus in Abhängigkeit kam von Hersfeld , das jenem ſeine Entstehung verdankte. Noch am Ende des 12. Jahrhunderts wird es als hersfeldische Probstei ge= nannt.
Außer diesen beiden kirchlichen Stiftungen erwähnen die Zeit-
genossen des Bonifacius keine von ihm selbst ausgeführte , während die spätere Ueberlieferung ihm noch manche andere zuschreibt ; obenan die Kirche bei Georgenthal auf dem alten Berge.
Das Kloster
Hohenburg bei Langensalza ſoll Karl der Große gegründet haben ; doch gehören beide Stiftungen erst dem 12. Jahrhundert an. Größere Bedeutung hatten die Klöster in Nordhausen und Memleben , welche ihr Entstehen dem sächsischen Kaiserhause verdanken.
Kaiſer
Otto II gründete zum Andenken an seinen Vater , der eben so wie sein Großvater gern an dem Orte verweilt hatte, die Abtei zu Memleben und gab derselben eine völlig freie, unabhängige Stellung, indem er die Beſizungen der Klöster Hersfeld und Corvei in dem Orte ablöste und dieselben seiner neuen Stiftung zuwendete. Ferner tauschte er von Hersfeld die drei für das Kloster sehr wichtigen Capellen zu Allstedt, Osterhausen und Riestedt ein , welchen von alter Zeit her der Zehnte im Haſſegau und Friesenfeld zustand, verlieh dem Orte Memleben Markt-, Münz- und Zollgerechtigkeit , schenkte ihm die in der Nähe liegende Stadt Wiehe mit der Umgegend und außerdem einen bedeutenden Grundbesig in mehreren slavischen Gauen zwischen Saale und Elbe und noch jenseits der Elbe.
Das Kloster war so
ſelbſtändig , daß es unmittelbar unter dem päpstlichen Stuhle stand . Hätte man auf dem angebahnten Wege weiter gebaut, so hätte dasselbe wohl mit der Zeit das fehlende Bisthum in Thüringen ersehen können . Um so unerklärlicher ist daher der Umstand, daß die großartige Stiftung den von ihr gehegten Hoffnungen nicht entsprach .
Entweder
war die Verwaltung in ungeschickte Hände gerathen , oder aber der Neid und die Mißgunst der schon bestehenden größeren kirchlichen Stiftungen, vielleicht auch das Vorhaben des Kaisers , in Thüringen
Die kirchlichen Verhältnisse.
Der Streit um die Abgabe des Zehnten.
53
das Regiment feſter zu faſſen und das Streben nach Selbständigkeit zu hemmen, hatten das Ihrige dazu beigetragen , daß Memleben von der angestrebten Höhe bald wieder herabsteigen mußte.
Noch im Jahre
seines Regierungsantrittes (1002) bestätigte Kaiſer Heinrich II dem Kloster alle Besißungen und 1015 giebt derselbe die auffallende Erklärung ab, daß die Armuth der Abtei und die Dürftigkeit der Mönche ihn veranlaßt habe, dasselbe dem Kloster Hersfeld zu unterstellen und dieſem das volle Eigenthumsrecht über Memleben zu verleihen. Somit war nach kaum 40 jährigem Bestehen die erste bedeutendere und vollständig unabhängige kirchliche Stiftung in Thüringen wieder dem Verfalle anheimgegeben. An Kirchen fehlte es in Thüringen nicht ; aber sie standen fast sämmtlich unter auswärtigen Klöſtern, durch welche also das kirchliche Leben in Thüringen beherrscht wurde. Besonders waren es die beiden Klöster Fulda und Hersfeld , welchen neben reichem Grundbesiz auch eine große Zahl von Kirchen zustand . Die Besizungen Hersfelds lagen fast ausschließlich nur auf thüringiſchem Boden, und wenn die Güter von Fulda in einem Flächenraum vom Elsaß bis zum Lande der Friesen, von Thüringen und Sachsen bis an den Rhein zerstreut lagen , so war doch seine Hauptmacht in Thüringen .
In der Mitte
des 12. Jahrhunderts zählt der Mönch Eberhard Schenkungen auf in 340 thüringischen Orten. Karl der Große hatte Großvargula a. d. Unstrut, Ludwig der Fromme Salzungen , Ludwig der Deutſche Gerstungen , Konrad Trebra *) geschenkt zc.
Diese freiwilligen
Abtretungen sind um deswillen äußerst wichtig , weil innerhalb der Klosterbesigungen die königlichen Gerichte keine Macht hatten, sondern alle Angehörigen derselben hinsichtlich der Rechtspflege unter dem Abte standen. In den ehemals sorbisch- wendischen Landstrichen jenseits der Saale hatte die Ausbreitung des Christenthums nur langsame Fortschritte gemacht und die Zahl der Christen war selbst bei Errichtung der drei Bisthümer noch nicht sehr groß. Dazu wohnten die heid= nischen Slaven den Bischofssigen sehr nahe , so daß die geistlichen Oberherren nicht selten einen harten Stand bekamen und der Bischof von Zeit sogar seinen Wohnsiz nach Naumburg verlegen mußte. Wie langsam das Christenthum in jenen Gegenden Wurzel faßte , geht unter Anderm auch daraus hervor , daß der Vorgänger des viel=
*) Im pago Husitin , alſo das Trebra bei Apolda , und nicht das bei Sondershausen.
54
III. Thüringen unter den sächſiſchen Kaiſern.
genannten Bischofs Dietmar in Merseburg (Dietmar bekleidete die bischöfliche Würde von 1008 bis 1018) in der Nähe genannter Stadt einen Hain ausroden ließ , dem als heidnisches Heiligthum immer noch göttliche Verehrung gezollt wurde. Damit die Bekehrung der von der oberen Saale etwas östlicher wohnenden Heiden besser ge= fördert werde , gründete der Erzbischof von Köln zu Saalfeld_im Jahre 1075 das Peterskloster.
So traurig sah es an den östlichen
Grenzen Thüringens um das Christenthum aus, nachdem unser Vaterland schon seit mehreren Jahrhunderten zur christlichen Religion bekehrt worden war. Um den Zusammenhang des Stoffes nicht zu zerreißen , müſſen wir bei der Darstellung des Nachfolgenden , des Streites um die Abgabe des Zehnten ziemlich weit über die Zeit der sächsischen Kaiser hinaus in die der salischen oder fränkischen Kaiser hinübergreifen . Die Kirche nahm im Anschluß an die mosaischen Geseze des alten Testaments die Abgabe des Zehnten für sich in Anspruch , und in diesem Vorgehen war sie sowohl von den Merovingern als auch von den Karolingern kräftig unterstüßt worden. Troß alles Widerstandes war die Verpflichtung zur Zehntabgabe in allen deutschen Ländern allgemein geworden.
Es muß daher auffallen , daß die Thüringer
dem Erzstifte Mainz gegenüber volle Freiheit vom kirchlichen Zehnten genossen, wenngleich der Zehnte an die einheimischen Kirchen zu deren Unterhaltung abgeleistet wurde, wodurch eben die Klöster Fulda und Hersfeld, indem ihnen die meisten Kirchen zustanden , neben den Erträgen aus ihren weltlichen thüringiſchen Besißungen reichliche Einfünfte bezogen.
Vielleicht hatte seiner Zeit Bonifacius von dem
Anspruch auf Zehnten abgesehen , um das Werk der Bekehrung zu erleichtern ; vielleicht auch war damals die Abgabe so lange stſtirt worden , bis das beabsichtigte Bisthum in Thüringen errichtet sein würde.
Weil dieses aber überhaupt nicht zur vollen Durchführung
gelangte sondern bald wieder einging , so war der Anspruch auf Zehnten zum Besten des Erzstiftes nicht wieder in Anregung ge= kommen.
Die Thüringer genossen also im Gegensatz zu den andern
deutschen Stämmen vollständige Befreiung von der zulezt genannten lästigen Abgabe. Im 11. Jahrhundert nun erhob , wie wir aus der Geschichte des Weimarischen Grafen Otto vorhin gesehen haben , der Erzbischof Siegfried Ansprüche auf den Zehnten, und zwar sollte von der an die Kirchen zu leiſtenden Zehntabgabe eine bestimmte Quote nach Mainz abgeliefert werden.
Jedenfalls hätte derselbe, es läßt
sich das aus seinem Vorgehen wohl schließen, am liebsten den vollen
Die kirchlichen Verhältnisse.
Der Streit um die Abgabe des Zehnten.
55
Betrag für sich eincaſſiren laſſen. Da aber die Kirchen im Lande doch unterhalten werden mußten , so wären die Thüringer mit kirchlichen Abgaben doppelt belastet worden. Bei dem zeitigen Tode des genannten Grafen ( 1067) konnte der Bischof seine Absicht nicht erreichen, gab aber die Hoffnung auf endliches Gelingen seines Planes nicht auf.
Wirklich bot sich ihm 1069 ein mächtiger Verbündeter
an in der Person des Kaiſers Heinrich IV.
Im Jahre 1066 hatte
ſich Heinrich nach dem Wunſche und Willen der Fürsten verheirathet, fand aber keinen Gefallen an seiner Gemahlin und wünschte deshalb eine Ehescheidung herbeizuführen , die freilich von dem Papste nicht so leicht zu erlangen war.
Der Erzbischof Siegfried sollte daher sein
Fürsprecher werden und als Gegenleistung für diesen Dienst versprach ihm der Kaiser seinen Beistand in der Zehntangelegenheit. Zur selben Zeit drohte unserm Vaterlande noch von anderer Seite her Die Wittwe des Grafen Otto von Weimar, eine große Gefahr. Adela , hatte sich wieder verheirathet und ihr jeßiger Gemahl , der Markgraf Dedi von der Laufiß hatte ohne Weiteres auch die Lehngüter der weimariſchen Grafen in Besitz genommen , troß des Widerspruchs von Seiten
des Mainzer Erzbischofs .
Dedi glaubte
die
feindliche Stimmung jenes Kirchenfürsten dem Einflusse des Kaisers zuschreiben zu müſſen , beseßte rasch die festen Pläße in Thüringen und suchte sich mit Gewalt zu behaupten. Nichts hätte ihm erwünſchter ſein müſſen , als wenn die Thüringer zur Bekämpfung ihrer beiderseitigen Feinde sich mit ihm verbunden hätten. Sie griffen auch wirklich zu den Waffen , nahmen aber eine abwartende Stellung ein und versprachen sogar dem Kaiser ihren Beistand gegen Dedi , wenn er ihnen ihr altes Vorrecht der Zehutfreiheit bestätigen wolle. Heinrich gab eine ausweichende Antwort , rückte noch im Jahre 1069 in Thüringen ein und nachdem außer anderen Pläßen auch Burgscheidungen in ſeine Hände gefallen war , ergab sich Dedi und entsagte seinen Ansprüchen . Offenbar hatte der Kaiser den raschen Erfolg nur dem Umstande zu danken, daß die Thüringer den Markgrafen nicht unterstüßten.
Gleichwohl band ihn aber doch auch
das Versprechen gegen den Erzbischof von Mainz und er gebot deshalb den Thüringern leichthin, den Zehnten künftig zu entrichten . Das Verlangen des Kaisers war so wenig ernst gemeint , daß die Thüringer nicht im Entferntesten daran dachten , demselben Folge zu leisten. Der Zehntenstreit ruhte jezt einige Jahre ; dafür mußte aber Thüringen aus anderer Veranlassung harte Drangſale erleiden .
Das
Vorgehen Heinrichs IV gegen den ſächſiſchen Grafen Otto von Nordheim,
56
III.
Thüringen unter den sächsischen Kaisern.
dem die Mutter des Kaisers während
der Minderjährigkeit ihres
Sohnes das Herzogthum Bayern gegeben hatte , deffen Macht aber dem Kaiser schon längst ein Dorn im Auge gewesen war und der auf die falsche Anklage hin , als habe Otto beabsichtigt , den Kaiser meuchlings ermorden zu laſſen, ihn 1070 seines Herzogthums entsegt, seine Stammburgen in Besitz genommen und seine übrigen Güter hatte verwüsten lassen , veranlaßte nun diesen , seinerseits gegen das Reichsoberhaupt angreifend vorzugehen . Er fiel in Thüringen ein, vertheilte die reiche Beute aus den königlichen Villen an seine Truppen und gab die Erlaubniß zum Rauben und Plündern. Unaufgehalten ging ſein Zug bis Eschwege.
Dort stellte sich ihm ein thüringiſcher
Kriegshaufe unter Anführung des Grafen Ruotger von Bilstein entGleichwohl gegen , erlitt aber eine vollständige Niederlage 1070. mußte sich Otto von Nordheim mit dem Herzog Magnus von Sachsen dem Kaiser gefangen geben und Heinrich hatte nichts Geringeres im Sinne , als das Herzogthum Sachsen ganz an sich zu nehmen und darin nach seinem Gefallen zu verfahren. Schon ließ er in dem Lande auf Bergen und Hügeln eine Anzahl Zwingburgen anlegen. Aber auch in Thüringen wurden auf des Kaisers Befehl viele solcher Burgen erbaut und die Umwohner derselben dabei zu den härtesten Frohndiensten herangezogen. Die königliche Besaßung streifte im Lande umher, raubte und plünderte und trieb noch überdies mit den Unterthanen den gräulichsten Muthwillen .
Um
seiner Handlungsweise
wenigstens einigen Schein des Rechtes zu verleihen ,
erneuerte jegt
Heinrich selbst die Zehntangelegenheit mit Mainz , ermunterte den Bischof zur Wiederholung seiner Ansprüche auf diese Abgabe und versprach die kräftigste Unterstüßung unter dem Bedingniß, daß ihm von dem zu erlangenden Zehnten der dritte Theil zugesichert werde. Voll Freude nahm der Erzbischof Siegfried das Anerbieten auf und schrieb im Jahre 1073 nach Erfurt eine Synode aus , zu welcher auch der Kaiser mit einer Anzahl Krieger erschien. Außer den Thüringern waren auch die Aebte von Fulda und Hersfeld bei der Angelegenheit sehr interressirt , weil ihnen für den Fall , daß die Zehntabgabe nach Mainz ins Leben trat , eine nicht unansehnliche Benachtheiligung drohte ; aber ihre Protestation half zu nichts .
Die mitanwesenden übrigen deutschen Bischöfe wagten nicht,
zu widersprechen und so fügten sich die Thüringer mit Hinblick auf die kriegerische Macht, welche der Kaiser entwickelte. Sie gaben das Versprechen, von jezt ab den Zehnten zu entrichten und hofften damit von den Bedrückungen der königlichen Söldner befreit zu werden,
Die kirchlichen Verhältnisse.
Der Streit um die Abgabe des Zehnten.
57
sahen sich aber bitter getäuscht , denn die Belästigung von den Besagungen der königlichen Burgen wurde immer unerträglicher und jezt mußte bei den Räubereien der Vorwand herhalten, als ob damit der Zehnte beigetrieben werden sollte. Alle Klagen bei dem Kaiser waren fruchtlos ; man wies dieselben unter dem Vorgeben zurück, der Kaiser müffe die Ehre Gottes und der Kirche vertheidigen. In gleich schamloser Weise war man in Sachsen verfahren , so daß zulezt bei Fürsten und Volk die Geduld zu Ende ging. Einige sächsische Fürsten, in Verbindung mit dem Erzbischof von Magdeburg und anderen Bischöfen , gaben sich eidlich das Versprechen , die Freiheit und ihre heimischen Geseze auf Tod und Leben zu vertheidigen und rückten mit einer großen Volksmenge vor Goslar. Das unvermuthete Entkommen des Kaisers machte die Sachsen um den Ausgang besorgt und sie wendeten sich nun um Beistand an die Thüringer. In Trettenburg, etwa eine Stunde nördlich von Gebesee trafen ihre Abgesandten die versammelten Thüringer und wurden von dieſen mit Jubel empfangen. Sofort entsandte man nach allen Seiten hin an die thüringischen Fürsten und Grafen Boten, um sie mit ihren Mannen zur Theilnahme aufzurufen, und wenn sich irgendwo Lauigkeit oder auch Zaghaftigkeit fand, so drohte man , die Besizungen der Betreffenden zu verwüsten . Auch die Aebte von Fulda und Hersfeld wurden zum Bündniß gegen den Kaiser eingeladen. Jezt suchte derselbe einzulenken und schickte Boten an die versammelten Thüringer, um sie durch Versprechungen von dem Bündnisse mit den Sachſen los zu machen ; aber so groß war bei ihnen der Widerwille gegen den Kaiser und das Mißtrauen gegen seine Versprechungen, daß die Boten, verhöhnt und beschimpft, kaum mit dem Leben davon kamen . Sofort wurde auch der Erzbischof von Mainz in Erfurt von ihnen überrascht.
In seiner Be-
drängniß gab derselbe die Zuſage , nichts gegen die Thüringer zu unternehmen und stellte Geiseln zur Bekräftigung seines Versprechens . Hierauf zog man vor die verhaßten Burgen des Kaisers, nahm nach heftigem Sturme die Heimburg , belagerte die Asenburg bei Nordhausen, die sich nach vier Monaten ergeben mußte, und ein gleiches Schicksal drohte den übrigen Raubnestern. Der Ernst der Sachlage zwang den Kaiser zum Nachgeben. Die Erzbischöfe von Mainz und Köln übernahmen die Vermittlerrolle und man einigte sich dahin, einer in Gerstungen zusammentretenden Fürstenversammlung die Angelegenheit zur Entscheidung vorzulegen.
Inzwischen nahm die
Belagerung der kaiserlichen Burgen ungestört ihren Fortgang. 20. October 1073 fand die Versammlung statt.
Am
Von allen Seiten
58
III.
Thüringen unter den sächsischen Kaisern.
wurde das Verhalten des Kaisers den Thüringern und Sachsen gegenüber hart getadelt und es fehlte nicht viel , so wäre schon jezt die Absetzung über denselben ausgesprochen worden . Die Sachsen verlangten Bestätigung ihrer alten Rechte , Zerstörung der Burgen und Wiedererstattung des geraubten Eigenthums , während die Thüringer in erster Linie die Beseitigung der Zehntansprüche aufstellten. Heinrich war genöthigt , die Bedingungen einzugehen und vorläufig Frieden zu schließen. Die genauere Festsetzung desselben sollte sodann auf einem weiteren Berathungstage in Goslar erfolgen. Inzwischen war von den Burgen auch noch die Spatenburg bei Sondershauſen gefallen und Volkenrode wurde belagert. Troß aller gegebenen Versprechungen hätte der unzuverlässige Kaiser im Jahre 1074 die Thüringer und Sachsen gern mit Waffengewalt zur Fügsamkeit ge= zwungen ; aber er fand zur Ausführung seines Planes bei den deutschen Fürsten keinen Anklang und so mußte er sich zu abermaliger Unterhandlung bequemen. Man verlangte in erster Linie wieder die Niederlegung der noch übrigen kaiserlichen Zwingburgen im Lande und Heinrich gab endlich nothgedrungen die Erlaubniß dazu . Es ist bekannt, welche Gräuel bei der Zerstörung der Harzburg ausgeübt worden sind ; doch ist sehr fraglich , ob die Thüringer hierbei , wie überhaupt bei der Zerstörung der Burgen im Sachsenlande mit be= theiligt waren. Im October desselben Jahres wiederholte der Erzbischof von Mainz auf einer Synode zu Erfurt , troß des Widerstandes, den er bisher bei den Thüringern gefunden hatte, abermals seine Ansprüche auf den Zehnten. Mit Berufung auf den Gerstunger Frieden wieſen die Thüringer jene Ansprüche zurück, und als dies bei dem Erzbischof nicht verfing, so drangen sie in Schaaren herbei, um die Synode zu vertreiben . Siegfried floh nach Heiligenstadt und hoffte von dort aus durch seinen Bannfluch endlich die Thüringer Dieses Mittel würde wohl nur von geringer gefügig zu machen . Wirkung gewesen sein ; aber jezt erstand den Thüringern eine neue Gefahr, denn der Kaiser verband sich abermals mit dem Erzbischof. Die Gräuelscenen bei der Zerstörung der Harzburg hatten für ihn einen Umschwung hinsichtlich des Beistandes der deutschen Fürsten, den Sachsen und Thüringern gegenüber herbeigeführt und die bisherige treue Bundesgenossenschaft der beiden Stämme wurde nun Ursache , daß die Thüringer von jener rohen Verwüstung auf der Harzburg die Folgen mit tragen mußten. Zu Anfang des Jahres 1075 sammelte sich ein kaiserliches Heer zum Zuge gegen die Sachsen und Thüringer, welche ihrerseits Lupniß im Eisenachischen zum Sammel-
Die kirchlichen Verhältnisse.
Der Streit um die Abgabe des Zehnten.
59
plaße auserſehen hatten. Allein sie erwarteten nicht hier das Heer ihres Gegners , sondern zogen sich an die Unstrut zurück , nach dem Kloster Homburg und dem Dorfe Nägelstedt nahe bei Langensalza. Am 9. Juni 1075 trafen die Heere auf einander.
Diesmal waren
Thüringer und Sachsen die Unterliegenden. Nicht das Schwert allein räumte unter ihnen furchtbar auf, sondern eine große Zahl fand bei der Flucht in der Unstrut den Tod . 8000 Mann sollen auf ihrer Seite gefallen sein ; aber auch die Kaiserlichen zählten 5000 Todte . Troßdem war mit dieser blutigen Schlacht die Sache immer noch nicht entschieden ; vielmehr wurde für den October deſſelben Jahres ein neuer Kriegszug gegen die Sachsen beschlossen , welcher indessen nicht zur Durchführung kam . Das kaiserliche Heer sammelte sich zwar bei Gerstungen ; aber zwischen Sachsen und Thüringern waren Mißhelligkeiten entstanden ; ein Stamm schob dem andern die Schuld des Unglücksfalles an der Unstrut zu , und überdies war die Menge des Volkes der Kriegführung müde und verlangte ungestüm nach Friedensschluß. Die Anführer der Sachsen, als : Otto von Nordheim, der Erzbischof Wezel von Magdeburg, der Bischof Bucco von Halberstadt, der Herzog Magnus , Pfalzgraf Friedrich von Sachsen, mehrere Grafen aus beiden Ländern, darunter aus Thüringen Ruotger, Sizzo, Berenger und Bern , und noch viele Edle erschienen in demüthiger Haltung in dem kaiserlichen Lager zu Spier an der Helbe und baten um Frieden. Der Kaiser handelte unwürdig , denn er behielt die Bittenden als Gefangene zurück , vertheilte dieselben zur Bewachung an
die
anwesenden Fürsten
in seinem
kurzem Aufenthalte in Thüringen
Gefolge und
reiste
wieder nach Worms .
nach
Sachsen
und Thüringer schienen der Willkür des Kaiſers gänzlich preisge= geben zu sein.
Da fanden sie unerwartet einen Bundesgenossen an
dem Papste Gregor VII . Diesem erbitterten Gegner Kaiser Heinrichs IV. tamen die Beschwerden , welche die Sachsen gegen das Reichsoberhaupt bei ihm anbrachten , außerordentlich gelegen.
Um
sich in seiner Noth die Sachsen wieder günstiger zu stimmen, entließ Heinrich freiwillig die noch gefangenen sächsischen Fürsten aus ihrer Haft.
Der
Gnadencat
brachte bei
den Freigelassenen
nicht die
Wirkung hervor , welche der Kaiser erwartet hatte ; sie hielten sich bei den bald darauf folgenden Kämpfen Heinrichs zu seinen Feinden und stritten sowohl bei Melrichstadt an der Streu am 7. August 1078 als auch bei Flarchheim *) unweit Langensalza am 27. Januar *) Der Ort hieß früher Fladenheim, dann Flachheim, und aus dieser Benennung wurde Flarchheim (C. A. Noback, der Regierungsbezirk Erfurt).
60
III.
Thüringen unter den sächsischen Kaiſern.
1080 tapfer für den Gegenkaiser Rudolf von Schwaben. Heinrich zog nach der zulegt genannten Schlacht plündernd und verheerend durch Thüringen, brannte Erfurt nieder und lagerte sich in der Nähe von Zeiß. Dort kam es im October desselben Jahres zur dritten Schlacht. Die Tapferkeit der Sachsen unter Otto von Nordheim wandte Heinrichs Gegnern den Sieg zu. Rudolf von Schwaben hatte jedoch im Kampfe seine rechte Hand eingebüßt, was nach einigen Tagen seinen Tod herbeiführte. Jezt war der Kampf gegenstandslos ; die Sachsen zogen sich zurück und nachdem 1083 der tapfere Sachsenherzog Otto von Nordheim gestorben war , wurden auch viele der angesehensten Sachsen und Thüringer des Kampfes müde und sehnten sich nach Frieden.
Heinrich erſchien 1085 mit einem Heere in Sachſen.
Bei dieser Gelegenheit unterwarfen sich die meiſten dem Kaiſer , und dennoch verstand derselbe auch diesmal nicht , die erregten Gemüther zu versöhnen, sondern führte einen neuen Sturm dadurch herbei, daß er viele Güter der Angesehenſten
einziehen ließ.
Thüringer und
Sachsen ergriffen abermals die Waffen , diesmal unter Anführung des Markgrafen Ekbert II von Meißen, welcher mit ihnen in engster Verbindung geblieben und schon 1073 an der Verschwörung der beiden Stämme mit betheiligt gewesen war. Vielleicht trug er sich im Stillen mit der Hoffnung, selbst noch Kaiser zu werden .
Heinrich
belagerte die Burg Gleichen und wurde hier von Ekbert am Tage vor Weihnachten 1088 plöglich angefallen und zur Schlacht genöthigt. Sie fiel für den Kaiser unglücklich aus ; denn nach hartem Verluste mußte er unter Zurücklaſſung ſeines Lagers die Flucht ergreifen. An allen Kämpfen der Thüringer und Sachsen gegen Kaiser
Heinrich IV hatten sich auch die Ahnherren der späteren Landgrafen sehr lebhaft betheiligt.
Vierter Abschnitt.
Thüringen zur Zeit
des erften Landgrafenhauſes.
Die Ahnherren des landgräflichen Hauſes.
Graf Ludwig I,
genannt mit dem Barte. Ueber Herkunft und Abstammung des landgräflichen Hauses berichten uns nur wunderliche Sagen , deren erste Aufzeichnung um das Jahr 1200 von einem Reinhardsbrunner Mönche bewirkt wurde. Derselbe erzählt :
Zur Zeit Konrads
II
lebten zwei Brüder , die
Grafen Hugo und Ludwig mit dem Barte , entsproffen aus dem Stamme Karls des Großen und Blutsverwandte der Kaiſerin Giſela, der Gemahlin Konrads . Der einzige Erbe von Hugos außerordentlichem Reichthume war sein Sohn Wichmann , dem aber um seines blöden Geistes willen vom Erzbischof von Mainz nach richterlichem Spruche die Lehengüter entzogen , und darauf einem Andern überAuf die Kunde davon eilt Wichmann mit seinem
tragen werden.
Gefolge nach Mainz , dringt ohne seine Begleiter in den Sigungssaal und tödtet vor den Augen des Erzbischofs und der Versammlung den Ritter , welchem die Lehengüter verliehen worden waren. Der That folgt die Strafe auf dem Fuße ; denn Wichmann wird im Sizungssaale erschlagen . Sein Allodialbesik sowie seine Lehengüter gehen nun auf seinen Oheim , Ludwig mit dem Barte über , der am Hofe Konrads als kluger und treuer Rathgeber bereits eine wichtige Rolle spielt. Als Konrad im Jahre 1034 nach Frankreich zieht, um das durch Erbvertrag ihm zugefallene, aber durch Graf Odo von Champagne ihm streitig gemachte Königreich Burgund in Beſiß zu
62
IV.
Thüringen zur Zeit des ersten Landgrafenhauſes.
nehmen , läßt er seinen treuen Ludwig unter den wärmsten Empfehlungen bei dem Erzbischof Bardo von Mainz zurück; Ludwig macht sich bei dem Erzbischof bald so beliebt , daß ihm dieser viele Güter in Thüringen und sogar eine Grafschaft daselbst zu Lehen giebt. Nach einigen Jahren kommt Ludwig mit zwölf Rittern in dieses Land , läßt sich nahe am Walde Loiba nieder und erwirbt durch Kauf von den umwohnenden Grafen eine nicht unbedeutende Strecke Landes, deren Anbau er nun seine ganze Thätigkeit zuwendet. Am 27. April des Jahres 1039 bestätigt ihm
Kaiser Konrad II.
nicht nur die Erwerbung, sondern fügt auch auf besondere Fürsprache seiner Gemahlin Gisela noch eine bedeutende Schenkung hinzu , so daß der nunmehrige Besiß Ludwigs nach den jezigen Orten Kabarz und Rödichen im Norden , und dem Spießberg und Brotterode im Süden und deren Verbindungslinien im Osten und Westen als be= grenzt gedacht werden kann. Dieser Ludwig mit dem Barte wird der Stammbater der thüringischen Landgrafen . Wenngleich diese Erzählung wohl in den meisten thüringischen Geschichtswerken noch heute figurirt, so ist doch in neuester Zeit auf Grund sicherer Forschungen dargethan worden , wie wenig derselben Glauben geschenkt werden
kann .
Freilich muß
es wohl auf den
ersten Blick befremden, warum überhaupt eine solche Erzählung er= funden und der Nachwelt überliefert worden sei ; aber die ganz einfache Erklärung iſt darin zu suchen , daß die Mönche zu Reinhardsbrunn, deren Annalen jene Mittheilungen später nacherzählt worden find, aus Dankbarkeit für die Familie ihrer Stifter und Schußherrn dieselbe um jeden Preis zu verherrlichen und ihr eine möglichst vor= nehme Abkunft nachzuweisen suchen ; ja daß sie in diesem Bestreben und um ihres eigenen Vortheiles willen sogar zur Erfindung oder Fälschung von Urkunden greifen , wie
das Folgende zeigen wird .
Schon eine oberflächliche Prüfung zeigt die Widersprüche in jener Sage.
Ludwig
ist angeblich der Erbe eines großen Reichthums,
wird vom Erzbischof mit vielen Lehengütern in Thüringen bedacht, sogar mit einer Grafschaft , kommt aber gleichwohl später in das Land , um sich daselbst anzukaufen und anzuſiedeln und erhält erſt durch die kaiserliche Gnade einen größeren Besit. Wie reimt sich das mit seinem Reichthum und der früher schon , nach dem Tode seines Neffen erfolgten Belehnung zusammen ?
Man ist ferner zu
der Frage berechtigt, ob es wohl einer besonderen Empfehlung an den Erzbischof von Mainz bedurft habe, wenn er von dieſem bereits vorher belehnt worden war ? Nicht minder unhaltbar ist die an-
Die Ahnherren des landgräflichen Hauses 2c.
63
gebliche und lange geglaubte Abstammung Ludwigs von dem Herzog Karl von Lothringen. Schon früher ist diese Angabe als grundlos nachgewiesen worden , und was die Verwandtschaft mit dem Kaiser= hause ,
bezüglich mit der Kaiserin Gisela betrifft , so ist diese Be-
hauptung vollständig hinfällig geworden , nachdem die Unechtheit der Schenkungsurkunde vom 27. April 4039 dargethan wurde. *) Wenn sich nun auch die Sagen von Ludwig mit dem Barte in Thüringen überall eingebürgert und die Bedeutung von wirklicher Geschichte für sich in Anspruch genommen haben , so darf ihnen auf Grund der Geschichtsforschung doch gegenwärtig keine höhere Be= deutung mehr beigelegt werden , als erfundene Geschichten überhaupt verdienen. Es benimmt Ludwig und seinen Nachkommen nicht das mindeste von ihrem Werthe , wenn ihre Abstammung nicht von königlichem Geblüte hergeleitet werden kann , wenn dafür aber um so klarer hervortritt, daß die Familie zu den von urdenklichen Zeiten her ansässig gewesenen edelsten thüringischen Geschlechtern gehört und fich durch eigene Kraft und kluge Benutzung der gegebenen Verhält= Wäre Ludwig nisse zu solcher Bedeutung emporgeschwungen hat. wirklich von fremdher eingewandert , so müßte bei der damals noch herrschenden Stammesverschiedenheit und den von einander abweichenden Rechtsverhältnissen der einzelnen Stämme doch wohl manche Spur in seinem Leben auf die Fremde zurückdeuten.
Am meisten
spricht für seinen heimischen Ursprung der starke Grundbesig in Thüringen selbst. Mag auch ein Theil desselben durch seine Verheirathung erworben worden sein , so ist doch im Ganzen der Besit an liegenden Gütern und zwar in den verschiedensten Theilen Thüringens ein so bedeutender , daß derselbe nicht erst auf die vorbezeichnete Weise in seine Hände gelangt sein konnte.
Der gräfliche
Titel dagegen deutet darauf hin , daß Ludwig im Lande irgend welche Amtsgewalt bekleidet hat. Aller Wahrscheinlichkeit nach ist das untere Unstrutthal die eigentliche Heimathsstätte der Familie,
*) Dr. Menzel erklärt die in Gotha befindliche , bereits neunzehnmal abgedruckte Urkunde nicht allein der Form, sondern auch dem Inhalte nach für gefälscht und die Verwandtschaft mit dem Kaiserhause für willkürlich erfunden. ,,Der Grund", sagt derselbe,,,der die Benedictiner zur Fälschung oder Erfindung jener Urkunde bewog, war kein anderer als der, weil sie für ihre Besitzungen die Immunität behaupten und die kaiserliche Schenkung an Ludwig durch die Berwandtschaft wahrscheinlicher machen wollten." ― Dr. Menzel erklärt überhaupt einen großen Theil der älteren Urkunden des Klosters Reinhardsbrunn für offenbare Fälschungen.
64
IV.
Thüringen zur Zeit des ersten Landgrafenhauses.
und von hier aus dehnte dieselbe ihre Erwerbungen immer weiter aus, schließlich bis an den Nordwestrand des Thüringerwaldes .
Ge-
rade hier läßt die Tradition den Ludwig mit dem Barte eine außerordentliche , umsichtige Thätigkeit entwickeln ; denn hier soll er sich unweit von Friedrichroda die Schauenburg erbaut haben, deren Bau Kaiser Konrads Nachfolger , Heinrich III angeblich durch eine Urkunde vom 28. August 1044 bestätigt ; *) hier soll er Wälder ausgerodet , Sümpfe in urbares Land verwandelt , neue Dörfer gebaut, der ganzen Gegend ein freundlicheres Ansehen verschafft und die angeblich von Bonifacius erbaute Johanniskirche auf dem alten Berge erneuert und erweitert haben. Ludwig war verheirathet mit einer Edeln aus Sachſen Cäcilia , genannt von Sangerhausen , wahrscheinlich die Tochter des Gaugrafen Hamezo.
Ihr väterliches Erbgut war jedenfalls die Stadt
Sangerhausen mit Umgebung , also immerhin eine ansehnliche Befizung ; dagegen sind die angeblich viel größeren Reichthümer , von denen die Reinhardsbrunner erzählen , durch nichts zu erweiſen . **) Vermuthlich fanden Ludwig und seine Gemahlin in Sangerhausen ihre Ruhestätte.
Sein Tod wird von Einigen als 1055, von Andern
als 1056 erfolgt angegeben, und zwar erzählen die letteren, daß er auf der
Heimreise vom Begräbniß
des
Kaisers Heinrich III zu
Speier, in Mainz gestorben und daselbst in der Albanikirche beigeſeht worden sei , was freilich wiederum nicht bewiesen werden kann . Zwei Söhne und
drei Töchter
überlebten ihn .
Die älteste
Tochter Hildegard wurde mit dem Grafen Poppo von Henneberg, und nach dessen Tode mit dem fränkischen Edeln Thiemo von Nordeck vermählt.
Der Gemahl der zweiten Tochter Uta war der thüringische
Graf Dietrich von Linderbeck, von dessen Sohne Beringer die Grafen von Lare und von Berka (an der Ilm) abſtammen sollen.
Die
dritte Tochter Adelheid war an den Edeln von Wippra vermählt, welcher der Stammbater eines bei Eisleben reich begüterten Dynastengeschlechtes wurde.
Der jüngere Sohn Beringer erhielt nach den
Reinhardsbrunner Nachrichten den Ort Sangerhausen , vermählte sich mit Bertrada , der Tochter des wettinischen Grafen Konrad und wurde der
Stammvater der
mächtigen Grafen von Hohnstein ,
*) Nach Dr. Menzel ist auch diese Urkunde gefälscht. **) Lepsius in seinen kleinen Schriften III. S. 240 nennt nur Sangerhausen und 600 guter Hufen Landes in den Fluren der Dörfer um Sangerhausen , während die Reinhardsbrunner von 7000 Hufen , zahllosen Hörigen und reichen Schätzen reden.
Graf Ludwig II, genannt der Springer (1056-1123). welche im
nordwestlichen Thüringen reich begütert waren.
Haupt der Familie und somit
65 Das
der hauptsächlichste Erbe war der
älteste Sohn Ludwig , in der Geschichte unter dem viel später aufgekommenen Beinamen " der Springer " bekannt.
Graf Ludwig II, genannt der Springer ( 1056-1123) . Haben die Reinhardsbrunner Annalen der Nachwelt schon über Ludwig den Bärtigen eine Reihe Erzählungen überliefert , um seine Verdienste in möglichst helles Licht zu sehen, so ist dies noch mehr der Fall mit dessen obengenanntem gleichnamigen Sohne, dem Stifter ihres Klosters.
Sie beginnen die Lebensgeschichte desselben mit seiner
Geburt und berichten von der Taufhandlung, daß dieselbe in der, bei dem Dorfe Altenbergen angeblich von Ludwig dem Bärtigen erweiterten Capelle durch den Erzbischof Bardo von Mainz vorgenommen worden sei . Als Geburtsjahr Ludwigs geben sie 1042 an. Unzweifelhaft hat Ludwig in der ersten Zeit nach Uebernahme der väterlichen Erbschaft keine hervorragende Rolle gespielt, sondern das Streben nach größerer Machtentwickelung entfaltete sich erst in seinen reiferen Jahren ; aber er führte sein Vorhaben aus, unbekümmert um die Händel, in welche er deshalb mit seinen Nachbarn verwickelt wurde. Mag auch von den Reinhardsbrunnern manche seiner Thaten in überschwänglicher Weise hervorgehoben werden , so läßt sich doch. auf der andern Seite nicht in Abrede stellen , daß wir in Ludwig einen thatkräftigen Mann vor uns haben , der sein Ziel mit fester Hand verfolgt.
Gleich die Ausführung des ersten größeren Vor-
habens, die Erbauung der Wartburg , giebt dafür den besten Beweis : Die Sage erzählt darüber Folgendes : Ludwig war einst bei der Verfolgung eines flüchtigen Wildes seinen Jagdgefährten weit vorausgeeilt und erstieg zuletzt eine steile Anhöhe , von wo sich ihm eine weitreichende , prachtvolle Rundsicht bot. Ganz erfreut hierüber rief er aus : Wart ' , hier soll eine Burg werden ! " So rasch der Entschluß gefaßt worden war , eben so eilfertig suchte ihn Ludwig auch auszuführen, kam aber darüber mit den Herren von Frankenstein in Streit , denn der Berg gehörte zum Gebiete der frankensteinschen Burg Mätilstein und lag nur wenige hundert Schritte von dieser entfernt.
Als Ludwig troß der Einsprache Jener sein Vorhaben
dennoch auszuführen suchte , verklagten ihn die Herren von Frankenstein bei dem Kaiser und Ludwig wurde von diesem angewiesen, sein 5 Kronfeld, Landeskunde. I.
66
IV.
Thüringen zur Zeit des ersten Landgrafenhauſes.
Recht auf den Berg mit zwölf Rittern zu beschwören.
Wie die
Sage weiter erzählt , bediente sich Ludwig jezt eines unredlichen Mittels : er ließ in der Nacht aus seinen Besißungen Erde auf den Berg schaffen , den ganzen Berg damit bestreuen und mitten auf demselben aus solcher Erde einen kleinen Hügel aufbauen , erschien mit zwölf Rittern , und nachdem jeder sein Schwert in den Hügel eingebohrt, beschworen sie allesammt, Ludwig stehe auf seinem Grund und Boden. *) Infolge dieses Schwures wurde ihm der Berg als Eigenthum zugesprochen, der Burgbau nahm ungehindert seinen Fortgang und wurde so rasch gefördert , daß innerhalb dreier Jahre ( 1067—1070) das Werk vollendet war , obgleich die Bausteine aus ziemlicher Entfernung , werden mußten.
vom
Seeberge
bei Gotha ,
herbeigeschafft
Bei der damals herrschenden großen Theurung
sollen die Arbeiter schon zufrieden gewesen sein , wenn ihnen als Arbeitslohn das nöthige Brod verabreicht wurde und es kam Ludwig sehr zu statten , daß er reiche Vorräthe von Getreide aufgespeichert hatte.
Die Burg hieß bei ihrer Erbauung , wie auch während der
ganzen Landgrafenzeit, Wartperg ; die Benennung Wartburg kam erst später auf. Bald nach Vollendung der Burg erbaute Ludwig auch die Stadt Eisenach.
Dieselbe hatte zwar früher schon bestanden , lag aber
weiter nordwestlich und war ziemlich verfallen.
Ludwig veranlaßte
die Einwohner , sich am Fuße des Wartburgberges anzubauen , und so entstand die jeßige Stadt Eisenach. seinen
Besitzungen
Sangerhausens .
verschaffte sich
Einen weiteren Zuwuchs zu
Ludwig
durch die
Erwerbung
Die Stadt hatte sein Bruder Beringer als Erb-
antheil bekommen ; nach dessen frühem Tode war dieselbe an seinen Sohn Konrad vererbt worden , und von dieſem erwarb sie Ludwig zurück. Man schreibt unserm Ludwig auch die Erbauung der Schönburg bei Naumburg zu und bringt dies Unternehmen in Verbindung mit seinem verbotenen Verhältniß zu Adelheid , der Gemahlin des Pfalzgrafen Friedrich III von Sachsen , welcher zwar meistens in Scheiplit sich aufhielt, ab und zu aber auch auf der der Schönburg schräg gegenüberliegenden Burg Goseck.
Für die Erbauung
*) v. Ritgen, Dr. H., jagt in ,,dem Führer auf der Wartburg" (Leipzig 1860) S. 28: „ Merkwürdiger Weise hat man vor mehreren Jahren in einem in den Felsen gehauenen Loche auf der Burg 13 halb zerstörte Schwerter ältester Form gefunden, welche mit einem Drahte umwunden waren. Sollten sie nicht zum Andenken jenes Schwures versenkt worden sein ?“
Graf Ludwig II, genannt der Springer (1056-1123).
67
durch Ludwig scheint allerdings der Umstand zu sprechen, daß später Ludwigs Sohn Otto , Bischof von Naumburg , die Burg als Eigenthum in Besitz hat. Nach anderer Annahme soll Ludwig die Bekanntschaft der Adelheid bei einer Festfeier auf der Burg Nebra gemacht und gleich bei dem ersten Zusammensein den Entschluß gefaßt haben, sie um jeden Preis als sein Weib zu gewinnen. Der Pfalzgraf hielt sich damals in Scheipliz an der Unstrut auf und von hier war die von Ludwig erbaute Neuenburg mit der Stadt Freiburg an der Unstrut eben nahe genug , daß man sich häufig sprechen und wohl auch Verabredung zu geheimer Zusammenkunft treffen konnte.
Nach
den Mittheilungen der Reinhardsbrunner Annalen war Ludwig von so blinder Leidenschaft für Adelheid eingenommen , daß er im Einverständniß mit derselben sogar den Mord nicht scheute , um den Pfalzgrafen aus dem Wege zu räumen und dadurch das Hinderniß zu beseitigen , was der Verbindung mit ihr im Wege stand.
Nach
dem Rathe Adelheids veranstaltete Ludwig auf pfalzgräflichem Gebiete und zwar dicht bei Scheiplig eine Jagd, bei welcher es absichtlich recht toll und laut zuging.
Der Pfalzgraf nahm gerade ein Bad
und anscheinend erzürnt über das Benehmen Ludwigs wußte Adelheid den Pfalzgrafen so in Harnisch zu bringen , daß er sofort das Bad verließ, sich nur leicht bekleidete und auf flüchtigem Roffe ganz allein dem Ludwig nachsehte , um ihn zur Rede zu stellen.
Darauf
hatte Ludwig gerechnet ; er rannte dem Pfalzgrafen den Jagdspieß durch den Leib, so daß er leblos vom Pferde sank.
Das geschah am
5. Februar 1085. Im Gegensatz zu der Reinhardsbrunner Erzählung nennt die Klosterchronik von Goseck die beiden Brüder Ulrich und Theodor von Dedenleibe ( vielleicht Teutleben ) und Reinhard von Reinstedt als wirkliche Mörder.
Möglicher Weise , ja sogar höchst
wahrscheinlich hat Ludwig bei der Unthat die Hand mit im Spiele gehabt, ohne jedoch eigenhändig den Mord zu begehen.
Das Kloster
Goseck (1053 eingeweiht) war von Friedrichs III Vater und dessen beiden Brüdern gegründet und dort fand der ermordete Friedrich auch seine Ruhestätte.
Mithin dürfte die Erzählung der Gojecker
Mönche glaubhafter sein als die der Reinhardsbrunner ; doch sprechen auch sie den Grafen Ludwig nicht frei von dem Verdachte , um die That gewußt und deren Ausführung nicht verhindert zu haben. Erst nach der Ermordung ihres Gemahls gebar Adelheid einen Sohn , den späteren Pfalzgrafen Friedrich IV, und nun erst wurde sie Ludwigs Gemahlin. Die Reinhardsbrunner Annalen erzählen nun weiter, Ludwig sei auf Anklage der Verwandten des ermordeten Pfalzgrafen 5*
68
IV.
Thüringen zur Zeit des ersten Landgrafenhauses.
Friedrich auf kaiserlichen Befehl verhaftet und auf den Giebichenstein bei Halle in Verwahrung gebracht worden, um hier des Urtheilsspruches gewärtig zu sein.
Ueber zwei Jahre habe die Gefangenschaft
gedauert und endlich habe sich Ludwig durch einen kühnen Sprung von seiner Zelle herunter in die Saale befreit und sei von den Seinigen, welche von seinem Vorhaben in Kenntniß gesezt waren, glücklich nach Sangerhausen gebracht worden , woselbst die von ihm in der Gefangenschaft gelobte Kirche St. Ulrici ſpäter erbaut wurde. Was nun den traditionellen Sprung Ludwigs betrifft , so bleibt es den mit den localen Verhältnissen des Giebichensteins Vertrauten ein Räthsel, wie Jemand durch einen Sprung vom Thurme herab die Saale habe erreichen können.
Die ganze angebliche Gefangenschaft
beruht überhaupt entweder auf einer Verwechselung , denn Ludwig ist mehrmals gefangen gewesen , oder sie ist die Erfindung irgend eines Mönches .
Nirgends ist eine Andeutung zu finden , daß von
den Verwandten , wie es in damaliger Zeit üblich war , ein Antrag auf Bestrafung Ludwigs beim Kaiser gestellt worden sei , und da dieser sich bald nach der Mordthat in Sachsen aufhielt, so hätte man auf alle Fälle eine Anklage erwarten müſſen , zumal da der Vater des ermordeten Pfalzgrafen , Friedrich II damals noch lebte , denn sein Tod wird erst in das Jahr 1088 gesezt.
Und wäre Ludwig
wirklich auf kaiserlichen Befehl zur Haft gebracht worden und hätte sich auf die oben beschriebene Weise aus derselben befreit , so wäre es doch wohl ein Leichtes gewesen, seiner wieder habhaft zu werden . Die Inschrift über der Eingangsthür der St. Ulrichskirche in Sangerhausen besagt allerdings , daß Ludwig das Gotteshaus erbaut , weil er sich seiner Haft und Fesseln entbrochen habe; allein es läßt sich eben so gut annehmen ,
daß die Reinhardsbrunner Mönche jene
Inschrift später haben anbringen lassen.
Die fragliche Kirche wurde
ihnen von der Familie Ludwigs im Jahre 1110 überwiesen.
Geht
man der Sache noch weiter auf den Grund in Betreff des auffallenden Beinamens der Springer , welchen Ludwig bekanntlich wegen seines Wagsprungs erhalten haben soll, so findet sich auch hier wieder, daß der Beiname in einer viel späteren Periode erfunden worden ist, denn in den Reinhardsbrunner Annalen . ist Ludwig ohne jene Bezeichnung aufgeführt. Erst in den Annalen St. Petri in Erfurt wird der Beiname Saltator gebraucht , und besonders landläufig ist derselbe später durch Johannes Rothe geworden, dessen Darstellungen die Geschichtsschreiber meistens gefolgt sind .
Graf Ludwig II, genannt der Springer (1056–1123).
69
Eine andere wichtige Stiftung außer der Kirche in Sangerhausen bringen aber die Reinhardsbrunner mit dem angeblich von Ludwig verübten Morde in unmittelbare Verbindung , nämlich die Gründung des Klosters Reinhardsbrunn selbst. Ludwig soll zwanzig Jahre lang mit seiner Adelheid im glücklichsten Ehestande gelebt haben , als endlich doch in beiden das Gewissen erwachte und zur Sühnung des Verbrechens drängte . Joh. Rothe erzählt, Ludwig sei selbst nach Kom gereist , um Abſolution für sein Vergehen zu erbitten und der Papst habe die Gründung eines Klosters verlangt, in welches der Stifter später selbst als Mönch eintreten müsse. Nach anderer Lesart sollen Harrand , der nachmalige Bischof von Halberstadt , und Giselbert , der nachherige erste Abt des neuen Klosters als Beichtväter Ludwigs die Stiftung des Klosters veran= laßt haben. Zunächst ist die Angabe jenes langen Zeitraumes von 20 Jahren zwischen der Ermordung des Pfalzgrafen und der Klosterstiftung rein aus der Luft gegriffen , denn die Unthat geschah 1085 und die Bestätigung des Klosters von Seiten des Kaisers und Papstes datirt vom 4. Auguſt 1089. Nicht minder unwahrscheinlich ist die Erzählung von einem an der Stelle des zukünftigen Klosters von einem Töpfer Namens Reinhard mehrmals gesehenen Lichte, das zur Wahl des Plages bestimmend gewesen und nach welchem Manne die Stiftung auch den Namen bekommen haben soll ; denn schon 1044 wird in einer Urkunde des Dorfes Reginherisbrunno gedacht. So bleibt schließlich nichts übrig als ein ganz anderes, freilich sehr nüchternes Motiv für Errichtung des Klosters anzunehmen. Neben der religiösen Zeitrichtung , welche viele der edeln Geschlechter zur Gründung von Klöſtern veranlaßte, war es im vorliegenden Falle sicherlich die Ueberzeugung von dem außerordentlich hohen Werthe für die Cultur des Landes wie des Volkes , welche unsern Ludwig gerade für jene bis daher noch so unwirthlichen Waldgegenden die Errichtung einer solchen Stiftung für höchst wünschenswerth und ersprießlich erscheinen ließ. Daher auch die Besetzung des Klosters mit Benedictinermönchen aus dem Kloster Hirschau im Württembergischen ; denn gerade die Benedictiner hatten sich hinsichtlich der von ihnen ausgegangenen Cultur rühmlich ausgezeichnet. Gleich bei der Gründung wird das Kloster sehr reich ausgestattet ; 150 Hufen Land mit den dazu gehörenden Leibeigenen find der erste Klosterbesig *). Ludwig stellt zwar das Kloster unmittelbar
*) Die Hufe ist fast überall zu 30 Acer = ca. 8½ Hektare anzunehmen.
70
IV.
Thüringen zur Zeit des ersten Landgrafenhauses.
unter den Papst, behält aber sich und seinen Nachkommen die Voigtei und damit gewissermaßen die Oberaufsicht über dasselbe vor.
Papst
Urban II erneuerte die Bestätigung des Klosters am 23. März 1092 . Wir kommen nun zu der politischen Stellung , welche Ludwig eingenommen hat . An den Kämpfen gegen den Kaiser Heinrich IV in den siebziger Jahren , sowie auch an dem Aufstande des Markgrafen Ekbert II scheint sich Ludwig nicht unmittelbar betheiligt zu haben; denn nirgends geschieht seiner Erwähnung. unter den bei Spier gefangenen thüringischen
Dagegen ist der, Grafen genannte
Beringer sicherlich Ludwigs Bruder. Als der neue Kaiser Heinrich V im Jahre 1107 Thüringen durchzog und bei dieser Gelegenheit die festen Burgen Radelburg und Bemelburg niederbrennen ließ , weil von hier aus Räubereien verübt worden waren , finden wir Ludwig am kaiserlichen Hofe. Eben so geht aus zwei Urkunden hervor, von denen die eine in Preßburg ausgestellt ist und in welchen er als Zeuge erscheint , daß Ludwig bei dem unglücklichen Feldzuge gegen die Ungarn 1108 mit betheiligt war. - Im Jahre 1110 ist die ganze gräfliche Familie in Erfurt versammelt. seiner Gemahlin Adelheid
Außer Ludwig und
sind die Söhne Hermann , Ludwig und
Heinrich, ferner Ludwigs Neffe Konrad , der Sohn des verstorbenen Grafen Beringer, und Konrads Mutter zugegen und man benut die Gelegenheit des Beisammenseins zu einer Schenkung an das Kloster Reinhardsbrunn ; dasselbe erhält die Kirche in Sangerhausen . Vielleicht hielt die Familie Rath über einen Streit, in welchen Ludwig mit seinem Stiefsohne , dem jungen Pfalzgrafen Friedrich IV verwickelt war .
Ludwig hatte die Vormundschaft über Friedrich nicht
gerade zu dessen Gunsten verwaltet, denn die Pfalzgrafschaft Sachsen war an einen Verwandten Friedrichs , an den Grafen Friedrich von Sommersenburg abhanden gekommen und die
übrigen Befizungen,
namentlich auch die Voigtei über das Kloster Goseck hatte Ludwig zu seinem Nußen ausgebeutet und machte bei der Volljährigkeit Friedrichs nicht einmal Anstalt , jenem die väterlichen Erbgüter herauszugeben.
Der Kaiser suchte
den Frieden
zu
vermitteln,
aber erfolglos ; es kam zum förmlichen Kampfe zwischen den beiden Gegnern. Zum Unglück wurde bald nachher der Kaiser , wie wir gleich hören werden , selbst in Kämpfe verwickelt und die Einzelkämpfe arteten bald als Parteikämpfe aus , für oder gegen den Kaiser. Der Pfalzgraf Friedrich hatte sich gegen das Reichsoberhaupt erhoben, offenbar aus Verdruß darüber , daß ihm der Kaiser nicht zur Besizergreifung seines väterlichen Erbes verholfen hatte.
T
Graf Ludwig II , genannt der Springer (1056–1123).
71
Ganz auffallender Weise stand Hermann , ein Sohn Ludwigs, auf seiner Seite, aber zu seinem eigenen Verderben. Die beiden jungen Grafen wurden von dem kaiserlichen Befehlshaber , Graf Hoyer von Mansfeld in Teuchern bei Weißenfels belagert , mußten sich am 6. Juni 1112
ergeben und
kamen
als Gefangene auf die Burg
Hammerstein am Rheine. Friedrich erhielt gegen ein hohes Lösegeld 1114 seine Freiheit wieder, während Hermann am 13. Juli desselben Jahres in der Gefangenschaft starb. In das Jahr 1112 fällt das schon erwähnte Ereigniß, das den Kaiser in einen harten Kampf verwickelte , nämlich das Aussterben des Weimar-Orlamündischen Grafenhauses. Graf Ulrich von Orla= münde war am
13. Mai genannten Jahres kinderlos gestorben.
Seine Gemahlin Adelheid, die dritte Tochter Ludwigs des Springers, war von
ihm , weil
die Ehe kinderlos blieb , verstoßen worden.
Als nächste Erben figurirten die Töchter, bezüglich deren Ehemänner und Söhne des Grafen Otto , der als Markgraf von Meißen starb. Die älteste Tochter Adelheid war in erster Ehe vermählt geweſen mit dem Grafen von Ballenstedt , und aus dieser Ehe waren die Grafen Otto und Siegfried hervorgegangen , von denen der Die zweite lettere später die Pfalzgrafschaft am Rheine erhielt. Tochter Kunigunde war in dritter
Ehe vermählt mit dem Grafen
Wigbert oder Wiprecht von Groißsch , deffen beträchtliche Besigungen im Osterlande lagen.
Offenbar hätten die Allodialgüter
den Erben zufallen müſſen ; allein der Kaiſer Heinrich V zog mit den Lehengütern auch diese ein. Am meisten war der Pfalzgraf Siegfried über den Gewaltact des Kaisers empört ; er kam deshalb vom Rheine nach Thüringen, woselbst bald verſchiedene Große, unter Anderen auch unser Graf Ludwig und Wigbert von Groizſch auf seine Seite traten. Der Erstere war vielleicht deshalb auf den Kaiser erbittert , weil dieser ein anderes Grafengeschlecht , nämlich die Winzenburge bevorzugte ; denn Hermann von Winzenburg und ſein Sohn sind die ersten Landgrafen in Thüringen. Auch in Sachsen erwarb sich Siegfried mächtige Bundesgenossen an dem Herzog Lothar von Sachsen und dem Markgrafen Rudolf von der Nordmark. Zu dem Bunde gehörte auch der Erzbischof Adelbert von Mainz ; ja der Kaiser sah in ihm den Hauptanbläser des Feuers und ließ ihn schon 1112 gefangennehmen .
Hierauf er-
schien der Kaiser in Thüringen, feierte das Weihnachtsfest in Erfurt und ließ die verbündeten Fürsten zur Verantwortung vorladen. Weil keiner derselben erschien , so wurden noch im Winter ihre Be-
72
IV.
Thüringen zur Zeit des ersten Landgrafenhauses.
sigungen verwüstet.
Die weitere Kriegführung überließ der Kaiser
seinem getreuen Hoyer von Mansfeld und an den Rhein.
begab sich wieder
Um Einheit in die Unternehmung zu bringen, hielten
die drei Häupter des Bundes : Siegfried, Ludwig und Wigbert in Warnstedt bei Quedlinburg eine Berathung und hatten , weil sie ſich für sicher wähnten , nur wenige Begleiter mit dahin genommen. Aber sie wurden von dem Mansfelder mit 300 Bewaffneten überfallen ; Siegfried siel in dem kurzen Kampfe ; Wigbert mußte fich schwer verwundet gefangen geben und nur Ludwig entkam.
Aber
auch ihn traf die Reihe, denn er konnte als Vereinzelter gegen den Kaiser nichts
unternehmen und
März freiwillig in Dortmund.
stellte sich demselben schon Ende Nur gegen Abtretung eines Theiles
seiner Besizungen und namentlich der Wartburg behielt er seine Freiheit, während Wigbert sich von der bereits ausgesprochenen Todesstrafe nur
gegen Ueberlassung all seiner Güter loskaufen konnte.
Dieses gewaltthätige Auftreten des Kaisers rief den allgemeinen Unwillen im Reiche hervor. Vielleicht wollte Heinrich seine Feinde schrecken , denn im Januar 1114 erlaubte er sich einen neuen Gewaltact gegen unsern Ludwig.
Auf ergangene Einladung hatte sich
derselbe in Mainz zur Hochzeitsfeier des Kaisers eingefunden, wurde aber plötzlich auf dessen Befehl gefangen genommen und mußte nun 2
Jahr lang eine harte Gefangenschaft erleiden.
In eben diesem
Jahre unternahm der Kaiser einen Zug gegen die Friesen und gegen. die Stadt Köln. Jedenfalls hatten sich Ludwigs Söhne : Ludwig und Heinrich Raspe von dem Heereszuge fern gehalten ; sie wurden mit den Ihrigen des Landes verwiesen und konnten sich , als der Kaiser im August desselben Jahres in Thüringen erschien, nur durch eine hohe Geldsumme die kaiserliche Gnade wieder erkaufen. Ein zweiter Kriegszug nach den schon genannten Zielen lief für den Kaiser gänzlich unglücklich aus , und nun erhoben sich plötzlich seine früheren Gegner wieder.
Zu Creuzburg an d . W. wurde noch am
Ende des Jahres von den Fürsten ein förmliches Bündniß gegen den Kaiser abgeschlossen und es half demselben nichts , daß er einen allgemeinen Kriegszug gegen die Verbündeten anordnete. Am 11 . Februar 1115 standen sich die Heere bei Welfesholz feldischen gegenüber.
im Mans-
Hoher von Mansfeld eröffnete die Schlacht,
indem er sich, nur von einem Waffengenossen begleitet, als Anführer des
Vordertreffens
auf den Feind
Wigbert von Groißsch entgegen.
stürzte.
Ihm
ritt der junge
Nur kurz war der Kampf , denn
bald lag Hoyer todt auf der Wahlstatt.
Dieser im Angesichte des
Graf Ludwig II, genannt der Springer (1056–1123).
73
Heeres vollzogene Zweikampf ermuthigte die
Gegner des Kaisers
und raubte dafür den Kaiserlichen den Muth.
Man kämpfte zwar
bis zu einbrechender Nacht ; aber der Kaiser selbst mußte fliehen, denn die Schlacht ging für ihn gänzlich verloren. Der gewonnene Sieg wurde von den Gegnern des Kaisers ausgebeutet. Herzog Lothar brach die Burgen Falkenstein und Wallhausen , bisher sichere Zufluchtsstätten der Anhänger des Kaisers ; der junge Wigbert von
Groitsch eroberte 24 kleine Städte und den Stammſiß seines
Geschlechts wieder zurück und vereint mit Ludwig dem Jüngeren wurde die Neuenburg belagert , welche gleichfalls eine kaiserliche Besatzung eingenommen hatte.
Bei dieser Gelegenheit
gerieth ein
kaiserlicher Feldherr, Heinrich von Meißen , genannt mit dem Haupte, ein Liebling des Kaiſers , auf einem Streifzuge in Gefangenschaft und wurde in sicheren Verwahrsam gebracht. zur Auswechselung der Gefangenen.
Jezt endlich kam es
Die beiden Grafen , Ludwig
der Springer und Wigbert der Aeltere von Groizſch , gleichzeitig auch der Markgraf Burchard von Meißen kamen frei.
Das geschah
zu Michaelis 1116 und noch zu Ende des Jahres finden wir die ganze Familie Ludwigs auf der Wartburg vereinigt, die somit wieder in den Besiß derselben gekommen war. Bald darauf kam auch eine Einigung zwischen Ludwig und seinem Stiefsohne Friedrich zu Stande. In die Pfalzgrafschaft Sachsen war derselbe schon vorher vom Kaiser wieder eingesezt worden ; jezt überließ ihm Ludwig auch die Voigtei über Goseck und zahlte ihm noch außerdem eine hohe Geldsumme.
Wie die Neuenburg
wieder
in Ludwigs
Hände ge=
kommen war , so finden wir auch 1121 Eckartsberga in seinem Besig , vielleicht der Preis für seine Ausdauer in den Kämpfen gegen den hartherzigen Kaiser. Es läßt sich nicht leugnen , daß Ludwig ein sehr bewegtes Leben geführt und harte Stürme durchzukämpfen gehabt hat und daher ist es wohl begreiflich , wenn er seine lezten Tage in klösterlicher Stille und Einsamkeit zuzubringen wünschte.
Er trat in das
von ihm gestiftete Kloster Reinhardsbrunn als Mönch ein und starb bald nach seinem Eintritte im Jahre 1123. Seine Gemahlin Adelheit war schon 1110 gestorben . richtig geglaubten Sage soll
Nach der bisher fast durchweg als dieselbe das Kloster Oldisleben als
Sühne für ihr Vergehen gegen ihren ersten Gemahl gegründet haben; aber die Annahme hat weiter nichts für sich als die gewagte Ableitung des Namens Oldisleben von Adelheidsleben. Die Bestätigungsurkunde über die Stiftung des Klosters ist zwar verloren gegangen;
74
Thüringen zur Zeit des ersten Landgrafenhauses.
IV.
es ist jedoch
ganz sicher anzunehmen , daß die Reinhardsbrunner
Annalen, welche die Gründung von Reinhardsbrunn mit der Sühnung jenes
angeblichen
Mordes
in Verbindung bringen , auch von der
Gründung des Kloſters Oldisleben eine Aufzeichnung bewirkt haben würden. Das ist aber nicht geschehen. Die Gründung von Oldisleben ist wohl auf die Familie der Grafen von Beichlingen zurückzuführen, und zwar auf die Gräfin Kunigunde, welche die Grafschaft Beichlingen von ihrer Großmutter Oda ererbte.
Schon 1101 be=
wirkt Kunigunde eine Schenkung an das Kloster und sie will den Zerstörer dieser Schenkung aus der Gesellschaft vernichtet wissen. Die Gräfin war in dritter Ehe seit 1110 vermählt mit Wiprecht von Groigsch.
Mit mehr Wahrscheinlichkeit wird behauptet, Adelheid
habe in Scheipliß , als dem Orte jener Unthat , ein Nonnenkloster gestiftet und sei dort selbst Nonne geworden ; andern Nachrichten zufolge soll Ludwig
dem Kloster Reinhardsbrunn die Kirche zu
Scheiplig zum Gedächtniß an sein treues Weib zugeeignet haben. Daß der Eine von Ludwigs Söhnen , Hermann , wahrscheinlich der älteste , 1114 in der Gefangenschaft gestorben ist , wurde schon berichtet. Die beiden folgenden , Ludwig und Heinrich Raspe nahmen an den Kämpfen gegen den Kaiser thätigen Antheil. Der vierte Sohn Udo (Otto) hatte sich dem geistlichen Stande ge= widmet und wurde einige Jahre nach des Vaters Tode Bischof von Naumburg.
Von den Töchtern war Kunigunde , die älteste , an
den Grafen Wichmann verheirathet , dessen später gedacht werden foll. Sie starb noch vor ihrem Vater nach kinderloser Ehe. Cäcilie soll an den Grafen Gerlach von Wildensee verheirathet gewesen sein ; ihr Sohn Udo wurde einige Jahre nach dem Tode seines gleichnamigen Oheims Bischof von Naumburg . Der dritten Tochter Adelheid wird nach ihrer Verstoßung durch ihren Gemahl, Graf Ulrich von Orlamünda-Weimar nicht mehr gedacht.
Graf Ludwig III und sein Bruder Heinrich ( 1123–1130). Bei der vorgenommenen Erbtheilung hat wohl Ludwig, als der älteste Sohn des Hauses den Haupttheil davon getragen. Freilich war im Allgemeinen der Besiz der Familie noch nicht so groß , daß nicht eine vorgenommene Zersplitterung desselben zugleich das Ansehen und die Machtstellung hätte wesentlich vermindern sollen , und
Graf Ludwig III und ſein Bruder Heinrich ( 1123-1130).
75
so mußten denn beide Brüder auf Mittel sinnen , um auf anderem Wege wieder zu Gütern zu gelangen. boten immer die Heirathen.
Die beste Gelegenheit hierzu
Ludwig hatte in diesem Bezuge schon
bei Lebzeiten seines Vaters einen glücklichen Griff gethan , indem er sich mit Hedwig, der Tochter des hessischen Grafen Giso von Gutensberg vermählte. Giſo besaß außer einer Grafschaft im Oberlahngau auch noch viele Güter in Niederhessen , wie ja Gudensberg selbst in diesem Landestheile liegt , und außer diesen Grundbesitzungen stand der Familie auch die Voigtei zu über die Klöster Breitenau und Hersfeld. Hedwig Raspe ,
Die zweite, noch jugendliche Gemahlin Gisos , gleichfalls benannt , vermählte sich nach Gisos Tode mit Heinrich Nun hatte der vorhin genannte dem Bruder Ludwigs.
hessische Graf zwar einen Sohn hinterlassen, Giso V ;
allein derselbe
starb 1137 in der Nähe von Rom als Begleiter des Kaifers Lothar auf dessen Zuge nach Italien. Somit war nun Ludwig als Gemahl Hedwigs der alleinige Erbe jener ausgedehnten Befihungen. Bevor jedoch dieser günstige Umstand eintrat , hatte Ludwig überdies bereits eine erhöhtere Stellung in Thüringen eingenommen , von der wir später hören werden. Knüpfen wir den Faden unserer Geſchichte zunächst da wieder an, wo wir ihn zuleßt verließen : bei dem Tode Ludwigs des Springers . In demselben Jahre ( 1123) wurde durch den Erzbischof Adelbert von
Mainz der als begraben gegoltene Zehntenstreit
aufs Neue angefacht.
wieder
Vom Eichsfelde aus , wo er siegreich seine
Absicht durchgesezt hatte, gedachte der Erzbischof nach Thüringen zu gehen, um auch hier seinen Zweck zu erreichen; aber die Kunde war kaum hierher gedrungen , als auch bereits das Volk sich rüstete , um der Gewalt mit Gewalt zu begegnen.
Auf dem alten Versammlungs-
orte , der Trettenburg a. U. sammelten sich die gerüsteten Haufen ; bald waren 20 000 Mann beiſammen und an ihre Spize stellte sich unser Graf Heinrich , um den inzwischen nach Erfurt gekommenen Erzbischof anzugreifen.
Solcher Macht gegenüber mußte der Erz-
bischof nachgeben und seitdem sind die Ansprüche auf Zehnten von Mainz aus nicht wieder erhoben worden .
In eben diesem Jahre
hatte sich der Kaiser Heinrich im öftlichen Nachbarlande Thüringens einen ähnlichen Gewaltstreich erlaubt, wie seiner Zeit bei dem Aussterben des Orlamünda-Weimarischen Grafenhauses .
Mit dem Tode
Markgraf Heinrichs des Jüngeren war die Mark Meißen und die nördlich daran
stoßende Ostmark erledigt.
Der Kaiser übertrug
die Ostmark an Graf Wigbert den Aelteren von Groißsch , dem er
76
IV.
Thüringen zur Zeit des ersten Landgrafenhauſes.
seine volle Gunst wieder zuwendete und dem auch 1117 der östlichste Theil jener Mark , die Niederlaufig bereits unrechtmäßiger Weise Die Mark Meißen dagegen übertrug der verliehen worden war. Kaiser seinem
Günstlinge , dem Grafen von Winzenburg , obgleich von Wettin gegründete Erbansprüche darauf
der Graf Konrad
geltend machte, gleichwie der Graf Albrecht von Ballenstedt die Ost= Das gewaltthätige Auftreten des Kaisers rief mark beanspruchte. auch diesmal wieder eine große Gegnerschaft hervor, an deren Spige Lothar von Sachsen stand. Heinrich V vermochte nicht, seine Günst linge kräftig genug zu unterſtüßen und jene blieben im Be= size der Marken , wenn schon der Graf von Winzenburg den Titel Die Winzenburge stammten als Markgraf von Meißen beibehielt. eigentlich aus Bayern, siedelten aber infolge der Verwandtschaft mit den in der Nähe von Göttingen angeſeſſenen Grafen von Reinhauſen in jene Gegend über und treten eine Zeit lang in der thüringiſchIn einer Urkunde von 1111 wird sächsischen Geschichte mit auf. von Winzenburg Landgraf in Thüringen genannt, und somit haben wir in ihm überhaupt den erſten thüringiſchen Landgrafen. Bei den Kämpfen 1114 und 1115 stand er auf Seite Hermann
des Kaisers und gerade ihm galt die Zerstörung der Burgen Falkenstein und Wallhausen . Später wandte er sich vom Kaiser ab und hielt sich zu den Sachsen , starb aber schon nach wenigen Jahren Sein gleichnamiger Sohn wird nun Landgraf und als solcher auch 1129 urkundlich genannt , scheint aber nur geringe Machtbefugniß besessen zu haben. Es ist derselbe , welcher sich auch nicht als Markgraf von Meißen behaupten konnte. (1122) .
Der starrsinnige Kaiser Heinrich V war 1125 gestorben und an seine Stelle wurde Lothar von Sachsen zum Kaiser erwählt. ES läßt sich wohl denken ,
daß unsere thüringer Grafen Ludwig und
Heinrich seine eifrigsten Anhänger wurden , nachdem sie vorher so manchen Kampf gegen die Gewaltthätigkeiten Heinrichs gemeinsam bestanden hatten. Die treue Anhänglichkeit der Brüder hatte denn auch schon 1125 die Erhebung Udos auf den Bischofssig zu Naumburg zur Folge, gab die Veranlassung, daß nach einigen Jahren der Graf Heinrich zum Bannerträger des Kaisers ernannt wurde , und brachte schließlich dem ältesten Bruder Ludwig
die Erhebung zur
landgräflichen Würde ein. Hermann der Jüngere von Winzenburg hatte nämlich einen Vasallen des Kaisers, den Grafen Burchard von Friesland ermordet , sich dadurch den Zorn Lothars in hohem Maße zugezogen und wurde 1130 zu Quedlinburg durch den Spruch der
Landgraf Ludwig T.
77
Fürsten seiner Würden und Lehen für verlustig erklärt. In aller Strenge wurde die Acht an ihm vollzogen , das Schloß Winzenburg zerstört und er selbst auf die Feste Blankenburg in strenge Haft gebracht. Die landgräfliche Würde und mit ihr ein Theil der Besizungen Hermanns wurden 1130 unserm Grafen Ludwig übertragen. In demselben Jahre war deſſen Bruder Heinrich Raspe meuchlings ermordet worden und somit trat Ludwig, da jener kinderlos starb, in seine Besizungen als Erbe ein und gewann damit einen so reichen Besiß , daß er seiner Machtstellung nach einen Reichsfürsten recht wohl repräsentiren konnte.
Landgraf Ludwig I. Ludwig ist in der Reihe der Grafen dieses Namens der Dritte, es ist aber ſelbſtverſtändlich , daß wir ihn nach vollzogener Rangerhöhung zum
Landgrafen als Ludwig I bezeichnen müssen.
Auf
der Fürstenversammlung zu Quedlinburg 1130 vollzog der Kaiser Lothar durch Ueberreichung der Fahne an Ludwig die Belehnung mit Thüringen und übergab ihm als oberstem Fürſten die Verwaltung des Landes .
Nunmehr war Ludwig der erste Richter im Lande,
hatte über die Vollziehung der Geseze zu wachen, für die Sicherheit des Landes zu sorgen und im Namen des Königs die allgemeinen Reichssteuern und die Abgaben an Zoll und Ungeld *) einzutreiben . Die Münzen führten fortan sein Bild . Das Landesbanner trug als Abzeichen zehn wagerechte Balken , den ganzen Schild füllend, abwechselnd roth und weiß, oder richtiger : fünf rothe Duerbalken in filbernem Felde. **)
Diesem Banner hatten die Thüringer unter
Anführung ihres Landgrafen zu folgen , wenn es galt , die Kriege des Reiches und des Kaisers auszukämpfen. - Spätere Geschichtsschreiber fügen auch noch hinzu , der Kaiser habe dem neuen Landgrafen einen Hofstaat mit bestimmten Erbhofbeamten bestellt.
Die
*) v. Schultes. Directorium diplomaticum. Das Ungeld bestand in einer Staatsabgabe , die , auf Consumtionsgegenstände gelegt , für die Unterthanen drückend war, daher von ihnen mit dem Namen Ungeld um deswillen bezeichnet wurde , weil man sich hierzu nicht verbunden achtete. (Heutzutage sagt man z. B. auch: ein Unding.) **) Nicht Ludwig hat den Löwen als Abzeichen in das landgräfliche Wappen aufgenommen, wie oft irrthümlich behauptet wird, sondern das geschah erst durch den Landgrafen Hermann.
78
IV.
Thüringen zur Zeit des ersten Landgrafenhauses.
Edeln von Ebersberg wurden die Marschälle , die von Schlotheim Truchseffe , die von Fahner Kämmerer , die von Vargula Schenken, und die von Kirchberg Burggrafen.
Es ist indeß nicht nöthig , die
Errichtung dieser Erbhofämter auf die Anordnung des Kaiſers zurückzuführen ; denn mit der wachsenden Macht eines Geschlechtes bildeten sich auch jene Hofchargen , indem jeder kleinere Fürstenhof nur das Miniaturspiegelbild war vom kaiserlichen Hofe. Hatten doch auch die Erzbischöfe von Mainz ihre Kämmerer, Schenken 2c., wie uns die Geschichte der Vißthume zeigen wird. Eben so wird die Entstehung des allgemeinen Landgerichtes bei Mittelhausen , einem weimarischen Dorfe in der Nähe von Erfurt, auf die Uebertragung der landgräflichen Würde an Ludwig zurückgeführt, obwohl dasselbe jedenfalls älteren Datums iſt . Dreimal des Jahres : am zweiten Sonntage nach dem Feste der heiligen drei Könige , am Sonntage nach Pfingsten und am 18. Sonntage nach Trinitatis wurde das Landgericht bei jenem Orte, der so ziemlich in der Mitte Thüringens liegt , auf einer Wiese unter freiem Himmel abgehalten. Zu bestimmter Zeit hatte ein Besizer zweier Höfe zu Elxleben an der Gera an der bezeichneten Gerichtsstelle ein Gerüst aufzuschlagen , so hoch, daß der Richter und die Schöffen von der Versammlung gesehen werden konnten.
Dem Abte des Peterskloſters
in Erfurt lag ob , für Ausschmückung des Gerüſtes mit Decken und für Kissen zu den Sißen der Gerichtsherren zu sorgen ; dafür gehörte ihm das Dorf Mittelhausen . Bei der Gerichtshandlung saß der Landgraf auf einem erhöhteren Stuhle und hielt als Sinnbild ſeines Richteramtes einen weißen Stab in der Hand.
Zu beiden Seiten
saßen die zwölf Schöffen so , daß der ganze Gang der Verhandlung von den Umstehenden mit angehört werden konnte. Unter diesem Landgerichte standen die Gerichte zu Gotha, Thomasbrück, Weißensee und Buttelstedt , von welchen das Leztere allerdings älter war als die Uebertragung der landgräflichen Würde an Ludwig ; denn urkundlich wird schon 1120 daselbst Gericht gehalten und zwar unter Vorsiz des schon genannten Grafen Wichmann und in Anwesenheit unseres Grafen Ludwig , des Grafen Wigbert von Groißsch , deren beiderseitigen Söhnen , übrigen Landesstände.
der Grafen
Sizzo und Beringer und der
Das Verhältniß Ludwigs zum Kaiser Lothar war nach wie vor ein äußerst freundliches . Als der Kaiser 1132 vor Antritt seines ersten Zuges nach Italien in Mühlhausen die sächsischen und thüringischen Fürsten um sich versammelte , um Ruhe und Eintracht
Landgraf Ludwig I. während seiner Abwesenheit sicher
zu stellen ,
79
war Ludwig unter
den Anwesenden wohl der Angeſehenste, denn sein Name steht in dem Verzeichnisse oben an. Wiederholt fand sich auch später der Kaiser in Thüringen ein ; so 1134 auf längere Zeit in Allstedt , in den folgenden Jahren in Naumburg und Merseburg und hier ist auch Landgraf Ludwig an seinem Hofe und unterzeichnet am 15. Mai 1136 ein Privilegium, welches der Kaiser dem Kloster Bürgel ausstellt. 1137 war der Kaiser auf der Rückreise von seinem zweiten Zuge nach Italien plöglich gestorben, und nun brach um des Kaiserthrones willen zwischen den Welfen und Hohenstaufen jener bekannte unſelige Streit aus . Der hohenstaufische Herzog Konrad von Franken wurde auf den Thron erhoben zum großen Verdruß des welfischen Herzogs Heinrich des Stolzen von Bayern. Landgraf Ludwig scheint sich im Anfange sehr vorsichtig und zurückhaltend benommen zu haben ; denn erst 1139 finden wir ihn mit noch mehreren thüringischen Grafen im Feldlager des Kaisers bei Hersfeld . Diese offene Parteinahme belohnte Konrad III damit , daß er seine Nichte Judith , die Tochter Herzog Friedrichs von Schwaben mit Ludwigs gleichnamigem Sohne verlobte , bei welcher Gelegenheit wohl zugleich auch die Vererbung der landgräflichen Würde zugesichert wurde. Am 12. Januar 1140 starb Landgraf Ludwig und fand im Kloster Reinhardsbrunn seine Ruhestätte. Er hinterließ 3 Söhne und 4 Töchter.
Die älteste Tochter Cäcilie wurde mit Ulrich, dem
Sohne des Herzogs Sobieslaw I von Böhmen vermählt ; die zweite, Jutta , erhielt den Herzog Wladislaw, späteren König von Böhmen zum Gemahl ; die dritte, Adelheid , trat in den geistlichen Stand und ward die erste Aebtissin des Nicolaiklosters zu Eisenach ; *) die vierte endlich, Mathilde , ward die Gemahlin Dietrichs, des sechsten Sohnes Markgraf Albrechts des Bären. Der älteste Sohn Ludwig war in der Umgebung des Kaisers geblieben, wurde am 2. Februar 1140 in Worms vor den versammelten Fürsten troß seiner Jugend zur Landgrafenwürde erhoben und kehrte zu Ende des Jahres nach Thüringen zurück. Sein Bruder Heinrich , auch wieder unter dem Beinamen Raspe,**) wird später als Graf von Heffen , auch wohl von
*) Gewöhnlich wird sie als Stifterin des Klosters genannt; allein Landgraf Hermann nennt in einer Urkunde von 1197 seinen Bruder Ludwig als Gründer desselben. (Geh. Haupt- und Staatsarchiv in Weimar. Urkunden.) **) Die Bedeutung dieses Beinamens ist noch nicht hinlänglich erörtert. Daß derselbe nicht so viel heißen kann als der „ Rauhe", wie einige behaupten
80
IV.
Thüringen zur Zeit des ersten Landgrafenhauſes.
Gudensberg genannt , weil er einen Theil der hessischen Besißungen erhielt. Der dritte Bruder , wie der älteste, Ludwig benannt, sollte sich dem geistlichen Stande
widmen und wurde deshalb im
Kloster Reinhardsbrunn untergebracht ; allein seine Abneigung gegen das Klosterleben und seine Vorliebe für ritterliche Uebungen verEr bekam später die anlaßten seinen Austritt aus dem Kloster. landgräfliche Stadt Thamsbrück an der Unstrut und starb ober 1190.
1189
Landgraf Ludwig II, genanut der Eiſerne (1140-1172) . Auch die Lebensgeschichte dieses Landgrafen ist wie die seines Großvaters , des Grafen Ludwig des Springers von der Sage vielfach durchwoben.
Dieselbe schildert ihn in den ersten Jahren seiner
Regierung als einen Jüngling, dem nichts ferner lag, als die Sorge um die Regierung seines Landes, der im Gegentheil sich am liebsten dem Waidwerk hingab
und sich nicht darum fümmerte , wie seine
Unterthanen von den Edelleuten bedrückt und ausgesogen wurden. Erst durch einen Mann aus dem Volke darauf aufmerksam gemacht, beobachtet Ludwig das Thun und Treiben seiner Ritter , überzeugt sich von deren Gewaltthätigkeiten gegen die Unterthanen und läßt ihnen nun fühlen.
mit unerbittlicher
Das
welche sich in
Strenge den Arm der Gerechtigkeit
Alles ist in das Thüringen
Die erste davon erzählt :
Gewand zweier Sagen
überall
gekleidet,
vollständig eingebürgert haben.
Einst hatte sich Ludwig auf der Jagd im
Walde verirrt und gerieth endlich in der Nacht an eine zu Ruhla gehörende Waldschmiede. Der pfiffige Schmied erkennt ihn recht wohl , schenkt aber seinen Worten , als sei er nur des Landgrafen Jäger, anscheinend Glauben , redet ihn hart an und weist ihm mit seinem Pferde als Nachtherberge einen Schuppen an. Die ganze Nacht hindurch arbeitet der Schmied mit seinen Gesellen dicht neben der Lagerstätte des Landgrafen und erzählt ihnen in den Pausen bis das Eisen wieder glüht von den Schandthaten der Ritter und wie der Landgraf sich darum nicht kümmere , so daß jene im Uebermuth sogar die Bauern statt des Zugviehes vor die Pflüge spannten, um den Acker zu bestellen .
Bei jedem Hammerschlage ruft hierauf der
wollen , ist wohl offenbar ; denn er ist bei seinem Vorkommen immer an den Namen Heinrich geheftet und wir begegnen demselben noch mehrmals.
Landgraf Ludwig II, genannt der Eiserne (1140-1172). Schmied :
Landgraf
Ludwig
werde
hart !"
Diese
81
eindringliche
Mahnung habe denn auch ihre Früchte getragen , erzählt die Sage weiter, denn Ludwig sei von der Zeit an sehr streng geworden und habe
die Ausschreitungen
seiner Ritter auf das härteste bestraft.
Anstatt die Strafe als vollständig verschuldet hinzunehmen , erzählt nun die zweite Sage, empörten sich die Ritter wider ihn ; aber mit Hülfe der
Bürger und
Bauern nahm Ludwig die Widerspenstigen
bei Freiburg a. d . U. gefangen , spannte sie , je vier und vier vor einen Pflug und acerte mit ihnen in der Nähe der Neuenburg einen ganzen Acker, der davon der Adel- oder Edelacker benannt und mit einem Steinhaufen ringsum eingegrenzt wurde. Diese beiden Sagen sind in den
Reinhardsbrunner Annalen
allerdings nicht zu finden sondern tauchen zuerst auf in der thüringischen Chronik bis 1322, während eine dritte Sage, nach welcher Ludwig, um ſeine Ritter zu prüfen, sich einſt todt gestellt haben soll, schon bei den Reinhardsbrunnern verzeichnet steht. Eben so kommt der Beiname "1 der Eiserne" zuerst in jener Chronik vor ; von dem Reinhardsbrunner Annaliſten wird Ludwig nur ,,secundus lantgravius" genannt und dabei charakterisirt als „ gerüstet mit männlicher Kraft im Krieg und im Frieden . “ Es
ist
nicht recht denkbar , daß der junge Fürst bei seinem
häufigen und oft langen Aufenthalte am kaiserlichen Hofe , wo ihm doch genügender Einblick in Regierungsgeschäfte überhaupt gegeben war , in der Heimath ſeine Zeit nur mit Umherſchweifen in den Wäldern ausgefüllt haben soll. Der Chronist hat offenbar für seinen Beinamen nur nach einem einzelnen Factum gesucht , um denselben zu rechtfertigen ,
obwohl
derselbe
bei der
energischen Regierung
Ludwigs , die selbst vor einem Zerwürfniß mit dem Kaiser nicht zurückscheute, als vollkommen gerechtfertigt erscheint. Bei den damaligen Verhältnissen waren die Fürſten viel unterwegs , theils um strittige Angelegenheiten in ihren eigenen Ländern auszugleichen, theils um den Reichstagen und Fürstenversammlungen beizuwohnen , was alles bei der Langsamkeit des Reiſens in jener Periode sehr viel Zeit in Anspruch nahm.
So ist z . B. Ludwig
mit seinem Bruder Heinrich 1141 zum Reichstage
in Würzburg,
1142 zu der Fürstenversammlung in Frankfurt ; nach Ausweis einer Urkunde mit seinem Bruder Heinrich und seiner Mutter 1143 in Mücheln , um dort eine Streitigkeit zu erledigen ; 1144 finden wir ihn wieder am kaiserlichen Hofe und im November desselben Jahres mit dem Erzbischof von Mainz in Erfurt ; vor Ostern 1145 mit 6 Kronfeld , Landeskunde. 1.
82
IV.
Thüringen zur Zeit des ersten Landgrafenhauses.
seinem Bruder Heinrich in der Umgebung des Kaisers in Würzburg, im August mit dem Mainzer Erzbischof wieder in Erfurt und im selben Jahre auch bei seinem Oheim, dem Bischof Udo von Naumburg.
Das
beweist wohl zur
Genüge , wie
Ludwig
an seinem
eigenen Hofe sich niemals lange der Ruhe erfreute. An dem Kreuzzuge 1147 nahm derselbe nicht theil , sondern begleitete den Kaiser nur bis Nürnberg und kehrte von da mit den sächsischen Fürſten und dem Erzbischof von Mainz wieder zurück. In diesem Jahre stand seinem Lande noch eine große Feier bevor : die Einweihung des am 16. Juni 1147 von den Edeln von Grumbach gestifteten Cisterzienser Nonnenklosters Ichtershausen. Eine bedeutende Anzahl Geistlicher ,
darunter die Bischöfe von Eichstedt , Verden,
Halberstadt und Würzburg , und
eine
große Menge Grafen und
Edle, den Landgrafen an der Spize , hatten sich zu dem Zwecke als Zeugen in Erfurt eingefunden und bekundeten damit , welche hohe Bedeutung damals den Klöstern zuerkannt wurde.
Außer Ichters-
hauſen entstanden gegen Ende der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts in Thüringen noch drei Klöster. Graf Bruno hatte 1127 in Schmölln (jezt ältenburgiſch ) ein Nonnenkloster gestiftet , entließ die Inwohnerinnen des Kloſters aber bald wieder um ihres unheiligen Lebenswandels willen und nahm Mönche vom CisterzienserOrden aus Walkenried in dasselbe auf. 1140 wurde das Kloster wegen der Rohheit und Wildheit des slavischen Volkes in der Umgegend von Schmölln an die Saale versezt ; es ist das bekannte jeßige Schulpforte. 1140 entstand auch das Nonnenkloster zu Heusdorf, gestiftet von Bertha von Schkeudig und vollendet durch deren Bruder , den Bischof Qtto von Halberstadt.
Im Jahre 1142
wurde das Nonnenkloster zu Roßleben an der Unstrut gestiftet durch Ludwig von Wippra und seine Gemahlin , und endlich das Mönchskloster Georgenthal durch den Grafen Sizzo von Kefern= burg und seine Gemahlin.
Man sieht daraus , daß jene Zeit der
Errichtung von Klöstern in Thüringen äußerst günstig war. Bald nach der Rückkehr des Kaisers
von dem verunglückten
Kreuzzuge finden wir Ludwig wieder in seiner Umgebung ; 1150 in Fulda und Altenburg , 1151 in Würzburg während des Reichstags . Im Februar 1152 starb
der Kaiser Konrad und sein Neffe
Friedrich 1 , bekannt unter dem Beinamen Barbarossa oder Rothbart bestieg den Thron . Dieses Ereigniß konnte für das landgräfliche Haus nur von Vortheil sein ; denn Friedrich war der Schwager des nur wenig jüngeren Landgrafen Ludwig (Friedrich zählte bei
der
Landgraf Ludwig II , genannt der Eiserne (1140—1172) .
83
Thronbesteigung 31 Jahre) und beide Fürsten hatten schon vorher auf dem freundschaftlichsten Fuße zu einander gestanden. Freilich erwartete nun dafür der Kaiser, daß Ludwig ihm bei seinen Kriegszügen, namentlich gegen die aufrührerischen Städte Norditaliens ent= sprechende Hülfe leiste. Ob Ludwig an dem ersten Zuge des Kaisers nach Italien im Jahre 1154 theil genommen , läßt sich zwar vermuthen, aber urkundlich nicht erweisen, und der Landgraf wäre dann jedenfalls nach dem Reichstage auf den roncalischen Feldern wieder nach Thüringen zurückgekehrt , denn der Kaiser giebt ihm unter dem 18. Juni 1155 in einem noch erhaltenen Schreiben aus Italien Nachricht über den Verlauf der Angelegenheiten in jenem Lande, ſezt ihn in Kenntniß von der bevorstehenden Kaiserkrönung in Rom und belobt die Umsicht des jungen Fürsten, auf dessen standhafte Treue er vor allem rechne.
Im Herbste 1155 reist Ludwig dem aus
Italien heimkehrenden Kaiser entgegen und bleibt geraume Zeit am kaiserlichen Hofe.
1157 begleitet Ludwig mit seinem Bruder Hein-
rich, welcher seit 1151 urkundlich als Graf von Heffen genannt wird, den Kaiser auf seinem Kriegszuge nach Polen und 1158 auf dem zweiten Zuge nach Italien , von wo er nach Besiegung Mailands wieder nach Deutschland zurückkehrt.
Die Verhältnisse in Italien
verwirrten sich aber um der Papstwahl willen dermaßen , daß das besiegt geglaubte Mailand wieder sein Haupt erhob und in der dreistesten Weise den Kaiser verhöhnte.
Und doch konnte dieser jegt
wegen der Abwesenheit vieler Fürsten nichts gegen die Stadt unter= nehmen. Deshalb zogen 1161 neue Hülfstruppen über die Alpen ; unser Landgraf führte allein dem Kaiser 500 Ritter zu. Die Stadt wurde eingeschlossen und so bedrängt , daß sie Unterhandlungen anzuknüpfen versuchte. Sie wendete sich deshalb an drei dem Kaiser sehr nahe stehende Fürsten, nämlich an den Landgrafen Ludwig, den Herzog von Böhmen und den Pfalzgrafen Konrad , den Bruder des Kaisers. Lodi.
Der Kaiser war nicht mit im Lager , sondern stand bei
Als nun die Abgesandten der Mailänder zur festgesezten Zeit
erschienen , wurden sie unvermuthet von den Leuten des Erzbischofs Reinald von Köln angegriffen. Darüber waren jene Fürsten natürlich sehr erbittert, weil sie den Gesandten sicheres Geleit zugesagt hatten; der Erzbischof betheuerte jedoch dem Kaiser gegenüber seine Unschuld an dem Vorgange und deshalb wurden den betheiligten drei Fürſten alle feindseligen Unternehmungen gegen Reinald untersagt. Der Vorfall scheint indeß den Landgrafen auch gegen den Kaiser verstimmt zu haben; denn er nahm nicht theil an dem Kampfe , der sich bald 6*
84
IV.
Thüringen zur Zeit des ersten Landgrafenhauses.
nach der Ankunft des Kaisers im Lager mit den Mailändern ent= spann , sondern kehrte nach einigen Wochen gleich dem Herzog von Böhmen in die Heimath zurück. Mailand wurde inzwischen besiegt und zerstört und zu Ende des Jahres 1162 kam auch der Kaiser wieder nach Deutschland . Das gute Einvernehmen zwischen ihm und dem Landgrafen scheint bald wieder hergestellt worden zu sein. In dem Streite des Kaisers wider den Papst Alexander III stand der Landgraf natürlich auf des Ersteren Seite und wurde mit einigen anderen Fürsten beauftragt, die gegen den widerspenstigen Erzbischof Während Konrad von Mainz ausgesprochene Acht zu vollziehen . im Eichsfelde, Harburg und Rüsteberg Burgen Jene die erzstiftischen und Amöneburg und Bingen zerstörten , ließ der Landgraf die im Jahre 1162 um Erfurt erbauten Mauern niederlegen . Im Jahre 1166 zog der Kaiser zum viertenmale nach Italien . Seine Abwesenheit benußten einige deutsche Fürsten , darunter auch unser Landgraf, um den Herzog Heinrich den Löwen für sein hochfahrendes Wesen zu demüthigen.
Dieser Herzog
war der Sohn
Heinrichs des Stolzen , welchem seine beiden Herzogthümer Bayern und Sachsen durch Kaiser Konrad III abgesprochen worden waren. Kaiser Friedrich I dagegen übertrug an Heinrich den Löwen, welcher das Herzogthum Sachsen schon früher wieder zurück bekommen , im Jahre 1154 auch das Herzogthum Bayern . Außerdem besaß derselbe viele Allodial- und Lehngüter und hatte sich noch überdies im Norden und Osten des Reiches von den angrenzenden Slaven große Länderstrecken erobert. Bei seiner hervorragenden Macht ließ er den übrigen Reichsfürsten nur zu häufig sein Uebergewicht fühlen und das veranlaßte jezt ein förmliches Bündniß gegen ihn. Außer dem Erzbischof Wichmann von Magdeburg , den Erzbischöfen von Köln und Bremen und den Bischöfen von Hildesheim und Lübeck waren noch betheiligt: die Markgrafen Albrecht der Bär, Otto von Brandenburg und Otto von Meißen , der Pfalzgraf Adelbert von Sommerſenburg und mehrere Grafen. 1167 schloffen die Genannten in Magdeburg gegen Heinrich ein förmliches Schuß- und Truzbündniß . Ludwig war mit zugegen und auch sein gleichnamiger Sohn , der hier zum erstenmale mit auftritt ; er erklärt am 14. Juli seinen Beitritt zu dem Bündnisse.
Es wurde viel gekämpft und auch Thüringen hatte
darunter zu leiden.
Dem Kaiser kam der Handel sehr ungelegen ; er
hatte deshalb von Italien aus Frieden gebieten laſſen bis zu ſeiner Rückkehr ; aber vergebens. Endlich, im Frühjahre 1168 kam Friedrich nach Deutschland wieder zurück und suchte hier vor allen Dingen die
Landgraf Ludwig II, genannt der Eiserne ( 1140—1172). innere Fehde zu beseitigen.
85
Nach den Berichten der Reinhards-
brunner Annalen soll Ludwig bald nach dem Eintreffen des Kaisers durch dessen Vermittelung mit Heinrich Frieden geschlossen haben und bis zum Herbste war überhaupt der ganze Streit beigelegt. Wohl zum Zwecke eines längeren Aufenthaltes am kaiserlichen Hofe übergab Ludwig seinem gleichnamigen Sohne als seinem Stellvertreter die Regierung über Thüringen. Derselbe nennt sich in einer Urkunde " von Gottes Gnaden dritter Landgraf in Thüringen “ . Während des Aufenthaltes Ludwigs beim Kaiser erbaute deſſen Gemahlin die Burg Weißensee.
Der landgräfliche Hof hielt sich näm-
lich nicht immer auf der Wartburg auf , sondern zeitweilig auch auf der Neuenburg bei Freiburg .
Bei der Uebersiedelung von dem einen
Orte zum andern schlug man nicht die Richtung ein, welche man bei unseren jezigen Verkehrsmitteln unbedingt wählen würde , sondern man hielt sich mehr in dem nördlichen Thüringen.
Die Reise konnte
aber nicht in einem Tage vollbracht werden und es fehlte an einem paſſenden Orte zum Nachtquartier. Die Landgräfin entschloß sich daher , ungefähr in der Mitte des Weges eine Burg , vielleicht auch nur ein wohlverwahrtes Haus als Nachtquartier aufzubauen.
Der
Grund und Boden, auf dem sie zu bauen begann, gehörte aber dem Grafen Friedrich von Beichlingen und dieser wendete sich , da sein Protest gegen den Bau von der Landgräfin nicht beachtet wurde, beschwerend an den Kaiser. Derselbe konnte seinen Unwillen über das eigenmächtige Vorgehen seiner Schwester nicht bergen und befahl, den Bau einzustellen.
Der Landgraf dagegen war mit dem Vorhaben
seiner Gemahlin vollkommen einverstanden und ermunterte sie insgeheim, so rasch als möglich das Werk zu vollenden. So geschah es auch und schließlich ging der Graf von Beichlingen darauf ein, Grund und Boden käuflich abzutreten.
Am Fuße der neuen Burg , welche
zwischen zwei Seen lag, bildete sich die jezige Stadt Weißensee, welche uns im weiteren Verlaufe der Geschichte noch oft begegnen wird . Wie innig das Freundschaftsverhältniß zwischen dem Landgrafen und dem Kaiser gewesen ist , davon geben noch zwei Vorkommniſſe in den nächsten Jahren beredtes Zeugniß .
Der Kaiser erwiderte den
Besuch seines Schwagers und verweilte 1170 geraume Zeit auf der Neuenburg bei Freiburg. Dem Kaiser gefiel die Burg in ihrer Einrichtung sehr wohl , nur meinte er , es fehle derselben an einer festen Umfassungsmauer , um sie vor einem feindlichen Ueberfalle ganz sicher zu stellen. Binnen drei Tagen, erwiderte nach der Sage der Landgraf , getraue ich mir eine Mauer um die Burg zu ziehen.
86
Das
IV.
Thüringen zur Zeit des ersten Landgrafenhauses.
erklärte der Kaiser für gänzlich unmöglich , und
wenn alle
Maurermeister des deutschen Reiches mit Hand anlegten .
Ludwig
ließ aber sofort insgeheim seine Vasallen im nächsten Umkreise entbieten, in der dritten Nacht wohlgerüstet mit ihren Knechten sich vor der Burg zu versammeln . geführt und nachdem
Der Befehl wurde aufs Pünktlichste aus-
die Aufstellung
beim ersten Morgengrauen
vollendet war , begab sich der Landgraf in das Schlafgemach seines Schwagers und meldete , die Mauer sei fertig .
Erstaunt darüber
trat der Kaiser an das Fenster und sah die Burg dicht umgeben von geharnischten Rittern, welche gleichsam eine eiserne Mauer um dieselbe bildeten. Der Vorgang beweist zugleich den Umschwung in dem Verhältnisse zwiſchen Ludwig und seinen Vasallen ; ein Wink genügt, um sie für die weiteren Befehle ihres Landesherrn bereit zu halten. Im Sommer 1172 unternahm der Kaiser , begleitet von einer großen Zahl deutscher Fürsten, unter denen sich auch Landgraf Ludwig befand , einen Kriegszug gegen Polen , welcher1 schnell und glücklich beendet wurde. Bei der Rückreise ereilte den Landgrafen auf der Neuenburg der Tod. Sein Todestag ist nicht verzeichnet. Die Tradition erzählt , daß die Vasallen troß der Weite des Weges bis zum Kloster Reinhardsbrunn den Sarg auf ihren Schultern dahin getragen hätten. Der Erzbischof Wichmann von Magdeburg leitete die feierliche Bestattung. Offenbar war Ludwig ein sehr tüchtiger Regent , welcher das Ansehen und die äußere Machtstellung seines Hauses wesentlich vermehrte.
Zwar wird bei der Ordnung innerer Landesangelegenheiten
viel von seiner Strenge geredet ; allein diese war nicht gegen das gewöhnliche Volf gerichtet, sondern gegen die Adeligen und sie kam auch nur deshalb zur Anwendung , weil diese für die Bedrückungen ihrer Unterthanen gezüchtigt und in die nöthigen Schranken zurückgewiesen werden mußten. die Klöster mag Ludwig namentlich dann ,
Auch gegen die höhere Geistlichkeit und nicht immer glimpflich verfahren sein,
wenn die Rechtsanschauungen der ersteren
mit
seinen Rechtsbegriffen collidirten, und bei den Klöstern, wenn sie sich in der Erwerbung von Grund und Boden Uebergriffe erlaubten. Als Beweis für den ersteren Fall ist im Epistolarcoder noch eine Correspondenz des Landgrafen mit dem Kaiser vorhanden, worin sich derselbe über den neuen Erzbischof Arnold von Mainz 1157 beklagt. Das Schriftstück trägt zugleich zur Charakterisirung des Landgrafen nicht wenig bei.
Derselbe schreibt : „ Vor Eurer Hoheit klage ich,
daß der Erzbischof von Mainz , eifersüchtig auf meine Ehren und
Landgraf Ludwig II, genannt der Eiserne (1140-1172) .
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durch außerordentliche Gewalt getragen , zuwider den Erwartungen, die ich von ihm gehegt , sich gegen mich erhebt. Aber mag er mich gleich für ein Hornvieh halten , er soll mich doch als Raubthier kennen lernen , wenn er nicht durch Eure Weisheit von seinem Vorhaben zurückgehalten wird ! " Der Kaiser sucht vor allen Dingen einen Ausbruch von Feindseligkeiten zu vermeiden und verspricht einen rechtlichen Austrag der Sache. Seine Antwort lautet : „ Da wir aus Deinem Schreiben über die Feindschaft des Mainzer Erzbischofs gegen Dich erfahren , so ist unser Wille, daß Du einstweilen die Vergeltung einstellst und Dich mit den übrigen Fürsten auf unserm kommenden Reichstag in Worms einfindest ; dort wollen wir sicher einen mit Deiner Ehre verträglichen Frieden zwiſchen Dir und dem Erzbischof aufrichten. " Der Wormser Reichstag , zu Ende März 1157, hat denn auch den Frieden zwischen den beiden streitenden Parteien wieder herbeigeführt. Die strenge Abwehr
ungerechter Uebergriffe von Seiten der
Geistlichen ist wohl die Ursache , warum Ludwig von einem Mönche des Klosters Heiſterbach , einem geborenen Thüringer , als einer der schlimmsten Tyrannen geschildert wird , welcher in der Beraubung der Kirchen ein besonderes Wohlgefallen gefunden habe. bischof Christian von Mainz dagegen ,
deffen Urtheil
Der Erzdoch wohl
gewichtiger ist als das jenes Mönches , nennt ihn in einer Urkunde aus dem Jahre vor des Landgrafen Tode einen Fürsten ,
„ prächtig
durch Adel der Geburt, hervorragend durch Mannheit , ausgezeichnet durch Macht und Reichthum des weltlichen Besizes. “ Ludwig hinterließ vier Söhne und eine Tochter.
Auf die Aus-
bildung seiner Kinder hatte der Landgraf besondere Aufmerksamkeit gerichtet.
Ludwig und Hermann waren auf der Hochschule zu Paris
ausgebildet worden.
Die Theilung der väterlichen Hinterlassenschaft
geschah wohl nach testamentarischer Verfügung.
Ludwig erhielt die
Landgrafschaft; Friedrich hatte den geistlichen Stand erwählt, war bei dem Tode des Vaters Propst des Stephansstiftes in Mainz, verließ aber den geistlichen Stand und vermählte sich mit der Buchardis, Gräfin von Ziegenhain in Hessen und wird nun als Graf von Ziegen= hain in der Geschichte genannt.
Heinrich , ebenfalls mit dem Bei-
namen Raspe, hatte die hessischen Beſizungen inne und wird deshalb auch wie sein Oheim Graf von Hessen genannt. Für Hermann wird ein bestimmter Erbantheil nicht aufgeführt ; derselbe spielt aber später in unserer Geschichte eine wichtige Rolle.
Die Tochter Jutta
wurde an den weſtfälischen Grafen Hermann von Ravensberg vermählt.
888
IV.
Thüringen zur Zeit des ersten Landgrafenhauses.
Landgraf Ludwig III , genannt der Fromme oder der Milde (1172-1190). Frühzeitig hat man Ludwig III den Beinamen gegeben , der Fromme und zwar auf Grund seines streng rechtgläubigen Sinnes , infolge dessen er nach den Reinhardsbrunner Annalen mehr der Uebung seines Glaubens als der der Waffen und weltlichen Dinge zugethan war. An allen hohen Festtagen besuchte derselbe Reinhardsbrunn, um dem Hochamte beizuwohnen und sorgte bei dieser Gelegenheit für die leibliche Verpflegung der Seinigen so reichlich, daß die Mönche von dem mitgebrachten Vorrathe allemal noch drei Tage zehren konnten ; kein Wunder also , daß sich Ludwig der Zuneigung derselben in hohem Maße zu erfreuen hatte und daß sie ihn auch Seine Milde und den Milden , d. h. den Freigebigen nannten. Freigebigkeit bethätigte der Landgraf indeſſen nicht bloß gegen die Mönche , sondern vor allen Dingen gegen die Armen , welche er speisete und kleidete , und welche ihm oft in großen Schaaren nachzogen. Es wäre aber durchaus ungerechtfertigt, wenn man sich unter dem Landgrafen auf Grund jener Beinamen einen Mann vorstellen wollte , welcher in thatenloser Schwäche dem regen politischen Leben seiner Zeit fern gestanden hätte ; Ludwig hat im Gegentheil die Interessen seines Hauses und seines Landes , wie nicht minder die des Reiches zu wahren gewußt und gerade sein freundliches und verwandtschaftliches Verhältniß zu dem Reichsoberhaupte hat ihn in manchen harten Kampf mit den Gegnern deſſelben verwickelt. Schon 1173 zieht Ludwig in Angelegenheiten seines Oheims 1170 war nämlich der Markgraf des Kaisers zum Kampfe aus . Albrecht der Bär gestorben und der Kaiser hatte 1171 auf dem Hoftage zu Goslar dessen jüngstem Sohne Bernhard die Burg Plögkau abgesprochen , um sie als Reichsgut einzuziehen. Gegen dieses Verfahren erhoben sämmtliche Söhne Albrechts so entschiedenen Widerspruch, daß zur Entscheidung für das nächste Jahr ein Verhandlungstag angesezt werden mußte. Derselbe verlief jedoch eben so erfolglos als der Hoftag zu Goslar im Mai 1173 ; ja die Brüder erhoben. jezt sogar die Waffen und dieses Vorgehen war für den Landgrafen um so gefährlicher , als die Besizungen der Ascanier theils hart an der Grenze Thüringens , theils sogar in Thüringen selbst gelegen waren. Im 2. Capitel dieses Abschnittes wurde unter den Gewalt= acten Heinrichs V auch der Streit , besprochen über die Weimar-
4
44
Landgraf Ludwig III, genannt der Fromme oder der Milde.
89
Orlamündiſche Erbschaft. Der Hauptbenachtheiligte, Pfalzgraf Siegfried am Rheine hatte bei dem Ueberfalle in Warnstedt 1113 das Leben eingebüßt ; seinen Söhnen konnte jedoch die Erbschaft nicht vorenthalten werden und als der leßte derselben 1140 kinderlos starb, so kam Albrecht der Bär durch Erbschaft in den Besit von Weimar und Orlamünda und diese Besizungen hatte jezt sein zweiter Sohn Hermann geerbt. Die ascanischen Brüder waren plündernd in Thüringen eingefallen und der Landgraf , welcher sich Anfang Juni des Jahres 1173 in der Umgebung des Kaisers zu Frankfurt aufhielt, eilte nach der Heimath zurück, um Gleiches mit Gleichem zu vergelten. Sein Kriegszug galt der Stadt Weimar , welche hart belagert und entweder noch in demselben Jahre oder doch gleich im Anfange des Der Kaiser war selbst zur nächsten erstürmt und zerstört wurde. Unterstügung seines Neffen herbeigeeilt und feierte hierauf das Weihnachtsfest in Erfurt. Die Waffenruhe wurde bald wieder unterbrochen und zwar scheint diesmal Ludwig offensiv vorgegangen zu sein ; denn wir finden ihn 1174 jenseit der Grenzen Thüringens mit der Belagerung der Burg Werben beschäftigt.
Bei dieser Gelegenheit
wird Ludwig durch einen Pfeil verwundet und ist gezwungen, wieder in die Heimath zurückzukehren. Ermuthigt hierdurch unternahm Graf Bernhard 1175 einen Einfall in die Befißungen des Landgrafen und zerstörte auf diesem Zuge den Ort Mellingen bei Weimar.
Jezt
erhielt der Landgraf an dem Herzog Heinrich dem Löwen einen mächtigen Bundesgenossen und der vereinten Macht konnten die Ascanier nicht widerstehen. Nachdem schon die meisten Hauptpläge derselben genommen waren , hat der Landgraf allem Anscheine nach den Kampf ohne seinen Bundesgenossen noch fortgesezt und einen Ausgleich mit jenen herbeigeführt. Das Jahr 1176 änderte plöglich die
allgemeinen
politischen
Verhältnisse durch die unvorhergesehene Niederlage des Kaisers gegen den lombardischen Städtebund bei Legnano am 29. Mai , welche den Kaiser nöthigte , mit seinen erbittertsten Feinden 1177 Frieden zu schließen. Ein hartes Strafgericht stand jezt dem Herzog Heinrich dem Löwen , welcher dem Kaiser die Hülfe bei dem Kriegszuge versagt hatte , bei der Rückkehr Friedrichs nach Deutschland in Aussicht. Im nächsten Jahre erschien der Kaiser endlich wieder in unserm Vaterlande und jezt erhoben sich von allen Seiten Klagen über das gewaltthätige Auftreten des bereits in Ungnade gefallenen Heinrichs des
Löwen.
Troß ergangener Vorladung
erschien derselbe weder
90
IV.
Thüringen zur Zeit des ersten Landgrafenhauses.
in Worms , noch in Magdeburg , noch auch in Goslar und Würzburg .
Diese offenbare Verhöhnung der kaiserlichen Gewalt führte Sturz herbei. Im Sommer 1180 saß der Kaiser mit den Reichsfürsten in Würzburg über ihn zu Gericht ; man
seinen völligen
sprach als Strafe die Entseßung von allen seinen Reichswürden und Lehen aus und der Kaiser verhängte über ihn die Acht . Zu Geln= hausen wurde im April desselben Jahres der Spruch wiederholt. Während dieser Reichstag den Sturz des mächtigen Löwen vollendete, brachte derselbe dagegen dem Landgrafen die Erhöhung zu einer neuen Würde.
1179 war der Pfalzgraf von Sachsen, Adelbert von Sommersenburg ohne Leibeserben gestorben. In jener sehr bewegten Zeit konnte der Kaiſer bei Beſeßung dieſes erledigten Reichslehens nur auf einen Mann denken , auf den er sich in jedem Bezuge verlassen durfte und der dabei mächtig genug war , um die Reichsgüter zu beschüßen. Er ersah hierzu den Landgrafen Ludwig und erwies demselben somit ein sehr hohes Vertrauen . Von dieser Zeit an erscheint Ludwig unter dem doppelten Titel eines Landgrafen von Thüringen und Pfalzgrafen von Sachsen. Heinrich der Löwe hatte den Richterspruch der deutschen Reichsfürsten gar nicht abgewartet sondern schon 1179 zu den Waffen ge= griffen , Halberstadt zerstört , den Bischof gefangen genommen und sich dann in das erzbischöflich magdeburgische Gebiet gewendet , in welchem die Stadt Calbe in einen Schutthaufen verwandelt wurde. Während des Winters ruhte der Kampf ; sobald aber Heinrich von den Bestimmungen des Reichstages zu Gelnhausen Nachricht erhielt, fing das Zerstörungswerk von Neuem an und diesmal galt der Zug Heinrichs nicht bloß den Reichsgütern sondern auch dem Gebiete des Landgrafen , seines ehemaligen Bundesgenossen. Die Stadt Nordhausen wurde
niedergebrannt und ein Verwüstungszug durch
Thüringen ins Werk gesezt.
Landgraf Ludwig war inzwischen in
Heinrichs Land eingefallen und vergalt Gleiches mit Gleichem , eilte aber auf die Kunde von den Vorgängen in Thüringen zum Schuße seines eigenen Landes herbei , um sich auch gleichzeitig mit dem neuen Sachsenherzoge Bernhard zu vereinigen. Die Truppen waren noch nicht alle beisammen, als die Beiden in der Nähe von Weißensee auf Heinrichs Heerhaufen trafen.
Ludwig und Bernhard fochten
gleich tapfer ; aber ein großer Theil des Thüringer Heeres ergriff die Flucht. Bernhard entkam noch rechtzeitig ; Ludwig jedoch wurde sammt seinem Bruder Hermann und
noch vier- bis sechshundert
Landgraf Ludwig III, genannt der Fromme oder der Milde.
Rittern umzingelt und
gefangen genommen.
91
Die flüchtigen Thü-
ringer verfolgte man bis Mühlhausen und nun kam die Reihe der Zerstörung auch an diese Stadt. Ludwig und Hermann wurden. zuerst in Lüneburg , dann in Segeberg in Holstein in ehrenvoller Haft zurückbehalten.
Jest zog der Kaiser gegen den widerspenstigen
Heinrich selbst zu Felde und plöglich sah sich dieser von allen ſeinen bisherigen Verbündeten verlaſſen , weil sich keiner der Gefahr aussezen wollte , als Bundesgenosse eines Geächteten selbst der Acht zu verfallen und so gab er seine Sache verloren. nach dem kurzen Feldzuge 1181
Der Kaiser ging
auf die Pfalzen am Harze zurück.
Hierhin schickte jezt Heinrich freiwillig die beiden Gefangenen Ludwig und Hermann und erschien endlich Mitte November 1181 auf dem Reichstage in Erfurt , um sich vollständig zu unterwerfen und die Abtretung seiner Lehen und eine mehrjährige Verbannung aus Deutschland anzuerkennen.
Auf diesem Reichstage trat Ludwig frei-
willig von der Verwaltung der Pfalzgrafschaft Sachsen zurück und diese wurde seinem Bruder Hermann übertragen. Vielleicht hatte der erfolgte kinderlose Tod (1180 ) des dritten Bruders Heinrich Raspe die Veranlassung hierzu gegeben , weil deſſen Befihungen in Hessen und am Rheine an Ludwig übergingen.
Derselbe nennt sich
nun Landgraf von Thüringen und Graf von Hessen , bisweilen auch Landgraf von Thüringen und Heffen. Die rheinischen Besizungen, namentlich die Burgen Bilstein, Wied und Windeck veräußerte Ludwig später an den Erzbischof von Köln. Mit dem Erzbischof von Mainz hatte der Landgraf wegen der Besizungen jenes Kirchenfürsten in Thüringen häufige Zwiftigkeiten und es drohten dieselben 1184 in eine förmliche Fehde auszuarten. Nach dem Tode des Erzbischofs Christian , des edeln thüringischen Grafen von Buche erhielt jener Konrad den Bischofsfit wieder, welcher vor 17 Jahren wegen des Verraths am Kaiser seine Stellung hatte aufgeben müſſen.
Konrad konnte immer noch nicht vergessen , daß
Ludwigs Vater , 1 der Eiserne , die Befestigung Erfurts niedergelegt hatte und forderte von dem jezigen Landgrafen Entschädigung für den damals angerichteten Schaden. Beide Fürsten standen bei dem Kaiser in hohem Ansehen ; deshalb suchte derselbe zwischen
ihnen
Frieden zu stiften und gab seinem Sohne Heinrich, den er zu einem Kriegszuge nach Polen entsandte, den Auftrag, beide Parteien in Güte zu vertragen. Heinrich veranstaltete zu dem Ende am 26. Juli 1184 eine Verhandlung in Erfurt , Ausgang hätte haben können .
welche für ihn
einen sehr schlimmen
Der Fußboden des Versammlungs-
92
IV.
Thüringen zur Zeit des ersten Landgrafenhauses .
saales brach nämlich durch und den Versammelten drohte der Tod in der unter dem Saale befindlichen Abzugsgrube. Der König und der Erzbischof retteten sich noch schnell in ein Fenster und mußten dann mit Leitern heruntergebracht werden. Auch der Landgraf wurde gerettet ; aber über 60 Personen fanden in der Kloake einen jämmerlichen Tod , darunter der Unruhſtifter Heinrich von Schwarzburg. Der Schrecken trug viel dazu bei , die streitenden Parteien für jezt zu versöhnen. Im September desselben Jahres begleitete Ludwig den Kaiser auf einem abermaligen Zuge nach Italien und kehrte wahrscheinlich erst im Frühjahre 1185 zurück, wenigstens finden wir ihn Anfang Mai in Mainz, jedenfalls auf der Rückreise. In eben diesem Jahre that der Landgraf einen Schritt, der wohl geeignet ist, einen Schatten auf seinen Charakter zu werfen ; er trennte sich nämlich von seiner Gemahlin , einer Gräfin von Cleve unter dem Vorgeben zu naher Verwandtschaft mit derselben und vermählte sich 1186 mit Sophie, der Mutter des Königs Knud von Dänemark und Wittwe Waldemars I. Die Schwester Knuds war mit einem Sohne des Kaisers verlobt ; 1187 gerieth der Kaiser aber in Conflict mit Knud und fandte die dänische Braut seines Sohnes wieder in ihre Heimath zurück. Das veranlaßte den Landgrafen , seine im vorigen Jahre erst heimgeholte Gemahlin gleichfalls dem Könige Knud wieder zuzusenden. Maß der Schande für das dänische Königshaus
voll
Um das
zu machen,
folgte auch Siegfried , wahrscheinlich ein Graf von Orlamünde , dem Beispiele des Kaiſers und ſandte seine Gattin Ingard , eine Tochter Waldemars gleichfalls wieder heim.
Diese Vorgänge werfen aller-
dings ein eigenthümliches Licht auf die damaligen Zustände. Auf dem Reichstage zu Mainz Ende März 1188 beschlossen viele deutsche Fürsten, der alte Kaiser voran, einen Kreuzzug . Auch der Neffe Barbarossas, der Landgraf Ludwig sagte seine Theilnahme zu . Im Frühjahre 1189 brach der Kaiser mit dem Heere auf und nahm seinen Weg zu Lande, während der Landgraf mit ſeinem Bruder Hermann erst im Juni des genannten Jahres abreiste, weil er von Italien aus zu Schiffe den Weg fortzusehen gedachte. Die Schiffe gingen von Apulien aus nach Thrus .
Bald wurde der Landgraf von derjenigen Abtheilung der
Kreuzfahrer, welche seit August die Stadt Ptolomais belagerten , zu ihrer Unterstützung herbeigerufen und jezt fand derselbe Gelegenheit, sich als tapferen Kriegshelden zu bewähren.
Fast ein Jahr lang hat
er sich bei der Belagerung betheiligt, bald einzelne Abtheilungen, bald das ganze Belagerungsheer befehligt und sich dabei als so
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w
ww
Landgraf Ludwig III, genannt der Fromme oder der Milde.
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muthigen Ritter bewährt , daß nicht bloß die Reinhardsbrunner Annalen, sondern auch andere Berichterstatter von der unerschrockenen Tapferkeit und den Heldenthaten des Landgrafen viel zu erzählen wissen. Der unerwartete Tod des Kaisers in den Wellen des Kalyfadnus oder Saleph am 10. Juni 1190 legte die ganze Unternehmung lahm.
Auch Ludwig verlor bei den häufigen Zwiſtigkeiten
zwischen den deutschen und französischen Kreuzfahrern , sowie infolge einer Krankheit die Lust , sich noch ferner zu betheiligen und begab sich wieder zu Schiffe , um in die Heimath zurückzukehren. Aber schon nach wenigen Tagen wurde die Krankheit so heftig , daß am 16. October 1190 der Tod erfolgte. Man landete deshalb auf der Insel Cypern , damit die leichtverweslichen Theile des Körpers hier beerdigt werden konnten ; die Gebeine wurden wieder an Bord gebracht und nach geschehener Landung in Venedig auf dem Landwege in die Heimath befördert , wo sie im landgräflichen Erbbegräbnisse zu Reinhardsbrunn am Weihnachtsabende 1190 feierlich beigesezt wurden. Die aus Ludwigs Leben erzählten Vorgänge bestätigen wohl vollkommen jene zu Eingang des Capitels aufgestellte Behauptung, daß Ludwig troß des Beinamens der Fromme ein vielbewegtes Leben geführt und sich als tapferen Kriegshelden bewährt hat. Er wird deshalb in den Erfurter Annalen gepriesen als "? im Kriegshandwerk der Tüchtigste seiner Zeit und voller Kühnheit", und in einem alten deutschen Gedichte als
eine Blüthe der Ritterschaft ,
dem Keiner
gleichgekommen , verständig und weise im Rath wie überaus tüchtig im Felde, hoch und edel von Sinn und Sitten". Ludwig war zwar nach obigem Berichte
zweimal vermählt,
hinterließ aber keine Kinder und ſein einziger Erbe war sein Bruder Hermann , da der gleichfalls noch lebende Friedrich auf die Mitbeerbung verzichtet zu haben scheint, vielleicht in der nicht ungerechtfertigten Voraussicht , daß möglicher Weise die Erbnachfolge der Brüder nach dem Lehensrecht angefochten werden würde.
Landgraf Hermann I ( 1190—1217) . Ueber die Vererbung Thüringens konnten jest wohl zweifel erhoben werden, indem die Reihenfolge von Vater und Sohn unterbrochen und dem strengen Lehnrechte nach die Landgrafschaft dem Reiche heimgefallen war. Der neue Kaiser Heinrich VI , schon bei Lebzeiten seines Vaters zum Nachfolger ernannt, hatte während dessen
94
IV.
Thüringen zur Zeit des ersten Landgrafenhauses.
Abwesenheit die Regierung des Reiches geführt und stand eben im Begriff einen Zug nach Italien zu unternehmen, um von dem durch Verheirathung ihm zugefallenen ſicilischen Königreiche Beſiß zu er= greifen ; auf die Kunde von dem Tode des Landgrafen Ludwig eilte er aber nach Thüringen in der Absicht , sich zunächst dieses Landes als eines heimgefallenen Lehens zu versichern .
Allerdings hätte die
Hausmacht Heinrichs auf diese Weise keinen unwesentlichen Zuwachs erhalten und bei der Härte , mit welcher derselbe seine habsüchtigen Pläne auszuführen pflegte , war für Hermann wohl das Schlimmste zu befürchten , zumal da der Kaiser bei dem Charakter Hermanns fein rechtes Vertrauen in deſſen treue Ergebenheit sehen konnte. Die drohende Gefahr ging jedoch für den Landgrafen vorüber ; denn dem Kaiser lag an der Durchführung seiner Pläne in Unteritalien und an der Kaiserkrönung augenblicklich ungleich mehr und es stand überdies zu befürchten , daß bei dem beabsichtigten eigennüßigen Vorgehen sich leicht eine mächtige Partei mit dem aus seiner Verbannung zurückgekehrten Heinrich dem Löwen an der Spize gegen ihn bilden konnte.
Deshalb machte der Kaiser dem Landgrafen Hermann das
Thüringerland nicht weiter streitig , obgleich nach den Angaben der Reinhardsbrunner Annalen zwei Städte und ein Theil des Landes dem Reiche abgetreten werden mußten und ferner wahrscheinlich ist, daß Hermann auch auf die Pfalzgrafschaft Sachsen verzichtete ; denn er wird als Zeuge in den Urkunden des Kaisers nur noch Landgraf in Thüringen genannt . *) Aber nicht bloß der Kaiser hatte Hermann die Herrschaft in Thüringen streitig zu machen gesucht, sondern auch die Stifter Hersfeld und Fulda erhoben Ansprüche und er konnte sich das erstere nur dadurch günſtiger stimmen ,
daß er demselben
die Abtei Breitungen an der Werra mit allen Rechten überließ. Die Regierungszeit Hermanns zeichnet sich sehr unvortheilhaft durch eine Reihe der hartnäckigsten Kämpfe aus , unter denen Thüringen schwer zu leiden hatte. Zunächst wurde derselbe in eine Fehde verwickelt mit dem Markgrafen von Meißen. Dieses Fürstengeschlecht gelangt später in den Beſiß Thüringens und von ihm stammen die heutigen sächsischen Fürsten ab ; deshalb sei über dasselbe gleich hier Einiges bemerkt.
Die ersten Anfänge der Dynastie reichen bis in
das 10. Jahrhundert zurück ; ältere Geschichtsschreiber suchen dieselbe
*) Er selbst nennt sich jedoch, freilich erst in einer Urkunde von 1208 (23. März) Landgraf von Thüringen und Pfalzgraf von Sachsen. (Geheimes Haupt- und Staatsarchiv in Weimar. Urkunden.)
Landgraf Hermann I (1190–1217).
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noch viel weiter zurück zu datiren, denn Glafey (kurfürstlich sächsischer Hof- und Justizrath und geheimer Archivar) nimmt in seinem „Kern der Geschichte des hohen kur- und fürstlichen Hauses zu Sachsen“ als vollständig erwiesen an, daß das meißnische oder wettinische Fürstenhaus von dem bekannten Sachsenherzog Wittekind abstamme ; allein man hat später doch gegründete Zweifel in diese Annahme gesezt und vielmehr die Abstammung von dem im 2. Capitel des II. Ab= schnittes angeführten Herzog der Thüringer Burchard hergeleitet, deffen beide Söhne Burchard und Bardo gleichzeitig dort mit genannt werden.
Es scheint der Name Burchard oder Burkhard , zusammen-
gezogen Bucco, Bußo oder Buß eine Zeit lang Lieblingsname in der Familie gewesen zu ſein, und daher wird auch in neueren Geschichtswerken der Name kurzweg Buzizi genannt. An der unteren Saale, über ihrem rechten Ufer nördlich von Halle erhob sich die jezt verlassene Burg Wettin, wonach später das Fürstenhaus benannt wurde. Seine eigentliche Macht begründete dasselbe in den östlichen Landstrichen zwischen Saale und Elbe und über diese hinaus , welche den Slaven abgerungen worden waren . Ein Stammbater derselben , Dedi oder Dedo ist uns früher schon begegnet. Familie hatte,
Ein Graf Dietrich aus dieser
wie auch schon angeführt wurde , eine Tochter des
Markgrafen Eckard I zur Gemahlin und erbte bei dem Aussterben des Eckardschen Hauſes die Allodialgüter dieser Familie .
Sein zweiter
Sohn Dedo (III) bekam die Markgrafschaft Lauſiß und bemächtigte sich 1068 auch der Markgrafschaft Meißen, die indeß bald wieder in andere Hände fiel.
Konrad der Große († 1156) besaß die Mark-
grafschaften Lausiß und Meißen, konnte über beträchtliche Hausgüter verfügen, sowohl in der alten Ostmark als auch in Thüringen, hatte die Voigteien inne über die Bisthümer Naumburg - Zeiß, Merseburg und Meißen und ist somit der eigentliche Begründer der Macht des Hauses, wie er auch der Stammvater des jezigen sächsischen Fürstenhauses ist. Leider fand damals noch die Zerſtückelung des Landes durch Theilung statt. Konrads 5 Söhne theilten sich in das Land. Otto ,
als ältester Sohn , bekam die Mark Meißen ;
er führt den
Beinamen der Reiche, weil unermeßliche Schäße aus dem 1169 oder 1171 bei Freiberg entdeckten Silbererze ihm zuflossen .
Seine beiden
Söhne waren Albrecht , später mit dem Zunamen der Stolze benannt, und Dietrich, genannt der Bedrängte. 1189 hatte der herrschsüchtige Albrecht seinen Vater Otto gefangen genommen . Auf Einschreiten des Kaisers erhielt derselbe zwar seine Freiheit wieder ; aber die unnatürliche Fehde zwischen Vater und Sohn wurde erst durch
96
IV.
Thüringen zur Zeit des ersten Landgrafenhauses .
den Tod Ottos im Februar 1190 beseitigt.
Dafür entstand nun ein
harter Kampf zwischen Albrecht und seinem Bruder Dietrich , denn jeder beanspruchte das väterliche Erbe ganz für sich. Albrecht behielt die Oberhand. In seiner Noth und Bedrängniß wendete sich Dietrich um Beistand an den Landgrafen Hermann und um sich dessen Hülfe vollkommen zu versichern, bat er zugleich um die Hand von Hermanns Tochter Jutta. Sobald das Verlöbniß vollzogen war , nahm sich Hermann seines künftigen Schwiegersohnes wacker an, brach nach vergeblichen Verhandlungen in Albrechts Land ein, belagerte die Stadt Camburg an der Saale , nahm sie weg und rückte immer weiter vor bis in die Gegend von Leipzig ; und
nun verſtand ſich endlich sein
Gegner zum Frieden und zur gleichmäßigen Theilung des väterlichen Erbes. Das geschah in der ersten Hälfte des Jahres 1192. Aus Rache für den abgenöthigten Vertrag suchte jezt Albrecht den Landgrafen durch andere Mittel in das Verderben zu stürzen. Unter den deutschen Fürsten regte sich um diese Zeit eine große Unzufriedenheit über das zu straffe Regiment des Kaisers und darauf gründete Albrecht gegen den Landgrafen eine Anklage so bösartiger Natur, daß damit sein abscheulicher Charakter vollständig bloß gelegt wurde. Bald nach dem Friedensschlusse begab sich derselbe an den Hof des Kaisers und Landgraf Hermann habe sich gegen ihn und andere Fürsten eidlich verbunden, den Kaiser zu ermorden, damit sich die Fürsten ungehindert in die staufischen Güter theilen könnten. Nöthigen Falles wolle er diese Aussage gegen den Landgrafen im
brachte klagend an :
Der Kaiser verließ auf diese erschreckende Mittheilung hin sofort die Rheingegenden und schrieb einen Reichstag nach Nordhausen aus, damit der Markgraf seine Anklage in GegenZweikampf erhärten.
wart der Fürsten wiederhole und dann das Gottesurtheil entscheide. Im Vertrauen auf seine Unschuld traf der Landgraf zur festgesezten Zeit in der Versammlung ein , während Albrecht außen blieb . Hermann wurde daher von dem Verdachte gänzlich freigesprochen ; dafür erhob der Kaiser gegen Albrecht die Anklage auf Verleumdung und begab sich im November 1192 nach Altenburg, um von hier aus dem Lande des Markgrafen näher zu sein . Ganz unerwartet stiftete jezt Herzog Bernhard von Sachsen zwischen Albrecht und Hermann Frieden. Jedenfalls wurde derselbe veranlaßt durch die gemeinſame Feindschaft gegen den Kaiser, dessen Gegner jeßt offen das Haupt erhoben. Traf doch den Kaiser der Verdacht, bei der Ermordung des durch ihn aus Lüttich vertriebenen Bischofs Herzog Albert von Brabant die Hand mit im Spiele gehabt zu haben. Bei solcher Sachlage war dem Kaiſer
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Landgraf Hermann I (1190-1217).
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viel daran gelegen, die Gegner in Sachsen zu versöhnen und so finden wir in Altenburg nicht nur Markgraf Albrecht und seinen Bruder Dietrich, ſondern im December 1192 auch den Herzog Bernhard von Sachsen und den Landgrafen Hermann am kaiserlichen Hofe . Die vollständige Aussöhnung zwischen dem Kaiser und dem Landgrafen scheint aber erst im Juni 1193 auf dem Reichstage zu Worms erfolgt zu sein. Ueber den erfolgten Ausgleich war der Erzbischof Konrad von Mainz als heftiger Gegner des Kaisers so erbittert, daß er deshalb den Landgrafen befehdete. Dieser fiel jedoch rasch in die Befizungen des Erzbischofs ein , nöthigte ihn zum Frieden.
zerstörte die Stadt Melsungen und
Während der Kaiser 1194 in Italien weilte, um dort seine Herrschaft in dem ficilischen Königreiche zu befestigen , fing Markgraf Albrecht von Meißen die Feindschaft mit seinem Bruder von Neuem an. Hermann zog dem bedrängten Dietrich mit starker Heeresmacht zu Hülfe , zerstörte mehrere Burgen und erzwang damit den Frieden. Seine Abwesenheit hatte der Erzbischof von Mainz benutzt und war in Gemeinschaft mit dem Erzbischof von Köln in Hessen eingerückt. Rasch entschlossen wandte sich Hermann mit seinen Truppen dahin , mußte jedoch auf halbem Wege wieder umkehren, weil der Markgraf Albrecht, den er für vollständig besiegt hielt, ihm von Osten her in das Land gefallen war .
Gleich. im ersten Treffen
wurde Albrecht ganz entschieden geschlagen und floh.
Nun erst konnte
sich der Landgraf zur Abwehr der beiden anderen Feinde wenden und noch in diesem Jahre wurde zwischen den kämpfenden Parteien Friede geschlossen. Sein Feind , der Markgraf Albrecht fand am 22. Juni 1195 einen schmählichen Tod durch Gift. Auf dem Reichstage zu Gelnhausen im October 1195 erklärte
sich auch der Landgraf Hermann mit vielen Fürſten zur Theilnahme am Kreuzzuge bereit , dessen Ausführung der Kaiser dem Papste In eben diesem Jahre starb die Landgräfin versprochen hatte. Sophie, Tochter des Pfalzgrafen Friedrich von Sommerſenburg, und so vermählte sich Hermann aufs Neue.
Sophie , die Tochter des
Herzogs Otto von Bayern, Schwester des derzeitigen Herzogs Ludwig und Nichte des Erzbischofs Konrad von Mainz wurde seine zweite Gemahlin, was zur Aussöhnung Hermanns mit dem Erzbischof wohl wesentlich beigetragen haben mag. Der beabsichtigte Kreuzzug kam erst im Jahre 1197 zu Stande. Die Kreuzfahrer sammelten sich in Apulien um den Kaiser , wohin sich derselbe schon im Juni 1196 begeben hatte. Im März 1197 7 Kronfeld, Landeskunde. I.
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IV.
Thüringen zur Zeit des ersten Landgrafenhauses .
brach der Landgraf mit den Seinigen zum Zuge auf, an welchem sich unter Anderen aus Thüringen die Grafen von Refernburg und Schwarzburg, der Henneberger Graf Poppo , die Herren von Mühlberg und Wartberg betheiligten . Der größere Theil des Heeres war bereits bis zum heiligen Lande vorgedrungen, als ganz unerwartet bei den Kreuzfahrern die Nachricht von dem am 28. September 1197 erfolgten plöglichen Tode des Kaisers eintraf , welcher dem süditalischen Klima im 32. Lebensjahre zum Opfer gefallen war. SD= fort eilten die deutschen Fürsten aus Palästina der Heimath wieder zu , denn es galt die Wahl eines neuen Kaisers und die Ansichten standen sich diesmal schroff gegenüber. Aber noch ehe die Kreuzfahrer den heimathlichen Boden wieder betraten , hatte die hohenPartei der Zurückgebliebenen bereits eine Wahl vorgenommen und zwar war der Bruder Heinrichs, der Herzog Philipp von Schwaben am 6. März 1198 in Ichtershausen, oder wie Andere behaupten in Arnstadt zum Könige ernannt worden. Die welfische
staufische
Partei mit dem Erzbischof Adolf von Köln an der Spiße wählte den Welfen Otto , zweiten Sohn Heinrichs des Löwen zum Reichsoberhaupte. Das wurde eine traurige Zeit für Deutſchland und fie führte ganz speciell für unser Thüringen trostlose Zustände herbei, weil der Landgraf sich bald dem einen , bald dem andern Kaiser zuneigte und somit immer den Zorn des Einen zu fühlen hatte. Erst im Juli 1198 kehrte Hermann in die Heimath zurück und so= fort bewarben sich beide Kaiser unter Zusicherung großer Vortheile um seine Stimme. Philipp verhieß ihm Güter des Reiches , wenn er ihm voll und ganz seinen Beistand zusichere ; Otto war noch freigebiger in Versprechungen , denn außer der Zusicherung von Reichslehen bot derselbe noch eine Summe von 8000 Mark Silber. Zur Ehre Hermanns ist wohl anzunehmen , daß nicht dieses Mehrgebot ihn auf Otto's Seite neigte , sondern wohl die Erinnerung an das Vorgehen des verstorbenen Kaisers Heinrich gegen ihn . Er entschied sich bald nach seiner Ankunft in Deutschland für Kaiser Otto und ließ sich von ihm seine Reichslehen in aller Form übertragen. Noch in demselben Jahre belagerte er die reichsfreie Stadt Nordhausen, welche ihm Otto als Belohnung zugesprochen hatte und gewann dieselbe nach sechswöchentlicher harter Belagerung . Nun ging der Zug nach der Reichsstadt Saalfeld , die sich gleichfalls noch vor Weih-, nachten ergab , aber sammt der hier befindlichen Benedictinerabtei von den Schaaren Hermanns eine schonungslose Plünderung erlitt.
Landgraf Hermann I (1190-1217).
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Kaiser Otto kam indeß nicht zu rechtem Ansehen ; sein Gegner Philipp dagegen gewann immer größeren Anhang, rückte vom Rhein her vor und stand im Begriff, den Landgrafen im eigenen Lande feindlich heimzusuchen. Da nahm Hermann um so weniger Anstand , sich im Jahre 1199 von Otto loszusagen , als deffen Bundesgenosse König Richard
von England im April gestorben und somit der Zufluß von Hülfsgeldern abgeschnitten war , von denen auch der Landgraf die versprochenen 8000 Mark Silber erhalten sollte. Um Mitte August huldigte derselbe dem Könige Philipp , zu dessen Ver söhnung Hermanns Schwager Ottokar von Böhmen wohl das meiste beigetragen hatte. Als Belohnung für seinen Uebertritt bestätigte ihm Philipp den Besiß der Reichsstädte Nordhausen , Mühlhausen und Saalfeld und gab ihm noch außerdem das Orlagebiet und die Burg Ranis zu Lehen.
Hermann hielt sich längere Zeit am kaiserlichen Hofe auf. Wegen der vorhin gemeldeten Plünderung in Saalfeld erfolgte aber jezt durch den Erzbischof von Mainz das Interdict , dessen Aufhebung der Landgraf durch das Versprechen
erkaufen mußte, daß er zur Wiedergewinnung der geraubten Gegenstände Alles aufbieten werde. Bis jetzt hatte sich der Papst von irgendwelcher Parteinahme für einen der beiden Kaiſer ferngehalten ; 1201 am 1. März erkannte er aber Otto in aller Form als deutschen Kaiser an , und das gab auf einmal der Sache eine andere Wendung . Landgraf Hermann verkehrte viel mit einem Gegner Philipps , mit dem Bischof von Würzburg , was ihn natürlich dem Kaiser Philipp verdächtig machte und die Zurückforderung der erst vor kurzem übertragenen Lehen zur Folge hatte. Die welfische Partei dagegen erbot sich jetzt, dem Landgrafen die in Aussicht gestellte Geldsumme auszuzahlen, um ihn ganz zu sich herüberzuziehen. Vielleicht wäre es aber doch nicht zum vollständigen Bruche gekommen , wenn nicht der Tod des Erzbischofs Konrad von Mainz (27. October 1200) der
Feindschaft
zwischen dem Papste und dem Kaiser Philipp einen offenen Ausdruck
gegeben hätte .
Auf Philipps
Betrieb
wurde der Bischof
Luitpold von Worms zum Erzbischof erwählt , während eine andere Partei
den Dompropst Siegfried von Eppstein zu dieser Würde
ausersah.
Der Lehtere wurde vom
Papste bestätigt.
Gerade für
Thüringen war die Wahl von Wichtigkeit und Hermann schloß sich unbedenklich der päpstlichen Partei an , ermahnte die Thüringer zum Gehorsam gegen den Erzbischof Siegfried , nahm für diesen die erzbischöflichen Einkünfte in Thüringen in Beschlag und versicherte sich 7*
Staatliche Bibliothek
Bamberg
100
IV.
Thüringen zur Zeit des ersten Landgrafenhauſes.
der Stadt Erfurt , aus welcher er den Grafen Lambert von Gleichen als Anhänger des Kaisers und des Erzbischofs Luitpold vertrieb . Allein in einer stürmischen Nacht vor Ostern des Jahres 1202 drang der eben genannte Erzbischof mit dem Grafen Lambert in Erfurt ein , wobei eine entstehende Feuersbrunst die Besißnahme der Stadt erleichterte.
Im folgenden Jahre , bald nach Pfingsten rückte der
Kaiser Philipp mit 2000 Rittern und einer großen Schaar Fußvolk von Osten her in Thüringen ein , während der Erzbischof Luitpold von Erfurt aus dem Kaiser entgegenzog , um sich mit ihm zu vereinigen.
Schreckliche Verwüstungen bezeichneten den Weg des kaiser-
lichen Heeres ; die Reinhardsbrunner Annalen berichten , die Schwaben hätten nicht anders gehaust wie Saracenen. Der Landgraf kam sehr ins Gedränge und war nicht im Stande die Feinde abzuwehren. Zum Glück vermittelte sein Schwager , der Herzog Ludwig von Bayern einen achttägigen Waffenstillstand und während dieser Zeit eilten Hermanns Verbündete herbei.
Pfalzgraf Heinrich, der Bruder
des Kaisers Otto , kam als Anführer einer kleinen aber zuverlässigen Schaar , und von der andern Seite rückte Ottokar von Böhmen mit 40,000 Mann heran , leider zum Verderben Thüringens , denn ohne Unterschied zwischen Freundes- und Feindesland wurde von den Böhmen alles verwüstet. Man kann sich von den damals verübten Greueln kaum eine genügende Vorstellung machen. Nach den Angaben des Abtes Arnold von Lübeck sind allein 16 Klöster und 350 Pfarrkirchen zerstört worden.
Der Kaiser Philipp hatte sich
eiligst nach dem wohlbefestigten Erfurt zurückgezogen und verwüstete von hier aus die landgräflichen Besizungen.
Um die Fürsten des
Osterlandes , seine treuen Anhänger zu größeren Truppenſendungen zu veranlassen, begab er sich dorthin , während der Kaiser Otto dem immer noch hartbedrängten Landgrafen mit einem bedeutenden Heere zu Hülfe kam.
Die Böhmen hatten in der Zwischenzeit Erfurt ein-
geschlossen ; aber trok des jezt eintreffenden Zuzuges konnte man nichts ausrichten. Nach 30tägiger vergeblicher Belagerung zog das Heer ab und ging über die Saale nach dem Osterlande in der Hoffnung , mit dem Kaiser Philipp dort den Kampf zu bestehen. Aber derselbe war nirgends aufzufinden , denn er hatte sich auf Umwegen wieder nach Erfurt gewandt , fah aber jezt die Unmöglichkeit ein , sich noch länger zu behaupten und entließ daher den größten Theil seines Heeres . Sein eiliger Rückzug glich einer Flucht ; dennoch ließ er es geschehen, daß das schon hart mitgenommene Schmalkalden bei dieser Gelegenheit von seinen Truppen vollends zerstört
=1
wurde .
Landgraf Hermann I (1190-1217).
Der Erzbischof Luitpold hatte sich
101
gleichfalls schleunigst aus dem
Staube gemacht und nun hielt Siegfried in Begleitung Kaiser Ottos in Erfurt seinen Einzug. Otto hielt hierauf in Merseburg einen Hoftag und versammelte hier seine Anhänger zu längerem Verweilen ;
dennoch nahm seine
Angelegenheit im folgenden Jahre ( 1204) wieder eine ungünstige Wendung , indem sich viele Fürsten zur Partei seines Gegners schlugen , unter Anderen der Erzbischof Adolf von Köln und sogar Der Landgraf Ottos eigener Bruder , der Pfalzgraf Heinrich. Hermann war noch schwankend .
Da brachte Philipp denselben da=
durch ins Gedränge, daß er ihm die Grafen und Herren Thüringens heimlich abwendig machte und sie auf seine Seite zog , ja dieselben sogar eidlich verpflichtete , ihrem Landesherrn kräftigen Widerstand entgegen zu sehen .
An der Spiße dieſes heimlichen Bundes standen
die Grafen von Gleichen , von Schwarzburg , von Kefernburg und von Beichlingen und die an der Grenze Thüringens angesessenen Grafen von Hohnstein und Klettenberg . Sie wußten an verschiedenen Orten Händel mit dem Landgrafen hervor zu rufen, verwüsteten ihm mehrere Besizungen und bemächtigten sich endlich sogar der Stadt Sangerhausen , welche bei dieser Gelegenheit ausgeplündert und zum größten Theil von Feuer verzehrt wurde.
Dagegen blieb die Be-
lagerung von Weißenfels , der am stärksten befestigten Stadt des Landgrafen gänzlich fruchtlos .
Nachdem aber durch den Kaiser dem
Landgrafen der Boden unter den Füßen unterwühlt und die Treue seiner Untergebenen wankend gemacht worden war , blieb der Ausgang des Kampfes nicht mehr zweifelhaft.
Der Kaiser erschien jezt
mit einem gewaltigen Heere, in welchem Bayern, Schwaben, Sachsen, Rhein- und Ostfranken und Osterländer vereinigt waren, in Thüringen und es begann wieder wie früher die Verwüstung des Landes , in welchem eben die Ernte begonnen hatte. In Weißensee war um den Landgrafen eine kleine Schaar treuer und tüchtiger Ritter versammelt ; allein dieselbe war zu schwach , als daß sie gegen die gewaltige Heeresmacht, zu welcher nach der Erfurter Chronik der Markgraf Dietrich von Meißen, Hermanns Schwiegersohn allein 10,000 Mann und 1500 Ritter ,
der
Erzbischof Lupold von Magdeburg sogar
30,000 Mann gestellt haben soll ,
etwas hätte ausrichten können.
Da erschien in der höchsten Noth noch einmal Ottokar von Böhmen mit
einem
großen Heerhaufen , unter welchem sich diesmal auch
ungarische Völker befanden , und die Hoffnungen Hermanns belebten sich aufs Neue. Philipp brach die Belagerung von Weißensee ab
102
IV.
Thüringen zur Zeit des ersten Landgrafenhauſes.
und zog den wilden Heerhaufen entgegen , welche bereits bis Orlamünde vorgedrungen waren. Durch falsche Botschaften getäuscht ging aber plöglich Ottokar
wieder zurück und nun war Hermann abermals auf sich selbst angewiesen , erkannte die Zwecklosigkeit längeren Widerstandes und ergab sich am 17. September 1205 zu Jchtershausen dem Kaiser Philipp auf Gnade und Ungnade. Lange ließ ihn der Kaiser auf den Knien liegen und überhäufte ihn mit den bittersten Vorwürfen , bis er ihn endlich auf Verwenden der um= stehenden Fürsten wieder zu Gnaden annahm. Hermann mußte ihm den Eid der Treue erneuern und damit war das Versöhnungswerk besiegelt ; doch nahm der Kaiſer diesmal der Sicherheit wegen Geiseln mit sich und unter diesen den eigenen unmündigen Sohn Hermanns . Eine Schmälerung des Besißthums war nicht verfügt worden. Von jezt an blieb Hermann der Sache Kaiser Philipps treu und war oft in seiner Umgebung . Weil sich der Gegenkaiſer Otto nicht wieder aufraffen konnte , so sprach im August 1207 der Papst den Kaiser Philipp vom Kirchenbanne frei ; doch schon am 21. Juni 1208 wurde Philipp durch den Pfalzgrafen Otto von Wittelsbach auf der Altenburg bei Bamberg ermordet. Der unvorhergesehene Tod Philipps änderte mit einemmale den bisherigen Stand der Dinge ; Otto fand jezt auch die Anerkennung derjenigen Fürsten , welche vorher seine erbittertsten Gegner gewesen waren. Im November waren sämmtliche Fürsten auf einem Reichstage in Frankfurt vereinigt und Franken ,
Schwaben und Bayern
erkannten jezt Otto als ihren rechtmäßigen Kaiser an. Die endliche Ruhe in Thüringen ermöglichte es jezt dem Landgrafen, zu den Werken des Friedens zurückzukehren .
Zunächst erzählt
die Geschichte , wie derselbe 1208 in Gegenwart zahlreicher Grafen, Edeln , Freien und Ministerialen zu Eckartsberga Gericht gehalten, dann aber auch auf der Wartburg jenen allbekannten Sängerkrieg veranstaltet habe. Seine Vorliebe für die Dichtkunst und deren Pflege hat ihm die gebührende Anerkennung eingetragen. An seinem Hofe finden sich , angezogen von der Prachtliebe und Freigebigkeit des Fürsten zahlreiche Sänger ein.
Es werden deren sechs besonders
namhaft gemacht, nämlich: 1 ) Heinrich, genannt der tugendhafte Schreiber , des Landgrafen Kanzler und Notar. Name soll Heinrich v. Rispach gewesen sein.
Sein eigentlicher
2) Walter von der
Vogelweide, der ausgezeichnetste und fruchtbarste Liederdichter seiner Zeit.
Er starb um
1230 und liegt der Sage nach in Würzburg
begraben. 3) Reinhart oder Reinmar von Zweter oder Zweten,
Landgraf Hermann I ( 1190-1217) .
103
war wahrscheinlich ein Sohn Reinmars des Aelteren , vom Rheine gebürtig und lebte längere Zeit am österreichischen und böhmischen Hofe. 4) Joh. Bitterolf , wahrscheinlich ein angenommener Name, der das Beißende , Schneidende und Scharfe ausdrücken soll. Er wird bald als Ritter, bald als einer von der Dienerschaft des Landgrafen ,
auch
als
Eisenacher
Bürger
angeführt .
5) Wolfram
v. Eschenbach, nicht bloß durch seine Minnelieder , sondern auch großen erzählenden Gedichte berühmt (Parcival und Titurel). 6) Heinrich v . Ofterdingen. Derselbe trat schon frühzeitig in den Dienst der Herzöge von Oesterreich, Leopold VI und VII , begleitete wahrscheinlich den Lezteren nach Ungarn und lernte bei
durch seine
dieser Gelegenheit den Klingsor kennen.
Nach Simrocks Angabe
war wohl Heinrich v. Ofterdingen der Dichter des Sängerkrieges und wie kaum mehr zu bezweifeln, des Nibelungenliedes . Diese sechs genannten Meister des Gesanges und der Dichtkunst beschlossen einst , das Lob guter Fürsten und namentlich des Landgrafen Hermann in einem Wettkampfe zu preisen. Alle standen auf Seite des Landgrafen ; nur Heinrich von Ofterdingen trat gegen sie auf und sang : „ Vom Fuße bis zum Scheitel lobt alle Welt den edeln Fürsten aus Oesterreich. Alle Fürsten sind gegen ihn ein Nebel , denn er gleicht der Sonne. - Mag auch der Herr in Thüringen solchen Ruhm haben , daß die Landesherren ihm ehrerbietig weichen , so gleicht dennoch seine Tugend
nicht der des
Desterreichers." Durch solche Herausforderung wurde der Kampf ſo ernst , daß die Dichter beschlossen , der Ueberwundene solle den Tod durch Henkershand erleiden. Scharfrichter Stempfel
Wirklich wurde auch der Eisenacher
herbeigeholt
und
dieser wartete mit dem
Stricke in der Hand an der Eingangsthür zum Rittersaale seines Opfers . Der Streit begann von Neuem; aber Ofterdingens Gegner vermochten nicht, ihn durch Lieder zu überwinden. Da verleiteten sie ihn zum Spiel und betrogen ihn mittelst falscher Würfel erst um sein Geld und dann um seine Meisterschaft. Jeht für überwunden erklärt , sollte die Execution des Hängens an ihm vollzogen werden ; allein Ofterdingen flüchtete sich unter den Mantel der Landgräfin Sophie und diese wußte die erhißten Gegner dahin zu beschwichtigen, daß binnen Jahresfrist der Streit durch den berühmtesten Sänger seiner Zeit , Klingsor , entschieden werden sollte. * )
Klingsor be=
*) Nach Simrocks Erklärung bedeutet Klingsor einen Sänger oder Spielmann und ist entstellt aus Klingesaere.
104
IV. Thüringen zur Zeit des ersten Landgrafenhauſes.
kleidete
eine hohe
Stellung
am Hofe des Königs Andreas von
Ungarn . Ofterdingen reiste alſo dahin, trug ihm sein Anliegen vor und erhielt das Versprechen , zur festgesezten Zeit mit nach Eisenach zu reisen und dort den Streit zu entscheiden.
Die Frist war schon
ziemlich abgelaufen und doch war Klingsor nicht zum Aufbruch zu bewegen. Endlich in der lezten Nacht vor dem wiederkehrenden Jahrestage des Wettstreites kamen beide der Sage nach mit Hülfe von Klingsors Zauberkünften in Eisenach an.
Der Wettstreit begann
auf der Wartburg von Neuem und es ertönten so herrliche Lieder, als dort zuvor nie gehört worden waren.
Nach vielem Bemühen
Klingsors wurde der Streit in der Güte beglichen und dieser wußte den Gesang dadurch in eine neue Richtung zu lenken, daß er Räthsel= spiele aufgab. Der ganze Vorgang des Wettstreites ist in einem ausführlichen Gedichte besungen , von dem sich aber keine vollständige Handſchrift mehr vorfindet ; vielmehr sind die einzelnen Theile zerstreut, theils in der Pariser Handschrift der Minnelieder , in der jenaischen Liederhandschrift, in Wiener-, Heidelberger- und noch anderen Handschriftenſammlungen , aber nur in Bruchstücken zu finden.
Das Gedicht ist
späteren Ursprungs und der erste Theil kann nach Simrocks Urtheil nicht vor 1231 oder 1235 entstanden sein.
Eben so ist es aber
auch höchst wahrscheinlich, daß der Sängerkrieg nicht schon 1206 und 1207 stattgefunden haben kann , wie Einige annehmen , denn zieht man die in jenen Jahren spielenden politischen Ereignisse mit in Rechnung, so will es kaum möglich erscheinen, daß während derselben Die Berauf der Wartburg jene Wettkämpfe statthaben konnten. ſezung des Sängerkrieges ist auf Grund einer Stelle in dem Gedichte geschehen, nach welcher Klingsor bei seiner Anwesenheit auf der Wart= burg aus den Sternen die Geburt der heiligen Elisabeth gelesen und prophezeit haben soll , dieselbe werde dereinst Landgräfin von Thüringen werden. Um dieser Stelle willen ging man auf das genannte Jahr zurück, während der Sängerkrieg vielleicht nur wenige Jahre vor dem Tode des Landgrafen stattfand. So sehr sich auch die Sänger bemühten , die Tugenden des Landgrafen Hermann in Helles Licht zu stellen , so bleibt der ewige Wankelmuth, das stete Uebertreten von einer Partei zur andern und die fast durchweg nur kurze Freundschaft für die höchsten Gewalthaber im Reiche der Grundzug seines Charakters . Zu Pfingsten 1209 hatte der Kaiser seine vertrautesten Anhänger in der alten Welfenstadt Braunschweig
um sich versammelt ;
unter ihnen war
Landgraf Hermann I (1190-1217).
natürlich auch Landgraf Hermann ,
105
und im Juli desselben Jahres
scheint das bisherige Verhältniß zwischen den beiden Fürsten schon wieder erkaltet zu sein ; denn die Hoffnung ,
daß ihm die Städte
Nord- und Mühlhausen übertragen werden sollten , hatte sich dem Landgrafen nicht verwirklicht.
Freilich war auch das ganze Ver-
halten des Kaisers nicht der Art, daß seiner rühmend gedacht werden könnte.
Troß vorher geheuchelter Nachgiebigkeit , ja troß des ge=
leisteten Eides trat Otto in Italien bald als offener Gegner des Papstes auf und wurde von diesem dafür in den Bann gethan.
Der
Papst säumte auch nicht , den Ausspruch des Bannes in Deutschland zu verkündigen , um Otto als Kaiser unmöglich zu machen. Der Mahnung des Papstes an die deutschen Fürsten , ihm den Gehorsam zu verweigern, folgte am ersten wieder der Landgraf Hermann . Mit den Erzbischöfen von Mainz und Magdeburg , dem Könige Ottokar von Böhmen und dem Markgrafen Dietrich von Meißen hielt er eine Zusammenkunft in Naumburg und hier einigte man sich, den Sohn Heinrichs VI , Friedrich II als Gegenkaiser aufzustellen.
Auf
einer zahlreicheren Fürstenversammlung in Nürnberg trat man offen mit dem neuen Plane hervor und Erzbischof Siegfried von Mainz verkündete die Excommunication über den Kaiser Otto . Die Anhänger Ottos griffen rasch zu den Waffen.
Das Erzstift Mainz
wurde schon um Michaelis 1211 dermaßen verheert , daß Siegfried bei dem Landgrafen Schuh suchen mußte.
Allein auch an Thüringen
kam die Reihe der Verwüstung. Ottos Truchseß, Gunzelin von Wolfenbüttel fiel in das Land ein und verwüstete von den Städten Leider fand Nord- und Mühlhausen aus das landgräfliche Gebiet . derselbe bei seinem Vorgehen an den thüringischen Grafen , die es nicht verschmähten gegen Geldzahlungen offen als Feinde ihres LandesHerrn aufzutreten , treue Helfershelfer. Graf Friedrich von Beichlingen ging mit unrühmlichem Beispiele den Andern in Verwüstung Der herbeiund Plünderung der landgräflichen Ortschaften voran. eilende Landgraf vermochte so wenig ihnen Widerstand entgegen zu sehen ,
daß er
mußte.
seine feste Wartburg als Zufluchtsstätte aufsuchen
Zu allem Unglück kehrte im Sommer 1212 Kaiſer Otto aus
Italien nach Deutschland zurück und zog mit einem Heere heran, um den Landgrafen völlig zu unterwerfen oder ihn zur Flucht zu zwingen.
Sein Heer führte
eine
damals zuerst zur Anwendung
kommende Belagerungsmaschine mit sich, der Dreibock genannt, mittelst welcher große Steine gegen die Burgmauern geschleudert wurden.
106
IV.
Thüringen zur Zeit des ersten Landgrafenhauſes.
Der Glücksstern
des Kaisers war aber dahin .
Während ein
Theil seines Heeres Weißensee belagerte, feierte er am 22. Juli 1212 in Nordhausen seine Vermählung mit Beatrix , der Tochter Kaiser Philipps . Bei seinem Wiedereintreffen vor Weißensee mußte er die Wahrnehmung machen, daß während seiner Abwesenheit die Belagerung sehr lässig betrieben worden war. Zwar wurden die Außenwerke der Stadt genommen ; die Besagung zog sich indeffen auf die neuhergerichteten inneren Befestigungen zurück und behauptete den Plaz. Zu allem Unglück für Otto starb am 11. August seine Gemahlin nach kurzem Ehestande und auf die Kunde , daß der junge Friedrich in Süddeutschland ein Heer ſammle ,
verließen die Schwaben und
Bayern in der Nacht heimlich das Lager und wandten sich der Heimath zu. So war Otto genöthigt , die Belagerung aufzugeben und er zog südwärts , um sich nöthigenfalls mit den Waffen gegen den neuen Kaiser zu behaupten. Friedrich II machte sehr rasche Fortschritte. war er erst wieder nach Deutschland
Im September 1212
gekommen und schon Ende
November konnte er in Mainz einen Hoftag abhalten. Die anwesenden Fürsten nahmen am 8. December in Frankfurt nochmals den Wahlact vor und am 9. empfing Friedrich die Kaiserkrone. Zu Beginn des Jahres 1213 war wieder Hoftag zu Frankfurt und zu dieſem erschien auch Landgraf Hermann mit ſeinem Schwager Ottokar von Böhmen. Die schnelle und unerwartete Wendung , welche die Dinge genommen hatten, dazu vielleicht auch der Einfluß des neuen Kaisers veranlaßte die widerspenstigen Grafen und Herren in Thüringen, sich dem Landgrafen wieder völlig zu unterwerfen . 1214 finden wir den Landgrafen noch einmal kriegsgerüstet und zwar gegen den Grafen Hermann von Orlamünda. Dessen Bruder Albert war der Schwiegersohn des Landgrafen und 1214 auf einer Reise begriffen .
Die Abwesenheit
benußte der eben genannte Graf Hermann zur Aneignung von Alberts Besizungen.
Der Landgraf belagerte die Stadt Weimar und nahm
seinen Gegner sammt dem Burggrafen von Kirchberg bei einem versuchten Ausfalle gefangen ; Hermann entfloh jedoch nach kurzer Zeit aus seiner Haft. Der Streit ist hierauf gütlich beigelegt worden. Der Landgraf scheint seine lezten Lebensjahre in Ruhe hingebracht zu haben ; doch soll einer Nachricht zufolge zulegt sein Geist durch Wahnsinn gestört gewesen sein. Der · Tod erfolgte am 25. April 1217 zu Gotha und er wurde seinem früher kundgegebenen Wunsche entsprechend nicht in Reinhardsbrunn, ſondern in der von ihm gestifteten Katharinenkirche in Eisenach beigesezt.
4
Sein Handeln war nur durch die Rücksicht=
Landgraf Hermann I (1190-1217) .
107
nahme auf das Wachsen seiner Macht und seines Ansehens bestimmt worden ; alle übrigen Intereſſen des Reiches und oft selbst seiner Daher das fortwährende Unterthanen waren ihm Nebensache. Schwanken von einer Partei zur
andern .
Nur die Pflege der
Dichtkunst hat ihm einen ehrenden Namen erworben ; sein sonstiges Verhalten in politischen Dingen erfuhr schon bei den Zeitgenossen harten Tadel. Um aber nicht ungerecht gegen denselben zu sein , müſſen wir doch noch eine gute Seite von ihm hervorheben , das war seine Sorge für die Stadt Eisenach. Er stiftete daselbst zunächst das Katharinenkloster , der Sage nach infolge einer Erscheinung, die er einstmals im Traume hatte.
Es däuchte ihm, auf dem Plaze, wo
das Hochgericht stand , erhoben sich auf einmal alle daselbst hingerichteten Miffsethäter aus ihren Gräbern und verwandelten sich in Jungfrauen.
In ihrer Mitte erschien die Jungfrau Maria und neben
ihr die heilige Katharina, welche den staunenden Landgrafen ermahnte, auf dieser Stelle ein Kloster zu errichten . So entstand das Katharinen= Kloster für Jungfrauen Cistercienser Ordens . Außerdem erbaute der Landgraf dem heiligen Jakob zu Ehren eine Kirche vor der Stadt und veranlaßte dadurch , daß sich viele Leute in der Nähe derselben ansiedelten. Auf Vergrößerung Eisenachs war überhaupt der Landgraf sehr bedacht und erlaubte deshalb auch den Juden ( 1195) sich hier niederzulassen . Dadurch entstand die Judengasse. Ferner traf derselbe die Anordnung, daß gewisse Professionisten und Handwerksleute eigene Gaſſen beziehen mußten ; so bildete sich die Messer- und Goldschmieden und die Schmelzergasse. Handel und Gewerbe beförderte Hermann dadurch , daß er bei den damaligen drei Pfarrkirchen, die dem heiligen Georg , der Jungfrau Maria und dem heiligen Nicolaus gewidmet waren , drei Wochen- und eben so viele Jahrmärkte anlegte. Die letteren mußten anfänglich vor den Thoren abgehalten werden, damit der Aufbau der Vorstädte gefördert wurde. Auch für den Unterricht der Jugend hat der Landgraf gesorgt , wie eine noch vorhandene Originalurkunde vom Jahre 1208 beweist ,*) freilich mit der eigenthümlichen Beschränkung , daß innerhalb der Mauern der Stadt in teiner Kirche außer in der zu St. Nicolai eine Schule gehalten werden dürfe.
Endlich scheint Hermann der Stadt
zuerst eine gewisse Verfassung gegeben zu haben ; denn unter seiner Regierung werden daselbst Schultheißen, Kämmerer und Münzmeister
*) Geh. Haupt- und Staatsarchiv in Weimar.
Urkundensammlung.
108
IV.
Thüringen zur Zeit des ersten Landgrafenhauſes.
genannt. Weil auf den alten landgräflichen Hohlmünzen meiſtens der Name Eisenach vorkommt , so hat man daraus geschlossen , daß die Stadt um diese Zeit ( 1195) die Münze beseffen habe. Die Stadt Gotha, früher zum Stifte Hersfeld gehörend , aber später im Besize der Landgrafen , wurde während Hermanns Regierung 1207 fast ganz vom Feuer zerstört. Um jene Zeit werden auch bereits die Städte Friedrichroda und Waltershausen genannt. Hermann war zweimal vermählt gewesen und beide Gemahlinnen führten den Namen Sophie. Die erste war eine Tochter des Pfalz= Von dieser hatte er zwei grafen Friedrich von Sommersenburg. Töchter : Jutta , vermählt an den wettinischen Markgrafen Dietrich den Bedrängten von Meißen , wurde die Mutter Heinrichs des ErLauchten , des späteren Landgrafen von Thüringen , und Hedwig , Gemahlin Albrechts von Orlamünda , Grafen von Holstein. Von der zweiten Gemahlin ,
einer Tochter des Herzogs Otto von Bayern,
hatte er vier Söhne : Hermann , Ludwig , Heinrich und Konrad, und zwei Töchter : Frmengard und Agnes .
Hermann starb noch vor
seinem Vater ; Frmengard wurde die Gemahlin des Grafen Heinrich von Anhalt und Agnes die Gemahlin Herzog Heinrichs von Oesterreich.
Landgraf Ludwig IV,
genannt der Heilige ( 1217 — 1227) .
Nicht leicht dürfte sich zwischen zwei regierenden Fürsten, welche als Vater und Sohn zur Beherrschung eines ausgedehnten Landes berufen waren, hinsichtlich des Charakters und des ganzen Auftretens ein schärferer Gegensatz finden als hier zwischen dem zur ewigen Ruhe eingegangenen Landgrafen Hermann und seinem Sohne Ludwig . Während jener wegen seiner Härte und seiner nur das eigene , das dynastische
Intereſſe
berücksichtigenden Handlungsweise
weder
im
Herzen seiner Unterthanen noch auch im Gedächtniß seiner Zeitgenossen ein gesegnetes Andenken hinterlassen konnte, spenden die Biographen Ludwigs übereinstimmend dem jungen Landgrafen wegen des freundlichen Wesens , des Wohlwollens und der Güte , womit derselbe Allen begegnet, zugleich auch wegen der Weisheit, mit welcher er schon in seinen Jünglingsjahren die Verhältnisse
in richtiger
Weise aufzufassen verstand , und wegen der ungeheuchelten Frömmigkeit, die sein ganzes Wesen durchdrang, volles Lob. Bei dem Tode seines Vaters stand Ludwig noch im ersten Jünglingsalter ;
denn
nach
der
Lebensbeschreibung
durch seinen
Landgraf Ludwig IV, genannt der Heilige. Caplan Berthold ,
( 1217-1227.)
109
auf welche sich die Reinhardsbrunner Annalen
stüßen, war der Landgraf im Jahre 1200 geboren .
Aber schon bei
Lebzeiten Hermanns scheint Ludwig Regierungsgeschäfte verwaltet zu haben ; wenigstens datirt die erste von ihm ausgestellte Urkunde aus dem Anfange des Jahres 1217. Vielleicht wird damit jene An= gabe bestätigt , nach welcher Hermanns Geist im leßten Lebensjahre umnachtet gewesen sein soll. Am 6. Juli des eben genannten Jahres wird der junge Landgraf in der Georgenkirche zu Eisenach zum Ritter geschlagen .
Troß seiner Jugend vertheidigte Ludwig stand-
haft seine Rechte
und scheute sich nicht ,
auch mächtigen Fürſten
energisch entgegenzutreten. Schon 1218 hatte er mit dem Erzbischof Siegfried von Mainz wegen
der
gegenseitigen Besitzungen
einen
Kampf zu bestehen, der eigentlich nur die Fortseßung bildete von der Fehde zwischen dem Mainzer und dem vormaligen Landgrafen Hermann. Der Erzbischof verhängte über Ludwig den Bann . Ohne sich dadurch nur im Geringsten schrecken zu laſſen drang dieſer dafür mit einem Heere in Heſſen ein, verwüstete die Güter Siegfrieds und züchtigte deffen Anhänger , namentlich den Grafen von Merenberg und die Herren von Scharfenstein. Fulda ein Ausgleich zu Stande.
Im folgenden Jahre kam zu
Der Erzbischof nahm den Bann
wieder zurück und löste endlich auch den über den verstorbenen Landgrafen Hermann ausgesprochenen ; doch schon 1220 brach die Uneinigkeit aufs Neue wieder aus und zwar bei persönlicher Begegnung der beiden Fürsten auf dem Reichstage zu Frankfurt; der Streit wurde aber bald beglichen .
Der welfische Kaiser Otto
war am
19. Mai 1218 gestorben und der hohenstaufische Friedrich II somit nun alleiniger Oberherr des Reiches. Im Jahre 1221 feierte Ludwig seine Vermählung mit Elisabeth, der Tochter des Ungarnkönigs Andreas II .
Wahrscheinlich hatte der
Landgraf Hermann den König auf seiner Kreuzfahrt nach Palästina kennen gelernt, warb bei ihm um die freilich erst vierjährige Tochter Elisabeth als zukünftige Gemahlin für seinen Sohn Ludwig und erhielt Zusage , da die Mutter Elisabeths während der Abwesenheit ihres Gemahls in einem Aufstande um das Leben gekommen war. Der Landgraf sandte 1211 den Grafen Meinhard von Mühlberg, seinen Schenken Walther von Vargula und die Wittwe des Ritters von Bendeleben mit ansehnlicher Dienerschaft nach Preßburg , um die vierjährige Braut abzuholen. Dieselbe kam denn auch, von ihrem Vater mit einer silbernen Wiege und Badewanne und vielen_koſt= baren Geschenken ausgestattet glücklich auf der Wartburg an, wo sie
110
IV.
Thüringen zur Zeit des ersten Landgrafenhauses.
mit Ludwig und dessen Geschwistern erzogen und herangebildet wurde . Die sich frühzeitig entwickelnde religiöse Schwärmerei , infolge deren Elisabeth nur wenig Freude an den Genüssen dieser Welt fand , soll sie ihrer Schwiegermutter , der Landgräfin Sophie entfremdet und bei dieſer den Wunsch rege gemacht haben , Ludwig möge sich lieber mit einer deutschen Fürstentochter vermählen und Elisabeth ihrem Vater wieder heimsenden.
Aber Ludwig ließ sich durch solche Ein-
reden nicht irre machen und so fand 1221 die Vermählungsfeier statt und wurde drei Tage lang in prächtiger Weise auf der Wartburg gefeiert. In demselben Jahre starb Ludwigs Schwager, Markgraf Dietrich von Meißen und hinterließ einen dreijährigen Sohn Heinrich, dem ſpäter der Beiname der Erlauchte gegeben wurde.
Dietrich hatte
vor seinem Tode den Landgrafen Ludwig zum Vormunde bestimmt und deshalb eilte dieser bei der Trauerkunde von dem Ableben Dietrichs sofort nach den Marken Meißen und Lausik, um von den= selben für seinen Mündel Beſiß zu ergreifen . In dem Huldigungseide beschworen die dortigen Landeseinwohner zugleich , daß fie für den Fall , wenn Heinrich in unmündigem Alter sterben sollte , den Landgrafen Ludwig als Erben Heinrichs und somit als ihren Landesherrn ansehen wollten.
Ludwig hat als gewissenhafter Vormund alle
seine Obliegenheiten auf das Genaueste erfüllt , war jedes Jahr einigemal in den Marken anwesend, hielt Gericht und sorgte überall für Ordnung , verdiente sich aber damit nur wenig Dank bei seiner Schwester Jutta , welche ganz besondere Pläne zu verfolgen schien. 1223 war Ludwig zum erstenmale mit bewaffneter Macht in Meißen erschienen , erhalten.
um nöthigenfalls mit Gewalt die Ordnung aufrecht zu Auf seiner Rückreiſe fand er für nöthig, einen thüringischen
Grafen, gegen welchen schon sein Vater Waffengewalt hatte anwenden müssen , in die gefeßlichen Schranken zurückzuweisen ;
es war dies
Hermann von Orlamünde. Um ihm die Lust zu ferneren Widerseglichkeiten zu benehmen , ließ Ludwig zwischen Orlamünde und Rudolstadt die Burg Schauenforst erbauen.
Zu Anfang des Jahres
1224 hatte Ludwig wieder bei der Neuenburg Mannschaft um sich versammelt , um in der Mark Landding abzuhalten , als ihn plözlich Graf Poppo von Henneberg mit der Nachricht überraschte , er habe sich in der Thomaskirche zu Leipzig mit Ludwigs Schwester Jutta ehelich verbunden. Diese ganz im Geheimen betriebene und vollzogene Verbindung rief selbstverständlich den Unwillen des Landgrafen hervor , weil dieselbe offenbar seine Pläne auf die Marken
Landgraf Ludwig IV, genannt der Heilige.
durchkreuzte.
(1217-1227.)
111
Nach abgehaltenem .Gerichte brach der Landgraf auf,
um seine Schwester selbst aufzusuchen.
Unterwegs wendete sich die
Bürgerschaft Leipzigs hülfesuchend an ihn , denn Jutta hatte ohne Wissen ihres Bruders innerhalb der Stadtmauern eine Burg mit ihren Anhängern beseßt.
Schon auf eine
ernstliche Drohung von
Seiten Ludwigs erfolgte die Uebergabe der Befestigung und Ludwig ließ dieselbe demoliren. Darüber erhob Jutta ein großes Geschrei und versuchte , die Edlen des Landes und die Städte gegen ihren Bruder aufzuwiegeln ; aber bei den letteren fand sie kein Gehör und die widerspenstig gewordenen Ritter mußten ihre Untreue damit büßen, daß Ludwig ihre Ortschaften wegnahm und ihre Burgen zerstörte. Vor Ostern fiel die Feste Tharandt ;
von da ging Ludwig nach
Dresden , wo er das Osterfest feierte, nahm dann die Burg Neuenhoff und ließ sein Heer vor der Burg Groißsch zur Belagerung zurück , während er im Mai nach Frankfurt zum Reichstag eilte. Von dort kehrte er geraden Weges wieder nach den Marken zurück, hielt an verschiedenen Orten Landding und bekam immer mehr Burgen in seine Gewalt, so daß endlich Jutta nachgeben mußte.
In dem ver-
mittelten Frieden wurde festgesezt, daß Poppo troß seiner Verheirathung mit Jutta keinerlei Einfluß auf die Regierung ausüben dürfe. Noch in diesem Jahre unternahm Ludwig einen großen Kriegszug nach Polen , woselbst das Schloß Lebus als Ziel ausersehen war. Es sollen thüringische Kaufleute daselbst ausgeplündert worden sein und Ludwig machte sich dahin auf, um die Stadt zu züchtigen. Von 300 Rittern , welche er voraussandte , wurde die unter dem Schlosse gelegene Stadt weggenommen und angezündet. Nach kurzer Zeit kam Ludwig mit dem Hauptheere und jezt mußte sich auch die Burg ergeben. Fm November 1225 fand in Nürnberg die Vermählung König Heinrichs mit der Tochter des Herzogs Leopold von Oesterreich statt und gleichzeitig die Verbindung der Schwester Ludwigs, Agnes , mit Herzog Heinrich von Oesterreich, dem Sohne Leopolds. Auf Ostern 1226 waren die Fürsten zu einem Reichstage nach Cremona berufen. Auch Landgraf Ludwig begab sich dahin. In Ravenna traf der Landgraf gegen Ostern mit dem Kaiser zusammen und wurde von diesem mit vieler Auszeichnung empfangen . Fast zwei Monate blieb Ludwig in der Umgebung des Kaisers , der ihm beim Abschiede die Eventualbelehnung mit den Marken Meißen und Lausiz ertheilte, und reiste dann Ende Juni nach Deutschland zurück , um im Auftrage desselben den Herzog Ludwig von Bayern , seinen Oheim zur
112
IV.
Thüringen zur Zeit des ersten Landgrafenhauſes.
Nebernahme der durch den gewaltsamen Tod des Erzbischofs Engelbert von Köln erledigten Stelle eines Reichsverwesers zu überreden, was ihm nach vieler Mühe auch gelang.
Sein Bruder
Heinrich
Raspe hatte wahrscheinlich den König Heinrich nach Italien begleitet, traf hier
wieder
mit
Ludwig zusammen und
gleichem Ziele zu : ihrem geliebten Thüringen.
beide reiſten
nun
Hier hatte während
der Abwesenheit des Landgrafen eine verderbliche Hungersnoth schwer. auf den Unterthanen gelastet und die fromme Elisabeth hatte so freigebig Almosen gespendet, daß sie einmal an einem Tage 64 000 Goldgulden vertheilt haben soll. Am Fuße des Wartburgberges ließ sie ein Hospital erbauen , in welchem sie 28 Sieche und Ge= brechliche mit eigenen Händen pflegte.
Ueberhaupt
soll Elisabeth
bei der theuern Zeit täglich gegen 900 Arme unterstüßt haben . Ludwig genoß nicht lange die Freude des Beiſammenſeins mit den Seinigen , sondern brach bald wieder auf zu einem Besuche in den seiner Obhut und Fürsorge anvertrauten Marken , woselbst in der Zwischenzeit einige Ritter friedbrüchig geworden waren.
Schon
die Nachricht von seinem Anmarsche veranlaßte mehrere derselben, ihm ihre Burgen zu öffnen , die er dann zerstörte. Von Meißen reiste Ludwig sodann nach Böhmen zur Schlichtung einer entstandenen Uneinigkeit. Auch diesmal handelte der Landgraf wieder im Auftrage des Kaisers und es geht daraus abermals hervor , in wie hohem Ansehen Ludwig bei demselben stand .
Wie vorhin berichtet
wurde , vermählte sich König Heinrich 1225 mit einer Tochter des Herzogs Leopold von Oesterreich ; vorher war er jedoch verlobt ge= wesen mit einer Tochter des Königs Ottokar von Böhmen . Infolge dieser Aenderung
des Heirathsplanes
war zwischen Ottokar
und
Leopold ein Zwiespalt entstanden , welchen Ludwig beilegen sollte. Das Resultat seiner Unterhandlungen war der Abschluß eines Waffenstillstandes zwischen beiden Parteien . Zufriedengestellt mit dieſem Erfolge kehrte Ludwig endlich wieder auf die Wartburg zurück. Im November desselben Jahres finden wir ihn auf dem allgemeinen Hoftage zu Würzburg , wo er an der Berathung über Reichsangelegenheiten theilnahm , und Ende März 1227 war er auch auf dem großen Hoftage in Aachen mit anwesend.
Auf der Rückreise von
dort machte er einen Umweg , um der Stadt Erfurt einen Besuch abzustatten, die er seit seinem Regierungsantritte nicht betreten hatte, denn mit der Bürgerschaft waren fortwährend Händel und Fehden auszukämpfen. Jezt hatten ihn die Erfurter dringend eingeladen und bereiteten ihm am 27. April einen festlichen Empfang .
Landgraf Ludwig IV, genannt der Heilige.
( 1217—1227.)
113
Für den August 1227 war der allgemeine Aufbruch zu dem schon längst beschlossenen Kreuzzuge festgesezt.
Ludwig hatte auch
das Kreuz angenommen, aber sein Vorhaben der frommen Elisabeth gegenüber bis jezt geheim gehalten , um derselben bei ihrer dritten Schwangerschaft nicht vor der Zeit Sorge und Unruhe zu bereiten . Einst entdeckte sie unter seinem Gewande das bekannte Zeichen der Kreuzfahrer und war darüber nicht wenig bestürzt.
Bei ihrer Gott-
ergebenheit fügte sie sich jedoch in den unabänderlichen Entschluß ihres Gemahls und beide Gatten gelobten , das zu gehoffende Kind dereinst dem Klosterleben zu weihen.
Ludwig betrieb nun eifrig die
Zurüstungen, welche er auf seine eigenen Kosten veranstaltete , damit seine , durch Naturereignisse hart betroffenen Unterthanen nicht noch mehr
belästigt
würden.
Aus dem ganzen Gebiete seines Landes
berief er hierauf die Edlen und Freien noch einmal zu einem Landtage nach Creuzburg a . d. W.
In herzgewinnender Weise verhan-
delte er mit denselben die Landesangelegenheiten und ließ bei dem Abschiede auch die Möglichkeit nicht unerwähnt , daß derselbe vielleicht auf Nimmerwiederkehr genommen werde.
Da brach die ganze
Versammlung über den Weggang ihres so innigst geliebten Landesherrn in laute Klagen aus .
Auf einer kurzen Rundreise stattete
Ludwig noch den vornehmsten Klöstern einen Besuch ab , empfahl sich den Mönchen zu beständigem Gebete und reiste endlich in Begleitung seiner nächsten Angehörigen am Johannistage 1227 von der Wartburg ab. Bis nach Schmalkalden gaben ihm dieselben das Geleite; aber seine treue Elisabeth konnte sich noch nicht trennen ; zwei Tagereisen weit begleitete sie ihn noch, bis der besorgte Rudolf von Vargula zum Abschiede mahnte. Elisabeth war untröstlich und von bangen Ahnungen erfüllt ; sie fügte sich endlich und schied von ihrem theuern Gemahl - auf Nimmerwiedersehen. Ludwig
reiste mit
sehr zahlreicher
Begleitung .
Außer den
Grafen von Wartberg , Brandenberg, Mühlberg und Stolberg waren noch eine große Zahl Edle in seinem Gefolge , wie die Herren von Heldrungen , Berlstedt , Bilzingsleben , Treffurt und Andere , und außerdem waren die wichtigsten Hofbeamten mit im Zuge , nämlich: der Schenk Rudolf von Vargula, der Truchſeß Hermann von Schlotheim, der Marschall Heinrich von Ebersberg, der Kämmerer Heinrich von Vanre , und die Capläne Gerhard und Berthold , von denen uns der lettere eine Biographie des Landgrafen hinterlassen hat. Der ganze Zug enthielt über 200 Pferde. Ohne Unfall kam man nach Italien. Im Juli traf der Landgraf mit dem Kaiser zu 8 Kronfeld, Landeskunde. I.
114
IV.
Thüringen zur Zeit des ersten Landgrafenhauses.
Troya im südlichen Italien zusammen, ging mit ihm zu Schiffe nach Brindisi und am 9. September von der Insel St. Andreas bei Brindisi in See. Aber schon vor der Abfahrt hatte der Landgraf von Fieberanfällen zu leiden ; er seßte jedoch die Reise fort und landete am nächsten Tage mit dem Kaiſer in Otranto, um sich von der hier weilenden Kaiserin Iſabella, der Tochter des Königs Johann von Jerusalem zu verabschieden.
Die Fieberanfälle verschlimmerten
sich während des Abschiedsmahles und kaum auf das Schiff zurückgekehrt
mußte
Ludwig
sein Lager aufsuchen,
weil die Krankheit
immer heftiger wurde ; er fühlte das Herannahen des Todes und ließ sich von dem auf dem Schiffe mit anwesenden Patriarchen von Jerusalem und dem Bischof vom heiligen Kreuze die Sterbesacramente reichen. In seinen Fieberphantasien glaubte er sein Lager von weißen Tauben umgeben und rief aus : „Mit diesen Tauben muß ich davon fliegen." Seele aus.
Am
11.
September
hauchte
er seine
Es läßt sich denken , in welche Bestürzung seine Begleiter bei dem unerwarteten Ausgange der Krankheit geriethen . und begrub den Leichnam einstweilen in fremder Erde.
Man landete Noch schmerz-
licher war der Eindruck , den die Trauernachricht in Thüringen verursachte. Das Volk erkannte die Größe des Verlustes , welcher dasselbe durch den Tod seines allgemein geliebten Landesherrn_betroffen hatte.
Bei der Rückkehr der thüringischen Mannschaft von
der Kreuzfahrt grub man 1228 den Leichnam wieder aus, löste nach damaliger Sitte das Fleisch von den Knochen und packte dieſe in einen kunstvoll gearbeiteten Kasten , dessen Deckel ein silbernes , mit vielen Edelsteinen beseßtes Crucifix zierte , um sie nach Thüringen überzuführen. Bei jedem Uebernachten wurde der Kasten in einer Kirche niedergesezt und es wurden Todtenmessen veranstaltet. Inzwischen hatten sich in Thüringen für die heilige Elisabeth die Verhältnisse sehr ungünstig gestaltet.
Ihr
Schwager Heinrich
Raspe, durch den Landgrafen Ludwig vor seiner Abreise zum Vormund und Regenten über das Thüringerland bestellt ,
folgte bald
nach dem Eintreffen der Nachricht von dem Tode seines Bruders den Einflüsterungen derjenigen , welche schon bei Lebzeiten Ludwigs nicht gerade günstig gegen die Landgräfin gestimmt waren. Es gab am Hofe nicht wenig Leute , -- selbst die Mutter Ludwigs , die Landgräfin Sophie scheint zu ihnen gehört zu haben,
welche theils
an der übertriebenen Wohlthätigkeit, theils aber auch an der überstrengen Lebensweise Elisabeths
Anstoß nahmen und deshalb schon
Landgraf Lubwig IV, genannt der Heilige.
115
(1217—1227.)
ihren Gemahl von ihr abwendig zu machen versucht hatten.
Was
sich bei Lebzeiten Ludwigs nicht erreichen ließ , das wurde jezt in das Werk gesezt. Man rieth Heinrich Raspe , die Regierung nicht als Vormund sondern in seinem eigenen Namen zu führen und Elisabeth mit ihren Kindern von der Wartburg zu vertreiben.
Heinrich
Raspe folgte dem bösen Rathe , verstieß seine Schwägerin und ver= bot sogar ihre Aufnahme in Eisenach. Wie nun die fromme Landgräfin so hülflos mit ihren Kindern nach einem Unterkommen suchte, mußte sie noch den bittersten Undank ertragen ; ein altes Weib , das ihr viele Wohlthaten zu danken hatte, wich ihr in einer engen Gaffe nicht aus sondern stieß die Hülslose unter lauten Schmähungen in den Straßenkoth. Endlich nahm sich ein Geistlicher der Verlassenen an und gab ihr so lange Herberge, bis die Schwester ihrer Mutter, die Aebtissin von Kizingen fie in ihr Kloster aufnahm und von da nach Bamberg brachte. Der dortige Bischof war der Großoheim von Elisabeths Mutter. Als nun Ludwigs Getreuen mit den Gebeinen ihres Herrn auf ihrer Rückreise Bamberg berührten, nahmen fie die Landgräfin mit ihren Kindern wieder mit zurück nach Thuringen und Einer derselben , der Schenk Rudolf v. Vargula redete in Gegenwart sämmtlicher , zur Bestattung von Ludwigs Gebeinen erschienenen Edlen dem Heinrich Raspe so energisch ins Gewissen und stellte ihm das an seiner Schwägerin begangene Unrecht in so lebhafter Weise vor, daß derselbe zu Thränen gerührt sich mit seiner Schwägerin wieder aussöhnte und sie mit sich auf die Wartburg nahm. So betrat denn Elisabeth die alten Räume wieder, in denen fie früher glückliche Zeiten durchlebt hatte an der Seite eines Gemahls , der troß seiner Jugend zu den ausgezeichnetsten Regenten Thüringens gehörte. Man hat ihm den Zunamen der Heilige beigelegt, obwohl er nicht heilig gesprochen worden ist; entweder hatte sein durch und durch frommer Sinn ihm jenen Beinamen eingebracht, oder man hat denselben von seiner Gemahlin , welche einige Jahre nach ihrem Tode canonisirt wurde , auch auf ihn übertragen. Jene vorhin gekennzeichnete Thätigkeit des Landgrafen rechtfertigt die Behauptung, daß das Thüringerland an ihm einen tüchtigen und fürsorglichen Landesherrn verlor.
Zu dem staufischen Kaiſerhauſe hat
Ludwig unverbrüchlich gehalten und dem Kaiſer manchen wichtigen Dienst geleistet, weshalb er bei diesem in ganz besonderer Gunst stand, während sein Vater in seiner Politik stets schwankend war und fich die Zuneigung der Staufer vollständig verscherzte.
Seine Rechte
hat Ludwig jederzeit gewahrt, was der Streit mit dem Erzbisthum 8*
116
IV.
Thüringen zur Zeit des ersten Landgrafenhauſes .
Mainz hinlänglich beweist.
Wie derselbe auf die Vermehrung seiner
Macht bedacht gewesen ist, zeigt sein Vorgehen in den östlichen Marken und die von dem Kaiser erhaltene Eventualbelehnung mit jenen Ländern . Freilich nahm die Angelegenheit in der Folge einen ganz anderen VerSeine Unterthanen verehrten ihn lauf, als Ludwig gerechnet hatte. nicht bloß um seiner Mildthätigkeit
und seines frommen
Sinnes
willen sondern vor allen Dingen aus dem Grunde, weil er ihnen den Frieden wiedergab, ohne welchen die von seinem Vater in oft unverantwortlicher Weise herbeigeführten Kriegsdrangſale nicht so leicht Sein Biograph, der Geistliche hätten verwischt werden können. Berthold sagt von ihm : „ Die Vorschriften der Geseze wandte er mit Wohlwollen und Weisheit zum allgemeinen Besten an. Im Entscheiden vorsichtig, war er gegen Jedermann zu Gnade geneigt, leicht erbittlich für Schuldige. Den Waisen, den fremden Vertriebenen war er ein väterlicher Freund und Beschüßer. " Wenn es aber galt die Gerechtigkeit zu handhaben,
so war Ludwig auch unerbittlich streng,
namentlich gegen diejenigen,
welche sich an Kirchen oder Klöstern
vergingen. Das beweist ein Vorfall mit dem Kloster Reinhardsbrunn. Während Ludwig 1226 bei dem Kaiser Friedrich II in Italien weilte , hatte ein Herr von Salza auf dem im Gebiete des Klosters gelegenen Altenberge einen Burgfrieden, d . h. ein hölzernes , befestigtes Haus errichtet und von da aus dem Kloster manchen Schaden zugefügt. Der Abt bat vergeblich um Abstellung der Räubereien ; ja
der Ritter
beabsichtigte ,
eine förmliche steinerne
Burg an Stelle des hölzernen Hauses zu errichten .
Sobald der
Landgraf heimgekehrt war und seinen ersten Besuch im Kloster abstattete , führte der Abt persönlich bei ihm Beschwerde. Ludwig sandte heimlich nach Eisenach , entbot die streitbaren Mannen auf den folgenden Morgen in die Nähe des Klosters , wo er übernachtete. Mit Tagesanbruch es war an einem Sonntage bestieg er sein Streitroß und befahl dem Abte, welcher von den Vorkehrungen keine Ahnung hatte , nicht eher mit dem Gottesdienste zu beginnen bis er zurück sein werde. Mit den Gewappneten erstieg er den Berg, erstürmte die Verschanzung , brannte sie nieder und nahm den Herrn von Salza mit seinen Knechten und Helfern gefangen .
Zur
Demüthigung mußte derselbe gefesselt der nun stattfindenden Procession voranschreiten und in der Kirche auf einem erhöhten Playe zur Schau stehen. Nach vollzogenem Strafgerichte schwur der Räuber Urfehde , daß er sich wegen der erlittenen Demüthigung niemals rächen , noch auch das Gebiet des Klosters je wieder be=
Landgraf Ludwig IV, genannt der Heilige.
( 1217-1227.)
117
treten , dagegen aber demſelben in Langensalza einen Hof einräumen wolle. Dieser Hof wurde später der Reinhardsbrunner Hof genannt.
Den Klöstern war der Landgraf überhaupt sehr freundlich ge= finnt.
Im Jahre 1218 machte er mit Zustimmung seiner Mutter und seiner Brüder zum Seelenheile seines Vaters dem Katharinen-
kloster in Eisenach eine reiche Schenkung ; darunter auch die St. Georgenkirche in genannter Stadt.*) An persönlichem Muthe konnte
er seinen Rittern als Muster
gelten. Sein Schwager , der Herzog Leopold von Oesterreich hatte ihm einen Löwen zum Geschenk gemacht , und dieses Thier wurde auf der Wartburg in einem Käfig gepflegt. Eines Morgens ging der Landgraf ziemlich früh über den Burghof ; da lief ihm der Löwe, welcher
durch die Sorglosigkeit seines Wärters aus dem Behälter
entkommen war, entgegen.
Der Landgraf war weder bewaffnet noch
durch Harnisch geschüßt , erhob aber voll Unerschrockenheit drohend seine Stimme und seine Faust ; der Löwe legte sich ruhig zu Boden vor die Füße seines Herrn und wurde von dem herbeieilenden Wärter in seinen Käfig zurückgebracht. Daß Ludwig auch mit geringen Leuten aus dem Volke gern verkehrte, davon giebt sein Verhältniß zu einem armen Krämer, deffen er sich ganz besonders annahm , einen thatsächlichen Beweis . Der Mann klagte ihm nämlich auf dem Eisenacher Jahrmarkte seine Noth. Ludwig unterſtüßte ihn, gab ihm Geleitsbriefe und befreite ihn vom Zoll , so daß der Krämer bald mit wohlbepacktem Esel durch das Land zog und recht gute Geschäfte machte. Sein Handel führte ihn in immer entferntere Gegenden und zulezt sogar bis nach Venedig, von wo er eine reiche Ladung kostbarer Waaren mit zurückbrachte. Aber die Franken in Würzburg achteten des landgräflichen Geleitsbriefes nicht , sondern nahmen dem Manne Esel und Waaren ohne Bedenken weg.
Darüber erzürnt zog Ludwig mit seiner Mannschaft
in das Gebiet des Bischofs von Würzburg und brannte so lange im Lande umher, bis der Bischof für vollständigen Schadenersaß aufkam. Wie durch seine politische Klugheit und Entschlossenheit , seine strenge Gerechtigkeitsliebe, Frömmigkeit und Wohltätigkeit, so glänzte Ludwig auch als Muster hinsichtlich seines häuslichen Lebens, sowohl was sein Verhältniß zu seiner frommen Gemahlin Elisabeth, als auch was seine Eintracht mit seinen Brüdern und die Pietät gegen seine
*) Geh. Haupt- und Staatsarchiv in Weimar.
Urkunden .
118
IV.
Thüringen zur Zeit des ersten Landgrafenhauses .
Mutter betrifft. Kurz , das Thüringerland hatte Regenten verloren, geschmückt mit allen Tugenden. Elisabeth blieb nicht lange auf der Wartburg .
an
ihm einen
Es ist möglich,
daß die in Reinhardsbrunn bewirkte Sinnesänderung ihres Schwagers Heinrich Raspe doch nicht so nachhaltig wirkte, als sie erwartet hatte; möglich aber auch, daß sie ihre religiöſen Andachts- und Bußübungen auf der Wartburg nicht so ungestört betreiben konnte , als sie für nöthig hielt. Auf Befehl ihres Beichtvaters Konrad von Marburg siedelte sie nach der zulezt genannten Stadt über und nun hatte dieser fanatische Priester sie ganz in seiner Gewalt.
Konrad war
ein Mann von blindem Eifer für die Religion , ein Werkzeug des Papstes Innocenz III, bekannt wegen Errichtung der Inquiſition und auf dessen Empfehlung Beichtvater am landgräflichen Hofe. Im Auftrage des Papstes spürte er den vermeintlichen Keßern nach, verfolgte und bestrafte sie, nicht bloß in Thüringen, sondern bis hinaus nach Straßburg . In Erfurt verurtheilte er 1232 vier Menschen als Kezer zum Scheiterhaufen , wurde aber im folgenden Jahre auf der Rückreise von einem solchen Keßergerichte in der Nähe von Marburg durch einige Edelleute überfallen und ohne Barmherzigkeit erschlagen. Daß ein solcher Mann zuleht volle Gewalt über die schwärmerisch fromme Elisabeth bekommen mußte , war offenbar und er schien es sich förmlich zur Aufgabe gemacht zu haben , sie zur Heiligen zu erziehen. Sie nährte sich nur durch ihrer Hände.Arbeit, indem sie mit ihren Mägden spann, kleidete sich in ein grobes, graues Gewand , richtete ihr kleines Haus in Marburg zur Herberge für Arme und Kranke ein und unterzog sich bei deren Wartung und Pflege den niedrigsten Diensten .
Die Einkünfte ihres Witthums ver-
theilte sie unter die Kirchen und an die Armen , während sie selbst in der größten Dürftigkeit lebte. Wie Konrad die Gefährtinnen ihrer Jugend aus ihrer Nähe entfernte und ihr als Gesellschaft drei Personen nach seiner Wahl zugesellte, welche ihm über ihre Andachtsund Bußübungen Bericht erstatten mußten, so schwang er nicht selten mit eigener Hand die Geißel, um sie für etwa unterlassene oder nicht vollständig ausgeführte Bußübungen zu bestrafen . Solchem aufreibenden Treiben mußte die an sich schwächliche Elisabeth bald er= liegen. Sie starb am 19. November 1231 im 24. Jahre ihres Lebens und wurde 1234 vom Papste Gregor IX, besonders auf Betreiben ihres Schwagers Konrad heilig gesprochen . Am 1. Mai 1236 ward im Beisein der landgräflichen Familie , nämlich Heinrichs und Konrads, des unmündigen Hermanns II , Elisabeths Sohn , und der
Landgraf Ludwig IV, genannt der Heilige.
(1217—1227.)
119
alten Landgräfin Sophie , und in Gegenwart Kaiser Friedrichs II, der Erzbischöfe von Mainz, Trier und Bremen, vieler Bischöfe, Grafen und Herren und einer unzählbaren Menge Volks der Sarg Elisabeths wieder der Erde enthoben und der Kaiser zierte das Haupt der Heiligen mit einer goldenen Krone.
Ueber dem Grabe der heiligen
Elisabeth wurde durch Landgraf Konrad und die Ritter vom deutschen Orden eine prächtige Kirche erbaut, die noch heute stehende Elisabethenkirche in Marburg . Viele Sagen und Legenden verherrlichen das Leben der heiligen Elisabeth. Wir erwähnen unter denselben nur die bekannte von der Verwandlung der Speisen in Rosen.
Die gar zu große Freigebigkeit
Elisabeths hatte zuleht, wie die Sage erzählt , auch dem Landgrafen Ludwig mißfallen und er gebot seiner Gemahlin , die Speiſung der Armen zu unterlassen.
Ein solches Verlangen zu erfüllen war ihr
geradezu unmöglich und sie schlich sich deshalb öfters heimlich aus der Wartburg , um dem Drange ihres Herzens zu genügen. Das wurde dem Landgrafen durch einige Höflinge verrathen und als sie einstmals wieder mit vollgepacktem Korbe die Wartburg verlassen hatte, ging der Landgraf ihr nach , schlug vom Burgthore aus einen andern Weg ein , so daß er ihr plöglich entgegentrat und sie mit barschen Worten fragte, was sie in ihrem Korbe habe.
Zitternd gab
sie zur Antwort: Rosen. Ludwig nahm den Deckel vom Korbe und siehe da, die Speisen hatten sich im Nu in Rosen verwandelt. Beschämt ließ der Landgraf seine Gattin weitergehen und gebot den Höflingen , seine Elisabeth ruhig schalten und walten zu laſſen , wie es ihr beliebe. G Eine Anzahl dieser Legenden sind in der Elisabethengallerie auf der Wartburg bildlich dargestellt.
Landgraf Heinrich Raspe. (1227 bis 1242 als Vormund Landgraf Hermanns II und von da bis 1247 als wirklicher Landgraf.) Ludwig der Heilige hinterließ einen Sohn Namens Hermann, im März 1223 geboren , welcher also bei des Vaters Tode erst vier Jahre zählte.
Gleichwohl erkannte ihn der Kaiser unmittelbar nach
Ludwigs Tode als den erbberechtigten Nachfolger in der Landgrafenwürde an und ertheilte demselben noch im September 1227 für die Verdienste , welche sich Ludwig erworben und in der Hoffnung , daß der Sohn in die Fußtapfen seines Vaters treten werde, die Eventual-
120
IV.
Thüringen zur Zeit des ersten Landgrafenhauses.
belehnung mit der Mark Meißen.
Wie nun Ludwig bei Antritt
seiner Kreuzfahrt seinem Bruder Heinrich Raspe die Regierung des Landes übertragen hatte, so stand diesem als nächstem Anverwandten jezt auch die Führung der Vormundschaft zu .
Allein ,
wie schon
bemerkt, war Heinrich Raspe nur auf seinen eigenen Nußen bedacht, maßte sich die Herrschaft gänzlich an und vertrieb sogar die eigent= lichen Erben aus ihrem Stammsize. Nun hatte zwar der wackere Schenke von Vargula das ungefeßliche Vorgehen bitter getadelt und die Einigung wieder hergestellt ; aber sicherlich war Heinrich Raspe nicht böse darüber , als Elisabeth mit ihren Kindern freiwillig die Wartburg verließ, um sich in Marburg niederzulassen.
Das Erb-
recht des jungen Hermann , in der Geschichte Hermann II genannt, wurde zwar nirgends angefochten ; doch scheint Heinrich Raspe die Vormundschaft, bisweilen auch mit seinem jüngeren Bruder Konrad, Konrad hatte jedenfalls ziemlich unbeschränkt ausgeübt zu haben. einen Theil des Familiengutes in Hessen inne. Derselbe war, wenn die Erzählung der Reinhardsbrunner Annalen vollſtändig auf Wahrheit beruht, eine leicht erregbare Natur , wie ein Vorfall in Erfurt wohl Im Jahre 1230 starb in genannter Stadt der
zur Genüge beweist.
Erzbischof Siegfried von Mainz und ihm folgte im Amte sein gleichnamiger Better.
Dieser schrieb 1232 ,
wie das früher auch schon
bisweilen geschehen war , von den thüringiſchen Klöstern eine Steuer aus. Der Abt Eckehard von Reinhardsbrunn verweigerte die Zahlung, wurde nach Erfurt vorgeladen und mußte drei Tage lang unbekleidet eine harte Buße bestehen.
Nach Beendigung derselben ging der
Abt in demselben Zustande , in welchem er seine Strafe abgebüßt hatte , vor das geistliche Gericht , um sich Verzeihung zu erbitten. Gerade zu der Zeit weilte auch Konrad in Erfurt, erfuhr durch seine Leute die unwürdige Behandlung des Abtes von dem landgräflichen Familienkloster und drang , von Wuth entbrannt in das
geistliche
Capitel ein, faßte den mitanwesenden Erzbischof an den Haaren und zog das Messer , um diesen zu erstechen . Hätten nicht die übrigen Anwesenden den Erzbischof augenblicklich in Schuß genommen , so wäre Konrad zum Mörder geworden.
Nun waren ohnedies mit dem
Erzbischof wegen der hessischen Burg Heiligenberg schon Streitigkeiten im Gange und so kam es jezt zum völligen Kriege, der in gegenseitiger Verwüstung der Länder bestand und worin sich Konrad ganz be= Die Stadt Frizlar in Hessen wurde von ihm
sonders hervorthat.
mit Sturm genommen , niedergebrannt und der größte Theil der Was zu plündern war , das Bewohner kam dabei um das Leben.
121
Landgraf Heinrich Raspe. hatten Konrads
Schaaren gründlich aufgeräumt ,
dabei auch der
Kirchen nicht geschont und diese schließlich in Rauch aufgehen lassen. Um für die vorgegangenen Greuel Absolution zu erlangen , reiſte Konrad selbst zum Papste nach Rom , betrieb bei dieser Gelegenheit auch die Heiligsprechung seiner Schwägerin Elisabeth und trat nach seiner Rückkehr in den Orden der deutschen Ritter ein. Als Ordensbruder that er hierauf zur Versöhnung des Himmels für das vielfältig vergossene Blut und den Brand der Kirchen in Frizlar öffentlich 1239 wurde Buße und ließ die Gotteshäuser wieder aufbauen. Konrad von seinen Ordensbrüdern nach dem Tode Hermanns von Salza als der Würdigste zum Hochmeister erwählt , starb aber schon 1240 in Rom, wo er zwischen dem Papste und dem Kaiser vergeblich eine Vermittelung versucht hatte.
Seine Gebeine wurden zu Marburg
in der Kirche , welche ihm ihre Entstehung verdankte , neben dem Grabe der heiligen Elisabeth beigesezt. Von Heinrichs Regierung ist nicht viel zu berichten.
Durch
das Privilegium vom 1. Mai 1231 hatten die Fürsten in den berühmten Wormser Beschlüssen von König Heinrich nicht nur den Städten gegenüber sondern überhaupt eine selbständigere Stellung bekommen. Der Kaiser bestätigte im December 1231 auf dem Reichstage zu Ravenna jene Beschlüsse und Landgraf Heinrich machte im Jahre 1234 von dieser erhöhteren Stellung dem Grafen Heinrich von Gleichen gegenüber Gebrauch. Die schon früher gemeldete Feindschaft jenes Grafengeschlechtes mit dem landgräflichen Hauſe war noch nicht beseitigt ; Heinrich lud deshalb den Genannten vor sein Gericht und weil jener der Ladung nicht Folge leistete , so sprach der Landgraf die Acht über ihn aus und erklärte ihn aller seiner Lehen für verlustig.
Im
Mai des genannten Jahres ward die
gleichische Burg Velseck erobert und die in derselben gefangen genommenen Ritter wurden enthauptet. Heinrich spielte in der Folge dem Kaiserhause gegenüber eine eben so zweideutige Rolle wie seiner Zeit Landgraf Hermann I. Kaiser Friedrich II erlebte die Schmach , daß sich sein eigener Sohn Heinrich , den er zum Reichsverweser in Deutschland bestellt hatte, gegen ihn empörte. Nach funfzehnjähriger Abwesenheit kam der Kaiser 1234 wieder nach Deutschland zurück, nahm seinen Sohn gefangen und ließ ihn nach Apulien in ein Gefängniß bringen, woselbst der Empörer nach sieben Jahren gestorben ist.
Im Auguſt
1235 fand ein allgemeiner Reichstag zu Mainz statt , an welchem, wie an den nicht lange vorher stattgefundenen Vermählungsfeſtlich-
122
IV.
Thüringen zur Zeit des ersten Landgrafenhauses.
keiten des Kaiſers mit seiner dritten Gemahlin, der englischen Königstochter Isabella , auch Heinrich Raspe theil nahm. Nach dem Reichstage blieb der Landgraf bei dem Kaiser, begleitete ihn nach Augsburg und kehrte erst im November des genannten Jahres zurück. Als 1236 die Feier zu Ehren der heiligen Elisabeth in Marburg stattgefunden hatte, finden wir Heinrich vom Mai bis Juli in Friedrichs Umgebung auf dessen Reisen am Rhein und in Schwaben , dann feiert derselbe mit andern Fürsten bei dem Kaiser zu Wien das Weihnachtsfest, woselbst er in vielen kaiserlichen Urkunden als Zeuge aufgeführt ist , und gehört im Februar oder März 1237 zu den elf Fürsten, welche die Erwählung von Friedrichs zweitem Sohne Konrad zum deutschen Könige und späteren Kaiser ins Werk sezen. Gleichwohl war Heinrich nach einigen Jahren in seiner Freundschaft für den Kaiser nicht mehr ganz zuverlässig und die päpstliche Partei scheint ihm schon 1241 die Kaiserkrone in Aussicht gestellt zu haben, wenn er vollständig und mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln zu ihnen übertrete.
Auf die Kunde von diesen Vorgängen
begab sich der Kaiser 1242 heimlich nach Deutschland, lud den Landgrafen insgeheim zu einer Zuſammenkunft nach Frankfurt ein, brachte denselben hier wieder vollständig auf seine Seite und übertrug ihm sogar das Amt eines Reichsverwesers , als welcher er am 1. Mai 1242 in einer Urkunde genannt wird . Eben diesem Umstande hatte es auch Heinrich zu danken , daß der Kaiser ihn als Erben in der Landgrafschaft Thüringen anerkannte.
Hermann II war nämlich zu
Anfange des Jahres 1242 gestorben.
1237 war er zum erstenmale
auf dem Schauplage der Geschichte erschienen , wenigstens weist eine Urkunde vom April des genannten Jahres nach , daß er bei dem thüringischen Landgerichte den Vorsiz geführt hat.
Noch am Ende
desselben Jahres hat aber auch Heinrich Raspe ein solches Gericht abgehalten und allem Anscheine nach ist damals zwischen den Beiden ein
Abkommen
über
die beiderseitigen
Regierungsrechte
getroffen
worden, denn Heinrich führt in Thüringen die Regierung allein fort, während Hermann die Verwaltung des hessischen Landestheils übernimmt.
Eine gerichtliche Urkunde vom Jahre 1241 benennt ihn als
Landgrafen von Thüringen , Grafen von Hessen und Herren des Landes an der Leine . Am 3. Januar 1242 , also erst 19 Jahre alt starb Hermann II zu Creuzburg, wie man sagt an beigebrachtem Gifte, und wurde zu Reinhardsbrunn beigeseßt. Sein Wunsch war gewesen, neben seiner Mutter zu ruhen ; aber Heinrich Raspe fürchtete nach dem Glauben jener Zeit , daß die wunderthätigen Gebeine der
Landgraf Heinrich Raspe.
123
heiligen Elisabeth den Todten wieder erwecken könnten ; deshalb wurde auf seinen Befehl Reinhardsbrunn als Ruhestätte für den Verstorbenen gewählt. Dem Erbfolgerechte nach wäre jezt die Landgrafschaft erledigt gewesen;
aber der Kaiser erkannte ohne Weiteres Heinrich Raspen
als Erben seines Neffen rechtlich an.
Troß dieser erneuten Gunſt-
bezeugung gab der Papst Innocenz IV (ſeit 1241 ) doch den Plan nicht auf, den Landgrafen auf seine Seite zu ziehen. Im Juni 1244 war derselbe aus Italien geflohen, hielt zu Lyon im Juli ein Concil und erklärte den Kaiser für abgesezt .
Jezt begannen die Werbungen
bei Heinrich Raspe von neuem und der Papst gab sogar eine be= deutende Geldsumme her , es waren 19 300 Mark Silber , wovon zwar der Erzbischof von Köln 3740 Mark und der von Mainz 1200 Mark erhielten , damit sich Heinrich als Kaiser zeigen könne. Am 22. Mai 1246 fand unweit Würzburgs bei Veitshochheim die Wahl eines neuen römischen Königs statt ; sie fiel auf Heinrich Raspe. Weil aber bei derselben ganz besonders Geistliche betheiligt gewesen waren, nämlich die Erzbischöfe von Mainz, Trier, Köln und Bremen und die Bischöfe von Würzburg , Naumburg , Regensburg , Straßburg und Speier , so bekam Heinrich , obwohl jezt auch die bedeutenderen Reichsfürſten zum Papſte hielten, den Beinamen der Pfaffenkönig.
Für den 25. Juli bestimmte derselbe einen Reichstag nach
Frankfurt; um seine Hierherkunft zu hindern , schlug Konrad an der Nidda ein Lager auf. Am 5. Auguſt kam es zum Kampfe. Heinrich wurde vom Glücke begünstigt , denn die meisten schwäbischen Grafen und Herren gingen zu ihm über. In Frankfurt spielte aber Heinrich keine besondere Rolle , weil die mächtigeren deutschen Fürsten ausgeblieben waren. Er ging deshalb wieder zurück nach Thüringen, jedenfalls auch in der Absicht, um sich zu dem bevorstehenden Kampfe Verstärkung zu holen ,
und hielt sodann zu Ende des Jahres in
Nürnberg Hoftag ab . Sein Glücksstern neigte sich sehr rasch zum Untergange. Im Januar 1247 belagerte er Ulm ; die Bürgerschaft leistete jedoch so energischen Widerstand, daß er unverrichteter Sache abziehen mußte.
Vielleicht war auch das Herannahen der Heeres-
macht Konrads die Ursache seines ziemlich raschen Rückzugs . Heinrich tehrte frank auf die Wartburg zurück und starb hier schon am 16. Februar des genannten Jahres in Folge eines Blutflusses . Sein Leichnam wurde bei
dem heftigsten Unwetter von der Wartburg
herunter nach dem Katharinenkloster in Eisenach gebracht.
Er war
der lezte aus der männlichen Nachkommenſchaft des alten Landgrafen-
124
IV.
Thüringen zur Zeit des ersten Landgrafenhauſes.
hauses, welches 117 Jahre über Thüringen geherrscht, und hatte ſein Geschlecht zur höchsten Machtstellung im Reiche gebracht , war aber trozdem keiner der bedeutendsten unter den thüringischen Landgrafen. Man bezeichnet ihn als unmännlichen Charakter von stark hervortretender religiöser Gemüthsrichtung . Für die lettere Behauptung spricht unter Anderem die Stiftung des Predigerklosters in Eisenach um 1233 , und auch noch der Umstand , daß er im Jahre 1239 mit allen Prälaten und Prieſtern seines Districts in der Kirche Sct. Nicolai in Eisenach eine Brüderschaft schließt , um an beſtimmten Tagen zusammen zu kommen. *) Heinrich war dreimal vermählt.
Seiner dritten Gemahlin Beatrix,
der Tochter des Herzogs Heinrich VII von Brabant, verschrieb er im März 1241 die Städte und Burgen Neuenburg , Sangerhausen, Eckartsberga und Gotha.
Zustände in Thüringen , namentlich während der Regierungszeit der Landgrafen. In dem Zeitraume , welcher zwischen der vorigen Schilderung thüringischer Zustände und dem Aussterben des ersten thüringischen Landgrafengeschlechtes liegt , waren sowohl in den öffentlichen als privaten Verhältnissen des Landes theilweis sehr wesentliche Veränderungen vor sich gegangen. Die alte Gauverfassung war ganz allmählich durch das Lehenswesen verdrängt worden , das unter den Franken seinen Anfang nahm .
Als die Könige derselben jenseit
des Rheines große Eroberungen machten, wurde das gewonnene Land unter alle Betheiligten nach dem Verhältnisse ihrer Tapferkeit und Dienstleistungen gewissermaßen als Lohn vertheilt, doch so , daß es nur so lange das Eigenthum des Einzelnen blieb , als dieser dem Ganzen seine Dienste widmete ; es war ihm also gewissermaßen nur geliehen.
Nach dem Tode des Empfängers fiel das Gut an den
Lehensherrn zurück.
Eine solche vom Könige ertheilte Besizung hieß
Lehen und der Besizer desselben Vafall oder Lehensmann des Königs. Oft war die Landstrecke so bedeutend , daß der königliche Vaſall Theile derselben wieder an Untervaſallen verlehnte. Zum Unterschiede vom Lehen hieß das von den Vorfahren ererbte Gut Allod . Bald strebten die Vasallen darnach, ihr Lehengut in Allod umzuwandeln, um damit
*) Geh. Haupt- und Staatsarchiv in Weimar.
Urkunden.
Zustände in Thüringen 2c.
125
frei schalten und walten und namentlich darüber unbedingtes Vererbungsrecht ausüben zu können. Eben so trat aber auch der umgekehrte Fall ein, daß nämlich Grundbesizer ihr Allod dem Landesherrn oder einem mächtigen Grafen oder der Kirche aus freien Stücken, oft gegen eine Summe Geldes übergaben und dann ihr vorher freies Eigenthum als Lehen zurückempfingen. Der Stand der Freien verminderte sich auf diese Weise immer mehr und zuleßt mußte der Rangunterschied darauf hinauslaufen , daß es nur Herren und Knechte, bezüglich Leibeigene gab. Neben den früher hochangesehenen Grafen von Weimar und Orlamünde tauchen bald auch andere Grafengeschlechter auf , wie die von Beichlingen , von Kefernburg , aus welcher Familie die Grafen von Schwarzburg hervorgingen ;
ferner die Grafen von Gleichen,
welche zuerst ihren Siz in Tonna hatten und sich später in zwei Linien, die von Tonna und von Gleichen theilten . Ernst von Gleichen zog mit Ludwig dem Heiligen 1227 zur Kreuzfahrt aus und über ihn berichtet die märchenhafte Erzählung von seiner Gefangenschaft und endlichen Befreiung durch eine Sultanstochter , welche er unter Zustimmung des Papstes zur Doppelehe als zweite Gemahlin heimführte. Ferner die Grafen von Mühlberg, von denen die Geschichte nicht viel zu berichten hat, und die Grafen von Berka. Neben diesen einheimischen Grafen hatten auch die von Hohnſtein, Mansfeld , Stolberg und Querfurt große Besizungen in Thüringen. Außerdem gehörten zu den
angesehensten
Geschlechtern die Burggrafen von
Kirchberg , zwei Familien gleichen Namens und wahrscheinlich eines Stammes, von denen die eine auf dem Kirchberge im jezigen Fürstenthum Schwarzburg - Sondershausen als Schußvögte des reichen Stiftes Jechaburg , die andere aber auf der Burg Kirchberg bei Jena auf dem Hausberge ihren Siz hatte. Die lettere stiftete das Kloſter Kapellendorf. Ferner gehören zu den vornehmsten Familien dieser Periode noch die Marschalke von Ebersberg , Goldberg und Eckartsberga , die Kämmerer von Fahner , die Truchsesse von Schlotheim, die Schenken von Vargula und Tautenburg, die Herren von Treffurt, Lobdaburg, Salza, Kranichfeld, Apolda, Heldrungen , Sondershausen, Bendeleben, Erfa, Seebach, Hausen, Wizleben, Wangenheim 2c . Durch die Einführung des Lehenswesens wurde ganz besonders das Ritterthum gepflegt.
Der Lehensherr verpflichtete seine Va-
fallen zum Kriegsdienste ; daher ist in den zum Theil noch vorhandenen Lehenbriefen bis weit über die Reformationszeit hinaus immer die Formel zu finden : das Lehen soll mit so und so viel
126
IV.
Thüringen zur Zeit des ersten Landgrafenhauses.
gerüsteten Pferden verdient werden.
Die Kriege führte also haupt-
sächlich der Adel unter Beistand seiner Leute.
Er kämpfte nur zu
Pferde , war mit schweren , eisernen Waffen bedeckt und von Jugend auf in Führung derselben so geübt, daß er den zu Fuße dienenden Knechten weit überlegen war und daß man bald die Stärke eines Heeres nur nach der Zahl der darunter befindlichen Ritter bestimmte. Durch die Kreuzzüge ( 1096-1291 ) erhielt das Ritterwesen einen neuen höheren Schwung ; denn durch Tapferkeit im Dienſte Gottes und des Weltheilandes konnte man sich den höchsten irdischen Ruhm erwerben.
Freilich wurde der Adel durch dieselben an Zahl , Macht
und Reichthum sehr geschwächt .
Viele Tausende sahen ihr Heimaths-
land nicht wieder ; Andere hatten , um den kostspieligen Zügen beiwohnen zu können, ihre Güter und Vorrechte an Klöster und Städte verkauft oder verpfändet und waren dadurch verarmt. Dagegen vermehrte sich in jener Zeit der Reichthum der Klöster bedeutend und ihre Zahl wurde immer größer. Neben dem Orden des heiligen Benedict, dessen verbesserter Regel (um 1100 ) der Cistercienser oder der grauen Mönche , nach der Farbe ihres Gewandes so genannt , die Inſaffen der Klöster zu Saalfeld , auf dem Petersberge zu Erfurt , zu St. Georgen vor Naumburg, zu Reinhardsbrunn , Paulinzelle , Memleben , Georgenthal , Pforta, und die Nonnen zu Oldisleben, Roßleben, und Heusdorf angehörten, wurden im Anfange des 13. Jahrhunderts noch die Bettelmönche in Thüringen ansässig. Die Franciscaner, auch die mindern Brüder und nach ihrer Tracht Barfüßer genannt , gründeten vor der Stadt Erfurt um 1224 ein Kloster. Wohl zu derselben Zeit entstand auch in Eisenach ein Kloster dieses Ordens . Die Dominicaner oder Predigermönche siedelten sich 1229 in Erfurt an, und 1233 gründete Heinrich Raspe das Predigerkloster zu Eisenach. Diese beiden Orden standen ganz im Dienste des Papstes , waren eifrige Verfolger der Aufgeklärten und Andersdenkenden und die Mitglieder derselben trugen bei ihrem fleißigen Verkehre mit dem Volke zur Verfinsterung der Geister nicht wenig bei. Die Städte , von denen nur bei den wenigsten der Anfang geschichtlich nachgewiesen werden kann , unterschieden sich zuerst nur wenig von den Dörfern und wir dürfen uns von denselben durchaus keine zu hohe Vorstellung
machen.
Ein wesentlicher Unterschied
zwischen Dorf und Stadt lag fast lediglich in der größeren Zahl der Bewohner und in der Befestigung der meisten Städte mittelst einer Schuhmaner.
4
44
44
67
Die Gehöfte waren nicht in
gerader
127
Zustände in Thüringen 2c.
Linie sondern nach dem Gutdünken jedes einzelnen Erbauers aufgeführt und standen etwas enger zusammengedrängt als auf den ´Dörfern , um den Raum , den man von seiner Stadtmauer aus zu vertheidigen hatte, möglichst zu beschränken.
Ungepflasterte Straßen
findet man zu jener Zeit selbst noch in den größten Städten.
Paris
fing 1185 an , einige Straßen zu pflaſtern ; in Italien begann man damit erst im 13. Jahrhundert , in den größeren und reicheren Städten Süddeutschlands, wie in Nürnberg , Augsburg und Regensburg erst zu Anfange des 15. Jahrhunderts . bloß viele den
Zu Eisenach waren
Schretsteine " gelegt , um über den tiefen Schmuß auf
Gaſſen zu kommen , und das war noch zur Zeit der heiligen
Elisabeth ; doch hat sich die Stadt ziemlich zeitig an die Befferung der Straßen gemacht , denn 1293 wird urkundlich eine gepflasterte Straße genannt unter der Bezeichnung der „steinerne Weg. "
Eise=
nach hatte sich überhaupt bedeutend gehoben, seitdem die Landgrafen, darunter besonders Hermann I der Stadt ihre besondere Fürsorge angedeihen ließen . Es betrieb unter den thüringischen Städten nächst Erfurt wohl den ausgedehntesten Handel und seine Kaufleute zogen mit ihren Waaren bis nach Breslau und weiter nach Polen hinein.
Die Beraubung einiger derselben hatte den schon besprochenen
Zug Ludwigs des Heiligen nach Lebus zur Folge. war die
Eigenthümlich
noch im 15. Jahrhundert sich findende Anordnung , daß
die Waaren auf fest bestimmten Straßen transportirt werden mußten, daß also Niemand für seinen Waarenzug nach den Weg wählen durfte.
eigenem Ermessen
In jeder Stadt vertrat ein Voigt die Stelle des Herrn , und ein Schultheiß und Rath, welche von der Bürgerschaft aus den vornehmsten Geschlechtern gewählt wurden , verwalteten die städtischen Angelegenheiten. Handel und Gewerbe brachten den Bürgern Wohlhabenheit , führten zur äußeren Verschönerung der Städte und begünstigten
den
Luxus ,
der sich auch in der Ausschmückung der
Kirchen und beim Gottesdienste kund gab.
Orgeln waren seit dem
Anfange des 13. Jahrhunderts in Gebrauch; eben so auch Glocken. Zu Eisenach wurde 1222 eine Glocke gegossen , welche aber einen so widerlichen Ton von sich gab , daß man sie nur zum Sturmlauten benußte.
Außer Eisenach hoben sich auch Gotha , Arnstadt , Creuz-
burg , Saalfeld , Weimar , Freiburg , Naumburg , Mühlhausen und Nordhausen. Aber allen machte doch Erfurt den Rang streitig ; dort mußte schon 1182 eine Eintheilung der Bevölkerung in Pfarrgemeinden vorgenommen werden .
128
IV.
Thüringen zur Zeit des ersten Landgrafenhauſes.
Alle Städte, wie nicht minder die Adelsgeschlechter und Klöster erkannten den jeweiligen Landgrafen als ihren Oberherrn an und erschienen zu Mittelhausen.
den großen Gerichtstagen , zum Landding bei Diesem Hauptgerichte waren vier Ding- oder Ge-
richtsstühle untergeordnet, welche zu Gotha, Thomasbrück, Weißenſee und Buttelstedt ihren Siz hatten. Die Gerichte wurden Sonntags gehalten ; eine Einrichtung , die wir nach Ausweis alter Stadtbücher auch noch im 15. Jahrhundert in den Städten finden. ding zu Mittelhausen fand dreimal im Jahre statt.
Das Land-
In der Zwischen-
zeit von einem Landding zum andern stand die Gerichtspflege aber nicht still, sondern wer zu klagen hatte , wendete sich an einen oder auch an drei der ihm zunächst wohnenden von den zwölf Richtern, und von diesen mußte die Angelegenheit dem tragen werden.
Landgrafen vorge=
Es kam freilich auch nicht selten vor , daß nament-
lich Ritter es für unehrenhaft hielten , bei vorgekommener Ehrenkränkung oder sonstiger Beeinträchtigung erst bei einer Gerichtsbe= hörde zu klagen ; sie griffen vielmehr selbst zum Schwerte und befehdeten einander.
Dieser Raufgeist wurde dadurch genährt , daß
der Zweikampf nicht bloß gefeßlich zulässig erſchien sondern oft geradezu angewendet wurde , wie der Vorfall zwischen dem Landgrafen Hermann und dem Markgrafen Albrecht von Meißen beweist. Das Gerichtsverfahren war überall ein öffentliches . In der urältesten Zeit büßte man alle Vergehen , namentlich auch Mord und Todtschlag mit Geld. Wer einen Adeligen tödtete , zahlte 600 Silberschillinge Wehrgeld ; für den Todtschlag eines Freien wurden 200 , eines Freigelassenen 80 und
eines Leibeigenen 30 Schillinge
gezahlt. Die Verwundungen wurden geschäßt nach den einzelnen Gliedern, welche verlegt worden waren , nach der Größe der Wunde und dem Stande des Verleßten.
Wer z. B. einem Adeligen einen
Arm oder ein Bein zerbrach , ein Auge ausstach oder Nase , Zunge oder Ohr abschnitt , büßte sein Vergehen mit 300 Schillingen ; war der Verwundete ein Freier, so betrug das Wehrgeld 100 Schillinge. Durch die sich einbürgernde Lehensverfassung wurde das Gerichtswesen vielfach verändert ; denn jest konnten nicht mehr alle Vergehen verwehrgeldet werden, sondern man führte Bußen ein an Leib und Leben und theilte die Strafen ein zu Haut und Haar und zu Hals und Hand. Das Abhauen der Hand stand auf geschehene schwere Verwundung . Als Beweismittel vor Gericht galten Eid und Zeugen, welche lettere auch Eideshelfer genannt und deren oft 12 und noch mehr von den Gesezen gefordert werden. (Vergl.
129
Zustände in Thüringen 2c. Ludwig der
Springer und die Erbauung
der Wartburg.)
Bei
zweifelhaften Fällen wurde die Entscheidung dem Gottesurtheil überLassen; Männer fochten alsdann ihre Sache im Zweikampfe aus ; für Weiber und Unfreie bestand dagegen die Feuer- und Wasserprobe ,
indem die Angeklagten entweder ein glühendes Eisen eine
Strecke weit forttragen oder in siedendes Wasser
greifen mußten.
Blieben sie bei dieser Procedur unverlegt , so hatten sie mit Gottes Hülfe ihre Unschuld erwiesen. In späteren Zeiten kam man bei Rechtshändeln und namentlich bei Geldstrafen und Schuldangelegen= heiten auf ein eigenthümliches Mittel , den gefällten Richterspruch auch zur Ausführung zu bringen , indem die Streitenden Bürgen stellten , welche sich nach einem vorher bestimmten Orte begaben und so lange in demselben bleiben mußten , bis die erkannte Strafe abgebüßt oder die ausbedungene Geldsumme gezahlt war. Man nannte dies " Einreiten" und wählte nicht selten kleine unansehnliche Städte, um den Eingerittenen , welche sich freiwillig zur Internirung begeben hatten, den Aufenthalt bald langweilig werden zu lassen , so daß sie selbst die Zahlung der Geldsumme von Seiten ihres Verbürgten beschleunigen halfen. *) Hinsichtlich des Erbschaftsrechtes bestanden ganz besondere Bestimmungen. Das liegende Gut oder der Grundbesig erbte nur in männlicher Linie fort , während die Töchter ihren bisherigen Verhältnissen entsprechend ausgestattet wurden. Starb also ein Lehensmann ohne Söhne zu hinterlassen , so fiel sein Gut an den Lehensherrn zurück.
Diese Einrichtung hat übrigens gedauert bis in die
neuere Zeit ; daher die eigenthümliche Bezeichnung : Rittergut".
„ ein mannlehen
Die Landesherrn hielten in der Folge sehr streng darauf,
daß bei vorkommenden Todesfällen ihrer Vasallen neben dem eigent= lichen Erben auch die übrigen Söhne , wenn sie dereinst Erbansprüche erheben wollten , sich gleichzeitig mit belehnen ließen. Man nannte das „Belehnung zur gesammten Hand. " Die männlichen Glieder der Familie wurden in der Vorzeit Schwertmagen , die weiblichen Spindelmagen genannt ; jedes einzelne Glied hieß Mag und die ganze Nachkommenschaft Sippe ; daher ist noch heute der Ausdruck Sippschaft gebräuchlich .
Wer das Allod erbte bekam auch
den Harnisch und die Waffen des Verstorbenen und übernahm damit die Verpflichtung, die übrigen Angehörigen zu schüßen.
Ein freier
Mann konnte übrigens sein Erbe hinterlassen, wem er wollte. *) Im Geh. Haupt- und Staatsarchiv in Weimar wird in verschiedenen Urkunden des „ Einreitens“ gedacht. 9 Kronfeld , Landeskunde. I.
130
IV.
Thüringen zur Zeit des ersten Landgrafenhauses .
Die Landdinge kamen bald in Verfall , herbeigeführt durch die weitere Ausbildung und Ausdehnung des Hofgerichts, der Provinzialund Landgerichte und der späteren Aemter.
Die lezte Nachricht von einem abgehaltenen Landding zu Mittelhauſen datirt aus dem Anfange des 14. Jahrhunderts ; das zu Thomasbrück wurde jedoch noch 1362 abgehalten.
Die Ausfertigung der nöthigen gerichtlichen Urkunden besorgten überall die Geistlichen unter dem Titel Notare und Protonotare; man bediente sich bis zur Mitte des 13. Jahrhunderts dabei der lateinischen Sprache. Von da ab kommen einzelne Urkunden in deutscher Sprache vor; aber es dauerte immer noch geraume Zeit, bis die lateinische durch die deutsche Sprache gänzlich verdrängt wurde. Daß in jener Periode auch Kunst und Wissenschaft geübt wurden und daß man namentlich die Dichtkunst pflegte und ausbildete, hat der Sängerkrieg auf der Wartburg zur Regierungszeit Hermanns I Dem Geschichtsstudium wurde dadurch gedient , daß in gezeigt. Klosterchroniken einzelne Vorfälle sorgfältig niedergeschrieben und das Leben hervorragender Personen wie z. B. Ludwigs des Heiligen und der heiligen Elisabeth in ausführlichen Schriften der Nachwelt überDie Baukunst übte sich besonders in Ausführung liefert wurde. großer Kirchen- und Klosterbauten und in Errichtung mächtiger Burgen; doch kam dieselbe auch den Städten zu gute; denn man räumte nach und nach die meist hölzernen Hädser weg und errichtete dafür steinerne Gebäude. Es läßt sich überhaupt nicht leugnen, daß die Einrichtung der Häuser , die Lebensweise der Bewohner und die Verfeinerung der Sitten große Fortschritte machte ; aber hiermit ging auch bald die frühere Einfachheit verloren.
Nur ein Theil der Bevölkerung schmachtete noch in tiefer Knechtschaft und das waren gerade diejenigen , welchen die Beschaffung der nothwendigsten Lebensbedürfnisse oblag ; diejenigen , welche unter Mühen und Arbeitslast den Boden bebauten. Von einem Bauernstande nach unsern Begriffen ist in jener Zeit noch nicht die Rede ; und doch ist die Landwirthschaft ihrem ganzen Umfange nach von jeher die ursprüngliche Kraft gewesen , durch welche die Räder des öffentlichen und häuslichen Lebens in Bewegung gesezt werden . Die Verhältnisse des Grundbesizes waren der Entwickelung seiner Bebauer nicht günstig ; es ruhte meist ein zu großer Grundbesih in einer Hand ; entweder war er das Eigenthum einer geistlichen Stiftung oder eines weltlichen Herrn , eines Ritters oder selbst eines Fürsten, und die ihn bebauten , waren die Leibeigenen des Herrn , oder sie standen in einem so drückenden dienstlichen Verhältnisse zu ihm , daß
131
Zustände in Thüringen 2c.
daffelbe von förmlicher Leibeigenschaft fast nicht zu unterscheiden war. Seitdem die Lehensbesißer ihre Grundstücke den männlichen Nachkommen zu sichern verstanden, ließen sie sich auch häuslich auf ihrem Grund und Boden nieder und fingen an, mit Theilnahme und Eifer die Bebauung des Landes zu betreiben . Wo bisher nur einige Wirthschaftsgebäude geftanden, da wurden herrschaftliche Wohnhäuser angelegt, an die sich allmählich Bauernhöfe anschlossen. Mit der zunehmenden Bevölkerung in den Städten wuchs auch das Bedürfniß an Getreide und Vieh, so daß man diese Producte verwerthen konnte. Das führte die größeren Grundbesißer dahin , Erbzinsbauern, d. h. freie Leute einzusehen, welchen Strecken Landes gegen einen bestimmten jährlichen Zins und gegen die Verpflichtung ausgethan wurden, den Grund und Boden, den sich ihr Herr zur eigenen Bewirthschaftung vorbehalten hatte , zur Frohne zu bearten. nun Viehweiden und Waldstrecken Getreideland umgeschaffen. sich nach und nach zu
So
wurden
von diesen Erbzinsmannen zu
Wie aber die Ritter aus Lehensleuten Eigenthümern der Grundbesitzungen
auf-
schwangen, so fingen auch ihre Erbzinsmannen an , die geliehenen Grundstücke mit Bewilligung ihrer Lehensherrn entweder zu vererben oder zu verkaufen ; aber natürlich blieb der früher aufgelegte Zins, der meistens in Erträgniſſen des Bodens und in kleinem Vieh bestand, auf dem Grundstücke haften und außerdem mußte bei Beſißveränderung an den Lehensherrn ein ziemlich hohes Lehngeld abgeführt werden. Auch die im Verhältniß zu den Leibeigenen und Knechten schon höher ſtehenden Erbzinsmannen hatten kein beneidenswerthes Loos, weil die zu leistenden Abgaben und noch mehr die harten Frohndienste schwer auf denselben lasteten. Interessant ist es indeß, den damaligen Betrieb der Landwirthschaft wenigstens in Etwas kennen zu lernen . Wegen des großen Umfanges vieler Güter konnte verhältnißmäßig nur ein geringer Theil des Grundes und Bodens mit Getreide bestellt werden . Bei dem Ueberfluß an Holzgründen , Haideboden , und Weideland machte die Viehzucht fast überall den Hauptzweig der Wirthschaft aus . Da man aber auf Winterfutter wenig Bedacht nahm, der Anbau unſerer eigentlichen Futterkräuter aber überhaupt noch nicht bekannt war , so ward im Spätherbste sehr vieles Vieh eingeschlachtet und das Fleisch für den Winter geräuchert oder eingesalzt.
Besondere Aufmerksamkeit
erfuhr die Bienenzucht ; denn man verwendete in Ermangelung des Zuckers den Honig zum Versüßen der Speisen und zur Bereitung des Meth, eines Getränkes, das aus Honig und Waffer unter Zuthat 9*
132
IV.
Thüringen zur Zeit des ersten Landgrafenhauſes .
von gewürzreichen Kräutern gebraut und sehr viel getrunken wurde. Auch Bier wurde viel bereitet ; aber sicherlich verstand man noch nicht, dasselbe so herzustellen , daß es sich lange aufbewahren ließ.
Weil
nun der Meth zu ſüßlich war, das Bier dagegen leicht sauer wurde, so harmonirten beide Getränke nicht zu den damals üblichen vielen Fleischspeisen und es ist daher ganz begreiflich , daß man auf den Weinbau bald überall großen Fleiß verwendete. Wahrscheinlich ist der Weinstock vom Rheine her in Thüringen eingeführt worden. Urkundlich werden Weinberge zuerst erwähnt 1074 bei Ober- und Unterpreilipp in der Nähe von Saalfeld , und jedenfalls werden um dieselbe Zeit auch weiter bestanden haben .
das
Saalthal entlang schon Weinberge
1089 werden unter den Besißungen des Kloſters
Reinhardsbrunn im Amte Weißensee Weinberge genannt ; 1114 unter den Besizungen des Klosters Paulinzelle ; 1121 bei Erfurt. Ueberhaupt hatte im 12. Jahrhundert der Weinbau bereits eine große Ausdehnung gewonnen und zu Anfang des 13. Jahrhunderts waren die Weingärten bei manchen Städten von so bedeutender Ausdehnung, daß Unmaſſen von Wein müssen gebaut worden sein. Ob freilich der erzielte Stoff nach der Lage der in manchen Gegenden längst wieder eingegangenen , aber aus alten Urkunden noch nachweisbaren Weinberge nur irgendwie unseren jezigen Ansprüchen an das Getränk entsprechen würde, ist sehr fraglich.
edle
Einer großen Zahl von
Weinbergen hat indeſſen erst der dreißigjährige Krieg den Todesstoß gegeben, was vorläufig hier bemerkt werden soll.
Fünfter Abschnitt.
Thüringen unter den Markgrafen von Meißen, bezüglich den Kurfürften von Sachſen.
Heinrich der Erlauchte ( 1247—1268 ; geſt. 1288 ) . Wie nicht anders zu erwarten stand , erhoben sich von verschiedenen Seiten her Ansprüche an die durch das kinderlose Absterben Heinrich Raspes erledigten Länder , durch deren Besit allerdings der Rang eines der ersten deutschen Fürsten erworben wurde. Neben dem schönen Thüringen , das sich in den letzten zwei Jahrhunderten außerordentlich entwickelt hatte, gehörte seit länger als einem halben Jahrhundert auch die Pfalzgrafschaft Sachsen zwischen der unteren Unstrut und Saale unter die Botmäßigkeit der Landgrafen, und seit mehr als einem Jahrhundert in Folge von speculativer Verheirathung des damaligen Landgrafen Ludwig I auch die niederhessische Landschaft mit den Hauptstädten Kassel und Marburg.
Zwar war auf
Veranlassung von Heinrich Raspe für den Fall , daß er kinderlos stürbe , schon
im Jahre 1242
durch den Kaiser Friedrich II die
Eventualbelehnung mit den beiden Fürstenthümern , der Landgrafschaft Thüringen und der Pfalzgrafschaft Sachsen und was sonst noch an Reichslehen dazu gehöre , an Heinrichs Schwestersohn , den Markgrafen Heinrich von Meißen erfolgt ; * ) doch bei der damaligen Ohnmacht des Kaisers , bei den unheilvollen verwirrten Zuständen im deutschen Reiche und der immer mehr hervortretenden Begehrlichkeit der Fürsten nach Land und Leuten war es gar nicht zu ver-
*) Gem. ernest. Archiv in Weimar.
Urk. ultimo Juni 1242.
134
V.
Thüringen unter den Markgrafen von Meißen.
wundern , daß nach dem herrlichen Erbe die Hände ausstreckte , wer nur irgendwie einen Anspruch für sich geltend machen konnte. Es meldete sich zunächst Herzog Heinrich von Brabant als Ge=" mahl der Sophie ,
einer
Tochter Ludwigs IV und der heiligen
Elisabeth , und als dieſer ſchon 1248 am 1. Februar starb , dessen Gemahlin selbst , um für ihren dreijährigen Sohn Heinrich , in der Geschichte unter dem Beinamen „ das Kind “ bekannt , außer Heſſen wenigstens noch ein Stück von Thüringen, nämlich Eisenach und die Wartburg mit dem umliegenden Gebiete zu gewinnen.
Ferner erhob
Erbansprüche der Graf Siegfried von Anhalt , weil derselbe von einer Tochter des Landgrafen Hermann I abſtammte. AIS dritter Bewerber trat
Herzog Otto von Braunschweig auf,
angeblich um den Ansprüchen seines Verwandten , des Grafen von Anhalt mehr Nachdruck zu geben , aber wohl mehr in der Absicht, bei den verwirrten Rechtszuständen sein Land zu vergrößern. Er ließ sich
bald
nach dem
Tode Heinrich Raspes
mit der Mark
Duderstadt belehnen. So wenig wie der Herzog von Braunschweig hatte auch der vierte Bewerber , der Herzog Albrecht von Sachsen für ſeine Erbansprüche ein wirkliches Recht auf seiner Seite ; allein die Gelegenheit erschien ihm günstig, sich an der nordwestlichen Grenze Thüringens festzusehen.
Zum Ueberfluß erklärte
auch noch der Erzbischof Chriſtian von Mainz die von den Landgrafen bisher inne gehabten mainzischen Lehen für heimgefallen und es stand zu befürchten , daß die Aebte von Fulda und Hersfeld in gleicher Weise vorgehen würden .
Aus alledem geht hervor, welchen
schweren Stand der Markgraf Heinrich von Meißen bekam , wenn er alle die freilich zum Theil nicht einmal mit einem Scheine des Rechtes erhobenen Ansprüche zurückweisen wollte.
Zunächst brachte
er seinen Stiefbruder , den Grafen Hermann I von Henneberg , der als Sohn von Jutta, der Tochter Landgraf Hermanns I sich gleichfalls als Erbe hätte anmelden können , durch Ueberlassung der Herrschaft Schmalkalden auf seine Seite und erwies sich der Sophie gegenüber insofern nachgiebig , als er allen Ansprüchen auf Hessen entfagte ; aber er konnte es nicht hindern , daß Sophie von Es blieb ihm also Brabant Eisenach und die Wartburg besezte. den andern Prätendenten gegenüber nichts übrig , als zu den Waffen zu greifen und seine nicht unbedeutende Streitmacht aus seinen Erbländern von Osten her in Thüringen einmarschiren zu lassen .
Einer
von seinen Gegnern , der Graf von Anhalt war bereits mit Heeres = macht erschienen und hatte über dem Kloster Oldisleben an der
Heinrich der Erlauchte (1247–1268 ; geft. 1288).
135
Unstrut eine feste Stellung genommen , von wo er die Umgegend verwüstete und sich mit den thüringischen Grafen und Herren in Verbindung sezte ; denn diese standen zum großen Theile auf seiner Seite. Heinrich bemächtigte sich aber rasch der beiden wichtigen Punkte Eckartsberga und Weißensee. Die lettere Stadt wurde schon in den früheren Kämpfen als ein besonders wichtiger Punkt genannt.
Die Behauptung seiner Ansprüche wurde dem Markgrafen aber ganz besonders dadurch erschwert, daß ihm die mächtigsten Geſchlechter Thüringens entſchiedenen Widerstand entgegenseßten . Einige Ritter erklärten sich zwar gleich von vornherein für ihn , wie z. B.
Rudolf von Vargula und der Burggraf von Kirchberg ; andere dagegen , wie namentlich die Grafen von Gleichen , von Kefernburg, Schwarzburg , Rabinswald , Beichlingen , Stolberg und Hohnstein waren um ſo widerspenstiger. Der erste ernste Zusammenstoß fand jedoch erst am 11. Februar 1248 in der Nähe von Mühlhausen statt. Der getreue Rudolf von Vargula war in Gemeinschaft mit dem Burggrafen von Kirchberg so glücklich, die Gegner zu schlagen und zwei Grafen von Kefernburg und zwei von Schwarzburg gefangen zu nehmen, während es dem Grafen von Gleichen gelang zu entkommen. Im Sommer dieses Jahres erschien auch Heinrich selbst wieder im Felde , eroberte das den Anhaltinern in die Hände gefallene Weißensee wieder zurück und verheerte nun die Beſizungen seiner inländischen Gegner. Endlich wurde durch den Vertrag von Weißenfels am 1. Juli 1249 der Widerstand der thüringiſchen Grafen und Herren gebrochen, denn sie erkannten den Markgrafen und seine Söhne als ihre rechtmäßigen Herren und Fürsten an und gelobten, das Land und ihre neuen Herren gegen Jedermann zu vertheidigen und diejenigen Burgen , welche nach dem Tode Heinrich Raspes erbaut worden waren , wieder niederzureißen. Der Vertrag wurde eidlich beschworen und ist auch ehrlich gehalten worden. Umgeben von den Großen des Landes hielt nun Heinrich noch im Jahre 1249 einen Gerichtstag ab zu Buttstädt (damals Butzstede) , und im März 1250 ein allgemeines Landding in Mittelhausen , woselbst alle Großen und Herren aus Thüringen einen festen Frieden be= schworen, welcher Vorgang gewöhnlich als der eigentliche Anfang der Regierung Heinrichs in Thüringen angesehen wird. Weil nun der Adel in Thüringen , auf den sich der Graf von Anhalt bei Geltendmachen seiner Ansprüche vorzüglich gestützt hatte , jezt ganz auf Heinrichs Seite stand , so gab auch jener seine Feindseligkeiten auf und nahm mit einer Geldentſchädigung vorlieb. Auch mit
136
V.
Thüringen unter den Markgrafen von Meißen.
Sophie von Brabant wurde 1250 in Eisenach , wohin sich Heinrich bald nach dem Landding begeben hatte, eine Uebereinkunft getroffen, ohne jedoch das gegenseitige Verhältniß vollſtändig klar zu stellen . Sophie übergab an Heinrich die Verwaltung ganz Hessens für ihren minderjährigen Sohn, und die Vormundschaft über denselben, während Eisenach und die Wartburg beide gemeinschaftlich inne behielten. 1252 kam Heinrich insofern seinem Ziele einen Schritt näher , als er von dem 1247 zum deutschen Kaiser erwählten Wilhelm von Holland mit der Landgrafschaft Thüringen und der Pfalzgrafschaft Sachsen in aller Form belehnt wurde, wodurch die Eventualbelehnung von 1242 ihre Bestätigung erhielt.
Mit dem Erzbischof
von Mainz kam 1254 ein Vergleich zu Stande, kraft deſſen Heinrich alle die Lehen zuerkannt wurden, welche Heinrich Raspe von Mainz besessen hatte. Diese für den Markgrafen so äußerst günstige Ab= machung entzweite denselben aber mit Sophie von Brabant. 1252 hatte sie mit Heinrichs Zustimmung das Kloster Johannisthal bei Eisenach gegründet und Alles schien sich in Güte ausgleichen zu wollen ; die jetzige Belehnung Heinrichs von Seiten des Erzstiftes Mainz sah sie aber als eine Beeinträchtigung ihrer vermeintlichen Rechte an und trat nun feindselig gegen Heinrich auf.
An dem
Herzog Albrecht von Braunschweig , dem Sohne des vorhin genannten Otto fand sie einen Verbündeten. Er verlobte sich mit Sophiens
Tochter
Elisabeth ,
während gleichzeitig
seine Schwester
mit Heinrich dem Kinde verlobt wurde. Jezt durch die innigsten Familienbande mit Sophien verknüpft ergriff Albrecht offen Partei gegen Heinrich den Erlauchten.
Leider
war
das
deutsche Reich
von 1256 an gänzlich , und nachher so gut wie ohne Oberhaupt, so daß bei der allgemeinen Verwirrung zwischen den einzelnen ReichsDer Herzog von gliedern ungescheut Kämpfe stattfinden konnten. Braunschweig nahm den Erzbischof Gerhard von Mainz gefangen und beraubte ihn ein ganzes Jahr lang der Freiheit. Gegen Heinrich den Erlauchten begann der Kampf von dieser Seite her erst im Jahre 1260 ; aber schon seit dem Jahre 1258 waren theils zum Schuße der Wartburg, theils auch behufs Belagerung derselben zwei angrenzende Höhen , die eine von dieser , die andere von jener der streitenden Parteien befestigt worden . Die Verwaltung Thüringens hatte Heinrich inzwischen seinem älteren Sohne Albrecht unter Leitung seines Stiefbruders , des Grafen Hermann von Henneberg übertragen.
137
Heinrich der Erlauchte (1247-1268 ; gest. 1288).
Im Frühjahre 1260 eröffnete Sophie in Verbindung mit dem Herzog von Braunschweig ,
welcher
inzwischen ihr Schwiegersohn
geworden war, die Feindseligkeiten gegen Heinrich, nahm Stadt und Burg Creuzburg weg , brannte die erstere nieder und bekam auch Eisenach in ihre Hände.
Jezt
verließ
aber
der
Herzog seine
Schwiegermutter, theils um in seinem Stammlande mancherlei zu ordnen , theils infolge der dänischen Kronstreitigkeiten , welche ihn zwei Jahre entfernt hielten. Seine Abwesenheit wurde für Sophie nachtheilig ,
denn Eisenach ging an die Markgräflichen
verloren,
welche es im Januar 1261 in einer stürmischen Nacht überrumpelt haben sollen. In derselben Nacht soll auch der Mätilstein von der Besatzung der Wartburg erstiegen und zerstört worden sein. Es wird berichtet , Heinrich habe die Stadt Eisenach , welche ihm früher gehuldigt hatte geschont ,
aber
hernach wieder untreu
geworden war ,
zwar
aber den getreuen Anhänger Sophiens , den Rathsherrn
Heinrich von Velseck mittelst einer Wurfmaſchine von dem Predigerberge herab in die Stadt schleudern lassen . Um die Sache recht grausig darzustellen, versteigen sich sogar einige Erzähler der Begeben= heit so weit zu behaupten, es sei der arme Velsed dreimal in die Stadt geschleudert worden. *) Der Markgraf ließ am nördlichen Ende der Stadt und mit dieser in Verbindung eine Burg erbauen, um die Bürger vollständig in seiner Gewalt zu behalten und neuem Abfalle zu wehren. Wohl von den Bürgern selbst bekam die neue Zwingburg den gehässigen Namen Klemme. Die Gemahlin des Herzogs von Braunschweig war 1261 ge= storben ; aber der Herzog hielt fest an seinem Bündniß mit Sophie von Brabant und rückte 1263 so unerwartet von der Werra her in Thüringen ein , daß er fast ohne Widerstand bis über die Saale in das Osterland vordringen konnte , bei welchem Zuge die Hochstifter von Naumburg und Merseburg verwüstet wurden . Ob Heinrich der Erlauchte zum Kampfe wirklich so wenig gerüstet war , daß er seinem Gegner nicht widerstehen konnte, oder ob man den Herzog nur in diese Gegenden locken wollte, läßt sich nicht ermitteln . Endlich aber überraschten des Erlauchten Söhne , nämlich Albrecht als Landgraf in Thüringen und Dietrich als Markgraf von Landsberg die Braunschweiger am 27. October westlich von Wettin in der Nähe von Besenstedt (Bennſtädt unweit Halle) und schlugen dieſelben ſo gänz-
*) Prof. Dr. Wegele hält in seiner Geschichte Friedrichs des Freidigen die ganze Erzählung für ein abſurdes Märchen,
138
V. Thüringen unter den Markgrafen von Meißen.
lich, daß sich Herzog Albrecht, bereits verwundet, gleich den Grafen von Anhalt , Schwerin und Everstein und einem Theile des Heeres gefangen geben mußte. Diese Niederlage des Braunschweigers machte dem ganzen Kriege ein Ende. Er mußte als Lösegeld 8000 Mark Silber erlegen und auf acht Städte im Werrathale verzichten, darunter Eschwege, Allendorf und Wizenhauſen . Dieſelben trat dann Heinrich der Erlauchte an Sophiens nun erwachsenen Sohn Heinrich ab und dieser verzichtete dafür seinerseits auf alle Ansprüche an Thüringen . Als einen Landgrafen in Thüringen hat sich Heinrich das Kind zum legtenmale in einer Urkunde vom 31. October 1264 genannt ; mithin muß bald nach dieser Zeit der Ausgleich stattgefunden haben , also 17 Jahre nach dem Tode Heinrich Raspes. wieder ein selbständiges Fürstenthum,
Niederhessen wurde nun
nachdem dasselbe über ein
Jahrhundert von den Thüringer Landgrafen mit regiert worden war. Wie berichtet wird , feierte Heinrich der Erlauchte die endliche Bei= legung des Streites durch ein glänzendes Turnier in Nordhauſen 1263. Aus seiner Ehe mit Constantia, *) einer Tochter Leopolds VI von Oesterreich, mit der er sich im 16. Lebensjahre vermählte, nachdem er nach vollendetem 12. Jahre bereits die Regierung übernommen hatte , waren ihm zwei Söhne geboren worden , nämlich Albrecht (1240) und Dietrich ( 1242) .
Noch vor der Schlichtung
des thüringischen Erbfolgestreites wurde Albrecht mit Margaretha, einer Tochter Kaiser Friedrichs II verlobt.
Statt einer baaren Mit-
gift gab der Kaiser das Pleißnerland mit Altenburg , Chemnitz und Zwickau , welches Kaiser Friedrich I aus verschiedenen Bestandtheilen gebildet und organisirt hatte , und das als reichsunmittelbar, mit Ausnahme von Altenburg , bisher durch kaiserliche Landrichter regiert worden war , einstweilen als Pfand an die Wettiner. Vermählung fand wahrscheinlich 1255 statt.
Die
Heinrich der Erlauchte brachte die genannten beiden Söhne schon frühzeitig in selbständige Stellungen.
Wie schon erwähnt ,
wurde
Albrecht noch während des Erbfolgestreites über Thüringen gesezt
*) Mütterlicherseits stammte Constantia von Kaiser Heinrich I und seiner Gemahlin Mathilde ab. Da nun Heinrich I ein Ururenkel der Gisela , der einzigen Tochter Wittekinds , und Mathilde eine Ururenkelin des Grafen Wiprecht, des einzigen Sohnes Wittekinds des Großen war , so gehörte Constantia in doppelter Beziehung zu dem Wittekindschen Hause. Aus diesem Grunde können die sächsischen Fürsten als zur Wittekindschen Familie gehörend betrachtet werden. (Siehe v. Braun , Geschichte der hohen Chur- und Fürstlichen Häuser zu Sachsen. 3. Theil S. 268 und 269.)
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Heinrich der Erlauchte (1247–1268 ; geft. 1288).
(1253 ) und ihm der Graf Hermann von Henneberg als Führer und Berather an die Seite gegeben . Natürlich blieb aber Heinrich oberster Landesherr und Albrecht hatte das Land nur im Auftrage ſeines Vaters zu verwalten. schaft Landsberg
1259 bekam Albrecht die Markgraf-
und Dietrich erhielt Thüringen ;
1262 wurde
aber wieder gewechselt . Für sich behielt Heinrich die Marken Meißen und Laufiz und die Oberherrlichkeit über den Länderbesiz des ganzen Hauses vor. Nach wenigen Jahren ereigneten sich aber in der Fürstenfamilie sehr unangenehme Auftritte , indem die Brüder bald einzeln, bald gemeinschaftlich mit ihrem Vater in Fehde lebten , so daß der Markgraf von der väterlichen Gewalt über seine Söhne keinen Gebrauch gemacht zu haben scheint.
Von Charakter edel und zartfühlend mochte
ihm die unbesonnene Handlungsweiſe ſeines ältesten Sohnes Albrecht zwar sehr wehe thun ; aber gleichwohl ließ er Alles geschehen , ohne denselben aus der Verwaltung Thüringens zu entfernen.
Daß er
nicht , gleich anderen Fürsten sich mit hochstrebenden Plänen trug, sondern immer nur das Sichere und Mögliche im Auge behielt, das hat ihm schon frühzeitig die Anerkennung seiner Zeitgenossen und den ehrenden Beinamen der Erlauchte , d . i . der Erleuchtete , eingetragen. Dagegen hat man die an seinem entarteten Sohne Albrecht geübte Nachsicht wohl nicht mit Unrecht als Schwäche bezeichnet. Nur einmal trat er diesem energisch entgegen ; 1268,
es war im Jahre
als derselbe auch seinen Bruder Dietrich zu gemeinsamem
Handeln gegen den Vater aufgereizt hatte. auf nichts
Geringeres
abgesehen , als
Die Brüder hatten es
ihren Vater sammt seinen
Räthen gefangen zu nehmen und sie wo
möglich für immer der
Freiheit zu berauben. Der Anschlag wurde entdeckt ; Albrecht gerieth in des Vaters Gefangenschaft, mußte sehr demüthigende Bedingungen eingehen und wurde sogar mit gänzlicher Enterbung bedroht. v. 30. April 1268. )
(Urk.
Später aber ließ Heinrich der Erlauchte die
Dinge ruhig ihren Gang gehen . In seinen lezten Lebensjahren schien derselbe für den Kummer , den er über das Gebahren seines Sohnes Albrecht empfinden mußte, Ersaß im engen Familienkreise zu suchen.
Nachdem seine zweite Gemahlin Agnes, eine Tochter des
Böhmenkönigs, mit der er sich 1244 vermählt hatte, 1268 mit Tode abgegangen war, vermählte er sich zum drittenmal, aber nicht ſtandesgemäß, sondern mit einer Edeldame, Elisabeth v. Maltiz. Weil nun der aus dieser Ehe entstammende Sohn Friedrich (geb. 1273), ge= wöhnlich der Kleine genannt , nicht gleiche Erbberechtigung mit seinen ältern Brüdern dereinst hätte beanspruchen können , so ließ ihn der
140
V.
Thüringen unter den Markgrafen von Meißen.
Markgraf durch Kaiser Rudolf von Habsburg legitimiren , was laut Urkunde am 4. Januar 1279 bewerkstelligt wurde. Heinrich der Erlauchte starb 1288 .
Albrecht , genannt der Entartete ( 1268–1308 ; geſt . 1314). Heinrich der Erlauchte hatte zwar schon im Jahre 1253 die Verwaltung Thüringens an seinen ältesten Sohn Albrecht übertragen ; aber dieselbe wurde damals
ausgeübt unter Beihülfe des Grafen
Hermann von Henneberg . Von 1257 an wird genannter Graf in den Urkunden nicht mehr genannt, und somit war die Regierung Albrechts wohl eine selbständigere ; doch geschah sie immer noch unter der Oberherrlichkeit des Vaters , welcher erst 1268 den Titel eines Landgrafen von Thüringen aufgiebt. Mithin ist es wohl gerechtfertigt , Albrecht erst von diesem Zeitpunkte an als wirklichen Landgrafen von Thüringen zu bezeichnen. Man ist daran gewöhnt, diesen Fürsten in den Geschichtswerken in der schlimmsten Weise charakteriſirt zu finden , obwohl derselbe ein eigentlich schlechter Mensch nicht ge= wesen ist. Durch seinen grenzenlosen Leichtsinn , verbunden mit einer nie zu befriedigenden Verschwendungssucht hat sich freilich Albrecht zu Schritten verleiten lassen , die allerdings Niemand billigen kann, die aber immerhin noch nicht dazu berechtigen, ihn als gänzlich verdorben zu bezeichnen.
Es fehlte ihm der feste Charakter und die
wichtige Tugend der Selbstbeherrschung ;
allerdings
Mangel schon an jedem gewöhnlichen Menschen ,
ein schlimmer
aber doppelt ge=
fährlich bei einem Fürsten , der in seiner Stellung nur zu leicht geneigt ist, seinen Lüsten den Zügel schießen zu lassen, unbekümmert um die Folgen seiner Handlungsweise.
Am meisten macht man ihm
den gänzlichen Mangel an Sinn für ein echtes Familienleben zum Vorwurf; denn dieser Mangel an Familiengeist verleitete ihn sogar, sein Land zu verkaufen und seine Söhne erblos zu machen, und das hat ihm hauptsächlich den schlimmen Beinamen des Entarteten zu= gezogen.
Es ist nicht zu leugnen , daß sich Albrecht vieler und sehr
schwerer Verirrungen schuldig gemacht hat ; aber es ist nicht in Abrede zu stellen , daß von ihm auch manches Gute geschaffen worden ist , daß ihm z. B. die thüringischen Städte , darunter besonders Eisenach , manche Freiheiten verdanken und daß auch seine politische Thätigkeit Anerkennung verdient. Allein, was man ihm lobend zu= erkennen muß , wird von seinen schwachen Seiten vollständig wieder
Albrecht, genannt der Entartete ( 1268-1308 ; geſt. 1314). in Schatten gestellt.
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Am schlimmsten hat die Nachwelt zu Gericht
gesessen über sein Verhalten gegen seine Gemahlin Margaretha und gegen seine Söhne aus dieser Ehe ; aber sie hat dabei auch , wie es gewöhnlich zu geschehen pflegt , Wahres und Falsches unter einander gemischt.
Margaretha war einige Jahre älter als er ; das eheliche
Verhältniß war aber eine Reihe von Jahren ein ungetrübtes geweſen und sie hatte ihm bereits vier Kinder geboren, drei Söhne und eine Tochter ; da wandte Albrecht plöglich seine Neigung von ihr ab und trug sie auf ein Hoffräulein , Kunigunde von Eisenberg über , die den leichtfertigen Landgrafen mit ihren Nezen vollständig umstrickt hatte. Von jest ab mußte sich die arme Landgräfin die rohefte und unwürdigste Behandlung von Seiten ihres
Gemahls , welcher ihr
sogar mit gewaltsamem Tode gedroht haben soll, gefallen laſſen, und es ist daher nicht zu verwundern , daß sie sich dieser traurigen Lage durch die Flucht entzog . In der Nacht des 24. Juni 1270 wurde. der Entschluß zur Ausführung gebracht.
Nur von einigen Dienern
und Dienerinnen begleitet gelangte die Landgräfin über Fulda nach Frankfurt , woselbst ihr die Bürger in Erinnerung an ihren Vater Friedrich II einen ehrenvollen Empfang bereiteten. Der Abschied von ihren Kindern mag der armen Mutter sehr schwer geworden sein, denn sie mußte sich wohl sagen, daß sie dieselben vielleicht nie wiedersehen werde. Ihr ältester Sohn Heinrich zählte damals ungefähr 14, Friedrich 12 und Diezmann (eigentlich Dietrich) 10 Jahre ; das Alter der Tochter Agnes läßt sich nicht bestimmen .
Die Vorgänge
in Betreff der Flucht Margarethens sind bekanntlich in so entstellender Weiſe erzählt worden, daß dem Landgrafen nachgesagt wird , er habe seine Gemahlin durch einen Eseltreiber in der Nacht ermorden laſſen wollen. Die ältesten Berichte erwähnen nur ganz einfach die Flucht ; dagegen erzählt das Chron. Thuring. bereits von dem Wangenbiß, nennt aber zugleich Friedrich den ältesten Sohn des Landgrafen und zeigt sich also auch hierin sehr schlecht unterrichtet.
Am ausführlichsten
malt hernach Rothe * ) die Sache aus , hat aber dabei offenbar seiner Erfindungsgabe freien Lauf gelaſſen.
*) Joh. Rothe erzählt , die Landgräfin habe ihre beiden Söhne (Rothe weiß also vom dritten Sohne gar nichts ) beißen wollen, um sie zu zeichnen, daß sie an den Abschied ihrer Mutter zeitlebens gedächten. Er stellt die Sache alſo nicht als einen leidenschaftlichen Ausbruch der Mutterliebe dar, sondern als eine wohlberechnete That und macht somit den ganzen Vorgang erst recht unwahrscheinlich. In den nächsten 136 Jahren nach der Begebenheit weiß kein Berichterstatter etwas weder von dem Biſſe in die Wange des Kindes , noch
142
V.
Thüringen unter den Markgrafen von Meißen.
Der Vorgang hatte die Landgräfin aber so sehr erschüttert , daß sie demselben schon nach sechs Wochen erlag . Jezt nahm Albert die ihm unebenbürtige Kunigunde von Eisenberg zur Gemahlin und erkannte dadurch den mit ihr im Ehebruch bereits erzeugten Sohn Albrecht, nach der schon damals üblichen Manier , die Rufnamen der Kinder zu verunstalten , gewöhnlich Apiß genannt , förmlich als seinen Sohn an.
Nach den Darstellungen der meisten Geschichts-
werke soll nun Albrecht die Erziehung seiner drei älteren Söhne vollſtändig vernachlässigt und sein Bruder , der Markgraf Dietrich dieselben zu sich genommen haben ; allein in den nächsten Jahren wurde wohl in dem Verhältniß zwischen Vater und Söhnen nichts geändert, denn dieselben werden in Urkunden aus den Jahren 1271 , 72 und 73 neben ihrem Vater genannt , müssen also auch in seiner Umgebung geblieben
sein.
Erst die ungezügelte Verschwendungssucht
des Landgrafen, infolge deren ein Stück Land nach dem andern verpfändet wurde, hat die Söhne ihrem Vater immer mehr entfremdet, weil ihnen bei der leichtsinnigen Lebensweise Albrechts eine Schmälerung ihres dereinstigen Erbes drohte. Für den Landgrafen sowohl als auch für seinen Bruder, den Markgrafen Dietrich, welcher in der Geschichte bald der Weise, bald auch der Fette zubenannt wird , konnte es in den lezten der siebziger Jahre leicht gefährlich werden, daß beide treu zu dem Böhmenkönige Ottokar II hielten , dem bekannten Gegner des neuen Kaisers Rudolf von Habsburg (reg . von 1273 bis 1291 ) . Um den Zorn Rudolfs abzuwenden , ließ Ottokar seine Verbündeten in den Friedensschluß zu Prag vom 12. September 1277 ausdrücklich mit aufnehmen. Voraussichtlich war der Böhmenkönig aber noch nicht vollständig gedemüthigt und Rudolf von Habsburg suchte deshalb die Wettiner, namentlich den Landgrafen Albrecht auf seine Seite zu ziehen, damit Ottokar nicht durch Truppen unterstüßt werde.
In seinem Auftrage
unterhandelten die Herzöge von Sachsen und von Braunschweig mit Abgeordneten des Landgrafen in Mühlhausen und es wurden diesem Laut Urkunde auf die genannte Stadt 2600 Mark Silber verschrieben für den Fall , daß Albrecht sich neutral halte ; dagegen 4000 Mark auf die Reichsburg Boyneburg, wenn der Landgraf dem Kaiser directe Hülfe leiste.
Weil aber schon nach wenigen Tagen auf dem March-
von einem Mordanschlage gegen das Leben der Margaretha. Nachdem die aufgetauchte Sage aber immer mehr Verbreitung fand, wurde auch Friedrich der Beiname zugelegt : ,,mit der gebiffenen Wange" oder der Gebissene".
Albrecht, genannt der Entartete (1268-1308 ; geft. 1314).
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felde das Schwert zu Ungunsten Ottokars entschied und dieſer in der Schlacht sogar das Leben einbüßte , so war von den eingeleiteten Verhandlungen des Kaisers mit dem Landgrafen Albrecht nicht mehr die Rede ; vielmehr schlug Rudolf dem landgräflichen Hauſe gegenüber später einen ganz andern Ton an. Der Landgraf Albrecht folgte in einem Punkte dem Beispiele seines Vaters : er überließ nämlich seinen Söhnen sehr zeitig einen Theil seines Landes zur Verwaltung. Von 1281 an nennt sich Friedrich Pfalzgraf von Sachsen , während der älteste Bruder Heinrich und später auch Diezmann als Herren des Pleißnerlandes genannt werden , also desjenigen Landestheiles , der als Erbe von ihrer Mutter hinzugekommen war. Aber gerade die Verleihung von äußerer Macht sezte die Brüder in den Stand , gegen ihren Vater Zunächst veruneinigte sich Diezmann noch in demselben Jahre mit ihm, ohne daß sich die Veranlassung hierzu deutlich erkennen läßt. Offenbar war es aber nach dem Vorhergehenden kein Vergeltungskrieg für die Mißhandlung , welche vor
feindselig aufzutreten.
Jahren Albrecht seiner Gemahlin hatte widerfahren lassen , wie man gewöhnlich anzunehmen pflegt , sondern nur ein Auflehnen gegen die verschwenderische Wirthschaft des Landgrafen. Aus dem anfangs nur persönlichen Zwiespalte wurde bald ein ernſter Kampf , weil jeder Auf Albrechts Seite der Streitenden bedeutende Anhänger hatte. standen nicht nur eine große Zahl Grafen und Herren aus Thüringen, sondern auch die Erfurter und sogar sein Bruder , der Markgraf Dietrich, während als vornehmste Parteigenossen Diezmanns die Grafen von Berka a. d . I. figurirten. Diezmann verheerte die Umgegend von Erfurt und nahm bei dieser Gelegenheit den Deutschordensbischof Christian von Samland , den einflußreichen Rathgeber des Landgrafen gefangen und ließ ihn auf die Burg Schlotheim Doch kurze Zeit darauf wurde Diezmann durch einen bringen. Grafen von Kefernburg ſelbſt gefangen genommen und auf die Wartburg gebracht, woselbst er längere Zeit in Gefangenschaft blieb, aber schließlich im Dunkel der Nacht durch einige Anhänger gleichen Alters , denen die Zugänge zur Wartburg bekannt waren , wieder auf freien Fuß gesezt. Die Erfurter hatten inzwischen die Burg zu Neumark i . A. Weimar zerstört und waren auch gegen Buttelstedt und Vargula gezogen, während der Markgraf Dietrich die Burg Berka Da gab die Verlobung Diezmanns mit Jutta, einer Tochter des Grafen Bertold V von Henneberg der ganzen Sache eine andere Wendung. Die Mutter Juttas war eine Gräfin von Schwarzburg ; belagerte.
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V.
Thüringen unter den Markgrafen von Meißen.
deshalb traten jest diese mächtigen Grafen von der Partei des Landgrafen zurück und dadurch wurde Markgraf Dietrich genöthigt, nicht nur die Belagerung Berkas aufzuheben , sondern sich überhaupt aus Thüringen zurückzuziehen. Hierauf kam im Januar 1282 zwischen Albrecht und seinem Sohne Diezmann eine Aussöhnung zu Stande . Wie sehr in Betreff dieses Conflictes zwischen Albrecht und Diezmann von den Geschichtsschreibern die Thatsachen ganz irrig erzählt werden, geht daraus hervor, daß man den Hauptantheil am Kampfe gewöhnlich nicht Diezmann sondern Friedrich zuschreibt und diesen in Gefangenschaft gerathen läßt , welcher gerade während dieser Zeit nach Ausweis von Urkunden in freundlichem Verhältnisse zu seinem Vater steht und sich überhaupt am ganzen Kampfe gar nicht be= theiligt. Aber auch Heinrich , der älteste Bruder stand dem ganzen Streite fern. Ueber das Schicksal desselben herrscht noch ein unaufgeklärtes Dunkel. Einige Geschichtsschreiber lassen ihn sehr frühzeitig gestorben sein , sind aber damit im Frrthum ; denn Heinrich starb nicht in unmündiger Jugend , sondern war sogar verheirathet und zwar mit einer Schwester des Herzogs Heinrich IV von Breslau . Jedenfalls hat ihn seine Verwandtschaft mit dem genannten Herzog In einer Urkunde seines Oheims , des Markins Unglück gestürzt. grafen Dietrich, vom December 1281 wird er noch als Zeuge mit aufgeführt unter dem Titel eines Herrn des Pleißnerlandes ; auch 1282 wird seiner urkundlich noch gedacht ; dagegen wird sein Name in den Urkunden von 1283 an nicht mehr genannt .
Sicherlich hat sich
Heinrich zu seinem Schwager gewendet und dieser gehörte mit zu denjenigen Fürsten , welche für ihren dem Böhmenkönige Ottokar früher bewiesenen Beistand den Zorn des Kaisers auf sich geladen hatten. Ob auch Heinrich damals mit activ gewesen und deshalb bei dem Kaiser in Ungnade gefallen ist, oder ob sich derselbe in der wettinischen Fürstenfamilie irgend eines Vergehens schuldig gemacht hat, das ist noch nicht ermittelt. Auffallend ist es aber jedenfalls , daß sein Sohn Friedrich niemals Erbansprüche an Thüringen erhob, oder wenn er es gethan , niemals Berücksichtigung gefunden hat , denn er bleibt bei seinem mütterlichen Oheim in Schlesien als „ Landgraf ohne Heinrichs Tod ist in die Zeit Land " und ist auch dort gestorben. zwischen 1283 und 1286 zu sehen. Am 8. Februar 1285 starb Markgraf Dietrich von Landsberg auf einer Rückreise aus Schlesien. Nachfolger in der Regierung war sein Sohn Friedrich, mit dem Beinamen Tuto, was so viel bedeuten soll als Stammler.
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Albrecht, genannt der Entartete (1268-1308 ; geſt. 1314).
Seit der Aussöhnung Albrechts mit Diezmann war der Friede in der Familie nicht wieder gestört worden.
Der Leştere verwaltete
nach dem Weggange seines Bruders Heinrich das Pleißnerland allein und führte bis zum Tode seines Großvaters den Titel : Landgraf und Herr des Pleißnerlandes " .
„ jüngerer
Friedrich hatte seine
Hofhaltung in Eisenberg aufgeschlagen und verheirathete sich 1285 mit Agnes, der Tochter des Grafen Meinhard von Görz und Tirol, dessen zweite Tochter Elisabeth die Gemahlin des nachmaligen Kaiſers Albrecht I. von Desterreich geworden war . Mit seinem Vater wußte Friedrich fortwährend ein freundliches Verhältniß aufrecht zu erhalten und einigte sich mit ihm unter anderem laut Urkunde Weißensee den 8. Juli 1285 dahin, daß Friedrich, wenn sich Albrecht im Osterlande aufhalte, einstweilen in Thüringen die Herrschaft führe, und umgekehrt. Ebenso stand Friedrich mit seinem Großvater Heinrich dem Erlauchten im innigsten Verhältnisse und schoß demselben nach und nach die Summe von faft 2000 Mark Silber vor , wofür ihm dieser unter ausdrücklicher Zustimmung Albrechts des Entarteten und Friedrich Tutos eine Reihe Burgen und Städte verpfändete. Im October 1285 starb Kunigunde von Eisenberg , Albrechts zweite Gemahlin, und wurde im Katharinenkloster zu Eisenach neben den früher hier beerdigten Landgrafen beigesetzt. Mit Zustimmung seiner beiden Söhne Friedrich und Diezmann macht Albrecht zu ihrem Seelenheile eine ansehnliche Schenkung an das genannte Kloster.
Zu
Anfang des Jahres 1288 starb auch Heinrich der Erlauchte, nachdem er über ein halbes Jahrhundert auf dem Throne gesessen.
Seine
Haupterben in dem vorbehaltenen Landestheile waren sein ältester Sohn Albrecht und der Markgraf Friedrich Tuto von Landsberg, welche auch sofort die Mark Meißen gemeinschaftlich in Befiz nahmen, sich jedoch später drein theilten. Friedrich dem Kleinen, des Erlauchten Sohn aus seiner dritten Ehe war von diesem die Stadt Dresden mit dem umliegenden Gebiete bestimmt worden.
Bisher war der
Antritt der Erbschaft in friedlicher Weise vor sich gegangen ; aber um der Laufig willen, die Heinrich der Erlauchte unter dem Namen der Ostmark in Besitz gehabt hatte, kam es bald zum Kampfe und schließ = lich behauptete sich Diezmann in derselben , troß der Gegenwehr Friedrich Tutos . Das friedliche Verhältniß zwischen dem Landgrafen Albrecht und seinem Sohne Friedrich erlitt eine Störung um des Apig willen, eines leichtsinnigen , übermüthigen Menschen ,
dem sein Vater von
Jugend auf alle losen Streiche ungeahndet hatte paſſiren laſſen. 10 Kronfeld , Landeskunde. 1.
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V.
Thüringen unter den Markgrafen von Meißen.
Zwar hatten Friedrich und Diezmann eingewilligt , daß demselben aus den Einkünften vom Zoll und Geleite jährlich 900 Mark Silber ausgezahlt wurden ; aber es stellte sich immer klarer heraus , daß Albrecht seinem Lieblinge Apiß, welcher vom Kaiser noch nicht einmal als erbberechtigt legitimirt war , zu Ungunsten seiner beiden älteren Söhne einen Theil des Landes zu überlassen gedachte , und dieser Plan schien noch fester geworden zu sein, seitdem Albrecht durch den Tod seines Vaters einen Theil der Mark Meißen in Besitz bekommen hatte.
Erbittert über diese Absicht Albrechts suchte Friedrich kurzer
Hand sein Recht zu wahren , nahm seinen Vater , wahrscheinlich auf der Rückreise aus der Mark Meißen gegen Ende des Jahres 1288 gefangen und brachte ihn auf die feste Burg Rochlig . Durch Vermittelung einiger thüringischen und osterländischen Grafen und Herren kam endlich unter dem 25. December 1288 der Rochlißer Vertrag zu Stande , nach welchem Albrecht an seinen Sohn Friedrich die Stadt Freiberg mit den Silberbergwerken , Großenhayn und Torgau mit den dazu gehörenden Gebieten abtrat.
Bis zum 20. März 1289
sollte die Auslieferung der genannten Landestheile erfolgt sein und zur Sicherstellung mußte Albrecht bis dahin in die Hände der Mittels= männer einige wichtige Punkte in Thüringen ausantworten, darunter Edartsberga, Gotha und Weißensee. zur Ausführung
Der Vertrag ist jedoch nicht
gekommen , sondern wurde von dem Markgrafen
Friedrich Tuto vereitelt ,
und Albrecht trat nun an diesen seinen
meißnischen Antheil mit Ausnahme des Torgauischen Gebietes gegen Entschädigung an Geld und Land förmlich ab .
Troß dieser Beein-
trächtigung seiner Söhne wurde der Friede zwischen ihnen und ihrem Vater doch bald wieder hergestellt ; vielleicht infolge der nachstehenden Begebenheit. Der Kaiser Rudolf von Habsburg führte nämlich seinen schon vor mehreren Jahren gefaßten Entschluß endlich aus Thüringen einen längeren Besuch ab .
und stattete
Da die Regierung Albrechts
in Betreff der Aufrechterhaltung von Ruhe und Frieden im Lande wohl gleich Null zu achten war, so hatte der Kaiser schon 1277 seinem Schwiegersohne, dem Herzog Albrecht von Sachsen die Reichsverweſerschaft über Thüringen aufgetragen und im September 1279 den Auftrag erneuert. Bei lezterer Gelegenheit waren zugleich die drei Brüder Johann , Otto und Konrad , Markgrafen von Brandenburg beauftragt worden , die dem Reiche abhanden gekommenen Güter . wieder einzufordern , was bei ſtrenger Durchführung dem ganzen wettinischen Hanse sehr unbequem hätte werden müssen , indem der
Albrecht, genannt der Entartete (1268-1308 ; geft. 1314).
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Unterschied zwischen Reichs- und Eigengut ziemlich außer Gebrauch 1286 wurde der Erzbischof Heinrich von Mainz gekommen war. zum Statthalter über Thüringen ernannt.
Wirklich gelang es diesem,
ein Landfriedensgericht aus zwölf Mitgliedern einzusetzen , an deſſen Spize der Erzbischof oder sein Stellvertreter als Hauptmann ſtand . Die Großen des Landes beschworen auf sechs Jahre einen Landfrieden ; gleichwohl wurde derselbe aber oft wieder gebrochen und erſt der Kaiser stellte in seiner energischen Weise die Ordnung wieder her. Am 15. December 1289 hielt er seinen feierlichen Einzug in Erfurt, woselbst sich eine Anzahl Fürsten bereits
eingefunden
hatte ,
denn
auf Weihnachten war ein Reichstag in genannter Stadt angesagt. Bald nach seiner Ankunft ließ es Rudolf sich angelegen sein , den Raubrittern das Handwerk zu legen. Eine Menge Raubburgen waren in den lezten Jahren entstanden und ihre Inhaber schädigten die Ruhe und Sicherheit des Landes . Nach wenigen Tagen schon entsandte Rudolf eine Anzahl Ritter mit den Erfurter Bürgern nach Ilmenau , woselbst 29 Räuber gefangen genommen wurden.
Man
brachte dieselben nach Erfurt ; Rudolf ſaß selbst mit zu Gericht und ließ sie sämmtlich an einem Tage vor den Thoren der Stadt ent= haupten.
Das Landfriedensgericht wurde neu organiſirt und Land-
graf Albrecht erwies sich, ganz im Gegensatz zu seinem früheren Verhalten sowohl jezt , als auch später besonders thätig bei der Durchführung des Landfriedens. Im März 1290 entsandte der Kaiser ein zweites , größeres Corps nach verschiedenen Punkten Thüringens , um das Land von den Raubburgen zu säubern und es wurden dabei noch über 60 solcher Nester zerstört.
Bei seinem elf-
monatlichen Aufenthalte in Erfurt fühlte sich der Kaiser hier , wie überhaupt in Thüringen , das ihm wie des Reiches stolzer Garten " erschien,
sehr behaglich.
In dem reichen Peterskloster , das einen
schönen Rundblick über das Land gewährt , hatte er sein Absteige= quartier genommen . Mit dem Landgrafen und seinen Söhnen ist Rudolf selbstverständlich oft in Berührung gekommen und belehnte unter Anderm den Diezmann förmlich mit der Lausik, forderte aber dagegen das Pleißnerland für das Reich wieder zurück.
Im Januar
1290 war der Kaiser in Eisenach gegenwärtig , als die Marienkirche daselbst zu einem Collegiatstifte erhoben wurde.
Bald darauf ver-
heirathete sich der Landgraf Albrecht der Entartete zum drittenmale und zwar mit Elisabeth, der Wittwe des Grafen Otto von Arnshaugk, welcher 1289 gestorben war.
Durch diese Verbindung kam Albrecht
in den Besiz der Herrschaft Arnshaugk-Neustadt- Triptis . 10*
Acht Tage
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V.
Thüringen unter den Markgrafen von Meißen.
nach Pfingsten gab derselbe sodann auf dem Petersberge zu Erfurt ein großes Fest , indem er 16 junge Edelleute aus seinem Lande zu Rittern schlug, denen der Kaiſer das Schwert selbst umgürtete.
Viel-
leicht war es bei dieser Gelegenheit , daß ihm ein lange gehegter Lieblingswunsch erfüllt wurde : der Kaiser erklärte den Apig für legitim .
Von jezt ab erscheint dieser nun als Prinz des landgräf-
lichen Hauses und somit ſeinen Brüdern ebenbürtig . Durch den verschwenderischen Aufwand, welchen Albrecht sowohl bei dem Ritterfeste als auch bei anderen Gelegenheiten entwickelt hatte , kam derselbe aber in immer drückendere Geldnoth , so daß ſelbſt die Erfurter Juden , seine gewöhnlichen Helfer in der Noth, Schwierigkeiten erhoben und der Landgraf schon damals geneigt ge= wesen zu sein scheint, die Pfalzgrafschaft Sachsen und wohl gar auch Thüringen zu veräußern.
Daher
erzwang
Friedrich von seinem
Vater noch während des Aufenthaltes des Kaisers in Erfurt den Eisenacher Vertrag , durch welchen sich Albrecht verbindlich machte, in Zukunft weder Haus noch Stadt , weder Land noch Leute noch Fürstenthum ohne Zustimmung Friedrichs zu verkaufen, zu verleihen, zu verpfänden oder wegzugeben ; ja er mußte sich sogar dazu verstehen , den Vermittlern jenes Vertrages , nämlich Graf Günthern von Schwarzburg mit noch drei Rittern alles , was er an Burgen und Städten noch in seiner Gewalt hatte , auszuliefern , damit diese bei etwaiger Vertragsbrüchigkeit Albrechts alles an die beiden ältesten Söhne übermittelten.
Dafür gestanden die beiden Brüder
zu , daß dem Apiß ein Erbantheil überlassen würde , bestehend in der Herrschaft Tenneberg mit Waltershausen und einigen Schlössern an der Werra , darunter Brandenberg , Brandenfels und Wildeck. Apig nennt sich seitdem Albert, Graf von Tenneberg, bisweilen auch Apek, Sohn des Landgrafen. selbe , wahrscheinlich mit
Um dieſe Zeit verheirathete sich der-
einem Edelfräulein
aus dem Hause der
Frankensteine. Vor seiner Abreise bestellte der Kaiser den Ritter Gerlach von Breuberg, einem dynaſtiſchen Geſchlechte im Odenwalde angehörend, der als Begleiter Rudolfs mit nach Thüringen gekommen war , zu seinem Stellvertreter und Hauptmann des thüringischen Landfriedens und reiste dann am 1. November von Erfurt ab nach Osten zu, um von dem Pleißnerlande für das Reich Besiz zu ergreifen.
Von da
ging er durch das Voigtland nach Franken , besuchte Schwaben und Elsaß und starb am 15. Juli 1291 zu Speier.
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Albrecht , genannt der Entartete (1268-1308 ; gest. 1314).
Bald nach diesem Todesfalle ereignete sich ein anderer in dem Wettinischen Fürstenhause. Am 16. August starb nämlich in Weißenfels , erst 22 Jahre alt, Friedrich Tuto, Markgraf von Meißen und Landsberg , und hinterließ nur eine Tochter.
Die Erbberechtigten,
wenigstens sahen sich dieselben trok des bestehenden Reichslehenrechtes unbestritten als solche an , nämlich der Landgraf Albrecht und seine Söhne Friedrich und Diezmann wurden über die Theilung bald einig und von Seite des Reiches konnte kein Einspruch erhoben werden, weil für Rudolf von Habsburg noch kein Nachfolger bestimmt war. Friedrich bekam die Markgrafschaft Meißen ; die Mark Landsberg dagegen , welche von Heinrich dem Erlauchten aus der alten Ostmark und dem Theile des Osterlandes , der bis dahin zur Mark Meißen gehört hatte , willkürlich gebildet worden war , wurde wieder aufgelöst ; der Haupttheil mit Landsberg und Delißsch wurde Albrecht zugetheilt und in das
osterländische Gebiet theilten sich
wieder Friedrich und Diezmann.
Die anscheinende Verkürzung des
letteren wurde damit ausgeglichen , daß ihm ein Antheil an dem Bergwerke zu Freiberg und die Nachfolge in der Landgrafschaft Thüringen zugesichert wurde. Infolge großer Geldnoth sann Albrecht darauf , den ihm zugefallenen Landestheil zu verkaufen. Zu diesem Zwecke trat er mit dem Markgrafen Otto IV von Brandenburg in Unterhandlung . Der Verkauf ist auch wirklich, jedenfalls um einen sehr hohen Preis zu Stande gekommen ; denn schon im
November 1291 nennt sich
Markgraf Otto von Brandenburg auch Markgraf von Landsberg. Auffallend bei dem ganzen Handel bleibt es nur, daß weder Friedrich noch Diezmann gegen den Schritt ihres Vaters Einspruch erhoben, daß im Gegentheil das friedliche Verhältniß zwischen den dreien nicht gestört wird , wie aus mehreren Urkunden hervorgeht.
Nur
als Albrecht mit seinen Veräußerungen fortfuhr , schritt Diezmann ein ,
nahm zunächst Leipzig weg ,
zu Lehen ging und
das vom Bischof von Merseburg
mit dessen Zustimmung er sich in den Besitz
desselben gesezt hatte, und griff auch zum Schwerte, als die begehrlichen Brandenburger die Verschwendungssucht Albrechts
zur Er=
werbung von anderweitigen Besizungen auszubeuten suchten.
Diez-
mann war so glücklich , bei einem kriegerischen Zusammentreffen den Markgrafen Heinrich von Brandenburg gefangen zu nehmen. Doch bevor dies geschah , waren zwei wichtige Punkte , Edartsberga und die Neuenburg
als Pfandobjekte bereits
an
die
Brandenburger
gekommen und wurden erst nach langer Zeit von dem Wettinischen
150
V.
Thüringen unter den Markgrafen von Meißen.
Hauſe wieder zurückgewonnen.
An diesen Vorgängen scheint sich
Friedrich gar nicht betheiligt zu haben ; entweder war auch zwischen ihm und seinem Bruder in der Erbschaftssache nicht alles klar ab= gegangen , oder was noch wahrscheinlicher ist , der Schlag , welcher ihn in seinem Familienleben traf , wirkte so nachhaltig auf ihn ein, daß er sich um das politische Treiben eine Zeit lang gar nicht kümmerte. Am 9. Mai 1292 war ihm seine Gemahlin bei der Geburt eines Sohnes , der den Namen des Vaters erhielt, gestorben . Wenn Friedrich auch diesmal unbetheiligt blieb ,
so warteten
seiner für die Zukunft noch schwere , harte Kämpfe und zwar von Seiten des Reichsoberhauptes. Im Mai 1292 war der Graf Adolf von Naſſau zum Kaiser erwählt worden. Es stand demselben keine Hausmacht zu Gebote und so hofften diejenigen , welche seine Wahl veranlaßt und besonders begünstigt hatten , das Heft der Reichsregierung selbst in die Hände zu bekommen . Der neue Kaiser fühlte natürlich bald , welche unwürdige Stellung man ihm zugedacht hatte und richtete deshalb sein Hauptaugenmerk darauf, für sich eine eigene Macht zu gewinnen , mit andern Worten , irgend ein Reichsland so
an sich zu bringen, daß er über dessen Kräfte und Streit-
mittel unbedingt verfügen konnte.
Zu seiner Erwählung hatte vor-
züglich der Erzbischof Gerhard von Mainz beigetragen und zum Danke dafür war ihm von Adolf die Voigtei über die beiden Reichsstädte Nordhausen und Mühlhausen verschrieben worden ; aber nicht zufrieden damit ließ sich Gerhard von dem Kaiser zum Reichsvicar und Landfriedenshauptmann
über ganz
Thüringen ernennen mit
gleichen Befugnissen , wie sie vor wenigen Jahren dem Gerlach von Breuberg durch Kaiser Rudolf von Habsburg verliehen worden waren. Vielleicht war es eben dieser Gerhard , welcher den Kaiser auf die erledigte Mark Meißen und das Osterland aufmerksam machte als auf zwei Länder , die ohne Weiteres eingezogen werden könnten; möglicher Weise konnte der Hinweis auch vom Könige Wenzel von Böhmen erfolgt sein , dessen Tochter Agnes mit Adolfs Sohn Ruprecht verlobt worden war , und dem der Kaiser bereits im Mai 1292 bald nach seiner Erwählung das Pleißnerland als Pfand verschrieben hatte für den Fall , daß der Böhmenkönig die für seine Tochter festgesette baare Mitgift dem Könige noch vor dem festge= sezten Zahlungstermine behändigen ließe. Wenzel erhob jezt sogar selbst Ansprüche auf die Markgrafschaft Meißen, ohne jedoch dieselben gebührend motiviren zu können , und kreuzte überhaupt damit den Plan , den Adolf bereits in Betreff der Nachlassenschaft Friedrich
Albrecht, genannt der Entartete (1268-1308 ; gest. 1314).
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Tutos gefaßt haben mochte. Freilich waren nach dem deutschen Reichslehenrechte die Seitenverwandten nicht ohne Weiteres erbberechtigt ,
und
eben
so wenig hatte Kaiser Rudolf in Erfurt den
Wettinern ihre Lehen zu gesammter Hand aufgetragen, d. h . so, daß ihre Erbnachfolge im ganzen Besißstande des
Wettinischen Hauſes
für sämmtliche Glieder der Familie ausgesprochen worden wäre ; aber daraus folgte durchaus nicht , daß nun der jezige Kaiser die beiden Länder Meißen und Osterland
einziehen und für sich be-
halten durfte ; er hätte vielmehr dieselben dann an andere deutsche Fürsten weiter vergeben müssen.
Jedenfalls hat Adolf auch seine
Endabsicht nicht offen ausgesprochen , obschon die größeren Reichsfürsten mit ihm darin übereinstimmten , daß die beiden Brüder Friedrich und Diezmann sich unrechtmäßiger Weise in den Besit der beiden Fürstenthümer gesezt hätten .
Aber der Kaiser hatte noch ganz andere Pläne: er speculirte auch auf Thüringen. Weil zu dessen Besizergreifung von ihm keinerlei Rechtstitel geltend gemacht werden konnten , so wurde ein anderer Weg eingeſchlagen : er erkaufte sich die Regierungsnachfolge über das Land für die Zeit , wenn Albrecht der Entartete mit Tode abgehen würde. Es ist über dieses Kaufgeschäft früher wohl viel gestritten worden, indem man einestheils glaubte, es dem Reichsoberhaupte nicht wohl zutrauen zu dürfen , daß es sich in einen solchen Handel einließe , anderntheils es aber auch nicht für möglich halten wollte , daß Albrecht so alles Familienfinnes bar , das von seinem Vater mit Aufbietung aller Macht gegen eine ganze Reihe von Prätendenten behauptete Thüringen für sein Haus auf ſo schmachvolle Weise wieder verloren gehen zu lassen. Allein dem Kaiser lag vor allen Dingen daran , durch eine tüchtige Hausmacht sich Geltung im Reiche zu verschaffen und zur Durchführung dieses Planes war ihm jedes Mittel recht; Albrecht dagegen kam durch die ausbedungene Kaufsumme wenigstens auf eine längere Zeit aus seinen permanent gewordenen Geldverlegenheiten . Ob er sich durch seine Handlungsweise eines Fürsten ganz unwürdig erwies, das kam bei seinem haltungslosen Charakter völlig außer Frage. Im April 1293 wurde das Kaufgeschäft in Nürnberg abgeschlossen ; der Landgraf war persönlich bei dem Kaiser und die Verhandlungen leitete jedenfalls Ulrich von Hanau, ein alter Bekannter Adolfs ; wenigstens wird diesem laut Urkunde Nürnberg 23. April 1293 die Summe von 300 Mark Silber vom Landgrafen zugesichert für die guten Dienſte, die derselbe bei dem Kaufgeschäfte geleistet hat. Der Kaufpreis be=
V. Thüringen unter den Markgrafen von Meißen.
152
trug 12 000 Mark Silber, in bestimmten Fristen an den Landgrafen zahlbar ; dafür sollte nach dem Tode desselben das Thüringerland an niemand Anders , als an den Kaiſer kommen. Ueber den
Handel selbst sollte vorläufig von beiden Seiten
Schweigen beobachtet werden ; doch wurde derselbe bald ruchbar, vielleicht als Folge davon , daß Adolf die ausbedungenen Zahlungsfriſten nicht einhielt. Nach den lezten Abmachungen bei der Theilung im Wettinischen Hause sollte dereinst Diezmann Thüringen bekommen und
deshalb
fühlte sich dieser in seinen Rechten bitter gekränkt.
Mit Gewalt war freilich nichts auszurichten ; seinem
Vater gegenüber denselben
Weg
drum schlug derselbe
ein , den der Kaiser für
praktiſch gefunden hatte : er behandelte die Sache wie ein Kaufgeschäft und überbot den Kaiser.
Es geschah dies durch den Vertrag
von Triptis vom 28. September 1293. *) Diezmann verpflichtet sich, in bestimmter Friſt ſeinem Vater 14 000 Mark Silber zu zahlen zur Tilgung gewisser Pfandschulden, darunter 2000 Mark Silber um Sangerhausen , und 11 000 Mark um Eckartsberga und die Neuen= burg wieder einzulösen . Zur Sicherstellung seßt Diezmann bestimmte Pfänder an Burgen und Städten ein , die seinem Vater verfallen sein sollten , wenn die Zahlfristen nicht eingehalten würden ; er erkennt auch außerdem das Leibgedinge von Albrechts dritter Gemahlin und die dem Apig bereits zugetheilten Besizungen als zu Recht be= stehend an. Als Antheil an der Regierung wird zugestanden , daß Diezmann zum Landding und Landfrieden zugezogen werden soll ; da= gegen macht sich Albrecht verbindlich , die Zustimmung seines Sohnes Friedrich zu dem Vertrage mit Güte oder Gewalt herbeizuführen. Mithin war dieser bei der Abmachung gar nicht zugezogen worden . Die erste Zahlung hat Diezmann wohl pünktlich geleistet und dafür wurde ihm Creuzburg und die Burg Frankenstein ausgeantwortet , zwei Punkte , die bei einem eventuellen Angriff auf Thüringen von Seiten Adolfs für Diezmann von größter Wichtigkeit waren. Der Kaiser hat sich zwar nicht beeilt , die Mark Meißen mit dem Osterlande für das Reich zurück zu fordern ; doch stand zu erwarten , daß er mit Waffengewalt den Besit der beiden Länder erzwingen und in derselben Weise auch seine erkauften Rechte an Thüringen geltend machen würde.
1294 erschien denn derselbe auch
wirklich mit einem , größtentheils am Rheine geworbenen Heere in *) Die Vertragsurkunde ist mit mehreren anderen Urkunden erst in dem zweiten Viertel dieses Jahrhunderts in Pisa entdeckt worden. Ficker, die Ueberreste des deutschen Reichsarchivs zu Piſa. Wien 1835.
Albrecht, genannt der Entartete (1268-1308 ; geft. 1314).
153
Thüringen ohne auf Widerstand zu stoßen , denn Friedrich wartete in Meißen die Dinge ruhig ab , während sich Diezmann nach der Lausiß zurückzog . Sein Einmarsch scheint von Süden her erfolgt zu sein. Im Dorfe Eischleben zwischen Arnstadt und Erfurt machte er einen längeren Halt und die Umgegend mußte von seinen ungezügelten Horden Entseßliches erdulden , so daß das Volk endlich zur Selbsthülfe griff und an einigen Vornehmen aus des Kaisers Heer , die in seine Hände gefallen waren , furchtbare Rache nahm . Von hier wandte sich der Kaiser nach Mittelhausen bei Erfurt, also nach dem Orte , wo von Alters her das Landding abgehalten worden war. Dort nahm Adolf, jedenfalls nicht absichtslos, wiederum einen längeren Aufenthalt ; denn er wollte sich schon jezt als Mitbefizer von Thüringen betrachtet sehen und stellte auch deshalb hier mehrere Urkunden aus . bei dem Kaiser.
Nun erschien auch der Landgraf Albrecht
Der größte Theil der ausbedungenen Kaufſumme
war bis dahin bereits gezahlt und für den Rest von 4000 Mark Silber sezte Adolf die beiden Reichsstädte Mühlhausen und Nordhausen ein.
Wenn binnen zwei Jahren die Restsumme nicht gezahlt
sei , so sollten die beiden Städte dem Landgrafen so lange zustehen, bis sie selbst ihn befriedigen würden ; auf alle Fälle sollten sie aber nach Albrechts Tode an das Reich zurückfallen . Bei dem weiteren Vormarsche Adolfs wurde auch eine Abtheilung seines Heeres gegen die Burg Raspenberg (Raſtenberg) entſendet, welche von Anhängern Diezmanns besezt war. Die auf dem Marsche dahin verübten Greuel , namentlich die Schändung der Nonnen des Klosters in Rastenberg erbitterte aber die Bewohner der Umgegend dermaßen , daß man die Rotte überfiel und deren Rädelsführer zu Schmach und Schande ihrer Mannheit beraubte und sie in diesem Zustande dem Kaiser wieder zuschickte.
In Vippach , wahrscheinlich
Markvippach , wurde die Kirche des heiligen Andreas erbrochen und ausgeplündert.
Da endlich ermannte sich der Kaiser , ein Exempel
zu statuiren ; er ließ jedem der Kirchenräuber die rechte Hand abhauen. Der Zug ging nun weiter nach Osten , über die Saale ; die weiter östlich gelegenen festen Orte Pegau , Borna , Groißsch und andere wurden genommen und das letztere von Grund aus zerstört. Leipzig ergab sich ohne Kampf. Für dieses Jahr ( 1294) wurde der Vormarsch nicht weiter fortgeseßt , sondern Adolf ließ einen Theil des Heeres als Besaßung im Osterlande zurück und wandte sich mit dem Reste wieder nach Thüringen. Zu Anfang des Jahres 1295 ist der= selbe in Nordhausen , wohin ihn der Erzbischof von Magdeburg,
V.
154 der Bischof
Thüringen unter den Markgrafen von Meißen.
von Merseburg und die Markgrafen von Brandenburg
begleitet haben. Hier that der Kaiser einen Schritt, der ſeinen Plan, schon bei Lebzeiten Landgraf Albrechts als Mitbesizer Thüringens ganz außer Zweifel sezen mußte. Wie vorhin gemeldet, zu gelten , hatte Albrecht Eckartsberga und die Neuenburg verpfändet und zwar an die Brandenburger. Der Kaiser löst das Pfand wieder ein, zwar nicht für 11000 Mark Silber wie es Diezmann thun sollte, sondern nur für 3000 Mark . Vielleicht ließen sich jene mit der geringeren Summe begnügen, weil Adolf seinerseits gegen den bereits erwähnten Ankauf der Mark Landsberg durch die Brandenburger nichts einwendete. Von Nordhausen wandte sich Adolf nach Mühlhausen zum ausgeschriebenen Hoftage , auf welchem unter anderm Gerlach v . Breuberg wieder zum Hauptmanne des Landfriedens und überhaupt zum Stellvertreter des Kaisers in Thüringen ernannt wurde. Der Aufenthalt in genannter Stadt dauerte nur 10 Tage, denn das übermüthige nnd zuchtlose Benehmen der Begleiter des Kaisers er= bitterte die Bürger dermaßen , daß sie einen Aufruhr erregten , bei welchem Adolf selbst in Lebensgefahr kam.
Er wandte sich nach
Eisenach und reiste von hier über Fulda nach dem südlichen Deutsch= land .
Um die Mitte August erschien er hierauf wieder mit einem
Heere ; diesmal offenbar in der Absicht , Meißen mit Krieg zu überziehen und dasselbe dem Markgrafen Friedrich abzunehmen . Vorher aber sollten die beiden festen Punkte in Thüringen, Frankenstein bei Salzungen und Creuzburg a . d . W., beide von Diezmanns Leuten beseßt , genommen werden. Der erstere ergab sich bald . Creuzburg erlitt eine harte Belagerung ; die Bürgerschaft wurde durch Einwerfen von Feuer in die Stadt genöthigt , sich in die Burg zu flüchten ; aber nach sechs Wochen mußte sich auch diese ergeben.
Von hier
begab sich Adolf nach Eisenach , woselbst sein Aufenthalt mehrere Wochen dauerte. Die Bürgerschaft zeigte sich ihm sehr zugethan; denn sie trug sich mit der eiteln, Hoffnung , reichsfrei zu werden . Fm December brach endlich der Kaiser ostwärts auf nach der Markgrafschaft Meißen.
Wie es schien , sollte der Krieg noch einmal ab-
gewendet werden ; denn der Markgraf Friedrich wurde zu einer Unterredung mit dem Kaiser nach Altenburg beschieden. Nur von wenigen Getreuen begleitet kam derselbe unter sicherem Geleite nach jener Stadt ; während er aber mit seinen Begleitern im Absteigequartier bei Tische saß, drangen Einige aus den Truppen Adolfs in das Gemach , um den Markgrafen zu ermorden. Durch die Aufopferung eines Freiberger Bürgers aus Friedrichs Begleitung , der
Albrecht, genannt der Entartete (1268-1308 ; geſt. 1314).
den tödtlichen Hieb auffing ,
155
dabei aber selbst das Leben einbüßte,
wurde Friedrich gerettet und entkam unter dem Schuße der Nacht. Zur Ehre des Kaisers darf wohl angenommen werden , daß er mit diesem Bubenstreiche nichts gemein hatte. Im Januar 1296 brach Adolf wieder auf und richtete seinen Marsch jest direct nach der Mark Meißen.
Friedrich war ganz ohne Bundesgenossen , da selbst
ſein Bruder Diezmann in der Lausiß sich nicht herbeiließ , ihm beizustehen. Er mußte sich deshalb auf die Vertheidigung der beiden Hauptpunkte Freiberg und Meißen beschränken .
Durch Bestechung
einiger Bürger erlangte Adolf die Oeffnung der Thore von Freiberg. Die Besazung zog sich nach der Burg zurück und vertheidigte dieſelbe auf das Hartnäckigste.
Nach Untergrabung der Mauern wurde sie
jedoch im Sturm genommen und die Besaßung gefangen.
Der Kaiser
handelte so unedel, daß er 60 Mann derselben wegen ihrer heldenmüthigen Gegenwehr hinrichten ließ. Für die Uebrigen konnte Friedrich nur dadurch Schonung erlangen , daß er versprach , Stadt und Burg Meißen und was sonst noch vom Lande in seinen Händen war, an den Kaiser auszuliefern . Somit war also Markgraf Friedrichs Sache völlig verloren. Mit einem einzigen Diener und ein paar Pferden soll er umhergezogen sein und schließlich blieb ihm nichts übrig als das Land zu verlassen. Der Kaiser ernannte seinen Vetter, den Grafen Heinrich von Naſſau zum Statthalter über die Markgrafschaft Meißen , trat im April seinen Rückmarsch an und vers wendete die Zeit seines Aufenthaltes in Thüringen dazu , den Adel des Landes auf seine Seite zu bekommen.
Leider traten auch eine
große Anzahl der Vornehmsten nach dem Beispiele aus früheren Zeiten gegen ansehnliche Geldsummen zu ihm über, wie die Grafen von Orlamünda, Beichlingen, Kefernburg, Schwarzburg, Rabinswalde und andere Herren. Zwei Jahre lang blieben die Verhältnisse in den besezten . Ländern , wie sie durch den Krieg herbeigeführt worden waren, d. h. in Meißen, im Oster- und Pleißnerlande regierte Heinrich von Nassau, in Thüringen Landgraf Albrecht in größter Eintracht mit Gerlach von Breuberg und es hätte wohl dem vertriebenen Markgrafen Friedrich nicht gelingen können, sich wieder empor zu schwingen, wenn sich nicht im deutschen Reiche die Verhältnisse geändert hätten. Schon lange hatte Adolf eine bedeutende Partei gegen sich und man sprach endlich die Abſeßung über ihn aus. In der Schlacht bei Göllheim fand er am 2. Juli 1298 seinen Tod. In aller Form wurde jezt Albrecht von Oesterreich zum Reichsoberhaupte erwählt.
156
V. Thüringen unter den Markgrafen von Meißen.
Dieser Vorgang wurde für den Markgrafen Friedrich von der größten Wichtigkeit.
Er hatte sich nach dem Verluste seines Landes
zuerst nach Kärnthen und dann nach der Lombardei begeben.
Von
hier waren 1269 Boten der Ghibellinen an das Wettinische Haus entsandt worden, um einen der Söhne Albrechts , jedenfalls Friedrich, in seiner Eigenschaft als Enkel Kaiser Friedrichs II nach Italien zur Uebernahme der Erbschaft der Staufer einzuladen. Konradin war in Neapel enthauptet worden und Enzio schmachtete in hoffnungsloser Gefangenschaft der Bolognesen . Man hatte im Wettinischen Familienrathe die Angelegenheit zwar nicht unbeachtet gelassen aber sonst keine ernstlichen Schritte gethan, um das Anerbieten zu realisiren.
Viel-
leicht war damals das jugendliche Alter des Prinzen die Veranlassung, daß man für den Augenblick die Sache nicht weiter verfolgte. Inzwischen hatten sich die Verhältnisse freilich geändert. Fm März 1298 erscheint Friedrich , der für sein Heimathland gänzlich verschollen schien , wieder zu Liegniß in Schlesien bei dem Herzog Polko von Fürstenberg und von da aus geht er nach der Lausitz , um in Verbindung mit seinem Bruder Diezmann noch vor dem Falle Adolfs die Eroberung der ihm entrissenen Markgrafschaft Meißen zu unternehmen.
Der erste bedeutende Punkt, den er wieder
in seine Hände bekam , war Großenhayn ; bald folgte auch Rochlik. Friedrich hatte immer noch im Lande eine bedeutende Partei für sich und diese war ihm zur Wiedergewinnung seines Stammlandes besonders behülflich.
Das Glück begünstigte ihn, indem er durch
Legung eines Hinterhaltes den bisherigen Reichsstatthalter , den Grafen Heinrich von Nassau gefangen nahm, worauf die Auslieferung einer Reihe besetter Orte erfolgte.
Der Graf entkam nach einiger
Zeit aus der Gefangenschaft , verließ eiligst das Land und wandte sich an den Rhein. In kurzer Zeit hatten die beiden fürstlichen Brüder einen Theil der Mark Meißen und fast das ganze Osterland wieder im Besiz ; aber derselbe war freilich nicht von langer Dauer. Der neue Kaiser Albrecht war ein nicht minder habsüchtiger Mann als sein Vorgänger und hatte bereits
vor seiner Erwählung in
Betreff des Pleißnerlandes und einiger anderen angrenzenden Landstriche Versprechungen
gemacht.
König Wenzel von Böhmen war
besonders deshalb vom Kaiser Adolf abgefallen, weil seine Hoffnungen auf Besißnahme der angrenzenden Markgrafschaft Meißen nicht erfüllt worden waren. Um ihn für sich zu gewinnen , hatte jezt Albrecht versprochen, ihm das Pleißnerland zu verpfänden. Krönung
Bald nach seiner
ernannte ihn auch Albrecht zum Reichshauptmanne und
Albrecht, genannt der Entartete (1268-1308 ; geft. 1314).
157
Sofort Statthalter für Meißen , das Oster- und Pleißnerland. erſchien Wenzel in den genannten Ländern und nahm die Huldigung Dem Markgrafen Friedrich blieben nur die beiden vorhin ab. genannten festen Punkte , die er im ersten Anlauf genommen hatte. Diezmann hatte sich dagegen im Osterlande festgesezt und vor allem den Hauptort Leipzig in seiner Gewalt. Wie der neue Kaiser es mit Thüringen zu halten gedächte, darüber ließ derselbe fürs Erste nichts verlauten. Der Landgraf
Albrecht führte jezt die Regierung des Landes allein , indem schon im Anfange des Jahres 1298 Gerlach von Breuberg , wohl infolge der unsicher gewordenen Stellung Kaiser Adolfs das Thüringerland verlaſſen hatte, und der Landgraf wäre wohl zufrieden geweſen, wenn mit dem Falle Adolfs auch der Nürnberger Vertrag von 1293 null und nichtig geworden wäre. Die Ansichten des Kaisers in Betreff Thüringens sollten indeß doch bald ihren Ausdruck finden. Im November 1298 waren die Fürsten zu einem Hostage in Nürnberg um den Kaiſer versammelt.
Auch Friedrich und Diezmann waren
erſchienen in der sicheren Hoffnung , durch persönliche Vorstellungen und noch mehr durch den Einfluß ihrer Freunde den Kaiser günstig zu stimmen.
Aber alle Bemühungen erwiesen sich erfolglos ; der
Kaiser genehmigte ſogar während der Versammlung den zwischen dem Könige Wenzel und dem Hochſtift Meißen abgeschlossenen Handel, nach welchem Burg und Stadt Pirna an den genannten König übergingen und Böhmen förmlich einverleibt wurden.
So wenig Friedrich
in Betreff der Markgrafschaft Meißen etwas ausrichtete , eben so unglücklich unterhandelte Diezmann in den Angelegenheiten Thüringens . Er hatte sich den Erzbischof Gerhard von Mainz zum Vermittler ausersehen und diesem für den Fall, daß er den Kaiser bewege, seine Ansprüche auf Thüringen fallen zu laſſen, nicht nur die Summe von 1000 Mark Silber zugesagt , sondern zugleich auch versprochen , daß Burg und Stadt Gotha für den Fall seines kinderlosen Todes an den Erzbischof kommen sollten. Kaiser Albrecht gründete übrigens seine Ansprüche nicht auf ein abermaliges, nun zwischen ihm und dem Landgrafen abgeschlossenes Kaufgeschäft, wie die Sache bisweilen dargestellt wird , sondern nur auf seine Nachfolge in der Kaiſergewalt. Die Bemühungen der Brüder waren erfolglos . Der Kaiser gab nur eine aufschiebende Antwort und hat auch eine Reihe von Jahren sich in die thüringischen
Angelegenheiten
nicht
eingemischt.
Friedrich behielt inzwischen Großenhain und Kochlik in seinen Händen . Dagegen schien der übrige Theil der Markgrafschaft Meißen für das
158
V.
Thüringen unter den Markgrafen von Meißen.
Wettinische Haus gänzlich verloren gehen zu sollen , denn 1299 oder 1300 verpfändete der Kaiser das Land an den König Wenzel für 40000 Mark Silber und solche Verpfändungen waren meistens die Vorläufer der wirklichen Abtretung. Bei diesem Stande der Dinge ist es nicht zu verwundern , daß die Brüder ihre Aufmerksamkeit wieder dem Thüringerlande mehr zuwendeten und eine Annäherung an ihren Vater herbeiführten . 1299 sind beide am Hofe desselben und es findet eine vollständige Versöhnung statt.
Unbegreiflicher Weise hatte Diezmann schon früher
den Gedanken gefaßt, sich der Mark Laufiß zu entäußern ; aber nicht etwa zu Gunsten seines Bruders , sondern es lag in seinem Plane, die Mark dem Wettinischen Hauſe gänzlich zu entfremden. 1301 am 3. August führt er den Plan wirklich aus und trägt gegen Zahlung von 6000 Mark Silber dem Hochstift Magdeburg dieses Land zu Lehen auf mit der ausdrücklichen Bestimmung , daß daſſelbe nach ſeinem Tode unmittelbar an das genannte Hochstift fallen solle.
Von
1304 ab hört er auf , die Regierungshandlungen dort auszuüben, legt den Titel als Markgraf der Lausiß ab und nennt sich nur noch junger Landgraf von Thüringen , östlicher Markgraf und Herr in Groitsch.
Von dem Hochstift Magdeburg kam die Lausitz an die
Markgrafen von Brandenburg, welche sich immer weiter ausbreiteten und aus dem Wettinischen Besiz bereits Landsberg und einen Theil der Pfalzgrafschaft an sich gebracht hatten ; ja 1303 verpfändete ihnen der König Wenzel die ganze Markgrafschaft Meißen für 50 000 Mark Silber.
Dem Markgrafen Friedrich wurde daher der Aufenthalt in
dem kleinen meißnischen Antheile , der ihm geblieben war , gänzlich verleidet und er hielt sich deshalb jezt fast ausschließlich bei seinem Vater in Thüringen auf.
Schon 1300 ( 24. August ) hatte er sich
zum zweiten Male vermählt und zwar mit Elisabeth , der Adoptivtochter seines Vaters und Tochter des Grafen Otto von LobdaburgArnshaugk.
Das später erfundene Märchen läßt ihn dieselbe ent=
führen, während sie doch bei ihrer Mutter auf der Wartburg weilte. Er hatte durch seine Verheirathung einen Theil der Stadt Jena und das Gebiet an der Orla , wozu außer Neustadt und Arnshaugk auch Triptis , Auma und Ziegenrück gehörten , erhalten. Das Verhältniß zu seinem Vater.gestaltete sich dadurch immer freundlicher. Im Gegensaß hierzu entstand zwischen Albrecht und Diezmann im Jahre 1304 ein Zwiespalt, der die Beiden auf längere Zeit gänzlich entzweite. Die Veranlassung dazu gab der Burggraf Otto IV von Kirchberg. Die Erfurter hatten im Jahre 1303 die Burg Hopf=
Albrecht, genannt der Entartete (1268-1308 ; geft. 1314).
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garten zwischen Weimar und Erfurt zerstört und sollen dabei mehrere gefangen genommene Ritter hingerichtet haben, worüber der genannte Burggraf mit den Erfurtern in Streit gerieth. Wahrscheinlicher ist jedoch, daß derselbe von seinen auf dem Rücken des hiernach benannten Hausberges bei Jena gelegenen drei Schlössern : Kirchberg, Greifberg und Wintberg , welche an der westlichen Grenze des Osterlandes die Hauptstraße in dasselbe beherrschten, sich eines schweren Landfriedenzbruches schuldig gemacht hat , besonders gegen die Erfurter.
Diez-
mann nahm für den Burggrafen als seinen Lehensmann und geheimen Rath Partei und das entzweite ihn mit seinem Vater , weil dieſer als Haupt des Landfriedensinstituts jeden Bruch des Landfriedens zu ahnden hatte. Es wird zwar behauptet , Diezmann habe sich persönlich bei der Vertheidigung der Burgen betheiligt , doch läßt sich das nicht erweisen ; sicher ist aber, daß er Hülfstruppen zur Vertheidigung gesendet hat. Der Landgraf dagegen bot die Erfurter, Nordhäuser und Mühlhäuser auf und stellte felbft Mannschaft, welcher sich die Mannen der Grafen von Orlamünde zu Weimar, der Herren von Lobdaburg-Leuchtenburg und die bewaffnete Mannschaft von Jena anschlossen. Der Marschall des Landgrafen, Hermann Goldacker führte den Zug. Nach mehrwöchentlicher Belagerung wurden Wintberg und Kirchberg erstürmt und zerstört , worauf sich Greifberg ergeben mußte.
Die Mannschaft , an deren Spize sich Diezmann mit
dem Burggrafen Otto befunden haben soll, erhielt freien Abzug und Greifberg blieb in den Händen der Belagerer. Dieser Vorgang fällt in den Sommer des Jahres 1304. Der Landgraf hatte zwar als Landfriedensrichter nur seine Schuldigkeit gethan ; aber gleichwohl trat zwischen ihm und
Diezmann wegen Niederlegung
der kirch-
bergischen Schlösser eine Uneinigkeit ein , die erst im nächsten Jahre ihren Ausgleich fand und zwar
infolge des Ablebens
von Apiß.
Dieser hatte seit Jahren auf Schloß Tenneberg gehauſt und ein sehr unsolides, durch mancherlei Frevelthaten besudeltes Leben geführt, so daß nach seinem Tode Albrecht der Entartete genöthigt war , dem Abte Heinrich von Fulda zum Ersag für die auf 400 Mark Silber geschäßten Schäden , die
weiland sein geliebter Sohn Apiz böz-
williger Weise" der Fuldaer Kirche zugefügt hatte, und zum Seelenheile desselben das Geleit zwischen Eisenach und Vacha und einen See unter der Burg Wildeck gelegen , zu überlassen. Jedenfalls ist Apit 1305 gestorben, erst 36-38 Jahre alt. Die Herrschaft Tenneberg fiel an Diezmann , welcher von jezt an wieder als der Nachfolger seines Vaters in der Landgrafschaft auftritt.
160
V.
Thüringen unter den Markgrafen von Meißen.
Mittlerweile war innerhalb des deutschen Reiches eine wichtige Veränderung vorgegangen : der Kaiser hatte sich mit dem Könige Wenzel II von Böhmen entzweit und forderte die Markgrafschaft Meißen zurück; freilich vergebens ,
denn Wenzel hatte ja dieselbe
anderweit verpfändet und die Brandenburger zeigten durchaus keine Lust , das kaum erhaltene Land schon wieder herauszugeben.
Da=
gegen scheint die Reclamation auf das Pleißnerland von Erfolg be= gleitet gewesen zu sein ; dort werden urkundlich hinter einander kaiserliche Hauptleute und Landrichter genannt. Im Juni 1305 starb Wenzel und sein Regierungsnachfolger schloß sofort mit dem Kaiſer Albrecht Frieden. Die Hauptfriedensbedingung , nämlich die Herausgabe der Markgrafschaft Meißen an den Kaiser wurde von dem jungen Böhmenkönige sofort erfüllt , indem er sich zu diesem Zwecke mit den Inhabern des Landes , den Brandenburgern einigte.
Seit 1306 ist der Kaiser im Besiz der
Mark und er thut bereits die nöthigen Schritte, um dieselbe auf die Dauer an sein Haus zu bringen und zugleich das Osterland ,
das
größtentheils in Friedrichs und Diezmanns Händen sich befand , zurückzuerobern. In gleicher Weise trat er jezt auch offen mit seinen Ansprüchen auf Thüringen heraus . Den Wettinischen Brüdern Friedrich und Diezmann wäre somit von ihren Stammländern so gut wie nichts geblieben, wenn alle dieſe Pläne ihre Verwirklichung gefunden hätten. Zwischen ihnen und dem
alten
Landgrafen Albrecht bestand seit
Beilegung des legten Zerwürfnisses, also seit 1305 völlige Eintracht und namentlich scheint Friedrich durch Vermittelung seiner Gemahlin, welche mit auf der Wartburg wohnte und daselbst 1306 eine Tochter gebar , mit seinem Vater auf besonders freundlichem Fuße ge= standen zu haben. Dennoch kamen auch jezt immer noch Fälle von Veräußerungen vor , welche sich Albrecht erlaubte und wodurch das So verkauft freundliche Verhältniß vorübergehend gestört wurde. derselbe
1306
an
die Eisenacher Bürgerschaft
jene landgräfliche
Burg, die Klemme, welche Heinrich der Erlauchte in der Stadt erbaut hatte und welche die Eisenacher durch Niederreißung gern aus dem Wege räumen wollten.
Die bei ihnen durch Kaiser Adolf erweckten
Hoffnungen auf Reichsfreiheit waren sehr verlockend und sie hielten die Gelegenheit jezt für besonders günſtig , um ihren Träumen zur Erfüllung zu verhelfen. Als Friedrich und Diezmann ernstlicher als bisher verlangten , sich ihnen zu unterwerfen , sandten sie eine Aufforderung an den Kaiser ,
er solle der
Rechte auf Thüringen
nicht vergessen , welche durch Kaiser Adolf ' erworben worden seien,
Albrecht, genannt der Entartete (1268-1308 ; geft. 1814).
161
und sie selbst gegen die Zumuthungen der Söhne des Landgrafen schüßen. Auch ohne diese Mahnung würde der Kaiser wohl seinen Plan auf Thüringen zur Ausführung gebracht haben. Für den Juli 1306 hatte er einen Fürstentag nach Fulda ausgeschrieben und hierzu auch den Landgrafen Albrecht geleistet werden.
vorgeladen.
Der Ladung mußte Folge
Albrecht erhielt die bittersten Vorwürfe darüber,
daß er troß des mit Kaiser Adolf , bezüglich mit dem Reiche geschlossenen Vertrages die Festseßung seiner Söhne in Thüringen zugelassen habe ; er mußte noch einmal die Bestimmung des Vertrages von Nürnberg feierlich anerkennen und noch überdies eidlich versprechen, die Wartburg binnen acht Tagen an zwei von dem Kaiser bezeichnete Vertrauensmänner zu übergeben , welche die Burg vor jeder Entfremdung von dem Reiche behüten und dieselbe nach des Landgrafen Tode an den Kaiser ausliefern würden. Es ist darüber unter dem 9. Juli 1306 eine förmliche Urkunde aufgesezt worden , welche mit zu dem Funde in Pisa gehört.
Der Kaiser kündigte zugleich an, er
werde im nächsten Monate mit einem Heere in Thüringen erscheinen. Schon war alles zu einem Einbruche in das Land vorbereitet , als ein anderes Ereigniß die Aufmerksamkeit des Kaisers von Thüringen abzog. Am 4. August 1306 war König Wenzel III von Böhmen in Olmüş ermordet worden und hinterließ keinen Erben. Sofort nach Empfang der Nachricht brach der Kaiser mit demselben Heere , das er zu einem Einfall in Thüringen draußen am Rheine sammelte, nach Böhmen auf und setzte es nicht bloß durch , daß sein Sohn Rudolf zum Könige von Böhmen erwählt wurde, sondern daß die Krone im Falle seines unbeerbten Todes an seine übrigen Söhne und deren Nachkommenschaft falle. Diesen Aufschub hinsichtlich der Absichten des Kaiſers auf Thüringen benutten nun Albrecht und sein Sohn Friedrich , um einem drohenden Schlage vorzubeugen. Troß der eidlichen Angelobung hat Albrecht die Wartburg an die beiden Vertrauensmänner nicht ausgeliefert, vielmehr eine Besaßung aus Friedrichs Leuten in dieselbe aufgenommen. Darüber erbittert schlossen die Eisenacher die Wartburg ein , auf welcher der alte Landgraf sammt seiner Frau und Stieftochter, der Gemahlin seines Sohnes Friedrich weilten. Die Ordnung der böhmischen Angelegenheiten hatte den Kaiser bis zum Spätherbst dort aufgehalten, dann rückte er mit Heeresmacht von Böhmen aus in das Osterland ; aber der zeitige Eintritt des gerade diesmal sehr harten Winters veranlaßte ihn, wieder zurück zu 11 Kronfeld , Landeskunde. I.
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Thüringen unter den Markgrafen von Meißen.
V.
gehen und seinen Aufenthalt in seinen österreichischen Hauslanden zu nehmen. Die Einschließung und Belagerung der Wartburg war während dessen fortgesezt worden. Zwischen den beiden Brüdern Friedrich und Diezmann hatte jedoch die Wendung der Dinge eine Disharmonie hervorgerufen, indem Diezmann bisher immer als dereinstiger Nachfolger Albrechts in der Regierung über Thüringen gegolten hatte und sich jezt Albrecht seinem älteren Sohne Friedrich zuneigte. Die Besazung der Wartburg war durch die enge Einschließung in einige Noth gerathen , denn die Lebensmittel gingen auf die Neige.
Friedrich zog ihr deshalb zu Hülfe und vereinigte
sich zu dem Zwecke mit seinem Schwager, Herzog Heinrich von Braunschweig, der ihm ein ansehnliches Hülfscorps zuführte. Im December 1306 oder spätestens im Januar 1307 muß die Entsetzung der Burg stattgefunden haben , denn laut Urkunde hat Albrecht
dieselbe am
18. Januar 1307 an seinen Sohn Friedrich gänzlich ausgeliefert. Es wurde zwischen Vater und Sohn ein Vertrag abgeschlossen, kraft dessen der Vater dem Sohne Friedrich die Wartburg als Mitbesizer einräumt und ihn ermächtigt, einen Hauptmann über dieselbe zu bestellen ; zugleich ernennt er ihn und die Söhne , welche aus deſſen zweiter Ehe hervorgehen würden, für den Fall seines Todes zu Erben des Landes .
Es unterliegt wohl keinem Zweifel , daß bei der Ab-
fassung jenes Vertrages der Einfluß von Albrechts Gemahlin, welche bekanntlich zugleich Friedrichs Schwiegermutter war , in vollem Umfange sich geltend gemacht hat. Von diesem Zeitpunkte an datirt nun Friedrichs Wiedererhebung. Zwar beginnen mit dem Eintritte des Frühlings 1308 die Feindseligkeiten aufs Neue ; auf Drängen der Eisenacher entsendet der Kaiser unter Führung des Grafen von Wilnau , eines Bruders des Abtes von Fulda , Truppen nach Thüringen , welche dem platten Lande hart mitspielen ; aber sie erreichen in Betreff der Wartburg ihren Zweck nicht. Um diese wirksamer mit Steinen beschießen zu können , hatte der Graf die sogenannte Eisenacherburg in der Nähe der Wartburg errichtet, Friedrich dagegen seinerseits eine andere Anhöhe befestigt.
Die Vorbereitungen zur endlichen Erstürmung der
Wartburg wurden aber immer ernster und der Markgraf Friedrich hielt deshalb für gut, seine Frau sammt deren ein Jahr alten Tochter von dort weg und in Sicherheit zu bringen. Mitten in einer dunkeln, regnerischen Nacht erschien er mit einigen Bewaffneten vor der Wartburg und brachte die Seinigen auf wenig betretenen Pfaden zunächst aus dem Bereiche der Burg und dann weiter nach Tenneberg , oder
Albrecht, genannt der Entartete (1268-1308 ; geft. 1314).
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vielleicht auch nach Reinhardsbrunn, weil die Klöster in Kriegszeiten oft noch sicherere Zufluchtsstätten waren als die Burgen .
Auf dieses
Factum ist jene bekannte , so breit ausgeschmückte Sage zurückzuführen, nach welcher der Landgraf seine Tochter bald nach ihrer Geburt in Sicherheit gebracht und wobei er die Worte gesagt haben foll : „Meine Tochter soll trinken und koste es das Thüringerland ! “ *) Der kaiserliche Feldhauptmann Graf von Wilnau war in seiner Unternehmung gegen die Wartburg sehr unglücklich , denn bei einer Recognoscirung wagte er sich zu weit vor , wurde gefangen genommen und damit schlug das ganze Vorhaben fehl. Der Graf hat sich später gegen eine Summe von 1500 Mark Silber die Freiheit erkauft, aber seine Kriegsthätigkeit gegen den Landgrafen eingestellt.
Eben
so wenig glücklich waren die Operationen der Kaiserlichen im Osterlande. Die beiden Brüder Friedrich und Diezmann hatten sich wieder vollständig geeinigt , ein förmliches Schuß- und Truzbündniß mit einander abgeschlossen und gingen jezt auf die Truppen los , welche der Kaiser in den Wettinischen Ländern vorigen Herbst zurückgelaffen und im Frühjahre 1307
verstärkt hatte.
Im Mai
genannten Jahres kam es zur Schlacht bei dem jezt altenburgiſchen Städtchen Lucka. Nach hartem Kampfe wurden die Kaiserlichen gänzlich geschlagen und der Ueberreft völlig zerstreut.
Der Heer-
führer selbst wurde mit einer großen Anzahl Ritter gefangen ge= nommen. Damit war nicht bloß das Osterland zurückerobert, ſondern die Brüder waren nun auch in den Stand gesezt , die Wiedergewinnung des Bleißnerlandes und der Mark Meißen zu unternehmen. Am 19. November 1307 stellt Friedrich in Freiberg eine Urkunde aus und muß somit wieder im Besize dieses
wichtigen Punktes
gewesen sein. Der Kaiser erhielt
die Hiobspost , als er sich gerade in den
Rheingegenden aufhielt ; er eilte deshalb nach Thüringen und schlug sein Lager in der Nähe von Mühlhausen auf. Der Landgraf Albrecht zog es jezt vor , Land und Lente an seine Söhne zu übergeben und nahm seinen Aufenthalt in Erfurt. Aber wiederum wurde der Kaiser an weiteren Operationen in Thüringen durch eine Nachricht aus Böhmen gehindert. Sein Sohn Rudolf war am 3. Juli in Prag plöglich gestorben. Nun war bei *) Ein diesen Vorgang verherrlichendes Gedicht erzählt, der Landgraf sei durch die Eisenacher verfolgt worden ; aber derselbe habe mit seinen wenigen Begleitern, während das Kind seinen Durſt ſtillte , die Verfolger ſo hart mitgenommen, daß mehr als 1000 (? !) Feinde ihren Tod fanden. 11*
164
V.
Thüringen unter den Markgrafen von Meißen.
seiner Thronbesteigung im vorigen Jahre festgesetzt worden , daß in solchem Falle einer der andern Söhne des Kaisers als Nachfolger eintreten sollte.
Damit diese Abmachung jezt ausgeführt werde,
eilte der Kaiser auf dem nächsten Wege nach Böhmen ,
berührte
Naumburg a. d. S. und ließ es geschehen , daß von seinen Truppen das Land verheert wurde. Anfang September rückte er in Böhmen ein , kam aber zu spät , denn man hatte bereits den Herzog Heinrich von Kärnthen auf den Königsthron erhoben. Das war für den Markgrafen Friedrich
eine sehr bedeutsame Wahl , denn der neue
König war sein Schwager und beide hatten alle Ursache , sich eng an einander anzuschließen . Schon am 1. September erfolgte zwischen ihnen der Abschluß eines förmlichen Schuß- und Truzbündnisses und das veranlaßte den Kaiser, für jeßt nicht wieder nach Thüringen zu gehen .
Am Ausgange des Jahres trat ein anderes Ereigniß ein,
das dem Markgrafen einen neuen Machtzuwachs verlieh : sein Bruder Diezmann erlag einer Verwundung . Chronisten vollständig verschieden
Der Vorgang wird von den
angegeben ; die Einen erzählen,
Diezmann sei am 10. December im Predigerkloster zu Leipzig von einem Unbekannten tödtlich verwundet worden ; Andere sezen den Vorgang auf den 3. December , und nach einer dritten Darstellung soll die Ermordung in der Christnacht , also am 24. December in der Thomaskirche zu Leipzig geschehen sein. Ueber die Veranlassung zu der Unthat herrscht vollständiges Dunkel. Diezmann hinterließ keine Leibeserben und Friedrich nahm sofort die Länder desselben in Besit. Auf den Februar 1308 berief er die Edlen und Vögte Thüringens und des Osterlandes nach Erfurt in das Peterskloster und ließ sich von ihnen huldigen . An Versprechungen und Geld= spenden soll es Friedrich dabei nicht haben fehlen lassen und so erreichte er auch einen vollständigen Erfolg , denn die Anwesenden erkannten ihn sämmtlich als ihren Herrn an. Von jezt an führt derselbe neben seinen andern Titeln auch den eines Landgrafen von Thüringen. Ungefähr zu derselben Zeit , als Friedrich die Edlen im Peterskloster zu Erfurt versammelt hatte , erſchien der Kaiser, aber diesmal ohne Heer in Eisenach ,
berief auch seinerseits die
Edlen und Vögte des Landes zu sich; aber Niemand hat ihm Folge geleistet. Eine schmählichere Niederlage hätte ihm nicht werden können. Von Rachegedanken erfüllt verließ er die Stadt , deren Hoffnung auf Reichsfreiheit nun für immer verschwunden war.
Es
ist bekannt , daß der Kaiser am 1. Mai 1308 von seinem eigenen Neffen in der Nähe der alten Stammfeste Habsburg ermordet wurde.
Landgraf Friedrich der Freidige zc.
165
Landgraf Friedrich der Freidige,*) gewöhnlich der Gebissene genannt (1308 — 1324).
Die hochstrebenden Pläne des nunmehrigen Landgrafen waren auf nichts Geringeres
gerichtet als auf die Wiedergewinnung alles dessen, was dem Wettinischen Hauſe bei den vielfachen Stürmen der lezten 30 Jahre abhanden gekommen war. Zu allernächst konnte der Landgraf nicht dulden, daß zu Füßen der Wartburg eine Stadt sich immer noch sträubte, ihn als Landesherrn anzuerkennen, und er begann deshalb die Belagerung Eisenachs mit aller Energie. Am 22. Mai 1308 mußte sich die Stadt unterwerfen. Bald darauf berief Friedrich die Herren und Städte des Landes zu einem Landding, wahrscheinlich nach Mittelhausen und ließ sie hier einen Landfrieden beschwören , wendete sich dann nach dem Pleißnerlande und wußte dort die Hauptstädte desselben , Altenburg , Chemniß und Zwickau , sowie das ganze Gebiet dahin zu bestimmen , ihn bis zur Wiederwahl eines Reichsoberhauptes als ihren Schußherrn anzuerkennen. Hierauf begab er sich nach dem Osterlande und der Markgrafschaft Meißen , um seine Herrschaft in den wiedergewonnenen Ländern zu befestigen. Im September kehrte Friedrich wieder nach Thüringen zurück. Als Nachfolger für Kaiser Albrecht wählten die deutschen Fürsten den Grafen Heinrich von Luxemburg oder Lüßelburg , einen tapferen, mannhaften Helden und Ritter, der leider nur kurze Zeit das deutsche Reich regierte.
Allem Anscheine nach ist Friedrich der Freidige von
ihm nicht gleich in allen seinen Besizungen anerkannt worden ; gleichwohl ließ er sich in seinem Vorhaben der Zurückerwerbung nicht im mindesten beirren . Zu den abhanden gekommenen Befizungen gehörte unter Anderem auch die sogenannte mindere Grafschaft an der Gera, bestehend aus den Orten Walschleben, Elxleben, Andisleben, Dachwich, Kühnhausen, Stotternheim , Gispersleben S. Viti und S. Kiliani und Flversgehofen, welche Albrecht schon 1270 an die Stadt Erfurt verkauft hatte.
Die Aufforderung des Landgrafen zur Zurückgabe
wurde von den Erfurtern ganz entschieden abgewiesen und weil sie sich eines Gewaltstreiches versehen mußten , so traten sie mit Mühlund Nordhausen , so wie mit den Grafen von Weimar - Orlamünda *) Nach dem Wörterbuche von J. und W. Grimm Bd. 4. S. 102 und 103 bedeutet freidig so viel als kühn , muthig , tapfer. Schon Joh. Rothe schreibt deshalb in seiner Chronik op. 29 : ,,Friedrich der Freidige."
166
V.
Thüringen unter den Markgrafen von Meißen.
in ein Bündniß .
Es kam zum Kriege ; aber nicht durch den Land-
grafen, sondern durch die Erfurter wurden die Feindseligkeiten eröffnet.
Während Friedrich in Meißen weilte , überfielen jene ganz
unvermuthet die landgräfliche Burg Andisleben und zerstörten sie ; hierauf zogen sie vor die Feste Utstedt (Udeſtedt im Amte Vieselbach) und machten dieselbe nach fünftägiger Belagerung der Erde gleich. Auf die Nachricht von diesen Vorgängen eilte Friedrich sofort nach Thüringen zurück, strafte die Erfurter für ihren Vorwiß und belagerte die Stadt Weimar so nachdrücklich, daß sich der Graf im Juni 1309 gefangen geben mußte.
Weil von den Erfurtern für den Augenblick
ein weiteres feindliches Vorgehen wohl nicht zu
erwarten stand , so
wendete sich Friedrich wieder nach Meißen zur Fortſeßung der mit den Markgrafen von Brandenburg angeknüpften Verhandlungen wegen Herausgabe der Markgrafschaften Landsberg und Laufit. Seine An- • erbietungen blieben jedoch erfolglos . Dafür wurde er von anderer Seite her vom Glücke begünstigt , denn sein Oheim , der Markgraf Friedrich von Dresden sicherte ihm die Nachfolge in seiner Herrschaft für den Fall seines Todes förmlich zu , ließ dem Landgrafen von der Stadt Dresden die Eventualhuldigung leisten und schloß mit ihm ein Schuß- und Truzbündniß ab.
Zufrieden mit diesem Erfolge
wandte sich der Landgraf wieder nach Thüringen , um der Stadt Erfurt ernstlicher als bisher zu Leibe zu gehen .
In Gemeinschaft
mit seinem Bundesgenossen, dem Herzog Rudolf von Sachsen, begann er am 29. August 1309 die Belagerung. Im Dorfe Hochheim, nicht weit von Erfurt schlug Friedrich sein Lager auf, ſezte nach heftigem Stürmen die Vorstadt Brühl in Brand , verwüstete die Weinberge der Stadt und zerstörte die Wasserleitung des Petersberges. Die Stadt selbst konnte er nicht gewinnen . Wie es bei diesen Vorgängen dem alten Landgrafen Albrecht, der in Erfurt eine gastliche Aufnahme gefunden hatte, zu Muthe gewesen sein muß, läßt sich denken. Nach 14 tägiger Belagerung zog Friedrich wieder ab.
Die Stadt hatte sich
aber schon vorher an den Kaiser gewendet und nicht nur für sich um Hülfe gebeten , sondern denselben zugleich an die Ansprüche erinnert , welche er auf Thüringen machen könne.
Heinrich gab sich
auch den Schein, als wolle er gegen Friedrich den Freidigen ernstlich vorgehen, übertrug dem Landgrafen Johann von Hessen die Regierung über die Reichsstädte Mühlhausen und Nordhausen, ernannte ihn zum Hauptmann der Truppen , die er zum Schuße Erfurts und jener beiden senden werde, und befahl dem Burggrafen von Nürnberg, mit seinen Leuten nach Thüringen zu rücken ; aber es war hinter
Landgraf Friedrich der Freidige 2c.
167
allen diesen Unternehmungen kein Ernst und bald wendete sich das Verhältniß des Kaiſers zum Landgrafen vollständig zu des leßteren Vortheil. Der neue König Heinrich von Böhmen , Friedrichs Schwager verstand nicht, sich zu behaupten ; es trat eine Gegenpartei zusammen und das Resultat der Besprechung war der Beschluß , dem Sohne des Kaisers , Johann , welcher sich schon mit dem lehten Sprößlinge des alten Königsgeschlechtes , mit Ottokars Enkelin Elisabeth vermählt hatte, die Königskrone zu übergeben. Der Kaiser zeigte sich der im August 1309 bei ihm sich einfindenden böhmischen Gesandschaft sehr geneigt , mußte es aber nunmehr auch für vortheilhaft erkennen, wenn ſein Sohn in dem Landgrafen Friedrich, von Meißen aus , einen freundlichgesinnten Nachbar habe. Das war wohl der nächste Grund , warum dem Landgrafen in seinem Streite mit den Erfurtern freie Hand gelassen wurde. Dort waren heftige Unruhen ausgebrochen, die eine Umgestaltung der städtischen Verfassung herbeiführten und zugleich die Friedenspartei an das Ruder brachten . Die Erfurter bequemten sich dazu ,
die Grafschaft an der Gera
herauszugeben . Nachdem die Königswahl in Böhmen vollzogen war , ging der Kaiser auch mit Nachdruck vor, um seinen Sohn auf den Thron zu bringen, den der Herzog Heinrich von Kärnthen nicht gutwillig verLassen wollte. Von Nürnberg aus rückte ein Reichsheer nach Böhmen . Friedrich sandte seinem Schwager zwar ein Hülfscorps von 600 Mann unter Führung seines Sohnes ; aber der Kärnthner floh ruhmlos davon.
Jezt ließ der Landgraf seine Truppen zurückgehen und eilte
selbst herbei, um wegen völliger Räumung Böhmens einen Vergleich abzuschließen , wozu der Kaiſer in Voraussicht dieſes Ausganges den Der Führern seines Sohnes bereits Vollmacht ausgestellt hatte. Vergleich kam am 14. Januar 1310 zu Prag zu Stande und bestätigte den Landgrafen in seinen Besitzungen.*) Alle Ansprüche seitens des Reiches auf Thüringen und Meißen , das Osterland inbegriffen, wurden aufgegeben. Noch in demselben Jahre (18. Dec. ) schloß der nunmehrige König von Böhmen mit dem Landgrafen ein Bündniß gegen Jedermann, mit Ausnahme des Reiches. Im April des folgenden Jahres übertrug der Kaiser an Friedrich auch die Verwaltung des Pleißnerlandes auf zehn Jahre mit der Bestimmung,
*) Urkunden im gem. ernestinischen Archiv in Weimar.
168
V.
Thüringen unter den Markgrafen von Meißen.
daß dasselbe nach Ablauf dieser Zeit ihm mit 2000 Mark Silber abgelöst werden sollte. Hätte sich Friedrich nun mit dem begnügt , was ihm
durch
glückliche Umstände an Land und Leuten wieder geworden war , so hätte er als einer der mächtigsten deutschen Fürsten seine lezten Lebensjahre in Ruhe verbringen können ; allein er hatte sich nun einmal vorgeseßt , seine Macht immer weiter zu vergrößern , brachte aber damit die wiedergewonnene Stellung aufs Neue in die größte Gefahr. Nicht nur mit den Städten Erfurt, Mühlhausen und Nordhausen begann um die Mitte des Jahres 1311 die frühere Fehde wieder, sondern Friedrich trat auch gegen den Erzbischof von Mainz und die Aebte von Fulda und Hersfeld wegen ihrer Besizungen in Thüringen in einer so feindseligen Weise auf , daß diese sich be= schwerend an den Reichsverweser , den König Johann von Böhmen wandten.
Johann war nicht gemeint , die Sache ruhig hingehen zu
lassen, sondern erklärte , Friedrich habe durch sein Verhalten die mit ihm abgeschlossenen Verträge hinfällig gemacht und die Ansprüche des Reiches auf Thüringen und Meißen beſtänden jeßt wieder zu Recht. Um zu zeigen , daß es nicht auf bloße Drohungen abgesehen war, ernannte er zugleich den Unarg von Waldenburg zu einem Reichshauptmann für
Meißen und das
Pleißnerland und forderte die
meißnischen Städte zur Rückkehr unter die unmittelbare Herrschaft des Reiches auf. Der Kaiser weilte damals in Italien, billigte aber auf empfangene Mittheilung vollständig die gegen den Landgrafen ge= thanen Schritte und munterte den Erzbischof von Mainz , den Abt von Fulda und die Städte Nordhausen und Mühlhausen zum thätlichen Vorgehen gegen Friedrich , Friedens " auf .
den „Feind des Reiches und des
So drohend sich nun auch der Horizont um Friedrich
verdüsterte, so griff derselbe doch zum Schwerte , nahm zunächst dem Verbündeten der Erfurter ,
dem Grafen Hermann von Orlamünda-
Weimar mehrere Burgen ab und wendete sich dann nach Meißen, weil in Betreff dieses Landes die zwischen dem Landgrafen und den Brandenburgern entstandene Streitfrage wegen Zurückerstattung der reclamirten Gebiete immer noch ihrer Lösung harrte.
Sein Gegner
war der Markgraf Waldemar , ein energischer Mann ,
der sich rasch
Meißens und Großenhains so wie einiger anderer Punkte bemächtigte und sogar den herbeigeeilten Landgrafen nebst seinem Sohne vor den Thoren von Großenhain gefangennahm . Schlimmer hätte es dem Man brachte ihn nach TangerLandgrafen nicht ergehen können . münde in der Altmark in ziemlich harte Gefangenschaft und hier
169
Landgraf Friedrich der Freidige zc.
mußte er nun die Kunde vernehmen , wie seine vorhin genannten Gegner in Thüringen die günstige Gelegenheit benußten , eine landgräfliche Burg nach der andern zu zerstören . Es kam dem Landgrafen also vor allen Dingen darauf an , seine Freiheit wieder zu erhalten ; deshalb ging er auf die harten Bedingungen des Vertrages von Die Hauptpunkte desselben Tangermünde ein ( 13. April 1312). waren : der Landgraf Friedrich verlobt seine Tochter Elisabeth mit einem Vetter Waldemars, dem Grafen Albert von Köthen, und zahlt theils zur Aussteuer derselben , theils zur Deckung der Kriegskosten Bis zu deren die enorm hohe Summe von 32 000 Mark Silber. Abtragung bleibt ein Theil von Meißen und dem Osterlande, darunter Grimma , Döbeln und Rochlig als
die wichtigen Punkte Leipzig ,
Pfand in den Händen des Brandenburgers ; außerdem muß Friedrich auf die Fürstenthümer Lausiß und Landsberg und die Landschaft zwischen Elbe und schwarzer Elster zu Gunsten des brandenburgischen Hauses gänzlich verzichten. Der plögliche Tod des Kaisers Heinrich VII (er starb am 24. Aug. 1313 zu Buonconvento bei Siena in Italien) und die im Jahre 1314 erfolgte Doppelwahl Ludwigs von Bayern und Friedrichs von Oesterreich nahmen das ganze Interesse der Reichsfürsten in Anspruch, so daß Friedrich der Freidige von dieser Seite her nicht zu befürchten hatte, es würden die von dem ehemaligen Reichsverweser Johann bereits eingeleiteten Maßnahmen zur weiteren Durchführung kommen.
Mit den Aebten von Fulda und Hersfeld kam
ein Vergleich zu Stande und durch Vermittelung des Erzbischofs Burkard von Magdeburg wurde ein Landfrieden aufgerichtet, welchem außer
mehreren Bischöfen
und Fürsten
vor
allem
der Markgraf
Waldemar von Brandenburg mit beitrat. Im Jahre 1314 starb in Erfurt Friedrichs Vater , der Landgraf Albrecht im 74. Lebensjahre.
Sein Andenken konnte kein ge=
segnetes sein ; denn wenn er auch , wir wiederholen es nochmals , durchaus kein bösartiger Charakter war , so hatten ihn doch seine Schwächen zu so manchen, recht schlimmen Streichen verleitet, welche nicht leicht in Vergessenheit gerathen konnten. Kirchen war Albrecht sehr freigebig.
Gegen Klöster und
So existiren z. B. allein noch
22 Urkunden , welche alle zu Gunsten des Klosters Heusdorf bei Apolda von ihm ausgestellt sind . * ) In gleicher Weise sorgte er auch
*) Darunter im Geh. Haupt- und Staatsarchiv in Weimar Urkunden aus den Jahren 1265, 1266, 1267, 1271, 1272, 1289, 1290, 1302 und 1306.
170
V.
Thüringen unter den Markgrafen von Meißen.
für die Eisenacher Klöster
und Kirchen. *)
Auf
die Leitung der
thüringischen Angelegenheiten war ihm in seinen lezten Lebensjahren jeder Einfluß abgeschnitten und die Erhaltung seines kleinen Hofstaates war wahrscheinlich durch Vertrag mit der Stadt Erfurt ge= regelt ; aber gleichwohl soll Verschwendung mit Mangel bei ihm abgewechselt haben. Seine Ruhestätte fand er nicht in Reinhardsbrunn sondern in der Marienkirche in Erfurt. „Mit Recht blieb ihm das Grab seiner Väter versagt, der von den Bahnen derselben abgewichen ist," äußert sich eine Stimme des 14. Jahrhunderts . Mit dem 1. Mai 1315 lief der mit den Brandenburgern abgeschlossene Waffenstillstand ab. Der Markgraf Waldemar hatte sich mit seinen nördlichen Nachbarn entzweit und diese hatten sich , den König von Dänemark an der Spize , förmlich gegen ihn verbündet. Troßdem ging er zugleich auch gegen den Landgrafen vor , bemächtigte sich der Stadt Dresden und ließ sich dort huldigen, was Friedrich der Kleine, der Herr von Dresden, auch ruhig hinnahm. Gleichzeitig begann der Kampf im Osterlande, woselbst aber Friedrichs des Freidigen ältester Sohn gleiches Namens , dem man , weil er nicht gut zu Fuße war , den Zunamen der Lahme beigelegt hatte , mit solchem Glücke kämpfte , daß nicht bloß der größte Theil des Osterlandes wieder gewonnen, sondern auch ein Theil der Markgrafschaft Landsberg weggenommen wurde. Leider fand dieser jugendliche Heerführer bei der Belagerung von Zwenkau durch einen feindlichen Pfeil seinen Tod. Er war erst 22 Jahre alt. Durch die Erfolge der Wettiner sah sich der Markgraf Waldemar genöthigt, den Friedensvermittelungen seitens des Erzbischofs von Magdeburg williges Gehör zu leihen. Am 1. Januar 1317 wurden die Friedensbedingungen festgesetzt. Man verabredete eine Familienverbindung in der Weise , daß des Landgrafen zweitgeborener und nun einziger Sohn Friedrich , sobald er das nöthige Alter erreicht haben werde, die Schwester des Markgrafen Johann von Brandenburg heirathen solle. Als Mitgabe für die Braut wurden Meißen und Freiberg , Burg und Stadt, zuge= wiesen , denn beides war noch in den Händen der Brandenburger. Der wirkliche Friede , zugleich mit einem Schuß- und Trußbündniß, wurde bald darauf bei einer Zusammenkunft Waldemars und Friedrichs in Magdeburg abgeschlossen.
Es verblieben dem brandenburgischen
Hause noch viele Besizungen, welche ehemals den Wettinern zugehört
*) S. Urkunden im Geh. Haupt- und Staatsarchiv in Weimar aus den Jahren 1280 , 1290, 1291, 1293, 1294, 1298, 1301 und 1305.
Landgraf Friedrich der Freidige zc. hatten.
171
Nach zwei Jahren starb Waldemar kinderlos ; bald darauf
ging auch sein einziger Erbe noch vor Erlangung der Mündigkeit mit Tode ab, und bei der entstehenden Verwirrung wegen der Erbfolge brachte das Wettinische Haus einige wesentliche Besizungen, wie namentlich Großenhain und Dresden wieder an sich. Die verabredete Familienverbindung zwischen den beiden Fürstenhäusern kam nicht zu Stande.
den.
Die übrigen Regierungsjahre des Landgrafen vergingen in FrieSein Lieblingsaufenthaltsort blieb die Wartburg , auf der er
einen im Jahre 1317 durch den Blizz zerstörten Thurm wieder aufbaute und deren Burgcapelle von ihm mit zwei neuen Altären ausgestattet wurde. Wohl als Folge der Aufregung seiner fast 50 Jahre langen Kämpfe trat eine Erschlaffung aller seiner Kräfte ein, so daß seine kluge Gemahlin Eliſabeth für ihren noch minderjährigen Sohn das Regiment führte.
Man erzählt gewöhnlich , daß der Landgraf
durch die Aufführung des bekannten biblischen Gleichnisses von den fieben klugen und sieben thörichten Jungfrauen in eine solche Aufregung versetzt worden sei , daß ein Schlagfluß ihm Zunge , Hände und Füße lähmte.
Allein , die Aufführung jenes Schauspieles hat
nach den glaubwürdigen Berichten der Chroniken am 30. April 1322 stattgefunden, während Elisabeth mit ihrem Sohne als Regentin schon im August 1320 auf der Wartburg eine Urkunde ausstellte. Wenn auch in dem Befinden des Landgrafen im nächsten Jahre wieder eine Besserung eingetreten war , denn im April 1321 urkundet er wieder selbst und zwar zu Gunsten des Klosters S. Johannisthal bei Eisenach,*) so ist es gleichwohl vollständig begreiflich ,
daß die Aufregung über
jeues Schauspiel, welches den sündigen Menschen trok der Fürsprache der Heiligen und der Mutter Gottes doch keine Vergebung bei Gott finden läßt, eine derartige sein kounte , den bejammernswerthen Zustand einer, völligen Lähmung herbeizuführen.
Von 1322 an führt
Elisabeth mit ihrem Sohne die Regierung und sie hat das Verdienst, ihre Aufgabe in sehr kluger Weise gelöst zu haben.
So hatte sie
ihren Sohn mit Jutta, einer Tochter des Königs Johann von Böhmen verlobt ; doch machte fie diese Verbindung bald wieder rückgängig, um eine andere, den Zwecken des Fürstenhauses dienlichere zu Stande zu bringen : der junge Landgraf Friedrich wurde mit Mechtild , einer Tochter des Kaisers Ludwig verlobt.
Die nächste und natürlichste
Folge davon war , daß der Kaiſer dem zukünftigen Schwiegerſohne
*) Geh. Haupt- und Staatsarchiv in Weimar.
Urkunden.
172
V.
Thüringen unter den Markgrafen von Meißen.
alle seine Lehen bestätigte (2. April 1323) . *)
Die Braut sollte als
Mitgift 10 000 Mark Silber bekommen ; dafür werden dem Landgrafen einstweilen die Reichsstädte Mühlhausen und Nordhausen verschrieben ; außerdem wird ihm das Pleißnerland pfandweise überlassen (7. Auguſt 1324) und kurze Zeit darauf auch das Burggrafenamt in Altenburg. Am 17. Mai 1324 wurde Friedrich der Freidige endlich durch den Tod von seinen schweren Leiden erlöst. Seine Ruhestätte fand er im Katharinenkloster zu Eisenach, von wo das ihm errichtete schöne Grabdenkmal später nach Gotha und dann nach Reinhardsbrunn übergeführt worden ist. Wenn uns die Geschichte dieses kühnen , auch in den schwersten Stürmen und Wechselfällen des Lebens nicht verzagenden Fürsten länger beschäftigt hat als dies bei einigen seiner Nachfolger geschehen wird, so liegt die Erklärung einfach darin, daß das Wettiniſche Haus ihn mit vollem Rechte als seinen zweiten Begründer betrachten muß, welcher die nach und nach zerbröckelnde Besizung des Hauses mit fester Hand wieder vereinigte. Die Machtstellung war durch die schmachvolle Regierung seines Vaters und die unmännliche seines Bruders Diezmann im Verlöschen begriffen ; ihm gebührt der Ruhm , dieselbe wieder gehoben und in den Kämpfen um dieses Ziel troß vielfacher Niederlagen den Muth nicht verloren zu haben. Daher ist ihm auch mit Recht der Zuname, der Freidige geworden . Friedrich war zweimal vermählt. Seine erste Gemahlin Agnes, die Tochter Meinhards , des Grafen von Tirol, und Schwester Herzog Heinrichs von Kärnthen hatte ihm einen Sohn geboren , Friedrich den Lahmen , der bei der Belagerung von Zwenkau das Leben verlor. Von seiner zweiten Gemahlin Elisabeth , Tochter des Grafen Otto von Arnshaugk , hatte er einen Sohn , Friedrich, und eine Tochter Elisabeth , welche seit 1321 an den Landgrafen Heinrich II von Hessen vermählt war.
Landgraf Friedrich II , genannt der Ernsthafte ( 1324 — 1349) . Bei dem Tode seines Vaters stand Friedrich II erst im 15. Lebensjahre und es war daher, trog der von der Landgräfin Elisabeth bis jezt bewiesenen Umsicht die Ernennung eines besonderen Vormundes nöthig , damit das ausgedehnte Ländergebiet in jener sturmvollen *) Gem. ernest. Archiv in Weimar.
Urkunden .
Landgraf Friedrich II, genannt der Ernsthafte (1824-1349). Zeit mit Kraft und Nachdruck regiert werde.
173
Der junge Friedrich
besaß mit Ausnahme der an Brandenburg gefallenen Laufiz alle die Landschaften, welche sein Urgroßvater Heinrich der Erlauchte in seiner Hand vereinigt gehabt hatte, nämlich : Thüringen, Meißen, das Osterund Pleißnerland . Als Vormund wurde der Graf Heinrich von Schwarzburg ausersehen , welcher aber bei der Durchführung einer ernsten Aufgabe das Leben einbüßte.
Wie vorhin gemeldet wurde,
war das Regentenhaus in der Mark Brandenburg ausgestorben und das Land als Reichslehen somit anderweit zu . vergeben .
Der Kaiser
Ludwig ernannte 1323 seinen eigenen Sohn Ludwig zum Nachfolger und erweckte damit nicht allein die Eifersucht des Königs von Böhmen, sondern gab auch dem bisher schon bewiesenen Ingrimme des Papstes neue Nahrung, der die Besißnahme der Mark durch einen Sohn des ihm verhaßten Kaisers Ludwig zu hindern suchte. Die Behauptung der Markgrafschaft konnte nur mit Waffengewalt geschehen. Heinrich von Schwarzburg sammelte deshalb als Vormund des jungen Landgrafen in Thüringen , Meißen und im Osterlande einen Heerhaufen, um dem Schwiegervater seines Mündels beizustehen. Bei der BeLagerung einer Feste, deren Name aber in den Chroniken nicht ange= geben ist, fand Heinrich durch einen feindlichen Pfeil seinen Tod 1324. An seine Stelle erwählte die Landgräfin Eliſabeth den weisen Heinrich Reuß von Plauen zum Vormunde und Regenten , von welchem sich erwarten ließ , daß er Ruhe und Ordnung in den seiner Aufsicht unterstellten Ländern aufrecht erhalten werde ; denn immer noch war es in diesem Bezuge traurig bestellt. Als Beweis dafür , wie das rohe Fauftrecht zu jener Zeit noch in voller Blüthe stand , mag fol= gender Umstand gelten : die Herren von Treffurt , deren kleines Ge= biet an Hessen, Thüringen und das Eichsfeld grenzte, fielen bald in diesem, bald in jenem der angrenzenden Länder ein und raubten und plünderten.
Ihr jezt eine stattliche Ruine bildendes , aber seiner
Zeit sehr festes Bergschloß , der Normannstein , lag an der Werra zwischen Creuzburg und Wanfried . Unmittelbar am Fuße des Burgberges entspringt eine klare und sehr starke Quelle , welche gegenwärtig wenige Schritte von ihrem Ursprunge eine Mühle treibt ; durch die Werra gingen drei Furten und somit war der Plaz wie von der Natur selbst zur Anlage einer Stadt bestimmt . Man nannte dieselbe nach den drei Furten Dryfurt , jest Treffurt. Die Besizer von Burg und Stadt trieben das Raubritterhandwerk im vollen Umfange und streiften während der Minderjährigkeit Friedrichs sogar bis in die Nähe von Gotha , wo sich eben die Landgräfin Elisabeth
1
174
V.
Thüringen unter den Markgrafen von Meißen.
mit ihrem Sohne befand. Eilig sammelte ein Ritter , Friedrich von Wangenheim , aus Gotha und einigen umliegenden Ortschaften eine Schaar Bewaffneter, überfiel das Raubgefindel und nahm die meisten davon gefangen. Die zwei Herren von Treffurt führte er auf sein festes Schloß Wangenheim , die Uebrigen lieferte er nach Gotha ab, darunter drei Brüder einer damals bekannten Ritterfamilie von Künemund.
Troß der Fürbitte der Mutter büßten alle drei , gleich
den meisten der Uebrigen ihren Landfriedensbruch am Galgen.
Um
ihre Freiheit wieder zu erlangen, mußten sich die beiden Herren von Treffurt zur Abtretung der Dörfer Großbehringen, Oster- und Wolfsbehringen verstehen, welche an Friedrich von Wangenheim übergingen. Aber diese bittere Erfahrung hatte die Raubritter noch nicht gewißigt, sondern sie trieben ihr Handwerk weiter. Deshalb rückten im Jahre 1329 Truppen des Erzbischofs von Mainz mit Thüringern und Heffent vor Treffurt, nahmen Stadt und Burg weg und zerstörten die leştere. Die Stadt bekam von der Zeit an drei Herren , wovon noch heute die am Rathhause angebrachten Wappen zeugen. 1329 wurde der junge Landgraf vom Kaiſer mündig gesprochen. Erst 19 Jahre alt übernahm nun Friedrich Il die Regierung selbst. Die Geschichte nennt ihn den Ernsthaften ; er hätte wohl einen anderen , ſein ganzes Wesen noch schärfer bezeichnenden Beinamen verdient , denn sein Charakter war sehr zur Härte geneigt und diese zeigte Friedrich nicht nur gegen seine Untergebenen , sondern auch gegen diejenigen , denen der junge Fürst zu großem Danke ver= pflichtet war. Es war ja allerdings noch eine sehr rohe Zeit ; hatte doch auch sein Vater , Friedrich der Freidige einen Ritter Namens Knut, der ihm unehrerbietig begegnet war , auf der Wartburg einkerkern und verhungern lassen ; aber anders als um den Zeitgeist steht es doch mit den Regungen des Herzens zur Erfüllung der allernächsten, in der Natur fest begründeten Pflicht der Dankbarkeit ; und diese schien dem jungen Landgrafen ganz fremd zu sein , was Gegen seinen Vormund , den Voigt das Folgende zeigen wird . Reuß von Plauen, benahm sich Friedrich sehr unedel, denn er weigerte sich nicht nur , die für die Führung der Regierungsgeschäfte und Leitung der Finanzangelegenheiten ausbedungene Geldsumme zu zahlen, sondern er wollte sich nicht einmal dazu verstehen , die von Es wäre dem Vormunde bewirkten Baarauslagen zu restituiren. zwischen beiden wohl gar zu einer Fehde gekommen , wenn nicht der Kaiser 1331 den Streit geschlichtet hätte. Friedrich mußte sich zur Zahlung einer bestimmten Geldsumme verpflichten und
einstweilen
Landgraf Friedrich II, genannt der Ernsthafte (1324-1349).
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Ziegenrück, Triptis und Auma zum Unterpfande einräumen.
Zwei
Jahre nach seiner Mündigsprechung feierte Friedrich seine Vermählung mit Mechtilde, der Tochter Kaiser Ludwigs, in Nürnberg, wo gerade Reichstag war. Der Landgraf war ernstlich darauf bedacht, den Landfrieden in feinem ausgedehnten Gebiete zu erhalten .
Gleiches Bedürfniß nach
Frieden und Ruhe empfanden auch die Fürsten der angrenzenden Länder und Friedrich lud deshalb seinen Schwager , den Landgrafen Heinrich von Hessen, den Herzog Heinrich von Sachsen , den Grafen Berthold von Henneberg und die mächtigsten Grafen in Thüringen, nämlich die von
Schwarzburg , Beichlingen , Hohnstein , Stolberg,
Refernburg, Gleichen und Brandenberg zu einer Berathung, wie der Zweck wohl am sichersten erreicht werden könnte , nach dem Kloſter Reinhardsbrunn.
Es sollen mit Einschluß des Gefolges 800 Per-
sonen zugegen gewesen sein, welche das Kloster vier Tage lang bewirthen mußte, ohne vom Landgrafen irgend welche Entschädigung zu erhalten. Die Mönche ergingen sich natürlich in lauten Klagen, daß Friedrich ſich dem Kloster gegenüber ganz entgegengesezt verhalte, wie die früheren Landgrafen. Im Jahre 1332 gerieth Friedrich mit seiner eigenen Mutter in Conflict. Sein Vater hatte derselben als Leibgedinge die Städte Gotha, Weißensee und Jena überwiesen. Nun behauptete der junge Landgraf , daß ihm die beiden erstgenannten Städte
als
wichtige
Stützpunkte für den Fall eines Krieges unentbehrlich feien und bot seiner Mutter einen Tausch an , aber jedenfalls in einer Weise , die ein gewaltsames Durchseßen seiner Absicht erwarten ließ. Elisabeth war durchaus nicht geneigt , auf den Vorschlag einzugehen , sondern bat den Grafen Berthold von Henneberg und die Städte Erfurt und Mühlhausen um Schuß in ihren Rechten . Dieselben nahmen sich der Bittenden an und drohten dem Landgrafen mit Krieg, wenn er seine Mutter nicht ruhig in ihrem Witthum belaffe. Auf die kunde hiervon eilte der Kaiser 1333 auf die Wartburg und vermittelte einen Vertrag , nach welchem Elisabeth die Stadt Weißenfee an ihren Sohn abtrat und dafür \Tenneberg erhielt.
Als der Kaiser
um dieses Vermittelungsgeschäftes willen nach Eisenach kam , gingen ihm die Bewohner der Stadt , die Domherren , die Geistlichen und die Barfüßermönche mit Kreuz und Fahnen unter Glockengeläute ent gegen; nur die Predigermönche weigerten sich, dem Zuge beizu= wohnen, weil der Kaiser vom Papste Johann XXII in den Bann gethan worden
war.
Darüber entrüstet
ließ der
Landgraf die
176
V. Thüringen unter den Markgrafen von Meißen.
Mönche in ihrem Kloster einschließen und ihnen alle Zufuhr Speise und Trank abschneiden, worauf sie sich gefügig zeigten.
an
Der Landgraf mischte sich jezt in eine Angelegenheit , die nicht in den Bereich seiner Regierungsthätigkeit gehörte, und welche einigen seiner Ortschaften böses Unheil brachte.
Mit Erfurt waren nämlich
wegen der Wahl eines neuen Erzbischofs von Mainz Irrungen entstanden, indem die Erfurter dem vom Mainzer Domcapitel erwählten Erzbischof Balduin
von
Trier die
Anerkennung versagten.
Der
Landgraf hielt , gleich seinem Schwiegervater, zu Balduin und das veranlaßte die Erfurter, gegen den Landgrafen feindselig vorzugehen, indem sie einige von seinen Leuten gefangen nahmen. Wegen dieses Landfriedensbruches sowie zur Anbahnung eines Ausgleiches zwischen ihnen und dem Erzbischof Balduin wurden sie vor das Landgericht zu Mittelhausen geladen. großen Anzahl
Sie erschienen zwar , aber mit einer so
Bewaffneter , daß der Landgraf die
Gerichtsstätte
schleunigst verließ. Für dieses herausfordernde Benehmen sollten sie diesmal ordentlich gezüchtigt werden. Friedrich zog Mannschaft aus dem Meißner- und Osterlande heran ; bevor er jedoch zum Angriff genug gerüstet war , streifte die Mannschaft der Erfurter in dem landgräflichen Gebiete ( 1336) , verheerte die Dörfer um Gotha, plünderte Thomasbrück aus , zerstörte Buttelstedt und eroberte auch Schloß und Stadt Kranichfeld , das dem Grafen von Schwarzburg gehörte , einem Verbündeten des Landgrafen.
Die Stadt ging in
Flammen
fanden
Tod .
auf und
60 schuldlose
Menschen
Jezt wurde Erfurt eng eingeschloffen ;
in Brand gesteckt
und
die
Erfurter hätten
dabei
ihren
die Vorstädte wurden ihren Vorwih wohl
hart büßen müssen , wenn nicht die Landgräfin den Frieden vermittelt hätte. 1339 zog Friedrich der Ernsthafte dem Könige Eduard III von England in seinem Kriege gegen Philipp VI von Frankreich mit einer auserlesenen Schaar zu Hülfe . Bei Cambray in den Niederlanden war der Sammelplag der Truppen und hier sollte der Landgraf mit einer Anzahl junger Edelleute seines Gefolges den Ritter= schlag bekommen. Es wurde ihm freigestellt , von wem er diese Ceremonie vollziehen lassen wolle und Friedrich gab auf die Frage des Königs von England zur Antwort : „Ich will von dem zum Ritter geschlagen sein , der noch nie vor einem Feinde geflohen ist, nämlich von Friedrich v. Wangenheim !" Das war eine Ehre für den ergrauten tapfern Ritter , welche derselbe wohl verdient hatte. Es kam in diesem Feldzuge zu keiner Schlacht und deshalb zog der
Landgraf Friedrich II, genannt der Ernsthafte (1324-1349).
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Landgraf, von dem Könige von England reich beschenkt , mit den Seinen wieder der Heimath zu. Wenige Jahre darauf brach in Thüringen selbst ein sehr hartnäckiger Kampf aus , der unter dem Namen des Grafenkrieges bekannt ist. Es wurde schon verschiedenemal darauf hingewiesen, wie die reichbegüterten und mächtigen Grafen Thüringens sich nur ungern unter die Regierung der Landgrafen beugten und möglichst volle Selbständigkeit zu erringen suchten . Am widerstrebendsten hatten sich von jeher die Grafen von Orlamünda - Weimar gezeigt, denen sich jezt noch die Grafen von Schwarzburg anschlossen.
Das
zuerst genannte Grafenhaus beſtand aus zwei Hauptlinien , indem die beiden Söhne des im Jahre 1247 verstorbenen Grafen Hermann II das Geschlecht der orlamündischen Grafen anhaltischen Stammes fortgepflanzt hatten. Hermann III, zu Orlamünda reſidirend, wurde der Ahnherr der osterländischen, Otto II zu Weimar der Stifter der weimarischen oder thüringischen Linie.
Diese lettere zeigte sich in
dem Bestreben, ihren Territorialbesig und damit ihre äußere Machtstellung immer mehr zu vergrößern, ganz besonders rührig und fand in diesem Bezuge treue Genoffen an den Grafen von Schwarzburg . Beide
Grafenhäuser suchten in jener Zeit , und zwar vielfach in
Gemeinschaft ihr Besigthum zu vergrößern und dasselbe möglichst zu Zur Erreichung einem zusammenhängenden Ganzen abzurunden. dieses Zweckes kauften und tauschten sie Schlösser und ganze Herrschaften ein und suchten auch die Lehensherrlichkeit über die Beſigungen kleinerer Herren an sich zu bringen. Unter den Lehensmannen der Orlamünder werden z. B. urkundlich genannt : ihre Marschälle : die v. Tiefurt ; ihre Kämmerer : die v. Meldingen; ihre Truchsesse : die v. Tromliz ; ferner die Herren von Eichelberg, Ifferstedt, Vargula, Kotendorf, Cromsdorf, Denſtedt, Urbach, Hetschburg , Angelrode ,
Beulwig ,
Blankenhain , Buch ,
Buttelstedt , Crakau , Dondorf ,
Bünau ,
Burkersroda,
Drachstedt , Eichelborn, Ehringsdorf,
Harras , Holbach , Kahla , Kobenstedt , Kochberg , Köniz , Legefeld, Linderbach , Magdala , Oberweimar ,
Synderstedt , Stein , Vippach,
Weimar, Wirchhausen, Wizleben, Wormstedt und Andere. *) .
Woher
diesen beiden Grafengeschlechtern zur Ausführung ihrer großen Pläne die Mittel erwuchsen , ist freilich nicht recht klar.
Allerdings war
das Haus Orlamünda- Weimar durch die Meransche Erbschaft an=
*) Geh. Haupt- und Staatsarchiv in Weimar. kommen die meiſten derselben vor. Kronfeld , Landeskunde. H
In den dortigen Urkunden 12
178
V.
Thüringen unter den Markgrafen von Meißen.
sehnlich bereichert worden.
Graf Otto II hatte nämlich eine Tochter
Herzog Ottos I von Meran zur Gemahlin.
Der Bruder derselben
starb 1248 kinderlos und da mit ihm der Mannesſtamm dieſes Geschlechtes erlosch, so fiel ein Theil der Besizungen an seine Schwester, die Gräfin Beatrix zu Weimar. Der jüngste Sohn derselben, Otto IV führte den Beinamen der Reiche , residirte gewöhnlich zu Rudolstadt, das ihm zugehörte, und erbte bei dem Tode seines ohne männliche Erben 1302 aus der Welt gegangenen Schwiegervaters Graf Günther VIII von Refernburg einen ansehnlichen Theil von dessen hinterlassenen Besißungen. So waren die Orlamünder mit den Schwarzburgern vielfach verschwägert und verwandt und unterstüßten sich gegenseitig in dem Streben nach erhöhterer Machtstellung. Zwei Jahre vor dem ausbrechenden
Grafenkriege hatten
die
Schwarzburger , denen wahrscheinlich ihre Stellung als Heerführer in auswärtigen Kriegsdiensten zu den nöthigen Geldmitteln verholfen hatte, von den Grafen von Beichlingen die Stadt Frankenhausen mit dem zugehörigen Gebiete erworben , und etliche Jahre nach dem Kriege brachten sie von den Grafen von Hohnstein auch noch die Herrschaft Sondershausen an sich. Nur wenige ihrer Besizungen rührten von dem Landgrafen zu Lehen und eben deshalb waren sie ziemlich selbständig und versuchten immer mehr , sich der Oberherrschaft des Landgrafen zu entziehen.
Ihr Plan schien jezt
darauf abgesehen zu sein , in Gemeinschaft mit den Weimarischen Grafen nach und nach das ganze Saathal an sich zu bringen. In diesem Streben wurden fie nun plöglich durch Friedrich den Ernsthaften gestört. Graf Heinrich IV oder der Aeltere aus der Linie Orlamünda vergab schon bei Lebzeiten Schloß und Herrschaft Schauenforst an seinen ältesten Sohn, Graf Heinrich V oder den Jüngeren zur vollständigen Erbabfindung und verhandelte dann den Stammſig der Familie , Orlamünda mit der zugehörigen Grafschaft 1342 an den Landgrafen , zu welchem Schritte ihn
wahrscheinlich zerrüttete
Finanzverhältnisse veranlaßt haben. Dem Landgrafen wird Orlamünda mit Weißenburg nebst dem zugehörigen Gebiete zu eigen überlassen ;
dafür verpflichtet sich derselbe , dem Orlamünder
auf
Lebenszeit alljährlich 200 Mark Silber auszuzahlen, und falls derfelbe früher sterben sollte als seine Gemahlin , dieser auf die übrige Zeit ihres Lebens jährlich 100 Mark Silber zu verabfolgen. Ferner soll der Landgraf den beiden entweder in Leipzig oder in Erfurt ein passendes Wohnhaus schaffen , jährlich 20 Malter Korn liefern 2c. Weil nun der jüngere Sohn des Grafen , Friedrich , durch diesen
Landgraf Friedrich II, genannt der Ernsthafte ( 1324—1349).
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Vertrag um sein Erbtheil kam , so war auch ausbedungen worden, daß der Landgraf diesem die Burg Droyßig mit den zuhörenden Dörfern zu überlassen hatte. Dieses Verkaufsgeschäft ist wohl 1342 abgeschlossen ,
aber die
Vertragsurkunde erst später ausgefertigt worden ; denn schon in dem genannten Jahre legt sich der Landgraf in einer Urkunde neben seinen anderen Titeln auch den eines Grafen von Orlamünda bei *). Nun standen aber die Grafen von Orlamünda - Weimar mit ihrem Better Heinrich IV in der Mitbelehnschaft, hielten sich also für übervortheilt , und so gab dieses Verkaufsgeschäft die eigentliche Veranlaſſung zum Grafenkriege
und nicht jene bekannte geringschäßige
Behandlung des Landgrafen bei seinem Zuge durch Erfurt , von welcher zuerst Johannes Rothe in seiner Chronik Kunde giebt. Der Landgraf, so erzählt Rothe , kam von Eisenach , um nach Meißen zu gehen.
Als er mit seinem Gefolge Erfurt passirte , hielt gerade der
Graf Hermann von Weimar mit seinem Bruder Friedrich, den Grafen von Schwarzburg und vielen Edlen ein festliches Gelag mit Tanz auf dem Rathhause ab.
Nach damaliger Sitte gingen dem land-
gräflichen Zuge Zinkenbläser und Pfeifer voraus und dadurch wurde die Tanzgesellschaft an das Fenster gelockt.
In seinem Uebermuthe
rief Graf Hermann spottend dem Landgrafen die Worte zu : „Friz woher ? Frig wohin ?" Der Landgraf soll hierauf erwidert haben : " So mir Gott nur noch eine Weile das Leben läßt , so will ich es wohl bald dahin bringen ,
daß du
mich deinen Herrn
nennſt !"
Wenn diese Erzählung ein wirkliches Factum mittheilt , so beweist dieselbe eben nur , daß Graf Hermann absichtlich sich sehr geringschäßig gegen den Landgrafen benahm und denselben unter verstecktem Fugrimm in Gegenwart seiner Tisch- und Tanzgenossen lächerlich zu machen suchte. Diese Unehrerbietigkeit hatte sicherlich einen ganz anderen Sinn als den eines bloßen unpassenden Scherzes , worauf auch die Worte deuten , welche der Chronist dem Verbündeten Hermanns , dem Grafen Günther von Schwarzburg in den Mund legt : er kehre sich an den Landgrafen und die Seinigen nicht.
Dieser
Günther war der jüngste von den drei Söhnen jenes Grafen Heinrich, welcher
als Vormund Friedrichs des Ernsthaften eine Zeit lang
Thüringen verwaltet hatte.
Er galt als ein tapferer , umsichtiger
Kriegsmann , der in Friedenszeiten den Umgang gelehrter Männer suchte und also auch den Wissenschaften hold war. Geh. Haupt- und Staatsarchiv in Weimar. 13. October.
Urkunden. 12 *
1342 , den
180
V.
Thüringen unter den Markgrafen von Meißen .
Mit großer Bereitwilligkeit traten die Erfurter in ein Bündniß mit dem Landgrafen gegen die Weimarer und Schwarzburger Grafen, weil diese mit ihren Schlössern dem erfurtischen Gebiete gar zu nahe rückten , wie der Chroniſt ausdrücklich bemerkt , und sie machten sich anheischig , die einzunehmenden Schlösser zu zerstören mit Ausnahme derjenigen, welche von der „Herrschaft zu Thüringen ", d . h. also vom Landgrafen zu Lehen rühren, doch sollen diese fortan in unmittelbarem Besize des Landgrafen bleiben und von deſſen Mannen besezt werden.
Aber die Gegner blieben auch nicht müßig , sondern traten
unter sich und mit den Grafen Dietrich und Heinrich von Hohnstein und dem Erzbischof Heinrich von Mainz in ein Schuß- und Trùßbündniß, an welchem auch Heinrich, Voigt von Plauen, die Gebrüder Heinrich von Gera , Heinrich der Jüngere Voigt von Plauen , Otto von Jechaburg , Hermann von Schönburg , Johann von Waldenburg und manche Andere theil nahmen .
Dagegen schloß sich Heinrich von
Schwarzburg , Günthers Vetter an den Landgrafen an und wurde von demselben zum Oberhauptmann in Thüringen bestellt. im Jahre 1342 begann die Fehde.
Schon
Die Grafen von Weimar und
Schwarzburg fielen in das landgräfliche und erfurtische Gebiet verwüstend ein , wogegen der Landgraf mit den Erfurtern eine Reihe blühender und großer Dörfer mit den dazu gehörenden Edelsigen zerstörte , darunter Kobstedt, Hardisleben , Breitenheerd , Alkersleben, Wigleben, Kirchheim und Westhausen. wurden die Burgen und Vippach ,
Heßeler ,
Im nächsten Frühjahr ( 1343 )
Dörfer Fedilnhusen (Vippachedelhauſen),
Willerstedt
und
Griesheim ,
sowie Burg
und
Städtchen Wiehe von den Landgräflichen zerstört, während ihrerseits die verbündeten Grafen Gleiches mit Gleichem vergalten.
Das Sengen, Brennen und Morden hatte gedauert bis gegen Pfingsten. Da gebot Kaiser Ludwig Frieden und beſchied beide Parteien nach Würzburg.
Der Streit wurde geschlichtet , Friedrich der Ernsthafte mit seinen Grafen und dem Erzbischof von Mainz wieder versöhnt und was noch strittig war, der Entscheidung eines
unparteiischen Schiedsgerichtes anheim gegeben , an deſſen Spiße der Landgraf von Heffen stand . Alles Geschehene sollte vergessen sein ; die während des Krieges auf erobertem Gebiete erbauten Burgen sollten wieder zerstört und die Gefangenen gegenseitig ohne Lösegeld freigegeben werden . Die Aussöhnung
zwischen Friedrich und den Schwarzburgern
schien aufrichtig zu sein , denn der Landgraf schloß bald nach der Würzburger Einigung mit den Grafen Heinrich und Günther von
Landgraf Friedrich II, genannt der Ernsthafte (1324—1349).
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Schwarzburg-Blankenburg und mit deren Vetter Heinrich von Schwarzburg einen Vertrag , kraft deffen derselbe versprach , sie gegen jeden Feind zu schüßen und zu vertheidigen , was jene auch wieder dem Landgrafen gegenüber zusagten.
Sollte sich zwischen ihm und dem
Erzbischof von Mainz wieder Feindschaft erheben , so wollten die Schwarzburger vollständig neutral bleiben. In diesem Vertrage wird der Weimarischen Grafen gar nicht gedacht.
Im März 1344 stellte
der Graf Heinrich IV von Orlamünda dem Landgrafen über den vor zwei Jahren bereits vollzogenen Verkauf von Schloß , Stadt und Grafschaft Orlamünda sammt dem Schlosse Weißenburg endlich eine Urkunde aus. *) Die kaiserliche Belehnung erfolgte schon 1344 . **) Der einzelnen Bestimmungen des Vertrages
wurde vorhin schon
gedacht. In eben diesem Jahre erwarben die orlamündischen Grafen zu Weimar, Hermann und Friedrich mit den ihnen immer noch befreun deten Grafen von Schwarzburg ein Territorium , auf welches der Landgraf auch bereits Absichten gehabt zu haben schien.
Es verkaufte
nämlich der Schenk Rudolf zu Tautenburg und Dornburg im Mai 1344 seinen Antheil an dem Schlosse und der Stadt Dornburg für 1000 Schock Zahlgroschen an die genannten Grafen , trug ihnen auch die Herrschaft Tautenburg zu Lehen auf , und im December desselben Jahres verkauften die anderen Mitbesizer, Gebrüder Heinrich und Dietrich, Schenken von Dornburg , ihren Antheil an dem Hause und der Stadt Dornburg sammt dem Holze Schönsberg und dem Dorfe Zimmern bei Dornburg an die vorgenannten 600 Schock Zahlgroschen.
Grafen um
Hatte schon dieses Kaufgeschäft den Landgrafen gegen die Weimarer Grafen erbittert , so trat bald ein neuer Umstand hinzu, welcher den früheren Zwiespalt wieder zu hellen Flammen aufblies. Friedrich der Ernsthafte hatte in Eisenach ein großes Turnier veranstaltet , um der Stadt , welche nach dem Berichte der Chroniken durch eine Feuersbrunst schwer gelitten hatte , wieder etwas aufzuhelfen.
Unter den Erschienenen
war
auch Graf Heinrich
von
Henneberg mit seiner Tochter Katharina. Der Landgraf warb um die Tochter für seinen ältesten Sohn Friedrich, fand auch williges Gehör bei dem Henneberger , nur konnten sich beide nicht einigen über die Mitgift der Braut ; denn der Landgraf verlangte, daß der=
*) Geh. Haupt- und Staatsarchiv in Weimar. Urkunden. **) Gem. ernestisches Archiv in Weimar. Urkunden.
182
Thüringen unter den Markgrafen von Meißen.
V.
selben die Pflege Coburg mit den Zugehörungen verschrieben werden sollte, wodurch allerdings die beiden anderen Töchter, von denen die Eine an den Grafen Eberhard von Würtemberg und die Andere an den Burggrafen Albrecht von Nürnberg vermählt war , in Nachtheil gekommen wären.
Dazu kaṁ aber noch ein anderer Umstand : die
Grafen von Orlamünda-Weimar hatten in Gemeinſchaft mit Heinrich dem Jüngeren , Grafen zu Orlamünda , der von seinem Vater mit der Herrschaft Schauenforſt abgefunden worden war, schon längst ihr Augenmerk auf die Pflege Coburg gerichtet, auf welche sie durch die Vorfahren ihrer Gemahlinnen Erbansprüche zu haben vermeinten ; die Hauptursache ihrer jezigen Einmischung war aber wohl darin zu suchen, daß sie dem Landgrafen eine Erweiterung seines Territorial= besizes nicht gönnten.
Genug , sie traten hindernd
ein und der
Landgraf gerieth ſogar mit Heinrich von Henneberg darüber in Fehde. Das gab nun das Signal zum Wiederausbruche des kaum gedämpften Grafenkrieges .
Kurz vor Fastnacht 1345 rückten landgräfliche und
erfurtische Truppen
unvermuthet
vor
das
Schloß Altenberg
bei
Kahla , dessen Beſizer , Burggraf Albrecht von Kirchberg , die Partei der Grafen von Orlamünda und seiner Schwäger, derer von Schwarzburg ergriffen hatte, eroberten dasselbe und führten die Besaßung der Burg, aus 13 Männern bestehend, gefangen nach Erfurt, wo dieselben hingerichtet wurden. Natürlich rief die unerhörte That der Hinrichtung von Kriegsleuten gleich gemeinen Verbrechern einen Schrei der Entrüstung hervor und veranlaßte zugleich auch ein neues Bündniß der Grafen und Herren gegen den Landgrafen. Monatelang wüthete nun
der
blutige Kampf in den
verschiedensten Theilen
Thüringens und kostete nicht bloß vielen tapfern Rittern und unschuldigen Unterthanen das Leben , sondern führte auch die Niederlegung mancher Burg , die Einäscherung einer Reihe blühender Ortschaften und die Verwüstung vieler Fluren herbei. In einem Treffen bei Arnstadt wurde der Landgraf verwundet , mußte sich nach Erfurt begeben und hier vier Wochen lang bis zur Heilung seiner Wunden ausharren. Dadurch war nur ein augenblicklicher Stillstand eins getreten; bald tobte der Krieg von neuem. Die Erfurter eroberten Tonndorf bei
Berka an der Ilm ,
die Landgräflichen
nahmen
Rudolstadt ein , was im vorhergehenden Jahre von den Grafen von Orlamünda an die Grafen von Schwarzburg gekommen war, zerstörten beide Schlösser und das Rathhaus daselbst , wendeten sich dann gegen die Burgen Heseler und Schauenforst , die sich ergeben mußten , und nahmen auch Schloß und Stadt Kahla ein,
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183
wobei das Schloß zerstört wurde.
So begünstigt vom Glück der Waffen zog der Landgraf gegen Dornburg , wohin Graf Günther von Schwarzburg zwanzig , dem Landgrafen abgefangene Reiter in Verwahrung gebracht hatte. Die Belagerung hatte schon fünf Wochen gedauert ; da kam es endlich im Lager vor Dornburg zu Unterhandlungen zwischen dem Landgrafen und dem Grafen von Schwarzburg und hierauf folgte der Friedensschluß am 26. Juli 1345. Die Schwarzburger leisteten Verzicht auf das vom Landgrafen eroberte ihr Schwager , Burggraf Albert von Kirchberg verzichtete auf Schloß Greifberg bei Jena ; Graf Heinrich der Jüngere von Orlamünda sollte binnen Jahresfrist nach geschehener Taxation für Kahla;
sein Schloß Schauenforst durch Güter jenseit der Saale entschädigt werden. Außerdem verpflichteten sich die Grafen von Schwarzburg , Burg und Stadt Dornburg von dem Landgrafen zu Lehen zu nehmen und den Erfurtern das von diesen genommene Tonndorf zu belaſſen. In einer Zusammenkunft verglich sich auch der Landgraf wieder mit Heinrich von Henneberg, ſo daß die Zeit der Vermählung des jungen Friedrich mit Heinrichs Tochter feſtgeſeht wurde. Nachdem nun die Orlamünda- Weimarische Linie aller ihrer Bundesgenossen beraubt war, konnte ihre Unterwerfung keinem Zweifel mehr unterliegen.
Sie wurden geschlagen, Friedrich gerieth bei einem
Treffen in Gefangenschaft und Hermann wurde durch Belagerung der Stadt Weimar gezwungen , sich zu ergeben. Beide wurden wie Landfriedensbrecher behandelt Weißenfels , Dienstag
und
mußten
in dem
Vertrage
zu
nach Palmarum 1346 die ganze Herrschaft
Wiehe, welche seit 1312 bei dem Hause gewesen war und nach welcher sich der Graf Hermann auch
Herr zu Wiehe " nannte, sowie
überhaupt alle die Ortschaften abtreten , welche der Landgraf erobert und besezt hatte.
Es werden in der Vertragsurkunde 49 Ortschaften
genannt, unter denen gegenwärtig noch folgende zum Weimariſchen Lande gehören : Eberstedt ,
Vogelsberg , Olbersleben , Teutleben , Hardisleben,
Mattstedt , Neustedt ,
Gebstedt , Wickerſtedt ,
Bottelstedt,
Nermsdorf, Rastenberg , Rudersdorf, Rohrbach , Gutmannshausen, Einen Theil des Dorfes Schwabsdorf, Vippach und Willerstedt. Bogelsberg bekamen die Erfurter wegen der treuen Dienste und ansehnlichen Hülfe , welche sie dem Landgrafen geleistet hatten ; außerdem trat ihnen derselbe auch noch das Dorf Zimmern ab (infra, d. h. im Thale, zum Unterschiede von Zimmern supra). Das BurgWas den lehen von Willerstedt erhielt Kristan von Wizleben. Grafen an Befizungen noch verblieb, wie z. B. die Herrschaft Weimar,
184
V.
Thüringen unter den Markgrafen von Meißen.
das erhielten sie nun als Lehen von dem Landgrafen unter der ausdrücklichen Bedingung , daß ihre sämmtliche noch übrige Besizung Daher mußten nach ihrem Tode dem Landgrafen zufallen sollte. auch jezt gleich alle ihre Mannen , Voigte, Bürger und Bauern dem Landgrafen huldigen. Ferner mußten sie noch versprechen , die verbliebenen Festen und Burgen dem Landgrafen allezeit offen zu halten und ihm überhaupt gegen Jedermann beizustehen.
Auf diese Weise
ging ihr selbständiges Kriegsrecht verloren und sie waren somit auf das Niveau gewöhnlicher Vasallen heruntergedrückt.
Im Jahre 1350
wird der Landgraf durch Kaiser Karl IV mit den Lehengütern be= lehnt, welche die Grafen von Orlamünde bisher von ihm und dem Reiche zu Lehen gehabt hatten. Grafenkrieges ,
Das war also der Ausgang jenes
den die als sehr stolz geschilderten orlamündischen
Grafen von Weimar heraufbeschworen hatten und durch den sie vermeinten, sich der Obergewalt des Landgrafen gänzlich entziehen zu können. Weimar ist 1373 nach dem Tode des Grafen Hermann *) in den unmittelbaren Besitz der Landgrafen von Thüringen übergegangen. Eine Nebenlinie der Grafen von Orlamünda , die gewöhnlich die voigtländische oder löwensteinische genannt wird , starb 1477 mit Friedrich V aus und damit war der ganze Stamm erLoschen. Die Vermählung Friedrichs des Strengen, Sohn Friedrichs des Ernsthaften , wurde 1346 vollzogen ; allein der Graf von Henneberg suchte nach allerlei Ausflüchten , um von der Abtretung des ausbedungenen Heirathsgutes loszukommen und ließ in der Besorgniß, der Landgraf könne sich mit Gewalt der Pflege Coburg bemächtigen, alle Zugänge dahin besezen. Das erzürnte den Landgrafen der maßen , daß auf seine Veranlassung die junge Gattin unter bitteren Vorwürfen über ihren treulosen Vater dem elterlichen Hause wieder zurückgeschickt wurde.
Diesen Schimpf zu rächen , begann der Graf
von Henneberg eine Fehde gegen den Landgrafen und suchte sich unvermuthet der Stadt Creuzburg zu bemächtigen ; aber ohne Erfolg. Nun ließ er von seiner Burg Scharfenberg aus, welche bei Thal in der Nähe von Ruhla lag , die thüringischen Walddörfer verwüſten und rückte auch mit einem Heerhaufen herbei , als der Landgraf die Burg belagerte.
Es kam in der Nähe von Scharfenberg zu einem
*) Graf Friedrich von Orlamünda ist 1365 gestorben. Geh. Haupt- und Staatsarchiv in Weimar. Vergl. Urkunden 1365, den 23. Juni, und 1365, den 10. November.
Landgraf Friedrich II, genannt der Ernsthafte (1324—1349).
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ernsten Gefechte, bei welchem der Landgraf nur durch die Treue und Tapferkeit eines Eisenacher Bürgers Hans von Frimar vom Tode gerettet wurde.
Der Graf von Henneberg war aber dem Landgrafen
nicht gewachsen und daher wurde zu Weihnachten 1346 endlich eine Aussöhnung bewerkstelligt. Katharina kehrte zu ihrem Gemahle zurück und ihr Vater verschrieb dem Landgrafen alle seine Schlösser und Städte zur Mitgift , doch unter der Bedingung , daß er und seine Gemahlin im Lebenslänglichen Besige derselben verblieben.
Der Ver-
trag wird 1350 von Kaiser Karl_IV_beſtätigt. *) Im Jahre 1346 hat Friedrich der Ernsthafte durch das harte Vorgehen gegen die Stadt Salza (Langensalza) auf seinen Namen einen schlimmen Makel gewälzt und durch die That bewiesen , wie wahr das Wort redet : der Mensch thut in seinem Zorne nicht, was vor Gott recht ist. Die genannte Stadt hatte damals drei Brüder zu Herren, welche sich in das väterliche Erbe theilten. Zwei darunter verkauften ihren Antheil an der Stadt an den Erzbischof von Mainz; der älteste Bruder dagegen seinen Theil an den Landgrafen Friedrich. Als nun dieser zur Uebernahme des erkauften Antheils seinen Voigt nach Langensalza entsandte , wurde derselbe von den beiden Brüdern und dem erzbischöflichen Voigte in höhnender Weise zurückgewieſen unter dem Vorgeben , der Erzbischof werde gerade so viel geben als der Landgraf und man würde nicht dulden , daß das Erbe an zwei Herren käme. Aufgebracht darüber zog der Landgraf mit seinen Kriegsmannen vor die Stadt , um sie durch Gewalt zu erringen, wurde aber durch die mainziſche Besazung von den hohen Stadtmauern herab in so schamloser Weise verhöhnt, daß er befahl, Feuer in die Stadt zu werfen und damit die Uebergabe zu erzwingen. Die Belagerer zauderten, einen für die unschuldigen Einwohner so harten Befehl zur Ausführung zu bringen ; da schoß der Landgraf in seiner Erbitterung den ersten Feuerpfeil ab und dies Beispiel ermunterte natürlich auch seine Leute zur Nachahmung. Bald stand Langensalza an mehr als zwanzig Punkten in hellen Flammen , welche den Ort um so rascher in einen Schutthaufen verwandelten , als Giebel und Dächer der Häuser nach damaligem Brauche größtentheils aus Holzwerk hergerichtet waren. Die geängstigte Bürgerschaft stürzte nach den Thoren , um wenigstens das Leben zu retten ; doch die mainzer Besaßung , den Zorn des Landgrafen fürchtend , hielt die Thore geschlossen und so fanden mehr als 1000 Menschen theils durch Flammen
*) Gem. ernest. Archiv in Weimar.
Urkunden.
186
V.
Thüringen unter den Markgrafen von Meißen .
und Rauch , theils auch in den Brunnen , wohin sich viele geflüchtet hatten , einen gräßlichen Tod . Der Ort war nicht mehr zu halten; deshalb zog sich die Beſaßung nach der festen, zur Stadt gehörenden Driburg zurück und vertheidigte sich so lange, bis endlich durch Vertrag , kraft deſſen der Erzbischof dem Landgrafen die Hälfte von Stadt und Burg überließ, die Angelegenheit geschlichtet wurde. 1347 starb der Kaiser Ludwig, Friedrichs Schwiegervater, indem er bei einer Bärenjagd vom Schlage getroffen plöglich todt vom Pferde sank. Seit 1346 war der Markgraf Karl von Mähren Gegenkaiser; aber die Wahl deffelben hatte nicht den Beifall aller Reichsfürſten gefunden ; vielmehr versuchte man jezt abermals einen Gegenkaiſer aufzustellen und es kam auch Landgraf Friedrich mit in Vorſchlag. Derselbe war indessen klug genug , die sehr zweifelhafte Würde abzulehnen. Ob es seine Richtigkeit damit hat , daß ihm Karl als Entschädigung dafür 10000 Mart Silber gezahlt habe , muß dahin gestellt bleiben . Weil nun Friedrich auf den Plan von Karls Gegnern nicht eingegangen war, so wurde in der Person des Grafen Günther von Schwarzburg , desselben , den wir während des Grafenkrieges zu Anfange als einen Gegner des Landgrafen fanden , ein neuer Gegenkaiser aufgestellt. Günther nahm die am 1. Januar 1349 erfolgte Wahl an und würde als tapferer, einsichtsvoller und redlicher Mann gewiß zum Segen des Reiches regiert haben , wenn ihn nicht schon im Juni desselben Jahres zu Frankfurt a. M. der Tod hingerafft hätte.
Man vermuthete wohl nicht mit Unrecht , daß ihm bei einer
Unpäßlichkeit
anstatt Arzenei
Gift
beigebracht worden sei.
Sein
Gegner Karl war bereits in Mainz und die Waffen sollten entscheiden, wer von Beiden die Kaiserkrone tragen sollte.
Günther mußte noch
erleben, daß seine bisherigen Freunde, sogar seine Vettern, die Grafen von Schwarzburg sich von ihm abwandten.
Durch Vermittelung der
Herzöge von Bayern kam zwischen den beiden Kaisern ein Vertrag zu Stande , nach welchem Günther auf die Kaiserwürde verzichtete und Karl IV sich dagegen verpflichtete , den von Günther als Kaiser bereits gemachten Aufwand von 20000 Mark Silber ,
sowie
die
Zehrungskosten in Frankfurt mit 1200 Mark Silber auszugleichen. Am 14. Juni 1349 erfolgte Günthers Tod . Seine Ruhestätte fand er in der Sct. Bartholomäus - Stiftskirche zu Frankfurt. Kaiser Karl folgte nebst allen anwesenden Fürsten und Herren dem Sarge , der von 20 Reichsgrafen getragen wurde.
Man hat in späterer Zeit
oft Zweifel darüber erhoben , ob Günther als wirklicher deutscher Kaiser in der Reihenfolge derselben mit aufgeführt werden dürfe,
Landgraf Friedrich II, genannt der Ernsthafte (1324-1349).
indem die Krönung an ihm noch nicht vollzogen war.
187
Dem ist ent-
gegen zu halten , daß die von ihm in seiner Eigenschaft als Reichsoberhaupt ausgestellten Urkunden über verliehene Privilegien nach seinem Tode vollständig respectirt worden find , und damit ist die Sache außer allen Zweifel gestellt . Am 2. Februar 1349 war der Landgraf Friedrich der Ernsthafte auf der Wartburg im 39. Lebensjahre gestorben. Seine Ruheſtätte fand er im Kloster Altenzelle in der von ihm zu Ehren des heiligen Andreas daselbst erbauten Capelle neben seiner im vorhergehenden Jahre verstorbenen Gemahlin Mechtilde. Von seinen neun Kindern überlebten ihn vier Söhne : Friedrich ( geb. 1332), Bal= thasar ( geb. 1336) , Ludwig (geb. 1340 ) und Wilhelm (geb. 1341 ) , und zwei Töchter , von denen Elisabeth an den Burggrafen Friedrich von Nürnberg , und Beatrix an den Grafen Bernhard IV von Anhalt vermählt worden waren. Im lezten Jahre seiner Regierung
begannen eine Reihe der
erschütterndsten Ereignisse. Am 25. Januar 1348 war ein gewaltiges Erdbeben fast durch ganz Europa . Viele Städte und Dörfer wurden vernichtet und begruben ihre Einwohner unter Schutthaufen.
1349
brach in Italien die Pest aus , wohin sie durch genuefiſche Schiffe von Asien eingeschleppt worden war, drang nach Frankreich und auch nach Deutschland vor, und nachdem jene bösartige Seuche die blühendsten Städte Süddeutschlands entvölkert hatte, trat dieselbe auch nach Thuringen über und hauste in der schreckenerregendsten Weise. In Erfurt waren bald alle Friedhöfe mit Gräbern gefüllt und 12000 Leichen mußte man vor der Stadt in 11 großen Gruben unter die Erde bringen. Weimar verlor durch die Best 5000 Menschen. Das Sterben dauerte vier Jahre lang und in diesem Zeitraume war der vierte Theil der Einwohnerschaft Thüringens jener Krankheit erlegen. Wie zu allen Zeiten große Aufregungen oft die lächerlichsten Ideen erzeugen, so kam auch jezt die erregte Menge auf zwei ganz alberne Gedanken.
Der eine war der, daß die Seuche von den Juden durch
Vergiftung der Brunnen hervorgerufen worden sei , und kaum war die Ansicht aufgetaucht ,
als auch in Weißensee , Gotha , Eisenach,
Arnstadt , Thomasbrück, Frankenhausen , Mühlhausen ,
Erfurt und
Nordhausen, kurz in allen Städten, wo sie sich angesiedelt hatten, eine allgemeine Judenheze begann.
Man überfiel jene Unglücklichen in der
rohesten Weise und tödtete sie.
Nachdem in Erfurt bereits viele Juden
ihr Leben eingebüßt hatten, sollen sich die übrigen, 3000 an der Zahl, in den eigenen Häusern mit allen ihren Schäzen verbrannt haben ,
188
V.
Thüringen unter den Markgrafen von Meißen.
Die zweite lächerliche Idee bestand darin , daß man den lieben Gott ,
als deffen Strafgericht
die Pest
Kasteiungen wieder versöhnen wollte.
angesehen
wurde ,
durch
Es entstand 1349 die Secte
der Geißler oder Flagellanten. Einzelne Haufen von Hunderten und bald von Tausenden jener Schwärmer zogen von Stadt zu Stadt und stellten öffentlich ihre Bußübungen an, indem sie mit entblößtem Rücken und singend im Kreise umhergingen und sich selbst mit knotigen , stachlichten Geißeln schlugen oder von Andern schlagen ließen. Die Sache artete so sehr in Schwärmerei, fast in Wahnsinn aus und gab überdies Veranlassung zu allerlei Ausschweifungen, daß Bann und Acht gegen das Unweſen zu Hülfe genommen wurden und Tausende der Geißler den Flammentod erlitten .
Landgraf Friedrich III , genannt der Strenge, und seine Brüder (1349-1381 ). Zum Glück für die Söhne Friedrichs des Ernsthaften griff jezt deren Großmutter , die weise Landgräfin Elisabeth , Friedrichs des Freidigen Gemahlin in die Regierung mit ein , zugleich in der AbFreilich sicht, einer etwaigen Theilung des Landes vorzubeugen. zählte der älteste ihrer Enkel erst 17 Jahre, war also kaum in dem Alter , um selbständig die Regierung führen zu können , und ſein Allein jüngster Bruder Wilhelm war sogar erst 6 Jahre alt. Friedrich überkam die Regierung dennoch und führte sie zugleich auch für seine Brüder , welche sich daran gewöhnen sollten , ihn als Familienoberhaupt zu betrachten und sich auch später nur in Gemeinschaft mit ihm an den Regierungsgeschäften zu betheiligen. Der dritte Bruder Ludwig kam bei diesen Abmachungen nicht mit in Betracht , weil derselbe für den geistlichen Stand bestimmt war und also auch später weder mit der Regierung des Landes etwas zu thun hatte, noch auch bei etwaiger Theilung irgend welchen Anspruch erheben durfte. 1358 erhielt derselbe das Bisthum Halberstadt ; 1366 wurde er als Bischof nach Bamberg berufen und hatte 1374 Hoffnung, das Erzstift Mainz zu bekommen, denn sowohl der Papst als auch der Kaiser erkannten ihn schon als Erzbischof von Mainz an ; die Sache zerschlug sich aber wieder, indem das Domcapitel den Ludwig hat sich trotzdem den Grafen Adolf von Nassau wählte. Titel eines Erzbischofs von Mainz beigelegt und wurde auch von
77
189
Landgraf Friedrich III, genannt der Strenge 2c.
seinen Brüdern so genannt. *) 1381 wurde er Erzbischof von Magdeburg und fand als solcher 1382 seinen Tod bei einem von ihm in Calbe gegebenen Fastnachtsballe.
Auf das Geschrei , es sei Feuer
im Hause entstanden ,
eilt Alles aus dem Saale nach der Treppe ;
Ludwig verfehlt den Hals.
Treppengeländer ,
das
stürzt
hinab
und
bricht
Das Verhältniß der drei fürstlichen Brüder zu einander giebt uns ein Bild so schöner Eintracht, wie es wohl selten aufgefunden werden mag .
Im Jahre 1356 verbanden sich dieselben in Gotha
aufs Neue durch einen förmlichen Vertrag, alle ihre Länder , die sie schon besäßen , zusammt denjenigen, welche sie etwa noch erwerben würden , in gemeinschaftlichem Besize zu behalten und so lange fie lebten niemals eine Theilung vorzunehmen .
Dieses feierliche Gelöb-
niß haben sie treulich gehalten , und was noch mehr ist , sie haben an 30 Jahre gemeinschaftlich die Wartburg bewohnt. Es wurde ihnen auch dann noch schwer sich von einander zu trennen , als sie fich verheirathet hatten und die Wartburg den entstehenden Familien nicht genug Räume mehr zu bieten vermochte.
1366 vermählte sich
der Landgraf Wilhelm , oft der Einäugige genannt , weil er durch einen Unglücksfall um ein Auge gefommen war , mit Elisabeth , der Tochter des Markgrafen von Mähren , eines Bruders des Kaisers Karl IV.
1374 folgte dann seinem Beispiele Balthasar.
Seine Ge=
mahlin war Margarethe , eine Tochter des Burggrafen Albrecht zu Nürnberg, aus welcher Verbindung ihm Heldburg , Hildburghausen, Eisfeld und Ummerstadt mit ihren Zugehörungen als Heirathsgut zufielen. Ein Jahr nach dem Tode Friedrichs des Ernsthaften bestätigte der Kaiser Karl IV die
drei Brüder in dem Besige aller ihrer
Länder, der Landgrafschaft Thüringen, der Mark Meißen, des Osterund Pleißnerlandes ,
der
Grafschaften
Orlamünde,
Rochlig und
Groitsch, und ernannte den ältesten derselben, Friedrich den Strengen zum Reichs-Oberjägermeister. Dieses neue Amt verwaltete der junge Landgraf zum erstenmale auf dem Reichstage zu Meg 1356 , wo bekanntlich das in Nürnberg entworfene und abgefaßte Reichsgesek, die goldene Bulle publicirt wurde.
Daffelbe regelte die Kaiserwahl
durch sieben Kurfürften. Während der gemeinschaftlichen Regierung vermehrten die Brüder ihre Besizungen nicht unwesentlich. Zuerst kam 1353 die Pflege
*) Geh. Haupt- und Staatsarchiv.
Urkunden.
(3. Juli 1379.)
190
Thüringen unter den Markgrafen von Meißen.
V.
Coburg nebst Schmalkalden hinzu als Heirathsgut der Katharina von Henneberg, Gemahlin Friedrichs des Strengen.
Im Jahre 1357
starb Graf Heinrich von Schwarzburg , Sohn des Kaiſers Günther von Schwarzburg , ohne Leibeserben. Seine Vettern , Günther und Heinrich von Schwarzburg wollten nach einem früher abgeschlossenen und vom Kaiser Karl gutgeheißenen Erbvertrage die Güter des Verstorbenen in Besiz nehmen ; aber Friedrich der Strenge war Lehnsherr von Frankenhausen und verweigerte seine Einwilligung .
Endlich
wurde 1358 in Gotha durch Schiedsrichter, an deren Spize die greife Landgräfin Elisabeth stand , eine Einigung dahin erzielt , daß die Schwarzburger Grafen Stadt und Schloß Dornburg , die Schlöffer Greifberg und Wintberg und die tautenburgischen Lehen an den Landgrafen abtraten , wogegen dieser seine Ansprüche an die Erbschaft Heinrichs von Schwarzburg fallen ließ.
1357 mußte Friedrich der
Strenge auf Geheiß des Kaisers den Grafen Heinrich Reuß von Plauen mit Krieg überziehen. Es hatte dieser verschiedene von der Krone Böhmen
abhängende Schlösser und Städte pfandweis inne.
Der Kaiser bemühte sich vergeblich, dieselben wieder einzulösen ; überdies ließ es der Reuße geschehen , daß die Beſaßung einiger feiner Schlösser im Meißner- und Osterlande sich Räubereien erlaubte und deshalb sollte er gezüchtigt werden.
Friedrich rückte mit großer
Macht zu Felde; indessen leisteten die meisten Schlösser keinen sonder= lichen Widerstand , so daß die Burgen Triptis ,
Stein , Ronneburg,
Auma , Weiða und Ziegenrück in des Landgrafen Hände fielen , in deren Besit ihn dann der Kaiser bestätigte. 1359 brachten die drei Brüder das
Städtchen Kindelbrück wieder an ihr Haus .
Daffelbe
war als Pfand für ein Darlehen an die Grafen von Beichlingen gekommen und Hermann von Beichlingen bedrückte den Ort mit unerschwinglichen Lasten. Die Einwohner beschwerten sich bei den landgräflichen Brüdern und für diesen Schritt wollte Hermann von Beichlingen mit Hülfe der Mühlhäuser und Nordhäuser an der Stadt Rache nehmen, verheerte dieselbe auch, mußte aber auf die Drohung der Landgrafen , von ihnen als Landfriedensbrecher behandelt zu werden , wieder abziehen. Die voreiligen beiden Reichsstädte hatten als Strafe eine namhafte Summe zu erlegen , welche Friedrich dazu verwendete , einzulösen.
Kindelbrück von den Grafen
von Beichlingen
wieder
In diesem Jahre ( 1359) ſtarb die Großmutter der landgräflichen Brüder , die Wittwe des Landgrafen Friedrichs des Freidigen , den fie 35 Jahre überlebt hatte.
Mit Recht wurde ihr Tod eben so
Landgraf Friedrich III, genannt der Strenge 2c.
191
wohl von ihren Enkeln als vom ganzen Volke tief betrauert , denn sie hatte wie eine rechte Landesmutter stets in Segen gewirkt.
Im
Predigerkloster zu Eisenach fand sie ihre Ruhestätte. Wie die landgräflichen Brüder den Grafen von Beichlingen für seinen Uebermuth in die nöthigen Schranken verwiesen hatten , so traten sie auch ganz energisch gegen zwei äußere Feinde auf. Der Eine war der stolze Abt Heinrich VII von Fulda, welcher es ruhig geſchehen ließ, daß die Burgmänner von seinem Stifte aus sowohl Thüringen als auch Heſſen häufig durch Streifereien heimsuchten . Die Landgrafen von Hessen verbanden sich deshalb mit denen von Thü ringen ; die Verbündeten fielen dem Abte von zwei Seiten in das Land und verheerten daſſelbe, bis er endlich um Frieden bat und in einem Vertrage 1362 versprach, die Straßen in seinem Lande zu be= schirmen bis an die hessische und thüringische Grenze . Der Andere war der Herzog Albrecht von Braunschweig. Von seinem Size auf der Burg zu „ Salz der Helden" an der Leine im Fürstenthum Grubenhagen fiel er häufig plündernd in Thüringen ein. Auf die Abmahnung des Landgrafen erfolgte vom Herzog die troßige Antwort, er werde seine Länder und Burgen behaupten , selbst wenn es thüringische Landgrafen regnete. Friedrich brachte an Lehensleuten und deren Knechten und mit Hülfe der Städte ein Heer von 18000 Mann zusammen , fiel 1365 in des Herzogs Land ein und belagerte das Schloß desselben und die Stadt Eimbeck. Aber die Anstrengungen des landgräflichen Heeres waren vergeblich, denn der Herzog vertheidigte sich mittelst einer großen Bleibüchse , durch welche die Belagerungsmaschinen zerstört wurden. Es war das erstemal , daß in diesen Gegenden mit Pulver geschossen wurde. Friedrich hob daher die Belagerung auf , eroberte aber verschiedene andere Schlösser und verheerte das Land , so daß der Herzog endlich um Frieden bitten und sich selbst in Eisenach stellen mußte, bis alle Bedingungen erfüllt waren. 1367 wurden von den Brüdern die Schlösser Wachsenburg, Liebenstein und Schwarzwald für 12000 Mark Silber erworben. *) Graf Johann II von Schwarzburg mußte dieselben veräußern, um von dem Erlös die Gefangenen wieder loszukaufen , welche er in einer Fehde gegen den Bischof von Bamberg (nach Anderen war es der Bischof von Würzburg ) verloren hatte. In den nächsten Jahren *) Die Mark Silber war schon im 13. Jahrhundert auf den Werth von 6 Fl. herabgesunken. In einer Urkunde vom 6. März 1439 ( Geh. Haupt- und Staatsarchiv in Weimar) wird 1 Mark Silber gerechnet 7 Gulden weniger 2 Groschen.
192
V.
Thüringen unter den Markgrafen von Meißen.
gelang auch die Zurückerwerbung der Herrschaft Landsberg , welche durch Albrecht den Entarteten an das Haus Brandenburg und von dieſem als Heirathsgut an die Herzöge von Braunschweig gekommen war. 1368 mußten dieselben Landsberg jammt Sangerhausen an die Landgrafen verpfänden, konnten das Pfand nicht wieder einlösen und so fiel dasselbe laut Vertrag von 1374 den Landgrafen zu . In dem benachbarten Hessen hatte sich 1371 gegen die dortigen Landgrafen eine schlimme Einigung unter ihren Grafen, Rittern und Edlen gebildet , wozu im Geheimen der Herzog Otto der Quade (d. H. der Böse) von Braunschweig sie angestiftet hatte. Aus dem Wappen ihres Hauptmannes , Gottfried von Ziegenhain , entlehnten sie das Bundeszeichen, einen Stern , und nannten sich den Sternerbund .
Alle Mitglieder desselben schwuren dem Bunde den Eid der
Treue und gelobten, ohne Zustimmung Aller in kein neues Bündniß zu treten und gemeinsam gegen den zu streiten , welcher Einen ihres Bundes beleidigen würde. Nicht weniger als 2000 Ritter und Herren aus Heffen, Franken und Westphalen gehörten dem Bunde an, dessen Bestehen dem Landgrafen Hermann von Hessen am fühlbarsten wurde, denn fast seine sämmtlichen Ritter waren Mitglieder des Bundes . Er suchte also Beistand bei den Landgrafen in Thüringen .
Balthasar
verbot zunächst allen Edlen in Thüringen bei Verlust ihrer Lehen die Theilnahme am Bunde und rückte sodann mit einem Heere in Hessen ein. Den kräftigsten Beistand fand indessen der Landgraf Hermann an den Bürgern seiner Städte.
Der ganze Vorgang hatte
zur Folge , daß die Landgrafen von Hessen und Thüringen 1373 einen Erbvertrag abschlossen , kraft dessen sie sich nicht bloß gegenseitig brüderlich unterstüßen wollten , sondern es sollte auch eine Fürstenfamilie die andere im Falle des Aussterbens beerben .
Diese
Erbverbrüderung erhielt im December desselben Jahres die kaiserliche Bestätigung und sie ist unter den Nachkommen beider Fürstenhäuser siebenmal erneuert worden, zuleßt im Jahre 1614. Vielleicht infolge ihres energischen Einschreitens
in Hessen verschrieb
und übergab
Kaiser Karl IV mit Zustimmung der Reichsstände im Jahre 1373 den drei Brüdern Friedrich , Bathasar und Wilhelm die Landvoigtei in der Wetterau , inbegriffen die Städte Frankfurt , Friedberg und Gelnhausen, mit allen ihren Rechten und Vortheilen. *) Die Finanzverwaltung der Landgrafen ist wohl nicht immer eine glückliche gewesen.
Allerdings kostete die Erwerbung jener vorhin ge-
*) Gem. ernest. Archiv in Weimar .
Urkunden.
193
Landgraf Friedrich III, genannt der Strenge 2c.
nannten Schlösser eine bedeutende Summe ; eben so wird die Einlösung der Herrschaft Landsberg wohl nur gegen einen hohen Preis zu ermöglichen gewesen sein und überdies waren jest statt einer , drei verschiedene fürstliche Hofhaltungen zu unterhalten. Im Jahre 1375 waren daher die drei Brüder genöthigt , Schloß und Stadt Dornburg mit den Dörfern Krippendorf, Sulzbach, Oberndorf, Kleinund Großrommstedt für 950 Schock freiberger Groschen an Berthold und Hans v. Geschwende , Hans v. Roteleiben , Conrad , Hugo und Burghard v. Bennungen zu verpfänden. *) 1379 theilten sie sodann unter Vermittelung ihres Bruders, des Erzbischofs Ludwig , und ihres Schwagers , des Burggrafen von Nürnberg ihre sämmtlichen Lande in drei Theile: Thüringen , Osterland und Meißen und machten die Theile hinsichtlich der Renten , Nuzungen und Zugehörungen vollständig gleich ; dann wollten sie in allen drei Landen eine Bete erheben und den Erlös auf ihre gemeinschaftlichen Schulden verwenden.**) In diesem Vertrage, welcher 15 Punkte enthielt, wurde zugleich mit festgesezt , daß Räuberei von ihnen gemeinsam abgewehrt werden solle und
und zwar sollten die Thäter belangt werden zu Weißenfels Altenburg , wenn
dieselben
im Osterlande ,
zu Eckartsberga,
wenn sie in Thüringen , und zu Rochlik , wenn sie in Meißen gesessen wären. Dem Landgrafen Friedrich dem Strengen war kein hohes Alter beschieden; erst 49 Jahre alt rief ihn zu Altenburg am 6. Mai 1381 der Tod ab. Er bestimmte seine Gemahlin Katharine zur Vormünderin über seine Söhne und zur Regentin.
Obwohl die Söhne noch in
sehr jugendlichem Alter standen (Friedrich war 1369, Wilhelm 1370 und Georg 1380 geb.) , so ermahnte er doch noch auf dem Sterbebette die beiden ältesten, all ihr Lebtag sich zu ihrer Mutter in Unterthänigkeit und Gehorsam zu halten und auch wenn sie erwachsen wären, Niemand anders als sie zur Rathgeberin zu erwählen.
Es geschah
dies in Gegenwart des Bischofs Friedrich von Merseburg und zweier Stiftsherren von Naumburg . ***) 33 Jahre lang hatte Friedrich mit seinen Brüdern gemeinschaftlich die Länder regiert. Er hielt streng auf die Erhaltung von Ruhe und Ordnung im Lande und bestrafte die Landfriedensbrecher ohne Nachsicht ; daher hat man ihm auch den Beinamen der Strenge gegeben .
Im Kloster Altenzelle fand er seine
*) Geh. Haupt- und Staatsarchiv in Weimar. Urkunden. **) Geh. Haupt- und Staatsarchiv in Weimar. ***) Gem. ernest. Archiv in Weimar. Urkunde vom 28. April 1381. 13 Kronfeld, Landeskunde. I.
194
V.
Ruhestätte.
Im Jahre vorher hatten die drei Brüder in Eisenach
Thüringen unter den Markgrafen von Meißen.
vor dem Frauenthore das Karthäuſerkloster gestiftet. *) Wir kommen nun an die unerquickliche Zeit der Landestheilung . 1382 wurde unter den drei Fürstenfamilien eine Theilung ihrer Länder vorgenommen.
Balthasar
erhielt
die Landgrafschaft
Thü =
ringen , Wilhelm die Markgrafschaft Meißen , und die Söhne Friedrichs des Strengen , von denen sich später besonders Friedrich hervorthat und sich den Ehrennamen der Streitbare erwarb, bekamen das Osterland und von Thüringen die Grafschaft Orlamünde , die Städte und Burgen an der Saale : Kahle, Lobdaburg , Jena, Dornburg, Camburg und Naumburg , so wie die Schirmvoigtei über das Kloster Saalfeld .
Die Stadt Freiberg mit den Bergwerken , der
Münze und ihren sonstigen Nuzungen blieb den drei Familien gemeinschaftlich. ** )
Landgraf Balthasar ( 1382—1406) und ſein Sohn Friedrich der Friedfertige ( 1406—1440) . Auch die Alleinregierung Balthasars war für Thüringen eine segensreiche, denn derselbe war vor allen Dingen bemüht, durch Bündnisse mit benachbarten Fürsten und mit den Herren und Städten seines Landes den Frieden zu sichern . Ein solches Bündniß wurde z. B. 1382 abgeschlossen mit den Grafen von Mansfeld und den Herren von Querfurt ; eben so erfolgte der Abschluß eines Schutzund Truzbündnisses 1384 mit Erfurt und Mühlhausen. Erzbischof Albrecht von Magdeburg und
Mit dem
dem Herzog Wenzel von
Sachsen kamen Verträge zu gegenseitiger Hülfsleistung im Falle eines feindlichen Angriffs 1383 zu Stande. Durch diese Sicherung nach außen und innen war der Landgraf im Stande, die immer noch vorkommenden Befehdungen einzelner Ritter unter einander, wodurch in der Regel Bürger und Bauern am meisten zu leiden hatten , so wie das Raubritterwesen in Thüringen endlich auszurotten . Gab es doch auch jezt noch Burgen, von wo aus durch Streifzüge das umliegende Land gebrandschaßt wurde, was z. B. die Besizer der Burg Brandenfels an der Werra noch häufig vornahmen.
Balthasar bezwang die-
selben durch Belagerung der Burg und stellte hier die geseßliche Ordnung wieder her. *) Geh. Haupt- und Staatsarchiv in Weimar. Urk. v . 26. Sept. 1380. **) Gem. ernest. Archiv in Weimar. Urkunde vom 13. Nov. 1382 .
41
195
Landgraf Balthasar (1382-1406) und sein Sohn Friedrich 2c.
Ein Vorgang in seiner Regierung ist aber geeignet, ein ziemlich ungünstiges Licht auf den Landgrafen zu werfen . Erzbischof Adolf von Mainz 1385
ein Bündniß
Er hatte mit dem geschlossen ; aber
dasselbe hatte nicht bloß den Zweck gegenseitigen Schußes im Auge, sondern es lief auf etwas Anderes hinaus . Balthasar gab vor, seinen Aufwand für die dem Landgrafen Hermann dem Gelehrten von Hessen gegen den Sternerbund geleistete Kriegshülfe nicht erhalten zu können uud so müsse er sich durch Gewalt bezahlt machen. Im Hintergrunde lag aber der Plan , das Heſſenland , troß des zwischen den beiden
Fürſtenhäusern
bestehenden
Erbvertrages
zu
theilen.
Dieſem Bündnisse traten außer dem braunschweigischen Herzoge Otto dem Quaden auch der Erzbischof von Köln und die Bischöfe von Osnabrück und Münster bei .
Der Krieg begann ; Balthasar rückte
mit ſeinem Heere über die Werra , nahm Eschwege , Sontra und die Boyneburg weg und vereinigte sich dann mit seinen Bundesgenossen, um Caffel zu erobern. Die tapfere Vertheidigung der Stadt durch die Bürger vereitelte aber das Unternehmen. Die Heere zogen ab, weil der Streit durch Schiedsrichter beigelegt werden sollte.
Aber
schon 1387 brach der Kampf von neuem los ; Rothenburg und Melsungen wurden genommen und geschritten.
Diesmal
wurde
abermals
die Stadt
zur Belagerung
Caſſels
durch die Kühnheit
Gemahlin des hessischen Landgrafen gerettet.
der
Dieselbe begab sich in
das feindliche Lager und redete dem Landgrafen Balthasar so energiſch in das Gewiſſen , daß sich dieser von seinen Bundesgenoſſen trennte und mit seinem Heere abzog. Dadurch waren die Anderen genöthigt, gleichfalls Frieden zu schließen.
Mit dem Landgrafen von Heſſen kant
bald eine völlige Aussöhnung zu Stande und nun wurde der frühere Erbvertrag 1392 unter Mitbetheiligung Wilhelms des Einäugigen und des ältesten Sohnes Friedrichs des Strengen in Treffurt erneuert. 1385 war dem Landgrafen Balthasar die Grafschaft Kefernburg heimgefallen.
Der lehte Sproß
aus dem alten Grafengeschlechte,
Günther , ein noch junger , sehr frommer Ritter hatte eine Pilger= fahrt nach dem heiligen Lande unternommen, erlitt aber auf der See bei einem Sturme den Tod.
Seine Gebeine wurden nach der Heimath
gebracht und in dem von seinen Ahnen gestifteten Kloster Georgenthal beigesetzt. Die Grafschaft war landgräfliches Lehen und wurde daher eingezogen. Von dem Abte Johannes von Fulda , ungeheuere Schuldenlast haftete , erkaufte Gerstungen 1402 .
auf dessen Stift eine
der Landgraf das Amt
13*
196
V.
Thüringen unter den Markgrafen von Meißen.
Am 19. Mai 1406 starb Balthasar auf der Wartburg und fand im Kloster zu Reinhardsbrunn seine Ruhestätte.
Von seiner ersten
Gemahlin überlebten ihn zwei Kinder : der Sohn Friedrich , und eine Tochter , Anna , leptere vermählt mit dem Herzog Rudolf von Sachsen. Die zweite Ehe mit der Wittwe des Herzogs Friedrich von Braunschweig blieb kinderlos . Das wichtigste , aber ohne Balthasars Zuthun eintretende Ereigniß während seiner Regierungszeit war unstreitig die Errichtung einer Hochschule in Erfurt , der ersten in Thüringen. Schon seit geraumer Zeit war in dem Verhältniß des öffentlichen Lebens ein bedeutender Umschwung eingetreten.
Der Adel zeigte nur Sinn für
Fehden und Zechgelage ; die Klöster , sonst die eigentlichen Stätten der Wissenschaft , waren bereits ausgeartet und ihre Insassen der Trägheit und dem Wohlleben ergeben ; dafür war in den Städten ein rühriges Leben aufgeblüht . Mit den immer mehr in Flor kommenden Gewerben und dem ausgebreiteten Handel mehrten sich nicht nur die Reichthümer der Bürger , sondern es wurde auch die Liebe zu Kunst und Wissenschaft großgezogen ;
denn die tägliche
Erfahrung belehrte den Bürger, daß nur Bildung des Geistes allein ihn
befähige ,
eine bevorzugte Stellung
einzunehmen.
Unter
den
thüringischen Städten nahm Erfurt als eine mit dem Hansabunde in ausgedehntem Geschäftsverkehre stehende Stadt den ersten Rang ein. Sie war der wichtigste Tausch- und Handelsplay Mitteldeutschlands , gewissermaßen Stationsort des Handelszuges zwischen Nürnberg und den Hansastädten, seit urältester Zeit Stapelplaß und hatte in ihren Mauern große Faktoreien auswärtiger Handelsgeschäfte. Nicht bloß die Erzeugnisse des Bodens , als : Waid , Saflor , Anis , Wein 2c., sondern vor allen Dingen auch gewebte Stoffe und Leder, denn Tuchmacher und Gerber bilden in dieser Zeit die vornehmsten Zünfte in Erfurt , machten ihre Haupthandelsartikel aus , vermehrten den Reichthum der Bürger und führten die Handelsherren , welche nach damaligem Brauche ihre Waarentransporte zu begleiten pflegten, in die entlegensten östlichen Gebiete Deutschlands . Dieses rührige Leben stellte aber auch das Bedürfniß immer klarer zu Tage , der aufwachsenden Jugend eine möglichst vielseitige und gründliche Bildung angedeihen zu laſſen . Schon 1378 hatte die Stadt vom Papste Clemens VII die Erlaubniß zur Errichtung einer Hochschule erhalten ; die Ausführung erfolgte 1389 und die feierliche Eröffnung der neuen Stiftung konnte 1392 bewerkstelligt werden. Als Muster diente die erste deutsche, von Karl IV in Prag 1348 gestiftete Universität.
Die
Landgraf Balthasar (1382—1406) und ſein Sohn Friedrich 2c.
197
Erfurter Hochschule gelangte bald durch tüchtige Lehrer zu hohem Ansehen ; auch Luther hat ja hier bekanntlich seine Ausbildung genossen. Balthasars einziger Sohn , Friedrich IV, der Friedfertige, von einigen Geschichtsschreibern mit Unrecht der Einfältige genannt, übernahm nach seines Vaters Tode die Regierung des Landes , oder richtiger , dieselbe wurde in den ersten Jahren unter seinem Namen geführt. 1407 am 10. Februar starb sein Oheim Wilhelm der Einäugige, der dritte und legte jener drei Brüder , welche mehr als 30 Jahre in steter Eintracht gemeinschaftlich regiert hatten. Man schildert ihn als den weisesten Fürsten seiner Zeit , der sein Land auf das Beste regierte , feinen sonderlichen Gefallen am Kriegführen fand , dafür aber so sorgfältig wirthschaftete, daß es ihm nie an großen Geldmitteln fehlte, durch welche er theils wichtige Beſizungen an sein Haus brachte, wie z. B. die Stadt Mühlberg an der Elbe , theils baufällig gewordene Schlösser wie die zu Meißen , Dresden und Zwickau wieder in Stand seßte. Wilhelm hinterließ keine Kinder und somit traten als
erbberechtigt auf : sein Neffe Friedrich der
Friedfertige als Sohn Balthasars , die Neffen Friedrich der Streitbare und Wilhelm ( Georg , der dritte Bruder war 1401 in jugendlichem Alter gestorben) , aber auch die Burggrafen Johann und Friedrich zu Nürnberg als Schwestersöhne Balthasars . Erst 1410 kam eine Erbeinigung zu Stande. Die Theilung der Markgrafschaft Meißen wurde nach Stämmen und nicht nach Köpfen vorgenommen, so daß also Friedrich der Friedfertige die Hälfte des Meißnerlandes mit den Städten Dresden , Großenhain , Tharand 2c. erhielt. Die Brüder Friedrich und Wilhelm bekamen die andere Hälfte , während die Ansprüche der Burggrafen von Nürnberg , welche sich allerdings nicht auf das Stammland sondern nur auf die von Wilhelm erkauften Allodialgüter, auf dessen hinterlassenes Geld , seine Kostbarkeiten und ungemünztes edles Metall bezogen, auf andere Weise befriedigt wurden . Friedrich der Friedfertige vermählte sich 1407 mit Anna , der Tochter des Grafen Günther von Schwarzburg , arnstädter Linie, welche bereits mit einem Grafen von Nassau verlobt war , aber auf Anstiften ihres Vaters den mächtigeren Landgrafen vorzog, bei deſſen Neigung zur Bequemlichkeit der Schwiegervater seinen besonderen Vortheil im Auge behalten konnte. In Wirklichkeit führte auch bald Günther die Regierung über Thüringen und suchte, als die Ehe seiner Tochter finderlos blieb , wenn auch nicht sich ganz zum Herren über Thüringen zu machen , wie ihm von Manchen schuld gegeben wird, aber doch sicherlich einen Theil des Landes an sich zu bringen und
198
V.
Thüringen unter den Markgrafen von Meißen.
sich aus einem Vasallen zum selbständigen Herrn emporzuschwingen . Diese Absichten konnten nicht verborgen bleiben und deshalb nöthigten ihm die beiden Brüder Friedrich der Streitbare und Wilhelm im Jahre 1408 das Versprechen ab, ſich in die Verwaltung Thüringens nicht mehr zu mischen. Aus Aerger über die Vereitelung seiner Pläne versuchte nun Günther , das Thüringerland den Markgrafen zu entziehen und es theils an den König von Böhmen, theils an den Landgrafen von Hessen und an den Erzbischof von Mainz zu bringen. Solchem Beginnen mußte natürlich mit Ernſt Einhalt gethan werden . Deshalb rückten die Markgrafen Friedrich und Wilhelm mit Heeresmacht 1412 in Thüringen ein, nicht um Krieg zu beginnen, sondern nur, um ihrem Verlangen den nöthigen Nachdruck zu verleihen. Bei den Edlen des Landes, weniger bei den Städten, fanden sie freundliches Entgegenkommen.
Ein Theil des Adels hatte sich bei dem
Anrücken der Brüder für dieselben erklärt, darunter der Graf Heinrich von Hohnstein, Herr zu Kelbra, der Burggraf Albrecht zu Kirchberg, Herr zu Kranichfeld, Dietrich von Wigleben, die Herren von Wangenheim und verschiedene Andere.
Man nannte sie die Löwengeſellſchaft.
Im Gegensaße zu ihr bildete sich im nördlichen Thüringen unter Anführung Friedrichs von Heldrungen , eines verwegenen , tollkühnen Mannes eine Rotte ,
größtentheils
aus Bauern , Holzhackern und
Tagelöhnern bestehend , welcher man mit Beziehung auf ihre Hauptwaffe, den Dreschflegel, die Benennung der Fleglergesellschaft beilegte. Graf Günther von Schwarzburg soll selbst die Rotte zu weiterem Vorgehen mit Sengen , Brennen und Morden ermuntert haben. Dem Grafen Ulrich von Hohnstein wurde von dieser Bande in der Nacht die Burg erſtiegen, der Graf zum Gefangenen gemacht, während sein Sohn Heinrich im Hemde entfloh. Seine Gemahlin hatte ihn an einem Stricke zum Fenster herunter gerettet . In solchem Aufzuge kam er nach dem Kloster Jlefeld , wo ihn der befreundete Abt mit Kleidern und einem Pferde versah, und nun ritt Heinrich spornstreichs zu den beiden markgräflichen Brüdern, welche sich noch in Thüringen aufhielten und von denen auch sofort Hülfe zugesagt und geleistet wurde. Der Ritter Hans Dangel, Feldhauptmann der Markgrafen, belagerte die Burg Heldrungen, welche sich auch bald ergeben mußte. Den Fleglern wurde bei dieser Gelegenheit hart mitgespielt , die
denn
eingefangenen Mitglieder der Gesellschaft wurden paarweis zu
Tode gegeißelt. Ihr Anführer , Friedrich von Heldrungen kam zwar mit dem Leben davon , wurde aber aller seiner Lehen beraubt. Der Vertriebene führte nun
ein unftätes Leben und wurde bald
Landgraf Balthasar ( 1882—1406) und ſein Sohn Friedrich 2c.
199
darauf am Harze von einem Köhler erschlagen , deſſen Gesinde er be= unruhigt hatte. Bei so bewandten Umständen und Vorkommnissen in Thüringen,
wie die eben geschilderten , mußte Friedrich der Friedfertige seinen Vettern wohl nachgeben und einen Vergleich eingehen , der für ihn sehr demüthigend war ; er durfte in seinem Lande von Regierungsgeschäften fast nichts mehr vornehmen ohne Vorwissen Jener. Graf Günther von Schwarzburg und dessen Sohn Heinrich erhielten Verzeihung für die zum Nachtheile der Markgrafen gethanen Schritte. Günther ſtarb ſchon im Jahre 1415. Die Verhältniſſe am landgräflichen Hofe wurden damit nicht besser ; vielmehr scheint Friedrich übel gewirthschaftet und Schulden gemacht zu haben. Zur Tilgung derselben wurde 1420 dem Landgrafen gestattet, zur Bezahlung von Schulden für 25000 rheinländische Gulden von dem Seinigen zu verpfänden oder zu verkaufen, aber seinen Vettern darüber Nachweis zu liefern, wie die Gelder verwendet worden seien. Die Landgräfin mußte sich verpflichten, zur Verwaltung der Aemter nur redliche Leute zu wählen und darauf zu sehen, daß von den Schlössern, Märkten und Dörfern sowohl im meißnischen als im thüringiſchen Landestheile nichts veräußert würde. So hart und absprechend auch in der Regel Friedrich der Friedfertige beurtheilt wird, ſo iſt von ihm doch manches Gute zu regiſtriren. Besonders zeigte er sich für das Aufblühen der Städte ſehr besorgt . Dem Städtchen Laucha a. U. verlieh Friedrich Stadtfreiheit in demselben Umfange , wie solche Langensalza besaß ; Gotha begnadigte er 1421 mit dem Vorrechte, alle Dörfer innerhalb einer Meile im Umkreise vom Bierbrauen auszuschließen , um der Stadt den Vortheil jenes einträglichen Gewerbes zu erhalten . In Weimar ließ Friedrich durch seinen Amtmann Georg von Denstedt 1421 alle Schenkhäuſer schließen, welche nicht schon von Alters her bestanden hatten , damit dem schwelgerischen Leben etwas Einhalt gethan würde ; 1432 schenkte der Landgraf der Stadt am Markte eine Hofstätte, um auf derselben ein Stadthaus zu bauen , welches gewöhnlich das neue Rathhaus genannt wurde. Dem Stadtrathe zu Dresden überließ Friedrich 1425 pachtweise die Gerichte in und vor der Stadt ; Buttstädt begnadigte derselbe 1433 mit dem Rechte, sich alle Jahre einen neuen Stadtvoigt mit drei Rathsherren zu wählen ; 1434 beförderte er die Anlegung eines Bergwerkes auf Kupfer zwiſchen Suhl und Ilmenau ; der Stadt Jena erließ er 1435 von ihren jährlich zu zahlenden Kenten von 70 Mark Silber nicht weniger als 30 Mark und stellte derselben
200
V.
Thüringen unter den Markgrafen von Meißen.
darüber einen besonderen Begnadigungsbrief aus.
Das Angeführte
beweist, daß Friedrich für die Städte feines Landes gesorgt hat und daß ihm der verunehrende zweite Beiname wohl nur von späteren Geschichtsschreibern beigelegt worden ist , welche sich nicht die Mühe genommen haben, über seine Wirksamkeit sich hinlänglich zu informiren. Allerdings war er ein Fürst , welcher die Ruhe gar sehr liebte und bei seiner angeborenen Gutmüthigkeit in seine Umgebung oft allzugroßes Vertrauen sezte , das namentlich von seinem Schwiegervater schändlich gemißbraucht worden ist.
In seiner Jugend war er bei
der Belagerung von Prag 1401 wehrhaft gemacht worden ; aber nach dieser Zeit hat er das Schwert nur einmal wieder gezogen ( 1430). Besonders um dieser Friedensliebe willen gab man ihm den Beinamen der Friedfertige .
Er starb am 4. Mai 1440 zu Weißensee
und wurde zu Reinhardsbrunn beigesezt als lezter Fürst ,
der seine
Ruhestätte dort gefunden hat , zugleich auch als lezter Landgraf von Thüringen ; denn von jezt ab tritt dieser Titel bei den Landesfürsten mehr zurück und erscheint, wie noch heutigen Tages , erst in zweiter Linie.
Seine Gemahlin Anna war schon 1431 gestorben.
Von der=
selben wurde bereits in der Einleitung berichtet , daß auf ihre Veranlassung ihr Caplan Johannes Rothe seine thüringische Chronik abgefaßt hat.
Friedrich, genannt der Streitbare, als Kurfürst von Sachſen Friedrich I ( 1382-1428) . Friedrich der Streitbare ist nicht eigentlich Landgraf in Thüringen gewesen ; denn sein Vetter Friedrich der Friedfertige starb als solcher geraume Zeit nach ihm und erst die Söhne des Streitbaren wurden. dessen Erben ; aber die Regierung Thüringens zur Zeit des Friedfertigen geschah doch unter seiner Mitwirkung ; außerdem gehört J derselbe unbedingt als Sohn Friedrichs des Strengen und als Stammvater des jezigen sächsischen Gesammtfürftenhauſes mit in die Reihe der thüringischen Fürsten.
Ueberdies hat dieser große Regent
durch seine männliche Tapferkeit und weise Regierung dem Fürstenhause neuen Glanz verliehen , so daß wir des Hauptsächlichsten aus seinem Leben auch hier gedenken müſſen . Schon in seinen Jünglingsjahren zeigte Friedrich ,
daß der
kriegerische Geist seiner Ahnen , namentlich Friedrichs des Freidigen nicht erloschen sondern in ihm wieder neu aufgelebt war. Als im Jahre 1388 etliche Reichsstädte in Franken mit anderen in Schwaben,
201
Friedrich, genannt der Streitbare zc..
Bayern und am Rheine ein Bündniß geschlossen hatten, um der immer mehr sich steigernden Macht und Selbständigkeit der Fürsten entgegen zu arbeiten, verband sich der Burggraf Friedrich von Nürnberg zur Abwehr dieſes Beginnens mit den Bischöfen zu Würzburg und Bamberg und mit dem thüringiſch-meißniſchen Fürstenhauſe. Es war vor allen Dingen auf Demüthigung der Städte Windsheim , Rotenburg und Nürnberg abgesehen, welche die Besizungen des Burggrafen verwüstet hatten. Im Namen und Auftrage sämmtlicher Fürsten seines Hauses zog Friedrich der Streitbare , damals erst 19 Jahre alt, mit 200 wohlgerüsteten Rittern dem Burggrafen . zu Hülfe und trug zur Herstellung der Ordnung das Seinige mit bei .
Oft mußte
Friedrich sogar gegen eigene Vasallen, oder Ritter aus Nachbarstaaten energisch vorgehen, um den 1390 wieder aufs Neue errichteten Landfrieden aufrecht zu erhalten. So hatten im Coburgischen zwei fränkische Ritter, Apel Fuchs zu Pürlsbach und Heinz Hildebrand von Thüngen durch ihre Raubzüge großen Schaden angerichtet und wurden zur Bestrafung herangezogen . - Einige beutelustige Ritter aus dem Anhaltischen und dem Halberstädtiſchen oder Magdeburgischen, welche die Unterthanen unserer Fürsten durch Räubereien belästigten , wurden mit Waffengewalt zur Ordnung verwiesen . Nachdem die geseglichen Zustände überall wieder hergestellt waren, bereitete sich Friedrich der Streitbare zu einem Kriegszuge vor gegen Litthauen.
Der deutsche Orden in Preußen hatte an dem Herzog
Jagello von Litthauen, welcher 1386 den polnischen Thron bestiegen hatte, einen schlimmen Nachbar. Zwar war derselbe 1386 zum Chriſtenthume bekehrt und getauft worden ; aber er hatte bei seiner Thronbesteigung den Polen versprochen , die von dem Orden eroberten Provinzen wieder mit Polen zu vereinigen . selbe eine Anzahl gefangen genommener Christen in strenger Haft zurück.
Außerdem hielt der=
Ordensritter
und andere
Der Hochmeister des Ordens ,
Konrad Zollner von Rotenstein ließ deshalb durch den Ordensheermeister von Liefland aus mehrere Einfälle in Litthauen ausführen und erhielt 1390 zur Unterſtüßung seines Vorhabens aus England, Frankreich und
Deutschland
reichen Zuzug.
1391 machte sich auch
Friedrich der Streitbare in Begleitung eines zahlreichen Adels aus Thüringen und Meißen auf den Weg , um die Sache des deutschen Ordens zu unterstügen .
Für die bei den stattfindenden Kämpfen
bewiesene Bravour wurde Friedrich dort zum Ritter geschlagen. Im nächsten Jahre ( 1392) finden wir den jungen Markgrafen wieder in seiner Heimath und mit seinen Brüdern beschäftigt , die
202
V.
Leuchtenburg
Thüringen unter den Markgrafen von Meißen. einzunehmen.
Dieses alte Bergschloß war von den
Grafen von Schwarzburg an Heinrich v. Wizleben und deſſen Schwiegervater Heinrich vom Paradieſe, einen Erfurter Bürger unter= Der Lettere betraf einmal einen pfändlich eingegeben worden. Bauer , Unterthan Friedrichs des Streitbaren und seines Bruders Wilhelm , wie er in einem unter der Leuchtenburg hinfließenden Bache fischte und war darüber so erbittert, daß er mit eigener Hand Den Gewaltact zu den Mann an einen Weidenbaum aufknüpfte. . Die Erfurter Burg die vor Brüder fürstlichen die bestrafen, rückten machten zwar Miene, ihrem Mitbürger mit gewaffneter Hand beizustehen; doch bevor sie ihren Heerzug in Bewegung seßten, ergab sich die Besazung der Leuchtenburg und nun konnte auch das dazu ge= hörende Städtchen Kahla leicht genommen werden. Die Angelegen= heit zog eine Fehde nach sich , welche den coburgischen Landestheil die Schwere der damaligen Kriegführung hart empfinden ließ. Graf Heinrich von Schwarzburg, Sohn des noch lebenden Grafen Hermann beanspruchte nämlich die Leuchtenburg mit Kahla als ein altes , von den Grafen von Arnshaugk seit länger als 60 Jahren herrührendes und auf seine Familie vererbtes Pfandstück zurück oder wenigstens Erlegung der darauf haftenden Pfandsumme. Warum Friedrich der Streitbare auf die nicht ungerechtfertigte Forderung nicht eingegangen. ist, läßt sich nirgends herausfinden.
Aller Vorstellungen von Seiten
des Grafen Heinrich ungeachtet blieb Friedrich bei seiner Weigerung und das veranlaßte seinen Gegner , auf Rache zu denken und seinen Vetter , den Bischof Gerhard von Würzburg und eine Anzahl fränkischer Ritter zur Ausführung seines Racheplanes zu gewinnen. 1395 fertigte der Bischof von Würzburg einen Fehdebrief an die fürstlichen Brüder und deren Mutter ab , den wir als Beitrag zur Charakteristik der damaligen Zustände wörtlich, doch mit Hinzufügung der dort ausgelassenen Interpunktion folgen lassen : „Hochgeborene Fürstin und Fürsten , Frau Katharina, ihr Friedrich , ihr Wilhelm und ihr George, Markgrafen in Meißen. Um das Unrecht, das ihr an uns , an unserm Stifte und an den Unsern gethan habt und thut , darum wollen wir euer Feind sein und wollen des unsere fürstliche Ehre an euch bewahret haben. Gegeben zu Würzburg am St. Dorotheentag unter unserm aufgedrückten Siegel anno Domini Gleichzeitig trafen auch von der Mannschaft des Bischofs und einer Anzahl Ritter Fehdebriefe ein und bald stand der Graf von Schwarzburg mit einem im Bambergischen zusammengerafften 1395. "
bewaffneten Haufen im Coburgiſchen, um zu sengen und zu brennen.
!
203
Friedrich, genannt der Streitbare zc.
Die Belagerung von Coburg mißlang ; man zog wieder ab und in der Nacht rückte der Voigt von Coburg eiligst nach und schlug die sorglose Rotte dermaßen , daß nur wenige mit dem Leben davon= kamen.
Heinrich von Schwarzburg raffte deshalb einen neuen Haufen
Kriegsvolk zusammen , Niederlage zu erzielen.
ohne jedoch damit etwas Anderes als eine Vor Kummer und Gram gab er in Königs-
hofen seinen Geist auf. Während des zweiten verunglückten Einfalles in das coburgische Gebiet rückten nun ihrerseits die fürstlichen Brüder in das Land des Grafen Johann von Schwarzburg, Heinrichs Vater, und verwüsteten Alles mit Feuer und Schwert. Dann kam die Reihe an das Gebiet des
Bischofs Gerhard von Würzburg und an die
vorwizigen fränkischen Ritter, denen ihre Fehdebriefe theuer zu stehen kamen. Graf Heinrich von Henneberg war bei diesen Vorgängen ein treuer Verbündeter der fürstlichen Brüder. Endlich wurde durch Vermittelung des Bischofs Lamprecht zu Bamberg , des Landgrafen Balthasar und des Burggrafen Friedrich zu Nürnberg der Friede zu Stande gebracht.
Graf Johann von Schwarzburg
entfagte seinen
Ansprüchen auf die Leuchtenburg und auf Kahla und erhielt dafür die ihm zustehende Pfandsumme. Die übrigen Theilnehmer an der Fehde mußten den Frieden durch schwere Geldopfer erkaufen . In der hierauf folgenden längeren Periode der Ruhe vollführte Friedrich ein Werk , das ihm zum ewigen Ruhme gereichen wird, nämlich die Errichtung der Hochschule in Leipzig . Bei Erwähnung des Entstehens der Universität Erfurt wurde zugleich der ältesten deutschen Universität Prag gedacht. Nach ihrem Muster wurde die Hochschule zu Erfurt gegründet ; jest ging unmittelbar aus ihr eine neue hohe Schule hervor .
Die Einführung der Bücher Johann Wiclefs
hatte eine Spaltung hinsichtlich der Religionsmeinungen zur Folge. Wenn auch diese noch nicht geeignet war , das akademische Leben in Prag gänzlich zu erschüttern , so trat bald ein Umstand hinzu , der zwischen den böhmischen Studenten und den Ausländern eine schroffe Scheidewand hervorrief. Nach der Stiftungsurkunde Kaiser Karls IV hatten die Deutschen bei vorkommenden Abstimmungen , namentlich bei einer Rectorwahl drei Stimmen abzugeben, die Böhmen dagegen nur eine Stimme, so daß jene Wahl zumeist nur Deutsche traf. Um dieses ihnen anscheinend nachtheilige Verhältniß zu beseitigen, wandten sich die Böhmen bei der für den 1. Mai 1408 bevorstehenden Rectorwahl an Johann Huß und baten ihn , es bei dem Könige Wenzel dahin zu bringen, daß das Stimmenverhältniß gerade umgekehrt würde. Die Angelegenheit ließ sich nicht so ohne Weiteres entscheiden und
204
V.
Thüringen unter den Markgrafen von Meißen.
Wenzel erlaubte sich einen Gewaltschritt, indem er bis zum Austrage der Sache seinen Küchenmeister zum einstweiligen Rector der Akademie einsezte. Hatte schon dieſes Vorgehen eine arge Verstimmung unter den Studirenden , namentlich den Deutschen hervorgerufen , so kam der Unwille 1409 zum völligen Ausbruche , als Wenzel die Entscheidung zu Gunsten der Böhmen abgab. Johann Huß hatte dieselbe herbeigeführt, indem er sich darauf berief, die Universität zu Prag sei laut Stiftungsurkunde nach dem Muster der Pariser errichtet worden und dort werde den Ausländern nur eine einzige Stimme eingeräumt. Die Folge jener Entscheidung war vorauszusehen
haufenweis verließen die deutschen Studenten Prag und wandten sich theils nach Erfurt, theils nach den eigentlich noch nicht als Hochschulen anerkannten Lehranstalten zu Krakau, Rostock, Heidelberg und Ingolstadt ; die Hauptmasse , wohl an 2000 traf unter Anführung zweier Lehrer , Johann Hofmann und Vincenz Gruner in Leipzig ein und bat um Errichtung einer Hochschule in dieser Stadt. Sehr erfreut über die erfolgte Einwanderung so vieler Musensöhne unternahm Friedrich der Streitbare auch sofort alle Schritte , um die Akademie eröffnen zu können . Zu jener Zeit war die Bestätigung durch den Papst zu einem solchen Unternehmen unbedingt erforderlich. Dieselbe erfolgte schon unter dem 9. September 1409 und ſezte fest , daß der jedesmalige Bischof von Merseburg zum Kanzler der Akademie bestellt werde als Vertreter und Vertheidiger von deren Rechten und Befugnissen. Seit jener Zeit besteht und blüht die Univerſität zu Leipzig und dieselbe hat namentlich in den lezten Decennien im Vergleich zu ihren Colleginnen einen ganz bedeutenden Aufschwung genommen . Somit hat sich Friedrich ſelbſt das dauerndste Denkmal gesezt. Bei der noch mehrere Jahre fortbestehenden Ruhe im Lande konnte Friedrich, nachdem er bereits Abgeordnete vorausgesendet, die Kirchenversammlung zu Costnig besuchen. Sein Aufenthalt daselbst war jedoch nicht von langer Dauer. Mit glänzendem Gefolge, unter welchem sich 18 Grafen und 400 Ritter und Edle in reicher Kleidung und mit den besten Waffen versehen befunden haben sollen , begab er sich im Frühling des Jahres 1417 abermals dahin, und so groß war bereits sein Ansehen , daß ihn der Kaiser in Begleitung einer ansehnlichen Zahl von Fürsten vor den Thoren der Stadt freundlichst bewillkommnete und dann in die Stadt geleitete. Wenige Tage nach seinem Einzuge in Costnih fand die feierliche Belehnung des Burggrafen Friedrich von Nürnberg mit der Kurwürde und Mark Branden-
Friedrich, genannt der Streitbare 2c:
205
burg statt und Friedrich der Streitbare wird in dem ausgestellten Lehnbriefe als Zeuge mit aufgeführt.
Der Zweckt seiner abermaligen
Anwesenheit hier in Costniß war kein anderer als Nachsuchen um Belehnung mit Meißen und mit einigen vormals erworbenen Städten in Böhmen.
Der erste Punkt wurde ohne Weiteres erledigt ; da-
gegen erhob der Kaiser wegen des zweiten mancherlei Schwierigkeiten und war gar nicht geneigt , dem Wunsche Friedrichs zu willfahren. Der Markgraf verließ deshalb schon am 12. Mai in ziemlich aufgeregter Stimmung Costnig wieder und äußerte gegen seine Umgebung : „Was der Kaiser mir jezt weigert , soll er wohl bald im freien Felde zugestehen. " Die Prophezeihung erfüllte sich bald . In Böhmen umdüsterten sich die Verhältnisse wegen der immer kühner auftretenden Huſſiten mehr und
mehr
und Sigismund mußte be-
fürchten, das Erbtheil seines Bruders gar nicht in Besiz nehmen zu können. Er sah sich nach Beistand um und troß der von dem Kaiser seinerzeit wegen der verweigerten böhmischen Lehen erlittenen Kränkung war Friedrich der Streitbare doch der erste und einer der eifrigsten Helfer in der Noth gegen die aufrührerischen Hussiten. Die gütlichen Verhandlungen mit denselben führten zu keinem Reſultate ; Sigismund rückte mit einem Heere in Böhmen ein und in der Nähe von Prag , das die Hussiten besezt hielten , stießen Friedrich der Streitbare und sein Bruder Wilhelm mit einem ansehnlichen Hilfscorps aus Thüringen , dem Osterlande und Meißen im Juni 1420 zu ihm und unternahmen die Erstürmung des Berges Tabor , den Zizka besezt hielt. Der Sturm lief für die Meißner unglücklich ab ; denn sie wurden , nachdem sie die Höhe bereits erklommen , plöglich von der Uebermacht zurückgedrängt und an einer steilen Stelle zum Berge hinuntergestürzt , so daß eine große Zahl Streiter das Leben dabei einbüßte.
Wohl nicht mit Unrecht wurde behauptet, daß einige
böhmische Edelleute aus des Kaisers Gefolge mit den Hussiten ein geheimes Einverständniß unterhielten und diesen verunglückten Ausgang veranlaßt hätten.
Ergrimmt über diese möglicher Weise durch
Verrath angerichtete Niederlage rächten sich die Meißner dadurch, daß sie die nächstliegenden Dörfer und Schlösser einäscherten. Durch Unterhandlungen und scheinbare Nachgiebigkeit brachte es Sigismund doch dahin , daß er am 21. Juli in der Königsburg zu Prag mit den gewöhnlichen Feierlichkeiten als König von Böhmen gekrönt wurde. Somit schien der Streit gehoben und die meißnischen Fürsten traten mit ihren Truppen den Rückmarsch an. Der Sieg über die aufgeregten Gemüther in Böhmen war jedoch nur ein scheinbarer
206
V. Thüringen unter den Markgrafen von Meißen.
gewesen; denn Sigismund kam zu keiner Gewalt in dem Lande. Gleichzeitig fürchteten sich aber auch die deutschen Fürsten vor weiterer Ausbreitung der vermeintlichen husſitiſchen Kezerei und so vereinigten sich 1421 zunächst die geistlichen Kurfürsten von Mainz , Trier und Köln mit Kurpfalz zu kräftiger Abwehr. Dem Bündniſſe traten auch die meißnischen Fürsten bei , welche neben dem Eifer für die Religion zugleich auch die Sorge wegen eines etwaigen Einbruches der ihnen benachbarten Hussiten in ihre Länder zu besonderer Thätigkeit anspornte. Im Sommer 1421 zog Friedrich der Streitbare abermals mit einem Heere nach Böhmen, weil die Hussiten die von meißniſchen Truppen beseßte Stadt Brix hart belagerten. Es kam in der Nähe derselben am 5. August zu einem hißigen Gefechte, in welchem diesmal die Böhmen eine heftige Niederlage erlitten und 2000 Todte und 600 Gefangene verloren . Die Gefangenen wurden auch noch ohne Gnade niedergemacht. Nun rückte auch aus Deutschland ein wunderlich zusammengesettes Hilfsheer ein ; aber demselben fehlte das Obercommando , denn der Kaiser blieb mit seinen eigenen Truppen außen und das veranlaßte Friedrich den Streitbaren, nachdem er den Leitmerißer Kreis mit Ausnahme des Schloſſes Bilin , auf welches der Sturm ohne Erfolg blieb, dem Kaiser wieder unterwürfig gemacht hatte, das Reichsheer dagegen ohne irgend welche Action vorgenommen zu haben sich wieder zurückzog, gleichfalls mit seinen Truppen Böhmen zu verlassen. Auch die Unternehmungen gegen die Hussiten im Jahre 1422 blieben resultatlos . In diesem Jahre war durch das Ableben des Kurfürsten und Herzogs von Sachsen, Albrechts III ein Zankapfel unter einige deutsche Fürsten geworfen worfen , der die Aufmerksamkeit von dem Hussitenkriege in Böhmen vorläufig gänzlich ab- und dieser inneren Landesangelegenheit zuwendete.
Der sächsische Kurkreis umfaßte nicht mehr
das ehemalige Herzogthum Sachsen , denn von diesem hatte schon Albrecht der Bär die wichtige Markgrafschaft Brandenburg abgetrennt. Sein Sohn Bernhard wurde zwar zum Herzog von Sachsen ernannt, erhielt aber nur ein ganz unbedeutendes Gebiet und selbst dieſes spaltete sich noch durch Theilung in Bernhards Hause wieder in Lauenburg und Wittenberg , welche mit einander über den Besit des Erzmarschallamtes stritten. Der lange Streit wurde endlich durch Kaiser Karl IV zu Gunsten Sachsen - Wittenbergs entschieden. Jezt war der lezte männliche Nachkomme der kurfürstlichen Linie aus dem ascanischen Hause gestorben und es ließ sich erwarten , daß sofort verschiedene Bewerber um die erledigte Kurwürde bei dem Kaiser
Friedrich, genannt der Streitbare 2c.
207
Sigismund sich melden würden. Mit der Kurwürde war verbunden : das Erzmarschallamt, das Reichsvicariat in den Ländern des sächsischen Rechtes, und das Directorium mit der Kreishauptmannschaft im obersächsischen Kreise.
Als Bewerber traten auf : erstens der Pfalzgraf am
Rheine, Ludwig der Bärtige für seinen Sohn Ludwig ; zweitens der Kurfürst Friedrich I von Brandenburg für seinen Sohn Johann. Der zuerst genannte Bewerber konnte keinerlei Gründe für seine Ansprüche vorbringen , sondern überließ sich lediglich der Gnade des Kaisers.
Die Gründe des Kurfürsten von Brandenburg standen auf
so schwachen Füßen , daß auch dieser schließlich die Bewerbung aufgeben mußte. Sein Sohn Johann , genannt der Alchymist , hatte nämlich die Tochter des vorlegten Kurfürsten Rudolf von Sachsen zur Gemahlin und daraufhin hatte Friedrich nach dem Tode Albrechts sofort die Kurstadt Wittenberg mit dem besezen lassen.
dazu gehörenden Gebiete
Auch die von dem dritten Bewerber , dem Herzog
Wilhelm von Braunschweig erhobenen Ansprüche konnten nicht behauptet werden ; dagegen machte viertens der Herzog Erich von Sachsen- Lauenburg am zäheſten ſeine Ansprüche geltend , sogar noch nach dem Ableben Friedrichs des Streitbaren, aber immerhin vergebens. Am 6. Januar 1423 wurde Friedrich der Streitbare mit dem Herzogthum Sachsen-Wittenberg und der damit verbundenen Kurwürde durch Lehnbrief belehnt .
Die übrigen Kurfürsten erkannten im Januar
1424 Friedrich den Streitbaren als ihren Mitkurfürsten an, und die förmliche , mit allem Pomp ausgeführte Belehnung erfolgte 1425 zu Ofen.
Als Grund der Belehnung Friedrichs giebt Sigismund an,
daß „Redlichkeit, Festigkeit, Biederkeit und Vernunft , und sonderlich seine willige, unverdroffene Nuge und getreue Dienste , die er ihm wider die Kezer in Böhmen nun etliche Jahre und dem Reiche lange Zeit gethan hätte und noch thäte "
die Veranlassung sei.
Bei
dieser Gelegenheit sei noch bemerkt, daß Friedrich der Streitbare eine Botschaft unter Anführung seines Ober-Marschalls Apel Vizthum an den Kaiser gesandt hatte , um die Verhandlungen wegen Uebernahme der Kurwürde zu führen. Friedrich ist mit der Art und Weise, wie die Angelegenheit von seinem Gesandten geordnet worden ist, so sehr zufrieden, daß er demselben zum Danke Schloß und Stadt Nebra an der Unstrut schenkt mit allen dazu gehörenden Dörfern, Vorwerken , Aeckern , Wäldern 2c . und in der betreffenden Urkunde selbst ausspricht , daß weder er , noch seine Nachkommen der großen Dienste des Apel Bißthum je vergessen würden . Es ist dies ſelbſt= verständlich nicht jener Apel , deſſen im Bruderkriege so unrühmlich
208
V.
Thüringen unter den Markgrafen von Meißen.
gedacht werden wird , sondern deſſen Oheim.
Die Vißthume ſtanden
ſeit 1410 am meißnischen Hofe als Räthe 2c. in speciellem Dienſte der Landesfürften .
Es wird
dieses Umstandes um deswillen hier
gedacht , weil die Vißthums - Familie in der nächstfolgenden Periode eine bedeutende Rolle spielt. Eine zweite Bemerkung dürfte nicht überflüssig sein, daß nämlich seit der Uebernahme der Kurwürde von Sachsen allmählich das ganze Land Friedrichs des Streitbaren Sachsen genannt wurde, daß die Bezeichnungen Meißen , Osterland und Pleißen sich verloren und schließlich auch die Besizungen
des Kurfürsten in Thüringen den
Namen Sachsen bekamen ; daher heute noch die Benennung sächsische Herzogthümer. Daß der Kaiser Sigismund bei der Belehnung Friedrichs mit der Kurwürde nicht nur dem Danke gegen denselben wegen der in dem Hussitenkriege bereits geleisteten Dienste Ausdruck geben wollte, sondern daß er gleichzeitig auch auf fernere kräftige Unterstüßung während des Kampfes hoffte , geht nicht bloß aus dem Lehnbriefe hervor, sondern das beweist auch noch ein anderer Vorgang : Sigismund übergab im Jahre 1423 an Friedrich den Streitbaren die beiden böhmischen Städte Brix und Außig , die er von den bisherigen Pfandinhabern einlösen und so lange als Pfand in Händen behalten sollte , als der Krieg mit den Hussiten dauern würde . Die Behauptung dieser beiden Pläße hat harte Kämpfe mit den Huſſiten zur Folge gehabt. Nachdem dieselben im Sommer 1425 das dem Kurfürsten zustehende Städtchen Dux ( Duxau) gänzlich zerstört hatten, kam es zum Kampfe bei Brix. 4000
Die Kurfürstlichen unterlagen, verloren
Mann , darunter 8 Grafen ,
Schlachtfeld überlassen.
und
mußten dem Feinde das
Der Kurfürst war gerade auf der Fürsten-
versammlung in Nürnberg , als die Nachricht von der Niederlage der Seinigen eintraf und er beschwerte sich bitter darüber , daß von den übrigen Reichsständen zur Unterdrückung des Aufstandes in Böhmen gar nichts geschähe und daß man ihm den Kampf allein überlasse. Aber seine Klagen hatten so wenig Erfolg als die früheren Vorstellungen.
Zum Unglück gestalteten sich für seine Truppen in Böhmen
die Verhältnisse noch ungünstiger ,
weil sich 1426 die bisher unter
sich uneinig geweſenen Secten der Huffiten ,
als die Prager ,
die
Waisen, die Taboriten 2c. vereinigten, um die Deutschen gänzlich aus Böhmen zu vertreiben.
Nach Zizka, der im October 1424 starb, war
als Heerführer Prokop an die Spize getreten und diesem gelang die Vereinigung .
Eine Reihe kleiner böhmischer Städte ,
die mit
209
Friedrich, genannt der Streitbare (1382-1428).
meißnischen Truppen beseßt waren , fielen in ihre Hände und am 6. Juni 1426 schlossen sie auch die Stadt Außig ein.
Die Noth
für die Besaßung war sehr groß, da dieselbe von den Huſſiten keinerlei Pardon zu erwarten hatte. Der Kurfürst befand sich auf der abermals nach Nürnberg ausgeschriebenen Reichsversammlung ; deshalb übernahm es seine Gemahlin Katharina, die Lande aufzubieten .
Es
kam die ansehnliche Streitmacht von 20000 Mann aus Meißen, dem Osterlande und Thüringen zusammen ; als Sammelplag diente die Umgebung von Freiberg im sächsischen Erzgebirge. Die Kurfürſtin war bei der Musterung der Truppen selbst gegenwärtig , ermahnte zur Tapferkeit und warnte zugleich, sich nicht voreilig in ein Treffen einzulaſſen , da der Feind durch mehrjährige Kriegführung in den Waffen und allen Künsten des Krieges vollständig geübt sei . In anstrengenden Märschen rückte man vorwärts und traf vor Außig auf den Feind , der sich schnell hinter einer Wagenburg zu sichern suchte und hier dèn Angriff erwartete.
Am 15. Juni fand die
Schlacht statt; sie lief für das Heer des Kurfürsten so unglücklich aus, daß 7000, nach anderen Angaben sogar 12 000 Mann todt auf dem Plaze blieben. Am längsten hielten die Thüringer Stand , doch mußten auch sie endlich den Kampf aufgeben. Der Bürgermeiſter Johann Welzig aus Gotha hatte mit den Seinen den andringenden Feind dreimal zurückgetrieben , fand aber zuletzt doch noch den Tod, als er im Begriffe stand, die beiden stark verwundeten Grafen Ernſt und Friedrich von Gleichen zu retten.
Um das Banner ihrer Stadt
lagen 400 Bürger von Langensalza; auch im Tode noch vereint. Es sollen an 500 Grafen , Freiherren und Ritter in dem mörderischen Kampfe ihr Leben eingebüßt haben.
Viele erstickten im Gewühle der
Schlacht in der schweren Rüstung vor Hiße und Staub.
Unter den
im Kampfe gebliebenen Edlen waren 12 Grafen und Herren des Thüringer Landes , unter Andern zwei Grafen von Gleichen , einer von Beichlingen, einer von Schwarzburg und ein Herr von Querfurt. Das ganze Gepäck , Pferde , Waffen , Harnische und anderes Kriegszeug nebst ganzen Reihen von Wagen mit Mundvorrath fielen den Siegern in die Hände und diese schrieben spottend an den Kurfürsten : „ Wenn der Bann deines Papstes, der Allen flucht, die uns Lebensmittel und Kriegsbedarf zuführen, gültig ist, so bist du, der du uns Lebensmittel in Menge, Rosse, Wagen und Waffen sandtest, gebannt. “ In Außig wurde die Besaßung sammt der Einwohnerschaft niedergemacht und die Stadt in einen Trümmerhaufen verwandelt. Drei Jahre lang blieb dieselbe in dieſer Verfassung liegen . Kronfeld , Landeskunde. I.
Die Bestürzung 14
210
V.
Thüringen unter den Markgrafen von Meißen.
über die erlittene Niederlage war in den meißnischen Landen allgemein , denn man fürchtete einen Einfall der Hussiten ; doch blieb das Land für diesmal noch verschont. In Thüringen erscholl Jammer und Wehklagen bei der Kunde ; denn es war an der Saale, Unstrut und Werra kein edles Geschlecht, im ganzen Lande keine Stadt und kein größerer Ort, wo man nicht Gefallene zu beklagen gehabt hätte. In den Städten besserte man eiligst Mauern und Wälle aus und übte die junge Mannschaft in den Waffen, um einen etwaigen Streifzug der Huſſiten abzuwehren . Endlich schien es , als ob die Huſſiten gänzlich unterdrückt werden sollten. Am 18. Juni 1427 brach ein Reichsheer von 200 000 Mann auf verschiedenen Wegen in Böhmen ein. Kurfürst Friedrich der Streitbare drang mit seinen Truppen bis in die Mitte des Pilsener Kreises vor und belagerte die Stadt Mies . Weil aber auch diesmal bei den übrigen Abtheilungen kein bestimmter Operationsplan befolgt , eine Vereinigung der sämmtlichen Streitkräfte zu gemeinsamem Vorgehen gar nicht versucht wurde und unter den Häuptern selbst die Eifersucht sich immer mehr steigerte, so hatten die Hussiten leichtes Spiel.
Schon bei der Nachricht von ihrer Annäherung am
21. Juli zerstreuten sich die einzelnen Heere und wandten Böhmen den Rücken zu .
Bei solcher Sachlage blieb dem Kurfürsten Friedrich
auch diesmal nichts übrig, als ebenfalls auf den Rückzug zu denken. Tief bekümmert über den kläglichen Ausgang des Kriegszuges langte er in seinen Landen wieder an und starb schon nach kurzer Zeit, am 5. Januar 1428 zu Altenburg . Drei Tage vor seinem Tode ließ er seine Söhne vor sich kommen und ermahnte sie vor allen Dingen zu brüderlicher Eintracht.
Friedrich mochte wohl mit be=
kümmertem Herzen von den Seinen Abschied nehmen , da die Ausficht in die Zukunft eine energische Kraft an die Spiße der Regierung verlangte, und gleichwohl seine Söhne noch in jugendlichem Alter standen ; denn Friedrich war 1412 , Sigismund 1416, Heinrich 1422 und Wilhelm 1425 geboren. Von den beiden Töchtern wurde Anna 1436 mit dem Landgrafen Ludwig von Hessen , und Katharina 1441 mit dem Kurfürsten Friedrich II von Brandenburg vermählt. Die Kurfürstin Katharina, eine Tochter des Herzogs Heinrich von Braunschweig , mit welcher sich Friedrich 1402 vermählt hatte , überlebte ihren Gemahl um 14 Jahre und fand dann in derselben Fürſtencapelle zu Meißen ihre Ruhestätte , wohin die Gebeine Friedrichs des Streitbaren gebracht worden waren . Sein Bruder Wilhelm , welcher sich im Ganzen wenig um die Regierung bekümmert hatte, war 1425 kinderlos gestorben ; Georg schon 1401 .
Friedrich, genannt der Streitbare (1382-1428).
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Friedrich war der erste Kurfürst aus dem Geschlechte der Markgrafen von Meißen und Landgrafen von Thüringen und verdiente die Erhöhung vollkommen ;
denn was die Beförderung des allge=
gemeinen Besten im deutschen Reiche betrifft , so war er einer der Sein unauslöschlicher Haß gegen die Hussiten eifrigsten Fürsten. war wohl zu verzeihen ; der Geist des Jahrhunderts hielt in Folge des Einflusses der Geistlichkeit alle diejenigen für verdammungswürdig, welche in religiösen Dingen anderer Meinung waren als die Leiter der Kirche . Den Beinamen der Streitbare verdiente Friedrich mit Recht , nicht nur um seiner Kriegszüge willen nach Franken, Litthauen und gegen die Hussiten , sondern ganz besonders , weil er eigenen Lande mit den Waffen in der Hand Ordnung Namentlich während der ersten Jahre seiner Regierung war es nöthig , die überall stattfindenden Unordnungen und Befehdungen mit Waffengewalt abzustellen , und Friedrich hat mit kräftiger Hand
in seinem schaffte.
sichere Zustände geschaffen und damit die erste Bedingung erfüllt, welche zum Wohlbefinden seiner Unterthanen unerläßlich war. Wie Friedrich auf diese Weise der ruhigen Entwickelung von Handel und Gewerbe den besten Vorschub leistete , so hat er nicht minder durch Errichtung der Universität Leipzig gezeigt , daß er zur Förderung der Wissenschaft das Seine beizutragen verstand . Die Besitzungen seines Hauses hat der Kurfürst nicht unwesentlich vermehrt.
Außer dem Herzogthum Sachsen , das ihm mit der
Verleihung der Kurwürde zugefallen war , erwarb Friedrich mit seinem Bruder Wilhelm im Jahre 1389 von den Grafen zu Schwarzburg Schloß und Stadt Saalfeld ; 1393 von dem Burggrafen Dietrich zu Altenburg das Schloß Altenburg ; 1396 von dem Grafen Johann von Schwarzburg Schloß Leuchtenburg und die Städte Kahla und Koda ; 1400 vom Bischof Gerhard von Würzburg Schloß und Stadt Königsberg in Franken ; bald darauf vom Bischof und Capitel zu Naumburg als stiftische Lehen die Schlösser und Städte Schmölln , Ronneburg und Werdau ; 1403 von Wilhelm dem Einäugigen
Haus und Stadt Eilenburg.
1410
überließen beide Brüder Schmölln an Heinrich den Aelteren , Herrn von Weida für seinen Antheil , den er an der Stadt Weida hatte, und kauften 1411 Heinrich dem Mittleren sein Recht am dritten Theile von Weida ab. 1414 erwarben die beiden fürstlichen Brüder von Heinrich, Herrn zu Blankenhain die genannte Stadt mit dem Schloffe und gaben beides dann dem Genannten sammt Tannroda zu Lehen.
Die Pfalzgrafschaft Sachsen sammt Allstedt , welche 14*
212
V.
Thüringen unter den Markgrafen von Meißen.
dem Fürstenhauſe abhanden gekommen war , erhielt Friedrich bei der Erhebung zum Kurfürsten wieder zurück. Sachsen die pfalzgräflichen
Weil aber Rudolf II von
Güter zu Allstedt an die Herren von
Querfurt vergeben hatte , so kam das kurfürstliche Haus erst in den Genuß dieser Güter nach dem Erlöschen jenes Hauses. 1426 zog der Kurfürst die Burggrafschaft Meißen ein , nachdem der lezte Inhaber derselben in der Schlacht bei Außig geblieben war , gerieth aber deshalb mit dem Kaiser , welcher dieselbe als heimgefallenes Reichslehen betrachtete, in Differenz. Diese Angaben werden
wohl
zur
Genüge beweisen , wie der
Kurfürst auf Vermehrung seines Besißthums bedacht gewesen ist.
Kurfürft Friedrich II, genannt der Sanftmüthige.
Seine
Regierung bis zur Landestheilung ( 1428—1445) . Es waren schwere , sorgenvolle Zeiten , als der sechzehnjährige Friedrich II die Regierung übernehmen und dieselbe zugleich für seine jüngeren Brüder mit führen mußte. Nachdem der groß angelegte Feldzugsplan gegen die Huſſiten, wie wir eben sahen, abermals resultatlos geblieben und die Furcht vor jenen unbezwinglich scheinenden wilden Böhmen überall bis zur Lächerlichkeit gestiegen war, konnte man voraussehen, daß dieselben nunmehr ihre Landesgrenzen überschreiten und die Nachbargebiete mit Feuer und Schwert heimsuchen würden .
Bald mußte auch die Markgrafschaft Meißen unter
ihren Raubzügen fürchterlich leiden ( 1428) .
Im nächsten Jahre
ward von den wilden Horden die Lauſiß und auch Meißen wiederum heimgesucht. Alles Land an der Elbe bis nach Magdeburg hinab wurde verheert und verwüstet ; außer einer Menge Ortschaften wurden unter andern auch die Klöster Neuzelle und Grünhain gänzlich zerstört und die Mönche erschlagen. veranlaßte endlich den
Die Eroberung von Altdresden
Landgrafen Friedrich den Friedfertigen von
Thüringen , dem hartbedrängten Lande seiner Vettern zu Hülfe zu kommen. Mit 1000 Reitern vertrieb er die Hussiten aus Altdresden wieder, erlitt aber bald darauf eine
empfindliche Niederlage , bei
welcher einige seiner getreuesten Edlen, nämlich Dietrich v . Wikleben, Georg v . Wangenheim , Friedrich Bißthum und andere das Leben einbüßten, und das veranlaßte ihn, sich wieder nach Thüringen zurückzuziehen . rungszug.
Im Jahre 1430 wiederholten die Hussiten ihren Plünde70 000 ,
nach
anderer Angabe sogar 100 000
Mann
Kurfürst Friedrich II , genannt der Sanftmüthige (1428-1445) .
213
zogen unter Sengen , Brennen und Morden plündernd durch das Meißner , Oster- und Voigtland . Der junge Kurfürst befand sich damals gerade in Leipzig und man hätte wohl eine Einschließung der Stadt erwarten dürfen. Allein ähnlich den Ungarn zur Zeit Heinrichs I zogen auch die Huſſiten an sehr festen Punkten vorüber, ohne sich mit einer Belagerung lange aufzuhalten.
Deshalb rückten
fie von Leipzig nach Altenburg ab. Die Bürgerschaft . daselbst war bereits geflohen und der Adel hatte sich in die feste Burg geflüchtet. Die Stadt Altenburg wurde rein ausgeplündert und dann in einen Schutthaufen verwandelt. Der Vernichtungszug bewegte sich nun weiter nach dem Voigtlande , wo die Städte Werdau , Reichenbach, Auerbach , Delsnit und
Plauen von dem traurigen Schicksal der
Einäscherung ereilt wurden.
Nachdem alle Vorräthe aufgezehrt und
was nur irgend an transportabeln Habſeligkeiten zu erlangen geweſen, als Beute auf den Weg nach Böhmen gebracht worden war , wandte fich die wilde Rotte nach Franken und Bayern bis gegen Bamberg hin und suchte unter andern die Städte Hof, Culmbach und Baireuth, überhaupt die Besizungen des Markgrafen von Anspach - Baireuth heim . Auch hier wie in Meißen erlagen Männer und Frauen, Greise und Kinder der Wuth jener Barbaren.
An hundert Städte
und fünfzehnhundert Dörfer waren in diesem Jahre auf dem Vernichtungszuge in Schutthaufen verwandelt worden , und auf dreitausend Wagen führten die nach Böhmen.
Sieger ihre
werthvollsten Beuteſtücke
Der große Heeres- und Kreuzzug der Deutschen gegen die Huſſiten im Jahre 1431 nahm, wie der frühere, ein lächerliches Ende. 1433 unternahmen die Hussiten abermals einen Streifzug in das Osterland und bei dieser Gelegenheit soll Prokop bis in die Nähe von Naumburg a. d . S. gekommen und nur durch die Bitten der in das Lager gesandten Schuljugend von der Zerstörung der Stadt abge= halten worden sein. *) *) Bekanntlich feiert man noch heute in Naumburg alljährlich zum Andenken an jene Begebenheit ein mehrtägiges Fest , obwohl neuerdings nachgewiesen wurde (Lepfius , kleine Schriften. Band 1 ) , daß die Huffiten gar nicht bis zu der genannten Stadt vorgedrungen sind. Wenn der Feier jenes Kirsch- und Kinderfestes wirklich ein geschichtliches Factum zu Grunde liegt, so muß eine arge Verwechselung vorgegangen sein , indem alsdann unter den Hussiten die Böhmen als Hilfstruppen Herzog Wilhelms im Bruderkriege zu verstehen sind . Wie wir aus der später folgenden Darſtellung des Bruderkrieges ersehen werden , stand der Bischof Peter von Naumburg auf der Gegenpartei Herzog Wilhelms und dieser hatte sich vorgenommen , Naumburg zu erobern
214
V.
Thüringen unter den Markgrafen von Meißen.
Was mit Waffengewalt bei den Hussiten nicht zu erzwingen ge= wesen war, das wurde endlich durch Unterhandlungen erreicht. Das Concilium zu Basel gestand den Hussiten die freie Lehre des aposto= lischen Glaubens , die Güterlosigkeit ihrer Geistlichen und den Genuß des Abendmahles unter beiderlei Gestalt zu, doch sollten ihre Priester das Volk fleißig belehren , daß unter jeder Gestalt Christus ganz enthalten sei. Die gemäßigte Partei, und das war der größte Theil des böhmischen Volkes, nahm den Vergleich willig an ; dagegen wollten zwei andere Parteien , denen es unter Anführung der beiden Prokope, des Großen und des Kleinen , jezt mehr um Raub und Beute als um Glaubenslehren zu thun war , von keinem Vergleiche hören ; es waren die Taboriten und die Waiſen . Die beiden Lager der Hussiten geriethen nun unter sich mit scharfen Waffen an einander. In einer mörderischen Schlacht unweit von Prag kamen die beiden Prokope im ums Leben , ihre Partei unterlag und nun endlich wurde nach achtzehnjährigem blutigem Kampfe Friede geschlossen . Unsere jungen Landesfürſten waren somit einer großen Sorge enthoben. Bisher hatten die fürstlichen Brüder die Regierung ihrer Länder und alle Kriegs- und Friedensgeschäfte gemeinschaftlich vorgenommen ; Jahre 1436
nachdem aber der dritte Bruder Heinrich im Juli 1435 gestorben war, ließen sich die beiden älteren , Friedrich und Sigismund, verleiten , eine Theilung der Länder auf neun Jahre , also bis 1445 vorzunehmen.
Damals war der jüngste Bruder Wilhelm erst 11
Jahre alt und daraus erhellt deutlich genug , wie wenig Geschichtskenntniß diejenigen verrathen, welche ihn als Veranlasser der sächsischen Landestheilung überhaupt bezeichnen . Sigismund war ein sehr lockerer, allen Sinnengenüſſen ergebener ausschweifender Mensch, trat schließlich aus Neigung zu einer Nonne in den geistlichen Stand und verzichtete damit auf seinen Landestheil, der nun ebenfalls unter die beiden Brüder und zu zerstören. Ein Naumburger Chroniſt, der Stiftsſyndicus C. M. Eulenberger († 1696) erzählt den Vorgang wie folgt : „Herzog Wilhelm Bischof Petern in seinem Stift auch heimsuchet ; hat ſich mit allerlei Rüstung zum Sturm . gefaßt gemacht in Willens , Naumburg mit Sturm zu erobern . Die Naumburger schickten ihm aber ihre Kinder mit Zweigen und Früchten entgegen ; die thäten ihm einen Fußfall und erlangten Gnade , zumal da er gleich wider den Herrn zu Gera auch erbittert war, daß er dahin von Naumburg abzoge." Die Sage mit den Hussiten ist durch einen Mönch Namens Taube zur Zeit der Reformation, also etwa 100 Jahre nach der vermeintlichen Begebenheit aufgebracht worden. Seine Erzählung wurde 1782 wieder aufgefrischt und zwar gab der Verfasser der damals erscheinenden Schrift vor, die handschriftliche Chronik des Taube als Grundlage benutzt zu haben.
Kurfürst Friedrich II, genannt der Sanftm üthige (1428–1445).
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Friedrich und Wilhelm vertheilt wurde. Es sei über denselben gleich noch bemerkt , daß er 1440 zum Bischof von Würzburg erwählt, seiner unmoralischen Aufführung halber aber vom Domcapitel bald wieder abgeſeht wurde. Er suchte sich zwar zu behaupten und ſeine Brüder standen ihm in diesem Vorhaben bei ; doch die Markgrafen von Brandenburg unterstützten das Domcapitel , so daß jene nichts ausrichten konnten . Das Bisthum wurde auf Grund eines kaiserlichen Ausspruches 1442 einem Verweser übergeben und Sigismund erhielt jährlich 2000 rheinländische Gulden. Diese Abfindung war ihm gar nicht gelegen ; deshalb kehrte er 1443 in sein Vaterland zurück und versuchte, wieder in den Besitz desjenigen Landestheils zu kommen, der ihm früher zugesprochen worden war.
Seine Anschläge wurden
verrathen und theils aus diesem Grunde , theils aber auch um ſein anstößiges Leben der Oeffentlichkeit zu entziehen , ließen ihn seine Brüder zuerst auf dem Schlosse Scharfenstein , dann in Rochlit verwahren, wo er 1463 an der Wassersucht starb. Am 4. Mai 1440 war der Landgraf von Thüringen, Friedrich der Friedfertige gestorben ; seine Vettern , Friedrich und Wilhelm nahmen das Land in Beſiß und behielten es gemeinſchaftlich bis zum Ablauf der früher auf neun Jahre festgefeßten Theilung ihrer Länder. Sobald die damals festgesezte Frist verstrichen war , wurde nun am 10. September 1445 zu Altenburg eine wirkliche , unwiderrufliche Auf alle Fälle bestand schon jezt Landestheilung vorgenommen . unter den fürstlichen Brüdern ein Zwiespalt, der durch zwei böse Räthe Wilhelms, die Brüder Apel und Buffo Vißthum noch genährt wurde. Apel hatte durch seine Schlauheit den jungen , erſt zwanzigjährigen Herzog Wilhelm ſo gänzlich umſtrickt, daß derselbe in ernſtlicheren Angelegenheiten nichts vornahm, als was dieſer ſein „ Lieber und Getreuer" ihm angegeben hatte. Da nun aber Apels ehrgeizige und habsüchtige Pläne von den Räthen Friedrichs , unter denen besonders Georg v. Bebenberg sein persönlicher Feind war, gar häufig durchkreuzt wurden, so arbeitete Apel natürlich darauf hin, das ge= meinschaftliche Regiment zu beseitigen. Anstatt den Brüdern von einer Landestheilung abzurathen lag es also in seinem eigenen Interesse, wenn dieselbe je eher je lieber vollzogen wurde. Aber auch dem Kurfürsten Friedrich II muß dieselbe gerade recht gewesen sein ; denn wäre die erste Theilung des Landes , welche allerdings nur um der Einkünfte willen vorgenommen wurde, nicht nach seinem Willen und nur auf Betrieb des unruhigen Sigismund geschehen , so lag es ja 1436 , als Sigismund auf seinen Antheil verzichtete, ganz in seiner
216
V.
Thüringen unter den Markgrafen von Meißen.
Hand , die vorgenommene Sonderung wieder rückgängig zu machen. Der Grund scheint tiefer zu liegen. Auf jeden Fall ließ Friedrich seinem Bruder Wilhelm fast keinen Antheil an der Regierung , was diesen ernstlich verdroß. Ausgeschlossen von der Theilung blieb natürlich der Kurkreis, auf welchen nur Friedrich als Nachfolger in der Kurwürde Anspruch zu machen hatte. Wilhelm bestimmte die Theile und Friedrich wählte sich als seinen Antheil das am Kurkreise zunächst gelegene Meißnerland und einige Stücke des Oster- und Voigtlandes , während für Wilhelm Thüringen ,
das Uebrige vom Oster- und Voigt =
lande und die Besizungen in Franken verblieben. Wilhelm schlug nun seinen Wohnsiz hauptsächlich in Weimar auf ; aber wir finden ihn in den ersten Jahren seiner Regierung abwechselnd in Jena, Edartsberga, Weißenfels, Gotha, Coburg und noch an anderen Orten, was sich aus den von ihm unterschriebenen Urkunden sowie aus seiner Correspondenz mit der Stadt Sangerhausen , von der bald mehr die Rede sein wird, ergiebt.
Herzog Wilhelm III, genannt der Tapfere ( 1445—1482). Wenn irgend einem thüringischen Landesfürsten durch falsche Beurtheilung von späteren Geschichtsschreibern bitteres Unrecht zugefügt worden ist , so ist es Herzog Wilhelm III von Weimar. Ihm allein schiebt man die Schuld zu an dem bald nach der Landestheilung ausgebrochenen Bruderkriege ; ja man hat sich nicht ent= blödet , Parallelen zu ziehen zwischen ihm und dem übelberüchtigten Albrecht dem Unartigen, hat ihm schuld gegeben, daß er gleich jenem das Thüringerland habe verkaufen wollen , daß er seine Gemahlin eben so wie jener um einer Buhlerin willen auf das Unwürdigste behandelt , sie nach der Eckartsburg verbannt und dort habe einmauern lassen ; man hat ihm ferner zum Vorwurf gemacht , daß er mit falter Grausamkeit die Einwohnerschaft der Stadt Gera habe hinmorden lassen 2c. Es ist wahr, was die Zerstörung Geras betrifft, so ist das ein böser Schandfleck ; aber Wilhelm wollte einen Grafen abstrafen , der ihn nicht bloß persönlich verhöhnt , sondern ihm auch mit seinen Leuten als Plünderer in das Land gefallen war. ALS die böhmischen Hülfsvölker Gera einmal erſtürmt hatten , ließen sie sich nicht mehr zügeln. Fragen wir aber weiter : was that denn Friedrich der Sanftmüthige in Wilhelms Lande ? Wurden nicht unter
Herzog Wilhelm III, genannt der Tapfere (1445-1482) . seinen Augen ganze Reihen
von Ortschaften niedergebrannt ?
217 Es
charakterisiren jene Vorgänge nur das noch entseßlich rohe Zeitalter, in welchem sie sich abspielen . Die nachfolgende Darstellung wird zeigen , wie wenig Wahres an allen jenen zur Verunglimpfung Wilhelms erfundenen Erzählungen ist und sie wird auch nachweisen, aus welchen unlauteren Quellen die boshaften Nachreden geflossen sind.
Wilhelm
war
einer der
größten ,
weiſeſten und tapfersten
Fürsten , dem wahre Frömmigkeit innewohnte und der zwar ein sehr strenges , aber gerechtes Regiment führte. Eine große Schwäche hat er nur im Anfange seiner Regierung gezeigt und dieſe beſtand darin, daß er sich den Rathschlägen seiner Räthe : Apel und Buſſo Vizthum *) zu sehr hingab ; aber man darf dabei nicht vergessen , daß er erst 20 Jahre zählte als er die Regierung selbständig übernahm ; sobald sein Urtheil ein gereiftes und selbständiges wurde, überzeugte er sich
*) Es ist der Beiden schon vorher gedacht worden und es dürfte nicht überflüssig sein, über diese, seiner Zeit sehr begüterte und ausgebreitete Familie der Vißthume einige Worte einzuschalten , zumal , da man hier und da immer noch Verwechselungen von Gliedern derselben begegnet. Der Stammſit jener Familie ist die Stadt Apolda und als erſter, 1123 urkundlich aufgeführter Ahnherr derselben ist „ Ditterich von Appolda" anzusehen. Die Familie legte später die Benennung „ von Apolda“ ab und nahm dafür Titel von Aemtern an , welche einzelnen Gliedern durch die Erzbischöfe von Mainz übertragen wurden. Einer aus der Familie , wieder ein Dietrich , wird Vicedominus in Erfurt (als solcher urkundlich genannt 1162 und 1170), und hat als solcher den Erzbischof in Ausübung seiner verschiedenen Rechte in genannter Stadt zu vertreten. Aus Vicedominus entstand nachgehends durch Abkürzung zunächst Viczdom ; das änderte sich später um in Vizdum und schließlich wurde Vißthumb daraus. Es ist deshalb eigentlich auch ganz falsch, wenn von Geschichtsschreibern die Familie genannt wird von Vißthum. Die Glieder des apoldaiſchen Hauptstammes fügten ihrem Namen Vißthum häufig noch bei : „ von“ oder auch „auf Apolda". Bis zum 17. Jahrhundert schreiben sich die Herren selbst glattweg Bizzthum. Der nach seines Vaters Tode im Vicedominate nachfolgende Bertoldus hat drei Brüder von gleichen Namen, lauter Dietriche , von denen der Eine Kämmerer, der Andere Schenk und der Dritte Truchseß des Mainzer Erzbischofs wird ( alle vier Brüder urkundlich genannt 1192) . Wie sich die Benennung Vißthum forterbte , so nicht minder einige Jahrhunderte hindurch auch die Bezeichnung Schenk , doch fügten die Schenken in der Regel hinzu : von Apolda. Auch in Beziehung der Schenken treffen wir häufig auf Verwechselungen , indem dieſe Schenken mit denen der Thüringer Landgrafen verwechselt werden. Bekanntlich hatten die Herren von Vargula das Schenkenamt am landgräflichen Hofe; die Herren von Apolda aber bekleideten das gleiche Amt am erzbischöflichen Hofe. Von den Vargulaer Schenken stammten die Schenken von Tautenburg, Saaleck, Trebra , Dornburg, Priesnih zc. ab , während die Schenken von Döbritschen apoldaiſchen Stammes waren. Die
218
V.
Thüringen unter den Markgrafen von Meißen.
bald von der Habsucht und dem Eigennuße der Genannten und ging mit aller Strenge gegen dieselben vor. Doch wir wollen dem Nachfolgenden nicht vorgreifen. Bald nach der vollzogenen Landestheilung trat die Uneinigkeit zwischen den beiden Brüdern noch mehr zu Tage ; aber als Frrthum muß es doch wohl bezeichnet werden , wenn Einige behaupten , daß fich Herzog Wilhelm in seinem Antheile verkürzt gefunden habe ; denn er hatte ja selbst die Größe der Theile bestimmt. Vielmehr berichten Müllers Annalen gleichlautend mit v. Brauns Geſchichte Sachsens, daß der Kurfürst seinem Bruder die Leibgedingsbriefe aus unbekannten Ursachen vorenthielt .
Es gewinnt überhaupt den An-
schein , als habe Friedrich seinen jüngeren Bruder gewissermaßen bevormunden wollen, was sich dieser freilich nicht gefallen ließ. Wenn nicht einige befreundete Fürsten , nämlich der Kurfürst Friedrich von Brandenburg , der Landgraf Ludwig von Heſſen und der Erzbischof beiden Schenkenfamilien traten aber durch Verheirathung in Familienverwandtschaft. 1265 wird Heinrich, Schenk von Apolda als Schwiegersohn Walters von Vargula genannt ( Gem. ernest. Archiv in Weimar. Urkunden). Eben so gehörten die Herren von Isserstedt zu der apoldaischen Familie. In einer Urkunde von 1272 nennt Bertold v . Iſſerſtedt einen der apoldaischen Herren seinen Bruder. Eine dritte Abzweigung war die eine der beiden Familien, die sich von Meldingen ( Mellingen) nannten. Die Hauptfamilie blieben aber immer die Vißthume. Die wichtigste Abzweigung von dem apoldaischen Hauptstamme (wahrscheinlich um 1250) waren die Vißthume v. Eckstedt , nicht allein , weil diese Linie heute noch in mehreren Familien blüht , sondern weil ein Zweig derselben um seiner ausgezeichneten Staatsdienste willen im Jahre 1711 in den Grafenstand erhoben wurde und dem königl . sächs. Hofe durch mehrere Generationen und bis auf die gegenwärtige Zeit als Diplomaten, Generale oder in anderen wichtigen Hofchargen wesentliche Dienſte erwiesen hat. Ungefähr um 1300 erwarb ein Vizthum von Apolda , Namens Bosse, Burg und Dorf Niederroßla und wurde Begründer einer neuen Abzweigung : der nied erroßlaer Vißthume. Die Nachkommen dieſer Vißthumsfamilie verstanden es zu ihrer Zeit am besten in dem speciellen Dienste der Landesfürsten sich Macht und Ansehen zu verschaffen. 1396 tritt z. B. Burchard, Vißthum zu Roßla als Bürge ein für eine Schuld des Landgrafen Balthasar. Apel Bithum erscheint 1408 als Rath , Busso Vißthum in derselben Urkunde als Marschall des Landgrafen Friedrich des Friedfertigen. Beide sind Brüder. Buffo bleibt dem Dienste seines Landgrafen vorläufig noch treu, während Apel fich zu Friedrich dem Streitbaren wendet , als dessen Rath er urkundlich in den Jahren 1410, 1414, 1418, 1420, 1421, und als Obermarschall 1423 erscheint. Auf seine Schilderung der Zustände am Hofe Friedrichs des Friedfertigen griffen damals Friedrich der Streitbare und sein Bruder in die Regierung Thüringens ein. Er ist derselbe , welcher die Verhandlungen leitet wegen Uebernahme der Kurwürde, und welchem der neue Kurfürft aus Dankbar-
Herzog Wilhelm III, genannt der Tapfere (1445-1482) .
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Friedrich von Magdeburg vermittelnd eingetreten wären , so hätten die Brüder schon jezt zu den Waffen gegriffen . Auf einer Versammlung zu Halle a. S. wurde die Sache nochmals gütlich beigelegt. Wilhelm gab an seinen Bruder Altenburg und Burgau ab und erhielt dafür Freiburg an der Unstrut.
Ueber die Stadt Weida sollte das
Loos entscheiden und derjenige , dem sie zufalle , dem Andern 12000 Gulden auszahlen.
Der am 9. December 1445 aufgerichtete Ver-
trag heißt der hallische Machtspruch. *) Der Friede war nur scheinbar wieder hergestellt ; das zeigte sich schon nach wenigen Wochen.
Am
9. Januar 1446 hielt der Herzog Wilhelm einen Landtag in Weißensee, zu welchem außer der Ritterschaft Thüringens auch Abgeordnete der Städte erschienen und
an welchem selbst` der Erzbischof
von
Magdeburg Theil nahm . Man berieth eine bessere Gerichtsordnung, segte fest , wie es bei Käufen und Verkäufen gehandhabt werden solle, um hierin Gleichmäßigkeit zu erzielen, verbot vor allen Dingen, bei auswärtigen Gerichtshöfen sich Recht zu holen und dergleichen mehr. Der Schluß jener Verhandlungen lautete : „Wenn es Sache würde,
keit die Stadt und Burg Nebra schenkt. 1418 brachte dieser Apel auch Stadt und Schloß Tannroda durch Kauf an sich. Sein gleichnamiger Sohn trat in dem zum zweitenmale ausgebrochenen Bruderkriege auf Seite des Kurfürsten Friedrich des Sanftmüthigen und war einer jener bösen Geſellen , welche die Zeitgenossen mit dem entehrendeu Namen „ Brandmeiſter“ belegt haben. Die Namensgleichheit mit dem übelberüchtigten Apel Vißthum auf Wilhelms Seite hat schon manche Verwechselung herbeigeführt , weil in den älteren Geschichtswerken jede nähere Unterscheidung fehlt (S. in Herzogs thür. Geschichte S. 422). Busso Bißthum ist auch in den Dienst Friedrichs des Streitbaren übergetreten und war 1426 in der Schlacht bei Außig Oberster des meißniſchen Kriegsvolkes. Seine drei Söhne : A pel , Busso und Bernhard ſind nun diejenigen Vißthume, welche am Hofe des Herzogs Wilhelm von Weimar bald nach ſeinem Regierungsantritte eine wichtige Rolle spielen. Ihre Beſißungen waren ziemlich ansehnlich geworden ; denn außer Niederroßla besaßen sie noch die Dörfer: Kötschau , Wickerstedt , Mattstedt , Pfiffelbach, Isserstedt , 1430 hatten sie Reinstedt und die Städtchen Sulza und Magdala. außerdem mit ihrem Vater von den fürstlichen Brüdern die Schlösser und Städtchen Camburg und Dornburg pfandweise an sich gebracht und 1441 auch die Wachsenburg mit den Dörfern Apfelstedt , Holzhausen uud Haarhausen. 1441 erkauft Apel Dorf und Schloß Lichtenwalde im jezigen Königreich Sachsen und 1446 von den Erfurtern die Burg Capellendorf (Urkunde im Geh. Haupt- und Staatsarchiv in Weimar). Während des Bruderkrieges nahmen weder die apoldaischen noch die eckstedter Vißthume für einen der fürstlichen Brüder Partei ; dafür war die niederroßlaer Vißthumsfamilie um so rühriger. *) Gem. ernest. Archiv in Weimar. Urkunden,
220
V.
Thüringen unter den Markgrafen von Meißen.
daß Herzog Wilhelm ohne Leibeserben stürbe, so wolle man nur den im Lande Thüringen als seinen Nachfolger anerkennen , der die aufgesezte Ordnung und Verschreibung anerkenne. " *) Aus
diesem
lezteren Beschluß
wollte man
kurfürstlicherseits
herauslesen , als ob Wilhelms Räthe damit umgingen , Thüringen dereinst der Krone Böhmen in die Hände zu spielen. Der Kurfürſt Friedrich fühlte sich in seinen Erbrechten gekränkt und das erbitterte ihn dermaßen, daß er von seinem Bruder verlangte, er solle seine vier Räthe : Apel und Buſſo Vißthum von Roßla , Bernhard von Kochberg und Friedrich von Wizleben sofort von seinem Hofe entfernen. Allein Wilhelm gab zur Antwort : „ Eher will ich mit diesen aus dem Lande gehen , als daß ich sie entlasse. " Die Anforderung des Kurfürsten zeigte ganz unmißverständlich , wie erbittert derselbe auf die herzoglichen Räthe war , und diese , namentlich Apel Vißthum, ließen es nun ihrerseits auch nicht daran fehlen , die Erbitterung Wilhelms über die nur allzusehr nach Bevormundung aussehende Forderung des Kurfürsten noch zu steigern. Ohne Weiteres rückte der Kurfürst mit „ Büchsen und Gezeug vor Roßla ( Niederroßla) in ganzer Meinung , das Schloß zu wältigen und zu stürmen " und damit Apeln zu züchtigen . **) Wir sehen also , daß der Kurfürst ohne Der Markgraf vorherige Kriegserklärung zu den Waffen griff. Albrecht von Brandenburg war damals gerade bei dem Herzog Wilhelm in Weimar anwesend , vermittelte noch einmal den Frieden und der Kurfürst zog mit seinem Heere wieder ab , nachdem mehrere Dörfer geplündert und zerstört worden waren. Dieses haſtige Ergreifen der Waffen war jedenfalls ein sehr schlimmes Zeichen für die Zukunft.
Das Kriegsgewitter zog sich in Wirklichkeit auch immer
drohender zusammen . Herzog Wilhelm meldet der Stadt Sangerhauſen ***) unter dem 24. April 1446 , daß sie sich rüſten ſoll zu *) So berichtet uns Hartung Kammermeister in seinen Annalen von Erfurt 1440-1467, abgedruckt in Mencken , Scriptores rerum Germanicarum praecipue Saxonicarum Tom. III pg. 1185-1238 . Kammermeister war Rathsherr in Erfurt, lebte zur Zeit jener Vorgänge und gilt als glaubwürdiger Berichterstatter. **) Hartung Kammermeiſter. ***) Großherzogl. S. Geh. Haupt- u. Staatsarchiv in Weimar: Documenta et acta publica Sangerhusana ; ab Anno 1441-1470. Sangerhausen genoß das ganze Vertrauen Wilhelms ; darum meldet derfelbe jener Stadt nicht nur alle wichtigen Vorgänge, sondern bittet auch häufig, ihm einige dortige Rathsherren zu senden, die ihm mit gutem Rathe zur Hand gehen. Auch der Kurfürst wendet sich nicht selten an die Stadt. w Alle weiterhin folgenden , auf
Herzog Wilhelm III, genannt der Tapfere (1445-1482) .
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Pferde, zu Wagen und zu Fuße ; *) doch scheint er damals selbst noch nicht an den Ausbruch eines Krieges geglaubt zu haben , denn er veranstaltet am 20. Juni 1446 in der ihm besonders lieb gewordenen Stadt Jena seine Hochzeitsfeier mit Anna, der Tochter des deutschen Kaisers Albrecht II . Aber zu gleicher Zeit hielt der Kurfürst in Leipzig einen Landtag ab, zu welchem er nicht nur die Stände ſeines Landestheils, sondern sogar auch etliche aus dem Lande seines Bruders mit einlud, um mit ihnen die Ausführung des bevorstehenden Krieges zu berathen ; und wirklich gelang es ihm , unter denselben eine namhafte Zahl auf seine Seite zu bekommen.
Da waren die Grafen
Otto v. Stolberg, Günther und Hans v. Beichlingen, Vollrath und Günther v. Mansfeld , Ludwig v. Gleichen ;
ferner : Bruno ,
edler
Herr zu Querfurt, die Schenken v. Tautenburg, Hermann v. Harras zu Oßmannstedt,
Christian v. Wizleben zum Wendelstein u. a. m .,
welche ihren Herrn verließen. Während die Verhandlungen in Leipzig stattfanden, feierte der Herzog Wilhelm ahnungslos seine Hochzeit in der solennesten Weise und hatte nicht nur eine große Anzahl Grafen und edle Herren aus seinem Lande geladen, sondern auch verschiedene Fürsten und Bischöfe, als die Markgrafen Johann und Albrecht von Brandenburg , seinen Schwager den Landgrafen Ludwig von Heſſen, den Erzbischof von Magdeburg und die Bischöfe von Naumburg und Merseburg ; kurz es war eine so große Anzahl Herren mit ihren Dienern anwesend, daß in Jena nahe an 3000 Pferde untergebracht werden mußten. Indem sich Wilhelm mit seinen Gäſten zur Tafel
Sangerhausen sich beziehenden Angaben sind jener interessanten Correspondenz des Herzogs Wilhelm mit der Stadt entnommen. *) Die Kriegsrüstung hatte Vieles aus dem kurz vorhergegangenen Huſſitenkriege angenommen , was ſich aus der erwähnten Correspondenz mit Sangerhausen ergiebt. Die Bürger sollen sich rüsten mit Harnisch und Steinbüchsen, d. h. Kanonen. (Bevor eiserne Geschosse aufkamen , schoß man mit Steinen. Zu jeder Steinbüchse gehörte ein Büchsenmeiſter. 12-20 Steine wurden auf eine solche Büchse als Geschoß mitgeführt, doch wurden vorsorglich auch Steinmeßen mitgenommen , um anderweit nöthige Steine zu behauen.) Ferner gehörten zur Rüstung : Handbüchsen, in welche Kloten oder Gewichte geladen wurden , daher die Waffe manchmal Klot- oder auch Klotzbüchse genannt wird ; Armbrüste mit Pfeilen, deren sehr viele verschossen wurden. Der Herzog verlangt später mehrere Wagen voll Pfeile , auf jedem 10–12 Schock. Ferner ſoll man anſchaffen : Pafeisen, d . h. große Schilde, die man auf die Erde stellte , um sich dahinter zu sichern ; Lebden oder Levicken (wahrscheinlich Brustharnische) und Eisenhüte. Bei den Wagen sollen sein : Flegel , Aexte, Hauen, Schaufeln , eiserne Ketten , Bretter und andere Sachen zur Wagenburg und zum Streite gehörend.
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V.
Thüringen unter den Markgrafen von Meißen.
niedersezte , kam die Nachricht von den Verhandlungen in Leipzig mit dem Zusage , daß der Krieg bald ausbrechen werde. Bestürzt verließen alle Gäste den Saal und Wilhelm eilte nach Weißenfels , um die Stadt in Vertheidigungszustand seßen zu lassen. Das ganze Auftreten des Kurfürsten seinem Bruder gegenüber ist gewiß be= zeichnend genug und rechtfertigt vollkommen die zu Eingange des Capitels ausgesprochene Behauptung, daß man dem Herzog Wilhelm auch in Betreff der Veranlassung zum Bruderkriege gewöhnlich bitteres Unrecht zufügt. So schnell kam es indessen nicht zum Treffen , denn erst unter dem 8. und 9. September schreibt der Herzog nach Sangerhausen, daß sein Bruder mit Hehrezcuge uff die beyn kommen und gedächte sein Land zu überziehen " ; und : „sobald wir euch Botschaft thun, sollt ihr ungesäumt folgen an die Ende, als ihr verstehen werdet und doch nicht weiter, denn bis an die Grenze unserer Lande, denn wir nicht meinen , Jemanden zu überziehen " (mit Krieg) 2c.
Der
Herzog wollte sich also nur gegen einen vorauszusehenden Angriff von Seiten seines Bruders vertheidigen . Der Kurfürst meldete zwar gleichfalls nach Sangerhausen (9. October 1446) , daß er sich vorgenommen habe , nur die Räthe Wilhelms , welche er alle vier mit Namen aufführt , zu züchtigen ; troßdem finden wir ihn im Januar 1447 mit der Belagerung Freiburgs an der Unstrut beschäftigt, also vor einer Stadt des Herzogs .
In demselben Monate bekundeten eine
große Anzahl Adeliger ihre Parteinahme für den Kurfürsten durch Einsendung von Fehdebriefen an den Herzog Wilhelm , von denen noch eine große Anzahl vorhanden ist. *)
Darüber war der Herzog
sehr erbittert und nahm einigen derselben ihre Besizungen in Beschlag. Der Wendelstein wurde weggenommen und Oßmannstedt gänzlich ausgebrannt.
Dafür nahm Friedrich den Antheil seines Bruders an
der Stadt Freiberg in Sachsen in Besih, das Beide um des Bergbaues willen gemeinschaftlich behalten hatten ; ferner Schloß Lichtenwalde, mit welchem er Hermann Harras für die zerstörte Burg Oßmannstedt
entschädigte.
Offenbar waren
aber
die Länder
des
Herzogs Wilhelm übler daran , als die seines Bruders ; indem die Verbündeten des Kurfürsten mehrere Heerhaufen bildeten , welche sengend und plündernd das Thüringerland durchzogen. Wiehe
weggenommen ;
ferner
auch Stadt
und
So wurde
Schloß Nebra ,
welches Apel Vißthum von Tannroda gehörte, der sich jezt noch auf
*) Gem . ernest. Archiv in Weimar.
Urkunden.
Herzog Wilhelm III, genannt der Tapfere (1445-1482). Seiten Wilhelms befand.
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Um diese Zeit ging der bisherige Hofmeister
des Herzogs Wilhelm, Graf Ernst von Gleichen -Blankenhain mit seinem Bruder zum Kurfürsten über und motivirte seinen Uebertritt in das feindliche Lager damit, daß ihm der Stolz und die Herrschsucht Apels unerträglich seien. Der Graf brachte 800 Mann zusammen, mit denen er die Vißthumschen Güter in den Pflegen Camburg und Dornburg verwüstete.
Die übrigen Verbündeten des Kurfürsten verwüsteten die
Gegend um Weißenfels ,
während
die Mannschaften
des Herzogs
Wilhelm die Stifter Merseburg und Naumburg , deren Bischöfe die Partei Wilhelms verlassen hatten , sehr hart mitnahmen.
Kurz es
war ein gegenseitiges Morden , Sengen und Brennen während des ganzen Bruderkrieges und darin liegt eben das Empörende desselben, daß die beiden Parteien nicht in offener Feldschlacht ihre Sache zu entſcheiden ſuchten , sondern daß sie sich gegenseitig ihre Länder verwüsteten und die Unterthanen in das Unglück stürzten. Es bewährte sich wieder das Sprichwort : „ Wenn die Großen sich bekriegen, müssen die Kleinen Haare lassen. " Um den Greuelthaten endlich Einhalt zu thun, traten die Markgrafen von Brandenburg mit dem Landgrafen von Hessen vermittelnd ein. *)
zu einem gedeihlichen Frieden kam es aber um deswillen
nicht, weil der Herzog Wilhelm auf die Hauptforderung seines Bruders, die Vizthume zu entlassen , nicht einging . Vorläufig wurde eine Waffenruhe verabredet und am 24. April 1447 ſollten im St. Georgen= kloster in Naumburg die Verhandlungen beginnen . Man muß die Versöhnung vorläufig auch zu Stande gebracht haben , denn der Herzog schrieb ganz erfreut an seine Stadt Sangerhausen (dat. Freiburg an der Unstrut den 12. Mai) : „Wir fügen Euch zu wissen, daß die Sachen zwischen unserm Bruder, uns und beiderseit allen den Unseren gründlich und ganz versöhnet und gerichtet sind , bis auf etliche rechtliche und gütliche Austräge , die auf beraumter Zeit geschehen sollen" 2c. - Da trat ein Zwischenfall ein, der das ganze angebahnte Friedenswerk wieder zu vernichten drohte. Apel Vihthum war nämlich mit etlichen Rittern nach Böhmen gereist und hatte von dem Herrn von Sternberg und dem Burggrafen von Dohnin oder Dohna die Zusage erhalten , daß ein Hülfscorps dem Herzoge auf drei Monate gegen einen guten Sold überlassen werden sollte. Die Böhmen kamen während der in Naumburg wieder aufgenommenen Verhandlungen an und wurden einstweilen in Weida und Weißenfels
*) Urkunden im gem. ernest. Archiv in Weimar.
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V.
Thüringen unter den Markgrafen von Meißen.
untergebracht, fielen aber aus ihren Standquartieren aus und verwüsteten die Dörfer in den Stiftern Naumburg und Merseburg. Die Friedensverhandlungen wurden abgebrochen ; aber bei einer persönlichen Zusammenkunft zwischen den fürstlichen Brüdern wurde doch so viel ausgemacht, daß die völlige Schlichtung des Streites den vermittelnden Fürsten überlassen blieb und zwar sollte das auf einer Versammlung in Mühlhausen am 1. September 1447 geschehen.. Der Herzog Wilhelm wäre nun gern die ungezügelte böhmische Rotte wieder los gewesen ; das wilde Kriegsvolk bestand jedoch auf der Auszahlung des vollen Soldes für die ausbedungene Dienstzeit. Um sich von den lästigen Gästen zu befreien, vermiethete der Herzog das aus 9000 Mann bestehende Corps an den Kurfürsten von Köln, der gerade mit der Stadt Soest in Fehde lag , brachte noch 7000 Mann aus seinem Lande zuſammen und setzte sich mit diesem Heere in Bewegung. Das Unternehmen mißlang ; die Böhmen kehrten wieder zurück und man war überall genöthigt , Truppen aufzustellen, um sich der raubgierigen Plünderer zu erwehren. Jedem war eine schwere Last vom Herzen, als sie endlich Thüringen wieder verließen. Der Ausgleich zwischen den fürstlichen Brüdern kam endlich am 29. September 1447 zu Stande ; aber bald gab Apel Vißthum Veranlassung zu neuer Unzufriedenheit.
Herzog Wilhelm befand sich
in Folge des Krieges häufig in Geldverlegenheit ; Apels Geldquelle dagegen schien unerschöpflich zu sein.
Im Januar 1446 hatte er
der Stadt Erfurt für 600 Mark Silber Schloß Capellendorf mit dem Gerichte und den dazu gehörenden Ortschaften abgekauft, und im folgenden Jahre standen ihm schon wieder so bedeutende Summen zur Verfügung, daß er dem Herzog 42000 Gulden vorschießen konnte. Dies Geldgeschäft nugte Apel aber in der schlauesten Weise aus . Die Erfahrung des eben beendeten Krieges hatte ihn belehrt , daß die meisten seiner thüringischen Besizungen vor einem Ueberfalle von Seiten des Kurfürsten nicht sicher waren , und so überließ er nebst obiger Geldsumme dem Herzog die Orte Niederroßla , Sulza und Reinstedt und bekam dafür Schloß , Stadt und Amtsgerichte Coburg , Königsberg ,
Hildburghausen ,
Neustadt an der
Haide, Ummerstadt , Eisfeld , Rodach, Heldburg und Sonneberg sammt allen andern Landen in Franken ( 28. October 1447). Allerdings war die Abtretung auf Wiederkauf gerichtet ; allein der Handel erregte doch überall nicht ungerechtfertigte Mißbilligung und Herzog Wilhelm sah sich sogar seiner getreuen Stadt Sangerhausen gegenüber veranlaßt, mittelst eines Schreibens (dat . Weimar 1. Januar
Herzog Wilhelm III, genannt der Tapfere (1445-1482) .
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1448) die Gemüther zu beruhigen und die Erklärung abzugeben : „Wir haben das in unsere Verschreibung eingebracht : Wenn wir Ern Apeln sein Geld bezahlen , daß uns dann unser Amt wieder werde, ſo daß darin unserem Bruder, uns oder unser beider Erben an Erbhuldung oder anderes nichts abgehet und entzogen wird . " Am 28. October 1447 mußten die Bürgermeister und Räthe der obengenannten Städte Apeln den Huldigungseid schwören und dieser Moment bildet unstreitig den Glanzpunkt in der Vißthumschen Familiengeschichte ; denn gelang es Apeln , den wiederkäuflichen Erwerb im Laufe der Zeit in einen Erbkauf zu verwandeln , so war der erste Schritt ge= schehen, um in die Reihe der deutschen Reichsfürsten einzutreten . Nun waren aber die fränkischen Besitzungen der Herzogin Anna für das ihrem Gemahl zugebrachte Heirathsgut von 120 000 Ducaten als Leibgedinge verschrieben und deshalb befahl der Kaiser dem Herzog unter dem 25. Januar 1448 , den Vertrag mit Apeln rückgängig zu machen. Weil aber die Herzogin durch die Städte und Schlösser : Eckartsberga , Weißensee, Creuzburg , Waltershausen mit Tenneberg 2c. anderweitig beleibdingt worden war, so hatte sie gegen jenen Vertrag nichts einzuwenden ; ja im Jahre 1450 gaben der Herzog und seine Gemahlin , nachdem 1449 die Pfandverschreibung erneuert worden war, die Versicherung , „ daß sie die großen Dienſte und Treue , die der gestrenge Er Apel Vißthum zu Roßla , Ritter, ihr lieber Getreuer und Heimlicher ihnen gethan habe und noch in zukünftigen Zeiten thun würde , nimmer gegen ihn vergessen sollten noch wollten. " Offenbar war der Abschluß des Friedens ( 1447 ) beiden fürſtlichen Brüdern nicht so recht von Herzen gegangen ; es schien , als ob der verhaltene Groll nur auf eine Gelegenheit wartete , um aufs Neue in lichten Flammen aufzulodern. Dazu bot sich leider bald wieder Veranlassung in dem sogenannten schwarzburgischen Hauskriege. Die Besizer der schwarzburgischen Länder führten damals noch den Titel Grafen . Graf Heinrich , Herr zu Arnstadt und Sondershausen hatte mit dem Grafen Günther von Schwarzburg eine Erbverbrüderung abgeschlossen. Weil aber Günther in Ermangelung männlicher Erben mit dem Gedanken umging , sein Land an seine Schwiegersöhne : den Grafen Ludwig von Gleichen, Herrn zu Blankenhain , und den Grafen Heinrich von Gera, Herrn zu Lobenstein , zu vererben , so wäre natürlich der schwarzburgische Graf Heinrich in seiner Erbfolge hierdurch nicht wenig benachtheiligt worden ; er wandte sich deshalb an den Herzog Wilhelm 15 Kronfeld , Landeskunde. I.
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V.
Thüringen unter den Markgrafen von Meißen.
von Weimar und dieser versprach ihm die nöthige Hülfe. Zum Unglück nahm der Kurfürst Friedrich Partei für den Grafen Günther, erwarb von ihm sogar unter dem 22. November 1448 die Grafschaft und das Schloß Schwarzburg nebst der Stadt Königſee durch Kauf, und nun entwickelte sich der zweite Theil des Dramas , das unter dem Titel Bruderkrieg zum unendlichen Verderben des Landes aufgeführt wurde.
Von neuem wiederholten sich die Greuelscenen
von Mord , Raub und Brand und sie überboten wo möglich noch Man versuchte die des Jahres 1446 an grausamer Ausführung . zwar anfangs, den Streit durch Unterhandlungen zu schlichten ; allein auf jeder Seite vermißte man den ernsten Willen zum Frieden und daher rückte der Kurfürst im August 1450 mit einem Herre nach Thüringen vor. Sein Einmarsch muß dem Herzog Wilhelm ziemlich unerwartet gekommen sein, denn er sendet am 15. August 1450 drei verschiedene Eilboten nach Sangerhausen , meldet zunächst , daß sein Bruder wieder in das Land gefallen sei , „ unaussprechlich viel Jammers und Uebels darin begeht , das kläglich zu hören und zu leiden ist“ und fordert die Stadt auf , auf das Schleunigste mit ganzer Macht ihm zu Hülfe zu kommen und bei Weimar mit ihm zusammen zu treffen .
Aber er ändert noch an demselben Tage seinen
Plan und dirigirt die Mannschaft nach Weißensee. Wie vorher , so nahmen auch diesmal die fehdelustigen Grafen und Ritter für den einen oder den andern der fürstlichen Brüder Partei und sendeten ihre Fehdebriefe ein .
So hatte auch Bernhard Vißthum , welcher
damals seinen Wohnsiz in Magdala aufgeschlagen hatte ,*) an den Kurfürsten einen Fehdebrief abgehen lassen.
Der erste Verwüstungszug
galt daher den Vißthumschen Gütern an der Ilm.
Das Heer be-
wegte sich erst der Ilm entlang nach Wickerstedt , dann nach Mellingen und Magdala , Döbritschen und Cottendorf , und diese Ortschaften wurden mit einigen andern Dörfern in Asche gelegt ; dann ging der Zug nach Stadtilm , das dem Grafen Heinrich von Schwarzburg gehörte. Die festen Mauern der Stadt verwehrten dem Kurfürsten die Eroberung und er mußte unverrichteter Sache wieder abziehen.
Weiterhin wurden die Ortschaften der Grafen Adolf
und Sigismund von Gleichen zerstört, wobei die mit dem Kurfürsten verbundenen Erfurter den anderen Truppen an Grausamkeit nicht nachstanden. Der Herzog Wilhelm hatte im März des genannten Jahres den
* ) Urkunde vom Jahre 1448 im gem. ernest. Archiv in Weimar.
Herzog Wilhelm III, genannt der Tapfere (1445-1482).
227
drei Gebrüdern Apel, Busso und Bernhard Vißthum sammt Christian von Wigleben das verwüstete Schloß Gleisberg bei Kuniß, unweit Jena nebst einigen früher zerstörten Raubschlössern in Thüringen mit dem Auftrage in Lehen gegeben , daß sie dieselben ausbessern und in guten Vertheidigungsstand sehen sollten . Als sein Bruder verwüstend durch Thüringen zog , ging Wilhelm in gleicher Abficht nach dem Pleißner Lande und von da nach dem Stifte Zeiß- Naumburg. Um Altenburg und in den übrigen Gegenden wurden die Dörfer und alles verderbt , die Vorstädte sowohl von Zeit als von Naum= burg abgebrannt und nachdem Herzog Wilhelm infolge des mit dem Kurhause Brandenburg gegen seinen Bruder geschlossenen Bündnisses von dort aus unter Anführung des bekannten Albrecht, des deutschen Achilles, Hülfstruppen zugesendet bekommen hatte, ging der Zug auf Gera los , um den Grafen Heinrich von Gera zu züchtigen , weil dieſer an den bisherigen schwarzburgischen Wirren den meisten Antheil hatte. Die Stadt wäre schon diesmal verloren gewesen , wenn nicht die Mutter des eben abwesenden Grafen Heinrich sich mit anderen Frauen in Trauerkleidern in das Lager Herzog Wilhelms begeben und um Gnade gefleht hätte. Wilhelm zog ab, wandte sich von Zeit aus an der Elster abwärts bis in die Nähe von Leipzig und sandte von hier aus einen Theil seiner Truppen weiter östlich, um die Ortschaften zu brandschaßen. Auf die Nachricht von Wilhelms Zuge eilte der Kurfürst wieder seinem Lande zu , um wenigstens Leipzig zu decken. Der Zug ging durch die Pflegen Weißensee und Edartsberga und man verfuhr 'in so barbarischer Weise, daß einmal an einem Tage über 60 Dörfer in Asche gelegt wurden. Apel Vizthum von Tannroda, seit 1450 mit dem Kurfürsten verbündet , und Hermann von Harras waren die Brandmeister, welche solche Bubenstücke an den unschuldigen Bauern verübten. Ein großer Theil dieser Schandthaten geschah unter den Augen des Kurfürsten , den die Geschichte aber gleichwohl den Sanftmüthigen nennt. Nicht nur die der Stadt Leipzig drohende Gefahr hatte den Kurfürsten zum Rückzuge veranlaßt , sondern vor allen Dingen der Anmarsch böhmischer Hülfstruppen ,
welche Herzog Wilhelm hatte anwerben
laffen. Weil jener Truppenzuzug sich verzögerte , so ging Herzog Wilhelm wieder nach Thüringen zurück und fiel in die dem Kurfürsten zugehörende Pflege Burgau ein. Der genannte Ort wurde vollständig zerstört , das Schloß Lobdaburg erobert und Apeln Vißthum zugeeignet. Jest traf die Reihe auch die dem Herzog untreu gewordenen Grafen Ernst und Ludwig von Gleichen . 15*
Jener
228
V.
Thüringen unter den Markgrafen von Meißen.
war Besizer vom Hauſe Altenberga und von Remda, dieser von der Blankenhain. Nach Hartung Kammermeisters Bericht wurde Altenberge geschleift und von Remda wurden einige Thürme Herrschaft
der Stadtmauer niedergeriffen und die umliegenden Dörfer verwüstet, das Schloß Blankenhain belagert und die Stadt mit anderen Ortschaften angezündet.
Die Gefahr für die kurfürstlichen Länder war vorläufig beseitigt und daher wendete sich der Kurfürst jezt auch wieder nach Thüringen. Bei diesem Zuge wurde die Stadt Eckarts-
berga ausgebrannt, Buttstädt und die umliegenden Ortschaften wurden hart mitgenommen , ja selbst die Stadt Weimar kam in große Gefahr. Wilhelm führte deshalb seine Truppen von Blankenhain auf den östlichen Abhang des Ettersberges . Troß der Nähe der beiderseitigen Heerhaufen wagte doch keiner , den andern anzugreifen und erst die Nachricht von der Annäherung der Böhmen brachte Leben in die beiden Heerlager. Grauenhaft lauteten die Nachrichten von den in den meißnischen Orten Altdresden, Wilsdorf, Lommaßsch, Mitweida 2c. verübten Scenen und das bewog den Kurfürsten zur schleunigen Rückkehr in sein Land . Während ihm Wilhelm dahin folgte , um sich mit den Böhmen zu vereinigen , erhielt er unterwegs die Nachricht, daß Heinrich von Gera , der überdies den Herzog durch ein in höhnischen Ausdrücken abgefaßtes Schreiben bitter beleidigt hatte, in die Pflege Roda eingefallen sei und einen mächtigen Raub von da weggeführt habe. Ungesäumt nahm Wilhelm seinen Marsch auf Gera und vereinigte sich hier mit den Böhmen , um die Stadt zu nehmen.
Der Kurfürst wollte seinen Bundesgenossen Heinrich von Gera aus der Verlegenheit befreien und rückte gleichfalls auf die Stadt los, überzeugte sich aber bald , daß er der Macht Wilhelms
nicht gewachsen war und zog deshalb,*) um den Herzog sammt seinen Verbündeten , den Markgrafen von Brandenburg , von Gera abzulenken und , sein Heer in zwei Haufen theilend , theils im Brandenburgischen , theils in Thüringen die früheren Greuel in Scene zu *) Bekanntlich existirt die Sage , ein Büchsenmeister habe dem Kurfürsten gemeldet, er wolle sein Geschütz gerade auf das Zelt des Herzogs richten , um dem Kriege mit einem Schlage ein Ende machen. Der Kurfürft habe darauf geantwortet : ,,Schieß, wen du willst , nur triff meinen Bruder nicht." Herzog Wilhelm habe die Aeußerung seines Bruders später erfahren und bald darauf ſei zwischen beiden Brüdern Frieden geschlossen worden. Gewiß würde die obige Antwort dem Kurfürsten zur Ehre gereicht haben ; aber wir müssen freilich berichten, daß die Heere der beiden Brüder niemals so nahe an einander ge= kommen sind, um einen solchen Schuß ausführen zu können.
Herzog Wilhelm III, genannt der Tapſere (1445—1482).
229
sehen, wieder ab. Ehe er aber seinen Vorſaß zur Ausführung bringen konnte, wurde die Stadt Gera am 12. Octbr. 1450 von den Böhmen erstürmt und diese hausten mit solcher entseglichen Barbarei , daß weder Alter noch Geschlecht verschont und an 5000 Menschen auf Der Ort wurde rein ausdas Grausamste niedergemeßelt wurden. geplündert und dann niedergebrannt. Graf Heinich von Gera gerieth mit einer Anzahl Rittern in Gefangenschaft, wollte sich aber durchaus nicht dem Herzog Wilhelm ergeben und wurde deshalb nach Böhmen abgeführt, woselbst er an der Pest gestorben ist. Nun endlich fand es der deutsche Kaiser Friedrich III an der Zeit, jenem unmenſchlichen Gebahren der beiden fürstlichen Brüder Einhalt zu thun ; er drohte mit der Reichsacht.
Durch Vermittelung
des Erzbischofs von Mainz fanden in Naumburg Unterhandlungen statt.
Besonders bemühten sich um Herstellung des Friedens neben
den erzbischöflichen Räthen wieder die Markgrafen von Brandenburg und der Landgraf von Hessen. Das Friedenswerk, in Krimmitschau verhandelt (28. October 1450), gedieh so vortrefflich , daß bei einer persönlichen Zusammenkunft der beiden Brüder in Naumburg am 27. Januar 1451 vollständige Aussöhnung zu Stande kam. Die Kurfürstin Margaretha wußte es bei den versöhnten Brüdern dahin zu bringen , daß irgend eine fromme Stiftung als äußeres Zeichen der wieder in ihrem Rechte befindlichen Bruderliebe aufgerichtet werde. Daher legte Wilhelm im Jahre 1453 ganz nahe dem Plaze, wo das im Bruderkriege zerstörte vißthumſche Gut und Dorf Luzendorf gestanden hatte, den Grund zu einer Wallfahrtskirche, wozu die Steine der zerstörten Burg Ifferstedt benußt wurden. vollendet.
1464 war die Kirche
Der Bischof von Naumburg weihete dieselbe den vierzehn
heiligen Nothhelfern.
Die früheren Bewohner von Luzendorf wurden
wieder zurückgerufen und durch sie entstand das jezige meiningiſche, zwischen Apolda und Jena gelegene Dorf Vierzehnheiligen. Um seine völlige Versöhnung zu zeigen ,
bestätigte sogar der
Kurfürst am 11. März 1451 von Leipzig aus die Pfandverschreibung ſeines. Bruders an Apel Vißthum hinsichtlich der fränkischen Beſizungen. Die endliche Ausgleichung des Streites zwischen den beiden Brüdern ist lobend anzuerkennen ; aber man kann sich doch eines unwillkürlichen Schauers nicht erwehren , wenn man bedenkt, wie viele Tausend Menschenleben der grauenhafte Krieg gekostet , wie viele blühende Ortschaften so gründlich verwüstet worden, daß ihre Stätten heute als Wüstungen in den Flurkarten verzeichnet sind , wie viel Elend und Jammer beide Brüder um des Zerwürfnisses willen über .
230
V.
Thüringen unter den Markgrafen von Meißen.
ihre Unterthanen heraufbeschworen hatten.
Auch zwischen dem
schwarzburgischen Grafen Heinrich und den Erben Günthers wurde durch Herzog Wilhelm der Friede vermittelt und die alte Burg Schwarzburg kam 1453 wieder an das gräfliche Haus . Endlich wurden auch die drei Brüder Apel, Busso und Bernhard Vizthum von Roßla , welche das Vertrauen Wilhelms oft in ſchändlichster Weise gemißbraucht hatten, von der rächenden Nemesis ereilt. In den Friedensschluß waren sie zwar mit aufgenommen und es hieß ausdrücklich, daß alles bisher Geschehene vergessen sein solle ;
aber
das vertrauliche Verhältniß zwischen dem Herzog und Apeln hatte einen vollständigen Riß bekommen. Es wird uns berichtet, daß ihn der Herzog schon nach dem Falle von Gera höchst ungnädig entlassen habe. Der Grund hierzu ist zwar nirgends angegeben , doch läßt sich wohl annehmen, daß Apel den böhmischen Hülfstruppen, um sie zu desto energischerem Sturme auf die Stadt anzufeuern , die voll= ständige Ausplünderung und Zerstörung derselben gegen den Willen des Herzogs zugesagt hatte.
Als Grund seines Wegganges aus der
unmittelbaren Umgebung des Herzogs gab Apel den Seinigen an, er wolle sich durch eine Wallfahrt nach Rom die göttliche Gnade wieder erwerben. So viel steht aber fest, daß Apel auch nach seiner Rückkehr aus Rom sich vom herzoglichen Hofe fernhielt und seinen Aufenthalt in Coburg nahm.
Allmählich kam der Herzog Wilhelm auch
zur Einsicht, wie hinterlistig und eigennüßig die Vißthume sich seiner Person um ihres Vortheils willen bedient hatten und es war gewiß eine tiefe Beschämung für ihn, daß er jezt vor aller Welt zugestand, wie boshaft ihn seine Räthe hintergangen , ja daß er in einer Anklageschrift die Schandthaten und Betrügereien seiner
ehemaligen
Günstlinge sogar selbst an das Tageslicht bringen mußte. Apel wurde zur Verantwortung gezogen und zugleich aufgefordert , gegen Empfangnahme der 42 000 Gulden und seiner damals abgetretenen thüringischen Orte die fränkischen Besißungen wieder herauszugeben. Derselbe verantwortete sich in einer Schrift vom 3. December 1451 und war dreist genug zu behaupten, er nenne jene fränkischen Landestheile mit vollem Rechte sein eigen ; ja er sette sogar die Feste Coburg in Vertheidigungszustand und wußte unbemerkt einige böhmische Trabanten bis in die Nähe von Coburg zu bringen. Auch die Brüder Apels waren nicht müßig , das Maß der Schandthaten voll zu machen.
Am 6. Mai 1451 hatte Bernhard Vißthum, der seinen
Sig auf der Leuchtenburg aufgeschlagen hatte , den Münzmeister des Herzogs und einen jenaischen Bürger ohne irgend welche Veranlassung
Herzog Wilhelm III, genannt der Tapfere (1445-1482) .
231
bei Ziegenhain abgefangen und auf die Leuchtenburg gebracht und wollte sie nur gegen ein Lösegeld von 220 Gulden wieder freigeben. Einen noch größeren Schimpf fügten die Vißthume den beiden fürſtlichen Brüdern zu durch Gefangennehmung einer burgundischen Gesandtschaft.
Der Kurfürst Friedrich fertigte nämlich ,
damit
eine
Heirath verabredet würde zwischen des Burgunders Sohn und Friedrichs Tochter, an den Herzog von Burgund eine vornehme Gesandtschaft ab. Die Gesandtschaft wurde am dortigen Hofe gut aufgenommen und durch eine burgundische erwidert , welche zugleich der Prinzessin werthvolle Geschenke überbringen sollte. In Erfurt hatten die fürſtlichen Boten gerastet und hier waren sie von Apels und Bernhards Leuten ausgekundschaftet worden.
Als nun der Zug, mit der Diener-
schaft 33 Personen zählend , in Begleitung des obersten erzbischöf= lichen Beamten von Erfurt , Johann von Allenblumen und dessen Sohn Wilhelm in
größter
Sorglosigkeit
hinter Eckartsberga
bei
Hassenhausen ankam, wurde derselbe von Bernhard Vizthum unvermuthet überfallen , auf den Gottesacker getrieben und sämmtliche Personen wurden gefangen genommen. Die Wegelagerer eigneten sich nicht nur die Geschenke an , welche für die Prinzessin bestimmt waren, sondern beraubten auch die Gesandten ihrer ganzen Habe und führten sie als Gefangene nach den festen Burgen Capellendorf und Leuchtenburg.
Dies Bubenstück brach den Vißthumen den Hals .
Nicht blos Apel und Bernhard, ſondern mit ihnen auch Buſſo wurden hierauf vom Herzoge öffentlich für Verräther des Landes und ihrer Güter verlustig erklärt. Sie waren aber nicht gewillt, ihre Befizungen so ohne Weiteres aufzugeben, und deshalb traf der Herzog in Gemeinschaft mit seinem Bruder und unter Beihülfe der Erfurter, Nordhäuser und Mühlhäufer die nöthigen Anstalten, um mit Waffengemalt sich ihrer zu entledigen. Die offenen Orte wurden rasch be= sezt ; die befestigten dagegen versuchten Widerstand. Dornburg mußte sich bald ergeben, denn eine längere Belagerung auszuhalten war es nicht stark genug .
Die Eroberung von Capellendorf machte größere
Schwierigkeiten ; daher bittet der Herzog seine Stadt Sangerhausen, ihm das nöthige zum Storm für Cappelndorff" zu senden. Acht Wochen dauerte die Belagerung und während derselben begingen die Vertheidiger neue Schändlichkeiten , indem sie den vornehmsten burgundischen Gefangenen an einem Stricke , Andere sagen in einem Korbe, von der Zinne der Burg herabhingen , um das feindliche Feuer zum Schweigen zu bringen . An einem anderen Tage wurde Wilhelm von Allenblumen gebunden auf die äußere Brücke geführt
232
V. Thüringen unter den Markgrafen von Meißen.
und den feindlichen Kugeln ausgeseßt.
Ein kräftiger Ruck befreite
ihn jedoch von seinem Wächter und ein gewagter Sprung in den Wallgraben brachte ihn glücklich in völlige Freiheit. Die Uebergabe der Burg erfolgte im Spätherbste 1451 , und somit kam ein Theil der burgundischen
Gefangenen
wieder frei. *)
Die Leuchtenburg
wurde kurz darauf auch übergeben und dadurch erhielten auch die übrigen Gefangenen ihre Freiheit. Bald fiel auch unter dem Beistande der Erfurter die Wachsenburg. Die Burgen zu Iſſerſtedt, Magdala, Mellingen , Döbritschen und Cottendorf ließ Wilhelm zerstören und eben so auch das Schloß Gleisberg, welches die Vißthume mit Christian von Wigleben , wie vorher gedacht , 1450 wieder in Vertheidigungszustand gesezt hatten . Aus den fränkischen Beſizungen war Apel schon früher vertrieben worden. Jest wendeten sich die drei Brüder Vißthum mit ihren noch geretteten Schäßen nach Böhmenund erwarben hier die Herschaften Egersberg und Neuen- Schönberg. Gestattete es der Raum , o könnte hier weiter von den Racheplänen berichtet werden, welche die Vertriebenen gegen den Herzog Wilhelm schmiedeten ; doch wird das bereits Gesagte zur Charakterisirung der Vißthume und deren Verhalten wohl vollständig genügen . Zuleßt legten sie sich , um wieder in den Besiz ihrer eingezogenen thüringischen Güter zu gelangen , unter Fürsprache des Markgrafen Albrecht von Brandenburg
und des
Königs Podiebrad von Böhmen aufs
Bitten. Der Herzog ließ sich aber nicht bewegen sondern verlangte, sie sollten sich mit ihrem Restitutionsgesuche an den Kaiser wenden ; nur diesem werde er Rede stehen und auch die desfallsige Entscheidung respektiren . ** )
Wirklich reichten sie auch später eine Klage ein ; aber
der Herzog ließ in einer Vertheidigungsschrift ( 1470 ) alle verübten Betrügereien und Schandthaten zuſammenfaſſen , wies nach , daß sie ihren Reichthum nur durch ihre Untreue gegen ihn und früher gegen seinen thüringischen Vetter zusammengebracht hätten , denn ihr Vater habe nur Roßla besessen und auch dies sehr verschuldet , und berech= nete schließlich den ihm von den Vißthumen verursachten Schaden auf 750000 Gulden.
Auf dieſe, bis in das Einzelnste ausgearbeitete
Vertheidigungsschrift des Herzogs war für die Visthume ein günstiger Entscheid bei dem Reichsoberhaupte nicht zu erwarten. Sie wen= *) Capellendorf überließ der Herzog laut Urkunde vom 16. April 1452 (Geh. Haupt- und Staatsarchiv in Weimar) , in welcher auch die Namen der gefangen genommenen Gesandten aufgeführt sind , den Erfurtern für ihre Beihülfe und nahm dafür die Burg Wachsenburg. **) Urkunde vom 1. Dec. 1459 im Geh. Haupt- und Staatsarchiv in Weimar.
Herzog Wilhelm III, genannt der Tapfere ( 1445-1482).
233
deten sich deshalb in den Jahren 1474-1477 mehrmals an Kurfürst Ernst und Herzog Albert von Sachsen und baten um deren Fürſprache bei dem Herzog Wilhelm. *) Durch dieſes Mittel gelingt es ihnen auch endlich , 1479 ein gütliches Uebereinkommen zu Stande zu bringen. Am 2. November des genannten Jahres entsagen die Vißthume ihren Ansprüchen , die sie an den Herzog Wilhelm wegen ihrer in seinem Lande gelegenen Güter gemacht haben. Die Familie giebt alle Schuldbriefe und Verschreibungen des Herzogs heraus und erhält dafür in ihrer Gesammtheit ein Jahrgehalt von 1000 rheinländischen Gulden. Daß die Jahrrente wirklich bezahlt worden ist, beweist eine noch vorhandene Quittung *) vom Jahre 1485 über 500 Gulden als hälftige Zahlung aus dem genannten Jahre. In Böhmen kamen einige Glieder der Familie bald wieder zu großen Ehren. 1482 ist Christof Viczdom am königlichen Hofe Marschall. Als ob die Niederroßlaer Vißthumsfamilie sich nicht in die geseßliche Ordnung fügen könnte , fing auch schließlich Apel Vizthum von Tannroda, der früher genannte Brandmeister an , sich allerlei Ausschreitungen schuldig zu machen. 1462 hatte er vom Herzog Wilhelm gegen Zahlung von 14 000 Gulden pfandweiſe Schloß und Stadt Dornburg erworben, *) 1465 wird er aber gleich den Herren Vettern mit seinen beiden Söhnen wegen verübter Plackereien des Landvolkes aus dem Lande vertrieben . 1486 verzichtet Philipp Vißthum förmlich auf die Schlösser Tannroda und Dornburg, welche ſeinem seligen Vater Apel „ strafweise" abgenommen worden seien.*) Bei der Belagerung von Tannroda waren die Erfurter besonders mit thätig gewesen und man gab Apeln später schuld , er habe aus Rache in Erfurt das bekannte furchtbare Brandunglück am 19. Juni 1472 angeſtiftet. Ein ruchloser , entlaufener Mönch steckte mit noch 8 Spießgesellen die Stadt Erfurt am genannten Tage in Brand und das Feuer wüthete so gräßlich , daß außer mehreren Kirchen noch 2000 Wohnhäuser ohne die anderen Gebäude in Asche gelegt wurden. Apel hat sich jedoch durch einen von ihm geleisteten Reinigungseid von dem Verdachte der Mitwiſſenſchaft befreit. Für den Kurfürsten Friedrich den Sanftmüthigen führte der Bruderkrieg noch eine Katastrophe herbei, welche in das Familienleben desselben in der rohesten Weise eingriff; Prinzenraub.
es war das der bekannte
Einer der tapfersten und muthvollsten Ritter in
dem Heere des Kurfürsten war Kunz von Kaufungen.
*) Königl. Hauptstaatsarchiv in Dresden.
Derselbe hatte
234
V.
Thüringen unter den Markgrafen von Meißen.
sich schon im Huffitenkriege ausgezeichnet und
war
auch in den
Kämpfen zwischen den beiden fürstlichen Brüdern in hervorragender Weise thätig gewesen. Zur Entschädigung für mancherlei Verluste, die er in Thüringen erlitten , räumte ihm der Kurfürst die den Bißthumen abgenommenen Güter in Meißen ein.
Nach dem Friedens-
schlusse weigerte sich jedoch Kunz , dieſe Güter wieder herauszugeben, obwohl ihm seine thüringischen Besitzungen wieder in guten Stand gesezt worden waren, und verlangte noch überdies die Rückerstattung von 4000 Gulden, für welche Summe er sich aus der Gefangenschaft der Böhmen hatte loskaufen müſſen . Alle gütlichen Vorstellungen blieben resultatlos ; das Anerbieten seitens des Kurfürsten , die An= gelegenheit durch Schiedsrichter erörtern zu lassen, wies Kunz schnöde ab, nahm seine thüringischen Güter wieder in Besiz ,
gab aber die
einstweilen geliehenen nicht wieder heraus und so blieb nichts übrig, als die Vertreibung aus den lezteren durch Waffengewalt. Darüber war Kunz so erbost , daß er schwur , sich nicht an Land und Leuten des Kurfürsten, sondern an dessen eigenem Fleisch und Blut zu rächen. Der erzürnte Kunz führte zu dem Ende einen wohlangelegten Plan aus.
Zunächst kaufte er sich in Böhmen an, wußte es dann zu ver-
mitteln, daß ein verschlagener, aber ihm ganz ergebener Mensch aus Böhmen , Namens Hans Schwalbe , zu Hülfsleistungen in der kurfürstlichen Küche angenommen wurde und durch diesen erhielt er insgeheim von Zeit zu Zeit Nachrichten über die Vorgänge im Schlosse zu Altenburg. Er hatte es nämlich auf nichts Geringeres abgesehen, als sich der Söhne des Kurfürsten mit Gewalt zu bemächtigen und das konnte nur bewerkstelligt werden, wenn der Kurfürst mit seinem Gefolge abwesend , das Schloß dann nur schwach beseßt und so gut wie nicht bewacht war .
Am 8. Juli 1455 erſchien Kunz um Mitter=
nacht mit seinen Helfershelfern und 36 Pferden in aller Stille vor dem Schlosse zu Altenburg.
Der Kurfürst war in Leipzig, ein Theil
der Hofdienerschaft feierte in der Stadt ein festliches Gelag , und nur wenige Leute befanden sich noch im Schlosse. Von allen diesen Umständen war Kunz durch Hans Schwalbe in Kenntniß gesezt worden.
Mittelst einer Strickleiter, welche Hans Schwalbe an einem
Fenster der hinteren Seite des Schlosses angebracht hatte, erstieg Kunz in Begleitung eines seiner Spießgesellen das Schloß ; der einzige den Wachtdienst versehende Trabant wurde durch Bedrohung mit dem Tode zum Schweigen gebracht und so gefesselt, daß er nicht um Hülfe rufen konnte. Während nun Schwalbe das Burgthor öffnete, um die Begleiter Kunzens einzulassen, drang dieser, mit den
Herzog Wilhelm III, genannt der Tapfere (1445-1482).
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Räumen im Schloffe genau bekannt, in das Schlafgemach der Prinzen und bemächtigte sich derselben. Die Zugänge zu dem Schlafzimmer der Kurfürstin hatte er vorher verschlossen , so daß diese bei dem nothwendig entstehenden Geräusch ihren Söhnen nicht zu Hülfe kommen konnte. Händeringend rief sie dem mit den Prinzen bereits im Schloßhofe bei seinen Begleitern angekommenen Räuber vom Fenster aus zu :
„Kunz, schone meiner Kinder ; deine Forderungen sollen dir
alle gewährt werden . " Der Ritter blieb ungerührt und eilig entfernte sich der Trupp in der bereits beginnenden Morgendämmerung zum Schloßhofe hinaus .
Wie Kunz berechnet hatte, so trafen die Um-
stände auch ein ; denn es vergingen bei der Sachlage mehrere Stunden, bevor das Ereigniß ruchbar wurde und die Umgegend durch das Läuten der Sturmglocken alarmirt werden konnte. Man sezte nach allen Richtungen hin den Räubern nach, aber ohne Erfolg.
In der
Besorgniß , es könne die große Zahl der Gesellschaft Aufsehen und Verdacht erregen , hatte sich Kunz mit dem jüngeren , zwölfjährigen Prinzen Albert von den übrigen Begleitern getrennt und suchte auf dem kürzesten Wege nach Böhmen und auf sein Schloß Isenburg zu gelangen. Den vierzehnjährigen Prinzen Ernst übergab er den Rittern von Mosen und von Schönfels
mit der Weisung , auf einem Um-
wege durch Franken nach Böhmen zu reisen.
Ohne Raft eilte Kunz
mit seiner Beute der böhmischen Grenze zu und hatte dieselbe beinahe erreicht , als sein Anschlag mißlang. Von dem anstrengenden Ritte war der Prinz so erschöpft, daß im Walde unweit vom Kloſter Grünhain Halt gemacht werden mußte. Kunz schickte den einen Begleiter auf Kundschaft voraus und stieg mit dem anderen , Namens Schweinit , und dem Prinzen Albert vom Pferde . Dem Lehteren wurde gestattet , sich mit Erdbeeren zu erquicken. Kunz streckte sich, sein Pferd lang am Zügel haltend, im Graſe aus , während Schweinig dem nach Beeren suchenden Prinzen folgte. Ein Köhler , Namens Georg Schmidt, welcher ganz in der Nähe seinem Handwerke oblag und den das überall ertönende Sturmläuten auf eine außerordentliche Begebenheit schließen ließ, kam herbei und frug, wer der Knabe sei. Schweinit gab keine genügende Antwort ; aber der Prinz war beherzt genug, dem Köhler leise zu sagen :
„Ich bin ein Prinz von Sachsen ;
man hat mich geraubt ; rette mich. "
Bei diesen Worten hich Schweinig
mit dem Schwerte nach dem Prinzen ; der Köhler fing aber den Hieb mit der langen Schürstange auf und hezte seinen großen Hund auf Schweinit.
Kunz wollte sich rasch erheben , um seinem Begleiter zu
Hülfe zu kommen ; doch von dem jähen Aufsprung wurde das Pferd
236
V. Thüringen unter den Markgrafen von Meißen.
scheu und schleifte den Ritter eine Strecke mit fort , wobei sich der= selbe noch obendrein mit seinen Sporen im Gesträuche verwickelte. Auf diese Weise wehrlos gemacht , mußte er sich die gewuchtigen Hiebe des Köhlers wohl gefallen lassen.
Der Lärm hatte Schmidts
Weib herbeigeführt und diese gab sofort den übrigen Köhlern das übliche Nothzeichen. Die rußigen Geſtalten eilten mit Schürbäumen und Aerten bewaffnet herbei , nahmen Kunzen mit seinem Begleiter gefangen und brachten beide nach Zwickau. Der Prinz Albert wurde unter dem Jubel des Volkes in Begleitung des Köhlers
Schmidt
und seiner Genossen den fürstlichen Eltern wieder zurückgebracht. Auf die Kunde von dem verwegenen Raube war der Kurfürst natürlich sofort von Leipzig nach Altenburg geeilt.
Mosen und Schönfels
hielten sich mit dem Prinzen Ernst in der Teufelskluft, einer Felsenhöhle an der Zwickauer Mulde im Erzgebirge zwei Tage versteckt, hörten bei einer Recognoscirung im Gebüsch versteckt aus dem Ge= spräche von vorübergehenden Arbeitern , daß Kunz gefangen worden sei und gaben ihren Anschlag für verloren.
Um wenigstens für sich
Straflosigkeit zu erlangen , lieferten sie den Prinzen Ernst an den Schloßhauptmann zu Hartenstein , den Herrn von Schönburg , aus, und machten sich schleunigst aus dem Staube. So waren beide Prinzen glücklich aus der Gefangenschaft befreit und ihren Eltern wiedergegeben. Der wackere Köhler Schmidt bat sich als Gnade von dem Kurfürsten aus, in dem Walde, wo er den Prinzen Albert befreit hatte, zeitlebens frei Kohlen brennen zu dürfen.
Dieser be-
scheidene Wunsch wurde ihm sofort gewährt und außerdem schenkte ihm der Kurfürst in dem Dorfe Ebersbach bei Zwickau ein Freigut. Als er alt und schwach wurde , nahm ihn Friedrich zu sich auf das Schloß Altenburg, wo er oft die Geschichte mit Kunz von Kaufungen erzählen mußte. Jedesmal begleitete er seine Erzählung mit den Worten : „Ich habe den Kunzen mit meiner Schürstange weidlich getrillert. " Darum wurde er der Triller genannt und dieser Name blieb seinem Geschlechte, das seiner Tugenden und Verdienste wegen in den Adelsstand erhoben wurde. Kunz von Kaufungen wurde mit dem Tode bestraft. Man brachte ihn von Zwickau nach Freiberg, woselbst er am 14. Juli 1455 auf dem Markte öffentlich enthauptet wurde.
Die Erzählung , der
Bote sei mit dem Begnadigungsschreiben zu spät eingetroffen , will sich mit der am 31. desselben Monats an Kunzens Bruder vollzogenen Hinrichtung nicht zusammenreimen. Derfelbe hatte zu früh frohlockt, indem er bei dem Ruchbarwerden des verwegenen Raubes
Herzog Wilhelm III, genannt der Tapfere (1445-1482). äußerte :
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11 Das Nest werden sie wohl finden , aber die Vögel sind
ausgeflogen. "
Auf diese Aeußerung hin wurde er als Theilnehmer
an dem Verbrechen betrachtet und erlitt gleichfalls die Todesstrafe. Kunzens drei Knechte und Hans Schwalbe wurden zu Zwickau mit . glühenden Zangen gerissen und dann geviertheilt ; allerdings eine barbarische Strafe , aber das vollständige Abbild der damaligen Zustände. Rohheit und Barbarei geben sich nicht nur kund in der Vollstreckung der Todesstrafen , sondern sie kennzeichnen überhaupt das ganze Leben in jener Periode. Der durch Handel und Gewerbfleiß erworbene Reichthum in den Städten führte eine solche ZügelLofigkeit und Sittenverderbniß , einen so alles Maß überschreitenden Luxus in Kleiderpracht, Schmausereien und Lustbarkeiten herbei, daß von den Landesobrigkeiten die schärfsten Geseze dagegen erlaffen werden mußten.
Schon im Jahre 1420 gebot der Rath zu Erfurt
unter Anderem, daß bei Hochzeiten und Gastmahlen nicht mehr als 32 Schüffeln, jede für drei Personen , mit drei Gängen , jeden mit zwei Gerichten aufgetragen werden durften ; daß an Leichenmahlzeiten, welche unmittelbar auf das Begräbniß folgten, nicht mehr als 32 Gäſte und 4 Geistliche theilnehmen sollten ; ferner, daß Männer und Weiber nicht ſammetne und seidene Kleider haben und die Frauen in Allem nur 4 Mark Silber an ihren Kleidern und 8 Loth Perlen, und daß Dienstmägde weder Kränze noch Haarbänder von Perlen tragen sollten, doch solle den Lezteren gestattet sein , silberne Haarbänder zu tragen im Werthe von einer halben Mark Silber. Wie groß muß also der Aufwand bei Schmausereien und Festlichkeiten, der übertriebene Luxus in Kleidern und Schmuckgegenständen gewesen sein , wenn in jenen Anordnungen eine gewaltige Beschränkung gegen früher enthalten ist. Auch der Herzog Wilhelm , zu dessen Lebensgeschichte wir nach der vorhergehenden Abschweifung wieder zurückkehren , trat mit aller Energie gegen die Sittenlosigkeit seiner Zeit auf und suchte dem eingeriffenen Uebel zu wehren.
Sein erster Schritt in diesem Bezuge
war ganz besonders gegen die Verderbtheit der Geistlichen gerichtet, welche durch ihr unkeusches und sittenloses Leben den meisten Anstoß erregten. Auf dem Landtage in Weißensee 1446 mußten die geiſt= lichen und weltlichen Stände aus seinen Landen erscheinen und über die wirksamsten Mittel berathschlagen , wodurch dem in der Kirche und unter den Geistlichen eingerissenen Berderben abzuhelfen sei. Ohne bei dem Papste weiter darum anzufragen wurde in dieser Versammlung die Reformation der Geistlichkeit und der Klöster einmüthig beschlossen ,
wie aus dem merkwürdigen Landtagsabschiede hervor-
238
V.
Thüringen unter den Markgrafen von Meißen.
geht. Nach Ausfertigung desselben säumte der Herzog nicht lange, die Verbesserung verschiedener Orden und Klöster in das Werk zu ſeßen.
1449 machte er eine Ordnung bekannt, nach welcher sich der
Komthur , Prior und die übrigen Ritter des Johanniter - Ordens zu Weißensee richten mußten. Als der Papst den Cardinal Nicolaus de Cusa der Reformation der Klöster halber nach Deutschland sandte, erließ der Herzog 1451 einen Befehl an die Stiftsherren in ſeinen Landen , sich den päpstlichen Bullen und den Reformatoren in ihren Stiftern zu unterwerfen. Bei den Augustinern in Gotha und noch in vielen anderen Klöstern des Landes wurde eine Verbesserung vorgenommen, die nur darauf abzielte, das üppige Leben in den Klöstern zu vermindern und dafür wieder echt
christliche Frömmigkeit und
Einfachheit einziehen zu laſſen . Wenn der Herzog Wilhelm auch noch manche Vorurtheile seines Zeitalters nicht abzustreifen vermochte, so war er doch ein Fürst , der für die damaligen Verhältnisse eine vorzügliche Einsicht in Religionsangelegenheiten besaß. Darum suchte er auch den Gottesdienst zu vermehren und Gottesfurcht und Rechtschaffenheit in seinen Landen zu erhalten.
Bekannt ist seine Ver=
ordnung vom Freitage vor Simonis und Judä anno 1452 , worin er mit dem rühmlichsten Ernste als 27jähriger Fürst seinen Unterthanen eine beſſere und würdigere Feier des Sonntags anbefiehlt und sie von vielen, damals im Schwange gehenden Lastern abmahnt. Anlaß zu dieser Verordnung des Herzogs gab der vom Papste als Prediger gegen die damalige
Sittenlosigkeit im genannten Jahre
gesandte italienische Barfüßermönch Johann de Capistrano. Als derselbe der Stadt Erfurt nahte, holten ihn der Rath und die Geiſt= lichkeit in feierlichem Aufzuge ein und begleiteten ihn in das Kloster der Barfüßer. Dicht unter dem Dome wurde ihm auf dem großen, freien Plaze ein eigenes hölzernes Haus mit einem Altare gebaut, wo er täglich Messe las und vor einer großen Volksmenge in italienischer Sprache predigte, mußte.
was
ein Anderer erst verdeutschen
Er eiferte besonders gegen das Spielen um Geld und gegen
die wirklich unsinnige Kleiderpracht.
Nach den Mittheilungen des
schon mehrfach erwähnten Hartung Kammermeister , der seinen Predigten häufig beiwohnte, hatte er die besondere Gewohnheit, wenn er in eine Stadt des Predigens halber kam, allezeit um Ausantwortung der Brettspiele und Würfel zu bitten. In Erfurt wurde ihm denn ein großer Haufen solcher Spiele nebst Spieltischen und Würfeln zugestellt. Hierauf redete er den Frauen eindringlich zu , ihm ihre großen Zöpfe auszuliefern und den Puz um Gottes willen abzuthun.
Herzog Wilhelm III, genannt der Tapfere ( 1445-1482).
239
Manche tugendhafte Frau schnitt denn auch ihre langen Zöpfe ab und legte sie ihm demüthig zu Füßen. In der dritten Predigtwoche verbrannte dann Capistranus vor einer Zuschauermenge , deren Zahl man auf 100 000 schäßte, nach gehaltener eindringlicher Predigt die eingelieferten Gegenstände. Der Herzog Wilhelm ließ den Bußprediger auch nach Weimar kommen, und hier sowohl als auch in Jena redete Capistranus mit großem Feuereifer gegen die Verderbtheit der Sitten, erklärte Krieg, Theuerung, Mißwachs, Pest und andere Unglücksfälle als Strafen Gottes für das lasterhafte Leben der Menschen und wies darauf hin , daß sie noch von härterem Unglückt heimgesucht werden würden, wenn sie sich nicht besserten. Hierauf erließ der Herzog jene Verordnung , nach welcher weder um Geld noch Geldeswerth mit Würfeln oder anderen Spielen, auch nicht auf Kirmsen, Jahrmärkten und Abläffen gespielt, sondern alles derartige Zeug zum Spielen an die Amtleute ausgeliefert werden sollte ; auch wurde verboten , bei Trinkgesellschaften weder ein Ganzes noch ein halbes (Maß) einander zuzutrinken, oder Landsknechte und Müssiggänger im Lande zu dulden ; dagegen wurde aber streng befohlen , der Unzucht und dem Wucher zu steuern. - Eine weitere Folge von Capistrans Thätigkeit im Lande des Herzogs war die Gründung zweier Barfüßerklöster, welche der Herzog auf den Rath jenes frommen Mannes unternahm . Das eine entstand in Weimar, das andere in Langensalza. 1453 traf vom Papste Nikolaus V die Einwilligung ein , nach dem Antrage des Herzogs die Hofcapelle zu Weimar in eine Stifts = kirche zu verwandeln.
Zu dem Ende sollten die Domherren der
beiden Stiftskirchen zu Bibra und Sulza mit ihren Pfründen nach Weimar versezt werden.
Die völlige Ausführung des Vorhabens ist
nicht ins Leben getreten ; doch wurde die im Jahre 1464 eingerichtete Stiftskirche von dem Vicar des Erzbischofs von Mainz 1468 feierlich eingeweiht. Dieselbe hatte 6 Altäre. Weil der Herzog die Kirchen und Klöster bei ihren Rechten schüßte, so haben ihn auch mehrere Orden in ihre Brüderschaft aufgenommen ; so der Augustinerorden 1448, der Franciscanerorden 1451.
1460 trat der Herzog auch in
die Brüderschaft der Calandsherren ein.
Gleichwohl hielt derselbe
der Geistlichkeit gegenüber streng auf seinen Rechten und widerfeßte fich mit allem Ernste den häufigen Mißbräuchen der Excommunication und Interdicte, welche die Clerisei bisweilen gegen seine Unterthanen
ausübte ,
schränkte
auch
die
Geistlichkeit hinsichtlich
der
Erkaufung von Gütern sehr ein ; denn abgesehen davon , daß durch Vermehrung des Grundbesizes auf Seiten der Geistlichen die Ein-
240
V.
Thüringen unter den Markgrafen von Meißen.
künfte des Landesherrn vermindert wurden , war ihm als Hauptübelstand die herbeigeführte Verarmung der Unterthanen besonders bedenklich .
Je schärfer aber Herzog Wilhelm der Geistlichkeit auf
die Finger sah, umſomehr wurden einzelne Glieder derselben ihm aufgesessen und trugen nach seinem Tode ihr Möglichstes dazu bei , denselben zu verunglimpfen. Als Ausfluß seiner Frömmigkeit ist auch jene Wallfahrt anzu-
sehen, welche der Herzog 1461 nach dem heiligen Lande unternahm. Die Zeit der Kreuzzüge war längst vorüber ; aber immer noch galt ein Pilgerzug nach jenem Lande als ein höchst verdienstvolles Christenwerk und selbst Fürsten und Ritter scheuten die Mühsale nicht , sich dieses Verdienst zu erwerben . Am 7. April des genannten Jahres trat der Herzog in Begleitung eines zahlreichen Gefolges von Grafen, Herren und Bürgern die Reise an , stieg am 30. desselben Monats in Venedig zu Schiffe, landete nach anfangs sehr stürmischer Fahrt am 16. Juni glücklich in Joppe und traf am 18. in Jerusalem ein. Nachdem der Herzog am Grabe des Erlösers gebetet und alle heiligen Stätten in Augenschein genommen hatte , begab sich der Zug wieder auf die Rückreise. Am 7. October traf der Herzog mit seinen Begleitern glücklich wieder in Weimar ein. Nach Allem, was wir bisher von dem Herzog hörten, war der = ſelbe ein tüchtiger Regent , dem die Sorge um das leibliche und geistige Wohl seiner Unterthanen sehr am Herzen lag und der, durchdrungen von einem wahrhaft frommen Sinne , auch bei ihnen der Moralität aufhelfen wollte. Wie reimt sich nun damit die angeblich harte Behandlung seiner Gemahlin zusammen ? Man muß sich unbedingt die Frage vorlegen, ob die üble Nachrede, welche ein Erfurter Klosterbruder als Chronikenschreiber dem Herzog bereitet und die man ohne genauere Untersuchung bis jetzt fast durchweg unbedenklich acceptirt hat : der Herzog habe um der Katharine v. Brandenstein, einer Buhlerin willen , seine Gemahlin verstoßen , wirklichen Grund hat oder nicht.
Das Bestehen eines sehr ernstlichen Zerwürfniſſes,
infolge dessen die beiden Gatten sich sogar von einander trennten, ist ein Factum, von dem sich nichts wegleugnen läßt ; es kommt nur darauf an zu erfahren , welche Motive diesem Zwiespalte zu Grunde Lagen. Der Herzog hatte mit seiner Gemahlin während der ersten Jahre nach der Vermählung sehr glücklich gelebt ; die Herzogin hatte ihm zwei Prinzessinnen geboren und Wilhelm schenkte derselben so großes Vertrauen ,
daß er ihr während seines Zuges nach Soest
1447 die Regierung des Landes übertrug .
Sie hat sich auch der
יו
Herzog Wilhelm III, genannt der Tapfere (1445-1482).
241
Landesangelegenheiten warm angenommen , was aus zwei Schreiben von ihr an die Stadt Sangerhausen hervorgeht. In demselben Jahre trat der Herzog seine fränkischen Besitzungen bekanntlich an Apel Bißthum ab und das veranlaßte seinen Bruder Friedrich unter dem Vorgeben , weil der Herzogin jene Befißungen als Leibgedinge zugeschrieben seien , so werde sie durch den Handel wesentlich benachtheiligt , die Angelegenheit an den Kaiser Friedrich III zu berichten. Der Kaiser wendet sich in einem directen Schreiben an die Herzogin Anna, um sich nach den näheren Umständen der Sache zu erkundigen und befiehlt hierauf dem Herzog, jenes Verkaufsgeschäft wieder rückgängig zu machen. Diese Behandlung der Angelegenheit mochte bereits eine Verstimmung des Herzogs gegen seine Gemahlin zur Folge haben ; wenigstens ist es auffallend, daß derselbe, als er 1452 eine Reise nach Böhmen unternimmt , während seiner Abwesenheit nicht ihr, sondern seinem Rathe Bernhard v. Kochberg die Regierung überträgt , wie in einem Schreiben vom 11. November 1452 nach Sangerhausen vermeldet wird . -— Man hat auch einen weiteren Grund zu dem Erkalten des Herzogs gegen seine Gemahlin darin suchen wollen , daß ihm das Luxemburgische Landesgebiet , was für die Aussteuer seiner Gemahlin von 120 000 Ducaten pfandweise ihm überwiesen und 1439 einstweilen von ihm in Besitz genommen war, 1444 an Burgund verloren ging; aber der Herzog Wilhelm hatte sich ja 1452 mit dem Herzog Karl von Burgund abgefunden und die oben genannte Summe von diesem baar empfangen, und überdies konnte doch der Herzogin kein Vorwurf gemacht werden , wenn Wilhelms Pläne in Betreff jenes Landes nicht in Erfüllung gingen, und eben so wenig darüber , daß der Herzog sich mit seinen Hoff·
nungen auf das Land Böhmen bei dem Tode des Bruders seiner Gemahlin , des jungen Königs Ladislaus 1457 getäuscht sah. Die leztere Vermuthung ist um so hinfälliger , als schon bei Lebzeiten jenes Königs das Zerwürfniß zwischen dem Herzog und seiner Gemahlin offen zu Tage lag, indem dasselbe bald nach der Verbannung der Vißthume zu einem völligen Bruch gediehen war. Aus dem lezteren Umstande hat man, und wohl nicht mit Unrecht, geſchloſſen, daß die immer noch zahlreichen Anhänger der Vißthume in Thüringen die Herzogin auf ihre Seite gezogen hätten, damit durch ihre Vermittelung ihr Bruder , der König von Böhmen entweder mit Güte oder mit Gewalt den Vißthumen wieder zu den confiscirten Gütern verhelfe.
Apel war allerdings persönlich bei dem Könige
vorstellig geworden und Kronfeld, Landeskunde. I.
hatte durch
boshafte
Verleumdung 16
des
242
V.
Thüringen unter den Markgrafen von Meißen.
Herzogs jenen für sich zu gewinnen gesucht , wie er ja auch 1454 den König von Polen zu einem Kriege gegen den Herzog bestimmen wollte. Daß hinter dem Rücken Herzog Wilhelms manches mit seiner Gemahlin verhandelt wurde, geht aus einer alten geschriebenen Nachricht hervor , nach welcher der Herzog eine Untersuchung anstellen läßt, weil der Herzogin insgeheim Briefe und andere Dinge zugestellt würden. In diesen lezteren Umständen ist wohl die wahre Ursache davon zu suchen, warum Wilhelm ſeine Gemahlin von sich entfernte und ihr nebst ihrem kleinen Hofstaate das Schloß Eckartsberga zu ihrem Aufenthalte anwies. Wenn nun mehrerwähnter Chroniken= schreiber in Erfurt erzählt, der Herzog habe seine Gemahlin unwürdig behandelt , habe dieselbe in Eckartsberga einmauern lassen und ihr einstmals , als sie sich nach Roßla zu ihm begeben wollen , einen Holzschuh in das Gesicht geworfen , so sind das lauter lügenhafte Erfindungen, welche sich selbst widersprechen. Der Herzog gab seiner Gemahlin einen Oberhofmeister , zwei adelige Damen und andere Bedienung mit nach Eckartsberga und ließ sie in Allem fürstlich halten. Durch Apel Vißthum war aber das falsche Gerücht von der unwürdigen Behandlung der Herzogin als der Tochter eines Kaisers nicht allein unter den Großen in Böhmen verbreitet , sondern auch an den König gebracht worden und dieser sendet deshalb Boten an den Herzog und droht ihm mit Krieg, wenn die Sache sich so verhalte wie man ihm berichtet habe. Nach Berathschlagung mit seinen Landständen ordnet der Herzog eine Gesandtschaft nach Prag ab, um den Böhmenkönig über den wahren Sachverhalt aufzuklären. Damit aber noch nicht zufrieden , schreibt der König selbst an seine Schwester, und die Antwort darauf, datirt Eckartsberga am Tage Antonii 1454, welche J. J. Müllers Staats -Cabinet enthält , besagt unter anderm wörtlich : „ das sich in Wahrheit nicht anders erfinden mag, denn daß ich von seiner Liebe ehrlich und redlich werde gehalten, daß ich seiner Liebe zu danken schuldig bin und nicht wohl danken mag “ 2c. Der Herzog ist wohl durch das Alles bei dem Könige gerechtfertigt worden, weil von dieſem nichts weiter erfolgt. Im Jahre 1462 starb die Herzogin Anna und fand ihre Ruhestätte in Reinhardsbrunn ; im nächstfolgenden Jahre schritt der Herzog zur Vermählung mit der früher schon genannten Katharina von Brandenstein. Man hat der letteren den Vorwurf gemacht , sie sei an dem Zerwürfniß des Herzogs mit seiner Gemahlin schuld ge= wesen ; ja die Schriftsteller aus dem 15. Jahrhundert und diejenigen, welche später wiederum von ihnen abgeschrieben haben, schildern die-
Herzog Wilhelm III, genannt der Tapfere (1445-1482).
243
ſelbe als ein üppiges, wollüſtiges Frauenzimmer, das ein ärgerliches Leben geführt , mit dem Herzog schon vor ihrer Vermählung in einem vertrauten Verhältniß gestanden und ihm schließlich nach der Hochzeit die eheliche Treue nicht bewahrt habe. Diese Erzählung steht im schroffsten Gegensaße zu der allgemeinen Achtung, in welcher die neue Herzogin nach ihrer Vermählung stand , nicht bloß bei den Unterthanen ihres Gemahls , sondern auch bei fürstlichen Höfen und Die Vermählungsfeier fand namentlich am kurfürstlich sächsischen. im Schlosse zu Niederroßla statt und wurde mit aller Pracht ausgeführt. Bei derselben waren an fürstlichen Personen zugegen: Herzog Ernst, der nachmalige Kurfürst von Sachsen, Herzog Wilhelm Die Anvon Braunschweig und Landgraf Heinrich von Hessen. wesenheit dieser Fürsten hätte sicherlich nicht stattgefunden , wenn Katharina in Wahrheit einen so ärgerlichen Lebenswandel führte, als man ihr nachgeredet hat , und eben so wenig würde ihr fürstliche Ehre in dem Maße angethan worden sein , als es in Wirklichkeit geschah. Der kursächsische Hof wollte ihr anfangs nicht die Titulatur „Hochgeboren “ zugestehen , weil sie keine geborene Fürstin war, und nannte sie
durchlauchtig " ; aber in der Folge , und das ist gerade
am durchschlagendsten , nach dem Tode des Herzogs Wilhelm wurde ihr von jener Seite mit der größten Achtung begegnet und ihr faſt noch größere Ehre erwiesen als bei Lebzeiten ihres Gemahls ; denn Kurfürst Ernst und Herzog Albert nennen sie in ihren Briefen : „die erlauchte und hochgeborene Fürstin , Frau Katharina , Herzogin zu Sachsen, Wittwe, unsere liebe Muhme " zc. Aber nicht bloß am kursächsischen, sondern auch an anderen fürstlichen Höfen wurden ihr alle ihrem jezigen Stande zukommenden Ehren erwiesen. Zu der Vermählungsfeier des Herzogs Georg von Bayern mit der königlich polnischen Prinzessin Hedwig, welche in Landshut 1475 mit großem Gepränge stattfand , war sie neben kaiserlichen , furfürstlichen und fürstlichen Personen mit eingeladen und sie erhielt dabei ihren Rang gleich nach der Kurfürstin von Brandenburg. Diese wenigen Hinweise mögen genügen um zu zeigen , daß die gehässigen Nachreden wohl eitel Erfindung waren , zum Theil hervorgegangen durch die Bosheit der Visthume. Nicht ihren Buhlerkünften hatte es Katharina zu verdanken, daß sie Herzogin wurde, ſondern allein dem freundlichen Verhältniß, in welchem ihr Vater, der Ritter Eberhard von Brandenstein auf Oppurg und dessen Schwiegersohn , Bernhard von Kochberg zu dem Herzog Wilhelm standen. Der Vater Katharinens genoß schon lange von dem Herzog große Achtung und hatte sich um denselben 16*
244
V.
Thüringen unter den Markgrafen von Meißen.
auf mancherlei Weise verdient gemacht ; daher ihm auch der Herzog die vormaligen
vigthumschen Güter nebst dem Schlosse zu Roßla
übergab, als er dieselben Apeln Vißthum abgekauft und ihm dagegen seine Lande zu Franken auf Wiederkauf verschrieben hatte.
Diese
Gnade des Herzogs gegen den alten Brandenſtein steigerte sich , je mehr er zu der Erkenntniß kam , welch einen treuen Minister er an dessen Schwiegerſohn habe. So lange die Vißthume und ihre Schwäger, Friedrich von Wigleben und Bartholomäus von Bibra den Herzog ganz nach ihrem Belieben lenkten, konnte Bernhard von Kochberg, wenn er gleich dem Herzog die besten Anschläge gab, doch nicht durchdringen. Als aber die gefährlichen Unternehmungen der Vißthume immer sichtbarer wurden , erkannte der Herzog , wie treulich ihm der von Kochberg jederzeit gerathen hatte und er bezeugte dies auch öffentlich. Deshalb darf es aber auch gar nicht befremden, wenn sich der Herzog mit seinem Minister häufig zu dem alten Herrn von Brandenstein nach Roßla begab , um
allerlei Angelegenheiten der
Landesregierung zur gemeinschaftlichen Besprechung zu bringen , und je mehr dies geschah , je mehr überzeugte sich der Herzog von der Redlichkeit und Treue der Familie.
Die häufige Begegnung mit der
Katharina, welche durch den Tod ihres ersten Mannes , eines Herrn von Heßberg zur Wittwe geworden war, führte sodann zu dem Entschlusse , sich mit derselben ehelich zu verbinden . Als weitere Belohnung für die treue Anhänglichkeit der Brandensteinschen Familie verlieh der Herzog im Jahre 1465 dem Bruder seiner Gemahlin, Heinrich von Brandenstein, Burg und Stadt Ranis . Fast zwei Jahrzehnte waren dem Herzog Wilhelm nach seiner zweiten Vermählung zu einer ungestörten Regierung beschieden und er hat dieselben zu mancherlei weisen Anordnungen benut . In Thüringen war seit Landgraf Balthasars Zeiten das Fehmgericht immer mächtiger geworden und hatte allmählich das durch Kaiser Rudolf von Habsburg aufgestellte Landfriedensgericht verdrängt.
Nun
gehörte zwar der Herzog Wilhelm mit den Edelſten ſeines Landes selbst zu den Wissenden des Gerichts ; allein er konnte nicht dulden , daß neben seiner Rechtspflege auch noch eine fremde Gewalt mit eingriff. Deshalb erließ er in Uebereinstimmung mit seinen Landständen die Verordnung , daß keiner von seinen Lehensleuten oder Unterthanen vor ein anderes als von ihm eingeseztes Landesgericht sollte gefordert werden können und daß keiner sich auf ein kaiserliches oder fremdes Gericht berufen dürfe.
Damit wehrte er den unrechtmäßigen Ein-
mischungen sowohl der Fehme , als auch der geistlichen Gerichte.
Herzog Wilhelm III, genannt der Tapfere ( 1445-1482) .
245
Ueberhaupt hatte er ein wachsames Auge auf die Gerichte seiner Vögte und Rathsmeister und bereiste zu besserer Controlirung der Beamten von Zeit zu Zeit das Land .
Eine solche Reise war nach
den hierzu getroffenen Zurüstungen bei der noch herrschenden Unficherheit ein großes Unternehmen .
Als sich der Herzog 1449 zu
einer solchen Reise nach seinen fränkischen Beſizungen rüstet, schreibt derselbe Mittwoch vor Himmelfahrt nach Sangerhausen und bittet, daß ihm die genannte Stadt schicke : „ 40 Mann redlicher wehirhafftiger gewapniter Fußschüßen, halb mit Handbüchsen, die andere Hälfte mit Armbrüsten , dazu Pulver , Gloten vnd philen (Pfeile) ein notdurfft vnd alle mit lebden , pafeusen vnd gutin tugendlichen (tauglichen) gewehren, auch je zu zehin ſchußin eynen redelichen guten reysewagen mit hohen leittern , anhangende bretern vnd vff den Wagen hawen (Hauen , Hacken), schuffeln , grabeſchiten , Exten , Flegeln , vnd andere nothdurftigen sachin zcum strite vnd zcur Wagenburgk tugentlich, vnd besundern eine gute Steinbuchsen, darzu zwölff steyne, pulvers eyn notdurfft, vnd eynen guten Buchsenmeyster, also das die alle vff den Dornstag nach Sct. Johanstage , Sonnenwenden gnant, yedermann an (ohne) schaden , vor dem Walde umb Jlmena übir nacht bliben , vnd mit den vnsern , die wir dieselbin nacht im Futter zu sebergen habin werden, vff frietag ubir walt (über den Wald) by Esuelt (Eisfeld) wo wir da ein Futter gebin lassen , rucken " 20. Somit war die von Sangerhausen erbetene Bedeckung nicht einmal die einzige, sondern bildete nur einen Theil von der Begleitung des Herzogs. 1458 unternimmt der Herzog abermals eine Reise durch sein Land. Sangerhausen muß zur Bedeckung dasselbe Contingent stellen und der Landesherr bittet ausdrücklich, daß man eine Tonne Pulver, 400 Pfeile und einen guten Büchsenmeister mit sende. Also derartiger Vorbereitungen bedurfte es zu jener Zeit, wenn der Landesfürst sein Land bereisen wollte . Einstmals wurde dem Herzog während seines Aufenthaltes in Niederroßla mitgetheilt, daß in Buttstädt ein Bürger , welcher einen andern im Rathskeller erstochen, noch am nämlichen Abende von dem anwesenden Bürgermeister und den Räthen zum Tode verurtheilt und alsobald beim Fackelschein enthauptet worden sei. berief den Stadtrath zur Verantwortung
Der Herzog
nach Niederroßla.
Die
Buttstädter suchten die raſche That mit einem von dem Landgrafen Friedrich dem Friedfertigen erhaltenen Freibriefe des Blutbannes zu entschuldigen.
Herzog Wilhelm entließ sie mit den Worten :
Herren von Buttstädt , ziehet hin mit eurem Berichte !
Ihr
Gott behüte
246
V.
Thüringen unter den Markgrafen von Meißen.
mich vor eurem Gerichte !" -Wie sich der Herzog auch um das Einzelne bekümmerte und ſeine Unterthanen vor Schaden zu bewahren suchte , beweist eine Verordnung von 1447.
Es ist ihm Kunde ge-
worden, daß sich Mordbrenner in seinen Landen eingefunden haben; *) sofort erläßt derselbe eine Warnung an seine Unterthanen. 1452 hat der Herzog in Erfahrung gebracht , daß Buſſo Vißthum nicht weit von Frankfurt a. M., zu Reiffenberg seinen Aufenthalt genommen habe. Deshalb ergeht eine Warnung an die Unterthanen, nicht ohne die nöthige Bedeckung nach Frankfurt zur Messe zu reisen. Um dieser Fürsorge willen , die sich auch in anderen , schon berührten Anordnungen aussprach , wurde der Herzog von seinen Unterthanen hoch geschäßt. Aber auch bei den mächtigsten Fürsten Deutschlands fand seine Einsicht volle Anerkennung und man bediente sich in verwickelten Staatsangelegenheiten nicht selten seines Rathes , und bei Frrungen zwischen den Fürsten trugen diese kein Bedenken, sich seinem Ausspruche zu unterwerfen. Selbst der Kaiser Friedrich III ließ ihn zu sich kommen , um sich bei ihm Raths zu erholen. So trat der Herzog 1454 vermittelnd ein zwiſchen seinem Bruder und dem Könige von Böhmen. Letterer verlangte 64 Schlösser und Städte wieder zurück , welche ehedem zur Krone von Böhmen gehört haben sollten. Der Krieg war bereits angekündigt ; Herzog Wilhelm reiste nach Prag und brachte es dahin, daß in Breslau durch einige Fürsten die Sache friedlich ausgeglichen wurde. 1459 war zwischen dem Markgrafen Albrecht von Brandenburg und dem Herzog Ludwig von Bayern ein Krieg ausgebrochen ; durch Wilhelms Vermittelung kam 1460 ein Vergleich zu Stande.
Zur ſelben Zeit trat er auch vermittelnd ein
zwiſchen eben dieſem Markgrafen und den Bischöfen von Bamberg und Würzburg . 1467 schlichtete der Herzog die Streitigkeiten zwischen dem Landgrafen Ludwig von Hessen und dem Abte Reinhard zu Fulda.
Es erhellt daraus , in welchem hohen Ansehen Wilhelm bei
den übrigen Fürsten des deutschen Reiches stand.
1477 bewirkte
derselbe eine Länderausgleichung mit seinen Neffen Ernſt und Albert, den Söhnen des verstorbenen Kurfürsten Friedrichs des Sanftmüthigen, indem er auf die Hälfte vom Schloffe, an der Stadt und dem Amte Freiberg mit allen Zugehörungen verzichtete und dafür Schloß und Amt Burgau mit dem Städtchen Lobeda und allen zugehörigen
*) Mordbrennerei war in jenem Zeitalter nichts Seltenes. So werden im Jahre 1473 Bösewichter wegen dieses Vergehens gefänglich eingeführt in Jena, Gotha, Tonna, Mühlhausen, Naumburg, Artern, Wiehe und Nebra.
Herzog Wilhelm III, genannt der Tapfere ( 1445-1482).
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Dörfern erhielt. Aus dem Amte Burgau bedangen sich die beiden Brüder aber jeden Herbst 20 Fuder Wein aus , nach Leipzig zu Liefern. *) Wie Herzog Wilhelms Weisheit volle Anerkennung fand, so trug derselbe auch den Beinamen „der Tapfere" mit vollem Rechte. 1449 hatte er dem Markgrafen Albrecht gegen die Nürnberger kräftig bei= gestanden und sich ganz besonders ausgezeichnet ; von neun Treffen, welche diese beiden Fürsten den Nürnbergern und ihren Verbündeten lieferten , waren acht zu ihren Gunsten ausgefallen. Aber auch bei den späteren häufigen Kämpfen hat sich der Herzog stets als tapferen Kriegsmann bewiesen ;
daher auch von ihm die Rede ging : „Wenn
Herzog Wilhelm gestiefelt und gespornt über den Schloßhof zu Weimar geht , so hört man ihn durch ganz Thüringen , und wer's verursacht hat, mag sich vorsehen !' Durch alle diese Darstellungen ist wohl das Urtheil , was wir zu Eingange dieſes Abſchnittes über den Herzog fällten , vollständig gerechtfertigt worden. Man kommt aber immer wieder zu der Frage : Wie ist es möglich , daß ein Fürst von so anerkannter Regentenweisheit und Tüchtigkeit so ganz falsch beurtheilt werden konnte ? Wie schon erwähnt , hatten vor allen Dingen die vertriebenen Vizthume keine Mühe gescheut, die lügenhafteſten und unlauterſten Berichte über den Herzog auszustreuen ; sodann hatte derselbe sehr erbitterte Feinde unter der Geistlichkeit , weil er keine Uebergriffe derselben in fremde Gerechtsame duldete und auch sonst hinsichtlich ihrer Thätigkeit und ihres Verhaltens
ein
wachsames Auge hatte.
Besonders
abgeneigt waren ihm die Geistlichen seit dem Jahre 1474.
Wegen
einer zu leistenden Reichshülfe war der Herzog Wilhelm genöthigt, eine außerordentliche Auflage zu verlangen ; die Edelleute und Klöster in seinem Lande mußten ihm die Hälfte aller Früchte und Zinsen einliefern, und diese Abgabe wurde, wie Nicolaus v. Syhgen berichtet, bis auf den Heller berechnet und eingehoben, was die Klosterbewohner auf das Bitterste empörte. Daher jene verleumderischen Berichte des Erfurter Klosterbruders , der natürlich auf der Seite seiner Partei stand. Der Herzog starb am 17. September 1482 zu Weimar und sein Leichnam wurde im Barfüßerkloster dafelbft (das jezige sogenannte Kornhaus ) beigesezt , später aber in die Stadtkirche übergeführt. Seine beiden Prinzessinnen aus erster Ehe waren schon in der Kindheit gestorben ; die zweite Ehe blieb kinderlos . Katharina v. Branden*) Geh. Haupt- und Staatsarchiv in Weimar.
Urkunden.
248
V.
Thüringen unter den Markgrafen von Meißen.
stein überlebte ihn zehn Jahre.
Der Herzog hatte ihr bei der Ver-
mählung als Leibgedinge die Städte und Aemter Weimar, Weißensee, Freiburg und Weißenfels mit den dazu gehörenden Schlössern verschrieben ; sie verzichtete aber nach ihres Gemahls Tode freiwillig darauf und zog sich nach Saalfeld zurück , das ihr mit allen Zugehörungen eingeräumt wurde.
Nach ihrem im Jahre 1492 erfolgten
Tode fand sie ihre Ruhestätte in Weimar neben ihrem Gemahl. Der Bruder des Herzogs , Kurfürst Friedrich der Sanft = müthige war bereits 1464 am 7. September gestorben. Seine Gemahlin Margaretha , Schwester des Kaisers Friedrichs III, überlebte ihren Gemahl 22 Jahre. Von seinen vier Söhnen waren bei dem Tode des Kurfürsten nur noch zwei am Leben : Ernst (geb. 1441 am 25. März) und Albert (geb. 1443 am 27. Juli). Die zwei jüngsten seiner Töchter gingen in das Kloster und von diesen beiden war Hedwig später Aebtissin zu Quedlinburg und Martha Aebtissin des Klosters Seußlig. Die älteste Tochter Amalie wurde Gemahlin des Herzogs Ludwig des Reichen von Bayern ; die zweite, Anna , vermählte sich mit dem von uns schon vielfach genannten Markgrafen, späteren Kurfürsten von Brandenburg, Albert, mit dem Beinamen : der deutsche Achilles .
Die beiden Brüder Ernst und Albert regierten anfänglich nach einer väterlichen Verordnung ihre Länder gemeinschaftlich und es herrschte eine so rühmenswerthe Einigkeit zwischen den fürstlichen Familien , daß beide in einerlei Schlosse zu Dresden ihren Wohnsiz hatten.
Im Jahre 1480 unternahm Kurfürst Ernst eine Reise nach und hatte vor seinem Weggange dahin zur Verwaltung des Landes einige Landvögte eingeseßt. Obgleich nun Herzog Albert Mitregent war, handelten dieselben doch fortwährend eigenmächtig und bereiteten ihm vielen Verdruß, so daß Albert noch während der Rom
Abwesenheit seines Bruders mit seiner Familie nach Torgau übersiedelte. Das war die erste Veranlassung zur nachherigen Landestheilung und der Gedanke daran prägte sich noch fester aus, als den Brüdern durch den Tod ihres Oheims , des Herzogs Wilhelm von Weimar 1482 das Thüringerland als Erbe zufiel . Die folgenreiche Theilung kam 1485 in Leipzig zu Stande und zwar spaltete man den ganzen Ländercomplex in den thüringischen und meißnischen Theil. Ungetheilt blieb natürlich der Kurkreis , den Kurfürst Ernst erhielt. Bei der Theilung der übrigen Länder wurden weder die natürlichen oder herkömmlichen Landesgrenzen, noch die alten Lehens- und Schußverhältnisse berücksichtigt, sondern Aemter, Städte, Burgen und Lehens-
Herzog Wilhelm III, genannt der Tapfere (1445-1482).
mannen
249
wurden ohne Weiteres einer Theilung unterzogen.
Wenn
der Kurfürst Ernst auch den vorzüglichsten Theil Thüringens mit den Städten : Weimar , Gotha , Eisenach , Buttstädt , Kahla , Orla= münda, Saalfeld, Salzungen, Waltershausen 2c. erhielt und die eine Linie der Grafen von Schwarzburg (zu Arnstadt , Blankenburg, Rudolstadt, Stadtilm und Leutenberg ), die Grafen von Gleichen (zu Tonna, Blankenhain, Ehrenſtein, Remda und Schauenforst), die Burggrafen von Kirchberg (zu Farnroda) und die Reußen (zu Kranichfeld) als Lehensmannen zugewiesen bekam, so erhielt doch Albert zu seinem meißnischen gleichfalls einen nicht unwesentlichen Theil namentlich des nördlichen Thüringen
mit
den Städten :
Tennstedt ,
Kindelbrück,
Langensalza, Thomasbrück, Weißensee, Sangerhausen, Freiburg, Eckartsberga , Dornburg , Jena 2c. und als thüringische Lehensmannen die andere
Linie
der Grafen
von
Schwarzburg
(zu
Sondershausen,
Frankenhausen, Greußen, Klingen, Kelbra und Heringen), die Grafen von Stolberg, Hohnstein, Mansfeld und Beichlingen, die Herren von Querfurt und die Schenken von Tautenburg . Zu dem thüringiſchen Landstriche erhielt Ernst noch Altenburg mit dem Osterlande und die fränkischen
Besitzungen
jenseit
des
Thüringer Waldes ,
nämlich :
Sonneberg, Neustadt, Coburg , Heldburg, Hildburghausen, Eisfeld und Königsberg. Auch Jena wurde ihm einige Wochen nach der Theilung als Ausgleich abgetreten. *) Der Ertrag der Bergwerke des Erzgebirges blieb beiden Brüdern gemeinschaftlich. bestätigte die Ländertheilung
Kaiser Friedrich III
im Februar 1486 und belehnte die
Brüder mit allen ihren Landen, Herrschaften und Würden. Seit dieser Zeit sind die Länder nie wieder unter einem Regenten vereinigt gewesen, sondern die Nachkommen der beiden Länder schieden sich in die Ernestinische und Albertinische Linie, von denen die erstere noch heute über die Thüringer Länder herrscht und in vier Herzogshäusern blüht.
Die albertinische Linie gelangte 1547 zur Kurwürde
*) Der Antheil Alberts war in seinem Ertrage höher veranschlagt als der Antheil des Kurfürsten Ernst ; deshalb trat der Erstere noch Amt und Stadt Jena ab, mit Ausnahme von Dorf und Gericht Kunitz , auch das Amt Gleisberg genannt, wozu außer Kuniß noch die Dörfer Lasan , Golmsdorf, Beutnit und Löbschütz gehörten. Diese Abtretung wurde auf 6000 Gulden veranschlagt. Außerdem zahlte Albert noch 17 193 Gulden heraus (Urkunde vom 9. November 1485 im gem. ernest. Archiv in Weimar). 1486 wird durch eine Commiſſion, bestehend aus dem Bischof von Meißen, Heinrich Reuß von Plauen und Anderen, abermals ein Vergleich festgestellt ; dabei werden die genannten Orte zum Amte Jena geschlagen und Herzog Albert behält sich aus demselben nur den Weinzehnten vor (Urkunde vom 25. Juni 1486 eben daſelbſt) .
250
V.
Thüringen unter den Markgrafen von Meißen.
von Sachsen, nahm 1806 den Königstitel an und herrscht im Königreich Sachsen. Der Kurfürst Ernst starb schon ein Jahr nach der Landestheilung, 1486 den 26. August und man sagt, aus Gram über die Zerstückelung der ererbten Lande ; von anderer Seite wird dagegen behauptet, derselbe habe durch einen auf der Jagd erlittenen Sturz so sehr gelitten , daß dadurch sein frühzeitiger Tod herbeigeführt worden sei. Gewiß ist indeß , daß der Kurfürst über die Theilung an sich und dann auch über den Ausfall derselben sehr unzufrieden war ; er hatte jedoch die Theile selbst gemacht und Albert hatte ge= wählt , freilich nicht nach seinem Wunsche.
Der Ruhm eines weiſen
und tapferen Fürsten folgte ihm nach. Er war weder ein Feind der Waffen, noch unerfahren im Waffenhandwerk.
Wenn er gleichwohl
den Krieg möglichst zu vermeiden suchte , so geschah dies um des Wohles seiner Unterthanen willen. Bevor wir von den beiden, ihm in der Regierung nachfolgenden Söhnen berichten, sei zuvörderst noch Einiges über diejenigen beiden mitgetheilt, welche sich dem geistlichen Stande widmeten.
Albrecht
(geb. 1464) war von Jugend auf mit einem so außerordentlich guten Gedächtniß begabt , daß er als Knabe die von dem Hauscaplan ihm vorgebeteten Psalmen sehr bald aus dem Gedächtniß nachbeten konnte. Da er überhaupt sehr viel Neigung zum geistlichen Stande zeigte, verschaffte ihm sein Vater eine Domherrnstelle in Mainz. Albrecht wußte sich das Vertrauen des damaligen Erzbischofs Dither in so hohem Grade zu erwerben , daß er 1480 , erst 16 Jahre alt , zum Statthalter des Erzbischofs von Mainz ernannt wurde ; ja nach dem Tode desselben wurde er 1482 zum Kurfürsten und Erzbischof von Mainz erwählt.
Wegen seiner weisen und menschenfreundlichen Re-
gierung liebte ihn sein Volk auf das Herzlichste. Leider starb er Sein Bruder Ernst (geb. fchon 1484 an einem hißigen Fieber. 1466 ) , war noch nicht 10 Jahre alt , als er mit Bewilligung des Papstes Sixtus IV zum Erzbischof von Magdeburg poſtulirt wurde. Die eigentliche Weihe zum Erzbischof wurde erst 1489 vollzogen. Das Ansehen seines Vaters und die von ihm gegen die stets unruhigen Unterthanen des Erzſtiftes zu gewärtigende Hülfe bewog das Domcapitel zu dieser Wahl .
Einige Jahre hernach wurde er auch
zum Verweser des Stiftes Halberstadt erwählt. Er starb 1513. Von den beiden Töchtern des Kurfürsten Ernst wurde Elisabeth 1478 an den König Johann von Dänemark, und Margarethe 1483 an den Herzog Heinrich von Braunschweig-Lüneburg vermählt.
Kurfürst Friedrich III, genannt der Weise (1486-1525).
251
Kurfürft Friedrich III , genannt der Weiſe , und ſein Bruder Johann der Beständige in gemeinſchaftlicher Regierung ( 1486-1525). Dieſes edle Brüderpaar hat fast 40 Jahre lang in steter Eintracht die ererbten Länder gemeinschaftlich regiert und die Regierung wurde für Land und Leute höchst segensreich.
Ein Zeitgenosse ent-
wirft von dem ältesten Bruder Friedrich folgende Schilderung : „ In Friedrich dem Weisen ist Vieles lobenswürdig : ein schöngebildeter Körper und ein majestätisches Ansehen, ein ruhiges und geseßtes Gemüth, ein durchdringender Verstand und ein treues Gedächtniß , ein brennender Eifer für Religion und ein überwiegendes Verlangen nach Frieden und Ruhe.
Er ist ein Mann von so herrlichem Charakter,
daß er Jedermann liebt , Niemanden haßt , langsam iſt zum Zorne, bereit zum Erbarmen, großmüthig und voll Eifer für die Kirche und die Vertheidigung der göttlichen Ehre.
Dazu kommt seine Mäßigkeit,
Friedfertigkeit, Sanftmuth, seine Frömmigkeit und Gottesfurcht, und zwar in hohem Grade."
Sein Bruder, Johann der Beständige war
ein rechtſchaffener , milder und fanfter Fürst , hatte in seiner Jugend auf der Domschule zu Grimma eine tüchtige Bildung genossen, liebte daher auch Wissenschaften und Künste und suchte ganz besonders ſeinen Kindern eine sorgfältige Erziehung und tüchtige Bildung angedeihen zu lassen. Das Lehtere ist für damalige Zeiten um so höher anzufchlagen, als der Adel und selbst die Fürsten im Allgemeinen für die sogenannte Bücherweisheit noch wenig Intereſſe zeigten und nur in Handhabung der Waffen sich üben zu müssen glaubten ; daher auch einige adelige Herren dem Herzog einst den Rath ertheilten, er möchte doch nicht Studenten und Schreiber aus seinen fürstlichen Söhnen erziehen , sondern sie im Jagen und Reiten und anderem ritterlichen Wesen üben. Der Herzog gab hierauf die bedeutsame Antwort : „ Die Dinge, von denen ihr sprecht, lernen sich von selbst. Wie man zwei Beine über ein Pferd hängen , des Feindes und der wilden Thiere sich erwehren oder einen Hafen fangen soll, das können meine Reiterjungen und Jägerbuben auch , und das von selbst .
Aber wie man
gottselig leben, christlich regieren, auch Land und Leuten löblich vorstehen soll , dazu bedürfen wir gelehrter Leute und guter Bücher, nächst Gottes Geist und Gnade. " Eine Regierung von solchen Fürsten ausgeübt kann nur zum Segen des Landes gedeihen. Besonders wichtige Ereignisse sind aus den ersten Jahren der gemeinschaftlichen Regierung nicht zu verzeichnen.
Im Jahre 1493
252
V.
Thüringen unter den Markgrafen von Meißen.
unternahm Friedrich der Weise eine Wallfahrt nach dem heiligen Lande und hatte als Begleiter auch den nachgehends so berühmten Maler Lukas Cranach — sein Name war eigentlich Müller, aber er nannte sich nach seiner Geburtsstadt Kronach im jezigen nördlichen Bayern in der Nähe des Mains - zu dem Zwecke mitgenommen , die vorzüglichsten Gegenden , Aussichten und überhaupt alles , was sich dem Auge Merkwürdiges
darstelle ,
abzuzeichnen.
Nach viermonatlicher
Abwesenheit kehrte der Kurfürst wohlbehalten in ſein Land zurück, während einer seiner Begleiter, der Herzog Christof von Bayern bei der Rückreise auf der Insel Rhodus starb . 1494 richtete Friedrich mit seinem Bruder Johann und zugleich mit dem albertinischen Hause für die Landschaften Meißen, Thüringen, Voigt- und Osterland ein gemeinschaftliches Oberhofgericht ein ; *) der beste Beweis dafür, daß die Gerichtspflege wesentliche Fortschritte ge= macht hatte.
1495 wurde bekanntlich vom Kaiser Maximilian der
große Reichstag in Worms abgehalten , auf welchem die Errichtung eines Kammergerichtes, die Einführung eines allgemeinen Landfriedens und damit die Abschaffung des Faustrechtes , und endlich die Einschränkung des westphälischen (Fehm-) Gerichtes beschlossen wurde . Friedrich der Weise war natürlich mit unter den berathenden Fürsten. Im nächsten Jahre wurde ihm die Ehre , gemeinschaftlich mit dem Kurfürsten von der Pfalz, während der Kaiser in Italien weilte, die Reichsstatthalterschaft zu führen . Noch zweimal wurde ihm dieſelbe übertragen : im Jahre 1500 bei dem in Worms in Vorschlag gebrachten Reichsrathe oder Reichsregimente , infolge dessen ihm 6000 Gulden jährlicher Gehalt ausgesezt wurde. Als 1507 der Kaiser abermals einen Zug nach Italien unternahm, überkam Friedrich der Weiſe die Reichsstatthalterschaft über das ganze deutsche Reich , weil der Kurfürst Philipp von der Pfalz wegen der voreilig angemaßten Besizergreifung der Verlassenschaft Herzog Georgs zu Landshut sich die Reichsacht zugezogen hatte. Friedrich der Weise bekam wegen der Statthalterschaft über das ganze Reich den Titel eines "/ Statthalters General" , deffen er sich von dieser Zeit an nicht allein in Urkunden sondern auch auf Münzen zu bedienen pflegte . Das wichtigste Werk der beiden fürstlichen Brüder zu Anfang des 16. Jahrhunderts war die Gründung der Universität Wittenberg. Schon unter dem 23. August 1501 erließ Friedrich der Weise eine darauf bezügliche Bekanntmachung. Dieselbe wurde unter dem
*) Gem. ernestinisches Archiv in Weimar.
Urkunden.
Kurfürst Friedrich III, genannt der Weise (1486-1525).
253
24. August 1502 wiederholt und besagte : „ daß Gott dem Allmächtigen zum Lobe , dem gemeinen Nußen und den Unterthanen zur Förderung in der Stadt Wittenberg etliche gelehrte Personen , Doctores und Meister bestellet und von ihnen in den freien Künsten, der heiligen Schrift, geistlichen und weltlichen Rechten, Arzenei, Poeterei und anderen freien Künsten gelesen werden solle. " Am 18. October 1502 wurde die Universität feierlich eröffnet , mit der Stiftskirche unzertrennlich vereinigt und ihr beiderseitiges Einkommen auf 6000 Gulden jährlich festgesezt, resp . erhöht. Bald blühte die neue Hochschule empor und verbreitete durch Luther, Melanchthon und Andere helles Licht über die noch im finstersten religiösen Wahne befangenen Gemüther. Der Kurfürst Joachim I von Brandenburg folgte dem Beispiele Friedrichs des Weisen und stiftete 1506 die hohe Schule zu Frankfurt a/D. Während in den Landen der fürstlichen Brüder alle Regierungsgeschäfte in beſter Ordnung verwaltet und durch Ruhe und Gesezmäßigkeit Gewerbe und Handel befördert wurden , gingen die äußeren Verhältnisse der sonst blühendsten und volkreichsten Stadt Thüringens, Gelegentlich der nämlich der Stadt Erfurt, immer mehr zurück. Mittheilung über die Schicksale der Niederroßlaer Vißthume wurde schon des großen Brandes gedacht , welcher Erfurt im Jahre 1472 heimsuchte. Unermeßlich war der angerichtete Brandschaden ; der dritte Theil der Bewohner hatte ſein Obdach, seine Habe, seinen Reichthum verloren ; die herrlichsten Gebäude waren in Asche verwandelt und Erfurts Stolz : der Dom und die Severuskirche starrten als ausgebrannte Ruinen empor . Dieser unerseßliche Verlust , den die bedauernswerthe Stadt durch eine Rotte verruchter Bösewichter erlitten hatte, wurde neben einem anderen Unglücke die Ursache ihres Verfalles. Seit einer Reihe von Jahren hatte Erfurt durch die Pest zu leiden und dieselbe soll im Jahre 1463 den dritten Theil der damaligen
Bewohner ,
nämlich
28000
Menschen hingerafft
haben.
Neben diesen äußeren Uebeln stellte sich aber noch ein viel gefährlicheres ein, das war der immer tiefer sich wurzelnde Troß gegen die bestehende landesherrliche Obrigkeit und schließlich die ausbrechende Uneinigkeit der Bürgerschaft mit dem Rathe, welche mit Blutvergießen Das schon früher endete und die Stadt vollends herunterbrachte. kundgegebene Verlangen nach Reichsunmittelbarkeit und Befreiung von der Mainzer Oberherrschaft erwachte troß der jest zerrütteten Als der Erzbischof von Mainz, Verhältnisse mit erneuter Kraft. Dietrich von Isenburg 1482 starb , hielt die Stadt den Augenblick
254
V. Thüringen unter den Markgrafen von Meißen.
für gekommen , um sich frei zu machen. Die Bürger verjagten den Mainzer Vogt, verweigerten die Annahme des neuen Erzbischofs Albrecht, eines Sohnes des Kurfürsten Ernst von Sachsen, befestigten die Stadt mit neuen Wällen und bauten die Cyriaksburg an die Stelle eines Nonnenklosters, um gegen jede Vergewaltigung sicher zu sein. Nun stand Erfurt ſchon seit langer Zeit in einem eigenthümlichen Verhältnisse zu dem sächsischen Fürstenhauſe, denn es hatte sich in den Schutz desselben begeben . 1445 wurde die Schußverbindung auf 25 Jahre festgesetzt und die Stadt machte sich verbindlich , jähr= lich 700 rheinländische Gulden Schußgeld zu entrichten. 1470 war die Zeit des Vertrages abgelaufen ; das Schußverhältniß wurde aber mit dem Herzog Wilhelm auf ewige Zeiten erneuert und der Betrag des jährlichen Schußgeldes auf 4100 rheinländische Gulden erhöht. Wie nun mit dem Tode des Mainzer Erzbischofs 1482 ein günstiger Augenblick gekommen zu sein schien , um sich von der Mainzischen Oberhoheit zu befreien, so hielten die Bürger den im selben Jahre erfolgten Tod des Herzogs Wilhelm von Weimar für einen paſſenden Moment, um auch jenes Schußverhältniß zu lösen. Aber der Kurfürst Ernst war weder gewillt die Ansprüche seines Sohnes
auf
Erfurt , noch auch die seines Hauſes auf das jährliche Schußgeld fallen zu lassen. Die Feindseligkeiten endeten erst 1483 durch einen Vertrag zu Ammerbach mit dem jungen Erzbischof Albrecht von Mainz, und zu Weimar mit Kurfürst Ernst , in dessen und seines Geschlechtes ewigen Schirm und Schuß sich die Bürgerschaft begab und dafür die Zahlung eines jährlichen Schußgeldes von 1500 Gulden versprach . Aber damit war nur eine vorübergehende Ruhe erlangt ;
die
inneren Verhältnisse waren mit der Zeit so faul geworden , daß ein Der große endlicher gewaltsamer Sturm nicht ausbleiben konnte. Brand, die großen und kostbaren Bauten, die häufigen Kriegsrüstungen und Heereszüge , die Erwerbung verschiedener Ortschaften , der Aufwand bei den häufigen Besuchen benachbarter und fremder Fürſten hatten nicht bloß die Mittel der Stadt gänzlich erschöpft, sondern derselben noch
überdies
eine
gewaltige
Schuldenlast
aufgebürdet .
Nun wurde das Stadtregiment nicht durch Abgeordnete der eigentlichen Bürgerschaft geführt , sondern durch die Patricierfamilien, welche überdies nach der damals überall in den Städten bestehenden Ordnung die im Rathe vacant werdenden Stellen nach ihrem eigenen Ermessen beseßten, ohne die Bürgerschaft darüber zu hören und ohne auch überhaupt jemals über die Verwaltung der städtischen Einkünfte
Kurfürst Friedrich III, genannt der Weise (1486-1525).
derselben Rechnung abzulegen .
255
Sehr hohe Steuern bedrückten die
Bürger auf das Härteste , und doch erfuhren sie niemals etwas über die Verwendung der Einkünfte. Die Unzufriedenheit steigerte sich ſchließlich bis zum völligen Aufruhr.
Der Rath hatte 1508 Schloß
und Amt Kapellendorf für 8000 Goldgülden an Friedrich den Weiſen und seinen Bruder Johann zwar wiederkäuflich , aber auf unbestimmte Zeit veräußert. Die beiden Erfurter Rathsmeister, Heinrich Kelner und Thilo Ziegler vermittelten am 23. August die Uebereignung.
Kapellendorf war ein Reichslehen, das bei der Demüthigung Der jezige Verkauf
der Vizthume wieder an Erfurt gekommen war.
an die sächsischen Fürsten war unter ausdrücklicher Einwilligung des Kaisers geschehen, veranlaßte aber bei dem Bekanntwerden in Erfurt einen gewaltigen Sturm. Unter sich selbst entzweit und unfähig, aus der Calamität Abhülfe zu schaffen , entdeckte der Rath endlich 1509 der versammelten Bürgerschaft den Zustand der Finanzen und verlangte Hülfe. Ein fürchterlicher Sturm erhob sich gegen die städtische Verwaltung, welcher man durch Abgeordnete der Gemeinde die Rechnungen über Einnahme und Ausgabe abverlangte.
Viele
Rathsmitglieder, mit und ohne Schuld an der Verwirrung, verließen die Stadt und riefen die Hülfe der sächsischen Fürsten an , während in Erfurt die Güter der Entflohenen eingezogen wurden . Die Bürgerschaft schickte Boten an den Erzbischof von Mainz mit der Bitte , er möge sich seiner Unterthanen erbarmen.
Vorzüglich lenkte
sich der Haß auf einen Mann , welcher viele Jahre an der Spiße der Verwaltung gestanden und bisher die Achtung des Volkes reichlich genossen hatte ; es war der vorhin genannte Heinrich Kelner, dem die Abgeordneten der Bürger vorwarfen, das Amt Kapellendorf ohne Wissen und Willen der Gemeinde an Sachſen verkauft zu haben. „Was Gemeinde ?" rief Kelner, „hier" ― auf sich zeigend - „steht die Gemeinde !"
Dies stolze, unüberlegte Wort brachte ihn ins Ver-
derben. Er wurde ergriffen , eingekerkert , auf die Folter gespannt, zum Tode verurtheilt und das Todesurtheil im Juni 1510 durch Erhängen vollzogen .
Weil man eine Verhinderung der Procedur
von Seiten der fächsischen Fürsten befürchtete, so wurde Kelner unter Bedeckung von 2 Kanonen, 60 Wagen und 800 bewaffneten Bürgern zum Galgen geführt. Den sächsischen Fürsten war die Absendung der Deputation nach Mainz nicht gelegen ; sie ließen dieselbe daher bei ihrer Rückkehr in Gotha aufheben, die begleitenden erzbischöflichen Minister wieder zurückdirigiren und die Erfurter Abgeordneten nach Weimar transportiren, wo sie in einem Gasthofe in Verhaft blieben.
256
V.
Thüringen unter den Markgrafen von Meißen.
Auf Fürsprache des Grafen von Schwarzburg erhielten dieselben nach einiger Zeit ihre Freiheit wieder.
Aber die Stadt brachte sich selbst
noch mehr in das Unglück ; aller Handel und Verkehr stockte ; die Sicherheit der Bürger außerhalb ihres Gebietes war gefährdet, denu die sächsischen Fürsten ließen durch 50 nach Gotha beorderte Reiter die Erfurter auf allen Straßen beunruhigen , die Frachtgüter und Viehheerden wegnehmen und die Dörfer ausplündern . Dem Beispiele folgten auch die Grafen von Schwarzburg und andere LehensLeute. Um in der Stadt endlich Ruhe und Ordnung zu schaffen, nahm man Landsknechte in Sold ; doch diese geriethen mit den Studenten in einen solchen hißigen Kampf , daß ſie in Gemeinschaft mit plünderungssüchtigem Gesindel das Gebäude der Hochschule stürmten, die Studenten nach einer tapferen Gegenwehr in die Flucht schlugen und nun in wilder Wuth die Hörsäle, die Bibliothek und die Wohnungen der Studenten plünderten und verheerten , so daß die Universität an Urkunden , Büchern und Schriften einen unerseßlichen Verlust erlitt.
Das
alles geschah in dem „", tollen Jahre " 1510 .
Nachdem noch mehrere Jahre lang die Unordnung gedauert hatte, gelang es endlich einem ausgezeichneten , gelehrten Manne Namens Henning Göden , wieder Ordnung zu schaffen.
Mit dem Kurfürsten
Friedrich dem Weisen und dessen Bruder wurde 1516 zu Buttstädt und Naumburg durch einen Vertrag die Einigkeit wieder hergestellt. Der sächsische Schuß wurde erneuert , in Erfurt wieder ein ordentliches Stadtregiment eingerichtet , die Vertriebenen und Geflüchteten bekamen ihre Güter wieder und
die ungeheure Schuldenlast von
600000 Gulden wurde durch gleichmäßige Abgaben aller Bürger allmählich abgetragen. Mit dem nächstfolgenden Jahre begann auf kirchlichem Gebiete jenes bekannte große Werk, die Reformation. Es kann nicht unſere Aufgabe sein , eine Geschichte derselben hier wiederzugeben , sondern wir wollen nur das Wichtigste davon kurz vorführen und dabei zeigen, welcher entschiedene Antheil an den großen Vorgängen dem ernestinischen Fürstenhause zuzuschreiben ist. Wie bereits früher bemerkt, wurde die christliche Lehre schon zu jener Zeit, als dieselbe endlich auch in Thüringen Eingang fand, nicht mehr in ihrer ursprünglichen Reinheit vorgetragen , sondern sie war durch viele menschliche Zusäße verunstaltet worden. Im Gegensaße zu der Einfachheit der ersten chriſtlichen Gemeinden, die von keinem anderen geistlichen Oberherrn wußten als von ihrem erhabenen Stifter, hatte sich in der christlichen Kirche, gleich wie in einem weltlichen Reiche, eine herrschende und gebietende
Kurfürst Friedrich III, genannt der Weise ( 1486-1525).
257
Macht, die Priesterschaft gebildet und dieser stand die dienende und gehorchende Masse der Laien gegenüber. Die Gewalt der obersten Priester, nämlich der römischen Bischöfe , welche von der gläubigen Gemeinde Päpste, das ist Väter , genannt wurden , erhob sich immer mehr, namentlich seitdem der Papst Gregor VII über die höchste weltliche Macht triumphirt hatte. Aber gerade in Rom , am Size des heiligen Vaters war schon längst weder bei den Laien noch auch bei den Priestern von strengen christlichen Sitten und reinem Lebenswandel keine Rede mehr ; daher galt das Sprichwort : „Je näher Rom , je schlimmere Chriſten ! " Die Entartung der Geistlichkeit verbreitete fich von Rom aus bald über das ganze christliche Abendland und wurde natürlich auch in Thüringen heimisch. Anstatt den Studien obzuliegen , fröhnten die Geistlichen dem Müssiggange, schwelgten bei Trunk und Spiel und gaben überall durch ihre Unzucht dem Volke ein schlimmes Aergerniß. Von der Unwissenheit Einzelner unter der Priesterschaft erzählen uns die späteren Kirchenvisitationen so märchenhaft klingende Beiſpiele , daß man es nicht zusammenreimen kann , wie solchen Leuten geistliche Aemter zugetheilt werden konnten. Aber gerade wegen ihres niedrigen Bildungsgrades waren die untersten Priester zu willenlosen Werkzeugen ihrer Vorgesetzten geworden. Wohl erkannten Viele aus dem Volke den überaus traurigen Zustand in der Kirche und geißelten denselben in scharfen Reden ; aber wenn man auch den Geistlichen z. B. anzuhören gab : „ Die erste Kirche hatte hölzerne Kelche und goldene Priester ; die römische Kirche dagegen hat goldene Kelche und hölzerne Priester", so war damit nur der Unmuth über die Zustände ausgesprochen, ohne daß irgend eine Veränderung bewirkt worden wäre. Vornehmlich waren es die Lehren von der Werkheiligkeit , von der Wirkung des Meßopfers , von der Heiligenverehrung , von dem Fegfeuer u . s . w ., welche das Verderbniß der Kirche und die Sittenlosigkeit unter dem Volke vermehrten und unterhielten. demoralisirend wirkte die Lehre vom Ablaß und
Besonders
überdies entzog
dieser schändliche Mißbrauch dem deutschen Vaterlande ungeheuere Summen Geldes . Myconius , der erste protestantische Geistliche in Gotha, behauptete, wenn das Ausplünderungssystem noch länger ge= dauert hätte , so würde Deutschland weder Heller noch Pfennig behalten haben.
Derselbe schildert überhaupt mit lebendigen Farben,
wie alles Christenthum, alle Religion , die eigentlich nur eine Handlung des Gemüthes, eine Anbetung im Geist und in der Wahrheit sein soll , zu einem gedankenloſen , äußeren unfruchtbaren Werke ge17 Kronfeld, Landeskunde. I.
258
worden sei.
V.
Thüringen unter den Markgrafen von Meißen.
Aber vergeblich hatten fromme und gelehrte Männer
gegen die Gebrechen in der Kirche geeifert;
vergeblich hatten sich
einzelne Stimmen auf den Kirchenversammlungen zu Costniß und Basel erhoben, um die Kirche an Haupt und Gliedern zu verbessern ; das Uebel war zu tief eingewurzelt und diejenigen, welche die Gewalt besaßen , um eine Aenderung herbeizuführen , ermangelten des guten Willens zu dem großen Werke, denn sie befanden sich für ihre Person beffer dabei, wenn das Volk möglichst in Unwissenheit erhalten wurde. Aber Alles in der Welt hat seine Zeit und so schlug denn endlich Ein auch die Stunde für jenen Glaubens- und Gewissenszwang . Mann von großer Gelehrsamkeit, tiefem Gemüthe , unerschütterlichem Gottvertrauen und unbeugsamem Muthe brachte es unter Gottes Beistande doch endlich dahin , daß die geistigen Fesseln gebrochen wurden und das Volk durch eigene Forschung in der heiligen Schrift selbst erkennen konnte , wie weit es in religiösen Dingen von dem rechten Wege abgeführt worden war. Und dieser Mann ging hervor aus dem Volke der Thüringer, und Volk und Land dürfen stolz sein auf den felsenfesten Dr. Martin Luther , der in der Erreichung des einmal als richtig erkannten Zieles trop Bann und Acht sich nicht beirren ließ . Martin Luther , der Sohn Hans Luthers , eines armen , aber redlichen Bergmannes aus dem Dorfe Möhra , unweit Salzungen im Herzogthum Meiningen, wurde den 10. November 1483 zu Eisleben in der Grafschaft Mansfeld geboren , wohin sich die Eltern des besseren Verdienstes halber gewendet hatten. Aber auch hier blieben dieselben nicht lange, sondern wendeten sich nach Mansfeld. Der Knabe , mit guten geistigen Anlagen ausgestattet , wurde von seinem Vater für den Gelehrtenstand bestimmt und sollte nach dem Wunsche desselben Jurist werden , um dereinst den unschuldig UnterDer junge Luther besuchte die drückten zum Rechte zu verhelfen. Schulen zu Mansfeld, Magdeburg und Eisenach, kam im 18. Lebensjahre auf die Universität nach Erfurt und studirte so fleißig , daß ihm schon 1505 die Magisterwürde zuertheilt wurde. In der Universitätsbibliothek fand er einst eine mit einer Kette befestigte ge= Voll Erstaunen über das dicke Buch, schriebene lateinische Bibel. denn er hatte troß seiner schon mehrjährigen Studien bis jezt noch keine vollständige Bibel gesehen , vertiefte er sich in das Studium derselben und wurde dadurch von seinen juristischen Arbeiten abDer plößliche Tod eines Freundes , der an seiner Seite gezogen. vom Blize erschlagen worden sein soll, veranlaßte ihn 1505, in den Augustinerorden zu treten , um sich auf einen , vielleicht · auch ihm
Kurfürst Friedrich III, genannt der Weise (1486–1525).
259
bevorstehenden plöglichen Tod würdig vorzubereiten. Im Kloster sezte er das Studium der Bibel und der Schriften des heiligen Augustin fleißig fort und wurde durch seinen
Vorgesezten ,
den
gründlich gelehrten und aufgeklärten Augustiner-Provincial Dr. Staupig dem Kurfürsten Friedrich dem Weisen als Lehrer an die Universität Wittenberg empfohlen.
1508 siedelte er hierauf als Professor der Philo=
sophie an die vor sechs Jahren gegründete Hochschule über, trat als Mönch in das dortige Augustinerkloster ein und wurde bald auch von dem Rathe der Stadt zum Prediger an der Stadt- und Schloßkirche berufen.
Mit um so größerem Eifer betrieb er nun das Studium
der heiligen Schrift ,
erlangte die Würde eines Baccalaureus der
Gottesgelahrtheit und bekam damit das Recht , theologische Vorlesungen zu halten. Fahrwasser.
Jezt erst war Luther in seinem eigentlichen
Im Auftrag seines Ordens reiste er 1510 nach Rom,
um einige Streitigkeiten wegen einer neuen Eintheilung des Ordensgebietes zu schlichten und erhielt von der Universität Wittenberg 1512 die Würde eines Dr. der Theologie. Bei dieser Gelegenheit mußte er schwören , die heilige Schrift sein Leben lang zu studiren und zu predigen , und diesen Schwur hat er männlich gehalten . Die erſte Veranlassung zur Reformation gab indeß ein äußerer Vorfall : der von dem Dominicanermönch Johann Tezel in der Nähe von Wittenberg, in Jüterbogk etablirte Ablaßhandel.
Luther trat gegen den
schändlichen Mißbrauch auf, schlug am 31. October 1517 die bekannten 95 Säße gegen denselben an die Schloßkirche zu Wittenberg an und forderte auf, ihm dieſe Säße aus der heiligen Schrift zu widerlegen , was natürlich von Niemand auch nur versucht werden konnte, weil vom Ablaß nicht eine Silbe in der Bibel zu finden ist. Die Säße wurden gedruckt und dadurch schnell in ganz Deutschland verbreitet.
Die Folgen dieſes ersten Schrittes konnte Luther natürlich
kaum ahnen ; aber viele weise und fromme Männer traten ganz ungescheut auf seine Seite und spendeten ihm öffentlich Beifall. Freilich gab es aber auch nicht Wenige, welche aus Furcht , daß ihnen ihr schönes Einkommen oder auch ihre Herrschaft über das Volk abhanden kommen könnte, von Kanzeln und Lehrstühlen gegen den Wittenberger Kezer gewaltig lärmten. Außer Tezel zeichnete sich hierin in Deutschland besonders aus Dr. Eck, Lehrer an der Hochschule zu Ingolstadt. Weder die Drohungen des Cardinals Thomas de Vio (Cajetan) in Augsburg 1518, noch die begütigenden Zureden des päpstlichen Kammerherrn von Miltiz in Altenburg 1519 vermochten Luthern zu einem Widerruf, ohne vorhergegangene Widerlegung aus der heiligen 17*
260
V.
Schrift.
Thüringen unter den Markgrafen von Meißen.
Zu Anfang des
lettgenannten Jahres war der deutsche
Kaiser Maximilian gestorben und Kurfürst Friedrich übernahm das Reichsvicariat. Diese Zeit war für Luthers Sache sehr günstig und er selbst schreibt darüber , daß das Evangelium unter dem Schatten dieses großen Fürsten glücklich und wohl von statten gehe und sich immer weiter ausbreite. Weil der Kurfürst wegen seiner Klugheit und Scharfsinnigkeit allenthalben sehr berühmt war , so erweckte das bei Vielen auch die Ueberzeugung , es könnten diejenigen doch wohl keine Kezer sein noch keßerische Lehren führen , welche von einem solchen Fürsten Schuß und Unterhalt fänden. Luther dachte indeß auch jezt noch nicht daran , eine Spaltung in der Kirche herbeizuführen ; aber Dank der tollen Weise, wie seine Gegner über ihn herfielen, kam das Reformationswerk bald in raſchen Fluß. In der von Dr. Ed gegen Luthern in Rom ausgewirkten und 1520 nach Deutschland gebrachten Bannbulle war Luther für einen straffälligen Kezer und Irrlehrer erklärt, den Jedermann, wenn er nicht binnen 60 Tagen seine Irrthümer feierlich widerriefe, tödten oder doch wenigstens gefangennehmen und an den Papst ausliefern könne ; überdies war das Lesen von Luthers Schriften bei Strafe des Kirchenbannes förmlich untersagt.
Allein , Eck wurde zu
seinem Schrecken gewahr , welchen gewaltigen Umschwung die Dinge bereits genommen hatten.
Früher hatten sich selbst Kaiser und Könige
vor der päpstlichen Bannbulle gefürchtet , und jetzt wurde Eck bei Verbreitung der von ihm ausgewirkten überall ein Gegenstand des Spottes ; ja in Erfurt nahmen ihm die Studenten die zum Anschlag bestimmte Abschrift ab, zerrissen sie in Stücken und warfen dieselben in das Wasser,
und
in Leipzig
mußte sich der übereifrige Mann
sogar in einen Schornstein verkriechen , um der Wuth der Studenten zu entgehen. Bei Nacht und Nebel schlich er sich aus der Stadt. Luther ließ 1520 am 10. December vor dem Elsterthore in Wittenberg einen Scheiterhaufen errichten und verbrannte in Gegenwart seiner Freunde, der Studenten und einer zahllosen Menge Volkes die Bannbulle, das römische Kirchenrecht und einige Schmähschriften seiner Gegner, und sagte sich mit diesem Schritte förmlich vom Papstthum los. Im Jahre vorher war auf dem Wahltage zu Frankfurt Kurfürst Friedrich der Weise einstimmig zum deutschen Kaiſer gewählt worden ; aber er schlug die Wahl aus und wußte dieselbe auf Karl V zu lenken, einen Enkel des verstorbenen Kaisers Maximilian , reich und mächtig war,
daß in seinen Ländern ,
pflegte, die Sonne nicht unterging .
L
der so
wie man zu sagen
Der neue Kaiser hielt um Ostern
Kurfürst Friedrich III, genannt der Weise (1486-1525). 1521 seinen ersten Reichstag in Worms.
261
Auch Dr. Martin Luther
mußte dabei erscheinen,
um sich wegen seiner Lehre vor Kaiser und
Reich zu verantworten .
Troß der Abmahnungen seiner Freunde ver-
traute Luther auf das kaiserliche Geleite und reiste in Begleitung von Justus Jonas, Nikolaus Amsdorf und des Rechtsgelehrten Hieronymus Schurff dahin ab. Ohne Furcht und Zagen betrat er die alte berühmte Stadt am Rheine, stand am 17. April, nachdem er sich mit inbrünstigem Gebete zu dem Kampfe bereitet hatte , vor dem Kaiſer, den Fürsten und den Abgeordneten der Ritter, Herren, Städte und Hochschulen des deutschen Reiches und vertheidigte mit dem Feuer angeborener Beredtsamkeit seine Lehre.
Als man ihn am
nächsten
Tage aufforderte , unbedingt zu widerrufen , erklärte er freimüthig das nur thun zu können , wenn er aus der heiligen Schrift, die er als alleinige Richtschnur anerkenne, widerlegt werde. Seine Schlußworte : "Hier stehe ich , ich kann nicht anders ; Gott helfe mir !" Sein muthiges, werden ewig im Gedächtniß des Volkes bleiben. unerschrockenes Auftreten hatte ihm den Beifall und die Zuneigung mancher Fürsten eingetragen , welche bisher immer noch schwankend gewesen waren , und in seinem Landesherrn , der sich seiner bisher zwar angenommen aber in einer so behutsamen Weise , daß dessen Beichtvater und Geheimschreiber Spalatin dieselbe nicht mit Unrecht Zaghaftigkeit nennt, der sogar noch auf die Einladungsſchrift des Kaisers zum Reichstage zurückantwortete , man möge ihn damit verschonen , Luthern zum Reichstage mitzubringen ,
denn er habe sich
nie angemaßt, Luthers Predigten und Schriften zu vertreten oder zu vertheidigen, wie er dies dem Papste wiederholt zu erkennen gegeben habe: in Kurfürst Friedrich dem Weisen stand jezt der Entschluß fest, den theuern Gottesmann Luther von nun an auf jegliche Weise zu beschüßen.
Diesen Vorsaz hat derselbe auch schon nach kurzer Zeit
auf das Herrlichste bethätigt. Luther reiste mit seinen Freunden am 26. April von Worms ab . Das gegebene Versprechen des sicheren Geleites hat der Kaiser redlich gehalten ; aber der Kurfürst sah voraus , daß nach Ablauf desselben sicherlich die Reichsacht ausgesprochen werden würde, was auch unter dem 26. Mai in dem berüchtigten Wormser Edicte erfolgte, und deshalb mußte vorgebaut werden.
In Eisenach trennte sich Luther von
seinen Freunden und reiste nach dem nahen Möhra, um seine Großmutter und seinen Oheim zu besuchen. Auf der Weiterreise wurde er auf Anordnung des Kurfürsten nach einem verabredeten Plane eine halbe Stunde hinter Altenstein auf der Straße nach Walters-
262
V.
Thüringen unter den Markgrafen von Meißen.
hausen von zwei vermummten Edlen,
Johann von Berlepsch,
dem
Voigte der Wartburg , und Burkard Hund , dem Herrn von Altenstein anscheinend überfallen und nach der Wartburg in Sicherheit gebracht. Die Stelle des Ueberfalles ist jezt durch ein entsprechendes Denkmal bezeichnet , während die Ueberreste jener uralten Buche bei dem jezigen Denkmale, unter welcher sich angeblich Luther von seinem Schrecken erholte und welche vor einigen Jahrzehnten durch einen Blizz zerschmettert sich in einem Stücke Stamm mit einem Aste immer noch forterhielt, vor einigen Jahren gleichfalls eingegangen sind. In seiner Einsamkeit arbeitete Luther vor allen Dingen an der Uebersehung des neuen Testamentes und kehrte nach zehn Monaten, im März 1522, ehe man sich's versah und ohne Wissen und Willen seines Landesherrn nach Wittenberg zurück.
Die Reise hätte ihm
leicht gefährlich werden können , denn er war noch in der Reichsacht und mußte überdies durch die Länder des Herzogs Georg von Sachsen, seines unversöhnlichen Feindes. Ihm galt aber die Sache mehr, als die Sicherheit seiner Person und so verließ er bei der Nachricht von Dr. Karlstadts Bildersturm und Begünstigung der neuerstandenen Secte der Wiedertäufer ohne weitere Bedenklichkeiten seine „Insel Pathmos ", oder
die Vögelherberge" , wie er seinen Aufenthaltsort
zu nennen pflegte, und eilte nach Wittenberg. Sein Ansehen, seine Predigten und dringenden Ermahnungen stellten schnell die Ruhe wieder her und er blieb auch von jezt ab unangefochten wieder in genannter Stadt und lehrte und predigte wie zuvor. Wenn man aber annehmen wollte, als sei nun mit allen in der katholischen Kirche bisher bestandenen Mißbräuchen mit einemmale aufgeräumt worden, so würde man sich gewaltig täuschen. Zu Ende des Jahres 1521 wurde in Wittenberg , als der Wiege der Reformation, die Messe abgeschafft ; das war der erste wichtige Schritt vorwärts. Nun darf man auch nicht glauben , als ob gleich aller Orten das Evangelium Eingang gefunden habe ;
die Leute waren im Katholicismus
aufgewachsen, hatten bisher nicht gewagt , irgend einen Glaubenssat als unrichtig anzuzweifeln oder einen religiösen Gebrauch als überflüssig zu betrachten und bei solchen Umständen ließ sich ein plöglicher Umschlag durchaus nicht erwarten .. Unter den Geistlichen wagten 1520 und 1521 nur Einzelne ,
frei
und offen ihre Predigten auf
das Evangelium zu gründen ; denn noch hatten die Bischöfe ihre Macht nicht abgegeben . 1522 nahm der Bischof von Meißen in den furfürstlichen Landen eine Visitation vor ; der Bischof von Merseburg noch 1524. Ueberhaupt war an einen raschen Fortschritt nicht zu
Kurfürst Friedrich III, genannt der Weise (1486-1525).
263
denken, so lange Friedrich der Weise lebte, weil er selbst bisher ein viel zu eifriger Katholik gewesen war. Die von ihm erbaute Allerheiligen-Kirche in seiner Hofstadt Wittenberg hatte er für hohe Summen mit vielen und kostbaren Heiligthümern, angeblichen Ueberbleibſeln von der Arche Noah, von Abraham, Isaak, Hiob, Mose, Samuel 2c. ausgestattet. Im Jahre 1509 wurden in dem darüber geführten Kataloge 5005 Reliquien verzeichnet ; bis 1520 war ihre Zahl auf 19013 gestiegen.
Er selbst kannte und haßte das verderbliche Un-
wesen und die großen Gelderpreffungen des römischen Hofes ,
nahm
auch Luthern überall in Schuß, bekannte sich aber doch nie offen zur neuen Lehre , was aus der bereits angeführten Antwort auf die Einladung zum Wormser Reichstage schon zur Genüge hervorgeht. Troß seiner hernach offenen Parteinahme für den Reformator auf dem Reichstage und troß der Fürsorge für die persönliche Sicherheit desselben durch Entführung auf die Wartburg , scheint der Kurfürst aus übergroßer Vorsicht doch bisweilen unangenehm berührt worden zu sein, wenn er mit Luther in directe Verhandlungen treten mußte. 1523 legte Luther für die Söhne eines verstorbenen Landrentmeisters, welche angeblich in Geldangelegenheiten verkürzt worden waren , auf deren Andrängen bei dem Kurfürsten eine Fürbitte ein . Am 13. Mai genannten Jahres ließ dieser durch Spalatin antworten, daß er dem Papste, Kaiser und anderen Ständen erklärt habe, er wolle mit Luthern nichts zu schaffen haben,
und wenn er sich in der angeregten Sache
mit ihm einlaſſen wolle , würde es heißen , er halte es doch heimlich mit ihm. Indeß wünsche der Fürst die Klagepunkte zu wiſſen ; Luther solle sie ihm schicken. Dies that Luther am 9. Juni und fügte in seinem Briefe an Spalatin eine derbe Lection für den Kurfürsten bei.*)
Am 5. Mai 1525 starb Friedrich der Weise auf dem
Jagdschlosse zu Lochau in einem Alter von 62 Jahren und fand seinem Wunsche gemäß eine Ruhestätte in der Schloßkirche zu Wittenberg.
Kurz vor seinem Ende hatte er sich noch das Abendmahl
unter beiderlei Geſtalt reichen laſſen . Vermählt war er nicht gewesen; aber er hinterließ zwei Söhne, Friß und Baßel von Jeßen , für die er testamentarisch hinlänglich sorgte. Den Beinamen des Weisen hat er sich erworben, weil alle seine Handlungen mit ruhiger Besonnenheit und Vorsicht ausgeführt wurden.
Er liebte um der Wohlfahrt seiner
Unterthanen willen den Frieden, obwohl er kein Feind der ritterlichen
*) Gem. ernest. Archiv in Weimar. von Spalatin.
Urkunden.
Eigenhändig aufgezeichnet
264
V.
Thüringen unter den Markgrafen von Meißen.
und kriegerischen Uebungen war , wie er denn 1496 zu Erfurt und 1518 zu Zwickau Turniere abhielt.
Wie hoch Friedrich in der Achtung
der übrigen deutschen Fürsten stand , beweist seine einstimmige Wahl zum Reichsoberhaupte. Der Kaiser Maximilian nahm fast nie ohne seinen Beirath eine wichtige Regierungshandlung vor , und Karl V erkannte seine Verdienste öffentlich an . Wenn er sich auch nicht offen zur neuen Lehre bekannte, so hat er sich doch durch die Festigkeit , mit welcher er trog aller Einflüsterungen und Drohungen den Lehrern des reinen Wortes Gottes
in seinen Landen Schuß und
Freiheit gewährte, ein großes und dauerndes Verdienst um die Kirchenverbesserung erworben geleistet.
und derselben
einen
wesentlichen Vorschub
Kurfürst Johann der Standhafte oder Beständige ( 1525-1532) . Schon seit geraumer Zeit hatte eine bedenkliche Gährung unter der bedrücktesten Volksklasse, unter den Bauern, Plaz gegriffen und war noch während der lezten Lebenstage des Kurfürsten Friedrich auch in Thüringen zu offener Empörung ausgeartet, so daß Johann der Beständige bald nach seines Bruders Tode zu den Waffen greifen mußte. Der Bauernstand war in jenen Zeiten allerdings mit einem furchtbaren Drucke belastet ; denn man war nicht damit zufrieden, demselben Geldsummen unter den verschiedensten Titeln als Abgaben abzupressen, sondern es mußten auch Naturalien, als Vieh, Geflügel, Fische, Getreide , Obst , Wein , Bier , Eier , Honig , Flachs , Heu 2c . an den Gutsherrn und die Geistlichen entrichtet werden. Hausvater, so nahm der Herr das beste Stück Vieh aus dem Stalle
weg ; bei dem Tode der Hausfrau gehörte ihm entweder ihr beſtes Kleid oder ein Stück Leinwand. Diese Abgabe war unter dem Namen „ der Todfall " aufgebracht worden. Damit nicht genug, mußten die Erben bei Uebernahme der väterlichen Hinterlassenschaft gerade so wie bei Käufen von Grundeigenthum überhaupt ein hohes Lehngeld Zum Ueberfluß waren den Männern auch noch harte entrichten. Frohndienste aufgelegt worden , im Frühjahre bei dem Pflügen und Säen, im Sommer bei der Ernte ; die Frauen mußten alle Arbeiten in den Gärten ihrer Herren , das Einernten des Hopfens und das Zubereiten des Flachses bis zum Spinnen unentgeltlich besorgen, und kam der Spätherbst und Winter heran , so mußte wieder der Bauer seinem Herrn bei der Jagd zur Frohne behülflich sein, so daß
Kurfürst Johann der Standhafte (1525-1532).
265
die geplagten Leute weder über ihr Eigenthum , noch auch über ihre Zeit Herr waren , sondern immer des Befehles ihrer Gutsherrschaft oder des Klosters, dem sie angehörten, gewärtig sein mußten. Das Gefühl so grenzenloſer Unterdrückung erregte neben einer immer lauter werdenden Unzufriedenheit auch natürlich die Lust zu Widerseßlichkeiten und schließlich zu Empörungen. Daher brachen schon lange vor Beginn der Reformation im westlichen und südwestlichen Deutschland unter den Bauern bedrohliche Aufstände aus und diese waren um so gefährlicher, als aus der Mitte jener Leute die Schaaren der Landsknechte hervorgingen, so daß also ein Theil der Bauern in den Waffen geübt war . 1493 bildete sich im Elsaß ein geheimer Bund mißvergnügter Landleute mit dem Abzeichen des Bundschuhes, des gemeinen deutſchen Bauernschuhes in der Fahne ; 1514 in Württemberg eine ähnliche Verbindung unter dem Namen des armen Kunzen oder Konrad , und jedesmal war nur der Haß gegen Adel und Geistlichkeit die Veranlassung. Beide Verbindungen wurden zwar durch Waffengewalt unterdrückt ; aber der einmal aufgeftachelte Haß glimmmte heimlich fort und man sprach selbst auf den deutſchen Reichstagen, so 1517 zu Mainz die Besorgniß vor einem zu befürchtenden Bauernaufstande ganz unverhohlen aus. In Süddeutſchland, wo der Anblick der benachbarten und in ihrer Freiheit so wohlhaben= den Schweizer die Gemüther noch mehr reizte , brach der Aufstand 1524 empörten sich die Bauern des Abtes von Kempten und des Bischofs von Augsburg , und bald durchzog eine gewaltige Gährung das deutsche Land vom Bodensee bis zum Harze und von Böhmen bis über den Rhein , bekannt unter dem Namen der
zuerst los.
Bauernkrieg.
Von den befähigtſten Führern waren zwölf Artikel aufgesetzt worden , welche die Forderungen der Bauern enthielten ; dieselben waren zum großen Theile nicht ungerechtfertigt. Zuerst verlangte man, es sollte ihnen erlaubt sein, ihre Geistlichen selbst zu wählen, denn man wollte nur solche haben, welche das Wort Gottes rein , ohne Beimischung menschlicher Sazungen predigten. Ferner wollte man in Zukunft keinen Zehnten mehr geben als nur vom Korn ; man habe sie bis daher als Sclaven behandelt , während sie doch durch Chriſti Blut zu freien Leuten geworden seien ; sie wollten zwar nicht ohne Obrigkeit , aber nicht mehr unter der bisherigen Sclaverei leben ; die Abgabe des „ Todfalles “ sollte abgeſchafft ſein ; die Landesherren sollten nach der Billigkeit und Vorschrift des Evangeliums verfahren, die Unterdrückungen mäßigen und über dasjenige, was die Bauern von alten Zeiten her getragen , ihnen nicht
266
V.
Thüringen unter den Markgrafen von Meißen.
noch täglich neue Lasten auflegen 2c.
Die versammelten Haufen
fingen damit an, die Schlösser der Adeligen und die reichen Klöster zu plündern und viele der zeitherigen Besizer zu ermorden. Bald wuchsen die Haufen zu großen Heeren an , deren sich in Schwaben allein drei fammelten. Eine Anzahl kleinerer Städte in Oberdeutschland hatte sich bereits mit den Bauern vereinigt und mehrere Fürsten, Grafen und Bischöfe mußten sich zu persönlichen Verträgen mit den Aufrührern verstehen und die Erledigung ihrer Beschwerden auf den Grund der 12 Artikel versprechen. Ja die Anführer, zu denen unter anderen Göz von Berlichingen und Florian Geier gehörten , faßten bereits weitaussehende Pläne zu einer Reformation des ganzen Reiches. Sie forderten z. B. die Säcularisation aller geistlichen Güter , das Aufhören der Zölle , die Einführung von gleicher Münze , gleichem Maß und Gewichte zc. Also schon vor drei und einem halben Jahrhunderte erstrebte man in Betreff der Erleichterung von Handel und Verkehr, was erst die Jeßtzeit erlangt hat. In Thüringen paarte sich der Aufruhr mit religiöser Schwärmerei.
Ein Weltgeistlicher , Thomas Münzer , geboren zu Stol-
berg am Harze, rühmte sich besonderer göttlicher Offenbarung, durch welche ihm das Wesen christlicher Freiheit viel klarer kund geworden sei, als Luther sie kenne und lehre. die Zuhörer mit sich fort.
Seine feurige Beredtsamkeit riß
Nachdem er als Prediger schon zu Zwickau
im Jahre 1520 großen Anhang gefunden , wurde er 1523 Prediger zu Allstedt, führte hier eine neue, viel Löbliches enthaltende Kirchenordnung ein, hielt den Gottesdienst in deutscher Sprache und erwarb sich durch seine Predigten nicht nur den Beifall der dortigen Einwohner, sondern zog aus der ganzen Umgegend, selbst aus Eisleben, Mansfeld, Sangerhausen , Frankenhausen , Querfurt 2c. das Volk herbei, das seinen Vorträgen aufmerksam folgte. Er verlangte außer der evangelischen Freiheit auch Gemeinsamkeit der Güter ; denn der Unterschied zwischen Reichen und Armen ſei ein unchristlicher ; im Reiche Gottes müßten alle Menschen gleich sein. Mit seinem Anhange zerstörte er die Wallfahrtskirche zu Mellersbach in der Nähe von Allstedt , mußte aber doch bald aus dem Lande flüchten , weil von dem Herzog Georg von Sachsen wegen seiner aufrührerischen Reden Beschwerde geführt wurde. Nachdem er sich in Nürnberg, Schwaben zc. umhergetrieben hatte, kehrte er 1525 nach Thüringen zurück und wurde auf Betrieb seiner Anhänger in der Reichsstadt Mühlhausen in Thüringen zum Prediger erwählt.
Bald brachte er
es dahin , daß der ihm nicht günstig gestimmte Rath abgesezt ,
ein
Kurfürst Johann der Standhafte (1525-1532).
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anderes Regiment eingeführt, und daß er ſelbſt geistliches und weltliches Oberhaupt wurde. Nun konnte er nach seinem Gutdünken frei schalten und walten und er benußte seine Stellung zumeist dazu, seinen Anhang zu bewaffnen . Die Glocken der Kirchen wurden in dem Barfüßerkloster zu Büchsen umgegossen ,
alle sonst nöthigen
Waffen angeschafft und die Bauern der ganzen Umgegend unter den verlockendsten Vorſpiegelungen aufgeboten. Ganz besonders hatte er es darauf abgesehen , die Bergleute in der Grafschaft Mansfeld als handfeste Leute für sich zu gewinnen.
Ihm zur Seite stand sein
Spießgeselle Heinrich Pfeifer, ein Mönch des Klosters Reifenstein auf dem Eichsfelde, der mit der bewaffneten Menge einen Raub- und Plünderungszug in das erzbischöflich mainzische Eichsfeld unternahm. Klöster und Schlösser wurden geplündert und mit dem erbeuteten. Gute von 25 Klöstern kehrte Pfeifer nach Mühlhausen zurück , wo der Raub getheilt wurde.
Das Beiſpiel wirkte ermuthigend auf die
bis jezt noch zaghaften Gemüther und in kurzer Zeit rotteten sich die Bauern in allen Gegenden Thüringens zusammen . Vor den Thoren Erfurts erschienen 11 000 derselben aus dem Gebiete der Stadt bewaffnet , um den Bedrückungen des Rathes , der ihre Beschwerden nicht gleich abgestellt hatte, mit Gewalt ein Ende zu machen. Der Rath wußte sich nicht zu helfen, ließ die Thore öffnen und das Volk strömte herein, um sich zunächst mit dem beutegierigen städtischen Gesindel zu vereinigen .
Den Bürgern wurde zwar kein Leid zugefügt ;
aber der erzbischöfliche Voigt und der Küchenmeister wurden vertrieben , der Mainzer Hof beseßt , die Stifter , Kirchen und Klöster geplündert und die reichen Vorräthe an Wein und Lebensmitteln in den Klöstern aufgezehrt.
In der allgemeinen Verwirrung hatte sich
der Rath der silbernen Särge Adelars und Eobans bemächtigt und ließ hernach daraus die sogenannten Sargpfennige münzen. Acht Tage nach Ostern zog eine Anzahl Bürger aus Waltershausen mit den Bauern der umliegenden Ortschaften nach dem Kloster Reinhardsbrunn, vertrieb die Mönche, that sich gütlich an den Vorräthen des Klosters und steckte dasselbe , nachdem nichts mehr zum Verzehren vorhanden war, in Brand .
Dieselbe Rotte brachte gleiches
Schicksal auch über die Klöster Georgenthal und Ichtershausen.
In
der Grafschaft Schwarzburg machte die Stadt Arnstadt den Anfang, vertrieb die Mönche , verweigerte ihren Herren den Gehorsam und zwang die Grafen Heinrich und Günther auf dem Rathhause be= stimmte Artikel der neuen Freiheit zu beschwören .
Bald tobte der
Aufruhr auch in Stadtilm, Königſee, Rudolstadt und Blankenburg ;
268
V.
Thüringen unter den Markgrafen von Meißen.
die Klöster Paulinzelle und das in Stadtilm wurden ausgeraubt. Nicht minder toll ging es in der Grafschaft Schwarzburg-Sondershausen zu, wo man das Stift Jechaburg plünderte. Auch in dem südöstlichsten Theile Thüringens, in Saalfeld mußten sich die Mönche des Stiftes vor den tobenden Volkshaufen flüchten und fanden eine Zufluchtsstätte in Erfurt; aber die Gebäude des Stiftes wurden zerstört. In Eisenach erfuhren die Stifter, Klöster und geistlichen Ge= bäude gleiches Schicksal. Doch nicht bloß die Klöster , auch die Besizungen des Adels in Thüringen wurden hart mitgenommen ; kurz, durch ganz Thüringen tobte der Aufruhr und ließ kein Kloster unverschont.
Jezt hielt auch Thomas Münzer die Zeit für gekommen ,
um sich an die Spiße von bewaffneten Haufen zu stellen .
Mit einer
Rotte von 300 Mann zog er nach Frankenhausen zur Vereinigung mit einem Haufen Plünderer , denen die Klöster am Harze erlegen waren. Am 12. Mai war sein Heerhaufen bereits 8000 Mann start und er glaubte , damit den heranziehenden Fürsten Troß bieten zu können. Um dem tollen Treiben ein Ende zu machen, hatte sich der Kurfürst Johann der Beständige mit den benachbarten Fürsten, dem Herzog Georg von Sachsen, dem Landgrafen Philipp von Hessen und dem Herzog Heinrich von Braunschweig verbunden. Schon unter dem 24. März 1525 war ein kaiserliches Mandat an die drei zuerst genannten Fürsten erlassen worden , die Beraubung des Predigerklosters zu Mühlhausen und die Vertreibung der Mönche daraus zu untersuchen und die Schuldigen zu bestrafen . *) bündeten , bestehend
Das Heer der Ver=
aus 1800 Reitern und 6000 Mann zu Fuß
rückte geraden Weges auf Frankenhausen los .
Alle Versuche zu güt-
lichen Verhandlungen mit den Aufrührern waren vergebens, da Münzer durch die tollsten Reden den ungebildeten Haufen zu begeistern wußte ; ja man nahm die beiden Friedensboten der Fürsten gefangen und ermordete den einen derselben , Matern v. Gehoven in der rohesten Weise.
Jezt war es mit der Nachsicht vorbei ; die Truppen griffen
an. Der hinter seiner Wagenburg sich sicher wähnende Haufe rechnete auf den unmittelbaren Beistand Gottes und stimmte das Lied an: „Komm heiliger Geist. "
Bald war die Niederlage der Bauern ent-
schieden ; in wilder Flucht rannten die Uebriggebliebenen den Berg hinab , auf dem die Schlacht stattgefunden hatte, und suchten Schuß in der ummauerten Stadt Frankenhausen ; doch vergebens .
Die Stadt
wurde genommen und noch am selben Tage ein hartes Strafgericht
*) Gem. ernest. Archiv in Weimar.
Urkunden.
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Kurfürst Johann der Standhafte (1525-1532).
über sie verhängt , weil sie am Aufstande mit betheiligt war. 300 Bürger und Bauern wurden hingerichtet, nachdem in der Schlacht bereits 5000 derselben gefallen waren. Münzer war einer der Ersten, welche flohen , wurde aber in Frankenhausen auf dem Boden eines Hauses entdeckt und vorläufig als Gefangener nach Heldrungen gebracht. Die Fürsten zogen nun mit ihren Truppen vor Mühlhausen, um auch diesen Heerd
des Aufruhrs
zu demüthigen .
Bei
ihrer
Annäherung hatte sich Pfeifer mit 400 Mann aus dem Staube ge= macht ; er wurde aber mit 112 Mann in der Nähe von Eisenach aufgegriffen und nach Mühlhausen zurückgebracht. Die Stadt befürchtete mit Recht ein hartes Strafgericht und suchte ein milderes Urtheil dadurch herbeizuführen, daß 1700 Frauen und Jungfrauen sich nach dem Lager der Fürsten begaben und um Schonung und Nachsicht baten. Weil man sich auf Gnade und Ungnade ergab, geschah der Stadt sonst kein Schade , doch mußte sie eine hohe Summe, 40 000 Gulden als Strafe erlegen, *) alle Waffen abliefern und auch manche Freiheit einbüßen . Nachdem Pfeifer glücklich wieder eingebracht war, holte man auch Münzer herbei und beide erlitten mit 24 ihrer schlimmsten
Genossen aus
Mühlhausen den Tod
durch
Henkershand. Jezt theilten die Fürsten ihre Heere und zogen durch die unruhigen Aemter und Pflegen , um überall das Strafgericht fortzusehen. Die Bauern , schuldige , aber leider auch unschuldige, wurden an Ehre und Gut, an Leib und Leben bestraft, viele Dörfer verwüstet und überhaupt war das Verfahren da und dort so hart, daß die von den Aufrührern früher verübten Gräuel oft noch überboten wurden. Besonders grausam verfuhr Herzog Georg. In Langensalza z. B. ließ er 40 Bürger enthaupten. Arnstadt, Stadtilm und andere Städte mußten große Strafsummen erlegen und die Anführer der Rebellen wurden auch hier hingerichtet. Furcht und Schrecken verbreitete sich überall. So endete der Bauernkrieg in Thüringen. Anstatt die geträumte Freiheit zu erlangen, fiel das Volk wieder in die alte Knechtschaft und Dienstbarkeit zurück , bis endlich die fortschreitende Aufklärung und Humanität auch hier Ab= hülfe fchaffte. Die Ausbreitung der Reformation ging während der Regierungszeit des Kurfürsten Johann ziemlich rasch von statten. Unter seinem Bruder Friedrich dem Weisen war es den Geistlichen noch anheimgestellt, ob sie sich der neuen Richtung anschließen wollten oder nicht ;
*) Gem. ernest. Archiv in Weimar.
Urkunden.
270
V.
Thüringen unter den Markgrafen von Meißen.
daher auch bis jezt fast nur in den Städten und auch da nur von einzelnen Geistlichen nach Luthers Lehre gepredigt wurde, denn viele scheuten den öffentlichen Uebertritt aus Furcht vor den Verfolgungen der katholischen Geistlichkeit. *)
Johann bekannte sich offen zur neuen
Lehre und ordnete ihre Verbreitung an, soweit seine Herrschaft reichte. Der öffentliche Gottesdienst wurde verbessert und viele unnüße Gebräuche kamen in Wegfall ; die Gebete durften in der Kirche nicht mehr in lateinischer Sprache abgelesen werden , sondern es wurden dafür deutsche eingeführt ; ebenso traten jezt deutſche Gefänge an die Stelle der früheren lateinischen. Schon 1524 hatte Luther ein Gesangbuch drucken lassen .
Die zerstörten und verödeten Klöster in den
kurfürstlichen Landen wurden nicht wieder hergestellt, die verschonten aufgehoben (Luther hatte 1524 das Kloster in Wittenberg verlassen), ihre Güter eingezogen und größtentheils zur Besoldung und Erhaltung der Geistlichen, Kirchen und Schulen beſtimmt. ** )
Aus manchen
Klöstern zogen die bisherigen Inſaſſen freiwillig aus , wie z . B. aus Bürgel.***) Dieſe freiwillig Austretenden sowohl als auch diejenigen, welche auf Befehl des Landesherrn das Klosterleben aufgaben, wur den bis an ihr Lebensende reichlich versorgt. In der Regel wurden jedem ehemaligen Klosterbewohner auf das Jahr
30-40
Gulden
ausgezahlt und oft noch ziemlich bedeutende Bezüge an Korn hinzugefügt. †) Bei dem hohen Werthe des Geldes war die genannte Summe zum Lebensunterhalte vollkommen ausreichend ; denn der Gehaltsbezug eines Universitätsprofessors betrug meistens auch nur 30 Gulden. Weil den Anordnungen des Kurfürsten hie und da von Seiten der Geistlichen ein zäher Widerstand entgegengesetzt wurde, so bean= *) v. Seckendorff erzählt in seiner „ ausführlichen Hiſtorie des Lutherthums und der heilsamen Reformation" (1714) S. 431 zwei Beispiele raffinirtester Bosheit, wie man sich katholischerſeits an denjenigen Geistlichen rächte, welche anfingen , in lutherischer Weise zu predigen. In Halberstadt wurde 1521 der Carmeliter Valentin Muſteus auf Anſtiften des Weihbiſchofs und der Domherren gefangen genommen und caſtrirt. - In Erfurt wurde die Kanzel in der Kirche St. Michael 1522 mit Gift bestrichen , woran der lutherische Geistliche Georg Forcheim starb. **) Nachweis über die Verwendung der Klostervermögen zu kirchlichen Zwecken findet sich im gemeinsch. ernest. Archiv in Weimar Reg. li Fol. 2, B. 5. „ Visitation des Landes zu Durringen, angefangen Montags nach Invocavit anno 1533." ***) Gem. ernest. Archiv in Weimar. Urkunden. †) In den beiden Staatsarchiven in Weimar existiren verſchiedene derartige Verträge.
Kurfürst Johann der Standhafte (1525-1532).
271
tragte Luther im November 1526 eine allgemeine Kirchenviſitation, welche auch zu Ende des Jahres 1527 begonnen, aber größtentheils erst im Jahre 1528 durchgeführt wurde. *) Melanchthon , Luthers bester Freund und eifriger Mitarbeiter an der Reformation , hatte eine Instruction ausgearbeitet , wie die Visitatoren verfahren sollten. Von der Gegenpartei wird zwar behauptet, man ſei mit großer Härte gegen diejenigen Pfarrer vorgegangen, welche in der bisherigen Lehre verharren wollten ; aber diese Behauptung beruht auf Unwahrheit ; denn es war den Visitatoren eingeschärft worden , wenn sie Geistliche fänden , welche zum Predigen und Reichung der Sacramente also ungeschickt wären , daß man ihnen mit gutem Gewiſſen keine Pfarrei anvertrauen könnte , und sie doch Alters und sonstiger Beschaffenheit halber zu keinem andern Thun , womit sie sich ernähren möchten , tüchtig wären , so sollte felbigen aus den pfarrlichen Einkünften so viel als zum Unterhalte nöthig , lebenslang gereicht, oder sie sollten mit ehrlicher Verehrung dimittirt und mangelhaft ausgestoßen werden . **)
nicht leer und
Besonders wichtig war die Ver-
ordnung , tüchtige Pfarrer , namentlich in den Städten , zu Superintendenten und Inspectoren auszuwählen ; man nannte dieselben damals Superattendenten. Das ganze Kurfürstenthum Sachsen wurde behufs der Visitation in vier Bezirke eingetheilt :
1 ) Kurkreis mit
Meißen, 2) Oster- und Voigtland, 3) Thüringen, 4) Franken .
Für
Thüringen waren als Geistliche zu Visitatoren bestimmt : Philipp Melanchthon , Friedrich Myconius und Justus Menius ; als Laien : Johann von der Planik, Dr. Hieronymus Schurff und Erasmus von Haugwiß. Diese Commission besuchte in Thüringen zunächst die Städte und dann kam es an die umliegenden Dorfschaften. Aber die Erfahrungen , welche man bei dieser Visitation machte , waren zum Theil sehr niederschlagend , so daß man in unseren Zeiten die Mittheilungen darüber für Märchen halten könnte.
Traf man doch
Pfarrer an , die nicht einmal lesen konnten ; ja manche vermochten sogar nicht das Vaterunser zu beten . Wie mag es da mit dem Bildungsgrade des gewöhnlichen Mannes ausgesehen haben ! Der sanfte und menschenfreundliche Melanchthon äußert sich deshalb dar*) Leider fehlt seit dem Ende des 17. Jahrhunderts im gem. erneſt. Archive in Weimar der dicke Actenband über die Kirchen- und Schulviſitation im Jahre 1528, während die Acten über die späteren Visitationen alle noch vorhanden sind. **) Daß man dieser Instruction gemäß verfahren ist, das läßt sich aus verschiedenen Schriftstücken in den beiden Weimariſchen Staatsarchiven nachweisen.
272
V.
über :
Thüringen unter den Markgrafen von Meißen.
„ Wie kann man es verantworten, daß die armen Leute bisher
in so großer Dummheit gelassen worden sind ! Mein Herz blutet, wenn ich diesen Jammer erblicke. Ich gehe oft bei Seite und weine meinen Schmerz aus , wenn wir mit der Untersuchung eines Ortes fertig sind ."
In solche Zustände muß man sich nur lebhaft hinein-
denken, um das große Werk der Reformation ordentlich verstehen und sowohl die Verdienste der Reformation als
auch namentlich des
Landesfürsten zur Genüge würdigen zu können, welcher ohne Menschenfurcht , trog der feindseligen Gesinnung des Kaisers die Angelegen= heit auf alle Weise fördert. Die Entschiedenheit , mit welcher der Kurfürst Johann sich der protestantischen Sache annahm , gab auch anderen deutschen Fürsten Muth, frei und offen sich zu Luthers Lehre zu bekennen. So war der Herzog Heinrich von Sachsen , jüngerer Bruder des Herzogs Georg, *) jenes wüthenden Gegners der Reformation , schon im Jahre 1525 öffentlich zur lutherischen Lehre übergetreten. Die Feinde des Evangeliums boten aber Alles auf , die Reformation zu unterdrücken , und deshalb schloß der Kurfürst Johann mit dem Landgrafen Philipp von Hessen 1526 ein förmliches Bündniß zur Abwehr der Angriffe auf das Lutherthum seitens der römisch-katholischen Geistlichkeit. Diesem Bündnisse traten gar bald auch die Herzöge von Braunschweig : Philipp, Otto, Ernst und Franz, der Fürst Wolf zu Anhalt und die beiden Grafen Gebhard und Albrecht von Mansfeld bei.
Die Vorsicht eines engen Bündnisses der protestantischen Fürsten
unter einander war um so nöthiger , als der Papst die sogenannte lutherische Kezerei durch den Kaiser Karl V und dessen Bruder, den Erzherzog Ferdinand vollständig auszurotten hoffte.
Auf dem in
diesem Jahre ( 1526 ) zu Speier gehaltenen Reichstage berathschlagte sich Ferdinand mit den Bischöfen darüber, wie die evangelische Lehre gänzlich vernichtet werden könne.
Weil aber Kurfürst Johann und
Landgraf Philipp den Evangelischen öffentlich ihren Schuß angedeihen ließen , so lautete der Reichstagsschluß dahin , man erwarte zur Beilegung der Religionsstreitigkeiten eine allgemeine Kirchenversammlung ; inzwischen sollten die Stände des Reiches in Sachen, welche das Wormser Edict angehen möchten , mit ihren Unterthanen ſo leben , regieren und sich so halten , wie ein Jeder solches gegen *) Herzog Albrecht der Beherzte , Gründer der nach ihm benannten Linie des sächsischen Fürstenhauses, starb im Jahre 1500 und hinterließ drei Prinzen : Georg, der Bärtige genannt (geboren 1471 ) , Heinrich (geboren 1473) und Friedrich (geboren 1474).
273
Kurfürst Johann der Standhafte (1525-1532).
Gott und kaiserliche Majestät zu verantworten hoffe. Im Jahre 1529 wurde abermals zu Speier ein Reichstag abgehalten ; aber durch denselben ward der Riß zwischen beiden Parteien nur größer. Da die meisten Reichsstände dem katholischen Glauben anhingen, so wurde auch in deren Sinne der Reichstagsschluß abgefaßt. Es solle , so lautete derselbe, im Wesentlichen bei dem Wormser Edicte bleiben, die Messe beibehalten werden und diejenigen , bei denen die neue Lehre Eingang gefunden habe, sollten sich aller weiteren Neuerungen enthalten. Gegen diesen Schluß legten die lutherisch Gesinnten eine förmliche Verwahrung oder Protestation ein , wovon sie den Namen Protestanten erhalten haben. Es waren dies die vorhin erwähnten Fürsten, denen auch der Markgraf Georg von Brandenburg aus der fränkischen Linie fich anschloß ; außerdem traten noch 14 Reichsstädte dem Proteste bei , darunter : Straßburg , Nürnberg , Ulm, Costniß, Reutlingen , Memmingen , Heilbronn , Weißenburg und Nördlingen. Für das nächste Jahr wurde schon wieder ein Reichstag ausgeschrieben und zwar nach Augsburg.
Das kaiserliche Ausschreiben sagte aus-
drücklich, daß unter Anderem auch von dem Religionswesen gehandelt und die Meinungen der streitenden Parteien vom Kaiser willig angehört und erwogen werden sollten .
Darauf hin befahl der Kurfürst
seinen hervorragendsten Gottesgelehrten : Luther, Melanchthon, Justus Jonas und Bugenhagen, ihr Glaubensbekenntniß aufzuseßen. hatte schon 1529
bei
Gelegenheit
des
Luther
Schwabachschen Conventes
17 Artikel zusammengestellt und daraus , so wie aus dem , was die übrigen
protestantischen
Fürsten
hatten
aufsehen
lassen ,
formte
Melanchthon die sogenannte Augsburgische Confession , welche vor der Uebergabe Luthern zur Durchsicht vorgelegt wurde. Der Kurfürst hatte denselben nämlich mit zum Reichstage genommen, ließ ihn aber aus Besorgniß einer möglichen Gefahr für seine Person, weil die im Wormser Edicte über ihn ausgesprochene Reichsacht noch nicht wieder aufgehoben war, auf der Feste Coburg zurückbleiben, so daß man sich nöthigenfalls bei ihm Raths erholen konnte. Luther soll während seines Aufenthaltes auf dieser Feste das herrliche Lied gedichtet haben :
11 Eine feste Burg ist unser Gott. "
Die übrigen
vorzüglichsten Geistlichen, wie Juſtus Jonas , Melanchthon , Johann Agricola, Spalatin und Osiander begaben sich mit nach Augsburg. Es ist bekannt, welche Schwierigkeiten der Kaiser dem Vorlesen jener, von den protestantischen Fürsten eigenhändig unterzeichneten Bekenntnißschrift entgegenseßte und wie er namentlich haben wollte, die= felbe solle in lateinischer Sprache vorgetragen werden. 18 Kronfeld, Landeskunde. I.
Die Vor-
274
V.
Thüringen unter den Markgrafen von Meißen.
Lesung fand durch den Unterkanzler Dr. Christian Beher am 25. Juni 1530 statt. Der Kurfürst Johann wartete den Reichstagsschluß nicht ab , sondern trat wider den Willen des Kaisers schon vorher den Rückweg an , verwahrte sich auch gegen den Reichstagsabschied und ließ dem Kaiser durch den Markgrafen Georg von Brandenburg sagen : ehe er von der reinen , evangelischen Lehre wieder zurücktrete, wolle er sich lieber seinen grauen Kopf vor die Füße legen lassen . Wegen dieses treuen Festhaltens an der protestantischen Sache hat man dem Kurfürsten den ehrenden Beinamen „ der Standhafte " oder auch " der Beständige " gegeben. In dem öffentlichen Reichstags= beschlusse , der darauf bekannt gemacht wurde , ward die Lutherische Lehre als Keßerei mit sehr harten Ausdrücken verworfen, die Her= stellung der eingezogenen Klöster und Stifter streng geboten , eine Censur für alle Druckschriften in Glaubenssachen angeordnet und die Widerspenstigen wurden mit des Kaiſers und des Reiches Strafe be= droht. Der Bruch zwischen beiden Religionsparteien war vollständig . Die Protestanten hatten sich von ihren Gegnern nicht viel Gutes zu versehen und deshalb schlossen sie am 29. December desselben Jahres zu Schmalkalden ein enges Bündniß für den Fall ,
daß man sie
durch Waffengewalt wieder zur katholischen Kirche zurückführen wolle. Sieben Fürsten und 24 Städte gehörten zu dem Bunde. Damit nicht genug , traten die protestantischen Fürsten auch noch mit dem Könige von Frankreich, dem erklärten Feinde Karls V in Verbindung, widersezten sich dem Kaiser in allen seinen Entwürfen und weigerten sich z . B., Ferdinand
seinen von ihm zum
Könige vorgeschlagenen
Bruder
als römischen König anzuerkennen und die Beiträge zur
Kriegssteuer gegen die Türfen, welche in Ungarn fürchterlich hausten und die Stadt Wien bedrohten, zu bezahlen . Diese Umstände nöthigten Karl V noch einmal zum Nachgeben ; denn die Angelegenheiten seines Hauses standen ihm höher , als die Sache seines Glaubens . Im Sommer 1532 wurde auf dem Reichstage zu Nürnberg ein Vergleich abgeschlossen, nach welchem die Glaubens- und Gewiſſensfreiheit der augsburgischen Confessionsverwandten bis zu einer allgemeinen Kirchenversammlung anerkannt und geschüßt sein sollte. Wenige Wochen nachher, am 16. Auguſt 1532 starb Johann der Beſtändige auf dem Schlosse zu Schweinig unweit Wittenberg . In der Schloßkirche zu Wittenberg wurde er beigeseßt. Sein Eifer für die protestantische Sache war dem Kaiser in so hohem Grade ärgerlich ge= wesen, daß ihm dieser bis auf die lezte Stunde die Reichsbelehnung verweigerte , wenn schon er ihn als Kurfürsten anerkannte. Für die
275
Kurfürst Johann der Standhafte (1525-1582).
Beförderung der evangelischen Lehre hat Johann bei weitem mehr Muth gezeigt als sein Bruder Friedrich, und sein Verdienst ist um so höher zu stellen, als er aus voller, flarer Ueberzeugung die protestantische Sache unterstüßte. Ganz treffend ist das ehrenvolle Zeugniß Luthers :
„ Mit Kurfürst Johann starb die Rechtschaffenheit, wie
mit seinem Bruder die Weisheit.
Beide in einer Person würden
unter den Menschen ein Wunder gewesen sein." Johann der Beständige war zweimal vermählt gewesen.
Seine
erste Gemahlin Sophie , Tochter des Herzogs Magnus von Mecklenburg , starb bald nach der Geburt Johann Friedrichs , des späteren Kurfürsten, im Sommer 1503. Nach zehn Jahren vermählte sich der Kurfürst zum zweitenmale und zwar mit Margarethen , der Tochter des Fürsten Waldemar von Anhalt.
Aus dieser Ehe ging
der Herzog Johann Ernst hervor. Er wurde zu Coburg geboren und bekam auch später in der Landestheilung die Pflege Coburg mit den übrigen fränkischen Besitzungen. Es waren Zeiten gewaltiger Aufregungen und Umgeſtaltungen, welche die beiden Brüder Friedrich der Weise und Johann der Beständige mit durchlebten .
Zum Theil hatten sich in einzelnen Ver-
hältnissen die Veränderungen ihrem hauptsächlichsten Wesen nach bereits vollzogen und waren nur in ihrer Weiterentwickelung begriffen ; zum Theil trat die Umgestaltung erst Tage.
während
ihrer Regierungszeit zu
Durch die außerordentlich wichtige Erfindung des Schieß-
pulvers , als dessen Erfinder ein deutscher Mönch, Berthold Schwarz genannt wird, war das ganze Kriegswesen verändert worden. Während in früherer Zeit der Kampf nur in der Nähe , Mann gegen Mann mit Lanze und Schwert geführt wurde und persönliche Kraft, Uebung, Gewandtheit und Muth den Ausschlag gaben , trat jezt eine ganz andere Kampfesweise ein, der Kampf aus der Ferne, bei welchem der Einzelne nur als Werkzeug des Heerführers figurirte.
Des groben
Geſchüßes wird in dem Berichte von der Schlacht bei Crecy in Frankreich zwischen den Franzosen und Engländern 1346 Erwähnung gethan ; um das Jahr 1400 war der Gebrauch desselben schon ziemlich allgemein. Das kleine Geschüß oder die Handbüchsen, die ein einzelner Mensch mit sich fortträgt, erfand man etwas später ; doch wird derselben in einer Urkunde vom Jahre 1381 auch schon gedacht.
Jezt
konnte der feigste Mann den tapfersten Ritter mit seiner Büchse aus der Ferne erlegen und deshalb
eiferte der Adel lange
Zeit mit
äußerster Erbitterung gegen die neue, heimtückische und unehrliche Waffe, und weil dieselbe dennoch die Oberhand gewann, zog er sich 18*
276
V.
Thüringen unter den Markgrafen von Meißen.
immermehr vom eigentlichen Kriegshandwerke zurück. An die Stelle der alten Lehensheere traten nun Soldtrupppen, Landsknechte genannt, welche aber nach einem beendeten Kriege wieder entlassen und dann als Müßiggänger und Herumlungerer Länder wurden .
gewöhnlich eine Plage der
Dem früheren Fehdewesen hatte der Kaiser Maximilian auf dem Reichstage zu Worms 1495 durch den auf ewige Zeiten geschlossenen Landfrieden ein Ende zu machen gesucht ,
indem das Faustrecht
gänzlich aufhören und die Herrschaft des Gesezes als der normale Zustand gelten sollte.
Das gesetzliche Faustrecht ist nicht mit den
räuberischen Gewaltthaten zu verwechseln.
Der schon bestehende Land-
friede untersagte nur jede Gewaltthätigkeit und jede Fehde, die nicht gesetzmäßig angesagt war. Wenn zwei veruneinigte Theile es vorzogen, ihren Streit ohne Zuziehung der Gerichte selbst auszumachen, so war die Fehde rechtmäßig , aber immerhin eine große Unfitte. Durch den ewigen Landfrieden sollte auch diese beseitigt und durch geregeltere Rechtspflege den Fürsten die Lust zu Befehdungen ab= geschnitten werden ;
daher entstand die Einrichtung eines Reichs -
kammergerichts , das die Streitigkeiten zwischen den Reichsständen schlichten und gegen die Widerspenstigen im Namen des Kaisers die Reichsacht aussprechen sollte. Im November 1495 hielt dasselbe seine erste Sizung
auf dem Großbraunfels zu Frankfurt a. M.
Drei Jahrhunderte hindurch hat dieses Kammergericht, nachdem dasselbe 1507 wiedert erneuert worden war , bestanden. Wichtig war die Einrichtung , wurde.
welche auf dem Reichstage zu Köln 1512 beschlossen
Damit die Sprüche des Kammergerichtes durch eine bestimmte
Macht in jedem Theile des theilte man das
Reiches ausgeführt werden möchten,
ganze deutsche Reich in 10 Kreise ein.
und Brandenburg bildeten den obersächsischen Kreis .
Sachsen
Jeder Kreis
sollte als ein geschlossenes Ganzes angesehen und durch einen Kreisobersten oder Hauptmann sollten die Friedens- und Kriegsgeschäfte versehen werden. Bei Reichsexecutionen gegen ungehorsame Fürsten wurde die Mannschaft eines oder mehrerer Kreise aufgeboten , wie wir das in der Geschichte Johann Friedrichs des Mittleren bald sehen werden.
Auf dem Gebiete des Handels und Verkehrs gingen zu Anfang des 15. Jahrhunderts in Deutschland große Veränderungen vor sich, aber nicht zum Vortheile unseres Vaterlandes. Wenn auch die im Jahre 1493 erfolgte Entdeckung Amerikas den Handel der deutschen Städte auf lange Zeit hinaus nicht beeinflußte , so war
Kurfürst Johann der Standhafte (1525-1532).
277
dafür die von den Portugiesen 1498 erfolgte Auffindung des SeeDie ost= weges nach Indien von dem entschiedensten Einflusse. indischen Erzeugnisse , deren Europa jedes Jahr einen beträchtlichen Vorrath bedurfte, gelangten auf verschiedenen Wegen durch Asien an das mitteländische Meer , wurden durch die italienischen Seestaaten von dort abgeholt und weiter verfahren , und der Landweg zu den nördlichen
europäischen
Staaten
Handelsstraßen durch Deutſchland.
ging
sodann
auf festbestimmten
Bei den großen Vortheilen der
Seefracht konnten jezt die Portugiesen alle anderen Völker aus dem ostindischen Handel verdrängen . Venedig und die anderen italienischen Seestaaten sanken und auch Deutschland fühlte die Folgen mittelbar sehr bald , denn sein Handel ging gleichfalls zurück.
Für den Ver-
kehr ist aber aus jener Periode der Anfang einer wichtigen Einrichtung zu verzeichnen, das ist das Postwesen.
Maximilian ließ 1516 von
Brüssel nach Wien die erste Post einrichten und legte damit den Grund zu einem Verkehrsmittel , das im Laufe der Zeit ein wahrhaft riesiges geworden ist. Die wichtigste Erfindung aus der Mitte des 15. Jahrhunderts, deren Erwähnung wir absichtlich bis zum Schlusse aufgespart haben, ist unstreitig die der Buchdruckerkunst. Johann Guttenberg , 1401 zu Mainz geboren, machte die Erfindung nach jahrelangen Versuchen um das Jahr 1440. Durch zwei seiner Gehülfen , Fauft und Schöffer wurde dieselbe vervollkommnet und 1457 das erste Buch gedruckt ; es waren die lateinischen Psalmen.
1462 erschien die ganze Bibel.
Bis daher hatte eine abgeschriebene Bibel 4-500 Goldgulden ge= kostet und jezt wurde dieselbe gedruckt für 30 verkauft .
Welch un-
aussprechlich wichtiger Vorschub mit der Buchdruckerkunst dem Aufschwunge und der Bildung des menschlichen Geistes geleistet worden ist, läßt sich kaum ermessen. Die tiefsinnigsten Forschungen blieben früher oft das Eigenthum Einzelner oder fanden bei der langsamen Vervielfältigung der Aufzeichnungen durch Abschreiben nur eine ganz beschränkte Verbreitung, während jezt neue Ideen mit großer Schnellig= keit verbreitet und bis in die tiefsten Schichten der Bevölkerung weitergetragen werden konnten. Die Wissenschaft ist damit in ihr volles Recht eingetreten
und die Universitäten
erhielten jezt erst
ihre richtige Bedeutung . Gerade zur Förderung der Reformation ist die Buchdruckerkunst von unschäzbarem Werthe gewesen.
278
V. Thüringen unter den Markgrafen von Meißen.
Kurfürft Johann Friedrich der Großmüthige (1532 — 1554). Als Johann der Beständige die Regierung übernahm , ſtand das ganze Thüringerland in hellen Flammen , denn damals tobte der Bauernaufstand .
Die allgemeine Sachlage war inzwischen noch
viel kritischer geworden und Regierungsantritte einen
Johann Friedrich hatte bei seinem
noch viel schlimmeren Stand als vorher
sein Vater gehabt hatte ; denn am politischen Himmel zogen sich die Wetterwolken gegen die protestantische Sache und namentlich gegen die Häupter derselben immer drohender zusammen . Reichstagsabschied
oder vorläufige
Der Nürnberger
Religionsfriede 1532 ,
den der
Kaiser aus eigener Machtvollkommenheit aufgerichtet hatte und welcher besagte , daß bis auf künftiges Concil oder bis die Stände selbst wiederum zusammenkämen ,
keiner den Andern des Glaubens oder
sonst einer Ursache wegen befehden oder überziehen sollte , hatte an dem Stande der Parteien zu einander gar nichts geändert , sondern die Erbitterung der Katholiken auf die Protestanten dauerte fort. Johann Friedrich ließ sich dadurch nicht beirren und wendete seine ersten und sorgfältigsten Bemühungen der Kirche und den Schulen zu.
Auf einem Landtage in Weimar 1532 hielten die Landstände
bei dem Kurfürsten darum an , abermals eine Kirchen- und Schulvisitation vornehmen zu lassen, damit man sich zuvörderst überzeuge, ob auch allem dem , was in letter Visitation angeordnet worden, nachgelebet werde oder nicht. Die Instruction für die Visitatoren wurde noch im December desselben Jahres ausgefertigt und die Für Thüringen waren zu Visitation selbst 1533 durchgeführt. Visitatoren angeordnet worden :
Justus Menius, Pfarrer zu Gotha,
Friedrich Myconius , Georg v. Wangenheim , Georg v. Denstedt Aus den geführten und Johann Köthe oder Cotta aus Eisenach. Acten *) geht allerdings hervor , daß manche Geistliche, obschon sie im Jahre 1528 fest und feierlich versprochen hatten , die bisherigen Mißbräuche abzustellen, nach der Abreise der Visitatoren den Gottesdienst wieder ganz in der alten Weise einrichteten ; ja es gab sogar noch welche darunter , die troß aller Bitten und Vorstellungen ihrer Gemeinden sich weigerten , das Abendmahl in beiderlei Gestalt zu reichen.
Gegen solche wortbrüchige Diener
des
göttlichen Wortes
wurde jezt ganz entschieden vorgegangen , indem man sie von ihren Stellen entfernte, doch ohne ihnen ihr Einkommen ganz zu entziehen. *) Gem. ernest. Archiv in Weimar.
L
Reg. Ii Fol. 2. B. 5.
Kurfürst Johann Friedrich der Großmüthige (1532-1554).
279
Denjenigen , welche von der Erlaubniß , sich zu verehelichen, keinen Gebrauch gemacht , dafür aber das anstößige Verhältniß zu ihren Haushälterinnen fortgesezt hatten , wurde eine bestimmte Frist gegeben, sich entweder zu verehelichen oder jene Frauenzimmer von sich zu thun. Auffallender Weise
hatten
jezt die Visitatoren vielen Kampf
mit den Gemeinden, weil diese sich weigerten, die nöthige Besoldung zum Unterhalte ihrer Geistlichen zu beschaffen , während doch in der früheren katholischen Zeit die Leute mit Abgaben für Kirche und Geistlichkeit sehr beschwert worden waren . Es war dies ganz besonders bei den sogenannten „ Edelleut - Pfarren " der Fall, d . h. bei solchen , über welche einem Edelmanne das Patronatsrecht zustand, und deren gab es eine ziemlich große Zahl. Mehrere der Patrone hatten ganz ungescheut während der Umgestaltung einen Theil des Grundbesizes sich angeeignet und es ist auch verschiedenen gelungen, im Besize des Raubes zu verbleiben . *) In dem
Herzogthum
Sachsen ,
zu
dem bekanntlich auch ein
Theil Thüringens gehörte, fand endlich die Reformation auch Eingang. Herzog Georg der Bärtige , einer der eifrigsten Anhänger der alten Kirche , starb im April 1539 , nachdem ihm seine beiden Söhne im Tode bereits vorangegangen waren. Sein Bruder und Nachfolger Heinrich hatte sich schon 1525 für die Reformation erklärt und seine erste Regierungshandlung bestand darin, dieselbe nun auch in seinem Lande schon im August 1541
einzuführen. Leider starb Herzog Heinrich und sein Sohn Morit folgte ihm in der
Regierung ; wir werden bald hören, welche Rolle derselbe als prote= stantischer Fürst in dem nach wenigen Jahren ausbrechenden Religionskriege spielte. Das Jahr 1542 führte zwei Streitigkeiten herbei , welche beide nicht geringes Aufsehen erregten.
In Naumburg a. d . S. war der
Bischofssig erledigt und das Domcapitel wählte den Julius Pflug zum Bischof , ohne die kurfürstliche Einwilligung abzuwarten , die doch nach den alten Verträgen erforderlich war.
Dieser Eingriff in
die kurfürstlichen Rechte, namentlich aber der Umstand , daß Pflug *) Unter den vielen Belegen, welche dafür erbracht werden können , ſei hier wenigstens einer angeführt. Zu der Besoldung des Pfarrers in Apolda gehörte vor der Reformation die Nutznießung von 150 Acker Land. Ueber zwei Drittel davon sind abhanden gekommen und der Schloßherr, Christof Vißthum war auch nicht zur Herausgabe zu bewegen.
280
V.
Thüringen unter den Markgrafen von Meißen.
sich zur römisch-katholischen Kirche hielt , veranlaßten den Kurfürsten Johann Friedrich , die Wahl für ungültig zu erklären und einen Evangelischen, Nikolaus von Amsdorf als Bischof einzusehen . Amsdorf verlor nach einigen Jahren die Stelle wieder , als das äußere Glück dem Kurfürsten Johann Friedrich den Rücken fehrte.
Der zweite
Streit gab dem schmalkaldischen Bunde zum erstenmal Gelegenheit, von den Waffen Gebrauch zu machen .
Herzog Heinrich der Jüngere von
Braunschweig, ein eifriger Katholik, zugleich aber ein sehr unruhiger, leidenschaftlicher Mann, hatte die Häupter des schmalkaldischen Bundes , den Kurfürsten Johann Friedrich und den Landgrafen Philipp in öffentlich gedruckten Schriften griffen.
in
der beleidigendsten Weise ange-
Dazu kam noch , daß die zum schmalkaldischen Bunde ge-
hörenden Städte Braunschweig und Goslar sich an die protestantischen Fürsten wandten , um Schuß zu erlangen gegen den Herzog , der sie auf alle Weise drückte und schädigte. Die beiden genannten Fürsten
rückten mit 22000 Mann in das Herzogthum ein , der
Herzog wurde flüchtig und gerieth sogar bei einem späteren Versuche, ſein Land wieder zu gewinnen, in die Gefangenſchaft des Landgrafen Philipp. Endlich kam auch die von beiden Religionsparteien seit Jahren gewünschte Kirchenversammlung zu Stande ; auf den 15. März 1545 war dieselbe nach Trient in Tirol ausgeschrieben. Die Protestanten weigerten sich aber ganz entschieden , derselben eine Kraft der Entscheidung in ihrer Sache zuzuerkennen , denn sie meinten , ein Concilium , an der Grenze Italiens abgehalten , würde unter dem Einflusse jenes Landes stehen , das
vom deutschen Wesen gar nichts
kenne , und überdies führe der Papst als ihr Richter den Vorsig, und dieser habe sie bereits als Kezer verdammt und werde sie nur als Angeklagte und nicht als Gleichberechtigte behandeln . Schon im Jahre 1537, als man die Einberufung einer Kirchenversammlung ernstlich in Angriff nehmen zu wollen schien , hatten die protestantischen Fürsten Luthern mit anderen
Gottesgelehrten nach Schmal-
kalden berufen, um wegen der Ueberreichung einer ihre Glaubensgründe enthaltenden anderweiten Schrift das nöthige zu bereden. Luther sette gewiſſe Artikel auf, welche durch die Unterſchrift sämmtlicher hervorragender protestantischer • Theologen gebilligt wurden. So entstanden
die sogenannten schmalkaldischen Artikel , die
noch gegenwärtig einen Haupttheil unserer symbolischen Bücher ausmachen. 1540 wurden dieselben veröffentlicht. Aber die Gegenpartei verschloß sich grundsäglich allen vorgebrachten Gründen und
Kurfürst Johann Friedrich der Großmüthige (1532—1554).
281
rechnete mit Bestimmtheit darauf , die neue Glaubensrichtung werde mit Gewalt unterdrüft werden . Noch einmal hatte dem Kurfürsten Johann Friedrich die kaiserliche Gnadenſonne hell geleuchtet ; es war dies auf dem Reichstage zu Speier 1544. Der Kurfürst hatte endlich des Kaisers Bruder Ferdinand als römischen König anerkannt und darauf bestätigte der Kaiser den bereits 1526 zwischen dem Kurfürsten und seiner Gemahlin Sibylle , Tochter des Herzogs Johann von Cleve aufgerichteten Ehevertrag , in welchem ausdrücklich festgesezt worden war , daß, wenn gedachter Herzog mit seiner Gemahlin Marie , einer geborenen Herzogin zu Jülich und Berg keine männlichen Erben hinterlassen würde, die Fürstenthümer Jülich , Cleve und Berg , die Grafschaft von der Mark und Ravensberg sammt allen Ein- und Zugehörungen an die Kurfürstin Sibylle
oder ihre Erben fallen sollten.
Ja es
wurde sogar eine Vermählung beredet zwischen dem ältesten Prinzen Johann Friedrichs und einer Prinzessin des römischen Königs Ferdinand , und im August desselben Jahres erhielt der Kurfürst auch in
aller Form die Belehnung über sein Land.
Als
aber später
der Kaiser mit den Mitgliedern des schmalkaldischen Bundes öffentlich zerfiel , zerschlugen sich nicht nur die aufgenommenen Heirathsprojecte , sondern der Herzog Wilhelm zu Cleve , Jülich und Berg erhielt als Schwiegersohn des Königs Ferdinand im Jahre 1546 die weibliche Erbfolge in seinen Landen vom Kaiser Karl V bestätigt, woraus dann das Recht der Häuſer Pfalz und Brandenburg entstanden ist, welches beide auch behauptet haben. Das Verhältniß zwischen dem Kaiser und den protestantischen Fürsten spizte sich immer schärfer zu und es war nur noch durch Waffengewalt eine blutige Entscheidung zu erwarten . Der Glaubensheld Dr. Martin Luther sollte aber die Gräuel des Krieges nicht erleben ; er starb am 18. Februar 1546 in seinem Geburtsorte Eisleben, wohin ihn die Grafen von Mansfeld berufen hatten, um eine Familienstreitigkeit zu schlichten.
Nur ein so eiserner, feuriger und
unbezwinglicher Geist wie er, war im Stande, das ungeheuer große und schwierige Werk der Kirchenreformation zu beginnen und durchzuführen.
Bei den gehässigen Anfeindungen , denen Luther seit 1517
fortwährend ausgesezt war ist es wahrlich nicht zu verwundern, wenn er gegen seine Widersacher bisweilen in heftigen Zorn gerieth und Aber seine dann in seinen Ausdrücken nicht sehr wählerisch war. Seele kannte weder Falschheit noch Arglist.
Seine Sache hielt er
für die Sache Gottes ; daher sein unbeugsamer Muth , sein uner-
282
V.
Thüringen unter den Markgrafen von Meißen.
schütterliches Gottvertrauen, ſein inniges, gläubiges Gebet, auch noch in der Stunde des Todes. Der Kurfürst von Sachsen war bei dem Empfange der Nachricht von Luthers Tode gerade in Weimar, gab aber sofort Befehl, den Leichnam nach Wittenberg zu bringen und in der Schloßkirche da= selbst zu beerdigen , was auch mit fürstlichem Gepränge ausgeführt worden ist . Der große Reformator hatte immer zum Frieden geredet und wollte nicht, daß man um der Religion willen das Schwert ziehe, obwohl aus seinen eigenen Worten hervorgeht, wie er doch zulegt einen Kampf für unvermeidlich hielt. Noch nicht ein halbes Jahr war verflossen seit Luther zur ewigen Ruhe eingegangen war, als der Kaiser den Kurfürsten Johann Friedrich und den Landgrafen Philipp, die Häupter des schmalkaldischen Bundes als Störer des Landfriedens und als Empörer gegen kaiserliche Majestät
in die
Reichsacht erklärte und ihre Unterthanen vom Eide der Treue freisprach (20. Juli 1546).
Zwei Monate vorher war ein Reichstag
nach Regensburg ausgeschrieben gewesen , zu welchem alle Fürsten persönlich erscheinen sollten ; nur Krankheit sollte das Außenbleiben entschuldigen. Von den protestantischen Fürsten erschienen nur wenige in eigener Person und die Häupter des Bundes blieben gänzlich fern. Zwei Monate lang wartete der Kaiser vergeblich auf ihr Eintreffen und sprach sich dann mit einer Härte und Bitterkeit über die "} ungehorsamen Fürsten"
aus indem er erklärte , es sei endlich Zeit, die-
selben in die Schranken des Gehorsams zurückzubringen, daß eigentlich schon damit auf den beabsichtigten Krieg ganz deutlich hingewiesen war. Die Drohung war ernstlich gemeint ; der Kaiser hatte schon vorher
mit dem Papste ein Bündniß geschlossen ,
kraft dessen der
lehtere nicht nur eine bedeutende Geldsumme behufs Kriegführung an den Kaiser abzuführen ſondern auch noch 12 000 Mann Truppen zu stellen versprach. Jezt säumten auch die protestantischen Fürsten nicht länger.
Zu dem Bunde gehörten von Fürsten außer den beiden
genannten Häuptern noch der Herzog Philipp von Braunschweig mit seinen vier Söhnen , Herzog Johann Ernst, Johann Friedrichs Stief= bruder , Herzog Johann Fridrich der Mittlere , Herzog Franz von Lüneburg, Herzog Ulrich von Württemberg und sein Bruder Georg, Fürst Wolfgang zu Anhalt, Christof, gefürsteter Graf von Henneberg und noch eine Anzahl Grafen und Herren. Am 4. Juli wurde in Jchtershausen der Operationsplan entworfen und am 8. ließ der Kurfürst ein Aufgebot an seine Vasallen ergehen, mit den ihnen zugetheilten Ritterpferden an bestimmten Sammelpläzen zu erscheinen
Kurfürst Johann Friedrich der Großmüthige (1532–1554) .
283
zum Feldzug gegen den Kaiser. *) Die Truppen der protestantischen schwäbischen Fürſten und der füddeutschen Städte, über welche Schertlin v. Burtenbach den Oberbefehl führte ,
erschienen zuerst im Felde;
später trafen wegen der weiteren Entfernung auch der Kurfürst und der Landgraf mit ihren Heeren ein.
Der Zug ging bis an die
Donau und dort hätte man das kaiserliche Heer mit leichter Mühe überwältigen und sich wohl gar der Person des Kaisers bemächtigen können , denn er hatte im Anfange nur wenig Truppen bei sich ; aber die Häupter des Bundes waren unter sich und über den zu befolgenden Operationsplan
nicht
einig .
Man zog nußlos an der
Donau entlang , aus der Gegend von Ingolstadt erst abwärts auf Regensburg zu , während der Kaiser in Landshut stand und
hier
am 13. August mit seinem Heere die eintreffenden päpstlichen Hülfsvölker vereinigte. Er wendete sich dann nach Ingolstadt und bezog dort ein festes Lager. Fünf Tage lang wurde das Lager von den Verbündeten, welche ihm gefolgt waren , nußlos beschoffen, dann zogen fie fich zurück, um die Vereinigung des von dem Grafen von Büren in den Niederlanden geworbenen und jezt heranziehenden Heeres mit dem Kaiser zu verhindern.
Auch dieses Vorhaben mißlang .
Jezt
wendeten fie fich stromaufwärts bis Donauwörth, dann nach NördSo lingen, ohne irgend einen entscheidenden Schlag auszuführen . *) Um die nöthigen Geldmittel zu beschaffen, nahm der Kurfürst bei seinen Unterthanen zum Kriegszuge wider die Feinde des göttlichen Wortes" gegen 5procentige Verzinsung Gelder auf. Da man den einzelnen Gemeinden die Höhe der zu liefernden Summen nicht bestimmte, so müſſen wir wohl darüber staunen , welche hohen Beträge bei dem damaligen Geldwerthe als Beisteuer zur Vertheidigung des Glaubens eingeliefert worden sind. In dem gemeinschaftlichen ernestinischen Archive in Weimar findet sich noch einiger Nachweis darüber. Es haben gegeben : Buttstädt 1300 Gulden ; die Dörfer: Mittelhausen 800 , Riethnordhausen 600 , Kleinrudestedt 75 , Großrudestedt 100, Pfiffelbach 570 Gulden; die Dörfer des Amtes Arnshaugk 626 Gulden an 78 Mark 4 Loth ungemünztem Silber ; Creuzburg mit einigen Dörfern 929, Jfta 140 , Pferdsdorf 50 , Schnellmannshausen 20, Beuernfeld 30, Lips und Hans v. Farnroda , Untersassen zu Wenigenlupnit 84 Gulden und 7 Mark 4 Loth ungemünztes Silber; Bürgel 212, Apolda 100 , Großlupnit 500 , Ruhla 200, Döbritschen 50 , Gutmannshausen 100 , Vogelsberg 600 , Weimar 6000 , Eisenach fast eben so viel , Sprötau 500 , Hardisleben 298 Gulden ; die Gemeinden des Amtes Hausbreitenbach 626, Amt und Gericht Gerstungen 561 Gulden. Außerdem sind noch eine große Anzahl Städte und Dörfer verzeichnet , welche jest nicht mehr zum Weimarischen Lande gehören. Sicherlich haben die übrigen alle auch nach Verhältniß beigesteuert; aber es fehlen die nöthigen Notizen darüber.
284
V. Thüringen unter den Markgrafen von Meißen.
verstrich die Zeit nulos bis zum Beginn des Winters . Der Kaiser fam in nicht geringe Verlegenheit, weil seine italienischen Hülfstruppen das rauhe Klima nicht vertragen konnten und von 11 000 Mann bereits auf 4000 zuſammengeschmolzen waren, und er hätte sich vielleicht doch noch zu einem Vergleiche verstehen müssen, wenn ihn nicht Herzog Moriß von Sachſen aus aller Verlegenheit gerettet hätte. Morik, der erstgeborene Sohn des Herzogs Heinrich, seit 1541 regierender Herzog, war von Natur mit einem solchen Muthe und Heldenfeuer begabt , daß er für den tapfersten Mann seiner Zeit
galt.
Dabei war er flug und gewandt, besaß aber einen großen Ehrgeiz, den er unter allen Umständen zu befriedigen suchte .
Seine haupt-
sächlichste Erziehung hatte er am Hofe seines Vetters , des Kurfürsten Johann Friedrich des Großmüthigen erhalten . Er war auch der neuen Lehre mit Liebe zugethan, blieb aber gleichwohl dem Bunde der protestantischen Fürsten gänzlich fern und hielt sich zum Kaiſer. Dieser hatte ihm die Vollstreckung der Reichsacht gegen Johann Friedrich aufgetragen ; doch konnte sich Moriß zur Ausführung nicht entschließen, gab aber zuletzt dem Drängen Karls V nach und schloß mit dem Könige Ferdinand am 15. October 1546 ein Schuß- und Truzbündniß.
Man hat dem Herzog oft vorgeworfen, er sei in ver-
rätherischer Weise seinem Vetter in das Land gefallen, um daſſelbe für sich in Besiz zu nehmen ; der Vorwurf ist offenbar zu hart. Wenn auch der Kaiser dem Herzog Moriß vielleicht gleich von vornherein die Belehnung mit der sächsischen Kurwürde in Aussicht ge= stellt haben mag, denn in einem Schreiben an den Kurfürsten Joachim von Brandenburg vom 31. Januar 1547 nennt er Morißen schon Erzmarschall und Kurfürst, also lange vorher, ehe Johann Friedrich überwunden und in Gefangenschaft gerathen war, und wenn demselben bei seinem Ehrgeize auch viel daran gelegen sein mußte, die in Aussicht gestellte Standeserhöhung verwirklicht zu sehen, so läßt fich doch nicht anders sagen, als daß sich Morig mit aller Mäßigung des kaiserlichen Auftrages entledigte. Als der Kaiser ihn immer ernstlicher zur Ausführung der Reichsacht drängte und sogar drohte, daß bei fernerer Weigerung sein Bruder König Ferdinand dieſelbe vollstrecken würde , in welchem Falle zu befürchten stand , daß dann das Land für immer an das Kaiserhaus verloren ging, hat Morih, ehe er zur Ausführung schritt, doch zuvor erst noch mit seinen , als auch mit den kursächsischen Ständen über die Angelegenheit verhandelt und hierauf sowohl dem Kurfürsten als auch dem Landgrafen Philipp , seinem Schwiegervater über den Stand der Angelegenheit
ןו
Kurfürst Johann Friedrich der Großmüthige (1532-1554).
285
Mittheilung gemacht. Erst am 2. November rückte Morih in die Länder des Kurfürsten ein und ließ unter anderm am 19. December durch den Grafen Hans Georg von Mansfeld die Stadt Weimar einnehmen.
Da man dem Herzog nirgends einen ernstlichen Wider-
ſtand entgegenseßte , indem man die Besetzung des Landes nicht als in feindlicher Absicht geschehen betrachtete, so war binnen kurzem das ganze Kurfürstenthum mit Ausnahme der Städte Wittenberg und Gotha in seiner Gewalt. Sobald sich die Nachricht hiervon in dem Lager der Protestanten verbreitete, redeten die übrigen Fürsten selbst dem Kurfürsten Johann Friedrich zu , sich seines Landes wieder zu bemächtigen. Das fonnte nur geschehen, indem er seine Truppen aus der gemeinsamen Action gegen den Kaiser zurückzog, und damit war das Signal zur Auflösung des ſchmalkaldiſchen Bundes gegeben. Bald nach dem Abmarsch des Kurfürsten zog sich auch der Landgraf Philipp zurück , und nun hatte der Kaiser leichtes Spiel. Einige der mitverbundenen süddeutschen Städte wurden erobert ; die anderen erlegten ansehnliche Summen und erlangten Verzeihung .
Der Pfalz-
graf Friedrich und der Herzog von Württemberg föhnten sich gleichfalls mit dem Kaiser aus, wenn auch erst nach Aufbringung großer Opfer.
Der Kurfürst Johann Friedrich ward binnen kurzem wieder
Herr seines Landes und nahm zu Anfange des Jahres 1547 sogar den größten Theil von Morizens Lande mit in Besiz. Daß er sich deffen nicht lange würde erfreuen können , war vorauszusehen. Der Kaiser stand mit seinen Truppen noch bei Nördlingen, brach dann im März 1547 nach Nürnberg auf, traf mit seinem 16 000 Mann starken Heere, darunter als Kern der Truppen die vielversuchten Spanier, in Eger ein und rückte bald darauf in die Mark Meißen. Leider war die Umgebung des Kurfürsten höchst unzuverlässig , so daß dieſem über die Nähe des kaiserlichen Heeres erst Mittheilung gemacht wurde, als die Zeit es nicht mehr gestattete, seine sämmtlichen Truppen zusammenzuziehen .
Schleunig zog er sich über die Elbe
nach Mühlberg zurück, ließ die Elbbrücke bei Meißen zerstören, wurde aber auch in Mühlberg am 24. April während des Gottesdienstes überrascht, indem ein Verräther das kaiserliche Heer durch eine Furth über die Elbe gebracht hatte. Der Kurfürst nahm seinen Marsch mit den wenigen Truppen, die er bei sich hatte, nach Wittenberg zu, um womöglich diese wohlbefestigte Stadt zu erreichen ; aber in der Gegend der Lochauer Haide, nahe an dem Walde zwischen der Elbe und der schwarzen Elster wurde er von den Kaiserlichen eingeholt. In des Kaisers Gefolge war der König Ferdinand, der Herzog Morig
286
V. Thüringen unter den Markgrafen von Meißen.
von Sachsen und dessen Bruder August.
Gleich der erste Angriff
war entscheidend ; die kurfürstlichen Truppen waren der Uebermacht nicht gewachsen und begaben sich auf die Flucht. Der unglückliche Kurfürst hielt nicht weit vom Schlachtfelde mit einigen Trümmern seines kleinen Heeres in einem Stücke der dasigen Waldung ; er wurde umzingelt und aufgefordert, sich zu ergeben .
Allein Johann
Friedrich wehrte sich, wurde bei dem Handgemenge am linken Backen verwundet und gab sich endlich einem meißnischen Edelmanne, Thilo von Trotha gefangen, weil er sich weigerte, sich von den Spaniern gefangen abführen zu lassen. ein äußerst harter und herzloser.
Der Empfang bei dem Kaiser war Der Kaiser drehte ihm den Rücken
zu, und als der Kurfürst ihn anredete : „ Allergnädigster Kaiser ! " so fiel ihm Karl V ins Wort : " Jezt bin ich wohl nun Euer allergnädigster Kaiser ? " "
Der Kurfürst ließ sich aber nicht beirren und
fuhr fort : "Ich bin Ew. Majestät Gefangener und bitte um ein fürstliches Gefängniß. " " Ihr sollt gehalten werden, wie Ihr es verdient habt, " " war des Kaisers harte Antwort. Die Behandlung von Seiten des Feldzeugmeisters , dem der Kurfürst zur Bewachung übergeben war , war eine rücksichtsvollere.
Außer dem Kurfürsten
war auch der Herzog Ernst von Braunschweig in Gefangenschaft ge= rathen, während der älteste Prinz des Kurfürsten , Johann Friedrich der Mittlere in dem Treffen zwar verwundet aber doch noch glücklich nach Wittenberg entkommen war.
Der Kaiser nahm hierauf Torgau
in Besiz und schloß am 4. Mai Wittenberg ein. Die Bürger wehrten sich aber so maunhaft, daß man der Stadt nicht so ohne Weiteres Herr wurde und deshalb bediente sich der Kaiser eines sehr unedeln Schreckmittels : er ließ den Kurfürsten durch ein Kriegsgericht als einen geächteten Aufrührer gegen Kaiser und Reich zum Tode verurtheilen und ihm den 10. Mai das Todesurtheil ankündigen.
Der-
selbe spielte eben mit seinem Unglücksgefährten , dem Herzog von Braunschweig Schach , als ihm die Eröffnung gemacht wurde . Mit der größten Seelenruhe hörte der Kurfürst das Urtheil mit an, äußerte nur, er verhoffe nicht, daß der Kaiser so hart mit ihm verfahren werde ; sollte es aber ernstlich gemeint sein, so möge er ihm nur so viel Zeit lassen, um sich noch einmal mit seiner Gemahlin und seinen Kindern zu besprechen und sein Haus zu bestellen. Hierauf wandte er sich an den Herzog von Braunschweig und forderte ihn auf, im Spiele weiter fortzufahren . Inzwischen war der Kurfürst Joachim von Brandenburg im kaiserlichen Lager angekommen und bestimmte den Kaiser, das Todesurtheil wieder zurückzunehmen.
Kurfürst Johann Friedrich der Großmüthige (1532-1554).
287
Wittenberg mußte sich ergeben und außerdem wurde der Kurfürst genöthigt, einen für ihn äußerst harten Vertrag einzugehen , die ſogenannte Wittenberger Capitulation ( 19. Mai 1547) , nach welchem er die Kurwürde und einen Theil seiner Länder abtreten mußte, was beides hernach an den Herzog Moriß überging . Die Ge= fangenschaft des unglücklichen Kurfürsten sollte zeitlebens dauern . Ein anderer Punkt des Vertrages lautete außerdem dahin, der Kurfürst solle sich verpflichten , Alles anzunehmen ,
was die Kirchen-
verſammlung zu Trient und der Kaiſer in Religionssachen beſchließen würden.
Johann Friedrich aber gab zur Antwort : „ Wir wollen bei
der Lehre und dem Bekenntniß, die wir zu Augsburg neben unserem Vater, auch anderen Fürsten und Ständen öffentlich übergeben , beständig verharren , und lieber die Kur , Land und Leute , auch den Hals dazu hergeben , als von Gottes Wort uns abreißen lassen ! " worauf der Kaiser selbst für gut fand , den Artikel aus dem Vertrage zu streichen .
Nach einigen Tagen besuchte der Kaiser vom
Feldlager aus die Stadt Wittenberg und betrat bei dieser Gelegenheit auch die Schloßkirche.
Perenot, der nachherige Cardinal von Gran-
vella und der Herzog von Alba suchten ihn zu überreden , den Leichnam Luthers ausgraben und verbrennen zu laſſen ; aber Karl V gab zur Antwort: „Ich führe keinen Krieg mit den Todten." Hierauf befahl er seinen Spaniern aufs Strengste , daß sich keiner unterstehen solle, sich etwa an Luthers Grabe zu vergreifen.
Am 1. Juni erhielt
der gefangene Kurfürst die Erlaubniß, ſeine Familie auf einige Tage in Wittenberg zu besuchen. Am 4. kehrte er wieder in das FeldLager zurück und am 7. verließ die Kurfürstin Sibylle mit ihren Kindern in Trauerkleidern die bisherige Residenz Wittenberg und begab sich nach Weimar. Bald bekam der unglückliche Kurfürst Johann Friedrich einen Leidensgefährten an dem Landgrafen Philipp von Heſſen. Dieser konnte es nach dem, was bereits geschehen war, natürlich nicht wagen, dem Kaiser Widerstand entgegenzusehen und kam auf Zureden seines Schwiegersohnes , des Herzogs Moriz und des Kurfürsten von Brandenburg nach Halle, um vor dem Kaiser Abbitte zu thun. Die beiden genannten Fürsten hatten nicht nur bei dem Kaiser ausgewirkt, daß dem Landgrafen nach geschehener Abbitte vollständige Verzeihung zu Theil würde , sondern der Kaiser hatte ihm auch sicheres Geleit zugesichert.
Aber treulos brach derselbe sein gegebenes Versprechen
und ließ den Landgrafen trok erfolgter Abbitte gefangen nehmen. Während der Kurfürst in seiner Gefangenschaft im Ganzen immer
288
V. Thüringen unter den Markgrafen von Meißen.
noch mit ziemlicher Rücksicht behandelt wurde , war die Lage des Landgrafen, welcher den größten Theil seiner Haft in Mecheln zubringen mußte , manchmal eine fast unerträgliche ; denn man hatte wohl mit Absicht die rohesten unter den gemeinen Soldaten zu ſeinen Wächtern ausersehen . Nach einem mißlungenen Fluchtversuche 1550 nahm man ihm seine deutschen Diener , sperrte ihn in eine enge Kammer von nur zehn Fuß Länge und vernagelte noch überdies die Fenster derselben. Nachdem die Häupter des schmalkaldischen Bundes
so
tiefe
Demüthigungen hatten erfahren müssen , hielten die Katholischen die Sache der Protestanten für verloren und in ihren Kirchen wurden Lob- und Danklieder angestimmt . Allerdings hatte es den Anschein, als ob die Angelegenheit ihrem Untergange zusteuere ; denn die Fürſten und Städte des schmalkaldischen Bundes hatten sich dem Kaiser unterworfen und erkauften mit großen Demüthigungen und noch größeren
Geldsummen
( man
rechnet
deren
Gesammtbetrag
auf
1 600 000 Gulden ; eine für die damaligen Zeiten ungeheure Summe) Nur die muthige Bürgerschaft von seine Verzeihung und Gnade. Magdeburg war entschlossen, ihre Freiheit bis auf das Aeußerste zu vertheidigen und sich lieber unter dem Schutte ihrer Wälle und Mauern begraben zu lassen , als dem Kaiser nachzugeben. Schon war Karl V im Begriff, die Stadt durch Waffengewalt zu zwingen ; da beschleunigten die Rüstungen des Königs Abreise.
von Frankreich seine
Das kaiserliche Heer, unter Anführung des grausamen Herzogs Alba , zog das Saalthal hinauf , um dann über Coburg und Bamberg nach Süddeutschland zu gelangen, plünderte aber überall in den Ländern der protestantischen Fürsten und verübte unmenschliche Grausamkeiten. Um das bevorstehende Unglück von Rudolstadt abzuwenden, hatte die Gräfin Katharina von Schwarzburg , aus dem gefürsteten Geschlechte der Grafen von Henneberg , sich erboten, die durchziehenden Truppen hinlänglich mit Lebensmitteln zu versehen und aus Vorsorge hatte dieselbe unterhalb Rudolstadt eine Brücke über die Saale schlagen laſſen , ſo daß die Truppen auf das rechte Saalufer dirigirt wurden und somit Rudolstadt gar nicht berührten . Zu noch mehrerer Sicherheit ließ sie sich von Karl V einen Gnadenbrief ausstellen des Inhaltes ,
daß seine durchziehenden Schaaren den Bewohnern ihres
Landes kein Leid zufügen sollten. Als der Zug in der Nähe der Stadt an die Brücke über die Saale gelangt war, ließ sich Alba mit
Kurfürst Johann Friedrich der Großmüthige (1532—1554).
289
Herzog Heinrich von Braunschweig, der auf Seiten des Kaisers stand, durch einen Boten bei der Gräfin als Gast zum Frühstück anmelden . Die Gräfin empfing die Herren freundlich und bewirthete dieselben als Gäste so gut, als Küche und Keller es gestatteten.
Während des
Mahles rief ein Eilbote die Gräfin aus dem Saale und brachte ihr die Nachricht, daß die ſpaniſchen Soldaten nicht nur in den Dörfern Gewalt brauchten und das Vieh forttrieben , sondern sogar auch in Rudolstadt eingebrochen seien und ihr Plünderungswerk begännen . Erzürnt über die Wortbrüchigkeit bewaffnete Katharina schnell und in größter Stille ihre Diener , ließ alle Ausgänge und Thore des Schlosses verriegeln und beseßen und erſchien wieder vor ihren Gäſten mit der Klage , daß von den Söldnern entgegen kaiserlicher Zusage ihre Unterthanen beraubt worden seien. Herzog Alba entgegnete hohnlachend , das sei Kriegsgebrauch und nicht zu ändern. " Das wollen wir doch sehen ," entgegnete beherzt die Gräfin. „Meinen Unterthanen ihr Recht, oder, bei Gott, Fürstenblut für Ochsenblut ! " Mit diesen Worten verließ sie den Saal , der sich auf ihren Wink alsobald mit Bewaffneten füllte , und diese stellten sich , getroffener Anordnung zufolge mit gezogenen Schwertern hinter die beiden Fürsten. Alba wurde bleich ; der Herzog von Braunschweig dagegen faßte sich rasch wieder , lobte die Sorgfalt der Gräfin und suchte den Vorfall in das Lächerliche zu ziehen . aus ,
Schweigend fertigte Alba den Befehl
daß alles Geraubte zurückgegeben oder ersetzt werden sollte.
Sobald der Gräfin die Zusicherung gegeben war , Raub und Plünderung solle eingestellt und das bereits Entwendete wieder zurückerstattet werden, dankte sie ihren Gästen und nahm höflich von ihnen Abschied. Am 24. Februar 1548 belehnte der Kaiser während des Reichstags zu Augsburg den Herzog Morih mit der Kurwürde und dem Herzogthum Sachsen.
Kurfürst Johann Friedrich , der sich seit der
Wittenberger Capitulation nur noch einen geborenen Kurfürsten nennen durfte, sah von den Fenstern des Welserischen Hauses , wo man ihm sein Quartier angewiesen hatte , der Ceremonie mit aller Ruhe und Standhaftigkeit zu . Einen wesentlichen Theil der Reichstagsarbeiten bildeten seit
einer Reihe von Jahren die Verhandlungen in Religionsangelegen= Der Kaiser gab sich auch jezt noch der thörichten Hoffnung
heiten.
hin , eine Ausgleichung zu ermöglichen . Weil nun der Papst eigenmächtig die Kirchenversammlung zu Trient aufgelöſt und dieselbe nach Bologna verlegt hatte, so ging der Kaiser auch auf eigene Faust vor 19 Kronfeld, Landeskunde. I.
290
V.
Thüringen unter den Markgrafen von Meißen.
und ließ eine Verordnung abfassen , wie es bis zur Entscheidung einer allgemeinen Kirchenversammlung in Glaubenssachen gehalten werden solle. Diese Verordnung ist unter dem Namen des Interim bekannt. Obwohl demselben gleich von vornherein nur bis zum völligen Austrage des Religionsstreites Gültigkeit zugesprochen wurde, so erregte es doch bei Protestanten wie Katholiken sehr große Unzufriedenheit und namentlich hatten die ersteren auch alle Ursache, dieses einstweilige Gesez gänzlich von sich abzuweisen. An dem Interim hatten gearbeitet : von katholischer Seite der Bischof Julius Pflug von Naumburg , dem Nikolaus von Amsdorf bald nach der Gefangennahme des Kurfürsten im Bischofssize hatte Plaß machen müſſen , und Michael Helding , Weihbischof von Mainz . Von protestantischer Seite war Johann Agricola aus Berlin , Hof= prediger des Kurfürsten von Brandenburg mit zugezogen worden. Agricola war in dem Eifer , Frieden zu stiften, sehr nachsichtig ge= wesen , hatte zwar das Zugeſtändniß bekommen , daß die Ehe der Geistlichen und der Genuß des Abendmahls unter beiderlei Gestalt erlaubt sein solle, doch immer nur bis zu der Zeit, wenn das Concilium darüber einen Beschluß fassen werde ; im Uebrigen aber war er von den ersten Grundsägen seiner Glaubensgenossen sehr weit abgegangen, hatte die Macht des Papstes, die Messe , die sieben Sacramente , die Anrufung der Heiligen und überhaupt das katholische Kirchen- und Glaubenssystem im wesentlichen als zu Recht bestehend anerkannt, so daß man den entschiedensten Widerspruch von Seiten der Protestanten schon im Voraus erwarten durfte. Friedrich sollte vor allen Dingen
Der gefangene Kurfürst Johann dazu vermocht werden , sich für
das Interim auszusprechen ; er gab aber standhaft die Erklärung ab, daß er auch in dem geringsten Punkte nicht von dem Augsburgischen Glaubensbekenntnisse abgehen werde. In wahrhaft kleinlicher Bosheit wurde ihm dafür die bisher noch leidlich zu ertragen geweſene Gefangenschaft auf alle mögliche Weise erschwert ; ja man nahm ihm sogar die heilige Schrift weg , aus welcher er in seinem Unglücke so gern Trost und Beruhigung zu schöpfen pflegte, und untersagte ihm , an den römisch-katholischen Festtagen Fleiſchſpeiſen zu genießen.
Alles
ertrug der unglückliche Fürst , ohne sich nur irgendwie einſchüchtern oder wankend machen zu lassen. Im Gegentheil hatte er durch seine Söhne schon im März dieses Jahres für die mit der Abtretung des Kurkreises für ihn verloren gegangene Hochschule Wittenberg eine neue Universität zu Jena gründen lassen, damit der Sache der Protestanten ein neuer Stüßpunkt geschaffen werde. Am 20. März 1548
Kurfürst Johann Friedrich der Großmüthige (1532—1554).
291
eröffnete Mag. Victorin Strigel die Vorlesungen ; im Juni deſſelben Jahres wurden die nöthigen Statuten entworfen , doch erfolgte be= kanntlich die kaiserliche Bestätigung erst im Jahre 1558 . Wie Johann Friedrich der Großmüthige das Interim nicht anerkannt hatte , so war auch der neue Kurfürst Moriß nicht zur Annahme zu bewegen und überhaupt wurde dasselbe von keiner Partei befolgt. Das Auftreten des Kaisers ließ aber erwarten, daß schließ= lich die Durchführung mit Waffengewalt versucht werden würde. Aber nicht in Glaubenssachen allein trat Karl V jezt mit aller Schroffheit auf, sondern sein Herrscherton den Fürsten gegenüber, feine Eingriffe in die Verfassung des Reiches und in die Rechte und Freiheiten der Stände , seine immer deutlicher zu Tage tretende Absicht , Deutschland in ein Erbreich zu verwandeln , erfüllten die Fürsten mit Haß und Abneigung und wendeten zulezt auch denjenigen von ihm ab , auf den er unter allen Umständen rechnen zu dürfen glaubte, nämlich den Kurfürsten Moriz .
Der Preis, um dessentwillen
Morig die Partei des Kaiſers ergriffen hatte , die Kurwürde , war ihm glücklich zugefallen ; jezt handelte es sich aber um Aufrechthaltung der Glaubensfreiheit und Unabhängigkeit der deutschen Reichsfürsten und in diesem Punkte meinte es Morih redlich und ernst. Ueberdies hatte er in einer Privatangelegenheit volle Ursache, mit Karl V crnſtlich zu zürnen ; das war die Gefangenhaltung ſeines Schwiegervaters, des Landgrafen Philipp von Hessen . Auf Morigens Wort, daß ihm keinerlei Unbill zugefügt, ſondern die kaiserliche Gnade in vollem Maße wieder zu Theil werden würde, hatte sich Philipp zum Kaiſer begeben und wurde dabei ſo ſchändlich betrogen . Seine Söhne überhäuften daher auch den Kurfürsten Moriß als ihren Schwager bei jeder Gelegenheit mit den bittersten Vorwürfen.
Zu einem energischen Vorgehen gegen
das Reichsoberhaupt war aber die Zeit noch nicht gekommen ; im Gegentheil mußte sich Moriß auch jezt noch den Anschein geben, als ob er demselben völlig ergeben sei, und Karl schenkte ihm auch volles Vertrauen. So wurde derselbe auf dem Reichstage in Augsburg 1550 beauftragt, die Stadt Magdeburg, welche bis jezt immer noch der über sie verhängten Reichsacht gespottet, mit Gewalt zu demüthigen, d. h. die Acht gegen sie zu vollziehen. Noch im Herbste dieses Jahres brach er mit seinen Kriegsschaaren auf und begann die Belagerung. Ohne Verdacht zu erregen konnte jezt Morih ein ansehnliches Heer jammeln; dabei betrieb er aber absichtlich die Belagerung nicht sehr eifrig und schloß im November 1551 einen gelinden Vertrag mit der Stadt, entließ aber troßdem seine Truppen nicht.
Durch Vermittelung 19*
292
V. Thüringen unter den Markgrafen von Meißen.
seines Jugendfreundes , des Markgrafen Albrecht von BrandenburgCulmbach ging er sogar mit dem Könige Heinrich II von Frankreich ein Bündniß ein und nahm den württembergischen Obersten Hans von Heydeck, der , wie früher Schertlin , vom Kaiser geächtet worden war, in seine Dienste. Der Kaiser blieb nicht ohne Kenntniß von diesen Vorgängen ; aber sein Vertrauen in Moriz war so unerschütterlich, daß er alle über das Vorgehen desselben gemachten Mittheilungen für erdichtet hielt.
Unerwartet brach aber Morit im März 1552
mit seinen Völkern in Franken ein , vereinigte die Truppen seines Schwagers, des Landgrafen Wilhelm von Heſſen und die des vorhin genannten Markgrafen mit seinem Heere und erließ nun eine öffentliche Erklärung gegen den Kaiser zur Rechtfertigung des begonnenen Krieges. Er beschwerte sich über die noch immer fortdauernde Gefangenschaft des Landgrafen (der Gefangenschaft des Kurfürsten wurde freilich nicht gedacht), über die Eingriffe des Kaisers in die Freiheit Deutschlands, namentlich auch darüber, daß die Reichsinsiegel fremden Personen anvertraut würden , die weder mit der Sprache noch mit dem Rechte in Deutschland bekannt wären ; daß der Kaiser seinem Schwur zuwider fremde Krieger in das Land führe 2c. Karl V kam in die größte Verlegenheit ; denn es fehlte ihm an Truppen und an Geld. Sein Bruder Ferdinand mußte deshalb mit Morig unterhandeln ; doch ersah man aus der Art der Unterhandlung nur zu deutlich , daß der Kaiser Zeit gewinnen wollte.
Deshalb rückte nun
Moris rasch durch Schwaben auf Innsbruck los , woselbst sich der Kaiser aufhielt.
Nichts mußte diesem jezt unbequemer ſein als die
Nähe des gefangenen Kurfürsten Johann Friedrich.
Schon am 1. Mai
ließ er ihm ankündigen , daß er demnächst aus seiner Gefangenschaft auf freien Fuß gesezt werden solle .
Sofort benachrichtigte der hoch-
erfreute Kurfürst seine Familie von dem Entschlusse des Kaisers. Am 19. Mai wurde ihm sodann vom Könige Ferdinand die Entlassung vorläufig angekündigt, die spanische Wache von ihm entfernt und von der Stunde an hing Johann Friedrich auch die goldenen Ketten wieder um und steckte die Ringe an , die er bisher abgelegt hatte. Der zugestandenen Freiheit durfte er sich aber noch nicht völlig bedienen , sondern mußte dem kaiserlichen Hofe überall nachfolgen . Moriz war inzwischen aber so nahe herangekommen , daß der Kaiser in der Nacht vom 19. zum 20. Mai mit seinem ganzen Hofstaate beim fürchterlichsten Regen die Flucht ergriff; er selbst seiner Krankheit wegen in einer Sänfte, sein Bruder , Johann Friedrich und die Uebrigen zu Pferde.
Der Zug ging nach Trient und dann nach
Kurfürst Johann Friedrich der Großmüthige ( 1532-1554). Villach in Kärnthen .
293
Weil der Kaiser entflohen war , so rückte auch
Moriß nicht weiter vor , sondern begab sich nach Passau zu der indessen berufenen Fürstenversammlung . Hier kam denn am 31. Juli 1552 der bekannte , nach der Stadt benannte Vertrag zu Stande, durch welchen unter andern auch der Landgraf Philipp seine Freiheit wieder erhielt. Am 26. August langte der Kurfürst Johann Friedrich mit dem Kaiser in Augsburg an , erhielt nach einigen Tagen eine mit des Kaiſers Unterschrift und großem Siegel versehene Urkunde zugestellt, kraft deren er von der Reichsacht gänzlich losgesprochen und in seine vorigen Länder mit Ausnahme des Kurkreises und einiger Aemter wieder eingesezt wurde. *) Der Kaiser bezeigte ihm beim Abschiede nicht ohne Rührung seine große Zufriedenheit über sein Verhalten während der langen Gefangenschaft. Friedrich von Augsburg aus Rückweg an.
Am 2. September trat Johann
mit seinem zahlreichen Gefolge den
Während der Gefangenschaft beſtand ſein Gefolge aus
80 Personen und es läßt sich schon daraus ermeſſen , daß dieselbe, wenn auch immerhin eine demüthigende, doch durchaus keine so harte gewesen ist , als man gewöhnlich geneigt ist anzunehmen.
Wahrhaft
rührend war die Anhänglichkeit des alten Malers Lukas Cranach , welcher seinem geliebten Landesherrn während der Haftzeit freiwillig Gesellschaft geleistet und ihm theils durch seine Kunst , theils durch aufheiternde Gespräche oft die Stunden gekürzt hatte. Ueberall auf seiner Heimreise wurde Johann Friedrich mit wahrer Verehrung empfangen. Die Abgeordneten des Magistrats von Nürnberg kamen ihm mit vierzig Pferden entgegen ; das Volk jubelte und weinte zu= gleich vor Rührung .
Am 6. zog er in Bamberg ein , woselbst ihm
der Bischof ein großes Festmahl veranstaltete und bis wohin ihm Abgeordnete aus Coburg entgegengereift waren. Am 7. ging die Reise nach Coburg zu seinem Stiefbruder Johann Ernst. Derselbe kam ihm mit großem Gefolge eine Meile Weges entgegen. Das Wiedersehen und die freudige Begrüßung waren rührend .
Hier traf
der Kurfürst mit seiner Gemahlin und ſeinem ältesten Prinzen zu= sammen.
Die weitere Reise glich einem Triumphzuge.
Aus allen
Städten zogen ihm unter dem Geläute der Glocken im Feſtaufzuge die Schuljugend mit ihren Lehrern , die Geistlichen , der Stadtrath und die Bürgerschaft entgegen ; tausendstimmige Lebehochs begrüßten
*) Urkunde, datirt vom 27. Auguſt 1552 mit angehängtem goldenem Siegel im gem. ernestinischen Archiv in Weimar.
294
V.
Thüringen unter den Markgrafen von Meißen.
den schwergeprüften Fürsten ; in allen Kirchen sang man : „ Herr Gott Dich loben wir. " ― Von Coburg hatte sich der Zug weiter nordwärts bewegt bis zu dem Jagdschloſſe Trockenborn unweit Kahla, wo der Kurfürst seine übrigen Kinder vorfand , und deshalb wurde dem Schloffe der Name „ Fröhliche Wiederkunft“ beigelegt.
Auf der nach
einigen Tagen erfolgten Weiterreise nach Jena wurde unterwegs unweit Wöllnig angehalten , um bei einer klaren Quelle ein einfaches Mahl einzunehmen ; die Quelle führt daher bis heute den Namen Fürstenbrunnen .
Von Jena waren die Geistlichen , die Schulen mit
ihren Lehrern , der Rath , die Bürgerschaft und die Professoren mit den Studenten eine Stunde Wegs entgegengezogen . Der Anblick der letteren erfreute den Kurfürsten ganz besonders und er äußerte deshalb in freudiger Erregung zu seinem , mit ihm im Wagen sigenden treuen, greisen Freunde Cranach : „ Sieh da, Bruder Studium ! " Die Glückwünsche der Professoren hörte er mit entblößtem Haupte an. Am 24. September hielt er in Jena seinen feierlichen Einzug ; am 26. endlich langte er mit seiner ganzen Familie und großem Gefolge in der nunmehrigen Residenz Weimar an , wo ihm eben so wie in Jena der begeistertſte und herzlichste Empfang zu Theil wurde. Ueberall in dem ihm gebliebenen Lande hatte seine Rückkehr die freudigste Theilnahme hervorgerufen, wie sie nur einem Fürsten entgegengebracht wird, der wie ein Vater zu seinem Volke zurückkehrt. Seine nächste Sorge galt dem Wohle des Landes und deshalb hielt er schon im Februar 1553 in Weimar einen Landtag ab, um allerlei eingeschlichene Uebelstände zu beseitigen. Der neue Kurfürst Moriß von Sachsen konnte sich der erlangten Standeserhöhung und des Länderzuwachses nicht lange erfreuen; am 9. Juli 1553 wurde er in der Schlacht bei Sievershausen zwischen Hannover und Braunschweig tödtlich verwundet und starb nach zwei Tagen.
Der Passauer Vertrag hatte im deutschen Reiche eine glück-
liche und längst ersehnte Ruhe herbeigeführt ; nur ein Fürst wollte sich durchaus nicht daran kehren , daß Friede geschlossen worden sei ;
J
es war der schon genannte Markgraf Albrecht von Brandenburg, Morigens früherer Bundesgenosse. Schon bei dem Beginne des Krieges gegen den Kaiser hatte sich Moriz von ihm getrennt , weil seine Kriegführung nur in Räubereien und Brandschahungen bestand. Sein Räuberkrieg
galt besonders den geistlichen Bisthümern und
mehreren Städten in Franken ,
Schwaben , am Rheine und an der
Mosel. Von dort hatte er seinen Kaubzug nach Niedersachsen ausgedehnt. Alle Abmahnungen waren vergebens und so blieb dem Kur-
Kurfürst Johann Friedrich der Großmüthige (1532—1554).
295
fürsten Morik, dem die Ruhe des deutschen Vaterlandes jezt dringend am Herzen lag , nichts übrig , als gegen seinen ehemaligen Freund und Bundesgenossen Waffengewalt anzuwenden und dem wilden Räuberwesen ein Ende zu machen.
Er verband sich deshalb mit dem Herzog
Heinrich von Braunschweig und 9. Juli bei Sievershausen an.
beide griffen den Markgrafen am
Der Kampf war ein äußerst blutiger ;
der Markgraf wurde geschlagen ; aber zwei Söhne des Herzogs von Braunschweig, ein Prinz von Lüneburg, vierzehn Grafen und beinahe dreihundert Edelleute blieben auf dem Schlachtfelde und auch Moriz wurde durch einen Schuß so schwer verwundet , daß er nach zwei Tagen den Geist aufgab.
Er war erst 32 Jahre alt.
Durch seine
lezten , aufrichtigen Bemühungen für die allgemeine Ruhe und Ordnung hatte er die früheren Schritte einigermaßen in Vergessenheit gebracht und das öffentliche Urtheil wieder ausgeföhnt. Sobald die Nachricht von seinem Tode zum Kurfürsten Johann Friedrich gelangte , schimmerte dieſem die Hoffnung , vielleicht wieder zur Kurwürde und zu den verlorenen Landestheilen zu gelangen. Deshalb sendete er seinen zweiten Prinzen , Johann Wilhelm zum Kaiser Karl V nach den Niederlanden und ließ um Wiedereinsehung in die frühere Würde bitten ;
aber umsonst.
Bei der Belehnung
Morizens zu Augsburg hatte dessen Bruder, der Herzog August bereits die Mitbelehnschaft erhalten und wurde jezt Kurfürst von Sachsen. In Anbetracht der Härte , welche damals bei dem Uebergange der Kurwürde von dem ernestinischen auf das albertinische Haus gegen das erstere vom Kaiſer ausgeübt worden war, war der neue Kurfürst zu einer gütlichen Auseinandersehung bereit und diese erfolgte am 24. Februar 1554 in Naumburg.
Johann Friedrich bekam einige
bereits abgetretene Landestheile wieder zurück , nämlich :
1 ) Schloß,
Stadt und Amt Altenburg mit Lukka und Schmölln ; 2) das Amt Sachsenburg ; 3) das Amt Herbisleben mit Ausnahme der Stadt Tennstedt; 4) das Amt Eisenberg. Außerdem erhielt er noch bar 100 000 Gulden und es wurde ihm das Recht verliehen, die Aemter Königsberg und Allstedt wieder einzulösen. Schon 1553 hatte der Kurfürst Johann Friedrich ſeine Besizungen durch die Coburgische Erbschaft nicht unwesentlich vermehrt. Sein Stiefbruder Johann Ernst war am 6. Februar des genannten Jahres mit Tode abgegangen ohne Kinder zu hinterlassen und deshalb fiel sein Land an Johann Friedrich. Es war demselben leider nicht vergönnt, die wiedererlangte Freiheit und das glückliche Beisammensein mit seinen Angehörigen noch lange zu genießen . Am 21. Febr. 1554
296
V.
Thüringen unter den Markgrafen von Meißen.
starb seine Gemahlin Sibylle.
Johann Friedrich war so sehr von
Todesahnungen erfüllt, daß er befahl, man solle auch sein Grab gleich neben dem seiner Gemahlin in der Stadtkirche zu Weimar mit bereiten, da er gleichfalls binnen kurzem seinen Abschied nehmen werde. Und wirklich folgte er seiner theuern Gemahlin bald im Tode nach; der 3. März war sein Todestag . Nachdem er schon am 2. März das heilige Abendmahl genossen , von seinen Söhnen Abschied genommen und sie zum Festhalten an der evangelischen Lehre nachdrücklich ermahnt hatte, mußte ihm am frühen Morgen des 3. März ſein Leibarzt genauen Bescheid geben , wie lange er wohl noch zu leben habe.
Auf die
Mittheilung , es sei die größte Gefahr vorhanden , ließ sich Johann Friedrich in seinem Gemache von dem gewesenen Bischof zu Naumburg, Nikolaus von Amsdorf eine Predigt halten ; hierauf wurde ihm der am Abend zuvor eingegangene Naumburger Vertrag durch den Kanzler zur Unterschrift vorgelegt.
Er vollzog dieselbe noch in voller
Deutlichkeit und das war seine leßte Handlung , denn kurz darauf, zwischen 9 und 10 Uhr des Morgens ging er zur ewigen Ruhe ein. Sein Alter hatte er nur auf fünfzig Jahre gebracht.
Die vielen Sorgen
und Bekümmernisse, die ihm beschieden gewesen waren, hatten wohl seine Lebenskraft vor der Zeit aufgerieben. Wenn Johann Friedrich auch nicht in so hervorragender Weise zu einem großen Fürsten beanlagt war, wie sein Oheim Friedrich der Weise und auch weniger Kriegstalent besaß als sein Vetter, der neue Kurfürst Moriß, so hat dafür sein Glaubenseifer , sein fester , hochherziger Sinn im Unglück, seine Liebe zu den Wissenschaften und seine Sorge für das Wohl seiner Unterthanen ihm für alle Zeiten ein gesegnetes Andenken gesichert. Mit vollem Rechte hat man ihn den Großmüthigen , oder richtiger wohl den Großherzigen genannt. Drei Söhne überlebten den Kurfürsten und zwei derselben trugen
des Vaters Namen , daher man ihn auch vielfach Johann Friedrich den Aelteren , den ältesten Prinzen Johann Friedrich den Mittleren. (geb. 1529) und den jüngsten Johann Friedrich den Jüngeren (geb. 1537) zu
benennen pflegt. Der mittelste Prinz , Johann Wilhelm (geb. 1535) iſt der Stammvater der jezt noch bestehenden gesammten ernestinischen Fürstenhäuſer.
Sechster Abschnitt.
Die Herzöge aus dem ernestiniſchen Hauſe bis zur Haupttheilung des Landes.
Johann Friedrich der Mittlere ( 1554–1567) . Schon
während
der
Gefangenschaft
Johann
Friedrichs
des
Großmüthigen hatte ſein ältester Sohn, Johann Friedrich der Mittlere die Regierung und zugleich die Vormundschaft über seine beiden jüngeren Brüder geführt. Nach dem Testamente des Vaters , das . 1553 im December aufgerichtet und von allen drei Söhnen mit unterschrieben worden war , sollten dieselben sämmtliche Lande ungetheilt inne haben. Infolge dieser leztwilligen Verfügung ihres Vaters nahmen die Brüder nach dem Tode desselben keine Theilung vor , sondern führten die Regierung gemeinschaftlich, ordneten im Juni 1554 eine Kirchenvisitation durch ihre Lande an und errichteten am 1. September desselben Jahres mit den Grafen von Henneberg einen Erbvertrag, kraft dessen sie von den Schulden der Henneberger 130 470 Gulden übernahmen und von diesen dafür die Anwartſchaft Der Vertrag auf die Grafschaft Henneberg zugesichert bekamen. wurde unter dem 22.
Januar 1555 vom Kaiser Karl V bestätigt.
In demselben Jahre , am 26. September wurde der Augsburger Religionsfriede auf Grund des Passauer Vertrages abgeschlossen, und dieser machte dem Kampfe zwischen Katholicismus und Protestantismus auf geraume Zeit ein Ende.
Den Protestanten wurde
allenthalben im Reiche freie Religionsübung rechtlich zugesichert und sie behielten alle Einkünfte aus den bisher eingezogenen geistlichen
298
VI.
Die Herzöge aus dem ernestinischen Hause.
Stiftungen.
Weder Protestanten
noch Katholiken
sollten einander
zum Uebertritt zu verleiten suchen , sondern ein Jeder sollte frei seinem Glauben folgen . Jedem Landesherrn stand es zu , die herrschende Religion seines Landes zu bestimmen ; aber er durfte keinen seiner Unterthanen zu einer bestimmten Kirche zwingen. Dieser Friedensschluß erregte natürlich bei den Protestanten große Freude. Die
gemeinschaftliche
Regierung
der drei fürstlichen
Brüder
führte allerlei Mißhelligkeiten herbei , weil bei Meinungsverschiedenheiten in der Regel keiner geneigt war, seine Ansicht zu Gunsten der Meinung der Uebrigen zu opfern . Deshalb errichteten die Brüder im Mai 1557 einen Vertrag , kraft dessen dem ältesten , Johann Friedrich dem Mittleren die Regierung auf 4 Jahre allein überlassen wurde. Johann Wilhelm benutzte die Zeit , in welcher er von Regierungsgeschäften frei war , zu kriegerischen Unternehmungen , in= dem er bei dem Könige von Frankreich, Heinrich II, in Kriegsdienste trat.
Der König war mit den geleisteten Diensten so sehr zufrieden,
daß er dem Herzog Stadt und Herrschaft Chatillon an der Seine schenkte und ihm darüber unter dem 15. Januar 1558 zu Paris einen besonderen Schenkungsbrief ausfertigen ließ . Nach vielen Bemühungen war es den fürstlichen Brüdern gelungen , für die Universität Jena die kaiserliche Bestätigung zu bekommen.
Anfänglich hatte der Kaiser Ferdinand I, welcher nach der
freiwilligen Abdankung ſeines Bruders Karl V ſeit 1556 die Regierung selbständig führte , die Confirmation der genannten Hochschule nur unter der Bedingung vollziehen wollen, daß in der theologischen Facultät keine Promotionen vorgenommen würden, bevor die Religionsirrungen gänzlich beglichen und beigelegt wären.
Nach dem Ab-
schlusse des Augsburger Religionsfriedens war jene beabsichtigte Beschränkung hinfällig geworden und so wurde unter dem 31. August 1557 die volle kaiserliche Bestätigung ertheilt. Die feierliche Einweihung der Universität erfolgte am 2. Februar 1558 in Gegenwart der drei fürstlichen Brüder und vieler Grafen und Herren in solennester Weise. Am 10. Juni des genannien Jahres rückte Herzog Johann Wilhelm mit einem Hülfscorps von 3000 Reitern abermals von Weimar aus , um dem Könige von Frankreich in seinem Kriege gegen Spanien Beistand zu leisten. Dem abgeschlossenen Vertrage gemäß führte inzwischen Johann Friedrich der Mittlere die Regierung selbständig weiter, ließ sich aber unglücklicher Weise in die Religionsstreitigkeiten
299
Johann Friedrich der Mittlere (1554-1567) .
ein , welche sich unter den Professoren der Universität Jena entspannen. Die neue Hochschule hatte sich einer sehr starken Frequenz zu erfreuen ; aber es fanden sich auf derselben auch Lehrer ein, welche in Betreff der Religion von den herrschenden Lehrbegriffen abwichen.
Am
meisten thaten sich M. Victorinus Strigel , Pro-
fessor der Theologie , und M. Andreas Hügel , Superintendent in Jena in solchen Abweichungen hervor. Johann Friedrich der Mittlere glaubte , daß ihre Lehrsäße der evangelischen Lehre Nachtheil bringen könnten, und , angestachelt von einem anderen jenaischen Professor Namens Matthäus Flacius Jlliricus , einem Exulanten aus Jllirien , ließ der Herzog
nicht
nur sein und seiner Brüder
Glaubensbekenntniß und auch eine sogenannte Widerlegung und Verdammung einiger , den symbolischen Büchern der Lutheraner widersprechender Lehrbegriffe herausgeben , sondern griff sogar zu einem gewaltsamen Mittel , indem er im März 1559 einen bewaffneten Haufen von 300 Mann nach Jena entsandte , um die beiden oben genannten Theologen in der Nacht abholen und auf die Leuchtenburg bringen zu lassen. Hier und später auf dem Grimmenstein wurden dieselben einige Monate gefangen gehalten , bis sie die von ihnen verlangte schriftliche Erklärung endlich abgaben ,
in Zukunft
so zu lehren , wie es die von Flacius abgefaßte Bekenntnißschrift, die sogenannte Confutation verlange. Der Protestantismus bot überhaupt in jener Zeit ein so trauriges Bild, daß es nicht zu verwundern gewesen wäre , wenn noch viel mehrere als es wirklich ge= than haben , der neuen Lehre den Rücken gekehrt und sich wieder zum Katholicismus gewendet hätten.
Neben Jena war es auch die
Universität Wittenberg, welche in dieſen Streitigkeiten eine beſondere Rolle spielte.
Die Theologen der beiden Hochschulen feindeten sich
in der gehäſſigſten Weise an. Zierde der wittenberger
Der sanftmüthige Melanchthon , die
Hochschule wurde
gröbsten Schmähungen überhäuft ,
von Flacius
weil er Frieden
und
mit den Duldung
predigte und sich in der Abendmahlslehre den ſchweizerischen Reformatoren zuneigte. Es gab jezt nicht bloß Lutheraner und Calvinisten , sondern auch Flacianer , Brentianer, Strigelianer , und wie die Schattirungen alle hießen. als
Nun darf man aber nicht glauben,
ob die Meinungsverschiedenheit
sich
etwa auf
ganz wesent-
liche Glaubenspunkte bezogen hätte ; mit nichten , es waren nur ver= schiedene Auffassungen in einzelnen Lehrbegriffen .
So haderten, um
nur ein Beispiel anzuführen, zwei Prediger in Königsberg, Osiander und Mörlin mit einander , sogar von der Kanzel herab , über den
300
Dir Herzöge aus dem ernestinischen Hause.
VI.
Osiander betrachtete die Rechtfertigung Artifel der Rechtfertigung. Sünders vor Gott und seine Heiligung als gleichbedeutende
des
Dinge , während Mörlin sie von einander sonderte , indem die Heiligung erst eintreten könne , wenn die Rechtfertigung geschehen sei . Mörlin fiel rücksichtslos über seinen Gegner her , nannte ihn von der Kanzel herab einen schwarzen Teufel und rief in der Predigt „ Leidet diesen Greuel nicht länger im Lande ! Es wäre euch tausendmal nüßer , daß ihr im Blute watetet bis über die kniee , daß der Türke vor die Stadt käme uud euch alle ermordete ; denn ihr seid eben so mit dieſer Lehre verdammt , als die Heiden" 2c. Mörlin brachte es mit seinem Anhange dahin , daß
seinen Zuhörern zu :
Schwiegersohn , der Hofprediger des mit einigen Anderen auf offenem Funk Herzogs Albrecht , Johannes Ansicht in dem vorhin Osianders Markte enthauptet wurde , weil sie nicht mit Ekel wegsich Muß man bezeichneten Streite theilten. nach Osianders
Tode
dessen
wenden von solchem tollen Treiben protestantischer Geistlichkeit ? Die Verwirrung wurde noch dadurch vermehrt, daß die Fürsten für die eine oder andere Auffaſſung Partei ergriffen und dann ihre Ansicht kraft der ihnen zustehenden Gewalt in ihren Landen zur Geltung brachten . Einer der strengsten darunter war Johann Friedrich der Mittlere , wie der Vorgang mit den beiden jenaischen Theologen schon bewiesen hat. Weil der Kaiser sich bemühte , das zu Trient mit so wenigen Erfolgen gehaltene Concilium wieder zu eröffnen , um
schließlich
doch noch eine Einigung unter den ver-
schiedenen Religionsmeinungen herbeizuführen , so kamen die prote= stantischen Fürsten
zu
Naumburg zusammen .
einer Berathschlagung im Januar 1561 zu Da stieg mehreren der
Gedanke auf, eine
neue Unterschrift der augsburgischen Confession zu veranstalten , weil von den Unterzeichnern aus dem Jahre 1530 keiner mehr am Leben sei .
Der Vorschlag fand allgemeine Billigung ; nur zwei weigerten
sich, zu unterschreiben : der Herzog Ulrich von Mecklenburg und unser Herzog Johann Friedrich der Mittlere und zwar der lettere deshalb, weil sein Schwiegervater , der Kurfürst von der Pfalz unterschrieben habe und dieser sich zur calvinistischen Lehre bekenne. Er gerieth mit diesem um der Lehre vom Abendmahl willen in einen so hef= tigen Wortwechsel , daß er abreiſte , ohne das Ende der Zusammenkunft abzuwarten . Troß dieser Hartnäckigkeit, mit welcher der Herzog bisher in Religionssachen und auch in anderen Angelegenheiten auf der einmal gefaßten Meinung zu beharren pflegte, machte er plöglich eine Schwenkung
und neigte sich wieder der Auffassung des von
17
Johann Friedrich der Mittlere (1554-1567).
301
Dieser gehörte ihm früher gemaßregelten Professors Strigel zu . zu denjenigen Theologen, welche dem Beispiele Melanchthons folgend sich dem Interim zu nähern suchten und behaupteten , daß bei der Bekehrung des Menschen die Gnade und der freie Wille mitwirke. Ueber ein ähnliches Thema , die Lehre vom freien Willen und von der Erbsünde hatte Herzog Johann Friedrich der Mittlere zu Anfang August 1560 zwischen den beiden jenaischen Hauptstreitern Strigel und Flacius in Weimar in seiner Gegenwart eine Disputation abhalten lassen. Der gelehrte Krieg erhißte aber die Gemüther nur noch mehr und namentlich ließ Flacius , welcher überhaupt eine solche Fertigkeit im Schimpfen entwickelte , daß nach ihm noch heutigen Tages ein ungeschliffener , roher Mensch ein „ Fläz " genannt wird , bald nach seiner Rückkehr seiner groben Ausdrucksgegen seinen Widerpart in Wort und Schrift den Zügel schießen , so daß ihn endlich im December 1561 der Herzog mit weise
seinem Bundesgenossen, dem Professor Wiegand des Amtes entseßte. Er mußte aus Jena fliehen . Der von Strigel in Betreff der Bekehrung des Menschen aufgestellte Lehrsaz wurde von den eifrigen mit dem Namen des synergistischen Auf Strigels und seines Collegen, des Professors Stößel Veranlassung ließ der Herzog 1562 vom Juli an eine Kirchenvisitation in seinem Lande vornehmen. Ueber 40 Geistliche, und strengen
Lutheranern
Irrthums belegt.
darunter vier Professoren der Theologie , die Superintendenten zu Gotha , welche die synergistische Declaration
Jena , Weimar und
Strigels nicht unterschreiben wollten , wurden ihrer Aemter entſcht oder „ enturlaubet" und mußten mit Weib und Kind das Land verDieses harte Verfahren des Herzogs wirft einen dunkeln lassen. Schatten auf seinen Charakter. Freilich ging es in anderen Ländern nicht besser zu . In der Pfalz mußten die Unterthanen nach dem Willen ihrer Landesherren innerhalb 50 Jahren viermal ihr Religionsbekenntniß ändern und auf ähnliche Weise verdrängten sich in Anhalt und Brandenburg lutherische und reformirte Ansichten. Am strengsten verfuhr man gegen die Reformirten in Kursachsen. Dort kam ein Uebel in Schwang , das alle bürgerlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse vergiftete ; das war die Calvinistenriecherei . Man nannte diejenigen , welche sich heimlich zu der Ansicht der Reformirten bekannten, Kryptocalvinisten , und diesen wurde überall nachgespürt. Bei dem gewöhnlichen Volke bildete sich infolge der Aufheberei streng lutherischer Geistlicher bald die Meinung aus , als sei ein solcher Kryptocalvinist nicht nur ein Irrgläubiger , sondern
302
VI.
Die Herzöge aus dem ernestinischen Hause.
überhaupt ein Mensch, der zu allen Verbrechen und Schandthaten fähig sei. Wir werden weiterhin auf diese höchst bedauerliche Ausgeburt ganz falsch verstandenen Religionseifers wieder zurückkommen. Im Jahre 1559 hatten die Herzöge , gleichzeitig mit dem Kurfürsten von Sachſen, die Bestätigung eines wichtigen Vorrechtes erlangt. Schon seit den Zeiten des Kurfürsten Friedrich I besaß das sächsische Haus das Recht, daß seine Unterthanen nicht vor auswärtigen Gerichten verklagt werden durften .
In diesem Vorrechte
wurden die Kurfürsten nicht selten beeinträchtigt, indem das Reichskammergericht Appellationen thüringischer Herren annahm , welche sich dieses Mittels bedienten , um sich der Gerichtsbarkeit ihrer eigentlichen Landesherren zu entziehen.
Auf geschehenes Ansuchen
bestätigte jedoch Kaiser Ferdinand I im Mai des Jahres 1559 jenes Privilegium , ertheilte hierauf im August den Herzögen die Be= lehnung ihrer Länder und bestätigte im Januar 1560 alle ihre Privilegien und Freiheiten. Im October 1560 erneuerten die herzoglichen Brüder den früheren Regierungsvertrag und überließen Johann Friedrich dem Mittleren die Regierung auf fernere vier Jahre , von 1561 an gerechnet ; ein Schritt, der weder zum Heile des Herzogs noch des Landes ausschlug. Als daher im Jahre 1565 jener Vertrag zu Ende ging , bestanden die beiden jüngeren Brüder auf einer gemeinschaftlichen Regierung und errichteten deshalb am 20. August genannten Jahres darüber einen förmlichen Receß.
Aber schon am 31. October starb Johann
Friedrich der Jüngere zu Jena , wo er mit allem Eifer den Wissenschaften obgelegen hatte.
Er stand erst im 28. Lebensjahre.
Man
rühmt an ihm außer seiner Liebe zu den Wissenschaften auch seine Achtung vor der Religion und seinen gutmüthigen und sanften Charakter.
Die beiden Brüder waren jezt nicht abgeneigt ,
eine Theilung
ihres Landes vorzunehmen ; aber das wäre gegen die leztwillige Verfügung ihres Vaters gewesen, und doch wollte Johann Wilhelm seinem Bruder nach den Vorgängen, von denen hernach berichtet werden soll, die Regierung nicht mehr allein überlassen. Auf Anrathen des Kurfürsten von der Pfalz, des beiderseitigen Schwiegervaters , wurde 1566 den 21. Februar ein sogenannter Mutschirungs- und Absonderungsvergleich errichtet, nach welchem die gesammten Lande auf ſechs Jahre in den weimarischen und coburgischen Theil zerlegt wurden, dergestalt, daß Johann Friedrich der Mittlere auf drei Jahre den weimarischen, und Johann Wilhelm den coburgischen Theil inne haben , nach drei
Johann Friedrich der Mittlere (1554–1567).
303
Jahren jedoch gewechselt werden sollte. Jeder der beiden Herzöge führte in dem ihm zugefallenen Landestheile die Regierung selbständig, doch bediente sich jeder in den Ausfertigungen der Formel : „ für Mich und Meinen freundlich geliebten Bruder. " Johann Wilhelm verlegte im April 1566 ſeinen Wohnfig nach Coburg.
Zu seinem Landestheile
gehörten unter anderen die Städte : Coburg, Eisfeld, Hildburghausen, Sonneberg , Saalfeld , Neustadt a. D. , Auma , Triptis , Pößneck, Ziegenrück , Weida , Altenburg , Schmölln , Eisenberg und Bürgel. Johann Friedrich hatte schon seit dem November 1564 ſeinen Wohnfiz in Gotha aufgeschlagen, weil die Stadt gut befestigt war. Außer Weimar und Gotha wurden zu seinem Landestheile noch die Städte geschlagen: Buttstädt, Jena, Kahla, Roda, Waltershausen, Salzungen, Eisenach, Creuzburg u . a. Nach kurzer Zeit brachte sein unbeugsamer Sinn den Herzog Johann Friedrich um Land und Leute und führte ihn in eine jahrelange Gefangenschaft.
Einer seiner Hauptfehler war seine Leicht-
gläubigkeit , die ihn bisweilen in große Verlegenheit brachte. So umgarnte ihn unter falschen Vorspiegelungen der fränkische Edelmann Wilhelm von Grumbach. Die Grumbache haben ihren Namen von Burggrumbach oder Grumbach, einem Orte , etwa 2 Stunden nordöstlich von Würzburg . Wilhelm von Grumbach war 1503 geboren ; Florian Geier , einer der Anführer im Bauernkriege , war sein Schwager. Derselbe wurde von Wilhelm von Grumbach und anderen Adeligen überfallen und kam mit dem größten Theile der Seinigen im Kampfe um. 1540 wurde Wilhelm von Grumbach auf Anordnung Karls V dem jungen Markgrafen Albrecht von Brandenburg -Culmbach beigeordnet, trat aber in demselben Jahre auch in die Dienste des Bischofs von Würzburg, Conrad von Bibra , der auf seinen Betrieb zur Bischofswürde erhoben worden war, wurde 1542 würzburgischer Amtmann und in demselben Bischofshofe.
Jahre Hofmarschall am Würzburger
1546 warb Grumbach für den Kaiser zum schmal-
kaldischen Kriege im nördlichen Deutschland 3500 Reiter.
Aus seinen
würzburgischen Diensten war er 1548 gänzlich entlassen worden, weil er 1547 auf dem Reichstage zu Augsburg die fränkische Ritterschaft von der Oberherrlichkeit des würzburgischen Bischofs frei zu machen suchte. 1550 wurde Grumbach markgräflicher Statthalter und als der Markgraf Albrecht , wie schon früher mitgetheilt , nach dem Abschluß des Passauer Vertrags den Krieg auf eigene Faust noch fortsette und besonders die Bischöfe von Würzburg und Bamberg und die Reichsstadt Nürnberg belästigte ,
war Grumbach ſtark mit
304
VI.
Die Herzöge aus dem ernestinischen Hause.
betheiligt und wurde zwar in der Schlacht bei Sievershausen am 9. Juli 1553 gefangen genommen, kam aber bald wieder in Freiheit. Im Mai 1554 wurde der Markgraf in die Acht erklärt und floh nach Frankreich ;
Grumbach dagegen verlor als Mitbetheiligter an
den Verwüstungszügen des Markgrafen alle seine Güter , welche der Bischof von Würzburg einziehen ließ. Jezt sann Grumbach auf Rache, wollte jedoch vor Ausführung seiner Pläne sich dadurch den Rücken decken , daß er den Schuß eines Reichsfürſten zu erlangen suchte. Zu dieser Rolle schien ihm Johann Friedrich der Mittlere am geeignetsten zu sein. Bald war die persönliche Bekanntschaft gemacht ( 1557) . Nach kurzer Zeit besaß Grumbach das volle Vertrauen des Herzogs , indem er denselben in der Hoffnung bestärkte, die Kurwürde von Sachsen und die abgetretenen Landestheile wieder zu erlangen . Grundsäglich scheint sich Grumbach aber in die inneren Regierungsangelegenheiten des Herzogs Johann Friedrich nicht eingemischt zu haben ;
diese führte hauptsächlich Dr. Chriſtian Brück,
der Sohn von Georg Brück oder Pontanus, welcher bei drei fächſiſchen Kurfürsten das hohe Amt eines Kanzlers versehen hatte.
Grumbachs
Anschläge gegen den Bischof Melchior von Würzburg waren darauf gerichtet , denselben gefangen zu nehmen
und zur Herausgabe der
eingezogenen Güter zu zwingen . Zwei Attentate der Art waren schon mißglückt ; bei dem dritten , am 15. April 1558 verlor der Bischof sein Leben.
Derselbe ritt genannten Tages von der Kanzlei in der
Stadt Würzburg zurück nach dem Schlosse Frauenberg
und hatte
eben die Mainbrücke passirt , als er von einem Haufen Bewaffneter überfallen und in dem entstehenden Handgemenge erschossen wurde. Auch von seinen Begleitern wurden mehrere schwer verwundet. Grumbach war bei dem Ueberfalle persönlich nicht mit betheiligt ; aber das Attentat war auf seine Veranlassung ausgeführt worden, wenngleich er vorsichtiger Weise den Verdacht vollständig von sich abzulenken verſtand. Sobald der Kaiser über den Vorgang Bericht erhalten hatte, forderte derselbe schon unter dem 25. April die Herzöge von Sachsen auf, den Thätern nachzutrachten, sie gefänglich einzuziehen und auszuliefern ; aber die Aufforderung wurde von Johann Friedrich gar nicht beachtet. Die Strafe sollte den Rädelsführer Grumbach aber doch noch ereilen. Zunächst wurde er auf dem Reichstage zu Augsburg 1559 angeklagt , er habe in dem markgräflichen Kriege ohne Ursache mit Rath und That sträflich und freventlich wider die fränkischen Stände und den Herzog von Braunschweig gehandelt , sei dem Markgrafen vor und nach ergangener Acht beiſtändig und über-
"
305
Johann Friedrich der Mittlere (1554-1567).
haupt der vornehmste Anstifter und Aufwiegler des ganzen Krieges gewesen.
Weil die Angelegenheit gleichzeitig bei dem Reichskammer-
gerichte anhängig war, so wurde auf dem Reichstage die Sache nicht erledigt. 1561 überreichten aber die Stände in Franken, Würzburg, Bamberg und Nürnberg dem Kaiser ein Schreiben mit einer Zusammenstellung von Thatsachen, welche nunmehr Grumbachen als den eigent= lichen Urheber an der Ermordung des Bischofs von Würzburg be= zichtigten.
Damit nun der Herzog Johann Friedrich durch diese Vor-
gänge sich nicht etwa in der Gunst gegen Grumbach beirren laſſe, benuzte dieser die Leichtgläubigkeit des Herzogs.
In dem Dorfe
Sundhausen bei Gotha hatte ein junger Mensch, Hans Müller , ge= wöhnlich Hans Tauſendschön genannt , angeblich von Zeit zu Zeit Erscheinungen von Engeln, welche ihm allerlei Mittheilungen machten. Dieses Menschen bediente sich Grumbach , um den leichtgläubigen Herzog ganz für sich zu gewinnen.
Es klingt wirklich ganz unglaublich,
wenn man von den angeblichen Engelsoffenbarungen liest, welche der Herzog troß ihrer häufigen Widersprüche für bare Münze nimmt, und wie derselbe bei jeder Gelegenheit den Engelseher um Rath fragen läßt. Derselbe hat seine Rolle gespielt bis zur Gefangennehmung des Herzogs. So sollten die Engel im Februar 1563 ausgesagt haben, daß Johann Friedrich mit Gottes Hülfe wieder zu seinem Lande kommen würde zc. Im Vertrauen auf den Schuß , welchen Grumbach bei dem Herzog genoß , hatte er im October 1563 mit mehreren hundert Reitern die Stadt Würzburg überfallen und namentlich die Häuser der Domherren ausplündern lassen. Dieser Gewaltact beschleunigte sein Verderben. Der Kaiser erließ sofort Achtsexecutionsmandate
gegen Grumbach und seine Genossen
und
forderte auch die jungen Herzöge von Sachsen auf, den Geächteten mit seinen Genossen nicht mehr zu beherbergen. Johann Friedrich war verblendet genug , das Anschlagen des Achtsmandats gegen Grumbach in den Städten seines Landes zu verhindern .
Ein aber-
maliger Befehl des Kaisers vom Januar 1564 an Johann Friedrich, Grumbach und seinen Adhärenten, namentlich einem Herrn von Stein und einem von Zedwig keinen Aufenthalt mehr zu gewähren , blieb gleichfalls unbeachtet.
Alle Bemühungen seiner Brüder sowie der
erbverwandten Fürsten von Hessen, Brandenburg und Kursachsen, den Herzog zu vernünftiger Auffassung der Sachlage zu bewegen , waren vergebens .
Am 25. Juli 1564 starb Kaiser Ferdinand und ſein
Nachfolger Maximilian II hatte mit der Notificirung seiner Thronbesteigung an Johann Friedrich zugleich die Erwartung ausgesprochen, 20 Kronfeld , Landeskunde. I.
306
VI.
Die Herzöge aus dem ernestinischen Hause.
daß derselbe die Aechter nun endlich abschaffe.
Die beiden jüngeren
Brüder waren zugleich in einem besonderen Schreiben ermahnt worden, sich in die Grumbachsche Angelegenheit nicht einzumischen. Alle Abmahnungen des Herzogs waren vergebens; denn nach einer vorgeblichen Mittheilung der Engel ( September 1564 ) sollte er nicht bloß Kurfürst sondern sogar deutscher Kaiser werden .
Seine feste Burg
Grimmenſtein bei Gotha ſchien nach und nach einen sicheren Aufenthaltsort bilden zu sollen für allerlei loses Gesindel. Gegen Ende des Jahres 1564 hatte der Herzog auch den Dr. Justus Jonas , einen Sohn des berühmten Theologen zu Wittenberg aufgenommen , nachdem derselbe bereits verschiedene Frrfahrten bestanden hatte. Wie schleppend aber damals im deutschen Reiche der Gerichtsgang war ,
beweist der Austrag der Grumbachschen Angelegenheit.
Das kaiserliche Achtsexecutionsmandat datirte schon vom 12. Oct. 1563, und doch vergingen die Jahre 1564 und 1565, bevor die Ausführung desselben ernstlich in Angriff genommen wurde. Im letteren Jahre wurden zwischen den fürstlichen Brüdern wegen der Regierung viele Streitigkeiten laut und führten nach dem Tode Johann Friedrichs des Jüngeren 1566 zu dem schon erwähnten Mutschirungsvertrage. In demselben Jahre wurde wieder ein Reichstag in Augsburg. abgehalten und nun erst verkündigte der Kaiser unter dem 12. Mai , daß die Achtsexecution gegen Grumbach und Genossen endlich in das Werk gerichtet werden sollte und befahl dem Herzog Johann Friedrich schriftlich bei Pön der Acht und Oberacht, die bei ihm und in seinen Landen befindlichen Rechter und ihre Anhänger angesichts des be= händigten Befehles gefänglich einzuziehen und bis auf weiteren kaiserlichen Bescheid in sicherer Verwahrung zu halten. Auch dieser Befehl blieb von Seiten Johann Friedrichs unbeachtet und es war somit die Ausführung des Achtsmandats die nächste Folge. Für Johann Wilhelm kam es jezt darauf an , zu der Angelegenheit Stellung zu nehmen , damit das seinem Bruder drohende Unheil nicht auch ihm zum Nachtheil gereiche.
Der Kurfürst von Sachsen , den er deshalb
um Rath anging, äußerte sich dahin, daß sich die Execution schleuniger und mit weniger Nachtheil für die Unterthanen bewerkstelligen lasse, wenn der Herzog sich mit betheilige und sich verpflichte , die Kriegskosten von Johann Friedrichs Landestheil zu bestreiten und dafür das ganze Land in Besiß zu nehmen.
Der Kaiser gab sein Einver-
ständniß mit dieser vorläufigen Abmachung zu erkennen. Johann Wilhelm bat nochmals in zwei Schreiben (8. und 26. Juni 1566 ) seinen Bruder in der eindringlichsten Weise, dem kaiserlichen Befehle zu ge-
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Johann Friedrich der Mittlere (1554-1567).
horchen ; die Reichsstände versuchten , durch eine Gesandtschaft den Herzog Johann Friedrich zur Auslieferung der Aechter zu bewegen (Juli 1566) ; der Kaiser erließ unter dem 12. August nochmals ein Bönal-Mandat an den Herzog, aber alles war vergebens .
Nun wurde
der Kurfürst von Sachsen als Befehlshaber des obersächsischen Kreises mit Vollstreckung der Acht beauftragt ( 12. December 1566) und auch Johann Wilhelm erhielt kaiserlichen Oberbefehl , „fich die Execution mit angelegen sein und sich an nichts irren zu lassen " . Der Kurfürst traf die nöthigen Vorbereitungen zu einem Kriegszuge, während Johann Friedrich so sorglos war, daß eigentlich erst am 21. December ernstliche Anstalten zur Vertheidigung Gothas vorgenommen wurden. 3000 Bauern wurden aufgebracht , schleunigst bewaffnet und sollten neben einigem regelrechten Kriegsvolke und der bewaffneten Bürgerschaft die Vertheidigung der Stadt Gotha und des Grimmenſteins übernehmen. Proviant wurde in aller Eile aus den nächsten Dörfern beigeschafft. Am 29. December ließ der Herzog die sämmtliche aufgebotene Mannschaft vor dem Schloſſe versammeln und gab als hauptsächlichsten Grund des Krieges an , Religion .
es sei ein Streit um die wahre
In der folgenden Nacht rückten kurfürstliche Truppen bis
in die nächsten Dörfer bei Gotha und an dem darauf folgenden Tage erschienen vor dem Siebleber Thore ein kaiserlicher und ein kurfürſtlicher Herold , um die kaiserliche Achtsverkündigung zu überbringen. Der Herzog beschenkte den lezteren mit 20 Ducaten. *) Die Belagerungsarbeiten gingen wegen der Winterzeit nur langſam vorwärts ; auch das Kriegsvolk kam erst nach und nach zusammen. Am 22. Januar 1567 traf der Kurfürst mit dem Herzog Johann Wilhelm im Lager ein und bald darauf erschienen die kaiserlichen Commissarien , welche dem Kurfürsten zugeordnet waren. Der Herzog Johann Wilhelm hatte vorher seinem Bruder angeboten ,
die Herzogin nebst ihren
Kindern aus der Festung zu entfernen und nach Weimar übersiedeln zu lassen ; aber das Anerbieten wurde nicht angenommen . hatte derselbe am 26.
Eben so
December 1566 die Fürsten von Kurpfalz,
*) Es ist ein Frrthum, wenn in einigen Geschichtswerken angegeben wird, daß die Ducaten das Bildniß des Herzogs als Kurfürsten von Sachſen getragen hätten. Erst während der Belagerung legte sich der Herzog nach dem Zeugniß des gothaischen Stadtschreibers Nöda , welcher als Gegner des Krieges auf Befehl des Herzogs eine Zeit lang in Gefangenschaft sitzen mußte, einen höheren Titel bei. Seit dem 13. Januar 1567 nennt sich der Herzog in den Bestallungsbriefen für seine Rittmeister: geborener Kurfürst, und jetzt ließ er auch Münzen prägen mit dieser Umschrift um sein Bildniß. 20*
308
VI.
Die Herzöge aus dem ernestinischen Hause.
Hessen, Jülich, Henneberg und Brandenburg dringend gebeten , daß fie bei dem Kaiser nochmals vorstellig werden sollten, um das bevorſtehende Verderben von seinem Bruder abzuwenden.
Das Bittgeſuch
ist auch abgegangen, aber ohne Erfolg . Man sieht aber aus Allem, daß Johann Wilhelm nicht etwa unbrüderlich handelte, wie ihm von manchen Seiten schuld gegeben wird . Die Belagerer, zu denen auch aus anderen Kreiſen Deutſchlands Zuzug gestoßen war , rückten mit ihren Schanzarbeiten der Stadt immer näher und es gelang einigen, die auf den Wällen wachthabenden Bürger über die eigentliche Ursache des Krieges aufzuklären.
Infolge
deſſen entstand in der Stadt ein Aufruhr, welcher damit endigte, daß man am 4. April den Obercommandeur der Truppen , Hieronymus v. Brandenſtein , den Kanzler Brück , Grumbach , Stein , den Engelseher und Hans Beier festnahm, in sicheren Verwahrsam brachte und mit den Belagerern in unmittelbare Unterhandlung trat.
Am 13. April
wurde die Capitulation abgeschlossen ; die beiden Festungen , Schloß und Stadt, sammt allem Geſchüß mußten übergeben, die Hauptächter ausgeliefert werden und das Kriegsvolk sollte innerhalb 3-4 Stunden zwar mit den Waffen aber ohne Fahnen die Stadt verlassen. An demselben Tage , Abends 6 Uhr erfolgte der Einzug des Kurfürsten mit den kaiserlichen Commiſſarien, dem Herzog Wilhelm, dem Herzog von Holstein und 18 Grafen. Als der Kurfürst zum Schloßthore einritt, stand Herzog Johann Friedrich da , um ihm eine Reverenz zu machen ; der Kurfürst ritt aber weiter , ohne ihn eines Blickes zu würdigen und hatte wohl auch gegründete Ursache, dem Herzog ernstlich zu zürnen ; denn dieser wußte um den teuflischen Plan Grumbachs , den Kurfürsten meuchlings ermorden zu lassen , ohne dieſem Vorhaben entgegen zu treten . Die kaiserlichen Commissarien kündigten dem Herzog seine Verhaftung an und publicirten ihm zugleich , daß er sammt seinen männlichen Erben des Landes verlustig sei. Der Aufenthalt der Fürsten in Gotha war diesmal nur von kurzer Dauer ; am nächsten Tage fand erst der eigentliche , feierliche Einzug statt. Als die Fürsten, Commissarien , Grafen und Kriegsobersten auf dem Markte angekommen waren , mußte der Rath mit der ganzen vers sammelten Bürgerschaft knieend Abbitte leisten , weil die Bürger als Empörer gegen kaiserliche Befehle angesehen wurden ; hierauf mußten sie dem Herzog Johann Wilhelm als ihrem Landesherrn huldigen . Am 15. April wurde alles Geschüß aus der Stadt und dem Grimmenstein geschafft und nachdem der Kurfürst mehrere der größten und schönsten Stücke ausgesucht hatte , von denen er später 8 dem Kaiser
Johann Friedrich der Mittlere ( 1554-1567) .
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überſandte , wurde der Rest von noch 160 Stück zwiſchen ihm und Herzog Johann Wilhelm getheilt. Die gefangenen Aechter erhielten schon nach wenigen Tagen ihre Strafe ; am 18. April fanden die Hinrichtungen statt, ganz nach der rohen Weise jener Zeit. Grumbach litt an der Gicht und wurde von 8 Stocknechten auf einem Stuhle zum Blutgerüste getragen. Nachdem ihm seine Vergehungen nochmals
vorgehalten worden waren,
entkleideten ihn die Henker, banden ihn fest und nun wurde ihm das Herz aus dem Leibe geschnitten und der Henker schlug ihm dasselbe mit den Worten um den Mund : „ Da fiehe, Grumbach, dein falsches Herz." Darauf wurde der Körper in vier Stücke zerhauen. Gleichen Tod erlitt auch der Kanzler Brück , beide als die gravirtesten Verführer des verblendeten Herzogs . Wilhelm v. Stein wurde enthauptet und hernach geviertheilt ; David Baumgärtner wurde als Helfershelfer gleichfalls enthauptet und Hans Beier an den Galgen gehängt. Am 26. April erlitt auch H. v. Brandenſtein den Tod durch das Henkerbeil ; der Engelseher wurde gehängt. Die Strafe war sehr hart ; aber man glaubte sich um deswillen dazu berechtigt, weil die Rädelsführer einen allgemeinen Reichskrieg geplant hatten und sogar Hülfe von Frankreich und den nordischen Mächten erwarteten. So war Dr. Justus Jonas zu diesem Zwecke nach Dänemark entsendet worden, erhielt aber einen schlimmen Lohn ; denn auf Requisition des Kurfürsten von Sachsen wurde er am 28. Juni in Kopenhagen ent= hauptet.
Mehrere andere Theilnehmer entkamen glücklich aus Gotha,
erhielten aber bei ihrer Ergreifung die verschuldete Strafe. Hans v. Hildesheim wurde am 10. November 1570 in Speier während des Reichstages enthauptet , und Antonius Pflug 1575 in Böhmen hingerichtet. Bevor wir über die weiteren Schicksale des unglücklichen Herzogs Johann Friedrich berichten , sei noch erwähnt , daß der Kriegsaufwand für die Belagerung Gothas nach Abstreichung einiger Posten sich immer noch auf 953 634 Gulden belief, woran der Kurfürst von Sachsen den hauptsächlichsten Anspruch hatte. Nun wurde zwar ein Theil derselben durch Reichsbeiträge gedeckt ; für den verbleibenden Rest aber wurden dem Kurfürsten einstweilen als Pfand die Aemter Weida , Arnshaugk , Ziegenrück und Sachfenburg eingeräumt (Neustädter Kreis), welche man deswegen von jezt ab die aſſecurirten Aemter nannte. Die Würderung derselben ergab jedoch , daß immer noch ein Rest von 104 594 Gulden ungedeckt blieb , und dieſer iſt auch niemals berichtigt worden, sondern Kurfürst Johann Georg und
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VI.
Die Herzöge aus dem ernestinischen Hause.
dessen Bruder leisteten im Jahre 1660 darauf Verzicht und erlangten damit das Recht , daß jener Landstrich von der ernestinischen Linie niemals wieder eingelöst werden sollte. Auf Befehl des Kaisers wurde der feste Grimmenſtein vollständig geschleift , weil derselbe „ eine Herberge und einen Aufenthalt der Aechter , der Landfriedensbrecher , der Straßenräuber und Mörder abgegeben habe." Johann Wilhelm hätte dies Geschick von der faſt uneinnehmbaren Burg gern abgewendet ; aber sein Bitten war vergeblich. Johann Friedrich war am 15. April in einem schwarzbehangenen Wagen , welchen vier Schimmel mit rothgefärbten Schwänzen zogen, als Gefangener abgeführt worden. Man brachte ihn über Langenfalza und Leipzig zunächst nach Dresden , von da nach WienerischUnter Neustadt. Am 22. Juni kam man mit ihm in Wien an . starker militärischer Bedeckung war die Reise von Dresden aus weiter gegangen ; denn außer zahlreicher Reiterei waren auch noch 300 fächsische Fußknechte beigegeben ; im Desterreichischen kam noch kaiserliche Bedeckung hinzu .
Vor der Stadt Wien wurden die Bogen mit dem
Wagentuche abgenommen und der Herzog saß , den Kopf mit seinem Schaubhut bedeckt, oben an, damit Jedermann ihn sehen konnte.
Der
Zug nahm nicht den nächsten Weg nach des Herzogs Quartier , sondern durch die vornehmsten Gassen , auch an der Hofburg vorbei. Den Beschluß desselben machten die acht großen Geſchüße vom Grimmensteine. Eine Zeit lang wurde der Herzog daun in Preßburg gefangen gehalten und am 18. November 1594 nach Steier ob der Ens gebracht . Bei allen Vorzügen , welche den Herzog auszeichneten ,
behielt
doch zulezt seine Hartnäckigkeit, mit der er ſeinen Willen durchzuseßèn suchte , die Oberhand und stürzte ihn in das Verderben. In den Wissenschaften war er gut gebildet , hielt schon in seinem 12. Jahre als Student zu Wittenberg vor großer Versammlung eine lateinische Rede und war später der classischen Sprachen so mächtig , daß er die Bibel in den Ursprachen zu lesen verstand . In der Schlacht bei Mühlberg kämpfte er für die proteſtantiſche Sache, wurde verwundet und entkam nur mit genauer Noth der Gefangenschaft. Für die Gründung der Universität Jena war derselbe besonders thätig ge= wesen , hatte auch sonst während seiner Regierung manche gute Einrichtung getroffen , unter anderm in Weimar 1561 ein Conſiſtorium und zu Jena 1566 ein Hofgericht errichtet , das bis 1817 beſtand. Aber schon die Härte, mit der er 1562 andersgläubige Geistliche mit
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Johann Friedrich der Mittlere (1554-1567).
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Weib und Kind aus dem Lande vertrieb , hatte ihm die Gemüther entfremdet. In den folgenden Jahren handelte derselbe immer unbesonnener ; namentlich läßt sich sein Verhalten in der Grumbachschen - 1555 hatte sich Johann Angelegenheit mit gar nichts rechtfertigen. Friedrich mit Agnes , der Wittwe des bei Sievershausen gefallenen Kurfürsten Morig vermählt ; doch dauerte das eheliche Glück faum ein halbes Jahr, indem ihm seine Gemahlin durch ein hißiges Fieber entrissen wurde. 1558 vermählte er sich zum zweitenmale und zwar mit Elisabeth, der ältesten Tochter des Kurfürsten Friedrich von der Pfalz, und an derselben erhielt er eine so treue Lebensgefährtin, wie die Geschichte deren gewiß nur wenige aufzuweisen hat. Nachdem alle Bitten um Freigebung oder doch Milderung der Gefangenschaft ihres Gemahls vergeblich gewesen waren, wirkte sie sich die Genehmigung aus, die Gefangenschaft mit ihm zu theilen und sie hat 22 Jahre, bis zu ihrem Tode bei ihm redlich ausgehalten. Am 8. Februar 1594 ging fie zur ewigen Ruhe ein. Der Herzog bat damals den Kaiser inständig um Erlaubniß , die Leiche seiner Gemahlin nach Coburg begleiten und den Rest seiner Tage bei den Seinigen zubringen zu dürfen ; aber vergebens. Der Gram über dieſe Härte und die nunmehrige Vereinsamung in der Gefangenschaft führten im nächſten Jahre auch seinen Tod herbei ; er starb am 19. Mai 1595. Nicht bloß die treue Gemahlin hatte in den ersten Jahren der Gefangenschaft um Johann Friedrichs Freigebung gebeten, sondern auch deutsche Fürften, wie der von Kurpfalz, von Württemberg, die Landgrafen von Hessen und der Markgraf von Baden hatten sich bei dem Kaiser in derselben Richtung verwendet ; allein dem Kurfürsten von Sachsen war vom Kaiser insofern in der Angelegenheit eine Concession ge= macht worden, als die Befreiung nicht ohne ausdrückliche Zustimmung Kursachsens ausgesprochen werden sollte , und dieſes gab regelmäßig auf des Kaisers Anfrage eine verneinende Antwort. Die Leiche Johann Friedrichs wurde nach Coburg übergeführt und daselbst in der Hauptkirche beigefeßt.
Die Gefangenschaft war
übrigens dem Lande theuer zu stehen gekommen , denn der Kaiser rechnete für den jährlichen Aufwand nicht weniger als 15000 Thaler, ging aber endlich auf 12000 herunter, was in den 28 Jahren nach den damaligen Verhältnissen immerhin eine höchst bedeutende Summe ausmachte. Die Unterhaltungsgelder mußten nach der Landestheilung von den Söhnen Johann Friedrichs abgeführt werden , gingen aber bei dem gefangenen Herzog oft so unregelmäßig ein , daß er häufig in Schulden gerieth.
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VI.
Die Herzöge aus dem ernestiniſchen Hauſe.
Die Söhne Johann Friedrichs des Mittleren ( 1572—1638) . Noch bevor die Stadt Gotha ſich den Belagerern ergab , waren am 8. Januar 1567 auf dem Landtage zu Saalfeld die dahin beorderten thüringischen Landstände und Unterthanen durch einen kaiſerlichen Commissar ihrer Pflicht gegen Herzog Johann Friedrich den Mittleren entbunden und an dessen Bruder, Herzog Johann Wilhelm gewiesen worden ,
dem sie auch sofort den Huldigungseid
leiſten
mußten. Somit war klar ausgesprochen , daß Johann Friedrichs Söhne niemals in den Beſiß desjenigen Landestheiles gelangen sollten, den ihr Vater zulezt regiert hatte.
Die drei Söhne : Friedrich
(geb. 1563), Johann Casimir (geb. 1564) und Johann Ernst (geb. 1566) waren bei dem unglücklichen Ausgange der Belagerung Gothas freilich noch in so zartem Kindesalter, daß sie von dem harten Geschick, das auch sie betroffen , keine Ahnung haben konnten. Desto schmerzlicher war der ganze Vorgang für Johann Friedrichs Gemahlin Elisabeth.
Sie wandte sich den Tag nach der Abführung ihres Ge-
mahls mit ihren Kindern nach Weimar zu ihrer Schwester , der Ge= mahlin Herzog Johann Wilhelms , dann nach Eisenach und nahm Wohnung auf der Wartburg . Wir haben schon im vorigen Capitel gehört, daß ihr erst im Jahre 1572 gestattet wurde, die Gefangenschaft ihres Gemahls zu theilen.
Die Verhandlungen mit Herzog
Johann Wilhelm wegen des Unterhaltes seiner Schwägerin und deren Söhne, so wie wegen Tragung eines Theiles der Kriegskosten führten zu keinem Resultate , da man bezüglich des letteren Punktes von Johann Wilhelm nicht wohl etwas beiziehen konnte , indem ihm ja keine Schuld an der Unglücksgeschichte beizumessen war.
Die ganze
Angelegenheit fand ihre Erledigung erst auf dem Reichstage zu Speier 1570. Verschiedene ansehnliche Reichsfürsten und besonders die Ver= wandten der Prinzen machten dem Kaiser so häufige und so dringende Vorstellungen , daß er sich endlich entschloß , die Kinder Johann Friedrichs wieder in die Rechte ihres Vaters einzusehen.
Der Kur-
fürst von der Pfalz als Großvater der Prinzen, die Herzogin Elisabeth als Mutter und Herzog Johann Wilhelm als nächster Aguat und Vormund mußten für dieselben beim Kaiser Abbitte thun und hierauf wurde die Restitution am 4. December 1570 ausgesprochen.
Die in
Aussicht genommenen Verhandlungen wegen der Landestheilung sollten in Erfurt stattfinden und zwar durch kaiserliche , hessische, brandenburgisch-anspachiſche, kurfürstlich fächsische, pfälzische und kur-
Die Söhne Johann Friedrichs des Mittleren (1572—1638).
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brandenburgische Abgeordnete und einige Räthe des Herzogs Johann Wilhelm.
Der Lettere fügte sich nicht sogleich, sondern machte noch
verschiedene Entschädigungsansprüche geltend , und erst als ihm der Kaiser am 9. Juli 1572 die Zuſage ertheilte, daß im Fall des Aussterbens des kursächsischen , oder des erbverbrüderten hessischen oder hennebergischen Hauses Johann Wilhelm und seine Nachkommen den Nachkommen Johann Friedrichs vorgehen sollten, kam am 6. November 1572 die Theilung zu Stande.
Dieselbe erfolgte mit Rück-
ficht auf den Steuerertrag der einzelnen Aemter.
Johann Wilhelm
erhielt zum Voraus das Amt Königsberg , welches er am 11. Sep= tember 1569 von Würzburg
um 46000 Gulden wieder eingelöst
hatte, und das Amt Saalfeld, womit er vom Kaiser Maximilian am 30. Juni 1571 belehnt worden war ; ferner die Aemter Weimar, Roßla , Jena und Leuchtenburg zum Ausgleich für die von seinem früheren Landestheile an den Kurfürsten von Sachsen abgegebenen affecurirten Aemter. Die ihm außerdem noch zugesprochenen Aemter bildeten den weimarischen Antheil.
Die hauptsächlichsten Städte
seines Landes waren Weimar , Buttstädt , Buttelstedt , Magdala, Rastenberg , Jena , Kahla , Orlamünda , Roda , Lobeda , Dornburg, Camburg , Bürgel , Eisenberg , Altenburg , Ronneburg , Lucka, Schmölln 2c. Dazu erhielt er den Georgenthaler Hof in Erfurt. Gemeinschaftlich blieb das Geleite und Schußgeld zu Erfurt ;
des=
gleichen das Schußgeld zu Nordhauſen. Von den Söhnen Johann Friedrichs
des Mittleren war der
Prinz Friedrich am 4. August 1572 in Eisenberg gestorben. beiden andern erhielten den
Die
coburgischen Theil , bestehend aus
19 Aemtern mit den Städten :
Coburg , Hildburghausen , Rodach,
Eisfeld, Römhild, Sonneberg, Heldburg, Neuſtadt a. d. Haide, Ummerstadt, Schalkan , Salzungen , Creuzburg , Eisenach , Waltershausen und Gotha ; dazu die Collectur zu Langensalza und die Hälfte der vorhin erwähnten Geleits- und Schußgelder. Ueberdies wurde ihnen das Recht eingeräumt , die vier assecurirten Aemter wieder einzuLösen. Gemeinsam blieben beiden Parteien die Universität , das Consistorium und Hofgericht zu Jena. Wegen der Minderjährigkeit der beiden Prinzen Johann Casimir und Johann Ernst übernahm der Kurfürst August von Sachsen die vormundschaftliche Regierung und ließ auf den Unterricht und die Erziehung seiner Mündel ganz besondere Sorgfalt verwenden .
Weil
Beides in vorzüglicher Weise geleitet wurde, so wünschten auch andere Eltern aus den höheren Ständen ihre Söhne daran Theil nehmen zu
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VI. Die Herzöge aus dem erneſtiniſchen Hauſe.
lassen und hierdurch entstand eine kleine Akademie in Coburg.
Außer
dem Herzog Wilhelm von Lüneburg, den Grafen Philipp, Ernst und Georg von Gleichen, Ernst von Hohnstein und Heinrich Schenk, Freiherrn von Tautenburg wurden noch 18 andere junge Herren aus den vornehmsten fränkischen , thüringischen und meißnischen Geschlechtern mit den beiden Prinzen unterrichtet und erzogen. Johann Casimir vermählte sich 1586 mit Anna , der jüngsten Tochter des Kurfürsten August von Sachsen ; aber schon 1593 mußte die Ehe wieder getrennt werden, weil die Herzogin ihrem Gemahl untreu geworden war. Zur Strafe wurde dieselbe erst auf der Feste Coburg gefangen gehalten, dann nach Eisenach abgeführt , dann nach dem fränkischen Kloster Sonnenfeld und schließlich wieder auf die Feste Coburg gebracht, wo fie 1613 starb.
Ueberhaupt waltete über den Nachkommen Johann
Friedrichs des Mittleren ein trauriges Verhängniß ; beide Söhne starben ohne Nachkommen. Nachdem Johann Ernst das Mündigkeitsalter erlangt hatte , wurde zwischen den beiden Brüdern 1590 ein Vertrag dahin abgeschlossen, daß Johann Casimir die Regierung auf fünf Jahre allein übernahm und Johann Ernst zu seinem Unterhalte nur die Revenüen aus einigen Aemtern überwiesen bekam.
Der
lettere nahm nun seinen Wohnsiz in Marksuhl , woselbst er schon 1588 angefangen hatte ein Schloß zu erbauen.
Johann Cafimir
führte die Regierung mit allem Eifer und ließ unter anderm 1593 eine Kirchen- und Schulviſitation in den Fürstenthümern Eisenach und Gotha vornehmen. 1596 wurde der Vertrag wegen der Alleinregierung Johann Casimirs auf sechs Jahre erneuert ; doch schon nach einigen " Monaten bestand Johann Ernst auf einer Landestheilung, welche auch am 4. December 1596 zu Stande kam. Johann Ernſt verlegte nun seinen Wohnsiß nach Eisenach. Während seiner Regierung wurde die Stadt 1617 von einer schrecklichen Feuersbrunst heimgesucht, welche 500 Gebäude verzehrte. Johann Casimir hatte sich
1599 zum zweitenmale vermählt
und zwar mit Margaretha, einer Herzogin von Braunschweig , starb aber 1633 ohne Leibeserben und sein Land kam an Johann Ernst. Das Gymnasium zu Coburg verdankt diesem Herzog seine Entstehung und heißt deshalb Casimirianum. Auch Johann Ernst war zweimal vermählt gewesen, ohne Erben zu hinterlassen , und so erlosch die Nachkommenschaft des unglücklichen Johann Friedrichs des Mittleren und das Land fiel bei dem Tode Johann Ernsts 1638 an die Nachkommen des Herzogs Johann Wilhelm.
7
77
77
Herzog Johann Wilhelm (1565-1573).
315
Herzog Johann Wilhelm ( 1565 — 1573) . Der zweite Sohn des Kurfürsten Johann Friedrich des Großmüthigen, Herzog Johann Wilhelm , besaß
größere Klugheit und
Vorsicht als sein Bruder Johann Friedrich der Mittlere , obschon fich derselbe von den religiösen Streitigkeiten seiner Zeit auch nicht fern hielt; aber er verfuhr toleranter als jener. Es wurde schon von ihm
berichtet , daß er dem Könige von Frankreich bei deſſen
Kriege gegen Spanien Hülfstruppen zuführte ( 1558). 1568 unternahm unser
Im Jahre
Herzog einen neuen Zug nach Frankreich
und führte dem Könige Karl IX 2000 Reiter und 100 Heerwagen zu zur Bekämpfung der Hugenotten. Wie ein protestantischer Fürst es über sich gewinnen fonnte, zur Unterdrückung seiner Glaubensgenossen im fremden Lande die Hand zu bieten , bleibt freilich ein Räthsel und im vorliegenden Fall ist der Schritt um so auffallender, als Johann Wilhelms Vater wegen seines treuen Festhaltens am Protestantismus die Kurwürde verlor.
Es läßt sich als Motiv zu
diesem Widerspruche nur annehmen , daß eine unbezwingliche Ruhmſucht , und - Geldgier den Herzog beherrschte, oder aber , daß der Fanatismus desselben gegen Alle , welche der calvinischen Lehre zugethau waren, ihn zu dem Schritte verleitet habe. Gab es doch Lutheraner , welche sich über die Pariser Bluthochzeit freuten , weil die Calvinisten dadurch
eine Schlappe erhalten hatten.
Die Hof-
theologen Andreä und Selnecker gaben in ihren Berichten an den Kurfürsten August von Sachsen zu verstehen , daß sie die in der Bluthochzeit gefallenen Reformirten keineswegs für Märtyrer, sondern für bloße Aufrührer hielten , die das Blutbad als gerechte Strafe ihrer Schuld sich zugezogen hätten. Der Herzog Johann Wilhelm hatte für diese und die früher schon dargebotene Kriegshülfe von dem Könige von Frankreich reiche Geldentschädigung erhalten und benußte die erworbenen Gelder zur Erbauung
des sogenannten
französischen Schlößchens
in Weimar
( 1563) , in welchem jezt die Großherzogliche Bibliothek aufgestellt ist , und 1569
zur Einlösung des an den Bischof von Würzburg
verpfändeten Amtes Königsberg
in Franken , für welches 46 000
Gulden gezahlt werden mußten.
Die selbständige Regierung hatte
der Herzog, wie schon bemerkt, erst 1565 angetreten, als mit seinem Bruder der Mutschirungsvertrag abgeschlossen wurde ; 1567 überkam er hierauf nach der Gefangennehmung Johann Friedrichs des Mitt-
316
VI. Die Herzöge aus dem ernestinischen Hause.
leren auch dessen Land mit hinzu . Sein Hauptaugenmerk richtete er auf die Religion . Seit der Annahme der Strigelschen Declaration war man von den Grundſäzen des streng lutherischen Lehrſyſtems merklich abgewichen.
Zu dieser Glaubensänderung hatte Johann
Wilhelm seine Einwilligung nicht gegeben und hob deshalb die ge= dachte Declaration durch ein öffentliches Mandat 1568 wieder auf. Nach seiner Rückkehr
aus
Frankreich wurden
viele durch
seinen
Bruder vertriebene Geistliche in ihre Stellen wieder eingeſeßt. Um unter den sächsischen Theologen eine Uebereinstimmung zu erzielen, lud er mit Vorwissen des Kurfürsten von Sachsen einige der namhaftesten Theologen zu einem Religionsgespräche im October 1568 nach Altenburg ein , übernahm bei der Versammlung den Vorsitz, konnte aber leider nichts ausrichten . Man nannte im Publicum die Versammlung spöttelnd nur das Gänſecollegium. 1569 errichtete Johann Wilhelm in Jena ein Consistorium und ließ in demselben Jahre eine Kirchenordnung publiciren , durch welche nicht nur die Kirchengebräuche und die Pflichten der Geistlichen und Zuhörer bestimmt wurden, ſondern mittelst deren auch die strengere Ausübung der christlichen Moral gefördert werden sollte. Alles übermäßige Trinken , Spielen , Schwärmen und die nächtlichen Tänze wurden aufs Strengste verboten. 1570 ließ er wieder eine allgemeine Kirchenund Schulvisitation in den gesammten ernestinischen Landen vornehmen. Ebenso war er auch besorgt in weltlichen Dingen. Auf den Landtagen trat schon damals die Steuerfrage in den Vordergrund ; denn das Land wurde von einer sehr großen Schuldenlast bedrückt.
Um dieselbe etwas zu mildern wurde auf dem Landtage
in Weimar 1570 bestimmt *) , daß auch der Adel seine Güter versteuern sollte und zwar zu dem Werthe , wie man dieselben gegen= wärtig erkaufen würde. alten Zeiten eingeführt
Auch die Tranksteuer , welche schon vor war , aber von einer Periode zur andern
von den Ständen immer wieder neu verwilligt werden mußte, wurde auf weitere 15 Jahre festgesezt. Die Theilung des Landes zwischen ihm und den Söhnen seines Bruders überlebte Johann Wilhelm nicht lange ; er starb schon am 2. März 1573 , erſt 43 Jahre alt , angeblich an einem Gifte , das ihm zwei Jahre vorher in Wien beigebracht worden sein soll.
Fm
*) Müller giebt in feinen Annalen ( S. 155) als etwas Außerordentliches an, daß dieser Landtag bis in die dritte Woche gedauert und daß man während dieser Zeit im Schloſſe täglich an mehr als 200 Tiſchen geſpeiſt habe. Die Koft für die Landstände lieferte nämlich zu jener Zeit die herzogliche Hoftiche.
317
Herzog Johann Wilhelm ( 1565–1573).
Februar merkte er schon die Annäherung des Todes und setzte seinen lezten Willen auf, wodurch ein früheres Testament seine Gültigkeit verlor. Das Testament beweist seine Gottesfurcht und seinen Eifer für die Reinigkeit der evangeliſchen Lehre, indem er dem akademischen Senate in Jena, insonderheit der dasigen theologiſchen Facultät und zwar namentlich den beiden Professoren Wiegand und Heßhusius auf das Angelegentlichste
empfiehlt ,
über dieselbe zu wachen .
Johann
Wilhelm zeichnete sich durch viele lobenswürdige Eigenſchaften aus. Vorsicht und Weltklugheit entwickelte er weit mehr als sein unlenksamer Bruder Johann Friedrich. Sein Verhalten gegen denselben bei der Achtsvollstreckung war vollständig correct ; dagegen ist er in ſeinem Benehmen gegen Johann Friedrichs Söhne von Eigennuß nicht freizusprechen und dieser charakterisirt sich besonders in dem Erwirken jener kaiserlichen Anordnung , nach welcher in Erbschaftsfällen seine sollten .
Nachkommen denen seines älteren Bruders vorgehen
Er hatte in seinen Jünglingsjahren den Plan gefaßt, sich mit der Königin Elisabeth von England zu vermählen ; aber diese Fürstin wollte ihre Freiheit nicht durch eheliche Bande opfern und so trat er 1560 mit Susanna Dorothea , einer Schwester der Gemahlin seines Bruders und Tochter des Kurfürsten Friedrich des Frommen von der Pfalz in ein Ehebündniß. Dieselbe überlebte ihren Gemahl 19 Jahre und nahm an den theologiſchen Streitigkeiten vielen Antheil. Sicher ist, daß sie zu manchen Schritten Johann Wilhelms in Religionsangelegenheiten die erste Veranlassung gab .
Nach dem
Tode des Herzogs ließ sie sich mit dem Kurfürsten August in einen Briefwechsel ein , der nur Religionssachen betraf und auf den wir im nächsten Abschnitte zurückkommen werden. Johann Wilhelm hinterließ von seinen 5 Kindern 2 Söhne und eine Tochter.
Die Tochter Marie wurde später Aebtissin zu
Quedlinburg. Der älteste Sohn Friedrich Wilhelm (geb. 1562) wurde Stifter der nicht lange bestehenden altenburgischen Linie , der zweite, Johann (geb. 1570) , der Stammvater des jeßigen erneſtinischen Fürstenhauses. Herzog Johann Wilhelm hatte zwar bestimmte Vormünder für seine Kinder verordnet ; aber der Kurfürst August von Sachsen glaubte als nächster Agnat und Lehensnachfolger den größten Anspruch auf die Vormundschaft über seine Vettern zu haben. Er begab sich daher nach Weimar , ließ sich von der Ritterschaft und den Landständen huldigen , hielt zugleich einen Landtag ab und besezte das Ministerium ganz neu .
So war der
318
VI.
Die Herzöge aus dem ernestinischen Hanse.
Kurfürst vormundschaftlicher Regent über alle ernestinischen Länder ; denn gleichzeitig standen ja auch die beiden Söhne Johann Friedrichs des Mittleren und deren Regierungsangelegenheiten Vormundschaft .
unter seiner
Die vormundschaftliche Regierung Kurfürft Augufts von Sachſen (1573—1586) . Der Kurfürst August von Sachsen wurde nicht nur in der von ihm angemaßten Vormundschaft von Kaiser Maximilian II beſtätigt, sondern erhielt noch überdies in Erwägung der wichtigen Dienste, die er dem Kaiser wider Johann Friedrich den Mittleren erwiesen habe am 25. September 1573 die Zusicherung , daß ihm unter Ausschluß der Söhne Johann Friedrichs des Mittleren die alleinige Anwart= ſchaft auf das Land der Söhne Johann Wilhelms (den weimarischen Theil der ernestinischen Lande) bei deren etwaigem kinderlosem Tode zustehen solle, und auch 5/12 der Grafschaft Henneberg für den Fall, wenn jenes alte Grafengeschlecht ausstürbe. 12 sollten die Nachkommen Johann Wilhelms erhalten und Johann Friedrichs Stamm auch bei dieser Gelegenheit ausgeschlossen bleiben.
Der Kaiser droht
nicht bloß mit seiner und des Reiches schwerer Ungnade, sondern sezt auch noch eine Strafe von 1000 Mark löthigen Goldes darauf, wenn Jemand dawider handeln würde. Bei alledem bleibt die Veränderung des Henneberger Erbschaftsvertrages doch ein unverantwortlicher Gewaltact , welcher gegen das ernestinische Haus ausgeübt worden ist; deun es hatte dieses die Erbnachfolge ganz besonders aus dem Grunde zugesichert bekommen , weil es den größten Theil von den Schulden der Henneberger bar erlegte ; überdies war dem Hause die alleinige Erbnachfolge mehrmals durch kaiserliche Urkunden bestätigt worden. Wir werden später auf die damals ausgeübten Machinationen zurücks kommen . Man ersieht aber hieraus , in welcher Weise der Kurfürst August die vormundschaftliche Regierung auszubeuten wußte. Eben so unverzeihlich wie diese eigennüßige Handlungsweise war auch die Härte , mit welcher derselbe in den ernestinischen Landen seine vormundschaftliche Gewalt gegen die Geistlichkeit zur Geltung brachte.
Seit dem unglücklichen Schicksale des Kurfürsten Johann
Friedrich des Großmüthigen herrschte zwischen den beiden fächsischen Linien eine fortwährende Eifersüchtelei und ein Bestreben , einander entgegen zu arbeiten, was sich bei jeder Gelegenheit kundgab. Viebleicht hatte Johann Friedrich der Großmüthige schon bei Gründung
4
49
Bormundschaftl. Regierung Kurf. Augusts v. Sachſen (1573-1586) .
319
der Universität Jena den stillen Gedanken , die kursächsischen hohen Schulen und namentlich Wittenberg zu schwächen . Es wurden größtentheils nur solche Lehrer nach Jena berufen , welche ganz allein im Befit des reinen Lutherthums zu sein fich rühmten , und diese wendeten alle Mühe an , den kursächsischen Theologen in der öffentlichen Meinung zu schaden . Flacius nahm bei der streng lutherischen Partei die erste Stelle ein und wußte es bei den Herzögen Johann Friedrich dem Mittleren und Johann Wilhelm dahin zu bringen , daß das so= genannte Confutationsbuch erschien , welches in ihrem Lande gleichsam das Ansehen der übrigen symbolischen Bücher haben sollte.
Aber
dieses Werk war mit verdeckten Angriffen auf die kurfürstlichen Theologen angefüllt. Es folgten hierauf die erhißten Streitigkeiten , von denen bereits die Rede war, dann die Hinneigung Johann Friedrichs zu Strigels Ansichten und die Entfernung von mehr als 40 Geistlichen aus ihren Aemtern , welche sich der Strigelschen Anschauung nicht fügen wollten. Herzog Johann Wilhelm hob hierauf die Declaration des leztern auf und seßte viele der ausgewiesenen Pfarrer wieder in ihre Stellen ein. Jest gingen die Streitigkeiten mit den kursächsischen Theologen von Neuem an und da dieser Unfug dem Kurfürsten ganz unerträglich erschien , so wurde unter seiner Zustimmung das schon erwähnte Colloquium zu Altenburg unter Vorsiz des Herzogs Johann Wilhelm abgehalten, das jedoch gänzlich erfolglos verlief. Die Streitigkeiten begannen abermals. So stand die Angelegenheit, als der Kurfürst die vormundschaftliche Regierung übernahm . Er hatte schon lange seinen Unwillen über die jenaischen und weimarischen Theologen kundgegeben und ließ deshalb vom Juli bis zum October 1573 eine Kirchen- und Schulenviſitation vornehmen unter der kurz und bündig ausgesprochenen Absicht, dem wegen des Flacius und seines Anhanges entstandenen machen.
Als
muthwilligen
Gezänke
und
Unwesen
ein
Ende
zu
Geistliche wurden zu Visitatoren ernannt : Johann
Stoffel, Friedrich Wiedebram und Maximilian Mörlin , alle drei Doctoren der heiligen Schrift, Pfarrer und Superintendenten zu Wittenberg , Pirna und Coburg ; *) ferner der bald hernach zum Superintendenten und Pfarrer zu Jena ernannte Mag. Martin Mirus . Allen Superintendenten und Pfarrern wurde bei der Viſitation eingeschärft , daß sie in ihrer Lehre von der heiligen Schrift , von der augsburgischen Confeffion und von den Schriften Luthers und Melanch-
*) Gem. ernest. Archiv in Weimar. Viſitationsacten. Nr. 12. 16.
Reg. I. i. Fol. 16a,
L
320
VI.
Die Herzöge aus dem ernestinischen Hause.
thons nicht abweichen, sich des Verdammens, Schmähens und Läſterns wohlverdienter Personen enthalten und dem Consistorium zu Jena sich unterwerfen sollten.
Noch ehe die Visitation selbst begann,
wurden die beiden jenaischen Professoren Wiegand und Heßhuſius, also gerade diejenigen, welchen Johann Wilhelm in seinem Testamente den Auftrag ertheilt hatte , über die Reinheit der lutherischen Lehre zu wachen, abgesezt mit der Weisung, innerhalb 4 Tagen das Land zu räumen . Das war allerdings ein vielversprechender Anfang. Noch 11 Pfarrer verloren gleichfalls schon vor Beginn der Viſitation ihre Stellen, und während derselben wurde mit aller Strenge gegen diejenigen verfahren, welche die ihnen vorgelegten Artikel nicht unterschreiben wollten . Von den 12 Superintendentenstellen war die eine gerade nicht besezt , und von den 11 übrigen wurden 9 Inhaber entfernt oder enturlaubt, nämlich die Superintendenten zu Jena, Weimar, Gotha, Eisenach, Coburg, Römhild, Königsberg, Ronneburg und Saalfeld.
Ihnen folgten noch 95 andere Geistliche , so daß die
Zahl sämmtlicher durch die Visitation um ihre Stellen gekommenen Geistlichen mit Einschluß der Superintendenten 115 betrug. Die Zahl sämmtlicher Geistlichen in den ernestinischen Landen belief sich damals auf 537 ; es hatten also mehr als 1 % derselben ihre geistlichen Stellen eingebüßt.
Am schlimmsten kam die Stadt Weimar daran , denn es
wurden sämmtliche Geistliche ihrer Aemter enthoben ,
nämlich der
Superintendent, die beiden Diakonen , der Hofprediger und der Hofdiakonus. Die Herzogin Dorothea Susanna nahm sich der Geistlichen wacker an und führte mit dem Kurfürsten deshalb einen weits läufigen Briefwechsel.
Als alle Vorstellungen nichts helfen wollten,
bestand sie darauf, daß ihr wenigstens in den Aemtern Dornburg und Camburg, welche ihr als Witthum zugewiesen waren, in Betreff der Besetzung von geistlichen Stellen freie Hand gelaſſen werde. Aber die Antwort des Kurfürsten lautete so derb und unfürstlich, man kann wohl sagen ungeziemend , daß die Herzogin von allen weiteren Vorstellungen Abstand nahm. Er habe sich vorgenommen , schreibt der Kurfürst unter Anderem , die Flacianer alle zu beseitigen , und daß sie, die Herzogin nämlich, auf Seite dieser Leute stehe, das hätten ihre Prediger in Weimar bewiesen. *) Später neigte sich der Kurfürst ſelbſt mehr der lutherischen Auffassung zu und beeiferte sich, dem Kryptocalvinismus in seinem Lande
*) In dem vorher angezogenen Actenstücke des gem. ernest. Archivs in Weimar.
321
Kurfürst August von Sachsen (1573-1586) .
Einhalt zu thun.
Zu seinem großen Erstaunen kam er bei Aus-
führung dieses Vorhabens dahinter , daß in seinem eigenen Lande der Calvinismus sich im Stillen ziemlich ausgebreitet hatte und daß sogar die Häupter desselben in seiner unmittelbaren Nähe weilten. Er ließ endlich das sogenannte Concordienbuch abfassen , um den Religionsgährungen ein Ende zu
machen.
Dasselbe fand ziemlich
allgemeinen Beifall ; bis zum Jahre 1580 hatten 3 Kurfürsten , 22 Fürsten , 22 Grafen , 4 Freiherren , 35 Reichsstädte und über 8000 Geistliche und Lehrer dasselbe unterschrieben. Die ungemeine Härte, mit der man bei der Visitation 1573 in den ernestinischen Landen verfahren war, trug bald ihre sehr schlimmen Früchte. Die Stellen der ausgewiesenen Geistlichen waren sofort wieder besetzt worden ; aber bei der Visitation 1577 mußte man als Thatsache constatiren , daß die meisten der eingetretenen Geistlichen und namentlich die Superintendenten vor leeren Stühlen predigten , was von Weimar ausdrücklich bemerkt wird *) mit dem Hinzufügen , das Volk werde ruchlos , frech und wild ; und ſo giebt die Viſitationscommission dem Kurfürsten selbst den Rath ,
nach Weimar
als in
den fürnehmsten Ort des Fürstenthums den vorigen Superintendenten Mag . Rosinus
wieder zu berufen " .
(Dr. Georg Luder war sein
Nachfolger gewesen. ) Wie aus dem bisher Mitgetheilten hervorgeht, führte der Kurfürst die vormundschaftliche Regierung in sehr energischer Weise. In Weimar war eine
aus sechs Räthen bestehende Landesregierung eingesetzt,
welche die Regierungsgeschäfte in seinem Namen besorgte.
Auf fur-
fürstlichen Befehl wurde 1574 der Anfang gemacht, das gemeinschaftliche ernestinische Archiv zu ordnen, d . h. die vorhandenen Urkunden, Acten und Briefschaften in eine bestimmte Ordnung zu bringen. Arbeit nahm sieben Jahre in Anspruch.
Die
1575 erbaute die Herzogin
Dorothea Susanna an der Stelle einiger Bürgerhäuſer das sogenannte rothe Schloß in Weimar und sie hat dasselbe bis zu ihrem 1592 erfolgten Tode bewohnt. **) Thüringen wurde in diesem Jahrzehnt von ansteckenden Krankheiten schwer heimgesucht . 1577 starben in Eisenach 2000 Menschen und 1578 mußte die Universität von Jena wegen einer daselbst graffirenden heftigen Krankheit nach Saalfeld
*) Gem. ernest. Archiv in Weimar. Nr. 12. 17.
Visitationsacten. Reg. I. i. Fol. 16a.
**) In dem Gebäude hat gegenwärtig das Großherzogliche Staatsministerium, Departement des Großherzogl. Hauſes und des Kultus ſeinen Siß. 21 Kronfeld , Landeskunde. I.
322
VI.
Die Herzöge aus dem ernestinischen Hause.
verlegt werden, woselbst sie vom 1. August 1578 bis 9. März 1579 verblieb. 1583 starb das Henneberger Grafengeschlecht mit dem gefürſteten Grafen Georg Ernſt aus und nun trat der durch Vertrag von 1555 bereits vorgesehene Erbschaftsfall für die ernestinische Linie ein. Wie wir schon hörten, war jedoch durch den Kaiser Maximilian II 1573 auch die albertinische Linie als miterbberechtigt declarirt worden, und zwar sollte dieselbe 5/12 des Besizes der Henneberger bekommen. Es ist nicht uninteressant zu erfahren , auf welche Weise sich jene Linie die Erbberechtigung erwarb . *)
Johann Wilhelm hatte sich nach
der Gefangennehmung seines Bruders Johann Friedrich des Mittleren 1572 den 9. Juli vom Kaiser die alleinige Erbnachfolge mit Ausschluß der Söhne Johann Friedrichs zusichern lassen und diese Zusicherung erhielt ihre Bestätigung in dem Lehnbriefe vom 26. Februar 1573. Nach seinem Tode wurden dem Kürfürsten August als Vormund auf das Vorwenden , seine Mündel bei den erlangten kaiserlichen Begnadigungen schüßen zu wollen, jene zwei kaiserlichen Originalurkunden ausgeantwortet. Dieselben wanderten also nach Dresden, wurden aber beseitigt ; an ihrer Stelle entstanden unter den nämlichen Daten zwei andere und diese wurden mit den von den echten Urkunden abgetrennten Siegeln behangen ;
aber :
waren dem verstorbenen Herzog nur
in den gefälschten Urkunden
12 der Erbschaft zugesprochen.
Auf Grund dieser beiden veränderten Documente gelang es ,
vom
Kaiser unter dem 27. September 1573 im Geheimen eine Expectanz über 5/12 von dieſem dereinstigen hennebergischen Antheil für die albertiniſche Linie auszuwirken. Bald nach dem Aussterben der Henneberger präsentirte Kursachsen seine kaiserliche Separatverschreibung, ließ sofort für sich und die unmündigen Prinzen von den hennebergischen Landen mit Ausnahme der dem Hause Heſſen zugefallenen Herrschaft Schmalkalden Besit ergreifen , die Huldigung vornehmen und ordnete auch die Lehnverhältnisse mit dem Stifte Würzburg, so wie die vollständige Auseinandersehung mit Hessen.
Infolge der
Ersteren brachte man das Amt Meiningen gegen eine Enschädigung von Würzburg wieder zurück an die hennebergischen Lande. Es wurde auch schon damals eine wirkliche Theilung des Landes beabsichtigt ; da aber der Kurfürst den 6. Januar 1586 mit Tode abging, so kam Die vorgegangene Betrügerei hinsichtlich
dieselbe nicht zu Stande.
*) Siehe Joh. Adolf v. Schultes (herzogl. S. Coburg - Saalfeldischer Geheimer Archivrath und Landesregierungsdirector) S. Coburg - Saalfeldische Landesgeschichte. Coburg 1818. Erste Abtheilung S. 99 u. ff.
Kurfürst August von Sachsen (1573–1586).
323
der Urkundenfälschung kam an den Tag, als Herzog Friedrich Wilhelm 1591 nach Kurfürst Chriſtians I Tode der Vormund von Auguſts Enkeln wurde. Bei der Inventur des geheimen Cabinets zu Dresden fanden sich die echten Urkunden durchschnitten vor; lichen Siegel waren davon abgenommen.
aber die kaiser=
Friedrich Wilhelm erhob
gegen die Theilnehmung des Kurhauses an der Erbschaft heftigen Widerspruch;
allein durch Vermittelung
des
Kurfürsten
Johann
Georg zu Brandenburg als Mitvormundes ließ er sich bewegen, diese delicate Sache bis zur Volljährigkeit des jungen Kurfürsten Christian II auf sich beruhen zu lassen und zwar dergestalt ,
daß es.
bei der bisher geführten gemeinschaftlichen Adminiſtration der hennebergischen Lande verbleiben und von den Einkünften derselben 5/12 dem Kurhause Sachsen, und verabfolgt werden sollten .
12 den Herzogen von Sachsen-Weimar Es blieb also bei der gemeinschaft-
lichen Regierung unter der Oberaufsicht eines Statthalters , der zu Schleusingen seinen Siz hatte. Als Vorbereitung für die später zu unternehmenden Schritte holte aber der Herzog von dem berühmten ingolstädtischen Juristen Dr. Andreas Fachineus und von der Juristenfacultät in Jena über die Angelegenheit rechtliche Gutachten ein, und diese sprachen sich zu seinen und seines Bruders Gunsten aus. Bevor die Sache jedoch geregelt wurde, starb Friedrich Wilhelm 1602 und bald nach ihm 1605 ſein Bruder Johann
mit Hinterlassung
unmündiger Erben, über welche nun wieder der früher vom Herzog bevormundete Kurfürft Christian II die Vormundschaft führte. Bei dieser Gelegenheit wanderten die hennebergischen Urkunden abermals nach Dresden ; das ernestinische Haus verlor die Beweise über den Fall aus den Händen und die Sache schlief ein , da die wirkliche Theilung erst 1660 erfolgte.
Herzog Friedrich Wilhelm I (1586-1602). Derselbe wird gerühmt als ein von der Natur mit sehr scharfem Verstande begabter Fürst.
Schon in seinem 12. Jahre kam er auf
die Universität zu Jena und dort wählte man ihn zum Rector magnificentissimus. 1582 besuchte der Herzog den Reichstag zu Augsburg, begab sich hierauf zu dem gefürsteten Grafen Georg Ernst von Henneberg nach Schleusingen, wo er mit der Schwester der Gemahlin des Grafen , Sophie , Tochter des Herzogs Christof des Frommen von Württemberg ein Eheverlöbniß abschloß , dem im Mai 1583, 21*
324
VI.
Die Herzöge aus dem ernestinischen Hause.
als er eben sein 21. Lebensjahr vollendet hatte , die Vermählung folgte.
Trog
seiner
nunmehrigen
Volljährigkeit
gelangte er aber
noch nicht zur Regierung , sondern der Kurfürst von Sachsen führte dieselbe noch weiter bis zu seinem Tode ( 11. Februar 1586 ). Nun erst trat Friedrich Wilhelm in ſein Recht ein, übernahm die Landesregierung und zugleich auf Veranstaltung seiner Mutter, der Herzogin Dorothea Susanna die Vormundschaft über seinen Bruder Johann kraft eines Vertrages vom 3. Januar 1587 auf so lange , bis JoDer hann sein zwanzigstes Lebensjahr vollendet haben würde. lettere reiste hierauf wieder an den kursächsischen Hof nach Dresden zurück, wo er sich schon seit einiger Zeit aufgehalten hatte. Nachdem die Vertragszeit zu Ende war , wurde das frühere Uebereinkommen auf Betrieb der Mutter beider Prinzen unter dem 21. Juni 1590 auf weitere sechs Jahre verlängert. Der Herzog Friedrich Wilhelm war bei dem Antritt seiner Regierung noch jung und unerfahren und gestattete sich so große Ausgaben, daß sein Haushalt dabei nicht bestehen konnte. Sein Aufwand auf Gebäude , Pferde , Spiel , kostbare Geräthschaften und andere der= gleichen Bedürfnisse der Ueppigkeit und des Luxus ging weit über seine Kräfte hinaus . Seine Kammer- und Küchenausgaben betrugen in einem Jahre 80 000 Gulden. Die Unterhaltung der Jagd war gleichfalls sehr
kostspielig
und
überdies
verschlangen veranstaltete
Gastmähler und Reisen sehr große Summen.
Zu allem Unglück war
die Verwaltung der fürstlichen Revenüen eine sehr treulose ; denn die jährlichen Einkünfte sollten 80 000 Gulden betragen, kamen aber in Wirklichkeit
nur
auf 30 000.
wurden die Einnahmen
Bei so
bewandten
Umständen
von den Ausgaben jährlich um 100 000
Gulden überstiegen und vom Antritt der Regierung Friedrich Wilhelms bis zum Sommer 1590 , also in 3½ Jahren waren die von dem Herzog verwirkten Schulden bereits auf 350 000 Gulden angewachsen. Jezt machten ihm seine drei Minister : Dietrich Vißthum v. Eckstedt , Schweipold v. Brandenstein und Marcus Gerstenberger schriftlich die dringendsten Vorstellungen , andere Wirthschaft einzuführen.
Der
Fürst
überzeugte sich , daß die Vorstellungen seiner
Räthe vollständig gegründet waren und schränkte von der Zeit an seinen Hofhalt ein. 1593 vermählte sich sein Bruder Johann mit Dorothea Marie , Tochter des Fürsten Joachim Ernst von Anhalt und forderte zur Bestreitung des neuen Hofhaltes die Einkünfte aus den Aemtern Altenburg , Eisenberg und Ronneburg, was ihm natürlich sofort bewilligt wurde, Bei dieser Gelegenheit übertrug der
Herzog Friedrich Wilhelm I (1586—1602).
325
älteren Bruder die Alleinregierung , von jest ab ge= rechnet , auf noch weitere sechs Jahre. Friedrich Wilhelm bean= spruchte jezt für seinen Theil auch nicht mehr , als die Einkünfte jener genannten drei Aemter betrugen. Auf diese Weise wurden bedeutende Ueberschüsse erzielt , durch welche nicht nur die vorher ge= jüngere dem
machten Schulden allmählich bezahlt, sondern sogar noch Mittel beschafft wurden , um mancherlei Erwerbungen von Ortschaften damit zu bestreiten, wie weiterhin mitgetheilt werden wird . Am 25. September 1591 war der Kurfürst von Sachsen, Christian I , noch nicht 31 Jahre alt , mit Tode abgegangen . Er hinterließ drei unmündige Söhne : Christian , Johann Georg und August, von denen der älteste erst 8 Jahre zählte. Herzog Friedrich Wilhelm erhielt die Vormundschaft über die unmündigen Söhne und die Regierung über das Land , bis der älteste Prinz sein 18. Jahr zurückgelegt haben würde. Bald nach Empfang der Todesnachricht brach deshalb der Herzog mit seinem Bruder Johann nach Dresden auf, nahm aber sodann als vormundschaftlicher Regent seinen WohnDer unfelige Streit sit auf dem Schlosse Hartenfels bei Torgau. zwischen Calvinisten und Lutheranern war immer noch nicht beseitigt und hatte gerade in Kursachsen wieder viel Unheil angerichtet. Während der Regierung Christians I hatte der Calvinismus sehr überhand genommen ; denn Einer der vornehmsten Beförderer deffelben war der kurfürstliche geheime Rath und Kanzler Nikolaus Frell. Er hob die Verpflichtung auf die Concordienformel auf, veranstaltete eine eigene Ausgabe der Bibel mit Anmerkungen im Sinne Calvins und schaffte mehrere lutherische Gebräuche ab , z . B. das Anzünden der Kerzen auf dem Altare bei Vertheilung des Abendmahles ; ferner den Exorcismus oder die Austreibung des Teufels bei der Taufe. Leider hielt auch Krell nicht Maß noch Ziel , sondern mit derselben Willkür , mit der man früher die Reformirten vertrieben hatte , entsezte er jeßt die strenglutherischen Geistlichen ihrer Stellen und besezte dieselben wieder mit heimlichen Calvinisten aus dem Anhaltischen und der Pfalz . Der Kurfürst schenkte seinem Kanzler ein so großes Zutrauen , daß er in Alles willigte, was dieser angab, und oft seinen Namen unter ein Schriftstück seßte, ohne dessen Inhalt zu kennen. In seinem Testamente verlangte aber der Kurfürst , daß die Vormünder (außer unserem Herzog noch der Kurfürst Johann Georg von Brandenburg) seine Söhne nach der unverfälschten augsburgischen Confession erziehen lassen sollten. Herzog Friedrich Wilhelm gehörte der strenglutherischen Richtung an und ließ deshalb nach
326
VI.
Die Herzöge aus dem ernestinischen Hause.
dem Antritt ſeiner vormundschaftlichen Regierung den Kanzler Krell verhaften und auf die Festung Königstein bringen , wo er dieselbe Gefängnißzelle angewiesen erhielt, in welcher ein früheres Opfer von ihm , der gewesene Oberhofprediger Dr. Mirus gesessen hatte.
Zehn
Jahre lang dauerte sein Proceß, endigte aber mit der Verurtheilung Krells zum Tode. Der Herzog ließ ihm kurz vor Uebergabe der Regierung an seinen Mündel das Todesurtheil verkündigen und die erste Regierungshandlung des neuen Kurfürsten Christian II bestand darin , daß er den ehemaligen Kanzler am 9. October 1601 hin= richten ließ. Man hat dem Herzog das harte Verfahren gegen den Kanzler zum bitteren Vorwurfe gemacht. Im Uebrigen war die vormundschaftliche Regierung für Kursachsen nur zum Segen ; denn Friedrich Wilhelm sorgte für das Wohl des Landes ganz mit dem = selben Eifer , mit dem er sich seines eigenen Landes annahm . Hier hatte er 1598 eine Polizei- und Landesordnung publiciren laſſen , für deren Vortrefflichkeit wohl der Umstand spricht , daß fie fast 200 Jahre lang geseßliche Kraft behielt.
Auch für das geistige Wohl
seiner Unterthanen war er besorgt und verfaßte selbst mehrere Bücher religiösen und gemeinnügigen Inhaltes , die er in einer auf seine Kosten angelegten Druckerei zu Torgau , welche später nach Weimar und dann nach Altenburg gebracht wurde , drucken ließ. Durch Erwerbung mehrerer Ortschaften vergrößerte Friedrich Wilhelm seine Befizungen. 1585 erwarb er von Curt Mülich das Dorf und Rittergut Hardisleben , wozu noch die Dörfer Teutleben und Eßleben
gehörten , für
31 707 Gulden.
1590
erkaufte er von
Georg Rudolf, Marschall zu Gutmannshausen, das Dorf Mannstedt für 7 500 Gulden ; 1591 von dem Grafen Bruno von Mansfeld das Amt Oldisleben ; in demselben Jahre von dem Grafen Karl von Gleichen den Tannrodaer Wald und die beiden Seen bei Kranichfeld für 25 000 Gulden ; im folgenden Jahre von dem= selben den See bei Hohenfelden und das Holz bei Tonndorf, gleichfalls für 25 000 Gulden. Der Kurfürst Wolfgang zu Mainz trat ihm 1592 das Recht ab , die beiden Aemter Tonndorf und Mühlberg , welche sein Vorfahr dem Stadtrathe zu Erfurt wiederkäuflich überlassen hatte, wieder einzulösen und 40 Jahre zu besigen . Der Kauf war schon vor zwei Jahren gekündigt ; der Herzog ließ in Erfurt den Kaufschilling zahlen ; aber die Erfurter weigerten sich unter allerlei Vorwänden , denselben anzunehmen. Daher ließ der Herzog beide Aemter mit Gewalt in Besit nehmen . 1597 erkaufte er von seinem Kanzler Dr. Marcus Gerstenberger die beiden Dörfer
w
ww
.
Herzog Friedrich Wilhelm I (1586-1602). Buchfahrt und Vollradisroda.
327
So großes Ansehen der Kanzler
bei Friedrich Wilhelm genoß , so wenig war dessen Bruder Johann Gerstenberger hatte sich viele Güter erworben, mit ihm zufrieden. z. B. die Pflege Schwerstedt, dann Drakendorf und andere und es scheint , als ob sich Friedrich Wilhelm in überschwänglicher Weise freigebig gegen denselben gezeigt hätte , was seinem Bruder mißfiel. Gerstenberger ging deshalb später nach Kursachsen und starb im Dienste des Kurfürsten Christian II als geheimer Rath 1613. Alz Erbherr von Drakendorf stiftete er 1600 den sogenannten Drakendorfschen (Biegesarschen) Freitisch für 12 arme Studirende auf der Universität Jena , zu welchem Zwecke er 4000 Gulden legirte, und hat sich damit ein bleibendes Denkmal gefeßt. Nachdem der Herzog Friedrich Wilhelm die Regierung Kursachsens im September 1601 an den Kurfürsten Christian II abge= geben hatte, kehrte er in sein Land zurück.
Zu Anfang des Jahres
1602 wurde er mit einem großen Theile seiner Dienerschaft von der Best befallen , welche damals in Deutschland graffirte.
Sein Leben
wurde zwar gerettet , aber seine Gesundheit war durch den heftigen Anfall sehr erschüttert. Von jest an nahm er seinen Aufenthalt viel auf dem Lande , namentlich in Ichtershausen und Reinhardsbrunn ,
starb
aber schon am
7. Juli 1602 im 41. Lebensjahre.
Einige Stunden vor seinem Tode ließ er seine Kinder zu sich kommen, ermahnte sie zur Tugend und Gottesfurcht und empfahl besonders seinem erst 5 Jahre zählenden ältesten Sohne Johann Philipp , den Anordnungen Gerstenbergers pünktlich nachzukommen, und diesen bat er, für seine Kinder so viel zu thun , als er für ihn selbst gethan habe. Der Herzog war zweimal vermählt gewesen . Seine erste Gemahlin Sophie starb 1590 zu Vacha auf einer Reise , die er mit ihr unternommen hatte.
1591 vermählte er sich mit Anna Marie,
der Tochter des Pfalzgrafen Friedrich Ludwig.
Beide Ehen waren
reich mit Kindern gesegnet ; aus der ersten gingen 2 Söhne und 3 Töchter , aus der zweiten 4 Söhne und 2 Töchter hervor ; davon wurde der jüngste Sohn erst 7 Monate nach dem Tode des Herzogs geboren.
Aus erster Ehe überlebten ihn nur zwei Töchter : Dorothea
Sophie und Anna Marie ; jene wurde später Aebtiſſin zu Quedlinburg und diese lebte 10 Jahre am Hofe zu Dresden , wo sie auch starb. Von den vier Söhnen wird weiter unten geredet werden ; die beiden Töchter aus der zweiten Ehe wurden später vermählt und zwar die eine an den Herzog Karl Friedrich zu Münsterberg , die andere an den Herzog Albrecht zu Sachsen- Eisenach.
328
VI.
Die Herzöge aus dem ernestinischen Hause.
Die Söhne und Enkel Friedrich Wilhelms (1603 — 1672) . Wir kommen nun wieder an ein unerquickliches Capitel, an das der immer öfter vorgenommenen Landestheilungen . Durch die Theilung von 1572 waren die ernestinischen Lande bereits in den weimarischen und coburgischen Theil geschieden worden ; jezt wurde der weimarische wieder getrennt in den weimarischen und alten = burgischen. Die Theilung geschah im November 1603. Herzog Johann überkam den weimarischen Theil mit den wenigen Aemtern : Weimar, Jena, Burgau, Kapellendorf, Ringleben, Ichtershausen , Wachsenburg , Reinhardsbrunn , Georgenthal , Schwarzwald, Königsberg in Franken , Oldisleben und Allstedt zur Hälfte. Söhne Friedrich Wilhelms
Die
erhielten den altenburgischen
Theil, nämlich die Aemter : Altenburg, Ronneburg, Eisenberg, Dornburg , Camburg , Heusdorf , Roßla (Niederroßla) , Bürgel , Roda, Leuchtenburg-Orlamünda , Saalfeld , Zella , Hardisleben und Allstedt zur Hälfte. Johann schlug seinen Wohnsiz in Weimar auf; die Wittwe Friedrich Wilhelms dagegen siedelte mit ihren Kindern nach Altenburg über (nach 3 Jahren bezog sie ihren Wittwensih Dornburg, wo sie 1643 starb) und so entstand eine Nebenlinie der weimarischen, die altenburgische , welche aber eben so wenig wie die vorher abgezweigte coburgische Linie von langer Dauer war , denn sie starb 1672 wieder aus . Ueber die vier Söhne : Johann Philipp (geb. 1597) , Friedrich (geb. 1599) , Johann Wilhelm (geb. 1600 ) und Friedrich Wilhelm (geb. 1603) führte zuerst der Kurfürst Christian II und nach dessen 1611
erfolgtem plöglichen Tode der
Bruder desselben, Kurfürst Johann Georg I bis 1618 die Vormundschaft.
Ein eigenthümlicher Streit entspann sich zwischen den nun-
mehrigen beiden weimarischen Linien, der sogenannte Präcedenzstreit, welcher Linie nämlich vor der anderen der Vorrang gebühre. Für die altenburger wurde seitens der Vormundschaft geltend gemacht, daß deren Stifter Friedrich Wilhelm der erstgeborene Sohn Johann Wilhelms gewesen sei ; Herzog Johann von Weimar meinte dagegen, hier käme das persönliche Alter in Frage und er könne unmöglich den Söhnen seines Bruders nachstehen.
Der Rangstreit wurde vom
Kaiser Rudolf II im Jahre 1607 , also nach Herzog Johanns Tode zu Gunsten der altenburgischen Linie entschieden ; aber Johanns Wittwe beruhigte sich dabei noch nicht und der Streit hat eigentlich gedauert bis die altenburgische Linie erlosch. Als Curiosum , wie weit die
Die Söhne und Enkel Friedrich Wilhelms (1603-1672) .
329
Eifersüchtelei in diesem Punkte getrieben wurde , sei angeführt , daß im Jahre 1633 bei Ueberweisung des vißthumschen Gutes Apolda und der gleichischen Herrschaft Remda an die Universität Jena der Dotationsbrief in zwei gesonderten Exemplaren ausgefertigt wurde, von denen die altenburgischen Herzöge Johann Philipp und Friedrich Wihelm das eine , und die weimarischen : Wilhelm , Albrecht , Ernst und Bernhard das andere unterschrieben , weil nach dem kaiserlichen Entscheide von 1607 die Unterschrift der weimarischen, der der altenburgischen Herzöge hätte nachstehen müſſen. *) - Ein anderer, wichtigerer Streit, welcher zugleich alle Fürsten des erneftiniſchen Hauſes anging, war der um die Jülich- Clevesche Erbschaft. Es wurde schon früher dargethan , daß den Ernestinern die Erbnachfolge in den Jülichschen Landen vom Kaiser zugesichert worden war , daß aber Kaiser Karl V dem Herzog Wilhelm von Cleve , der sich mit einer Tochter König Ferdinands I vermählte, der früheren kaiserlichen Zufage entgegen die Befugniß ertheilte , seine sämmtlichen Länder auch auf seine Töchter und deren männliche Leibeserben zu bringen.
1609
starb Johann Wilhelm , der lezte Herzog jenes Geschlechtes ohne Erben und sofort nahmen der Kurfürst von Brandenburg , Johann Sigismund , und der Pfalzgraf Philipp Ludwig als nächste Seitenverwandte des Herzogs von dessen Ländern Besit.
Kaiser Rudolf II
erklärte zwar im Juni 1610 die brandenburgisch- pfälzische Besitzergreifung für ungültig und ertheilte dem sächsischen Hause über die erledigten Länder des leßten Herzogs von Cleve feierlich die Lehen ; aber mehr als Titel und Wappen dieser Länder ist den ernestinischen Fürsten aus jener Erbschaft nicht geworden. Jene blieben ruhig im Besiz. Mit der Regierung ihres kleinen Ländchens, das Johann Philipp 1622 durch die Erwerbung der Herrschaft Gräfenthal vergrößerte, für welche er dem Grafen Maximilian v. Pappenheim die Summe von 102 088 Gülden zahlen mußte, hielten es die altenburgischen Herzöge ganz so , wie es in dem erneſtiniſchen Hauſe ſchon mehrmals approbirt worden war, indem die jüngeren Brüder dem älteren die Regierung allein überließen. Es war inzwischen der 30jährige Krieg ausgebrochen , an welchem sich drei der Brüder rühmlichst betheiligten. Friedrich trat erst in kursächsische Kriegsdienste, ging dann zum Herzog Christian von Braunschweig über , wurde 1623 bei StadtLoo im Stifte Münster verwundet und gefangen genommen. Man
*) Beide Originale im Hauptarchiv der Gesammt-Universität zu Jena.
330
VI. Die Herzöge aus dem ernestinischen Hause.
brachte ihn als Gefangenen nach Neustadt in Steiermark ; aber auf Verwendung des Kurfürsten Johann Georg I kam er 1624 wieder frei . Troßdem trat er wieder zu des Kaisers Feinde über , zu dem Könige Christian IV von Dänemark, und wurde in dem Treffen bei Salsen, unweit Hannover als dänischer Oberst getödtet. Auch Johann Wilhelm, der seinen jüngeren Bruder Friedrich Wilhelm II (Herzog Friedrich Wilhelm von Weimar wird als Stammvater der alten= burgischen Linie der Erste genannt) auf seiner Reise durch Italien, Frankreich, Holland und England begleitet hatte , zeichnete sich im Kriege aus. Als kursächsischer Oberster eines Reiterregiments kämpfte er mit seinem Bruder Friedrich Wilhelm muthig in der Schlacht bei Breitenfeld (7. September 1631 ) , wohnte der Eroberung Prags durch die Sachsen mit bei (1. November) , säuberte das Voigtland und die Lausitz von den Kroaten , starb aber bald darauf im Feldlager vor Brieg (2. December 1632) an einem hißigen Fieber. Johann Philipp starb 1639 ohne männliche Erben ; daher übernahm Friedrich Wilhelm II die Regierung. 1638 war Johann Ernst , der zweite Sohn Johann Friedrichs des Mittleren in Eisenach, ohne Leibeserben zu hinterlassen, gestorben, und somit fielen die coburgischen, gothaischen und eisenachischen Lande an die beiden ernestinischen Fürstenhäuſer. Man regierte dieselben bis 1640 gemeinschaftlich.
Durch den Erb-
theilungsvertrag erhielt Friedrich Wilhelm II von den 3 Theilen durch das Loos den coburgischen Antheil und dadurch wurden seine Befizungen wesentlich vermehrt. 1660 kamen durch die Theilung der Hennebergischen Erbschaft noch 5 □ M hinzu, so daß das Land einen nicht unbedeutenden Umfang erhielt. Friedrich Wilhelm II starb 1669 . Sein Sohn Friedrich Wilhelm III war erst 12 Jahre alt ; deshalb übernahmen der Kurfürst Johann Georg II und Herzog Moriß von Naumburg-Zeit, Brüder seiner Mutter, die Regierung des Landes. 1672 starb der Prinz im 15. Lebensjahre an den Blattern, und mit ihm erlosch die altenburgische Nebenlinie des weimarischen Hauses .
Safe Herzog Johann ( 1603–1605). Herzog Johann (geb. 1570 ), der zweite Sohn Johann Wilhelms und also Enkel Johann Friedrichs des Großmüthigen, zählte bei dem Tode seines༠༢Vaters erst 3 Jahre. Seine Mutter , die Herzogin Dorothea Susanna erkannte die Sorge für Erziehung und Unterricht des Prinzen als eine ihrer wichtigsten Pflichten und handelte auch
331
Herzog Johann (1603-1605). dem entsprechend .
Zuerst wurde der Prinz in Weimar gründlich
unterrichtet , dann mußte ihn sein Lehrer mit dem Hofmeister 1584 an den Hof nach Dresden begleiten , von wo er erst 1588 nach Weimar wieder zurückkehrte.
Die weitere Ausbildung wurde durch
eine Reise nach der Schweiz und Italien vermittelt.
Der ältere
Bruder Friedrich Wilhelm führte inzwischen die Regierung allein fort. Als sich Johann 1593 mit der vortrefflichen Prinzessin Dorothea Maria von Anhalt-Köthen vermählte , nahm er seinen Wohnfiß in Altenburg und führte hier das glücklichste Familienleben ,
eifrigst
bemüht für das Gedeihen seiner Kinder, auf deren Erziehung er ganz besondere Sorgfalt verwendete. Der Herzog wohnte den Unterrichtsstunden öfters selbst bei, ließ die Kinder jährlich zweimal in Gegen= wart seiner Räthe nach ihren Kenntniſſen prüfen und suchte ihren Fleiß durch Geschenke aufzumuntern, welche er ihnen nach bestandener Prüfung selbst austheilte. Ueberhaupt zeichnete sich der Herzog durch ein sanftes Gemüth und liebenswürdige Eigenschaften aus. Religionsübungen gehörten unter seine liebsten Beschäftigungen ; darum sorgte er auch , als er nach dem Tode seines Bruders die Regierung übernehmen mußte, für gute Lehrer in Kirchen und Schulen. Als der Herzog Friedrich Wilhelm gestorben war , verlegte Johann seinen Wohnsiz nach Weimar. Die Landestheilung von 1603 überlebte er nur zwei Jahre, denn schon am 31. Dctober 1605 wurde er im 36. Lebensjahre durch den Tod abgerufen.
Seine zwölfjährige Ehe war
mit Kindern sehr gesegnet , denn es waren aus derselben 11 Söhne und 1 Tochter hervorgegangen ; die lettere , Johanna , wurde am 14. April 1606 , also 5 % Monat nach dem Ableben des Herzogs geboren.
Von den
Söhnen
überlebten ihn :
1 ) Johann Ernst
(geb. 1594) ; 2 ) Friedrich ( geb. 1596) ; 3) Wilhelm (geb. 1598) ; 4) Albrecht (geb. 1599) ; 6) Ernst (geb.
1601 ) ;
5) Johann Friedrich (geb. 1600) ;
7) Friedrich Wilhelm
(geb.
1603 ) ;
8) Bernhard (geb. 1604) . Von den Genannten haben sich mehrere als Heerführer ganz besonders ausgezeichnet.
Die vormundschaftliche Regierung ( 1605-1615). Keiner der vorhin
aufgeführten acht Söhne des
verstorbenen
Herzogs Johann von Weimar hatte bei dem Tode des Vaters das Mündigkeitsalter erlangt ; daher mußte wieder eine vormundschaftliche ·Regierung eingerichtet werden. Wie über die altenburgischen, so über-
332
VI.
Die Herzöge aus dem erneſtinischen Hauſe.
nahm der Kurfürft von Sachsen, Chriſtian II jezt auch die Vormundschaft über die weimarischen Prinzen und sein Bruder Johann Georg I führte dieselbe dann weiter.
Die Erziehung der Söhne übernahm
aber die Herzogin Maria Dorothea selbst , und ihre dabei bewiesene Einsicht und Vorsorge gereicht derselben zur
größten Ehre.
Die
beiden ältesten Prinzen hatten an dem berühmten Hortleder , einent der größten Staatskundigen seiner Zeit, einen einsichtsvollen Lehrer, der ihnen eine genaue Kenntniß von der Verfassung des deutschen Unter Reiches und ihres speciellen Landes beizubringen verstand . seiner Anleitung studirten sie von 1608-1614 in Jena.
Johann
Ernst wurde Rector magnificentissimus und bekleidete diese Würde, so lange er in Jena war. Nicht minder war die Herzogin auch für die Ausbildung ihrer jüngeren Kinder besorgt. eine neue Unterrichtsmethode ,
Um diese Zeit machte
welche Wolfgang Katich (geb. 1571
im Holsteinischen , gest. 1635 zu Erfurt) aufgebracht hatte , viel von fich reden.
Die Herzogin berief ihn 1613 nach Weimar ,
damit er
seine Lehrart zum Besten ihrer Söhne und zum Wohle des Landes anwende .
Auf seine Vorschläge wurde auch wirklich zur Ausbildung
der Jugend im Weimariſchen sehr viel gethan ; aber theils die unterlassene Errichtung eines Lehrerseminars zur Pflege der neuen Lehrart, theils die bald darauf hereinbrechenden Drangſale des dreißigjährigen Krieges hinderten die Verallgemeinerung` jener beſſeren Unterrichtsweiſe. Den größten Einfluß auf die fürstlichen Kinder übte die Herzogin selbst aus , denn sie wußte ihnen bei ihrem klaren Verstande, frommen Sinne und Wandel eine heilige Begeisterung für alles Gute und Rechte und warme Liebe zur Religion und zum Vaterlande einzuflößen ; daher denn auch mehrere der Söhne mit jugendlichem Feuer später das Schwert ergriffen ,
als durch die Machinationen der Jesuiten
jener unselige dreißigjährige Krieg zur Unterdrückung des Protestantismus heraufbeschworen wurde. Daß die vormundschaftliche Regierung in Behauptung der Rechte der Ernestiner bei der Jülich- Cleveschen Erbschaft 1609 nicht glücklich war, wurde bereits berichtet. Dagegen hatte der Kurfürst Christian II im Jahre 1607 für die weimariſchen Prinzen von den Herren Caspar Wilhelm und Wolf Eberhard von Wizleben die andere Hälfte von dem Rittergute zu Berka a . J. für 30 000 Gülden erworben , nachdem der Herzog Johann schon 1605 von denselben eine Hälfte für 34 400 Gülden an sich gebracht hatte. Es wurde daraus ein Justizamt gebildet.
1610 ließ der Kurfürst eine Visitation der hohen Schule,
des Hofgerichtes und des Schöppenstuhles zu Jena vornehmen.
Sein
Die vormundschaftliche Regierung (1605-1615).
333
Nachfolger, Kurfürst Johann Georg I hob 1612 das für die altenburgische und weimariſche Linie gemeinschaftlich gebliebene Confiftorium zu Jena auf und errichtete dafür ein besonderes Consistorium zu Altenburg und ein anderes zu Weimar. Während der vormundschaftlichen Regierung betrafen zwei harte Unglücksfälle das weimarische Land ; der eine war 1607 die Pest, der andere eine schreckliche Wasserfluth, welche unter dem Namen der thüringischen Sündfluth bekannt ist. Der Winter von 1612 zu 1613 war äußerst gelind gewesen, hatte nur wenig Schnee gebracht und schon nach Neujahr wehte die Luft so warm , daß im Januar an vielen Orten der Raps und die Obstbäume in voller Blüthe standen. Auch die nächstfolgenden Monate verhießen ein äußerst fruchtbares Jahr. Da ereignete sich zu Ende des Monats Mai 1613 jenes verheerende Unglück , über welches
uns ein Zeitgenosse und
Augenzeuge , der Oberhofprediger und spätere Generalsuperintendent Dr. Abraham Lange Folgendes berichtet : Am 29. Mai , Sonnabend vor Trinitatis 1613 thürmten sich bald nach der Mittagsstunde an allen Orten des Himmels Wetterwolken auf , bis endlich der ganze Himmel davon eingenommen war. Ein Gewölk wälzte sich über das andere her und zulezt standen die Gewitter gegen einander über , gleichsam als große Heere , die auf Nach 4 Uhr begann ein unaufhörliches einander treffen wollen. Donnern, doch ohne harte Schläge ; nach 5 Uhr erhob sich in den Wolken ein beängstigendes Brausen, der Vorbote des Hagels. Jezt öffneten sich die Schleusen des Himmels zu einem gewaltigen Regen, In der Flur zu Weimar untermischt mit großen Hagelförnern. richtete der Hagel weniger Schaden an , denn er fiel nicht so dicht und auch nicht in so großen Eisstücken, wie anderwärts, wo derselbe in der Größe von Hühnereiern niederpraſſelte , alle Feldfrüchte verdie Schindeln auf den Dächern durchschlug und sogar das Vieh in den Ställen tödtete. Am schlimmsten wurden vom Hagel betroffen die Ortschaften : Ballstedt , Ottmannshausen , Gaberndorf, nichtete ,
Daasdorf, Tröbsdorf, Ulla, Nohra, Oberniſſa, Troiſtedt, Schoppendorf, Legefeld, Grunstedt, Berka, Klettbach, Tonndorf, Magdala, Döbritschen, Synderstedt, Großschwabhausen, Kapellendorf, Frankendorf, Hohlstedt, Kötschau 2c. Bei dem Hagel ist es aber nicht geblieben, sondern es sind von Abends 6 bis zum nächsten Morgen früh um 3 Uhr so grelle Blize mit furchtbaren Donnerschlägen auf einander gefolgt, dazu hat sich während dieser neun Stunden ein so heftiger Plazregen ergossen, daß man nicht anders gemeint hat , das Ungewitter werde
334
VI.
Die Herzöge aus dem ernestinischen Hause.
der Welt den Garaus machen und es sei die lezte Stunde gekommen. Die Lusterschütterung von den noch nie in dieser Heftigkeit gehörten Donnerschlägen war so stark, daß davon am Schloßgraben zu Weimar zwei Häuser einstürzten. Bald wälzten sich gewaltige Waffermaſſen nicht allein in der Flm , sondern in allen Gräben und Wegen auf die Stadt zu und das Wasser strömte zu dem Erfurter Thore so hoch herein , daß Niemand weder zu Fuß noch zu Roß aus- oder einkommen konnte. Alle Straßen waren überfluthet ; das Wasser drang in die Keller und unteren Stockwerke der tiefer gelegenen Häuſer ein und hatte selbst da, wie der Chroniſt erzählt, noch nicht Ruhe, sondern 3. B. in den herrschaftlichen Kellern im Schlosse wurden die größten Fässer mit den Lagern umgestürzt . Die wilden Wassermassen führten Zimmerholz, Mühlwellen und starke Bäume mit sich und schleuderten dieselben mit solcher Gewalt gegen die Häuser, daß viele davon einstürzten und mit allen Juwohnern in den Fluthen begruben. Ilm stieg zu einer gewaltigen Höhe , so
Die
daß das Wasser über das
Regelthor wegging ; dazu strömten aus den wilden Gräben große Wassermassen auf die Stadt ein, daß dieselben am Frauenthore häufig durch die Schießlöcher hereinstürzten , und hätten die Stadtmauern dem Drucke nachgegeben , so wäre es gewiß um den größten Theil der Stadt geschehen gewesen. Zum Glück nahmen die Fluthen ihren Weg größtentheils um die Stadt herum.
Das Schrecklichste bei dem
Unglücke war , daß dasselbe seine größte Heftigkeit zur Nachtzeit entwickelte , so daß Niemand dem Andern zu Hülfe kommen konnte. Erst bei Tagesanbruch konnte man sich einigermaßen einen Ueber= blick verschaffen , wie schrecklich das Wetter gehaust hatte.
Die Wiesen
waren größtentheils verschlämmt ; in den Obſtgärten waren die Bäume ausgerissen und die Felder waren verwüstet und theilweis von trag barem Boden so entblößt, daß sie Steinbrüchen ähnlich sahen. Groß war besonders der Schaden , den das Waſſer an den Gebäuden angerichtet hatte. mit weggeführt ;
In Weimar waren 44 Wohnhäuser eingestürzt und in den Ilmdörfern und auch in Ortschaften an
ganz unbedeutenden Bächen waren die Gebäude zum Theil sehr hart mitgenommen worden , denn man zählte in den weimarischen Ortschaften zusammen 408 Wohnhäuser, Scheunen und Ställe also ausgeschlossen, welche gänzlich eingestürzt und weggeführt waren ; daneben war aber eine bedeutend größere Zahl so arg beschädigt , daß sie nicht mehr reparaturfähig waren , sondern abgebrochen werden mußten. 192 Menschen hatten ihr Leben eingebüßt ; davon kamen auf die Stadt Weimar allein 65. Das Wasser war fast aller Orten mit
Die vormundschaftliche Regierung (1605-1615).
335
großer Gewalt und in solcher Menge eingebrochen , daß aus den Ställen das Vieh nicht hatte entfernt werden können. Die angestellte Ermittelung ergab , daß 2050 Stück Vieh ertrunken waren.
Hören
wir zum Schluß noch die eigenen Worte des Berichterstatters : „ Der fürstlichen Herrschaft ist das schlammige Waſſer nicht allein in die Keller , sondern auch in die Gewölbe , bis ans Brod- und Briefgewölbe gangen ; wie es darinnen hausgehalten, ist leicht zu erachten, Unterm Schloß hat es alle Brücken und Stege und etliche hundert Klaftern Holz, desgleichen die Badstube, Schlacht- , Waſch- und Fiſchhaus , Schneidemühle und was im Baumgarten von Gebäuden gestanden,
benebst dem zugelegten Reithause hinweggeführet und ist
mehr nicht als das Pulverhaus , das alte hölzerne Schießhaus und das Brauhaus stehend blieben .
Es hat auch dies schädliche Gewässer
allhier zu Weimar viel Viehes ertränkt ; in der Herrschaft Vorwerk vorm Regelthor (da , wo jest der Marstall steht) 20 Leib- und andere Kutschpferde , 27 melkende Kühe , 8 Kalben , 12 Absaßkälber, 6 Mastochsen, 15 Ziegen, 8 Läufer, 2 Fehrmütter, 1 Eber, 6 Spanferkel, 2 Schock Gänse, ohne Hühner, Enten und anderes . Hierüber find den Bürgern umkommen : 5 Pferde , 37 Stück Rindvieh , jung und alt, und 4 Biegen. " - Was in den einzelnen Ortschaften für Unheil angerichtet wurde , wird bei der Beschreibung derselben die nöthige Erwähnung finden.
Bemerkt sei nur noch , daß über die
Höhe des damaligen Waſſerſtandes heute noch ein Gedenkstrich an der Burgmühle neben der Regelbrücke in Weimar den nöthigen Nachweis liefert. Demselben zufolge reichte das Wasser fast bis zum Dache des genannten Gebäudes . Aber nicht bloß auf das weimarische Land erstreckte sich das Unwetter ; auch Gotha , Langensalza und viele andere Orte wurden schwer heimgesucht.
Von der Saale bis zum Harz dehnte sich das
verhängnißvolle Gewitter aus . Noch heute erinnert die Gedächtnißfeier, welche an vielen der damals betroffenen Orte am 1. Sonntag nach Trinitatis im
Nachmittagsgottesdienste abgehalten wird , an
jene erschreckliche Wasserfluth. Im folgenden Jahre , also 1614 fand vom 24. März bis 4 . April eine Versammlung der sächsischen , brandenburgiſchen und hessischen Fürsten in Naumburg statt , um die früher abgeschlossene, zu verschiedenen Zeiten schon erneuerte Erbverbrüderung abermals zu erneuern.
Nicht weniger als 22 Fürsten aus dieſen drei Häuſern
waren erschienen mit einem so ansehnlichen Gefolge, daß im Ganzen 1584 Personen mit 2556 Pferden in Naumburg untergebracht
336
VI.
werden mußten.
Die Herzöge aus dem ernestinischen Hause. Es war die lehte Erbverbrüderung der genannten
Fürstenhäuser.
Herzog Johann Gruft I ( 1615–1620 . † 1626) .
Am 30. October
1615 übernahm
Johann
Ernst , der älteste
von den Söhnen Johanns die Regierung des Landes und zugleich die Vormundschaft über seine jüngeren Brüder. Troß seines jugendlichen Alters kam Johann Ernst beiden übernommenen Verpflich= tungen mit großer Einsicht nach. Im Juli des Jahres 1617 starb die Herzogin Dorothea Marie , die Mutter der acht Brüder. Als sie am 30. Juni 1617 von einem Spazierritte nach Weimar zurückfehrte ,
wurde sie
von
einem
armen
Manne um
ein Almosen angesprochen. Der Bettler war wahrscheinlich ganz plößlich hervorgetreten , das Pferd der Herzogin wurde scheu , stürzte in die Flm und sie schwamm mit demselben wohl 50 Schritte weit fort , ehe fie an das Land gezogen werden konnte. Schrecken und Erkältung
hatten ihre Gesundheit so angegriffen , daß sie nach wenigen Tagen starb. Kurz vor ihrem Ende kehrten zwei ihrer Söhne , Friedrich und Wilhelm von einer Reise durch Deutschland und die Niederlande zurück. Die Mittheilung von der unvermutheten Rückkehr ihrer Söhne , über deren langes Außenbleiben sie sich schon regte ihre Lebensgeister auf wenige Stunden Herzog Johann Ernst stand in dem Zimmer seiner Fenster und wollte die eben über die hintere Zugbrücke Brüder bewillkommnen ; da stürzte das eine von den hatte,
abgeängstigt wieder auf. Mutter am einfahrenden
drei neben einander gespannten Pferden , weil vergessen worden war , an der Seite der Brücke beim Niederlassen derselben den Schlagbaum vorzulegen, in den Schloßgraben hinunter . Ketten, Stränge und Riemen zerrissen von der Wucht des hinabfallenden Pferdes ; die Prinzen kamen aber mit dem Schrecken davon und wohlbehalten im Schloſſe an, nichts ahnend von dem Zustande ihrer innigst geliebten Mutter, welche mit Aufbietung ihrer legten Kräfte die beiden Söhne bei ihrem Eintritte bewillkommnete. Mit schon gebrochener Stimme redet sie ihren zweitgeborenen Sohn Friedrich an : „Wenn Friß sich fürstlich hält, so wird er wohl bleiben “ ; und zu dem dabei ſtehenden "!Wilhelm wird's auch wohl machen ." Wilhelm gewendet spricht sie : Es waren ihre leßten Worte ; vier Stunden darauf war ihre Seele entflohen leuchtendes
(18. Juli
1617) .
Vorbild für
das
Sie ist in allem ihrem Thun
ein
weimarische Fürstengeschlecht , deren
Herzog Johann Ernſt I ( 1615–1620.
Stammmutter sie ist .
337
† 1626).
Welch edler Sinn die hohe Frau beseelte, davon
zeugte nach ihrem Tode noch das hinterlassene Testament. Für die Armen , für Kirchen und Schulen hatte sie in demselben durch reiche Legate gesorgt. Am meisten war von ihr die Universität zu Jena bedacht worden , zu deren sicherer Fundirung fie 20 000 Gulden aus ihren Mitteln legirte. Bei der Beerdigung der hochherzigen Frau waren viele fürstliche Personen auf einige Zeit in Weimar anwesend und dieſe Gelegenheit benußte der Hofmeister Caspar v. Teutleben, um zur Gründung einer Gesellschaft anzuregen , welche sich zur Pflicht mache , vaterländische Sitte zu
wahren ,
namentlich die Muttersprache
im
Reden und
Schreiben von der Beimischung fremdsprachlicher Wörter zu säubern und sie zu ihrer ursprünglichen Reinheit zurückzuführen. Die Ge= sellschaft trat am 24. August 1617 in Weimar unter dem Namen der fruchtbringenden oder des Palmenordens zusammen . Das hundertjährige Jubelfest der Reformation wurde sowohl in den turfürstlichen als auch in den herzoglich sächsischen Landen vom 31. October 1617 ab drei ganze Tage in feierlichster Weise begangen; es fand an jedem derselben Vor- und Nachmittag Gottesdienst statt.
Herzog
Johann
Ernst , durch das freudige Ereigniß
veranlaßt , sette in Gemeinschaft mit seinen Brüdern die Summe von 3000 Gulden aus , deren jährlicher Zinsabwurf den Kirchen und Schulen und den Armen zu gute gehen sollte. Am 2. August 1618 brannte durch Verwahrlosung eines vorgeblichen Goldmachers das halbe Schloß sammt der Schloßkirche in Weimar nieder und dabei gingen äußerst werthvolle Gegenstände mit zu Grunde. Man taxirte den erlittenen Schaden auf etliche Tonnen Goldes . Der Wiederaufbau der Schloßkirche begann 1620 ; aber erst nach 10 Jahren war derselbe so weit gediehen , daß deren Einweihung vorgenommen werden konnte. Im August des Jahres 1619 starb einer der acht fürstlichen Brüder, Friedrich Wilhelm, zu Georgenthal im 17. Lebensjahre. Gegen Ende dieses Jahres errichteten die Brüder einen Vertrag , nach welchem Johann Ernst die Regierung noch sieben Jahre lang im Namen der übrigen zugleich mit führen sollte. Ihm , als dem eigentlichen Regenten wurden jährlich 12 000 Gulden, den sämmtlichen übrigen Brüdern dagegen zuſammen nur 32 500 Gulden aus den Staatseinkünften als Unterhalt ausgeseßt. Das Uebereinkommen war nicht von langer Dauer ; denn be= reits war der verderbliche Krieg ausgebrochen , an welchem sich die meisten der Brüder betheiligten und dabei zum Theil sogar eine 22 Kronfeld, Landeskunde. 1.
338
VI.
Die Herzöge aus dem ernestinischen Hause.
hervorragende Rolle spielten.
1618 erregte der Graf Matthias von
Thurn zu Prag einen Aufstand , verjagte die kaiserlichen Käthe und vertrieb die Jesuiten. Einige protestantische Reichsstände schickten den Böhmen unter dem Grafen Ernst von Mansfeld Hülfe zu. Während der Zeit starb der Kaiser Matthias 1619. folger Ferdinand II sprachen
die
Böhmen
Seinem Nach-
ihre Königskrone im
August des genannten Jahres feierlich ab und wählten den Kurfürsten Friedrich V von der Pfalz zu ihrem Könige.
Das waren
die ersten Vorgänge in dem verhängnißvollen Drama, das 30 Jahre lang die Gemüther in steter Aufregung erhielt , mehreren Millionen Menschen das Leben kostete, Deutschland fast zur Einöde machte und das ehemals so mächtige deutsche Reich bis zur Ohumacht herunterdrückte, so daß sich die benachbarten Staaten ungestraft selbst in die inneren Angelegenheiten des Landes mit einmischen durften .
Die Betheiligung der Herzöge von Weimar am dreißigjährigen Kriege.
Regierungszeit der Brüder : Ernst , Wilhelm und Albrecht (1621—1640) .
Bald nachdem Friedrich von der Pfalz die böhmische Königsfrone angenommen hatte, veranstalteten die Mitglieder der protestan= tischen Union im November 1619 eine Zusammenkunft in Nürnberg, zu welcher sich auch drei weimarische Herzöge : Johann Ernst , Friedrich und Wilhelm begaben. schiedenen Fürsten und
Vorher hatten sie sich bei ver-
auch bei den Universitäten zu Jena und
Wittenberg Raths erholt, wie sie sich in gegenwärtiger Sachlage als protestantische Fürsten zu verhalten hätten, ein Schritt, den man bei ihrer Jugend nur billigen kann.
Alle Rathgeber hatten überein-
stimmend geäußert , den Böhmen müsse Beistand geleistet werden. Johann Ernst wurde von dem neuen Böhmenkönige zum Obristen ernannt , warb im Westphälischen und Braunschweigischen ein Regiment und suchte dasselbe in seinem Lande zu vervollständigen.
So =
wohl der Kaiser als auch der Kurfürst von Sachsen ermahnten den Herzog schriftlich , von seinem Vorhaben abzustehen ; aber vergebens . Er ordnete die Regierung seines Landes, verpfändete im Juni 1620 , um den vielen Aufwand zu decken , den ihm die Werbung seines Regimentes gekostet hatte, die Oberherrschaft Kranichfeld für 83 000 Gulden an den Grafen von Schwarzburg-Rudolstadt und brach dann in Begleitung seiner Brüder Friedrich und Wilhelm mit seinen
Die Brüder Ernst, Wilhelm und Albrecht (1621-1640).
Truppen nach Böhmen
auf.
339
Die Schlacht am weißen Berge bei
Prag (8. November 1620) fiel unglücklich aus.
Das böhmische Heer
flieht; Johann Ernst hält aber mit seinem Regimente Stand , ſucht die neben ihm stehenden Ungarn von der Flucht zurückzuhalten und ruft dem Obersten der Ungarn zu : „Fliehet nicht ! " „ Die Deutschen laufen ja auch !" " entgegnet ihm der Ungar. Ernst ,
stehet nur ! " wiesen.
„ Gut “ , sagt Johann
„ so will ich heute kein Deutscher , sondern ein Ungar ſein ; Auch der Herzog Wilhelm hatte große Tapferkeit be=
Eine Stückugel riß
ihm
den Helm vom Kopfe und ein
Pistolenschuß traf seinen Panzer ; so unerschrocken hatte er sich dem feindlichen Feuer ausgefeßt .
Der Muth und die Anstrengung einzelner
Führer konnte aber doch den Sieg der Kaiserlichen nicht aufhalten. Der neue König, durch sein wenig taktvolles Benehmen bei den Böhmen schon nicht mehr beliebt, war der Schlacht fern geblieben und benutte eine vereinbarte achtstündige Waffenruhe zur Flucht.
Bis Breslau
begleitete ihn Johann Ernst, dann ging der Herzog nach Wolfenbüttel, woselbst er sich längere Zeit aufhielt.
Die Universität zu Jena sprach
dem Herzog unter dem 20. December 1620 ihre Freude darüber aus, daß er aus der Schlacht bei Prag glücklich davon gekommen sei und bat ihn, wieder in sein Land zurück zu kehren. *)
Johann Ernst
blieb aber in Wolfenbüttel und berief dahin einige von den Räthen am weimarischen Hofe zur Berathschlagung über die nunmehr vorzunehmenden Schritte. Diesen Räthen gaben die Landstände ein Schreiben mit, worin auch fie , gleich der Universität inständig um die Rückkehr des Herzogs baten ;
umsonst.
Er verfügte sich nach
Aschersleben und entbot dahin im Februar 1621
vier von seinen
jüngeren Brüdern , Friedrich, Wilhelm , Ernst und Bernhard mit einigen Räthen zur Beschlußfassung über die fernere Landesregierung.
Friedrich und Wilhelm hatten sich gleich Johann Ernſt
zu Kriegsdiensten verpflichtet und sie hielten streng an dem gegebenen Worte. Weil nun Albrecht und Johann Friedrich sich noch auf Reisen befanden , so konnte nur Ernst die Regierung des Landes übernehmen und er sollte sie so lange führen, bis entweder Albrecht zurückkehren würde oder Johann Ernst dieselbe wieder selbst übernehmen könne.
Diese Abmachung wurde zu einem Vertrage for-
mulirt (24. Februar 1621 ) . Während dessen hatte sich ein Ausschuß der Landstände zu Weimar versammelt und berieth , durch welche
*) Hauptarchiv der Gesammt - Univerſität zu Jena. Fach 23. Nr. 245.
Kriegsacten. Loc. I.
22 *
340
VI. Die Herzöge aus dem ernestinischen Hause.
Mittel Johann Ernst mit dem Kaiser wieder ausgesöhnt werden fönne. Der Kurfürst von Sachsen antwortete auf eine desfallsige Anfrage ,
daß Johann Ernst
den ersten Schritt zur Aussöhnung
thun müsse ; allein derselbe konnte sich dazu nicht entſchließen. Bald zeigte es sich, wie der Kaiser die Betheiligung der drei ältesten Brüder am böhmischen Kriege sehr übel vermerkt habe; denn bei der am 3. August 1621 stattfindenden Belehnung wurden die drei von der= selben ausdrücklich ausgeschlossen, Nachdem 1622 die Union von den Betheiligten für aufgelöst erklärt worden war, führten einzelne Heerführer den Krieg auf eigene Faust fort.
Einer der Tapfersten in dieser ersten Periode des Krieges
war der Graf Ernst von Mansfeld . Friedrichs
Ansehen in Böhmen
Als
alle seine Versuche,
wieder herzustellen,
nicht
gelingen
wollten, ging er mit seinem Heere zurück, um wenigstens dessen Erbland zu retten . Bei Ausführung dieser Absicht rechnete er auf den thätigen Beistand der Anhänger Friedrichs .
Die weimarischen Herzöge
Wilhelm, Friedrich und Bernhard waren sofort zur Stelle.
Wilhelm
brachte 3000 Mann zu Fuß und 600 zu Pferde zusammen und rückte mit diesen Truppen durch Franken nach der Oberpfalz . Bernhard diente unter ihm als Rittmeister. Der Graf von Mansfeld, mit dem sich Wilhelm vereinigte, hatte ein Heer von 20 000 Mann gesammelt, verheerte mit diesem die katholischen Stifter Würzburg, Bamberg und Eichstedt, dann Speier, Worms und Mainz, konnte aber bei alledem nichts weiter ausrichten , weil er schließlich zwischen zwei Heere ge= rathen war , das spanische unter Spinola und das liguistische unter dem Befehle des Generals Tilly . Inzwiſchen waren noch zwei deutſche Fürsten für den unglücklichen Friedrich von der Pfalz eingetreten : Georg Friedrich, Markgraf von Baden- Durlach und Christian , Herzog von Braunschweig.. Zum Heere des Ersteren ging mit des Mansfelders Bewilligung auch Herzog Wilhelm über, versuchte mit diesem durch Schwaben nach Bayern vorzudringen, wurde aber im Mai 1622 bei Wimpfen von Tilly geschlagen, dankte deshalb seine Truppen wieder ab und kehrte in sein Land zurück, um neue Truppen zu werben.
Herzog Friedrich , der zweite Prinz
von Weimar hatte sich in den Dienst des Herzogs Chriſtian begeben, der sich bald darauf mit dem Mansfelder vereinigte.
Am 19. August
1622 verloren sie bei Fleury in der Grafschaft Namur eine Schlacht gegen die Spanier.
Friedrich focht als Oberster mit großer Tapfer-
keit, fiel aber in dem hißigen Treffen, von drei Kugeln durchbohrt. Er war der erste von den herzoglichen Brüdern , dem der Krieg das
Die Brüder Ernst, Wilhelm und Albrecht (1621-1640).
341
Leben kostete. Sein Leichnam wurde nach Weimar gebracht und in der Stadtkirche beigesetzt. An allen diesen Kriegsbegebenheiten nahm Johann Ernst keinen persönlichen Antheil, sondern hielt sich während der Zeit größtentheils im Braunschweigischen , Halberstädtischen und Magdeburgischen auf. Im Februar 1622 fam er auf kurze Zeit in sein Land zurück. Es wurde zwischen ihm und seinen Brüdern ein neuer Vertrag abs geschlossen , welcher sich zumeist auf Geldangelegenheiten bezog ; aber ein wichtiger Punkt ihrer Verhandlung war der , daß von jezt ab keiner von ihnen die geworbene Mannschaft im weimarischen Lande einlegen sollte. Durch die häufig stattfindende Einquartierung und noch mehr durch das abscheuliche Kipper- und Wipperwesen fand temporär so große Noth statt , daß Leute Hungers starben. *) Man schmolz nämlich alte gute Münzen ein um neue, äußerst geringhaltige daraus zu prägen, so daß der Werth eines guten Thalers nach und nach bis auf 12 Gulden erhöht wurde. Die meisten Fürsten bedienten sich dieses Mittels als einer ihrer einträglichsten Hülfsquellen . Durch die Verschlechterung des Geldes stiegen die Preise der Lebensmittel zu einer schwindelhaften Höhe. 1 Scheffel Weizen wurde mit 36, Korn mit 32 , Gerste mit 26 und Hafer mit 20 Gulden bezahlt. Für eine Kuh zahlte man 200 und für ein Pferd von mittlerer Güte 3500 Gulden. Die weimarischen Herzöge gehörten unter die Ersten, welche die schwere Münze wieder einführten . Herzog Johann Ernſt war 1623 nach den Niederlanden gegangen ; man wünschte sehnlichſt, daß er in sein Land zurückkehre und suchte ihn durch Zurückhaltung der Gelder zur Rückkehr zu bewegen .
Der Geldmangel wurde auch
die Veranlassung, daß seine Entwürfe für Vertheidigung der deutschen Freiheit nicht zur Ausführung kamen. Obschon die Gegner des Kaisers alle
geschlagen waren ,
entließ
derselbe seine Heere doch
nicht , sondern vermehrte dieselben sogar noch und testanten überall auf das Härteste bedrücken.
ließ die Pro-
Tilly stand mit seinem
Heere in Hessen und drohte, in den protestantischen niedersächsischen Kreis einzubrechen . Die Stände dieses Kreises versammelten sich deshalb zu Braunschweig und beschlossen, zu ihrer Vertheidigung ein Heer von 10 000 Mann zu Fuß und 2000 zu Pferde aufzubringen. Der Herzog von Braunschweig wurde Oberbefehlshaber und dieſer ernannte unsern Herzog Wilhelm zu seinem Generallieutenant.
*) Hauptarchiv der Gesammt - Universität zu Jena , in dem vorhin angeführten Actenstücke.
342
VI.
Die Herzöge aus dem erneſtiniſchen Hauſe.
Wilhelm warb mit Beihülfe seines Bruders Bernhard 4000 Mann zu Fuß und 1000 Reiter , mit welchen er schon im Mai 1623 zu Halberstadt erschien. Die Unternehmung mißlang, denn am 6. Auguſt wurde der Braunschweiger bei Stadt-Loo im Münsterschen von Tilly zu einer Schlacht genöthigt.
Das Kriegsvolk war äußerst ermüdet
auf dem Kampfplage angekommmen und deshalb ging die Schlacht verloren. 8000 Mann wurden theils getödtet , theils gefangen ge= nommen. Unter den lezteren befand sich auch Herzog Wilhelm. Ein unglücklicher Schuß, der ihm den rechten Arm
verlegte und
zugleich in den Leib eindrang , hatte ihn vom Pferde geworfen und man fand ihn nach geendigtem Treffen ganz kraftlos unter den Todten liegend . Seine Behandlung von Tilly und den übrigen Oberbefehlshabern war aber eine sehr rücksichtsvolle. Man brachte ihn nach Münster und nachdem binnen drei Monaten seine Wunden wieder geheilt waren , als Gefangenen nach Neustadt in Steiermark. Sein Leidensgefährte war Herzog Friedrich von Altenburg . Anfangs begegnete man dem Herzog Wilhelm aus Religionshaß ſehr hart ; wie man erzählt , fand er aber Gelegenheit , sich durch seine Geschicklichkeit im Drechseln bei der Kaiſerin beliebt zu machen und Nachdem der Herzog am dadurch seine Befreiung zu bewirken . 18. Januar 1625 vor dem Kaiser Abbitte gethan hatte , entließ ihn derselbe in sehr gnädigen Ausdrücken und versicherte ihm , daß er alles
vergessen habe und daß er auf seine Gnade rechnen
könne.
Außerdem ertheilte er dem Herzog die Befugniß, ſich des kaiserlichen Adlers als äußeren Schußzeichens an allen Straßen seines Landes zu bedienen . *)
Noch im Januar 1625 reiste Herzog Wilhelm von
Wien ab, langte im Februar zur großen Freude seiner Unterthanen wieder in Weimar an und übernahm auf einige Zeit die Regierung. Der niedersächsische Kreis konnte nach der Niederlage des Herzogs von Braunschweig die Bedrückungen nicht mehr ertragen , welche das kaiserliche Heer ihm auferlegte. Die Stände ermannten sich von Neuem, rüsteten und erwählten den König Christian IV von Dänemark, der als Herzog von Holstein Mitglied Kreisobersten .
des Kreiſes war ,
zu ihrem
Der Herzog Christian von Braunschweig und der
Graf von Mansfeld sammelten gleichfalls wieder Truppen und ſezten damit die Gegend am Rheine in Unruhe. Jest kam auch Herzog Johann Ernst aus den Niederlanden wieder zurück und hot im
Hauptarchiv der Gesammt = Universität zu Jena. Fach 24. Nr. 250. Fol. 137.
Kriegsacten.
Loc. I.
Die Brüder Ernst, Wilhelm und Albrecht (1621–1640).
343
Februar 1625 dem Könige von Dänemark seine Dienste an.
Derselbe
ernannte ihn sogleich zum General der Reiterei und bald hernach zu seinem Feldmarschall .
Seine erste Aufgabe bestand darin, die Festung
Nienburg, welche Tilly ſchon einigemal beſtürmt hatte, mit Lebensmitteln zu versehen .
An der Ausführung
dieses Vorhabens wollte
ihn ein Theil des Tillyschen Heeres hindern ; aber Johann Ernst Bei einem späteren Gefechte schlug seine Gegner tapfer zurück. wurde er in die Achsel geschossen , führte aber trotzdem das Obercommando weiter. Sein Generallieutenant der Reiterei, Oberntraut, wurde bei Salsen , unweit von Hannover im October 1625 durch Tillh geschlagen und büßte dabei sein Leben ein . Es war dies dasselbe Gefecht , in welchem auch der Herzog Friedrich von Altenburg seinen Tod fand .
Im Jahre 1626 rückte Johann Ernst nach
Westphalen, überrumpelte Osnabrück und bemächtigte sich des ganzen Bisthums ;
dann ging er auf Münster los , um sich dasselbe gleich-
falls zu unterwerfen ;
doch soll sich dasselbe mit 80 000 Thalern,
welche dem Herzog jedenfalls sehr willkommen waren , haben.
losgekauft
Die Eroberungen konnten nach dieser Seite hin nicht fort-
gesezt werden, weil der Herzog dem Grafen von Mansfeld zu Hülfe eilen mußte. Derselbe war im Dessauischen von dem kaiserlichen General Wallenstein schlagen worden.
im April 1626 überfallen
und
gänzlich ge-
Mit dem Mansfelder vereinigt zog Johann Ernst
durch das nördliche und östliche Deutschland nach Schlesien , um die Aufmerksamkeit des Kaisers auf seine Erblande zu lenken . Er durchstreifte ganz Mähren, drang ſogar von hier aus in Böhmen ein, zog sich dann wieder nach Schlesien zurück, unterwarf ſich den größten Theil von Oberschlesien , befestigte einige hierzu günstig gelegene Orte und bezog bei Troppau ein Lager. Sein Heer wuchs mit jedem Tage, weil die unterdrückten Protestanten aus Böhmen , Mähren und Schlesien ihm haufenweis zuliefen . Wallenstein stand damals in Ungarn und erhielt vom Kaiser Befehl , mit der Hälfte seines Heeres nach Schlesien aufzubrechen und den immer gefährlicher werdenden Herzog Johann Ernst zu vertreiben ; aber Wallenstein befand sich selbst in einer sehr mißlichen Lage.
Da wurde das beliebte Mittel angewendet :
der Kaiser ließ mit Bethlen Gabor, dem Anführer der mißvergnügten Ungarn unterhandeln und mit ihm einen Vergleich abschließen. Die nächste Folge dieses Schrittes war , daß der Graf von Mansfeld, welcher gleichfalls in Ungarn stand, seine Truppen verlassen und sich nach Venedig flüchten mußte.
344
Die Herzöge aus dem ernestinischen Hause.
VI.
Jest wendete sich der ganze Zorn des Kaisers gegen Johann Ernst und er drohte demselben sogar mit der Reichsacht. Der Herzog Wilhelm von Weimar suchte zu vermitteln und bat seinen Bruder Dazu konnte sich Johann Ernst aber um Rückkehr in die Heimath. nicht entschließen, sondern rückte vielmehr, nachdem die eroberten und befestigten Pläge hinlänglich beſegt waren , mit seinem Heere nach Zu Ungarn. Allein hier war seinem Leben ein Ziel gefeßt. St. Martin in der Thuroßer Gespannschaft überfiel ihn unvermuthet eine tödtliche Krankheit. Es wird erzählt, daß eine nicht völlig gar gekochte Speise ein Unwohlsein herbeigeführt habe , das der Herzog Dadurch zog er sich durch den Genuß von Wein beseitigen wollte. 4. December 1626 am , Tagen 14 nach ein hißiges Fieber zu , das aus Ungarn wurde Sein Leichnam ſeinem Leben ein Ende machte. nach Troppau und von da nach Weimar gebracht, wo man ihn mit kriegerischen Ehren in der Stadtkirche zur Erde bestattete. Deutſchland verlor an ihm einen Fürsten, der nicht nur als Feldherr groß, sondern auch als Regent und Privatmann verehrungswürdig war. Es waren also nun schon zwei weimarische Herzöge Opfer des Krieges geworden und der dritte, Johann Friedrich , starb nach Bei einem Ausfalle der Besatzung zwei Jahren als Gefangener. von Lippstadt wurde er im April 1626 gefangen genommen und in die genannte Stadt gebracht. Erst nach längerer Gefangenschaft entdeckte er seinen Stand und
wurde von Tilly auf Reclamation
des Kurfürsten von Sachsen und des Herzogs Wilhelm zwar ausgeliefert , aber unter der harten Bedingung , daß er in Verwahrsam bleiben sollte. Man brachte ihn hierauf nach Oldisleben und später nach Weimar, wo er gleichfalls internirt bleiben mußte. Der Gram hierüber führte am 17. October 1628 seinen Tod herbei . Der Herzog Wilhelm , belehnt , ließ
als
nunmehr
wie seine Brüder vom Kaiser
Regent seinem Lande alle Fürsorge angedeihen,
war aber gleichwohl nicht im Stande, die Kriegsdrangſale von seinen Unterthanen abzuwenden. Thüringen war übrigens bis zum Jahre 1626 von dem kaiserlichen Kriegsvolke verschont geblieben.
Zwar
war Tilly 1623 im Juni mit seinen Truppen durch das westliche Thüringen gezogen, hatte aber nur auf einen Tag in und um Reinhardsbrunn Quartier genommen ; im Uebrigen kannte man die Schrecken des Krieges noch nicht und hatte keine Ahnung davon, wie es nach
einigen
Jahren in dem Lande aussehen würde.
Im
Mai 1626 hatte wallensteinsche Reiterei das Städtchen Rastenberg überfallen
und
daselbst übel
gehauſt , und es standen immer noch
Die Brüder Ernst, Wilhelm und Albrecht (1621-1640) .
345
einige Regimenter als Einquartierung in Aussicht . Daher ließ die Regierung in Weimar große Lieferungen an Lebensmitteln ausschreiben , damit das ungeſtüme Kriegsvolk befriedigt würde , denn das war immer noch das einzige Mittel , mit den Gefürchteten leidlich hin zu kommen und ihnen den Vorwand zur Plünderung zu nehmen.
Bereits zogen aber auch schon einzelne Banden herrenloſer
Kriegshorden durch das Land
und brandschaßten die Unterthanen
auf das Grausamste , spannten den Ackerleuten die Pferde aus und nahmen sie weg , oder plünderten kleine Ortschaften gänzlich aus. Aus diesem Grunde mußten sich in den Städten die Bürger bewaffnen, um jenes Gesindel mit Gewalt vom Eindringen abzuhalten. Die Noth wuchs von Monat zu Monat. 1627 wurden schon einzelne Gegenden Thüringens mit Kriegsvolk überschwemmt ; noch schlimmer erging es im nächsten Jahre, obwohl keine Schlacht auf thüringiſchem Aber die immer noch sich steigernden Gebiete geliefert wurde. Rüstungen Wallensteins , die Brandschaßungen und Lieferungen für die einzelnen Truppentheile , die Durchmärsche und Einquartierungen sogen zulezt das Land gänzlich aus und führten eine völlige Verarmung herbei . Die Feinde des Kaisers waren alle besiegt ; da fachte das am 6. März 1629 erlassene Restitutions edict , kraft deffen alle seit dem
Passauer
Vertrage eingezogenen
mittelbaren
Stifter , Klöster und andere Kirchengüter wieder in ihren vorigen Stand gesezt ,
mit
andern Worten ,
von den Protestanten wieder
herausgegeben oder restituirt werden sollten , die Kriegsflamme aufs Neue an. Der Kurfürst von Sachsen hatte sich bis jezt vom Kriege fern gehalten , auch die weimarischen Herzöge von der Theilnahme an demselben abgemahnt , wurde aber durch das Restitutionsedict so hart betroffen, daß er selbst zu den Waffen greifen mußte , denn es galt nicht nur , die in seinem Lande eingezogenen geistlichen Güter zurückzuerstatten , sondern auch das Erzbisthum Magdeburg aufzu= geben , welches sein Sohn August verwaltete . Die beiden großen Kriegsheere des
Kaisers
und der Liga wurden
nun zur Durch-
führung des Restitutionsedictes verwendet , womit man im südlichen Deutschland begann.
Inzwischen häuften sich die Klagen über die
Tyrannei des Wallensteinschen Heeres , denn es verschonte weder befreundete noch feindliche Staaten , hauste aber doch am schlimmsten in protestantischen Gegenden.
So hatte eine Abtheilung
desselben
1629 dem weimarischen Lande eine bedeutende Contribution auferlegt und war bei der Eintreibung höchst grausam verfahren . Herzog Wilhelm protestirt dagegen und sagt , er habe das Vertrauen zu
346
VI.
Die Herzöge aus dem ernestinischen Hause.
Herzog Friedland und zum Grafen Colalto , daß sie so etwas nicht haben wollten. Was half aber alle Protestation ! Die Kaiserlichen konnten den Herzögen von Weimar nicht vergessen , daß sie seit Be= ginn des Krieges fest zur protestantischen Sache gehalten und ihren Glauben tapfer vertheidigt hatten . für bluten.
Jezt mußte das arme Land da-
Die kaiserlichen Heerführer dictirten ohne Weiteres ent=
weder dem ganzen Lande oder auch einzelnen Orten bedeutende Contributionen zu und wenn dieselben nicht zeitig genug eingingen, so wurde eine zügelloſe Horde ausgesendet , das Verlangte mit Gewalt zu holen, d . h. wegzunehmen , wessen man habhaft werden fonnte. Diese gewaltsame Beitreibung war der Schrecken jedes Ortes.
Man gab lieber den letzten Bissen Brod hin , um nur nicht
jene Scheusale herbeizuführen , welchen derartige Aufträge eine willkommene Gelegenheit
boten , die Menschen bis
auf das Blut zu
peinigen und thierische Lüfte in ungescheuter Weise zu befriedigen. Das weimarische Land war mit regelmäßig zu leiſtender Contribution und vieler Einquartierung bereits belastet ; gleichwohl meldete Wallen = stein doch dem Herzog Wilhelm am 11. December 1629 von Halberstadt aus, daß er ihm noch eine Abtheilung Soldaten in das Land Legen müsse ; es gehe das Gerücht , im nächsten Jahre würden die Schweden nach Deutschland kommen und dem müsse man vorbeugen, damit nicht fremde Potentaten in das Reich eindrängen . Aber er selbst
war
vorerst nicht berufen , sich den Schweden gegenüber zu
stellen , denn
1630 im September erfolgte seine Abdankung .
Am
24. Juni 1630 war der Schwedenkönig Gustav Adolf mit 15 000 Mann Kerntruppen an der Küste von Pommern gelandet. Der Kaiser hatte sich denselben zum Feinde gemacht, indem er die Polen in ihrem Kriege gegen Gustav Adolf mit 10 000 Mann Truppen unterſtüßte und seine Fürsprache für die Protestanten in Deutschland und für seine Vettern , die Herzöge von Mecklenburg , so wie seine Vermittelung bei dem dänischen Frieden schnöde zurückwies . Noch mehr als dieses rief aber die große Gefahr der protestantischen Kirche und die Furcht , daß sich an den Gestaden der Ostsee durch Wallenstein
eine
neue ,
gefährliche Macht zu Gunsten des Hauſes
Desterreich und der Katholiken bilden werde, den Schwedenkönig nach Deutschland.
Die protestantischen Fürsten getrauten anfangs nicht,
sich ihm anzuschließen und fürchteten die Rache des Kaiſers.
In
Leipzig tagten die Häupter der Protestanten mit den Kurfürsten auch die Herzöge von Brandenburg und Sachsen an der Spize Wilhelm und Johann Casimir hatten sich mit eingefunden - vom
דידי
347
Die Brüder Ernst, Wilhelm und Albrecht (1621-1640).
Februar
bis
April
1631 ;
aber man kam nur zu dem Beschluffe,
dem Kaiser wegen Aufhebung des Restitutionsedictes und der unerträglichen Kriegsbeschwernisse Vorstellung
zu thun
und für
den
Fall , daß man kein Gehör fände , ein Heer zuſammen zu bringen, um die deutsche Freiheit und die Erhaltung der Reichsgrundgesehe mit Gewalt zu behaupten. Herzog Wilhelm von Weimar war einer der Ersten, der zu einem Bündniß mit dem Könige von Schweden die Hand bot. Sein Bruder Bernhard war schon in schwedische Dienste getreten, während Gustav Adolf noch in der Mark Branden = burg stand. Der König ernannte ihn zum Befehlshaber seiner Leibgarde zu Pferd. Die grausame
Zerstörung
Magdeburgs durch Tilly
am 10.
(20.) *) Mai 1631 öffnete doch endlich den Fürften die Augen, was fie mit ihren Ländern zu erwarten hätten , wenn nicht den kaiſerlichen Heeren ein entschiedener Damm entgegengesezt würde.
Von
Magdeburg wendete sich Tilly nach Kursachsen , das bis jezt vom Kriege unberührt geblieben war. Bisher war der Kurfürst immer noch gut österreichisch gesinnt gewesen ; aber gleichwohl fand Tilly einen Vorwand. War nicht die Versammlung der protestantischen Fürsten die
in Leipzig
Glieder des
gehalten
worden und hatte er nicht Befehl,
Leipziger Bundes
Naumburg , Weißenfels ,
Merseburg
zu
entwaffnen ?
Die Städte
und Zeit wurden geplündert
und auch Leipzig weggenommen. Diese Vorgänge bewirkten bei dem Kurfürsten mehr als alles bisherige Zureden : er trat sofort mit dem Schwedenkönige in ein Bündniß und ließ sein Heer am 3. September mit dem schwedischen vereinigen. Am 7. ( 17.) September kam es zur erſten entſcheidenden Schlacht bei Breitenfeld , unweit Leipzig und der alte General Tilly, der sich noch am Abende vor der Schlacht gerühmt hatte , niemals ein Treffen verloren zu haben , wurde ganz entscheidend geschlagen , verlor 8000 Todte und 2000 Gefangene und wurde selbst verwundet.
Jegt wollte man den
Kaiser von zwei Seiten faffen ; der Kurfürst von Sachsen sollte in Böhmen einfallen und Gustav Adolf wollte durch Thüringen nach dem Rheine vordringen. Am 22. September hielt derselbe seinen Einzug in Erfurt , das ihm die Schlüssel zur Stadt und der *) Die Einführung des Gregorianischen Kalenders, nach welchem 1582 auf. den 4. October gleich der 15. folgte, um den im Laufe der Jahrhunderte entstandenen Frrthum auszugleichen, war nur in den katholischen Ländern erfolgt; die Proteftanten behielten den julianiſchen Kalender bei , waren also um 10 Tage zurück; daher die doppelte Bezeichnung der Monatstage.
348
VI.
Die Herzöge aus dem ernestinischen Hause.
Cyriaksburg nach längerer Unterhandlung in sechs Körben überlieferte. Der König blieb nur vier Tage daselbst und ließ 2600 Mann Befazung, seine Gemahlin und seinen Minister Jacob v. Steinberg dort zurück.
Den Oberbefehl über Thüringen übertrug er dem Herzog
Wilhelm, dem er zugleich Vollmacht ertheilte , ein Heer anzuwerben und den Krieg nach seinem Gutdünken fortzusehen. Auch der dritte Bruder, Herzog Ernst, trat jezt mit in die Action ein, er begleitete den König nach Arnstadt , Ilmenau , über den Thüringerwald nach dem Main. Die Besatzung der würzburgischen Festung Königshofen mußte sich ihm ergeben ; Herzog Ernst blieb als Statthalter zurück. Der Herzog Bernhard war inzwischen dem Landgrafen Wilhelm von Hessen zu Hülfe geeilt , deffen Land von kaiserlichen Truppen hart bedrängt wurde, und begab sich hierauf zum Könige, als dieser eben vor Würzburg lag . Der Zug ging weiter in die Rheingegenden, von wo Bernhard mit einem kleinen Heere vorauseilte und sich mit List der Stadt Mannheim bemächtigte (Dec. 1631 ).
In der Zwischen-
zeit hatte Herzog Wilhelm 10 000 Mann angeworben und rückte mit dieſen in das Fürstenthum Halberstadt, wo er sich im Januar 1632 Das vereinigte mit dem schwedischen General Baner vereinigte. Heer zog westwärts und nahm alle die Städte weg, in denen bisher noch kaiserliche Besaßung gewesen war, um zunächst das ganze nördliche Deutschland von kaiserlichen Truppen zu säubern . Auch das Eichsfeld mußte sich unterwerfen .
Hierauf begab sich der Herzog Wilhelm
wieder in sein Land zurück , bekam aber von Gustav Adolf Auftrag, abermals Kriegsvolk zusammen zu ziehen und ihm dieses zuzuführen . Während der Zeit sezte Gustav Adolf , dem die Herzöge Ernst und Bernhard folgten ,
seinen Zug immer
weiter nach dem südlichen
Deutschland fort, ohne erheblichen Widerstand zu finden.
Tilly stand
kampfbereit jenseit der Donau und mußte aufgesucht werden.
Der
Herzog Wilhelm hatte die schnellgeworbenen Truppen im März mit denen des schwedischen Generals Horn vereinigt und beide stießen bei Donauwörth zum Könige. Der Uebergang über den Lech wurde. durch Tilly streitig gemacht ; aber am 5. April wurde derselbe auch hier wieder geschlagen und so schwer verwundet, daß er am 30. d. M. in Ingolstadt starb . Der Herzog Bernhard wurde bald nach der Schlacht am Lech von Gustav Adolf zum General der Infanterie ernannt.
Im Mai rückten die Schweden bereits in München ein.
Dem verabredeten Plane gemäß waren die Sachsen in Böhmen einmarschirt und der Kurfürst hielt am 11. November 1631 seinen Einzug in Prag. Jezt war der Kaiser also in seinen Erblanden
Die Brüder Ernst, Wilhelm und Albrecht ( 1621-1640).
349
bedroht und er sah sich genöthigt, den früher verdrängten Wallenstein wieder an die Spiße des Heeres zu berufen. Nur unter äußerst harten, den Kaiser sehr demüthigenden Bedingungen ließ sich derselbe bewegen, den Oberbefehl zu übernehmen. Schnell hatte er ein Heer von 40 000 Mann um sich versammelt , trieb mit leichter Mühe im Mai 1632 die Sachsen aus Böhmen wieder hinaus und vereinigte sich dann mit den Bayern , um Gustav Adolf anzugreifen , welcher sich auf Nürnberg zurückzog .
Am 26. Mai hatte der König den
Herzog Wilhelm zum Generallieutenant über alle seine Heere ernannt und ihn beauftragt , in Thüringen abermals die Werbefahne aufzu= pflanzen.
In kurzer Zeit hatte Wilhelm auch wieder eine ahnsehnliche
Truppenmacht zusammen, mit der er durch Franken nach Schweinfurt rückte , wo auch kursächsische und hessische Truppen zu ihm stießen. Herzog Bernhard war auf Baners Verlangen über Donauwörth abgezogen ; aber die einzelnen Truppentheile vereinigten sich doch zuleht in und um Nürnberg .
Wallenstein hatte nicht weit von der Stadt
ein festes Lager bezogen und so standen sich die beiden Heere kampf= gerüstet einander gegenüber , ohne daß das eine das andere anzugreifen wagte.
Gustav Adolf, des Wartens endlich müde und durch
den eintretenden Mangel in der völlig ausgesogenen Gegend veranlaßt , unternahm am 24. August einen Angriff auf die Verschanzungen Wallensteins , aber ohne Erfolg und deshalb zog er ab, wieder tiefer nach Bayern herein. Wallenstein faßte jezt den unerwarteten Entschluß , den Krieg in das nördliche , protestantische Deutschland zu versehen. Er nahm deshalb seinen Marsch durch das Baireuthische nach Coburg , bei welcher Gelegenheit er versuchte, die Feste Coburg zu gewinnen, was ihm jedoch nicht gelang. Hierauf wendete er sich durch das Voigt= land nach dem Altenburgischen, wo bereits Gallas brandschaßte, dann ging es
in das Kurfürstenthum
Sachsen.
Leipzig ,
Weißenfels und Naumburg mußten sich ergeben.
Merseburg,
Pappenheim hatte
seinen Marsch durch das westliche Thüringen genommen und wollte sich mit Gewalt in Eisenach einlegen , wurde aber zurückgetrieben ; dafür wurde Creuzburg ausgeplündert.
Gustav Adolf kam für das
arme Land zur Hülfe herbei und nahm seinen Marsch über Arnstadt nach Erfurt , wo er seine Gemahlin zurückließ. Ueber seine 20 000 Mann auserlesener Truppen hielt er noch einmal Generalmuſterung und dann ging der Marsch auf der alten Heerstraße über Buttstädt weiter nach der Saale hin. Herzog Bernhard war mit 1000 Reitern. vorausgeeilt , um Pappenheim zu verfolgen , der einige Tage früher
350
VI.
Die Herzöge aus dem ernestinischen Hause.
durch die Gegend gezogen war ; aber derselbe war bereits bei Merseburg über die Saale gegangen und hatte sich mit Wallenstein vereinigt. Indessen hatte sich ein schwedischer Haufe der Stadt Naumburg bemächtigt ; am 30. October traf der König auch dort ein und bezog bei der Stadt ein Lager. Die Reiterei legte man auf die Dörfer und bei dieser Gelegenheit wurde aus Mißverstand Schulpforta von Finnländern , die es für ein katholisches Kloster hielten, fast ganz zu Grunde gerichtet. Am 6. (16.) November kam es be= kanntlich zur Schlacht bei Lüßen, in welcher Gustav Adolf erst verwundet und dann getödtet wurde. Bernhard von Weimar übernahm das Commando .
Schon waren die Kaiserlichen geschlagen ; da rückte
Pappenheim noch herbei , der mit seinen Truppen bereits in Halle stand, weil Wallenstein für dieses Jahr keine Schlacht mehr erwartet Die Schlacht hatte und die Winterquartiere beziehen lassen wollte. begann von neuem ; aber auch dieser General wurde geschlagen und verlor sogar sein Leben. Wallenstein wandte sich nach Leipzig , woselbst sein Aufenthalt nur von kurzer Dauer war , und ging dann nach Böhmen, dort in Unthätigkeit verharrend . Alles kam nunmehr darauf an, ob die Schweden nach dem Tode ihres Königs den Krieg fortseßen würden oder nicht.
Die Regierung
beschloß Fortsetzung des Kampfes . Der schwedische Kanzler Axel Oxenstierna theilte das Heer und übergab die eine Hälfte desselben im December 1632 dem Herzog Bernhard , während die andere von schwedischen Generälen commandirt wurde. Um seine Gesundheit wieder herzustellen , hielt sich Bernhard eine Zeit lang in Jena und Weimar auf; sein Kriegsvolk ging inzwischen über den Thüringer Wald nach Franken , wohin er im Februar 1633 nachfolgte. Bei Bamberg zog er alle seine Truppen zusammen , eroberte die Stadt Kronach und ging dann weiter füdlich.
Höchſtedt wurde mit Sturm
erobert; Neuburg ergab sich freiwillig und
das Bisthum Eichstedt
bekamen die beiden Heerführer Bernhard und Horn in ihre Gewalt. Dagegen mißglückte die versuchte Eroberung Ingolstadts. Gustav Adolf hatte dem Herzog Bernhard als Belohnung für ſeine wichtigen
Dienste
das
Herzogthum Franken
Hauptstadt Würzburg versprochen.
mit
der
Die Königin Christine , Gustav
Adolfs Tochter , übersandte ihm daher einen Schenkungsbrief; ihr Gesandter mußte ihm den Besiz des Landes anweisen und die hohen Collegien , die Landstände und der Stadtrath zn Würzburg leisteten ihm den Huldigungseid . und lutherische eingesetzt.
Die katholischen Geistlichen wurden entfernt Nachdem der Herzog die ganze Regierung
Die Brüder Ernst, Wilhelm und Albrecht (1621–1640).
351
nach seinem Sinne geordnet hatte , bestellte er seinen Bruder Ernst zum Statthalter. Dem Herzog Wilhelm wurde für seine Kriegsdienste von der schwedischen Krone das Eichsfeld versprochen .
In
den Besitz desselben ist er jedoch niemals gelangt und auch Herzog Bernhard konnte sich, bei der bald erfolgenden veränderten Stellung in dem ihm geschenkten Lande nicht behaupten . Im November 1633 eroberte Bernhard Regensburg und Straubing und hatte im Januar 1634 die ganze Oberpfalz in seiner Gewalt.
Um diese Zeit begann
Wallenstein seine Intriguen gegen den Kaiser , indem er das Königreich Böhmen an sich reißen wollte und zu dem Ende seßte er sich mit Frankreich, Schweden und den sächsischen Fürsten in heimliches Einvernehmen. Dem Herzog Bernhard stellte er den Antrag , zu ihm zu stoßen , und wirklich rückte derselbe auch vor , erhielt aber unterwegs die Nachricht , daß Wallenstein am 25. Februar in Eger ermordet worden sei. Der römische König Ferdinand, Sohn des Kaiſers Ferdinand II, bekam
jezt
den Oberbefehl
energisch vor.
über
die
Armee
und ging
ziemlich
Er brachte die Oberpfalz wieder in seine Gewalt,
zwang auch Regensburg zur Uebergabe und belagerte hierauf Nördlingen. Bernhard wollte dasselbe entsetzen und berieth sich darüber mit dem General Horn. Dieser hielt das Unternehmen für zu gewagt, ließ sich aber schließlich von Bernhard zur Theilnahme überreden.
Der Erfolg bewies, daß seine Bedenken vollständig berechtigt
gewesen waren , denn das schwedische Heer erlitt am 27. Auguſt (6. September) eine so fürchterliche Niederlage , daß gegen 20 000 Mann getödtet oder gefangen wurden. Unter den lezteren war auch der General Horn , während sich Bernhard nur mit genauer Noth und mit wenigen Ueberresten seines Heeres durch die Flucht rettete. Diese eine verlorene Schlacht änderte den ganzen Krieg ; denn der General Baner mußte mit der zweiten schwedischen Armee aus Böhmen, durch Meißen und das Altenburgische zurück nach Thüringen und dafür breiteten sich die Kaiserlichen immer weiter nach Norden hin aus. Im October plünderten die Croaten Salzungen und Meiningen und gingen auf Suhl los . Die Reiterei Herzog Wilhelms nöthigte sie indessen zum Rückzuge. Es läßt sich denken , wie übel jezt Thüringen daran war ; denn die Schweden hatten hier Quartier genommen und im December kam noch die sächsische Armee hinzu. Herzog Bernhard hatte nach der verlorenen Schlacht bei Nördlingen die Ueberreste seines Heeres bei Heilbronn wieder gesammelt ;
es
schien aber doch , als wäre die schwedische Macht durch jene Nieder-
352
VI.
Die Herzöge aus dem ernestinischen Hause.
lage gänzlich gebrochen .
Deshalb sagte sich im Frühjahr 1635 Kur-
sachsen von dem schwedischen Bündnisse los und schloß zu Prag unter sehr günstigen Bedingungen mit dem Kaiser einen Separatfrieden . Die Evangelischen in Deutschland waren über die Abtrünnigkeit des Kurfürsten anfangs sehr erbittert; aber bald traten auch Brandenburg, Mecklenburg , Lüneburg und auch die drei weimarischen Herzöge : Wilhelm , Albrecht und Ernst dem Frieden bei . Wilhelm überließ seine fünf Regimenter Kriegsvolk dem Kurfürsten von Sachsen. Die Stellung der Schweden zu Thüringen und Kursachsen war nun geändert ; jezt kamen sie als Feinde in das Land . Baner fiel zu Anfang des Jahres 1636 ein und verübte viele Grausamkeiten ; gegen Ende des Jahres erschien er von neuem mit 24 000 Mann , legte nach Erfurt eine stärkere Besaßung und ließ das übrige Thüringen in der haarsträubendsten Weise behandeln ; die meisten Orte hatten eine harte Plünderung zu erdulden. Im November 1636 entstand zu Eiſenach durch Verwahrlosung eines schwedischen Soldaten eine Feuersbrunst, welche beinahe die ganze Stadt verzehrte. Auf einige Zeit begab sich Baner mit seinem Heere nach Hessen , kehrte aber bald nach Thüringen zurück und wurde erst im Frühjahre 1637 durch den kaiserlichen Feldmarschall Graf Göz zum Abzuge genöthigt. Der Abschluß des Prager Friedens 1635 hätte vielleicht über= haupt einen allgemeinen Frieden herbeigeführt , denn beide Parteien waren durch den langjährigen Krieg völlig erschöpft ,
wenn nicht
Frankreich, dessen Minister Richelieu schon längst mit großer Freude zugesehen hatte, wie sich Deutschland selbst zerfleischte, in die Geschicke des armen Landes eingegriffen hätte. Nach der Schlacht bei Nördlingen bot Richelieu dem Kanzler Oxenstierna seine Hülfe an und verlangte zunächst die Festung Philippsburg, ließ vielleicht auch schon die Absicht auf das noch wichtigere Elsaß durchblicken.
Leider ging
auch der Herzog Bernhard auf die Pläne der Franzosen ein, rüſtete mit deren Gelde ein ansehnliches Heer aus und ward den. Kaiserlichen und Bayern bald wieder ein gefährlicher Feind.
Er reiste selbst
zweimal nach Paris (im März 1636 und im Januar 1637), woselbst man
ihm
sehr
schmeichelte
und
3 Millionen Franken auszahlte.
bei seiner
zweiten
Anwesenheit
Jezt breitete er sich in Württem-
berg und Elsaß aus und seßte diesen ganzen Landstrich in Schrecken. Breisach wurde belagert und die Kaiserlichen , welche es entsegen wollten , erlitten 1638 dreimal hinter einander harte Niederlagen. Die Festung mußte sich ergeben .
Bernhard hatte in diesem Jahre
nenn Treffen glücklich bestanden.
Im Sommer 1639 beabsichtigte
353
Die Brüder Ernst, Wilhelm und Albrecht (1621-1640).
er , in die Pfalz und nach Bayern vorzurücken und sich dort fest= zusehen: da raffte ihn am 8. (18.) Juli in Neuburg der Tod hinweg, durch französisches Gift verursacht.
Einige Stunden
vor seinem
Tode zeigten sich schwarze Flecken an seinem Leibe , welche man als fichere Anzeichen einer stattgefundenen Vergiftung ansah. Die von Bernhard eroberte wichtige Festung Breisach hatte Frankreich gern haben wollen ; der Herzog gab dieselbe aber nicht heraus und zeigte sich überhaupt den Abfichten Frankreichs nicht so gefügig, wie Richelieu erwartet haben mochte , denn seine Absichten schienen darauf hinaus zu gehen , sich selbst am Rheine ein Land zu erwerben.
Frankreich
bemühte sich , den Verdacht wegen Bernhards Ermordung von sich ab und auf Desterreich zu wälzen. Gewiß ist, daß der Herzog vorher verschiedentlich gewarnt worden war. In ihm starb ein Held und in
manchem Betrachte
einer
der größten Männer
Deutschlands,
welcher Thüringen und
besonders dem
weimarischen Fürstenhauſe
unsterbliche Ehre macht.
Seine Gottesfurcht bethätigte er nicht nur
durch fleißiges Besuchen und andachtsvolles Abwarten des Gottesdienstes , sondern auch durch einen großen Eifer , die Ausbrüche lasterhafter Gesinnungen unter seinen Untergebenen zu verhindern. oder zu
bestrafen.
Die Nachwelt hat ihm nicht mit Unrecht den
Beinamen „ der Große “ gegeben.
Sein Leichnam wurde nach Breisach
gebracht und dort einstweilen beigeſeßt, bis man ihn im Jahre 1655 endlich nach Weimar überführte und mit großem Gepränge in der Stadtkirche beerdigte.
Der langwierige Religionskrieg hatte
also
sechs Urenkeln Johann Friedrichs des Großmüthigen das Leben ge= kostet, nämlich den vier weimarischen Herzögen : Johann Ernſt, Friedrich, Johann Friedrich und Bernhard, und den altenburgischen : Friedrich und Friedrich Wilhelm II. Bald nach Bernhards Tode nahm Herzogs
Frankreich das Heer des
in Eid und Pflicht und behielt auch zugleich das Elsaß
mit der wichtigen Festung Breisach in Besit. Regimenter
wollten von
keinem französischen
Nur drei schwedische Solde
wissen , und
schlugen sich mit klingendem Spiele zu den Ihrigen durch. Wie jammervoll der böse Krieg
dem ganzen deutschen Lande
und speciell unserem Thüringen mitgespielt hatte und wie wenig die Unterthanen ihr Eigenthumsrecht an ihrer fahrenden Habe behaupten konnten ,
wurde zum Theil schon angedeutet.
1631 traf
Herzog Albrecht von Weimar, welcher damals während der Abwesen= heit seiner drei Brüder die Regierung führte , die Anordnung, daß die Einwohner überall auf den Höhen Wachen ausstellen und durch 23 Kronfeld, Landeskunde. I.
354
VI.
Niedersenken
Die Herzöge aus dem ernestinischen Hause.
eines
aufgepflanzten
großen
Strohwisches der
Um-
gegend das Herannahen der ungebetenen Kriegsgäste bemerklich machen sollten . *)
Um die Aussicht zu erweitern wurden daher an manchen
Orten noch besondere Erhöhungen oder Hügel aufgeworfen. Der Herzog erließ in diesem Jahre auch noch ein Patent , wonach jeden Dienstag und Freitag durch das ganze Land gegen halb 11 Uhr öffentliche Betſtunden veranstaltet werden mußten , zu deren Besuch Jedermann verpflichtet war. Um manche Orte vor gewaltthätiger Einquartierung und Erpreffung zu sichern , fingen die Oberbefehlshaber an, Schuß- und Freibriefe auszustellen , welche von ihren untergebenen Truppen respectirt werden sollten. Universitätsstädten.
Dies Verfahren galt ganz besonders den
Der sonst als grausam geschilderte Tilly hatte
schon am 23. Januar 1631
der Universität Jena eine sogenannte
schriftliche Salva guardia (Schuhwache) ertheilt , „ daß selbige nebst deren An- und Zugehörungen von aller eigenthätigen Einquartierung, Raub , Brand , Geldschazung und dergleichen ohnmoleſtirt sein und bleiben soll. " Seinem Beispiele folgte auch der gefürchtete Wallen= stein 1632.
kurz
vor der Lüzener Schlacht 30. October (9. November)
Auch dieser Originalbrief mit der eigenhändigen Unterschrift
Wallensteins
und seinem großen
Siegel ist
noch heute mit den
übrigen im Hauptarchive der Universität zu Jena vorhanden. Die Freibriefe wurden in einer Anzahl Exemplaren gedruckt und dann an den Straßenecken , namentlich an den Eingängen zu dem Orte angeheftet. Im Ganzen sind für die Universität Jena und deren Zugehörungen einige zwanzig Schußbriefe ausgestellt worden , außer von den Genannten auch noch vom Kurfürsten von Sachsen , von Baner , von den Kaisern Ferdinand II und III , vom kaiserlichen Generalfeldzeugmeister v. Salis , vom Erzherzog Leopold Wilhelm, von Torstenson , Wrangel , von dem Landgrafen Johann zu HessenBraubach als kaiserlichem General , vom Grafen Göz und anderen Heerführern.
Freilich erfolgten dieselben
auch bisweilen , fast wie
zum Hohne , nachdem die Städte ausgeplündert waren. So verlieh der kaiserliche General v. Salis der Stadt Apolda nebst Jena und Remda im Februar 1639 einen Schußbrief, nachdem seine Truppen die erstgenannte Stadt gründlich ausgeräumt und in der unmenschlichsten Weise darin gehaust hatten.
Gerade so machte es der kaiser=
*) Hauptarchiv der Universität zu Jena. Nr. 244. Fol. 228.
Kriegsacten." Loc. I. Fach 23.
44
44
Die Brüder Ernst, Wilhelm und Albrecht (1621–1640). General
liche
Graf Göz mit
Jena.
355
Seine Truppen hatten am
5. Februar 1637 Jena vollständig ausgeplündert und nun erließ er für die Stadt am 7. Februar einen Schußbrief. Freilich wurden von der entarteten Soldatesca die Schußbriefe auch nicht immer respec= tirt und daher war den Leuten an einer lebendigen Salva guardia Die Straßen waren nirgends mehr sicher zu passiren, denn das Raubgesindel schwärmte überall umher und es bedurfte mehr gelegen.
einer besonderen militärischen Bedeckung , wenn man Gegenstände von einigem Werthe , z . B. Getreide von einer Stadt zur andern schaffen wollte. In solchen traurigen Zeiten mag es den Landesfürsten
oft schwer
genug geworden sein, ihren
Regentenpflichten
nachzukommen. Wir müssen den Herzögen von Weimar zum Ruhme nachsagen, daß sie alles gethan haben, um die Noth ihrer bedrängten Unterthanen zu lindern . Besonders sorgten sie während des Krieges für die Universität zu Jena, indem sie derselben zur Dotation einen Im Januar 1631 ziemlich umfangreichen Grundbesig zuwiesen. war Graf Hans Ludwig von Gleichen als der letzte seines Stammes gestorben und seine Befizungen, nämlich die Herrschaft Remda ſammt den dazu gehörenden Dörfern war als erledigtes Lehen an das Im Februar desselben Jahres weimarische Fürstenhaus gefallen . starb Anton Friedrich v. Vißthum zu Apolda und auch dessen Befizungen, nämlich Schloß und Gut Apolda mit allen Privilegien und Rechten über die Stadt fiel gleichfalls an das regierende Fürstenhaus Da über beide Besizungen die altenburger Linie des weimarischen Hauses gleichfalls mit zu disponiren hatte , so mußte zu-
heim.
Meinung darüber gehört werden , was es mit den Gütern werden sollte. Dieselbe ließ sich auf Herzog Albrechts Vorschlag willig finden , beide Besizungen der Universität zu überLaffen. Nach mancherlei Vorverhandlungen wurde endlich 1633 der nächst deren
Dotationsbrief, wie schon gemeldet, in zwei Exemplaren ausgefertigt. Schon früher wurde mitgetheilt , daß Johann Ernst als lezter Sohn Johann Friedrichs des Mittleren am 23. October 1638 kinderlos gestorben sei.
Ueber die eventuelle Theilung seiner Beſizungen
waren bereits im März 1634 die
Herzöge Wilhelm von Weimar
und Johann Philipp von Altenburg einig geworden und zwar dergestalt, daß der erstere nebst seinen drei Brüdern 4% und Johann Philipp mit seinem Bruder 2/6 des Landes erhalten sollten. im Februar 1640
kam es indeß zur Erbauseinanderseßung.
Erst Man
theilte das Land in den gothaischen , eisenachischen und coburgiſchen Theil. Die weimarische Linie erhielt die beiden erstgenannten Theile, 23*
356
VI.
Die Herzöge aus dem ernestinischen Hause.
der altenburgischen fiel dagegen die coburgische Portion zu . Dieſe Erbtheilung führte zugleich eine andere herbei , welche für das weimarische Haus von nachhaltigen Folgen werden sollte. Von den acht Söhnen des Herzogs Johann lebten jezt noch drei : Wilhelm, Albrecht und Ernst , und auch diese nahmen am 9. April 1640 eine Theilung ihres Landes vor. Weil aber schon nach vier Jahren Albrecht kinderlos starb und sein Land an die beiden anderen Brüder fiel, so wollen wir erst bei jener Gelegenheit melden , worin die Besitzungen der beiden übrigbleibenden Hauptlinien des weima= rischen Hauses , Weimar und Gotha eigentlich bestanden haben. Für jezt sei nur im Allgemeinen bemerkt, daß in der Theilung von 1640 Wilhelm das Fürstenthum Weimar , Albrecht das Fürstenthum Eisenach und Ernst das Fürstenthum Gotha erhielt. Das Amt Oldisleben sollte dem jeweiligen ältesten Mitgliede der Familie zustehen ; daher dasselbe auch das Senioratsamt genannt wurde. Die Steuern aus diesem Amte gehörten aber Weimar allein. Es waren noch traurige Zeiten, als die drei fürstlichen Brüder ihre Länder theilten ; denn immer noch wüthete der Krieg.
Zwar fielen
die Hauptschlachten
in
der
unglückselige
lezten
Periode desselben weder in Thüringen noch in dessen unmittelbarer Nachbarschaft vor , sondern die Erbländer des Kaisers und die des Kurfürsten von Bayern wurden nun heimgesucht und mußten alle die Schrecken des Krieges empfinden , welche namentlich das mittlere Deutschland eine ganze Reihe von Jahren hatte ertragen müſſen. Thüringen mußte aber insofern die Lasten des Krieges bitter empfinden , als die Heere ihre verwüstenden Züge durch das bereits fast zertretene Land nahmen. 1640 zog sich Baner aus Böhmen
durch Meißen nach Thüringen zurück und zwar nach Erfurt, wo sich die drei Regimenter aus Bernhards Heere mit ihm vereinigten. Im December verließ Baner Thüringen wieder und zog über Weimar und Jena südwärts nach Franken. Dafür rüdte im October 1641 der kaiserliche Feldherr Haßfeld ein , um Erfurt zu gewinnen. Die Menge der Truppen veranlaßte in dem hartgedrückten Lande eine schwere Theurung und Hungersnoth.
Kaum war im nächsten Jahre
das Haßfeldische Heer abgezogen , so rückte der kaiserliche General Gegen Wahl ein und bezog in und um Gotha Winterquartiere. Ende dieses Jahres kam der schwedische Feldherr Königsmark und erpreßte so viel Geld , als aufzutreiben war. Derselbe stand noch im April 1644 in Thüringen und bezog dann im December genannten Jahres in den Fürstenthümern Weimar, Gotha und Eisenach Winter-
Die Brüder Ernst, Wilhelm und Albrecht (1621-1640).
quartiere.
357
Im März 1646 rückte wieder das schwedische Heer unter
Wrangel in Thüringen ein und blieb bis zum Februar 1647. Schon seit 1640 waren Versuche gemacht worden, um einen Frieden herbeizuführen ; aber erst im Jahre 1643 versammelten sich die Ge= sandten der Parteien in Münster und Osnabrück und fünf Jahre wurden, zum Theil unter den nichtigsten Vorwänden, vergeudet, bevor man endlich das Friedenswerk zu Stande brachte. Am 14. ( 24.) October 1648 fand der Friedensschluß statt. Aber damit war die Kriegslast nicht zu Ende ; im Gegentheil, es blieb die Einquartierung noch längere Zeit , so daß das Friedensfest erst im August 1650 gefeiert werden konnte.
In einer Ansprache des Kanzlers v. Goech-
hausen an die den Herzog Wilhelm nach dem Festgottesdienste in das Residenzschloß begleitende Bürgerschaft sagt derselbe , daß der Krieg 32 Jahre gedauert habe ; er rechnet also die zwei Jahre nach dem Friedensschluffe wegen der harten Einquartierungslasten noch mit zu den Kriegsjahren und fügt hinzu, daß sich Weimar für die allerglücklichste Stadt halten müſſe , denn sie habe während des langen Krieges keine wirkliche Einquartierung, noch viel weniger Plünderung auszustehen gehabt , Allerdings
dessen sich wenig Städte zu rühmen hätten.
konnte Weimar diesen günstigen Verlauf als eine be=
sondere Begnadigung Gottes ansehen , denn was die übrigen Städte des Landes auszustehen gehabt haben , war theilweis entseßlich und wird später Erwähnung finden.
Im Allgemeinen waren aber die
Städte immer noch besser weggekommen als das platte Land , und daher flüchteten sich auch häufig die Umwohner bei herannahendem Kriegsvolke vom Lande in die Stadt und ließen ihr Hab und Gut im Stiche.
Bei einer im Jahre 1640 vorgenommenen Zählung der
Einwohner in den beiden Städten Jena und Weimar ergab sich, daß Jena 549 und Weimar über 4000 solcher Flüchtlinge beherbergte. *) Dadurch wurde freilich eine Vertheuerung aller Lebensbedürfnisse herbeigeführt ; aber man war ja überhaupt schon froh, wenn man nur das Leben davonbrachte. Es wird angenommen, daß durch den Krieg in Deutschland zwei Drittheile der Einwohner zu Grunde gegangen sind , weniger durch das Schwert , als durch die langsamer und qualvoller zehrenden Uebel im Gefolge des Krieges , nämlich; Seuchen, Pest, Hungersnoth , Schrecken und Verzweiflung. In dem Maße, wie sich die menschliche Bevölkerung lichtete , nahm dagegen die Zahl der wilden Thiere in erschreckender Weise überhand . Bei-
*) Geh. Haupt- und Staatsarchiv in Weimar.
Acten.
358
VI.
Die Herzöge aus dem ernestinischen Hause.
ſpielsweiſe ſei erwähnt, daß im Kurfürstenthum Sachſen während der Regierungszeit Johann Georgs 1 , welcher 1653 starb, zu den Jagden, welchen er selbst beiwohnte , neben einer Unsumme von mehr als 100 000 Stück Rothwild auch 203 Bären , 3543 Wölfe und 200 Luchse erlegt worden sind.
Der Berichterstatter sezt hinzu :
Würde
dazu noch gerechnet , was auf dem Lande geschossen worden ist , so -may möchte sich die Summe sechsmal so hoch belaufen. Schauerlich öd und wüste sah es im ganzen Thüringen aus ; überall traf man auf Trümmerhaufen verwüsteter , oder von ihren bisherigen Bewohnern gänzlich verlaffener Dörfer.
Die Betreibung des Ackerbaues , der
damals einzigen Nahrungsquelle in den meisten Strichen des Landes, war wegen der Unsicherheit der Landstraßen theilweis erschwert, hin und wieder sogar unmöglich gemacht oder nur dadurch noch zu be= werkstelligen , daß sich Menschen anstatt der abhanden gekommenen Zugthiere an den Pflug spannten.
Bei der allgemeinen Unsicherheit
des Eigenthums baute überhaupt selten Einer mehr , als er für sich und seine Familie zur höchsten Nothdurft brauchte. Es blieb also der meiste Acker unbebaut und verwandelte sich in Leede. Nach den gegen Ende des Krieges bewirkten Aufstellungen war im Weimarischen kaum 1/4 des früher tragbaren Landes wirklich bebaut, ja in manchen Ortschaften, bei denen es später Erwähnung finden soll , kaum 1/10 und da , wo statt der Dörfer nur Trümmerhaufen noch existirten, war von Ackerbau gar keine Rede mehr. Aus manchen Gegenden, 3. B. Ilmenau , liefen Klagen ein , daß die früheren Getreidefelder mit Buſchwerk überwucherten ; aus anderen (Odisleben), daß man bei der entstehenden Wildniß auch auf den angebauten Aeckern wenig ernten könne wegen des überhand nehmenden Ungeziefers , namentlich der Feldmäuse. Manche Striche Thüringens glichen förmlichen Wüſteneien, in denen man vergebens nach Menschen umherspähte. Als der schwedische General Pfuhl , einer der herzlosesten in der Banerschen Armee , auf seinem lehten Zuge durch Thüringen sein Ende nahe fühlte und nach dem Troste eines Geistlichen verlangte, war viele Meilen umher in dem menschenleeren Lande kein Priester zu finden. Schon unter dem 5. Mai 1639 schrieb Herzog Wilhelm an die Univerſität Jena , daß die überaus große Noth der Armuth bei vielen Pfarrern , Schuldienern und anderen , an den äußersten Bettelstab getriebenen Leuten ihm sehr zu Herzen gehe, indem er fast täglich berichtet werde, wie derer viele vor Hunger verschmachten oder doch ins Elend davon gehen und ihr Stücklein Brod vor den Thüren suchen müssen.
„ Dahero denn erfolget , daß ganze Dörfer leer ge-
Die Brüder Ernst, Wilhelm und Albrecht (1621-1640).
359
laffen und an viel Dertern der heilige Gottesdienst gänzlich eingestellet wird, auch bei solcher progress nichts anderes, als eine Wüſtenei und Barbarei zu hoffen stehet. " Wie mag es dann wohl am Schlusse des Krieges ausgesehen haben ! - Handel und Verkehr lagen vollständig darnieder, denn das einzige Transportmittel, dessen man sich — die Schubkarre. in einigen Strichen Thüringens bedienen mußte, war Die traurigen Erlebnisse hatten auf die Bewohnerschaft auch in Wenn anderer Beziehung einen höchst bedauernswerthen Einfluß. schweben Angst der Mensch Jahre lang in beständiger Furcht und muß, wenn die heiligsten Güter nicht mehr respectirt werden , wenn haarsträubendsten Gräuelthaten vor seinen Augen verüben sieht ohne im Geringsten dagegen Schuß zu finden : so wird endlich er die
auch der besonnenste Charakter desperat und durchbricht gleichfalls die gesetzlichen Schranken. Alles Gefühl wurde abgeſtumpft und die Menschen gaben sich nach kaum überstandener Leibes- und Lebensgefahr sofort wieder den wüſteſten Genüſſen hin , wenn sich irgend welche Gelegenheit dazu bot ; denn man lebte nur für den Augenblick. Man traut wirklich seinen Augen nicht , wenn man liest , daß mitten im Kriege , nach kurz vorausgegangenem schwerem Ungemach und bei zu erwartenden neuen Drangſalen die zuständige Obrigkeit gegen die wüsten Zechgelage auf Kindtaufen und Hochzeiten einschreiten muß. Es läßt sich dieser Contrast nur daher erklären , daß alles Gefühl förmlich ertödtet war und die Menschen in thierischer Rohheit von einem Tage zum andern hinlebten , ohne irgend welchen edleren Lebenszweck vor Augen zu haben . Wahrlich , die drei Herzöge Wilhelm, Ernst und Albrecht übernahmen die Regierung ihrer Länder unter sehr traurigen Verhältniſſen !
Die Gothaiſche Linie des erneſtiniſchen Fürſtenhauſes : Herzog Grußt der Fromme von Gotha und die ans ſeiner Nachkommenschaft hervorgegangenen Fürftenhäuser. Das Land war von geringem Umfange, welches dem Herzog Ernst * in der Theilung vom 9. April 1640 zugefallen war , denn daffelbe umfaßte bloß die Aemter : Gotha , Tenneberg , Reinhardsbrunn , Georgenthal , Schwarzwald , Ichtershansen mit Wachsenburg, das Pfandamt Tonndorf , Amt Königsberg und die Hälfte des Amtes Salzungen. Nach dem Tode seines Bruders Albrecht , der 1644 am 20. December zu Eisenach kinderlos starb , fielen ihm in
360
der
VI.
Theilung
Die Herzöge aus dem ernestinischen Hause.
mit
Herzog Wilhelm von Weimar die Aemter zu :
Heldburg, Veilsdorf, Eisfeld, Kraienberg, Volkenrode, und die andere Hälfte des Amtes Salzungen. Durch einen Vergleich mit seinem Bruder Wilhelm ( 1657) erhielt er noch die Oberhoheit über die in seinem Gebiete gelegene Ober- und Untergrafschaft Gleichen. Ferner erhielt der Herzog bei der
Theilung der Grafschaft Henneberg die
Aemter Frauenbreitungen , Wasungen und Sand . Zuwachs an Land kam aber , als mit seinem
Der bedeutendste
Schwager Friedrich
Wilhelm III im Jahre 1672 die altenburgische Linie des weimarischen Fürstenhauses ausstarb ; denn er
bekam von dem Lande des Ver-
storbenen 4 , die weimarischen Herzöge erhielten nur Fürstenthume Altenburg
4.
bekam Ernst die Aemter :
Von dem Altenburg,
Leuchtenburg , Camburg , Eisenberg , Roda , Ronneburg , Saalfeld, Gräfenthal und Propstzella. Vom Fürstenthume Coburg die Aemter : Coburg ,
Sonnefeld ,
Neuhaus ,
Sonneberg ,
Hildburghausen
und
Schalkau , und aus dem hennebergischen Erbantheil der Altenburger die Aemter : Themar , Maßfeld , Meiningen, Behrungen und Römhild. Somit hatte Herzog Ernst nicht allein mehr als die Hälfte der ernestinischen Lande in Besiz, sondern es war ihm infolge der altenburgischen Erbschaft auch ein größerer Theil von den hennebergischen Söhnen.
Landen zugefallen als seinem Bruder , resp . dessen Es gebührt dem Herzog Ernst der Ruhm , daß er für
das Wohl seiner Unterthanen in umsichtiger und
rastloser Weise
thätig gewesen ist und mit wahrer , christlicher Frömmigkeit für dieselben gesorgt hat. Seine nächste Regierungssorge bezog sich darauf, die Spuren des langwierigen und schrecklichen Krieges zu verwischen und dem Lande wieder aufzuhelfen. Wie für das materielle Wohl eine Reihe zweckmäßiger Veranstaltungen getroffen wurden , so suchte er auch in moralischem Bezuge veredelnd einzuwirken. Um der fitt= lichen Verwilderung
zu steuern und den Wohlstand
zu fördern,
richtete er sein Hauptaugenmerk auf Belebung der Gottesfurcht und der Geistesbildung unter seinen Unterthanen. Er suchte daher vor allen Dingen das Kirchen- und Schulwesen zu verbessern .
Eben so
nahm er sich auch des Ackerbaues , Gewerbfleißes und des Handels In Gotha ließ er von 1643-46 das Schloß Friedenstein als neue Residenz völkerung
und
erbauen und Verschönerung .
die Stadt gewann überhaupt an BeDie herrlichste Eigenschaft ,
durch
welche Herzog Ernst seinem Volke voranleuchtete, war seine Frömmigfeit. Spötter nannten ihn freilich Bet - Ernst ; aber er verdiente in Wahrheit den Beinamen der Fromme , denn er war weit entfernt
Herzog Ernst der Fromme von Gotha und dessen Nachkommen.
361
von jener Andächtelei zum Scheine, sondern eifrig bemüht, den echten evangelischen Glauben und rechte christliche Frömmigkeit so weit zu verbreiten, als er nur konnte. Auf seine Veranlassung mußte unter anderem der gelehrte Veit v. Seckendorf die große „ Geschichte des Lutherthums " abfassen. Seine Bemühungen für das Wohl seiner Unterthanen wurden auch vom besten Erfolge gekrönt und er konnte bei seinem im März 1675 erfolgenden Tode auf eine reich gesegnete Wirksamkeit zurückblicken.
Von seinen 18 Kindern überlebten ihn
7 Söhne und 2 Töchter. Es wäre wohl zweckmäßig gewesen, wenn er durch Einführung des Erstgeburtsrechtes einer Theilung seines Landes vorgebeugt hätte ; aber er hatte testamentarisch verfügt, daß alle seine Söhne Erben seiner Länder sein , dieselben gemeinschaftlich besißen und regieren und nur in dem Falle unter sich theilen sollten , wenn auf jeden Theil auch ein Reichsvotum erlangt werden könnte. Der Aelteste sollte unter dem Titel „Regierender" im Namen seiner Brüder das Directorium der Landesverwaltung übernehmen. Anfangs lebten auch alle sieben Brüder in der Residenz Gotha zusammen ; bald aber trennten sie sich und nahmen 1680 dem Wunsche ihres Vaters entgegen eine förmliche Landestheilung vor und so entstanden sieben Fürstenlinien , die nach den Residenzen benannt wurden.
Friedrich , als der älteste der Söhne bekam das meiſte,
nämlich außer 8 Aemtern im Fürstenthum Gotha auch noch die Aemter : Altenburg , Leuchtenburg und Orlamünda. Außerdem wurde festgesezt , daß die Nachkommen Friedrichs , wenn eine der anderen Linien ausstürbe ,
bei der Theilung 2 Theile bekommen
sollten, weshalb später noch ein großer Theil von Altenburg hinzukam. burg ,
Friedrich nahm seinen Siß zu Gotha , Albrecht zu CoBernhard
Christian
zu
zu Meiningen ,
Eisenberg ,
Heinrich zu Nömhild,
Ernst zu Hildburghausen , und
Johann Ernst zu Saalfeld. Von diesen neuen Fürſtenlinien starben schon mit ihren Begründern aus : Coburg ( 1699) , Eiſenberg ( 1707), Römhild ( 1710).
Geben wir zuerst einige kurze Notizen
über die gothaische Linie.
Um neue Bersplitterungen zu ver-
hüten , führte Herzog Friedrich I von Gotha 1683 in seinem Hauſe das Erstgeburtsrecht ein . Wie wichtig diese Bestimmung war , ers wies sich bei dem Tode seines Sohnes Friedrich II († 1732 ), denn derselbe hinterließ von seinen 18 Kindern auch 7 Söhne.
außer 2 Töchtern
Jezt kam nur der älteste derselben, Friedrich III
zur Regierung , während die sechs jüngeren alle in Kriegsdienste traten. Friedrich hatte , wie es den Fürsten der kleineren Länder
362
VI.
Die Herzöge aus dem ernteftinischen Hause.
damals eigen gewesen zu sein scheint , eine große Vorliebe für das Militär, hielt 8 Regimenter, die er, gleich seinem Vater und Großvater an deutsche und auch nichtdeutsche Fürsten verlieh. Einer seiner Söhne , Prinz August (geb. 1747 , gest . 1806) war hollän= discher General, gab aber aus Liebe zu den Wissenschaften seine Stellung auf und begab sich auf Reisen. weimarischen Briefwechsel.
Er stand mit den großen
Dichtern Herder , Wieland und Goethe in stetem Auf Friedrich III († 1772) folgte Ernst II , einer
der einſichtsvollsten und tüchtigsten Regenten, welche das Herzogthum Gotha- Altenburg gehabt hat († 1804) ;
dann kam Herzog Ernsts
Sohn August an die Regierung († 1822) , dessen einzige Tochter Luise , mit dem Herzog Ernst von Coburg - Saalfeld vermählt ,
die
Mutter wurde des jezigen Herzogs Ernst von Coburg- Gotha und des Prinzen Albert , Gemahl der Königin Victoria von England . Weil Herzog August keinen Sohn hinterließ, so bekam ſein Bruder Friedrich IV das Land. Mit diesem erlosch 1825 die Linie Gotha- Altenburg. Die
meiningische
Linie
hatte
mit
Herzog
Bernhard ,
Ernsts des Frommen Liebling begonnen . Derselbe nahm zuerst Wohnung in Jchtershausen , dann siedelte er 1680 nach Meiningen über. Sein Land hatte eine Ausdehnung von nur 12 Quadratmeilen. Nach dem Tode Bernhards († 1706 ) folgten demselben seine drei Söhne der Reihe nach in der Regierung ; Ernst Ludwig regierte bis 1724 , dann Friedrich Wilhelm bis 1746 , und zulezt Anton Ulrich bis 1763. Dieser Leßtere hatte eine ungültige Ehe geschlossen , d . h. seine Gemahlin war keine Fürstentochter , und darum waren die aus der Ehe hervorgegangenen Söhne nicht successionsberechtigt .
Als die erste Gemahlin starb , vermählte sich der
Herzog zum zweitenmale ( 1750) und zwar mit einer Tochter des Landgrafen von Hessen- Philippsthal. Bei dem Ableben Anton Ulrichs waren seine Söhne noch unmündig ; deshalb kamen dieſelben unter Vormundschaft. Hierauf übernahm der älteste derselben, Herzog Carl die Regierung und führte dieselbe von 1775-1782 . Sein Bruder Georg , der jezt in der Regierung folgte, wurde ein wahrer Vater seines Landes.
Von seinen beiden Prinzessinnen ward Ida
(geb. 1794) die Gemahlin des Herzogs Bernhard von Weimar.
Der
Herzog starb schon 1803 und sein einziger Prinz, Bernhard Erich Freund zählte bei dem Tode des Vaters erst drei Jahre (geb. 1800). Die Wittwe Herzog Georgs, Luise Eleonore, eine geb. Prinzessin von Hohenlohe-Langenburg überkam die vormundschaftliche Regierung und fie hat dieselbe 18 Jahre lang troß der Ungunst der Zeiten zum
Herzog Ernst der Fromme von Gotha und dessen Nachkommen.
Segen des Landes geführt.
363
1821 übernahm Bernhard Erich Freund
die Regierung selbst. Die hildburghäuser Linie hatte zum Stifter den Herzog Ernst, sechsten Sohn Ernsts des Frommen. Er regierte von 1680 bis 1715.
Hildburghausen blieb das kleinste der ernestinischen Häuſer.
Ernst war ein Kriegsheld , diente dem Kaiser bei dem Entsaße von Wien 1683 , und dann in Ungarn ; später trat er in holländischen Kriegsdienst.
Er hinterließ zwei Söhne : Ernst Friedrich
und
Joseph , von denen der erstere fuccedirte. Joseph trat in öfterreichische Kriegsdienste. - Ernst Friedrich I regierte von 1715 bis 1724.
Von seinen beiden Söhnen übernahm der älteste , Ernst
Friedrich II
nach des
Vaters Tode die Regierung und führte
dieselbe von 1724-1745, während der jüngere, Ludwig Friedrich in holländische Kriegsdienste trat und 1759 als Generalfeldzeugmeister starb.- Auf Ernst Friedrich II folgte deffen ältester Sohn Ernst Friedrich Carl in der Regierung (regierte von 1745 bis 1780 ) ; der jüngere Sohn Friedrich Wilhelm Eugen trat erst in holländische , dann in dänische Dienste und starb in lepteren 1795 als General. daß
Die Schulden des Landes waren dermaßen angewachsen,
1769 eine kaiserliche Debitcommiſſion eintreten
mußte.
In
dritter Ehe war der Herzog vermählt mit Ernestine Auguste Sophie, der Tochter Herzog Ernst Augusts von Weimar .
Friedrich , sein
einziger Sohn , übernimmt 1780 die Regierung und führt dieselbe bis 1834. Die coburg - faalfeldische Linie war begründet worden durch Johann Ernst von Saalfeld , welcher seinen Sit in genannter Stadt nahm . Der Tod des Herzogs Albrecht von Coburg veranlaßte unter den übrigen Fürsten des
gothaischen Stammes einen
Erbstreit, der sich, weil auch Römhild und Eiſenberg inzwischen ausstarben , von 1699 bis 1735 hinzog ,
und so erlebte Johann Ernst
von Saalfeld , dem Coburg zugesprochen wurde , nicht das Ende des Seine beiden Söhne Christian Streites , denn er starb 1729. Ernst und Franz Josias regierten von 1729 bis 1745 die Lande gemeinschaftlich; dann führte nach des Ersteren Tode Franz Jostas bis 1774 die Regierung allein. Franz Josias zog nach Coburg .
Christian Ernst blieb in Saalfeld ; Dem Letteren werden wir wieder
begegnen in der Vormundschaftsangelegenheit des August Constantin von Weimar .
Herzogs
Ernſt
Franz Josias war ein tüchtiger
Regent. Unter seinen Söhnen zeichnete sich Friedrich Josias (geb. 1737, gest. 1815)
als
bedeutender Kriegsheld in österreichischen Diensten
6
364
aus .
VI.
Die Herzöge aus dem ernestinischen Hause.
Nach dem im Jahre 1764 erfolgten Tode des Herzogs Franz
Josias übernahm sein ältester Sohn Ernst Friedrich die Regierung und führte dieselbe bis 1800. Das Land war aber bereits so verschuldet , daß auch hier wie in Hildburghausen 1773 eine kaiserliche Debitcommission eintrat , die bis 1802 das Schuldenwesen regulirte. Auf Ernst Friedrich folgte sein ältester Sohn Franz (Friedrich Anton) , unter dessen Regierung beide Landestheile , Coburg wie Saalfeld 1806 von den Franzosen viel zu leiden hatten. Er starb im December 1806. Einer seiner Söhne, Ferdinand , vermählte sich 1816 zu Wien mit der Fürstin Marie Antoinette Kohary. (Aus dieser Ehe wurde Prinz Ferdinand der Gemahl der portugiesischen Königin Marie II 1836. ) Die Tochter Victoria vermählte sich in zweiter Ehe ( 1818 ) mit dem Herzog von Kent und wurde die Mutter der jeßigen Königin Victoria von England .
Der
jüngste Sohn Leopold wurde 1831 zum König der Belgier erwählt. Nach Herzog
Franz
kam
1806 sein
Sohn
Ernst
an
die
Regierung. Die Erben Friedrichs IV von Gotha - Altenburg waren also die Herzöge : Bernhard Erich Freund von Meiningen ; Friedrich von Hildburghausen und Ernst von Coburg - Saalfeld . Dieselben ließen zunächst die angefallenen Länder von dem Geheimen Ministerium in Gotha weiter verwalten und darauf kam am 12. Nov. 1826 folgender Theilungsvertrag zum Abschluß : 1 ) Der Herzog von Hildburghausen trat ſein Land ab und erhielt dafür das Herzogthum Altenburg mit Ausnahme des Amtes Camburg . 2) Der Herzog von Coburg trat Saalfeld ab und bekam dafür das Herzogthum Gotha , mit Ausnahme des Amtes Kranichfeld. Landestheile : Hildburghausen ,
3) Die abgetretenen
Saalfeld , und die Aemter Camburg
und Kranichfeld fielen dem Herzog von Meiningen zu.
1 Der Herzog Friedrich siedelte noch in demselben Jahre nach
Altenburg über und begründete die jeßige altenburgische Fürstenlinie.
Er starb 1834 und ihm folgte in der Regierung sein Sohn
Joseph, deffen Tochter Marie 1843 mit dem Erbprinzen , späteren König von Hannover , der aber 1866 sein Land verlor , vermählt wurde ; die zweite wurde 1848 mit dem Großfürsten Constantin, Sohn des Kaisers Nikolaus von Rußland , und die dritte 1852 mit 1848 mußte Großherzog Peter von Oldenburg vermählt. N O Herzog Joseph die Regierung niederlegen und dieselbe ging auf seinen Bruder Georg über , und nach dessen 1853 erfolgtem Tode dem
auf den jezigen Herzog Ernst (geb. 1818 ) .
Herzog Ernst der Fromme von Gotha und dessen Nachkommen .
365
Der Herzog Ernst von Coburg führte nun den Titel eines Herzogs von Coburg- Gotha.
Er starb 1844 und sein Sohn , der
jezige Herzog Ernst II (geb. 1818 ) übernahm die Regierung , während deſſen jüngerer Bruder Albert (geb. 1819 ) fich 1840 mit der Königin Victoria von England vermählte. Der Herzog Bernhard Erich Freund von Meiningen trat 1866 die Regierung an seinen Sohn ab, den jeßigen Herzog Georg (geb. 1826).
3
Siebenter Abschnitt .
Die weimarische Linie des erneßliniſchen Fürftenhauſes bis zur Annahme der Großherzoglichen Würde (1640–1815 ).
Herzog Wilhelm IV ( 1640-1662) . Welchen Antheil der Herzog Wilhelm als protestantischer Fürst an den Kämpfen des 30jährigen Krieges genommen hat , wie der= selbe mit zweien seiner Brüder zu den Ersten gehörte, welche gegen die Vergewaltigungen des katholischen Kaisers die Waffen ergriffen, wie er im Kampfe schwer verwundet in kaiserliche Gefangenschaft gerieth und , aus dieser entlassen sich doch nicht entbrechen konnte, im Bunde mit Gustav Adolf abermals gegen die Söldner des Reichsoberhauptes das Schwert zu ziehen , wie derselbe ferner durch seine mehrmaligen , rasch ausgeführten Werbungen zu den Erfolgen des Schwedenkönigs wesentlich mit beigetragen hat :
das Alles ist be=
reits im Vorhergehenden ausführlich berichtet worden und auch nicht minder wurde seines Beitrittes zu dem Prager Frieden 1635, durch welchen Schritt er seinem hartgedrückten Lande einige Erleichterung zu verschaffen
hoffte , schon
gedacht.
Nachdem
der Herzog seine
kriegerische Thätigkeit als abgeschlossen erachtete , widmete er sich einzig und allein der Regierung des Landes ; aber die allgemeinen Verhältnisse wie die speciellen des weimarischen Landes waren so trauriger Art , wie man sich dieselben kaum denken kann und hatten von ihrer Troftlosigkeit auch noch nichts verloren , als die drei Das Besißthum , Brüder 1640 zu einer Landestheilung schritten. welches dem Herzog Wilhelm zufiel, war freilich klein, denn es um-
367
Herzog Wilhelm IV (1640-1662).
faßte nur die Aemter Weimar , Jena , Burgau , Buttstädt, Kapellendorf, Berka , Ringleben und die Voigteien Schwansee , Brembach, Eine wesentliche Vergrößerung erfolgte Gebstedt und Magdala. dann wie bei seinem Bruder Ernst von Gotha durch die Theilung des Fürstenthums Eisenach , durch welche ihm die Aemter Eisenach, Creuzburg mit Marksuhl, Gerstungen, Haus Breitenbach und Lichtenberg mit der Stadt Ostheim zugetheilt wurden. Durch Vergleich mit dem Herzog Ernst erhielt er 1657 das Vorwerk Lüzendorf, trat aber dafür die Lehensherrlichkeit über die Grafschaft Gleichen und die an Schwarzburg verpfändete Herrschaft Oberkranichfeld ab. Bei der Theilung der hennebergischen Erbschaft ( 1660) kamen dann noch die Aemter Ilmenau , Kaltennordheim nebst den Waldungen in den Aemtern Wasungen und Sand, desgleichen das Jagdschloß ZillSämmtliche bei der Auseinandersehung der henne= bergischen Erbschaft betheiligte Fürsten einigten sich dahin , daß sie von jest ab in ihre Titel mit aufnehmen wollten : „ gefürsteter Graf zu Henneberg", und zwar sollte derselbe eingefügt werden nach den
bach hinzu.
Worten:
Markgraf zu Meißen. "
Die Regentengeschäfte waren unserm Herzog nicht neu , denn ſeit 1633 hatte er die Regierung bereits geführt und zwar bis zur Landestheilung zugleich auch mit für seine Brüder . Aber freilich gehörte jezt ganz besondere Weisheit dazu, bei dem traurigen Stande der Dinge , bei der allgemeinen Verarmung und theilweisen mora= lischen Verkommenheit der Bewohner zum Wiederaufblühen des schwer heimgesuchten Landes auch das Rechte zu treffen. aus
einer von
Wie sich
ihm gethanen und bereits angeführten Aeußerung
ergiebt , ging ihm schon während des Krieges der gänzliche Verfall des Kirchen- und Schulwesens und damit des wahren Christenthums sehr zu Herzen ; denn seiner ganz richtigen Auffassung zufolge find gute Christen sicherlich auch gute Unterthanen. Er ließ deshalb 1650 , noch vor der Feier des Friedensfestes eine Kirchen- und Schulvisitation vornehmen, sorgte für zweckmäßigere Einrichtung der Schulen und ordnete vor allen Dingen den Wiederaufbau der durch den Krieg zum Theil sehr verfallenen Kirchen, Pfarrwohnungen und Schulhäuser an.
Jezt konnte der Herzog endlich auch den Aufbau
des 1618 zum
Theil abgebrannten Residenzschlosses
wieder vornehmen.
zu
Weimar
Im Jahre 1651 wurde damit der Anfang ge=
macht und zu dem Ende reiste der Herzog mit seinem ältesten Sohne selbst nach Berka ,
um bei dem Fällen der Baumstämme auf dem
Tannrober Forste die ersten Schläge zu thun.
Bald nachdem der
368
VII.
Die weimarische Linie des ernestinischen Fürſtenhauſes.
Grund zum Schlosse gelegt war, begann der Herzog auch den Bau der großen steinernen Brücke hinter dem Schlosse und gleichzeitig ließ derselbe
die
Lindenallee anlegen , welche von der Brücke aus
nach dem Webicht führt.
Der Schloßbau wurde 1654
vollendet
und man nannte nun das Schloß nach seinem Erbauer die Wilhelmsburg. 1658 ließ der Herzog die Schloßkirche restauriren, über der= selben eine neue Kuppel erbauen und das Innere des Gotteshauſes überhaupt verschönern .
Bei der feierlichen Einweihung am 28. Mai,
seinem Namenstage , traf derselbe die Bestimmung , daß jährlich an diesem Tage in der Schloßkirche eine Predigt zum Gedächtniß der Einweihung gehalten und nach dem Gottesdienste an die Stadtarmen Brod und Geld vertheilt werden sollten.
Unter die Geistlichen , die
Lehrer an der Schule und die Schüler zu Weimar sollte gleichzeitig die Summe von 100 Gulden zur Vertheilung kommen. Der Tag wird noch heute unter dem Namen des „ kleinen Wilhelmstages " ge= feiert.
1659 ließ
der
Herzog den Bau eines Schlosses zu Jena
beginnen als zukünftige Residenz seines jüngsten Sohnes Bernhard . Der Herzog Wilhelm war wie für das geistige Gedeihen seiner Unterthanen so nicht minder auch für deren leibliches Wohl sehr be= sorgt.
Den bei Antritt seiner Regierung gänzlich darniederliegenden
Gewerbfleiß und Handel suchte er auf alle Weise zu heben und half auch dem verfallenen Ackerbau wieder auf, und gerade in diesen beiden Beziehungen bot sich seiner Thätigkeit ein reiches Feld . gute Rechtspflege hielt er streng.
Auf
Mit seinem Bruder Ernst theilte
er die treue Anhänglichkeit an die protestantische Kirche.
Hatte er
während des Krieges für deren Erhaltung das Schwert geführt , so forgte er nun als Landesfürst für die weitere Kräftigung derselben. In seiner Jugend war der Herzog an fleißiges Lesen in der Bibel gewöhnt worden und auch in den späteren Jahren schöpfte er seinen besten Trost aus der heiligen Schrift , besuchte fleißig den öffentlichen Gottesdienst und hörte den Predigten so aufmerksam zu , daß er dieselben mit eigener Hand nachschrieb und damit einen starken Folioband füllte ,
welcher noch vorhanden ist.
Auf die Erziehung
seiner Söhne verwendete er ganz besondere Sorgfalt, denn er wollte fie zu frommen Menschen und tüchtigen Regenten heranbilden. So in jedem Bezuge ausgezeichnet hatte er sich der treuen Liebe und Anhänglichkeit seiner Unterthanen in hohem Maße zu erfreuen . Ruhig und gefaßt, mit Gebet und unter frommen Gesprächen brachte er seine lezten Lebenstage zu. Am 17. Mai 1662 ging Herzog Wilhelm zur ewigen Ruhe ein und erhielt seine Grabstätte in der
Die Söhne Wilhelms IV in gemeinschaftl. Regierung (1662-1672).
Schloßkirche.
369
Der Ausspruch seiner Mutter kurz vor ihrem Tode
hatte sich vollständig bewahrheitet : Wilhelm hatte es wohlgemacht. Aus seiner Ehe mit Eleonore Dorothea , geb. Prinzessin von Anhalt -Dessau waren 7 Söhne und 2 Töchter hervorgegangen, von denen ihn Johann Ernst (geb. 1627 ) ,
Adolf Wilhelm ( geb.
1632), Johann Georg ( geb. 1634), Bernhard (geb. 1638) und die Tochter Dorothea Marie überlebten.
Lettere war seit 1656
vermählt mit dem Herzog Morit zu Sachsen- Zeiß.
Die Söhne Wilhelms IV in gemeinſchaftlicher Regierung (1662-1672). Nach dem Willen des verstorbenen Herzogs sollten seine vier Söhne sich nicht in das Land theilen , aber auch nicht am gleichen Orte ihre Residenzen aufschlagen , sondern der älteste, Johann Ernst behielt selbstverständlich seinen Wohnsiz in Weimar, während Adolf Wilhelm in Eisenach, Johann Georg in Marksuhl und Bernhard in Jena ihre Hofhaltungen einrichteten. Brüdern
nur
ein sogenannter
Es wurde unter den
Mutschirungsvertrag
abgeschlossen,
welcher die Vertheilung der Landeseinkünfte beſtimmte. Die Regierung übernahm Johann Ernst zugleich im Namen seiner Brüder. Aus den von ihm erlaſſenen Gesezen ist besonders die Kirchenordnung hervorzuheben ( 1664) . Während der Regierung Johann Ernſts wurde Erfurt von Kurmainz völlig in Besitz genommen (5. October 1664), obgleich es sich bisher immer noch ganz entschieden geweigert hatte, die kurmainziſche alleinige Oberhoheit anzuerkennen .
Die Be-
mühungen der Erfurter auf dem Friedenscongreß zu Münster und Osnabrück , gänzliche Reichsfreiheit zu erlangen , die hierauf erfolgten
Auflehnungen führten
waren gescheitert ;
nur dahin , daß die
Reichsacht über die Stadt ausgesprochen wurde , zu deren Vollzug der Kurfürst von Mainz sogar französische Truppen benußte , welche eben aus Ungarn zurückkehrten. So wurde mitten in Deutschland durch ausländische Söldner eine Stadt unter die mainzische Oberhoheit gezwungen.
Das sächsische Fürstenhaus kam dabei
schlecht
weg , da ihm außer der Schußgerechtigkeit noch andere Hoheitsrechte mit ihren Nuhungen über Erfurt zustanden. Um die Sache auszugleichen, löste Kurmainz die erfurtischen Pfanddörfer Tonndorf und Mühlberg wieder zurück , gab dagegen aber alle Ansprüche an das Amt Kapellendorf, das Friedrich der Weise 1508 an ſein Haus ge= 24 Kronfeld, Landeskunde. I.
370
VII.
Die weimarische Linie des ernestinischen Fürstenhauses.
bracht hatte , und
an das Dorf Großrudestedt ,
welches
Johann
Friedrich der Großmüthige den Erfurtern wegen einer entstandenen Mißhelligkeit 1535 hatte wegnehmen lassen , gänzlich auf. Dagegen verloren die ernestinischen Fürsten die Schuhgerechtigkeit und übrigen Hoheitsrechte über Erfurt mit allen damit in Verbindung stehenden Nuzungen ; desgleichen auch die Lehensherrlichkeit über die aus 16 Dörfern bestehende Grafschaft Vieselbach, nebst noch mehreren anderen Rechten und Nußungen .
( Vertrag
vom 20. December 1665
Leipzig und 29. Januar 1666 zu Erfurt. )
zu
Die für das ernestinische
Haus immerhin ſehr ungünſtigen Verträge waren durch Vermittelung Kursachsens abgeschlossen worden, das seinen Antheil an den Hoheitsund Schuhgerechtsamen ohne Weiteres an Kurmainz abtrat , man sagt , weil die kursächsischen Minister durch große Geldsummen und werthvolle Geschenke gewonnen worden waren , und so blieb den Herzögen der ernestinischen Linie nichts übrig , als sich in das Unvermeidliche zu fügen. · Der eine von den vier fürstlichen Brüdern , Herzog Adolf Wilhelm in Eisenach , welcher in schwedischen Kriegsdiensten bis zum Generalmajor aufgerückt war, starb schon 1668. bereits
vier Prinzen
im Tode vorausgegangen
Wilhelm August wurde erst
Es waren ihm
und
der
fünfte,
geboren 9 Tage nach dem Tode des
Herzogs (30. November) , starb aber schon im Februar 1671.
Jm
folgenden Jahre starb , wie bei Herzog Ernst von Gotha bereits erwähnt wurde , das altenburgische Haus mit Friedrich Wilhelm III aus ( 14. April 1672). Bekanntlich hatte sich diese Linie 1603 von dem weimarischen Hause abgezweigt, also noch vor der Zeit, ehe sich dasselbe in die Linien Weimar und Gotha theilte.
Jezt war aller=
dings Herzog Ernst von Gotha der Senior des gesammten ernestinischen Hauses und darauf gestützt beanspruchte derselbe das ganze Herzogthum Altenburg. Die Söhne Wilhelms machten aber gleichfalls Erbansprüche geltend und begründeten dieselben damit, daß ihr Vater früher geboren sei als Herzog Ernst.
Der letztere überließ
daher laut Theilungsvertrag vom 16. Mai 1672 seinen weimariſchen Neffen 1/4 des Landes, nämlich die Aemter Dornburg, Allstedt, Roßla mit Stadt Sulza, doch ohne Salzwerk, Bürgel, Heusdorf, Hardisleben sammt der Hoheit über das Amt Remda und das Gericht Apolda. Außerdem trat ihnen ihr Miterbe Herzog Ernst das Amt Kraienberg (Tiefenort) ab.
Der Todesfall in Eisenach sowie die unerwartete
altenburgische Erbschaft führten leider zu einer wirklichen Theilung des Landes . Johann Ernst und Bernhard behielten ihre Wohnsize
Die herzogliche Nebenlinie zu Eisenach (1672-1741 ).
371
bei (Weimar , Jena) , während Johann Georg nach Eisenach übersiedelte. Da indeß die jenaische Linie bald ausstarb (Bernhard starb 1678 und sein einziger Sohn Johann Wilhelm 1690 im 16. Lebensjahre an den Blattern) , so führte das endlich 1691 die lezte Theilung herbei und nun erft wollen wir angeben , welche Landestheile eigentlich jeder der beiden Brüder , resp. deren Erben in Besit be= kommen hatten, ohne deshalb hohen Werth darauf zu legen , da im nächsten Jahrhundert endlich beide Landestheile wieder unter einem Scepter vereinigt und vor einer abermaligen Zerstückelung gesichert wurden. Johann Ernst zu Weimar , bezüglich deſſen Erben, befaßen die Aemter : Weimar, Oberweimar, Berka, Niederroßla, Ilmenau , Buttstädt , die Voigtei Brembach und das Zillbacher Forstamt. Aus der jenaiſchen Theilung fielen ihm die Aemter zu : Dornburg , Bürgel , Kapellendorf , Heusdorf , die Voigteien Magdala und Gebstedt, die Stadt Buttelstedt, die Dörfer Döbritschen und Wiegendorf und die Hoheit über Apolda . Johann Georg zu Eisenach und seine Erben hatten die Aemter inne : Eisenach, Creuzburg mit Markfuhl, Kaltennordheim , Ringleben , Gerstungen mit Haus Breitenbach, Lichtenberg mit Ostheim , Kraienberg und die Voigtei Schwansee. Zu diesen kamen bei der jenaischen Theilung Jena , die Zillbach,
die Aemter Alſtedt,
welche Johann Ernst zur Ausgleichung abtrat,
die Hoheit über Remda, die Vorwerke Schwabsdorf und Döbritſchen und das Directorium über das Pfandamt Fischberg , über welches später gehandelt werden wird.
Die herzogliche Nebenlinie zu Eiſenach ( 1672 — 1741 ) . Johann Georg I (geb. 1634) hatte als Sohn Herzog Wilhelms IV zu Weimar eine sehr sorgfältige Erziehung genossen , bildete sich auf Reisen weiter aus und trat 1656 in kurbrandenburgische Kriegsdienste. In dem Kriege gegen die Polen kämpfte er als Oberst mit so besonderer Auszeichnung, daß er bei dem Kriege des deutschen Reiches gegen Frankreich 1674 bis zur Würde eines kaiserlichen Generalfeldmarschalls emporstieg , als welcher er 1677 bei Straßburg ein besonderes kaiserliches Corps von 10 000 Mann unter seinem Befehle hatte. Durch seine Vermählung mit Johannette, Tochter des Grafen Ernst von Sahn und Wittwe des Landgrafen Johann von HessenBraubach fiel ihm ein Theil der auf dem Westerwalde gelegenen 24**
372
VII.
Die weimarische Linie des ernestinischen Fürstenhauses .
Grafschaft Sayn zu , nämlich die Aemter Friedewald , Freißberg , Altenkirchen und Benndorf. Er nahm deshalb eine Zeit lang seinen Auftenhalt in Friedewald .
In den Regierungsgeschäften unterstüßte
ihn auf das Beste sein Statthalter und geheimer Rath, der Burggraf Georg Ludwig von Kirchberg zu Farnroda , gegen welchen er sich durch Verleihung von mancherlei Vorrechten und Freiheiten für die Herrschaft Farnroda dankbar bezeigte. Johann Georg hatte einen sehr schnellen Tod , denn am 19. September 1686 traf ihn auf der Jagd ein Schlaganfall, als er eben auf einen Hirsch schießen wollte. Um einer Zersplitterung seines Ländchens vorzubeugen, führte er testamentarisch das Erstgeburtsrecht in seiner Familie ein. Johann Georg II übernahm als ältester Sohn des Hauses (der erstgeborene Prinz Friedrich August war bayrischer Oberst und starb 1684 zu Preßburg an einer Wunde, die er bei der Belagerung von Ofen bekommen hatte) die Regierung , während sich der jüngere Johann Wilhelm mit den von mütterlicher Seite ererbten Gütern und der Grafschaft Sayn , die jährlich 20 000 Gulden abwarfen, begnügen mußte.
Johann Georgs Regierung dauerte nicht lange,
denn er starb 1698 an den Blattern. Ein Erinnerungszeichen an ihn besigt Eisenach in der Gottesacker- oder Kreuzkirche, welche er 1692 erbauen ließ.
Weil er kinderlos starb, so kam sein Bruder
Johann Wilhelm an die Regierung ( 1698-1729) und dieser hat die ihm gewordene Aufgabe mit großer Weisheit durchgeführt. Beseelt von einem heiligen Eifer für die Religion schrieb er selbst ein Andachtsbuch, das er zum Gebrauch für seine Kinder und Diener drucken ließ. Ein segensreiches Werk von ihm ist die Umgestaltung der Eisenacher Schule , welche Johann Friedrich der Großmüthige bereits zur Provinzialschule erhoben hatte ( 1544) zu einem Gymnasium (1707).
Der Herzog war als guter Haushalter in der
Lage, mancherlei Bauten auszuführen .
Wir nennen unter denselben
das Lustschloß Wilhelmsthal ( 1711 ) die Wiedererrichtung des im Bauernkriege 1525 zerstörten Salzwerkes bei Creuzbutg , das nach ihm
Wilhelmsglücksbrunn
Waisen
und Zuchthaus
genannt
wurde ( 1716)
und
das
in Eisenach ( 1717) das an die Stelle
der niedergerissenen Gebäude von dem ehemaligen Karthäuserkloster zu stehen kam. Obwohl Johann Wilhelm viermal vermählt geweſen war, hinterließ er bei seinem Tode ( 1729) doch nur einen Sohn, Wilhelm Heinrich , welcher von 1729-1741 das Eisenacher Land regierte.
Bei seiner großen Vorliebe für die Jagd that er
373
Herzog Johann Ernst II zu Weimar (1672—1683).
besonders viel für Verschönerung des Luftschlosses Wilhelmsthal. Aus keiner seiner beiden Ehen erblühte ihm Nachkommenschaft und deshalb fiel bei seinem Tode das Fürstenthum Eisenach an Weimar , so daß nun endlich die durch die Theilungen von 1672 und 1691 herbeiDer Antheil geführte Zersplitterung wieder ausgeglichen wurde. Wilhelm Heinrichs an der Grafschaft Sayn fiel an den Markgrafen von Anspach.
Herzog Johann Fruft II zu Weimar ( 1672 – 1683) . Ueber die Thätigkeit Johann Ernsts II während der gemeinschaftlichen Regierung wurde das Nöthige schon mitgetheilt. Mit der gleichen Umficht sorgte er später auch für ſein kleines Land nach der Theilung von 1672.
Um demselben die Kriegslasten, namentlich die
Einquartierungsnoth in dem seit 1674 zwischen dem deutschen Reiche und dem ländersüchtigen Könige Ludwig XIV von Frankreich geführten Kriege zu ersparen, schloß er gleich den übrigen sächsischen Herzögen 1676 mit dem Kaiser Leopold einen Vertrag dahin ab , daß gegen Stellung eines Truppencorps das Land von jeglicher Einquartierung verschont blieb. Das Corps ließ Johann Ernst aus eigenen Mitteln anwerben und ausrüsten und zur kaiserlichen Armee im Elsaß stoßen. Nach einigen Kämpfen mit den Franzosen blieb dasselbe bis zum Friedensschluß (1679 zu Nimwegen) in Straßburg stehen. Aber mitten im Frieden entriß der übermüthige Franzosenkönig bekanntlich dem deutschen Reiche 1681 einige wichtige Besitzungen , namentlich das feste Straßburg , welcher Gewaltact voraussichtlich einen neuen Krieg herbeiführen mußte. Zur Abwehr fremder Einquartierung errichtete deshalb der Herzog Johann Ernst mit sämmtlichen Fürſten ernestinischer wie albertinischer Linie 1682 einen Allianzvertrag zu Dresden; allerdings eine Maßregel, welche dem vorsorglichen Landesherrn zum Kuhme gereicht , welche aber gleichwohl bei der machtlofen Regierung des deutschen Reiches als überflüssig erschien , denn keine Hand regte sich, um die von Frankreich angethane Schmach zu rächen. Der Herzog starb schon am 15. Mai 1683. Auf der Gedächtnißmünze, welche ihm zum Andenken geprägt wurde, wird er der Fromme, der Friedfertige, der Gelassene genannt. Diese Eigenschaften machten auch wirklich die vornehmsten Züge seines Charakters aus.
Er war
ein aufrichtiger und treuer Verehrer und Beförderer der evangelischen Wahrheit. Aus seiner Regierung sei nur noch erwähnt, daß er 1680
374
VII.
Die weimarische Linie des ernestinischen Fürstenhauses.
den Bünauischen Antheil am Gute zu Tannroda mit den Dörfern Eichelborn und Nauendorf erwarb und in eben dem Jahre das Bergwerk in Ilmenau, das seit 1624 auflässig gewesen war, wieder in Angriff nehmen ließ. Dasselbe gehörte den Fürsten des ernestinischen Hauses gemeinschaftlich. Die Gemahlin Johann Ernsts II, Christiane Elisabeth, geborene
Herzogin zu Schleswig - Holstein , war vier Jahre früher gestorben. Aus der Ehe waren drei Töchter und zwei Söhne hervorgegangen. Die älteste Tochter Anna Dorothea wurde 1685 Aebtissin zu Quedlinburg ; die zweite , Wilhelmine Christiane , die Gemahlin des Fürsten Christian zu Schwarzburg - Sondershausen ; die dritte, Eleonore Sophie , die Gemahlin des Herzogs Philipp zu SachsenMerseburg.
Von den beiden Söhnen : Wilhelm Ernst (geb. 1662) und Johann Ernst III (geb. 1664) übernahm der erstgenannte die Regierung.
Herzog Wilhelm Gruft (1683-1728) . Wohl hätte Wilhelm Ernst den geseßlichen Bestimmungen gemäß noch eines Vormundes bedurft , da er bei dem Tode seines Vaters das 21. Lebensjahr noch nicht erreicht hatte ; aber in dem aufgerichteten Testamente hatte Johann Ernst seinen Sohn für volljährig erklärt. Daher trat derselbe nach seines Vaters Tode sofort die Regierung an, gleichzeitig mit für seinen damals abwesenden jüngeren Bruder Johann Ernst , und er hat sich den Regierungsgeschäften nach jeder Richtung hin mit so großem Eifer und warmem Interesse für das Wohl seiner Unterthanen unterzogen, daß wir in ihm einen der ausgezeichnetsten Regenten des weimarischen Fürstenhauses verehren.
Die beiden Brüder nahmen zwar nach Johann Ernsts glück-
licher Rückkehr die Landeshuldigung gemeinschaftlich vor , verglichen sich aber bald wegen der Einkünfte des Landes und der gemeinschaftlichen Regierung und Wilhelm Ernst führte dieselbe, wenn auch im Namen seines Bruders , doch fast ganz selbständig , was freilich später unter den Beiden zu vielen Zwistigkeiten führte . Ueberhaupt war der Herzog in seinem Familienleben nicht glücklich.
Im Dc=
tober 1683 hatte er sich mit Charlotte Marie, der nachgelassenen Prinzessin des Herzogs Bernhard zu Jena vermählt ; aber die Ehe wurde für beide Theile eine so wenig friedliche und glückliche , daß Das Collegium, dieselbe 1690 wieder getrennt werden mußte.
Herzog Wilhelm Ernst (1688-1728).
welches
über die beiderseits gehabten
375
Eheirrungen entschied , hatte
sich zwar dahin ausgesprochen, daß es nach vollzogener Ehescheidung beiden Theilen freistehe , sich anderweit zu verheirathen ; aber von diesem Rechte machte kein Theil Gebrauch. Der Herzog fand fortan seine größte Freude in der Ausübung seiner Regierungsgeschäfte. Im September 1689 starb der lezte Herzog von Sachſen-Lauenburg, Julius Franz , auf seinem Schlosse zu Reichstadt in Böhmen. Auf sein erledigtes Fürstenthum im niedersächsischen Kreise hatte das sächsische Haus ernestinischer Linie gegründete Erbansprüche , und diese waren dem Kurfürsten Friedrich dem Beisen und seinem Bruder Johann sammt deren ehelichen männlichen Leibeserben im Jahre 1507 vom Kaiser Maximilian I feierlich bestätigt worden . Die Originalurkunde
wurde vielleicht
während der Vormundschaft des
Kurfürsten August über Herzog Johann Wilhelms unmündige Söhne ebenso dem weimariſchen Staatsarchive entfremdet , wie zu gleicher Beit auch die Urkunde wegen der hennebergiſchen Erbschaft ; vielleicht auch hatte die ernestinische Linie ihr Erbrecht nicht ordentlich gewahrt; kurzum , Kurfürst Johann Georg II wußte im Jahre 1660 vom Kaiser Leopold die Bestätigung der Erbnachfolge für sich und seine männlichen Nachkommen zu erwerben und Johann Georg III ließ sich die
seinem Vater gegebene Zuſage 1687
Kaiser erneuern.
von demselben
Als nun der lezte Herzog von Sachsen-Lauenburg
mit Tode abgegangen
war , nahm der Kurfürst von Sachsen das
Land in Besig. Der Herzog Georg Wilhelm von Braunschweig-Celle glaubte aber ein größeres Recht darauf zu haben , verdrängte die Besaßung wieder, trat dann mit Kursachsen in Unterhandlung und erlangte auch von diesem gegen eine Entschädigungssumme von 700 000 Thalern das Aufgeben aller Erbansprüche. Die ernestiniſchen Herzöge erhoben zwar gegen diese Entziehung ihres Erbes feierlich Protest ; aber umsonst. Es wurde ihnen weiter nichts zugestanden, als was seiner Zeit in der Jülich- Cleveschen Erbschaftsangelegenheit auch das Endresultat gewesen war : sie durften hinfüro den Titel mit annehmen, Herzöge zu Engern und Westphalen. War jenes Bemühen um Vermehrung des Landbeſizes erfolglos geblieben, so trat ganz unerwartet dennoch ein Zuwachs ein , indem im November 1690 der Prinz Johann Wilhelm zu Jena im 16. Lebensjahre starb. Im Jahre 1704 erwarb der Herzog noch von Sachsen-Gotha die Herrschaft Oberkranichfeld, sowie die Dörfer Heida, Neusis und halb Schmerfeld. Noch einmal entstand eine Differenz mit Kursachsen und zwar betraf dieselbe einen ähnlichen Fall wie
376
VII.
Die weimarische Linie des ernestinischen Fürstenhauses.
den lauenburgischen
Erbschaftsstreit.
Zwischen
den Kurhäusern
Brandenburg und Sachsen schwebten Differenzen , die sich noch aus der Zeit des westphälischen Friedensschlusses herschrieben. Jm 1 December 1697 wurden dieselben erledigt , indem Kursachsen an Kurbrandenburg die hohen Rechte an dem Stifte und der Stadt Quedlinburg mit den dazu gehörenden Aemtern , so wie die Reichsvoigtei mit dem Schulzenamte in der Stadt Nordhausen einseitig, d . h. ohne vorherige Uebereinkunft mit den sächsischen Fürsten ernestinischer Linie, welche ebenfalls Berechtigungen auf jene Stücke inne hatten, für 300 000 Thaler abtrat. Das sächsische Gesammthaus besaß seit mehr als 300 Jahren die Schußgerechtigkeit über das Stift Quedlinburg , und dieses hatte daher meiſtentheils Aebtiſſinnen aus dem sächsischen Fürstenhause. Die derzeitige Aebtissin Anna Dorothea war eine Schwester der weimarischen Herzöge. Wenn also Brandenburg die Oberhoheit zu erlangen suchte , so mußten selbstverständlich auch die Ernestiner um ihre Zustimmung gefragt werden , was aber nicht geschah. Das gesammte ernestinische Fürstenhaus protestirte dagegen und erhob Klage bei dem Kaiser ; aber wiederum ohne Erfolg. Noch ein anderer eigenthümlicher Fall ereignete sich in eben dem Jahre 1697. Der Graf Anton Günther von SchwarzburgArnstadt war in den Fürstenstand erhoben worden und hatte durch Zahlung von 200 000 Thalern einseitig den Kurfürsten von Sachsen zur Verzichtleistung auf die Landesherrnrechte veranlaßt, weil Arnstadt zum sächsischen Fürstenhause im Lehensverbande stand . Der Oberhoheit Weimars suchte sich der neue Fürst zu entziehen , obwohl ein vollständiges Lehensverhältniß bestand ; denn bei dem Ableben Johann Ernsts II von Weimar mußte Anton Günther auf Befehl nicht nur selbst Trauer anlegen sondern solche auch in seinem Lande anordnen , wurde zu dem Leichenbegängniß nach Weimar befohlen und am 29. Mai 1684 von den Söhnen Johann Ernsts mit der Herrschaft Arnstadt, Plauen und Schloß Kefernburg aufs Neue belehnt.
Wilhelm Ernst ließ sein Recht in Schriften vertheidigen und die nöthigen Verordnungen nach Arnstadt ergehen , aber ohne damit einen Erfolg zu erzielen. Um nun seinen Mandaten , Befehlen und Patenten den nöthigen Nachdruck zu verleihen , schritt er zur militärischen Execution .
Mit Zustimmung des Kurfürsten von Sachsen als damaligem Reichsvicar ließ der Herzog im Juli 1711 unter dem Oberbefehle des Obersten v. Rumrod 1500 Mann Reiterei und
Fußvolk nebst einigen Kanonen nach Arnstadt abgehen. Die beigeordnete Commission mußte die bisher unterdrückten Befehle und An-
1
377
Herzog Wilhelm Ernst (1683--1728).
ordnungen noch nachträglich anschlagen. Bei dieser Gelegenheit wurden einige arnstädtische Räthe und Diener , welche sich nicht fügen wollten, gefangen nach Weimar abgeführt. Der Fürst Anton Günther beschwerte sich hierüber bei den Reichsgerichten, erlebte aber den Austrag des Streites nicht , denn er ging
1716 mit Tode ab
und die Herrschaft Arnstadt fiel an den Fürsten Günther zu Sondershausen, welcher sich 1731 mit dem Nachfolger Wilhelm Ernsts , dem Herzog Ernst August in der Güte verglich. Bevor wir über die landesväterliche Regierung Wilhelm Ernsts speciell berichten, sei nur noch erwähnt , daß während seiner Regierungszeit drei große Kriege die Ruhe Europas störten , von denen aber keiner das Thüringerland speciell berührte und nur bei dem dritten
Durchmärsche
lästigten.
Der
und Einquartierungen die
erste
war der
Coalitionskrieg
Unterthanen gegen
be=
Frankreich
(1688-1697) , den die Franzosen bekanntlich mit jenen berüchtigten Mordbrennereien begannen, durch welche 1200 Ortschaften am Rheine in Asche gelegt wurden.
Die ernestinischen Fürsten stellten das ihnen
zuertheilte Contingent von zwei
Regimentern Fußvolk und ließen
dasselbe an den Rhein marschiren.
Obzwar große kriegerische Ereig-
nisse
nicht
vorkamen ,
so wurde die Angelegenheit doch erst 1697
durch den Frieden von Ryswick beigelegt. nischen Erbfolgekrieges
(1701-1714)
Auch während des spa-
blieb
Thüringen verschont
und nur bei dem sogenannten nordischen Kriege trat jene Belästigung ein, deren eben gedacht wurde.
König Karl XII von Schweden be-
kämpfte (1700-1718) feine Gegner Rußland , Polen und Dänemark ,
welche mit einander ein geheimes Bündniß gegen ihn ge-
schlossen hatten. König von Polen war damals Kurfürst August II von Sachsen (seit 1697), und deshalb rückte Karl XII 1706 auch in das Kurfürstenthum Sachsen , stand längere Zeit bei Leipzig und seine Truppen drangen bis in das weimarische Land . So war ein= mal eine Abtheilung sächsischen Militärs von 1500 Mann versprengt worden, kam am 18. September der Ilm entlang gezogen und setzte sich in Niederroßla bei Apolda fest , von wo dieselbe durch nachrückende Schweden bis nach Liebstedt verfolgt wurde. nung
Wilhelm
Ernsts
wurden
schleunigst an
den
Auf AnordStraßen und
Grenzen des Landes Säulen errichtet, mit rother und weißer Farbe umwunden und mit einer Tafel versehen , auf der geschrieben stand F. Weimar (Fürstenthum Weimar) .
Man begegnete den ungebetenen
Gästen, welche sich einige Zeit im Lande aufhielten, überall zuvorkommend und kam mit Lieferung von Lebensmitteln und Fourage glücklich davon,
378
VII.
Die weimarische Linie des ernestinischen Fürstenhauses .
Erwähnen wir nun zuerst Wilhelm Ernsts besondere Vorliebe für Kirchen und Schulen.
1693 versah derselbe die Haupt- und
Stadtkirche in Weimar mit einem besonderen Stiftsprediger und zweiten Diakonus, um den übrigen Geistlichen ihre Amtsgeschäfte zu erleichtern . Nach seiner Anordnung sollte der Stiftsprediger fleißig katechisiren und über Luthers Katechismus der Jugend Unterricht ertheilen. Die Besoldung desselben wies er aus der fürstlichen Kammer an, überließ aber gleichwohl das Patronatsrecht über die von ihm gestiftete und 1696 im April stiftete dotirte Stelle dem Stadtrath zu Weimar. der Herzog einen Freitisch für 12 arme Schüler aus der ersten Klaſſe der damaligen Stadt- und Landschule zu Weimar, welche der Herzog bald in ein Gymnasium umgestaltete. 1703 ordnete er in der alten Jakobskirche zu Weimar eine besondere katechetische Betstunde an, welche Mittwochs mit den Hausarmen gehalten werden sollte. 1710 hielt er mit den sämmtlichen Geistlichen seines Landes eine Synode in Weimar ab, um mit denselben mancherlei geistliche Angelegenheiten gemeinschaftlich zu besprechen. 1712 wurde von ihm die weimarische Stadtschule in ein Gymnasium verwandelt , das noch heute seinen Namen trägt : Wilhelminum Ernestinum .
Weil das alte Schulgebäude sehr unzweckmäßig ein-
gerichtet war, so ließ er dasselbe abbrechen und das noch jezt stehende Gymnasialgebäude aufführen , das am 30. October als am Geburtstage des Herzogs 1716 feierlich eingeweiht wurde. Inzwischen hatte Wilhelm Ernst an die Jakobskirche einen besonderen Prediger berufen. In diesem alten Gotteshause waren bisher nur Leichenpredigten, aber sonst keine ordentlichen Gottesdienste abgehalten worden. Das Gebäude war so wandelbar, daß eine Reparatur nicht genügend gewesen wäre, um demselben einen längeren Fortbestand zu sichern.
Der
Herzog ließ deshalb die alte Kirche 1712 vollständig niederlegen und an deren Stelle ein neues Gotteshaus ,
die noch jezt bestehende
St. Jakobskirche erbauen , deren feierliche Einweihung am 6. Nov. 1713 stattfand.
Im December des nächsten Jahres wurde dieselbe
zu einer Pfarrkirche erhoben , von dem Herzog aus seinen eigenen Mitteln dotirt, das Patronatsrecht über dieselbe aber ebenfalls wie das über die Stiftspredigerstelle dem Stadtrath zu Weimar übertragen. Gleichzeitig mit der Jakobskirche ließ der Herzog in Weimar auch ein Waisenhaus erbauen, in welchem verlassenen Waisen Nahrung, Kleidung , Pflege und religiöse Erziehung gewährt werden sollte. 1715 wurden die ersten zwölf Waisen in dasselbe aufgenommen.
379
Herzog Wilhelm Ernst (1683-1728).
Um sich zu überzeugen, daß auch in den Orten außerhalb Weimar, namentlich in den Dörfern den Vorschriften für das kirchliche Wesen getreulich nachgekommen würde und man überall die Katechismusübungen einhalte , ließ der Herzog 1715 durch das ganze Land eine Specialkirchenvifitation vornehmen .
Seine treue Anhänglichkeit und
Liebe zur evangelischen Lehre bethätigte er am Reformationsjubelfeste 1717 ; denn er ließ dasselbe nicht bloß drei Tage , am 31. October, 1. und 2. November, kirchlich begehen und Gedächtnißmünzen prägen, sondern er gründete auch eine Stiftung, indem er gleich seinem Großvater Herzog Wilhelm IV eine Summe Geldes dazu bestimmte , daß deren Zinsen alljährlich am 30. October, seinem Geburtstage an die Geistlichen, Lehrer und Schüler und die Armen zu Weimar vertheilt würden. Bis auf den heutigen Tag hat sich diese Stiftung unter dem Namen des großen Wilhelmstages " erhalten und alljährlich wird am genannten Tage durch Gottesdienst in der Jakobs- oder Hofkirche und durch Actus im Gymnasium das Andenken an den hochherzigen Fürsten erneuert, wobei die Zinsen von dem Stiftungscapitale von 5000 Gulden zur Vertheilung kommen.
Laut Stiftungs-
urkunde sollen an diesem Tage auch die Armen bedacht und ihnen 20 Gulden an barem Gelde und so viel Brod vertheilt werden, als man aus 12 Scheffeln Korn backen kann . Im Jahre 1726 stiftete Herzog Wilhelm Ernst zur Ausbildung künftiger Prediger und Lehrer ein Predigers und Schullehrerseminar. Im ersteren sollten sich 13 Candidaten des Predigtamtes im Predigen, Katechisiren , Disputiren u . s. w. üben. Das Lehrerseminar war dazu bestimmt, daß 13 junge Leute , welche künftig Lehrer auf dem Lande werden wollten , im Singen , Katechisiren und in der Art zu unterrichten ordentlich unterwiesen und angeleitet würden . Die Zöglinge dieser Anstalt sollten sodann bei eintretenden Vacanzen vor allen anderen Bewerbern berücksichtigt werden. Alle diese Anordnungen beweisen , daß Wilhelm Ernst ein reges Interesse am firchlichen und schulischen Leben seines Landes bethätigte. Nicht minder rühmenswerth iſt ſeine Liebe für Künſte und Wiſſenschaften. Daß der Herzog an der Baukunst ein besonderes Wohlgefallen hatte, beweisen die von ihm aufgeführten Gebäude, von denen wir bis jezt die Jakobskirche und das Gymnasium zu Weimar erwähnten. 1706 begann derselbe den Bau des freundlichen Schloſſes Ettersburg. Für die Pflege der Wissenschaften war Wilhelm Ernst nicht bloß dadurch thätig, daß er das Schulwefen zu heben und zu fördern
380
VII.
Die weimarische Linie des ernestinischen Fürstenhauses.
suchte , sondern indem er Sammlungen theils neu gründete , theils schon bestehende vermehrte. So erhandelte derselbe im Jahre 1700 das berühmte Haugwißische Cabinet , welches von dem sächsischen Geschichtsschreiber W. E. Tenzel in Berlin zuvor in Ordnung ge= bracht worden war. Es bestand dieses Cabinet in lauter sächsischen Medaillen und großen und kleinen Münzen. Der Herzog ließ dasselbe mit der bald hernach zu Leipzig erkauften Lorenzischen Kunstkammer nach Weimar bringen.
Ein ganz besonderes Verdienst erwarb
er sich durch Vermehrung der schon früher angelegten fürstlichen Handbibliothek. Dieselbe war bereits ansehnlich angewachsen durch den aus der fürstlich jenaischen Erbschaft erhaltenen , ferner durch den von den Erben des Landschaftscaffendirectors M. Gerhard von Lilienheim
erhandelten ,
und
durch den
aus der
Gudischen
Bibliothek zu Hamburg durch Vermittelung des Professors Schurzfleisch erstandenen Büchervorrath.
1703 erwarb der Herzog auf Ver-
anlassung des Hofmarschalls v. Reinbaben die Bibliothek des Barons v. Logan in Breslau , welche dieser unter Aufwand von vielen Kosten angesammelt hatte. Zur Empfangnahme derselben wurde der Aufseher der fürstlichen Kunst- und Naturalienkammer in Weimar im März 1704 nach Breslau geschickt, und dieser brachte die Sammlung in drei Schiffen auf der Oder stromabwärts, nahm seinen Weg durch den Finow-Kanal in die Havel, von dieser in die Elbe, um schließlich aus derselben in die Saale einzufahren und in Halle zu landen. Den großen Umweg hatte man wohl nur deshalb gewählt , um die Bücher vor Beschädigung zu bewahren , welcher sie bei dem weiten Landtransporte ungleich mehr ausgesetzt gewesen wären. Von Halle aus wurden die Kisten auf 12 Wagen und 8 Karren nach Weimar übergeführt.
Die Einrichtung der Bibliothek wurde dem berühmten
Profeffor zu Wittenberg, Conrad Samuel Schurzfleisch, aufgetragen, welcher deshalb etlichemal im Jahre bis gegen das Ende seiner Tagë nach Weimar reiste, um nach getroffener Einrichtung die Oberaufsicht zu führen. Nach seinem Ableben ließ dessen Bruder, der Consistorialrath Heinrich Bernhard Schurzfleisch in Weimar die von jenem ererbten auserlesenen Bücher von Wittenberg nach Weimar schaffen und überließ dieselben dem Herzog als Geschenk. Jest war die Büchersammlung schon eine ziemlich beträchtliche, weshalb zu deren Aufbewahrung im fürstlichen Schlosse drei an einander stoßende Zimmer eingeräumt wurden. Bei dem Schloßbrande 1774 wurde die Bibliothek glücklich gerettet und von der Herzogin Anna Amalia in das sogenannte französische Schlößchen übergesiedelt, woselbst sich dieselbe noch heute befindet . Das Gebäude
381
Herzog Wilhelm Ernst (1683-1728).
hat durch einen Anbau 1845 eine wesentliche Erweiterung erfahren. Auch für das geheime Haupt- und Staatsarchiv in Weimar hat der Johann Sebastian Müller , bekannt als Verfaſſer der sächsischen Annalen (Zeitraum 1400-1700), bekam 1693 den Auftrag, die vorhandenen Urkunden , Briefschaften , Acten 2c. zu ordnen Herzog gesorgt.
und in zwei großen, feuerfesten Räumen des Schlosses unterzubringen. Ganz besonders richtete Wilhelm Ernst seine Aufmerksamkeit auch auf Handel und Gewerbfleiß in seinem Lande und war eifrigst bestrebt , beides nach Kräften zu fördern. Um den Verkehr in den kleineren Städten des Landes zu heben, verlieh er einer Anzahl derselben neue Jahrmärkte ( Sulza, Buttstädt, Tannroda, Remda, Berka , Rastenberg und Apolda) und suchte den rascheren Verkehr zwischen den größeren Städten durch eine von ihm 1687 angelegte Schnellpost zu heben. In dem legten Viertel des 17. Jahrhunderts waren in verschiedenen deutschen Ländern Fabriken entstanden und hatten
dort den Wohlstand der Unterthanen
wesentlich verbessert.
Den Impuls zu dem Aufschwunge der Gewerbthätigkeit in Deutschland gab die Vertreibung der Hugenotten oder Protestanten aus Frankreich durch die Aufhebung des Edictes von Nantes am 8. October 1685.
Jene Vertriebenen , über eine halbe Million Menschen,
wandten sich nach Deutschland , wo man ihnen überall die gastfreundlichste Aufnahme gewährte, denn es waren lauter rührige und thätige Leute, welche in den bisher von den Deutschen betriebenen Gewerben. manche Verbesserungen einführten und sogar einige , bis daher bei uns ganz unbekannt gewesene in das Leben riefen , wie z. B. die Seidenweberei und Strumpfwirkerei. Wo sich die Einwanderer in größerer Zahl niederließen, da erblühte ein regeres, frischeres Leben auf dem Gebiete des Gewerbes.
Der Herzog Wilhelm Ernst wünschte
auch, seinem Lande die Segnungen einer erhöhten Gewerbthätigkeit zuzuwenden und sein Geheimrath und Hofmarschall Anton Günther v. Schwarzenfels trat deshalb
mit einem unternehmenden Leipziger
Geschäftsmanne Namens Dorn in Unterhandlung.
Dieser hielt die
Einführung der Strumpfmanufactur für die geeignetſte *) ; ſein Plan wurde gebilligt und Dorn reiste 1690 nach Berlin und Brandenburg , woselbst sich die Strumpfwirkerei durch eingewanderte Franzosen eingebürgert hatte , und brachte von dort einige 30 Wirkerstühle ,
gleichzeitig
auch
einige
Strumpfwirkerfamilien
*) Geh. Haupt- und Staatsarchiv in Weimar. Acten. B. 5022.
mit
nach
Strumpfwirker-Manufactur
382
VII. Die weimarische Linie des ernestinischen Fürstenhauses .
Weimar. *) Das war der erste Anfang zu einem Manufacturgeschäfte, das nicht bloß in der Stadt Weimar bald einen bedeutenden Aufschwung nahm , sondern das sich auch in den übrigen Städten des Landes heimisch machte , denn wir finden die Strumpfwirkerei außer in Apolda bald auch in Jena , Buttstädt, Buttelstedt, Rastenberg , Sulza , Dornburg , Magdala , Tannroda und Berka. Nach den Intensionen des Herzogs Wilhelm Ernst sollte aber der Hauptsiz der Manufactur in Weimar sein und die Oberaufsicht über das Ganze dem dortigen Manufacturcollegium übertragen werden. Zu dem Ende erließ derselbe unter dem 20. September 1713 ein Manufacturreglement ,
was zwar
den
damaligen Zeitverhältnissen
angepast war, gegenwärtig aber um seiner fast barbarisch zu nennenden Strafbestimmungen willen unsere gerechte Verwunderung hervorruft ; denn es war unter anderm mit festgesezt , daß hinfort kein Strumpfwirker mehr auf dem Lande wohnen , sondern in die Stadt ziehen sollte und wer nicht binnen sechs Wochen dieser Bestimmung nachkomme , dem sollten die Stühle zerschlagen werden.
Auf einen
Punkt legte das Reglement ganz richtig das Hauptgewicht : es sollte nur tüchtige Waare geliefert werden. men ,
daß
auf
Weil man nun wahrgenom =
den hölzernen und halbeisernen Stühlen keine so
dauerhafte und saubere Waare gefertigt werden konnte wie auf den eisernen, so sollten die hölzernen Stühle von besonders dazu verordneten, geschworenen Personen sofort - zerschlagen werden. Troß aller Bevorzugung der Fabrikation in
Weimar
ließ sich aber doch nicht
hindern, daß die apoldaische über jene bald das Uebergewicht erhielt, denn 1724 waren in der Stadt Weimar 316 Wirkerstühle im Gange, in Apolda dagegen
481.
Der Herzog Wilhelm Ernst hatte aber
die Genugthuung , daß durch seine Fürsorge infolge des neueingeführten Erwerbszweiges mehrere Tausende seiner Unterthanen einen hinreichenden Verdienst hatten.
Weniger glücklich war der Herzog
in Anlegung einer förmlichen französischen Colonie in Weimar (1716) , durch welche eine Gold- und Silberwaarenmanufactur, Seiden- und Sammetweberei 2c. eingerichtet werden sollten. **) Durch Patent vom Januar 1717 wurden den sich niederlassenden Franzosen viele Freiheiten gestattet.
Dieselben sollten nicht nur freie , unge-
*) In dem genannten Jahre war auch in Apolda der erste Strumpfwirkerstuhl eingeführt worden und zwar durch einen dortigen Posamentirer und Handelsmann Namens Eschner , der ihn von einer weiten Geschäftsreise mit dahin brachte. **) Geh. Haupt- und Staatsarchiv in Weimar. B. 7409. 7426. 7429.
Herzog Wilhelm Ernst (1683-1728).
383
hinderte Religionsübung genießen , sondern unter einem besonderen Consistorium stehen , eigene Jurisdiction haben , und der über die Colonie gesezte Director sammt Prediger, Richter und Cantor sollten zu ewigen Zeiten auf fürstliche Kosten erhalten werden. Auf Rechnung des Herzogs wurde ein Magazin errichtet , aus welchem die Franzosen sowohl die benöthigten Werkzeuge als auch das nöthige Material zur Arbeit erhielten. Es hatten sich 20 Emigranten eingefunden ; die
Angelegenheit kam jedoch nicht recht in Fluß ; viel-
mehr gingen einige der Arbeiter unter Hinterlassung von Schulden bei Nacht und Nebel auf und davon. Schon 1717 wurde der ernannte Director , ein Franzose , seines Postens wieder enthoben und die Sache verlief im Sande. Großer Fürsorge hatte sich die Stadt Weimar von Seiten des Herzogs auch in anderer Beziehung zu erfreuen , indem derselbe auf ihre Vergrößerung besonders Bedacht nahm. Vor dem Frauenthore wurde von 1718 an eine neue Vorstadt angelegt. Wilhelm Ernst gab ein Stück vom sogenannten welschen Garten zu Baupläßen ab , ließ die Scheunen vor dem Frauenthore ankaufen und so entstand die Marienstraße. Durch Patent wurde bekannt gemacht , daß diejenigen , welche Bläße von herrschaftlichem Grund und Boden zum Bauen begehrten , dieselben unentgeltlich bekommen und alle dort neugebauten Häuser 15 Jahre lang steuerfrei ſein ſollten. Zwei Wüstungen in seinem Lande ließ der Herzog wieder aufbauen : Schöndorf am Ettersberge unweit Weimar (wahrscheinlich der erste Anfang im Jahre 1700) und Wersdorf zwischen Niederroßla und Pfiffelbach an der Straße von Apolda nach Buttstädt erſtanden wieder ( 1713) .
So ließ der Herzog auch Sonnendorf und beförderte die Vergrößerung Stüberbachs bei Ilmenau , zu deffen Kirchbau derselbe 1716 einen bedeutenden Beitrag gab. Ferner erwarb er das Rittergut Großcromsdorf , auf welchem er sich häufig aufhielt. bei
Stadtfulza
wie
Das Angeführte beweist also , daß der Herzog Wilhelm Ernſt ein rechter Landesvater für sein Land sorgte. Er selbst ging
anlegen (1700 )
seinen Unterthanen in allen Stücken mit einem rühmlichen Beispiele voran.
Von jeglicher Pracht und allem unnöthigen Aufwande war
er ein Feind ; deshalb sette ihn seine sparsame Hofhaltung auch in den Stand, bedeutende Summen für Bauten zu allgemein nüzlichen Zwecken und zu anderen Einrichtungen in Bereitschaft
zu haben.
Die ganze Art und Weise seiner thatkräftigen und umsichtigen Regierung schloß aber auch eine Mitbetheiligung seines jüngeren Bruders
384
VII.
Die weimarische Linie des ernestinischen Fürstenhauses.
Johann Ernst III (geb. 1664) vollständig aus.
Durch das
Testament des Vaters war zwar auch Johann Ernst zur Mitregierung bestimmt ; aber er hatte seinem Bruder vertragsmäßig gleich bei dem Beginn der Regierung verschiedene Vorrechte eingeräumt und das führte in der Folge zu so ernstlichen Zwisten , daß der jüngere Bruder, obschon alle Verordnungen im Namen beider Brüder ergingen , sich von den Regierungsgeschäften fast gänzlich fern hielt. Johann Ernst III starb schon 1707. Derselbe war zweimal vermählt gewesen, nämlich zuerst mit Sophie Auguste , einer Prinzessin von Anhalt-Zerbst, welche nach neunjähriger Ehe starb (1694) , und schon nach zwei Monaten vermählte sich der Herzog abermals und zwar mit Charlotte Dorothea Sophie , einer Prinzessin von HessenHomburg , die ihn 31 Jahre überlebte. Während ihres Wittwenstandes erbaute sie in Weimar das sogenannte gelbe Schloß.
Von
seinen 5 Söhnen und 4 Töchtern überlebten ihn nur zwei Prinzen, nämlich Ernst August (geb. 1688 ) aus der ersten , und Johann Ernst IV (geb. 1696) aus der zweiten Ehe. Da beide bei dem Tode des Vaters noch minderjährig waren , so übernahm ihr Oheim Wilhelm Ernst
die Vormundschaft über dieselben und zwar über
den jüngsten bis zu dessen 1715 erfolgendem Tode , während Ernst August 1709 als Mitregent eintrat. Der Herzog Wilhelm Ernst starb am 26. August 1728 , betrauert von seinen Unterthanen , in deren Herzen er sich ein unvergängliches Denkmal gesezt hatte.
Herzog Ernst August als Mitregent ( 1709-1728). Ernst August, der zweitgeborene Sohn Johann Ernsts III , erhielt in seiner Jugend eine so tüchtige Vorbildung , daß er in Be= gleitung seines Erziehers , des nachherigen Geheimrathes und Obermarschalls Fr. Gotthelf Marschall , genannt Greif, schon in seinem 14. Jahre ( 1702) die Universität Halle beziehen konnte. Aufenthalte
von drei Jahren
Nach einem.
ging hierauf der Herzog von dort
nach Jena, um auch hier die berühmtesten Männer zu hören , begab sich dann auf eine längere Reise nach dem westlichen Deutschland, nach Holland und Frankreich und wollte von hier nach England. In Paris erhielt er die Nachricht von dem Ableben seines Vaters und eilte deshalb zurück nach Weimar. für mündig
erklärt
worden
war ,
Sobald Ernst August 1709
trat
derselbe auf Grund der
Herzog Ernst August als Mitregent (1709-1728) . früheren Verträge
mit in die Regierung ein.
385
Sein Stiefbruder
Johann Ernst IV starb 1715 zu Frankfurt a. M. im 19. Lebensjahre; somit bestand die eigentliche weimarische Linie nur noch aus den Herzögen Wilhelm Ernst und Ernst August , und das veranlaßte den Lezteren , an seine Vermählung zu denken . Gemahlin die hinterlassene Wittwe des Herzogs
Er erkor sich als Friedrich Erdmann
zu Sachsen- Merseburg : Eleonore Wilhelmine , geborene Fürstin zu Anhalt-Köthen.
Im Januar 1716 fand die Verbindung statt.
So
wenig sich Herzog Johann Ernst III mit seinem Bruder Wilhelm Ernst in Regierungsangelegenheiten vertragen hatte , eben so wenig war zwischen Wilhelm Ernst und Ernst August in Betreff der Regierung ein einheitliches Wirken zu erzielen ; im Gegentheil führte die Meinungsverschiedenheit
zu
immer
größeren Differenzen
und
ſchließlich ließen sich beide Landesherren in ihrer Erregung so weit hinreißen, daß von jedem einzeln ein gedrucktes Mandat erſchien, in welchem er seine Rechte und Befugnisse zu behaupten suchte ( 1719) . Der Streit dauerte mehrere Jahre, bis endlich Herzog Johann Wilhelm zu Eisenach 1723 die Parteien in Güte mit einander verglich.
Um unter seinen eventuellen Nachfolgern dergleichen Zer=
würfnissen in Regierungsangelegenheiten ein für allemal vorzubeugen, führte Ernst August mit Zustimmung seines Oheims Wilhelm Ernst in seiner
Familie
das Primogenitur- oder Erstgeburtsrecht
ein (1724), was auch von Kaiser Karl VI bestätigt wurde. Seiner Vorliebe für Bauten gab Ernst August schon während der Mitregentschaft einen lebendigen Ausdruck , indem er 1723 das eingegangene Dorf Koppanz im Juſtizamtsbezirke Jena , zwiſchen Ammerbach und Bucha gelegen, wieder aufbauen ließ. In demselben Jahre faßte er auch noch den Plan zur Erbauung des jeßigen , viel besuchten Schlosses Belvedere , südlich von Weimar , und brachte seinen Vorsatz 1724 zur Ausführung. Ursprünglich nannte man das Schloß wegen der herrlichen Aussicht Bellevue. Dasselbe sollte nur ein Jagdhaus sein ; bald aber wurde auch ein Vorwerk dabei angelegt mit einer zahlreichen Menagerie von allerlei meist auswär= tigen Thieren ; dann erfolgte die Anlage einer Orangerie und schließlich wurde das Ganze mit einer hohen Mauer umgeben. Die Mauer ist später wieder eingelegt worden, das Vorwerk und die Menagerie hat man eingehen lassen und nunmehr ist die ganze Anlage der Schloßgebäude mit dem dahinter befindlichen Parke , der sich in den dichtanschließenden Wald hineinzieht , bis heute eine wahre Perle in der Umgebung Weimars und für Einheimische wie für Fremde der be= 25 Kronfeld , Landeskunde. I.
386
VII.
Die weimarische Linie des ernestinischen Fürstenhauses.
suchteste Erholungsort.
Kaum war das Schloß , in welchem Erust
August ein glückliches Familienleben zu führen gedachte , vollendet, als ihm der Tod im August 1726 seine Gemahlin entriß. Zur Zerstreuung nach dem erlittenen schweren Verluste unternahm der Herzog 1727 mit einem ansehnlichen Gefolge eine Reise über Carlsbad, Regensburg , Passau und Linz nach Wien, dann nach Ungarn , von wo die Reise bis nach Belgrad ausgedehnt wurde. Auf der Rücktour wurde er in Wien am kaiserlichen Hofe mit großer Auszeichnung behandelt und verkehrte besonders viel mit dem Prinzen Eugen von Savoyen.
Bald nach seiner glücklich erfolgten Heimkehr wurde Ernst
August durch eine schwere Krankheit dem Tode nahe gebracht , und kaum wieder genesen, mußte er wegen des Ablebens seines Oheims, des Herzogs Wilhelm Ernst , die Alleinregierung des weimarischen Landes übernehmen (1728). Damit begann zwar eine glänzende, aber zugleich auch eine oft recht drückende Zeit für seine Unterthanen.
Die Alleinregierung Serzog Eruft Augufts ( 1728-1748) . Fast wollte es scheinen, als habe Ernst August durch die früheren Berwürfnisse mit seinem Oheim allen Geschmack an den Regierungsgeschäften verloren ; denn nach dem Tode desselben bestätigte er den durch langjährige treue Dienste erprobten vortrefflichen Freiherrn von Reinbaben in der Würde eines Geheimrathes , machte ihn zum Präsidenten aller Collegien, überließ ihm die Regierungsgeschäfte und zog dann wieder nach Ettersburg , wohin ihm auch die Mittheilung über Wilhelm
Ernsts
Ableben
überbracht worden
war ;
hierauf
siedelte er nach Ilmenau über und kehrte erst Ende Mai 1729 nach Weimar wieder zurück, woselbst ihm die Bürgerschaft einen feierlichen Empfang bereitete.
Freilich war die energische Regierungsweise des
verstorbenen Herzogs Wilhelm Ernst manchem recht unbequem gewesen und man hoffte an Ernst August einen recht
milden Regenten zu
bekommen ; die Enttäuschung folgte aber bald.
Ernst August bestand
nicht nur in allen Stücken in sehr schroffer , herrischer Weise auf strengster
Durchführung seines
Willens ,
sondern seine Liebe zur
Pracht, im scharfen Gegensahe zu der einfachen Hofhaltung seines Vorgängers , sowie seine Vorliebe für das Militär lasteten gar bald wie ein drückender Alp auf dem Lande und stürzten dasselbe in große Schulden.
Wenige Tage nach seinem Einzuge in Weimar traf von
Wien die Nachricht ein ,
daß
ihn der Kaiser Karl VI zu seinem
Die Alleinregierung Herzog Ernst Augusts ( 1728-1748) . wirklichen
Generalfeldmarschalllieutenant
ernannt
habe.
387
Dadurch,
wurde seine Neigung für das Militärwesen nur noch gesteigert und er unterhielt in seinem kleinen Lande , von dem man zur Veranschaulichung des Größenverhältnisses gegen den jezigen Umfang des Großherzogthums nicht nur den Eisenacher und Neustädter Kreis, sondern auch die Aemter Jena, Bieselbach, Großrudeſtedt und Allstedt mit Oldisleben noch hinwegrechnen muß, so viel Soldaten, daß man faum begreifen kann , wie das Land eine solche Last hat tragen können.
Es bestanden damals : ein Regiment Garde - Cavallerie, ein
Regiment Garde-Infanterie, ein Regiment Huſaren, ein Städteregiment und ein Artilleriecorps . Als im Jahre 1730 der Kurfürst August II von Sachsen und König von Polen in der Nähe von Mühlberg an der Elbe ein großes Manöver abhielt , ließ Ernst August auf er= gangene Einladung ein Bataillon Grenadiere , eine Escadron Reiter und eine Compagnie junger Edelleute zu Pferde, welche alle auf das Glänzendste ausgerüstet waren , dahin abrücken, wovon er vielen Ruhm erntete.
Seine Unterthanen waren aber desto unzufriedener, und der
Unmuth steigerte sich noch, als der Herzog nach seiner Ernennung zum kaiserlichen General der Cavallerie ( 1733 ) zwei starke Regimenter Reiterei und Fußvolk anwarb , um dieselben theils
nach Italien,
theils nach dem Rheine zu dirigiren und zu den österreichischen Truppen stoßen zu laſſen. Wenn auch unter den Angeworbenen sich viele Ausländer befanden, so war doch die Mehrzahl aus dem Weimariſchen und dadurch wurden dem Ackerbau und den Gewerben viele Kräfte entzogen, ganz abgesehen davon, daß die Ausrüstung so vieler Mannschaften die Schuldenlast des Landes abermals vergrößerte. Im Zusammenhange mit seiner Vorliebe zum Militär stand der Bau einer großen Schanze , welche Ernst August unter dem Namen der Falkenburg zwischen Weimar und Belvedere 1732 anlegen ließ, die indeß unter der Regierung seines Sohnes 1756 wieder geschleift wurde. Bei der Vollendung jenes Baues stiftete Ernst August dem Kaiser zu Ehren den Ritterorden der Wachsamkeit oder vom weißen Falken ( 2. August 1732).
Den Falken, das Sinn-
bild der Wachsamkeit , wählte er , um jeden Ritter zur Wachsamkeit in seinem Berufe , zur Treue und Ergebenheit in seinem Amte zu ermuntern ; daher auch der Wahlspruch : ,,vigilando ascendimus." Die weiße Farbe sollte auf die Aufrichtigkeit deuten , welche die Ordensglieder sowohl gegen den fürstlichen Stifter als auch unter sich an den Tag legen sollen.
25*
388
VII.
Die weimarische Linie des ernestinischen Fürstenhauses .
1730 ließ der Herzog den Bau des Schloßthurmes vornehmen . Herzog Wilhelm Ernst hatte das Geläute zur Jakobskirche und auch das zur Schloßkirche neu gießen lassen .
Während aber das erstere
an seinen Bestimmungsort gebracht werden konnte, mußte das leßtere im Schloßhofe so lange unter einem besonderen Glockenhause stehen bleiben, bis der alte Schloßthurm einer gründlichen Reparatur unterzogen worden war. Zu dem Ende wurde derselbe 1730 bis auf den unteren massiven Theil gänzlich abgetragen und dann wieder neu aufgeführt und würdigen Standort.
damit erhielt das schöne Geläute auch einen
Ein anderer Bau machte dem Herzog alle Ehre. Schon Wilhelm Ernst hatte den Umbau der Haupt- und Stadtkirche in Weimar beginnen lassen ; aber seit 1727 war das Werk ins Stocken gekommen. Auf Ernst Augusts Anregung, welcher nicht nur selbst eine ansehnliche Summe zur Ausführung beiſteuerte, sondern auch seine höheren Civil-, Militär- und Hofbeamten zu reichlichen Beiträgen veranlaßte, wurde das Werk 1735 begonnen und 1738 vollendet , und dadurch hat die Stadt ein schönes, geräumiges und würdiges Gotteshaus erhalten. Ohne uns auf eine Beschreibung aller der vom Herzoge ausgeführten Schloßbauten einzulaſſen , ſei nur erwähnt , daß derselbe in Dornburg das mittlere von den drei daselbst stehenden Schloßge= bäuden , ferner die Schlösser in Niederroßla , Ilmenau , Eise = nach , sowie die kleineren Jagdschlösser zu Stüzerbach , Hirsch = ruf, Troistedt , Brembach und noch an anderen Orten , sowie das Jagdzeughaus in Berka a. I. hat aufführen lassen . Oft war der eine Bau kaum vollendet , als schon wieder ein anderer unternommen und vielleicht nicht einmal völlig durchgeführt wurde. Unter den vielen Bauten hat aber keiner ihm so viel zu schaffen ge= macht und so viele Unannehmlichkeiten bereitet
als der Bau des
Schlosses zu Apolda , von welchem heutzutage auch nicht eine Spur mehr zu sehen ist. Wenn wir uns hierbei sowie bei Darlegung der dortigen Verhältnisse etwas länger verweilen , so geschieht es nur, um bei dieſer Gelegenheit zu zeigen , in welcher ungerechten , ja oft despotischen Weise Ernst August zu verfahren pflegte. Die Verhält= nisse in der genannten Stadt wichen von denen in den anderen Städten des
Landes
insofern
wesentlich ab , als die Akademie zu
Jena laut Dotationsbrief von 1633 als Erbnachfolgerin der Herren v. Vißthum das dasige Rittergut mit allen darauf ruhenden Gerech= tigkeiten überkommen hatte. Zu den Gerechtigkeiten gehörte auch zum nicht geringen Verdrusse Ernst Augusts
die volle Gerichtsbar-
Die Alleinregierung Herzog Ernst Augusts (1728-1748).
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keit über Apolda. Auf Veranlassung des Herzogs Wilhelm Ernst hatte die Akademie die eigene Bewirthschaftung des Gutes 1697 aufgeben und in eine Verpachtung umwandeln müssen. gleichzeitig
damit
Verpachtung der
Gegen eine
zu verbindende und vom Herzog vorgeschlagene Gerichtsbarkeit
wehrte sich aber die Universität
mehrere Jahre , weil alsdann die Gefahr nahe lag , daß eine übertriebene Ausnutzung der Gerichtssporteln und dergleichen eintreten konnte, gab aber endlich 1704 der von der Regierung aufgestellten Proposition nach. Wirklich erhob auch nach Ablauf von einigen zwanzig Jahren der Rath zu Apolda bei der Regierung eine Beschwerde , als würde zu viel sportulirt ; vielleicht geschah die Klage mehr in der Absicht, um von der Schloßgerichtsbarkeit loszukommen , als wegen wirklicher Uebervortheilung . Herzog Ernst August ließ darauf hin 1729 , noch besonders dazu verleitet durch seinen intriguanten Hofrath Langgut den 64 Jahre alten Gerichtsverwalter zu Apolda verhaften , nach Weimar transportiren und aus dem Archive fast sämmtliche Actenstücke und die ganze Correspondenz der Akademie mit ihren bisherigen Gerichtsverwaltern nach der genannten Stadt überführen.
Zugleich wurden alle Getreidevorräthe auf dem Schloſſe,
die vorräthige Wolle und das ganze Inventar des Arrestanten mit Beschlag belegt und auf herzogliche Anordnung das Gut sequestrirt. Dadurch kam natürlich das Aerarium der Akademie in bedeutenden Nachtheil, denn der Herzog ließ weder das rückständige Pachtgeld auszahlen, noch wurde während der Sequestration, die bis Walpurgis 1731 dauerte , irgend etwas an die Akademie entrichtet. Der da= durch entstandene Pachtverlust belief sich auf 3168 Gulden. Die Akademie bat schriftlich um Freilassung ihres Gerichtsverwalters und legte gleichzeitig ein gutes Wort mit ein für die Stadt Apolda , sie mit den harten militärischen Maßregeln zu verschonen ( 1729 hatte der Herzog 50 Mann zur Landmiliz ausheben lassen und außerdem der Stadt anbefohlen, auf ihre Kosten noch zwei Campagnien Stadtsoldaten zu
errichten ,
während
die gesammte Einwohnerzahl des
Ortes damals wohl nicht mehr als 2000 Seelen betrug) ;
aber der
Herzog blieb ungerührt. Der Akademie wurde sogar von der Regierung schuld gegeben , daß sie um die „ Betrügereien und Schelmenstreiche", welche freilich niemals erwiesen werden konnten , gewußt habe , und daß sie mit ihrem Gerichtshalter unter einer Decke stecke. Bei so bewandten Umständen war es der Universität wahrlich nicht zu verdenken, wenn sie den Schuß der übrigen ernestinischen Herzöge anrief; denn wegen der unaufhörlichen Querelen gingen bereits
390
VII.
Die weimarische Linie des ernestinischen Fürstenhauses.
mehrere der berühmtesten Professoren ernstlich damit um , Jena zu verlassen (1734). Alle güklichen Vorstellungen der übrigen Nutritoren der Universität waren bei Ernst August vergebens ; selbst die Zusammenkunft ihrer Abgeordneten in Apolda blieb ohne Erfolg. Ja als 1737 bei Apolda auf akademischem Grund und Boden Mineralquellen entdeckt wurden, nahm der Herzog ohne weitere Umstände und ohne der Akademie irgend welche Entschädigung dafür zu bieten 25 Acker des besten Landes und einen Baumgarten weg, ließ Anlagen darauf errichten und für sich in der Nähe der Quellen ein Schloß erbauen , befahl 1738 dem Stadtrathe in Apolda bei 2000 Thaler Strafe, die vollständige Polizeiverwaltung in der Stadt zu übernehmen und somit auch in dieser Hinsicht die Jurisdiction des Schloßgerichtes zu schmälern, und ließ ferner den Syndikus der Universität, als dieser wegen Geschäften in Weimar anwesend war, ohne weiteren
Grund arretiren und auf sechs Wochen in das Ge-
fängniß sperren. Gleichwohl versuchten die Miterhalter der Universität 1739 nochmals eine gütliche Ausgleichung , sahen sich aber endlich , da Alles nichts fruchten wollte, genöthigt , ihren Vetter wegen des eigenmächtigen Verfahrens bei dem Kaiser Karl VI zu verklagen. Infolge dessen erschienen kurz hinter einander fünf kaiserliche Man= date (dat. Wien , den 4. , 5. und 7. April , Laxenburg , den 3. und 9. Mai 1740) , in welchen dem Herzog Ernst August das eigenmächtige Vorgehen streng untersagt wurde. Das erste gebot bei „Poen zwanzig Mark löthigen Goldes ", die auf den akademischen Wiesen , Gärten , Kraut- und Hanfländern errichteten Gebäude abbrechen, überhaupt Alles wieder in vorigen Stand bringen zu laſſen und der Universität allen deshalb erlittenen Schaden zu restituiren. In dem zweiten wird dem Herzog bei derselben Strafe aufgegeben, den durch die Arretirung des akademischen Gerichtsverwalters und die weiterhin veranlaßte Sequestration des Gutes erfolgten Pachtverlust von 3168 Gulden zu restituiren und die nach Weimar übergeführten Acten und Schriftstücke ungefäumt wieder zurückfolgen zu lassen.
Eben so streng waren auch die nachfolgenden Mandate ab-
gefaßt und die Quinteſſenz derselben war , der Herzog solle „ nicht mehr via facti, sondern juris verfahren. “ Dem Herzog Ernst Auguſt war natürlich schon das rasch auf einander folgende Eintreffen der kaiserlichen Verordnungen
höchst
unangenehm ; aber sein Unwille
steigerte sich noch, als plözlich jene Mandate gedruckt erschienen und überall verbreitet wurden. Mit Unrecht hielt man den akademischen Senat für den Urheber des Schrittes ; der Druck war in Meiningen
Die Alleinregierung Herzog Ernst Augusts (1728-1748).
391
auf Veranlassung der sächsischen Herzöge und zur Rechtfertigung ihres Vorgehens gegen ihren Vetter geschehen. Troßdem wurde gegen die
Professoren
scharf inquirirt und dieſe rechtfertigten sich
von dem Verdachte durch öffentliche Schriften und wiesen nach, daß die ganze Turbation von dem vorhin genannten Hofrath ausgehe. Nach einigen
Jahren
kam
Ernst August selbst zur Einsicht und
machte jenem unsauberen Patrone geradezu den Vorwurf , daß er nur durch ihn mit aller Welt verfeindet worden sei. Der kaiserlichen Mandate ungeachtet
war
dennoch an eine vollständige Abstellung
der Beschwerden nicht zu denken , sondern erst nach Ernst Auguſts Tode wurde während
der vormundschaftlichen Regierung der Aka-
demie zu dem versprochenen Schadenersaß verholfen , die herrschaftlichen Gebäude am Gesundbrunnen zu Apolda wurden abgetragen, die Heilquellen verschüttet und Alles wieder in vorigen Stand ge= bracht. Die vielen Kränkungen , welche infolge jener Vorgänge der Akademie von Herzog Ernst Auguſt damals zugefügt worden sind, haben seine hochherzigen Nachkommen und Regierungsnachfolger durch ihre väterliche Fürsorge für die berühmte Hochschule wieder ausgeglichen und vergessen gemacht. Während Ernst August 1741 in Ilmenau weilte , wurde ihm am 26. Juli die
unerwartete Nachricht überbracht , daß der lezte
Herzog in Eisenach gestorben sei. Durch diesen Todesfall wurden die beiden Fürstenthümer Weimar und Eisenach nun wieder vereinigt. Der Herzog ließ sofort den größten Theil seiner Miliz an Reiterei und Fußvolk in das Eisenachiſche und Jenaiſche marschiren und durch besondere Commissarien von allen Aemtern , Kammergütern, Forsten 2c. Besit ergreifen.
Wegen eines Theiles des Eise-
nacher Oberlandes, nämlich wegen des Amtes Fischberg, jezt Dermbach , gerieth der Herzog aber mit dem Stifte Fulda in einen heftigen Streit. Seit 1455 hatten die Grafen von Henneberg einen Theil dieses
Amtes
vom Stifte Fulda
unterpfändlich inne und
brachten dasselbe bis 1483 vollständig, aber nur pfandweise an sich. 1511 wurde endlich zwischen dem Grafen Wilhelm VI von Henneberg und dem Stifte ein vollständiger Pfandvertrag abgeschlossen, nach welchem der genannte Graf das Amt auf Lebenszeit inne behielt.
Wenn das Stift dasselbe nach seinem Tode wieder einlösen
wollte, so mußte es zu bestimmter Frist den Pfandvertrag kündigen, Als das Hennebergische Grafengeschlecht 1583 erlosch , kamen bekanntlich dessen Besizungen an das sächsische Haus. Fulda wollte jezt die Gelegenheit benußen , um das Amt Fischberg zurück zu be-
392
VII.
Die weimarische Linie des ernestinischen Fürstenhauses.
kommen, ging aber gleichwohl 1593 einen Vertrag ein, nach welchem dem sächsischen Hause jenes Amt noch 31 Jahre , also bis 1624 belassen werden sollte.
Nach Ablauf dieser Zeit meldete sich Fulda
wieder zur Einlösung und erbot sich, die früher empfangene Pfandsumme
zu
zahlen ;
aber
bei den
Wirren des damals wüthenden
Krieges kam die Sache nicht zum Austrag .
Bei der Theilung der
Grafschaft Henneberg 1660 blieb das Amt Fischberg gemeinschaftlich, es sollte von Kaltennordheim aus mit verwaltet werden und Weimar behielt das Directorium darüber. Wilhelm Ernst überließ aber das Directorium 1684 an Eisenach.
Das Stift Fulda hatte bis daher
nichts Ernstliches gethan , um wieder in den Besiz des Amtes zu gelangen , nur ließ es bei jeder Huldigung , welche die Amtsunterthanen einem neuen Herzog ableisten mußten , gleichzeitig sich als Eigenthumsherren mit huldigen.
Endlich kündigte das Stift 1702
den Theilhabern des Amtes die Wiedereinlösung an und wendete sich, weil die betheiligten Fürstenhäuser Schwierigkeiten machten , an den kaiserlichen Reichshofrath , welcher die betreffenden Fürsten anwies, den Bestimmungen der Pfandverschreibung von 1593 unweiger= lich nachzukommen. Zuerst fügte sich Sachsen-Zeit 1705 gegen Empfangnahme seines
Antheiles
am Pfandschilling ; die übrigen Be=
theiligten dagegen waren über das einseitige Vorgehen jenes Hauses unwillig und besezten das Amt militärisch. Nach einem Beschlusse des Reichshofrathes von 1706 (27. August) wurde jedoch den sächsischen Fürsten ernstlich aufgegeben , binnen 2 Monaten ihre Antheile am Amte abzutreten oder zu gewärtigen , daß eine kaiserliche Commission unter Verurtheilung der Beklagten zu Schadenersaz und Kosten abgeordert werden würde. Jezt fügte sich auch Meiningen 1706 , und Eisenach 1707 , worauf die förmliche Einweisung des Stiftes am 12. April 1707 in feierlicher Weise zu Dermbach vorgenommen wurde.
Gegen diese Einweisung legten
Sachsen - Gotha
und Sachsen-Weimar Protestation ein , weil sie ohne den Consens der Agnaten erfolgt sei .
Als nun 1741 nach dem Tode des letzten
Eisenacher Herzogs Wilhelm Heinrich der Herzog Ernst August von dem Lande des Verstorbenen Besit ergriff, geschah dies natürlich auch mit
dem
Amte Kaltennordheim
und
mit dem zwischen der
Kaltennordheimer Brücke und der Kreuzwand bei Fischbach befindlichen Feldafischwasser , das bei der Wiedereinlösung des Amtes 1707 vom Stifte dem Hause Eisenach belassen worden war. Der fuldaische Amtsverweser zu Dermbach ließ jedoch am nächsten Tage das gedachte Fischwasser ausfischen und suchte dadurch die weimarische
Die Alleinregierung Herzog Ernst Augusts (1728-1748).
Besißnahme ungültig zu machen.
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Derselbe hatte zugleich auf dem
Neuberge bei Wiesenthal ein Hochgericht aufstellen lassen, an welchem drei Miſſethäter gehängt werden sollten . Ein weimarisches Commando kam am frühen Morgen des Tages , an welchem man das Todesurtheil zu vollstrecken gedachte , mit mehreren Bauern über die hohe Asch , hieb das Hochgericht sammt der Galgenleiter um , errichtete rasch einen anderen Galgen und an diesem wurde ein schnell von Eisenach herbeigeholter Delinquent aufgeknüpft, weil dieſe Handlung nach dem Urtheil des mitanwesenden Regierungscommiſſars als Befizact zur Behauptung der erbhennebergischen Territorialhoheit und höchsten Gerichtsbarkeit über das
Amt Fischberg gelte.
Am
nächsten Tage nahm nun der Regierungscommiffar im Amte Fischberg alle die äußeren Gebräuche vor , durch welche die Besitzergreifung ausgedrückt wurde. Gegen alle diese Acte ließ das Stift Fulda feierlichst protestiren und bot nicht nur im Amte Geisa und in den nächſtangrenzenden fuldaischen Aemtern sämmtliche waffenfähige Mannschaft auf, ſondern ließ auch zwei Compagnien regulärer Miliz in den Hauptort Dermbach marschiren . Ernst August hatte indessen das in das Amt Kaltennordheim gesendete Militär sehr verstärken lassen und ließ am 8. September 1741 trok aller Prote= stationen der fuldaischen Beamten den Ort Dermbach beseßen. wurde nach und 1741
nach das
ganze Amt occupirt.
So
Am 2. October
kam es sogar zu einem Zusammenstoß zwischen dem beider-
seitigen
Militär ;
doch blieb
auf fuldaischer Seite nur ein Mann
und von den Weimariſchen wurde ein Mann schwer verwundet und ein Anderer
gefangen
genommen , halb todt geschlagen und dann
eingekerkert. Natürlich machten diese Vorgänge im ganzen deutschen Reiche großes Aufsehen. Das Stift Fulda klagte im September 1741 bei dem Reichskammergerichte zu Wezlar.
Von dort erfolgte
1742 ein Mandat , das dem Herzog Ernst August die Räumung des Amtes anbefahl. Der Herzog suchte durch eine weitläufige Auseinandersehung das Reichskammergericht zu einem anderen Beschluffe zu bringen ; aber vergeblich. Der Befehl zur Räumung ging ihm 1743 abermals zu . Die Reichsexecution war bereits anbefohlen ; weil jedoch das Reichskammergericht den oberrheinischen Kreis damit beauftragt und den fränkischen, dem dieselbe eigentlich zustand , übergangen hatte , so entstand erst hierüber ein langwieriger Streit , so daß die streitenden fürstlichen Parteien mit Tode abgingen , bevor der Executionsstreit erledigt war. Auf weimarischer Seite starb Ernst August und
auch sein Regierungsnachfolger Ernst August
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VII.
Constantin ;
Die weimarische Linie des ernestinischen Fürstenhaises.
auf
der Gegenpartei starben während der Zeit zwei
Fürstäbte . Mittlerweile hatten die Weimaraner das Amt in Besit behalten und erwarben sich durch ihr energisches Auftreten vielen Anhang.
Erst 1764 kam zwischen der Herzogin Anna Amalia von
Weimar und dem Fürsten Heinrich von Bibra zu Fulda ein Vergleich zu Stande , nach welchem Weimar die auf dem rechten Ufer der Felda gelegenen Orte Fischbach, Wiesenthal und Urnshausen nebst den jenseit der Felda gelegenen Mühlen zugesprochen wurden. Diese drei Ortschaften kamen nun zum Amte Kaltennordheim. Es sei beiläufig hier gleich noch bemerkt, daß Weimar später doch noch in den Besiz des übrigen Theiles vom Amte Dermbach gelangte , indem ihm dasselbe 1815 sammt dem Amte Geisa zugesprochen wurde. Kehren wir nach dieser Abschweifung wieder zu Herzog Ernst August zurück. Derselbe bereiste einige Wochen nach dem Tode des Eisenacher Herzogs mehrere der ihm zugefallenen Landstriche und fand dabei an der herrlichen Lage des Schlosses in Allstedt sein ganz besonderes Wohlgefallen . Nach Eisenach ging der Herzog jezt noch nicht , faßte aber auf die Mittheilung , daß die verwittwete Herzogin daselbst das fürstliche Schloß nicht allein von allen Möbeln entblößt , sondern das Gebäude aus Neid habe verunstalten lassen, den Entschluß, gedachtes fürstliches Schloß, die alte auf dem Markte ge= legene Regierung abreißen zu laſſen, leßtere in das sogenannte Reſidenzhaus zu verlegen, am Plage des ersteren aber, erwähntem Reſidenzhause gegenüber ein ansehnliches Fürstenhaus zu erbauen. Um Raum zu gewinnen, wurden einige Privathäuser angekauft. Die große Baulust des Herzogs kam in den ererbten Landen wieder zur vollen Geltung ; denn außer dieſem von Grund aus neu aufgeführtem Baue in Eisenach ließ der Herzog auch noch in dem alten Residenzschlosse zu Marksuhl, in den Jagd- und Luftschlössern zu Creuzburg, Gerstungen, Wilhelmsthal , hohe Sonne , Ruhla und Zillbach , auch zu Allstedt und
Schwansee viele
neue Einrichtungen und wichtige und große
Veränderungen vornehmen.
Die bisher eisenachischen Aemter Jena,
Alstedt und Großrudestedt wurden jezt zum Fürstenthum Weimar geschlagen.
Von 1743 an betrat der Herzog das Residenzschloß
zu Weimar nicht wieder , sondern hielt sich theils in Ilmenau, Wilhelmsthal, Marksuhl , und von 1744 an ausschließlich in seinem neuen Fürstenhause zu Eisenach auf, wo ihn auch am 19. Januar 1748 der Tod ereilte. kirche zu Weimar .
Seine Ruhestätte fand derselbe in der Schloß-
Die Alleinregierung Herzog Ernst Augusts (1728—1748).
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Der Herzog Ernst August war start in seinen Tugenden , aber auch stark in seinen Schwächen.
Die Regierungsgeschäfte lagen ihm
sehr am Herzen und er verlangte von seinen Räthen über alle Vorkommnisse Mittheilung . Einmal hatten dieselben, es war 1736, eine Commission ernannt ,
welche in der apoldaischen Streitsache mehr
Klarheit schaffen sollte , dabei jedoch unterlassen , den Herzog vorher davon in Kenntniß zu sehen und er gab den Räthen deshalb schriftlich zu vernehmen, er sei kein Jüngling mehr , habe auch so viel gelernt, daß er allein regieren könne und wolle von allem Kenntniß haben. Dabei droht er den Räthen mit 1000 Ducaten Strafe , wenn so etwas wieder vorkäme. Ueberhaupt waren die an die Landescollegien erlassenen Rescripte gewöhnlich in sehr harten Ausdrücken abgefaßt und oftmals mit eben so derben Randbemerkungen seiner Hand versehen.
von
Seine Regierungsweise war überhaupt mehr
zur Härte als zur Güte geneigt ; daher ließ er auch die Uebertretung seiner Geseze mit unerbittlicher Strenge bestrafen. Wenn ein Diebstahlsobject auch nur den Werth von 5 Thalern repräsentirte, so wurde der Dieb ohne Gnade zum Galgen geführt. Die ganze Gesetzgebung war in jener Zeit eine viel strengere wie heutzutage.
So ließ Wilhelm
Ernst 1711 an alle Behörden seines Landes die Weisung ergehen, wenn sich Zigeuner im Lande blicken ließen , dieselben mit dem Staupbesen zu tractiren , sie zu brandmarken und dann über die Grenze zu weisen. Ließen sich solche Gebrandmarkte aber nochmals im Lande betreten , so sollten dieselben ohne Weiteres gehängt werden.
Damit nun jene Landstreicher gleich wüßten , was
ihrer
im Weimarischen warte , so wurden an den Landesgrenzen Tafeln aufgestellt , auf denen die Strafe des Strangulirens im Bilde dargestellt war. Bei aller Strenge und Schroffheit in seinem Wesen war Ernst August doch weit entfernt, sich die Herrschaft über die Gewiſſen anzumaßen, sondern er gestattete nicht nur den Reformirten, sondern auch den Römiſchkatholischen freie Religionsübung und ließ beiden Parteien in Weimar zu ihren Gottesdiensten den großen Saal im Jägerhause vor dem Frauenthore anweisen.
Freilich wollten Tadelsüchtige als Motiv
für das Lettere den Umstand geltend machen, der Herzog wolle den vielen Deſertionen in seinem Cavallerieregimente , das zum vierten Theile aus Katholiken bestand , vorbeugen , weil die Reisen nach Erfurt , angeblich um den katholischen Gottesdienst zu besuchen , ge= wöhnlich zum Ausreißen benutzt wurden.
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VII.
Die weimarische Linie des ernestinischen Fürstenhauses.
Das Erinnerungsfest an die vor zweihundert Jahren bewirkte Uebergabe der augsburgischen Confession ließ der Herzog Ernst Auguſt in seinem Lande 1730 drei Tage lang begehen , nahm sich auch der Salzburger Emigranten, von denen 1050 Mann am 11. Juli 1732 in Weimar eintrafen , auf die freundlichste Weise an. Unter seinen Soldaten sollten Sitte und Zucht herrschen ; deshalb hielt er sie zu fleißigem Kirchengehen an und richtete in den Städten Weimar (Jakobskirche 1729) und Jena (Gottesackerkirche 1743 ) besonderen Garnisongottesdienst ein . Das Gymnasium zu Weimar hatte sich seiner besonderen Huld zu erfreuen , indem er 1731 nicht allein den Lectionsplan verbessern und 1733 eine neue Gymnasialordnung ergehen ließ , sondern auch einen Professor der Mathematik und Lehrmeister für französische Sprache ,
Musik und
Schreiben anstellte. ·
Besonderer Fürsorge erfreute sich seine Residenzstadt Weimar ; er verlieh derselben noch einen Jahrmarkt und schenkte dem Stadtrathe 1733 einen großen Plan vor dem Frauenthore, zwischen der Marienund der Berkaer Straße , wo den 11. September 1733 das erste Durch einen Vergleich schlichtete Vogelschießen abgehalten wurde. er endlich auch den mit Schwarzburg - Sondershausen
bestehenden,
aus der Regierungszeit Wilhelm Ernsts sich noch datirenden Streit wegen der Hoheit über Arnstadt.
Er ließ die lettere fallen , erhielt
dafür die Dörfer Wipfra und halb Schmerfeld im Amte Ilmenau und das Versprechen einer jährlichen Geldzahlung von 3500 Thalern. Trok aller großen Ausgaben für seine Liebhabereien, zu denen außer den vorher genannten besonders auch noch die Jagd , namentlich die Parforcejagd, zu rechnen ist , war es ihm doch möglich, eine Anzahl größerer Güter anzukaufen .
So erwarb er das Harrassische Gut zu
Beilbar, das Frizische zu Mellingen, das Wurmiſche zu Heichelheim, das Reinbabische zu Rohrbach , das Marschallische zu Oßmannstedt und das Göchhaufensche zu Buttelstedt. Ernst August war zweimal vermählt ; zuerst mit Eleonore Wilhelmine , geb. Fürstin zu Anhalt- Köthen ( 1716-1726) , dann mit Sophie Charlotte Albertine , einer Prinzessin von Bayreuth ( 1732), welche während eines Aufenthaltes in Ilmenau am 2. März 1747 Von starb und in der Kirche genannter Stadt beigesezt wurde. seinen zwölf Kindern überlebten ihn nur drei Töchter : Ernestine Albertine (geb. 1722 und vermählt 1756 an den Grafen Philipp Ernst von Lippe- Schaumburg), Bernhardine Christiane Sophie (geb. 1724 und vermählt 1744 mit dem Fürsten Johann Friedrich von
Schwarzburg - Rudolstadt) ,
Ernestine
Auguste
Sophie
397
Herzog Ernst August Constantin (1748-1758).
(geb. 1740 und vermählt 1758 an Herzog Ernst Friedrich Carl zu Sachsen-Hildburghausen) , und ein Sohn , Ernst August Constantin , geb. den 2. Juni 1737, auf welchen die väterlichen Lande übergingen.
Herzog Ernst August Constantin (1748—1758) . Kaum war am 20. Januar 1748 die Nachricht von dem Tags zuvor in Eisenach erfolgten Ableben Ernst Augusts in Weimar überbracht worden, als auch zwei Abgeordnete des Herzogs Friedrich von Gotha daselbst eintrafen und durch Maueranschlag der Bürgerschaft eröffneten , daß genannter Herzog kraft seiner nahen Verwandtschaft mit dem Verstorbenen und auf Grund der letzten Willensverfügung Ernst Augusts , welche derselbe seinem Oberstallmeister v. Reineck in die Schreibtafel dictirt habe, die vormundschaftliche Regierung übernehme.
Gleichzeitig waren auch Bevollmächtigte nach Eisenach ge=
sendet worden , und in beiden Städten mußten die Minister , Räthe und unteren Beamten aus allen Collegien als Zeichen ihres Ge= horsams
gegen den vormundschaftlichen Regenten den Handschlag
geben. Nach vier Tagen kam der Herzog Friedrich mit seiner Ge= mahlin und großem Gefolge selbst nach Weimar , traf die nöthigsten Anstalten zur Beſtellung der Regierungscollegien, ſorgte mit allem Ernst und Eifer für die fernere Erziehung des gänzlich verwaiſten jungen Herzogs, indem er ihm neue Lehrer bestellte, und ordnete die Verminderung der Miliz und des Marſtalles an . Nach einem achtmonatlichen Aufenthalte in Weimar verfügte sich der Herzog wieder nach Gotha zurück. Das rasche Eingreifen des Herzogs Friedrich in die Regierung des weimarischen
Landes
führte Einwendungen
von
Seiten
der
Herzöge von Meiningen und Coburg herbei , welche sich gleichfalls zur
Führung der Vormundschaft für
berechtigt hielten und ihre
darauf abzielenden Ansprüche eben so wohl bei dem kaiserlichen Hofe in Wien , als auch bei der Reichsversammlung in Regensburg anbrachten, zum Ueberfluß auch noch durch gedruckte öffentliche Schriften ihr vorgebliches Recht zu begründen suchten.
Die Folge des ange-
regten Streites war , daß laut kaiserlichen Beschlusses vom 10. Mai 1748 und Vergleich unter den Betheiligten vom 17. September 1749 sich die Herzöge von Coburg und von Gotha in die vormundschaftliche Regierung zu theilen hatten, in der Weise, daß der Herzog von Gotha die Erziehung des Erbprinzen Ernst August Constantin
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VII.
Die weimarische Linie des ernestinischen Fürstenhauses.
und die Verwaltung des Eisenacher Landes , wozu nun jezt wieder trog der früheren Anordnung Ernst Augusts die Aemter Jena, Allstedt und Großrudestedt gerechnet wurden , der Herzog Franz Josias zu Coburg dagegen die Erziehung der unmündigen Prinzessin Ernestine Augusta Sophie und die Verwaltung des Fürstenthums Weimar überkam.
Durch einen kaiserlichen General wurde am 10. November
1749 die gedachte Verwaltung an Herzog Franz Josias zu SachsenCoburg überwiesen. Wenige Stunden vorher war der minderjährige Herzog mit dem größten Theile seines Hofes nach Gotha abge= gangen. Wie nun vorher Bevollmächtigte des Herzogs von Gotha die Beamten in Weimar durch Handschlag in Pflicht genommen hatten, so geschah dies jezt ebenfalls von Seiten des Herzogs Franz Josias. Der Herzog traf mit seiner Gemahlin und großem Gefolge, wie früher der von Gotha in Weimar ein, wurde unter Lösung der Kanonen feierlichst empfangen und von der Bürgerschaft unter Vortragung der Zunftfahnen bis in die Wilhelmsburg begleitet. Nach einem dreiwöchentlichen Aufenthalte in Weimar kehrte Franz Josias nach Coburg zurück und
wiederholte seine Besuche noch zweimal.
Während dieser vormundschaftlichen Regierung kam der junge Herzog Ernst August Constantin nicht in sein Land ; nur der Stadt Eisenach machte er von Gotha aus 1750 einen mehrtägigen Besuch, berührte zweimal auf der Durchreise nach Altenburg die Stadt Buttelstedt , wurde
aber von Weimar geflissentlich fern gehalten.
Ging
doch die Eifersüchtelei des Herzogs von Gotha so weit , daß er , um ja nicht dem Herzog Franz Josias nachzustehen, ganz genau an dem Tage in Eisenach als vormundschaftlicher Regent seinen Einzug hielt, an welchem Franz Josias in Weimar eintraf.
Während der vor-
mundschaftlichen Regierung Franz Josias ' , welche übrigens manches Gute schaffte , manche Härten Ernst Augusts ausglich und auch den Streit mit der Akademie zum Austrage brachte und dieser zu der immer noch rückständigen Entschädigung verhalf , wurde auch die Weimarische Zeitung gegründet , welche seit 1754 unter dem Titel „Wöchentliche Weimarische Anzeigen " erschien. Bei seinem dritten Besuche in Weimar hielt Franz Josias 1755 zum zweitenmale einen Landtag ab und auf demselben wurde einmüthig der Beschluß ge= faßt ,
den Herzog
Ernst August Constantin
um Uebernahme der
Regierung anzugehen. Unter Zustimmung des Herzogs Franz Josias wurde am 19. Geburtstage Ernst August Constantins eine Deputation der Ritterschaft und Städte nach Gotha abgeordnet und der Herzog
um Uebernahme
der Regierung gebeten , was von Seiten
399
Herzog Ernst Auguſt Constantin ( 1748-1758).
des jungen Fürsten in bereitwilligfter Weise zugesagt wurde unter der Vorausseßung, daß der Kaiser ihn für majorenn erkläre.
Kurz
vor dem Jahresschlusse 1755 , am 29. December traf die kaiserliche Erklärung ein. Nach zwei Tagen reiste Ernst August Constantin nach Eisenach, trat die Regierung an und ließ durch eine Commission auch in Weimar die Regierung übernehmen. Franz Josias war selbst nach Weimar geeift , um dem Herzog seine Glückwünsche persönlich abzustatten und die Regierung in seine Hände zu übergeben ; aber Ernst August Constantin erschien nicht , wohl immer noch in Folge des Einflusses von Gotha auf ihn, und nachdem Franz Josias fieben Tage vergeblich auf sein Eintreffen gewartet hatte , ließ der= selbe zwei Bevollmächtigte zurück , welche die in Obervormundschaft geführte Landesadministration des Fürstenthums Weimar an die fürstlich weimar - eisenachischen Commissarien übergaben.
Erst
14
Tage darnach hielt der junge Herzog in Weimar seinen feierlichen Einzug unter dem Jubel der Bürgerschaft. Im März 1756 reiste Ernst August Constantin nach Braunschweig , wo man ihn am Hofe des Herzogs Carl mit allen Ehrenbezeugungen empfing und wo am 16. genannten Monats seine Vermählung mit der zweiten Tochter des Herzogs , der geistreichen Anna Amalia stattfand . Wieder zurückgekehrt nach Weimar widmete sich der Herzog mit allem Eifer den Regierungsgeschäften, versammelte den Landtag 1756 zu Weimar, 1757 zu Eisenach und 1758 die Abgeordneten beider Landestheile zu Weimar, um mit ihnen das Wohl des Landes zu berathen, erließ sehr zweckmäßige Verordnungen , unter andern wegen Heilighaltung des Sonntags , wegen Anbau und Schonung des Holzes , wegen Der von seinem Anbau der so äußerst wichtigen Kartoffeln 2c. Vater bewirkte Ankauf verschiedener großer Güter erwies sich nicht überall als zweckmäßig ; darum ließ Ernst August Constantin einige derselben wieder veräußern.
Die Verschönerung seiner Residenzstadt
Weimar suchte er besonders dadurch zu fördern , daß er die offenen Gräben, z. B. in der Breiten- und Windischengaſſe überwölben ließ. Nach dem Luftschlosse Belvedere ließ er einen neuen Weg anlegen und bei dieser Gelegenheit die von seinem Vater erbaute Schanze Falkenburg wieder abtragen . Am 3. September 1757 wurde ihm und dem ganzen Lande eine große Freude: seine Gemahlin gebar den ersten August.
Prinzen, den nachmals so berühmt gewordenen Carl Freilich trat das freudige Ereigniß in einer recht trüben
Zeit ein; denn noch an demselben Tage kamen Reichstruppen in Weimar in das Quartier, welche gegen Friedich II von Preußen zu
400
Die weimarische Linie des ernestinischen Fürstenhauſes.
VII.
Felde zogen.
Bald trafen zu den Reichstruppen auch noch Franzosen,
wodurch die Unterthanen hart belästigt wurden , namentlich als die Franzosen nach der Schlacht bei Roßbach auf ihrem Rückzuge das Land berührten . - Herzog Ernst August Constantin starb schon am 28.
Mai
1758 ,
noch nicht 21 Jahre alt.
Ein Sturz mit dem
Pferde hatte ihm ein Lungenleiden zugezogen , das seine von Ge= burt an schwächliche Gesundheit rasch zerstörte. Im 4. Monate nach dem Tode des Herzogs gebar Anna Amalia den zweiten Prinzen, Friedrich Ferdinand Constantin ( 8. September 1758) , welcher, gleich seinem älteren Bruder unter der vortrefflichen Leitung der Mutter eine ausgezeichnete Erziehung genoß , sich dann auf Reisen weiter ausbildete , in kursächsischen Kriegsdiensten bis zum Range eines Generalmajors avancirte , aber am 6. September 1793 zu Wibelskirchen
bei
Nervenfieber starb. Ruhestätte.
Saarbrücken
in der Blüthe seiner
Jahre am
In der Stadtkirche zu Eisenach fand er seine
Die Herzogin Anna Amalia als Regentin ( 1759 — 1775) . Das Testament des Herzogs Ernst August Constantin übertrug die vormundschaftliche Regierung an die junge , herzogliche Wittwe Anna Amalia , und so lange dieselbe noch nicht volljährig war , an deren Vater, den regierenden Herzog Carl zu Braunschweig- Lüneburg. Nachdem aber schon im Juli 1759 die Mündigkeitserklärung von Seiten des Kaisers erfolgte , seinem ferneren Antheile
entsagte der
braunschweiger Herzog
an der Obervormundschaft und Landes-
regierung und Anna Amalia wurde hierdurch alleinige Regentin des weimarischen Landes.
Im Verein mit tüchtigen Räthen, unter denen
wir nur nennen wollen : v . Bintoff, v . Greiner, v . Rödiger, v. Fritsch, v . Hendrich ,
v. Wigleben und Andere , war die junge Wittwe nur
darauf bedacht , für die Erziehung ihrer beiden Söhne sowohl ,
als
auch für das Wohl des Landes das Zweckmäßigste anzuordnen.
In
ersterem Bezuge traf sie eine glückliche Wahl , indem sie dem Grafen v. Görz , einem der größten Staatsmänner seiner Zeit und ganz besonders geeignet für den ihm zugedachten Posten , die Oberaufsicht über die Erziehung und den Unterricht ihrer beiden fürstlichen Söhne anvertraute. 1772 berief sie zu den übrigen Lehrern ihrer Prinzen auch noch den Dichter Wieland, welcher seit 1769 als Regierungsrath und erster Professor an der Universität zu Erfurt thätig war und die Aufmerksamkeit der Herzogin nicht nur durch seine Dichtungen
Die Herzogin Anna Amalia als Regentin (1759-1775).
401
auf sich gelenkt hatte , sondern namentlich durch eine Schrift , welche derselbe als Ausfluß seiner innigen Verehrung für den edlen und vorurtheilsfreien Kaiser Joseph II unter dem Titel : „ Der goldene Spiegel" in die Deffentlichkeit gelangen ließ und worin sich Wieland mit männlichem Freimuthe über die Regierung und die zu erstrebende Volksbildung aussprach.
Wieland war mithin der erste unter jenen
vier großen Dichtern , welche der Stadt Weimar den ehrenden Beinamen Jim - Athen erworben haben und seine Berufung war das Werk der hochherzigen , feingebildeten Anna Amalia. Auch ihre Regierungshandlungen beweisen durchweg , daß sie nur das Wohl ihrer Unterthanen im Auge hatte. 1764 schlichtete sie , wie schon früher bemerkt , die Streitigkeiten zwischen dem herzoglichen Hause und dem Stifte Fulda um des Amtes Fischberg willen . 1768 ließ Anna Amalia die Jakobskirche in Weimar durch eine umfängliche Reparatur wieder herstellen und verschönern .
Zu ausgedehnter Mild-
thätigkeit gaben ihr die Jahre 1770, 1771 und 1772 ganz besondere Gelegenheit , indem damals eine große Theuerung das Land schwer bedrückte. Für Verschönerung Weimars hat die Herzogin durch weitere Förderung der von ihrem verstorbenen Gemahl begonnenen Ueberwölbung der Kanäle und durch Anlegung der Esplanade, jeßigen Schillerstraße, vor dem inneren Frauenthore sich sehr verdient gemacht. In dem lezten Jahre ihrer Regierung, 1774, brach zu ihrem großen Schrecken im Residenzschlosse , der alten Wilhelmsburg , Feuer aus und legte das ganze Schloß sammt der Schloßkirche in Asche. wurde deshalb die Hofgemeinde
mit
Jakobs- oder Garnisonkirche verlegt .
Es
ihrem Gottesdienste in die Am 3. September 1775, also
nach Vollendung seines 18. Lebensjahres trat Carl August die Regierung an und Anna Amalia legte somit alle Regierungsgeschäfte nieder, um nun ganz der Wohlthätigkeit und den Künsten und Wiſſenschaften zu leben. Ihre Wohnung hatte sie in Weimar im sogenannten Witthums - Palais am Theaterplaze ; den Frühling und Sommer brachte sie aber regelmäßig auf ihrem fürstlichen Schloſſe zu Tiefurt zu, immer in regem Verkehr mit den geistreichen Männern am Hofe ihres Sohnes Carl August.
Schon seit langer Zeit trug die Herzogin
großes Verlangen, die Merkwürdigkeiten Italiens und vorzüglich die Alterthümer und Seltenheiten Roms kennen zu lernen . Zu diesem Zweck unternahm sie 1788 eine Reise nach Rom , von wo sie erst 1790 wiederkehrte . Tiefbetrübend war für sie der unglückliche Ausgang der Doppelschlacht von Jena und Auerstedt am 14. October 1806, indem die Niederlage der preußischen Heere ihr schon an sich 26 Kronfeld, Landeskunde. J.
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VII.
Die weimariſche Linie des ernestinischen Fürstenhauses.
große Bekümmerniß verursachte, noch mehr aber , indem ihr Bruder, Herzog Ferdinand von Braunschweig, in Auerstedt schwer verwundet, bald nach der Schlacht den Geist aufgab . Der 10. April 1807 war ihr Todestag. In ihr starb eine ausgezeichnete Fürstin, deren Name bis heute mit Hochachtung und Bewunderung genannt wird. Deshalb sprach auch Goethe mit Recht an ihrem Grabe : „ Das ist der Vorzug der edelsten Naturen, daß ihr Hinscheiden in höhere Regionen segnend wirkt , wie ihr Verweilen auf der Erde ; daß sie uns von dorther gleich Sternen entgegenleuchten , als Richtpunkte , wohin wir unsern Lauf bei einer nur zu oft durch Stürme unterbrochenen Fahrt zu lenken haben ; daß diejenigen, zu denen wir uns als zu Wohlwollenden und Hülfreichen im Leben hinwandten, nun die sehnsuchtsvollen Blické nach sich ziehen, als Vollendete, als Selige. "
Carl Auguſt (1775-1828) .
Derfelbe als Herzog ( 1775–1815).
Es ist keine leichte Aufgabe über das Leben eines Mannes zu schreiben, der wie Carl August wahrhaft groß als Fürst und Mensch in einem Zeitraume von mehr als 50 Jahren und zum Theil unter den drückendsten politischen Verhältnissen eine so
außerordentliche
und segenbringende Thätigkeit entfaltet hat , daß sein Name noch heute und bis auf die fernste Zukunft hinaus , und zwar nicht bloß in dem kleinen Lande , das ihn den Seinen nennen durfte, sondern von den Gebildeten in allen deutschen Gauen nur mit der größten Verehrung genannt wird ; denn man läuft zu leicht Gefahr , irgend einen Punkt aus der Lebensgeschichte desselben nicht mit der ihm gebührenden Hervorhebung zu zeichnen oder auch denselben auf Kosten der übrigen mehr hervorzuheben und damit dem Gesammtbilde wesentlich Eintrag zu thun.
Suchte Carl August auch seinen Haupt-
beruf zunächst in der Erfüllung der ihm obliegenden Regentenpflichten, so finden wir denselben doch auch bald auf dem großen politischen Gebiete vollauf thätig in dem Bestreben, eine größere Einheit anzubahnen und das Gefühl der Zusammengehörigkeit unter den einzelnen deutschen Stämmen wieder zu erwecken . Was ihm aber ganz besonders die Achtung und Liebe , seiner Zeitgenossen und der Nachwelt für immer gesichert hat, das war die sorgliche Pflege von Kunst und Wiſſenſchaft , die innige Beziehung , in welcher der Herzog zu den größten Geistern seiner Zeit stand und die Fürsorge, deren sich dieselben an seinem Hofe zu erfreuen hatten.
Carl August (1775-1828).
Derselbe als Herzog (1775-1815).
403
Schon 1774 hatte Carl August als Erbprinz gelegentlich einer zu ſeiner weiteren Ausbildung nach Frankreich unternommenen Reiſe in Frankfurt a. M. den jungen Dr. Goethe , dessen bisher veröffent= lichte Schriften einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht hatten , persönlich kennen gelernt , und bald knüpfte sich zwischen Beiden ein so enger Freundschaftsbund , wie er zwischen einem regierenden Fürsten und einem Dichter wohl selten bestanden hat. Wenige Wochen nach seinem Regierungsantritte , nämlich am 3. October 1775 vermählte fich der Herzog mit der geistreichen und hochherzigen Luise Auguste , Prinzessin von Hessen s Darmstadt. Auch bei dieser Gelegenheit traf Carl August mit Goethe zusammen , wiederholte die bereits früher ausgesprochene Einladung an den jungen Gelehrten und hatte die Freude, denselben zu Anfang November in Weimar als seinen Gast begrüßen zu können. Aber trotz der ausgezeichneten Aufnahme, welche man dem Dichter angedeihen ließ , konnte sich derselbe doch lange nicht entschließen , seinen dauernden Aufenthalt in Weimar zu nehmen und in die Dienste des Herzogs zu treten , weil sowohl die zu übernehmenden amtlichen Pflichten , als
auch das geräuschvolle
Leben am Hofe ſeiner Dichterneigung nicht entsprach. Carl Auguſt kam aber seinen Wünschen in so herzgewinnender Weise entgegen, schenkte ihm unter anderm ein noch heute nahe am Parke an der nach Oberweimar führenden Chauffee gelegenes einfaches Häuschen mit dazu gehörendem Garten ,
an welchem Goethe sein besonderes
Wohlgefallen zu erkennen gegeben hatte , daß derselbe ſolchen liebe= vollen Freundschaftsbeweisen nicht widerstehen konnte. Im Frühjahr 1776 ernannte ihn der Herzog zu seinem Geheimen Legationsrath mit Siß und Stimme im geheimen Conſeil ,
rief aber durch dieſe
Ernennung mancherlei Unzufriedenheit unter ſeinen bisherigen Beamten hervor.
Es ist bezeichnend , in welcher Weise der Herzog jenen Un-
zufriedenen gegenüber in einem Erlaß den gethanen Schritt rechtfertigt.
Derselbe lautet : *) „ Einsichtsvolle wünschen mir Glück, dieſen
Mann zu befizen.
Sein Kopf, sein Genie ist bekannt.
Einen Mann
von Genie an anderem Orte gebrauchen, als wo er selbst seine außerordentlichen Gaben gebrauchen kann , heißt ihn mißbrauchen. aber den Einwand betrifft ,
Was
daß durch den Eintritt viele verdiente
Leute sich für zurückgesezt erachten würden, so kenne ich erstens nie-
!
*) Siehe ,,Carl- August-Büchlein" von A. Schöll (Weimar (1857) , S. 35). Es sind dem höchst interessanten Werkchen mit Bewilligung des geehrten Herrn Berfassers verschiedene der nachfolgenden Angaben entlehnt. 26 *
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VII.
Die weimariſche Linie des ernestinischen Fürstenhauses.
mand in meiner Dienerschaft, der meines Wissens auf dasselbe hoffte, und zweitens werde ich nie einen Plaz , welcher in so genauer Verbindung mit mir, mit dem Wohl und Wehe meiner gesammten Unterthanen steht, nach Anciennität , ich werde ihn immer nur nach Vertrauen vergeben. Das Urtheil der Welt, welches vielleicht mißbilligt, daß ich den Doctor Goethe in mein wichtigstes Collegium seße, ohne daß er zuvor Amtmann, Professor, Kammerrath oder Regierungsrath war, ändert gar nichts . Die Welt urtheilt nach Vorurtheilen ; ich aber sorge und arbeite wie jeder andere, der seine Pflicht thun will, nicht um des Ruhmes , nicht um des Beifalles der Welt willen, sondern um mich vor Gott und meinem eigenen Gewissen rechtfertigen zu können. " Wohl mochten ängstliche Gemüther die Befürchtung hegen , als werde der junge Herzog durch den Dichter Goethe von seinen Regierungsgeschäften abgezogen werden , indem sich allerdings nach dem Eintreffen desselben am Hofe in Weimar ein ziemlich heiteres Leben entwickelte , oder als werde der junge Gelehrte seiner neuen Stellung nicht die nöthige Muße widmen ; aber es erwiesen sich alle Befürchtungen bald als ungegründet, denn der neue Legationsrath war dem jungen Fürsten ein zuverlässiger und treuer Rathgeber und berieth mit demselben alle Pläne und Entwürfe , welche auf So wußte es Verbesserungen in der Landesregierung abzielten. Goethe bald nach seinem Eintritt in die Dienste des Herzogs zu vermitteln, daß Herder als Oberhofprediger und Generalſuperintendent nach Weimar berufen wurde und daselbst zu Anfang October 1776 eintraf. Ueber die segensreiche Wirksamkeit dieses großen Gelehrten werden wir weiter unten mehr hören . Betrachten wir nun Carl August zunächst in seiner Thätigkeit als Regenten , dann in seiner Eigenschaft als deutschen Reichsfürsten und schließlich als Beschüßer und Förderer von Kunst und Wissenschaft , ohne jedoch irgend eine dieser Beziehungen ganz von der anderen abschließen zu wollen , da wir ja nimmermehr den Fürsten vom Menschen zu trennen vermögen. Carl August fand zwar bei der Uebernahme der Regierung alle staatlichen Verhältnisse und namentlich das Finanzwesen in bester Ordnung vor ; es war ihm aber doch nicht entgangen, daß Manches den Zeitverhältnissen nicht mehr entsprechend eingerichtet war und einer Abänderung bedurfte . Ohne langen Verzug wurde abgeholfen ; zunächst im Justiz- und Polizeiwesen. Im December 1775 wurde eine neue Proceßordnung erlassen und 1776 erfolgte die Einführung der Generaltabellen für Proceß- und Vormundschaftswesen . Ganz
Carl August (1775-1828).
Derselbe als Herzog (1775-1815).
besondere Aufmerksamkeit widmete Carl August der Forstcultur .
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Bei
seinen häufigen Jagden, eine Liebhaberei, welche er von seinem Großvater ererbt hatte , war er in der Lage , überall selbst zu inspiciren. Aber eben jene Jagden brachten ihn auch mit seinen Unterthanen und namentlich mit der ländlichen Bevölkerung in nahe und häufige Berührung , indem sich die Bewohner der nächsten Dorfschaften ge= wöhnlich auf dem Jagdterrain mit
einfanden.
Die Jagdausflüge
überzeugten aber auch den Herzog , daß in Bezug auf Wege- und Wasserbauten noch vieles auszuführen war ; daher betraute er 1779 und in den nächsten Jahren den Hauptmann Castrop und Goethe mit Wege- und Waſſerbaucommiſſionen , war aber fleißig auch selbst an Ort und Stelle, um sich von den gemachten Fortschritten zu überzeugen.
Ueberhaupt begnügte er sich in Bauangelegenheiten nicht
mit den Vorträgen seiner Minister und Räthe , sondern suchte sich am liebsten durch den Augenschein zu belehren.
Einmal wurde im
geheimen Rathe über eine Landstraße verhandelt , welche im EiseDie Meinungen seiner Räthe nachischen angelegt werden sollte. gingen auseinander, indem für die fragliche Straße zwei Führungen auf dem Plane angegeben waren , von denen jede ihren besonderen Vortheil bot. Carl August hörte dem Vortrage aufmerksam zu, suchte sich durch Fragen noch besser zu orientiren und sagte endlich : „Die Sache mag bis zur nächsten Sizung ruhen. "
In dieser trug
nun Carl August die Angelegenheit selbst vor und führte sie mit neuen Gründen zur Entscheidung ; denn er war inzwiſchen selbst nach Eisenach gefahren ,
um die Angelegenheit an Ort und Stelle zu
prüfen, und konnte nach eigener Anschauung ein vollgültiges Urtheil abgeben. Derartige Fälle kamen häufig vor. Ebenso war er immer rasch am Plaze , wenn in dem Umkreise von Weimar ein Brandunglück ausbrach.
In dem Dorfe Vogelsberg entstand am 3. März
1779 ein heftiger Brand , welcher an den Strohdächern der Häuſer und Wirthschaftsgebäude reichliche Nahrung fand .
Der Herzog eilte
dahin und ersah ſofort , daß die Kirche , umgeben von strohgedeckten Gebäuden , verloren war , wenn man nicht dem Feuer eine andere Richtung geben konnte.
Auf seine Anordnung sollte eine Scheune
niedergerissen werden ; aber niemand wagte sich heran , weil das Gebäude schon in hellen Flammen stand. Alles Zureden , daß man doch vor allen Dingen das Gotteshaus retten müſſe, war vergebens. Da rief der Herzog der gaffenden Menge zu :
„ Wer folgt mir und
legt mit Hand an ? " Nur ein junger Mühlknappe griff mit ihm zum Feuerhaken ; aber es gelang, einige brennende Sparren niederzureißen
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VII.
Die weimarische Linie des ernestinischen Fürstenhauses.
und dadurch das Feuer von der Richtung nach der Kirche abzulenken. Jezt griffen auch die Umstehenden mit ein und die Kirche war ge= rettet. Sobald die Hauptarbeit geschehen war , trat der Herzog mit dem jungen Müller in die Kirche, schüttete den Inhalt seiner Börse es waren einige 70 Thaler in Gold auf den Altar und nöthigte seinem wackeren Helfer das Geld auf.
Bei dem großen Brande
in Apolda am 25. Juli 1779 , welcher der Stadt über 100 Wohnhäuser kostete , war Carl August eben nicht in Weimar anwesend ; aber sein Freund Goethe eilte sogleich nach der Unglücksstätte , um die nöthigen Anordnungen zu treffen.
Am 25. Juni 1780 arbeitete
Carl August mit seinem Bruder und Goethe tüchtig mit zur Niederlegung des heftigen Feuers in Großbrembach und besuchte auch nach einiger Zeit den Ort wieder , um den Wiederaufbau der zerstörten Gebäude zu fördern . Im Frühjahr 1782 traf er mit Goethe zu gleichem Zwecke in dem abgebrannten Creuzburg zusammen und ordnete in demselben Jahre Feuerlöschproben an , die er zum Theil selbst leitete. War die Entfernung eines Brandes nicht allzuweit, so verfügte sich Carl August regelmäßig in Person dahin ,
machte
auch nicht selten von der umgeschnallten Hezpeitsche Gebrauch, wenn müssige Zuschauer die Brandstätte umstanden.
Als eine Zeit lang
in den Dörfern jenseit des Ettersberges die Brände sich wiederholten und
offenbar auf
absichtliche Brandstiftung zurückgeführt
werden
mußten , um mit Hülfe der Versicherungsanstalten und der Mildthätigkeit guter Menschen zu neuen Gebäuden zu gelangen , suchte Carl August dem ruchlosen Treiben durch ein eigenthümliches Mittel zu begegnen : er verbot, bei entstehendem Brande den betroffenen Gemeinden zu Hülfe zu kommen ; und siehe da , das Mittel half. Einen Brandstifter zu Jena ließ er ohne Gnade hängen.
In lezter
Stadt war zu Anfang März 1784 eine heftige Ueberschwemmung eingetreten. Carl August eilte selbst dahin , um wenn nöthig an= ordnend einzugreifen. Nach seinem eigenen Briefe an Merck war das Eis in die Vorstadt eingedrungen und hatte Straßen , Häuser und Gärten 2–3 Ellen hoch angefüllt.
Es mußte vor allen Dingen
dem Eise , das sich festgestemmt hatte ,
ein Abzug geschafft werden
und das gelang auch nach vieler Mühe.
In seinem Briefe giebt
Carl August Goethen das Zeugniß , daß er sich bei der großen Gefahr sehr brav gehalten habe. So trat Carl August bei vorfommendem Unglück rettend und helfend persönlich mit ein. Das Gewerbsleben und namentlich auch den Ackerbau suchte er möglichst zu heben.
Nach ersterer Richtung hin bestrebte er sich
Carl August (1775-1828) .
Derselbe als Herzog (1775-1815) .
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nicht bloß, fremde geschickte Arbeiter in das Land zu ziehen, sondern schickte auch junge Handwerker auf seine Kosten ins Ausland , damit Um die Geschmacksrichtung fich dieselben mehr vervollkommneten . im Allgemeinen zu bilden, legte Carl August 1779 in Weimar unter der Direction des Malers Kraus eine freie Zeichenschule an. Ein ähnliches Institut bekam später auch die Stadt Eisenach. Ackerbau suchte Carl August auf alle Weise zu fördern.
Den
In einigen
Staaten hatte man angefangen , größere Güter zu zerschlagen , um dem Bauernstande
einen ausgedehnteren Grundbesiß zu verschaffen.
Sobald Carl Auguſt davon Kenntniß bekam , ließ er sich durch den Kriegsrath Merck genauen Bericht darüber erstatten , damit für den Fall , wenn diese Neuerung sich wirklich nuzbar erweise , auch im Weimarischen damit ein Anfang gemacht werden könne.
Derselbe
mußte ihm auch von der Schweiz aus genauen Bericht erstatten , ob der dort eingeführte Krappbau sich wohl auch in den Fluren Thüringens als nußbringend veranstalten ließe.
Ferner wurden für die-
jenigen Landwirthe Prämien ausgesezt, welche den meiſten und besten Flachs bauten ; ebenso wurde die feinste, der holländischen am nächsten kommende aber aus inländischem Flachse verfertigte Leinwand prämiirt. In späteren Jahren ließ der Herzog in Oberweimar, Lüzendorf und Tiefurt Musterwirthschaften anlegen , um die Landwirthe zu rationellerem Betriebe ihrer Wirthschaften anzuregen. Der Anbau der Futterkräuter , jezt eins der wesentlichsten Stücke in der Landwirthschaft, wurde durch Regulative empfohlen und die Holzansaat an kahlen Bergabhängen auf alle Weise gefördert. Auf die Empfehlung des schon genannten Merck hatte Carl August den Engländer Bäty als
Landcommiſſar
angestellt und dieser machte sich
namentlich um Aufbesserung der landwirthschaftlichen Verhältniſſe im Eisenacher Oberlande, woselbst er die Wiesenbewässerung einführte , sehr verdient. - In die erste Periode von . Carl Augusts Regierung fällt auch die Anlegung des Parkes in Weimar , womit 1777 begonnen wurde.
Carl August ließ sich die Bepflanzung und
Erweiterung des Parkes große Summen kosten , schuf aber auch da= mit seiner Reſidenz eine Zierde , welche noch heute jedem Besucher einen reichen Naturgenuk bietet. Folgen wir nun dem Herzog Carl August auf ein anderes Feld seiner Thätigkeit, indem wir namentlich seine Betheiligung am politischen Leben als deutscher Reichsfürst , sowie seine Theilnahme am Militärwesen in das Auge faffen. Der damals regierende freifinnige Kaiser Joseph II übersprang bekanntlich in jedem Bezuge
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Die weimariſche Linie des ernestinischen Fürstenhauses .
alle bisherigen Schranken, zog geistliche Güter des Reiches ein oder besezte dieselben mit Prinzen
aus seinem Hause , dominirte über
das Reichsgericht und den Reichsrath , erweiterte sein Gebiet ohne Rücksicht auf die bisher bestandenen Grenzen und beabsichtigte sogar, das ganze Land Bayern seinem Staate einzuverleiben. Dieser Plan war zwar 1779 durch Friedrich den Großen von Preußen vereitelt worden, tauchte jedoch im Jahre 1783 aufs Neue auf.
Die Sorge
der deutschen Fürsten wegen Forterhaltung ihrer Beſißstände , ja der ganzen Reichsverfassung war jedenfalls nicht ungegründet und es galt somit , den Bestrebungen Josephs gegenüber ein Gegengewicht zu schaffen. Zuerst regte sich der Markgraf von Baden ; gleichzeitig war auch der Herzog Karl von Zweibrücken als dereinstiger Erbe des pfalz-bayrischen Kurfürsten Karl Theodor nach derselben Richtung hin thätig .
Carl August war vom Anfange an in die aufgebauten
Pläne eingeweiht und zog alle Eventualitäten mit dem ihm engbefreundeten kurmainzischen Statthalter in Erfurt , Karl Theodor v. Dalberg in Erwägung .
Bald war auch Carl Auguſts Freund ,
der Fürst von Deffau für die Sache gewonnen. In Angelegenheiten des werdenden Bundes erhielt Carl August im Herbste 1783 den Besuch des Markgrafen und des Erbprinzen von Baden und bald auch den des Fürsten von Dessau , welcher seinerseits die Sache mit förderte , indem er sowohl dem Herzog Karl von Braunschweig als auch dem Prinzen von Preußen die am Hofe zu Baden abgefaßte Denkschrift zur Begutachtung übermittelte.
Im Jahre 1784 reiſte
nun Carl August nach Braunschweig , Dessau , und von da nach den rheinischen Höfen , auszugleichen.
um die vorhandenen Meinungsverschiedenheiten
Durch den
Herzog von Braunschweig gelangte die
Angelegenheit auch an Friedrich den Großen , welchen der Gedanke einer engeren Verbindung der Reichsfürsten gegen den Kaiser schon länger beschäftigt hatte, und welcher jezt selbst eine Denkschrift über die Motive entwarf, welche zum Abschluß des Fürstenbundes drängten. Die Angelegenheit entwickelte sich jezt ziemlich raſch durch das Vorgehen des Kaisers selbst ; denn dieser ließ zu Anfang des Jahres 1785 dem Kurfürsten von Pfalzbayern durch den russischen Gesandten das Ansinnen stellen , Bayern gegen die österreichischen Niederlande zu vertauschen.
Auf dieses Vorgehen kam der Fürstenbund
im Juli 1785 vollends zu Stande, zunächst zwischen Preußen, Kursachsen und Hannover.
Als nach Abschluß desselben ein Gesandter
beauftragt wurde , seine Rundreise an die verschiedenen Fürstenhöfe anzutreten und zum Beitritt einzuladen , so ward ihm für die Ein-
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ladungen Weimar zuerst bezeichnet und Carl August war der erste Fürst, welcher den Beitritt zur Union am 29. August 1785 unterzeichnete.
Der Hauptzweck des
Bundes , den
Uebergriffen Kaiser
Josephs einen Damm entgegen zu seßen , gelang vollkommen ; denn es war ein empfindlicher Vorwurf gegen Desterreich, daß das öffent= liche Zutrauen
in seine Politik anfange zu wanken.
beiden geistesverwandten Fürsten , von Baden und Carl
August
Die von den
dem Markgrafen Carl Friedrich
noch weiter
an den Abschluß des
Fürstenbundes geknüpften Hoffnungen auf größere Einheit unter den deutschen Reichsständen wurden nicht realiſirt. Am 17. Auguſt 1786 starb das Oberhaupt des Bundes , Friedrich der Große und überhaupt war von Seiten der preußischen Regierung die Angelegenheit, nachdem das Hauptziel erreicht war , ziemlich lau behandelt worden. Bei seiner Anwesenheit am königlichen Hofe zu Potsdam im Sommer 1787 suchte Carl August aufs Neue sein Ziel zu erreichen. Intereffant ist das Urtheil, welches sein früherer Erzieher, jezt preußischer Minister und
Gesandter in Petersburg , der Graf Görz in seinen
Denkwürdigkeiten über Carl Augusts Thätigkeit nach dieser Richtung hin aufgezeichnet hat : „ Seine Gegenwart , seine Thätigkeit , ſein Feuereifer für ein Bündniß , welches er als das Palladium der deutschen Freiheit ansah ,
belebten aufs Neue die Theilnahme des
Ministeriums, entfernten frühere Besorgnisse und stärkten den Muth des Herzogs .
Er betrachtete den Bund als Mittel zur Wiederge-
burt des Gesammivaterlandes ,
seines
beinahe erloschenen Gemein-
geistes und seiner tiefgesunkenen Gesammtkraft. "
Aller Anstrengungen
ungeachtet wurden doch alle Pläne lahm gelegt durch die Bedenken der Höfe zu Sachsen und Hannover. Carl August äußert sich deshalb mißmuthig dahin : „Ich hoffte , daß alter deutscher Sinn und deutsche Denkungsart noch zu erwecken seien , unerachtet der Hindernisse ,
die diesem
hunderts
Versuch die Trägheit der Sitten und des Jahr-
in den Weg legen.
Vorzüglich hoffte ich , es würde ein
engeres Band der Freundschaft unter den ersten Fürsten Deutſchlands die mancherlei getheilten Absichten, Interessen und Kräfte in unserm Reichssystem mehr vereinigen und solche auf einen Punkt reger und zugleich zuverlässiger Wirksamkeit bringen .
—"
Der Herzog hatte
auf die Gründung einer Akademie für den Allgemeingeist Deutschlands ,
nämlich eine Verbindung von Schriftstellern und Männern
von geistigem Beruf aus verschiedenen, mit der Zeit aus allen Provinzen Deutschlands für den
Zweck der Bildungsgemeinschaft und
eines einigen Nationalgeiſtes als auf eine Frucht des Fürstenbundes
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durch Mittelbewilligung der Fürsten gerechnet ; der ihm gleichgesinnte Markgraf von Baden wünschte die Vorschläge zur Erreichung des Planes durch Herder abgefaßt zu sehen und so entstand von dieſem die Schrift :
Idee zum ersten patriotischen Institut für den Allge-
meingeist Deutschlands “ ; aber die beiden hochherzigen Fürsten fanden auch diesen Plan bei der Lauigkeit der übrigen Bundesglieder unausführbar.
In seiner
Rechtfertigung der dahin abzielenden Anträge
an die Kurhöfe äußert sich deshalb Carl August schmerzlich berührt : " So schmeichelte
man sich ,
Vaterlande erweckt werden
daß
der
Nationalgeist in unserem
könnte , von dem leider auch die legten
Spuren täglich mehr zu erlöschen scheinen.
Man hoffte , daß der
träge Schlummergeist, der Deutschland seit dem westphälischen Frieden drückt, endlich einmal zerstreut werden könnte , und daß mit diesem Kranze die deutsche Union sich als ein wahres, wirksames Corps zur Aufrechterhaltung schmücken sollte. "
deutscher Freiheiten , Sitten und Geseze zulezt Wie weit war Carl August seiner Zeit voraus-
geeilt ! Ihm schwebte als echtem Patrioten ein Ziel vor Augen , zu dem sich Deutschland erst in der neuesten Zeit nach schweren und harten Kämpfen hindurchgerungen hat. Wir müssen den Herzog Carl August auch in seiner nicht immer genug gewürdigten militärischen Thätigkeit kennen lernen. In seinem 30. Jahre , also 1787, trat der Herzog bei dem preußischen Militär ein, wohnte zunächst im Sommer des genannten Jahres den Manövern bei Berlin, dann in der Umgebung Friedrich Wilhelms II den Revüen in Schlesien bei und begleitete vom October bis December den Herzog Carl von Braunschweig zu Felde, als Preußen den Satisfactionskrieg gegen Holland ausfocht. Im Jahre 1788 wurde er zum preußischen Generalmajor ernannt , das Kürassier-Regiment in Aschersleben wurde ihm zugeeignet und der Herzog mußte nun zeitweilig seinen Aufenthalt in genannter Stadt nehmen.
1790 mußte
er mit seinem Regimente in das Feldlager nach Schlesien. hatte in dem
Preußen
russisch- österreichischen Kriege gegen die Türkei der
legteren ihren Besißſtand zugesichert und es gewann den Anschein, als werde dasselbe zur Lösung seines Versprechens mit Oesterreich und Rußland zugleich in Krieg verwickelt werden. Der Reichenbacher Friedensvertrag vom 27. Juli 1790 machte der Besorgniß ein Ende. Noch in diesem Jahre wurde dem Herzog die Inspection über mehrere preußische Cavallerieregimenter übertragen und die Ausübung dieser Function führte ihn im März 1791 wieder nach Schlesien. Im nächsten Jahre schlossen Oesterreich und Preußen eine Verbin-
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dung gegen das revolutionäre Frankreich. Um ihnen zuvorzukommen, erklärte dieses selbst den Krieg an Desterreich.
Schnell schritt man
zur Rüstung. Auch Carl Augusts Regiment bekam Befehl, sich marschfertig zu machen . Im Juni 1792 geschah der Aufbruch an den Rhein.
Frankreich war noch nicht gerüstet ; deshalb waren die
Kriegsoperationen des österreichisch-preußischen Heeres vom glücklichsten Erfolge begleitet. Am 19. Auguſt rückte das Heer in Frankreich ein und eroberte und beseßte einen wichtigen Punkt nach dem andern. Valenciennes , Longwy und Verdün wurden erobert , die Päffe des Ardenner-Waldes durchbrochen , das deutsche Heer breitete sich in den Ebenen der Champagne aus und Paris ſchien verloren .
Carl Auguſt
hatte schon im August seinen Freund Goethe in das Feldlager nach Frankreich kommen laſſen und schrieb den Tag nach der Einnahme von Verdün (2. September) siegesgewiß an den Herrn v. Einsiedel in der bestimmten Hoffnung , man werde nun bald in Paris sein. Aber das Manifest, welches bald darauf der Herzog von Braunschweig als Obercommandirender des preußischen Heeres an die Franzosen richtete, und in welchem er Allen , die nicht die alten Rechte des Königthums anerkennen würden, mit Feuer und Schwert drohte und in Aussicht stellte, in Paris keinen Stein auf dem andern lassen zu wollen, erbitterte die Franzosen dermaßen , daß Männer und Jünglinge massenhaft zu den Waffen eilten. Das verbündete Heer rückte zwar im September noch weiter vor, sah sich aber am 20. desselben Monats bei Valmy vom Feinde unter Dumouriez amphitheatralisch umschlossen.
Nach einer heftigen aber erfolglosen Kanonade traten
die Verbündeten, geplagt von Hunger, Näſſe, Krankheit und Schmuz den äußerst bedrohten und furchtbar mühseligen Rückzug an. Der Herzog führte wieder den Vortrab und deckte zugleich die Bagage. Unter den unsäglichsten Mühseligkeiten und mit Verlust vieler Menschen, welche den Strapazen, dem Hunger und der Witterung erlagen, kam man endlich am 29. October in Trier an. Mittlerweile hatte der französische General Custine am 30. September die Magazine zu Speier , am 21. October die Festung Mainz und bald darauf auch Frankfurt weggenommen.
Während das preußische Heer sich wieder
in kriegsmäßigen Zustand zu sehen suchte , wurde das österreichische am 5. und 6. November 1792 bei Jemappe durch Dumouriez gänz= lich geschlagen und durch 1 diese Niederlage gingen die Niederlande für Oesterreich verloren. Um den franzöſiſchen General Cuſtine wieder zurück zu drängen, begann das preußische Heer im November wieder seinen Vormarsch durch den Taunus und nahm am 3. December die
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VII.
Die weimarische Linie des ernestinischen Fürstenhauses.
Stadt Frankfurt mit Sturm , wobei der Herzog Carl August thätig mit eingriff.
Der König von Preußen bezog mit seinem General-
stabe die Winterquartiere in Frankfurt ; auch der Herzog blieb hier, wieder vereinigt mit seiner Gemahlin , welche in dem Darmstädter Hofe in Frankfurt Wohnung nahm. Das Jahr 1793 war den Waffen der Verbündeten sehr günstig . zuges begann bei dem
Gleich der Anfang des Feld=
nördlichen Heere , das
aus Oesterreichern,
Preußen, Engländern, Hannoveranern und Holländern bestand , mit einer Reihe glänzender Siege. Dumouriez wurde in einer Hauptschlacht am 18. März bei Neerwinden geschlagen und ging aus Furcht vor den jakobinischen Machthabern in Paris zu den Verbündeten über.
Sein Nachfolger im Obercommando , Dampierre , wurde am
8. Mai nicht bloß geschlagen, sondern sogar getödtet. war man gleichfalls sehr glücklich.
Am Oberrhein
Preußen und Oesterreicher drangen
über den Rhein und warfen den General Cuſtine bis hinter die Lauter zurück ; nur Mainz hatte man in den Händen der Franzosen lassen müssen. Aber am 30. März begann die Belagerung der Stadt. Die Truppen unter dem Commando des Herzogs Carl August gehörten mit zum Belagerungscorps . Am 27. Mai traf Goethe wieder im Lager bei dem Herzog ein , nachdem er sich am 8. October des vorigen Jahres . während des schauerlichen Rückzuges in Frankreich von ihm verabschiedet hatte. Lagerplag bei Marienborn.
Der Herzog hatte seinen
In der Nacht vom 30. zum 31. Mai
kam die hier liegende Truppenabtheilung in große Gefahr ; die Franzosen machten ganz unerwartet einen heftigen Ausfall und hatten es offenbar auf die Gefangennehmung des Generals Kalkreuth und des Prinzen Ludwig abgesehen .
Es entstand in dem Orte Marienborn ,
wohin die Franzosen bereits eingedrungen waren , eine heillose Verwirrung. Carl August führte rasch den Haupttheil seines Regimentes von der Höhe hinter Marienborn heran , Prinz Ludwig gleichfalls zwei Regimenter und , nach 1½ Stunden waren die Franzosen wieder zurückgeworfen. Die Uebergabe der Festung erfolgte endlich nach vorausgegangenem heftigem Bombardement am 22. Juli ; am 24. zog die Garnison ab . Jezt waren die Franzosen gezwungen, ihren Rückmarsch rheinaufwärts zu nehmen .
Landau wurde eingeschlossen und
am 14. September erlitt der französische General Moreau bei Pirmasenz eine Niederlage. Carl August hatte wesentlichen Antheil an dem Siege, denn seine Brigade hielt gegen die heranstürmenden Feinde Stand, so daß die erst noch anrückende übrige preußische Infanterie sich Bald zog ein anderer französischer ordentlich entwickeln konnte.
Carl August (1775-1828).
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General, Hoche heran, um Landau zu entseßen ; aber nach dreitägiger blutiger Schlacht bei Kaiserslautern (28. - 30 . October) mußte der= selbe doch das Feld räumen. Der Herzog Carl August wohnte dem Getümmel der Schlacht bei, wo es am dicksten zuging und lieferte wieder den besten Beweis , wie sehr ihm militärische Einsicht und ruhiger Muth innewohnte.
Es war seine lezte Theilnahme an diesem
Kriege ; denn wenige Tage darnach bat er um Urlaub und reiste der Heimath zu. Um alle Empfangsfeierlichkeiten zu vermeiden, traf der Herzog in der Nacht des 3. December in Weimar ein , von niemanden erwartet als von seiner Gemahlin. Auch der Herzog von Braunschweig hatte das Heer verlassen ; kurze Zeit nach der Schlacht bei Kaiserslautern legte er das Obercommando über die preußischen Truppen nieder.
Zu Anfang des Jahres 1794 kam Carl August
bei dem Könige Friedrich Wilhelm II förmlich um seine Entlassung aus dem preußischen Militärdienste ein. Sie wurde ihm im Februar genannten Jahres gewährt , indem der König dazu bemerkte , " wenn die anderweiten Pflichten dem Herzog das Opfer auferlegten , seine militärische Verbindung mit Preußen abzubrechen, so sei es auch für den König ein nicht weniger großes Opfer , einen General zu verlieren, dessen hohen Werth er stets erkannt habe. " Am meisten bedauerte das Regiment des Herzogs den Rücktritt seines Chefs ; denn Carl August hatte in wahrhaft väterlicher Weise während der Campagne in Frankreich für dasselbe gesorgt. Der Herzog trat übrigens schon nach drei Jahren, nach dem Tode Friedrich Wilhelms II wieder in die preußische Armee ein ; doch davon später. Wir müssen jezt die in dem Militärleben des Herzogs eingetretene Pause benutzen ,
um denselben
als
Beförderer von
Kunst und Wissenschaft in seinen Beziehungen zu den großen Geistern seiner Zeit und
namentlich zu den berühmten Dichtern,
welche auf seine Veranlassung ihren Wohnsiz in Weimar genommen hatten, zu betrachten. Es wäre ein großer Irrthum, wenn man nur diese als zum engeren Umgangskreise Carl Augusts gehörend an= sehen wollte.
Da zwar z. B. unter den
speciellen Freunden des
Herzogs Carl Ludwig v. Knebel ; früher im preußischen Militärdienste , seit 1774 Hofmeister des Prinzen Constantin . Gegen Ende des genannten Jahres begleitete er die beiden jungen Herzöge nach Frankreich , vermittelte zu Frankfurt die persönliche Bekanntschaft Carl Augusts mit Goethe und war in Carlsruhe Zeuge der Brautwerbung unseres Herzogs , da die Prinzessin Luise damals am ba= dischen Hofe weilte.
Das Alles führte zu einer innigen Beziehung
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Die weimarische Linie des ernestinischen Fürstenhauses .
zwischen Carl August und dem Herrn v. Knebel. Nach seinem Regierungsantritte zog daher der Herzog seinen Freund , der mit dem fürstlichen Zöglinge die Pachterwohnung in Tiefurt bezogen und dort die Anlegung des offenen Parkes veranlaßt hatte, zu seinen geſelligen Erheiterungen. Goethe weilte in jener Periode oft Tage und Wochen lang in Tiefurt ; häufig kamen auch Herder und Wieland und eben so oft der Herzog selbst , während die Herzoginnen Anna Amalie und Luiſe damals im Sommer jede Woche einen Tag in Tiefurt verlebten.
Nach Beendigung seines Amtes als Instructor des Prinzen •
lebte Knebel in dem Range eines Majors größtentheils in Jena, war aber auch häufig in Weimar und gehörte zu den vertrauteſten Freunden Carl Augusts , was aus dem von beiden geführten Briefwechsel auf das Unwiderleglichste zu ersehen ist. Ein anderer treuer Freund des Herzogs war Friedrich Hildebrand v. Einsiedel , in seiner Jugend Page
bei der Herzogin Anna
Amalie und nach Vollendung seiner juristischen Studien Hofgerichtsrath. Seine muſikaliſche Bildung, seine Geschicklichkeit in Abfaſſung romantischer Spiele und komischer Operetten und vor allen Dingen auch sein liebenswürdiger Humor machten ihn ganz besonders geeignet, zur Erheiterung des Hoflebens wesentlich mit beizutragen. Carl August behandelte ihn nie anders als einen vertrauten Freund. Zu dem engeren Kreise der Vertrauten gehörte auch der Kammer-
herr v . Wedel , welcher schon des Herzogs Jugendgespiele gewesen war. Als späterer Oberforstmeister stand er dem Herzog bei deſſen Vorliebe für Wald - Cultur und Jagden ganz besonders nah und war nächst Goethe Carl Augusts liebster Begleiter bei Naturvergnügungen und weiteren Reisen . Einige Jahre, nämlich von 1775-1784 war auch der Kammerherr Karl Sigmund von Seckendorf für Carl August ein lieber Begleiter auf Jagden und Ausflügen. Derselbe machte sich besonders dadurch beliebt , daß er für das Liebhabertheater des Hofes Lieder und Operetten componirte und sich auch in dramatischen Dichtungen versuchte. 1784 trat Seckendorf mit Empfehlungen des Herzogs versehen in preußische Kriegsdienste. Daß Carl August auch in besonders freundschaftlichem Verhält= nisse zu dem Statthalter in Erfurt, Carl Theodor v. Dalberg ge= standen , dessen wurde bereits gedacht. Ebenso trat in nahe Beziehungen zum Hofe und zu den großen Dichtern Weimars der gebildete, liebenswürdige Prinz August von Gotha , wie bereits erwähnt wurde. Unter den deutschen Fürsten war es besonders
Carl August (1775-1828).
Derselbe als Herzog (1775-1815).
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der biedere Fürst Franz von Dessau , mit welchem Carl Auguſt in innigem, freundſchaftlichem Verkehre stand und dem zu Ehren der Herzog im Parke zu Weimar 1782 nicht weit von der künstlichen Ruine einen Felsblock mit schlichter Inschrift aufrichten ließ.
Ein
gleiches Gedenkzeichen an Carl Auguſt ließ der Fürst in seinem Parke zu Wörlit errichten. Selbstverständlich fehlte es am weimarischen Hofe auch nicht an geistreichen Damen , welche zur Erheiterung des Ganzen nicht wenig mit beitrugen, wie unter Anderen
ein Fräulein von Goechhausen,
Frau v. Werther, Luise v. Imhof, Frau v. Kalb, Frau v. Stein 2c. Zur Förderung geistig anregender Unterhaltung wurde am Hofe ein Liebhabertheater errichtet , welches in den ersten zehn Jahren von Carl Augusts Regierung eine große Thätigkeit entfaltete und bei dessen Aufführungen nicht bloß die bisher genannten Persönlichkeiten Rollen übernahmen , sondern selbst die Herzogin Anna Amalie und Carl Auguft handelnd mit eintraten. Im Fürstenhause zu Weimar und im Schloffe zu Ettersburg waren kleine Theaterbühnen errichtet. In Ettersburg wurde häufig auch der Wald zu Aufführungen benugt ; eben so geschah dies auch zu Tiefurt und Belvedere. Die Seele des Ganzen war der Dichter Goethe.
Viele seiner Stücke
waren eigens zu dem Zwecke der Aufführung auf dem Liebhaber= theater des Hofes geschrieben . Der Herzog hatte denselben 1779 zum Geheimen Rath ernannt, ihm 1782 die Oberleitung der Kammer übertragen , ihn in den Adelstand erhoben und 1786 deſſen Reiſe nach Italien ermöglicht, damit derselbe dort seine Dichtungen vollende und Studien der Kunst pflege.
Während seiner Abwesenheit hatte
der Hofrath Chr. G. Voigt , der spätere vortreffliche Miniſter v. Voigt, Goethes amtliche Pflichten übernommen und sich so gut eingearbeitet , daß Carl August seinem Freunde bei dessen Rückkehr aus Italien die Stellung bereiten konnte ,
die dem großen Dichter
genehm war. Derselbe behielt zwar Siß und Stimme im Geheimen Rath, hatte aber sonst keine amtlichen Pflichten mehr zu erfüllen, sondern Carl August übertrug ihm nur die Oberaufsicht über die Bibliothek in Weimar , die Kunstsammlung und Zeichenschule , und über die Anstalten und Einrichtungen Jenas. Nunmehr konnte sich derselbe ganz ungestört seinem Dichterberufe widmen. Am 18. Juni 1788 traf Goethe wieder in Weimar ein ,
festlich empfangen von
seinem Fürsten und den edelsten Männern Weimars .
Noch vor An-
kunft desselben hatte der Herzog einem anderen Dichtergenius in ſeiner Umgebung gleichfalls zu einer Reise nach Italien die Erlaubniß er-
416
VII.
Die weimarische Linie des ernestinischen Fürstenhauses.
theilt und die Mittel bewilligt ,
das war Herder.
Dieser aus-
gezeichnete Gelehrte hat in seiner Stellung als Generalsuperintendent für das Kirchen- und Schulwesen des weimarischen Landes ungemein viel Gutes gestiftet. Auf seinen Betrieb wurden die dritten Feiertage zu den hohen Festen abgeschafft und die Feier der kleinen Feste von den Wochentagen auf die nächstliegenden Sonntage verlegt. Für die öffentliche und häusliche Erbauung besorgte Herder die Herausgabe eines neuen Gesangbuches ( 1784) und schrieb für den Religionsunterricht seine Bemerkungen zum
lutherischen Katechismus .
Um
tüchtige Lehrer für das Volksschulwesen heranzubilden, wurde das von Herzog Wilhelm Ernst gegründete Schullehrerseminar in Weimar nach einem von Herder ausgearbeiteten Plane vollständig neu organisirt (1788) und behufs praktischer Uebung der Seminaristen mit der Eine andere , höchst wohlBürgerschule in Verbindung gebracht. thätige, gleichfalls von Herder veranlaßte Umänderung war die Aufhebung des von Wilhelm Ernst 1713 gestifteten Waisenhauses und die dafür erfolgte Einrichtung des Waiseninstitutes .
Die Erfahrung.
hatte gelehrt, daß die aus dem Waisenhause hervorgehenden Zöglinge meist unbrauchbar für häusliche Geschäfte und oft krank an Leib und Seele in die Welt traten.
Der Zweck der Anstalt, diese Verlassenen
zu frommen, gesitteten , fleißigen und geschickten Menschen zu erziehen, wurde somit verfehlt und Herder schlug daher vor , die verwaisten Kinder in geeigneten Familienkreisen unterzubringen , wodurch der eigentliche Zweck besser erreicht und außerdem die Zahl der zu Unterstüßenden wesentlich vermehrt werden konnte. 1784 schloß man die Anstalt und brachte die vorhandenen 37 3öglinge in Familien unter. Dasselbe geschah bald darauf auch in Eisenach ,
1811 in Jena und
1816 im Neustädter Kreise. Troz aller seiner Berufsgeschäfte behielt Herder aber immer noch Zeit , eine außerordentlich große literarische Thätigkeit zu entfalten, durch welche er in um so innigere Beziehung Der Herzog und in häufigen Briefwechsel mit Carl August trat. correspondirte während seiner häufigen Abwesenheit von Weimar sehr fleißig mit Herder und schrieb ihm unter anderm von Mainz aus (1788) während
eines längeren Aufenthaltes
bei seinem Freunde,
dem neugewählten Kurfürsten v. Dalberg : 17 So schmerzhaft ich meine Zeit hier zubrachte, so war doch eine wahre Hülfe und Erholung für mich , den 3. Theil Ihrer Ideen zu lesen , den ich immer bei mir hatte. Ich kann Ihnen nicht ausdrücken , welches Wohlsein diese schöne Stickerei über mein Wesen verbreitete. " 2c.
Sogar während
seiner militärischen Thätigkeit blieb er in immerwährender brieflicher
Carl August (1775-1828).
Derselbe als Herzog (1775-1815).
417
Verbindung mit Herder und schrieb ihm z . B. von Aschersleben aus, dem Garnisonorte seines Regimentes ; ferner aus dem Lager vor Mainz , wohin Herder den 1. Band seiner Briefe zur Beförderung der Humanität geſandt hatte, und unterhielt namentlich eine fleißige Correspondenz mit dem großen Gelehrten während deſſen Aufenthaltes in Italien. Um demselben eine vollständig sorgenfreie Stellung zu sichern ,
gewährte er ihm aus seiner Schatulle von 1788 an eine
jährliche Zulage von 300 Thalern. Am 6. August 1788 trat Herder seine Reise nach Italien an, von welcher er am 9. Juli 1789 wieder in Weimar eintraf. Bald darauf ernannte ihn Carl August zum Vicepräsidenten des Consistoriums mit einer Besoldungszulage von 400 Thalern. So sorgte der Herzog wahrhaft väterlich für die Männer , deren geistreiche Unterhaltung worden war.
ihm
zum Bedürfniß ge=
Im December 1785 lernte der Herzog am Darmstädter Hofe Er folgte dessen Vorlesung von den Dichter Schiller kennen. einigen Scenen aus Don Carlos mit großer Aufmerksamkeit und wußte durch eine eingehende Unterredung das Herz des Dichters für sich zu gewinnen. Nachdem sich Schiller einige Zeit in Leipzig und dann in Dresden aufgehalten hatte, kam er 1787 nach Weimar. Goethe weilte damals noch in Italien ; aber bei Wieland und Herder fand Schiller eine außerordentlich freundliche Aufnahme. Im Sommer 1788 nahm derselbe seinen Aufenthalt in Rudolstadt und hier machte er die persönliche Bekanntschaft Goethes , und durch deſſen Vermittelung wurde er noch in diesem Jahre zum Professor der Es wäre dem Geschichte an der Universität zu Jena ernannt. Dichter leicht geworden , in einem anderen Lande eine vielleicht einals die in Jena zu bekommen ; aber Schiller ihm theuer gewordenen und geistig so nahe, den war nicht gemeint stehenden Bekanntenkreis aufzugeben. Carl August schrieb ihm deshalb : „Ich werde gern beitragen , Ihnen den Vorsaz angenehm zu träglichere
Stellung
machen, der Universität durch Ihre Gegenwart aufzuhelfen, und jede Gelegenheit will ich ergreifen , Sie von der Wahrheit der Werthschätzung und Freundschaft zu überzeugen, welche ich Ihnen gewidmet habe und mit der ich verbleibe Jhr wohlwollender Freund Carl Die fortwährenden Beweise aufrichtiger Liebe und Zuneigung , deren sich der Dichter von dem Herzog zu erfreuen hatte und die sich eben sowohl in der wiederholten pecuniären Verbeſſerung August. "
seiner äußeren
Lage als
auch namentlich darin aussprachen , daß
durch Carl Augusts Vermittlung der Dichter im Jahre 1802 vom 27 Kronfeld , Landeskunde. I.
418
VII.
Die weimarische Linie des ernestiniſchen Fürſtenhauses.
Kaiser in den Adelstand erhoben wurde , feffelten diesen so sehr an seinen geliebten Landesherrn ,
daß
er
1804 bei seiner Anwesenheit
in Berlin die glänzenden Anerbietungen des Königs und der Königin von Preußen behufs einer Ueberſiedelung nach der preußischen Hauptstadt dankend ablehnte. Der Herzog war über diesen Entschluß Schillers aufs höchste erfreut und gewährte demselben, der seit 1799 seinen ständigen Aufenthalt in Weimar genommen hatte , eine jährliche
Gehaltszulage
von
400
Thaler.
Die Vertauschung
seines
Aufenthaltsortes Jena mit Weimar hatte Schiller namentlich um des neuen Theaters willen vorgenommen , das 1791 eröffnet wurde und durch Goethes Bemühungen bald Außergewöhnliches leistete. Die Zeit von 1794 bis 1805 kann als die eigentliche Hauptblüthezeit in der damaligen Culturperiode Weimars bezeichnet werden. Was nur irgend auf geistigem Gebiete geleistet werden. konnte,
das ist
nur die Reihe
damals zu Tage gefördert worden ; wir brauchen der größeren
Schillerschen Dramen durchzugehen,
welche in jener Periode zu Stande gekommen sind .
Man kann sich
denken , wie gegenseitig anregend diese Geistesproductionen waren . Daß unter solchen Umständen Carl August auch der Hauptlehranstalt des Landes , der Universität als Trägerin der geistigen Cultur seine volle Theilnahme zuwendete , ist ganz begreiflich.
Namentlich
begünstigte der Herzog die Naturwissenschaft und diejenigen Anstalten in Jena , welche sie zu verbreiten geeignet waren . Die Anlegung des botanischen Gartens , des zoologischen Museums , der mineralogischen Sammlung , des anotomischen Museums , des physikalisch - chemischen Kabinets x . fällt in diese Periode. Nicht minder war der Herzog mit allem Eifer darauf bedacht , tüchtige Lehrer an die Universität zu bringen. Selbst bei den äußerlich ungünstigsten Verhältnissen fand derselbe immer noch Muße, an seine Hochschule zu denken. So schrieb er im October 1792 während des Rückzuges aus Frankreich an seinen Geh . Rath Voigt über die Ankündigung von Hufelands Vorlesungen und gab seine Zustimmung dazu , daß die Vorträge gedruckt wurden , obwohl man in manchen anderen Staaten wie z. B. in Sachsen solche freisinnige Ideen , wie sie der genannte Gelehrte entwickelte , mit Gewalt unterdrückte.
Um
dieselbe Zeit berief er auch Fichte als Professor nach Jena.
Die
sehr stark besuchten Vorträge dieses
Gelehrten zielten namentlich
darauf ab, in der akademischen Jugend ſittlichen Ernst und Charakterfestigkeit zu erwecken und ließen in Vielen unauslöſchliche Eindrücke zurück.
Aber nicht bloß die beiden genannten Profefforen zeichneten
Carl August (1775-1828).
Derselbe als Herzog ( 1775-1815).
419
sich als Lehrer an der Landesuniversität aus, sondern es ließe sich aus jenem Zeitraume noch eine ganze Reihe Namen nennen , welche überall in der Gelehrtenwelt einen guten Klang hatten , wie z. B. Griesbach , Paulus , Voß , Reinhold., Schelling , Feuerbach , Loder, Schüß, Schlegel u. A. Ueber der Sorge um geistige Angelegenheiten wurde aber das Materielle
nicht
vergessen.
Einigen Ortschaften
im
Amtsbezirke
Großrudestedt erzeigte Carl Auguſt in jener Zeit eine große Wohl= that durch Trockenlegung des Schwansees . Dieser im Jahre 1479 angelegte
See von
1800 Ackern
hatte wegen Unzulänglichkeit der
Dämme den angrenzenden Feldern schon vielen Schaden verursacht und war noch überdies durch die Ausdünstung des theilweis seichten Wassers der
Umgegend
höchst nachtheilig.
Die Trockenlegung ge-
schah 1795. Nach Vollendung derselben ließ der Herzog Holzansaaten bewirken , um mit der Zeit dem in jener Gegend fühlbaren Mangel an Brennholz abzuhelfen. 1797 ließ der Herzog das Gestüt in Allstedt anlegen, um eine edlere Pferderace zu erzielen. Mit einem anderen Unternehmen hatte derselbe aber entschiedenes Unglück. Wenige Jahre nach dem Antritt seiner Regierung hatte Carl August das ehemals so ergiebige Silber- und Kupferbergwerk bei Ilmenau wieder in Angriff nehmen lassen.
Nach großem Kostenaufwande war
man endlich so weit , daß auf eine reiche Ausbeute gerechnet werden konnte ; da zerrissen 1795 bei einem großen Waſſer die Dämme der oberhalb des Bergwerkes liegenden Teiche und das Bergwerk ging vollständig zu Grunde. Besonders ist dem Herzog Carl August seine Residenzstadt Weimar zu großem Danke verpflichtet , denn er hat derselben erst ein freundlicheres Ansehen geſchaffen.
Die kleine Stadt trug noch
ganz das Gepräge der mittelalterlichen , winkeligen Bauart und war auch jetzt noch von Mauern und Thürmen umgeben , welche wieder von offenen Waſſergräben und Teichen umgrenzt wurden. Die Stadtthore und Mauern ließ Carl Auguſt nach und nach beseitigen und die Gräben ausfüllen , und nun erst gewährte die Stadt , umsäumt von frischem Rasen und nach der einen Seite hin umgeben vom offenen Parke ein anmuthiges Bild.
Auf Vergrößerung und
Verschönerung des Parkes verwendete der Herzog namhafte Summen und ließ
in demselben unter
andern 1798 das römische Haus
erbauen, um darin während des Sommers Erholungsstunden zu genießen. Der Salon oder das Tempelherrenhaus war schon früher erbaut worden .
Im Jahre 1802 veranlaßte der Herzog auch 27*
VII.
420
Die weimarische Linie des ernestinischen Fürstenhauses.
den Umbau des
Stadthauses am Markte , wodurch außer anderen
Räumen ein großer Saal geschaffen wurde zu Concerten und anderen Vergnügungen , denn auch die Musik hatte an ihm einen kunstverständigen Pfleger.
Zur selben
Zeit veranlaßte er die Erbauung
des Schießhauses, das mit den geräumigen Anlagen 1804 vollendet wurde.
Die größte Zierde verlieh derselbe aber der Stadt durch
den Wiederaufbau des 1774 abgebrannten Reſidenzſchloſſes .
15 Jahre
lang hatten die Ruinen unberührt dagestanden , umgeben von den alten Umfassungsmauern und Wassergräben des früher abgeschlossenen, burgähnlichen Baues . Der Herzog ließ endlich die Umfassungen beſeitigen, die Gräben ausfüllen und 1790 den Bau beginnen. 1804 war derselbe völlig beendigt. Tief schmerzte den Herzog der Tod des von ihm hochverehrten Generalsuperintendenten Herder, welchen der Kurfürst von Bayern 1801 in den Adelstand erhoben hatte. Derselbe starb am 18. December 1803.
Nach kaum
1½
Jahren
folgte
ihm auch Schiller , am
9. Mai 1805 , ganz unerwartet im Tode nach.
So hatte Weimar
kurz hinter einander zwei der größten Dichter, um deren Hinscheiden ganz Deutschland trauerte , durch den Tod verloren und der Kreis derjenigen großen
Geister , deren Umgang den Herzog so außer-
ordentlich erfreute, erhielt eine fühlbare Lücke. Bald mußten infolge der politischen Verhältnisse die Musen auf einige Zeit ganz verstummen.
Wir stehen vor der Drangſalsperiode in der Regierungs-
zeit des Herzogs Carl August. Nach dem Regierungsantritte des preußischen Königs Friedrich Wilhelm III, im November 1797 , war der Herzog wieder in preußische Kriegsdienste eingetreten, zum Generallieutenant aufgerückt und mußte als solcher jezt thätig mit
eingreifen
Deutschland so verhängnißvollen
in
dem für Preußen und
Jahre 1806.
Im Jahre vorher
hatte Napoleon Oesterreich besiegt , dann den Rheinbund gestiftet, während Preußen als Gegensaß einen nordischen Bund zu gründen versuchte.
Carl August war in dieser Angelegenheit im August 1806 1 selbst in Dresden , um den sächsischen Kurfürsten von der Noth= wendigkeit gemeinsamer
Maßregeln zu überzeugen.
Wirklich stellte
auch Kursachsen im September 1806 22 000 Mann seiner Truppen unter preußischen
Oberbefehl.
Carl August schloß seinerseits
in
Erfurt mit Preußen einen Vertrag dahin ab , daß er sein Scharfschüßenbataillon dem preußischen Heere einverleibte und das Commando über ein preußisches Corps übernahm.
Müde der vielen absichtlichen
Kränkungen von Seiten des französischen Emporkömmlings Napoleon
Carl Auguſt (1775-1828).
Derselbe als Herzog (1775-1815).
421
hatte ihm Friedrich Wilhelm III im Sommer 1806 den Krieg erklärt. Nun war schon seit 1805 das weimarische Land durch Truppenzüge und Einquartierungen schwer heimgesucht worden ; das Jahr 1806 vermehrte die Unbequemlichkeiten und Lasten in noch weit höherem Grade , weil das eine preußische Heer in der Nähe von Jena seine Aufstellung nahm, und dieselben erhielten ihren Höhepunkt vor und nach der unglücklichen Schlacht bei Jena am 14. October 1806 . Dem Herzog war die Aufgabe geworden, die Pässe über den Thüringerwald bei Ilmenau zu beseßen und zu behaupten , weil man glaubte, die bisher im nördlichen Bayern einquartiert gewesene französische Armee könne an diesem Punkte den Wald überschreiten , und er traf deshalb
am
13. October mit
der
Avantgarde
in Ilmenau ein.
Mittlerweile hatte Napoleon mit seinem Heere einen andern Weg genommen und war schon im Saalthale , während ein anderes französisches Heer auf Umwegen von Südosten her bis Naumburg vorgedrungen war und dort das zweite preußische Heer bei Auerstedt bedrohte. Bei solcher Nähe der Gefahr flüchteten die Herzogin Anna Amalia , die Prinzessin Caroline und der Erbprinz Carl Friedrich mit seiner Gemahlin aus Weimar. Der Herzog Carl Auguft hatte auf die empfangene Nachricht von den Bewegungen der Franzosen sein
Corps
am 14.
bereits
wieder bis nach Arnstadt
zurückgezogen , erhielt noch in der Nacht Mittheilung von der verlorenen Schlacht bei Jena , zog sich auf die Anhöhen hinter Erfurt zurück und dirigirte am nächsten Tage sein Corps weiter nordwärts . Schon am Abende des 14. October wurde die Stadt Weimar von den siegreichen Franzosen überfluthet und es begann die Plünderung , die auch noch den ganzen 15. October fortdauerte. *)
Auf
der Altenburg , der Anhöhe nach dem Schießhause hin werden die französischen Kanonen aufgefahren und drohen der Stadt mit Tod und Verderben . zu Weimar an.
Am 15. Nachmittags kommt Napoleon im Schloffe An der Treppe von der Herzogin Luise empfangen,
find ſeine ersten Worte : „Wo ist der Herzog, Ihr Gemahl ? " Ruhig entgegnet ihm die Herzogin : " An der Stelle seiner Pflicht ! " Napoleon eilt finsteren Blickes an ihr vorüber nach seinen Zimmern . Am folgenden Morgen erlangt die Herzogin eine Audienz .
Mit
Ruhe und Würde erträgt sie die Vorwürfe des Kaisers und ihre *) Gleichzeitig wurde auch die Nachbarstadt Apolda von den Franzosen ausgeplündert (Jena war vor und nach der Schlacht hart mitgenommen worden). Laut actlichen Nachweiſes betrug der in Apolda durch die Plünderung verursachte Schaden 143 016 Thaler.
422
VII.
Die weimarische Linie des ernestinischen Fürstenhauses .
unerschütterliche Standhaftigkeit veranlaßt ihn , der Plünderung Einhalt thun zu lassen ; aber mit unerbittlicher Strenge verlangt er, daß Carl August sofort den preußischen Heeresdienst verlasse , sein Contingent zurückziehe und binnen 24 Stunden nach Weimar zurückkehre; wo nicht , so werde er seiner Souveränetät verlustig gehen . Von jezt ab zeigte sich Napoleon freundlicher.
Die ruhige Würde
der Herzogin hatte einen so tiefen Eindruck auf ihn gemacht, daß er gegen seine Generäle äußerte : „ Das ist eine Frau , die auch unsere 200 Kanonen nicht haben in Furcht sehen können. " Die größte Verlegenheit entstand nun für die Herzogin darüber , wie man in so kurzer Frist den Herzog wieder nach Weimar zurückbekommen sollte. Bei seiner Abreise am 17. October verstand sich endlich Napoleon dazu , die Frist auf noch drei Tage auszudehnen.
Gleich , nachdem
der französische Kaiſer ſeine Forderung wegen der Rückkehr des Herzogs gestellt hatte, war von der Herzogin ein Geſuch an den König von Preußen abgegangen , ihren Gemahl von den eingegangenen Verpflichtungen zu dispensiren . Nach mehreren Seiten hin wurden Boten ausgesendet, um den Herzog zu finden.
Endlich traf ihn der Kammer-
junker v. Spiegel am 25. October in Wolfenbüttel und konnte ihm die gestellte Forderung übermitteln. Carl August ließ aber sein Corps nicht im Stiche , sondern wandte sich über Königslutter nach Stendal, sezte mit demselben troß der Angriffe der Franzosen über die Elbe , gab dann seiner Gemahlin von Havelberg aus Nachricht und reiste nach Güstrow, weil der Fürst von Hohenlohe capitulirte. Napoleon ließ jezt für die abwesenden Mitglieder der herzoglichen Familie Pässe ausfertigen ; aber es war jest wieder die Frage , wo dieselbe augenblicklich zu finden sein möchte.
Daß die Frau Erb-
prinzessin in Schleswig weile , war bekannt geworden und bei ihr fand der Herr v. Spiegel auch den Herzog Carl August. Am 20. November traf der Erbprinz Carl Friedrich in Berlin ein , wo damals Napoleon weilte ; am 23. kam auch Carl Auguſt dahin und hoffte , bei Napoleon eine Audienz zu erlangen , bekam aber auf sein Gesuch nicht einmal eine Antwort , sondern der französische Kaiſer reiste in der Nacht zur Armee ab nach Polen.
Dahin folgte ihm
im Auftrage Carl Augusts der Geh. Rath v. Müller und unterzeichnete am 15. December in Poſen den Friedenstractat, nach welchem Weimar mit zum Rheinbunde treten und troß der erlittenen schweren Verluste 2 200 000 Francs (1 760 000 Mark) Kriegscontribution erlegen mußte. Um die Aufbringung dieser für das kleine Land ungeheuren Summe zu erleichtern , opferte die Herzogin Luiſe ihren
Carl August (1775-1828).
Derselbe als Herzog (1775-1815).
423
Juwelenschmuck. Ende Januar 1807 kehrte Carl August über Dresden wieder nach Weimar zurück. Nach dem , was wir vorher über Carl Augusts echt deutsche Gesinnung
berichtet
haben ist
es selbstverständlich ,
daß derselbe
gegen Napoleon eine tiefe Abneigung empfinden mußte , und doch durfte damals Niemand sein Mißvergnügen äußern ; so schwer lag die eiserne Faust der Fremdherrschaft auf dem geknechteten VaterLande. Troßdem wurde Weimar ein Mittelpunkt für die Strömung gegen Napoleon. Carl August hatte einen ehemaligen preußischen Officier, v. Müffling , der ihm von seinen lezten Kriegsdiensten her persönlich bekannt war, als Landſchafts -Vicepräsident in ſeine Dienſte gezogen und schenkte diesem Manne mit Recht sein volles Vertrauen. Durch dessen Vermittelung gelangten die zahlreichen Correspondenznachrichten , welche von überall her durch Vertraute einliefen, um die wahren politischen Zustände und Gesinnungen in den übrigen deutſchen Staaten kennen zu lernen, an den Herzog. Weil man aber in Weimar vor der sehr gut organiſirten und äußerst thätigen franzöſiſchen Polizei in Erfurt nicht genug auf der Hut sein konnte, ſo reiste der Herzog in den nächsten Jahren mit seinem Vertrauten jeden Sommer nach Teplit ins Bad und von dort aus konnte Manches vorbereitet werden, was bei dem Ausbruche des Krieges 1813 zu Statten kam. Troß aller Abneigung gegen die Usurpation Napoleons mußte Carl August doch zum bösen Spiele noch gute Miene machen, wohnte mit dem Erbprinzen dem Congreß in Erfurt bei (27. September bis 14. October 1808) und hatte am 6. und 7. October die Kaiser und Könige in Weimar zur Bewirthung, bei welcher Gelegenheit die Festlichkeiten nach Napoleons Anordnung ausgeführt werden mußten. Am 6. war unter anderem große Hirschjagd auf dem Ettersberge, Abends franzöfifches Theater der kaiserlichen Schauspieler ; am 7 . Jagd und Besichtigung des
Schlachtfeldes bei Jena , bei welcher
Gelegenheit Napoleon der hart mitgenommenen Stadt 300 000 Francs schenkte. Die beiden Dichter Wieland und Goethe , mit denen sich Napoleon mündlich unterredet hatte, erhielten Kreuze der Ehrenlegion. Auch dem Herzog wollte sich der französische Kaiser gnädig erweisen und ließ ihn durch Berthier mehrmals befragen , was er ihm Angenehmes erweisen könne.
Carl August bat ,
Napoleon möge den
herzoglich sächsischen Contingenten den Zug nach Spanien erlassen. Wirklich wurden sie auch im Jahre 1809 davon freigelassen und zogen nur nach Tirol ; 1810 mußten sie aber doch nach Spanien.
424
VII.
Die weimarische Linie des ernestinischen Fürstenhauſes.
Die wenigen Jahre bis zur Erhebung Deutschlands gegen die Fesseln der Fremdherrschaft waren äußerst drückend ; die französische Spionage vergiftete alle Verhältnisse ; kein freies Wort durfte sich äußern , keine Klage über die Gewaltherren laut werden und selbst der Hof gab sich äußerlich den Schein , als ob in den Verhältnissen keine Aenderung eingetreten sei . Alle Freitage Abends fanden bei Goethe über Literatur, Kunst und Naturforschungen Vorlesungen statt, an denen der Hof regelmäßig theilnahm. Die Stadt Weimar veranlaßte der Herzog in jener Zeit zur Anlegung des neuen schönen Friedhofs, zu welchem er einen Theil des Grund und Bodens schenkte und auf dem er sich später, um dereinst mitten unter seinen Bürgern zu ruhen, die Fürstengruft erbaute. Während so das öffentliche und Privatleben unter dem gewaltigen Drucke sich mühsam abspann ,
wurde Eine Stadt des Landes von
einem furchtbaren Unglücke heimgesucht, nämlich Eisenach , das durch Explosion einiger französischer Pulverwagen am 1. September 1810 an Menschenleben , sowie an Hab und Gut schwere Verluste erlitt. Der Schaden an Mobiliar wurde auf 140 690 Thaler taxirt. Napoleon hatte auf die Nachricht von dem Unglücke den französischen Grafen d'Hedouville von Frankfurt nach der Unglücksstätte beordert, um sich von dem angerichteten Schaden zu überzeugen, versprach auch, die Hälfte desselben zu tragen , sandte aber nur 120 000 Francs (32 000 Thaler), weshalb der Herzog Carl August in einem darauf bezüglichen Schriftstücke die eigenhändige Notiz hinzufügte :
„ Das
kaiserliche Geschenk für Eisenach nimmt sich als Schadenersatz etwas lumpig aus. "
Gewalt ging freilich damals vor Recht und Wort=
halten war überhaupt keine starke Seite des großen Eroberers . Bald sollten ihm seine Gewaltthätigkeiten heimgezahlt werden . Bekanntlich fanden seine stolzen Heere in dem Winter 1812 zu 1813 in Rußland ihren Untergang . Auf seinem Zuge dorthin traf er im Mai 1812 in Dresden mit den Monarchen von Preußen und Oesterreich zusammen ; auch Carl August war mit anwesend .
Napoleon
zog ihn in dem Versammlungssaale in eine Fensternische , um ihm in zweistündiger Unterhaltung seine angeblichen Beschwerden gegen Rußland und die Großartigkeit seiner Kriegsanstalten aus einander zu sehen. Entweder wollte er sich damit dem Herzog gegenüber, welcher in nahen verwandtschaftlichen Beziehungen zum russischen Kaiserhause stand, um der vom Zaune gebrochenen Veranlassung zum Kriege willen rechtfertigen ; oder aber er hoffte, daß vielleicht der russische Kaiser durch Carl Augusts Vermittelung zum Nachgeben zu
Derselbe als Herzog (1775-1815).
Carl August (1775-1828).
425
bewegen wäre . Der Herzog verhielt sich aber in der Angelegenheit ganz paffiv. Mit dem österreichischen Kaiserhause erhielt er dafür so rege Verbindung , daß er auf diesem großen Umwege über den wirklichen Stand der nun folgenden Kriegsbegebenheiten in Rußland sichere Nachrichten erhielt.
Dieselben lauteten freilich ganz anders
als die pomphaften Siegesnachrichten der Franzosen.
Die Mitthei-
lung von dem Brande Moskaus ( 16. und 17. September) ließ über den wahren Stand der Sache keinen Zweifel mehr übrig.
Wirklich
passirte auch Napoleon am 15. December 1812 im Schlitten in solcher Haft die Stadt Weimar, daß nicht einmal der franzöſiſche Gesandte Zeit hatte, ihn zu begrüßen , ſondern ihn mit ſeinem Wagen erst in Erfurt erreichte.
Napoleon sette in diesem Wagen seine Reise so
schleunig weiter fort, als trieben ihn die Furien durch Deutschland. Aufs Neue rüstete er im Januar 1813 wieder ein großes Heer aus ; aber es waren zum großen Theile sehr jugendliche, an die Strapazen des Krieges nicht gewöhnte Gestalten ; denn Napoleon hatte durch seine unaufhörlichen Kriege so sehr unter der jungen Bevölkerung Frankreichs aufgeräumt ,
daß jezt schon die Altersclasse vom 17.
Lebensjahre mit eingezogen wurde. Was sich nun weiter zutrug, ist bekannt. Carl August war Mitglied des Rheinbundes ; sein Contingent zum Zuge nach Rußland war in Danzig mit der übrigen französischen Besatzung eingeschlossen.
Das neu ausgehobene Bataillon
wurde bei Ruhla zuſammengezogen und ließ sich hier im April 1813 von einer preußischen Streifpartie gefangen nehmen , um nicht gegen Preußen kämpfen zu müſſen . Am 2. April wollte eine auf dem Rückzuge begriffene franzöſiſche Division in Jena Rasttag halten , als plößlich auf dem Hausberge anscheinend eine Anzahl Kosaken sich sehen ließen, weshalb die Franzosen, aufgeschreckt aus ihrer Ruhe , einen ziemlich unordentlichen Rückzug nahmen.
Es ist nicht aufgeklärt worden, ob
wirkliche Kosaken sich eingefunden, oder ob nicht eine Studentenschaar die Franzosen in
Schrecken
gesezt hatte.
Napoleon nahm
das
leztere an und drohte am 26. April bei seiner Anwesenheit in Erfurt, er werde die Stadt Jena niederbrennen lassen. Am 18. April wurden durch die Avantgarde des französischen Souham die seit dem 8.
Generals Neh unter
von Jena nach Weimar vorgeschobenen
preußischen Huſaren und Jäger aus der lezteren Stadt vertrieben, wobei sich das Gefecht bis in die Straßen Weimars zog. Der General Souham bejezte Weimar.
Der Geheime Rath v. Müller
war nach Jena abgegangen , um für Verpflegung der verwundeten Preußen thätig zu sein.
Dorthin gaben ihm der Geheime Regie-
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VII.
Die weimarische Linie des ernestinischen Fürstenhauses .
rungsrath Voigt , Sohn des schon genannten Ministers ,
und
der
Kammerherr v. Spiegel in einem Chiffernbriefe Nachrichten mit über die Stärke des Neyschen Corps . Der Brief fiel unterwegs den Franzosen in die Hände. Die beiden unvorsichtigen Herren in Weimar wurden festgenommen und nach Erfurt in Festungshaft gebracht. Der Geheime Rath v. Müller reiste darauf sofort nach Erfurt zum General Ney und von hier weiter dem Kaiser Napoleon entgegen bis nach Vacha und traf mit diesem wieder in Erfurt ein.
Seine
Audienz bei dem Kaiser schien wenig Erfolg zu haben , denn das Verdict des Kaisers lautete für die beiden Arrestanten auf " Hängen. " Dabei ließ der Gefürchtete noch die Aeußerung fallen : „ Euer Fürst ist der widerspenstigste von Europa. "
Nach den inständigsten Bitten
des Herrn v . Müller überwies indeß Napoleon die weitere Verhandlung über die Verhafteten au den Marschall Berthier und
dieser
rieth, Carl August möge schleunigst bei dem Kaiser seinen Besuch machen .
Abends 9 Uhr fuhr der Herzog auf seiner offenen Droschke
von Weimar ab nach Erfurt und hatte am nächsten Morgen die nicht erwartete Genugthuung, daß Napoleon ihn sehr freundlich empfing und zugleich meldete, er werde gegen Mittag die Herzogin in Weimar besuchen ; bezüglich der Gefangenen müſſe man das Reſultat der Untersuchung abwarten. Gleichwohl ließ sich Napoleon während des Frühstückes im Schloſſe zu Weimar herbei, die Freilassung der beiden eingeferkerten Herren zu verfügen. Die Herzogin Luise hatte ihn nämlich darum gebeten und der Kaiser gab ihr zur Antwort : „ Sehr gern ; es freut mich , wenn ich Ihnen etwas Angenehmes erzeigen kann. " Ueberhaupt suchte Napoleon während seiner Anwesenheit so liebenswürdig zu erscheinen wie nur irgend möglich , schilderte dem Herzog die Macht und Stärke seines neuen Heeres und trug ihm auf , dem Könige von Sachsen nach Prag davon Mittheilung zu machen und ihn zu bestimmen , daß er sich von den Anträgen der Gegner Napoleons losmache und schleunigst nach Dresden zurückkehre, damit sein Land nicht als ein feindliches betrachtet werden müsse. Der Herzog begleitete seinen Gast bis Eckartsberga , speiste hier mit ihm und Berthier zusammen und wurde dann in heiterster Laune entlassen. Napoleon ließ ihn sogar durch einen Rittmeister mit einer Schwadron Dragoner
nach Weimar zurückbegleiten.
Am
nächsten
Morgen wurde der Napoleonische Auftrag an den König von Sachſen ausgerichtet, jedoch hütete sich Carl August wohl, auch nur eine Silbe mehr zu schreiben, als zum Auftrage gehörte.
Der König Friedrich
August von Sachsen trat hierauf von der Gemeinsamkeit mit Oester=
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44
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Carl August (1775-1828).
Derselbe als Herzog (1775-1815).
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reich zurück, erschien wieder in Dresden und erneuerte das Bündniß mit Frankreich. Der weitere Verlauf jener weltgeschichtlichen Ereig nisse, welche den Sturz Napoleons zur Folge hatten , bedarf hier keiner Aufzählung.
Zwar hatte derselbe zu Anfang einige Schlachten
gewonnen , bei Lüßen , Baußen und Wurzen ; seine Truppen waren auf der einen Seite wieder bis tief nach Schlesien und auf der andern bis nach Hamburg vorgedrungen ; aber dann folgten die Niederlagen Schlag auf Schlag und mit solcher Wucht, daß seines Bleibens in Deutschland nicht mehr sein konnte. Am 12. August erklärte ihm Desterreich den Krieg. Das Glück schien ihm noch einmal zu lächeln durch den Sieg bei Dresden ; aber die verlorenen Schlachten an der Kazbach und bei Kulm machten die Siegesfreude der Franzosen bald wieder verstummen. Am 8. October trat auch Bayern aus dem Rheinbunde und verband sich mit Desterreich.
Endlich wurde in der
gewaltigen Schlacht bei Leipzig vom 16. - 18 . October Napoleons Macht gebrochen.
In der Nacht des 19. October überbrachte im
Auftrage des Kaisers Alexander von Rußland ein Oberst die Siegesnachricht an Carl August nach Weimar und führte zugleich einen Kosaken- Bulk an, um die offene Stadt vor etwaigen Gewaltthätigkeiten der auf dem Rückzuge begriffenen Franzosen zu schüßen.
Die Vor-
ſichtsmaßregel erwies sich als sehr zweckdienlich, denn am 21. October ergoß sich eine französische Heersäule vom Ettersberge her auf Weimar zu und aus ihren Vorbereitungen ließ sich erkennen , daß die Franzosen gegen die Stadt feindliche Absichten hegten . warfen sich ihnen entgegen ,
Die Kosaken
konnten aber nichts ausrichten .
Die
Franzosen fahren Haubißen auf und geben denselben die Richtung nach dem Schlosse und der Altenburg . Schon fallen einzelne Geschoffe in die Vorstädte : Da treffen im rechten Augenblicke anderweite Kosaken-Pulks
von der Eckartsbergaer Straße her ein.
Zu
ihnen gesellt sich eine Abtheilung freiwilliger preußischer Jäger zu Pferd und österreichische Dragoner mit einer reitenden Batterie ; die Franzosen werden in die Flucht geschlagen und Weimar ist gerettet . Vom 24. -27 . October weilten die Kaiser von Rußland und Desterreich und der König von Preußen mit großem Kriegsgefolge und einigen der einflußreichsten Diplomaten in Weimar, darunter: Metternich, Nesselrode , Hardenberg , Stein und Wilhelm v. Humboldt. Die zuleht genannten Herren blieben bis Anfang November hier.
Dem
armen Lande wurden in diesem Jahre faſt unerträgliche Lasten aufgebürdet.
Erst hatte der Durchmarsch der Franzosen im Frühjahr
und Sommer viele Beschwerden im Gefolge gehabt ; doch ging Alles
428
VII.
Die weimarische Linie des ernestinischen Fürstenhauſes .
noch in ziemlicher Ordnung zu .
Jezt bei der Retirade fehlte es
nicht an Plünderungen und Verwüstungen aller Art. Die Heerhaufen der Verbündeten folgten den Franzosen auf dem Fuße nach, so daß das Land von den vielen auferlegten Lieferungen ganz erschöpft wurde.
Nach späteren genauen Ermittelungen repräsentirten
die Lieferungen und Leistungen an Fuhren u . s. w. die Summe von 713 141 Thalern.
Um für die Unterthanen die Last etwas zu ver=
mindern , ließ der Herzog auch die Kammergüter mit bequartieren und von den Getreidevorräthen auf den Böden der Rentämter zu den Lieferungen mit beisteuern.
Die Stadt Weimar
wurde nicht
wenig dadurch belästigt, daß hier für das 2. preußische Armeecorps , welches Erfurt belagerte , die Hauptlazarethe errichtet wurden ; denn unter den Belagerungstruppen waren Ruhr und Typhus ausgebrochen. Ferner war die Einrichtung getroffen, daß alle, aus weiter rückwärts liegenden Lazarethen
entlassenen Reconvalescenten , sowie die Er-
gänzungsmannschaften sich in Weimar jammelten , um von hier aus zu ihren Truppentheilen dirigirt zu werden.
Die Stadt erhielt daher
einen preußischen Commandanten und einem russischen und österreichischen Etappen-Commandanten.
einen
Selbstverständlich nahm auch das weimarische Land an der allgemeinen Begeisterung zu dem Kampfe gegen den Erbfeind Deutschlands mit theil. Es wurde ein Corps von Freiwilligen zu Fuß, ein anderes zu Pferd und ein Landwehrbataillon gebildet und am 24. November reiste auch der Herzog ab, zunächst nach Frankfurt a. M.
Der
Kaiser von Rußland ernannte ihn zum russischen General und Befehls = haber eines Bundescorps von 25000 Mann . Sein jüngerer Sohn, Prinz Bernhard , von dem später weitere Mittheilungen folgen werden, kämpfte mit unter dem Obercommando des Herzogs . Die Aufgabe Carl Augusts bestand darin, in den Niederlanden die französische Besagung in 12 Festungen , welche sich auf 40 000 Mann belief, im Zaume zu halten und gleichzeitig zu verhindern, daß ein anderweites Corps des Feindes von 10 000 Mann unter dem General Maison sich etwa mit Abtheilungen der Besaßungsmannſchaften vereinige und das Land durch Streifereien schädige. Es galt somit , • nach allen Seiten hin ordentlich auf der Hut zu sein und die Vereinigungsversuche zu hindern. Am 7. Februar 1814 stand der Herzog in Brüssel und verwendete dann seine Truppen , um einige feste Pläge einzuschließen.
Es wurde ihm aufgegeben, die Festung Maubeuge zu
beschießen und womöglich zu nehmen .
Zu diesem Zwecke bemächtigte
sich der Herzog der Höhen bei Affevent und ließ von hier aus ein
Carl August (1775-1828 ) .
Derselbe als Herzog ( 1775-1815).
429
heftiges Bombardement gegen die genannte Festung beginnen, konnte aber doch die Uebergabe nicht erzwingen , weil es ihm an Munition fehlte. Ein anderes Corps der Verbündeten unter General Graham blokirte während dieser Zeit die Stadt Antwerpen , und ein drittes unter General Wallmoden traf am 19. März zur Verstärkung ein. Auf dem Wege zu Graham wurde dieses leßtere Corps vom Herzog schleunigst nach Brüssel gerufen , weil nach den Bewegungen des französischen Generals Maiſon und den versuchten Ausfällen aus Antwerpen die Stadt Brüssel ernstlich bedroht schien. Leider mußte Carl August geschehen laſſen, daß seine lehte preußische Brigade auf höheren Befehl nach Frankreich dirigirt wurde ; aber er vollzog gleichwohl am 30. März mit den verminderten Truppen seine Aufstellung so, daß die Stadt hinlänglich gedeckt wurde.
Maison hatte sich jedoch
inzwiſchen zu Gent mit 4000 Mann Garden, die sich aus Antwerpen durchgeschlagen hatten, vereinigt , drang , begünstigt vom Nebel , bis in die Nähe von Tornay vor , warf eine Abtheilung Bundestruppen unter Thielemann mit Uebermacht zurück und hoffte , Tournay in seine Gewalt zu bekommen ; aber der Oberst v. Egloffstein schlug den Sturm ab und bedrängt von den herbeieilenden Bundestruppen mußte Maison bis nach Lille zurückgehen. Jezt konnte der Herzog am 2. April ſeine Truppen zwischen den Städten Mons , Tournay und Brüſſel zuſammenziehen, um einerseits die Niederlande, andrerseits den Verbündeten den Rücken zu decken. Schon hoffte er, einen entscheidenden Schlag gegen Maiſon ausführen zu können, als die Nachricht eintraf, Paris sei am 31. März von den Verbündeten genommen und Napoleon zur Abdankung gezwungen worden. Maison schloß daher am 12. April einen Waffenſtillstand und übergab bald nachher die Festungen an die Verbündeten . Der Herzog eilte nun auch nach Paris, begab sich dann nach längerem Aufenthalte daselbst nach England und kehrte am 1. September 1814 nach Weimar zurück, begrüßt vom enthuſiaſtiſchen Jubel seiner Unterthanen. Der Aufenthalt in seiner Hauptstadt war nicht von langer Dauer , denn schon am 10. September reiste Carl Auguſt wieder ab nach Wien zu dem bekannten Congresse , auf welchem der deutsche Bund gegründet wurde. Ihn begleitete dahin die Frau Erbprinzeſſin , Großfürſtin Seinen Präsidenten v. Gersdorf hatte er mit Maria Paulowna. der wichtigen Aufgabe vorausgesendet , die Ansprüche des Herzogs auf Entschädigung für die großen Opfer , welche er der deutschen Sache gebracht hatte, aufrecht zu erhalten. Auf dem Congreſſe ſelbſt erkannte man dankbar die Verdienſte Carl Auguſts um die deutsche
430
VII.
Die weimarische Linie des ernestinischen Fürstenhauses.
Sache und die von ihm gebrachten Opfer an und sprach ihm allgemein eine Gebietsvergrößerung zu.
Nach dem Antrage des
Kaisers Alexander von Rußland wurde ihm noch außerdem die Großherzogliche Würde zuerkannt mit dem Prädicate „ Königliche Hoheit. " Am 21. April 1815 nahm daher Carl Auguſt die Würde und den Titel eines Großherzogs von Sachsen-Weimar- Eisenach an, mit dem Prädicate : Königliche Hoheit.
Die Bemühungen des Präfi-
denten v. Gersdorf wegen materieller Entschädigung waren gleichfalls vom besten Erfolge begleitet, namentlich deshalb, weil die Frau Erbprinzessin ihren Einfluß geltend machte.
Schon im ersten Pariser
Frieden (30. Mai 1814 ) hatte Preußen dem Herzog einen Bevölkerungszuwachs von 50000 Seelen zugesagt, Rußland hatte außerdem noch in Aussicht gestellt, daß eine gleich große Zahl aus dem aufgelösten Fürstenthum Fulda hinzukommen sollte. Allein, die lettere Hoffnung wurde nicht realisirt ; überhaupt wurde ja bekanntlich der Wiener Congreß urplöglich durch die unerhörte Nachricht gestört, daß Napoleon die Insel Elba nahe an der italienischen Küste , auf welche er verwiesen worden war, verlassen habe , am 1. März 1815 in Frankreich gelandet sei und sich wieder als Kaiser aufspiele. Der Schritt war so empörend , daß die in Wien versammelten Fürsten die Acht aller europäischen Völker
über ihn aussprachen.
Sogleich wurden zum
Zuge gegen den Störer der Ruhe Europas die Kriegshaufen wieder aufgeboten. Natürlich waren solche Vorgänge durchaus nicht geeignet zum Abschluß derjenigen Verhandlungen, welche der Präsident v. Gersdorf noch mit den preußischen Ministern im Auftrage Carl Augufts zu führen hatte. Mit Mühe erlangte derselbe in Wien am 1. Juni 1815 noch die Unterschrift zu einem vorläufigen Vertrage zwischen Preußen und Weimar , worin die wesentlichsten Punkte wegen der beabsichtigten Gebietserweiterung enthalten waren ; behufs Feststellung des Einzelnen und Ratification der Urkunden mußte er dem Könige und Staatskanzler nach Berlin nachreisen und da dieselben bei seiner dortigen Ankunft eben zum Heere abgingen ,
ihnen bis nach Paris
nachfolgen. Das Geschick Napoleons hatte sich diesmal schnell vollzogen; am 10. Juli saß derselbe bereits wohlverwahrt zu Rochefort auf einem englischen Schiffe und wurde auf die einsame unwirthliche Insel St. Helena in strengen Verwahr gebracht. Der Großherzog Carl August war diesmal bei dem kurzen Feldzuge nicht activ, sondern begab sich nach Baden-Baden, um endlich einer seit Jahren entbehrten Ruhe zu genießen.
Sein Minister
v. Gersdorf traf am 5. August in Paris ein , betrieb hier bei dem
Carl August (1775-1828).
Derselbe als Herzog (1775-1815).
431
preußischen Cabinet die Ausführung des vorläufigen Vertrages vom 1. Juni und erlangte endlich am 22. September 1815 die Unterschrift unter den Hauptvertrag , welcher Alles bis in das Einzelnſte bestimmte. Auf dem Wiener Congreffe war die Angelegenheit mit dem Königreich Sachsen doch in etwas milderer Weise erledigt worden, als es von vornherein den Anschein hatte; denn Rußland und
Preußen
betrachteten
Sachsen als erobertes
Land und der
Kaiser Alexander hatte dasselbe in seinem ganzen Umfange dem Könige von Preußen zugesichert. Am 3. Mai 1815 wurden die Verträge zwischen Oesterreich , Rußland und Preußen abgeſchloſſen und damit auch die Frage wegen Sachsen glimpflicher entschieden. Preußen willigte ein , daß der größere Theil des Landes mit den beiden Hauptstädten Dresden und Leipzig und 1180 000 Einwohnern dem Könige Friedrich August zurückgegeben wurde und begnügte sich mit der Abtretung eines Gebietes , auf welchem 855 000 Einwohner lebten. Bei dieser Zersplitterung Sachsens sollte nun auch Carl August mit einem Theile des abgetretenen Gebietes für seine Ansprüche entschädigt werden. Dem Großherzog wäre es angenehm gewesen, wenn man sein Land nach Norden hin vergrößerte , so daß das Fürstenthum Weimar mit Oldisleben und Allstedt in unmittelbaren Zusammenhang kam , und bei solcher Arrondirung wäre allerdings ein Theil des königlich sächsischen Länderbefizes in Thüringen mit an Weimar gefallen . Allein die Frau Erbprinzessin war gegen jede Antheilnahme an Sachſens Zerſplitterung und so ließen sich nur die Enclaven beanspruchen und die sogenannten assecurirten Aemter (der Neustädter Kreis ), welche 1567 an Kursachsen hatten abgetreten werden müssen. Außerdem kamen zu Weimar noch als wesentlichste Stüde : Die Herrschaft Blankenhain , eine Anzahl früher zum erfurtischen Gebiete gehörender Dörfer und mehrere Aemter , welche bis daher zum Fürstenthum Fulda gehört hatten. Dort mußte auch Kurhessen , das einen großen Theil dieses ehemaligen Fürstenthums erhielt , einige Aemter abtreten , um die einzelnen Theile des Eiſenacher Landes mit einander in Zusammenhang zu bringen. Die ganze Gebietsvergrößerung betrug 31 Meilen mit 84 000 Einwohnern.
Achter Abschnitt .
Die Großherzöge von Sachsen - Weimar - Eisenach.
Großherzog Carl Auguſt ( 1815–1828) . Der Umfang des weimarischen Landes war durch die hinzugekommenen Gebiete fast verdoppelt worden *) und das veranlaßte den Großherzog Carl August , sowohl hinsichtlich seines Titels als auch bezüglich des Landeswappens eine Veränderung vorzunehmen . Laut Patent sollte der Titel von jezt ab folgender sein : Großherzog zu Sachsen = Weimar = Eisenach , Landgraf in Thüringen , Markgraf zu Meißen , gefürsteter Graf zu Henneberg , Herr zu Blankenhayn, Neustadt und Tautenburg 2c. 2c. Das Landeswappen erfuhr insofern eine Veränderung , als demselben die Wappen einiger neuerworbener Landestheile eingefügt wurden. wärtige
Gestalt
Weil dasselbe damals seine gegen-
bekommen hat, so
desselben Folgendes
bemerkt : ** )
sei erst jest zur Erläuterung
Das Wappen
besteht aus einem
quadrirten Schilde mit einem Mittelschilde , der mit einer Königskrone bedeckt ist und die schwarzen und goldenen Querbalken mit
*) Schon 1811 hatte Carl August durch Ablösung des bisherigen Lehensverbandes und Verzichtleiſtung auf die jährlich zu zahlenden 3500 Thaler von Schwarzburg - Sondershausen die Orte Haßleben , Tännich und Breitenheerda und den schwarzburgischen Antheil an Dienstedt und Bösleben erworben. Hierzu kam 1821 durch Kauf das zeitherige Senioratsamt Oldisleben. **) Siehe Ed . v . Schmidt , die Wappen aller regierenden Fürsten und Staaten. S. 102.
Großherzog Carl Auguſt (1815–1828). dem Rautenkranze , also das sächsische Wappen enthält.*)
433
In
der oberen Hälfte des Schildes erscheint im blauen Felde ein roth und weiß neunmal quergestreifter, gekrönter , links ſpringender Löwe mit doppeltem Schweife als Zeichen für die Landgrafschaft *) Michelsen: „leber die Ehrenstücke und den Rautenkranz als hiſtoriſche Probleme der Heraldik. Jena 1854." Nach den Erzählungen älterer sächsischer Geschichtsschreiber soll der Rautenkranz im sächsischen Wappen auf folgenden Borgang zurückzuführen ſein: „ Als Bernhard von Ascanien durch den Kaiser Friedrich I mit dem Herzogthum Sachsen beliehen wurde (NB. Obwohl der Erzbischof von Köln den größten Theil des Herzogthums Sachsen erhielt , so durfte doch Bernhard von Ascanien (Anhalt) nach seiner Belehnung mit dem übrigen Theile des Herzogthums den Titel führen : Herzog von Sachsen, Engern und Westphalen) , bat derselbe den Kaiser wegen des Unterſchiedes von ſeinen Brüdern, die auch einen Kranz im Wappen führten , um ein besonderes Abzeichen. Der Kaiſer warf ihm darauf den Rautenkranz , den er damals wegen großer Hiße trug, auf ſeinen Schild , worauf dieſer ihn in sein Wappen aufnahm.“ Diese Sage kommt zuerst am Schluſſe des Mittelalters vor und zwar ist es der für seine Zeit bedeutende Geſchichtsschreiber Albert Kranz, Domherr zu Hamburg, welcher sie mittheilt und vorgiebt, dieselbe durch Hörensagen erlangt zu haben. W. E. Tenßel in ſeiner Geſchichte von Gotha erhebt dagegen schon den kritischen Einwand , es könne mit der Sonnenhiße so arg nicht geweſen ſein und um den Laubkranz, den Barbaroſſa zur Kühle auf dem Haupte gehabt haben solle, ſtehe es ſehr bedenklich, denn die Belehnung Herzog Bernhards ſei nicht im Sommer, vielmehr im Winter geſchehen ; was auch ſeine volle Richtigkeit hat. Ferner behauptet der Profeſſor B. G. Struve , der Rautenkranz ſei zum erſtenmale auf einem Siegel Herzog Alberts I vom Jahre 1227 sichtbar , mithin müßte das Wappenbild erst nach Bernhards im Jahre 1212 erfolgtem Tode in den Schild der Herzoge aufgenommen worden sein. Michelsen ist nun der Anſicht, daß die Ruta Saxonia das Symbol der Dornenkrone Chrifti darstellen solle und der Rautenkranz sei ganz einfach ein Ruthengeflecht. Der Ausdruck Ruthe (virga), althochdeutſch „ ruota“ wird in Bezug auf Dornen und Disteln oft gebraucht. Seine Auslegung wird durch den Umstand noch besonders beglaubigt , daß auch im Wappen südeuropäischer Fürſten über den ganzen Schild eine schräg liegende Dornenkrone erscheint und der Geist jener Zeit die Aufnahme eines solchen Sinnbildes sehr erklärlich macht. Fürsten und Ritter wetteiferten damals in Aufopferungen und Beschwerden , die sie mit größter Freudigkeit zur Befreiung des heiligen Grabes oder zur Ausführung anderer religiöser Werke übernahmen und ſie führten wohl auch darauf hindeutende Abzeichen auf ihren Schilden. So wurden die drei Nägel des Heilandes am Kreuze dem Schauenburgischen Stammwappen in Holstein, dem Nesselblatte in jener Zeit zur Zierde beigefügt. Die Tochter des vorhin genannten Herzogs Albert I von Sachsen wurde mit dem Schauenburger Grafen Adolf IV vermählt und es ist deshalb wohl glaublich, daß um jene Zeit Albert als Schwiegervater sein ascaniſches Stammwappen, die fünf Balken , für sich und seine Nachkommen mit der Dornenkrone geschmückt hat. 28 Kronfeld, Landeskunde. I.
434
VIII.
Thüringen. *)
Die Großherzöge von Sachsen-Weimar-Eisenach.
Im
zweiten ,
goldenen Felde
ist
ein schwarzer,
rechtsspringender Löwe mit rother, ausgeschlagener Zunge als Zeichen für die Markgrafschaft Meißen. **) In der unteren Hälfte ist das Feld unter dem thüringer Löwen gespalten und hat in der vorderen Hälfte im goldenen Felde eine auf einem grünen Hügel stehende schwarze Henne mit rothem Kamme und Bart , als Zeichen für die Grafschaft Henneberg ; die hintere Hälfte ist von Silber und Roth gespalten mit einem darüber gezogenen Rechtsschrägebalken von abwechselnden Tinkturen ; Zeichen für die Herrschaft Arns haugt.
Das Feld unter dem meißner
Löwen ist gleichfalls ge=
spalten und zeigt in der vorderen Hälfte im silbernen Felde einen schwarzen , links springenden Löwen von einem goldenen Linksschrägebalken überzogen ; Zeichen für die Herrschaft Blankenhain . Die hintere
Hälfte ist achtmal von Silber und Blau schräg rechts ge=
streift und ist das Zeichen für die Herrschaft Lautenburg. Um den Wappenschild hängt an einem hochrothen Bande der Orden vom weißen Falken , ein achtspigiges , goldenes , grünemaillirtes Kreuz, auf dessen Vorderseite ein weißer Falfe mit ausgebreiteten Flügeln
* ) Das Wappen der ersten Landgrafen von Thüringen bestand aus zehn wagerechten Balken , welche den ganzen Schild ausfüllten und abwechselnd roth und weiß gezeichnet waren , oder nach den Ausdrücken der Heraldik : aus fünf rothen Querbalken in filbernem Felde. Dasselbe ist auf noch vorhandenen Siegeln des Landgrafen Ludwig III zu ersehen. Erst Hermann I nahm den aufgerichteten Löwen als Bild auf seinen Schild und in sein Siegel. Es wurde ein rother Löwe in ein blaues Feld gejezt und das alte Wappenbild mit dem neuen verbunden, woraus sich die fünf weißen Querstreifen erklären. Von 1196 an bedient sich Hermann des Reitersiegels. An einer Urkunde vom 4. Februar 1196 hängt ein derartiges Siegel in weißem Wachs ; die Figur auf dem drckeckigen Schilde ist leider nicht mehr erkennbar , ist aber aller Wahrscheinlichkeit nach schon der Löwe. Auf den Siegeln aus den Jahren 1197, 1202 und 1203 ist der Reiter so dargestellt, daß er dem Beschauer die rechte Seite zukehrt, also ohne sichtbaren Schild ; auf dem von 1208 ist wieder ein Schild ; aber die Figur darauf wieder nicht erkennbar. (Sämmtliche Urkunden im Geh. Haupt- und Staatsarchiv in Weimar.) An einer Urkunde des Klosters zu Ichtershausen vom Jahre 1219 findet sich an rothen , grünen und weißen wollenen Schnüren ein solches Siegel in weißem Wachs angehängt. Es stellt den Landgrafen geharnischt zu Pferde vor, in der rechten Hand eine fliegende Fahne, am linken Arme einen dreieckigen Schild und darauf als Bild der aufgerichtete Löwe. **) Die Markgrafen von Meißen führten anfangs als Wappen einen Schild mit senkrechten Pfählen. Erst Heinrich der Erlauchte hat zum Wappenbilde den Löwen und soll denselben auch erst angenommen haben, nachdem seine Ansprüche auf Thüringen bestätigt wurden. Der meißnische Löwe ist auch ein aufgerichteter, aber ein schwarzer in goldenem Felde.
Großherzog Carl August (1815-1828) .
435
erscheint. In den Hauptwinkeln des Kreuzes find rothemaillirte Spizen befindlich und über demselben eine goldene Königskrone. Das Ganze umfliegt ein mit Hermelin gefütterter , rother , mit goldenen Franzen und Schnüren gezierter Wappenmantel , der oben mit der Königskrone bedeckt ist. Der Großherzog Carl August hatte nämlich durch Decret vom 18. October 1815 den von seinem Großvater gestifteten Falkenorden erneuert und ließ die Erneuerung am Geburtstage seiner Gemahlin (30. Januar) 1816 in das Leben treten.
Nach der ausdrücklichen
Bestimmung sollte der nunmehr in 3 Claſſen (Großkreuze, Comthure und Ritter) getheilte Hausorden der Wachsamkeit oder vom weißen Falken
insonderheit
auch an Staatsdiener und Unter-
thanen zur Ermunterung und Belohnung ihrer durch Treue , Talent und geſeßmäßige Amtsthätigkeit geleisteten Dienste verliehen werden. Carl August war jetzt besonders darauf bedacht, die dem Lande durch den Krieg geschlagenen Wunden möglichst zu heilen. Er überließ deshalb die auf seinen Antheil entfallenden franzöſiſchen Kriegsentschädigungsgelder von 800 000 Thaler theils an die Landescaſſen, theils an die am meisten betroffenen Unterthanen, und suchte nun nach wiederhergestelltem Frieden sein Volk durch eine vortreffliche Landesverwaltung und freifinnige Institutionen zu Gefittung, Wohlstand und Freiheit zu führen . in einer Weise , daß
er
sondern daß sein Name
von
allen deutschen Patrioten mit der
größten Achtung genannt wurde. auch der
ehemals
Diese Aufgabe löste Carl Auguſt
nicht nur von seinem Volke hoch gefeiert,
kurhessischen
Bald nachdem die Besizergreifung Districte stattgefunden hatte , gab
Carl Auguſt ſeinem Lande eine landständische Verfassung und ließ dieselbe nach einer im April
1816 vorausgegangenen Vorbe-
rathung am 5. Mai desselben Jahres veröffentlichen. erste der vom
Es war die
deutschen Bunde in Aussicht gestellten Verfassungen
dieser Art, welche der Landesvertretung weitgehende Rechte einräumte. Der neue Landtag hielt seine erste Versammlung 1817 in Weimar, die nächste 1818 in Dornburg ab.
Die ordentlichen Landtage sollen
alle 3 Jahre, die außerordentlichen , so oft es die Umstände gebieten, zusammenberufen werden.
In der Verfassungsurkunde wurde auch
die Freiheit der Presse ausdrücklich anerkannt und gesetzlich begründet. Carl August ließ sich in seinem Streben nach Wahrheit , Recht und Freiheit durchaus nicht beirren, als man in einzelnen Bundesstaaten das Ueberhandnehmen einer allzufreien politischen Richtung fürchtete und der Bundestag , um die erwachende Freiheit im Keime zu er28*
436
VIII.
Die Großherzöge von Sachsen-Weimar- Eisenach.
sticken , sehr strenge Maßnahmen anordnete. Er fand deshalb auch kein Bedenken dabei , als die Studenten am 18. und 19. October 1817 das dreihundertjährige Jubelfest der Reformation zur Erinnerung an die erkämpfte geistige Freiheit , und den Tag zugleich als Gedenktag
der Leipziger Völkerschlacht , die von den Feffeln einer
fremden despotischen Gewalt wollten.
Die
befreite ,
auf der Wartburg begehen
neubegründete Burschenschaft in Jena hatte an alle
deutsche Universitäten Einladungen ergehen lassen und es hatten sich etwa 500 Studenten zur Feier dieſes Dank- und Freudenfestes in Eisenach eingefunden .
Am Abende des ersten Festtages bewegte sich
ein großer Fackelzug nach einem nördlich von der Stadt gelegenen Berge, woselbst vom Landſturme bereits ein Freudenfeuer angezündet worden war , und dort wurden nach der eigentlichen Feier mehrere angebliche Insignien deutscher Schmach den lodernden Flammen übergeben.
Wenn
auch
im Allgemeinen die Versammlung von einem
frischen und guten Geiste beseelt war , so fehlte es doch auch , wie jene Verbrennungsscene beweist, nicht an überspannten Köpfen, welche durch ihre enthusiastischen Reden bei den meisten deutschen Regierungen vor einem drohenden Umsturz Besorgniß und Unwillen hervorriefen und Beschlüsse des Bundestages zur Folge hatten, durch welche die akademische Freiheit und die Presse sehr beschränkt wurden. Mancher Musensohn
büßte damals sein
jahrelangem Kerker.
Der Großherzog Carl August war genöthigt,
übereiltes Vorgehen mit
jene Beschlüsse des Bundestages auch in seinem Lande zu veröffentlichen (1819), sorgte aber dafür, daß die Vollziehung der Befehle in möglichst milder Weise zur Ausführung kam , und damit erwarb er sich den Dank aller wahren deutschen Patrioten. So weise Carl August diese Angelegenheit zu behandeln verstand , so
gab
überhaupt seine ganze Thätigkeit ein fortwährendes
Zeugniß von einer weisen und sorgsamen Regierung .
Nur Einiges
aus seinen getroffenen Anordnungen sei noch hervorgehoben :
1817
löste er das seit 1566 bestandene Hofgericht zu Jena auf und ſeßte dafür, zugleich mit den übrigen sächsischen Herzögen und den Fürsten Reuß älterer und jüngerer Linie als oberste Instanz bei der Justizverwaltung
das
Oberappellationsgericht
zu
Jena
ein.
1818
wurde zu Weida und 1820 zu Dermbach ein Kriminalgericht eingerichtet.
Um lüderliche Müssiggänger wieder zu geregelter Thätigkeit
zu zwingen , wurde in Eisenach ein Strafarbeitshaus gebaut (1822). In Jena erſtand in demselben Jahre das Landkrankenhaus.
Besonders wohlthätig
wirkte die Erneuerung des Brand-
437
Großherzog Carl August ( 1815-1828).
affecurationsinstitutes , welches zwar schon 1768 gestiftet aber nicht auf das ganze Land ausgedehnt gewesen war. Es mußten fortan alle Gebäude
des Landes in diesem Institute gegen Brandschäden
versichert werden.
Die
Sorge für
Landescultur und
Land-
wirthschaft hat Carl Auguſt auch in seinen ſpäteren Regierungsjahren immer im Auge behalten und ihm lag ganz besonders viel an der Cultur des Obstbaues . Daher legte er schon im Jahre 1815 bei Weimar die Landesbaumschule an , ließ die Zöglinge des SchulLehrerseminars dort in der Cultur der Obstbänme unterrichten, damit dieſe ſpäter als Lehrer auf dem Lande der Obſtcultur förderlich wirken könnten und sorgte dafür , daß womöglich in allen Dörfern solche Obstbaumschulen angelegt wurden.
Wenn der Großherzog auch
für Handel und Gewerbe möglichst sorgte, so waren doch die da= maligen Zollverhältnisse der Art , daß die größeren Staaten auf die Gewerbs- und Handelsverhältnisse der kleineren höchst nachtheilig einwirkten. Da konnte auch die beste Fürsorge den Fabrikorten des Landes nicht aufhelfen.
den
Für Kunst und Wissenschaft zu sorgen gehörte von jeher zu Lieblingsgeschäften Carl Augusts . Wie er in Weimar die
Bibliothek vermehrte, die Militärbibliothek gründete, welche mehr als 6000 Bände und über 7000 Karten und Pläne enthielt , so schenkte er der Univerſität Jena im Jahre 1817 ſeine dortige Schloßbibliothek und ließ die Universitätsbibliothek zweckmäßig ordnen. Die von ihm angelegten Sammlungen in Jena wurden auf zweckmäßige und den Bedürfnissen
entsprechende Weise vermehrt.
Im
Kirchen-
Schulwesen erſchienen sehr zeitgemäße Anordnungen ;
und
namentlich
sorgte Carl Auguſt auch dafür , daß die Wittwen und Waisen der Geistlichen und Lehrer Pension erhielten . In Eisenach wurde das Schullehrerseminar , das seit 1783 mit dem Gymnasium verbunden gewesen war , in eine selbständige Lehranstalt umgewandelt ( 1817) ; in Weimar legte Carl Auguſt den Grundſtein zu dem jezigen Bürgerschulgebäude ( 1822) und veranlaßte auch in Eisenach den Aufbau eines solchen Schulhauses . War es wohl ein Wunder , wenn bei solcher , alle Verhältnisse umfassenden landesväterlichen Fürsorge sich die Unterthanen höchst glücklich fühlten und mit inniger Verehrung an ihrem Landesherrn hingen, daß ein Band gegenseitiger Liebe Fürst und Volk umschlang wie die Geschichte solches nicht allzu häufig aufzuweisen vermag ? Deshalb sehnte auch Alles den Jubeltag herbei , an welchem die dankbare Verehrung ihren herzlichsten Ausdruck finden sollte , den
438
VIII.
Die Großherzöge von Sachſen-Weimar-Eisenach.
3. September 1825 als den Tag des 50jährigen Regierungsjubiläums Carl Augusts .
Aber beinahe hätte der Jubilar seinen Unterthanen
die Freude verdorben. Die Vorbereitungen zur würdigen Feier des Jubelfestes konnten nicht so unbemerkt betrieben werden , daß nicht Carl August Kenntniß davon bekommen hätte. Dem alten , biedern Hohen Herrn war eine solche Festfeier nicht nach seinem Sinne und er schrieb deshalb im August 1825 an seine Minister v. Fritsch, v. Gersdorf und Dr. Schweizer :
„ Mit
Gefühlen
der lebhafteſten
Dankbarkeit , aber auch mit wirklicher Verlegenheit habe ich in Erfahrung gebracht, daß zum Tage des Jubiläums meines Regierungsantrittes allerhand Anstalten getroffen werden, um die Epoche dieses Festes zu verherrlichen oder auch durch Denkmäler zu verewigen und daß deswegen Subſcriptionen im In- und Auslande eröffnet worden sind . Was einstmalen nach meinem Abscheiden geschehen soll , um mein Andenken zu ehren ,
darüber will ich mich schon im Leben
freuen ; aber daß Nichts der Art während meines Lebens geschehe, darum muß ich dringend bitten und dieses zwar sehr triftiger Ursachen halber , die hier aufzuzählen zu weitläuftig werden möchte , die aber ein jeder , der mich kennt , errathen kann . es mir noch nicht recht klar machen ,
Ueberhaupt kann ich
ob die sogenannte Jubelfeier
eines Menschen ein Fest der Freude sein sollte, da es doch erst fällt, wenn der Abschied des Gefeierten auf ewig vor der Thür ist. Für Anstalten ist eine solche gewiß passender und erfreulicher , da man sich alsdann der Hoffnung hingeben kann, daß die Anstalt fortdauern werde, so wie sie schon lange sich erhalten hat .
Ich bitte die Herren,
diese meine Gesinnungen im Publico bekannt werden zu lassen und es dahin zu vermögen, daß es den 3. September 1825 wie alle seine Vorgänger seit etlichen 60 Jahren vorbeigehen lassen möge. Carl August Gr. v. S. “ Diesmal blieb der Wunsch unerfüllt ; denn Vornehm und Gering war Eins in dem Gedanken , dem erlauchten Landesherrn , der während einer 50jährigen glücklichen Regierung sein Volk auf eine Stufe der Bildung , Gesittung und des Wohlstandes erhoben , daß das weimarische Land mit Recht den cultivirtesten Staaten zur Seite gestellt werden mußte, und der troß seines hohen Geistes am liebsten mitten unter seinem Volke weilte und seine Feste mitfeierte, diesem Hohen Herrn zu zeigen , daß es ihn auch wie einen wahren Vater des Landes verehre. Ueberall beeiferte man sich , in den Städten, wie in den kleinsten entlegenen Dörfern , den 3. und 4. September auf das Festlichste zu begehen . An die kirchliche Feier schlossen sich
439
Großherzog Carl August (1815-1828).
muntere Volksfeste ; die meisten Orte suchten aber die Erinnerung an den schönen Tag durch irgend eine Stiftung, durch Einweihung von Bauten, wie z. B. Einweihung der Schulgebäude in Weimar, Eisenach und Allstedt, Anlegen von Straßen, Obstplantagen u. f. w. bleibend zu machen, um auf diese Weise im Sinne und Geiste des Jubilars dem Feste die rechte Weihe zu geben .
Ungeheurer Jubel herrschte
selbstverständlich besonders in Weimar , wo man den Hohen Jubilar in seiner Mitte hatte. Als am Abend des zweiten Festtages in dem vor fünf Monaten niedergebrannten, rasch wieder aufgebauten Theater die Stelle in Goethes Tasso gesprochen wurde : Ferrara ward durch seine Fürsten groß“ , fühlte ,
da brach stürmischer Jubel aus , denn Jeder
wem das an sich unbedeutende Weimar ,
das „ Ilm - Athen “
seine Größe und den Ruhm verdanke, eine Pflanzstätte echter Bildung zu sein , nach welcher nicht nur die gebildetsten Deutschen , sondern auch die gelehrtesten Männer fremder Nationen gern wallfahrteten. Nur wenige Jahre noch waren dem Jubelgreise als Lebensziel bestimmt und diese brachten ihm noch einige recht glückliche Familienereigniſſe.
Zu denselben gehörte auch die am 26. Mai 1827 er-
folgte Vermählung seiner Enkelin, Prinzessin Marie mit dem Prinzen Carl von Preußen. Am 20. März 1828 wurde das fürstliche Ehepaar durch die Geburt eines Prinzen erfreut; es war der jetzige Prinz Friedrich Carl, der bekannte Kriegsheld, welcher in den Jahren 1864, 1866, 1870 und 1871 sich mit unsterblichem Ruhme bedeckt hat.
Um diesen seinen Urenkel zu sehen, reiste Carl August nach
dem Schlosse Glienecke bei Potsdam , wo die fürstliche Familie ihren Wohnsiz hatte , und traf daselbst am 1. Juni ein.
Nach mehreren
froh verlebten Tagen verfügte sich der Großherzog dann nach Berlin zum Besuche am königlichen Hofe und nahm beſonders darauf Bedacht, in Begleitung des gelehrtesten Mannes, Alexander v. Humboldts, die Sehenswürdigkeiten Berlins in Augenschein zu nehmen. Der große Gelehrte schreibt über den lezten Aufenthalt Carl Auguſts in Berlin :
. Nie habe ich den großen menschlichen Fürſten lebendiger, geistreicher, milder und aller ferneren Entwickelung des Volkslebens theilnehmender gesehen , als in den lezten Tagen , die wir ihn hier besaßen.
Ich
sagte mehrmals zu meinen Freunden ahnungsvoll und beängstigt, daß diese Lebendigkeit , diese geheimnißvolle Klarheit des Geistes bei so viel körperlicher Schwäche mir ein schreckhaftes Phänomen sei. " Die Ahnung Humboldts erfüllte sich schon nach wenigen Tagen.
Auf
der Heimreise war für den 14. Juni das Schloß Gradiß bei Torgau als Nachtquartier bestimmt.
Carl Auguſt besah das dortige könig-
440
VIII. Die Großherzöge von Sachsen-Weimar-Eiſenach.
liche Gestüt und während er am Abende am offenen Fenster stand, um Luft zu schöpfen, traf ihn plöglich ein Schlaganfall und entseelt sank er in die Arme seines hinter ihm stehenden Adjutanten.
Sein
Leichnam wurde nach Weimar übergeführt, zuerst im römischen Hause niedergesezt und von da am 28. Juni nach der Fürstengruft gebracht, welche der Verstorbene mitten auf dem Friedhofe im Jahre 1824 hatte erbauen laſſen .
Ein halbes Jahr vor seinem Tode ließ der
Großherzog den Sarg mit den Ueberresten von Schillers Gebeinen in seine Familiengruft bringen ; am 8. Februar 1830 nahm dasselbe Gewölbe die sterbliche Hülle seiner Gemahlin Luise auf , die am 4. Februar genannten Jahres entschlummerte , und am 26. März 1832 den am 22. März entschlafenen Dichter Goethe. Das Andenken an Carl August wird noch heute bei seinen Unterthanen durch Tradition von allerlei Vorgängen und Geschichten aus seinem Leben frisch erhalten , besonders aber auch durch zwei höchst gelungene Abbildungen , welche sich noch in vielen Familien finden. Wer kennt nicht die beiden Bilder : „ Carl Augusts Heimkehr von der Jagd " und „ Carl August im Parke zu Weimar. " Das Familienleben des Verewigten war ein äußerst glückliches gewesen. Seine Gemahlin , Luise Auguste , mit der er sich am 3. October 1775 vermählt hatte, gebar ihm sechs Kinder, von denen aber nur drei heranwuchsen , nämlich :
1 ) der Erbgroßherzog Carl
Friedrich , geboren den 2. Februar 1783 , vermählt am 3. August 1804 mit der russischen Großfürstin Maria Paulowna. Carl August genoß die Freude, seine beiden Enkelinnen, die Prinzessinnen Marie Luise (geboren 1808 ) und Marie Luiſe Augusta (geboren 1811 ) , sowie seinen Enkel , Seine Königliche Hoheit , den jezt regierenden Großherzog Carl Alexander (geboren den 24. Juni 1818) aufblühen und eine der Enkelinnen , die älteste Prinzessin mit dem schon genannten Prinzen von Preußen Friedrich Carl Alexander am 26. Mai 1827 vermählt zu sehen.
2) Die Prinzessin Caroline ,
geboren
1786 , vermählt mit dem Erbgroßherzog von Mecklenburg - Schwerin (starb leider schon 1816 ) ; 3) der Herzog Carl Bernhard , geboren den 30. Mai 1792. Derselbe trat in sächsische Kriegsdienste, kämpfte am 5. und 6. Juli 1809 bei Wagram an der Spiße eines sächsischen Garde-Bataillons im mörderischen Feuer, so daß ihm der Hut zerschossen wurde. Als Anerkennung der bewiesenen Tapferkeit zog ihn Napoleon am Tage nach der Schlacht mit Berthier zur Tafel und schmückte ihn mit dem Orden der Ehrenlegion . Prinz Bernhard rückte bis zum königlich sächsischen Obristlieutenant auf und nahm
Großherzog Carl Friedrich (1828-1853).
1812 einen längeren Urlaub, um nach Italien zu gehen.
441
Bei seiner
Rückkehr im September 1813 wurde die Stadt Weimar von Franzosendurchmärschen schwer heimgesucht.
Carl August stellte deshalb den
Prinzen Bernhard an die Spiße der Militärverwaltung und dieser hielt mit solcher Energie auf Ordnung , daß von den Durchzüglern keinerlei Unfug mehr verübt werden konnte.
1814 war Bernhard
noch bei den sächsischen Truppen und diente unter seinem Vater. Nach dem ersten Pariser Frieden trat derselbe als Oberst in niederländische Kriegsdienste und erwarb sich vielen Kriegsruhm durch die rasche Beſeßung und muthvolle Vertheidigung von Quatrebras . Am 30. Mai 1816 vermählte er sich , bereits bis zum königlich niederländischen Generalmajor avancirt , mit der Prinzessin Jda , Tochter des Herzogs Georg von Meiningen .
Aus dieser Ehe sind drei Prinzen
hervorgegangen : 1 ) Wilhelm August Eduard , geboren 1823 , General- Major in der königlich großbrittanischen Armee ; 2) Her = mann Bernhard Georg , geboren 1825, königlich württembergischer General-Lieutenant (Kinder : Pauline Jda Marie Olga Henriette Catharina , geboren 25. Juli 1852 , Gemahlin Seiner Königlichen Hoheit des
Erbgroßherzogs
Carl August von Sachsen-Weimar ;
Wilhelm Carl Bernhard Hermann, geboren 1853 ; Bernhard Wilhelm Georg, geboren 1855 ; Alexander Wilhelm Bernhard Carl Hermann, geboren 1857 ; Ernst Carl Wilhelm, geboren 1859 ; Olga Marie Jda Sophie Pauline Auguste, geb. 1869 ) ; 3) Friedrich Gustav Carl , geboren 1827, kaiserlich königlich österreichischer Generalmajor a. D. Der Herzog Bernhard starb als königlich niederländischer General der Infanterie am 30. Juli 1862, nachdem ihm seine Gemahlin be reits am 4. April 1852 im Tode vorausgegangen war.
Großherzog Carl Friedrich ( 1828 — 1853) . Der Erbgroßherzog Carl Friedrich weilte mit seiner Gemahlin gerade in Petersburg, als die Tage Carl Augusts sich erfüllten, und eilte auf die Trauerkunde sofort nach Weimar. Die Versicherung, ganz in die Fußtapfen seines erhabenen Vaters treten , dessen Werke ehren , erhalten und schüßen zu wollen ,
hat der milde und gütige
Landesfürst getreulich erfüllt. Carl Auguft hatte in allen Zweigen der Verwaltung einen so guten Grund gelegt , daß man auf dieser Grundlage nur ruhig fortzubauen und den Zeitverhältnissen Rechnung
zu tragen brauchte , um die Regierung für das Wohl der
Unterthanen immer ersprießlich einzurichten . Während im Jahre 1830
442
VIII.
Die Großherzöge von Sachsen- Weimar- Eisenach .
als Nachwehe der französischen Julirevolution auch in verschiedenen deutschen Bundesstaaten, wie z . B. im Königreich Sachsen, in Hannover, Braunschweig , Kurhessen 2c. mehr oder weniger heftige Stürme ausbrachen und eine Abänderung der bisherigen Verfassung herbeiführten, gingen an dem weimarischen Lande jene Aufregungen spurlos vorüber ; denn Carl August hatte ja bereits 1816 seinem Volke eine freisinnige , constitutionelle Verfassung verliehen , die den Wünschen desselben nach allen Seiten entgegenkam und somit blieb die Regierung des
Großherzogs
Carl Friedrich in ihrem ruhigen
Geleiſe.
Tüchtige Minister und Räthe, zum großen Theile schon treu bewährt unter der Regierung seines Vaters, standen ihm rathend und helfend zur Seite und eben so fand Carl Friedrich an seiner Gemahlin, der Großfürstin Marie Paulowna (geboren 16. Februar 1786) eine tüchRathgeberin , welche sich den Herzoginnen Anna Amalie und Luiſe würdig anreihte.
In allen Zweigen der Verwaltung wurden , dem
Zeitgeiste entsprechend , gedeihliche Anordnungen getroffen. Handel und Industrie , welche während der Regierung Carl Augusts wegen der beengenden Zollgrenzen nicht recht gedeihen konnten, wir erinnern beispielsweise nur an das fast gänzlich darniederliegende Strumpfwaarengeschäft zu Apolda , kamen in neuen Aufschwung mit dem Anschlusse Weimars an den preußischen Zollverein. In dem 19. Artikel der deutschen Bundesacte war allerdings bestimmt worden, daß wegen des Handels und Verkehrs unter den Bundesstaaten auf der ersten Bundesversammlung zu Frankfurt Berathung gepflogen werden sollte. Allein der österreichische Kaiserstaat hatte schon längst sein ausgebildetes Zollsystem ; seine Finanzen befanden sich gut dabei und er hatte nicht Lust , davon abzugehen. Preußen hatte seit der Mitte des 18. Jahrhunderts gleichfalls sein bestimmtes Zollsystem und zum Schuße des inländischen Gewerbfleißes den Andrang ausländischer Kunſtproducte abzuhalten gesucht , was zur Entwickelung seiner Industrie wesentlich beigetragen hat. Jezt bot es, von deutschem Patriotismus beseelt , die Hand zu einem allgemeinen deutschen Handelssysteme ; aber das Vorhaben scheiterte an der Gleichgültigkeit Desterreichs und der Eifersucht und dem Egoismus der Staaten zweiten Ranges. Da schloß Preußen 1818 mit einigen kleineren Nachbarstaaten und mehreren außerdeutschen Ländern einen Zollverein ab, dem aber die meisten übrigen deutschen Bundesländer und auffallender Weise auch unser Großherzogthum nicht beitraten. Der große preußische Staat sammt den mit ihm im Zollvereine sich befindenden Ländern war für die im Weimarischen verfertigten Artikel,
443
Großherzog Carl Friedrich (1828-1853).
namentlich Strumpfwaaren, so gut wie verschlossen ; denn der Centner solcher Waaren wurde mit 33 Thaler Zoll belegt. 1826 schlossen nun Bayern und Württemberg einen Zollverband ,
dem die kleinen
hohenzollernschen Fürstenthümer beitraten ; Preußen nahm inzwischen die drei anhaltischen Herzogthümer und 1828 auch das Großherzogthum Hessen-Darmstadt mit in seinen Zollverband auf und somit verengerte sich das Gebiet , wohin die im Weimarischen gefertigten Waaren ausgeführt werden konnten ,
immer mehr.
Im September
des genannten Jahres wurde zu Caffel von Sachsen, Hannover, Kurheffen, den sächsischen Herzogthümern, Naſſau, Braunschweig , Olden= burg, Heſſen-Homburg, den reußischen Fürstenthümern, SchwarzburgRudolstadt und den freien Städten Bremen und Frankfurt a. M. ein Staatsvertrag zur Förderung des Handels abgeschlossen . So bestanden also von 1829 an in Deutschland ohne Oesterreich folgende Zollvereine: 1 ) der preußische mit 13310000 Einwohnern, 2) der bayrisch -württembergische mit 5 460 000 Einwohnern und 3) der mitteldeutsche mit 5 274 000 Einwohnern. blieben ganz isolirt.
Baden, Mecklenburg 2c.
Ist das nicht eine vortreffliche Jllustration der
Zustände in unserem großen Vaterlande während der Wirksamkeit des deutschen Bundes ?
Der dritte Zollverein zeigte die wenigste
Lebensfähigkeit und das Uebergewicht des preußischen wurde bald um so mehr fühlbar, als sich demselben 1829 auch Bayern und Württemberg anschlossen. Nach mancherlei Verhandlungen trat endlich 1833 auch Weimar dem preußischen Zollvereine bei und nun wurde der Verkehr wieder frei ; die Binnenzölle und mit ihnen die Mauthstellen und Grenzwachten verschwanden und das Abſaßgebiet für die Fabrikate gewann eine ganz bedeutende Ausdehnung .
Jezt
erst konnte sich die Fabrikation , namentlich in der Hauptfabrikstadt des Landes, in Apolda, kräftig entwickeln, und was sie zu leisten im Stande sei, zeigte ihr mit jener Periode beginnender Aufschwung. *) Gleichergestalt kamen auch in den andern Fabrikorten des Landes, welche für ihre Producte eines größeren Absaßgebietes bedurften , die Geschäfte nun erst in Schwung.
Zur Förderung und Vervollkomm=
nung der Technik war schon 1829 in Weimar eine freie Gewerkenſchule gegründet worden ; jezt entstand eine derartige Anstalt auch in Eisenach ( 1834).
Um noch weiter den Verkehr mit den Zollvereins-
staaten zu erleichtern , wurde auch der zeitherige Münzfuß (der 20-Guldenfuß) abgeschafft und der 14-Thalerfuß , das sogenannte Silbergeld eingeführt.
Neben der Förderung von Fabrikation und
*) Siehe im II. Theile der Landeskunde „ Apolda“.
444
VIII.
Die Großherzöge von Sachsen-Weimar- Eisenach.
Handel wurde auch auf die Landwirthschaft große Aufmerksamkeit verwendet, indem man sich bestrebte, dieselbe rationeller zu betreiben und den Boden nach wissenschaftlichen Grundsäßen und Erfahrungen zu cultiviren , was zu größerer Wohlhabenheit führen mußte.
Die
Forstcultur erhielt durch die Gründung des Forstinstituts zu Eisenach als Staatsanstalt ( 1830) eine wesentliche Förderung und dem Director *) desselben gebührt namentlich das Verdienst, die Umgebung der Stadt Eisenach besonders verschönert zu haben . In allen Anordnungen und Anregungen sprach sich durchweg die freundliche und gütige Fürsorge der hohen Herrschaften aus . Wir erinnern nur an die theils neu errichteten , theils weiter ge= förderten Wohlthätigkeitsanstalten des mehreren Städten
Landes .
So entstanden in
auf besondere Anregung Sparkassen , welche
nicht allein im Allgemeinen einen wesentlichen Nugen dadurch erzielten , daß sie zur Sparsamkeit und bei gutem Verdienste zur Bedachtnahme auf etwa spätere schlechtere Zeiten ermunterten , sondern bei alledem auch noch einen ansehnlichen Fond ansammeln halfen zur Förderung guter Zwecke , so daß man z . B. in Weimar , Jena, Apolda zc. die Früchte jener gesegneten Saat bis in die neueste Zeit ernten
konnte ;
ferner
ist nicht
zu vergessen die Errichtung ver-
ſchiedener Wittwenpensionskassen ; ferner die durch die Munificenz der
Frau
Großherzogin
Großfürstin
Maria Paulowna im
Jahre 1831 in Weimar gestiftete Suppenanstalt, aus welcher an den Wochentagen für wenig Geld warme Speisen an Arme verab= reicht werden ; vor allen Dingen aber die von derselben hochherzigen Landesmutter bald nach den Freiheitskriegen gestifteten Frauen = vereine , deren Thätigkeit
namentlich auf Unterricht , Erziehung
und Unterstüßung der verarmten weiblichen Jugend gerichtet ist. Die von den Frauenvereinen hervorgerufenen Industrieschulen , in welchen den Mädchen aus ärmeren Familien Nähen, Stricken und Häkeln unentgeltlich gelehrt wird , haben ungemein viel Gutes gestiftet; nicht minder auch die von manchen Frauenvereinen noch be= sonders errichteten Kleinkinderbewahranstalten , welche den noch nicht schulpflichtigen und von ihren Eltern nicht genug beaufwww . Für den sichtigten Kindern Erziehung und Pflege darbieten . Eisenacher Kreis wurde 1836 und 37 in der Stadt Eisenach eine Krankenheilanstalt in einem eigens dazu erbauten Hause errichtet , und 1840 zu Blankenhain ein Landes hospital als Zufluchtsstätte für Unglückliche , insbesondere als Versorgungsanstalt
*) Oberforstrath König († 1849).
Großherzog Carl Friedrich (1828-1853) .
445
für Hülfsbedürftige , die an unheilbaren Krankheiten des Körpers und der Seele leiden . So ließen sich noch manche andere höchst wohlthätige Einrichtungen aufführen , welche durch den Großherzog Carl Friedrich und seine erhabene Gemahlin in das Leben getreten find. Ein Hauptwerk aber , das nicht bloß zur Hebung des Verkehrs im
Allgemeinen ,
sondern zum
Förderung der Fabrikthätigkeit
Emporblühen und
mancher Orte , zur
durch die
Erleichterung des
Reisens zur Hebung der geistigen Cultur im Lande viel beigetragen und ganz besonders auch den Zufluß von Fremden nach Thüringen und speciell nach einzelnen Theilen des weimariſchen Landes (Weimar, Ilmenau , Eisenach 2c.) bedeutend vervielfacht hat , das ist der Bau der thüringischen Eisenbahn . Schon seit dem Jahre 1836 hatte man sich damit beschäftigt , durch Voruntersuchungen zunächst die Möglichkeit einer Bahnlinie durch Thüringen festzustellen.
Die
drei Staatsregierungen Sachsen-Weimar, Sachſen- Gotha und SachſenMeiningen schlossen indeß erst im Jahre 1840 einen Staatsvertrag ab, welcher zum Endzwed hatte, den großherzoglichen und herzoglichsächsischen Landen die Vortheile eines möglichst erleichterten Verkehrs durch Eisenbahnverbindung im Innern sowohl als nach den angrenzenden Nachbarstaaten zuzuwenden und dadurch zugleich auch die Bahnverbindung zwischen dem nördlichen und südlichen , desgleichen dem
östlichen und westlichen Deutschland nach Kräften zu
unterstützen.
Daher wurde
es die
Aufgabe jener contrahirenden
Regierungen, die projectirten Eisenbahnverbindungen von Halle nach Cassel und von Bamberg nach dem nördlichen Deutschland so viel als möglich und in angemessenen Richtungen durch die betreffenden Staaten zu leiten thüringischen zu treten.
und
mit dem schon zu diesem Zwecke in den
Staaten bestehenden Eisenbahnvereine in Verbindung
Es ſtanden sich in Betreff der Richtung der Bahnlinie
zwei Ansichten
entgegen ; nach der einen sollte die Bahn von Halle
aus über Mühlhausen , Wanfried und Eschwege nach Caffel geführt werden ; nach der andern sollte dieselbe ihre jezige Richtung erhalten und die letztere Ansicht behielt die Oberhand , so daß schon am 20. December 1841 die Staaten Preußen, Kurhessen, Sachsen -Weimar und Sachsen-Coburg- Gotha einen Vertrag abschloffen, betreffend den Bau der jezt bestehenden Bahn . Infolge dieses Vertrages bildeten sich nun für die Bahnabtheilung von Halle bis zur kurhessischen Grenze in jeder der neun Städte, welche auf der gedachten Bahnstrecke berührt werden, also auch in den weimarischen Städten Apolda, Weimar und Eisenach Comitès , welche sich am 26. März 1842 in
446
VIII.
Die Großherzöge von Sachsen-Weimar- Eisenach .
Erfurt zu einer Gesellschaft constituirten.
Im März 1843 begannen
die Vorarbeiten und der Bau nahm seinen Anfang sofort nach der am 20. August 1844 durch die betreffenden Staatsregierungen erfolgten Bestätigung der „ Thüringischen Eisenbahngesellschaft. " Im December 1846 ward bereits die Strecke von Halle bis Weimar dem Verkehr übergeben ; zu Ostern 1847 , folgte die Eröffnung bis Erfurt und bald darauf bis Eisenach. Dadurch wurden die beiden Hauptlandestheile , der weimarische und eisenachische Kreis einander bedeutend näher gerückt, was auf die Verwaltung des Ganzen einen nicht unwesentlichen Einfluß ausübte.
Welchen ungeheuern Nußen
die Eisenbahnen für den Verkehr haben und wie sie geeignet sind, in Zeiten der Noth von auswärts rasch Hülfe herbeizuführen , das wurde man besonders gewahr im Frühjahre 1847 als in Folge einer geringen Ernte im Jahre 1846 die Lebensmittel im Preise zu einer beängstigenden Höhe stiegen. Das Pfund Brod kostete 2½ Groschen und der preußische Scheffel Kartoffeln 2 Thaler. Damals wurde von Rußland Getreide herbeigeschafft , und dieses konnte mittelst Eisenbahnen von den norddeutschen Seehäfen aus den bedrängten Gegenden rasch zugeführt werden.
Der Frühling des nächsten Jahres brachte eine Aufregung ganz anderer Art : es war das bekannte Sturmjahr 1848. In Frankreich hatte man am 24. Februar die Republik proclamirt und König Louis Philipp war mit dem Hofe nach England geflohen. Die Revolution hatte sich zwar innerhalb weniger Tage vollzogen ; aber ihre Rückwirkung auf das übrige Europa und namentlich auf Deutschland war heftiger und rascher als die der früheren Revolutionen von 1789 und 1830. Ueberall sprach sich in stürmischer Weise das Verlangen aus nach Veränderung , sowohl was die Verfaſſung der einzelnen Staaten, als auch was die Gesammtverfassung des großen Vaterlandes betraf. Aufhebung aller Feudallasten und Standesvorrechte , Deffentlichkeit der Rechtspflege und Einführung der Ge= schworenengerichte, Volksbewaffnung und Vereinsrecht, Verminderung der Abgaben , Preßfreiheit , Antheil der Völker an der Vertretung Deutschlands als eines Bundesstaates unter einer Centralgewalt mit kräftigerer Einheit dem Auslande gegenüber , im Innern gleiche Ge= sehe über Handel und freien Verkehr, - das waren die Forderungen, welche überall erhoben wurden . Fast in allen deutschen Staaten wurden die
Ministerien gewechselt und mit freisinnigen Männern besezt ; in einigen folgten sogar Regentenwechsel. Während aber in
verschiedenen Hauptstädten Deutschlands
die Waffen zur Hand ge-
Großherzog Carl Friedrich (1828-1853).
447
nommen und blutige Kämpfe zwischen den Regierenden und den Unterthanen ausgefochten wurden , weil Freiheitsschwindel und die Sucht , alle bestehende Ordnung über den Haufen zu werfen, an die Stelle ruhiger Besonnenheit getreten war, durchschritt die allgemeine Bewegung
unser Großherzogthum nur in sehr gemäßigter Weise,
denn wenn sich auch da und dort einige Mißstände zeigten , welche dem Zeitgeiste nicht mehr entsprachen , so waren dieselben doch nur in sehr geringem Maße vorhanden und die Einsicht der treuen Räthe unseres
milden Landesfürsten wußte die Forderungen der Neuzeit
mit dem geseßlichen Boden der Vergangenheit zu versöhnen. Reihe neuer Geseze
und Einrichtungen ,
Eine
hervorgegangen aus ein-
gehender und umfichtiger Berathung der maßgebenden Factoren, entsprach den Zeitverhältnissen und gab vielen eine ganz veränderte Form.
bisherigen Zuständen
Es erfolgte die Aufhebung der Schrift-
fäffigkeit ( 1. Juli 1850) , ſo daß Jedermann dem Gerichte , das für den Bezirk seines Wohnfißes besteht, unterworfen wurde und hinsichtlich der Civiljustiz somit alle Bevorzugung der sogenannten Schriftfaſſen verschwand . Für wichtigere Justizsachen wurden Kreisge richte in Weimar , Eisenach und Weida eingesezt und als Juſtizcollegium für das Großherzogthum das Appellationsgericht zu Eisenach errichtet ( 1. Juli 1850). Die Strafrechtspflege erhielt eine Umgestaltung durch Einführung des öffentlichen und mündlichen Gerichtsverfahrens , der Geschwornengerichte und durch die Einrichtung der Staatsanwaltschaften , haben , daß bei folgen und
welche dafür zu sorgen
allen Verbrechen Untersuchung und Bestrafung er-
doch auch Niemand
schuldlos
verfolgt werde.
Eine
äußerst wichtige Einrichtung war die Trennung der Verwaltung von der
Justiz ,
die . Einführung
der
Gemeindeordnung
(1. August 1850), nach welcher die Gemeinden in eigentlichen Gemeindeangelegenheiten ſelbſt entſcheiden , und damit im Zuſammenhange die Errichtung der Bezirksdirectionen , von denen zwei für den weimarischen , zwei für den eisenachischen und eine für den neustädter Kreis entstanden.
Die rein kirchlichen und geistlichen
Angelegenheiten der protestantischen Kirche wurden einem collegialisch besezten Kirchenrathe übertragen. Um den kirchlichen Sinn mehr zu heben , wurde eine neue Kirchengemeindeordnung eingeführt (1. November 1851 ) , welche dem Kirchgemeindevorstande gewisse Befugnisse übertrug .
Auch das Schulwesen hatte sich einer
sonderen Aufmerksamkeit zu
be=
erfreuen , indem nicht bloß die äußere
Lage der Lehrer eine geregelte Verbesserung erfuhr, sondern auch die
448
VIII.
Die Großherzöge von Sachsen-Weimar-Eisenach.
äußere Stellung der Schule durch Einsehung des Schulvorstandes eine geordnete Vertretung erhielt. Die Landwirthschaft wurde da= durch wesentlich gefördert, daß die auf Grund und Boden haftenden Abgaben ablösbar gemacht wurden und die entstehenden landwirthschaftlichen Vereine einer rationelleren Cultivirung des Bodens Bahn brachen. Für die Betreibung der Gewerbe wirkten nicht wenig fördernd die entstehenden Gewerbevereine. überall ein reges Leben herrschte.
Man ersieht darans, daß
So hatte das Sturmjahr 1848 für das Großherzogthum nur segnend gewirkt ; denn man hatte verstanden , den Forderungen der Zeit gerecht zu werden, ohne dabei das bestehende Alte gleich ganz über den Haufen zu stürzen.
Ganz wie zur Zeit Carl Augusts nach
den Befreiungskriegen, so ging auch jezt die zu Anfange der funfziger Jahre in den Einrichtungen anderer deutschen Staaten sich breit machende Reaction an dem weimarischen Lande fast spurlos vorüber. Tüchtige Räthe, unter denen vor allen Dingen der Minister v. Wazdorf in gesegnetem Andenken bleiben wird , hatten in gemeinschaftlicher Berathung mit dem Landesherrn verstanden , auch ohne das Mittel der Reaction Alles in bestem Geleise zu erhalten. Am 25. August 1850 fand die erste feierliche Enthüllung eines der Dichterdenkmäler in Weimar , nämlich des Herderdenkmales statt.
Nach einer Feier in der Stadtkirche , woselbst Herders Grab
geschmückt war , stellte sich der Festzug auf dem Plaze auf , der nun Herderplaz genannt wurde , und es folgte dann die Enthüllung des Denkmales .
Den Tag darauf war ein großes Kinderfest auf Herders
Ruhe am Ettersberge. Die erste Anregung zur Errichtung des Denkmales hat die Freimaurerloge gegeben. Bereits am 24. Juni 1844 erließen die Logen in Darmstadt und Weimar einen Aufruf an alle deutschen Logen und dies gab den Anstoß zu Anregungen und Sammlungen auch in Kreisen , welche jener Verbindung nicht angehörten, ſo daß das Denkmal in großartigerer Weise vollendet werden konnte, als man anfänglich beabsichtigt hatte. Nach dem Vorhergehenden war es ganz natürlich, daß man den Tag , an welchem
der menschenfreundliche Fürst sein
25jähriges
Regierungsjubiläum beging ( 15. Juni 1853), im ganzen Lande auf das Festlichste feierte.
Aber schon nach wenigen Wochen, am 8. Juli
desselben Jahres ereilte den Großherzog Carl Friedrich zu Schloß Belvedere der Tod. Seine Ruhestätte wurde ihm in der Fürstengruft zu Weimar bereitet.
Die verwittwete Frau Großherzogin Groß-
fürstin gründete am 7. Juli 1858 zum Gedächtniß an ihren ver-
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Großherzog Carl Friedrich (1828-1853).
storbenen Gemahl das Großherzogliche Carl - Friedrich - Damenstift zu Großcromsdorf bei Weimar behufs standesmäßiger Versorgung von unverehelichten Töchtern verdienter Hof- und Staatsdiener vom Civil und Militär.
Die Vorrechte der Stiftsdamen bestehen in dem
Genuß einer jährlichen Präbende , dem Tragen eines Ordenszeichens und dem Rechte zum Erscheinen bei Hofe. Nach dem Willen der edeln Stifterin wurde das Damenstift an ihrem Todestage , am 23. Juni 1859 eröffnet .
Die edle Landesmutter , welche gleichfalls
zu Schloß Belvedere eben gedachten Tages ihr Leben beschloß , hat ihre Ruhestätte gefunden in dem an die Fürstengruft in russischem Stile 1860 1862 errichteten Anbaue auf dem städtischen Friedhofe. Der Thätigkeit dieser edeln Fürstin als wahrer Landesmutter wurde schon im Vorhergehenden gedacht ; wir müssen dem dort Ge= sagten aber noch beifügen, daß dieselbe neben den materiellen Intereſſen des Landes auch Wiſſenſchaft und Kunst auf alle Weise zu fördern suchte. Zu mancher Einrichtung der Universität hat die Frau Großherzogin - Großfürstin in freigebigſter Weise aus ihrer Schatulle die Mittel verwilligt und damit ihre lebendige Theilnahme für die Fortschritte der Wissenschaft bewiesen.
Die Kunstsammlung in Weimar
ist von der edeln Fürstin wesentlich vermehrt worden und ihrer Verehrung für die großen weimarischen Dichter hat dieselbe durch die Ausschmückung und Einrichtung der Dichterzimmer im Residenzschloffe einen bleibenden Ausdruck verliehen .
Das Schiller-
und
Wieland-Zimmer wurden 1840 , das Goethe-Zimmer 1846 und das Herder-Zimmer 1847 vollendet.
Diese Zimmer gehören mit zu den
Sehenswürdigkeiten Weimars und Geschlechtern
noch
ein
schönes
werden auch den nachfolgenden Erinnerungszeichen
an
die
edle
Fürstin sein. Zum Schlusse des vorigen Abschnittes wurde bereits erwähnt, daß die Prinzessin Marie Luise Alexandrine ( geb. am 3. Februar 1808) fich am 26. Mai 1827 mit dem Prinzen Friedrich Carl Alexander von Preußen vermählte. Es ist also nur noch beizufügen, daß die zweite Prinzessin Marie Luise Augusta Katharine (geb. am 30. September 1811 ) fich am 11. Juni 1829 vermählte mit Sr. Kaiserl. Königl. Majestät Wilhelm , deutschem Kaiser , König von Preußen 2c., damals Prinz von Preußen. Die Vermählung Sr. Königl. Hoheit des damaligen Erbgroßherzogs , jezigen Großherzogs Carl Alexander von Sachsen-Weimar-Eisenach mit Ihrer Königl. Hoheit , Wilhelmine Marie Sophie Luise ,
Tochter Sr. Majestät
Wilhelm II, Königs der Niederlande und Großherzogs von Luxem29 Kronfeld , Landeskunde. I.
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VIII.
Die Großherzöge von Sachsen-Weimar-Eisenach.
burg (geb. am 8. April 1824) erfolgte im Haag am 8. October 1842 . Der Großherzog Carl Friedrich genoß demnach die Freude , jene frohen Familienereignisse zu erleben und die nachwachsenden Enkel und Enkelinnen glücklich gedeihen zu sehen.
Großherzog Carl Alexander (Auguſt Johann) (ſeit 1853 ) . Noch mit tiefer Trauer erfüllt über das unerwartet schnelle Hinscheiden des milden , liebenswürdigen und menschenfreundlichen Großherzogs Carl Friedrich sahen die Unterthanen des Landes mit gerechten und gegründeten Hoffnungen auf eine künftige, tüchtige und fürsorgliche Landesregierung der Verkündigung von dem Regierungsantritte seines Nachfolgers , Seiner Königlichen Hoheit des jezigen Großherzogs Carl Alexander entgegen, welche auch noch deffelbigen Tages, gestüzt auf das in dem Großherzoglichen Hause geltende Erbfolgerecht publicirt wurde. „ Wir treten ", heißt es in dem Allerhöchsten Patente vom 8. Juli 1853 ,
"I die Regierung mit der
Erklärung an , daß Wir dieselbe treu und gewissenhaft , im Einklange mit den Bestimmungen des revidirten Grundgesezes vom 15. October 1850 über die Verfassung des Großherzogthums vom 5. Mai 1816 führen und überhaupt das theure Andenken an Unsern in Gott entschlafe = nen Herrn Vater dadurch ehren werden , daß Wir in Seine Fußtapfen treten , in Seinem Sinne regieren und wirken. " Demnach bestätigen Wir hiermit alle und jede Behörden des Großherzogthums, die von Unserm Herrn Vater eingesezt oder bestä = tigt worden , in ihrer amtlichen Befugniß und Wirksamkeit und erwarten, daß dieselben auch ihrerseits Uns ihre pflichtmäßige Treue bewahren und in ihrem amtlichen Wirken geseßlich beharren werden. “ „Zu allen Unseren getreuen Unterthanen aber versehen Wir Uns, daß sie ihre Liebe für den entſchlafenen, tief verehrten Landesfürsten dadurch bethätigen werden, daß sie Uns , Seinem Sohne und Regierungsnachfolger , treue Ergebenheit und willigen Gehorsam bezeigen. " Es sind offenbar sehr ernste Augenblicke für die Unterthanen eines Landes , wenn ein Regierungswechsel stattfindet , und manche Staaten haben bei diesem Ereigniß wohl auch gegründete Ursache gehabt, der Zukunft besorgt entgegen zu sehen ; aber Dank der bisher von Seiner Königlichen Hoheit schon als Erbgroßherzog be=
Großherzog Carl Alexander (seit 1853).
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wiesenen Antheilnahme an den Regierungsgeschäften konnten die Unterthanen des Großherzogthums mit Gewißheit auf eine fernere glückliche Zeit rechnen.
Hatte doch derselbe mit besonderer Theil.
nahme schon bei Lebzeiten seines Herrn Vaters sich um die im Eisenacher Oberlande damals herrschenden Nothstände ganz besonders bekümmert und mit höheren Staatsbeamten , denen die Verhältniſſe in jenem Landestheile genau bekannt waren , über die Mittel Berathung gepflogen , helfen sei ; *)
wie den verarmten Landstrichen wieder aufzu-
denn die Zustände in den
von der Natur für den
Ackerbau zum Theil etwas stiefmütterlich bedachten Gegenden waren ſo trostlos geworden, daß fast jeden Winter aus den übrigen Landestheilen zur Unterstüßung der Armen Beiträge nach dort eingesendet werden mußten. Hatte doch ferner der Hohe Herr gleichfalls als Erbgroßherzog einer Stadt zur entsprechenden Benutzung des im Werden begriffenen wichtigsten Verkehrsmittels in Thüringen verholfen, ohne welches ihre Manufactur bei weitem nicht in der raschen Weise zum Aufblühen gelangt sein würde; wir meinen die Stadt Apolda.
Der jezigen jüngeren Generation dürfte es nur wenig be-
kannt sein, daß bei dem Projecte zum Bau der thüringiſchen Eiſenbahn die genannte Stadt sehr stiefmütterlich bedacht worden war, indem die Bahn , wie aus noch vorhandenen lithographirten Karten zu ersehen ist , in der Richtung Weimar- Stadtfulza von Großcromsdorf aus hinter Niederroßla weg dicht an Mattstedt vorbei nach dem sogenannten neuen Werke oder der Poche führen sollte, woselbst man rechts von der Frankfurt-Leipziger Straße für Apolda einen Anhaltepunkt anzulegen gedachte , 14 Stunde von der Stadt entfernt. • Man sagt, daß der Neid über die in Apolda rasch wieder aufgeblühte Strumpfwaaren-Manufactur , welche die in Halle und Magdeburg auf den Weltmärkten bereits verdrängt hatte , sein Theil zu jener beabsichtigten Vernachlässigung Apoldas mit beigetragen habe.
Es
läßt sich denken , wie schwer die Interessen der aufstrebenden vaterländischen Fabrikstadt geſchädigt worden wären, hätte man jenes Project zur Ausführung gebracht.
Von Seiten der apoldaischen Ver-
leger und Geschäftsleute wurden durch Petitionen alle Anstrengungen gemacht,**) die Bahn so nahe als möglich an die Stadt zu bringen ; Man behauptete auf gegnerischer Seite allemal , es
aber vergeblich.
*) Geh. Haupt- und Staatsarchiv in Weimar. Geheime Staats-KanzleiActen, betreffend die Zustände im Eisenacher Oberlande. **) Städtiſches Archiv in Apolda. Acta , betreffend die projectirte HalleEisenacher Eisenbahn. 29*
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VIII.
Die Großherzöge von Sachſen-Weimar- Eisenach.
sei wegen Terrainschwierigkeiten ganz unausführbar , die Eisenbahn an Apolda vorüber zu führen. Jezt erbot man sich in der be= drängten Stadt , eine Reihe von Jahren von jedem hier ankommenden oder von hier abgehenden Centner Waare 1 Silbergroschen mehr Fracht zu geben , wenn der dringende Wunsch erfüllt und bei der Stadt ein Bahnhof angelegt würde ; aber auch dies Anerbieten war umsonst.
Da brachte es Seine Königliche Hoheit als Erbgroßherzog
durch persönliche Verhandlung mit der Direction in Erfurt dahin, daß dem Wunsche Apoldas gewillfahrt wurde. Bald traf dort ein Allerhöchstes Rescript ein ,
unterzeichnet von dem Hohen Herrn im
Namen seines Herrn Vaters, des Inhaltes : „ Der dringende Wunsch der Stadt Apolda , daß die Linie der thüringiſchen Eisenbahn über Apolda geführt werden möge , soll in Erfüllung gehen , ohne daß der Stadt deshalb besondere Opfer angesonnen werden . " Zugleich sprach dasselbe den Wunsch aus, man möge die versprochene Mehrabgabe eine Zeit lang erheben und den Ertrag zu irgend einem wohlthätigen Zwecke für die Stadt verwenden. * ) Man kann sich denken, mit welchem Jubel dieſe höchst erfreuliche Nachricht dort begrüßt wurde .
Schon diese beiden Vorgänge, anderer zu geschweigen,
waren genügend , um den Regierungsantritt des neuen Landesherrn mit freudigen Hoffnungen für das Land zu begrüßen. Dabei ſtand noch eine andere Ueberzeugung fest : man wußte auch , daß man in demselben einen kunstliebenden und kunſtverſtändigen patriotiſchen Fürsten haben würde ; denn schon vor Antritt der Regierung hatte derselbe die Wiederherstellung jener altehrwürdigen, durch ganz Deutschland und über dessen Grenzen hinaus hochberühmten Wartburg im Jahre 1847 beginnen laſſen ; ein Unternehmen , das ihm den Dank und die Verehrung nicht bloß seiner Unterthanen , sondern der Gebildeten ganz Deutschlands eintragen sollte , und das an sich schon genügen würde , den Ruhm des Hohen Herrn auf die Nachwelt zu vererben. Aus naheliegenden Gründen kann es nicht die Aufgabe des Verfaffers sein , die Regierungszeit Seiner Königlichen Hoheit in eben der Ausführlichkeit zu behandeln , wie die seines erhabenen Großvaters Carl August , sondern es gilt hier gewissermaßen nur , einer ſpäteren Periode zur gerechten Würdigung der Regierungszeit nöthige Material zu liefern.
das
Selbstverständlich werden wir dabei
zur vollen Klarstellung der jeweiligen Sachlage bald auf das poli-
*) Von diesen Geldern und anderen freiwilligen Beiträgen ist das schöne städtische Krankenhaus erbaut worden.
Großherzog Carl Alexander (seit 1853).
453
tische, bald auf das volkswirthschaftliche oder auf noch ein anderes Gebiet eintreten müſſen . Die wichtigen politischen Ereignisse, welche ihren Einfluß auch auf unser specielles Vaterland ausübten und ausüben mußten, ergeben von selbst, daß wir eine Gliederung des zu Besprechenden in folgende drei verschiedene Perioden vornehmen : 1 ) von dem Regierungsantritte 1853 bis zum Jahre 1866 ; 2) von 1866 bis 1871 , und 3) von 1871 bis jezt. Zum richtigen Verständniß der Verhältnisse , denen doch Geseze und Einrichtungen jederzeit angepaßt werden
müſſen , sowie nicht
minder zur vollen Würdigung der später eingetretenen großen politischen Ereignisse ist es ganz unerläßlich , über die durch das Sturmjahr 1848 hervorgerufene politische Lage im
deutschen Vaterlande
eine ganz kurze Uebersicht zu geben. Schon im vorigen Capitel wurde angedeutet, daß in den meisten deutschen Staaten eine bedauerliche Reaction sich breit machte , um die auch 1849 immer noch fortdauernde Gährung zum Schweigen zu bringen.
Die definitive Ablehnung der Kaiserkrone von Seiten des
preußischen Königs Friedrich Wilhelm IV ( 28. April 1849) , welche ihm das Frankfurter Parlament angeboten hatte, führte den Todesstoß jener Versammlung herbei.
Der König von Preußen versuchte nun auf
einem andern Wege ein Einigungswerk zu Stande zu bringen : er schloß im Mai 1849 mit Sachsen und Hannover den Dreikönigs -
= bund , welcher den Kern zu einer engeren staatlichen Verbindung bilden sollte.
Das war den Absichten Desterreichs entgegen ; es wußte
daher die beiden Staaten Sachsen und Hannover zum Rücktritt von dem Dreikönigsbunde und Kurheffen zur Bildung eines preußenfeindlichen Ministeriums
zu veranlassen.
Gleichwohl errichtete Preußen
mit den übrigen Anhängern des von ihm beabsichtigten Bundes im Mai 1850 ein Fürstencollegium , während Oesterreich schon im August desselben Jahres zur Wiederherstellung des alten Bundestages einlud und denselben auch wirklich Anfangs September 1850 mit den ihm befreundeten Staaten wieder
in das Leben
treten ließ .
Jezt schienen die Verhältnisse in Kurhessen den zwischen Preußen und Desterreich bestehenden Zwiespalt bis zum förmlichen Kriege zuspigen zu wollen.
Der Kurfürst beabsichtigte, gegen den Willen seiner
Unterthanen die beſtehende Verfaſſung in ſeinem Lande zu beschränken und rief den Bundestag um Beistand an. Wirklich marschirte auf dessen Veranlassung ein österreichisch-bayerisches Corps in Kurhessen ein , während Preußen seine durch das Land führende Militärſtraße
454
VIII.
Die Großherzöge von Sachsen-Weimar- Eisenach.
besetzen ließ und es schien hier ein Zusammenstoß unvermeidlich. Der ganze kriegerische Aufmarsch reducirte sich jedoch nur zu dem berüchtigten Vorpostengefechte bei Bronzell in der Nähe von Fulda (8. November 1850 ) . Der fügsame preußische Minister v . Manteuffel gab endlich in Olmüz bei den stattfindenden Verhandlungen ( 29. Nov. 1850) dem österreichischen Fürsten Schwarzenberg in allen Punkten nach.
Preußen mußte die Auflösung der Union oder des Fürsten-
collegiums und die Ordnung der kurhessischen , sowie der schleswigholsteinschen Frage nach österreichischem Sinne bewilligen. Nun brachten die Bundestruppen Kurheffen wieder unter die unumschränkte Herrschaft des Kurfürsten und ein anderes österreichisches Corps entwaffnete die Schleswig-Holsteiner, nachdem dieselben 1848 und 1849 durch deutsche Bundestruppen gegen die Vergewaltigungen Dänemarks unterstüßt worden waren und
1850
den Krieg auf eigene Faust,
aber höchst unglücklich fortgesezt hatten .
Oesterreich , von jeher ein
Gegner der Freiheit und des Fortschrittes , beseitigte in seinen eigenen Staaten das constitutionelle System und zog die Verfassung von Wo in deutschen 1849 am 31. December 1851 wieder zurück. Staaten fortschrittliche Einrichtungen gehemmt werden sollten , da konnte man auf Oesterreichs dessen Einfluß 1852
Beistand
rechnen .
So wurde unter
in Kurhessen die freisinnige Verfassung von
1833 aufgehoben ; ebenso in Hannover die vom Jahre 1848.
Alle
dieſe Umstände muß man sich vergegenwärtigen , um die Ereignisse des Jahres 1866 ihrem vollen Umfange nach würdigen zu können. Aber auch in Preußen ging man unter dem Ministerium Manteuffel mit starken Schritten rückwärts und diesem Umstande ist es wohl zuzuschreiben, daß der Name heute noch im Volke keinen guten Klang gewinnen will. So war es mit dem politischen Leben in Deutschland bestellt zu der Zeit , als Se. Königl. Hoheit der Großherzog die Regierung übernahm. Je mehr aber auf diesem Gebiete die tiefste Windſtille Herrschaft gewann , je größer war die Rührigkeit auf dem volkswirthschaftlichen .
Für Handel und Verkehr geschahen durch den
Bau von Eisenbahnen , Vermehrung der Telegraphenstationen , Erleichterung im Postverkehr 2c. ganz wesentliche Fortschritte. Auch für Kunst und Wissenschaft erblühte ein reges Leben , während dagegen auf kirchlichem Gebiete jene bekannte frömmelnde Richtung namentlich von Preußen aus sehr begünstigt wurde.
Erst als infolge eines
Gehirnleidens Friedrich Wilhelm IV von Preußen 1858 die Regierung seinem Bruder Wilhelm , dem jezigen Könige und deutschen Kaiser überlassen mußte , begann eine neue Aera.
Das Ministerium Man-
זי
Großherzog Carl Alexander (ſeit 1853).
455
teuffel wurde entlassen und wieder ein freifinniges berufen (Hohenzollern-Sigmaringen ) ; die Einigung Italiens gab dem nationalen Streben in Deutschland neue Anregung und so entstand 1859 der Nationalverein , welcher das zu verwirklichen strebte , was 1849 die sogenannte kleindeutsche Partei - Bildung eines engeren Bundes der deutschen Fürsten und Völker unter sich , ohne Desterreich -zu erreichen gesucht hatte.
Dazu gingen aus dem Vereinsrechte neue
Verbindungen hervor , wie die Sänger-, Turn- und Schüßenvereine, welche durch ihre großartigen Nationalfeste zur Kräftigung des vaterländischen Sinnes nicht wenig mit beitrugen. Es war eine gewaltige Bewegung im Volksleben eingetreten, deren große politische Bedeutung man ja nicht unterschäßen darf. Sehen wir nun, wie die Gesetzgebung in unserem Vaterlande fich in dieser Periode fortwährend den Bedürfnissen der Zeit angepaßt hat.
Was zunächst die Rechtspflege betrifft , so erschien
unter dem 6. December 1853 wegen Eintritt der neuen Organisation der Staatsbehörden mit veränderter Competenz-Bestimmung, Aufhebung der Patrimonialgerichte, Einführung einer neuen Strafproceßordnung 2c. ein den neuen Verhältnissen angepaßtes Sportelgeset über Sporteln und Gebühren in Gerichts- und Verwaltungssachen. Daffelbe erfuhr eine Revision und Neubestimmung laut Patent vom 31. August 1865. Ferner unter dem 18. Januar 1854 eine revidirte Gemeindeordnung . Bei der Handhabung der bisherigen Gemeindeordnung vom 22. Februar 1850 hatte man über deren Zweckmäßigkeit mancherlei Erfahrungen zu machen Gelegenheit gehabt.
Außer-
dem waren einzelne Bestimmungen in der Vorausseßung getroffen worden , man werde in den benachbarten Staaten in gleicher Weise vorgehen ; weil sich aber diese Hoffnung nicht erfüllte, so führte das zu einer Umarbeitung der Gemeindeordnung. - Der im Jahre 1850 mit den beiden schwarzburgischen Fürstenthümern abgeschlossene Vertrag wegen eines gemeinschaftlichen Appellationsgerichtes (Eisenach) und zweier gemeinschaftlichen Kreisgerichte (Arnstadt und Frankenhausen) wurde zu Ende des Jahres 1859 erneuert. Dem Vertrage hinsichtlich des Appellationsgerichtes trat 1863 auch das Fürstenthum Reuß jüng. Linie bei . ― Unter dem 6. Juni 1866 erschien ein Regulativ über die Prüfungen , die Ausbildung und die Beschäftigung der Rechtscandidaten , Accessisten und Auditoren.
Schon unter dem 6. Februar 1854 war auch
eine Verordnung erlassen worden über die Ausbildung und Anstellung der Forstverwaltungsbeamten.
456
VIII.
Die Großherzöge von Sachsen-Weimar- Eisenach.
Auf dem Gebiete des Kirchen- und Schulwesens erschien infolge veränderter Einrichtung der kirchlichen Oberbehörden unter dem 18. April 1855 eine neue Kirchen - Visitationsordnung, welche sowohl die Special- Viſitationen durch die Superintendenten, als auch die General- Visitationen der Superintendentur - Pfarreien und Führung des Amtes der Superintendenten und des Gesammtzustandes der Diöcese regelte. Unter dem 14. September 1853 war bereits verordnet worden , daß am jedesmaligen lezten Sonntage im Kirchenjahre eine Feier zum Gedächtnisse der Verstorbenen abgehalten werden sollte. - Das Schulwesen betreffend , so trat zu Ostern 1854 laut Ministerialbekanntmachung vom 22. April 1854 in Weimar unter dem Protectorate Ihrer Königl. Hoheit der Frau Großherzogin eine Erziehungsanstalt für Töchter höherer Stände unter dem Namen „ Sophienstift " in das Leben. *) 1857 wurde in derselben Stadt eine Realschule gegründet, welche sich bis zu einer Schule I. Ordnung emporgearbeitet und vor wenigen Jahren ein neues , schönes Schulgebäude bezogen hat. **) ― Unter dem 18. Mai 1859 wurde ein Gesez erlassen , das Volksschulwesen betreffend , kraft deffen die Gehälter der Volksschullehrer in den Städten und auf dem Lande wesentlich aufgebessert wurden. Dasselbe geschah auch durch das Gesez vom 14. Mai 1862.
Das
Realgymnasium in Eisenach erhielt ein neues Schulgebäude und es wurde dasselbe am 24. Juni 1862 eingeweiht. Für die Gesundheitspflege wurden in dem gedachten Zeitraume wesentliche Vorkehrungen getroffen. Errichtung
des
In erster Linie steht die
Carl - Friedrichs - Hospitals
in
Blankenhain.
In genannter Stadt bestand bisher schon ein Landeshospital , was indessen den Bedürfnissen bei weitem nicht mehr genügte. Se. Königl. Hoheit der Großherzog überließ deshalb in edler Menschenfreundlichkeit das Großherzogliche Schloß zu Blankenhain zum Zweck der Verlegung des Hospitals in dasselbe und Ihro Kaiserl. Hoheit die Frau Großherzogin- Großfürstin verwilligte aus ihrer Casse die nöthigen Geldmittel zur Einrichtung des Gebäudes , das von nun an obigen Namen erhielt und nicht nur zur Aufnahme Geisteskranker wie das frühere Hospital , sondern auch als Unterkunft für gebrechliche Personen bestimmt ist (Ministerial-Bekanntmachung vom 3. August 1855) . *) Für diese Schulanstalt wird jezt (1878) ein neues Gebäude errichtet durch die Munificenz Ihrer Königl. Hoheit der Frau Großherzogin. **) Grundstein gelegt am 24. Juni 1869. Der Bauplatz ist ein Geschenk Sr. Königl. Hoheit des Großherzogs.
Großherzog Carl Alexander (seit 1853).
457
Unter dem 1. Juli 1858 erschien eine neue Medicinal - Ordnung, das ganze Medicinalweſen umfaſſend ; unter dem 13. Januar 1866 eine Verordnung um zu belehren über "1 Behandlung Verunglüdter bis zur Ankunft des Arztes " ; unter dem 1. Februar und 5. Mai 1866 Ministerialbekanntmachungen enthaltend Vorschriften zum Schuße des Publicums gegen den Genuß von trichinenhaltigem Schweinefleisch. Am zahlreichsten waren die Verordnungen für Handel , Ver = kehr und Gewerbsleben . Unter dem 17. September 1853 wurde von Sr. Königlichen Hoheit Concession ertheilt zur Begründung der „Weimarischen Bank " als eines Actienunternehmens . Zweck der Bank sollte sein, Handel und Gewerbe, sowie die Landwirthschaft zu unterſtüßen und zu beleben , den Geldumlauf zu befördern und Capitale nuzbar zu machen.
Die Dauer der Gesellschaft wurde auf
99 Jahre bestimmt, vom 1. Januar 1854 an gerechnet.
Für dieses
Bankinstitut wurde in den Jahren 1853 und 54 am Carl- Alexanderplatz ein schönes Gebäude aufgeführt. - Unter dem 5. Januar 1854 wurde zu dem Geseze vom 28. August 1826 , die Landes
Brand-
versicherungskasse betreffend , ein Nachtrag dahin lautend gegeben, daß nach und nach ein Reservefond von 200 000 Thalern angesammelt werden sollte ; gewiß eine äußerst wichtige und sehr zweckmäßige Verordnung. - In demselben Jahre bildete sich eine Actiengesellschaft zur Wiederaufnahme
des auflässigen
Bergbaues auf Kupfer und andere Metalle im südlichen Theile des III . Verwaltungsbezirks ( Neuhof , Lauchröden 2c.) ; es wurde derselben laut Urkunde vom 30. März 1854 Concession ertheilt.
Ebenso
Namen :
erhielt
eine
andere
sächsisch - thüringische
Actiengesellschaft unter dem Kupfer - Bergbau 2 und
Hütten ፡ Gesellschaft , welche den Zweck hatte, innerhalb der von ihr in dem
Großherzogthum
Sachsen Weimar - Eisenach und dem
Herzogthum Sachſen-Meiningen-Hildburghausen erworbenen Diſtricte Bergbau auf Kupferschiefer und sonstige Erze und Fossilien , sowie die Verhüttung derselben zu betreiben , unter dem 30. April 1856 Concession.
Im nächsten Jahre (22. Juni 1857 ) erschien hierauf
ein neues Geſeß, den Bergbau betreffend .
Die eben genannte Ge-
sellschaft domicilirte sich in Eisenach , begann auch ihre Thätigkeit am Thüringerwalde namentlich bei Ilmenau , mußte sich aber 1860 wegen getäuschter Hoffnung auf reiche Ausbeute wieder auflösen. Unter dem 16. October 1855 schlossen die drei von
Sachsen - Weimar - Eisenach,
Staatsregierungen
Sachsen - Meiningen und Sachsen-
458
Die Großherzöge von Sachsen-Weimar- Eisenach.
VIII.
Coburg- Gotha einen Staatsvertrag ab, betreffend den Bau der Werrabahn . von
Dieser neue Schienenweg in einer Länge von 17
Eisenach
bis
Meilen
Coburg und von 24 Meilen von Coburg bis
zum Anschluß an die bayrischen Bahnen in Lichtenfels sollte nicht bloß eine Verbindung vermitteln zwischen der Thüringer Bahn und den bayrischen Eisenbahnen , sondern durch eben diese Verbindung sollte der Weg aus dem Norden Deutſchlands nach dem Süden erleichtert werden.
Die Concessionsertheilung erfolgte am 22. December
1855, der Bau der Bahn begann im Frühjahr 1856 und die Eröffnung der fertigen Bahn bis Coburg am 1. November 1858 , der Verbindungsbahn bis Lichtenfels am 24. Januar 1859. Zur Erleichterung des Verkehrs wurden mehrere neue Telegraphen - Linien angelegt :
1856
die Linie
Weimar- Jena-
Roda - Gera - Altenburg ; 1860 eine Linie von Gera über Neustadt a. d. Orla nach Schleiz, um auch dem Neustädter Kreiſe telegraphische Verbindung zu beschaffen ; 1863 die Linie Rudolstadt - HummelshainNeustadt a. d. Orla ; in demselben Jahre Arnstadt - Ilmenau. Zur
Herbeiführung
gleichmäßigen
Gewichtes
im
Handelsverkehre
wurde durch Gesetz vom 28. Juli 1857 angeordnet , daß mit dem 1. Juli 1858 das neue Zollgewicht , den Centner zu 100 Pfund à 30 Loth à 10 Quentchen à 10 3ent à 10 Korn eingeführt werde, und bestimmt, daß ein besonderes Medicinal- Gewicht fernerhin nicht mehr bestehen solle. Das Gewerbsleben erhielt
einen
neuen Impuls durch die
im Jahre 1861 veranstaltete zweite thüringische
Gewerbe-
ausstellung in Weimar. Der seit dem Jahre 1833 daselbst be= stehende, von 1854-1857 fiſtirte und seit dem Jahre 1858 wieder reorganisirte Gewerbeverein hat statutengemäß die Verpflichtung, zur Belebung gewerblicher Thätigkeit und Förderung der Gewerbe überhaupt
von Zeit zu Zeit
Gewerbeausstellungen ins Leben zu
rufen. Solche Localgewerbeausstellungen fanden in den Jahren 1834 und 1837 statt. Die erste allgemeine thüringische Gewerbeausstellung in Gotha 1853, noch mehr die im Sommer 1857 in Weimar abgehaltene für das Großherzogthum veranlaßten die Reorganisirung des Vereins . Derselbe führte darauf schon 1859 und 1860 Localgewerbeausstellungen aus und bewirkte 1861 die thüringer Gewerbeausstellung in thüringer
Weimar.
Gewerbetag
Zur Vorbereitung hierzu wurde der erste
im November 1860 in Weimar abgehalten,
der von Abgeordneten aus 24 Städten, resp . auch aus 20 thüringer Gewerbevereinen und ähnlichen
Coporationen beschickt wurde.
Als
459
Großherzog Carl Alexander (jeit 1858).
Ausstellungsrayon nahm man dasselbe Gebiet an , wie bei der ersten thüringer Gewerbeausstellung in Gotha , nämlich die königlich preußischen Regierungsbezirke Erfurt und Merseburg bis zur Saale und Elster, jedoch Halle mit eingeschlossen , den kurfürstlich
hessischen
Kreis Schmalkalden, das Großherzogthum Sachsen -Weimar- Eisenach, die Herzogthümer Sachsen- Coburg-Gotha, Meiningen und Altenburg, die Fürstenthümer Schwarzburg -Rudolstadt und Sondershausen und Reuß. Obwohl der Gewerbetag die Ausstellung durch eigene Hülje zu veranstalten gedachte , jo bat derselbe doch bei dem Großherzoglichen
Staatsministerium
nicht nur um
hohe
und
höchste
Ge-
nehmigung, Schuß und Förderung des Unternehmens , ſondern auch um Mittheilung an die übrigen Regierungen gebietes.
des
Ausstellungs-
Die Antwort des Staatsministeriums äußerte sich dahin,
daß Se. Königl. Hoheit der Großherzog in Anerkennung des in den Beschlüssen des Gewerbetages an den Tag gelegten erfreulichen Strebens , die Entwickelung des Gewerbewesens thunlichst durch die eigene Kraft der Gewerbtreibenden zu fördern und im Hinblick auf die segensreiche Einwirkung, welche von der beabsichtigten Ausstellung nicht nur für die Gewerbtreibenden des Großherzogthums , sondern auch für die des gesammten thüringer Landes zu das Gesuch nicht bloß genehmigt ,
erwarten stehe,
sondern dem Unternehmen von
Seiten des Hohen Staatsministeriums die volle Theilnahme zugewendet werden solle. - Als Ausstellungslocal wurde das Schießhaus in Weimar bestimmt , welchem durch Anbaue verschiedene Ausstellungsräume angefügt wurden . Die Zahl der ausgestellten Gegenstände belief sich auf mehr als 13 500 in einem Werthe von fast 81 000 Thalern.
Die Zahl der Besucher der Ausstellung betrug mindestens
35 000 Personen. Die
Dieselbe dauerte vom 9. Juni bis 23. Juli.
Durchlauchtigsten
Herrschaften
bezeigten ihr
ganz besonderes
Interesse an der gelungenen Veranstaltung durch fleißigen, jedesmal mehrere Stunden andauernden Besuch und dadurch, daß Se. Königl. Hoheit der Großherzog der Ausstellungscommission zu Ausseßung von Preisen die Summe von 200 Thalern überwies. Es ist ja überhaupt allbekannt, welches Intereſſe Se . Königl. Hoheit den Fortschritten der Gewerbethätigkeit im Lande zuwendet und wie die verschiedenen größeren Fabriketablissements seinen Besuch erfreut werden .
des Landes
häufig durch
Das wichtigste Gesez für das Gewerbsleben war unstreitig die neue Gewerbeordnung vom 30. April 1862 , durch welche mit dem 1. Januar 1863 vollständige Gewerbefreiheit eintrat. Mit
460
VIII.
Die Großherzöge von Sachsen-Weimar-Eisenach.
diesem Geseze steht in Verbindung die Einführung des allgemeinen deutschen Handelsgesetzbuches , welche unter dem 18. August 1862 verfügt wurde. Bei aller Fürsorge für die Handels- und Gewerbeverhältnisse des Landes hatte sich
aber freilich jene bekannte Handelskrisis mit
ihren traurigen Folgen nicht abwenden lassen, welche 1857 auch über Deutschland hereinbrach. Der Anstoß zur allgemeinen Geschäftsstockung ging 1856 von Amerika aus , verbreitete sich über England und Frankreich und ergriff natürlich auch die mit jenen Ländern in Handelsverbindung stehenden deutschen Handels- und Fabrikstädte und es hatten namentlich die lehteren in unserem speciellen Vaterlande theilweis sehr schlimme Zeiten durchzukämpfen . Für den Ackerbau wurde namentlich dadurch gesorgt, daß die Separation oder Zusammenlegung der Grundstücke, welche bereits durch Gesetz vom 25. August 1848 geregelt war , durch neue Gesetze noch mehr ermuntert und erleichtert wurde ( Geseze vom 1. October 1853 , 15. October 1859 und 4. Januar 1865) , und daß man der Bildung von landwirthschaftlichen Vereinen allen möglichen Vorschub leistete .
Es muß übrigens anerkannt werden , daß der Bauernstand
in Bezug auf rationelle Bewirthschaftung seines Grund und Bodens, auf Benuhung neuer Maschinen 2c. , wie überhaupt auf Erlangung eines höheren Bildungsgrades eine Rührigkeit an den Tag legt , die ihm zur Ehre gereicht.
Damit steht aber freilich auch in Verbindung,
daß derselbe dem Luxus jezt bei weitem mehr zugänglich ist ,
als
dies früher der Fall war. Während so auf der einen Seite dem materiellen Wohle der Unterthanen von dem Landesherrn die volle Aufmerksamkeit und Theilnahme zugewendet blieb, wurden auf der andern auch Kunst und Wissenschaft gepflegt. Als Beweis dafür sei in erster Linie aufgeführt die Restaurirung der Wartburg.
Dieser altehrwürdige,
jezt so schmuck in die Welt hineinschauende und seine nächste Umgebung weit überragende Bau wird auf Jahrhunderte hinaus das beredteste Zeugniß ablegen von der Kunstliebe und dem hohen Sinn desjenigen Fürsten, welcher demselben seine jezige, der ursprünglichen angepaßte Form wieder gegeben hat.
Se. Königl. Hoheit beschäftigte
schon als Erbgroßherzog vom Jahre 1835 an der Gedanke sehr lebhaft , die Restaurirung der Burg vornehmen zu laſſen . Von dieser Zeit an bis zur wirklichen Inangriffnahme des Restaurationswerkes 1847 wurden die nöthigen Pläne und Risse bis in das Einzelnste
461
Großherzog Carl Alexander (ſeit 1853).
ausgearbeitet und geprüft .
Es war eine schwere Aufgabe, die durch
mancherlei später vorgenommene An- und Einbaue theilweis verloren gegangene ursprüngliche Form wieder festzustellen ; aber der Wille des Hohen Herrn war klar und bündig dahin ausgesprochen : „ die Wartburg soll wieder hergestellt werden möglichst treu in ihrer früheren Gestalt, damit sie ein treues Bild gebe zunächst von ihrer Glanzperiode im 12. Jahrhundert als Sit mächtiger, kunstliebender Landgrafen und als Kampfplaß der größten deutschen Dichter des Mittelalters, und dann später im Anfange des 16. Jahrhunderts als Asyl Dr. M. Luthers und als die Stelle , von der der große Glaubenskampf ausging" . Ein Theil der Vorburg , die bescheidene Wohnung Luthers in dem Ritterhause hatte sich zum Glück von 1521 an unverändert erhalten, während das Hauptgebäude, das Landgrafenhaus und die Hofburg gänzlich erneuert werden mußten. Die Wartburg hatte mit vielen ihrer Schwesterburgen gleiches Schicksal gehabt. Nachdem dieselbe in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts aufhörte Residenz der Landesherren zu sein und sie nun zu einer Woh= nung für Amtleute degradirt
wurde ,
waren die
nöthigen
Aus-
beſſerungen , zumal da schon nach der Zerstörung des Landgrafenhauses durch den Bliz im Jahre 1317 die Wiederherstellung nicht in der ursprünglich dauerhaften Weise wieder erfolgt war, immer nur als Nothbehelf bewirkt worden , ſo daß bei den Einwirkungen von Sturm und Wetter der gänzliche Verfall jener stolzen Burg , deren wir bei der Darstellung der Landgrafenzeit so oft gedachten , zu erwarten stand. Jezt ist der Bau nun würdig vollendet und derselbe veranschaulicht uns von außen und innen , namentlich durch die Einrichtung und Ausstattung der einzelnen Räume , von denen wir hier nur das Landgrafenzimmer , den Sängersaal , den großen Fest- und Waffenſaal und die Capelle nennen wollen , indem die genauere Beschreibung der Burg dem II. Theile der Landeskunde vorbehalten bleibt , so recht eigentlich die Zeit des Mittelalters an den Höfen der damaligen Fürsten.
Wie viele Tausende von Fremden , oft aus
den weitesten Fernen, erfreuen sich alljährlich an der herrlichen Burg, und so hat die ideale Seite der Reſtaurirung derselben auch noch eine reale hervorgerufen, an welche wohl bei der Ausführung zunächſt gar nicht gedacht worden ist ; denn der ungeheure Fremdenzufluß kommt der zu Füßen der Wartburg liegenden Stadt Eisenach mit zu gute, indem troß der herrlichen Umgebung doch ein Besuch der Burg nicht zu den lezten Motiven gehört , welche eine Reise nach Eisenach veranlassen. Somit ist der erhabene Landesherr ſeiner zweiten Reſidenz-
462
VIII.
Die Großherzöge von Sachsen -Weimar- Eisenach.
stadt durch die Wiederherstellung der Burg , die viele Jahre in Anspruch genommen hat , gleichzeitig ein wahrer Wohlthäter geworden. In die erste Periode der Regierungszeit fallen auch zwei Ereignisse , deren hier gedacht werden muß , nämlich die Feier des Septemberfestes 1857 in Weimar und des Universitätsjubiläums 1858 in Jena. Schon bei der Errichtung der Herderstatue hatte Se . Majestät König Ludwig von Bayern aufgefordert , auch Wielands , Goethes und Schillers Denkbilder in Weimar aufzustellen und sich erboten, wenn diesen allen und ihrem erhabenen Beschüßer Carl August Statuen beschafft würden , das Erz zu denselben zu schenken. Hierauf beschloß das Großherzogliche Haus von Weimar , mit der Ausführung einer Statue Wielands den Bildhauer Hans Gaſſer zu Wien, und mit der Gruppe Goethe- Schiller den Hofbildhauer Ernst Rietschel in Dresden zu beauftragen und , damit die Monumente den ehrenvollen Charakter einer allgemeinen Stiftung erhielten, zur Beschaffung der Guß- und Einrichtungskosten Sammlungen im ganzen deutschen Vaterlande und bei allen Verehrern der großen Dichter durch einen zu bildenden Verwaltungsausschuß zu veranstalten .
Es war ein un-
gemein glücklicher Gedanke, die Statuen von Goethe und Schiller zu einer Gruppe zu vereinigen . Frankfurt hatte als Geburtsort Goethes dem großen Dichter bereits ein Denkmal gesezt , das Schwabenland in Stuttgart seinem vaterländischen Dichter Schiller. Hier in Weimar, von wo die hauptsächlichsten ihrer Geistesproducte ausgegangen waren, hier mußten ihre Standbilder vereint stehen. Nach dem Wunsche Sr. Königl. Hoheit des Großherzogs sollte die Grundsteinlegung zum Carl August- Denkmal mit der Enthüllung der Dichterdenkmäler verbunden werden .
Deshalb begann der Ausschuß alsbald seine Thätig-
keit, erließ im März 1853 einen Aufruf zur Erlangung der nöthigen Mittel und war so glücklich, überall willige Herzen zu finden. Vierzehn deutsche Fürstenhäuser , wie auch die Senate Bremens , Hamburgs und Lübecks haben den Monumenten der drei Dichter Gaben gewidmet. Am werthvollsten war das Geschenk des Großherzogs Friedrich von Baden, welcher die Piedestale sowohl für die Statue Wielands , als auch für die Goethe- Schiller- Gruppe in geschliffenem badischem Granit verehrte. An sechzig deutsche Städte, darunter auch Straßburg , haben mit beigesteuert ; ja sogar aus Paris , London, Petersburg, Mailand , Zürich und Genf gingen Gaben ein und damit wurde die allgemeine Verehrung der Dichter aufs Neue documentirt.
Großherzog Carl Alexander (ſeit 1853).
463
Die Arbeit der Bildhauer war inzwischen vollendet und die königliche Erzgießerei in München vollführte unter Leitung des Herrn v. Miller den Guß. Alles gelang in vortrefflicher Weise ; auch der Transport der Statuen ging bis auf die
ausgewählten Standorte
ohne Schaden von Statten. Die Festtage nahten heran und führten aus allen Gegenden Deutschlands Tausende von Festtheilnehmern zu den Thoren Weimars ein , das sich im größten Festschmucke zeigte. Der dritte September
als der hundertjährige Geburtstag Carl
Augusts galt der Grundsteinlegung zu einem Denkmale für diesen großen Fürsten. In finniger Weise veranstaltete die Stadt Weimar am 2. September eine Vorfeier. Zu dem goldenen Regierungsjubiläum Carl Augusts war, wie ſchon berichtet, außer in zwei anderen weimarischen Städten auch in Weimar das Bürgerschulgebäude eingeweiht worden; jezt am Vorabende zur Feier des hundertjährigen Geburtstages wurde neben dem Herderhause der Grundstein gelegt zu einer zweiten Bürgerschule.
In früher Morgenstunde des
3. September fand in der Fürstengruft die feierliche Bekränzung der Särge von Carl August, Carl Friedrich und der Großherzogin Luise statt und ein erhebender Gottesdienst leitete die weitere Feier des großartigen Festes ein .
Die Legung des Grundsteines zum Carl
August-Denkmal wurde hierauf in der ſolenneſten Weiſe vollzogen. Jhre Königl. Hoheit die Frau Großherzogin verherrlichte diesen ersten Festtag durch ein Werk hochherziger Wohlthätigkeit , indem dieselbe als Grundcapital zu einer Anstalt für Blinde und Taubstumme des Landes die Summe von 10 000 Thalern bestimmte und dieser edeln Stiftung zugleich dadurch noch eine besondere ideale Bedeutung verlieh , daß dieselbe als ein Denkmal dankbarer Erinnerung an die Großherzogin Luise bezeichnet werden sollte, die erhabene Lebensund Gesinnungsgenoſſin Carl Augusts . *) Der vierte September galt der Enthüllung zunächst der Wielandstatue , dann der Goethe- Schiller- Gruppe.
Es waren erhebende Mo-
mente, als die Hüllen von den ausgezeichnet gelungenen Standbildern fielen und die großen Dichter den unzählbaren Festtheilnehmern wieder verkörpert vor Augen standen.
Stürmischer Jubel belohnte die mit-
anwesenden Künstler, welche die Monumente geschaffen hatten. Seine Königl. Hoheit decorirte dieselben mit dem Falkenorden und die dankbare Stadt Weimar ertheilte allen dreien wie auch dem Bildhauer
*) Die Luisenanstalt für Blinde und Taubstumme des Großherzogthums trat Michaelis 1858 zu Weimar in das Leben.
464
VIII.
Die Großherzöge von Sachſen-Weimar-Eiſenach.
Schaller in München als Schöpfer der Herder - Statue das Ehrenbürgerrecht.
Die großen Festtage werden allen Theilnehmern in dauernder
Erinnerung bleiben.*). Hatte das Jahr 1857 der Stadt Weimar frohe, glückliche Tage gebracht , so feierte nun 1858 die Nachbarstadt Jena ein ebenso seltenes und nicht minder großartiges Fest, das dreihundertjährige Jubiläum der Universität . Der 15. , 16. und 17. August werden in der Geschichte der hohen Schule wie der Stadt für alle Zeiten als Glanzpunkte bezeichnet werden müssen. Se. Königl. Hoh. der Großherzog als Rector magnificentissimus der Universität verherrlichte mit seiner Frau Gemahlin das überaus glänzende Fest durch dero Gegenwart und überreichte dem Prorector vor Beginn der Festfeier für sich und im Namen der drei regierenden sächsischen Herzöge als Nutritoren der hohen Schule zum Andenken an die Jubelfeier eine reich verzierte goldene Kette, ein wahres Meisterwerk. Auf einem Medaillon in der Mitte ist das Bildniß des Stifters der Universität , auf der Rückseite sind die Bildnisse der vier jezigen Erhalter der Hochschule angebracht.
Diese Kette ist bestimmt , dem
jedesmaligen Prorector als Amtsschmuck zu dienen . Der Raum gestattet uns nicht, auf eine nähere Festbeschreibung einzugehen und wir können nur einzelne Momente daraus hervorheben.
Auch hier galt es , wie in Weimar, ein Denkmal zu enthüllen
und zwar das des Kurfürsten Johann Friedrich des Großmüthigen , des Stifters der Universität , welches durch den BildAlsbald,
hauer Drake in Berlin herrlich ausgeführt worden war. nachdem die Hülle von dem Denkmale gefallen ,
überreichte Jhre
Königl. Hoheit die Frau Großherzogin der Hochschule eine Schenkungsurkunde über das bereits vor zwei Jahren von Höchstderselben angekaufte Haus , in welchem das chemische Laboratorium eingerichtet wurde und worin der Professor der Chemie Wohnung erhielt. Auch diese Festtage in dem gastlichen Jena werden den Theilnehmern nur angenehme Reminiscenzen bieten . Wir erwähnten vorhin nur kurz der Stiftung Ihrer Königl. Hoheit der Frau Großherzogin. Die edle Dame hat damit wieder einen neuen Beweis gegeben von der innigen Antheilnahme an den Ereignissen im Lande.. Galt die Bethätigung, ihres hohen Sinnes bei dem vorjährigen Feste den Interessen des Landes , so bewies
*) Eine ausführliche Festbeschreibung siehe in der Zeitschrift Minerva (I. Bd . 1. Heft 1857) von Dr. Fr. Bran. Jena, Bransche Buchhandlung.
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Großherzog Carl Alexander (seit 1858).
dieselbe gegenwärtig ihre besondere Fürsorge für die Wissenschaft. Bald ſollte ein größerer Wirkungskreis sich ihrem hohen Sinne eröffnen.
Nach dem Hinſcheiden Ihrer Kaiserlichen Hoheit der Frau
Großfürstin Marie Paulowna ( 1859) übernahm die Frau Großherzogin das Amt einer Obervorsteherin über sämmtliche von der Hohen Verewigten in das Leben gerufenen Frauenvereine und förderte seitdem die wohlthätige
Absicht derselben auf jedmögliche Weise.
Gleichzeitig führt dieselbe auch die Protection über die Sparkaſſen des Landes und über den Pestalozziverein , welcher sich die Unterſtützung von Lehrer - Wittwen und Waisen zur Aufgabe gemacht hat, Die und wendet demselben alljährlich eine reiche Unterstüßung zu . ausgedehnte , namentlich der Wohlthätigkeit gewidmete Thätigkeit Ihrer Königl. Hoheit reiht sich somit in schönstem Einklange dem Streben ihrer erhabenen Vorgängerinnen Luise und Marie Baulowna an. Durch die beiden vorhin erwähnten Feste wurde der Wissenschaft und Kunst die gebührende Huldigung zu Theil ; Se. Königl . Hoheit der Großherzog nahm aber auch darauf Bedacht , in Weimar einer der schönen Künste eine Heimstätte zu bereiten , errichtete durch Statut vom 1. October 1860 zur Ausbildung Maler
bis zur
vollkommenen
künstlerischen
talentvoller junger Selbständigkeit
die
Kunstschule und ließ nicht nur auf seine Kosten für diese Anstalt ein besonderes Gebäude aufführen, sondern übernahm überhaupt den gesammten Aufwand für dieselbe auf die Großherzogliche Schatulle. Drei Jahre später wurde der Bau des Museums in Weimar begonnen. Schon Herzog Wilhelm Ernst hatte ein Kunstcabinet angelegt, was später namentlich durch die Herzogin Anna Amalia und Der Leştere durch Carl Auguſt wesentlich vermehrt worden war. ließ dasselbe in dem Fürſtenhause zur Aufstellung bringen , um es dem Publicum zugänglich zu machen , später aber einen Theil der Sammlungen
nach dem Jägerhause überführen , wohin 1815 die
Zeichenschule verlegt worden war. beschränkt und
deshalb
Dort waren die Räume freilich
veranlaßte die Frau
Großfürstin Maria
Paulowna , welche die Sammlungen abermals wesentlich vermehrte, 1836 deren Uebersiedelung in den großen Saal des Fürstenhauses. 1848 wurde das Gebäude für ständische Zwecke
eingerichtet
und
man brachte die Sammlung theils in dem Witthums - Palais am Theater, theils an mehreren anderen Orten vorläufig unter.
Bei der
auch bis jetzt immer noch stattfindenden Vermehrung der Kunstwerke waren genügende Räume für deren Unterbringung gar nicht mehr 30 Kronfeld, Landeskunde. 1.
466
VIII.
Die Großherzöge von Sachsen-Weimar-Eisenach.
vorhanden und deshalb faßte Se. Königl. Hoheit der jezige Großherzog den Entschluß , zur Aufnahme der Kunstsammlungen ein Museumsgebäude in Weimar errichten zu lassen . Der Landtag verwilligte hierzu sofort die geforderte Summe von 60 000 Thalern und den sehr
bedeutenden Mehraufwand
Landesherr auf seine eigene Kaffe.
übernahm der freigebige
Mit der Ausführung des Baues
ward zugleich die Gründung einer neuen Stadtanlage beschlossen und das Museum als Mittelpunkt derselben in die Are der breiten , auf das Bahnhofsgebäude führenden Sophienstraße gestellt. Der Bau wurde 1868 vollendet.* ) Kehren wir nun zu den politischen Verhältnissen in Deutschland, für welche bald eine gewaltige Umgestaltung eintreten sollte , wieder zurück.
Seit dem Antritt der stellvertretenden Regierung des Prinz-
regenten Wilhelm in Preußen ( 1858) hatte sich nach und nach in jenem Lande zwischen der Regierung und dem Landtage ein ziemlich heftiger Conflict ausgebildet, der sich namentlich in einer sehr starken Opposition gegen die beabsichtigte Reorganisation des Heeres aussprach. Der Landtag mußte aufgelöst werden ; das Miniſterium trat zurück und der König , welcher nach dem Tode seines Bruders am 2. Januar 1861 den Thron bestiegen hatte , berief den bisherigen Gesandten in Paris , Otto v. Bismarck - Schönhausen , an die Spize des Ministeriums.
Derselbe hatte namentlich als Bundestagsgefandter
(1851 bis 1858 ) die Art und Weise kennen gelernt , wie das österreichische Ministerium Preußen in seiner äußeren Stellung immer tiefer herunter zu drücken suchte, und schon damals den Vorsaß gefaßt, so viel in seiner Macht stehe, sein Vaterland aus dieser unwürdigen Lage zu befreien. Mit Entschiedenheit ging der neue Miniſterpräsident vor und betonte gleichfalls die Reorganisation des Heeres als das einzige Mittel, durch welches man reine Bahn schaffen könne. " Nicht durch Reden und Majoritätsbeschlüsse werden die großen Fragen der Zeit entschieden - dies ist der Fehler von 1848 und 1849 gewesen - sondern durch Blut und Eisen " ; das waren seine Worte und in solchem Sinne führte er troß aller Opposition des Abgeordnetenhauses , das die Ausgaben für die Reorganisation immer wieder verwarf, unbeirrt die Geschäfte weiter und erklärte , als man ihm eine Anleihe verweigerte, er werde die Mittel, deren er bedürfe, nehmen , wo er sie finde. Die neue Heereseinrichtung war indessen ruhig fortgeschritten und die Machtstellung Preußens hatte nunmehr
*) Ueber die reichhaltige, dem Publicum (an mehreren Wochentagen gratis ) zugängliche Sammlung siehe den Katalog des Großherzoglichen Museums.
467
Großherzog Carl Alexander (ſeit 1853).
eine so sichere Unterlage , daß Bismarck die Verwirklichung seines eigentlichen Zieles in das Auge faffen konnte. Mit eben der Entschiedenheit , welche ihn schon dem preußischen Landtage gegenüber gekennzeichnet hatte , trat derselbe Desterreich entgegen und machte diesem Vorschläge, bei deren Durchführung das Unterordnen Preußens unter den Bund und den Vorsiß Desterreichs beseitigt worden wäre. Desterreich dagegen hielt den Augenblick bei dem immer schroffer hervortretenden Zerwürfniſſe zwischen der preußischen Regierung und den Landesvertretern
einerseits ,
wie bei der immer klarer ausge-
sprochenen Hinneigung der meisten deutschen Fürsten zu dem Kaiserhause andererseits für ganz besonders günstig, um sich an die Spiße von ganz Deutschland zu stellen und die Zeit der deutschen Kaiser aus dem österreichiſchen Hauſe wieder zu erneuern .
Zur Erreichung
dieses Zieles berief der Kaiser Franz Joseph einen Fürstencongreß nach Frankfurt a. M. (16. Auguft bis 1. September 1863). Das Borhaben Desterreichs
scheiterte aber vollständig , weil der König
Wilhelm von Preußen seine Theilnahme am Congreſſe verweigerte. Da führte ein Umstand ganz unerwartet eine Umgestaltung der Verhältnisse
herbei.
(15. November 1863) zeichnete einen
König
Friedrich VII
und sein
von
Nachfolger
Verfassungsentwurf ,
Dänemark
starb
Christian IX unter-
kraft dessen das Herzogthum
Schleswig der dänischen Monarchie förmlich einverleibt wurde. Dieser Schritt stand in offenbarem Widerspruch mit dem Londoner Protokoll, durch welches 1852 die schleswig -Holsteinsche Angelegenheit geregelt worden war. Der deutsche Bund beschloß gegen Dänemark die Execution und ließ 12 000 Mann Bundestruppen (Sachsen und Hannoveraner) im December 1863 in Holstein einrücken. Inzwischen hatte Bismarck das bisher wegen der in Frankfurt vereitelten Pläne immer noch grollende Desterreich dahin zu überzeugen und zu gewinnen gewußt , daß beide die Angelegenheit in Gemeinschaft zu ordnen eigentlich berufen seien. Die kleineren deutschen Bundesstaaten mußten sich fügen ; die Bundestruppen wichen vor dem einrückenden österreichisch-preußischen Heere, das am 1. Februar 1864 die Grenze zwischen Holstein und Schleswig überschritt , zurück , und nach einer Reihe glänzender Siege ( Düppeler Schanzen 18. April), welche außer Schleswig auch ganz Jütland in die Hände der Verbündeten brachten , sah sich Dänemark zum Frieden genöthigt , der am 30. October 1864 in Wien abgeschlossen wurde.
Dänemark trat
die Herzogthümer Schleswig und Holstein mit Lauenburg an den Kaiser von Defterreich und den König von Preußen ab. 30*
468
VIII.
Die Großherzöge von Sachsen-Weimar-Eisenach.
Die preußische Heereseinrichtung hatte sich in den Kämpfen trefflich bewährt und was ganz besonders nicht zu unterſchäßen war, man hatte in dem gemeinsamen Kriege Gelegenheit gehabt , die Ausrüstung und Kampfesweise des österreichischen Heeres genau kennen zu lernen. Anfänglich wurden
die
beiden Herzogthümer gemeinschaftlich
regiert , dann durch die Gasteiner Convention ( 14. Auguſt 1865 ) ſo getrennt , daß die Regierung Schleswigs an Preußen , die Holsteins an Oesterreich überging . Lauenburg wurde gegen eine Entschädigung von 22 Millionen Thaler von Oesterreich an den König von Preußen abgetreten. Für die Beharrlichkeit , mit welcher Bismarck alle dieſe Pläne durchgeführt hatte , erhob ihn der König Wilhelm in den Grafenstand. Bald brachen aber zwischen den Regierungen von Oesterreich und Preußen wegen der beiden Herzogthümer so scharfe Differenzen aus , daß es schließlich zum Bruche zwischen beiden Staaten kommen mußte.
Schon im März 1866 zog Desterreich in Böhmen Truppen
zusammen; auch Sachsen begann zu rüsten , während Preußen seine 5
Festungen in den Provinzen Schlesien und Sachſen in Vertheidigungszustand ſezte und zugleich mit dem Königreich Italien ein Bündniß abschloß. Am 10. Juni machte Preußen in der Bundestagsfizung Vorschläge zur Umgestaltung des Bundes ; jedoch vergeblich. Oesterreich brachte in ganz auffallender Weise den Streit zwischen ihm und Preußen wegen Schleswig -Holstein
vor den Bundestag und dieser
beschloß am 14. Juni 1866 mit 9 gegen 6 Stimmen die Mobiliſirung des gesammten Bundesheeres zum Kriege gegen Preußen. Die denkwürdige Bundestagsabstimmung war der Beginn einer Umwandlung der staatlichen deutschen Verhältnisse und wir treten damit in die zweite Periode der Regierungszeit Sr. Königl. Hoheit des Großherzogs ein. Ein anderer Ausgang der Zwietracht zwischen den beiden Großmächten war von vornherein nicht zu erwarten gewesen ; aber doch wirkte die Nachricht von dem gefaßten Beschlusse wie ein betäubender Donnerschlag auf die Gemüther und Graf Bismarck , deffen weitgehende Pläne nur wenige zu durchschauen vermochten , erfreute sich als „ Störer des Friedens " selbst in Preußen , geschweige denn in den übrigen deutschen Staaten keiner besonderen Sympathie.
Die
Regierung des Großherzogthums kam jezt in große Verlegenheit, denn wenn auch die verwandtschaftlichen Beziehungen zwischen dem Fürstenhause und dem von Preußen einen engen Anschluß Weimars
Großherzog Carl Alexander (ſeit 1853).
469
an Preußen vorausseßen ließen , so war gleichwohl menschlicher Berechnung zufolge bei der numerischen Uebermacht seiner Gegner auf einen fiegreichen Erfolg Preußens nicht zu rechnen , und überdies bestand ja noch immer der deutsche Bund , obgleich der preußische Bundestagsgefandte nach jener Sißung am 14. Juni erklärte, daß Breußen den bisherigen Bundesvertrag für gebrochen ansehe und demgemäß handeln werde.
Es galt also offenbar für Weimar , den
Verpflichtungen gegen den deutſchen Bund nachzukommen und in diesem Bezuge beſtimmte das Bundesgeſeß , daß in Kriegszeiten das weimarische Contingent einen Theil der Besaßung von Mainz zu bilden habe.
Sobald also die Abstimmung des Bundestages officiell
durch Telegraph übermittelt war, wurde das weimarische Contingent sofort per Bahn nach Mainz befördert ; später ist dasselbe von dort nach Rastatt und Ulm verlegt worden ohne an den nun folgenden Schlachten theilzunehmen und dasselbe langte nach erfolgtem Friedensschlusse wohlbehalten in seinen Garnisonorten wieder an. Es ist bekannt , mit welcher rapiden Schnelligkeit das öfterreichische Heer von den Preußen geschlagen wurde und wie diese bereits am 18. Juli in der Nähe von Wien standen. Noch mehr zeigte sich die Hinfälligkeit der deutschen Heereseinrichtung in dem Kampfe preußischer Truppen gegen die Bundesarmee im Westen und Südwesten Deutschlands bei dem sogenannten Mainfeldzuge. Am 1. Juli hatte der General Vogel v. Faldenstein die Mainarmee, etwa 44 000 Mann stark , in der Nähe von Eisenach concentrirt.
Ihm
ſtanden zwei Armeen gegenüber, die bayerische von etwa 54 000 Mann und das 8. Bundes-Armeecorps von etwa 69 000 Mann , und doch genügten einige Wochen , um die mehr als doppelt so starke Heeresmacht, von welcher die bayerischen Truppen am 1. Juli im Meiningischen standen und bis zum Eisenacher Oberlande hin (Kaltensundheim, Kaltennordheim) bereits vorgerückt waren, gänzlich zu ſchlagen. Ein Theil dieser Truppen hatte am 4. Juli im Eisenachischen ein ziemlich hitßiges Gefecht zu bestehen, das in der Geschichte des MainFeldzuges die Gesammt-Benennung : Gefecht bei Dermbach erhalten hat , und dessen wir nur um deswillen etwas eingehender gedenken müssen, weil dasselbe in einem Theile des Großherzogthums stattfand. In Dermbach hatte der preußische Divisions- General v. Goeben sein Quartier. Derselbe erhielt von dem General v. Falckenstein am 3. Abends Ordre, nächstfolgenden Tages einen starken Vorstoß gegen den Feind auszuführen , sich aber auf keine Verfol= gung bei etwaigem Siege einzulaſſen , ſondern um jeden Preis am
470
VIII.
Die Großherzöge von Sachsen-Weimar-Eisenach.
ſelben Abend in seine alten Quartiere zurückzukehren.
Das Gefecht
drehte sich für die Brigade Kummer um Gewinnung des auf einer steilen Anhöhe höchst romantisch gelegenen Klosters Zella bei Neidhardtshausen, was die Bayern in Besiz hatten. Die Stellung wird von den Preußen nach hartnäckigem Kampfe genommen ; die Bayern ziehen sich bis hinter Diedorf zurück , kehren aber verstärkt wieder und es beginnt abermals ein harter Kampf , der aber doch damit endet, daß die Preußen die gewonnene Stellung behaupten . Gleichzeitig mit dieſen Vorgängen bei Neidhardtshausen engagirt die andere Brigade unter dem Generalmajor v. Wrangel das Gefecht bei Wiesenthal. Die Bayern werden aus dem Dorfe getrieben ; aber die blutigste Arbeit für die preußischen Truppen wird die Erstürmung des dahinter liegenden Uebelberges , einer steilen Anhöhe von etwa 400 Fuß , nur auf der Kuppe bewaldet und hier von Bayern besezt , welche die Stellung um jeden Preis behaupten zu wollen ſcheinen. Der Kampf ist ein mörderischer , aber die Preußen siegen ; die Bayern ziehen ab nach Roßdorf zu, wo sie sich mit einem größeren Truppenkörper vereinigen, um von Neuem die Offensive zu ergreifen. Ihr Angriff auf den Uebelberg mißglückt jedoch vollſtändig und eben schickt sich General Wrangel an, die Fliehenden zu verfolgen : da erscheint der General v . Goeben selbst auf dem Kampfplage , ruft auf Grund der Ordre des Obergenerals den eben zum Abrücken bereiten Truppen ein donnerndes „Halt “ zu und giebt den Befehl zum Rückzuge ,
obwohl die in Unordnung eilig fliehenden Bayern bei einem
Angriffe der Preußen hart mitgenommen worden wären .
Es war
eben einer jener wohlberechneten Schachzüge , durch welche der alte, kühne General v. Falckenstein seine an Zahl weit überlegenen Feinde irre führte. Denn während die bayerische Armee nach diesem Kampftage in Kaltensundheim 36 Stunden lang den erneuerten Angriff der Preußen erwartete , nahm Vogel v. Falckenstein am 6. bereits sein Quartier in Fulda und schob so seine Armee zwischen die bayerische und die Reichsarmee, welche nun beide einzeln in mehreren Schlachten bestegt wurden.
Desterreich war außer Stande , seine süddeutschen
Bundesgenossen mit Truppen zu unterſtüßen, nahm sich aber auch in seinen Friedensverhandlungen zu Nikolsburg derselben nicht an , so daß sie einzeln mit Preußen Frieden machen mußten.
Am 26. Juli
schloß Desterreich den Waffenstillstand zu Nikolsburg, am 23. Auguſt den Frieden zu Prag. Daffelbe erkannte die Auflösung des bisherigen deutschen Bundes an ,
gab seine Zustimmung zu einer Neu-
gestaltung Deutschlands ohne Oesterreich, insbesondere zur Errichtung
471
Großherzog Carl Alexander (seit 1853).
eines norddeutschen Bundes , der die Länder bis an den Main umfaßte, trat ſeinen Mitbesiß an Schleswig -Holstein an Preußen ab und zahlte noch 20 Millionen Thaler Kriegsentschädigung. Württemberg schloß am 13., Baden am 17. und Bayern am 22. August, Hessen- Darmstadt erst am 3. September und das Königreich Sachsen am 21. October Frieden. Das Königreich Hannover, das Kurfürstenthum Hessen, das Herzogthum Naſſau und die freie Stadt Frankfurt a. M. sowie die Elbherzogthümer Schleswig und Holstein sammt Lauenburg wurden dem preußischen Staate einverleibt , welcher da= durch einen Zuwachs von 1300 Quadratmeilen mit 42 Millionen Einwohnern erhielt.
Das war das Ergebniß eines siebenwöchentlichen
Krieges. Die beispiellosen Erfolge trugen nicht wenig zur Schlichtung des Zwiespaltes bei , der zwischen dem Ministerpräsidenten und der Landesvertretung in Preußen noch vor Ausbruch des Krieges geherrscht hatte. Jezt galt es nun , dem norddeutschen Bunde eine Verfaſſung zu geben , durch welche derselbe , kräftig nach innen und außen, die großen Erwartungen von ihm hegte.
bethätigte , welche der Schöpfer
des
Ganzen
Schon unter dem 18. August 1866 war zwischen
Preußen, Sachsen-Weimar, Oldenburg, Braunschweig, Sachsen-Altenburg
und
Coburg - Gotha ,
Anhalt,
Sondershausen , Waldeck , Reuß j . L.,
Schwarzburg - Rudolstadt und Schaumburg - Lippe , Lippe-
Detmold , Lübeck, Bremen und Hamburg ein Bündnißvertrag in Gleich der 1. Artikel widerlegte 7 Artikeln abgeschlossen worden. die allgemein gehegte Furcht, als werde jezt Preußen auch allen den kleineren Staaten den Garaus spielen ; denn derselbe besagte ausdrücklich : die (vorgenannten) Staaten schließen ein Offensiv- und Defensiv-Bündniß zur Erhaltung der Unabhängigkeit und Integrität, sowie der inneren und äußeren Sicherheit ihrer Staaten und treten sofort zur gemeinschaftlichen Vertheidigung ihres Befihstandes ein, welchen sie sich gegenseitig durch dieses Bündniß garan = tiren. Artikel II lautete : Die Zwecke des Bündniſſes ſollen definitiv durch eine Bundesverfassung auf der Basis der preußischen Grundzüge vom 10. Juni 1866 sicher gestellt werden , unter Mitwirkung eines gemeinschaftlichen zu berufenden Parlaments . Artikel IV stellte fest , daß die Truppen der Verbündeten unter dem Oberbefehle Seiner Majestät des Königs von Preußen stehen sollten.
Dieser Bündniß -Vertrag war von Seiner König-
lichen Hoheit dem Großherzog in Uebereinstimmung mit dem Landtage eingegangen worden und wurde dem Lande zugleich mit dem
472
VIII.
Wahlgeseze
Die Großherzöge von Sachſen-Weimar Eisenach.
zum
norddeutschen
Parlamente
im
November
1866
Nun ging ein wesentlicher Theil der deutschen Einheitsbestrebungen aus dem Jahre 1848 in Erfüllung , denn der ganze Norden Deutschlands bildete ein festgeschlossenes Ganzes und es lag
publicirt.
jezt in der Hand des Parlamentes , den vorgelegten Verfassungsentwurf nach geschehener Durchberathung zu genehmigen . Die Wahl zum Parlamente erfolgte am 12. und die Eröffnung desselben am 24. Februar 1867. Bald war die Verfassung des norddeutschen Bundes festgestellt und wurde durch Patent vom 24. Juni 1867 den Die wichtigsten Unterthanen des weimarischen Landes publicirt. Bestimmungen derselben waren folgende : „ Der norddeutsche Bund ist kein Staatenbund, sondern ein Bundesstaat . Das Bundespräsidium ist bei der Krone Preußen , welche den Bund völkerrechtlich vertritt, in seinem Namen Krieg erklärt , Frieden und Bündnisse schließt und Die Regierungen werden vertreten durch den Gesandte beglaubigt . Bundesrath, in welchem Preußen 17 , die übrigen 21 Bundesglieder zusammen 26 Stimmen haben. Das Volk ist durch den aus allgemeinen und directen Wahlen hervorgegangenen Reichstag an Die gesammte Land- und der Leitung seiner Geschicke betheiligt. Seemacht steht unter dem Oberbefehl des Königs von Preußen . Der Kieler Hafen und der Jadebuſen ſind Bundeskriegshäfen . Die Flagge der Kriegs- und Handelsmarine ist schwarz-weiß-roth. Jeder Norddeutsche ist wehrpflichtig und kann sich in der Ausübung dieser Pflicht nicht vertreten lassen. Post- und Telegraphenwesen werden für das gesammte Gebiet des norddeutschen Bundes als einheitliche StaatsAlle mit dieser, Verkehrsanstalten eingerichtet und verwaltet 2c. " am 1. Juli 1867 in Kraft tretenden Verfassung nicht im Einklange stehenden Landesgeseße, namentlich auch die des revidirten Grundgesetzes vom 15. October 1850 über die Verfassung des Großherzogthums vom 5. Mai 1816 waren auf Grund jenes eben benannten Patentes als abgeändert zu betrachten. Es traten nun natürlich eine ganze Reihe von Veränderungen ein, welche auf die Gleichmäßigkeit im ganzen norddeutschen Bunde abzielten. Unter dem 1. Juli 1867 übernahm Preußen das zeither fürstlich Thurn und Taxissche Post= weſen in den Bundesstaaten und verpflichtete sich laut Vertrag vom 14. Mai 1867, vom 1. Juli an für alle Zeiten wegen Wegfall des Vertrages der diesseitigen Regierung mit dem Fürsten von Thurn und Taxis alljährlich zur Großherzoglichen Haupt- Staatskaſſe 17 000 Thaler zu zahlen. Post- und Telegraphenwesen haben seitdem mehrfache , sehr zweckmäßige Umgestaltungen erfahren , wodurch
473
Großherzog Carl Alexander (ſeit 1853).
sich der Verkehr gegen früher zu einer eminenten Höhe emporgeschwungen hat. Eine der wichtigsten Veränderungen war die unter dem 4. bezüglich 22. Februar 1867 abgeſchloſſene Convention zwischen Seiner Königlichen Hoheit dem Großherzog und Seiner Majestät dem Könige von Preußen , betreffend die Reorganisation des weimarischen Contingents.
Gleiche Conventionen schlossen unter dem 26. Juni 1867
noch ab die Herzöge von Sachsen-Meiningen, Coburg -Gotha , Altenburg, die Fürsten von Schwarzburg und von Reuß. Die Contingente sämmtlicher genannter Staaten bilden 3 Infanterieregimenter, welche die gemeinſchaftliche Bezeichnung „ thüringiſche Infanterie- Regimenter " führen und eine entsprechende Regimentsnummer erhalten. Das Contingent
von
Weimar
bildet das
5. thüringiſche Infanterie-
Regiment Nr. 94 unter der besonderen Bezeichnung : „ Großherzog von Sachsen “ und dasselbe führt als äußeres Abzeichen außer der Regimentsnummer auf den Achselklappen den verschlungenen Namenszug des Landesherrn CA. und in dem Stern am Helm das Landeswappen. Die Contingente von Meiningen und Coburg-Gotha bilden zusammen das Regiment Nr. 95, und die von Altenburg , Schwarzburg und Reuß das Regiment Nr. 96. Die Montirung und übrige Ausrüstung ist ganz conform mit der bisherigen preußischen . Selbstverständlich wurde in dem Gebiete des norddeutschen Bundes auch das königlich preußische Militärgeſeß eingeführt.
nun
Die Unter-
haltungskosten für das Militär übernahm auf Grund der Convention die Krone Preußen in der Weise ,
daß das weimarische Land laut
Verfassung des norddeutschen Bundes pro Kopf 225 Thaler zu erlegen hatte, doch so, daß im ersten Jahre der Reorganisation (1867) nur 167 Thaler und in jedem folgenden 9 Thaler mehr gezahlt werden sollten , bis im Jahre 1874 die volle Summe erreicht war. Mit dem 1. October 1867 wurde das weimarische Regiment der großen norddeutschen Bundesarmee als integrirender Theil einverleibt, trat in den Verband des XI. Armeecorps und der 22. Infanterie-Division und bildet mit dem 3. hessischen Infanterie-Regimente Nr. 83 die 44. Infanterie-Brigade.
Als Garnisonsorte wurden
Weimar (1. Bataillon) und Eisenach (2. Bataillon) beibehalten und das 3. oder Füsilierbataillon am 2. November 1867 nach Jena verlegt. Die Erstehung eines berathenden norddeutschen Reichstages , Einführung der Bundesverfassung , Umgestaltung des Post- und Telegraphenwesens und Reorganisation des Militärwesens , das waren
474
VIII.
Die Großherzöge von Sachsen-Weimar-Eisenach.
also die nächsten Einwirkungen des norddeutschen Bundes auf das staatliche Leben unseres Vaterlandes. Am 14. Juli 1867 war der Mann der Reform, der Präsident des preußischen Staats- Ministeriums und Minister der auswärtigen Angelegenheiten, Graf von BismarckSchönhausen zum Bundes -Kanzler des norddeutschen Bundes erhoben worden. Was nun die specielle Gesezgebung in unserem Vaterlande betrifft, so wurde in Betreff der Rechtspflege und des Finanzwesens zunächst unter dem 19. Februar 1868 ein Gesez erlassen zur
Einführung
des
Mahnverfahrens
in bürgerlichen
Rechtssachen , damit die Erledigung solcher Angelegenheiten auf einem schnelleren, einfacheren und weniger kostspieligen Wege als dem des förmlichen Proceßverfahrens thunlichst befördert werde; ferner unter dem 11. Mai 1869 ein Gesez , betreffend die polizeiliche Beaufsichtigung der Bauten ; ferner in Betreff des Finanzwesens unter dem 18. März 1869 ein revidirtes Geſeß über die Steuerverfassung des Großherzogthums und zur Ausführung desselben unter dem 19. November eine Ausführungsverordnung über die allgemeine Einkommensteuer. In Betreff des Schulwesens erfolgte unter dem 26. Februar 1868 der sehr erfreuliche Nachtrag zu dem Statut der allgemeinen Pensionsanstalt für die Wittwen und Waisen der Volksschullehrer des Großherzogthums , kraft dessen der Pensionsbezug erhöht wurde, und unter dem 11. April 1868
ein Nachtrag zu dem Geseze vom
14. Mai 1862 , das Volksschulwesen betreffend , infolge deffen die Besoldungen der Lehrer in den Städten und auf dem Lande abermals eine Erhöhung erfuhren . Das Schullehrer -Seminar und die dritte Bürgerschule in Eisenach erhielten im October 1869 ein neues Schulgebäude. In Bezug auf die Gesundheitspflege wurde infolge der Nachwehen des Krieges 1866 , die sich in verschiedenen Gegenden Deutschlands durch das Auftreten der Cholera äußerten ( im weimarischen Lande besonders hart betroffen Apolda und Weimar ), die Aufmerksamkeit besonders auf die Herbeischaffung guten Trinkwassers gelenkt, was die Anlage von Wasserleitungen herbeiführte. Das Gewerbsleben , den Handel und Verkehr anlangend, erschien
unter dem
8.
März
das Genossenschaftswesen.
1868
das wichtige
Geseß über
Unter dem 17. Juni 1869 wurde
das Bundesgesetz vom 17. August 1868 über Einführung der neuen Maß- und Gewichtsordnung für den Umfang des norddeutschen
Großherzog Carl Alexander (ſeit 1853).
475
Bundes , das zwar erst mit dem 1. Januar 1872 in Kraft treten sollte, schon jest publicirt ,
damit im Publicum über dasselbe das
nöthige Verständniß zu der außerordentlich wichtigen Umgestaltung vermittelt werde. - Um für den Neustädter Kreis eine den ganzen Landestheil der Länge nach durchlaufende Eisenbahn zu erlangen, ertheilte Seine Königliche Hoheit unter dem 17. September 1868 eine Concession für den Bau und Betrieb einer Eisenbahn von Gera nach Eichicht durch die thüringische Eisenbahngeſellschaft. Die Bahn geht von Gera über Weida , Triptis , Neustadt, Pößned und Saalfeld nach Eichicht , von wo aus eine Verbindung mit den bayerischen Bahnen in Aussicht genommen ist. Angefangen wurde der Bau im Spätherbste 1869 und die Bahn eröffnet am 20. December 1871 . Für den Acerbau erfolgte unter dem 28. April 1869 das wichtige
Gesez
über
die Ablösung
grundherrlicher
und
sonstiger Rechte zur Herstellung möglichster Befreiung des Grundbesizes. Zur Beförderung der Separation wurde laut Gesez vom 7. März 1868 die Vermessungs - Direction mit der Generalablösungs - Commiſſion vereinigt und zur Beseitigung des Vorbehaltes besserer Rechte Dritter bei Grundstück 3 Uebereignungen unter dem 5. Mai 1869 ein neues Gesez publicirt, Sehr wichtig war die Errichtung einer Landes - CreditKasse für das Großherzogthum als einer Staatsanstalt (Gesetz vom 17. November 1869), welche an Angehörige des Landes gegen Bestellung genügender Sicherheit durch im Großherzogthume belegene Grundbesizungen oder den Grundstücken gleichgestellte Berechtigungen, sowie an inländische Gemeinden Capitalien ausleiht und zur Ge= winnung der Mittel für ihre Ausleihungen Capitalien gegen Schuldverschreibungen aufnimmt. Während sich so alle Verhältnisse in sämmtlichen Staaten des norddeutschen Bundes gemäß entwickelten ,
wie in unserem engeren Vaterlande natur-
trat ganz unerwartet jene gewaltige Störung
ein , welche der von Frankreich so leichtfertig heraufbeschworene Krieg 1870 verursachte. Wir beginnen damit die dritte Periode in der Regierungszeit Seiner Königlichen Hoheit des Großherzogs . Ohne uns in eine umfängliche Auseinanderſeßung über die von dem Nachbarlande vorgebrachten Scheingründe für die Veranlassung zum Kriege einzulassen - die wirklichen politisch-militärischen und dynastischen, noch geschürt durch die unlauteren des Jesuitismus verschwieg man natürlich ― können wir nur constatiren , daß auch in
476
VIII.
Die Großherzöge von Sachsen-Weimar- Eisenach.
unserem speciellen Vaterlande wie in allen Theilen des großen deutschen Reiches ein Schrei der Entrüstung über die Frivolität laut wurde, mit der man von Seiten Frankreichs die friedlichen Beziehungen zerriß und mitten im tiefsten Frieden plößlich die Schrecken eines Krieges zwischen zwei mächtigen Völkern heraufbeschwor.
Gerade
diese Nichtswürdigkeit entflammte aber auch in Deutschland zu einer Begeisterung für den voraussichtlich gewaltigen Kampf, wie selbst die im Jahre 1813 nicht größer gewesen sein kann. Heimzahlen wollte man diesmal dem Erbfeinde Deutschlands, was dieser seit zwei Jahrhunderten an unſerm Vaterlande gesündigt ; das war der einmüthige Gedanke, der die deutschen Truppen beseelte ; das waren auch die Wünsche derer, welche ihre Söhne mit in den heiligen Kampf ziehen ließen. Wer sie selbst mit durchlebt hat , diese große Zeit der Begeisterung und Opferwilligkeit, wird zugeben , daß ſich Enkel und Urenkel dereinst kaum eine genügende Vorstellung davon werden machen können. Verlassen wir deshalb auf einige Zeit den Boden unseres Vaterlandes und begleiten im Geiste die Söhne des Landes mit hinaus in den Kampf, den sie mit so außerordentlicher Bravour und unter den härtesten Strapazen und schwersten Verlusten bis zum Ende mit durchgefochten haben.
Am 19. Juli war die Kriegserklärung Frank-
reichs an Preußen erfolgt ;
noch am selben Tage begab sich Se.
Königl. Hoheit der Erbgroßherzog , welcher sich eben zur Wiederherstellung seiner Gesundheit in der Schweiz befand, sofort zur Armee nach Düsseldorf.
Die Abfahrt des 94. Regimentes nach dem Rheine
erfolgte schon am 25. in seinen drei Bataillonen. Es waren wohl feierliche Augenblicke , als das 2. Bataillon in Eisenach noch am Abende vor der Abfahrt auf dem Markte , das 1. und das Füfilierbataillon bei Weimar auf freiem Felde Abschiedsgottesdienste hielten. Von dem Eisenacher Bataillon hatte sich die Großherzogliche Familie schon am 23. verabschiedet ; von den beiden andern erfolgte der Ab= schied nach der kirchlichen Feier. *)
Se. Königl. Hoheit der Groß-
herzog richtete ernste Worte an die Scheidenden , „ die Söhne seines Landes ", denen er in das Gedächtniß zurückrief, wie das Fürstenhaus und das Land zu allen Zeiten treu vereint für die Ehre und die Freiheit Deutschlands eingestanden , wie sicherlich das große Beispiel auch jest in glänzender Weiſe befolgt werden würde in dem, durch einen übermüthigen Angriff heraufbeschworenen Kriege , in den er seinen Sohn, den Erbgroßherzog bereits geschickt und in dem er selbst * Siehe : O. Franke , Major , das 5. thür. Jufanterieregiment Nr. 94 im Feldzuge gegen Frankreich 1870 und 1871. (Weimar bei H. Böhlau 1872.)
Großherzog Carl Alexander (seit 1853).
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das Regiment bald sehen werde. Der Regimentscommandeur dankte im Namen des Regiments und betonte besonders die Liebe und Anhänglichkeit , welche jeden Einzelnen im Regimente für das geliebte Fürstenhaus beseele. „ Was in jenen Stunden gelobt und gesprochen wurde“, fährt unser geehrter Berichterstatter fort, „es find nicht leere Worte geblieben ; sie haben sich zu Thaten gestaltet , zu Thaten der Waffen wie der Liebe. Denn wohin auch das Regiment seine fiegreichen Fahnen trug , wie und wo auch der Krieg ihm Wunden ge= schlagen hatte - überall hin folgte ihm die treue Fürsorge der ganzen Großherzoglichen Familie , in liebevollster und thatkräftigſter Weise sorgend, helfend und erquickend. “ Am 2. August ging Se. Königl. Hoheit der Großherzog zur Armee ab , um seinen erhabenen Schwager , Se. Majestät König Wilhelm I in den Krieg zu begleiten , und übertrug die Regierung des Landes Ihrer Königl. Hoheit der Frau Großherzogin. Wenn wir auch aus Mangel an Raum dem Regimente nicht auf alle Schlacht- und Gefechtsfelder im Geiste folgen können, ſo ſei den Braven und Tapfern, die mit Einſeßung ihres Lebens und unter oft unsäglichen Strapazen zur Erreichung der großen Erfolge ihr reichliches Theil mit beigetragen haben, wenigstens damit ein Denkmal dankbarer Anerkennung auch in der Landeskunde gesezt , daß wir die hauptsächlichsten Schlachten erwähnen , an denen dasselbe mit betheiligt gewesen ist. Hart und blutig genug war die Arbeit , denn 27 Schlacht- und Gefechtstage sind in der Geschichte des Regimentes verzeichnet, zwei seiner Commandeure und 249 Mann sind im Kugelregen gefallen, noch weitere 248 ihren Wunden erlegen und 27 Mann als Vermißte verzeichnet , so daß der Gesammtverlust fich auf 524 Köpfe beziffert. In einer Stärke von 2911 Mann war das Regiment ausgerückt. Daffelbe gehörte im Kriege der 3. Armee an, stand also unter dem Commando des Kronprinzen von Preußen , hatte am 4. August die französische Grenze von der bayerischen Rheinpfalz aus überschritten und schon am 6. war es in der Schlacht bei Wörth vom Anfange bis zu Ende mit betheiligt, hatte namentlich die beiden franzöſiſchen Küraffierregimenter Nr. 8 und 9 sehr hart mitgenommen, eine Mitrailleusenbatterie erſtürmt, viele Gefangene gemacht und war vom linken Flügel aus bis hinter Wörth , nach Fröschweiler vor= gedrungen.
Das war die Feuertaufe des Regimentes !
Der Verluſt
am ersten Schlachttage war ein beträchtlicher ; er belief sich auf 280 Mann , davon 1 Officier und 24 Mann todt, 13 Officiere und 219 Mann verwundet und 23 Mann vermißt.
478
VIII.
Die Großherzöge von Sachsen-Weimar- Eisenach.
Die 3. Armee nahm jezt ihren Marsch auf Paris los , mußte aber plöglich nach Norden schwenken , um im Verein mit der neugebildeten 4. Armee (Kronprinz von Sachsen) Mac Mahons Absicht, welcher Bazaine aus Met befreien wollte, zu vereiteln . Das Vorhaben gelang vollkommen durch die mörderische Schlacht bei Sedan am 1. September , bei welcher vom 94. Regiment das 1. und 2. Bataillon wieder sehr stark betheiligt waren .
Das Füsilierbataillon
hatte in der vorhergehenden Nacht die Wache in Vendresse ,
dem
Nachtquartier des Königs, und traf erst Nachmittags 3 Uhr auf dem Kampfplage ein. Die beiden ersten Bataillone bekamen gegen Mittag Befehl, von ihrem Standpunkte aus , nördlich von Sedan, den nordöstlich liegenden Wald von Garenne anzugreifen und den Feind herauszuwerfen. Ein mörderisches Feuer aus Geſchüzen und Chaſſepots empfing die in aufgelöster Ordnung hervorschwärmenden 94er. Der Regimentscommandeur Oberst v. Bessel stürmte voran , sank aber bald schwer ge= troffen zu Boden. Mit ihm fielen noch eine große Zahl der Braven, besonders von der 2. Compagnie. Auch der Commandeur des 1. Bataillons , Major v. Necker wurde schwer verwundet ;
der Wald wurde aber
dennoch erstürmt und der Feind darans vertrieben. Episode aus dem erbitterten Kampfe.
Dies nur eine
Die 7. Compagnie eroberte
im Laufe des Tages auch noch ein Geschüß. Der Gesammtverlust für das Regiment betrug wieder 163 Mann ; davon 19 Mann todt, 140 verwundet und 4 vermißt.
Der Oberst starb am 5. October.
Auch der Divisionscommandeur, Generallieutenant v. Gersdorf wurde in der Schlacht schwer verwundet und starb bald nachher. Se. Majestät der König, mit ihm der Großherzog von Sachsen hatten während der Schlacht ihren Standpunkt auf einer dominirenden Höhe zwischen Frénois und Wadelincourt, südlich, aber ziemlich nahe an Sedan. Am nächsten Nachmittage rief eine freudige Veranlassung das Regiment zusammen .
Se. Königl. Hoheit der Großherzog besuchte
dasselbe im Biwak zu Floing ,
nächster Ort nördlich von Sedan.
Lauter Jubelruf empfing den Landesherrn , der sein Regiment während des Feldzuges zum erstenmal wiedersah.
Derselbe sprach dem
Regimente seinen Dank und seine Anerkennung aus für die in den Schlachten von Wörth und Sedan bewiesene Tapferkeit und verhieß die nahe Ankunft Sr. Majestät des Königs . Bald nach 5 Uhr verkündete schon aus weiter Ferne das unausgesezte, donnergleich heranbrausende Hurrah die Ankunft des großen Königs . ritt Sr. Majestät entgegen und meldete
Der Großherzog
sein Regiment " , welches
479
Großherzog Carl Alexander (ſeit 1853).
mit nicht endenwollendem Zurufe den König und mit ihm den Kronprinzen begrüßte.
Se. Majestät spendete dem Regimente großes Lob
und unterhielt sich dann in leutseligſter Weise mit Officieren und Mannschaften. Durch den hohen Kriegsherrn erfuhr man erst den ganzen Umfang des gewonnenen Sieges . Nachdem sich der König entfernt hatte , verabschiedete sich auch der Großherzog , um in den Lazarethen den verwundeten Angehörigen des Regimentes Trost und durch seinen Arzt, den er bei den Verwundeten zurückließ, Hülfe zu ſpenden. Diese väterliche Fürsorge für die Seinen hat der Hohe Herr während des ganzen Feldzuges bethätigt und den Angehörigen des Regimentes in der Heimath besonders dadurch eine große Beruhigung gewährt , daß ſofort nach jeder größeren Schlacht über die Betheiligung und über die erlittenen Verluste des Regimentes telegraphische Depeschen in die Heimath gesendet wurden. (Siehe Weim. Atg. 1870 und 1871). Des folgenden Tages wurde das Regiment nach Sedan verlegt, wo sich ihm ein entseßlicher Anblick bot. Pferdecadaver und Menschenleichen verpesteten die Luft schon außerhalb der Festung. Die Straßen starrten von Schmuß und Blut und es kostete viele Arbeit ,
nur
etwas Ordnung hereinzubringen . Am meisten machte die Bewachung und allmähliche Abführung der noch vorhandenen 90 000 Gefangenen zu schaffen, welche auf der sogenannten Insel , durch den Bogen der Maas gebildet, vorläufig untergebracht worden waren . Obwohl nun der französische Kaiſer als Gefangener
abgeführt,
eine Armee in Mez eingeschlossen und eine andere in Sedan ge= fangen worden war , so dachten die Franzosen doch nicht daran, Frieden zu schließen , sondern der Krieg trat in eine neue Phase. Die Republik wollte sich auf das Aeußerste vertheidigen ; deshalb ging der Kriegszug nun gegen Paris . Auch das 94. Regiment, wenigstens vorläufig ein Theil desselben marschirte am 11. September dahin ab.
Am 26. bekam dasselbe endlich nach Ersteigung der Höhe
von Boissy die Stadt in Sicht. Stand
Das XI. Armeecorps hatte seinen
an der Süd - Südostſeite von Paris .
mußte das Regiment zurückweisen.
den versuchten
Am 30. September
Ausfall der Franzosen
mit
Nach zwei Tagen erfreute der Großherzog das Regi-
ment wieder mit seinem Besuche ; dasselbe erhielt am 4. October einen neuen Divisionscommandeur in dem Generalmajor von Wittich.
Vom
5. October an war das Hauptquartier des Königs in Versailles . Inzwischen hatten aber die Franzosen im Süden und Südwesten Frankreichs neue Armeen gebildet , um mit diesen die deutsche Cer-
480
VIII.
Die Großherzöge von Sachſen-Weimar- Eisenach.
nirungsarmee , welche vom 19. September an Paris vollständig eingeschlossen hatte , anzugreifen und Paris Luft zu machen.
Dieſem
Vorhaben mußte von deutscher Seite entgegengetreten werden ; und • so bekam eine Armeeabtheilung Befehl, auf Orleans an der Loire, also füdlich von Paris zu marſchiren . Auch die 22. Diviſion ſtieß zu diesem Truppencorps und kam damit unter den Befehl des bayrischen Generals von der Tann. Am 11. October war das Regiment am Kampfe dicht vor Orleans mit betheiligt , hatte zum Glück aber nur geringe Verluste ( 1 Mann todt, 9 verwundet).
Am
17. traf der Befehl ein , die 22. Division solle das Tannsche Corps wieder verlassen und zum Armeecorps zurückkehren , den Rückweg aber über Chateaudun und Chartres nehmen und dort die Franctireurbanden zerstreuen . Schon am 18. war das blutige Gefecht bei Chateaudun.
Die stark verbarricadirte , für die
Vertheidigung
sehr günstig gelegene Stadt gerieth während des Gefechtes in Brand und bei der schaurigen Beleuchtung durch brennende Häuser wurde der Kampf in der Stadt fortgesetzt bis Nachts 3 Uhr. Das Regiment verlor 12 Mann , 1 Officier und 2 Mann todt , verwundet.
die andern
Die Aussicht, zu der Cernirungsarmee vor Paris zurückzukehren, erfüllte sich nicht ; vielmehr wurde das Regiment zu neuen Operationen nach Südwesten hin dirigirt. Die französische Loire - Armee war wieder bis auf 80 000 Mann angewachsen und deren Vordringen auf Paris mußte verhindert werden. Am 9. November hatte von der Tann , von viermal stärkerer Uebermacht angegriffen, Orleans den Franzosen überlassen müssen . Jest wurde am 11. sein Armeecorps (1. bayrisches ) mit der 17. und 22. Division und noch 3 Cavalleriedivisionen vereinigt unter dem Commando
des Groß-
herzogs von Mecklenburg - Schwerin und es begannen jene Kreuzund Querzüge westlich von Paris zur Aufsuchung des Feindes, welche den Betheiligten gewiß in schlimmer Erinnerung bleiben werden ; denn es zeigten sich bald da und bald dort größere feindliche Massen, welche zurückgewiesen werden mußten.
Am 18. November hatte das
Regiment bei Chateauneuf , eigentlich bei dem Dorfe Torçay in waldiger Gegend einen harten Kampf zu bestehen , ging aber sieg= reich aus demselben hervor, wenn auch unter Verlust von 37 Mann, darunter 11 Mann todt. Für die bewiesene Bravour wurde das Regiment am nächsten Tage durch folgenden Divisionsbefehl ausgezeichnet : „ Den Truppen ist bekannt zu machen, daß das 94. Regiment unter Betheiligung einer Compagnie des 83. Regiments gestern
Großherzog Carl Alexander (seit 1853).
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ein glänzendes Gefecht gehabt und ohne Mitwirknug von Artillerie das von 1500 Mann Linientruppen vertheidigte Dorf Torçay mit Kolben und Bajonet erstürmt hat. Der Verlust des Feindes beträgt mindestens 300 Todte und Verwundete , 200 Gefangene und viele Versprengte. " Die Hauptoperation sollte auf Le Mans gehen , südwestlich von Paris , als den Hauptsiz der neuorganisirten französischen Armee. Das Wetter war für einen Feldzug entseßlich schlecht und die Bekleidungsverhältnisse
des Regimentes befanden sich in einem sehr
dissoluten Zustande. Hören wir die Schilderung unseres geehrten Berichterstatters : „ Schon bot das Regiment , wie jedes andere in der Division, einen eigenthümlichen Anblick dar. Eine große Anzahl der defecten Tuchbeinkleider war durch Drillhosen bedeckt oder durch blaue und hechtgraue franzöſiſche Militär- , öfter auch buntfarbige Civilhosen ersetzt worden . Die Fußbekleidung repräsentirte fast alle bekannten Arten, vom hochgeschäfteten deutschen Stiefel bis zum zierlichen französischen Schuh , der mit Riemen oder Striden am Fuße befestigt war , vom eleganten Ledergamasch bis zu dem primitiven aus Fellen oder Leinwand gefertigten ; ja selbst Gummischuhe waren keine seltene Erscheinung.
Ueber den Kopf waren Kapuzen aller Art
gestülpt, meist aus verschiedenfarbigen französischen Pferdedecken hergestellt. Außerdem führte jeder Soldat eine wollene Decke noch mit sich, die er entweder zusammengerollt trug, oder - häufig mit ausgeschnittenem Halsloche übergeworfen hatte , so daß sie über Schultern und Tornister herabhing .
Auch die Tracht der Officiere
zu Pferde oder zu Fuße bot in Bezug auf Kapuzen, Mäntel, Ueberwürfe und Fußbekleidungen in Schnitt und Farbe ein mannigfaltiges Bild. ― Trotz alledem leisteten die Truppen im Marschiren Vorzügliches und bewahrten sich zu allen Zeiten ihren Humor. " Mit dem 23. November wurden die Operationen auf Le Mans unterbrochen , weil die neue französische Loire - Arme auf mindestens 170 000 Mann angewachsen war. Gerade zur rechten Zeit hatte fich Met ergeben (27. October), so daß die zweite deutsche Armee unter dem Befehle des Prinzen Friedrich Carl verfügbar wurde und nach der Loire dirigirt werden konnte, und dieser Armee wurde jezt auch der Truppentheil zugewiesen, zu welchem das 94. Regiment ge= hörte. Im Ganzen zählte jezt die zweite deutsche Armee 105 000 Mann.
Am 28. November bekam das Regiment einen neuen Com-
mandeur in dem Obristlieutenant v. Pallmen stein.
Derselbe über-
brachte die Grüße Sr. Königl. Hoheit des Großherzogs und gleich31 Kronfeld , Landeskunde. I.
VIII.
482
Die Großherzöge von Sachsen-Weimar- Eisenach.
zeitig von demselben eine Anzahl „Militär- Verdienstmedaillen mit Schwertern" , welche als Auszeichnung an die Mannſchaften gegeben wurden. Das Regiment dankte seinem geliebten Landesherrn mit lautem Hurrah. Bald gab es wieder harte, böse Tage durchzumachen ; am 2., 3. und 4. December waren die Kämpfe in der Nähe von Orleans , welche in der Kriegsgeschichte unter dem Namen „ die Die große, neuSchlacht bei Orleans " verzeichnet stehen. gebildete französische Armee unter dem Oberbefehle des Generals Aurelles de Paladine hatte von Gambetta Befehl bekommen , von Orleans aus auf Fontainebleau zu operiren und sich zwischen die deutschen Truppen vor Paris und den Rhein zu schieben, um so der Belagerungsarmee alle Zufuhr und die Verbindung mit Deutschland abzuschneiden. Gleichzeitig sollte auch von Westen und Norden her Wäre dieser Plan auf die Belagerungsarmee losgegangen werden. geglückt , so sah es mit der Cernirung von Paris allerdings mißlich aus. Die Vereitelung desselben kostete freilich wieder furchtbare Kämpfe.
Der 22. Diviſion , also auch dem 94. Regimente fiel der
mörderische Kampf bei Anneux und Poupry zu (2. December). &3 war
ein böser Tag .
Obristlieutenant v. Pallmenſtein ,
zum
erstenmal an der Spiße des Regimentes , leitete in vorderster Linie das Gefecht , wurde tödtlich verwundet und mußte zurückgetragen werden ; das Regiment sah ihn nicht wieder. Der Verlust der Division betrug an diesem Tage 642 Mann ; davon kamen auf die 94er allein 237.
Der Kampf dauerte bei den anderen Truppentheilen am 3.
und 4. December noch fort , so daß in der Nacht des 4. Orleans gezwungen war, zu capituliren. Die Franzosen hatten in den drei Tagen 70 Geschüße, 4 Loire - Kanonenboote und 20 000 Gefangene verloren , ohne die Unzahl von Todten und Verwundeten. Für den abermals bewiesenen Heldenmuth wurde das 94. Regiment am 6. December durch folgenden Divisionsbefehl ausgezeichnet : „ Se. Königl. Hoheit der Großherzog von Mecklenburg hat mich beauftragt, der 22. Division seine besondere Anerkennung für die von derselben in den lezten Gefechten bewiesenen Energie und Ausdauer auszusprechen und hinzugefügt , daß der Division ein vorzugsweiſes Verdienst an der gewonnenen Schlacht am 2. December und den daran sich reihenden weiteren Erfolgen gebührt. Die Diviſion hat an diesem Tage gegen vierfache Uebermacht sich zu schlagen gehabt und durch ihr siegreiches Standhalten das Vordringen der übrigen Corps er= möglicht. Auch ich spreche hiermit sämmtlichen Truppen der Diviſion meinen Dank aus , insbesondere aber dem 94. Regimente
Großherzog Carl Alexander (ſeit 1853).
483
und der Divisionsartillerie, welche beide den härtesten Kampf gekämpft und die schwersten Verluste erlitten haben. Ich werde nicht unterlassen,
das rühmliche Verhalten dieser
tapferen Truppentheile und der ganzen Division zur Kenntniß Sr. Majestät des Königs zu bringen. (gez.) v. Wittich. “ Troß der wiederholten Niederlagen war Gambetta aber doch nicht gewillt , seine Sache für verloren zu geben , sondern er nahm jezt dem General Aurelles de Paladine den Oberbefehl
ab ,
theilte
die Armee in eine erste und eine zweite Loire - Armee , übertrug den Oberbefehl über die erste dem General Bourbaki, und den der zweiten dem General Chanzy. Die zweite Armee, mit der wir uns hier nur zu befassen haben, hatte sich südwestlich von Orleans zurückgezogen, wurde rasch wieder ergänzt und stand bald in einer Stärke von 100 000 Mann mit 240 Geschüßen auf dem rechten Ufer der Loire den deutschen Truppen gegenüber.
In der dreitägigen Schlacht bei
Crabant (Beaugench ) 8. , 9. und 10. December war dem 94. Regimente abermals die Lösung einer schweren Aufgabe zugefallen. Kaum hatten das 83. und 94. Regiment das Dorf Cravant mit Sturm genommen und sich darin festgesezt , als acht französische Batterien den Ort mit einem Hagel von Projectilen überschütteten. Unser geehrter Berichterstatter sagt : „ Das Feuer war wohl das furchtbarste, welches das Regiment
während des Feldzuges
auszuhalten hatte.
Mehr als 60 Geschüße concentrirten ihr Feuer auf einen kleinen Raum. Fast kein Haus blieb unversehrt ; Mauern stürzten ein, Dachsparren und Ziegeln flogen zerschmettert umher, untermischt mit den Eisenstücken der explodirenden Geschoffe , die donnerkrachend auf die Häuser , Pläge , Straßen und Höfe herabregneten. Troß alledem wußten sich die Truppen , dicht an steinerne Gebäude und Mauern gedrängt , vor größeren Verlusten zu schüßen , so daß vorläufig nur das französische Dorf den Schaden zu tragen hatte. "
Der Kampf
erneuerte sich am 9. und 10. wieder ; denn zwei ganze Diviſionen waren es, welche den beiden Regimentern gegenüberstanden und welche das Dorf Cravant wiederzuerobern suchten. Aber man denke sich die Situation des Regimentes , das drei Tage und drei Nächte keine Ruhe hat und bei der rauhen Winterzeit größtentheils im Freien zubringen muß. Unser Berichterstatter äußert sich deshalb : „ Die Tage in und bei Cravant find für das Regiment die schwersten im ganzen Feldzuge gewesen.
Drei Tage lang hat es gegen eine ge= 31*
484
VIII.
Die Großherzöge von Sachſen-Weimar- Eisenach.
waltige Uebermacht gefochten , eben so lang ein heftiges , zu Zeiten wahrhaft furchtbares Feuer von Granaten, Shrapnels und Mitrailleusen ausgehalten, Nachts aber entweder im Vorpostendienste oder mit dem Gewehr in der Hand in steter Bereitschaft so gut wie keine Ruhe gehabt. Was die Tapferen gelitten, sprach sich in ihrer Erscheinung aus. Abgemattet , über und über mit Schmuß bedeckt , oft besprigt von eigenem Blute oder dem der Kameraden , hohläugig und bleich, aber mit dem Ausdruck jener trozigen Entschlossenheit in den Zügen, welche bereit ist, den Kampf wieder aufzunehmen und sich unter den Trümmern Cravants begraben zu lassen das waren die Männer von Cravant. "
Der Gesammt - Verlust für das Regiment betrug
in den drei Tagen an Todten und Verwundeten 277 Mann . Da sich die französische Armee auf Le Mans zurückzog ,
so
wurde den Truppen Ruhe gegönnt , um sich zu erholen und zugleich die Bekleidung wieder in Stand zu sehen ; namentlich war das Schuhwerk bei einer Anzahl Soldaten so weit herunter, daß dieselben nicht mehr mit marſchiren konnten, sondern auf Wagen nachgefahren werden mußten ; das war die „ Brigade Barfuß “ , wie der Soldaten= humor sich ausdrückte.
Am 18. December traf Ersagmannschaft ein
und brachte die lang ersehnten Bekleidungsstücke und eine Fülle von Liebesgaben aller Art, welche das Heimathsland in treuer Fürsorge dem Regimente übersandte und welche mit Jubel in Empfang ge= nommen wurden . Die unausgesezte Thätigkeit der Frauen- und anderer Vereine im Vaterlande zur Versorgung unserer Krieger mit den nöthigen wärmenden Kleidungsstücken , mit Spirituosen , Rauchmaterialien und so vielen anderen ,
im Felde dem Soldaten recht
nothwendigen Dingen , welche in reichen Transporten seit dem September 1870 aus den einzelnen Verwaltungsbezirken nach dem Kriegsschauplaze abgingen, erhielten eine stete, lebendige Verbindung zwischen der Heimath und dem Regimente , und das Bewußtsein dankbarer Anerkennung
der
bereits
geleisteten
Großthaten trug nicht wenig
dazu bei, den Muth der Truppen zu erhalten und dieselben zu neuen Thaten anzuspornen.
So konnten jest den Mannschaften nicht bloß
die nöthigen Montirungsstücke verabfolgt und die französischen Militärund Civilbekleidungsstücke ausgeschieden werden , sondern
aus den
Liebesgaben wurden auch sämmtlichen Leuten des Regimentes wollene Unterkleider verabreicht.
Am 21. December ging der Marsch weiter nördlich ; um Mittag erreichte man wieder Chateaudun , schlimmen Angedenkens vom 18. October , und am 22. Chartres. An beiden Tagen betrug die
Großherzog Carl Alexander (ſeit 1853).
Kälte
10 Grad.
Am 24. wurden die Quartiere gewechselt.
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Ein
trauriger Weihnachts - Heiligerabend !
Wer nicht in seinen Jugendjahren einmal gezwungen gewesen ist, den schönen Abend fern von der lieben Heimath zubringen zu müſſen, kann sich von der Sehnsucht , die das Herz unwillkürlich ergreift, kaum eine Vorstellung machen. Und nun jezt in Feindesland , wo man noch obendrein den germanischen Gebrauch des leuchtenden Christbaumes nicht kennt ! Die vaterländische Sitte behielt aber dennoch ihr Recht , denn die meisten Soldaten hatten sich, wenn auch zum Theil mit sehr bescheidenen Mitteln , ihr Christbäumchen und ihre Weihnachtspyramide herzustellen gewußt, und wäre nur irgend ein Liebeszeichen an dem Tage aus der Heimath eingetroffen , man hätte sich ganz überglücklich gefühlt ; allein die ersehnten Nachrichten blieben aus. Und doch war daheim Alles aufgeboten worden , um den im Felde stehenden 94 ern eine Weihnachtsfreude zu bereiten. Ihre Königliche Hoheit die Frau Großherzogin hatte als wahre Landesmutter nicht bloß die nöthigen thüringischen " Schüttchen“ backen lassen , um das ganze Regiment damit zu versorgen , sondern forderte auch auf , Packete geringeren Umfanges zur Mitbesorgung einzusenden und zwar sollte die Einlieferung derselben laut Bekanntmachung vom 28. November spätestens bis zum 7. December erfolgen . Es waren nicht weniger als 1700 Einzelpackete
an bestimmte Adressen eingetroffen und von allen Seiten kamen noch reichliche Liebesgaben . Die Sendung, in 60 großen Kisten und Fässern verpackt, ging am 11. Dezember in Weimar ab, ſo daß man deren rechtzeitiges Eintreffen erwarten zu dürfen glaubte. Aber der Transport kam nur bis Lagny , weil man über den Standort des Regimentes bei deffen Beweglichkeit nicht im Klaren war, und weil es an Fuhrwerken mangelte, die Kisten weiter zu befördern. Am 24. December wurde deshalb ein Detachement nach Lagny ab= geordnet , um die Sendung zum Weitertransport in Empfang zu nehmen. Endlich am 4. Januar 1871 kam das heißersehnte an. „Kein Soldat“, schreibt unser Berichterstatter , „ konnte bei dem Anblicke der überaus reichlichen Gaben ohne Rührung der treuen Sorgſamkeit des Heimathlandes gedenken. War ihm doch eine jede , auch die kleinste Gabe der Liebe , ob von bekannter , ob von unbekannter Hand , ein geistiger Gruß aus der Heimath , der ihm sagte : wir danken dir, der du für uns kämpfft, entbehrſt und leidest , aber wir sorgen für dich und tausende von Herzen schlagen , tausende von Lippen beten für dein Wohl. "
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VIII.
Die Großherzöge von Sachsen-Weimar-Eisenach.
Bald begannen die Operationen wieder.
Der Plan , Paris zu
entsegen, wurde von den Franzosen mit einer Beharrlichkeit verfolgt, daß den deutschen Truppen , welche einen äußeren, immer weiter vorgeschobenen Ring um die Cernirungsarmee bildeten, keine Ruhe blieb. Im Norden suchte die Armee Faidherbes, im Süden die von Bourbaki und im Westen die von Chanzy Erfolge zu erringen . Der letzteren galt jest wieder das Vorgehen des Prinzen Friedrich Karl. Aus der 17. und 22. Division war das XIII . Armeecorps
unter dem
Oberbefehle des Großherzogs von Mecklenburg gebildet worden mit der Bestimmung , bis auf Weiteres der zweiten Armee zugetheilt zu bleiben. Am 4. Januar bekam das Regiment einen neuen , seinen dritten Commandeur in dem Obristlieutenant Marschall v. Sulicki . Auf dem diesmaligen Kriegszuge hatte das Regiment am 5. und 6., namentlich am leztern heiße Gefechtstage bei La Fourche , das gut verschanzt, auf einer Höhe gelegen , von einem dreifach überlegenen Feinde vertheidigt wurde. Aber die feindliche Position wird mit Sturm genommen und dabei erobert das Regiment 3 Geschüße. Der Verlust der 94er betrug an Todten und Verwundeten 54 Mann. Der Marsch ging immer weiter vorwärts auf Le Mans zu, wo die Franzosen in einer Ausdehnung von 4 Meilen eine sehr gute Stellung inne hatten. Tiefer Schnee , Glatteis und ein überaus schwieriges
Terrain
erschwerten
den deutschen
Truppen
die
Operationen ungemein. Die Schlachten am 10., 11. und 12. Januar bewirkten den Rückzug und die theilweise Auflösung dieser französischen Armee. 18000 Gefangene , 20 Geschüße und zahlreiches Heergeräthe waren die Beute der Deutschen .
Der Verlust des 94. Regi-
ments war für die drei Schlachttage nicht übermäßig ; derselbe betrug 68 Mann . Troßdem hatte das Regiment ca. 1200 Gefangene gemacht mit 25 Officieren, darunter 1 Stabsofficier. Fliegende Colonnen bekamen jezt den Auftrag , den Feind zu Das Regiment ging am 13. nordwärts unter kleineren verfolgen. Gefechten bis Alençon und bekam hier Befehl, nach Rouen zu marſchiren. Am 18. Januar wurde der Marsch begonnen ; es war derselbe Tag, an welchem
Seine Majestät der König Wilhelm unter dem Donner deutschen Fürsten die Würde als
der Geschüße auf Wunsch der deutscher Kaiser " annahm .
Mit dem 31. Januar trat endlich
der Waffenstillstand ein. Das Regiment befand sich jezt in Evreux, westlich hinter Paris . Am 5. Februar wurde das XIII . Armeecorps wieder aufgelöst, die 22. Diviſion trat zum XI . Armeecorps zurück und begann am 7. Februar ihren Vormarsch nach Versailles .
Am
Großherzog Carl Alexander (seit 1853). 12. fand dort der Einzug statt.
Der Großherzog
487 und der Erb-
großherzog waren dem Regimente entgegengeritten und Seine Königliche Hoheit konnte noch selbigen Tages in die Heimath telegraphiren : „Sämmtliche Officiere und Mannschaften sind wohl und von den erEs war littenen Strapazen ist nichts mehr an ihnen bemerkbar. " das erstemal , daß Landesherr und Regiment seit den Octobertagen vor Paris sich wiedersahen. Welche großen Kämpfe lagen dazwischen ! Die Freude des Wiedersehens trübte der Rückblick auf die große Zahl derer, die in franzöſiſcher Erde zur lezten Ruhe gebettet waren . Aber stolz und freudig bewegt gedachte heute jeder der jetzt zum Einzug Gerüsteten der Liebe und Sorge , mit welcher der geliebte Landesherr und sein ganzes hohes Haus vom ersten bis zum leßten Tage des Feldzuges für das Wohl des Regimentes thätig geweſen waren. Gerade hier in der Nähe von Versailles war ein redendes Zeichen für die bewiesene Fürsorge des Landesherrn : derselbe hatte mit fürstlicher Freigebigkeit für verwundete und erkrankte Officiere des Regimentes in freundlicher , gesunder Lage ein Lazareth anlegen laſſen, ließ hier dieselben durch seinen Leibarzt behandeln und nahm sich persönlich der Erkrankten und Verwundeten an. Der Kronprinz sezte sich an die Spiße der Division und führte dieselbe am Quartiere des Kaiſers , welcher gerade unpäßlich war und des Einzuges dieses Truppentheiles am Fenster harrte, vorüber. Jest trat endlich die längst ersehnte Ruhe ein. Der Waffenstillstand wurde bis zum 26. Februar verlängert. Das 1. Bataillon des Regimentes genoß die Ehre, zu den 30 000 Mann deutscher Truppen zu stoßen, welche einen Theil von Paris beſeßten. Am 6. März verabschiedete sich Se. Königl. Hoheit der Großherzog vom Regimente mit herzlichen Worten . Ein begeistertes Hurrah war der Abschiedsgruß der tapferen Söhne seines Landes . Am 10 . März traf derselbe mit Sr. Königl. Hoheit dem Erbgroßherzog wieder in Weimar ein , schon an der Landesgrenze in Gerstungen begrüßt durch das Präsidium des Landtags und die fünf Bezirksdirectoren, dann wieder in Eisenach und in Vieselbach.
In Weimar hatte man
große Vorbereitungen getroffen zu einem festlichen Empfange und derselbe gestaltete sich auch zu einem wahren Freudenfeste. Von diesem Tage an übernahm Se. Königl. Hoheit der Großherzog die Regierung wieder selbst. Am 16. März traf auch Se. Majestät der deutsche Kaiser mit dem Kronprinzen und den Prinzen Carl und Adelbert von Preußen auf der Rückreise vom Kriegsschauplaze in Weimar ein , um hier
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Die Großherzöge von Sachsen-Weimar-Eisenach.
Nachtquartier zu nehmen .
Se. Königl. Hoheit der Großherzog war
seinen erhabenen Verwandten bis Eisenach entgegengereist.
Dem greifen
Heldenkaiser ward in Weimar ein enthusiastischer Empfang zu Theil. Das 94. Regiment tam erst nach geraumer Zeit aus Frankreich zurück, denn es bildete einen Theil der Occupationsarmee , welche in jenem Lande bis zur Erfüllung der Friedensbedingungen zurückgelassen werden mußte. Endlich betrat dasselbe auch den heimischen Boden wieder. Am 28. September traf das II . Bataillon in Eisenach, das I. in Weimar, das III . in Apolda ein. Die lettere Stadt hatte besonders darum gebeten , das Bataillon einen Tag bewirthen zu dürfen, um auch ihrerseits der tapferen Krieger einen halb betrat das Bataillon September. Sonntag den
der Freude über die glückliche Heimkehr Ausdruck verleihen zu können , und desseine Garnisonstadt Jena erst am 29. 1. October wurde in allen Kirchen des
Landes ein allgemeiner Dankgottesdienst abgehalten. Zur Erinnerung an die große weltgeschichtliche Periode , welche eben durchlebt worden war , und zur dankbaren Anerkennung der verdienstlichen Thätigkeit , mit welcher Männer , Frauen und Jungfrauen während des Krieges gegen Frankreich in den Jahren 1870 und 1871 für die Sache des großen Vaterlandes in der Heimath gewirkt , stifteten II. KK. HH . der Großherzog und Seine Frau Gemahlin eine silberne Denkmünze , welche an einem landesfarbigen Bande getragen wird .
Fast in allen Ortschaften des Großherzogthums
hat man zur Erinnerung an den großen Kampf und zur Ehre der Gebliebenen Denkmäler errichtet . Der große Krieg ist beendet und wir kehren wieder zu den Werken des Friedens zurück. Die Neugestaltung des deutschen Reiches erforderte wieder mancherlei Modificationen in der Gesezgebung ; zum Theil wurden diese auch durch die Anforderungen der Zeit veranlaßt. Mit dem 1. Mai 1871 trat eine andere Eintheilung des Ministeriums ein ; der Chef des Finanz- Departements wurde vorsitzender Staatsminister.
Die
Angelegenheiten des
Großherzoglichen Hauses ,
der
Universität zc. sowie das Departement der Justiz kamen zum Cultusdepartement und dieses führt den Titel :
„ Departement des Groß-
herzoglichen Hauses
Wegen
und
des
Cultus " .
der
vorstehenden
Minderungen im Geschäftsbereiche des folgenden Departements erhielt dasselbe jezt die Bezeichnung : Aeußern und des Innern " .
„ Ministerial- Departement des
Zur Ausführung des Bundesgeseßes über den Unterstüßungswohnsiz wurde den 20. Juni 1871 ein provisorisches Geseß er-
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Großherzog Carl Alexander (ſeit 1853).
lassen ; unter dem 23. Februar 1872 erschien hierauf das wirkliche Gesetz nach Berathung mit dem Landtage. Unter dem 27. März und 7. Juni 1872 erfolgte das Gesez über die elterliche Gewalt und das Vormundschaftswesen.
Zur Einrichtung
einer zeit-
gemäßen und zweckmäßigen Reform der Straf- und Besserungsanstalten wurde mit dem Herzogthum Coburg - Gotha und dem Fürstenthum Reuß j. 2. ein Vertrag abgeschlossen ,
zufolge deſſen
Zuchthausstrafe nur noch in dem Zuchthause zu Gräfentonna ab= gebüßt werden soll. Die darauf bezüglichen einzelnen Bestimmungen wurden unter dem 20. Juni 1872 publicirt.
Mit Rücksicht auf die
durch die Gesetzgebung des deutschen Reiches herbeigeführten wesentlichen Abänderungen der bisherigen Gemeindeordnung , sowie mit Rücksicht auf die fortgeschrittene Entwickelung des Gemeindelebens erschien unter dem 24. Juni 1874 eine neue Gemeindeordnung, und unter dem 9. März 1875
das Gesetz über Einführung von
Friedensrichtern. In Betreff des Kirchen- und Schulwesens sind sehr wesentliche Fortschritte zu registriren. In kirchlichen Angelegenheiten ist besonders hervorzuheben, daß dem Lande unter dem 29. März 1873 eine Synodalordnung gegeben worden ist.
Am 5. December 1874 erſchien hierzu die Geschäfts - Ordnung für die Landes =- Synode der
evangelischen Landeskirche des Großherzogthums . Für die evangelischen Geistlichen des Landes wurde durch das Regulativ vom 23. December 1874, die Errichtung einer Pensionsanſtalt, sowie durch das Regulativ vom 12. April 1876 , die Aufbefferung der Besoldungen und die Errichtung eines Centralfonds zu diesem Zwecke , sowie durch das Geſeß vom 12. April 1876, nach welchem aus Staatsmitteln zu dem Centralfond jährlich 32 000 Mark gezahlt werden, in erfreulicher Weise gesorgt.
Die Pensionen der Wittwen und Waisen
evangelischer Geistlicher sind durch Statutnachtrag vom 24. Juni 1872 erhöht worden.
Zur Ausführung des Reichsgeseßes
über die Be-
urkundung des Perſonenſtandes und die Eheschließung durch Standesbeamte erschien eine Verordnung unter dem 9. October 1875.
Das
Gesetz trat mit dem 1. Januar 1876 in Kraft. Für das Volksschulwesen erschien das äußerst wichtige und auch vom Auslande als sehr zweckmäßig anerkannte Volksschulgeset. Se. Königl. Hoheit der Großherzog liebt es, ganz besonders wichtige Gesetze an seinem Geburtstage durch seine Namensunterschrift zu vollziehen und so trägt dasselbe auch als Datum den 24. Juni 1874. Die zu dem Geseze nöthigen Ausführungs- und Miniſterialverord-
490
VIII.
Die Großherzöge von Sachsen-Weimar- Eisenach.
nungen für inneres Schul- und Schulbauwesen erschienen bald hernach. Mit der Einführung des neuen Volksschulgesetes stand auch eine Erhöhung der Lehrerbesoldungen im Zusammenhang. Die Pension für Lehrerwittwen wurde durch Gesezesnachtrag vom 27. März 1872 und durch Geſetz vom 17. März 1875 , welches zugleich ein Statut der Pensionsanstalt für die Wittwen und Waisen der Schullehrer im Großherzogthum aufstellt ,
ebenfalls erhöht.
Unter dem 28. Mai 1874 erschien ein
Gesez, betreffend die Aufnahme der taubstummen und blinden Kinder in die Großherzogliche Taubstummen und Blinden - Anstalt zu Weimar.
Ein neue Schulanstalt wurde zu Michaelis 1876 in
Jena errichtet : dort wurde in einem eigens dazu aufgeführten Gebäude ein Gymnasium eröffnet ; das dritte im Lande.
Das Volksschul-
lehrer - Seminar in Weimar erhielt 1877 ein eigenes , schönes Gebäude. Für Handel und Verkehr wurde besonders durch Anlegen neuer Eisenbahnen gesorgt. Für den Bau der Saalbahn von Großheringen über Camburg ,
Dorndorf, Jena , Rothen-
stein , Kahla, Naschhausen, Rudolstadt zum Anschluß an die GeraEichichter Eisenbahn bei Saalfeld wurde unter dem 8. October 1870 mit den betheiligten Regierungen ein Staatsvertrag Die Bahn wurde eröffnet am 1. Mai 1874 .
abgeschlossen .
Für den Bau der Saal - Unstrutbahn von Straußfurt über Weißensee , Sömmerda , Kölleda , Buttstädt und Eckartsberga zum Anschluß an die thüringische Bahn in Großheringen wurde unter dem 11. April 1872 Concession ertheilt. Die Bahn ist in Betrieb seit dem 1. August 1874. Ferner : Für den Bau der Eisenbahn von Wolfsgefährt bei Weida über Berga, Greiz, Elsterberg 2c. zur Verbindung der Endpunkte der Gera-Eichichter- mit der Plauen-Oelsnißer Staats -Bahn wurde der
sächsisch - thüringischen
Eisenbahngesellschaft
unter
dem
11. April 1872 Concession ertheilt. Die Bahn ist seit dem 17. Juli 1875 bis Greiz in Betrieb. Behufs Bau einer Bahn von Weida nach Werdau zum Anschluß an die Bahn Werdau-Zwickau wurde mit den Regierungen unter dem 19. December 1871
betreffenden
Vertrag abgeschlossen.
Diese Bahn wurde eröffnet am 29. August 1876. Ebenso wurde die Actiengesellschaft zum Bau der WeimarGeraer Eisenbahn (Weimar, Jena, Roda, Gera) unter dem 8. Juni 1872 conceffionirt. Die Bahn wurde am 24. Juni 1876 dem Ver= fehr übergeben. Ferner erfolgten noch Abschlüsse von Staatsverträgen
Großherzog Carl Alexander (ſeit 1853). zum Bau
einer Eisenbahn
von
Magdeburg
nach
491
Erfurt durch
weimarisches Gebiet ( 1872) ; einer anderen von Erfurt nach Hof ( 1873) . Das wichtigste Verkehrsmittel, das Geld erfuhr in dieser Periode seine Umgestaltung . Mit dem 1. Januar 1876 trat die neue Reichswährung im gesammten Reichsgebiete in Kraft, aber die Einwechselung der bisher curfirenden Geldſorten ging absazweise vom Januar 1875 an vor sich.
Nachdem zuerst das Papiergeld der Thalerwährung
beseitigt war, kam es an die Einwechſelung der Kronen- und Speciesthaler, dann folgten in bestimmten Zwischenräumen Zwei- und Vierpfennigstücke, dann Dreier, dann Sechser, Groschen, Zwei- und Zweieinhalb-Groſchenstücke , dann Zweithaler- , Eindrittel- und Einſechstelthalerstücke.
Bald werden auch die Einthalerstücke aus dem Verkehre
verschwunden sein. Wie wir in der ersten Regierungsperiode Sr. Königl. Hoheit als Beweis für dessen Vorliebe zur Kunst der Gründung der Kunstschule in Weimar gedachten , so müssen wir bei der jezigen Periode eines anderen Institutes gedenken , das zur Ausbildung tüchtiger Musiker von Sr. Königl. Hoheit am 1. October 1872 in das Leben gerufen worden ist, nämlich die Orchesterschule in Weimar, welche ihre Subvention aus landesfürstlichen Mitteln bezieht und die fich schon jezt eines sehr guten Rufes erfreut. Einer Anstalt wurde bisher noch nicht gedacht , das ist die Landesuniversität zu Jena. Nur in wenigen Zeilen kam die 300 jährige Jubelfeier 1858 zur Besprechung ; was aber zum Fortbestehen der Hochschule, zur Förderung von deren Gedeihen während der Regierungszeit Seiner Königlichen Hoheit des Großherzogs ge= schehen ist , das ließ sich nicht nach Regierungsperioden gliedern, sondern das mußte unbedingt im Zusammenhange gegeben werden. Bekanntlich gehört die Universität den sächsischen Landen ernestinischer Linie gemeinschaftlich zu ; zu den Erhaltungskosten 2c. steuert aber das Großherzogthum Sachsen - Weimar die Hälfte bei , und in die andere Hälfte theilen sich die drei übrigen sächsischen Regierungen zu Meiningen, Coburg- Gotha und Altenburg.
Die Pflege der Universität
laſſen die vier genannten Regierungen durch die Univerſitäts- Curatel ausüben , welches Amt vom 1. April 1851 bis 1. September 1877 von Sr. Excellenz , dem Herrn Geheimrath Dr. Seebeck mit vieler Liebe zur Sache und treuer Hingabe an das wichtige Amt verwaltet wurde ; und während dieser langen Periode hat sich die Gunst und Fürsorge der durchlauchtigsten Erhalter in Verbesserung und Erweiterung bestehender und Schaffung neuer innerer und äußerer, all-
492
VIII.
Die Großherzöge von Sachsen-Weimar- Eisenach.
seitigen Zwecken und Zielen für die Univerſität dienender Einrichtungen ganz außerordentlich wirksam und fördernd erwiesen. Da die Universität verhältnißmäßig zu andern Lehranstalten über nicht sehr reiche Mittel gebietet, so ist um so höher anzuerkennen, daß dieselbe bisher die Concurrenz der größeren Universitäten, welche alle ausgezeichneten Lehrkräfte an sich zu ziehen bestrebt sind , nicht nur glücklich parirt, die von länger her hier vorhandenen Lehrstellen unausgesezt auf der Höhe ihrer ausgezeichneten Vertretungen erhalten , zum Theil reichlicher dotirt und, wo nöthig , mit umfänglicheren Lehrmitteln ausgestattet hat , sondern
daß außerdem
auch , der Entwickelung der
Wissenschaften und den fortschreitenden Unterrichtsbedürfnissen entsprechend neue Lehrstühle und specielle Unterrichtsinstitute errichtet und die Sustentationsmittel für dieselben beschafft worden sind .
In
diesem Bezuge sind namentlich aufzuführen : die Lehrstühle für Z00logie, Physiologie , pathologische Anatomie , Botanik und Pflanzenphysiologie, deutsche Literatur und Philologie, Linguiſtik, das gynäkologische Institut und das juristische Seminar. Die Universitäts- Bibliothek hat einen nur für dieses Amt an= gestellten Bibliothekar, vermehrtes Unterpersonal , erhebliche jährliche Geldzuschüsse und bedeutende Vermehrung durch Ankauf von Bibliotheken und einzelnen Studien besonders dienender Literatur erhalten. Erworben worden sind : das große Schleidensche Herbarium, die reiche Ludwigsche pharmaceutische Sammlung , und neu gegründet wurde das anthropozootomische, ethnographische und germanische Muſeum u . s. w. An Gebäuden für die Zwecke der Universität und der mit derselben verbundenen Anstalten sind erworben und den akademischen Bedürfnissen entsprechend hergerichtet worden : ein neues Collegienhaus, ein Bibliotheksgebäude, ein Gebäude für das landwirthschaftliche Inſtitut, ein chemisches Laboratorium (wie schon erwähnt, ein Geschenk Ihrer Königlichen Hoheit der Frau Großherzogin). Das frühere Universitätsgebäude ist zu einem Anatomiegebäude in großem Maßstabe umgebaut ; für Zoologie und Botanik ,
die zoologischen und botanischen
Sammlungen und den in diesen Wiſſenſchaften zu ertheilenden Unterricht ist ein schönes , neues Gebäude im botanischen Garten errichtet ; dieser selbst ist bedeutend erweitert, nach wissenschaftlichen Principien neu angelegt und mit neuer , geschmackvoller Umgitterung umgeben worden. Bar Ganz außerordentliche und höchst zweckmäßige Erweiterungen haben die Großherzoglichen Heilanstalten durch zahlreiche Neubauten auf hierzu erworbenem weitem Terrain erfahren.
Eine Frren - Heil-
493
Großherzog Carl Alexander (ſeit 1853).
und Pflegeanstalt , drei große Gebäude umfassend , ist im Neubau begriffen. Aus der Feier des Universitäts -Jubiläums wäre noch nachzudem Stifter der Hochschule zu Ehren auf dem Markte errichtete eherne Denkmal durch die Thätigkeit eines Comités ermöglicht wurde, an dessen Spiße der Curator der Universität stand. Die Sammlung freiwilliger Beiträge zur Errichtung des Denkmals tragen , daß das
hatte einen so überraschend günstigen Erfolg , daß noch bedeutende Ueberschüsse gemacht und aus diesen ein „ Johann = Friedrichs - Denkmal-Stipendium " für Studirende der Theologie gegründet werden konnte, das schon jezt jährlich über 300 Mark Zinsen abwirft. Außerordentlich viel ist während der Regierungszeit des jeßigen Landesherrn zur Verschönerung und Eisenach geschehen .
namentlich der
Städte Weimar
In der ersteren sind eine große Zahl
neuer Straßen entstanden, welche die Vermehrung der Einwohnerzahl (bis jezt um 7000 gestiegen) nothwendig machte ; namentlich auch eine Reihe schöner Villen an der Straße nach Belvedere. Den Plaz am Schloffe ziert jezt das neue Marstallgebäude.
Eisenach hat
einen besonderen Schmuck bekommen durch die reizenden Villen im Marienthale.
Noch einmal kam auch der 3. September , dieser wichtige Tag in der Geschichte des weimarischen Landes , zur vollen Geltung , nämlich im Jahre 1875. Das Denkmal für Se. Königl. Hoheit den Großherzog Carl August war durch den Bildhauer Ad . Donndorf , einen geborenen Weimaraner , prächtig vollendet und wurde am genannten Tage, dem hundertjährigen Jubiläum von Carl Auguſts Regierungsantritt enthüllt. Es war dies wiederum eines jener schönen Feste, welche an die Zeit des genannten, hochverehrten Landesherrn erinnerten. Besonders verherrlicht wurde dasselbe durch die Anwesenheit
Ihrer Majestäten des Kaisers und der Kaiſerin von Deutschland , des Kronprinzen und des Prinzen Carl von Preußen mit seiner Gemahlin. Auch hier bethätigten sich wieder die engen und herzlichen Familienbeziehungen zwischen den erhabenen Fürstenhäusern. Als Schlußwort sei noch der größtentheils freudigen Ereigniſſe innerhalb der Großherzoglichen Familie gedacht. Der 31. Juli 1844 ist der Geburtstag Sr. Königl. Hoheit des Erbgroßherzogs
Carl
August ; der 20. Januar 1849 der Ihrer Hoheit der Herzogin Maria, der 28. Februar 1854 der Ihrer Hoheit der Herzogin Elisabeth. So erfreulich diese Begebenheiten waren , so wurde
494
VIII.
Die Großherzöge von Sachsen-Weimar-Eisenach.
doch dem Hohen Fürstenpaare auch ein betrübendes Ereigniß nicht erſpart : am 25. Mai 1859 starb unerwartet Ihre Hoheit die am 29. März 1851 geborene Herzogin Sophie. Dafür waren die Vermählung
Sr. Königl.
Hoheit
des Erbgroßherzogs
mit Ihrer
Hoheit der Herzogin Pauline , Prinzessin von Sachsen - WeimarEisenach am 26. Auguſt 1873 und die Geburten der Enkel Wilhelm Ernst Carl
Alexander am 10. Juni 1876 , und Bernhard Carl
Alexander Hermann am 18. April 1878, sowie die am 6. Februar 1876 stattgehabte Vermählung Ihrer Hoheit der Herzogin Marie mit Sr. Durchlaucht , dem Prinzen Heinrich VII Reuß und die Geburt des Enkels am 3. März 1878 um so freudigere Ereignisse . Einen schönen Beweis von dem innigen , herzlichen Familienleben in der Großherzoglichen Familie gab bei letterer Gelegenheit Ihro Königl. Hoheit die Frau Großherzogin, welche die weite und gefahrvolle Reife nicht scheute , um Ihrer Tochter in den ernsten Stunden zur Seite zu sein. Am 28. Januar reiſte Höchstdieselbe von Weimar ab, nahm den Weg über Wien und Triest und kam am 7. Februar wohlbehalten in Pera (Constantinopel) an.
Der Rückweg wurde über Odeſſa,
Lemberg, Breslau , Dresden und Leipzig genommen . erfolgte die glückliche Wiederankunft in Weimar.
Am 8. April
Bezeigt
die Be-
wohnerschaft des Landes auch an allen freudigen Vorgängen innerhalb des geliebten Fürstenhauses ihre aufrichtigste und
herzlichste
Theilnahme, so wurde dieselbe doch ganz besonders bethätigt, als das Großherzogliche Paar am 8. October 1867 das Fest der filbernen Hochzeit beging. Es gaben diese Festtage wieder den erfreulichsten Beweis von dem zwischen Fürstenhaus und Unterthanen bestehenden Bande inniger , herzlicher Zuneigung. Wenn auch der Tag der silbernen Hochzeit im eigentlichen Sinne nur als ein Familienfest betrachtet werden kann , so ist doch gerade das Familienleben unseres Fürstenpaares , wie ein Artikel der „Weimarischen Zeitung " damals sehr treffend bemerkte , vollständig geeignet , dem Bürgersinn und der Bürgerfitte eine feste Stätte zu bereiten und einer wahrhaft gedeihlichen Entwickelung der Bevölkerung die richtige Grundlage zu geben. In solcher Weise ist das häusliche Leben des Fürsten auch ein öffentliches, an dem das ganze Land Theil nimmt und dessen einzelne besonders hervorragende Tage , gleichviel ob Tage des Schmerzes oder der Freude, es mit zu begehen berechtigt ist .
Von dieser Auf-
fassung ausgehend entwickelte die Bevölkerung des Großherzogthums bald eine höchst erfreuliche Thätigkeit , theils in Zurüstung der dem
Großherzog Carl Alexander (ſeit 1853).
495
erlauchten Jubelpaare darzubringenden Weihegeschenke, theils in Vortehrungen zur öffentlichen festlichen Begehung des Jubeltages . Wie die erlauchten Hohen Verwandten des Jubelpaares , unter denen wir nur den König, die Königin, den Kronprinzen, Prinz und Prinzessin Carl von Preußen und den König von Sachsen nennen wollen, sowie eine große Zahl von fremden Höfen zur Gratulation eingetroffener Ge= sandter und eine Deputation des 8. Kürasfierregimentes , deſſen Chef Se. Königl. Hoheit ist , das schöne Fest durch ihre Gegenwart verherrlichten , so suchten verschiedene Deputationen aus dem ganzen Lande der ganz besonderen Antheilnahme der Unterthanen an dem freudigen Ereigniſſe Ausdruck zu verleihen, und bei dieser Gelegenheit wurden unter anderm auch die im Lande gesammelten Fonds zur Erweiterung der Blindenanstalt als ein Andenken an das freudige Ereigniß mit übergeben. Ganz besonders beeiferte sich die Residenzstadt Weimar, durch festlichen Schmuck, durch Aufzüge, Illumination und Fackelzug das Feſt zu verherrlichen , und damit auch ein bleibendes Andenken an die Festtage erinnere , wurde eine Adreſſe übergeben mit der Widmung eines am Museum herzustellenden Carl - Alexander - Sophien - Brunnens . *) So möge auch für alle Zukunft das Band treuer ,
herzlicher
Zuneigung zwischen Fürstenhaus und Unterthanen fortbestehen und der Segen des Höchsten wird dann bis zur fernſten Zeit auf dem glücklichen Lande ruhen ! *) Derselbe wurde im Jahre 1876 vollendet.
Staatliche Bibliothek Bamberg
Berichtigungen.
S. 153 3. 11 v. u. muß es heißen : Schloßvippach , anstatt Markvippach. S. 179 3. 2 v. o. lies zugehörenden, statt zuhörenden. S. 359 3. 10 v. u. muß es heißen : die gothaische Linie, statt die Gothaische Linie.
Personen- und Sachregister des
ersten Theiles .
A.
B.
Ackerbau , Ablösung grundherrlicher Rechte 475. Adolf von Naſſau erhandelt Thüringen 151 . Adolf Wilhelm , Herzog zu Eisenach 369. 370. Albrecht der Entartete, verwaltet Thüringen 136 ; wirklicher Landgraf 140 ; --- Verhalten gegen seine Gemahlin 141 ; - verkauft 1291 Landsberg an die Brandenburger 149 ; verkauft die Regierungsnachfolge in Thüringen 151. 152; — verkauft den Eisenachern die Klemme 160 ; -
Baderich, Sohn des Königs Baſinus 10. Balthasar, Landgraf 194. 195. Bank, weimarische 457. Basinus, König der Thüringer 10. Bauernkrieg 264. Bauernstand im Mittelalter 130. Baukunft im Mittelalter 130. Belvedere angelegt 385. Bergbau im III. Berwaltungsbezirke 457.
stirbt 169. Albrecht, Sohn des Herzogs Johann 356. 359. Amalberga, Gemahl. Hermannfrieds 10. Anna Amalia 399. 400. Anneur, Schlacht 482. Apitz, Sohn Albrechts des Entarteten 142. 145. 148. 159. Appellationsgericht in Eisenach 447.455. Arnstadt, Kreisgericht 455. Athanarich, König der Thüringer 8. Augusta (Marie Luise), Kaiserin 440.449. Augsburgische Confeſſion 273. Augsburger Religionsfriede 297. Außiger Schlacht 209. Kronfeld , Landeskunde. 1.
Bergbau im Thüringerwalde 457. Berka a. J., Burg belagert 143. Berka, Grafen v. 64. Bernhard der Große, Herzog 340. 342. 347. 350. 353. Bernhard zu Jena , Sohn Herzog Wilhelms IV 369. Bernhard, Herzog, Sohn Carl Auguſts 428. 440. 441. Berthar, Sohn des Königs Bafinus 10. Berthold, Geschichtsschreiber 3. Besserungsanstalten 489. Bezirksdirectionen 447. Blinden- und Taubstummen - Anstalt 463. 490. 495. Böhmen, als Hülfstruppen Herzog Wilhelms III 223. Bonifacius 20. Brandaffecuration 437. 457. 32
498
Personen- und Sachregister des ersten Theiles.
von Brandenſtein , Katharina , Gemahlin Herzog Wilhelms III 242. Bruderkrieg 220. 226. Buchdruckerkunst 277. Bund, norddeutſcher 470. Burchard, Herzog der Thüringer 32. Burgen bei Jena zerstört 159. Burgscheidungen, Schlacht 13. Buttelstedt zerstört 176.
C. Capistranus, Bußprediger 238. Capitularien 29. Capitulation von Wittenberg 287. Carl Alexander, Großherzog, 440. 449; - Regierungsantritt 450 ; — als Gesetzgeber 455-460 ; 474-475 ; 488-491 ; - als Beförderer von Kunst und Wiſſenſchaft 460–466 ; 491-493; - geht mit zu Felde gegen Frankreich 476-487 ; - Familienereigniſſe 493-495. Carl-Alexander- Sophien-Brunnen 495. Carl Auguſt 399. 402 ; - als Regent als deutscher Reichsfürft 404; 407; in seiner militärischen Thätigfeit 410. 420. 428 ; --- als Beförderer von Kunſt und Wiſſenſchaft 413; Großherzog 430; - sein Tod 440. Carl -August-Denkmal 463. 493. Carl-August, Erbgroßherzog 476. 487. 493. Carl Friedrich 440. 441. Carl-Friedrich-Damenſtift 449. Carl-Friedrichs-Hospital 456. Chateaudun, Schlacht 481. Chateauneuf, Schlacht 480. Chemisches Laboratorium in Jena 464. Childerich 1, König der Franken 9. Coburg, kommt an die Landgrafen als Pfand an Apel Viz190; thum 224. Concordienbuch 321. Contingent, weimarisches 473. Cranach, Lukas 293. Cravant, Schlacht 483. Creuzburg, hier Bündniß gegen Hein-
rich V 72; Landtag durch Ludwig den Heiligen abgehalten 113 ; niedergebrannt 137. 154.
D.
Dedi, Graf in Thüringen 42. 43. Denkmünze (1870 u. 71 ) 488. Dermbach, Gefecht 469. Dichterdenkmäler 463. Dichterzimmer 449. Dietmar, Geschichtsschreiber 3. Dietericus desgl. 3. Dietrich der Bedrängte 95. Dietrich, des Erlauchten Sohn 139. 144. Diezmann, Sohn Albrechts des Entarteten 143. 147. 158. 164. Disparg, Burg 9. Dornburg 28. 181. 183. 193. Dorothea Maria , Herzogin 324. 332. 336. Dorothea Susanna, Herzogin 317. 320. 321. Dreifönigsbund 453.
&. Eckard , Graf in Thüringen 45. 46. 47. 48. Ehejubiläum des Großherzoglichen Paares 494. Eisenbahnen: thüringische 445 ; Gera Eichicht 475 ; Saalbahn 490 ; ---- Saal-Unstrutbahn 490 ; -Werrabahn 458 ; Weida-Werdan 490; - Weimar-Gera 490 ; Wolfsgefährt- Elsterberg 490. Eisenach, Erbauung 66 ; - unter der Fürsorge Hermanns I 107 ; ― Berhalten im Erbfolgeftreit 137 ; Vertrag zwischen Albrecht dem Entarteten und Friedrich dem Freidigen 148 ; erkauft die Klemme 160; will reichsfrei werden 160; - die Bürger belagern die Wartburg 161 ; - Pulverexplosion 424; Realschule 456. Eiserne Mauer um die Neuenburg 85.
Bersonen und Sachregister des ersten Theiles.
Elisabeth , die Heilige 109. 112. 114. 115. 118. Elisabeth , Gemahlin Friedrichs des Freidigen 171. 175. 188. 190. Elisabeth, Herzogin von Sachsen-Weimar-Eisenach 493. 494. Erath, Urkundensammlung 3. Erbfolgeftreit in Thüringen (Heinrich der Erlauchte) 133. Erbschaft von Jülich Cleve 329 ; von Sachſen-Lauenburg 375. Erbschaftsrecht im Mittelalter 129. Erbvertrag zwischen den Landesherren von Thüringen und Heffen 192. 195. 335. Erdbeben (1348) 187. Erfindungen im Mittelalter 275. Erfurt, Bersammlungsjaal 1184 eingestürzt 91 ; - Univers. gegründet 196; - kommt in Verfall 253; Erfurter kommen bewaffnet zum Landgericht 176. Ernst August, Herzog 384. 386. Ernst August Conſtantin 397. Ernst der Fromme 348. Ettersburger Schloß erbaut 379.
F. Fallenburg 387. Falkenorden 387. 435. Feldzug gegen Dänemark 467 ; -gegen Frankreich 475. Fischberg, Amt, Streit um daſſelbe 391. Fleglergesellschaft 198. Forstinstitut 444. Frankenhausen, Schlacht 268; - Kreisgericht 455. Frauenvereine 444. 465. Freibriefe für die Universität Jena während des 30jähr. Krieges 354. Friedensrichter 489. Friedensschluß zu Prag (1635) 352. Friedrich der Freidige 143. 145; nimmt seinen Bater gefangen 146 ; - wird in Altenburg überfallen 154; – verliert die Markgrafschaft Meißen und wird flüchtig 155; -- erobert
499
dieselbe auf kurze Zeit wieder 156 ; gewinnt sein Land wieder 162; derselbe als wirklicher Landgraf 165— 172; - kommt in Gefangenſchaft 168 ; -- sein Tod 172. Friedrich der Kleine , Sohn Heinrichs des Erlauchten 139. Friedrich der Lahme, Sohn Friedrichs des Freidigen 170. Friedrich Tuto, Sohn des Markgrafen Dietrich 144. 145. 149. Friedrich II, der Ernsthafte 172; Kampf mit den Grafen von Orlabelagert Langensalza münda 179; 185. - wird Friedrich III, der Strenge 188 ; Reichs-Oberjägermeister 189; -betommt mit seinen Brüdern die Landvoigtei in der Wetterau 192. Friedrich IV, der Friedfertige 194. 199. Friedrich der Streitbare , als Kurfürst Friedrich I 200; - gründet die Universität Leipzig 204 ; - im Kampfe gegen die Hussiten 205; -
wird Kurfürst 207. Friedrich II, Kurfürst , genannt der Sanftmüthige 212. FriedrichIII, Kurfürft, genannt der Weise 251 ; - gründet mit seinem Bruder die Universität Wittenberg 252. Friedrich, Herzog zu Altenburg 328. 329. Friedrich, Sohn Herzogs Johann 338. 340. Friedrich Ferdinand Constantin 400. Friedrich Wilhelm I, Herzog 317. 323 ; - Vormund über die kurfürstlichen Kinder in Sachsen 325. Friedrich Wilhelm II, Herzog zu Altenburg 328. 330. FriedrichWilhelm III, Herzog zu Altenburg 330. 370. Friedrich Wilhelm , Sohn Herzogs Johann 337. Fürstencollegium 453. Fürstencongreß 467. Fürstenversammlung in Gerstungen 57.
500
Personen- und Sachregister des ersten Theiles.
6.
Heden I und II, Herzöge der Thüringer 17. 18.
Gaue in Thüringen 26. 35. 36. Gefecht bei Dermbach (1866) 469. Geistliche, Pensionsanstalt 489. Geißler 188. Geld, Einführung der jetzigen Währung 491 .
Heinrich I, deutscher Kaiser, als Herzog der Thüringer 40. Heinrich IV, als Gegner der Thüringer 55. 56. 57. Heinrich, Sohn des Landgrafen Albrecht des Entarteten 143. 144.
Gemeindeordnung 447. 455. 489. Genossenschaftswesen 474. Gera zerstört 229. Gera-Eichichter Eisenbahn 475. Gerlach v, Breuberg , Hauptm. des thür. Landfriedens 148. 154. Gerstenberger , Marcus , Kanzler 324. 326. Gerstungen, Fürstenversammlung 57; wird von Balthasar erkauft 195. Geschwornengerichte 447. Gesundheitspflege 474. Gewerbeausstellung in Weimar 458. Gewerbeordnung 459. Goethe 403. 415. 423. 424. Gotha belagert 307. Gothaische Linie des ernestinischen Hauses 359. Gozbert, Herzog der Thüringer 18. Grafenkrieg 177. 182. Grafen von Orlamünda 50. 177. 183. Grafen von Schwarzburg 177. Grafen in Thüringen im 13. Jahrh. 125; ― werden ihrem Landesherrn untreu 101. 105. 155. Grafschaft an der Gera 165. 167 . v. Grumbach, Wilhelm 303. Gudenus 3. Günther von Schwarzburg , deutscher Kaiser 186. Gustav Adolf, König von Schweden 346. Gymnasien: in Eisenach 372; - in Jena 490; in Weimar 378.
Heinrich der Erlauchte 133. 140 . Heinrich der Löwe wird von andern Fürsten bekriegt 84 ; - fällt bei dem Kaiser in Ungnade 89. Heinrich Raspe, mehrere dieses Namens 74. 79. 91. Heinrich Raspe, Landgraf 114. 119; Kaiser 123. Henneberger Erbschaft 297. 322. 367. Herder 404. 410. 416. 420. Herderdenkmal 448. Hermann I, Pfalzgraf in Sachsen 91 ; betheiligt sich 1189 am Kreuzzuge wird Landgraf 93 ; be= 92 ; kämpft Albrecht den Stolzen von Meißen 95. 97; wird bei dem Kaiser verdächtigt 96; ― betheiligt fich 1197 am Kreuzzuge 97 ; - fein Wankelmuth gegen die Kaiſer Philipp von Schwaben und Otto IV 98 ; --unterwirft sich dem Kaiser Philipp Sängerkrieg auf der Wart102 ; burg 102; feine Sorge für Eisenach 107. Hermann II, 119. 122. Hermannfried, S. des Königs Baſinus 10. 13. Herzöge aus der gothaiſchen Linie 359. Hopfgarten, Burg, zerstört 159. Hortleder 332. Hoyer von Mansfeld 72. Hussiten angeblich vor Naumburg 213. Hussitenkrieg 205. 212.
H.
Handelsgesetzbuch eingeführt 460. Hausbergsburgen bei Jena zerstört 159. Hauskrieg, schwarzburgischer 225.
Interim 290. Jena, Burgen auf dem Hausberge zerstört 159; Gymnasium 490 ; Schlacht 421 ; - Universität 290.298;
Bersonen und Sachregister des ersten Theiles. -- Freibriefe im 30jährigen Kriege 354 ; - Jubiläum der Univerſität 464. Johann, Herzog von Weimar 317. 324. 330. Johann der Beſtändige, Kurfürſt, 251. 264. 269. Johann Casimir 312. 314. Johann Ernst , Sohn Johanns des Beständigen 275. Johann Ernst , Sohn Johann Friedrichs des Mittleren 312. 314. Johann Ernst I zu Weimar 336. 338. 341. 342. Johann Ernst II zu Weimar 369. 371. 373. Johann Ernst III zu Weimar 384. JohannFriedrich, Kurfürst, genannt der Großmüthige 278; - im Kampfe gegen den Kaiſer 282; - kommt in Gefangenschaft 286 ; -läßt die Uni— ſein versität Jena gründen 290; Denkmal in Jena 464. Johann Friedrich der Mittlere 297 ; seine Einmischung in Religionsstreitigkeiten 299; - Grumbachische Händel 303 ; - Gefangenschaft 310. Johann Friedrich der Jüngere 296.302. Johann Friedrich, Sohn des Herzogs Johann 344. Johann Georg I in Marksuhl 369 ; dann in Eisenach 371. Johann Georg II. in Eisenach 372. Johann Wilhelm, Herzog von Weimar, 298. 315. Johann Wilhelm, Herzog von Altenburg 328. Johann Wilhelm, Herzog von Eisenach 372. JohannWilhelm, Herzog von Jena 375. Johann Philipp , Herzog von Altenburg 328. R. Kilian, Apostel der Deutschen 19. Kipper- und Wipperwesen 341. Kirchgemeindeordnung 447. Kirchenrath 447. Kirchen- und Schulviſitation (1573) 319.
501
Kirchenvifitation (1528) 271. Kirchenvifitationsordnung 456. Klöſter in Thüringen 51. 52. 82. 126. Konrad, Herzog der Thüringer 31 . Konrad, Bruder Ludwigs des Heiligen 120. Koppanz wieder aufgebaut 385. Kranichfeld zerstört (1336) 176. Krell, Nikolaus , Kanzler 325. Kreisgerichte 447. 455. Krieg, dreißigjähriger 338. Krieg mit Dänemark ( 1864) 467. Krieg Preußens gegen Desterreich (1866) 468. Krieg Deutschlands gegen Frankreich (1870) 475. Kriminalgerichte 436. Kunstschule 465. L. Laboratorium, Hemisches, in Jena 464. La Fourche, Schlacht 486. Landding (Landgericht) 128. Landesbaumschule 437. Landes-Brandversicherungskasse 459. Landescreditkafſe 475. Landeshospital 444. Landestheilungen : (1379) 193 ; (1382) 194; - (1445) 215 ; (1485) 248 ; (1572) 313 ; (1603) 328; -- (1640) 356 ; (1672) 370. Landeswappen 432. Landgericht bei Mittelhausen 78 ; durch Kaiser Adolf abgehalten 153; - die Erfurter erscheinen bewaff= net 176. Landgrafen, erste, in Thüringen 71. Landkrankenhaus 436. Landständische Verfassung 435, Landwirthschaft im Mittelalter 131 . Landwirthschaftliche Vereine 448. Lehenswesen 124. Le Mans, Schlacht 486. Ludwig I, genannt mit dem Barte 61. Ludwig II, genannt der Springer 65. Ludwig III 74 ; -- derselbe als Landgraf Ludwig I 77.
502
Personen- und Sachregister des ersten Theiles.
Ludwig II, Landgraf, genannt der Eiserne 80. Ludwig III , Landgraf , genannt der Fromme 88 ; wird Pfalzgraf von Sachsen 90; -- mit seinem Bruder Hermann in Gefangenschaft 90 ; in Erfurt in Lebensgefahr 91 ; betheiligt sich am Kreuzzuge 92. Ludwig IV, gen. der Heilige 108 ; —Vormund über Heinrich den Erlauchten 110; - Kriegszug nach Polen 111 ; Betheiligung am Kreuzzuge 113. Lucka (Schlacht 1307) 163. Lüßener Schlacht (1632) 350. Luise, Herzogin 421. 422. 426. Luisenstiftung 463. Luther, Dr. Martin 258. 281. M.
Mahnverfahren eingeführt 474. Maria Paulowna, Großherzogin Großfürstin 429. 442. 449. Maria, Herzogin von S. -Weim.-Eiſenach 493. Marie (Luise), Gemahlin des Prinzen Carl von Preußen 440. Markgrafen, die, in den östlichen Grenzländern 44. Markgrafen vonMeißen,deren Ahnen94. Markgrafschaft Meißen 155. 158. 160. Marstallgebäude 493. Maß- und Gewichtsordnung 474. Medicinalordnung 457. Mellingen (1175) zerstört 89. Memleben, Kloster 52. Merseburg , Schlacht gegen die Ungarn 41. Ministerium, dessen Eintheilung 488. Moritz von Sachsen, Herzog 284; G wird Kurfürst 289 ; - zieht gegen den Kaiser zu Felde 292. Münzer, Thomas 266. Museum 465. N.
Nägelstedt, Schlacht 59. Napoleon IinWeimar 421.423.425.426.
Neuenburg, eiserne Mauer 85. Neumark, die Burg (1281) zerstört 143. Neustädter Kreis als Pfand für Kriegskosten 309. Norddeutscher Bund 470.
S.
Oberappellationsgericht 436. Oldisleben, Kloster gegründet 73. Orchesterschule 491. Orlamünda, Grafen 50. Otto I, deutscher Kaiser , als Herzog der Thüringer 42.
93.
Palmenorden 337. Passauer Vertrag 293. Pensionsanstalt für Geistliche 489. Pest in Thüringen (1349) 187 . Pfalzgrafschaft Sachsen 90. 94. 211. Pleißnerland 138. 148. Poppo, Herzog der Thüringer 30. Pouprh, Schlacht 482. Prinzenraub 233.
N. Radulf oder Rudolf, Herzog der Thit-
ringer 16. Rhabanus Maurus 38. Ratolf, Markgraf 30. Rastenberg , Kloster geplündert (1294) 153. Raubritterwesen 147. 173. Realschulen : in Weimar 456 ; -- in Eisenach 456. Reformation 256. 269. Regierungsjubiläum Carl Augusts 437; Carl Friedrichs 448. dasselbe zu Regiment, (94.) 473 ; Felde 476; -- Weihnachtsbescherung 485; - Rückkehr in die Garnisonorte 488. Reichstag in Arnstadt 43; in Weimar 47; - in Worms (1521) 261 ; -in Speyer (1529) 273; in
Personen- und Sachregiſter des ersten Theiles.
— desgleichen Augsburg (1530) 273 ; in Augsburg (1548) 289. Reichstag, norddeutſcher 473. Reichskammergericht 276. Reinhardsbrunn gegründet 69. Religionsfriede von Augsburg 297. Religionsstreitigkeiten unter den Protestanten 298. Reftitutionsedict 345. Revolution (1848) 446. Ritterthum 125. Rochliter Bertrag (1288) 146. Rothe, Johannes, Geſchichtsschreiber 3. Rudolf vonHabsburg in Thüringen 146. Rudolf von Vargula, Bertheidiger der heiligen Elisabeth 115. Ruhla, Sage vom Schmied 80. Rumberg, Schlacht 12.
S.
Saalbahn 490. Saalfeld, von den Truppen Hermanns I ausgeplündert 98. Saal-Unstrutbahn 490. Sächsisch-thür. Bergbaugesellschaft 457. Sächsisch-thür.Eisenbahngesellschaft490 . Sängerkrieg auf der Wartburg 102. Sagittarius, Geschichtsschreiber 4. Sangerhausen (1204) ausgeplündert 101. Schannat, Urkundenſammlung 3. Schlachten: auf dem Rumberge 12; bei Burgscheidungen 13; - bei Merseburg 41; - bei Nägelstedt 59; bei Welfesholz 72; - bei Lucka 163; - bei Außig 209; - bei 268 ; - bei Lüßen Franken 350 ; -haubesien Sedan 478 ; - bei Wörth 477 ; - bei Orleans 480. 482 ; - bei Chateaudun 480 ; bei Chateauneuf 480 ; ― bei Anneux u. Poupry 482; - bei Cravant 483; ― bei La Fourche 486; - bei Le Mans 486. Schmalkalden, durch Kaiser Philipps Truppen zerstört 100 ; -- fommt an die Landgrafen 190.
503
Schwansee 419. Schießpulver erfunden 275. Schiller 417. 420. Schöndorf erbaut 383. Schullehrerseminarien : in Weimar 416. 490; - in Eisenach 437. Schulwesen 447. 456. 474. 489. Schwarzburgischer Hauskrieg 225. Schwarzburger Streit wegen Landeshoheit 376. Sedan, Schlacht 478. Separation der Grundſtücke 460. Sonnendorf erbaut 383. Sophie, Großherzogin 449. 463. 464. 465. 485. 494. Sophienstift 456. Sophie von Brabant 134. 136. Sorben 15. 28. 30. Sparkaſſen 444. Staatsanwaltschaften 447. Städte im 13. Jahrhundert 126. Sternerbund 192. Steuerverfassung 444. Strafarbeitshaus 436. Straf- und Besserungsanſtalten 489. Streit um den Zehnten 54. 75. Strumpfwirkerei 381. Synodalordnung 489.
T. Langermünde, Bertrag (1312) 169. Taubstummen- und Blindenanstalt 463. 490. Telegraphenlinien 458. Thakulf, Markgraf 29. Theuerung (1847) 446. Thüringische Eisenbahn 445. Thüringische Sündfluth 333. Treffurt, Herren von, Raubritter 173. Triptis, Bertrag (1293) 152. Tonndorf, Schloß, 1345 eingenommen 182.
u.
Udestedt zerstört 166. Ungarn in Thüringen 32. 41.
504
Personen- und Sachregister des ersten Theiles .
Unglücksfälle (1348. 1349) 187. Universitäten : Erfurt 196; ― Jena 290. 491 ; — Leipzig 204 ; -— Witten-
berg 252. Universitätsjubiläum in Jena 462.464. Unterstützungswohnſit 488. V.
Bargula, Rudolf von, Vertheidiger der heiligen Elisabeth 115. Verfassung, landſtändische 435. Vertrag zu Rochlitz (1288) 146; - zu Eisenach (1290) 148 ; - zu Triptis ( 1293) 152 ; - zu Langermünde (1312) 169 ; - zu Paffau ( 1552) 293; zu Naumburg (1554) 295. Bißthume 207. 217. 230. Boltsschulgesetz 489. Vormundschaftswesen 489. W. Waidbau 196 . Wappen des Landes 432. Wartburg, Erbauung 65 ; Sängerfrieg 102 ; - Nachbarburgen 136 ; durch die Eisenacher belagert 162 ; vom Blize entzündet 171 ; Fest (1817) 436 ; Restaurirung 452. 460. Wazdorf, von, Miniſter 448. Weida - Werdauer Eisenbahn 490. Weihnachtsbescherung für das 94. Regiment 485. Weinbau in Thüringen 132. Weimar (1002) belagert 48 ; (1173) zerstört 89; (1214) belagert 106 ; (1309) belagert 166 ; (1346) be= fommt (1373) an lagert 183 ; die Landgrafen 184; - Strumpfmanufactur eingeführt 381 ; ge= plündert (1806) 421 , durch die Franzosen (1813) bedroht 427; Realschule 456 ; - Bank 457 ; Gewerbeausstellung 458 ; Septemberfest (1857) 462. 463.
Weimar.
Weimar-Geraer Eisenbahn 490. Weimarisches Grafenhaus 71 . Weimar 2 Orlamündisches Grafenhaus 71. Weißensee erbaut 85; --- (1212) be= lagert 106; (1248) von Heinr . dem Erlauchten erobert 135. Welfesholz, Schlacht 72. Werra- Eisenbahn 458. Wersdorf wieder aufgebaut 383. Wettiner, deren Ahnen 95. Wieland 400. 423. Wiener Congreß 429. Wigbert, Markgraf von Merseburg 45. Wigbert von Groitsch 71. 75. Wigger, Markgraf von Zeit 45 . Wilhelm , Graf in Thüringen 42. 43. 47. 48. Wilhelm der Einäugige 189. Wilhelm III, genannt der Tapfere 216 ; tritt Coburg an Apel Vißthum ab zlichtigt die Bißthume 230; 224; verwandelt die Hofkirche in eine Stiftskirche 239 ; -3erwürfniß mit seiner Gemahlin 240 ; - Vermählung mit Katharina v . Brandenſtein 242. Wilhelm IV, Herzog zu Weimar 338. 340. 341. 348. 366. Wilhelm I, deutscher Kaiser 486. 487. Wilhelm Ernst 374. Wilhelm Heinrich in Eisenach 372. großer Wilhelmstag , kleiner 368; 379.
Willibrod, Apostel der Deutſchen 20. Winzenburge, Landgrafen 71. 76. Wittekind, Geschichtsschreiber 3. Wittenberg, Univers. gegründet 252. Wittenberger Capitulation 287. Wörth, Schlacht 477.
3. Zehntenstreit 54. 75. Zollverein 442.
Hof- Buchdruckerei.
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