Studien über die Revolution [Reprint 2021 ed.]
 9783112576922, 9783112576915

  • 0 0 0
  • Like this paper and download? You can publish your own PDF file online for free in a few minutes! Sign Up
File loading please wait...
Citation preview

STUDIEN ÜBER DIE REVOLUTION

STUDIEN ÜBER DIE REVOLUTION

Herausgegeben von

In Verbindung mit

MANFREDKOSSOK

Abdel Malek Audah, Kairo Germain Ayache, R a b a t Ranuccio Bianchi-Bandinelli, Rom Jözsef Bognar, Budapest Georges Castellan, Vincennes Emanuel Condurachi, Bukarest E. C. F r y , Canberra Thomas Hodgkin, Oxford K y ö s t i Julku, Oulu Hilde Koplenig, Wien Dimiter Kosev, Sofia Ernst Werner, Leipzig Djibril Tamsir Niane, Conakry Francisco Posada, Bogota Carlos M. Rama, Montevideo Alfred Rufer, Bern Rodolfo Stavenhagen, Mexiko, D. F. Stefan Strelcyn, Warschau S. I. Tjul'panov, Leningrad Jujiro Uesugi, Tokio

STUDIEN ÜBER DIE REVOLUTION

AKADEMIE-VERLAG • B E R L I N 1969

Erschienen im Akademie-Verlag GmbH, 108 Berlin, Leipziger Str. 3 — 'i Copyright 1969 by Akademie-Verlag GmbH Lizenznummer: 202 . 100/61/69 Gesamtherstellung: VEB Druckhaus „Maxim Gorki", 74 Altenburg Bestellnummer: 5736 • ES 5 G 14 D

Inhaltsverzeichnis

Vorbemerkung von M A N F R E D KOSSOK Evolution

und Revolution

in der

VII

Antike

R I G O B E R T G Ü N T H E R , Einleitendes über Möglichkeiten und Grenzen der Revolution in der Spätantike C H A R L E S P A R A I N , Le développement des forces productives dans l'Ouest du Bas-Empire E. M. STAERMAN, Progressive und reaktionäre Klassen im spätrömischen Kaiserreich Revolution und Revolutionsbild Gesellschaft

im Übergang vom Feudalismus

zur

3 5 19

bürgerlichen

G E R H A R D ZSCHÄBITZ, Über historischen Standort und Möglichkeiten der frühbürgerlichen Revolution in Deutschland (1517—1525/26) . . C H R I S T O P H E R H I L L , Plebeian Irreligion in 17th Century England . A L B E R T M. SOBOUL, La Révolution française dans l'histoire du monde contemporain. E t u d e comparative A. V. AD O, KpecTbHHCKHe BOCCTOHHH H nnKBnjjai;iiH eoj;ajii>HLix no-

35 46 62

BHHHOCTeft BO B p 6 M H $ p a i m y 3 C K O f i 6 y p } K y a 3 H O Ì Ì peBOJIIOIlHH K O H l j a

XVIII B V. M. DALIN, Babeuf und der „Cercle Social" J. J. MOSKOVSKAJA, Georg Forster in Paris. Eine deutsch-französische Revolutionsbeziehung V. S. A L E K S É E V - P O P O V , L'expérience de la Révolution française et la classe ouvrière de Russie à la veille et pendant la Révolution de 1905 à 1907 A. Z. M A N F R E D , Die Große Französische Revolution d e s l 8 . J a h r h u n d e r t s und die Gegenwart SAMUEL B E R N S T E I N , The Subject of Revolution in Post-Revolutionary America KÂLMÂN B E N D A , „Menschenfreund oder Patriot?" M A N F R E D KOSSOK, Der iberische Revolutionszyklus 1789—1830. Bemerkungen zu einem Thema der vergleichenden Revolutionsgeschichte

94 108 120

139 157 177 198 209

VI

Inhaltsverzeichnis GEORGE R U D É , W h y was there no Revolution in England in 1830 or 1848? GIAN MARIO BRAVO, Das Revolutionsbild der Sozialisten vor Marx A. I. MOLOK, BoccTairae paßoHHX Mapcejin 22— 24 HK>HH 1848 r. . . H E R B E R T A P T H E K E R , The American Civil W a r H. KOHACHIRO TAKAHASHI, Die Meiji-Re Stauration in J a p a n und die Französische Revolution. Ein historischer Vergleich unter dem Gesichtspunkt der Agrarfrage und der Bauernbewegungen

Revolutionen und revolutionäre zum Sozialismus

Bewegungen

beim

Übergang vom

— Lebensdaten

und

Curriculum Vitae Bibliographie 1932—1968

303

Kapitalismus

W E R N E R LOCH, Die Pariser Kommune. Historische Konsequenz einer nationalen Entwicklung F R I E D R I C H KATZ, Zu den spezifischen Ursachen der Mexikanischen Revolution von 1910 F R I T Z K L E I N , Lenin über Krieg und Revolution MARIA ANDERS, Zur Macht- und Bündnisfrage in der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution ENZO COLLOTTI, Die italienischen Sozialisten und die Novemberrevolution in Deutschland A. H. O L I V E I R A MARQUES, Revolution and Counterrevolution in Portugal. Problems of Portuguese History, 1900—1930 E R N S T G E R T KALBE, Der Übergang zur volksdemokratischen Revolution in den Ländern Südosteuropas G Ü N T E R B E N S E R , Grundzüge des revolutionären Übergangsprozesses vom Kapitalismus zum Sozialismus in der Deutschen Demokratischen Republik M A N F R E D BENSING, Die deutsche Nation im Prozeß des sozialen Typenwandels. Methodologisches zum Verhältnis von Revolution und Nation G. I. LEVINSON, K HCTopHH MapKCHCTCKoro ynerniH o HaipiOHajiBHO — ocBoßoÄHTejibHoö peBOJiioqHH HANS PIAZZA, Die antikoloniale Revolution in Theorie und Praxis der Kommunistischen Internationale J E A N SURET-CANALE, Les forces motrices sociales et politiques de la Révolution africaine BASIL DAVIDSON, Africa 1970: From Reformism to Revolution? Some Reflections and Comparisons J Ü R G E N K Ü B L E R , Charakter und Etappen der revolutionären E n t wicklung Lateinamerikas nach 1945 MAX Z E U S K E , Bemerkungen zur Anfangsetappe der kubanischen Volksrevolution LOTHAR RATHMANN, Zum Platz der Bourgeoisie in der nationaldemokratischen Revolution der arabischen Welt TRÄN H U Y L I Ê U , Quelques réflexions sur la Guerre du peuple . . . Walter Markov

231 245 270 290

315 334 342 358 381 403 419

458 474 484 495 512 522 530 549 558 580

Bibliographie 589 593

Vorbemerkung Revolutionen sind Sternstunden in der Geschichte der Völker. Für die Klassen, deren Handeln über Vergangenheit und Gegenwart in die Zukunft greift, sind sie zugleich Stunden der Wahrheit. Echte Revolutionen — siegreiche, gescheiterte, unvollendete — sinken nicht in den Schatten von Museen. Ihre Lehren, ihr Vermächtnis bleiben lebendig, zwingen zu stets neuer Sicht und neuem Streit der Meinungen. Fragen zu stellen und Antworten zu suchen, um die breite Spur der „Lokomotiven der Geschichte" in ihren Bewegungsgesetzen, Triebkräften und Folgewirkungen nachzuzeichnen, bleibt ein großes Thema der Geschichtswissenschaft. Für den Historiker nimmt die Forderung von Marx, es komme darauf an, die Welt nicht nur verschieden zu interpretieren, sondern sie zu verändern, im Studium der Revolutionen greifbare Gestalt an. Aus der langen Kette revolutionärer Umwälzungen haben sich zwei Ereignisse dem historischen Bewußtsein als Große Revolutionen eingebrannt: die klassische Revolution der Bourgeoisie in Frankreich 1789 und der Rote Oktober der russischen Bolschewiki 1917. Beide Revolutionen taten mehr als nur die traditionelle Ordnung der Dinge auf dem engeren Schauplatz des Geschehens aus den Angeln zu heben: sie wurden Grundlegung eines neuen Weltzustandes. Mit Frankreich brach der Damm, der bis dahin den bürgerlichen Fortschritt an die Peripherie Europas und Amerikas verbannt hatte. Die Revolution in Rußland ließ endgültig den Sozialismus von der Idee zur gesellschaftlichen Realität werden. Es begann Kapitel II der Weltgeschichte... Über Revolutionen und revolutionäre Bewegungen ist viel geschrieben worden — dafür und dagegen. Ihre Interpretation war und ist ein untrüglicher Spiegel geistigen Klassenkampfes. Trotzdem bedeutet wissenschaftlich fundierte Revolutionsgeschichte mehr, als von Mal zu Mal umzuschreiben. Mit dem Fortschreiten der historischen Erkenntnis ändern sich auch Art und Umfang der Probleme, die in den Mittelpunkt des Interesses rücken. Dies gilt umsomehr für unsere Epoche, deren Antlitz durch den weltrevolutionären Übergangsprozeß vom Kapitalismus zum Sozialismus geprägt ist. Die „Studien über die Revolution" verdanken ihr Entstehen einem doppelten Anlaß: Am 7. Oktober 1969 begehen die Bürger der Deutschen Demokratischen Republik den 20. Jahrestag der Gründung des ersten deutschen Arbeiter-und-Bauern-Staates.

Vili

Vorbemerkung

Seine Existenz selbst ist ein Kapitel Revolutionsgeschichte und Revolutionsgeschehen unter Führung der Arbeiterklasse und ihrer Partei. Zwanzig Jahre DDR bedeuten zugleich zwanzig erfolgreiche Jahre für eine aus schweren Anfängen gewachsene, inzwischen international anerkannte neue, auf marxistischem Fundament ruhende Geschichtswissenschaft. Es ist der geeignete Moment, die Dimensionen des in Lehre und Forschung Erreichten kritisch zu messen und die Ziele für die künftige Arbeit neu und weiter ausgreifend abzustecken. In nicht unbedeutenden Kapiteln verknüpft sich die Entwicklung der Geschichtswissenschaft in der DDR mit dem Wirken von Walter Markov, der am 5. Oktober 1969 sein 60. Lebensjahr vollendet. Viele Jahre seines Lebens zeugen von der Entscheidung für die praktische und gesellschaftliche Konsequenz revolutionären Denkens und Handelns. Das unerschöpfliche Thema der Revolutionen und revolutionären Bewegungen, ihre universale Einordnung und vergleichende Betrachtung, bestimmt auch sein Wirken als Forschender und Lehrender. Die Revolution wurde Walter Markov mehr als ein nur akademisches Anliegen. Engere Fachkollegen, Freunde und Schüler des Jubilars im In- und Ausland haben die Einladung zur Mitwirkung an den „Studien über die Revolution" gern angenommen, und es war letztlich das unabweisbare Kriterium redaktions- und drucktechnischer Überlegungen, das zu Auswahl und Beschränkung in der Zahl der Beiträge zwang. Ohne die Absicht, an dieser Stelle das Werk von Walter Markov umfassender Würdigung zu unterziehen, sei nur knapp angedeutet: Fast dreihundert wissenschaftliche Veröffentlichungen in fünfzehn Ländern von Buch und Broschüre über Aufsatz und Miszelle bis zur Rezension zeugen von steter Aktivität, wenn es gilt, der Geschichtswissenschaft neue Erkenntnisse einzufügen. Aus der Fülle revolutionärer Phänomene und Probleme, die Walter Markov mit der ihm eigenen Systematik und Akribie aufgegriffen und meist neuer Fragestellung unterzogen hat, ragt ein Themenkreis heraus: die Geschichte der Großen Revolution in Frankreich. Die „Äußerste Linke", als Kardinalproblem der Volksbewegung von ihm mit dem Aufsatz „Grenzen des Jakobinerstaates" 1955 zunächst methodologisch eingekreist, ist zur tragenden Achse seines Lebenswerkes als Historiker geworden. Das bisherige Hauptergebnis, die 1967 vorgelegte JacquesRoux-Biographie, hat samt der sie ergänzenden Publikationen das Fegefeuer der internationalen Fachkritik glänzend bestanden und markiert eine Etappe der Geschichtsschreibung zur Französischen Revolution. Kaum minder anregend und wegweisend ist Walter Markovs Beitrag zur marxistischen Interpretation des vielschichtigen Phänomens der nationalen Befreiungsbewegung und -revolution. Die von ihm vor allem unter methodologischem Aspekt aufgegriffenen Fragen reichen von der vergleichenden Typologie vorimperialistischer und imperialistischer Kolonialsysteme über die Stellung der nationalen Bourgeoisie und der Zwischenschichten bis zur politischen Funktion der Armeen und dem Wesen des Neokolonialismus. Das von Walter Markov geleitete Institut für Allgemeine Geschichte der Neuzeit an der Karl-Marx-Universität Leipzig, aus der nunmehr das sechste Jahrzehnt erfüllenden Tradition des 1909 von Karl Lamprecht gegründeten Instituts für

Vorbemerkung

IX

Kultur- und Universalgeschichte hervorgewachsen, ist zur Pflanzstätte einer weit über den französischen Revolutionszyklus ausgreifenden marxistischen Universalgeschichtsschreibung geworden. Beeindruckend ist die Zahl junger Wissenschaftler, die als Schüler des Jubilars mit ihren Forschungsergebnissen über Geschichte und Gegenwart der nationalrevolutionären Bewegungen Asiens, Afrikas und Lateinamerikas internationale Beachtung gefunden haben. Im Ergebnis der III. Hochschulreform in der Deutschen Demokratischen Republik veränderten sich auch Daseinsweise und Aufgaben des Instituts: es ging auf in der neuen, im Februar 1969 gegründeten Sektion Geschichte, die alle bis zu diesem Zeitpunkt unabhängigen Historischen Institute vereinigte, um Forschung und Lehre in Übereinstimmung mit den Erfordernissen des entwickelten gesellschaftlichen Systems des Sozialismus rationell und effektiv zu konzentrieren und im wissenschaftlichen Profil neu zu bestimmen. Die Beiträge über Revolutionen und revolutionäre Bewegungen von der Antike bis in unsere Tage wurden nicht geschrieben, um lediglich Rezensionen herauszufordern. Sie sind vor allem als eine Vorleistung für das internationale Symposium der Sektion gedacht, das im Oktober 1969 in Leipzig anläßlich des 20. Jahrestages der DDR mit dem Thema „Klassen und Ideologien in Epochen des revolutionären Umbruchs" stattfinden wird. Im Einklang damit stellen die „Studien" eine erste Bestandsaufnahme dar. Sie bilden gleichsam den Arbeitsauftakt, die Vielzahl der Probleme und neue methodologische Aspekte in gedanklicher Grobskizze zu erfassen, einen auch für die fernere Zukunft beständigen Kreis von interessierten Fachkollegen zusammenzuführen. Ausgehend von den „Studien" und einer Reihe weiterer für die spezifische Aufgabenstellung des Symposiums vorgelegter Arbeiten wird in Etappen jene wissenschaftliche Selbstverständigung angestrebt, aus der umfassendere Beiträge zur Geschichte der Revolutionen in neuer und neuester Zeit hervorgehen sollen. Es bedarf kaum der Betonung, daß dieses Vorhaben nur einer Gemeinschaftsarbeit entspringen kann, die über die Grenzen einer einzelnen Sektion Geschichte weit hinausreicht. Anregend und vorbereitend in solcher Richtung zu wirken, ist ein Anliegen der „Studien". Die Aufsätze gruppieren sich um zwei Themenkomplexe: den Übergang von der Feudalordnung zur bürgerlichen Gesellschaft und vom Imperialismus zum Sozialismus. Mit einem Rückgriff auf die Spätantike reicht der erste Komplex von der frühbürgerlichen Revolution des 16. Jahrhunderts bis zur klassischen Revolutionsperiode der Bourgeoisie am Ausgang des 18. und in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Der zweite Komplex umfaßt Revolutionen und revolutionäre Bewegungen, deren historischer Ort durch die Negation der kapitalistischen Ordnung bestimmt ist. Auf die frühen Wurzeln in der Commune von Paris verweisend, zentriert sich die Thematik um die große historische Zäsur des Jahres 1917 und deren ungebrochene Wirkung bis in die Gegenwart, angezeigt durch die Entstehung des sozialistischen Weltsystems und die Befreiungsbewegungen in Asien, Afrika und Lateinamerika, deren fortgeschrittenste Staaten bereits in eine nationaldemokratische

X

Vorbemerkung

oder sozialistische Phase ihrer Revolution eintreten. Naturgemäß dominieren in den „Studien" die Themen Französische Revolution und nationale Befreiungsbewegung, die für die wissenschaftliche Leistung Walter Markovs im besten Sinne des Wortes profilbestimmend wurden. Speziell für die Themen- und Problemkreise Große Sozialistische Oktoberrevolution und antifaschistisch-demokratische und sozialistische Revolution in der D D R ist auf die hervorragenden Gemeinschaftsarbeiten zu verweisen, die bereits 1967/68 zur Würdigung der Weltwirkung des Roten Oktober erschienen bzw. das wissenschaftlich-politische Angebot der D D R Verlage zum 20. Jahrestag unserer Republik kennzeichnen. Vielfältig sind Fragestellung und Methoden der Analyse. Probleme der Typologie, Kriterien einer vergleichenden Betrachtungsweise, das Verhältnis von politischer und sozialer Revolution, Beziehung zwischen nationaler und internationaler Wirkung gehören ebenso dazu wie ausgewählte Grundfragen der Revolutionstheorie, der Bündnispolitik oder der Dialektik von Krieg und Revolution. Diese und andere Probleme, denen das Interesse der Autoren gilt, können und wollen weder die Summe der historischen Details noch gar den theoretischen Reichtum des Forschungsgegenstandes ausschöpfen. Mit dem Wissen um die weißen Flecken sind zugleich Richtungen und Schwerpunkte künftiger Arbeit angedeutet. Zum Schluß ein Wort des Dankes. Es gilt den Autoren, die weder Zeit noch Mühe scheuten, und schließt ebenso herzlich die Mitglieder des Herausgeberkollegiums ein, deren Namen von der internationalen Sympathie für Thema und Anlaß zeugen. Dankbare Erwähnung verdienen alle Mitarbeiter der wissenschaftlich-technischen Redaktion, insbesonders Dr. H. B a c h und Dr. D. Stübler, unter Leitung von Frau Erika Lindacher, ohne deren Einsatzfreude die rechtzeitige Vorlage der „Studien" nicht möglich gewesen wäre. E i n Gleiches gilt für die traditionell bewährte Unterstützung durch den Akademie-Verlag Berlin. Manfred Leipzig, im Februar 1969

Kossok

RIGOBERT GÜNTHER, LEIPZIG

Einleitendes über Möglichkeiten und Grenzen der Revolution in der Spätantike In den letzten J a h r e n wurden die methodologischen und theoretischen Forschungen von marxistischen Althistorikern, Philosophen, Philologen, Ökonomen, Ethnologen und Archäologen zu Fragen des Systemcharakters, des Verhältnisses von Produktionsweisen zu Produktionsverhältnissen im Altertum und zu Problemen des Überganges von der antiken bzw. altorientalischen Klassengesellschaft zur Gesellschaftsordnung des Feudalismus vor allem in der Sowjetunion bedeutend intensiviert. In Italien, England und Frankreich wurden marxistische Wissenschaftler dazu besonders durch Übersetzungen der Schrift von Karl Marx „ F o r m e n , die der kapitalistischen Produktion vorhergehen" angeregt. In der Sowjetunion fanden in den letzten J a h r e n mehrere Konferenzen und Kolloquien darüber s t a t t . In der D D R h a t t e E. Ch. Welskopf bereits 1957 neue Fragen aufgeworfen, die zu einer Überprüfung bisher gültiger theoretischer Überlegungen f ü h r t e n . In Frankreich widmeten sich das Centre d ' E t u d e s et de Recherches Marxistes, die Zeitschriften « La Pensee » und « Recherches Internationales ä la lumiere du Marxisme » und in England « Marxism Today » diesen Problemen. Zur Zeit liegen nur erste Ergebnisse dieser neuen Untersuchungen vor. Die beiden folgenden Beiträge von E . M. Staerman, Moskau und Ch. Parain, Paris, geben einen wichtigen Ausschnitt aus den genannten Forschungen. Frau Staerman stellt die Frage nach den progressiven und reaktionären Klassen im Römischen Kaiserreich in den Mittelpunkt ihres Aufsatzes; dabei geht es ihr vor allem u m eine neue Einordnung der Sklaven in diesen Übergangsprozeß der Spätantike, und Ch. Parain untersucht die Entwicklung bzw. die Stagnation der P r o d u k t i v k r ä f t e im gleichen zeitlichen und geographischen R a u m . Beide Beiträge ergänzen sich und geben ein einheitliches Bild. Besonders strittige Fragen in der internationalen Diskussion sind: 1. Ist der Revolutionsbegriff auf die Übergangsepoche vom Altertum zum Mittelalter universell übertragbar oder sind räumliche Differenzierungen notwendig? 2. Ist die Anwendung des Revolutionsbegriffes auf die Übergangsepoche von der antiken Sklavenhaltergesellschaft zum europäischen Mittelalter möglich, so sind d a f ü r Kriterien herauszuarbeiten, die die Möglichkeiten und Grenzen dieser Revolution näher bestimmen. 3. Wie verhält es sich mit der Einheit von sozialer und politischer Revolution in der Übergangsepoche der Spätantike? 1*

4

RIGOBERT GÜNTHER

4. Wie ist die Übergangsepoche von der altorientalischen resp. ursprünglichen Klassengesellschaft zum Feudalismus asiatischer Prägung in den gesetzmäßigen Ablauf der Weltgeschichte einzuordnen? Die neuen Fragestellungen regen vor allem ein intensiveres Studium der Geschichtsquellen an. Sie müssen, ausgehend von den neu erarbeiteten Positionen, neu befragt werden, wobei jedes Detailergebnis zugleich zur Ergänzung und Überprüfung der theoretischen Erkenntnisse benutzt wird. Andererseits ist es unerläßlich, ein vertieftes Studium der Klassiker des Marxismus-Leninismus zu betreiben. Dabei sind vor allem die methodologischen und geschichtstheoretischen Ausführungen der Klassiker des Marxismus-Leninismus zu beachten, nicht Detailergebnisse des Wissenschaftsstandes ihrer Zeit. Für den Übergang von der altorientalischen Klassengesellschaft zum Feudalismus scheint der Revolutionsbegriff nicht anwendbar zu sein. Dieser Übergang war auf evolutionärem Wege möglich. In der hochentwickelten altorientalischen Klassengesellschaft war das feudale Produktionsverhältnis bereits als ein Verhältnis neben anderen vorhanden. Im Verlauf des Niedergangsprozesses gewann dies feudale Produktionsverhältnis allmählich immer größere Bedeutung, bis es nach einer langdauernden Strukturveränderung die neue Produktionsweise auf evolutionärem Weg bestimmte. In der Antike lagen die Dinge anders. Hier mußte der Feudalismus, da die Sklaverei die Grundlage der Produktion bildete, aus einer allseitigen Krise der Sklavenhaltergesellschaft auf revolutionärem Wege entstehen, — jedoch nicht durch eine Revolution der Sklaven und Kolonen im Bunde mit den eindringenden Barbarenstämmen, wie früher angenommen wurde, sondern durch eine Revolution der feudal werdenden Großgrundbesitzer und Bauern gegen das antike Eigentumsverhältnis und gegen den dieses Verhältnis repräsentierenden Staat, der letztenendes durch äußere Kräfte vernichtet wurde. Für die Klassenkämpfe der Sklaven ist charakteristisch, daß sie nicht in der Lage waren, die soziale und ökonomische Struktur der Gesellschaft, in der sie lebten, von Grund auf zu verändern. Aus der Sklaverei gab es trotz der in der Kaiserzeit einsetzenden Angleichung der Sklaven an die Schichten der freien Armen, an die humiliores, keinen evolutionären Ausweg in den Feudalismus. Solange der römische Staat existierte, suchte er das antike, auf Sklaverei beruhende Eigentumsverhältnis zu erhalten und alle Nichtbesitzer von Produktionsmitteln dem Sklavenstatus anzunähern. Diese Haltung des römischen Staates verschärfte die Krise der antiken Sklaverei und trug zur wirtschaftlichen Stagnation bei. Historisch fortschrittliche Klassen jener Zeit sind die sich feudalisierenden Großgrundbesitzer auf außerstädtischem Land und die Bauern. Der Einbruch der Germanen beschleunigte diesen inneren Umwandlungsprozeß und führte ihn schließlich im Weströmischen Reich mit der Vernichtung des Staates zu Ende. Unter „sozialer Revolution" verstehen wir also den ökonomischen Umwälzungsprozeß, der die antike ehemals herrschende Eigentumsform ablöst und durch die feudale ersetzt. Die davon nicht zu trennende politische Revolution löste schließlich die Machtfrage im Interesse der neuen herrschenden Klasse in der Vernichtung des weströmischen Staates durch die Germanen und in ihrer politisch-militärischen Auseinandersetzung mit Byzanz.

CHARLES PARAIN, PARIS

Le développement des forces productives dans l'Ouest du Bas-Empire C'est un problème difficile et encore insuffisamment exploré que la détermination du rôle respectif du développement des forces productives et des luttes de classe dans l'évolution générale des sociétés. La solution n'est pas simple et Marx n'a guère fait que la poser dans des termes généraux et nécessairement schématiques si bien que si l'on se contente de se référer à ce qu'il a écrit, on peut aussi bien accorder un rôle déterminant soit aux forces productives, soit aux luttes de classe, ce qui n'arrange rien. En 1848 le Manifeste du Parti communiste fait du développement des luttes de classe le facteur décisif: « L'histoire de toute société jusqu'à nos jours n'a été que l'histoire de la lutte de classe. » Par contre en 1859 la Préface de la Contribution à la critique de F économie politique met l'accent sur le rôle du développement des forces productives dans la genèse des systèmes sociaux successifs et dans leur histoire : « Dans la production sociale de leur existence, les hommes entrent en des rapports déterminés, nécessaires, indépendants de leur volonté ; ces rapports de production correspondent à un degré de développement donné de leurs forces productives matérielles... A un certain degré de leur développement, les forces productives matérielles de la société entrent en contradiction avec les rapports de production existants ou, ce qui n'en est que l'expression juridique, avec les rapports de propriété au sein desquelles elles s'étaient mues jusqu'alors. Des formes de développement des forces productives qu'ils étaient ces rapports deviennent des entraves pour ces forces. Alors s'ouvre une époque de révolutions sociales.» E t , pour préciser son schéma, Marx ajoute: «Une formation sociale ne meurt jamais avant que soient développées toutes les forces productives auxquelles elle peut donner libre cours; de nouveaux rapports de production, supérieurs aux anciens n'apparaissent jamais avant que leurs conditions matérielles d'existence aient mûri au sein de la vieille société. » En fait, il ne s'agissait là que d'un schéma théorique, idéal. Dans l'histoire concrète il s'est produit à plusieurs reprises que la destruction de l'ancien régime économicosocial et, en premier lieu, de sa superstructure politique aient été acquise avant qu'aient complètement mûri les forces productives qui permettraient l'édification d'un nouveau — et progressif — régime économico-social, d'un nouveau mode de production. Ainsi en fut-il de la destruction de l'Etat esclavagiste romain, plusieurs siècles avant l'apparition de véritables rapports de production féodaux; ainsi en fut-il de la Révolution d'octobre à laquelle, suivant l'expression de Lénine, les

6

Charles Pabain

« démocrates petits-bourgeois » reprochèrent, au nom d'un marxisme figé, d'avoir été déclanchée prématurément. C'est que le rapport entre le développement des forces productives, en premier lieu, et, en second lieu, l'exaspération des luttes de classe qui conduit à la révolution sociale, ne doit pas être considéré comme un rapport simple de cause à effet, mais comme un rapport dialectique, où s'exerce pleinement une incessante action réciproque. Suivant les circonstances historiques générales le développement des forces productives va plus vite que le développement des luttes de classe qui, dans une vue historique simplifiée, devrait lui correspondre étroitement, ou l'inverse. C'est ce que Lénine a fort utilement souligné: la régularité du développement général historique, « loin d'exclure, implique au contraire certaines périodes de développement présentant des singularités, soit dans la forme, soit dans l'ordre de développement ».-1 On ne doit donc pas s'attendre à rencontrer, déjà pleinement formé au BasEmpire le système de forces productives qui servira de base à la formation des véritables rapports de production féodaux. Mais, d'autre part, il serait inconcevable que, sinon tous, au moins un grand nombre des éléments qui allaient constituer ce système n'aient pas déjà fait leur apparition dès le Bas-Empire ou même plus tôt. Dans la Russie de 1917 le capitalisme n'était pas encore pleinement développé; mais il y avait déjà eu un certain degré de développement du capitalisme jusque dans les campagnes. M. E. Serguéenko a lumineusement montré que dès la fin du premier siècle de notre ère l'esclavagisme avait commencé à faire obstacle au développement des forces productives. 2 Une série d'acquisitions plus ou moins récentes dans le domaine de l'agriculture se heurtaient à l'utilisation de la main d'oeuvre esclavagiste dans les grandes exploitations: conservation du fumier dans des fosses cimentées, charrue lourde, sarclage des céréales, soins complexes à donner à la vigne. Ces perfectionnements de l'outillage et des pratiques culturales réclamées, par cet éminent représentant du rationalisme conquérant que fut Columelle, exigeaient des esclaves un surcroît d'efforts et d'attention, sans leur valoir une amélioration de leur sort: ils opposaient donc à cette aggravation d'une condition déjà si pénible la force d'inertie et des formes insidieuses de sabotage. M. E. Serguéenko en conclut que le passage à un autre mode de production était devenu nécessaire pour assurer la correspondance entre le caractère des forces productives et les rapports de production, d'où le remplacement des esclaves utilisés en équipes sur de grandes exploitations par des colons installés sur de petites exploitations individuelles. Mais si le colon des débuts de notre ère est l'ancêtre du tenancier féodal, il n'en est qu'un ancêtre lointain. Si l'explication vaut pour la généralisation du colonat, elle reste insuffisante pour rendre compte du dynamisme dont fera preuve, contrairement à son prédécesseur, le tenancier féodal: dans l'intervalle le caractère des forces productives a continué à se transformer. 1

a

V. I. Lénine, Sur notre révolution (Janvier 1923).

M. E. CepeeeHKo, Ha hctophh centcKoro xosniicTBa speBHeft HTanmi, BecranK flpeBHeit HCTopiiH 1953, n° 3, p. 65—76.

Forces productives dans l'Ouest du Bas-Empire

7

Au delà même du domaine de l'agriculture la crise du rationalisme, provoquée par les premiers approfondissements de la crise générale du système esclavagiste, a entrainé une a t t i t u d e de renoncement au progrès technique, une attitude d'effroi et d'accablement. 3 Dans le De natura deorum de Cicéron, le stoïcien Balbus s'enthousiasmait devant les possibilités de la science et des créations humaines : « Ce que la nature a fait de plus violent, la mer et le vent, seuls nous savons le gouverner; grâce à notre science de la navigation nous tirons de la mer une foule de jouissances et de ressources. De même, sur terre, l'homme est p a r t o u t le m a î t r e . . . c'est nous qui arrêtons, redressons, détournons le cours des fleuves. P a r le travail de nos mains, nous nous efforçons de créer, dans la nature, une autre nature. » A la distance seulement d'un peu plus d ' u n siècle, Pline l'Ancien ne sait désormais que gémir. D'importants progrès avaient été réalisés, il y avait peu, dans l'art de naviguer, grâce à l'utilisation très poussée de la voilure. Il s'inquiète: ces m â t s surajoutés, ces voiles plus grandes que les vaisseaux, ce sont a u t a n t de provocations à la m o r t : «Aucune exécration n'est suffisante contre l'inventeur qui, non content que l'homme m o u r û t sur la terre, voulût encore qu'il périt sans sépulture (N. H., X I X , début) ». Il se laisse submerger par le désespoir. Pour lui rien n'est plus misérable et en même temps plus orgueilleux que l'homme : « Aussi, conclut-il, beaucoup ontils pensé que le mieux était de ne pas naître ou d'être anéanti au plus tôt ( V I I , d é b u t ) . » Dans la vie pratique, il tourne ses regards plus vers le passé que vers l'avenir, préchant une prudence qui n'est que la marque d ' u n conservatisme fort étroit: « On m'accusera peut-être de témérité d'énoncer une maxime des anciens qui pourra paraître complètement incroyable: c'est que rien n'est moins avantageux que de très bien cultiver ( X V I I I , VII). » Parallèlement, le philosophe Sénèque dans la lettre 90 à Lucilius parle avec dédain du progrès technique: les inventions ont été l'oeuvre des mêmes vils esclaves qui sont chargés de les mettre en oeuvre, juge-t-il, et il faut savoir s'en passer. Cependant on ne doit pas oublier que Columelle est le contemporain de Pline l'Ancien. Le courant de défiance à l'égard du progrès technique n'entraînait donc pas l'ensemble des Romains. Les hommes libres t o u t au moins qu'étaient engagés directement dans la production, ne risquaient pas d'y céder totalement: car il leur fallait d'abord vivre, assurer un bon fonctionnement de leurs activités au moindre effort. Même les nouveaux raffinements du confort dont Sénèque affectait de faire fi, les vitres faites de pierres transparentes, les hypocaustes et les t u y a u x de chauffage encastrés dans les murs ne furent nullement abandonnés par le petit nombre de ceux qui avaient la possibilité de les utiliser. Ce qui s'est produit en réalité à p a r t i r de la fin du premier siècle de notre ère, c'est un changement de style dans l'évolution du progrès technique, comme il se produira à partir de la fin du deuxième siècle u n changement de style dans le domaine de la production artistique, annonciateur de l'art du Moyen Age. Pline l'Ancien peut bien jeter l'anathème sur des inventions nouvelles. Sa curiosité d'esprit et son besoin d'agir le portaient à compiler une somme encyclopédique des 3

Ch. Parain, Rome et la décadence de la science classique, La Pensée, n° 112, décembre 1963.

8

CHARLES

PARAIS

connaissances et des techniques de son temps, c'est-à-dire à favoriser la diffusion de l'acquis. Il est bien vrai que le développement de la crise du système esclavagiste avait provoqué une crise du rationalisme et par conséquent un affaiblissement de la recherche théorique dont le plus souvent les grandes inventions sont un des fruits. Mais ce processus n'affectait en rien, à un niveau intellectuel et aussi social moins élevé, les trouvailles de petits perfectionnements, de procédés plus ou moins élémentaires dont la diffusion extrêmement large, lorsqu'il s'agissait du domaine de l'agriculture, pouvait entraîner une très sensible amélioration de la productivité sociale et surtout de la production. L'illustration la plus éclatante de ce changement de style nous est apportée par la manière dont, à une époque mal déterminée du IV e siècle ou du V e siècle, Palladius a composé son traité d'agriculture. Rompant avec l'analyse systématique et séparée des éléments mêmes de la production agricole, cultures d'un côté, élevage de l'autre, il regroupe mois par mois les travaux, les opérations à effectuer, t a n t pour les différentes cultures que pour les différents élevages, dans le minutieux calendrier agricole qui constitue l'essentiel de son ouvrage. Il se place donc délibérément sur le plan pratique, sur le plan d'un manuel pratique, disposé de la façon la plus commode et la plus efficace. Yarron, puis Columelle avaient bien aperçu l'intérêt, l'utilité de cette méthode d'exposition; mais ils se sont contentés d'insérer épisodiquement dans leur texte un embryon de calendrier agricole, Varron dans son livre I, 29—36, Columelle avec plus de développement dans le livre X I consacré au villicus. Columelle pourtant ne manque pas de souligner combien a d'importance un strict échelonnement, en temps voulu, des travaux successifs dans une exploitation agricole, s'agissant pour lui d'une exploitation de grande dimension; mais la nécessité ne s'impose pas moins, quelle que soit la dimension : « Comme chaque opération veut être faite à peu près aux moments qui conviennent, s'il arrive qu'il y en ait une qui ait été faite plus tard qu'elle n'aurait dû l'être, les autres travaux qui la suivront se trouveront aussi faits trop t a r d . . . C'est pourquoi il est indispensable que nous donnions des préceptes qui renferment ce qu'il y a à faire dans le cours de chaque mois (ch. 1). » On observera d'autre part que Palladius reste fidèle aux excellents principes recommandés par ses prédécesseurs, sélection et expérimentation. Or son traité, si visiblement il était destiné à une grande exploitation, était facilement utilisable dans une exploitation de moins grande étendue et son traité a connu un large succès. Il a donc aidé à hisser la petite exploitation qui deviendra prépondérante à l'époque féodale, à un niveau bien plus élevé que celui qu'elle avait connu aux débuts de la Grèce et de Rome. Quand on parle de petite exploitation, il y a toujours lieu de préciser à quel niveau technique, dans un lieu et dans un temps donnés, se trouve cette petite exploitation, absolument et relativement aux conditions générales de l'époque. L'effort de diffusion des progrès techniques antérieurement réalisés a exercé des effets d'autant plus considérables que la base géographique concernée s'est alors singulièrement élargie... Varron et Columelle n'envisageaient guère que leur milieu méditerranéen. Palladius qui possédait des domaines en climat « chaud », tout près

Forces productives dans l'Ouest du Bas-Empire

9

de Naples qu'en Sardaigne, avait aussi une expérience directe des climats « f r o i d s » : « J ' a i planté, nous explique-t-il (IV, 10) des boutures de citronnier dans des climats très froids a u x mois de juillet et d'août et en les a n i m a n t par des arrosements répétés tous les jours, je suis parvenu à les voir croître très bien et rapporter du fruit.» Cette tentative d'acclimatation peut nous laisser a u j o u r d ' h u i sceptiques; mais on sait qu'au moins dès le temps de l'empereur Julien le figuier avait été transporté avec succès dans la région de Lutèce où a u j o u r d ' h u i il n'est pas rare d'en trouver prospérant en pleine terre dans des coins suffisamment abrités. Le témoignage de Palladius le concernant (VI, 10) est donc pleinement corroboré, comme aussi celui qui concerne le néflier qui, dit-il, se plaît particulièrement dans les pays chauds, bien qu'il vienne également dans les pays froids, surtout s'ils sont plantés dans un sable gras, dans une terre pleine de grasses et mêlée de sable ou dans de l'argile mêlée de cailloux. De bien plus grande importance économique a été la création, commencée dès le Haut-Empire, de variétés de vigne adaptées à des climats plus rigoureux que le berceau de cet arbuste. L'extension de l'aire de la vigne s'est visiblement poursuivie au Bas-Empire, suivant le conseil donné par Palladius (III, 9) : « Le vigne est une plante de nature à supporter les climats et des sols de toute espèce, pourvu que ses différentes variétés leur soient adaptées convenablement. » Il en a été de même du pommier «qui irait fort bien dans les pays froids» (III, 25) et Palladius mentionne les procédés de fabrication du poiré et du cidre dont l'usage ne se rép a n d r a pleinement qu'au Moyen Age dans les régions à hiver rude. D'une manière plus générale il fait attention à préciser à quelle époque précise de l'année doivent être exécutés les divers t r a v a u x agricoles s'il s'agit non seulement de terrains humides (VI, 3, il reprend de Pline un procédé peu couteux de drainage), mais aussi de lieux froids et même très froids. L'enrichissement de l'agriculture des pays « froids » à partir de l'expérience méditerranéenne est à mettre, au moins en grande partie, au compte du Bas-Empire et ici Palladius a certainement joué un rôle très actif. Une autre indication très significative qui ressort de son traité, c'est visiblement l'orientation des activités agricoles et paraagricoles vers l'autarcie. Chez Varron la production pour le marché, avec le souci d'obtenir le m a x i m u m de profit, avait tenu une place considérable. On se rappelle les exemples mis en a v a n t (III, 2) : le domaine dont Séjus tirait plus de cinquante mille sesterces par an, en y élevant des sangliers et autres gibiers de chasse, des poissons et des volatiles variés, de l'oie à la grue et au paon, pour satisfaire les coûteuses recherches gastronomiques d'une couche évidemm e n t restreinte de riches; le domaine de la t a n t e maternelle de Varron lui-même où d'une seule volière étaient vendues, dans une seule année, jusqu'à cinq mille grives à trois deniers pièce, ce qui donnait un revenu b r u t de soixante mille sesterces, le double du revenu fourni par un domaine de Réate d'une contenance de deux cents jugera. Columelle, de son côté, considère que pour réussir dans l'agriculture il est nécessaire de posséder à côté de la connaissance de l'art et de la volonté de l'exécution (nous dirions aujourd'hui de l'esprit d'entreprise), les ressources financières nécessaires. Chez lui apparaît donc la notion de l'investissement, caractéristique d'une

10

CHARLES PABAIN

agriculture de profit. Par contre son contradicteur « Pline l'Ancien », professe que le but suprême de la prévoyance doit être de réduire autant que possible les dé-" penses. E t de citer des proverbes qui illustrent en outre les vertus du travail, d'un travail acharné comme celui qui permettait à Furius Crésinus de tirer d'un très petit domaine des récoltes beaucoup plus abondantes que ses voisins n'en obtenaient de domaines beaucoup plus considérables : « Mauvais laboureur qui achète ce que le fonds peut fournir; mauvais père de famille qui fait de jour ce qu'on peut faire de nuit; plus mauvais celui qui fait les jours ouvrables ce qui devait être fait les jours fériés. » On trouve déjà là l'opposition qui reparaîtra à l'époque contemporaine avec beaucoup plus d'intensité, mais dans le même sens, entre l'exploitation agricole fondée sur le travail, en vue de la production de valeurs d'usage, en vue de l'autosubsistance et l'exploitation fondée sur le capital, en vue de la production de marchandises, en vue du profit. Le premier type correspond à la petite exploitation où ira se manifester à l'époque féodale un dynamisme capable d'étendre très largement la surface cultivée par défrichement et de tirer du sol une production plus abondante à force de soins répétés donnés aux cultures. S'il reste chez Palladius encore quelques traces des calculs conduits depuis Caton pour obtenir les plus hauts rendements de la main d'oeuvre (II, 2, pour la moisson de l'orge; VIII, 1, pour charger de terre le pied des arbres plantés au milieu des champs moissonnés), il est loin d'être habité par l'obsession du profit maximum. Il oppose volontiers une production de qualité à une production de quantité : « Les pays plats donnent un vin plus abondant, les coteaux un vin plus noble (I, 6 — et au même chapitre réflexions semblables pour l'olivier et le froment; III, 24, pour les.choux). Comme Pline il propose le modèle de la petite culture intensive, rendue intensive à force de travaille: « Petit terrain bien cultivé est plus fertile que grand espace négligé (I, 6) ». Autre aspect de la tendance à l'autosubsistance : la prise en considération côte à côte dans son calendrier agricole non seulement de toutes les sortes de cultures et d'élevage (l'idéal de la polyculture), mais aussi d'activités non agricoles, relevant de ce qu'on peut dénommer l'artisanat domestique: composition du cément (I, 41); fabrication de briques crues (VI, 12); creusement de puits (IX, 8—9); propriétés et utilisation des différentes sortes de bois de construction. Caractéristique également de la recherche de l'autosubsistance est la multiplication des recettes pour la conservation et l'utilisation des produits du domaine. Certes, il a en vue la grande exploitation autarcique, typique du Bas-Empire, lorsqu'il conseille d'installer sur le domaine la variété des métiers indispensables (alors que Caton, C X X X V , orientait vers l'achat sur le marché d'une série de vêtements, d'outils ou d'ustensiles variés, en fer ou autres): «Ayez toujours sur les lieux des ouvriers spéciaux en bois ou en fer, pour travailler aux futailles et aux cuves, afin que nul de vos gens ne soit distrait de la besogne des champs par la nécessité de courir à la ville. » Mais de pareils conseils —. ou l'exemple de la grande exploitation bien conduite à l'aide de pareils conseils — aidaient, sur de petites exploitations d'un type moins rudimentaire que celles des premiers siècles de la République, à tirer de la main d'oeuvre familiale disponible le maximum de rendement et d'efficacité.

Forces productives dans l'Ouest du Bas-Empire

11

Cependant si Palladius porte témoignage qu'au Bas-Empire il s'agit moins dans l'ensemble d'un dépérissement des forces productives que d'un changement décisif d'orientation de leur développement, changement qui n'atteindra sa pleine réalisation qu'avec le passage au féodalisme, il ne s'ensuit nullement que le changement a commencé à se manifester comme automatiquement et d'une manière uniforme sur toute l'étendue de l'Empire. Par suite d'un processus déjà lointain et dont les origines n'ont pas à être examinées ici, à la stagnation, sinon au recul de l'Italie centrale et de l'Italie méridionale, a correspondu un essor plus ou moins prononcé dans certaines provinces, en particulier dans la zone tempérée et plus précisément dans la Gaule septentrionale. Parallèlement au glissement de l'orientation du développement des forces productives, il s'est produit un déplacement géographique des centres où s'est manifesté le dynamisme de ce développement, ce qui apparaissait déjà dans l'intérêt porté par Palladius à l'agriculture de la zone tempérée. 4 Comme l'a lumineusement montré l'enquête linguistique conduite par P. F. Flükkigér sur la terminologie du nettoyage des céréales (après le battage) dans les dialectes italiens, la stagnation technologique de l'Italie du Centre et du Sud était déjà acquise à l'époque de Columelle. Des représentants de ventilabrum employé par Columelle pour désigner expressément une pelle avec laquelle le grain peut être lancé au loin, donc une pelle creuse n'existe que dans le Piémont et en Lombardie. Visiblement le progrès technique que constituait cette pelle creuse ne s'est diffusé largement et ne s'est implanté que dans l'Italie du Nord, tandis que l'absence de cet outil encore à l'époque moderne au sud de la ligne île d'Elbe-Recanati témoigne que les innovations techniques ne trouvaient plus un terrain favorable dans l'Italie du Centre et du Sud dès le début de notre ère. Nombre de faits relevés par Flückiger sont dans le même sens. Le déplacement géographique du dynamisme technologique a continué à se poursuivre vers la Gaule septentrionale dès le Haut-Empire. On sait que les centres de fabrication de la céramique sigillée ont émigré d'Arezzo, en Toscane, d'abord dans le sud de la Gaule, à la Graufesenque (près de Millau), puis, apparemment afin de se rapprocher des larges débouchés que formaient les armées sur les frontières, s'implantèrent dans la Gaule centrale où la production resta très active jusqu'au III e siècle. Enfin dès la fin du premier siècle de notre ère l'indùstrie céramique s'installa et prospéra dans la Gaule du Nord-Est en liaison avec la disposition du réseau des cours d'eau navigables. Les vicissitudes de l'industrie du verre ne sont pas moins significatives. Les premiers ouvrages en verre utilisés en Gaule au premier siècle de notre ère devaient être importés d'Orient ou d'Italie. Puis des fabrications locales s'installèrent d'abord dans la basse vallée du Rhône, se déplacèrent ensuite le long des vallées du Rhône et de la Moselle, pour s'épanouir, durant le III e et le IV e 4

Voir Ch. Parain, Das Problem der tatsächlichen Verbreitung der technischen Fortschritte in der römischen Landwirtschaft, Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 1960, n° 8, et: Le développement des forces productives en Gaule du Nord et les débuts de la féodalité, Recherches internationales à la lumière du marxisme, n° 37, 1963, Le féodalisme.

12

Charles Pabain

siècle, en Champagne, en Picardie, sur les bords du Rhin et en Belgique. On ne peut donc s'étonner du fait, en apparence paradoxale, qu'en plusieurs cas les dialectes modernes révèlent pour le vocabulaire technique une romanisation plus marquée dans la France du Nord que dans la France du Centre, c'est-à-dire une propension plus vive à adopter les innovations techniques. Ainsi au nord de la ligne Nantes-Epinal on rencontre le terme moyen, du latin modiolus, pour désigner une pièce essentielle des voitures, tandis qu'au sud a été conservé, avec le mot bouton, un vocable d'origine gauloise. Dans les dialectes germaniques du pays de la Moselle le vocabulaire de la viticulture se distingue par une couleur latine assez marquée, ce qui apparaît aussi, à un degré à peine moindre, dans le vocabulaire agricole. Le développement urbain de la Gaule du Nord, attesté par les dimensions des amphithéâtres et de ce qu'on dénomme les théâtres-amphithéâtres, n'a donc pas été un phénomène d e type étroitement colonial, mais a animé puissamment toute l'économie, y compris l'économie agricole. C'est que les conditions naturelles présentaient à l'essor de cette économie agricole des conditions nettement plus favorables que les régions méditerranéennes. Elle y trouvait des sols riches et profonds avec l'avantage d'une pluviosité beaucoup mieux répartie au cours des saisons. Palladius recommande la pratique des défrichements, laquelle devait contribuer pour une si grande part, dans les régions qui seront pleinement féodalisées, à l'élargissement de la production et à l'expansion démographique : « Avez-vous une terre couverte de bois inutile? Défrichez et changez en labours les meilleures parties; laissez le bois sur les moins bonnes. Les premières produiront par leur fertilité naturelle; vous féconderez les autres en y mettant le feu. Laissez après cela reposer cinq ans le sol incendié, et cette partie improductive pourra rivaliser avec les plus fertiles (I, 6). » Visiblement Palladius avait en vue la zone méditerranéenne, comme le montre la pratique de l'incendie des parties boisées. C'était de la plus grave imprudence: car dans cette zone, caractérisée par l'instabilité de la base géographique, la forêt se régénère difficilement, tandis que l'érosion provoquée par la violence des pluies entraîne la destruction du sol lui-même dans les pays non seulement de montagnes, mais de simples collines. Il n'en était pas de même en zone tempérée humide où longtemps les défrichements ne présentèrent que des avantages. D'autre part, là ni la forêt était conservée, elle rendait de bien plus grands services à l'élevage que dans les pays méditerranéens: car, jusqu'à une époque récente, la forêt y servait fréquemment de lieu de pâturage pour le bétail. Pour ce qui est de l'assolement triennal où l'agriculture féodale a puisé un de ses éléments de supériorité sur l'agriculture méditerranéenne, Palladius avait vu clairement que les semailles de printemps ne pouvaient bien réussir que dans des climats suffisamment humides : « Les semailles des trémois conviennent aux lieux froids où il neige souvent et où l'été est humide; ailleurs ils réussissent rarement (I, 6).» Enfin l'abondance de l'herbe dans les mêmes climats rendait possible le développement de l'élevage du gros bétail, non seulement par accroissement du nombre des bovins, mais aussi par amélioration de la productivité des femelles, comme Palladius en fait la remarque avec une grande perspicacité : « Lorsque le

Forces productives dans l'Ouest du Bas-Empire

13

pays où l'on élève des vaches est abondant en fourrage, on peut les faire couvrir tous les ans. Mais, lorsque le fourrage y est rare, il ne faut les faire remplir qu'une année sur deux, surtout si l'on est dans l'habitude de les employer à quelque travail (VIII, 4). » On découvre mieux ici quel pas considérable en avant dans le domaine de l'agronomie représente le regard projeté systématiquement par notre auteur sur l'agriculture des pays tempérés. On peut déjà ajouter ici que, dès les débuts de notre ère, l'abondance de l'herbe avait poussé les agriculteurs des régions à climat tempéré humide dans la voie d'importants progrès techniques : d'un côté, la charrue à roues, à laquelle on adjoignit ensuite le coutre pour faciliter la pénétration du soc dans des terres lourdes et couvertes d'une végétation abondante, de l'autre, la grande faux ou du moins l'embryon de la grande faux moderne : « Il y a deux espèces de faux », explique Pline (N. H., 18, 262): «la faux d'Italie est plus courte et maniable même au milieu des ronces; celle de Gaule abrège l'ouvrage dans les vastes domaines, car elle coupe l'herbe par le milieu et laisse celle qu'est courte. Le faucheur italien ne coupe que de la main droite. » L'indication que le faucheur italien ne maniait son outil que d'une seule main, donne à penser que dans l'invention gauloise apparaissait déjà la faux actuelle, diversifiée de la faucille; par la suite le rendement en f u t amélioré par des perfectionnements de détail dont la date nous échappe, comme un tranchant plus effilé (on sait que les Gaulois excellaient dans l'art du forgeron) et sans doute un emmanchement plus approprié. Quoi qu'il en soit, Palladius fait figurer dans son inventaire de l'attirail nécessaire à la campagne à la fois des falces messoriae (apparemment des faucilles) et des falces foenariae (apparemment de véritables faux). 5 Les enquêtes linguistiques et les enquêtes ethnographiques permettent d'aller plus loin dans l'appréciation du rôle d'avant-garde qu'a joué plus précisément la Gaule septentrionale, sinon toujours dans l'invention, du moins dans la diffusion de progrès techniques qui ont prêté à l'agriculture de l'époque féodale sa physionomie originale et ont assuré son avance. Tout d'abord, il y a lieu d'insister sur le cas des outils variés désignés indistinctement en latin par le terme faix. A partir du I e r siècle de notre ère, à côté du terme général, se font jour des appellations spécialisées qui, à n'en pas douter, correspondent à une spécialisation croissante de l'outillage, non seulement entre faux et faucille, comme on croit de voir, mais entre différents types de faucille. Ces termes nouveaux, donc ces outils nouveaux n'ont dû s'implanter que dans les régions qui, à l'époque, étaient progressives: c'est ainsi que l'on trouve une confirmation saisissante du transfer de la vitalité technologique, entre le Haut- et le Bas-Empire, de l'Italie centrale qu'observait Varron à l'Italie du Nord, puis de celle-ci vers la Gaule •du Nord-Est. On rencontre chez Columelle, pour la faucille proprement dite, un 6

Sur les conditions générales de l'agriculture sous le Bas-Empire et sur l'évolution des techniques de l'Empire romain à l'époque féodale, voir: The Cambridge Economie History. Vol. I. The agrarian Life of the middle Ages. 2 e ed. revue et complétée, Cambridge 1966 (p. 92—124; C.E. Stevens: Agricultural and rural Life in the Later Roman Empire; p. 125—179; Ch. Parain: The Evolution of agricultural Technique. Chacune des contributions est accompagnée d'une bibliographie).

14

Chaules Pabaiït

terme messoria qui a des descendants dans les dialectes modernes de la vallée du Pô. De son côté Pline l'Ancien utilise un autre mot, siciles, qui se retrouve en roumain, en lorrain et en wallon, en même temps que dans le nord et le nord-est de la Vénétie. Avec Palladius enfin on rencontre le mot falcicula (faucille) qui achève de différencier, dans une nomenclature systématiqement établie, la faucille de la faux {faix). Or c'est seulement dans la France du Nord qu'à l'échelle des dialectes cette nomenclature, aussi satisfaisante que claire, s'est implantée non pas comme une mode linguistique, mais comme la résultante d'améliorations techniques de très grande importance pratique. La France du Nord a depuis très longtemps adopté le type de faucille le plus évolué, tandis que plus au sud et, en particulier, dans de nombreuses régions espagnoles on s'en tenait généralement, même à une époque récente, à un type moins évolué. Si l'on passe de la moisson au battage des céréales, la supposition a été avancée depuis longtemps que le fléau qui représente un progrès considérable sur le bâton à battre ce qui a été un facteur important du triomphe a l'époque féodale de la petite exploitation sur la grande, s'est diffusé à partir de la Gaule du Nord. Les conclusions des enquêtes ethnographiques confirment entièrement l'hypothèse. En France même, toute une série d'îlots du bâton à battre a subsisté très longtemps en bordure de l'ancienne aire méridionale de foulage sous les pieds des animaux. En Espagne, le fléau a visiblement été importé de France. En Italie, la plus grande partie de la Basse Italie ignore encore aujourd'hui l'usage du fléau, de même que certains îlots situés au centre de la péninsule ou encore de même que des villages reculés deHaute Italie, d'où il ressort que le fléau a été d'introduction relativement récente. Les techniques de la viticulture et de la viniculture sont non moins révélatrices. Cependant leur extrême minutie ne permet que d'y consacrer ici de rapides allusions. La serpe à tailler la vigne, utilisée avant l'introduction du sécateur, a connu, dès l'époque romaine, de petits perfectionnements qui permettent d'en distinguer plusieurs types, différemment évolués. En Hongrie, dont le cas est bien cohnu grâce aux travaux de I. Yincze, le type le plus archaïque domine au nord du lac Balaton, un type moyen à l'ouest comme si son avance s'était essoufflé avant d'avoir atteint le lac; par contre le type le plus évolué dont on n'a pas retrouvé sur place de réprésentants archéologiques, ne s'est répandu, semble-t-il, que dans des vignobles constitués au Moyen-âge et au moins partiellement sous des influences françaises. En France ce type perfectionné est par contre le type normal du vignoble de Bourgogne et des exemplaires antiques en ont été découverts dans la même région, comme aussi dans le Palatinat. Sans doute ce type a-t-il très tôt cheminé plus au sud, comme le montrent des trouvailles ou des figurations isolées (à Nîmes, à Ampurias), mais il n'y a pas trouvé de terrain favorable, puisqu'aujourd'hui c'est le type le plus archaïque qui y domine. Confirmation du dynamisme technologique de la France du Nord-Est : c'est elle qui a élaboré, dès l'époque romaine, le type progressif de maison vigneronne à cave, alors que le très vieux vignoble de la vallée de la Garonne reste aujourd'hui encore fidèle au type antique de cellier non voûté et non enterré. Enfin on doit mettre au compte du Bas-Empire l'apparition de deux céréales nouvelles, lesquelles, bien adaptées à des sols pauvres et à des climats rudes, ont

Forces productives dans l'Ouest du Bas-Empire

15

contribué à donner à l'agriculture du Moyen Age une physionomie nouvelle et des possibilités élargies, l'avoine cultivée surtout comme céréale de printemps, le seigle comme céréale d'hiver. L'avoine venue en Europe, comme plante sauvage, dès le début de l'agriculture avec le froment Triticum dicoccum, s'est révélée plus résistante que ce froment dans les condition climatiques des régions situées au nord de la zone méditerranéenne. Elle était déjà utilisée comme nourriture d'appoint dans les palafittes de l'époque du Bronze. Puis dans la suite des temps les habitants des pays rudes l'ont peu à peu améliorée et élevée au rang de céréale indépendante à rendement très acceptable. Cependant les agronomes romains la traitent toujours comme une mauvaise herbe (Virgile, Pline), tout au plus comme une plante fourragère (Columelle). Toutefois Pline ( X V I I I , 149) ne manque pas de noter que les peuples de Germanie la semaient et en faisaient de la bouillie. Pendant tout le Moyen Age l'avoine a continué à tenir, sous forme de bouillie, une grande place dans l'alimentation populaire en Allemagne, en Ecosse, dans le Centre et le Nord de la France. Mais surtout elle a été de plus en plus employée pour la nourriture des chevaux et sa culture, en facilitant la substitution du cheval au boeuf comme animal de trait, s'est pour cette raison très fortement étendue au sein de l'assolement triennal. Lui aussi, le seigle a d'abord été une mauvaise herbe, compagne du blé tendre commun. Plus résistant au froid et plus rustique que celui-ci, il a fini par le supplanter, comme céréale cultivée, dans les régions froides de l'Europe, de même que l'avoine a supplanté le Triticum dicoccum. La première mention que les auteurs latins en fassent se trouve dans Pline ( X V I I I , 141), qui le signale chez les Taurini, mais comme une très mauvaise céréale à laquelle on n'a recours qu'en cas d'extrême nécessité. A l'époque de Pline, l'amélioration de la plante sauvage n'avait donc pas encore été suffisamment poussée. Mais déjà, dans l'édit de Dioclétien, le seigle est nommé (centenum sive secale) à la troisième place après le froment et l'orge. C'est sans doute alors qu'il a commencé à se répandre en Gaule où il allait finir par occuper la première place dans les terrains pauvres ou montagneux. Les innovations qui viennent d'être passées en revue, aident à comprendre comment, dès le Bas-Empire, la petite exploitation a commencé à accroître considérablement sa productivité, à condition que sur elle le travailleur direct s'y soit assuré une certaine indépendance, une certaine possibilité d'initiative, un certain espoir de lente amélioration de son sort, ce qui sera réalisé au sein du mode de production féodal. Cependant ce mode de production ne se caractérise pas uniquement par l'essor de la petite production: en tant qu'organisateur conjoint de la production, le seigneur féodal mettait à la disposition de ses tenanciers des installations qui dépassaient les moyens de la petite exploitation: four banal, pressoir banal et surtout moulin à eau banal. Il y trouvait son compte par les fructueuses redevances qu'il en tirait; mais les tenanciers y trouvaient aussi le leur, pour une utilisation plus rationnelle de leur force et de leur temps de travail. Non seulement dans le domaine des machines élémentaires — moulin à eau et pressoir — les inventions techniques réalisées sur la lancée du vigoureux dynamisme technologique qui a

16

Charles Pabain

caractérisé la fin de la République romaine et les débuts de l'Empire, n'ont pas sombré dans la catastrophe politico-militaire qui engloutit l'état esclavagiste romain, mais c'est seulement avec la grande époque féodale qu'elles déployèrent toutes leurs ressources et trouvèrent leur pleine application pratique. Ici le Bas-Empire eut le mérite d'assurer la transmission et même d'inaugurer, quoique timidement, les développements ultérieurs. E n apparence il pourrait sembler que fasse exception le cas de la moissonneuse gauloise abandonnée après la chute de l'Empire romain. On sait que cet embryon de machine agricole, décrit par Pline et Palladius et si bien étudié récemment par I. Kolendo, reposait sur le principe de l'outil de moisson élémentaire qu'était le peigne à cueillir les céréales. Un boeuf poussait devant lui une grande caisse qui était portée sur deux petites zones et dont le bord antérieur était muni de dents : les épis, arrachés par les dents, s'accumulaient dans le chariot. Mais il en résultait un considérable gaspillage du grain et surtout de la paille, uniquement admissible dans un type de grande agriculture extensive où la main d'oeuvre était rare. Quoi qu'il en soit, il est significatif que les figurations qui ont été jusqu'ici retrouvées de cette moissonneuse, laissent supposer que si la Gaule du Nord-Est n'en a pas été le lieu d'origine, elle l'a utilisée le plus largement. En ce qui concerne le pressoir, il n'y eut certes pas d'amélioration notable entre la deuxième moitié du premier siècle de notre ère et ensuite le dixième ou onzième siècle. 6 Mais sous le Bas-Empire sont apparues des dénominations nouvelles dont la diffusion correspond selon toute vraisemblance aux progrès de la diffusion de l'instrument, avec peut-être de légères modifications de détail et l'avance géographique de cette diffusion vient confirmer le glissement du dynamisme culturel de la zone méditerranéenne vers la Gaule septentrionale. Le terme qu'employaient Varron et Pline, forculum, a fourni les dénominations des dialectes italiens ou de la France du Sud et du Centre-Est. Plus tard on trouve chez Palladius calcatorium dont les descendants occupent, d'une manière significative, une aire semblable à celle des descendants de sicilis: des points au nord de l'Italie, avec des prolongements en serbe, et des points en Lorraine, avec l'important prolongement du germanique Kelter. Dernier venu, le mot pressorium (chez Ammien Marcellin) a donné le français du Nord pressoir. Toutefois le cas le plus instructif est, de loin, celui du moulin à eau. Tandis que l'emploi du pressoir, même au cours du Moyen Age, n'a tenu, par rapport à l'ensemble de la production qu'une place fort limitée, l'emploi du moulin à eau n'a cessé de se répandre et de se diversifier à l'époque féodale pour toute une série de productions industrielles de base. Pourquoi, alors qu'un si bel avenir lui était promis, le moulin à eau n'a-t-il connu pendant des siècles à partir de son apparition au premier siècle avant notre ère qu'un succès si restreint? L'explication habituelle par l'indifférence en quelque sorte congénitale du mode de production esclavagiste au progrès technique est déjà contredite par le fait indiscutable de la multiplication des inventions 6

Cf. Ch. Parain, Vorindustrielle Pressen und Keltern und ihre Verbreitung in Westeuropa, Deutsches Jahrbuch fur Volkskunde. Band 8, Teil II, 1962.

F o r c e s p r o d u c t i v e s d a n s l ' O u e s t du B a s - E m p i r e

17

particulièrement dans les derniers temps de la période ascendante de l'esclavagisme et par le fait également bien attesté que certaines de ces inventions, dans la construction navale ou dans l'architecture, ont été suivies d'applications pratiques plus rapides et plus systématiques. Il est difficile d'autre part de se contenter, comme seule explication, de l'explication complémentaire que le bon marché et l'abondance de la main d'oeuvre esclavagiste étaient beaucoup de son intérêt à l'emploi de la machine. 7 En ce qui concerne le moulin à eau, les conditions générales de la production dans l'antiquité ne favorisaient guère le recours à la force motrice de l'eau. Parmi les utilisations industrielles les plus importantes de cette force motrice au Moyen Age figurent les scieries et le travail du fer dans les forges. Le bois, s'il était très largement employé par les anciens pour la fabrication des outillages, en particulier de l'outillage agricole, jouait dans la construction un rôle beaucoup plus réduit que la pierre et c'est seulement au Moyen Age que se développera l'art de la charpente qui conduisit à l'invention de la scierie mécanique. D'autre part, dans l'antiquité le métal tenait une place réduite dans la production des biens de consommation, remplacé très fréquemment qu'il était par la poterie. Plus directement les conditions de l'alimentation populaire étaient toutes différentes de celles qui commencèrent à prévaloir à la fin du haut Moyen Age : soupes et bouillies qui n'exigeaient qu'une préparation rapide et facile en restaient un élément essentiel et les blés vêtus ou le mil étaient écrasés, non sous la meule, mais au pilon. Palladius note bien que le moulin à eau ménage l'effort des bras, mais il met la construction de pareils moulins en liaison avec l'eau qui s'écoule des bains, c'est-à-dire en liaison avec une couche restreinte et privilégiée de la population. Cependant il est frappant de constater qu'un premier démarrage d'une utilisation plus large du moulin à eau s'est produit aux IV—VI e siècles de notre ère. Il suffit de rappeler les installations attestées, au Bas-Empire, à Athènes, à Rome, à Arles ou sur la Moselle et il ne s'agit pas seulement d'une simple multiplication des installations. Sur un affluent de la Moselle on rencontre pour la première fois l'utilisation industrielle, il est vrai pour le travail du marbre, c'est-à-dire pour une production de luxe. D'autre part, à Barbegal, près d'Arles, on a l'exemple de la production en grand de farine, donc d'un article de large consommation: sur une pente au haut de laquelle parvenait l'eau d'un aqueduc étaient étagées huit roues à autres qui faisaient tourner des meules. Il est difficile de préciser les raisons, probablement variées, qui ont accru brusquement l'intérêt porté au moulin à eau après trois ou quatre siècles de relative indifférence. Il y eut la transformation interne du système esclavagiste, avec la généralisation du colonat, donc avec le recul de l'emploi de l'esclave en grandes équipes sur de grandes exploitations. En même se maintenaient ou se créaient et se développaient, particulièrement pour les besoins des armées, de vastes agglomérations urbaines qui nécessitaient la production en grand de farine et ce n'est pas un hasard 7

Cf. Ch. Parain,

Rapports

de p r o d u c t i o n e t d é v e l o p p e m e n t

l ' e x e m p l e d u m o u l i n à e a u , L a Pensée, n ° 119, février 1965. Studien

d e s forces

productives:

18

CHARLES PARAIN

si les données littéraires ou archéologiques portent sur d'anciennes ou nouvelles capitales. A cela s'ajoutait, avec le développement de la culture du seigle, un premier glissement de la production agricole vers les blés vêtus, justiciables de la meule et non plus du pilon. Tel est, dans l'état actuel de recherches qui n'en sont encore qu'à une étape initiale, le tableau déjà fort complexe — et en même temps fort révélateur — qu'il semble possible de tracer le développement des forces productives, principalement dans le domaine fondamental de l'agriculture, à l'époque du Bas-Empire.

E. M. S T A E R M A N , M O S K A U

Progressive und reaktionäre Klassen im spätrömischen Kaiserreich Die Frage, ob im spätrömischen Kaiserreich eine progressive Klasse als Trägerin neuer Verhältnisse existierte, spielt eine große Rolle in den Diskussionen über das Wesen des Übergangs von antiker zur feudalen Gesellschaft. 1 Wenn man diesen Ubergang als eine Revolution definiert, so müßte es diese Klasse gegeben haben, die nach der Revolution zur herrschenden Klasse wurde. Wenn aber keine revolutionäre Klasse existierte, so wird auch die These von der Revolution am Ende der antiken Welt zweifelhaft und man kann eher von einem langsamen, einige Jahrhunderte dauernden Übergang zum Feudalismus sprechen. Diese Fragestellung ist das Resultat einer gewissen Reaktion gegen die Theorie der „Sklavenrevolution", die mehrere Jahre in unserer Wissenschaft herrschte, aber sich allmählich als haltlos erwies. Während des Kaiserreiches gab es keine Sklavenaufstände und in den Massenbewegungen, die uns bekannt sind, spielten die Sklaven keineswegs eine leitende Rolle. Man kann sie auch nicht als Träger progressiver Verhältnisse betrachten. Wie manche Quellen zeigen, strebten sie auch nicht nach einer grundsätzlichen neuen gesellschaftlichen Ordnung und konnten sich nur eine Verschiebung der Sklaven an Stelle der Herren und umgekehrt vorstellen. So handelten die Agonistiker und Commodianus, der die Hoffnungen der unterjochten Massen seiner Zeit am markantesten ausdrückte, schildert in seinen Gedichten wie nach dem Siege der „Gerechten" im tausendjährigen Reich die Adligen und Reichen zu Sklaven ihrer ehemaligen Sklaven verwandelt sein werden. 2 Schließlich bildeten die Sklaven, wenn wir sie in ihrem Verhältnis zu den Produktionsmitteln und ihre Stelle im Produktionsprozeß betrachten, überhaupt keine einheitliche Klasse. Die Differenzierung der Sklaven, die am Ende der Republik begann und in den ersten Jahrhunderten des Imperiums fortdauerte, erreichte einen solchen Grad, daß man zumindest im Kaiserreich eher von einem Stande als von einer Klasse reden kann. Schon zur Mitte des zweiten Jahrhunderts bestand dieser Stand aus mehreren sozialen Gruppen: a) die familiae rusticae: ein Teil ihrer Mit1

2

2*

Über die Diskussion s. W. Seyfarth, Soziale Fragen der spätrömischen Kaiserzeit im Spiegel des Theodosianus, Berlin, 1963. A. JI. Kay,, ü p o S j i e M a n a ^ e H H f l PilMCKOä HMnepHH B COBeTCKOÄ HCTOpHOrpaKeHu B opHOHHancax OT 2 8 H 2 9 HHBapH 1784 r. CM. Archives nationales (flanee AN) — H 748 178; CM. TaKHte H. 1 1 0 3 1 . «Malversations des praticiens de village dans le Gevaudan, le Vivarais et les Cevennes. 1 7 0 9 — 1 7 8 8 . »

KpecTbHHCKne

BOCCTSIHHH BO

BpeMH (jipaHqyacKoñ peBOJiioijHii

97

bojih «BejiHKoro CTpaxa», OTiacra onepejKan h x h HeaaBHCHMO o t hhx.® He jimneHHHe 3JIGMGHTOB UOJIHTHieCKOrO C03HaHHH H fleftCTBHH, BOCCTaHHH pa3BepHyjIHCb KaK flBHHteHHe npejK^e Bcero coiyiaJibHoe: Bonpoc o (jteoflajitHHX hobhhhocthx, t . e. o xapaKTepe n03eMejitH0íi co6ctb6hhocth, BLi^BHHyjiCH Ha nepBuit njiaH. Pe3yjibTaTH OToro ^butkbhhh H3BecTHbi — npHMan cbhbi. 3HcLMeHHTHX neKpeTOB 5 — 1 1 aBrycTa 1789 r . c BOCCTaHHHMH KpeCTBHH He Hyw^aeTCH b flOKa3aTejibCTBax. 9 t o 6 m í a nepBan noSe^a KpecTbHH — nacTHa« h oneHb HenojmaH. ^enpeTH nociaBHJiH arpapHHíi Bonpoc b oHi>iii nopa^oK ^hh 6yp>KyaaH0ñ peBonioijhh; ohh npoBoaraacHJiH «nojiHyio OTMeHy $eo«ajibHoro nopnflKa». H a caMOM aejie 3Ty OTMeHy eme npejjcTOHJio 3aBoeBaTb b t h h í c j i h x 6 o h x . J^eKpeTH bh^BHHyjiH KOMnpoMHCCHyio H^eio BHKyna «jteoaajibHHX noBHHHoCTeñ. KpoMe Toro, ohh HHiero He ^aBann HeMe^jieHHO; 3to 6HJia Jirnub neKJiapaiiHH npHHijHnoB Syflymero 3aKOHOflaTejibCTBa. nocjienHHH, 19-h CTaTbH OTKJia«HBajia okohHaTejibHoe perueHiie Bonpoca Ha Heonpe^eJieHHoe BpeMH — «nocjie BHpaSoTKH KOHCTHTyiíHH». K a n H3BecTHO, KoHCTHTyqHH OKOHHaTejibHO SiiJia npHHHTa Jinnib l e p e s flBa ro^a — b ceHT«6pe 1791 r . OjjHaKO, k ofícywfleHHio Bonpoca o (Jeo^ajibHHX hobhhhocthx BepHyjiHCb SHaHHTejihHo paHbme — b «jieBpajie 1790 r . Hto Hte no6y^Hjio 6ypHtya3HHX saKOHOflaTejieü nepecMOTpeTb cpoKH? H h hto HHoe, KaK HOBaH BOJIHa KpeCTbHHCKHX BOCCTaHHÜ, HOBaH «JKaKepHH», H 3Ta npHHHHHaH CBH3b noHTH He OTMeieHa b jiHTepaType o paHiiy3CKOií peBOJiraijiiH, KaK He B0cc03gaHa h CKOJiBKO-imSyflt nojiHan hctophh 3 t h x BoccTaHHÜ. ü o cpaBHeHHio c jieTOM 1789 r . ochobhoíí ijeHTp «HíaKepHH» cmccthjich Ha 3anafl, rjiaBHHM me oSpasoM Ha ioro-3anaa, b oSmnpHHH pañoH Meas^y ropo^aMH Perigueux, Tulle, Aurillac, Montauban, Agen. Ha npoTHweHHH cjienyiomHX ^Byx JieT HMeHHO 3 t o t KJiaccHiecKHñ pañoH MejiKoñ KyjibTypH h H3^ojit>inHHi>i ooTaHeTCH noiTH He3aTyxaromnM onaroM MaccoBoro aHTH«|»eoflajibHoro HBHHteHHH. IlepBHe BOJiHeHHH HaiajiHCb b «enaSpe 1789 r . , a b Teiemie HHBap«-$eBpajiH 1790 r . BQopyjKeHHoe KpeoTbHHCKoeflBHHteHHenpoTHB (JteoflajibHHx noBHHHoCTeñ, 6

IIpHMepHclH XpOHOJIOrHH H JI0KaJIH3aiiHH JieTHHX BOCCTaHHÎÎ 1 7 8 9 r . BO

Franche-Comté 20

HIOJIH—

3 aBrycTa,

BOCCTaHHe B

TaKOBUt: BOCCTaHHe

Bocage, Normandie

H

Bas-Maine

2 3 HIOJIH—6 a B r y c T a ,

6

7

BOCCTaHHe B Hainaut 23 HIOJIH — Hanajio aBrycTa, ,, B Alsace 25 HIOJIH — 31 HIOJIH, ,, B Maçonnais 26 HIOJIH — Haiano aBrycTa, ,, B Dauphiné 28 HIOJIH — 9 aBrycTa, ,, B Vivarais 9 aBrycTa — KOHEIJ aBrycTa. OSmaH KapTHHa JieTHHX BoccTaHHii 1789 npeBocxoRHo Boccoa«aHa )K. JIcfieepoM (G. Lefebvre, La Grande peur, Paris, 1932; CM. Taicwe G. Walter, Histoire des paysans en France, Paris, 1963). Jle^eep He KacaeTCH BOCCTaHHH B 3 O $ H H 3 H B N B A P A , KOTopwe noCJiejlOBaJlH 3a «BejlHKHM CTpaxOM.» O HHX CM. P . Conard, La Grande peur en Dauphiné Paris, 1902; J. Régné, La grande peur en Vivarais, Privât, 1917; Ch. Jolivet, La Révolution dans l'Ardèche (1788—1795). Lyon, 1930. O ^BIIÏKSHHH B Hainaut CM. G. Lefebvre, Les paysans du Nord. 2 e éd., Bari 1959, p. 378—387. Studien

98

A. B. AflO

n o i e r a H X npHBHJierHii cem>opoB, ABopflHCKnx aaMKOB oxBaTHJio Périgord (rji. 06p. Sarladais), Bas-Limousin, Quercy, Agenais, qacTb Haute-Auvergne, Rouergue, Albigeois, HacTb Haute-Bretagne. 7 UJEJIH KpecTbHH H xapaKTep BOCCTaHHâ HCHO o i e p leHH B COOÔmeHHHX COBpeMeHHHKOB : «3TH ÔyHTOBIHHKH myMHO COÔHpaiOTCH nofl ycTpamaiomiiii 3BOH KOJIOKOJXOB, H^yT, nojiHtie npocTH, K CBOEMY c e H t o p y ,

...

TpeôyiOT, HTOÔH HM OT^ajin nepBOHaïajibHHe THTyjiu (titres primitifs), ijeHsyaJibHbie AOROBOPH co BPEMEHH YCTAHOBJIEHHH t.e({)OB, PBYT HX Ha nacra» ; «OHH XOTEJM 6ti, HTOÔH HE ÔHJIO ôojibine HH ceHbopoB, HH BJIA^EJIBIJEB «ECHTHH, . . . a N0T0MY OHH c w r a i O T , HTO BÂ?KHO YHHHTOHTHTB Bce LTEHAYAJIBHTIE H ceHbopuaJibHbie THTYJIH, BOT HTO rjiaBHHM 0Ôpa30M HX 3âHHMaeT».8 C Hanajia HHBapn YIPEFLHTEJIBHOE coôpaHHe c BoapacTaBmeft TpeBoroft BucjiyinuBajio H3BECTHH o HOBBJX BOCCTAHHHX KpecTbHH. 0

HHX roBopnjiH «ENYTATBI, xpaHHTejib N E ^ A ™ (16 HHBapn), JIHHHO HBHBIHHÔCH

B CoôpaHHe Kopojib (4 (jieBpajiH), rrpeAceflaTejib Comité des rapports a66aT T p e r y a p (9 (JeBpajiH). 1 6 HHBapn, 3aTeM eme p a s 2 eBpajiH «enyTaT

OT

jjBopHHCTBa

n e p n r o p a HACTOFTIHBO noTpeôoBaji o6cy»neHHH Bonpoca o EOAAJIBHHX IIOBHHHOCTHX, CCHJiaHCb Ha r p 0 3 H y K ) OnaCHOCTb OXBaTHBHIHX npOBHHIiHH KpeCTbHHCKHX MHTewett. O TOM me

BStiBajin nncbMa H3 BOCCTaBnmx npoBHHijiiM ; «oroHb B c n u x -

Hyji H OH paenpocTpaHHeTCH

...



niicajin 6 HHBapn H3 K e p c n



KoMHTeT

(JieonaiibHHx npaB CJIHHIKOM Me^jiHTejieH B CBOHX ReftCTBHHX... IlpHflHTO K HaM Ha noMomb B03M0JKH0 6bicTpee, Hejib3H TepHTb BpeMeHH... JlK>6aH noeneniHOCTb CoÔpaHHH «aTb TOIHbie yKa3aHHH B OCOÔeHHOCTH OTHOCHTejIbHO peHT HfleCHTHHHe 6y«eT H3JiHHiHeîi».9 2 (jieBpajm CoôpaHiie noTpeôoBaJio HeaaMe;yiHTejibHo npe^CTaBHTb npoeKT ^eKpeTa. 8 eBpajiH nocjie aoKJia.ua Merlin de Douai, OHO H a ï a j i o ero oScyjK^aTb. 1 5 MapTa npoeKT CTaji saKOHOM; flonojiHeHHHft jjeKpeTOM 3 Man, OH onpeflejiHJi nopnnoK OTMCHH H BHKyna (JteoflajibHbix HOBHHHOCTeit. CjioMaB $ e o AaJibHO-HepapxHiecKyro CTpyKTypy noaeMejibHoit CO6CTB6HHOCTH, saKOH coxpaHHJi Bce 9K0H0MHqecKH BecoMHe (JteoAaJibHue IIOBHHHOCTH , npn^aB HM 6ypwya3HOnpaBOByK)

(Jtopiuy

npocTHx

noseMejibHHx

peHT, nofljiejKaBimix aKyjibTaTHB-

HOMy BHKyny Ha oieHb THHÎCJIHX ycjiOBHHx. B c$epe co6ctb6hho nojiHTHiecKoit 3T0Ô JIHHHH arpapHOÔ HOJIHTHKH COOTBeTCTBOBaJI KypC Ha Ty HJIH HHyiO $OpMy KOMnpoMHcea

KpynHOii

SypjKyaaiiH

co

CTapHM

rocnojjCTByiomHM

KjiaccoM B

paMKax K0HCTMTyu,n0HH0tt MOHapxHH H LjeHaoBoro HsSHpaTejibHoro peaurna. TaKHM oôpasoM, H Ha STOT p a s , KaK JICTOM 1789 r . ,

KpecntbHH

npsiMoe daejienue eoccmaeuiux

aacTaBHJio BepHyTbCH K pemeHHio Bonpoca o (JieoaajibHHx HOBHHHOCTHX.

RIPAB^A, aaBoeBaHHH KpecTbHH STHM H orpaHHiHjmcb. IIpHHHTbiH 3aK0H nocenji B 7

OTHocHTejibHo BoccTaHHtt B nepwrope, Kepcn, Ha>KHeM JlHMy3eHe, BepxHeii BpeTaHH HMeiOTCH ny6oiHKai;MI H paÔOTH G. Bussiêre, Sée.

P. Caron,

V. Ford,

M. Vignier,

E. Sol,

H.

^BHJKEHHE B Agenais, Rouergue, Albigeois HE H3yneH0 ; K HeMy OTHOCHTCH MHoro-

HHCJieHHHe «OKyMeHTH B CyMarax Comité de Rapport H Comité de recherches y^pe^HTen bHoro coôpaHHH (AN. D. X X I X . 1 6 , 1 7 , 30, 40, 59, 70; D. X X I X bis, 40). 8

A N . D. X X I X . 70. l i e r a i ^ « HAIIHOHAJIBHOMY coôpaHHio

OT JJBOPHH

Ileparopa

H

Kepcn, 3aperHCTpHpoBaHa 26 (J)eBpajiH 1790 r.; D. X X I X . 59. JKano6a HaqHOHanbHOMy coôpaHHio OT HyxOBHbix JIHI; aôôaTCTBa Bonnecombes OT 19 (jieBpajia 1790 r. * Archives Parlementaires, t. 11, p. 373.

KPEETBHHEKHE BOCCTSLHHH BO BPEMH ^IPAHQYACKOIT peBOJiroijHH

99

AepeBHHX rjiyôoKoe p a s o i a p o B a H H e H Heii0B0Jii>CTB0. Bce KpeCTbHHCTBO pemnTejibHO OTBeprjio 3Ty nonsiTKy K0Mnp0MHcca. B 1791 — 1792 rr. eejibCKoe BOCCTaime oCTaeTCH nocTûHHHHM HBJ16HH6M coi;HajibHoft JKH3HH B CTpaHe. OHH Bce enje He HByieHu H He no^CHiiTaHLi. OTMCTHM j i h i u l Hanôojiee saMeTHue h s H H X . B KOHqe anpejiH BOCCTajiH npoTHB ceHtopoB KpecTbHHe B Saint-Thomas-de-Conac H OKpecTHHX n p n x o « a x (Charente-Inférieure). B Mae-HioHe BO BpeMH 6oJibmoro BOCCTaHHH 3a TaKcaUHio npoflOBOJibCTBHH B HenapTaMenrax Allier, Nièvre, Saône-et-Loire B36yHTOBaBinnecH KpecTbHHe Taione noTpeôoBajiH : n o A i e p K H y T t , I T O 3Ta y c T y n K a TaioKe 6 w j i a

KpecmbimaMu. ^ocTaToiHo

npaMo naenaana ôynmyiouçuMU u eoopyofcenHUMU

3aMeTHTb, HTO flOKJiafl (|>eo,najibHoro KOMHTGTa 6 H J I

npGACTaBJiGH 1 1 a r i p e r a , B c a M u i i p a 3 r a p ^epGBGHCKHX MHTeHteä, K o r ^ a H3BGCTHH o HHX HenpGCTaHHO 3aiHTHBanHCb B CoßpaHiiH H OJJHO 3 a jjpyrHM npHHHMajmcb pGmcHHH o p c n p e c c H H X ( 3 1 aiapTa — B CBHSH C BoccTaHHGM B C a n t a l , 6 a n p e j i H — B Vivarais,

13 anpejiH — B H a u t - L i m o u s i n ,

1 6 a n p e j i H — B jjenapTaMeHTe

Gard).

1 6 a n p e j i H B o n p o c o HBJieH0

onacHocTH.31 ^ a

h BucTynan

npoTHB a a r o B o p -

miiKOB h «khx H p y r u x (IIpoTOKOJiu h nepenncKa 06 bthx coCmthhx cm. A N . F ' 3 6 5 4 1 ; cm. T a K w e ny6jiHKai;HK)flOityMeHTOBb « Bulletin de la société ariègeoise », 1902, t. 9, p. 240—255, 3)

BTopjKeHHe b

(28—30

Mirepoix (Ariège)

aBrycTa)

3 0 0 - 3 1 4 , 388—394). 28

A N . F 7 3666 1 , dossier 445.

20

OTHOcnmyiocH Archives

k

BoccTaHHio nepenHCKy

départ, de

l'Ariège.

La

3681,

h

cyneÔHue M a T e p n a j m

3682.

cm. A N .

Cm. TâKJKG G. Arnaud,

F7 3 6 5 4 ;

Histoire

de la

R é v o l u t i o n dans le département d'Ariège, Toulouse 1 9 0 4 . 30

T a u , Ha a 6 6 a T C T B O

Dommartin

(Pas-de-Calais) jjBHHyjiHCh b pe3yjibTaTe c j i y x a , m t o

oho «cjiyiKHT yôeHtnmeM ajih HenpHCHruyBiuHx cbhhjbhhhkob . . . , hto b 3tom ROMe coSpaHo o p y j K n e , CHapnjKeHHe, npo«OBOjibCTBHe..., hto oho ôy^eT nepenpaBjieHO aMHrpaHTaM h nocjiy>KHT hx KOHTppeBOJiioqHOHHbiM njiaHaM». ( A N . F 7 3690 2 , dossier 2120. H 3 npoTOKOJia CoBeTa ffenapTaMeHTa S o m m e o t 5 HOflOpa 1792). TaKHXcooômeiiHit

MHOHteCTBO. 31

«BMecTe c «ecnoTH3inoM — roBopnjiocb b npoKJiaMai;HH CoBeTa «enapTaMeHTa Y o n n e (4 aBrycTa) — H a « B n r a w r c H . . . HGHâBiicTHaH gabelle, nocTU^Han 6 a p m « H a , «ecHTHHa, aides, ({)eojiajlbHbie n 0 B H H H 0 C T H , banalités, droit de chasse». (Inventaire sommaire des archives départementales postérieures à 1789, t. 1, p. 129).

A. B. A«o

104

BOopyjKeHHtie aKijnn KpecTbHH cneijHajibHO c uejn.ro yHHHToœeHHH ceHbopHajibHHX ß y M a r . B ceHTHÖpe 1792 — Mae 1793 r . M U OTMCTHJIH HX B 11 ^enapTaMeHTax 3 2 (paayMeeTCH, BTH CBefleHHH HenojiHH). H e y«HBHTejibHo, HTO KaKTOJibKo B peayjibTaTe Hoßoro napHJKCKoro BOccTaHHH K BJiacTH npmiiJiH npe^cTaBHTejiH caMoro peiiiHTejibHoro K p n j i a peBOJiKmiioHHoö 6 y p HtyaBHH, OHH nepBHM aejiOM noayMajiH o TOM , HTOÔH BBinoJiHHTb, HaKOHei;, B HOJIHOM o ß i e M e , aiiTHiJeo.najibHLie TpeSoBamra KpecTbHH. B o n p o c BCTan Ha nepBOMHte 3aceAAHHH KoHBeHTa B HOBOM cocTaBe, 3 HIOHH 1793 R. flßa aenyTaTa — Méaulle H, IIOBH«HMOMY, Isoré, npejyiOHtHJiH flOBecra ,no KOHI;a yHHHToœeHiie Ke BbicoKyio ne^Hyio Tpyöy. (IIoKa3aHHH CBHjjeTejieft H flpyrne flOKyMeHTti CM. A N . F 7 368114).

33

B

KapfoHâx

3aK0H0RaTejibH0r0

TaKHX neTimiiii.

KOMHTeTa KoHBeHTa

(noflcepHH

D. I I I )

HeMaJio

105

KpeCTbHHCKHe BOCCTaHHH BO Bp6MH (|)paHIiy3CK0it peBOJIKmHH

iacTO y noAHOHtHH «aepeBa cboôoah» 3 4 , HHorna npH ynacTHH KOMaHRnpoBaHHux b flenapTaMeHTH iJieHOB KoHBeHTa. 35 H e yHunmoMcemie,

a xpanenue

(JeoHajibHBix

THTyjioB CTajio Tenept npecTyiuieHiieM ; j^o TepMHRopa CTaTbH 7 3aKOHa 17 hiojih OTHHj^b He Bcer^a ÔHJia MepTBOfi ôyKBOft. B HiepMimajie I I r . b flOMe François Bonnet, «BopHHHHa hb Béziers, HamjiH npn oÔHCKe nepenJieTemme b tom (Jeo^ajibHiie flOKyMeHTH (actes de reconnaissances HaiHHan c 1713 rofla). ^ e j i o nepe^ajiH b TpHÔyHaji

^HCTpHKTa,

noTOM

flenapTaMeHTa,

KOTopufi

pemmi :

o6bhhh6mhh

y j i m e H b tom, h t o «HaMepeHHO h co 3J1LIM yMHCJioM... cnpHTaji h yranji yKaaaHHBiit t o m , conepjKamHft (JeoRajibHiie T i i T y j i u » ; a TaK KaK oh KpoMe Toro, hbjiheTCH no^oapHTejibHHM, ôhbihhm hbophhhhom h otijom flByx BMHrpaHTOB, «coe^HHeHne 3 t h x oôcTOHTejibCTB» Be^eT k «oÔBHHeHHio ero b 3aroBope npoTHB peBOJiioIJHH».®8

TopîKecTBo HtaKepHH CKa3aoiocb h b tom, hto peBOJHOijHOHHoe npaBHTejibCTBO HajiojKHJio KapaiomyHD p y n y He TOJibKO Ha $eoaajibHHe hobhhhocth h AOKyMeHTH, ho h AsopHHCKHe 3aMKH. 6 aBrycTa h 19 o k t h ô p h KoHBeHT npejinHcaji paspymeHHe

3aMKOB, HMeBXHHX yKpeilJieHHBlii XapaKTep. OieBH^HO, H He3aBHCHMO OT 3TOrO Hapo^HHe np eflCTaBHTejiH b mhcchhx OT^aBaJiH npHKa3bi o pa3pymeHHH 3aMKOB (HeKOTopue 3aMKH 6hjih HeiicTBHTejibHO paspymeHH) — CouthonB Auvergne, Noël Pointe b aenapTaMeHTe Allier, Brival b ^enapTaMeHTe Haute-Vienne, Isabeau h Tallien b Pyrénées, Dordogne, Gironde, Javogue h Bassal b b o c t o i h h x ftenapTaMeHTax, Taillefer b Aveyron h L o t , Barras b Provence. 9 t o ô Mepe ohh npwaaBaJiH He TOJibKO BOeHHBlft, HO H COI^HaJIbHblft, aHTH(|»eOflaJII)HHft XapaKTep. 37 84

CoxpaHHJiHCt. MHoroHHCJieHHHe npoTOKOJiu TaKHX qepeMOHHii; xohom co/KHtetmn $eoAanbHHx THTyjioB HHTepecoBajiCH KoMHTeT 06mecTBeHH0it 6e30nacH0CTH. 6 njnoBH03a I I r. oh pa30cnaji b ^hctphkth 3anpoco6 HcnonnemiH saKOHOB, b tom HHcne saKOHa 06 yHHHTOHteHiiK (JieoRajibHHx «OKyMeHTOB (11-ii Bonpoc pasocJiaHHoft KomhTeTOM aHKeTH). B ôyMarax o6meit nonimnii ecTb otbctbi HeK0T0pHx ahctphktob;

35

86

HanpHMep. «hctphkt Montpellier (Hérault) cooSinaji : «Hhcto (JieosajibHbie TMTyjibi 6bijih coJKHteHH b «Ba npneMa bo BpeMH TopmecTBeHHtix ayTo-sa-$e, KOTopue oôpaTHjm b neneji ropRHHio MHornx $aMHJiHiii> ; jjhctphkt Lodève : «coHOKemie fjieo^aji bhhx THTyjioB ocymecTBJieHo TOJibKO oTnacTH, ho mh npraaraeM ycHjiHH k TOMy, i t o ô h btot 3aKOH He 0CTajiCH 6e3 nocJiejjcTBMii» (AN. F 7 36782). 30 ôpioMepa p,enyTaTbi Cavaignac h Dartigoeyte 0praHH30BajiH npas^HHK Pa3yMa b ropofle Auch (Gers). rpoMa^Hbift KOCTep pa3ji0»tnjin Ha riJiomaflH, tfieoAaJibHbieTiiTyjibiropejiH B HeM BMeCTe C MOmaMH, CTaTyHMH CBHTbIX H HHHMH npeflMeTaMH Ky.TbTa. «Bcio HOMb — aohochjih senyTaTH — npoAOJiwajiacb KapMaHtoJia BOKpyr 3Toro (j>HjiocoCKoro KOCTpa, HCTpeÔHBinero cpaay CTOJibKO 3a6ny)KaeHHfti>. (Actes du Comité de Salut public », publ. par A. Aulard, t. 8, p. 663). Bonnet 6biJi oTnpaBneH b IlapHJK b peBOJHoqHoiiHbift TpnôyHaJi; mu He 3HaeM Hcxo^a 3Toro flena (AN. D. I I I . 103, dossier 11. H3 npoTOKOJia yronoBHoro TpnSyHajia AenapTaMema Hérault ot 23 npepnanH I I r.). IIpHMep Bonnet He 6hji e;;HHCTBeHHbiM _ H3BecTHH npyrHe cjiyqaH apecTa h npeflaHHH c y « y jihu;, y K0T0pHX 6ujih oÔHapyweHU (|eosaJI bHbie THTyjiH.

37

B r i v a l npnMO HanoMHHn o (fieoAajibHbix p e H T a x , n o R ^ e p K H y B (npHKa3 o t 8 HHB03a I I r . ) ,

HTo «SecnopHflKii, BH3BaHHbie HBAbixawmeft apncTOKpaTHeit h yMHpaiomHM $anaTH3-

106

A . B. A n o

OcoôeHHO

BHpaBHTejibHO 06

oSmeft aTMOC(J)epe

bpgmghh roBopHT

eme

ojjhh

$aKT — caMa «HtaitepHH», B O o p y w e H H o e ceJitCKoe BoccTaHwe npoTHB $eoflajiH3Ma, CTano paccMaTpHBaTbCH

Tenepb

Kan n o x B a j i b H u i t aKT naTpHOTH3Ma,

rpaataaH-

CKoro pBeHHH, OKOHiaTejibHo CTajio He «SyHTOM», ho «cbhthm BOCCTaHHeM». Tan HMeHHO h BHipaaHJiCH HaiiiiOHaJiBHbiii areHT jtfiCTpHKTa Aurillac ( C a n t a l ) b n i i c b M e

IIpoHOBOJibCTBeHHoii komhcchh KoHBeHTa:

«B

Mapie

1792 r . HMejio MecTO CBHToe

BOCCTaHHe (la sainte insurrection) npoTHB apHCTOKpaTHH 38 , MHorne aaMKH y T p a r a j i n

CB010

opMy (perdirent leur f o r m e ) , a coflepjKaHHe n o r p e ô o B

peKBHSHQHH HeCHaCTHHMH, KOTOptie

OnjiaTHJIH

erO

CBOHM

6hjio

no^BeprayTO

TpynOBHM nOTOM. . ,» 39

MaMeHeHHe TOHa no cpaBHeHHio c 1 7 8 9 — 1 7 9 2 r . 6beT b r j i a a a —

«6yHT» CTaji

«cbhthm BOCCTaHHeM», « r p a 6 e > K » — «peKBH3HL(Hefl», aaMKH He 611JIH p a a o p e H i i — ohh jiHHib «yTpaTHJiH CBOIO opMy». 3aMeiaTejibHa b stom oTHomeHHH h neTHijHH, n p i i c j i a H H a n KoHBeHTy b HHBoae I I r . hs KOMMyHti I g é , toô caMoft KOMiuyHH, KOTopan b Hiojie 1789 r . n e p B o f t aaCwjia b HaôaT h j j a j i a cnreaji k 3HaMeHHTOMy BoccTaHHK» b M a ç o n n a i s . B o c c T a H H e T o r ^ a ôbijio cyp0B0 no^aBJieHO, HecKOJibKO KpecTbHH ôbiJiH K a s H e H H . 4 0 H bot T e n e p b , bo I I r . p e c n y ô J i H K H , KpecTbHHe stoîî KOMMyHH noTpeôoBajiH OT KoHBeHTa otfumnaJibHO npHSHaTb, HTO OHa «aacjiyîKHJia

6jiar0flapH0CTb OTeiecTBa, TaK Kan b

1789 r . aaÔHJia

CHrHaJi B c e o ô m e r o BoccTaHHH npoTHB

rapaHHH

b HaôaT h «ajia

nepBHii

(jteoflajibHoro p e w H M a » ; neTHijHH

TpeôoBajia TaKwe «peaônjiHTHpoBaTb naMHTb H e c i a c T H i i x , KOToptie 6 h j i h

cxBa-

t e H H h b 24 l a c a KaaHeHH».41

H, HaKOHeq,

caMoe ochobhoc — BawHeftmHM p e 3 y j i b T a T 0 M a o c T H r a y T o i t K p e c T b 6ujio to, i t o Kohbcht He TOJibKO pemHTejibHO OTBepr Bee n o n u T K H nepecMOTpeTb saKOH 17 hiojih. Ph^om flonojiHHTejibHbix nocTaHOBJieHHii Meatny OKTHÔpeM 1793 h HioHeM 1794 r . oh HCTOJiKOBaji aaKOH TaKHM o ô p a a o M , hto, b HHaMH n o ô e f l b i

c y m H o c T H , yTHHtejiHJi e r o y c n o B H H , p a c n i n p H B o S t e M n o f l B e p r H y T b i x a K c n p o n p n a -

ijhh noBHHHOCTeft, o6peMeHHBinHx KpecTbHHCKyio

aeMJiio.

^enpeT 29

(JwiopeajiH

HaHec OKOHHaTejibHbiii y f l a p : « t o u t e r e d e v a n c e ou r e n t e e n t a c h é e o r i g i n a i r e m e n t d e la plus l é g è r e m a r q u e d e f é o d a l i t é est s u p p r i m é e sans i n d e m n i t é . . . » HMeHHO B 8TOM 3aBOeBaHHH, yHHKaJIbHOM B HCTOpHH ÔypHtyaBHHX peBOJIIOHHft 3 a n a f l a , c n p e R e j i b H o f t OTHeTJiHBOCTbK» OTpaaHJiacb « B e B a w H e f t u u i e x a p a K T e p H u e He hto HHoe, KaK BoccTaHOBjieHue cTapora n o p « « K a , rcchthh, H HTO Ba>KHO pa3pyiHHTb ÔMBUIHe 3aMKH, KOTOpbie B 3THX O0CTOHCTanH 6 h npiiôewiimaMH hjih bthx H e r o f l n e B . . . » (A. Fray-Fournier, Le

mom,

HMeioT ueabio

peHT

H

CapmHH,

TenbCTBax

département de la Haute-Vienne pendant la Révolution, t. 2, Limoges, 1909, p. 128—129).

0 60JIBII10M

KpecTbHHCKOM BOCCTaHHH

B

Haute-Auvergne

B

38

P e i b HfleT

3*

T e x t e s et documents locaux pour l'enseignement de l'histoire, n ° 1 0 , R é v o l u t i o n de 1789,

MapTe 1792 r .

04

06

Aurillac, s. d.

3T0M CM.

G. Lefebvre, L a grande peur, p. 132—135; F. Evrard, Paysans maçonnais et

brigandages de 1789, « Annales de Bourgogne », 1947, t. X I V , no. 73 — 74. 41

A N . D. I I I . 226, dossier 28. KoHBeHT aacny man neTHqmo 29 HHB03a h n e p e c j i a j i ee b

3aK0H03aTejibHHft Komhtct h Komhtct ho mbhob rjih HeMejiJieHHoro peuieHHH. M u He 3HaeM j;ajii>Heiimero xojja ^ e n a , ho, HecoMHeHHO, hto KOMMyna I g é o n e H t tohho BtiCpana BpeMH « j i h CBoero TpeôoBaHHH h BnoJiHe Morna paccHHTHBaTb Ha y c n e x .

KpeCTbHHCKHe BOCCTaHHH BO Bp6MH $paHIiy3CK0ft peBOJIIOIJHH

107

qepTti (J>paHi;y3CKoii peBOJirouHH: BO-nepBux, HajiHine b He® MomHoro MaccoBoro OÔmeKpeCTbHHCKOrO flBHJKeHHH, K0T0p0e OÔteAHHHJIO CejlbCKyiO o6mHHy B 6opb6e nporaB eoflajiH3Ma, HecMOTpn Ha rjiyôoKO npoHHKmyio b ee He^pa coi^HajibHyro AH(j»(|»epeHi;HaiiHio; BO-BTopux, coioa c k p g c t b h h c t b o m , Ha KOTopuft pemHJiacb 4 ) P a H I < y 3 C K a H 6ypsKya3HH — x o t h caM b t o t coioa He 6 h j i jihhich ocTpux npoTHBopeHHft, h jiHinb caMan peBOJUOUHOHHa«, «HKOÔHHCKan» iacTb 6yp>Kya3HH KaTeropHieCKH oTBeprjia Bcnnyio nonbiTKy i i o h c k o b KOMnpoMHcca c apncTOKpaTHeit, noniJia BMecTe c KpecTbHHaMH b jjejie yHHiTOHieHHH eoAaJii>HHx noBHHHOCTeii KOHqa. Bee b t o BH^ejineT paHi;y3CKyio peBOjiioijHio cpeflH^pyrHX 6ypHtya3HHx peBOJiroijHii HOBoro BpeMeHH h onpe^eJineT ee rjiyôoKoe OTJinHHe o t peBOJiroiiHH aHrjiHftcKoft, xapaKTepHoft nepToii KOTopoft 6 h j i h m c h h o KOMnpoMncc MeJK^y 6yp>Kya3Hett h nacTbio «BopHHCTBa h nopaiKeHHe KpecTbHH. Bee 3HaieHHe noSe^u (jjpaimyscKHx KpecTbHH, KaK h Macnrraô nopaweHHH h x coÔpaTbeB no Ty CTopoHy Jla-MaHina nofl^epKHBaeTCH jopHflHiecKoil sBOJUOijHeii KonHrojib«a (copyhold, tenure by copy) — 3Toro aHrjiHiiCKoro BapwaHTa KpecTbHHCKoro «epwaHHH — b X V I I — X V I I I bb. K a n pas Hesa^ojiro a o t o t o , KaK (JipaHnysCKan peBOJiroqHH b 1792 — 1794rr. aaKOHORaTejibHO npiiaHaJia KpecTbHH HSHanaJibHHMH COÔCTBeHHHKaMH CBOHX SeMejlb, a OÔpeMeHHBHIHe HX nOBHHHOCTH — peayjlbTaTOM ABopHHCKûû ysypnamra, «BJioynoTpeÔJieHHH 4»eo,najii>HHM MorymecTBOM» (« 1' abus delà puissance féodale»), BMAHeftiUjift aHrjiwiiCKHft i o p h c t X V I I I b . W . Blackston 060CH0BHBaji npHMO npoTHBonojiojKHyio flOKTpHHy no OTHomeHHio k Konnrojibfly, jKejian HaiiTH npaB0B0e oôocHOBaHne no«xoflHBmefi k KOHijy 3KcnponpHai;HH aHroiHHCKHX KpecTbHH. O h cnnTaji Konnrojibfl jinrnt HacjiejpieM KpenocTHoro, BMJiJiaHCKoro flepHiaHHH; mmaKiix iiaHaiajibHux npaB Ha 3Ty seMJiio 3a KpecTbHHaMH o h He npH3HaBaji, a Te BJia^ejibiecKHe npaBa Ha Konnrojib«, KOTopue KpecTbHHe Bee Hte HivieJiH, ciHTaji KpecTbHHCKoii yaypnaijHeii, coBepmeHHOft npn nonycTHTejibCTBe jiopflOB h KopojieBCKHx cy^eft. 42 42

a H a j i H 3 T p a m a T a Blackston cm. b K H H r e B. M. JlaepoecKuu, HccJiefloBaHHH no arpapHOii hctophh Ahtjihh X V I I — X I X bb., MocKBa, 1956, CTp. 101 h cae«.

HiiTepecHtitt

V.M. DALIN, MOSKAU

Babeuf und der „Cercle Social" Rolle und Platz des „Cercle Social" in der Geschichte der Ideen der Großen Französischen Revolution sind bis heute eine der von der Forschung am stiefmütterlichsten bedachten Fragen geblieben. Bekanntlich hat der „Cercle Social" bereits 1843 die Aufmerksamkeit von Marx auf sich gelenkt, als er sich erstmalig mit der Geschichte der Großen Französischen Revolution zu beschäftigen begann. Angaben über ihn lieferte ihm höchstwahrscheinlich die vierzigbändige Histoire parlementaire de la Révolution française von Bûchez und Roux 1 , die Marx aufmerksam studiert hatte. Bûchez, einer der Begründer des sogenannten „sozialen Christentums", zeigte großes Interesse für den „Cercle Social" und für einen seiner Begründer, für den Abbé Claude Fauchet, den Bûchez für einen der wichtigsten Vorgänger seiner Ansichten hielt. In der „Heiligen Familie" äußerte Marx die Vermutung, daß im „Cercle Social" die Bewegung begann, die „die kommunistische Idee ins Leben" gerufen hat. Man muß betonen, daß Marx diese Einschätzung der Rolle des „Sozialen Klubs" nie mehr wiederholt hat. Es gibt deshalb unseres Erachtens keinen Grund für die Annahme, daß die Äußerung in der „Heiligen Familie" zu einer Zeit, als er das Studium der Geschichte der Französischen Revolution eben erst aufgenommen hatte und die Herausbildung der Ideen des wissenschaftlichen Sozialismus noch nicht völlig abgeschlossen war, unbedingt seine endgültige Meinung zur Rolle des „Cercle Social" darstellt. Marx und Engels haben wiederholt und aus verschiedenen Anlässen Gedanken über die Französische Revolution geäußert und sind ständig auf das Studium ihrer Geschichte zurückgekommen. Noch in den siebziger Jahren hat Marx einen außerordentlich eingehenden Konspekt zu Avenels Buch Lundis révolutionnaires, das 1875 erschienen war a , angefertigt. Seit dem „Kommunistischen Manifest" haben er und Engels in allen ihren Werken ständig Babeuf als Vertreter des kommunistischen Gedankenguts in den Jahren der Französischen Revolution betrachtet. Es ist außerordentlich 1

2

BuchezjRoux, Histoire parlementaire de la Révolution française, Paris 1834. — Uber den „Cercle Social" siehe besonders Bd V I I — X . Vgl. zu dieser Frage die sehr wertvollen und zutreffenden Bemerkungen von W. Markov, Jacques Roux und Karl Marx, Berlin 1965 ; ders., Jacques Roux oder vom Elend der Biographie, Berlin 1966. G. Avenel, Lundis révolutionnaires, Paris 1875. Vgl. C. I f . Jleeuoea/M. M. CuiiejibnuKoea, PyiiomicHoe HacjiejjcTBO MapKca B oßjiacTH HCTopHH, in: MapKC-HCTopHK, Moskau 1968, S. 545 — 602, bes. S. 588 — 596.

Babeuf und der „Cercle Social"

109

charakteristisch, daß W. I. Lenin in seinem Konspekt der „Heiligen Familie" diese Stelle so darlegte: „Die Französische Revolution brachte die Ideen des Kommunismus hervor (Babeuf), die bei einer folgerichtigen Ausarbeitung die Idee einer Neuordnung der Welt enthielten. 3 Wenn man auch den „Sozialen Klub" nicht als ein Kettenglied in der Geschichte der Entwicklung des kommunistischen Gedankenguts betrachten darf, wäre es trotzdem völlig falsch, seine wenn auch vorübergehende, kurzfristige, aber unbestrittene Rolle als eine Art Laboratorium sozialer Gedanken zu leugnen. 4 Wir haben uns nicht die Aufgabe gestellt, die Geschichte des „Cercle Social" insgesamt zu beleuchten. Wir wollen uns hier darauf beschränken, lediglich eine spezielle, aber höchst interessante Frage zu klären — das Verhältnis Babeufs zum „Cercle Social". Hat Babeuf von der Existenz des „Sozialen Klubs", der bekanntlich von Nicolas de Bonneville und Claude Fauchet geleitet wurde, gewußt? Hat diese Organisation die Formierung seiner kommunistischen Weltanschauung beeinflußt? Die erste Frage, zu der bis jetzt keinerlei Angaben existieren, können wir heute positiv beantworten. Nicht später als im Sommer 1790 erfuhr Babeuf vom Erscheinen der Zeitung N. Bonnevilles „Bouche de fer" („Eiserner Mund"). In zahlreichen Untersuchungen, die der Geschichte des „Sozialen Klubs" gewidmet sind, rief die Frage über den Zeitpunkt ihres Erscheinens Meinungsverschiedenheiten hervor. S. Lacroix kam zu dem Schluß, daß die Zeitung als solche im Oktober 1790 zu erscheinen begann, daß ihr aber das „Bulletin de la Bouche de fer" bereits im 3 4

B. H. JlenuH, Œ>HJi0C0CKHe TeTpaflH, Moskau 1947, S. 26. Die Geschichte des „Cercle Social" ist bis jetzt nicht geschrieben. Nach Bûchez zeigte S. Lacroix großes Interesse am „Cercle" (S. Lacroix, Actes de la Commune de Paris, Bd VII, Paris, 1898). Er sammelte eine Reihe von Dokumenten über Fauchet und die Tätigkeit des „Cercle". Über N. Bonneville, einen anderen Führer des „Cercle Social", hat A. Mathiez gearbeitet, der besonders den Einfluß, den die deutschen Illuminaten auf ihn ausübten, unterstrich (s. besonders seine Rezension zum Buch von Le Forestier, Les illuminés de Bavière et la franc-maçonnerie allemande, in: Annales Révolutionnaires, Bd. VIII, S. 432—437). In der Sowjetliteratur sind am interessantesten die Studien von V. S. Alekseev-Popov, Geschichte der Gründung des „Cercle Social" (Arbeiten der Odessaer Staatlichen Meönikov-Universität, Bd 144, Jg. XC, Serie der historischen Wissenschaften, Jg. 4, Odessa 1954; ders., Der „Cercle Social" und seine politischen und sozialen Forderungen, im Sammelband zum 75. Geburtstag des Akademiemitgliedes V. P. Volgin „Aus der Geschichte der sozialen und politischen Ideen", Moskau 1955; ders., „Der soziale Klub" und die demokratisch-republikanische Bewegung des Jahres 1791 (Gedenkband für das Akademiemitglied E. V. Tarlé „Aus der Geschichte gesellschaftlicher Bewegungen und internationaler Beziehungen", Moskau 1957). Es scheint uns, daß die Tätigkeit des „Cercle Social" in den Arbeiten von V. S. Alekseev-Popov vielleicht etwas einseitig beleuchtet wurde. Vgl. auch A. B. Ioannisjan, Kommunistische Ideen in der Großen Französischen Revolution, Moskau 1966, S. 17—53 ; R. B. Rose, Socialism and the French Revolution. The Cercle Social and the Enragés (Reprinted from the „Bulletin of the John Ryland's Library", Bd 41, Nr 1, Sept. 1958).

110

V. M. Dalin

Sommer vorangegangen war. 5 Und dieses „Bulletin" war offensichtlich Babeuf bekannt. Unter seinen Papieren, auf der Rückseite eines Briefes, der vom Juli 1790 datiert war, fand sich ein umfangreiches Verzeichnis von Pariser Zeitungen. Darin sind erwähnt „Moniteur universel", die Zeitungen von Linguet („Annales politiques, civiles et littéraires du X V I I I e siècle"), Gorsas („Courrier de Versailles"), Marat, Prudhomme („Révolutions de Paris"), Mercier („Annales patriotiques"), C. Desmoulins („Révolutions de France et de Brabant"), „ L e Postillon", „Journal gratuit". An erster Stelle steht in diesem Verzeichnis „Bouche de fer". 6 Man kann annehmen, daß dieses Verzeichnis zur selben Zeit aufgestellt wurde, als der Brief abgeschickt wurde, nach der Befreiung Babeufs aus der Conciergerie. Die Tatsache, daß neben den Titeln einiger Zeitungen, darunter „Bouche de fer", auch die Adressen der Redaktionen standen, zeugt vielleicht davon, daß Babeuf sich persönlich dorthin wenden wollte. Babeuf wußte nicht nur von der Existenz der „Bouche de fer", sondern auch vom „Cercle Social". Er war ebenso mit jener umfangreicheren und jedermann zugänglichen Organisation „Weltkonföderation der Freunde der Wahrheit" („Confédération universelle des Amis de la vérité") bekannt, deren richtungweisender und leitender Kern in Übereinstimmung mit den Prinzipien und der Struktur der Freimaurer-Organisationen der „Cercle Social" war. 7 Die erste Sitzung der Konföderation fand am 13. Oktober 1790 statt. Diese wie auch die folgenden Sitzungen, in denen der „Generalstaatsanwalt der Wahrheit", S. Lacroix, Actes de la Commune de Paris, B d V I I . Siehe auch B. C. AjieKceee-üonoe, HcTopHH ocHOBanHH «CoquajitHoro KpyjKKa» («Tpyflbi OfleccKoro rocyjjapcTBeHHoro yHHBepcHTeTa hm. H . H . MeimiKOBa», B d l 4 4 , Serie der historischen Wissenschaften, Nr 4. Odessa 1954). 8 Zentrales Parteiarchiv beim Institut für Marxismus-Leninismus, Moskau (ZPA IML), F 223 Nr 1 3 3 : Bouche de fer, près l'A. N. (Assemblée Nationale — V. D.) L e Moniteur universel Annales du X V I I I siècle, par Linguet Journal de Gorsas Journal gratuit, près la porte de S. Martin Révolutions de Paris Révolutions de B r a b a n t Postillon Marat Mercier (ZPA IML, 45 B III). ' Vgl. die Rezension von Mathiez zu Le Forestier. Nach der Meinung von Mathiez stand N. Bonneville (via Bode) unter sehr starkem Einfluß deutscher linker Freimaurer, der „ I l l u m i n a t e n " Weishaupts. B. C. AjieKceee-üonoe, «CoiiHajibHHft Kpy>KOK» h ero noJiHTHHeciine h coijHaJibHbie TpeßoBäHHfl, (im Sammelband «Ha HCTopHH coijHan bHO-noïïHTHiecKHx Hfleit», Moskau 1955), wo die Frage der Verbindungen Bonnevilles zu den Illuminaten nicht genügend beleuchtet wurde.

s

Babeuf und der „Cercle Social"

111

Claude F a u c h e t , a u f t r a t u n d ü b e r den „ G e s e l l s c h a f t s v e r t r a g " R o u s s e a u s sprach, zogen die A u f m e r k s a m k e i t in der H a u p t s t a d t auf sich. „ I c h k e h r e v o n einer S i t z u n g des n e u e s K l u b s z u r ü c k " , schrieb d a s Mitglied der K o n s t i t u i e r e n d e n V e r s a m m l u n g , Marquis de F e r n e r e s , a m 24. O k t o b e r 1790, „ d e r K l u b der F r e u n d e der W a h r h e i t oder Cercle Social B o u c h e de fer h e i ß t . Dieser K l u b t r i f f t sich i m P a l a i s R o y a l . . . , m a n g e l a n g t d o r t h i n m i t E i n t r i t t s k a r t e n . E s w a r e n vier- oder f ü n f t a u s e n d Menschen a n w e s e n d . Der W a h n s i n n , der in j e d e r a n d e r e n E p o c h e lächerlich erschienen wäre, k a n n j e t z t gefährlich w e r d e n . E s h a n d e l t sich u m die R ü c k k e h r zur Gleichheit u n d B r ü d e r l i c h k e i t u n t e r d e n Menschen u n d u m K o r r e s p o n d e n t e n k o m i t e e s in der g a n z e n Welt A b b é F a u c h e t ist G e n e r a l p r o k u r a t o r , u n d er p r e d i g t in m y s t i s c h e r S p r a c h e die D o k t r i n der Q u a k e r , Liebe u n d V e r e i n i g u n g . . . Ich weiß n i c h t , wie sich die N a t i o n a l v e r s a m m l u n g u n d insbesondere der J a k o b i n e r k l u b zu dieser n e u e n D o k t r i n v e r h a l t e n . Das alles ist d a z u a n g e t a n , E n t h u s i a s t e n u n d V e r r ü c k t e h e r v o r z u b r i n g e n , die Z e i t e n der W i e d e r t ä u f e r , H u s s i t e n u n d P u r i t a n e r w i e d e r z u b e l e b e n . Ü b e r diese unglückliche S t a d t P a r i s k a n n m a n sagen, was der Prediger Salomos ü b e r die P h i l o s o p h e n m e i n t : „ G o t t wird sie d e m W a h n s i n n ihrer G e d a n k e n a u s l i e f e r n . " 8 Die ersten Sitzungen der K o n f ö d e r a t i o n f a n d e n W i d e r h a l l n i c h t n u r in der H a u p t s t a d t , sondern a u c h in der P r o v i n z u n d , was f ü r u n s a m i n t e r e s s a n t e s t e n i s t , in der P i k a r d i e , in B a b e u f s N a c h b a r s c h a f t , in N o y o n , in derselben S t a d t , wo d a m a l s sein „ P i k a r d i s c h e r K o r r e s p o n d e n t " g e d r u c k t w u r d e . Der G r ü n d u n g der K o n f ö d e r a t i o n ging ein K o n f l i k t zwischen d e m Maire v o n P a r i s Bailly u n d Claude F a u c h e t v o r a u s . F a u c h e t h a t t e g e m e i n s a m m i t Bonneville der e r s t e n P a r i s e r s t ä d t i s c h e n S e l b s t v e r w a l t u n g , die n a c h d e m 14. J u l i e n t s t a n d e n w a r , a n g e h ö r t u n d w a r 1790 n i c h t wiedergewählt w o r d e n . Die O p p o s i t i o n s g r u p p e „ e h e m a l i g e r D e p u t i e r t e r der Pariser K o m m u n e " m i t F a u c h e t a n der Spitze gehörte der „ W e l t k o n f ö d e r a t i o n " a n u n d setzte ihren K a m p f gegen die S t a d t v e r w a l t u n g fort. 9 In diesem Z u s a m m e n h a n g erschien in Nr. 34 der „ B o u c h e de f e r " (Dezember 1790) eine Notiz, in der „ d i e U n d a n k b a r k e i t " der H a u p t s t a d t gegenüber ehemaligen 8

Marquis de Ferneres, Correspondance inédite 1789, 1790, 1791, Paris 1932, S. 305-306. Am 30. Nov. schrieb Ferriéres wieder, daß sich im Cercle Social „viertausend oder fünftausend Menschen versammeln..., daß aber die Mehrzahl aus Liebhabern dummer Späße, die sowohl den Klub als auch den großen Generalprokurator, Abbé Fauchet verspotten, besteht" (ebenda, S. 329). Im Oktober 1790 schickte Botschafter Simolin ein reaktionäres Pamphlet „Grande dénonciation des ministres par les comités de l'Assemblée Nationale" nach Petersburg, in dem das Auftauchen der „Konföderation" vermerkt wird: „Der Jakobinerklub hat ein neues Kind geboren: es ist ein auffallendes Ungeheuer, das einen riesigen Buchstaben mit eisernem Mund (Bouche de fer — V. D.) darstellt. Man kann es im Zirkus Palais-Royal aller 3 Monate für 9 Livres sehen" („Grande dénonciation", p. 3, note). Nach diesen Mitteilungen zu urteilen, erfolgte der Zutritt zu den Sitzungen der Konföderation gegen Bezahlung. Das ist wichtig für die Beantwortung der Frage über die soziale Zusammensetzung der Besucher der Versammlungen der Konföderation. Die Eintrittskosten mußten plebejische Elemente von dieser Organisation fernhalten. * S. Lacroix, op. cit., p. 444—453.

112

V . M. DALIN

Mitgliedern der K o m m u n e m i t der H a l t u n g der Provinz verglichen wurde. Nach den W o r t e n des Autors der Notiz gelangten viele Briefe an die Zeitung, in denen „den guten B ü r g e r n , die sich an das K o m i t e e der W e l t k o n f ö d e r a t i o n der F r e u n d e der W a h r h e i t angeschlossen h a t t e n " , Anerkennung ausgesprochen wurde. 1 0 Sofort n a c h dieser Notiz wurde ein B r i e f veröffentlicht, der von allen Mitgliedern des Direktoriums des Distrikts Noyon m i t „dem Geistlichen M. C o u p é " an der Spitze unterzeichnet war. In diesem B r i e f wurde b e s t ä t i g t , daß ein B e r i c h t über die Arbeiten der D e p u t i e r t e n v e r s a m m l u n g der Pariser K o m m u n e v o m 25. J u l i 1 7 8 9 bis O k t o b e r 1790 eingegangen war und darin seine T ä t i g k e i t außerordentlich hoch eingeschätzt wurde: „ S i e sind zu unserem Vorbild und F ü h r e r geworden, und wir schwören der K o n f ö d e r a t i o n ewige T r e u e . Nehmen Sie den Ausdruck unserer Verehrung für die V e r t r e t e r der Pariser K o m m u n e entgegen; die Geschichte h a t niemals ein ruhmreicheres Vorbild g e k a n n t . . . vernehmen Sie unter den Beweisen der E r g e b e n h e i t und der Begeisterung, die Ihnen aus allen Teilen zugehen, die S t i m m e des Distrikts Noyon, die von Anerkennung und T r e u e z e u g t . " 1 1 Das enge Verhältnis zwischen Coupé und B a b e u f in den ersten J a h r e n der R e v o lution ist allgemein b e k a n n t . Coupé war A b o n n e n t des „ P i k a r d i s c h e n Korrespond e n t e n " , sein Name ist im Briefwechsel Devins m i t B a b e u f zu finden. H a t irgendj e m a n d die Aufmerksamkeit B a b e u f s auf diesen Brief Coupés gelenkt, oder h a t Coupé selbst während der häufigen Reisen B a b e u f s nach Noyon m i t ihm gesprochen? H a t B a b e u f persönlich an den Sitzungen der Konföderation während seines zweiwöchigen Aufenthaltes in Paris im Dezember 1790 teilgenommen, als das Interesse für diese Versammlungen in der H a u p t s t a d t besonders groß war? Alle diese F r a g e n können wir nicht b e a n t w o r t e n . W i e es auch sein mag, so ist doch ein D o k u m e n t B a b e u f s , sein P r o t e s t an das Direktorium des D e p a r t e m e n t s S o m m e v o m 26. Dezember 1 7 9 0 m i t den W o r t e n u n t e r s c h r i e b e n : „ B a b e u f , von der Gesellschaft der W e l t konföderation der F r e u n d e der W a h r h e i t . " 1 2 Diese beiden letzten Zeilen sind durchgestrichen, lassen sich aber sehr leicht lesen. Sie stellen einen gewichtigen Beweis dafür dar, daß B a b e u f von der E x i s t e n z der „ K o n f ö d e r a t i o n " gewußt h a t . Gleichzeitig stehen wir vor einem R ä t s e l : W a r u m h a t B a b e u f die Zeilen über die Zugehörigkeit zur Konföderation gestrichen? H a t t e er E n d e 1790 irgendwelche Gründe, die ihn h ä t t e n veranlassen können, seine Solidarität mit ihr n i c h t zuzugeben? Oder genauer : k o n n t e n nicht bereits damals die S t i m m e n , die sie von links kritisierten — wir k o m m e n sogleich darauf zu sprechen — das Verhältnis B a b e u f s zur „ K o n f ö deration der Freunde der W a h r h e i t " beeinflussen? Auf j e d e n F a l l ist diese J a h r e n der R e v o l u t i o n bis noch einmal, i m April 1 7 9 3 chals m i t einem Brief an 10 11 12

E r w ä h n u n g der Konföderation die einzige. In all den 1 7 9 4 ist der N a m e Bonnevilles im A r c h i v B a b e u f s n u r anzutreffen, als sich B a b e u f auf A n r a t e n S y l v a i n MaréBonneville gewandt h a t t e . E r ist zu einem Z e i t p u n k t

„Bouche de fer", Nr. 34, p. 543. Ebenda, S. 543—544. Der Brief ist datiert „Noyon, den 6. Dezember 1790." ZPA IML, 76 B I („Babeuf de la société de la Confédération universelle des amis de la vérité").

B a b e u f u n d der „ C e r c l e S o c i a l "

113

geschrieben, als Babeuf sich wegen Verfolgungen, die vom Distrikt Montdidier und vom Direktorium des Departements Somme ausgingen, in Paris aufhielt. Babeuf berichtete Bonneville von seinem Mißgeschick und teilte ihm mit, daß er beschlossen habe, sich um Hilfe an alle diejenigen zu wenden, die er dazu für fähig halte. Solch ein Mensch schien ihm Maréchal zu sein, den er „vom Hörensagen kannte" (connaissais de réputation 13 ). Babeuf bat Maréchal, für ihn in der Druckerei Prudhommes Arbeit als Setzer zu finden. Das erwies sich als unmöglich, weil Prudhomme wegen des Weggangs von Arbeitern zur Armee den Umfang der Arbeiten in seiner Drukkerei reduziert hatte und sich auf die Herausgabe nur einer Zeitung, der „Révolutions de Paris", beschränken wollte. „Unter diesen Umständen — schreibt Babeuf — sagte mir Sylvain Maréchal : Wenden Sie sich in meinem Namen an meinen Freund Bonneville, legen Sie ihm alle Fakten dar, die sie mir geschildert haben, und ich bin sicher, daß er nicht gleichmütig bleiben wird. Ich hoffe, daß er Ihre Angelegenheit in der Druckerei )Cercle Social( regeln kann. Und nun befolge ich seinen Rat. Sie lernen meine Geschichte und die unglückliche Lage meiner Familie kennen. Der Schriftsteller und Philosoph, der Apostel der heiligen Doktrin der Menschlichkeit und des Patriotismus, der ihre Verkörperung darstellt, wird dem jungen Vater einer unglücklichen Familie einen Dienst, den er, wie mir scheint, leicht erweisen kann, nicht verweigern. Ich hoffe, daß ich nicht umsonst die Güte Ihres Herzens anflehe." Außer dem Satz, in dem Bonneville als „Schriftsteller und Philosoph", als „ein Apostel der heiligen Doktrin der Menschlichkeit und des Patrotismus" 1 4 charakterisiert wird, läßt der Brief keine Schlußfolgerungen auf eine ideelle Verwandtschaft zu. Im reichhaltigen Archiv Babeufs finden wir keinen Auszug aus der Zeitung „Bouche de fer", während es darin zahlreiche Exzerpte aus Prudhommes „Révolutions de Paris", Merciers „Annales patriotiques" und Marats „Freund des Volkes" gibt. In den bibliographischen Notizen mit dem Titel „Über das Agrargesetz", die Babeuf 1791 gemacht hatte, gibt es Hinweise auf Pariser Zeitungen und eine ganze Reihe Autoren. Aber es ist darin kein Hinweis auf Bonneville, Fauchet oder die „Bouche de fer" vorhanden. Es war kein Zufall, daß sich Ende 1790 Coupé, P. Dolivier 15 und Babeuf fast gleichzeitig für die Konföderation interessierten. Der „Soziale K l u b " war ein erstes Laboratorium sozialer Gedanken in den Jahren der Revolution. Seine Redner konnten Babeuf als Gleichgesinnte vorkommen, ebenso wie Robespierre und auch bereits Petion. Offenbar konnte jedoch Babeuf weder in den Reden Fauchets noch in den Schriften Bonnevilles etwas prinzipiell Neues für sich finden. Die egalitären Gedanken Fauchets und Bonnevilles, bei dem künftigen Bischof des Calvados in ein religiöses 13 11 15

Z P A I M L , F o n d s 223, I n v . 1, N 371 (A. N. Bonneville, 23 avril l ' a n 2 de la R é p u b l i q u e ) Ebenda. Vgl. die i n t e r e s s a n t e Mitteilung V. S. Alekaeev-Popovs ü b e r d a s V e r h ä l t n i s P. Doliviers zu „ B o u c h e de f e r " i m A r t i k e l «Coi^HaJiBHHÖ KpyiKOK» H ^eMOKpaTHiecKoe p e c n y ö j m KaHCKOe flBHHteHIie 1791 r . ( S a m m e l b d . «Ü3 HCTOpHH oßmeCTBeHHHIX HBHHteHHÜ», S . 1 8 2 ) . — Vgl. a u c h A. P. Hoannucsm, 3>KOH OcBajibp; H «CcmiiaJiLHLift KpywoKi), in : H o ß a e H HOBeituian HCTOPHH, 1962, N r 3.

8

Studien

114

V . M. DALIN

Gewand und bei dem Freimaurer und „Illuminât" Bonneville in eine nebelhaftmystische Form gekleidet, waren gut bekannt. Babeuf hatte bereits vor der Revolution bei solchen kommunistischen Denkern wie Mably und Rousseau bedeutend entschiedenere Ansichten über die Rolle des Eigentums gefunden. In dieser Beziehung konnte Fauchet dem Autor des Juni-Briefes von 1786 keinerlei neue Argumente geben. Die Forderung des „Agrargesetzes" wurde von Babeuf im Jahre 1791 ganz klar und bestimmt formuliert; zur selben Zeit sprach sich Fauchet in seinen Reden auf das entschiedenste gegen die „Agrargesetze" 1 6 aus. Also konnte Babeuf 1790—1791 in ideologischer Beziehung nichts von Bonneville und erst recht nichts von Fauchet lernen. Die sozialen Ideen Babeufs waren zu jener Zeit bereits ausgereifter und bedeutend konkreter als die noch äußerst unklaren und mit einem religiös-mystischen Schleier umgebenen Ideen Fauchets und Bonnevilles, die über den Egalitarismus nicht hinausgingen. Es gab noch andere Umstände, die die Politiker der demokratischen Bewegung in Paris von den Führern des „Sozialen Klubs" abstießen: die Unklarheit ihrer politischen Position, die Verbindungen zu Lafayette und ihr Verhältnis zur Religion. Mit einer scharfen Kritik an Fauchet trat der „Redner des Menschengeschlechts" Anacharsis Cloots auf. 17 Gegenüber jenem Teil der Beschuldigungen Cloots', in dem er Fauchet wegen seiner Stellung zu Lafayette und seiner Verteidigung der Religion kritisierte und sich über die Angriffe auf Voltaire empörte, konnten diejenigen, die Marx als „demokratische Gegner Lafayettes" bezeichnete, nicht gleichgültig bleiben. Schon im Februar 1790 trat Loustalot, einer der hervorragendsten und konsequentesten demokratischen Journalisten von Paris, der von Babeuf hoch eingeschätzt wurde, mit einer heftigen Kritik an den Vorschlägen Fauchets auf, die die Verleihung des Titels „Generalissimus der Nationalgarde ganz Frankreichs" an Lafayette (unmittelbar nach seiner bewaffneten Expedition gegen Marat und den Distrikt der Cordeliers im Januar 1790) und den Titel „Erste städtische Amtsperson" (premier municipal) für Bailly, der diese Expedition inspiriert hatte, vorsahen. „Abbé Fauchet", schrieb damals Loustalot in „Révolutions de Paris", „der verkündet hat, daß die Aristokratie Jesus Christus gekreuzigt habe..., verliert in den Augen aller ehrlichen Patrioten seinen Ruf, den er sich früher durch seine Äußerungen von Bürgersinn und Mut erworben hat." 1 8 18

17

18

Buchez/Roux, B d . V I I , S. 163 ( „ F a u c h e t lehnt d a n a c h die Agrargesetze, die Gesetze über die Aufteilung a b , da sie den Zielen der N a t u r widersprächen; er kritisiert S p a r t a und R o m für die A n w e n d u n g dieser G e s e t z e " ) . S. „ L ' O r a t e u r du Genre humain ou dépêche du prussien Cloots a u prussien H e r t z b e r g " . Paris 1791, l'an d e u x de la rédemption. In der Anlage zu dieser Broschüre, S. 163—173, veröffentlichte Cloots „ R é p o n s e de M. Cloots à M. F a u c h e t " . „ R é v o l u t i o n s de P a r i s " , N ° 32, 13 — 20 février 1790, p p . 16 — 2 1 : Motion de M. l ' a b b é F a u c h e t concernant M. M. Bailly et L a f a y e t t e . Über das Mißtrauen gegenüber F a u c h e t k a n n m a n auch auf Grund eines Briefes von M a d a m e Roland, die d a m a l s (Sommer 1790) noch „eine glühende P a t r i o t i n " war, urteilen: „ I c h sehe, daß ihre löblichen B e m ü h u n g e n u m die Einheit der P a t r i o t e n " , schrieb sie an B a n c a l a m 20. A u g u s t 1790, „ n i c h t so leicht z u m Erfolg f ü h r e n ; diese Manier, alles leiten zu wollen, diese Einbildung, die d a s

Babeuf und der „Cercle Social"

115

Die e r s t e n S i t z u n g e n der „ K o n f ö d e r a t i o n der F r e u n d e der W a h r h e i t " riefen bei der „ R é v o l u t i o n s de P a r i s " ein ebenso vorsichtiges u n d skeptisches V e r h a l t e n h e r v o r . Die sehr s c h a r f e n A n g r i f f e F a u c h e t s gegen Voltaire u n d die V e r t e i d i g u n g des E v a n g e l i u m s m u ß t e n das b e g ü n s t i g e n . W i e die Z e i t u n g ironisch schrieb, „ w u r d e u n s auf der ersten S i t z u n g bewiesen, d a ß die F e s t s t e l l u n g der W a h r h e i t auf zwei G r u n d l a g e n b e r u h t : auf d e m F r e i m a u r e r t u m , d a s r a f f i n i e r t e r oder geschickter in seinen ( F a u c h e t s ) Allegorien entwickelt ist, u n d auf d e m E v a n g e l i u m v o n J e s u s Christus, w o r a u s sich u n v e r m e i d l i c h zwei Folgeerscheinungen, n a c h d e n e n m a n bis in u n s e r e T a g e vergeblich gesucht h a t , ergeben m ü s s e n — die W a h r h e i t u n d die a l l u m f a s s e n d e Liebe." 1 9 E i n e h e f t i g e K r i t i k rief in der Z e i t u n g a u c h die R e d e F a u c h e t s auf der zweiten S i t z u n g i m Palais R o y a l h e r v o r : „ D a s A u d i t o r i u m h a t die Geduld verloren, u n d H e r r A b b é F a u c h e t , d e n m a n bei j e d e m W o r t u n t e r b r a c h , h a t b e g r i f f e n , d a ß er sich n i c h t auf der K a n z e l in B o u r g e t (wo F a u c h e t bischöflicher V i k a r gewesen w a r — V. D.) b e f a n d . " 2 0 F a u c h e t s V e r t e i d i g u n g der Religion, seine A n g r i f f e gegen Voltaire u n d die Materialisten m u ß t e n bei einem gewissen Teil der Z u h ö r e r U n z u f r i e d e n h e i t h e r v o r r u f e n . 2 1 E i n A u s d r u c k dieser U n z u f r i e d e n h e i t w a r a u c h i m M ä r z — A p r i l 1791der Z u s a m m e n s t o ß zwischen F a u c h e t u n d Bonneville, der gerade diese religiöse Seite der A n s i c h t e n F a u c h e t s kritisierte 2 2 u n d ihr seine deistischen F r e i m a u r e r a n s i c h t e n gegenüberstellte. M a d a m e R o l a n d , die auf der Aprilsitzung, die f a s t zur S p a l t u n g des „Sozialen K l u b s " g e f ü h r t h ä t t e , anwesend w a r , schrieb d a n a c h : „ I c h w a r Zeugin dieses B r u c h e s zwischen F a u c h e t u n d Bonneville u n d b i n d a r ü b e r e m p ö r t . E r s t e r e r h a t zweifellos G r u n d zu K l a g e n , a b e r alle diese Zänkereien m a c h e n k e i n e m E h r e . A b b é F a u c h e t h a t sich mir z u m ersten Mal als Geistlicher o f f e n b a r t . " 2 3 Als F a u c h e t b a l d d a n a c h z u m k o n s t i t u t i o n e l l e n Bischof des D e p a r t e m e n t s Calv a d o s g e w ä h l t w u r d e , v e r g r ö ß e r t e sich das M i ß t r a u e n i h m g e g e n ü b e r n o c h m e h r : „ I c h weiß n i c h t , was m i t d e m >Cercle Social^ w e r d e n soll", schrieb z. B. dieselbe

19 20 21

22

23

8*

Talent in Verruf bringt und zu Mißerfolgen führt, haben scheinbar Abbé F[auchet] und andere in Mißkredit gebracht... Wenn man nicht gewöhnt ist, seine eigenen Interessen und seinen Ruhm mit dem Gemeinwohl gleichzusetzen, endet man kläglich" (Lettres de Madame Roland, hrsg. von C. Perroud, Paris 1902, Bd. II, S. 159). „Révolutions de Paris", N° 69 (novembre 1790). Ebenda. Vgl. Buchez/Roux, Bd. 7, S. 458: „Er (Voltaire — V. D.) zeigte in bezug auf Dinge, die tiefgehende Überlegungen erforderten und dié ihm zu hoch waren, einen spöttischen Despotismus, dem Hohlköpfe applaudierten, die jedoch bei den Gelehrten nur ein Lächeln hervorrrufen konnten. Außerdem lehnte seine Überheblichkeit alle Ideen der Gleichheit ab." Im Juli 1790 schrieb Fauchet an Lafayette; „Ich habe niemals gelogen: ich bin ein strenger Anhänger der Religion (je suis sévèrement religieux), mein Glaube ist fest und begründet. Ich verachte die Theologen, die das Evangelium verdunkelt haben und zu Fanatikern herabgesunken sind. Ich aber bin Katholik bis in die Tiefen meiner Seele (je suis catholique du fond de mon âme)", in: La Révolution française, 1909, Bd 56, S. 545. Lettres de Madame Roland, Bd II, S. 264.

116

V . M. D A U N

M a d a m e R o l a n d a m 24. April 1791; „die i n t e r n e n S t r e i t i g k e i t e n , die A b b é F a u c h e t in die Ö f f e n t l i c h k e i t g e t r a g e n h a t , b e r e i t e n mir e c h t e n K u m m e r ; sie k ö n n e n dieser G e m e i n s c h a f t n u r s c h a d e n . Ich w u ß t e schon f r ü h e r , d a ß die F r a g e n a c h seiner B e r u f u n g a n i r g e n d e i n e m O r t e r ö r t e r t w u r d e u n d d a ß er d a v o n K e n n t n i s h a t t e . Ich h a b e mir eingeredet — möglicherweise a u c h i r r t ü m l i c h —, d a ß er sich wegen der U n g e n a u i g k e i t , die Bonneville b e i m Zitieren einiger P h r a s e n , die die religiösen G e f ü h l e b e t r a f e n , u n t e r l a u f e n waren, d e r a r t g e t r o f f e n f ü h l t e . Die Beruf u n g F a u c h e t s h a t s t a t t g e f u n d e n , u n d A b b é F a u c h e t ist h e u t e Bischof des Calvados. Seine R e d e k u n s t u n d sein T a l e n t w a r e n der R u h m u n d die H a u p t s t ü t z e der Sitzungen des )>Cercle S o c i a l ^ . . . Ich weiß n i c h t , was o h n e i h n m i t der Gesellschaft geschehen soll." 2 4 W e n n schon das V e r h ä l t n i s M a d a m e R o l a n d s zu F a u c h e t d e r a r t i g w a r , k a n n m a n sich leicht vorstellen, welches M i ß t r a u e n seine B e r u f u n g z u m Bischof u n d die feierliche „ W e i h e " in N o t r e - D a m e , der L a f a y e t t e b e i w o h n t e , in d e m o k r a t i s c h e n Kreisen v o n Paris h e r v o r g e r u f e n h a t . 2 5 Als a u ß e r o r d e n t l i c h a u f m e r k s a m e m Leser der „ R é v o l u t i o n s de P a r i s " sind Babeuf Artikel, die F a u c h e t h e f t i g k r i t i s i e r t e n , h ö c h s t w a h r s c h e i n l i c h n i c h t e n t g a n g e n . W a r d a s vielleicht der G r u n d , w a r u m er in seinem P r o t e s t a u s A m i e n s j e n e zwei Zeilen, in d e n e n er u r s p r ü n g l i c h seine Zugehörigkeit zur „ K o n f ö d e r a t i o n der F r e u n d e der W a h r h e i t " a u s d r ü c k e n wollte, d u r c h g e s t r i c h e n h a t ? E s ist n a t ü r l i c h n i c h t möglich, eine genaue A n t w o r t auf diese F r a g e zu geben. F ü r u n s e r e T h e s e s p r i c h t j e d o c h die E i n s c h ä t z u n g , die Babeuf s p ä t e r , i m J a h r e 1796, Bonneville u n d d e m „Cercle Social" zuteil w e r d e n ließ. Der W i n t e r 1790/91 stellte d e n H ö h e p u n k t in der E n t w i c k l u n g des „Cercle Social" d a r . Die Aprilkrise h a t t e i h n offensichtlich e r s c h ü t t e r t . Die ä u ß e r s t a m o r p h e , in ihrer Z u s a m m e n s e t z u n g s t a r k gemischte O r g a n i s a t i o n — m a n b r a u c h t n u r d a r a n zu e r i n n e r n , d a ß a u ß e r Momoro, C. Desmoulins u n d Barère, a u ß e r d e n s p ä t e r e n Girondisten Condorcet, Clavière, T . P a i n e u n d L a n t h e n a s a u c h solche m e h r als g e m ä ß i g t e P e r s o n e n wie d ' A n d r é , Boissy d ' A n g l a s u n d selbst Sieyès d a z u g e h ö r t e n oder i m D i r e k t o r i u m m i t w i r k t e n — h a t d a n a c h n i c h t m e h r lange 24 25

Ebenda, S. 266. Das weitere Verhalten Fauchets hat diese Befürchtungen bestätigt. Die Wahl Fauchets in die Gesetzgebende Versammlung ist zwar auf den erbitterten Widerstand der Reaktion gestoßen. Simolin hat in Verbindung mit dieser Wahl Fauchet in einem seiner Berichte als einen „Verbrecher" charakterisiert, „der offen ein Gemetzel aller Aristokraten predigte und zur Brandstiftung an ihren Villen und Schlössern aufrief" (Archiv der Außenpolitik Rußlands, AVPR, Fonds CHOineHHH P O C C H H c «tpaHqHeit, D. 490, Bericht 97, 26. September — 7. Oktober 1791). Das sehr zweideutige Verhältnis Fauchets zum Kriegsministerium Narbonne und dessen Plänen zur Errichtung eines Protektorats (hinter denen sich möglicherweise die Pläne Lafayettes, dem Fauchet nahe stand, verbargen) riefen in demokratischen Kreisen von Paris größtes Mißtrauen gegenüber Fauchet hervor und führten in der Folge zu seinem Ausschluß aus dem Jakobinerklub. Nicht nur Marat, sondern auch der ehemalige Sekretär des „Cercle Social" Camille Desmoulins verhielt sich bereits zu Beginn des Jahres 1792 Fauchet gegenüber unverhüllt feindselig (C. Desmoulins, Oeuvres, Paris 1872, Bd I, S. 65).

Babeuf und der „Cercle Social"

117

existiert. 26 Den Juli-Repressalien nach dem Blutbad auf dem Marsfeld hielt der ,,Cercle"nicht stand und zerfiel im Sommer 1791. In den folgenden Jahren der Revolution erwiesen sich fast alle Führer des „Cercle Social", darunter auch Bonneville und Fauchet, als Gegner der Jakobiner. Bonneville überlebte die Zeit des Terrors, hielt sich aber für lange Zeit aus der aktiven politischen Tätigkeit heraus. Er kehrte 1796 zu ihr zurück, als er die Ausgabe des „Vieux Tribun du Peuple et sa Bouche de fer" als Gegengewicht zu Babeufs „Volkstribun" wieder ins Leben rief. Gerade damals deckte Babeuf in der Nummer 38 seiner Zeitung außerordentlich klar den politischen Sinn der Rede Bonnevilles auf und gab dabei eine äußerst interessante Einschätzung der Tätigkeit Bonnevilles im Verlauf der gesamten Geschichte der Revolution. Da diese Einschätuzng große Bedeutung für die Feststellung des Verhältnisses zum „Cercle Social" hat, erlauben wir uns, sie fast vollständig anzuführen. „Als Bonneville seine Zeitung unter der Bezeichnung )Alter Tribun^ veröffentlichte und bitterlich darüber klagte, daß ich seinen Titel gestohlen hätte, verfolgte er offenbar zwei Ziele. Das erste bestand darin, den echten ^>VolkstribunTribunVolkstribun>23, écrivait Lénine. Mais par contre elles ne donnaient pas d'elles-mêmes la réponse à la question, comment devaient être le type de cette dictature, sa nature, ses mobiles, le rapport des forces de classe qui seraient sa base, les rapports réciproques de ses « participants », la répartition des « rôles » entre eux, etc. Cependant l'expérience sur laquelle s'appuyait Lénine dans sa découverte du nouveau type de la dictature révolutionnaire ne se bornait pas à l'analyse de 1' histoire de Russie à la fin du X I X e et au début du X X e siècle et de la situation dans laquelle se trouvait la Russie au début de sa première révolution. Comme il le soulignait lui-même dans son article consacré à ce problème, l'idée de la dictature révolutionnaire démocratique avait pour base chez les marxistes l'étude et la généralisation de l'expérience de la lutte internationale des masses populaires. « L'histoire de toutes les révolutions de la classe opprimée et exploitée contre les exploiteurs est notre source principale de renseignements et de connaissances sur la question de la dictature. >>24

23

24

Travaux de la conférence interuniversitaire sur les problèmes d'histoire de la dictature jacobine, Odessa, 1962, p. 21—154. (Résumé en français); W. Markov, Die Jakobinerfrage heute. Collected Papers of the guest lecturers of the Département of history. University of Oulu. Finland, Oulu, 1967; ,,Zum Stand der Jakobinerfrage", ,,Forschungen und Fortschritte, 41. Jahrg., 1967, Heft 11; B. r. PeeyneHKoe, MapKCH3M H npofijieMa HKO6HHCKOÎ4 ;IMKTATYPU (Marxisme et le problème de la dictature jacobine), Léningrad, 1966. V. Lénine, Contribution à l'histoire de la question de la dictature (Note), Oeuvres, t. 31, p. 353. Ibid., p. 352.

10 Studien

146

V. S. Axeksébv-Popov

L'expérience du mouvement révolutionnaire dans les autres pays était conçue par Lénine à la lumière des généralisations auxquelles précédaient Marx et Engels, en confrontant cette expérience avec l'analyse des particularités de la distribution des forces de classe dans la première révolution; en quoi il suivait l'une des traditions essentielles du mouvement de libération en Russie. Rappelons-nous ce qu'écrivait Lénine quant aux souffrances que la Russie devait endurer pour parvenir au marxisme: qu'elle l'a payé d'un demi-siècle de souffrances, d'héroïsme révolutionnaire sans exemple, « . . . d'abnégation dans la recherche et l'étude, d'expériences pratiques, de déceptions, de vérification, de confrontation avec l'expérience de l'Europe >>.25 Et Lénine soulignait que la Russie révolutionnaire était « . . . infiniment mieux renseignée qu'aucun autre pays sur les formes et la théorie du mouvement révolutionnaire dans le monde entier >>.26 On n'ignore point que dans cette expérience internationale une part particulièrement importante revenait au mouvement révolutionnaire français. Et cette expérience se distinguait de l'expérience britannique ou allemande notamment par le rôle énorme de la lutte des masses populaires participant à ce mouvement révolutionnaire, par le rôle des « méthodes plébéiennes » (Marx), appliquées pour en finir avec les ennemis de la bourgeoisie ; par suite de quoi Lénine oppose le type de la révolution de 1789—1794 à celui de la révolution de 1848 en Allemagne.27 Nous savons que Lénine étudiait dès sa jeunesse d'une manière assidue et profonde l'histoire du mouvement révolutionnaire français et, plus tard, devenu émigré et vivant en France il côtoyait ses travailleurs, entrait en contact avec la classe ouvrière française. Jacques Duclos a parfaitement raison de faire remarquer que Lénine étudiait toujours l'histoire et l'expérience de la Révolution française pour mieux préparer la victoire d'une future révolution en Russie.28 Quels sont donc les éléments de la découverte par Lénine du nouveau type de la dictature — celle de la majorité révolutionnaire du peuple — que Lénine attendait voir confirmés, en premier lieu, par l'expérience de la Révolution française, et plus concret par l'expérience de la dictature jacobine? Nous croyons pouvoir affirmer que c'était tout d'abord la conclusion, selon laquelle la bourgeoisie «solide et modérée», c'est-à-dire la grande bourgeoisie, ne pouvait pas dans le passé exercer sa hégémonie pendant la révolution bourgeoise pour l'approfondir et à plus forte raison ne le pourrait ni le voudrait dans les conditions russes au début du X X e siècle. Ceci s'explique par le fait que ni dans le passé ni, d'autant plus, au début du X X e siècle cette grande bourgeoisie libérale n'avait le désir que la révolution bourgeoise remporte une victoire décisive et complète, lui préférant un compromis avec l'ancienne classe dirigeante. 26

V. Lénine, L a maladie infantile du communisme (le „gauchisme"), Oeuvres, t. 31, p. 19.

28

Ibid., p. 20.

27

Voir V. Lénine,

Que veulent et que craignent nos bourgeois libéraux? Oeuvres, t. 9,

p. 2 4 8 - 2 4 9 . 28

Duclos, Lénine et les leçons d'histoire de France, „Annuaire d'études françaises" 1958, Moscou, 1959, p. 19 — 20.

L'expérience de la Révolution française et le prolétariat russe

147

E t voilà, pourquoi en Russie c'est le prolétariat qui serait appelé à exercer une telle hégémonie, c'est-à-dire devenir une telle force motrice qui donne de la profondeur et de l'élan à la révolution démocratique. C'est n o t a m m e n t en France que la révolution démocratique bourgeoise de la fin du X V I I I e siècle avait été selon Lénine « dans une certaine mesure » — par laquelle il entendait sans doute la période de la dictature jacobine — « l'œuvre de la masse du peuple activement révolutionnaire, les ouvriers et les paysans, qui a évincé, au moins pour un certain temps, la bourgeoisie rassise et modérée >>.29 Mais cela signifiait que c'était notamment en France où avaient eu lieu les précédents, que l'on connaît, lorsque le prolétariat en diverses combinaisons aves les éléments de la petite bourgeoisie du blocus de gauche, avait à reconquérir pour soi l'hégémonie au moins quatre fois pendant quatre-vingt années des révolutions bourgeoises (1789—1870). 30 On peut donc estimer que c'est précisément en comparant l'expérience de la Révolution française du X V I I I e siècle avec celle de la Révolution anglaise du X V I I I e siècle les fondateurs du marxisme pouvaient formuler l'idée d'hégémonie. Le degré du radicalisme de la lutte contre les survivances féodales et celui du démocratisme des transformations réalisées au cours d'une révolution bourgeoise dépendent de la mesure, dans laquelle l'hégémonie passe, a u x moments décisifs d'histoire d'une nation, non entre les mains de la bourgeoisie, mais entre celles des «basses classes», entre les mains du « plebs » du X V I I I e siècle, du prolétariat du X I X e et du XX* siècles. 31 P a r rapport à la France du X V I I I e au X I X e siècle nous voyons en Russie au cours de sa première révolution une lutte de classes plus développée, qui se manifestait essentiellement dans l'augmentation des contradictions entre le prolétariat et la bourgeoisie. C'est n o t a m m e n t la raison, pourquoi en Russie, beaucoup plus qu'en France du X V I I I e siècle, ont augmenté les causes de ce que la grande bourgeoisie libérale ne saurait exercer l'hégémonie dans une révolution bourgeoise victorieuse; mais, en même temps, la petite bourgeoisie, elle de son côté ne serait, non plus capable de prétendre à jouer un tel rôle. E t ce n'est que le prolétariat qui pourrait en Russie au début de X X e siècle exercer l'hégémonie au cours d'une révolution bourgeoise. Qu'est-ce donc qui, malgré une différence sensible existant entre les deux époques si différentes, p e r m e t t a i t à la classe ouvrière de Russie, à son p a r t i et à Lénine, son théoricien et dirigeant principal, dans sa lutte pour l'instauration de la dictature de la majorité révolutionnaire du peuple, prendre quelque chose de pratiquement i m p o r t a n t et précieux dans l'expérience, chronologiquement lointaine, de la Révolution française dans sa période de la dictature jacobine? 28 30

31

V. Lénine, Que veulent et que craignent nos bourgeois libéraux?, Oeuvres, t. 9, p. 248. Voir V. Lénine, Les questions de principe de la campagne éléctorale, Oeuvres complètes (en russe), t. 21, Moscou, 1961, p. 84. Voir V. Lénine, Des vérités anciennes, mais qui sont toujours nouvelles, Oeuvres complètes (en russe), Moscou, t. 20, 1961, p. 283.

10*

148

V. S. A l e k s é e v - P o f o v

C'est avant tout, le fait que, malgré plusieurs différences, les rapports sociaux existant dans ces deux pays aux époques respectives présentaient une certaine ressemblance. C'est qu'ils n'avaient pas assez évoluée. Car, selon la définition donnée par Lénine aux rapports sociaux à la veille et pendant une révolution bourgeoise «... cette révolution signifit précisément une période de l'évolution où le gros de la société se place entre le prolétariat et la bourgeoisie, constituant, une très large couche paysanne, petite-bourgeoise >>32. C'est pour cela que Lénine accusait les mencheviks (par exemple dans la personne de Martynov) de n'avoir notamment pas tenu compte du rôle « de la couche intermédiaire entre la « bourgeoisie » et le « prolétariat » (la masse petite-bourgeoise des pauvres gens des villes et de campagne, « semi-prolétaires », semi-patrons). 33 Tout en tenant compte de ce que les intérêts du prolétariat n'étaient pas tout à fait les mêmes que ceux de ces masses de la petite bourgeoisie, que l'on pouvait compter par millions, Lénine contrairement à l'opinion des mencheviks et de Plékhanov avait confiance dans leurs possibilités d'action qui peuvent s'associer à celle du prolétariat, et trouvait que la communauté de leurs intérêts (nécessité de faire face à l'ennemi commun) doit prendre le dessus sur leur divergence. Mais il est vrai qu'en même temps, en parlant de cette couche « petite-bourgeoise et paysanne » qui représentait en Russie de cette époque « le peuple par excellence », Lénine y voyait « le plus d'ignorance et de désorganisation », « le plus d'instabilité o.34 E t alors que, aux yeux de Lénine au X V I I I e siècle les masses plébeiennes de villes avaient su par leur énergie rassembler autour d'elles d'autres éléments des « basses classes », maintenant c'est le prolétariat qui serait appelé à jouer le rôle d'organisateur de ces masses, notamment paysannes, devenant une force principale de telle « dictature démocratique et révolutionnaire du prolétariat et de la paysannerie », qui seule pourrait nettoyer la Russie des survivances de l'époque féodale, comme l'avait fait, grâce à la dictature jacobine — la Révolution française, dont selon les paroles de Marx « le gigantesque coup de balai... emporta tous ses restes des temps révolus >>.35 E t c'est dans la dictature révolutionnaire et démocratique du prolétariat et de la paysannerie que Lénine voyait la forme sous laquelle devait se réaliser le rassemblement, formant une seule coalition, de toutes les classes et de tous les groupes de la société russe, intéressés à la victoire complète d'une révolution bourgeoise-démocratique. Cette dictature Lénine l'appelait: dictature du prolétariat et de la paysannerie en raison des rangs composant la masse de ses forces principales, « en rapportant », « en distribuant » la petite bourgeoisie des campagnes et des villes (qui est aussi « le peuple ») entre cettes forces principales, et c'est dans la dictature jacobine, où il cherchait les traits caractéristiques de ce type de dictature de la majorité

32

31 34 35

V. Lénine, La social-démocratie et le gouvernement révolutionnaire provisoire, Oeuvres, t. 8, p. 283. Ibid., p. 286. V. Lénine, Tableau du gouvernement révolutionnaire provisoire, Oeuvres, t. 8, p. 544. K. Marx, La guerre civile en France 1871, Paris, 1953, p. 39.

L'expérience de la Révolution française et le prolétariat russe

149

révolutionnaire du peuple. « Si l'on examine d'un point de vue marxiste la question de la dictature révolutionnaire; on est tenu de la ramener à l'analyse de la lutte des classes >>.38 Or Lénine attachait une si grande importance à cette notion pour cette raison que c'est elle, précisément, qui rend possible de donner une définition exacte, à partir de la conception de classe, du caractère d'une révolution, sans se borner à définir la nature de classe de ses tâches objectives et sans tirer, de cette dernière définition, des conclusions mécaniques sur le caractère de la force exerçant l'hégémonie pendant cette révolution, comme le diraient les mencheviks, affirmant eux, qu'étant donné qu'en Russie la révolution serait bourgeoise, c'est la bourgeoisie, seule qui en devrait exercer l'hégémonie. En voyant, précisément, dans la notion de dictature la définition du caractère de classe d'une révolution Lénine soulignait par exemple que « . . . les conditions de classe, les conditions matérielles » de l'existence d'un organe semblable à la Convention jacobine exigent que le pouvoir soit dans les mains d'une classe la plus révolutionnaire de son époque et qu'il faut que « cette classe soit soutenue par les masses pauvres des villes et des campagnes (semi-prolétaires) >>.37 Dans sa conception des origines et des tâches objectives d'une dictature de « basses classes » Lénine attachait une importance particulière au lien existant entre les exigeances sociales de telle ou autre classe avec leur rôle dans l'établissement et la consolidation des formes d'organisation du pouvoir. Lénine a analysé le rôle de l'Etat dans cette dictature et il insistait surtout sur la portée du problème agraire et de la lutte de la paysannerie, à l'égard de laquelle, comme nous venons de le souligner, l'attitude des bolscheviks était très différente de celle des menscheviks. « N'avais-je pas raison au congrès lorsque j'ai dit si Plékhanov avait peur de la prise du pouvoir c'est qu'il avait peur de la révolution paysanne? » — écrivait Lénine dans son rapport au IV e Congrès du P. 0 . S. D. R. 3 8 E t dans les notes de Plékhanov, prises en séance du Congrès, cette idée, formulée par Lénine en s'adressant à lui, est conçue en termes suivants : « Vous ne voulez pas de révolution agraire, car elle doit logiquement aboutir à la prise du pouvoir >>.39 A l'égard de ce problème il nous semble de grand intérêt la thèse sur l'histoire de l'instauration de la dictature jacobine d'un jeune historien soviétique A. V. Gordon. Dans cette partie de sa thèse « de candidat », qui est consacrée à la révolte fédéraliste de l'été de 1793 (et qui sera publiée dans « l'annuaire des études françaises ») il a démontré que, sur ce stade de la guerre civile en France, il s'est produit une séparation très nette entre les classes et les couches exploitant le travail d'autrui, d'une part, et les masses laborieuses, d'autre part, qui cherchaient à instaurer le régime du« gouvernement révolutionnaire », c'est-à-dire, d'une dictature « des basses classes », afin "

V. Lénine, T a b l e a u du gouvernement révolutionnaire provisoire, Oeuvres, t. 8, p. 543. 37 V. Lénine, Illusions constitutionelles, Oeuvres, t. 25, p. 215 — 216. " V. Lénine, R a p p o r t sur le congrès d'unification du P. O. S. D. R . (Lettre a u x ouvriers de Pétersbourg), Oeuvres, t. 10, p. 355. M Archives de la Maison-Musée: G. V. Plékhanov à Léningrad, F . N 1. I N V . 6011, dossier P. 22. 1, feuille 3.

150

V . S . ALEKSÉEV-POPOV

d'avec son aide pouvoir défendre leurs intérêts sociaux dans la lutte contre toutes les sortes d'accapareurs, contre les éléments bourgeois des villes et des campagnes. Comme nous le savons, les historiens contemporains progressistes voient, par exemple, dans les événements du 4 au 5 septembre 1793 (« pression plébéienne ») et dans leurs résultats la preuve de ce que la ligne de la politique intérieure et notamment sociale de la Convention de cette période (le maximum général, le régime de la terreur révolutionnaire) lui fut imposée par « les basses couches » du peuple, quand leur influence était la plus grande. L'expérience de la dictature jacobine présentait pour Lénine et pour les bolcheviks une grande importance aussi en raison du fait qu'elle fournissait une très riche matière, servant à la généralisation des particularités caractéristiques des origines d'une dictature des « basses couches ». Or, ces particularités consistent en ceci que la source de la formation d'une telle dictature réside dans « l'emploi de la violence par le peuple à l'égard des oppresseurs du peuple » 40 , et cette violence, usée « d'en bas », doit ensuite servir de base à une dictature révolutionnaire et démocratique au moment où son instauration sera achevée « jusqu' haut c'est-àdire lorsqu'elle aura la cohésion d'un système de gouvernement formant un tout 4 1 et se traduisant par des actes déterminés par elle. En découvrant les particularités d'un tel type de dictature, Lénine indiquait aussi le rôle que jouent dans le processus de sa formation les méthodes de lutte pratiquées par le peuple, méthodes comme la conquête par le peuple de la liberté politique et la création de nouveaux organes du pouvoir révolutionnaire. 42 C'est cette voie de la découverte du rôle des masses populaires, du mouvement des « sans-culottes » dans l'histoire de la formation et de l'activité de la dictature jacobine, que suit l'historiographie contemporaine progressiste de la Révolution française, en étudiant aussi les contradictions très profondes entre les « sans-culottes » et les dirigeants jacobins, mais pas en les opposant les uns aux autres. 43 Or, nous croyons pouvoir supposer que Lénine le trouvait caractéristique pour le type de dictature des « basses classes », que les forces sociales qui y exercent leur « prépondérance » ne sont pas identiques à celles qui sont directement dépositeurs 40

41

4i

43

V. Lénine, L a victoire des cadets et les tâches du parti ouvrier, Oeuvres, t. 10, p. 250. C'est pour cela, n o t a m m e n t , que nous ne pouvons pas p a r t a g e r le point de vue de V. G. Rèvounenkov, qui voit le germe de la dictature „ d e s basses c l a s s e s " , des p a u v r e s m a s s e s seulement dans l'organisation des sections de Paris et qui lui oppose la Convention jacobine et ses Comités comme une dictature antidémocratique, même „ t e r r o r i s t e " de l a bourgeoisie révolutionnaire et qui souligne très unilatéralment son hostilité envers du m o u v e m e n t populaire. (Voir V. G. Rèvounenkov, L e problème de la dictature jacobine d a n s les récents t r a v a u x des historiens soviétiques, „ L e s problèmes d'histoire universelle", un recueil des articles historiographiques, Léningrad, 1967. p. 87—89, ainsi que son livre d é j à cité). V. Lénine, L a victoire des cadets et les tâches du parti ouvrier, Oeuvres, t. 10, p. 248. Comme l'on sait p a r m i les a u t e u r s qui ont beaucoup contribué à l'étude de ce problème il f a u t noter en premier lieu A. Soboul, I. M. Zakher, G. Rudé, W. Markov.

L'expérience de la Révolution française et le prolétariat russe

151

du pouvoir politique, à tous ses échelons. 44 Il semble que c'est bien dans ce sens-là que Lénine en parlant de la Convention « jacobine » disait qu'elle était précisément la dictature des basses « classes », c'est-à-dire des couches les plus inférieures de la population pauvre des villes et de la campagne, que dans la Convention dominaient complètement et sans partage non pas la grande ou la moyenne bourgeoisie, mais le simple peuple, les classes pauvres, c'est-à-dire que nous appelons: «le prolétariat et la paysannerie >>.45 Cela ne peut signifier qu'une chose: c'est dans la Convention, dans la dictature jacobine prise dans son ensemble (qui n'était point exempte, comme l'on sait, d'assez grandes contradictions intérieures) que Lénine voyait un prototype chronologiquement lointain de la dictature « des basses classes », de la majorité révolutionnaire du peuple et non point l'organisation de sections des grandes villes. Avec cela, Lénine a parfaitement tenu compte de la distinction qu'il y avait entre le caractère des classes qui ont constitué la base de la dictature de ce type au moment de la prémière manifestation (en France à la fin du XVIII e siècle), de traits qui lui sont propres, et le caractère des classes qui devraient constituer la base de la dictature de ce type en Russie au commencement du X X e siècle. Mais Lénine voyait l'existence d'un lien génétique entre l'un et l'autre phénomène. C'est témoigné par le fait qu'il a adressé dans le même IVe congrès du P. 0 . S. D. R., où il a donné la définition citée plus haut de la Convention, les paroles suivantes à Plékhanov, qui se prononçait contre la conquête du pouvoir opérée par la voie d'une conjuration, mais qu'il était entièrement pour une telle conquête du pouvoir comme celle effectuée par la Convention pendant la Révolution française. Lénine et Lounatcharski (Voinov) avaient observé la contradiction dans ces paroles de Plékhanov. Car, aux yeux de Lénine la Convention jacobine ne pouvait pas être citeé comme exemple de l'avènement de la démocratie révolutionnaire au pouvoir par une évolution graduelle vers la gauche de ceux qui formaient les organes de la représentation nationale 46 , mais que la Convention était bien une dictature incarnée, et non 44

46

4e

Faut-il ajouter que dans la dictature jacobine le pouvoir politique a été concentré entre les mains de la bourgeoisie révolutionnaire. En ce que, dans le passé, lors des tentatives d'établir des dictatures „des basses classes", le pouvoir n'avait jamais été entre les mains des travailleurs, Lénine y voyait la cause de leur épbémérité et de leur échec inévitable. v^ V. Lénine, Rapport sur le congrès d'unification du P. O. S. D. R. (Lettre aux ouvriers de Pétersbourg), Oeuvres, t. 10, p. 388. Cette conception était développée par le menchevik P. B. Akselrod qui voyait la voie unique aboutissant à ce but dans l'activité de la démocratie révolutionnaire gagnant au cours des élections des sièges dans les assemblées et cherchait à s'appuyer sur l'histoire des Etats généraux, de l'Assemblée nationale, Législative et la Convention en affirmant que les social-démocrates russes devraient pratiquer cette tactique quant à „la Douma", suivant l'exemple de la démocratie la plus radicale française à l'époque de la Révolution du X V I I I e siecle. Cette démocratie"... contribuait à ce qu' une assemblée qui d'abord était absolument privée de droits . . . a pris dans ses mains le pouvoir d'Etat et est devenue un instrument de la préparation d'instauration d'une dictature de la démo-

152

V . S . ALEKSÉEV-POPOV

pas celle de la petite bourgeoisie (comme l'a caractérisé à ce même congrès Lounatcharsky) mais bien celle de tous « les basses classes ». C'est pour l'établissement de ce type de dictature que Lénine et les bolcheviks ont lutté pandant la première révolution russe. Voilà pourquoi, selon les paroles de Lénine adressées à Plékhanov qui s'opposait à ce plan d'action: «reconnaître la Convention et fulminer contre la « dictature démocratique révolutionnaire du prolétariat et de la paysannerie », c'est se battre soi-même >>.47 En justifiant et développant sa conception de l'essence et des particularités de la dictature de la majorité révolutionnaire d'un peuple et en défendant cette conception contre les attaques des mencheviks, Lénine a éclairé plusieurs aspects importants de ce problème comme la formation de cette dictature à partir des méthodes de lutte des masses populaires « d'en bas », le rôle de sa fonction de rassemblement de toutes les classes intéressées à la victoire la plus complète d'une révolution bourgeoise démocratique. Et en raison du fond même de ces pensées de Lénine concernant le type de cette dictature et parce qu'il indiquait lui-même l'existence des traits de la dictature « de basses classes » dans la dictature jacobine, ces pensées de Lénine ont une énorme portée pour la pratique politique et en même temps pour l'étude de la dictature jacobine. La conception de Lénine — qui vient de la pensée de Marx et Engels — de l'essence de la dictature jacobine, de ce qui constitue ses traits caractéristiques était une anticipation de la tendance qui est typique pour le développement actuel de l'historiographie marxiste et progressiste de la Révolution française. Cette tendance se manifeste dans ce fait que les historiens soviétiques caractérisent cette dictature non pas comme celle de la bourgeoisie révolutionnaire, mais comme une dictature « révolutionnaire-démocratique » du « blocus jacobin » tout entier, c'est que Lénine a précisément dénommé comme une dictature de la majorité révolutionnaire du peuple, guidé par les « jacobins avec le peuple ». Une plus grande pénétration des historiens dans l'esprit de ces pensées de Lénine pourra, comme nous en sommes convaincus, jouer un rôle positif dans le développement ultérieur des recherches dans ce domaine important. Cela concerne, notamment, la conception de Lénine de la dictature « de basses classes » comme un processus révélateur de la dynamique du développement d'une révolution bourgeoise-démocratique suivant la ligne ascendante. Cet aspect a été mis en relief par Lénine dans sa polémique avec le menchevik Martynov, qui dans sa brochure « Deux Dictatures » (celle de la bourgeoisie ou celle du prolétariat) a nié la possibilité de l'existence d'un troisième type de dictature (celui que Lénine a dénommé la dictature « de basses classes »), cherchant à s'appuyer sur l'expérience de la Révolution française, l'histoire de laquelle il a étudié spécialement pendant son séjour à Paris.

47

cratie r é v o l u t i o n n a i r e " [ P r o c è s - v e r b a u x d u I V e congrès d ' u n i f i c a t i o n d u P . O. S . D . R . , M o s c o u 1959, p. 325]. V. Lénine, R a p p o r t s u r le congrès d ' u n i f i c a t i o n d u P. O. S . D. R . ( L e t t r e a u x o u v r i e r s de P é t e r s b o u r g ) , O e u v r e s , t. 10. p. 388.

L'expérience de la Révolution française et le prolétariat russe

153

Martynov reconnaissait que « la lutte pour l'influence sur le cours et l'issue de la révolution bourgeoise ne peut s'exprimer que d'une façon: le prolétariat exercera une pression révolutionnaire sur la volonté de la bourgeoisie libérale et radicale; les « basses classes » plus démocratiques de la société obligeront les « hautes classes » à accepter de mener la révolution bourgeoise jusqu'à sa fin logique. >>48 Alors Lénine demandait à Martynov : « Qu'est-ce au fond que les « basses classes » de la société, de « peuple »?... Ce sont justement ces millions de petits bourgeois des villes et des campagnes, parfaitement capables d'agir en démocrates révolutionnaires ». E t Lénine demandait encore à Martynov: « E t qu'est-ce que la pression du prolétariat, plus la paysannerie, sur les hautes classes de la société? Qu'est-ce que ce mouvement du prolétariat allant de l'avant avec le peuple, en dépit de ces « hautes classes »? C'est la dictature démocratique révolutionnaire du prolétariat et de la paysannerie contre laquelle part en guerre notre suiviste ! )>49 Une série d'études récentes et, parmi celles-ci, l'ouvrage de A. Y . Gordon, que nous avons mentionné, sur l'histoire de l'établissement de la dictature jacobine, justifient cette conception de particularités de cette dictature comme représentant un processus et incitent à continuer les recherches dans cette direction. III Enfin, l'expérience de la Révolution française, avec ses particularités très nettes quant à la tactique de lutte, des masses populaires pratiquant des méthodes plébéiennes, violentes contre les ennemis de la bourgeoisie, avec ses principes de tactique offensive proclamée par Danton, cette expérience devait fournir à Lénine des arguments efficaces en faveur des principes de tactique de la lutte menée par la classe ouvrière, principes qu'il avait proclamé au nom du parti des bolcheviks et qu'il avait à défendre contre les mencheviks, qui de leur côté, se référant aussi, mais sans raison suffisante, à des leçons de la révolution de 1789—1794, voulaient justifier leur tactique qui désapprouvait les méthodes violentes de lutte et affirmaient que l'arène principale de lutte se situait dans la pression exercée sur la Douma, sans qu'aucune insurrection armée « jacobine » dût avoir lieu. Au contraire, les mots d'ordre, qui étaient déterminés par les buts stratégiques et les particularités de tactique du parti bolchevik, appelaient à la plus énergique préparation d'une insurrection armée victorieuse, à la création d'une armée révolutionnaire et d'un gouvernement révolutionnaire provisoire. C'est ainsi que la divergence de vues, quant à la tactique, entre les bolcheviks et les mencheviks, et leurs attitudes opposées, qui en découlaient, devant l'expérience, les leçons que ces partis tiraient de la lutte des masses populaires françaises en 1789—1794, venaient confirmer de nouveau et d'une manière si éclatante « ce fait, Martynov, Deux dictatures, Genève, 1905, p. 58 (cité par V. Lénine, Oeuvres, t. 8, p. 284). 4* V. Lénine, La social-démocratie et le gouvernement révolutionnaire provisoire, Oeuvres, t. 8, p. 2 8 4 - 2 8 5 . 48

154

Y . S . ALEKSJSEV-POPOV

c'est que les mencheviks et les bolcheviks représentent respectivement les tendances opportuniste et révolutionnaire de la socialdémocratie russe. Les gens de l ' I s k r a s'étant tournés vers l'opportunisme, devaient inévitablement conclure que les bolcheviks sont (pour parler la langue politique du X V I I I siècle) des « jacobins ».50 Tout au cours de la première Révolution russe, Lénine avait la vision de la lutte des masses qui s'était déroulée pendant la Révolution française du X V I I I e siècle. En saluant avec ardeur les premiers coups de tonnerre de la révolution en février 1905, Lénine finissait un des ses articles par les paroles de la « Carmagnole » : « Vive le son du canon! dirons-nous avec la chanson révolutionnaire française, vive le son du canon! Vive la révolution! Vive la guerre déclarée du peuple contre le gouvernement tsariste et ses supports ! » 81 Qu'est-ce donc Lénine voyait-il concrètement dans les leçons de 1789 à 1794 qui puissent servir à préparer une telle guerre populaire déclarée en Russie du X X e siècle? Il y voyait l'une des preuves de la thèse selon laquelle (dans les conditions historiques du X V I I I e siècle aussi bien que dans celles du début du X X e siècle) la révolution doit avoir pour sa base une insurrection. « La révolution doit être une insurrection, doit s'appuyer sur celle-ci, sinon elle est impossible >>62, notait Lénine dans ses ébauches d'une série d'articles écrits en 1905 et dirigés contre les mencheviks, qui désapprouvaient une telle tactique révolutionnaire. Ces ébauches, ainsi que le texte définitif de ces articles démontrent bien que pour l'argumentation de cette conclusion Lénine s'appuyait largement sur l'expérience de la Révolution de 1789, sur « les grandes journées » où l'intervention des masses populaires faisait avancer la révolution. C'est ce que l'on peut voir d'une manière très nette dans le fait qu'à côté de cette conclusion, Lénine évoque les dates de ces grandes journées de la Révolution française: le 14. VIL [17] 89; le 5 . - 6 . X . [17] 89; le 10. VIII. [17] 92; le 31. V.—2. 6. [17] 93. 63 C'est notamment dans ces articles que Lénine flétrit les libéraux bourgeois, les cadets et les mencheviks, en les considérant comme des « girondins de nos jours » pour leur crétinisme parlementaire, pour leur négation, leur désapprobation « de la lutte directe et offensive i).64 Et lorsque les mencheviks ont opposé au mot d'ordre de bolcheviks — «l'insurrection armée » — le leur: « création des municipalités révolutionnaires », Lénine s'est mis à le combattre en s'appuyant, parmi les autres, sur les arguments historiques. « La révolution municipale de juillet 1789 — demandait Lénine les mencheviks — aurait-elle été possible en France, si Paris armé et insurgé n'avait pas vaincu le 14 juillet les troupes royales, pris la Bastille, étouffé dans l'œuf la résistance de 50 61

V. Lénine, Un premier bilan des regroupements politiques, Oeuvres, t. 9, p. 416. V. Lénine, Préface à la b r o c h u r e . . . , Oeuvres, t. 8, p. 202.

"

«JleHHHCKHfi c ô o p H H K » t. V , M o s c o u - L é n i n g r a d 1 9 2 9 , p . 3 5 3 .

63

Ibid. V. Lénine, Contre le boykotte (D'après les notes d'un publiciste social-démocrate), Oeuvres, t. 13, p. 34.

44

L'expérience de la Révolution française et le prolétariat russe

155

la monarchie? >>65 « Préparer l'insurrection, prêcher-la, organiser-la » — exhortait avec ardeur Lénine, en s'adressant a u x bolcheviks et a u x ouvriers militants. « L' insurrection seule — continuait-il pourra faire en sorte que la comédie de la Douma, au lieu de marquer la fin de la révolution bourgeoise en Russie, devienne le d é b u t d'une révolution démocratique complète... L'insurrection seule f e r a . . . que notre révolution n'en reste pas au seul 18 mars (1848); seule, elle nous assurera, après 14 juillet (1789), notre 10 août (1792). 86 Lénine a t t a c h a i t une si grande importance au problème de la tactique de lutte parce que, comme nous venons de le dire plus h a u t , c'est n o t a m m e n t dans l'emploi de la violence à l'égard des oppresseurs du peuple, l'emploi propre a u x masses, où il voyait une source d'où pouvait prendre sa naissance et sa formation ultérieure la dictature démocratique de la majorité du peuple. S ' a p p u y a n t sur l'expérience de la Révolution française, Lénine dictature insistait que le t y p e de la révolution, le degré de son démocratisme et de son achèvement dépendaient des formes de l u t t e qui allaient prédominer dans la première Révolution russe. « Si la révolution arrive à une victoire décisive, nous réglerons son compte au tsarisme à la manière jacobine ou si vous le préférez, à la plébéienne >>6' — disait Lénine. E t ce qui est remarquable, c'est qu'en prouvant avec beaucoup de verve la nécessité qu'il y a pour le prolétariat de marquer la révolution bourgeoise russe » de l'empreinte de leur lutte de classe, du sceau de l'intransigeance prolétarienne, de sa résolution prolétarienne » Lénine ajoutait encore — « du jacobinisme plébéien >>.58 E t en se référant à Marx qui avait dit que « la terreur de 1793 n'est que le procédé plébéien d'en finir avec l'absolutisme et la contre-révolution », Lénine déclarait sans ambages: « N o u s préférons, nous aussi, en finir avec l'autocratie russe selon le procédé « plébéien » et nous laisserons à l'Iskra le procédé girondin >>.59 Q u a n t au terrorisme révolutionnaire, comme une des manifestations de ces procédés plébéiens, Lénine inscrivait au projet des résolutions du I I I e congrès du P.O.S.D.R. qu'il devait être « . . . lié en fait avec le mouvement de masse »60 en se solidarisant, par là, avec ce qu'écrivait Plékhanov à ce sujet dans ses articles dans l'ancienne « Iskra » lorsqu'il n'envisageait pas encore « les concessions à l'égard des opportunistes ». E t notamment Plékhanov alors reconaissait la force de la terreur à l'époque de la Révolution française dans le mouvement du peuple, en considérant qu'elle avait été surgi p a r la confiance dans la force de ce mouvement, et Plékhanov alors affirmait que cet exemple est très édifiant pour les révolutionnaires russes, avec quoi Lénine était t o u t à fait d'accord en 1905. 81 55

V. Lénine, A la remorque de la bourgeoisie monarchiste ou à la tête du prolétariat révolutionnaire et des paysans, Oeuvres, t. 9, p. 226. 66 V. Lénine, Rencontre des amis, Oeuvres, t. 9, p. 268. 47 V. Lénine, Deux tactiques de la social-démocratie dans la révolution démocratique, Oeuvres, t. 9, p. 54. « Ibid., p. 118. s » V. Lénine, III e congrès du P. O. S. D. R, Oeuvres, t. 8, p. 395. 40 V. Lénine, Plan général des résolutions du III e congrès, Oeuvres, t. 8, p. 183. 61 Voir V. Lénine, D'un accord de combat pour l'insurrection, Oeuvres, t. 8, p. 157.

156

V . S. ALEKSÉEV-POPOV

L'exemple des jacobins était très important, car ils avaient été non seulement les dirigeants politiques, mais aussi les organisateurs immédiats de la lutte armée des masses populaires contre les forces de la contre-révolution, tant intérieure que, et surtout, extérieure. Lénine et les bolcheviks se référaient à cet exemple pour souligner la nécessité qu'il y avait à douer de ces traits les révolutionnaires prolétariens pour qu'ils puissent agir comme organisateurs et dirigeants de combat des formations ouvrières et, plus tard, de l'armée révolutionnaire. C'est Lounatcharsky qui était chargé de faire le rapport sur cette question au III e congrès du P.O.S.D.R., mais nous apprenons de ses mémoires relatives à cette période que les thèses principales de ce rapport lui avaient été données par Lénine, qui avait exigé de lui que le texte intégral de celui-ci soit entièrement rédigé et lui présenté, au préalable, afin qu'il puisse en prendre connaissance dans tous ses détails. 62 Dans ce rapport, basé sur les pensées les plus précises et les plus détaillées de Lénine, Lounatcharsky a déclaré qu'à ce moment crucial (1905) la social-démocratie révolutionnaire russe devait créer un nouveau type du révolutionnaire et du dirigeant de combat, et que pour cela, elle pourrait et devrait se servir de l'expérience des révolutions ayant eu lieu dans le passé. « J'estime — disait Lounatcharsky — que nous avons beaucoup à apprendre chez les grands révolutionnaires bourgeois, non pas évidemment, en ce qui les faisait bourgeois, mais en ce qui les faisait grands révolutionnaires. >>83 Ce qui confirme qu'il y s'agissait précisément des jacobins, c'est le fait que, dans le rapport, fut mentionné « le grand jacobin » Danton, qui avait proclamé le principe de la tactique offensive. C'est cette tactique offensive de la lutte armée que Lénine et le parti de bolcheviks enseignaient à la classe ouvrière au cours de la première révolution russe aussi bien qu'à la veille de l'insurrection armée en octobre 1917, lorsque dans ses « Conseils d'un absent » Lénine a rappelé la haute appréciation que Marx avait donné à ce mot d'ordre de Danton. Tels sont certains aspects d'une si large et fructueuse utilisation par Lénine et les bolcheviks de l'expérience, des leçons de la Révolution française à la veille et au cours de la première révolution russe. 62 Voir .A. Lounatcharsky, Bolcheviks en 1905. «IIpoJieTapcKaH peB0JiK)liHH»1925, N ° l l , p. 54. *3 Procès-verbaux du I I I e congrès du P. O.S.D.R, Moscou 1959. p. 106.

A. Z. M A N F R E D , M O S K A U

Die Große Französische Revolution des 18. Jahrhunderts und die Gegenwart Die Geschichte kennt Ereignisse von weitreichender Bedeutung, die sich für immer in das Gedächtnis der Menschheit einprägen. Größtenteils sind es einschneidende Markierungen, revolutionäre Explosionen von dynamischer Gewalt, die den Wechsel von Epochen kennzeichnen und auf die gesellschaftliche Entwicklung der Folgezeit nachhaltigen Einfluß ausüben. Zu diesen Ereignissen zählt auch die Französische Revolution des 18. Jahrhunderts. Die gesamte vorwärtsdrängende Entwicklung des 19. Jahrhunderts verlief unter dem Zeichen dieser Revolution. Im Vorwärtsschreiten, Position um Position erkämpfend, blickten die revolutionären Kämpfer immer wieder zurück: Das Jahr 1793 ragte weiterhin als unerreicht imposanter Höhepunkt heraus, obwohl seitdem Jahrzehnte vergangen waren. George Byron, Heinrich Heine, Sandor Petöfi und Alexander Herzen rühmten diese „schreckensreiche und große Zeit" in Vers und Prosa. Sie sahen ihre Widersprüchlichkeit. Herzen schrieb: „Die Erschütterungen der Französischen Revolution hatten ihre Höhen und Tiefen, waren groß und furchtbar, kannten Sieg und Terror, brachten Niederlagen und Katastrophen." 1 Aber all ihre Kompliziertheit nahm ihr nichts von ihrer historischen Größe. Byron trug in sein Tagebuch unter dem 23. und 24. November 1813 unmittelbar nach dem Bekenntnis, daß er Mirabeau und Saint-Just ähnlich werden wolle, ein: „Den Vorzug, den die Schriftsteller vor den Menschen der Tat genießen, und das ganze Aufheben, das um die Schreiberei und die Schreiber von ihnen selbst und anderen gemacht wird, halte ich für ein Zeichen der Verweichlichung, des Verfalls und der Schwäche. Wer würde schreiben, wenn er die Möglichkeit hätte, etwas Besseres zu tun? Tat und nochmals Tat, sprach Demosthenes. Taten, Taten sage ich, und keine Schreiberei, am wenigsten in Versen." 2 Diese geheimen Gedanken des hervorragenden englischen Dichters zeigen, daß die besten Menschen jener Zeit am stärksten von der gewaltigen aktiven Kraft der Französischen Revolution angezogen wurden. Der Vorzug, den die Französische Revolution der Tat gegenüber dem Wort gab, wird durch das ganze Leben Byrons und seiner Gesinnungsgefährten bestätigt und bewiesen. Nicht nur die revolutionär-romantische Poesie Byrons, sondern auch 1 2

A. H. repifeH, KoHi;ti H Hanajia, in: CoHHiieHHH,9 Bde., Moskau 1958, Bd. VII, S. 511. EaiipoH (G. Byron), ^HeBHHKH. ÜHCbMa, Moskau 1963, S. 58, 61.

158

A. Z. Manfred

sein Tod in Missolunghi im Kampf für die Befreiung Griechenlands waren ein hervorragendes Beispiel für den Dienst an der T a t , der Priorität der Handlung gegenüber dem Wort. Auf diese Weise setzten die fortschrittlichen Menschen des folgenden Jahrhunderts das Vermächtnis der Französischen Revolution des 18. Jahrhunderts in die T a t um. Bald jedoch wurde deutlich, daß Menschen anderen Schlages bemüht waren, den vielseitigen Erfahrungen der großen Revolution nicht die mächtige Kraft, sondern nur die äußeren Attribute, ihr Vokabular, ihre Bezeichnungen, ihre Aufmachung und Gesten zu entnehmen. Herzen verspottete in „Erlebtes und Gedachtes" diese komische Neigung der Politiker der deutschen Revolution von 1848 zum Epigonentum: „ E s gab keine Stadt, keinen ,Flecken' in Deutschland, in dem man während des Aufstandes nicht den Versuch gemacht hätte, ,Wohlfahrtsausschüsse' mit allen führenden Häuptern, mit dem kalten Jüngling Saint-Just, mit düsteren Terroristen und dem militärischem Genius Carnot zu schaffen." 3 Herzen hatte ein böses Lachen für all diese hausbackenen deutschen Robespierres, Collot d'Herbois und Dantons, die nur eine klägliche Parodie ihrer großen Prototypen darstellten. Übrigens war diese Herabsetzung des Heroischen auf das Niveau des Lächerlichen absolut keine nationale Eigenheit der deutschen Bürger von 1848. Marx zeigte, wie weit diese Erscheinung verbreitet war. Für die gleiche historische Epoche, aber bereits von der konkreten historischen Situation der Revolution von 1848 in Frankreich ausgehend, brachte er eine Reihe von Gegenüberstellungen: „Caussidiere für Danton, Louis Blanc für Robespierre, die Montagne von 1848—1851 für die Montagne von 1793—1795, der Neffe für den Onkel." 4 Marx war auch der erste, der nachwies, daß die Umwandlung der Tragödie in eine Farce keineswegs die Folge eines Nachlassens der Größe des Menschengeschlechts überhaupt war. Sie ist lediglich Ergebnis der Tatsache, daß sich die Bourgeoisie mit der Entwicklung und dem Wachstum ihres Antipoden und Antagonisten, des Proletariats, bis zur Unkenntlichkeit veränderte. Sie verlor nicht nur alle Züge revolutionären Wagemuts, die den frühen bürgerlichen Revolutionen solche Wirksamkeit und Anziehungskraft verliehen hatten, sie erhielt nicht nur den häßlichen Anblick einer Farce wie im Frühjahr 1848, sie verwandelte sich sogar in eine konterrevolutionäre Kraft der Henker. Am deutlichsten beweisen das die Junitage des gleichen Jahres, die Zerschlagung der Pariser Kommune von 1871 und die Geschichte d?r zahllosen Verbrechen der Bourgeoisie in der Folgezeit. Deshalb war es völlig gesetzmäßig, daß schon 1889, zur Hundertjahrfeier der Großen Revolution nicht die Bourgeoisie, sondern das Proletariat als legitimer Nachfolger und Fortsetzer der besten revolutionären Traditionen der Vergangenheit auftrat. Das Proletariat, der unversöhnliche Gegner der Bourgeoisie, betrat den Weg, der zu neuen, sozialistischen Revolutionen führt. Der Genauigkeit wegen muß man sagen, daß es die herrschenden Kreise der Bourgeoisie für ihre Zwecke als günstig und vorteilhaft erachteten, dieses bedeutende Datum offiziell zu begehen. 3 A.U. repifen, BtiJioe h jjyMH, in: Comhhchhh, Bd. V, S. 340f. * Marx/Engels, Werke, Bd. 8, Berlin 1960, S. 115.

Die Französische Revolution und die Gegenwart

159

Der hundertste J a h r e s t a g der ersten französischen Revolution wurde in Paris nicht nur durch die grandiose Weltausstellung gefeiert, die die Zeitgenossen durch den schreienden Reichtum der herrschenden Klassen in Erstaunen setzte, sondern auch mit dem Bau des berühmten Eiffelturms, der die H a u p t s t a d t überragt. Heuchlerisch (und bei gleichzeitigem Versuch, die erregten Stimmen der fernen Vergangenheit in ihrer Aussagekraft abzuschwächen und zu dämpfen) war die herrschende Bourgeoisie bemüht, sich mit allem möglichen aus dem ruhmreichen Nachlaß der revolutionären Epoche zu schmücken. Die bekannten Losungen der Ersten Republik — „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit!" — wurden in die offiziellen Dokumente übernommen und prangten auf den Stirnseiten der Regierungsgebäude der Dritten Republik. Von Regen und Zeit verwischt, sind sie auch heute noch dort zu sehen, obwohl die Republik, die sie verherrlichen, schon zur F ü n f t e n geworden ist und als Deckmantel f ü r die Hegemonie des Monopolkapitals dient. Am 14. Juli 1889, zum Jubiläum des Sturmes auf die Bastille 5 , eröffnete Paul Lafargue den Gründungskongreß der II. Internationale mit einer Rede, in der er die Bedeutung der Traditionen der Großen Französischen Revolution f ü r den Befreiungskampf des Proletariats hervorhob. Dieser Kongreß wurde bekanntlich von Engels (der große Hoffnungen an die Neugründung der Internationale knüpfte) sorgfältig vorbereitet. 6 Später machte die II. Internationale eine große Wandlung durch, die 1914 mit ihrem politisch-ideologischen und organisatorischen Zusammenbruch endete. Aber damals, eben erst entstanden, h a t t e die Tatsache ihrer Gründung gerade am 14. Juli, zum hundertsten Jahrestag der Großen Französischen Revolution, tiefe Bedeutung. Nicht die Bourgeoisie, sondern das Proletariat war jetzt die revolutionäre Klasse. Und diese Klasse stellte sich 1889 als Aufgabe, nicht die Festung des Absolutismus, sondern die Bastille des Kapitalismus zu stürmen. Von dieser Stunde an verflocht sich die „Marseillaise" mit den Klängen der H y m n e des Proletariats, der „Internationale". Die Schöpfer des wissenschaftlichen Kommunismus, Marx und Engels, h a t t e n die große Französische Revolution stets hoch eingeschätzt. Sie sahen in ihr keine lokale, rein französische historische Erscheinung, sondern eine Revolution von europäischem Maßstab und darüber hinaus einen Ausdruck „der Bedürfnisse der 6

6

Man wird in diesem Zusammenhang einem auf den ersten Blick unbedeutenden, jedoch überaus kennzeichnenden Detail Aufmerksamkeit schenken. Als die herrschenden Kreise der französischen Bourgeoisie den hundertsten Jahrestag der Revolution feierten, beschlossen sie, nicht den Volksaufstand vom 14. Juli, sondern die Parlamentsaktion, also die Eröffnung der Generalstände am 5. Mai 1789 als Beginn der Revolution festzusetzen. Deshalb wurde die Hauptveranstaltung, die Eröffnung der Weltausstellung, auf den 6. Mai 1889 gelegt. Dem Proletariat hingegen galt die Einnahme der Bastille als Beginn der Revolution; folgerichtig fand die Eröffnung des Arbeiterkongresses, aus dem die II. Internationale hervorging, am 14. Juli statt. Am vollständigsten kann man die führende Rolle von Friedrich Engels bei der Vorbereitung des Pariser Kongresses seinem Briefwechsel mit Paul und Laura Lafargue entnehmen: F. Engels, P. et L. Lafargue, Correspondance, Bd. II, Paris 1956, S. 233—310.

160

A . Z . MANFKED

damaligen W e l t " , im weitesten Sinne verstanden. 7 Marx und Engels zogen die Lehren aus den reichen revolutionären Erfahrungen des 18. J a h r h u n d e r t s auch für den Befreiungskampf des Proletariats des 19. Jahrhunderts. Sie unterstrichen den Zusammenhang, der diese ihrem Klasseninhalt und ihren Zielen nach verschiedenen, in ihrem kämpferischen und revolutionären Geist aber eng verwandten Etappen des Befreiungskampfes verbindet. Marx sagte im J a h r e 1848: „Der Jakobiner von 1793 ist zum Kommunisten unserer Tage geworden." 8 Diese Worte haben einen tiefen Sinn. W. I. Lenin war wie Marx und Engels von tiefer Achtung gegenüber der Großen Französischen Revolution erfüllt. Er studierte sorgfältig ihre historischen E r f a h rungen und zog aus ihnen Lehren für den revolutionären Kampf des Proletariats. Die Größe der Französischen Revolution sah Lenin vor allem darin, daß sie es vermocht h a t t e , die Millionenmassen des Volkes zu wecken und zum Kampf zu führen, daß sie es vermocht hatte, sie in die revolutionäre Bewegung einzubeziehen, ihre unerschöpfliche Energie f ü r den Sieg über die zahlreichen Feinde zu mobilisieren. 9 Ebenso wie Marx und Engels m a ß Lenin der jakobinischen E t a p p e der Französischen Revolution besonders große Bedeutung bei. In dem bekannten Artikel: „ K a n n m a n die Arbeiterklasse mit dem ,Jakobinertum' schrecken?" hob W. I. Lenin „all das Große, Unvergängliche und Unvergeßliche", das die Jakobiner dem 18. J a h r h u n d e r t gaben, ausdrücklich hervor. Auf die aufgeworfene Frage antwortete er so: „ E s liegt in der N a t u r der Bourgeoisie, das Jakobinertum zu hassen, in der N a t u r des Kleinbürgertums, es zu fürchten. Die klassenbewußten Arbeiter und Werktätigen glauben an den Übergang der Macht an die revolutionäre, unterdrückte Klasse, denn dies ist das Wesen des Jakobinertums." 1 0 Lenin, der die historische Größe des Jakobinertums und die Bedeutung seiner Erfahrungen f ü r den Befreiungskampf des Proletariats unterstrich, rief jedoch niemals zur N a c h a h m u n g der Jakobiner auf, d. h. zur mechanischen Übertragung ihres Programms und ihrer Handlungsweisen auf die neuen Bedingungen. Schon im Jahre 1905, als Lenin die Bolschewiki die Jakobiner der zeitgenössischen Sozialdemokratie nannte, warnte er: „Das bedeutet natürlich nicht, daß wir unbedingt die Jakobiner von Anno 1793 nachahmen, ihre Ansichten, ihr Programm, ihre Losungen und Aktionsmethoden übernehmen wollen. Nichts dergleichen. Wir haben nicht das alte, sondern ein neues P r o g r a m m . " 1 1 Lenin forderte von den proletarischen Revolutionären das Vermögen, die historischen Epochen zu unterscheiden, die Aufgaben der Vergangenheit nicht mit den Aufgaben der neuen Zeit und den Zielen der fortschrittlichen revolutionären Klasse der Gegenwart — des Proletariats — zu vermischen. 1 2 Aber gleichzeitig bestand er 7

Marx/Engels, Werke, Bd. 6, Berlin 1959, S. 108. Ebenda, Bd. 4, Berlin 1959, S. 519. » W. I. Lenin, Werke, Bd. 29, Berlin 1961, S. 52. 10 Ebenda, Bd. 25, Berlin 1961, S. 114. 11 Ebenda, Bd. 9, Berlin 1957, S. 47. 1! Siehe z. B. die Kritik Lenins an der Position Rosa Luxemburgs in den Jahren des ersten Weltkrieges: W. I. Lenin, Werke, Bd. 22, Berlin 1960, S. 321 f. 8

Die F r a n z ö s i s c h e R e v o l u t i o n u n d die Gegenwart

161

auf dem Studium und der Auswertung alles Wertvollen der Vergangenheit, insbesondere der Erfahrungen der Großen Französischen Revolution und ihrer fortschrittlichsten Partei, der Jakobiner, im revolutionären Kampf. 1 3 Deshalb ist es völlig gesetzmäßig, daß der Sowjetstaat bereits in den ersten Monaten seiner Existenz das Gefühl der tiefen Achtung gegenüber den Führern der Französischen Revolution und gegenüber der Revolution selbst zum Ausdruck brachte. In Petrograd wurde eine Straße, die den Namen zweier russischer Zaren trug, die Nikolajevskaja, in Marat-Straße umbenannt. In Moskau wurde auf Grund eines von Lenin unterschriebenen Dekrets des Rates der Volkskommissare im Alexandergarten ein Denkmal Robespierres enthüllt. 14 Einem Kriegsschiff, das die Grenzen der Sowjetrepublik schützte, wurde der Name Marats verliehen; ihn erhielten auch zahlreiche Musterbetriebe der Republik. F. Raskol'nikov, ein Teilnehmer des Bürgerkrieges, schrieb in den Kampfpausen ein Schauspiel über „Robespierre". A. Blok, der im April 1919 zum Chefdramaturgen des Großen dramatischen Theaters in Petrograd ernannt wurde, versuchte ein neues revolutionäres Repertoire zu schaffen und inszenierte das von der jungen Schriftstellerin Maria Levberg geschaffene Drama „Danton" aus der Geschichte der Großen Französischen Revolution. 15 Blok schrieb über diese neuen Stücke, die das Theater zu bringen gedachte: „Ihre Autoren sind bemüht, Epochen der Vergangenheit auf neue Art zu beleuchten. . . Sie sehen ihre Helden gleichsam durch das Prisma der Gegenwart." 18 Als Dichter hatte Blok ein außerordentliches Einfühlungsvermögen und vermochte eine unsichtbare Brücke von der Revolution des 18. Jahrhunderts zu unserer Gegenwart zu schlagen.17 Theaterstücke über die Epoche der Französischen Revolution nahmen einen würdigen Platz im Repertoire der jungen Sowjetrepublik ein. In der von Maxim Gorki ins Leben gerufenen Serie „Weltliteratur" erschien 1920 zum erstenmal eine Übersetzung des 1889 geschriebenen Schauspiels „Danton" von Romain Rolland. 18 A. Säbel'skij besorgte die Inszenierung von „Dreiundneunzig" nach dem gleichnamigen Roman von Victor Hugo. 19 Einer großen Beliebtheit erfreute sich auch Friedrich Schillers „Kabale und Liebe", das am besten die Stimmung der vorrevolutionären Epoche in Deutschland wiedergab. Es ist über fast alle Bühnen der Republik gegangen. In Hoch- und Fachschulen wurde der Behandlung der Geschichte der Großen Französischen Revolution gebührende Aufmerksamkeit zuteil. 1920 hielt N. M. Lukin 13

14 16 w 17

18

"

11

E b e n d a , B d . 25, S . 45. «H3BecTHH» v o m 2. A u g u s t 1918. A. EJIOK, CoßpaHHe coiHHeirnft, 8 B d e . , Moskau 1962, B d . V I , S. 3 4 7 - 3 5 5 . E b e n d a , S . 350. I n der E i n l e i t u n g zu L e v b e r g s D r a m a „ D a n t o n " d r ü c k t e Blok diesen G e d a n k e n noch l a p i d a r e r a u s : „ D a s L e b e n solcher Menschen wie D a n t o n hilft uns, unsere Zeit zu d e u t e n . " ( I n : CoöpaHHe c o m m e i m i t , B d . V I , S. 380). It. Rolland, D a n t o n . Paris 1920. Siehe die Rezension Bloks zu d i e s e m Schauspiel, i n : G o S p a n n e coHHHeHHit, B d . V I , S. 427. Studien

162

A . Z . MANFRED

an der erst vor kurzer Zeit gegründeten Akademie des Generalstabs der Roten Arbeiter- und Bauern-Armee eine Vorlesung über die Revolution und ihre bewaffneten Kräfte. 2 0 Er und auch C. Fridljand hielten Vorlesungsreihen zur Geschichte der Großen Französischen Revolution an der Kommunistischen Sverdlov-Universität, an der Moskauer und anderen Universitäten. 21 Trotz äußerster Papierknappheit, trotz der geringen Leistungsfähigkeit der polygraphischen Kapazität brachte der Staatsverlag der R S F S R in erster Linie Bücher über die Geschichte der Großen Französischen Revolution heraus. So erschienen zum erstenmal die Arbeiten von J . Jaurès, H. Cunow und A. Aulard und etwas später von A. Mathiez in russischer Übersetzung. Briefe Marats, Reden Dantons und die Korrespondenz Robespierres wurden herausgegeben. 22 Eines der Hauptthemen der sich entwickelnden sowjetischen Geschichtswissenschaft auf dem Gebiet der allgemeinen Geschichte war die Große Französische Revolution. Es sei hier nur an die Hauptwerke erinnert, die in den ersten Jahren der Sowjetmacht von 1919 bis 1924 erschienen. N. M. Lukin veröffentlichte in der Serie mit der charakteristischen Überschrift „Wem setzt das Proletariat Denkmäler?" eine Arbeit über Robespierre. 23 Sie hatte die Form einer volkstümlichen Skizze über den hervorragenden Führer der Großen Französischen Revolution. Jeder Spezialist konnte indessen unschwer feststellen, daß dieses Buch, für breite Kreise neuer sowjetischer Leser gedacht, auf sorgfältigem Quellenstudium beruhte. 1919 wurde die Arbeit V. P. Volgins über Jean Meslier herausgegeben. Bereits früher geschrieben, erschien sie jedoch erst nach dem Sieg der proletarischen Revolution. 24 In den gleichen Jahren wurden mehrere Arbeiten von J . M. Sacher publi20

H.

M.

JlynuH

(AnmoHoe),

H a HCTopiiH peBOJiKmHOHimx apMHft, M o s k a u 1 9 2 3 . .

Ders., HoBefimafl HCTOpHH 3ana£Hoft Eßponbi, H. 1, Moskau 1923. E s sei angemerkt, daß diese „Neueste Geschichte" bis zum J a h r 1848 reicht. C. Fridland g a b ebenfalls solche Lehrmaterialien zu den von ihm gehaltenen Vorlesungszyklen heraus. " XK. )Kopac { J . Jaurès), HcTopim BeJiHKOÄ (f>paimy3CK0ü peBOJiroipiH, 4 Bde, Petrograd/ Moskau 1920—1924; r . Kynoe, Eopi>6a KJiaccoB H n a p r a i i B BejiHKoit $paHijy3CKOii peBOJlKmHH mit Ergänzungen von II. M. Cmenanoea, Petrograd 1923. Neuaufgelegt wurden auch früher übersetzte Arbeiten von K. Kautsky und W. Bios über die Französische Revolution. 1920 wurde erneut herausgebracht die „Politische Geschichte der Französischen Revolution" von A. Aulard, 1925 (in Charkow) „Kirche und S t a a t im Zeitalter der Großen französischen Revolution" und (ebenfalls 1925, jedoch in Moskau) „ D a s Christentum und die Französische Revolution" desselben Autors. Ferner: A. Mambes (Mathiez), OpaHijyacKaH peBOJHOijHH, 3 Bde, Moskau 1925—1930; ders., B o p b ß a . c ÄOPOROBHSHOÄ H coijHajiBHoe RBHJKeime B anoxy Teppopa, Moskau 1928; ders., HoBoe O flaHTOHe u . a . Schriften; Mapam, ÜHCbMa, 1776—1793, Petrograd/Moskau 1923; ffanmoH, H36paHHbie penn, Charkow 1924; üepenHCKa P o ô e c n b e p a , Leningrad 1929. 11

a

"

H. M. JlyrtuH (AnmoHoe), MaKCHMHjmaH Poöecnbep, Moskau 1919. B . N . BOJIZUH, PeBOJiioqHOHHHii KOMMyHHCT X V I I I B . (3Kan M e n t e H ero «3aBem a m e » ) , M o s k a u 1 9 1 9 ( E r s t v e r ö f f e n t l i c h u n g d i e s e r A r b e i t i n : TOJIOC MHHyBmero 1 9 1 8 ,

Nr 1 - 3 ) .

163

Die Französische Revolution und die Gegenwart

ziert. 28 Weiterhin erschienen die Arbeit von I. I. Stepanov-Skvorcov über Marat, eine wertvolle Forschungsarbeit von C. A. Fal'kner über das Papiergeld der Französischen Revolution und andere Bücher. 26 Etwas später, 1924, kam die Untersuchung über den vorrevolutionären Marat von C. Fridland heraus. Sie war der Auftakt seiner großen Arbeiten zur Geschichte der Revolution. 27 In den Seminaren N. M. Lukins wurden die Grundlagen für Arbeiten geschaffen, die in der Mitte und in der zweiten Hälfte der zwanziger Jahre erschienen: von S. M. Monosov, N. P. Frejberg, V. M. Dalin und anderen. 28 Wenn ganz offensichtlich schon seit Mitte des vorigen Jahrhunderts Führer und Ideologen des Proletariats den Problemen der französischen Geschichte und den historischen Kampferfahrungen der revolutionären Massen Frankreichs die größte Aufmerksamkeit entgegenbrachten, so möchten wir das nicht als falsche Einschränkung verstanden wissen. Man darf das Gesagte nicht dahin vereinfachen, daß sich seit dem Ende des 19. Jahrhunderts etwa nur die Arbeiterklasse für die erste französische Revolution interessiert habe und sonst niemand. Ernsthafte und wissenschaftlich fruchtbare Arbeiten auch nichtmarxistischer Historiker zu ihrer Geschichte begannen hauptsächlich Ende des 19. und im 20. Jahrhundert zu erscheinen. Wir berufen uns auf die wertvollen Beiträge zum Studium der Agrarverhältnisse, der Bauernbewegungen und der Lage der Arbeiter in Frankreich des 18. Jahrhunderts von seiten der „russischen Schule" (N. I. Kareev, I. V. Lucickij, M. M. Kovalevskij und der frühe E. V. Tarle) 29 sowie auf die bürgerlich-liberale Schule Aulards, 26

H. M.

3axep,

I I a p i i ! K C K n e CEKIJHH 1 7 9 0 — 1 7 9 5 I T . , HX NOJIHTIMECKAN p o i i f c H o p r a H H -

3au,HH, Petrograd 1921; ders., JKaK P y (Jacques Roux), Petrograd 1922; ders., CeHb}KK>CT, (St. Just), Petrograd 1923 u. a. Schriften. J . M. Sacher unterzog seine Auffassungen später einer gründlichen Überprüfung (siehe sein Buch «J^BHweHHe öemeHblx», Moskau 1961). 26

27

28

K>. Cm.ena.Hoe, MapaT H ero 6opb6a c KOHTppeBOJHOijKeit, Petrograd 1920; C. A. OouibKnep, ByMaHtHHe jjeHbrii paHi;y3CKoii peBOJHOijmi, Petrograd 1919; A. K. JJwcueejiezoe, ApMHH iJipaimyacKOit peBOJiKmHH H ee BOJKRH, Moskau 1921; K. H. Eepnoea, üpoi;ecc JIiOÄOBHKa X V I . , Moskau 1920; H. H. Kapeee, HCTOPHH BejiHKoft ^ p a m j y a CKOIT peBOJiioijHH, Petrograd 1918; ders., HcTopHKH (JipaHqyacKoft peB0Jii0qnn, 3 Bde, Petrograd 1924—1925. Zf. OpudMind, MapaT r o BejiHKoii paimy3CK0tt peBOJilOliHH, Moskau 1924. C. Monocoe, HKOÖHHCKHÄ Kjiyß, Moskau 1925; H. 0peüdepa, FLENPET 19 BAHREMBEPA II ro^a h 6opb6a «ßemeHHX» 3a KOHCTHTyiiHio 1793 r . , in: HcTopHK-MapKCHCT 1927, N r 6; B.

M.

flajiun,

MAHY^AKTYPHAA

CTA^MH K a n n T a J i i i 3 M a

BO OPAHIJHH X V I I I

B.

B OCBEMEHHH « p y c c K O Ö NIKOJIBI», i n : e b e n d a 1 9 2 9 , N r 1 4 .

* H.H. Kapeee, KpecTbHHeH KpecTbHHCKHÄ BonpocBo OpaHmin BO nocneKHeit HeTBepTH X V I I I B., Moskau 1879 (französ. Ausg. Paris 1899); H. B. JlymiifKuü, KpeCTbHHCKoe 3eMJieBJiafleHHe BO O p a m ; « « npeHMymecTBeHHO B JlHMyaeHe, Kiew 1900; ders., COCTOHHiie 3eMJie,nejibHecKHx KjiaccoB BO Opaimnn HaKaHyHe peBOJiwijMH H arpapHaa pe-

2

$opMa 1789/1793,

Kiew

1912;

M.

M.

Koeajieecnuü,

IIpoHCXo>KfleHHe c o B p e M e H H o t t

HeMOKpaTHH, B d . I, Petersburg, 1895 (3. Ausg. 1912); E. B. Tapjie, OpaimHH B anoxy peBonioqHH, 2 Bde., Petersburg 1909—1911.

11»

PaßoiHä KJiaccBO

164

A . Z. MANFRED

die für ihre Zeit nicht wenig zur Präzisierung der politischen Geschichte der Revolution beitrug. 30 Sehr wichtig vom Standpunkt des Herangehens an die Fragen der sozialökonomischen Geschichte und wegen ihres Einflusses auf die folgende Entwicklung der französischen Historiographie waren insonderheit die umfangreiche Arbeit von Jean Jaurès 3 1 und das von anarchistischem Standpunkt geschriebene, jedoch infolge der Berücksichtigung der großen Volksbewegungen wertvolle Buch P. A. Kropotkins „Die Große Französische Revolution". 32 Man müßte hinzufügen, daß eine wissenschaftliche Untersuchung der Probleme der höchsten Etappe der Französischen Revolution — der revolutionär-demokratischen Jakobinerdiktatur — im wesentlichen erst in unserem Jahrhundert begann. In diesem Zusammenhang verdienen die Arbeiten Mathiez' und seiner Nachfolger besondere Erwähnung. Auch ist zu sagen, daß man die Geschichte der Bauernbewegungen der Revolutionsperiode von 1789 nicht in gebührender Weise darstellen kann, ohne die in diesem Jahrhundert erschienenen und in ihrer Art klassischen Arbeiten von Georges Lefebvre studiert zu haben. 33 Vieles andere könnte und müßte noch gesagt werden, auf eine Vielzahl wichtiger Arbeiten müßte man sich zur Begründung der dargelegten Gedanken berufen, wenn nicht ein möglicher Einwand zu erwarten wäre : Nehmen wir an, mag ein ungeduldiger Leser sagen, dem sei so, aber weshalb holt man so weit aus? Weshalb muß man die Wandlung des Verhältnisses zur Französischen Revolution über anderthalb Jahrhunderte und mehr verfolgen? Die Frage sollte direkter und zugespitzter gestellt werden. Welche Bedeutung kann die französische bürgerliche Revolution des 18. Jahrhunderts in der Epoche des Verfalls des Imperialismus und der Stärkung des Kommunismus, im Jahrhundert der Atomenergie und der Eroberung des Kosmos, ein halbes Jahrhundert nach dem Sieg der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution für die Gegenwart noch haben? Eine solche Frage möchte man als vollkommen berechtigt anerkennen. Wir werden versuchen, uns damit auseinanderzusetzen. In der Sowjetunion war über eine längere Zeit die Bezeichnung „französische bürgerliche Revolution Ende des 18. Jahrhunderts" üblich. In dieser Bezeichnung erschien sie in den Programmen der höheren Lehranstalten, in den Fachschulbüchern und Schulbüchern sowie in allen uns bekannten Dokumenten. Auf den ersten Blick mag es scheinen, daß diese Frage ihrem Wesen nach zweitrangig ist und nur terminologische Bedeutung hat. Man könnte annehmen, daß die Autoren, als sie die alte Bezeichnung „Große Französische Revolution" durch die neue „Französische bürgerliche Revolution des 18. Jahrhunderts" ersetzten, mit 30

31 32

33

A. Aulard, E t u d e s et leçons sur la Révolution française, Reihe I — I X , Paris 1 8 9 3 — 1 9 2 4 ; ders.. Histoire politique de la Révolution française, 2 Bde., Paris 1901 (russ. Übers. 1902, 1936). J . Jaurès, Histoire socialiste de la Révolution française, B d . I — V I , Paris [1901—1904]. 77. A. KpononiKUH, BejiHKan (JipaimyacKaH peBOJiroijHH 1789—1793, Moskau 1919 (1., französ. Ausg. Paris 1909). G. Lefebvre, L e s p a y s a n s du Nord pendant la Révolution française, Lille/Paris 1924; ders., Questions agraires a u temps de la Terreur, Paris 1932.

Die Französische Revolution und die Gegenwart

165

ihrer Definition — keineswegs zu Unrecht — unterstreichen wollten, d a ß die F r a n zösische Revolution im Vergleich zur Großen Sozialistischen Oktoberrevolution nicht m e h r die B e d e u t u n g h a t , die ihr früher — bis z u m J a h r e 1917 — beigemessen wurde. B e f a ß t m a n sich indessen mit der Frage etwas gründlicher, so wird es klar, d a ß der Charakter der U m b e n e n n u n g nicht rein terminologischer N a t u r ist. Wie b e k a n n t , n a n n t e Lenin die Französische Revolution anders. I m m e r oder fast immer n a n n t e er sie „Große Französische Revolution". W a r das ein T r i b u t an einen weitverbreiteten Brauch oder eine Gewohnheit, die aus der alten vorrevolutionären Zeit ü b e r n o m m e n worden war? — Nein, es genügt, sich in die Arbeiten Lenins einzulesen, u m sich überzeugen, d a ß dem nicht so ist. Oder k ö n n t e m a n vielleicht annehmen, d a ß Lenin das A t t r i b u t der „ G r ö ß e " n u r bis z u m J a h r e 1917 gebrauchte, bis zur Vollendung einer w a h r h a f t großen Revolution, wie sie die Sozialistische Oktoberrevolution, die den Sowjetstaat schuf u n d eine neue Ära in der Geschichte der Menschheit eröffnete, darstellt? In diesem Falle wäre zu erwarten gewesen, d a ß Lenin bei der Gegenüberstellung der historischen B e d e u t u n g der Französischen Revolution v o n 1789 bis 1794 mit der Oktoberrevolution, überzeugt v o n der Unmöglichkeit eines Vergleichs, n a c h 1917 den älteren Terminus fallengelassen h ä t t e . U n b e s t r e i t b a r war die proletarische Revolution, die sich in unserem L a n d e vollzog, die größte aller in der Geschichte b e k a n n t e n Revolutionen. Ihre B e d e u t u n g k a n n natürlich in kein Verhältnis zu allen anderen vorangegangenen Revolutionen gesetzt werden. Lenin bezeichnete hingegen die Französische Revolution von 1789 als groß, weil er sie anderen weniger konsequenten, weniger radikalen bürgerlichen Revolutionen gegenüberstellte. In diesem Sinne behielt Lenin auch nach dem Oktober 1917 die Bezeichnung „ g r o ß " f ü r die Französische Revolution bei. Man k a n n sie in seinen Arbeiten von 1917, 1918 u n d den folgenden J a h r e n antreffen. Mehr noch, in den W e r k e n Lenins k a n n m a n eine tiefschürfende B e g r ü n d u n g f ü r diese Definition finden, die er vor u n d nach 1917 verwendet h a t . Ohne den Anspruch zu erheben, dieses große T h e m a im vorliegenden Artikel erschöpfen zu können, erlaube ich mir, daran zu erinnern, wie Lenin die Frage auffaßte. Dem Begründer des ersten sozialistischen Staates in der Welt schien die historische B e d e u t u n g der Oktoberrevolution keineswegs geschmälert, wenn er die Französische Revolution „ g r o ß " n a n n t e . A u f m e r k s a m k e i t verdient die Tatsache, d a ß Lenin die tiefgründigste E r l ä u t e r u n g f ü r die Motive, die 'ihn v e r a n l a ß t e n , die Französische Revolution so zu charakterisieren, gerade in der Sowjetepoche gab. Allen b e k a n n t ist die Leninsche Definition, die in der Rede auf dem I. Allrussischen Kongreß zur außerschulischen Bildung im Mai 1919 formuliert wurde. An die sowjetischen Mitarbeiter der Volksbildung gewandt, sagte Lenin: „ N e h m e n Sie die Große Französische Revolution. Nicht umsonst n e n n t m a n sie die Große. F ü r ihre Klasse, f ü r die sie wirkte, f ü r die Bourgeoisie, h a t sie so viel getan, d a ß das ganze 19. J a h r h u n d e r t , jenes J a h r h u n d e r t , das der gesamten Menschheit Zivilisation u n d K u l t u r gebracht h a t , im Zeichen der Französischen Revolution verlief. Dieses J a h r h u n d e r t h a t überall in der W e l t n u r das durchgesetzt, stückweise verwirklicht u n d

166

A. Z. Mantbed

zu Ende geführt, was die großen französischen bürgerlichen Revolutionäre geschaffen hatten." 3 4 Lenin, der den bürgerlichen Charakter der französischen Revolution unterstrich, sah ihre Größe darin, daß sie die gesamte weitere historische Entwicklung bestimmte, zumindest im 19. Jahrhundert, da sie ja das Fundament für die bürgerliche Demokratie und Freiheit legte. Für Lenin erschöpfte sich die historische Bedeutung der französischen Revolution indessen nicht darin. In einer anderen Rede vom Jahre 1919 ging Lenin an die gleiche Frage von einer anderen Seite heran. Er sah die Größe der französischen Revolution darin, daß sie eine bürgerlich-demokratische Revolution war — eine Revolution der breiten Volksmassen, die Mut und Entschlossenheit im Kampf gegen die konterrevolutionären und reaktionären Kräfte der Feudalgesellschaft aufbrachten. „Die französische Revolution. . .", sagte Lenin im März 1919, „heißt eben deshalb die große, weil sie es verstanden hat, zur Verteidigung ihrer Eroberungen die breiten Volksmassen zu mobilisieren, die der ganzen Welt eine Abfuhr erteilten, hierin gerade liegt eines ihrer großen Verdienste". 35 Und in der weiter oben erwähnten Rede vor den Mitarbeitern der Volksbildung kehrte Lenin noch einmal zu diesem Thema zurück. Er sagte: „Darum wird auch die Französische Revolution die große genannt, weil sie nicht durch die Laschheit und Halbheit, nicht durch das Phrasengedresch der vielen Revolutionen von 1848 gekennzeichnet war, sondern weil das eine Revolution der Tat war, die, nachdem sie die Monarchisten gestürzt hatte, ihnen völlig den Garaus machte." 36 In welchem Sinne nennt Lenin die französische Revolution eine Revolution der Tat? Aus dem gesamten Kontext ist leicht zu erkennen, daß Lenin die mächtige, aktivierende Kraft der Revolution, ihre unerschütterliche Entschlossenheit, ihre Kühnheit und Standhaftigkeit bei der Erreichung eines gestellten Ziels im Auge hatte. Er gebraucht die Worte Revolution der Tat in dem gleichen Sinne, in dem einst Byron die historische Größe dieser Revolution verstand, indem er zum Handeln aufrief. Wir sehen folglich, daß Lenin eine tiefschürfende Begründung für seine Auffassung der französischen bürgerlichen Revolution als einer großen Revolution gab. Die französische Revolution ging in die Geschichte der gesellschaftlichen Entwicklung als große bürgerliche Revolution ein, weil an ihr breite Volksmassen teilnahmen, die ihrem ganzen Wirken den Stempel aufdrückten, weil sie nicht eine Revolution der Worte, sondern der Taten war, und schließlich, weil sie einen anhaltenden Einfluß auf den gesamten Verlauf des historischen Prozesses zumindest im 19. Jahrhundert ausübte. Wenn Lenin, wie aus den eben angeführten Äußerungen und auch aus anderen hervorgeht, den Unterschied zwischen den einzelnen bürgerlichen Revolutionen hervorhob: zwischen „der Revolution der Tat", der kämpferischen, die Schlacht 34

W. I. Lenin, Werke, Bd. 29, S. 360. Ebenda, S. 52. 3 « Ebenda, S. 342 f.

38

Die Französische Revolution und die Gegenwart

167

bis zu Ende führenden großen Revolution des 18. Jahrhunderts und den laschen, phrasenhaften und inkonsequenten Revolutionen von 1848, so verzichtete Stalin auf diese feinere Unterscheidung. Er schrieb z. B., daß in den bürgerlichen Revolutionen des Westens (England, Frankreich, Deutschland, Österreich) der liberalen Bourgeoisie die Hegemonie gehörte. Solchermaßen wurden die englische Revolution des 17. Jahrhunderts, die französische Revolution von 1789 und die Revolutionen des Jahres 1848 in Deutschland und Österreich dem Wesen nach in eine Reihe gestellt und in ihnen allen die Hegemonie der liberalen Bourgeoisie unterstrichen, wiewohl der höchste Aufschwung der französischen Revolution des 18. Jahrhunderts — wie Lenin mehrmals erläuterte — seine Verkörperung in der revolutionär-demokratischen Diktatur der Jakobiner fand, die im Kampf gegen die liberale Bourgeoisie, gegen die Feuillants und Girondins Gestalt angenommen hatte. Beim Vergleich der Französischen Revolution mit der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution setzt Stalin die Akzente ebenfalls etwas anders. Es versteht sich, daß man den Kardinalunterschied zwischen der sozialistischen und der bürgerlichen Revolution niemals aus den Augen verlieren darf. Es ist selbstverständlich richtig, daß es das Ziel der Französischen Revolution war, den Feudalismus zu liquidieren, um den Kapitalismus zu festigen; das Ziel der Oktoberrevolution jedoch, den Kapitalismus zu vernichten, um dem Sozialismus zum Siege zu verhelfen. Die Französische Revolution brachte in der Tat die bürgerliche Gesellschaft hervor, d. h. eine für die damalige Zeit neue und fortschrittliche Gesellschaftsordnung, aber dennoch eine Ausbeuterordnung. Ebenso ist bekannt, daß der Große Oktober den Grundstein für eine neue Welt und den Aufbau der sozialistischen Gesellschaft legte. So liegen die grundlegenden, prinzipiellen Unterschiede zwischen diesen beiden Revolutionen auf der Hand. Kann man jedoch meinen, daß die Frage der Beziehungen zwischen der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution und der Französischen bürgerlichen Revolution des 18. Jahrhunderts mit dieser Konstatierung erschöpft sei? Sollte man nur über Unterschied und Gegensätzlichkeit zwischen ihnen sprechen und völlig die Möglichkeit leugnen, die Frage nach einer gewissen Verbindung und Kontinuität zwischen diesen Revolutionen zu stellen? Man kann nicht umhin, sich daran zu erinnern, daß Lenin schon im Jahre 1917 in „Staat und Revolution" die Nachfolger Struves streng kritisierte, die nichts außer einer grob vereinfachten Gegenüberstellung der bürgerlichen und proletarischen Revolution zu bemerken hatten: „Die russischen Plechanowleute und Menschewiki, diese Nachfolger Struves, die als Marxisten gelten möchten, könnten am Ende diesen Ausdruck von Marx als ,falschen Zungenschlag' hinstellen. Sie haben den Marxismus zu einem so armselig-liberalen Zerrbild herabgewürdigt, daß für sie außer der Gegenüberstellung von bürgerlicher und proletarischer Revolution nichts anderes existiert, und selbst diese Gegenüberstellung wird von ihnen unglaublich starr aufgefaßt." 3 7 Es mag angebracht sein, im Zusammenhang mit der erörterten Frage an die leninschen Gedanken über starre Gegenüberstellung von bürgerlicher und prole37

Ebenda, Bd. 25, S. 429.

168

A. Z. Manfred

tarischer Revolution zu erinnern. Die Französische Revolution des 18. Jahrhunderts war eine bürgerliche Revolution. Aber erschöpft sich damit ihr Inhalt? Natürlich nicht. Sie war ihren Methoden und ihrem Charakter nach eine Volksrevolution. Wie Lenin verdeutlichte, besteht ihre historische Größe ja gerade darin, daß die Volksmassen die Revolution vorantrieben und all ihrem Geschehen den Stempel aufdrückten. Sie war eine bürgerlich-demokratische und eine Volksrevolution, und als solche ging sie in die Geschichte ein. Man muß sagen, daß die sowjetische Geschichtswissenschaft in dieser Hinsicht die Französische Revolution richtig eingeschätzt und wahrheitsgemäß dargestellt hat. In unserem Zusammenhang genügt es, sich auf die große Gemeinschaftsarbeit zu berufen, die 1941 unter der Redaktion der Akademiemitglieder V. P. Volgin und E. V. Tarle erschien.38 Möglicherweise ist das genannte Werk heute in einigen Teilen veraltet, aber es ist wichtig, darauf hinzuweisen, daß die Arbeit, die ein großes Kollektiv sowjetischer Wissenschaftler vereinigte, eine im wesentlichen richtige Interpretation der Französischen Revolution als einer bürgerlich-demokratischen und einer Volksrevolution gegeben hat. Ein unbestreitbares Verdienst der sowjetischen Geschichtswissenschaft war es, daß sie in Übereinstimmung mit Marx, Engels und Lenin die Größe der Französischen Revolution als Volksrevolution zu zeigen vermochte. Geleitet von den Ideen Lenins, leistete die sowjetische Geschichtswissenschaft einen großen Beitrag bei der Bearbeitung der Probleme der Jakobinerdiktatur, wobei sie zutreffend hervorzuheben verstand, daß gerade die jakobinische Periode den Kulminationspunkt der Revolution bildete. Diese ihre These belegte sie mit umfangreichem konkreten Material. Lenins weiter oben angeführte Einsichten zeigen mit großer Bestimmtheit, wie hoch er die Verdienste der Französischen Revolution bei der Entwicklung der modernen Gesellschaft und die Bedeutung der von ihr geschaffenen revolutionären Tradition für den Befreiungskampf der folgenden Generationen von Werktätigen bewertete. Schon 1907 hob Lenin in einer Polemik gegen die Theoretiker der liberalen Bourgeoisie hervor, daß die „hohe Wertung revolutionärer Perioden in der Entwicklung sich aus der Gesamtheit der historischen Auffassungen von Marx ergibt"; in voller Übereinstimmung damit bekräftigte er, daß die Große Französische Revolution „bis auf den heutigen Tag die Lebendigkeit und Kraft ihres Einflusses auf die Menschheit dadurch erweist, daß sie bis jetzt noch den wütendsten Haß erweckt." 39 Gleich Marx warnte Lenin vor einer fehlerhaften Übertragung der Lehren der Vergangenheit auf eine andere neue historische Epoche und bestätigte zugleich: „Die ,nationalen' Traditionen des Jahres 1792 in Frankreich werden möglicherweise für immer ein Vorbild bestimmter revolutionärer Kampfmethoden bleiben." 40 Diese Gedanken griff W. I. Lenin wiederholt auch nach der Oktoberrevolution, in den Jahren der Sowjetmacht, auf. „Die ganze Entwicklung der gesamten zivili38 39 40

pamjy3CKaH SypjKyaaHae peB0JH0i;iiH 1 7 8 9 — 1 7 9 4 i t . , Moskau 1941. W. I. Lenin, Werke, Bd. 13, Berlin 1963, S. 24 u. 25. Ebenda, S. 27.

Die Französische Revolution und die Gegenwart

169

sierten Menschheit im ganzen 19. Jahrhundert" ging „aus der großen französischen Revolution" hervor, verdankt ihr alles, — sagte W. I. Lenin 1919. 41 Im Jahre 1922, kurz vor dem fünften Jahrestag der Sowjetrepublik, begann Lenin die Einschätzung der im Verlauf unserer Revolution erreichten Ergebnisse — mit einem Vergleich der Jahre 1789-1793. 4 2 Aus dem Gesagten wird ersichtlich, daß das revolutionäre Proletariat dank seinem Klasseninstinkt die historische Bedeutung der Großen Französischen Revolution richtig zu bewerten vermochte. Schon seit der Zeit der ersten keimhaft proletarischen revolutionären Bewegung — Babeufs „Verschwörung der Gleichen" — und danach seit den revolutionären Geheimgesellschaften der dreißiger Jahre und des Chartismus begeisterten sich die bewußtesten revolutionären Kämpfer an ihrem Beispiel. Generationen proletarischer Kämpfer des 19. Jahrhunderts machten sich die demokratischen Traditionen der Französischen Revolution zu eigen. Das gilt für die frühen Etappen ihres Kampfes und auch für spätere — für das letzte Drittel des Jahrhunderts, als sich Arbeiterparteien mit Massencharakter herausbildeten. Darüber wurde bereits gesprochen, und es ist nicht nötig, erneut darauf einzugehen. Hier ist es wichtig zu erwähnen, daß die Traditionen der Französischen Revolution auch in der neuen historischen Epoche, die durch die Große Sozialistische Oktoberrevolution eröffnet wurde, ihre Bedeutung behielten. Berechtigterweise rückten neue große revolutionäre Ereignisse, die aus der Energie der fortschrittlichsten Klasse der Gesellschaft, des Proletariats, geboren wurden, die Französische Revolution des 18. Jahrhunderts etwas in den Hintergrund. Die grandiosen Klassenschlachten der Pariser Kommune von 1871, die erste russische Volksrevolution von 1905 bis 1907, die Große Sozialistische Oktoberrevolution von 1917, der sozialistische Aufbau in der UdSSR, die dem Roten Oktober nachfolgenden revolutionären Ereignisse in Ost und West —, all das bereicherte das Proletariat, alle Werktätigen und Kämpfer der antiimperialistischen Front mit neuen, außerordentlich wertvollen und gewichtigen revolutionären Erfahrungen. Und trotzdem verblaßten auch unter solchen Bedingungen die weit zurückliegenden Erfahrungen der Revolution des 18. Jahrhunderts in den Annalen des menschlichen Fortschritts nicht. Sie blieben erhalten als frühes Kapitel in der Geschichte des Befreiungskampfes der Völker, sie bewahrten nach einem Ausspruch Lenins ihre „Lebenskraft". Es ist bemerkenswert, daß bei jeder historischen Umwälzung die neue Generation der gesellschaftlich progressiven Kräfte auch in der Revolution von 1789 neue Züge entdeckte. An der Schwelle des zweiten Weltkrieges, als der Welt die faschistische Versklavung drohte, wurde die Geschichte der Großen Französischen Revolution abermals zum Schauplatz erbitterter ideologischer Kämpfe. Die unverschämte Erklärung von Goebbels: „Das Jahr 1789 wird aus der Geschichte ausradiert werden", fand seinen Widerhall in dem zynischen Bekenntnis Ebenda, Bd. 28, Berlin 1959, S. 435. « Ebenda, Bd. 33, Berlin 1962, S. 190. 41

170

A . Z. MANFRED

Mussolinis: „Wir treten in der Rolle der Antithese zum gesamten Ideenkreis des Jahres 1789 auf". Als Vorbereitung auf den blutigen Feldzug gegen Demokratie, Freiheit und Unabhängigkeit der Völker Europas begann sich der Faschismus aus weiter Entfernung auf das Schlachtfeld einzuschießen — er attackierte die Ideen und Traditionen der Großen Französischen Revolution. Diese Herausforderung wurde angenommen. „Wir sind stolz darauf, daß wir Söhne der Großen Französischen Revolution sind", verkündete der Führer der KPF, Maurice Thorez, der ganzen Welt. 43 Der 150. Jahrestag der Französischen Revolution, den die gesamte fortschrittliche Menschheit 1939 feierlich beging, gestaltete sich zu einer politischen Kampfdemonstration gegen Faschismus, Reaktion und Krieg. Die kommunistischen Parteien und alle progressiven und demokratischen Elemente, die sich um sie gruppierten, hielten das Banner der Französischen Revolution hoch. Die Französische Kommunistische Partei erklärte sich durch die Worte von Maurice Thorez zu Erben der Großen Französischen Revolution. 44 Sie verteidigte nicht nur die demokratischen, sondern auch die patriotischen Traditionen der Ersten Französischen Republik. Die hervorragenden Beispiele an revolutionärem Heroismus und an Selbstaufopferung, die das französische Volk während der Verteidigung seiner Heimat gegen die ausländischen Interventen seit 1792 gegeben hatte, erhielten in den Jahren, als Frankreich der Überfall Hitlers und der Verrat im Inneren des Landes drohte, einen neuen Sinn. Es ist bemerkenswert, daß Romain Rolland kurz vor dem zweiten Weltkrieg zwei seiner bedeutenden Werke schuf — das Drama „Robespierre", das den Höhepunkt seiner Revolutionsdramen darstellt, und die von echtem Patriotismus erfüllte Arbeit ,,Valmy". 4 5 Als sich die faschistischen Heerscharen 1940 über Frankreichs Grenzen ergossen und sich das Land unter dem Joch der Okkupanten befand, lebten die ruhmreichen Erinnerungen an die Jahre 1792 und 1793 wieder auf. Die Ideen der Französischen Revolution begleiteten die Abteilungen der Franctireurs, der Widerstandskämpfer und Partisanen, die gegen die Henkersknechte Hitlers und ihre Marionetten in Vichy kämpften. Der Gründung der Vierten Republik, mit der sich die Hoffnungen der Widerstandskämpfer auf eine umfassende demokratische und soziale Erneuerung des Landes verknüpften, ging die Versammlung von Generalständen voraus. Die Traditionen der Großen Französischen Revolution lebten nicht nur in der Dritten Republik, sie erwiesen sich auch in der Vierten als lebensfähig. Die „Lebenskraft" der Französischen Revolution hat sich bis in unsere Tage erhalten. Sie ist auch heute noch Gegenstand politisch-ideologischen Kampfes und theoretischer Streitgespräche. Die auf den ersten Blick paradox erscheinende Behauptung kann leichter verstanden und akzeptiert werden, wenn man vor allem an das Gebiet erinnert, das uns 43 44

45

M. Topea (Thorez), HaSpaHHue npoii3BeneHHH, Bd. I, Moskau 1 9 5 9 , S. 236. Ebenda, S. 2 0 1 — 2 9 9 (M. Thorez, Ausgew. Reden und Schriften 1 9 3 3 — 1 9 6 0 , Berlin 1 9 6 2 , S. 2 1 0 - 2 5 8 ) . P. PojiMHd, CoßpaHiie coHiiHemiö, Bd. I, Moskau 1 9 4 5 , S. 2 0 9 - 2 4 5 , 4 2 9 — 4 3 8 .

Die Französische Revolution und die Gegenwart

171

Historikern am nächsten liegt, die Historiographie. Nicht selten kann man von qualifizierten Historikern des Auslands, aber auch des Inlands skeptische Bemerkungen über das Studium der Problematik der Französischen Revolution hören. In fast zwei Jahrhunderten ist so viel über sie geschrieben worden, alle ihre Fragen wurden einer so sorgfältigen und peinlichen Untersuchung unterzogen, daß es nach Ansicht dieser Gelehrten jetzt keine Probleme mehr gibt, die einen ausgedehnten Meinungsstreit rechtfertigten. Indessen ist es nicht so. Der Streit hält weiter an. Von Zeit zu Zeit flammt er mit neuer Stärke auf, und nicht in Teil-, sondern in Kernfragen dieser Problematik. Wenn man das Bild etwas vereinfacht und nicht bei Sekundärfragen verweilt, kann man — so scheint mir — in der Gegenwart über zwei Grundtendenzen der historischen Behandlung der Großen Französischen Revolution sprechen. Die erste Tendenz, vertreten von der sowjetischen und progressiven ausländischen Geschichtswissenschaft, die mit einer marxistisch-leninistischen Auffassung der historischen Gesetzmäßigkeiten ausgerüstet ist, strebt in strenger Übereinstimmung mit der Wahrheit nach Aufdeckung und Erforschung noch nicht untersuchter Seiten der Revolution. Das bedeutet, daß sich die Aufmerksamkeit sowjetischer und progressiver ausländischer Historiker hauptsächlich auf das Studium der Volksbewegungen konzentriert, auf plebejische und bäuerliche, auf verschiedene Aspekte in der Geschichte der Jakobinerdiktatur und auf Prozesse der Entwicklung kommunistischer und egalitaristischer Gedanken, d. h. auf die Fragen, die im wesentlichen von den Historikern des adligen und bürgerlichen Lagers ignoriert oder falsch dargelegt wurden. In den fünfziger Jahren trat in der Sowjetunion ein unbestreitbarer Aufschwung in der weiteren Erforschung dieser Thematik ein. Erwähnen wir in diesem Zusammenhang nur die wichtigsten Arbeiten der letzten Jahre: die hervorragende, in ihrer Bedeutung erstklassige Untersuchung von V. M. Dalin über Babeuf und eine Reihe anderer Studien desselben Autors zur Französischen Revolution; die wertvollen Forschungen J . M. Sachers zur Geschichte der „Enragés", eines Gegenstandes, bei dessen Bearbeitung er vor vierzig Jahren als Initiator wirkte; die interessanten Untersuchungen A. R. Narocnickijs zu bisher noch wenig beleuchteten Problemen der Außenpolitik der Jakobinerdiktatur; die vieles Neue erhellenden, auf unbekanutem Archivmaterial beruhenden Studien A. R. Ioannisjans zur Geschichte des kommunistischen Gedankenguts der Revolutionsjahre; die Arbeiten A. V. Ados zu den Bauernbewegungen, diejenigen von Alekseev-Popov zur Geschichte der demokratischen Bewegung, die Materialien der Konferenz zu Problemen der Jakobinerdiktatur 46 und andere. 48

B. M. JJcuiuH, T p a n x Baöeiji HaKaHyHe H BO BPEMH BejiHKoJi paHqy3CKOti peBoJlKmHH, Moskau 1963; siehe auch seine Aufsätze in «paHi;y3CKHÄ «KerOAHHK», «HoBaH H HOBeüiuafl HCTopHH» und «BonpocH HCTopHH»; H. M. 3axep, flBHJKeime «6emeHHX», Moskau 1961; ferner seine B e i t r ä g e i n «OpamjyacKiiit ejKeroflHHK» und in «HoKoMMyHiicTimecKiie H^en B r o « t i BeniiBan H HOBeftnian HCTopHH»; A. P. Hoannucm, Koß $paimy3CKOft peBOJUOL(HH, Moskau 1966; desgleichen seine Artikel in « O p a m j y a CKHÖ eHtero^HHK» und «HoBäH H HOBeÄman HCTopHH»; A. V. Ado, Beiträge in «Ho-

172

A . Z. MANFRED

Viele bedeutsame Forschungen wurden in den letzten Jahren von progressiven ausländischen Historikern vorgelegt. Wir nennen die Arbeiten von A. Soboul über die Pariser Sansculotten in den Jahren der Jakobinerdiktatur, von J . Proust über Diderot und die Enzyklopädie, von Walter Markov über Jacques Roux und die Enragés, den unter seiner Redaktion erschienenen Gedenkband für Robespierre, die Arbeiten Richard Cobbs über die „Revolutionsarmeen", diejenige von M. Bouloiseau über den Wohlfahrtsausschuß und eine ganze Reihe andere. Eine überaus wertvolle Arbeit ist die postum veröffentlichte große Untersuchung über die sozialen Bewegungen in Orléans in den Révolutions] ahren, die der Feder von George Lefebvre entstammt. 47 Natürlich bestehen zwischen den genannten Arbeiten sowjetischer und ausländischer Wissenschaftler keine geringen Unterschiede. Sie hängen mit den individuellen Besonderheiten der Autoren, mit der unterschiedlichen Deutung einer Reihe von Spezialfragen in der Geschichte der Revolution und anderem zusammen. Allen erwähnten Arbeiten sind jedoch, wie mir scheint, gemeinsame Züge eigen. Das ist vor allem der Historismus beim Herangehen an das zu erforschende Thema. Alle diese Wissenschaftler gehen ohne jede Voreingenommenheit an die Fragen der Geschichte der Französischen Revolution heran und betrachten die komplizierten Prozesse jener Zeit unter den Bedingungen der damaligen Epoche. Sie verstehen die progressive Bedeutung der großen sozialen Bewegung des 18. Jahrhunderts und verhalten sich ihr gegenüber — wie sie es verdient — voller Hochachtung. Anders verhält es sich mit den modernen bürgerlichen Historikern, die, freiwillig oder unfreiwillig, bewußt oder unbewußt, den Dienst an der Muse Klio in einen Dienst an ihrer Klasse verwandeln. Natürlich ist heute nicht die Rede von den Epigonen Goebbels' oder Mussolinis, von den offenen, unversöhnlichen Feinden der Revolution. Wenn sie irgendwo noch in Einzelexemplaren existieren, so verdienen sie keine Beachtung. Die heute in der bürgerlichen Historiographie vorherrschende Tendenz besteht nicht in direkten Ausfällen gegen die Revolution des 18. Jahrhunderts, sondern in der Schmälerung und Herabsetzung ihrer Bedeutung. Illustrieren wir unseren Gedanken am Beispiel des 1963 erschienenen Buches von Jacques Godechot. Der Name des Professors der Universität Toulouse ist den

47

BaH H HOBeftmaa HCTOPHH» und im S a m m e l b a n d z u m Gedenken an E. V. Tarle (Moskau 1957) ; B. C. AjieKceee-IIonoe, Artikel über den Cercle Social in « T p y j j u OfleccKoro YHHBepCHTeTa HM. MeHHIlKOBa» und im S a m m e l b a n d «Ü3 HCTOpHH HKOÖHHCKOÜ «HKTaTypH 1 7 9 3 — 1 7 9 4 IT.», Odessa 1962; A. J I . HapoHnuifKuü, B o n p o c u BOÜHU H MHpa HaKaHyHe 9 TepMHffopa, im S a m m e l b a n d z u m 80. G e b u r t s t a g von I. M. Majskij, Moskau 1964 (und früher veröffentlichte Arbeiten zu diesem Problemkreis). A. Soboul, L e s sans-culottes parisiens en l'an I I , Paris 1958, 2. Aufl. 1961 ; G. Rudê, T h e Crowd in the French Revolution, L o n d o n 1959, 2. Aufl. 1967; R. Cobb, L e s armées révolutionnaires, 2 B d e , Paris 1 9 6 1 — 1 9 6 3 ; M. Bouloiseau, L e Comité de S a l u t public, Paris 1 9 6 2 ; J . Proust, Diderot er l'Encyclopédie, Paris 1962; G. Lefebvre, E t u d e s orléanaises, 2 Bde, Paris 1962 — 1963; W. Markov (nach Spezialuntersuchungen u. a. in «paimy3CKHft eJKeroHHHK»), Die Freiheiten des Priesters R o u x , Berlin 1967; ders., J a c q u e s R o u x , Scripta et A c t a , Berlin 1969.

Die Französische Revolution und die Gegenwart

173

Spezialisten seit langem gut bekannt. 48 Prof. Godechot ist Verfasser eines vorzüglichen kapitalen Werkes über die Kommissare des Direktoriums sowie einer Reihe anderer recht wertvoller Arbeiten. Ich schätze sehr den Beitrag, den Prof. Godechot bei der Erforschung der Geschichte des ausgehenden 18. und des einsetzenden 19. Jahrhunderts geleistet hat und habe große Hochachtung vor diesem großen Gelehrten und seinen Werken. Um so unangenehmer ist es, daß ich mich in einer Frage mit ihm streiten muß. Godechot erregte vor 17 Jahren mit „Histoire de l'Atlantique" Aufsehen; der Titel enthüllte bereits den spezifischen Charakter des Werkes. 49 1955 wurde auch sein Vortrag, den er gemeinsam mit dem amerikanischen Historiker Palmer auf dem X. Internationalen Historikerkongreß in Rom vortrug, auf gebührende Weise gewürdigt. Vor einiger Zeit veröffentlichte Professor Godechot eine weitere Arbeit, „Les révolutions", die in der bekannten Reihe „Nouvelle Clio" erschien. Verwunderung ruft vor allem der Titel selbst hervor. 50 Worum geht es? Die nähere Bekanntschaft mit dem Buch zeigt, daß sich Godechot entschlossen hat, anstelle der früher erschienenen Arbeit „Die Französische Revolution im 18. Jahrhundert" eine neue herauszugeben, worin eine der ganzen Welt bekannte Bezeichnung vom Titelblatt gestrichen wurde. Im Vorwort schreibt Godechot, daß er sein Buch absichtlich nicht „Die Französische Revolution" oder „Die Französische Revolution in Europa", sondern einfach „Die Revolutionen" genannt habe. Er verschweigt nicht, daß er der Äußerung einen ganz bestimmten Sinn unterlegt. „Die Französische Revolution" — eröffnet Herr Godechot seinen Lesern — „darf man nicht als besonderes, isoliert nationales Phänomen auffassen: Sie ist nur eine, obzwar bedeutsame Episode innerhalb einer großen Revolution, die im Verlauf eines dreiviertel Jahrhunderts, von 1770 bis 1850, die gesamte westliche Welt erschütterte und sogar in die östliche Welt einbrach." 51 So schlägt uns Professor Godechot anstelle des alten, von Kindheit an vertrauten Begriffs „Französische Revolution des 18. Jahrhunderts" oder „Große Französische Revolutionen" den nichtssagenden „Revolutionen" vor; hinter der verschämten und unpersönlichen Bezeichnung versteckt sich im übrigen die nicht auf das Titelblatt übernommene volle Bezeichnung „Die westlichen Revolutionen" oder auch, wie Godechot in einem der Kapitel selbst sagt, „Die atlantischen Revolutionen". 52 Das sind die gleichen, heute bis zum äußersten zugespitzten Vorstellungen, auf die wir in „Histoire de l'Atlantique" und im römischen Vortrag Godechots und Palmers gestoßen sind. Im Namen der „atlantischen Einheit" ist ein französischer Professor bereit, sogar eine der glanzvollsten Seiten aus der Geschichte seines 48

49 50 81 M

J. Godechot, Les institutions de la France sous la Révolution et l'Empire, Paris 1 9 5 1 ; ders., La Grande Nation, 2 Bde., Paris 1 9 5 6 ; ders., La Contre-révolution, Paris 1 9 6 1 . Ders., Histoire de l'Atlantique, Paris 1947. Ders., Les révolutions (1770—1799), Paris 1963. Ebenda, S. 2, 1 1 4 . Ebenda, S. 81 f.

174

A . Z . MANFRED

Landes zu opfern. E r ist bereit, der „atlantischen Solidarität" selbst die „Große Französische Revolution" darzubringen. Unwillkürlich zieht die sensationelle, wirklich verblüffende Änderung der Daten der Französischen Revolution die Aufmerksamkeit auf sich. Bis jetzt — und man kann hoffen, daß es auch in Zukunft niemand bestreiten wird — galt das J a h r 1789 als Beginn der Französischen Revolution. Der 14. Juli wird bis jetzt als Nationalfeiertag des französischen Volkes begangen. Das Bestreben Godechots, der atlantischen Idee zu dienen, geht indessen so weit, daß er ihretwillen bereit ist, sogar den Nationalfeiertag seines Heimatlandes zu „vergessen". E r erläutert, was ihn bewog, den Weg einer Revision der chronologischen Grundlagen der nationalen und der Weltgeschichte zu beschreiten. Anstelle des Jahres 1789, eines Datums, das bis jetzt Lehrenden und Lernenden als unumstritten galt, schlägt Godechot das J a h r 1787 vor. Nicht die Einnahme der Bastille am 14. Juli 1789, sondern die Versammlung der Notabein im Februar 1787 soll als Beginn der Revolution gelten. Warum? Womit wird das begründet? Godechot erklärt: Die Französische Revolution begann in Wirklichkeit zwei Jahre früher, als man bisher glaubte. Sie begann in Form einer Empörung des konstitutionellen Organs, das den amerikanischen, irischen und anderen westlichen konstitutionellen Einrichtungen am nächsten stand. Und ihrem Entstehen, ihrem Ursprung nach läßt sich die Französische Revolution — so sagt er — völlig in die große revolutionäre Bewegung des Westens einordnen. 53 So lauten die letzten Eröffnungen eines Professors der Universität Toulouse, der doch seinen wissenschaftlichen Namen hat. Die Große Französische Revolution hört unter der Feder eines französischen Professors nicht nur auf, „groß" zu sein, sondern sie hört im Grunde genommen auch auf, französisch zu sein. Oben schon wurde gesagt, daß es keinen Grund gibt, Professor Godechot reaktionär zu nennen, vielleicht nicht einmal Grund, ihn als innerhalb des bürgerlichen Parteienspiegels rechtsstehend zu bezeichnen. Daß sich jedoch seine historischen Konzeptionen und Anschauungen in direkter und unverhüllter Abhängigkeit zur Politik ganz bestimmter Kreise der französischen Bourgeoisie befinden, daran besteht nicht der geringste Zweifel. Das Buch, das aus den Annalen des französischen Nationalruhms einen dem Volk teueren Namen, den der Großen Französischen Revolution, gestrichen hat und ihn durch eine Art atlantisches Etikett ersetzte, ist der frappierendste Beweis dafür. Die Große Französische Revolution hat nicht nur auf dem Gebiet der Geschichtswissenschaft Anteil am politisch-ideologischen Kampf und dem Meinungsstreit unserer Tage. Sie tritt auch deutlich an den vorderen und zentralen Abschnitten der ideologischen Auseinandersetzung unserer Epoche in Erscheinung. Im Referat auf dem I X . Parteitag der Französischen Kommunistischen Partei im J a h r e 1937 sagte Maurice Thorez: „Die Ideen von 1789, die Ideen der Großen Französischen Revolution brachten eine tiefgreifende Umwälzung im Leben Europas M

Ebenda, S. 114, 123 f.

Die Französische Revolution und die Gegenwart

175

des 19. Jahrhunderts. Die Demokratie spielte damals eine notwendige progressive und heilsame Rolle. Ist diese Rolle heute erschöpft? Auf diese Frage müssen wir eine klare Antwort geben." Die Frage, ob die Rolle der Demokratie in unseren Tagen erschöpft sei, die vom Führer der Französischen Kommunistischen Partei gestellt wurde, berührt die wichtigsten sozialen und politischen Probleme unserer Zeit. Damals schon gab Thorez eine klare Antwort: „Die Rolle der Demokratie ist in der gegenwärtigen Zeit nicht erschöpft." 6 4 Die breite Volksfrontbewegung in Frankreich, Spanien und einer Reihe anderer Länder diente als die überzeugendste Bestätigung dafür. Man braucht nur an den X V I I I . Parteitag der Kommunistischen Partei Frankreichs und das Schlußwort ihres (derzeitigen) Vorsitzenden, Maurice Thorez, zu denken, um sich davon zu überzeugen, daß der Kampf für Demokratie, gegen das Regime der persönlichen Macht, gegen die Herrschaft der Monopole die wichtigste Aufgabe der französischen Arbeiterklasse der Gegenwart bleibt. 6 5 Die Stimme der Großen Französischen Revolution vermischt sich noch auf andere Weise mit den Stimmen unserer Zeit. Ein Standpunkt, der jegliche Kontinuität zwischen der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution und der großen französischen bürgerlichen Revolution leugnet, wäre schon deshalb unrichtig, weil er die historische Größe der Oktoberrevolution schmälert und herabmindert. Ein solcher Standpunkt ignoriert den unbestreitbaren Sachverhalt, daß die Große Sozialistische Oktoberrevolution die Verwirklichung der vorangegangenen demokratischen und humanistischen Ideen, Träume und Hoffnungen des besten Teils der Menschheit darstellte, und daß sie folglich in diesem Sinne die höchste Errungenschaft der gesamten historischen Entwicklung ist. Natürlich erhielten die alten Träume in der Oktoberrevolution und in dem von ihr geschaffenen sowjetischen Staat einen neuen Inhalt und eine neue Qualität. Anders konnte es auch gar nicht sein, da die Oktoberrevolution und der Sowjetstaat die Verwirklichung des Sozialismus waren, der von der Utopie zur Wissenschaft und von der Wissenschaft zur realen Wirklichkeit einen weiten Weg zurückgelegt hatte. Und gerade deshalb, weil diese großen historischen Errungenschaften Wirklichkeit wurden, deshalb, weil das Sowjetvolk im Prozeß seines Voranschreitens unter Führung der Partei Lenins zur unmittelbaren Lösung der großen Aufgaben des kommunistischen Aufbaus übergegangen ist, konnten die alten Hoffnungen und Träume der Generationen vergangener Epochen eine neue Verkörperung erfahren. Im Programm der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, das auf dem X X I I . Parteitag der K P d S U angenommen wurde, heißt es: „Der Kommunismus erfüllt die historische Mission der Befreiung aller Menschen von sozialer Ungleichheit, von allen Formen der Unterdrückung und Ausbeutung, vom Schrecken des Krieges und sichert auf der Erde den Frieden, die Arbeit, Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit und das Glück aller Völker." 6 6 64

M. Topea (Thorez), HaôpaHHbie npoHSBeneHHH, Bd. I, S. 241 f.

65

„L'Humanité", 1 7 . - 2 1 . Mai 1964. MaTepnaJiH X X I I cte3«a KIICC, Moskau 1961, S. 322.

68

176

A . Z. MANFRED

Die alten Losungen der Französischen Revolution von 1789, „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit!" erhielten einen prinzipiell neuen Sinn, ein neues Leben, da sie mit der heute bekannten Devise des Kommunismus, die sechs Losungen beinhaltet, eine untrennbare Einheit eingingen. E s ist bekannt, daß die Losungen „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit!", die im Frankreich des 18. Jahrhunderts, in der Epoche des Heranreifens der bürgerlichen Revolution, und insbesondere während der Revolution verkündet wurden, anfangs die Losungen des fortschrittlichen, revolutionären Bürgertums und später der breiten Volksmassen waren, die mit ihnen ihr unklares Streben nach einer anderen, gerechteren sozialen Ordnung verknüpften. Diese Losungen waren ihrem Inhalt und ihrem gesellschaftlichen Sinn nach historisch progressiv. E s ist auch bekannt, daß die Bourgeoisie, als sie an die Macht gekommen war und zur herrschenden Klasse wurde, diese Losungen beschimpfte und eine Gesellschaftsordnung schuf, die den Hoffnungen, die das Volk mit ihnen verband, völlig zuwiderlief. Davon wurden die Losungen jedoch nicht schlechter und verloren ihre Anziehungskraft für das Volk nicht. Die Devise der Großen Französischen Revolution, die in der kapitalistischen Gesellschaftsordnung unverwirklicht blieb, wurde mit der Entwicklung des Klassenkampfes des Proletariats mit prinzipiell neuem Inhalt erfüllt. Sie wurde die Losung des Kampfes für den Sozialismus. Die marxistische Auffassung dieser Losung setzte immer voraus, daß ihre eigentliche Verwirklichung nur in der klassenlosen kommunistischen Gesellschaft möglich ist. W. I. Lenin schrieb in „ S t a a t und Revolution": „ E s ist begreiflich, welche große Bedeutung der Kampf des Proletariats um Gleichheit und die Losung der Gleichheit haben, wenn man sie richtig im Sinne der Aufhebung der Klassen auffaßt." 5 7 In diesem Sinne, im Sinne der Liquidierung der Klassen und der Schaffung einer klassenlosen kommunistischen Gesellschaft versteht der Marxismus-Leninismus auch die völlige Verwirklichung der Losungen von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Zum ersten Mal in der menschlichen Geschichte erhalten sie ihre konkrete Gestalt in der Gesellschaft, die von der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution geschaffen wurde, in der Gesellschaft, die den Kommunismus aufbaut. 57

W. I. Lenin, Werke, B d . 25, S. 486.

SAMUEL BERNSTEIN, (CLIFF I S L A N D ) N E W Y O R K

The Subject of Revolution in Post-Revolutionary America On March 21, 1801, John Quincy Adams, American Minister to Prussia, wrote to his brother in the United States that he was quite satisfied with his English version of Friedrich von Gentz's comparison of the American and French Revolutions. 1 It was a lengthy article the Prussian publicist had written for his Historisches Journal in 1800. T w o reasons had motivated Adams to make it available to Americans: "First, because it contains the clearest account of the rise and progress of the revolution which established their independence, that has ever appeared within so small a compass; and second, because it rescues that revolution from the disgraceful imputation of having proceeded from the same principles as that of France." The translator went on in the next sentence: "This error has no where been more frequently repeated, no where of more pernicious tendency than in America itself. It has been here not simply a common-place argument, as Mr. Gentz represents it to have been in Europe, but has been sanctioned by the authority of men, revered for their talents, and who at least ought to have known better." 2 The anonymity of the pamphlet was perhaps in purpose, for as a pensioned defender of absolutism with its feudal trappings, the author might never have succeeded in earning respect in America. Enthused by Burke's Reflections on the Revolution in France, von Gentz had prepared a new translation of it in 17933, not only because he thought it contained the best answer to the assailants of absolute monarchy, but also because he regarded it as the most effective literary weapon against Paine's Rights of Man which had been rendered into German in 1792 and reissued the following year with a preface by the radical Georg Forster. 4 Von Gentz's version of Burke's polemic had an introduction, notes, political observations and a critical listing of publications on the French Revolution in England. 5 It has been a common error to ascribe liberalism to Burke before 1789. The fact is that the French Revolution did not cause him to change his political line. Even 1 a

3 4

12

Adams, J. Qu., Writings (New York, 1913), vol. II, pp. 520—521. The translation was published anonymously in Philadelphia in 1800 with the title, The Origin and Principles of the American Revolution, Compared with the Origin and Principles of the French Revolution. The first translation was published in Vienna in 1791. See T. Paine, Die Rechte des Menschen (Berlin, 1962), p. 75, n. 14, hrsg., iibers. und 8 Ibid., p. 75, n. 13. eingel. von W. Monke. Studien

178

SAMUEL BERNSTEIN

when he had defended the American colonies against Great Britain he never subscribed to the belief in the rights of man. Like Robert Malthus he believed that the rule of an aristocracy was essential to the security of a state; and like conservatives in general he considered religion one of its principal buttresses. His social and economic credo was in keeping with his idea of order. He held with classical economists that " t h e laws of commerce.. .are.. .the laws of nature, and consequently the laws of God", hence not to be tampered with either by government or labor. Between capitalist or landowner and his laborers there was a chain of subordination which it would be absurd break. Furthermore, between the worker and his employer there was " a n implied contract," that is, the worker's labor "shall be sufficient to pay to the employer a profit on his capital and a compensation for his risk: in a word, that the laborer should produce an advantage equal to his payment." Government should not interfere with the laws of competition; nor was it within its competence to provide the poor with the necessities "which it has pleased the Divine Providence for a while to withhold from them." 6 Here was a neat paradox calculated to uphold both traditional social relations and the society of the free market. Economic liberalism became an instrument of power in the hands of an aristocracy, be it a commercial or a landed aristocracy which Burke seemed to favor. Labor being a commodity was, like other commodities, subject to the unalterable laws of the market. This was in accordance with the natural and divine order of things, the end of which was harmony. To defend at the same time traditional morality and untraditional bourgeois morality he cast the mantle of Providence over natural laws and set social relations in a system of subordination. 7 Political theorists have often rested their defense of Burke's genius on his doctrine of prescription, with which he stubbornly fought the rights of man. It was a doctrine which claimed to derive its validity from a partnership with history. It called on the past to authenticate the present. The existence of institutions and of an established order, it predicated, was an assumption in their favor and a proof of their utility. Their development through time was evidence of their continuity and of the organic unity of society. Now, it can be granted that the doctrine has a certain validity. Institutions have a history of growth and decay. Unfortunately, the doctrine has served but too well the worshippers of moldy immobility. It has justified the survival and the passing on to future generations of practices and privileges t h a t have long lost their purpose. More serious still, it has shut the door to fundamental changes, lest they topple the entire political and social structure. Actually, by lingering amid the relics of the past, Burke lost sight of the defects and rot of the present. The great social and economic changes going on in England and in Europe as a whole escaped him. Prescription sanctioned the saying, "Whatever is, is right." It exalted the wisdom of ancestors without crediting it to contemporaries. However much it implied the conception of society as a living organism, it was a means of vindicating the com-

8 7

E. Burke, „Thoughts and Details on Scarcity." Works (Boston, 1871), vol. V. C. B. Macpherson, „Edmund Burke and the New Conservatism," Science & Society, 1958, vol. X X I I , pp. 2 3 1 - 2 3 9 .

The Subject of Revolution in America after 1789

179

manding power of past ages. One serious student observed t h a t Burke's sole authority in the Reflections was "precedent — the dry bones of the past." 8 Burke's doctrine of prescription terminated in old-fogeyism. It was not surprising, therefore, t h a t it became the base on which supporters of the authority of tradition and foes of the rights of man rested their case. This was especially so in a country like Germany with its plethora of feudal princes. Here the revolutionary principles of France were resisted by a host of intellectuals and statesmen whom Burke provided with an arsenal of ideas. Von Gentz was Burke's respected interpreter in Gèrmany. 9 His version of the Reflections was enthusiastically received by Friedrich von Hardenberg among others. Baron von Stein called it " a n immortal work," and Adam Miiller, von Gentz's friend, said in ecstasy that Burke was "this greatest, most profound, most powerful, most human and most bellicose statesman of all times and all peoples." 10 Burke's call for a coalition against France evoked among them the response of crusaders. The effect was well described by Joel Barlow, the American poet. Burke, he charged, inspired the Concert of Europe and excited "the champions of despotism to begin the work of desolation." 11 And an English journalist named him "the great drum-major of this military confederation." 12 Young Adams' translation of von Gentz's articles was not his debut in the debate over the French Revolution. Back in 1791 he had written a series of eight letters in the Columbian centinel, over the name of Publicola, to refute Paine's Rights of Man. 13 The answer had two major themes. One was burkite, in t h a t it endorsed the theory of prescription without once referring to it. To Paine's contention t h a t there was no such thing as a British Constitution Adams retorted t h a t it consisted of a venerable system of unwritten or customary laws, handed down from time immemorial and sanctioned by the accumulated experience of ages, as well as of a body of statutes enacted by parliament. This was the thesis in favor of old, surviving institutions. It was also an argument against innovation. Reverence for the past, as Burke and Adams understood it, was to stand in adoration of obsolescence. 8

A. O. Aldridge, Man of Reason, The Life of Thomas Paine (Philadelphia and New York, 1959], p. 141. ' Apart from the Reflections, he translated five other political writings by Burke. It may be noted here that he also translated in 1794 Mallet du Pan's Considérations sur la nature de la Révolution de la France et sur les causes qui en prolongent la durée; in 1795, Mounier's Recherches sur les causes qui ont empêché les Français d'être libres; and in 1797, Francis d'Ivernois' L'Etat des finances et des ressources de la République française au 1er janvier 1796. All three works were hostile to the French Revolution. 10 Cited in H. Barth, The Idea of Order (Dordrecht, Holland, 1960), pp. 24, 31. 11 A note on Burke in The Conspiracy of Kings (Newbury, 1794), pp. 25—30, reprinted in his Political Writings (New York, 1796), pp. 252—258 and in The Time-Piece (triweekly), September 25, 1797. 12 The Analytical Review, November 1797, vol. XXVI, p. 542. IS The letters were subsequently published in pamphlet form, under different titles, in Boston, Philadelphia, Albany, Edinburgh, Glasgow and London.

12»

180

SAMUEL BERNSTEIN

This brings us to the second theme of Adams' answer, that of revolution. If the British Constitution, and by implication the constitutions of the American states, was the product of ages,, as Adams said, the people had no right to change the government or to abolish institutions when they chose to do so. Paine had elevated revolution to a people's right, inseparable from the natural rights of man. What he really meant, irrespective of the eighteenth century bias for the term, „natural," was that the people were the makers of their own history whether their governors wished it or not, that in the process of changing things they necessarily established in place of existing institutions, others that fitted their needs and purpose. Adams opposed this view with an appeal to "the eternal and immutable laws of justice and morality," which were paramount to all human legislation. No people had the right to violate the laws by which power had already been delegated. He thus transferred the question of revolution from the realm of history to the realm of mysticism. This was in keeping with his philosophical outlook. Philosophy which does not rest on God, he once wrote, "is but a cobweb of the brain." 1 4 A revolution, said Adams, could be brought about by one of two ways, by insurrection or by accommodation. Either way was repugnant to him, except when "overriding necessity" made it unavoidable. Without the exception he could not justify the American Revolution. We shall see that von Gentz fell on the same justification. Noteworthy here is Adams' concession that a revolution by necessity could result from extraordinary conditions. The question arises whether any revolution ever broke out that was not the culmination of compelling circumstances. Revolution ist not a game of ping pong. It is the final answer to a system that has become insufferable, or, in a still larger sense, that has arrested the nation's development. Its leaders may sharply and violently disagree on the course it should take. But the challenge to the old system arises from "overriding necessity." Adams' exception, therefore, was more in accord with his purpose than with the history of revolution. Let us return to his consideration of the question. He who loved humanity, he said, ought to be extremely cautious before counselling insurrection. It amounted to putting into action an uncontrollable power, the masses, who were "competent only to the purpose of destruction and totally incapable to create or to preserve." Here was the underlying reason for his dread of revolution. The masses, he continued, were ignorant, credulous and brutal. They were beyond restraint, having nothing of their own to lose. He did not use Burke's offensive definition, "the vile multitude", but his understanding of the masses was quite similar. Rights " t o life, liberty and property" were but feeble barriers to them. Revolution by accommodation was equally dangerous according to Adams. For if a legislature summoned a convention to revise or to set up another framework of government, it would be "the completest evidence of its own inutility", and would open the floodgates of civil war and anarchy. It was unnatural for a law-making 14

Cited by W. Glick, "The Best Possible World of John Quincy Adams, The New Quarterly, 1964, vol. X X X V I I , p. 14.

England

181

The Subject of Revolution in America after 1789

body to divest itself of its power. Furthermore, the act of calling a convention was in itself usurpation. It was "assuming the right to dissolve the ties of society," as well as "acknowledging that this assumed right was without any sort of foundation." Adams voiced American conservative opinion. This was an uninformed view of revolution. The notion that it could achieve salutary ends, that, like a storm it washed away accumulated rotting refuse, and cleared the atmosphere, above all, that it had the potential of giving new guidelines to national development — this view of revolution was incomprehensible to Americans of Adams' stamp. They in fact treated it with scorn. Before proceeding to the next section we should say now that contemporaries, Jefferson, Freneau and Barlow, for example, had an altogether different outlook on revolution. It will be considered elsewhere in the essay. W e showed at the beginning of our paper with what enthusiasm the younger Adams greeted von Gentz's article. In a letter to the author he expressed deep admiration for it. He was "highly obliged", he said, " f o r the consideration you have bestowed upon the subject, as well as for the honorable manner in which you have borne testimony to the purity of principle upon which the revolution of m y country was founded." 1 5 It may be pointed out here that von Gentz's attempt to distinguish between the two Revolutions was less original than has been thought. Contemporary traducers of the French Revolution both in Europe and in the United States were at the same time extolling the American Revolution. This was especially so after 1795, when feeling reached a warlike danger-point in the United States. Press and pulpit became efficient channels for conveying to the American public horror stories about French atheism, terror and military conquest. English journalists and pamphleteers were simultaneously creating a similar image of the French. On the Continent, the Genevan, Charles Pictet, for example, writing under the influence of American publications, argued a preference for the American Revolution. He ascribed the difference between the two Revolutions to historical conditions. The American, he observed, had not been preceded b y " a state of real oppression", a factor which accounted for its greater moderation. Also, the fact that the Americans had grown up in a sparsely settled area with forms of self-government was a reason for their not having to pass through the violent stages of the French. 16 Pictet's assertion that the American Revolution escaped the violence of the French is inconsistent with the evidence, as we shall show subsequently. It is important to note, however, that he laid their differences to historical circumstances. Such was not the method of von Gentz and his admirers. For their comparisons of the two Revolutions were imbued with partisanship. It is not an overstatement to say that they were more repelled by revolution in general and b y the French in particular than they were attracted by the American Revolution. They elevated the latter only to degrade the former. Resemblances between them, not to mention 15

Writings,

16

C h . P i c t e t , Tableau de la situation actuelle des Etats-Unis

vol. II, p. 463. d'Amérique,

d'après

Morse et les meilleurs auteurs américains (Paris, 1795), vol. I, p p . 1 6 — 2 4 .

Jedidiah

182

Samuel Bkbnstein

parallels, were either expunged or reduced to insignificance. Such judgments of the two great Revolutions contributed little, if anything, to their better understanding. Their contrasts were derived from the moral issues of right and wrong rather than from objective conditions; and their conclusions were charged with heavy doses of passion and fear. A piece of writing like von Gentz's would not merit comment today were it no revived and pedestaled by historians and social scientists who have been identified as "new conservatives." 17 They have been advocating a return to Burke. Here we have further evidence t h a t the great debate the French Revolution inaugurated is still going on. Only it has become more dimensional. The "new conservatives" have been disparaging all talk of democratic revolutions, of the economic interpretation of history and, of course, of historical materialism. They condemn them as historical myths, associated with the rise of the proletariat. To discredit them still more new terms have been coined, such as "the religion of progress" and "the tyranny of progress" 18 , "the Religion of Revolution", "totalitarian democracy" 19 , and the "tyranny of the common man." Even capitalism and industrial revolution have become suspect. The first, say the "new conservatives," has often been connected with the rise and suffering of the modern working class ;20 the second, introduced by French writers under the spell of their political ferment, has doubtful value because it tends to support the belief that the introduction of large-scale industry was catastrophic. 21 What is to be done? Obviously, such words cannot be erased from the vocabulary. But they can be saved from opprobrious overtones, say the "new conservatives," by stressing the benefits brought by capitalism; and instead of the economic interpretation of history and historical materialism with the implied class struggle theory, attention should be heaped on the history of the entrepreneur who shaped the course of American development. He was not "the robber baron" who grew wealthy on spoils, but the hero who by industry and thrift has laid the basis of his own fortune and the country's wealth. Readers and student should be taught that the immense improvement of the workers' conditions were due, not to their trade unions and political action, but to the advance of capitalism brought about by the great captains of industry. 22 In sum, contend the "new conservatives" as they 17

18

19

20

21 22

See Russell Kirk's introduction to the new edition of Adams' translation of von Gentz with the title, The French and American Revolutions Compared (Chicago, 1955). Further references to von Gentz will be based on this edition of his pamphlet. In the new edition the author's name was stripped of the von. See A. Solomon, "The Religion of Progress", Social Forces, 1946, vol. X I I I , and by the same author The Tyranny of Progress (Nw York, 1955). See J. L. Talmon, The Rise of Totalitarian Democracy (Boston, 1952), p. 249, and Political Messianism (New York, 1960), p. 27. F. A. Hayek, "History and Politics," Capitalism and the Historians (Chicago, 1954), p. 15, ed. by F. A. Hayek. T. S. Ashton, "The Treatment of Capitalism by Historians," ibid., p. 54. B. de Jouvenel, ibid., p. 121.

The Subject of Revolution in America after 1789

183

pursue their offensive against ideas that are likely to derogate from the existing system, the claims of stability must be marshaled against the aggression of totalitarianism and Messianic Revolution. But their vision, like Burke's is backward oriented. They tremble before the changes taking place in this dynamic age, and they fear the prospects implied in the rise of the common man. Meanwhile they have been re-writing history to secure their rearguard action. A n example is their reinterpretation of the American Revolution, which has brought them nearer to von Gentz. Merrill Jensen, perhaps the most searching student of the American revolutionary age, recently inventoried their views on the period. 23 T o begin with, he tells us, the majority of these interpreters of the Revolution have taken a position without having examined the evidence or without having read the historians they criticized. Despite accumulating conclusions to the contrary, they have declared that the age of Revolution was one of agreement, that is, it had no "internal revolution," no struggle for the reins of power at home. W e shall observe that this was a principal point in von Gentz's article. They have furthermore maintained that no conservative reaction followed a democratic upheaval. In short, they have questioned that there was an American Revolution. In support of their claims they have reasoned somewhat as follows: Since a substantial number of colonists could vote, there could be no internal struggle for power, the assumption being that those with little or no property had the ballot or that its use is the sole test of democracy; the Revolution was but a conservative colonial rebellion to conserve democracy, implying that the power exercised by the rich merchants and large landowners is a modern invention of progessive historians who have seen only class conflict and division, instead of union; the American Revolution was without ideology, even though it is common knowledge that ideas were the tests of party groupings ;24 and finally, the American Revolution was not a social revolution, like the French, a contention which Jensen answers by saying that, " f i v e times more people per thousand of population were exiled from America than from France," and that "almost as much property was confiscated in America as in France, a country ten times as large." It is not difficult to see that the object of the "new conservatives" is to fit historical scholarship to their politics. But before they can achieve that they will have to convert history into myth, biography into hagiography and politics into theology. After our many references to von Gentz it is time we examine the argument of his article. Its aim was to show the moderation and conservatism of the American 23

24

M. Jensen, "Historians and the Nature of the American Revolution", in R. A. Billington, ed., The Reinterpretation of Early American History (San Marino, Calif., 1966). It is shocking to find the same shallow reasoning in G. M. Trevelyan, England under the Stuarts (New York, 1912), pp.196, 229—230. According to the English historian the English Revolution was one of the "noblest" in history, because it "was not a war of classes... but of ideas." The French Revolution on the other hand, "was a war of two societies."

184

SAMUEL BERNSTEIN

Revolution and the excesses and anarchy of the French. Von Gentz finds four points of contrast between the two Revolutions : 1. The American "was grounded partly upon principles, of which the right was evident, partly upon such, as it was at least very questionable, whether they were not right, and from beginning to end upon no one t h a t was clearly and decidedly wrong;" the French "was an uninterrupted series of steps, the wrong of which could not, upon rigorous principles, for a moment be doubted." 2 5 2. The American, from beginning to end was merely a defensive revolution; the French "was from beginning to end, in the highest sense of the word, an offensive revolution."2* 3. The American, " a t every stage of its duration, had a fixed and definite object, and moved within definite limits, and by a definite direction towards this o b j e c t . " The French "never had a definite object; and in a thousand various directions, continually crossing each other, ran through the unbounded space of a fantastic arbitrary will, and of a bottomless anarchy." 2 7 4. The American " h a d a mass of resistance, comparatively much smaller to combat, and, therefore, could form and consolidate itself in a manner comparatively much easier, and more simple." The French "challenged almost every human feeling, and every human passion, to the most vehement resistance and could therefore only force its way by violence and crimes." 2 8 Here in a nutshell were von Gentz's four big differences between the two Revolutions. Let us study their worth. It must be said at the outset that all four were supported by sophistry, hatred and distortion of evidence. And yet, al least three years before the appearance of his article, he had formed the project of writing a history of the French Revolution, for which he had bought big collections of sources. 29 We do not know their nature, but if his article is an indication of their reliability, they were probably a mass of vituperative accounts of vengeful émigrés. W h a t he says of the French Revolution nowhere rises above Burke's grotesque account. Yon Gentz argues from the viewpoint of the legality of revolution. B y his standards, the French Revolution was, of course, unlawful, " a monstrous usurpation" of royal prerogative and of the rights of the privileged estates, for which it substituted " t h e chimerical principle of the sovereignty of the people." 3 0 In other words, for a revolution to be correct, according to von Gentz, its leaders should march to the holders of power, weighed down by ponderous tomes of the law, like Andreyev's Sabine husbands. And should the vested interests view either with indifference or contempt the bearers of the legal evidence, what recourse was left to the appellants? Was insurrection or revolution then justifiable? And if so would the revolution

25 2C 27 28 29 30

Von Gentz, op. cit., p. 31. Ibid., p. 47. Ibid., p. 60. Ibid., p. 76. P. R. Sweet, Friedrich von Gentz. Defender of the Old Order. (Madison, Wis., 1941), p. 30. Ibid., pp. 4 3 - 4 5 .

The Subject of Revolution in America after 1789

185

be defensive or offensive? To pose such questions is to enter the domain of saints or madmen. For no ruling group or privileged class has ever bowed itself out of power or surrendered its sources of wealth and influence without violent resistance. The French Revolution was a towering example of that. And so was the American. The wealthy mercantile and landed aristocracy of England employed mercenaries and incurred a huge national debt 31 to maintain the long standing mercantilist policy in America. But the American Revolution was grounded on principles, von Gentz tells us, for it was an uprising against an attack by parliament, an attack which he likened to that of " a foreign power", in order to be consistent with his argument that the Revolution was defensive. But he also tells us that the Americans fought to overthrow British monopoly, that is, to demolish impediments to their industrial growth, to their expansion and speculation in Western lands, and to their trading in foreign ports. Seen from this standpoint the Revolution ceases to be right or defensive. For a revolution is not a matter of morals ; nor can it be characterized as either defensive or offensive. It makes its own right; and military strategy compels it to proceed along both defensive and offensive lines. B y the same token it is meaningless to say that the French Revolution was offensive. To label it so von Gentz had first to portray the King "benevolent,""humane," and "noble", and the revolutionists "violent and terrible," and then to declare all counter-revolutionary plots and courts conspiracies "wretched fable", and pure "fiction." 3 2 The fact that the French court, French émigrés, and foreign monarchs were guilty of conspiring the overthrow of the Revolution and the partition of France, seemed incredible to von Gentz. The attempted flight of the royal family, the uncovered secret correspondence of the King and Queen which established their treason, the civil wars instigated by French royalists and British subventions — facts like these, known to contemporaries were for him but the fantastic creations of the imagination. The American Revolution, von Gentz continues, was " a revolution of necessity", forced on the Americans by England. 33 As we said above in our consideration of the younger Adams' reply to Paine, it was, like other revolutions, the culmination of insufferable circumstances which, if allowed to remain, would have stunted the country's growth. To that extent it was " a revolution of necessity", in the same way the French Revolution was. To have abided by "the old Constitution," a term von Gentz used to sum up the obsolete French system, or even to have revised it, of which he envisaged the possibility, would have kept the French anchored in feudal refuse and in time worn privileges. No way, other than rooting them out, was possible, if the nation was to have fuller development. Von Gentz, however, could not appreciate the importance of freeing a nation from impediments to its progress. 31

32 33

See Sir J . Sinclair, The History of the public Revenue of the British Empire 1 8 0 3 - 1 8 0 4 ) , vol. I, p. 471. Von Gentz, pp. 57—58. Ibid., p. 56.

(London,

186

Samuel Bernstein

His main concern was the loss of royal power, the expropriation of Church property, the destruction of privileges, and the serious injury the Revolution caused to the European monarchical system. It was the concern of all reactionaries. In his sorrow he found it rewarding as well as consoling to defend the English war policy and to look upon conservative England, where Pitt had suppressed a growing reform movement, as "this paradise of Europe," "this garden of God." 34 Like the "new conservatives" von Gentz saw no internal struggle in the American Revolution, no class conflict. Yet we know t h a t its leadership was deeply disturbed by the levelling sentiment. Just a few weeks after the Battle of Lexington, when, according to von Gentz, the leaders were united in the defense of their rights against the British parliament, John Adams wrote to John Sullivan: "Such a levelling spirit prevails, even in men called the first among mighty, that I fear we shall be obliged to call in a military force to do that which our civil government was originally designed for " 3 5 It was the aim of his Thoughts on Government, published in the significant year 1776, to prove the necessity of checks and balances as a means of containing the plebeian surge. To be sure, in America, with but comparatively little feudal tenure, class antagonism had a different character from that in feudalridden France. Nor was land distribution as deep a cause, for the reason that the American Revolution was an anticipation of the opening of the western land to prospective settlers. Even so, a social revolution took place in nearly every state. Large estates of loyalists in New York, Pennsylvania and Virginia were confiscated, sold and subdivided, thereby weakening the power of the landed aristocracy. Also, before the close of the Revolution most of the states were preparing to abolish entail and primogeniture. 36 Besides, the Revolution inspired the plain folk with a sense of importance and a conviction that a good government was one best adapted to the people's welfare, for such was the end of civil society. Conservatives in postrevolutionary America who tried to restore previous conditions found themselves helpless even though they succeeded in constructing ramparts against the democratic movement. Class alignments were unmistakenly present in revolutionary America. A student of its social structure recently estimated that the wealthiest 10 percent "owned about half of the inventoried property in Massachusetts, 40 percent in New Hampshire, and 45 percent in New Jersey, the last figure being average for the North." Facts like these represented a high degree of concentration of wealth. In the southern states, "10 percent of the whites at the top, consisting principally of large landholders and merchants,.. .owned nearly half of the wealth of the country, including perhaps one-seventh of the contry's people." In the North, "the class of poor people comprised nearly one-third of the whole white population." Approximately the same proportion obtained in the South, if the Negro slaves were included. 37 34 35

36 37

Sweet, op. cit., pp. 51—52, 70. Cited b y R . B. Morris, "Class Struggle a n d t h e American Revolution, "The William and Mary Quarterly, 3 r d series, 1962, -'ol. X I X , p. 7. A . A . Ekirch, TheAmericanDemocraticTradition: A History. (New York, 1963), pp. 42—43. J . T. Main, The Social Structure of Revolutionary America (Princeton, N. J . , 1965), pp. 4 1 - 4 2 , 6 6 - 6 7 .

T h e Subject of Revolution in America after 1789

187

From the unequal distribution of wealth stemmed social distinctions and class conflicts. As a philosophical farmer said in a communication to the Maryland Gazette of September 5, 1783: " T h e great respect shown to people of wealth has annexed an awe to their persons, which the greatest familiarities can scarcely conquer; hence the lower class of mankind rarely expect justice when contending against the rich. The great distance between the extremes of rich and indigent prevents that familiar intercourse necessary to create respect; the wealthy are generally deemed tyrants, who in their turn view the opposite extreme as an inferior species unworthy the formality of justice." 3 8 The same writer said in the same Gazette of February 29, 1788, after five years of post-revolutionary turmoil: "Where wealth is hereditary, power is hereditary; for wealth is power. Titles are of very little or no consequence. — The rich are nobility, and the poor plebeians in all countries. — And on this distinction alone, the true definition of aristocracy depends. — An aristocracy is that influence of power which property may have in government; a democracy is that influence of the people or members, as contradistinguished from property. Between these two powers, the aristocracy and democracy, that is the rich and the poor, there is a constant warfare." 39 So much for class alignments in revolutionary America which von Gentz and the modern "new conservatives" have tried to erase from history. The leaders of the Revolution were generally men of wealth and social standing, ambitious and successful men whose ruling object was the security of institutions protecting property. Naturally they were moderate in their revolutionary aims. A number of them would have been happy to come to terms with England, even while the war was well advanced. At the same time, British seizure and liberation of slaves in the South cast undecided planters into the revolutionary camp. 40 Von Gentz had to concede the resistance of the Loyalists to the American Revolution and the "persecution" and "injustice" to which they were subjected. He even granted that the rights of property were "often violated by single communities and single states, and, in some few instances, with the cooperation of the supreme authority." 4 1 It is a propos to recall Jensen's above-cited assertion that "almost as much property was confiscated in America as in France." Loyalists were subjected to heavy fines; they were deprived of the right to vote, to hold posts of trust, to sue in court and to exercise the rights of citizenship. Like the revolutionary armies of France, armed groups of Americans scoured the countryside in search of traitors. Many were tried before special courts; the number of executions was small, compared to that of France. However, the number exiled from America was many times greater. Much of the action against Loyalists was spurred by extralegal bodies, known as Committees of Safety. They were dual powers that arose spontaneously at the beginning of the Revolution. One of their historians says that they "constituted a

39 40

Cited in ibid., p. 229, n. 32. Cited in ibid., p. 230. Morris, op. cit., p. 18.

41

Op. cit., pp. 80, 81.

188

SAMUEL B E B N S T E I N

direct application of eighteenth century political philosophy — the theory of 'social contract' and the 'natural rights of man' . . . It matters little whether these ideas were originally believed or whether they should be attributed to rationalization. They certainly played an important part in the radical propaganda of the time. Much of the activity of the early committees centered in the promulgation of these thoughts, which resulted in a bitter struggle between the wealthy and the commonalty." 4 2 The more these committees are studied the more they bring to mind the Jacobin clubs in France. In both countries, these organizations were propellers of the respective revolutionary movements; in both again they were sentinels against treason, creators of public opinion, organizers of militia, collectors of arms and prosecutors of the manufacture of munitions. Needless to say they were a nightmare to conservatives and wealthy. 43 This rank-and-file militancy undoubtedly impelled them to establish state governments with wide police powers. B u t the constitutions they drafted were preceded by bills of rights, which von Gentz referred to disdainfully as "this empty pomp of words" 4 4 , but which all the same proved the hold the principles of the "rights of m a n " had on the minds of Americans. Thomas Paine had already invoked " t h e natural rights of mankind" in his Common Sense which sold 120,000 copies in the first three months, or a copy to one of every three families, according to one historian; 4 5 and according to another, the figure probably reached a million over a longer period. 46 The sale would set a record even today. In the eighteenth century it was unprecedented. Von Gentz reluctantly admitted this overwhelming evidence, but he called the pamphlet "contemptible." 4 7 The reason is not far to seek. For it not only annunciated " t h e rights of m a n " ; it also distinguished between society and government, cast opprobrium on the English monarchy, and charged monarchy in general with having laid " t h e world in blood and ashes." The Prussian Burke had but epithets for his answer. It may be instructive to point out in contrast that the American conservative John Adams, who disliked Paine and his ideas as wholehartedly as did most contemporary conservatives, knew better than to dispose of Common Sense with abuse. He in fact paid it the compliment of replying with his Thoughts on Government which, as we said above, set the check and balance system over against popular sovereignty. 48 4i

43

44 45

46 47 48

H. M. Flick, "The rise of the Revolutionary Committee System," in A. C. Flick, ed., History of the State of New York (New York, 1933), vol. Ill, p. 212. See A. Hunt, The Provincial Committees of Safety of the American Revolution (Cleveland, 1904). Op. cit., p. 63. H. C. Hockett, Political and Social History of the United States, 1492—1828 (New York, 1927), p. 145. M. D. Conway, The Life of Thomas Paine (New York—London, 1909), vol. I, p. 69. Op. cit., p. 65, n. In his Diary and Autobiography (Cambridge. Mass., 1961), vol. Ill, pp. 282,319,330—334, Adams was blunt. He considered Paine's writings "worthless and unprincipled", referred to him as "a Star of Disaster", and discounted the originality and importance of Common Sense.

The Subject of Revolution in America after 1789

189

Further consideration of von Gentz's article would carry us to tedious lenghts. The American Minister's translation had but small circulation in America. The text was heavy-footed; the content was superficial, sophisitcal and in character with the mass of abusive writings against the French Revolution. It deservedly fell into oblivion from which the "new conservatives" exhumed it in recent years. W e fail to understand how it can advance their cause. The American climate in which the translation appeared was inopportune for a favorable reception. American hostility to French revolutionary ideas had passed its peak. Franco-American tension, built up since the Jay Treaty, was broken b y the intervention of influential and knowledgeable men in both countries and b y the decision of President John Adams to negotiate differences, even at the high price of splitting the Federalist Party. The move was statesman-like. It caused a turn from war hysteria and unreason to calm, peaceful pursuits. It was a blow to reaction at home and to pro-British policy abroad. The final outcome was a crushing defeat for the Federalists. It was the dénouement of approximately six years of maneuvering in which disdain of French principles was considered a test of loyalty to America. The French Revolution affected class and party alignments in the United States during the last decade of the eighteenth century. A t first, and for three or four years after its start, it was widely applauded. Save for a strong minority which, like John Adams, regarded it as an ominous challenge to the providentially designed government by an aristocracy, the great mass of the people, including intellectuals, scientists and statesmen hailed it as the complement of the American Revolution. " A s a friend of humanity," wrote the American poet, Philipp Freneau, " I rejoice in the French Revolution, but as a citizen of America the gratification is greatly heightened." 49 The fact that the Jacobins had the confidence of their fellow citizens, he replied to critics, was sufficient proof that they were on the right road. 50 W e have shown elsewhere how Thomas Jefferson consistently supported the French revolutionary ideas. 51 Here we can give only a few illustrations of his steady defense of them. In 1791 he had Paine's Rights of Man republished as an antidote to two works b y John Adams 52 , which, with pedestrain scholarship and tiresome prose, lauded government by an élite of the rich and well-born. In 1793 Jefferson wrote to Brissot that he remained "eternally attached to the principles of your revolution." H e shared Paine's belief that every nation had the right to govern itself and to change its form of government " a t its own will." This was a cardinal point. T o those who raised the hue and cry over the King's execution he answered that to have allowed monarchy to exist "would have brought on the reestablishment

49 50 51 52

The National Gazette, December 12, 1794. Ibid., July 24, 1793. See my Essays in Political and Intellectual History (New York, 1955), pp. 57 — 72. Defence of the Constitutions of Government of the United States of America (1787) and Discourses on Davila (1790).

190

SAMTJEL B E R N S T E I N

of despotism." He deplored as much as anyone the fall of innocent people along with the guilty. " B u t I deplore t h e m as I should have done had t h e y fallen in battle," he wrote to William Short on J a n u a r y 3, 1793. " I t was necessary to use the arm of the people, a machine not quite so blind as balls and bombs, b u t blind to a certain degree The liberty of the whole earth was depending on t h e issue of the contest, and was ever such a prize won with as little innocent blood?" It m a y f u r t h e r be noted here t h a t Jefferson remained constant in his faith in French principles even when anti-French sentiment nearly gripped the nation in panic. W o r t h y of observation is the fact t h a t the division over t h e French Revolution in America assumed class lines. Federalists warned t h a t it would undermine respect for property and law; t h e Republican answer was t h a t it would stay u p democracy in which lay embedded political and economic equality. This was vital to free government; it ceased to exist when the nation's wealth fell to a small minority. The consequence was " t o transfer the fruits of the labors of the m a n y into the hands of t h e few." They had the vanity to measure the country's prosperity " n o t by the general ease and happiness of the people," b u t by their gaudy display, "supported by t h e plunder of their fellow citizens." 5 3 We are not implying t h a t American criticism of property relations in the 1790's went the length of the Diggers in seventeenth century England or of the Babouvists in late eighteenth century France. The movement farthest to the left in the United States was the uprising of 1786, led by Daniel Shays. It was an insurrection of distressed farmers and other oppressed elements against foreclosures, imprisonment for debt and harassing legislation. Also in their program was the aim of winning a share in lawmaking. The American Revolution did not bring forth a Cromwell or a Bonaparte. But to the delegates a t t h e Constitutional Convention of 1787, the assertions of "new conservatives" notwithstanding, the uprising was t h e best evidence of the need for a strong government, so fortified against the masses t h a t it would be invulnerable to movements from below. The constitution t h a t emerged from the Convention has justifiably been termed a counterrevolution. 5 4 Federalists were dismayed by the popular enthusiasm for French principles. Would the constitutional defenses erected in 1787 hold out against the French inspired masses, chanting t h e Marseillaise and Qa ira? Organized religion was showing signs of weakening before the advance of French philosophy and French revolutionary ideals. If t h a t continued, infidelity would triumph, as in France, and America would t h e n fall into irreligion and anarchy. To prevent the heresy from spreading, Alexander Hamilton proposed the founding of a Christian Constitutional Society for the purpose of upholding at once religion and the Constitution. 6 6 College students who had strayed from the part of righteousness were admonished to forsake French subversive doctrines. 53 54 65

The National Gazette, July 21, 1792. H. M. Jones, America and French Culture, 1750—1848 (Chapel-Hill, N. C., 1927), p. 34. M. Curti, The Growth of America Thought (New York, 1964), p. 191.

The Subject of Revolution in America after 1789

191

Beginning in 1795, the clergy in the middle states and in New England, took an aggressive stand against French principles. It invoked the thunderbolts of heaven and the fires of hell against Americans who had been "intoxicated" with them and who harbored notions of the "people's sovereignty." Sermons with the strongest indictment of the "ferocious and atheistical anarchy in France" were printed b y Federalist contributions and distributed in major cities. The clergy became an ally of the Federalist Party; 5 6 and religion, a reenforcement of an allout attack on democrats and " J a c o b i n " republicans. Ministers of the Gospel who remained sympathetic or preferred to stay au dessus de la mêlée were either ostracized by their colleagues or roughly dealt with. 57 Sermons reached a large public and undoubtedly indoctrinated many non-readers and illiterates. But they could not stop the circulation of republican papers and tracts, pamphlets and books, many of which were sent from England. 58 T o countervail their effects, Federalists and clerics were busy advertising and recommending writings that drew a horrifying picture of plebeian action and of the French Revolution and its consequences.59 N o publication caused greater concern to American clergymen than did Paine's Age of Reason. How any reasonable reader could discover in it a defense of atheims is beyond comprehension. But New England clerics found it on every page, and in their outrage set off a wave of acrimonious controversy that lasted many years. T o paraphrase an English journalist of the day, they saw atheims " i n clouds" and heard it " i n the wind." 8 0 The book was assailed from the pulpit and in the press. In 6*

57

68

59

60

G. B. Nash, "The American Clergy and the French Revolution," The William and Mary Quarterly, 3 r d series, 1965, vol. X X I I , pp. 397-398. W . De Loss Love, Jr., The Fast and Thanksgiving Days in New England (Boston — New York, 1895), pp. 363—364. Among the publications received from England and advertised by the Aurora of Philadelphia, for instance, were: The Rights of Princes and the Wrongs of Man-, The Rights of the Devil, or Consolation for Democrats-, A Collection of Tracts Occasioned by the Late Treason and Sedition Bills; Proceedings of the British Convention at Edinburgh; Songs and Odes, Sacred to Truth, Liberty and Peace-, and Pig's Meat, edited by Th. Spence, the agrarian reformer. Among the books printed and sold in the United States which Federalists considered subversive and heretical were: Volney's Law of Nature; Voltaire's Philosophical Dictionary; [Holbach]'s Christianity Unveiled; Barlow's Advice to the Privileged Orders and his Vision of Columbus; and Paine's Dissertation on the First Principles of Government, Rights of Man and Age of Reason. See Nash, op. cit.. p. 402. Among the writings promoted by Federalists were: H. Moore, Journal in France and Considerations on Religion; H.M.Williams, Letters from France; N.Webster, The Revolution in France, which clergymen cited as authoritative but which Barlow said contained fabrications lifted from English papers; A. Aufrere, The Cannibal's Progress; M. du Pan, The Dangers Which Threaten Europe and History of the Destruction of the Helvetic Republic and Liberty; Abbé Barruel, History of the French Clergy; and a number of anonymous works featuring revolutionary excesses. See A. E. Morse, The Federalist Party in Massachusetts to the Year 1800 (Princeton, 1909), pp. 98—99, n. 31. The Analytical Review, October, 1797, vol. X X I V , p. 402.

192

SAMUEL BERNSTEIN

fact a new anti-Paine literature grew up, including as many as thirtyfive replies.* 1 The author was sullied in a w a y that shocked people of taste. But the hullabaloo only increased the sale of his book. Eight editions appeared in 1794, seven in 1795, and two in 1796. The Aurora alone sold 15,000 copies. It became a catechism in democratic clubs and deistical societies. To college students it was a source-book of arguments against their teachers. 68 In its rage, the clergy fell victim to hallucinations. In 1797 appeared in Edinburgh Professor John Robinson's book 63 telling how a secret Bavarian order, known as the Illuminati, had laid deep plans to subvert religion and government and to return mankind to primevalism, such as had been extolled by French philosophes and reformers. The order had given its teachings to Jacobins and Free-Masons, with the result that Europe and the United States had to face the threat of subversion and destruction. The nearly simultaneous publication in London of Abbé Barruel's book against Jacobinism 6 4 , which was quickly translated into English, added credibility to Professor Robinson's story. For, according to the Abbé, the French Revolution and its doctrines were explainable by the three pronged assault of the Encyclopedists, Illuminati and Free-Masons. The two publications rapidly gained an international audience. 68 To the Reverend Jedidiah Morse of Massachusetts the two works were like bait to a hungry fish. Speaking from the pulpit, thus investing his account with sanctity he revealed the great discovery that there were in America affiliates of the Illuminati, plotting the annihilation of America institutions by every means, including atheism and licentiousness. The charge was taken up by President Timothy Dwight of Yale in a sermon ominously entitled The Duty of Americans at the Present Crisis6*, and by many New England divines. Wild emotionalism broke out. Democrats and republicans were likened to criminals, called infidels and paid agents of France, and bespattered with an obscene vocabulary, piped from the polluted pool of William Cobbett's Porcupine's Gazette. The hysteria backfired. The two sensational works were discredited. They had neither proof, nor reason, nor consistency. An English critic of Robinson's Proofs 61 62 63 04 65

46

A good list is printed in Morse, op. cit., Appendix I. Nash, op. cit., p. 402. Proofs of a Conspiracy against alt Religions and Governments of Europe, Carried on in the Secret Meetings of the Free-Masons and Reading Societies. Mémoires pour servir à l'histoire du jacobinisme. Robison's Proofs and Abbé Barruel's Mémoires had many editions. Three of the first and a French translation appeared in London from 1797 to 1799. An American edition came out in New York in 1798, a German translation in 1800 and a Dutch translation about the same time. The second book was reprinted in 1798 in Hamburg, Augsburg, and Braunschweig. In the same year an English translation appeared in London : and in the following year two American editions were published, one in Hartford, Conn., and another in Elizabethtown, N. J . Two Federalist sheets, The Massachusetts Mercury and The Connecticut Courant, serialized an abridged version of Barruel's Memoirs in 1799. Abigail Adams, wife of the President, circulated Barruel. V. Stauffer, New England and the Bavarian Illuminati, (New York, 1918), ch. iv.

The Subject of Revolution in America after 1789

193

said quite simply: "The very words, brotherly love and benevolence, are . . . proofs of 'treasons, stratagems and crimes' ". Were some ingenious writer looking for examples of a conspiracy, continued the critic, he had but to consult the history of the Quakers. They looked upon all ecclesiastical establishments as profane, taught brotherly love, benevolence and equality, and were constantly having meetings. Many men had undoubtedly imbibed the principles that brought about the French Revolution, and among them were probably Free-Masons. W h a t of it? asked the critic. He answered: "Yet this is all that is proved by our laborious professor." 67 American criticism of Morse and Dwight was just as merciless. For example, one observer wrote that, if there were conspiracies in America against government and religion, they should be sought in the monthly meetings of the clergy. They, and not republican clubs, had an affinity to the llluminati in Europe, provided Robinson and Barruel could be trusted. For the New England clergy was a power. It courted the rich, directed politics, controlled education and had a formidable hold on the laity. Such was the case in Connecticut which had become an ecclesiastical state ruled by President Dwight. 68 The wild emotionalism finally turned into an anticlimax. Morse, Dwight and their pulpit allies were discredited and humiliated. Needless to say, they did great injury to the Federalist cause. The setback suffered by the clergy coincided with the defeat of the warlike plans of the Federalists. They had been inspiring attacks on democrats and maneuvering to undo the old alliance with France. In both respects they eminently successful for several years. Public opinion was whipped up into a frenzy. Democratic ideas were made synonymous with Jacobinism, revolution and anarchy and republican organizations converted into nurseries of treason. A Republican journalist summed it up as follows: " I n America every man who is principled in his attachment to the Equal Rights of the People, to the incontestable privileges of the Federal House of Representatives is a Jacobin. This term is to supply the place of all argument. If we have waged a wanton and expensive war with the Indians on our frontiers, it is Jacobinism to speak of it. If we say, the institution of the Federal Bank was intended to corrupt the morals and to destroy the frugal habits of the people — t h a t is Jacobinism. If it is insinuated that the virtue and piety of the leading Federalists is much the same with other people — that too is Jacobinism. If we condemn the lavish waste of public money upon the Federal Navy — then we are Disorganizers. "To be true Federalists we must be at once deaf, dumb and blind; we must hear nothing, say nothing, see nothing. " I t is to be a Jacobin to oppose a war with France; to object to an intimate Union with England ; and to wish the whole world to be as free, as happy, and to have as good Constitutions of government as the Citizens of Neve England."69 67

65 69

13

The Analytical Review, October 1797, vol. X X V I , pp. 402—406. A refutation of Barruel's Memoires was written by J. J. Mounier, De l'influence attribuée aux Philosophes, aux Francs-Maçons et aux Illuminés sur la Révolution Française (Tubingue, 1801 ). [J. C. Ogden], A View of the New England llluminati (Philadelphia, 1799). The Independent Chronicle, October 2, 1797. Studien

194

SAMUEL BERNSTEIN

In keeping with Federalist policy, the Jay Treaty with England was ratified, despite the furor and anti-Jay rioting it caused.70 France interpreted it as an unfriendly act. The two countries were virtually in a state of war. Measures were adopted to put the nation under arms. Excitement ran high. Men volunteered b y the thousands, subscriDtions were opened for the building of ships, and people were warned against those horrible sans-culottes who would ravish American women. Jefferson observed that "one who keeps himself cool and clear of the contagion, is so far below the point of ordinary conservation, that he finds himself insulated in every society." 7 1 The Federalists could not relax until all of "Jacobinism" was rooted out. Its purveyors, said they, were French agents, experts in intrigue. They were the Jeffersonians and Gallatins with their peculiar weapons, plots and incendiary materials. 72 "Jacobinism" was an importation, wrote Federalist editors and publicists, brought to American shores b y immigrants who were contaminating American purity. Still worse, they voted for the Jacobinical republicans. They should be prevented from becoming citizens, save after a long stay in the country. The anti-democratic, anti-French alarm had a district, nativist, racist ring. 73 In such a poisoned climate were incubated the Alien and Sedition Laws. They extended the years of residence from five to fourteen for alines who wished to become citizens, empowered the President, for a period of two years, to expel from the country all foreigners considered dangerous, and made a criminal offense the publication of defamatory writings against the President and Congress. Included in the Sedition L a w were stiff penalties for conspiracy and seditious libel. Republicans knew that President John Adams approved of the Laws, but they were surprised that they also had the sanction of Washington. The Laws were in the nature of war-measures. But since war had not been formally declared they had the character of a Federalist plot to expunge American liberties. The Federalists legislated for a crisis which did not come. It turned out that the Federalists misread the times and American opinion. They were voted out of power in the election of 1800. Contumely and alarm were unable to silence democratic opposition. In fact it responded with equally violent language and charges. But as a student of the polemical literature remarked, the Republican attacks "were directed in terms more of

70

71

72

73

M. Smelser, "The Federalist Period as an Age of Passion," American Quarterly, 1958, vol. X, p. 398. Cited in J. C. Miller, Crisis in Freedom. The Alien and Sedition Acts (Boston, 1951), P-8Ibid., pp. 33—35,150. One of the most unrestrained onslaughts on republican democrats was by the extreme Federalist J. Lowell, The Antigallican; or the Lover of his Own Country (Philadelphia, 1797). It was published anonymously. Miller, op. cit., pp. 42—43, 47—49; Fisher Ames, Works (Boston, 1809), pp. 176 — 177, 182-183.

The Subject of Revolution in America after 1789

195

political and less of personal denunciation." 74 The Republican-Democratic Societies of the 1790's had declined. In their place arose democratic organizations affiliated with the growing Republican Party. For the impact of the American Revolution on political regroupings was more efficacious than Federalists were willing to admit; and the Insurrection identified with the name of Daniel Shays was symptomatic of a stronger popular undercurrent than was publicly acknowledged. It manifested itself, as we have shown, in a boundless enthusiasm for the French Revolution. The emotional outburst faithfully expressed a desire for an ective part on national policy-making, and a feeling of resentment against the ruling aristocracy t h a t was obsessed with the belief t h a t it had been providentially chosen to govern. The Jeffersonian democrat, William Manning, farmer and tavern-owner in Massachusetts probably spoke for the average American farmer of the 1790's when he likened the Federal Constitution to "a Fiddle, with but few Strings, . . . so that the ruling Majority could play any tune upon it they pleased," and ascribed party disputes to a difference of interests between "the few and the Many." 7 5 The former desired to tyrannize over the latter, but they suffered a serious setback by the success of the "glorious [French] Revolution". Our untutored Massachusetts farmer suprisingly regarded American party struggles from a world viewpoint. With his colorful spelling he wrote t h a t the party of the few, though defeated by the military triumph of France in Europe," are yet in hopes of efecting by bribery and corruption what they cant do by force of armes, for their combinations are extended far and wide and are not confined to Urope and Emarica, but are extending to every part of the world. Gog and Magog are gathered together, to destroy the Rights of Man and banish Libberty from the world...." 7 6 In short, charged Manning, democracy had to face a world-wide conspiracy whose cause was also t h a t of the Federalist Party. The pamphlet and newspaper war of the decade kept in focus the question of revolution which the Burke-Paine polemic had made prominent. We observed how John Quincy Adams wrestled with it. But his labored discussion of the question'did little to clarify it, for the reason t h a t he refused to face up to the fact t h a t a revolution was much more than a change of the ruling group at the top. The Independent Chronicle of Boston put it this way: "A revolution is a political tempest — it 'rives' the solid oak, or dashes the 'cloud capt' towers to the earth. But at the same time it purifies the atmosphere, it destroys the locusts and vermin which flutter in the sunshine of power, and infest the community, while it secures the inexpressible blessings of a exuberant vegetation." 7 7 Contrary to the younger Adams who had a low opinion of the people, Joel Barlow regarded them as an engine of revolution, a renovating force and a propeller of 74

75

76 77

Ch. Warren, Jacobin and Junto or Early American Politics as viewed in the Diary of Dr. Nathaniel Ames, 1758—1822 (Cambridge, Mass., 1931), p. 90. W. Manning, The Key of Liberty (Billerica, Mass., 1922), pp. 40, 57, ed. by S. E. Morison. Manning's manuscript dates from 1797. Ibid., p. 58. The Independent Chronicle, August 29, 1796, reprinted in The New York Argus, September 5, 1796.

13*

196

SAMUEL B E R N S T E I N

progress. A revolution, he wrote in his answer to Burke's Reflections, "was an operation designed for the benefit of the people ; it originated in the people, and was conducted by the people." Inquiry on the subject of revolution, he went on, compelled the consideration of these alternatives: "whether men are to perform their duties by an easy choice or an expensive cheat ; or, whether our reason be given us to be improved or stifled, to render us greater or less than brutes, to increase our happiness or aggravate our misery." 78 Thus two different understandings of revolution were held in America throughout the 1790's. One equated it with devastation, a second with society's renovation; the one held it in abhorrence, the other deemed it salutary to prevent a nation from falling into slumber. Jefferson shared the second viewpoint. "The spirit of resistance to government is so valuable on certain occasions", he wrote after Shays' Insurrection, " t h a t I wish it to be always kept alive. It will often be exercised when wrong, but better so than not exercised at all. I like a little rebellion now and then. It is like a storm in the atmosphere." 7 9 Jefferson, unlike Federalists who desired to draw the curtain on the American Revolution, took pride in it. He saw it spread over and illuminate the oppressed countries 80 and kindle "feelings' of right in the people." 81 Bonapartism and Bourbonism were, for him, not the conclusion of the French revolutionary tragedy. The final chapters would ultimately be written, perhaps in characters of blood, for the insurrection, begun in America, against "rank, and birth, and tinsel-aristocracy", would continue until it had shrunk them to insignificance. 82 Federalists, on the other hand, gave a negative, distressing meaning to revolution. Exclaimed a Federalist in 1797: "Revolution! What a change does this word bring with it! Ah Revolution! ruin, misfortune, atrocities, all these thou canst effect; everything is in thy power." 8 3 To illustrate their definition of revolution, Federalists cited example after example of French terror and destruction and drew the revolutionary leaders in the most dismal colors. Republicans retorted t h a t the crimes perpetrated by the French should be laid to their neighbors who, "affrighted at the progress of principles and opinions t h a t meditated the destruction of Royalty and the emancipation of the world, combined to stifle them in the cradle of their infancy." 8 4 Those who vilified Robespierre were reminded that their object of hatred had recalled the troublesome Genêt and restored amicable relations with the United States. 85 78

79

80 81 82 83 34 85

Advice to the Privileged Orders in the Several States of Europe (Ithaca, N. Y., 1956), pp. 2, 3, a reprint from the London editions of Parts I and II of 1792 and 1795. L. J. Cappon, ed., The Adams-Jefferson Letters (Chapel-Hill, N. C., 1959), vol. I, p. 173. Ibid., vol. II, p. 459. Writings (Washington, D. C., 1907), vol. X I I I , p. 402. Ibid., vol. X V , p. 130. The Massachusetts Mercury, May 19, 1797. J. I. Johnson, Reflections on Political Society (New York, 1797), p. 14. The Independent Chronicle, August 29, 1796.

The Subject of Revolution in America after 1789

197

Both Federalists and Republicans competed for the mastery of American minds. The first had greater resources, the support of the clergy and a larger press that included such well-known papers as The Columbian Centinel, The Connecticut Courant and the Gazette of the United States. The second had such influential sheets as The Time Piece, The Independent Chronicle, the Aurora and a number of lesser papers printed by small presses. In addition the pamphlets turned out by both sides were legion. The rivalry was fierce. The question which produced the most ample flow of ink was that of France-American relations. On its outcome hinged the issue of war and peace and its bearing on the defeat or triumph democracy. Fortunately, both in America and in France were men of statesmanship who showed the folly of war and argued the necessity of a rapprochement. Informed of the efforts in behalf of peace and of French willingness to negotiate, President Adams broke with the war-mongers of his Federalist party. The effect was to split it from the top to the base. It had hoped to impose its aristocratic rule by every available means, including war, perhaps even to join the European alliance against France. B u t it went down in defeat in the election of 1800, after having waged a campaign of slander unequaled for its scurrility in American annals. Thereafter it declinde by stages, however, not without having laid plans for the secession of the New England States. It was an act of sheer frustration by men powerless to unseat their Republican rivals. The fundamental reason for their failure and final disappearance as a party was their inability to keep step with history. They were insensitive to the dynamic character of their times, to the significance of the westward movement in postrevolutionary America and its impact on political parties. Their evaluation of the American and French Revolutions, like von Gentz's, was historically absurd. Terrified by the rise of the common man, especially by his role in both Revolutions, they were unfitted to understand them as one world shaking event. Their credo was of the past, hence incompatible with the changing values of post-revolutionary America.

KÄLMÄN B E N D A , B U D A P E S T

„Menschenfreund oder P a t r i o t ? " Graf Nikolaus Forgach, eine hervorragende Gestalt der ungarischen Adelsopposition gegen den deutschen Kaiser und ungarischen König Josef II., wandte sich im Frühjahr 1785 mit einem Brief an seinen einstigen Sekretär Josef Hajnöczy. In diesem Schreiben wirft er ihm vor, daß er, obwohl er sich mit Hilfe seines Advokatendiploms einen Lebensunterhalt sichern konnte, dennoch ein Amt angenommen habe, womit er die im Widerspruch mit der ungarischen Verfassung stehende, absolutistische und gesetzlose Bestrebung des Monarchen und seine gegen die Interessen der Nation gerichtete Politik nicht nur anerkenne, sondern sogar unterstütze. Hajnöczy antwortete ausführlich. Seine Entgegnung gab der Überzeugung Ausdruck, daß er die Hauptaufgabe in der Änderung des feudalen Systems, der Befreiung der Leibeigenen, der Zusicherung menschlicher und bürgerlicher Rechte für die Nichtadeligen erblicke. Dies läßt sich jedoch nicht auf dem verfassungsmäßigen Wege erreichen, sondern nur durch ein Machtwort, da es gegen den Willen der Landesstände verwirklicht werden müsse. Im übrigen — schrieb er —, sei er der Meinung, daß es „für das Wohl einer Nation gleichgültig ist, ob ein Mensch oder die ganze Nation Gesetze vorschreiben... Ein Gesetz ist die Vorschrift, nach welcher man seine Handlungen einrichten muß, und weil bishero noch kein Volk existiert hat, welches nach des Rousseau Contrat Social einstimmig wäre, so ist es immer die Vorschrift des Stärkeren. Es folgt hieraus, daß, sobald der Vorschreibende schwächer wird, sich der stärkere Teil nicht mehr danach richtet; wenn mithin ein einzelner Mensch seine Vorschriften zur Geltung bringen kann, so ist es schon ein Beweis dafür, daß er den größeren Teil des Volkes auf seiner Seite hat. Aus diesem allem folgt freilich nicht die Billigkeit der Vorschriften, sondern nur, daß es die Klugheit erheischt, sich danach zu richten. Mir scheint, daß die Natur der ungarischen Staatsverfassung es mit sich bringt, daß sie nicht anders als durch Machtsprüche verbessert werden kann." In Ungarn, schreibt er weiter, leben 40000 Adelige und 5 Millionen Nichtadelige. „Jene haben das Recht der Standschaft, diese müssen abwarten, was man ihnen befehlen wird. Diese 5 Millionen sind nach den Gesetzen Sklaven, die kein Eigentum haben. Unsere Verfassung macht sie zu natürlichen Feinden gegen jene und umgekehrt. Wie kann man wohl jenen zumuten, daß sie ihre vermeintlichen Rechte auf diese, welche sie mit ihrer Geburt über dieselben empfangen und gar nicht glauben, daß der durch die Ahnen mit Gewalt erlangte Besitz jetzo widerrechtlich sei, aufgeben oder nur mildern sollen? Wie kann man vom Adel verlangen,

Menschenfreund oder Patriot?

199

daß er gegen seinen gegenwärtigen Vorteil zulasse, daß der Bauer von Natur die nämlichen Rechte habe, und daß nur dann die Staatsverfassung festgegründet sein wird, wenn der Bauer einen Vorteil aus derselben zu erhoffen h a t ? " Die 40000 Adeligen werden im Reichstag durch 500 vorgestellt, aber „unter diesen 500 Repräsentanten sind kaum zehn, die wirklich an der Gesetzgebung Teil haben. Die übrigen sind Automatenmaschinen, welche durch Verwandtschaften, Bänder, Ehrenstellen Geld und Furcht sich durch jene zehn leiten lassen, wohin man will... Selbst diese zehn, werden sie allein von dem Geist, nur auf das allgemeine Beste zu sehen, beseelt? Und doch soll es heißen, daß die Stände frei, ungezwungen sich selbst Gesetze gemacht haben?" In seinen weiteren Ausführungen untersucht Hajnöczy die ethische Seite der Frage. Das Wesentliche sei nicht, so schreibt er, wer das Gesetz gebe, sondern ob es auf das allgemeine Wohl abgestellt sei oder nicht. Auch dies kann nur das Maß der individuellen Stellungnahme sein, und das Individuum hat die Pflicht, sich für den als richtig erkannten Gedanken einzusetzen. Dann kommt er zu folgenden Schlußfolgerungen: „So ist es meine Schuldigkeit — wenn es mir bekannt ist, daß unsere Regierungsform eine natürliche Feindschaft zwischen dem Adel und den Nichtadeligen ist, daß eine Versammlung der Stände nie gutwillig sich eines Rechtes begeben wird, welches sie mit Gewalt erlangt hat und mit Gewalt behält —, alles mögliche zu gebrauchen, um allen meinen Mitmenschen zu ihren natürlichen Rechten, die keine Verjährung, kein Vertrag aufheben kann, zu verhelfen... Und ich glaube, wenn ich so lebe, ebenfalls ein Menschenfreund, ein.guter Patriot zu sein; oder wenn dieses einander entgegengesetzt sein sollte, will ich lieber Menschenfreund als Patriot heißen." 1 Hajnöczy's Zeilen werfen einen der Kernpunkte der bürgerlichen Umwandlung Ungarns auf: War es möglich, die sozialen und nationalen Bestrebungen aufeinander abzustimmen, oder wenn nicht, welche unter beiden sollte bevorzugt werden? Zum besseren Verständnis des Problems sei darauf hingewiesen, daß Ungarn seit 1526 Teil der Habsburgermonarchie war. Dies bedeutete, es verfügte über keine Eigenstaatlichkeit und mußte sich in den wichtigsten Fragen der Innen- und Außenpolitik den vermeintlichen oder wirklichen Interessen der Gesamtmonarchie unterwerfen. Was überdies die Gestaltung eines einheitlichen nationalen Marktes und einer bürgerlichen Nation verhinderte. Es konnte zwar der ungarische Adel durch eine Folge von Aufständen dem Lande im Rahmen der Monarchie eine verfassungsmäßige und administrative Sonderstellung verschaffen; dies bedeutete aber im Wesen nur soviel, daß der ungarische Adel als Entgelt für seine Treue gegenüber den Habsburgern eine fast unbegrenzte Herrschaft über die Massen der Nichtadeligen, insbesondere aber der Leibeigenen zugestanden erhielt. So baute der versteinerte ungarländische Feudalismus des 18. Jahrhunderts auf die Allianz zwischen den Habsburgern und dem ungarischen Adel auf. 1

Hajnöczy's eigenhändiges Konzept: Nationalbibliothek Sz6chenyi, Budapest, Manuskriptensamml. Quart. Germ. 810. Fol. 183—184.

200

KâlmIn Benda

Eine Änderung der Lage trat erst ein, als in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts unter Maria Theresia, besonders aber unter Josef II. der Wiener Hof den Weg sozialer Reformen beschritt. Es konnte nicht damit gerechnet werden, daß der ungarische ständische Landtag diese Reformen, darunter die Lockerung der Lasten der Leibeigenen, die Begrenzung der gutsherrlichen Gerichtsbarkeit, die Besteuerung der adeligen Gutsbesitzer etc. votiere. Josef II. ließ sich, um die mit der Königseidesleistung traditionell verbundenen Versprechungen zu umgehen, gar nicht erst zum ungarischen König krönen, berief den Landtag nicht ein und setzte seine Reformen durch Verordnungen in Kraft. Diese Reformen hatten jedoch nur zu einem Teil sozialen Charakter, denn sie bezweckten anderenteils die Vereinheitlichung der Monarchie, und die letztbezüglichen Verfügungen schnitten tief in die bis zur Zeit ungestörte Autonomie der „Länder der Stephanskrone". So die Sprachverordnung, durch welche deutsch zur Amtssprache erhoben wurde, die allmähliche Aufhebung des herkömmlichen ungarischen Verwaltungssystems in Richtung auf eine Umgestaltung nach österreichisch-böhmischem Beispiel und im Zusammenhang damit die Abschaffung der letzten Reste von Selbstverwaltung. Von 1785 an widersetzte sich der ungarische Adel den Verordnungen Josefs II., die als gesetzwidrig gebrandmarkt wurden. Auch der katholische Klerus unterstützte diese Auffassung, da er, durch den aufgeklärten Absolutismus Josefs II. in die Defensive gedrängt, die Zurückgewinnung seiner Machtstellung nur von einem Sieg des ständischen Prinzips erwarten konnte. Die Adelsbewegung für eine Wiederherstellung des status quo ante verteidigte gegen die gesamtstaatlichen Zentralisierungstendenzen zweifelsohne die nationale Unabhängigkeit. Gleichzeitig war aber das Ziel einer restitutio in integrum gleichbedeutend mit der restlosen Aufrechterhaltung des Feudalismus, des ungarischen Ancien régime. 2 Eine ganz andere Auffassung vertrat Josef II. gegenüber der Masse der etwa neun Zehntel der Landesbevölkerung ausmachenden Nichtadeligen. Die Verfügungen des a

Dieser strenge Konservatismus und die enge Klassenanschauung des adligen Patriotismus spiegelt sich treu in einer Flugschrift, die von einem Kleinadeligen namens Ladislaus Zâborsky verfaßt 1787 in Nordungarn als Manuskript zirkulierte. Unter anderem meint er : „Armes L a n d ! Deutsche herrschen über dich/.../. Die mit Blut erkämpfte ungarische Freiheit liegt in Fesseln. Der Adel darf nicht einmal ungarisch sprechen. Die Amter, die dir zustehen, werden Fremden verliehen. Armer Adeliger! Keine Verdienste hast du, wenn du nicht deutsch kannst. Ein fremdes Militär tyrannisiert dich, dein Los ist nicht besser, als das deiner Leibeigenen. E s scheint, daß Josef gesonnen ist, den Adel zu demüt i g e n . . . " /Landesarchiv, Budapest. Cancellaria Hungarica. Acta Generalia, A 39, 1787: No 2067/. Über die ungarländische adelige Bewegung siehe: H. Marczali, Magyarorszâg torténete. Jôzsef korâban (Geschichte Ungarns im Zeitalter Josefs), Bd. I I — I I I , B u d a p e s t 1888.; ders., Az 1790-1-i orszâggûlés (Der L a n d t a g von 1790/91.), Bd. I —II, B u d a p e s t 1907; E. Màlyusz, Sândor Lipôt föherceg nâdor iratai (Schriften des Erzherzogs Alexander Leopold, Palatin von Ungarn), Budapest 1926; B. Homan/G. Szekfü, Magyar torténet (Ungarische Geschichte), Bd. I I I , Budapest 1936; Magyarorszâg torténete (Geschichte Ungarns), hrsg. von E. Molnàr u. a., B d . I, B u d a p e s t 1964.

Menschenfreund oder Patriot?

201

Kaisers g e w a n n e n d a s B a u e r n v o l k , das sich, einige V e r o r d n u n g e n des M o n a r c h e n m i ß d e u t e n d , in S i e b e n b ü r g e n gegen die G u t s h e r r e n e r h o b . O b w o h l der A u f s t a n d d u r c h Militär niedergeschlagen w u r d e , behielten viele B a u e r n bis z u m E n d e die Illusion v o m „ g u t e n K ö n i g " . V o m politischen G e s i c h t s p u n k t w a r es wichtiger, d a ß d a s a n s o n s t e n schwache u n d r ü c k s t ä n d i g e B ü r g e r t u m u n d die a u f g r u n d der f r a n z ö sischen A u f k l ä r u n g erzogene Intelligenz teils plebejischer, teils adeliger A b s t a m m u n g gleichfalls Josefs P a r t e i ergriffen. 3 Diese letztere Schicht, u n t e r d e r e n h e r v o r r a g e n d s t e n P e r s ö n l i c h k e i t e n eine eben H a j n ô c z y w a r , k o n n t e u n d wollte sich d e m F e u d a l s y s t e m n i c h t f ü g e n . Sie b e g r ü ß t e Josefs R e f o r m e n m i t F r e u d e , wiewohl diese die S t r u k t u r des S t a a t e s u n d die f e u d a l e n G r u n d l a g e n der Gesellschaft n i c h t u n m i t t e l b a r a n t a s t e t e n 4 , i m m e r h i n a b e r förderlich in R i c h t u n g auf eine b ü r g e r l i c h e E n t w i c k l u n g wiesen; u n t e r den i m Vergleich zu d e n westlichen P r o v i n z e n der Monarchie r ü c k s t ä n d i s c h e n V e r h ä l t n i s s e n U n g a r n s gelangten solche R e f o r m e n zu einer e r h ö h t e n W i r k u n g . Die I n t e l l e k t u e l l e n ergriffen also Josefs P a r t e i n i c h t n u r , weil ihre R e f o r m v o r s t e l l u n g e n d a m a l s seine t a t s ä c h l i c h e n M a ß n a h m e n k a u m ü b e r s c h r i t t e n , s o n d e r n a u c h d a r u m , weil er u n t e r d e m i h n e n g e g e n ü b e r s t e h e n d e n Adel u n d d e m f ü r eine politische A k t i o n n o c h u n r e i f e n B a u e r n t u m a u ß e r der u n b e d e u t e n d e n Bourgeoisie k e i n e n V e r b ü n d e t e n b e s a ß . N a c h d e m sie i m Interesse sozialer V e r ä n d e r u n g e n gerade den S t u r z der als F e s t u n g u n d Bastei des F e u d a l i s m u s g e l t e n d e n einheimischen I n s t i t u t i o n als eine der wichtigsten A u f g a b e n a n s t r e b t e n , r e i c h t e n sie d e m M o n a r c h e n bereitwillig eine h e l f e n d e H a n d zu deren L i q u i d i e r u n g ohne R ü c k s i c h t d a r a u f , ob dies auf v e r f a s s u n g s m ä ß i g e m W e g e erfolgte oder n i c h t . Josefs erfolgloser T ü r k e n k r i e g (seit 1788), die d a r a u s sich e r g e b e n d e n w i r t s c h a f t lichen Schwierigkeiten, innen- u n d außenpolitische K o m p l i k a t i o n e n v e r h a l f e n 1790 überall i m L a n d e der adeligen B e w e g u n g z u m Siege, u n d Josef I I . sah sich z u m R ü c k z u g g e z w u n g e n : A m 28. J a n u a r 1790 annullierte er m i t A u s n a h m e v o n dreien seine s ä m t l i c h e n V e r f ü g u n g e n . D a s josefinische S y s t e m fiel also, u n d der Adel in seinem Siegestaumel m a c h t e sich a n die A u f g a b e , die E i n r i c h t u n g e n des L a n d e s j e t z t n a c h den eigenen Vorstellungen u m z u ä n d e r n . E s v e r d i e n t , diese Vorstellungen e t w a s n ä h e r zu b e t r a c h t e n . Das P r o g r a m m des adeligen Lagers w u r d e d u r c h P e t e r B a l o g h v o n Ocsa v e r f a ß t . Seiner K o n z e p t i o n f o l g t e n die K o m i t a t e , i n d e m sie eine V e r f a s s u n g s v o r l a g e a u s a r b e i t e t e n , auf die Leopold II. anläßlich der K r ö n u n g d e n E i d ablegen sollte. 3

4

Außer den bereits erwähnten siehe noch: E. H. Balâzs, A parasztsâg helyzete és mozgalnai, 1780—1787. A felvilâgosult abszolutizmus parasztpolitikâjâhoz (Lage und Bewegungen der Bauern. Zur Bauernpolitik des aufgeklärten Absolutismus), in: Szâzadok, Bd. 88, 1954; E. Mâlyusz, A magyarorszâgi polgârsâg a francis forradalom korâban (Ungarns Bürgertum im Zeitalter der französischen Revolution), in: Jahrbuch des Wiener Ungarischen Instituts, Bd. I, 1931; G. Heckenast, Les roturiers intellectuels en Hongrie, in: Revue d'histoire comparée, Bd. VII, 1948; K. Benda, Die ungarischen Jakobiner, in: Maximilian Robespierre 1758—1794. Beiträge zu seinem 200. Geburtstag, hrsg. von W. Markov, Berlin 1961. Siehe K. Benda, Probleme des Josephinismus und des Jakobinertums in der Habsburgischen Monarchie, in: Südostforschungen, Bd. XXV, 1966.

202

KIlmän Bekda

Die Vorlage hält fest, daß die Stände alljährlich auch ohne besondere Einberufung zum Landtag zusammenzutreten haben mit dem Ziel, Steuer und Rekruten zu bewilligen. Den Landtag können nur die Stände vertagen und nur für eine Zeitspanne, die drei Jahre nicht überschreitet. Der Monarch darf die Sanktionierung der durch die Stände eingebrachten Gesetzesvorlagen nur einmal verweigern, bei der zweiten Unterbreitung war er gehalten, sie zu bestätigen. An die Seite des Monarchen t r i t t ein aus Adeligen zusammengesetzter Senat, der in Wirklichkeit die Exekutivgewalt ausübt. So steht es ihm zu, die Durchführung der als ungesetzlich erkannten königlichen Verordnungen zu suspendieren. Eine unabhängige Nationalarmee, eine besondere ungarische Diplomatie h ä t t e n die Unabhängigkeit des Landes zu sichern gehabt, so daß mit den österreichischen Erbländern lediglich eine Personalunion durch den Monarchen gemeinsam bestanden hätte. Gewisse radikale Gruppen forderten sogar, an Stelle der Habsburger den König aus einer anderen Dynastie zu wählen. 5 Die philosophischen und rechtlichen Grundlagen der adeligen Vorstellungen fußten übrigens — vermeintlich — auf den Lehren Rousseaus: Josef II. habe den Gesellschaftsvertrag verletzt und das Volk nehme jetzt die Macht von ihm zurück. Unter Volk verstand der Adel — sehr im Gegensatz zu Jean-Jacques — selbstverständlich nur sich selbst. 6 Die auf den ersten Blick modern und aufgeklärt erscheinenden Argumente dienten also lediglich der Tarnung ständischer Rechtsansprüche. Die nichtadeligen Klassen werden in den ständischen Vorlagen überhaupt nicht erwähnt. Nur zufällig t r i f f t sich die Verfassungsvorlage mit den Interessen der letzteren, so etwa, wo die Genehmigung der Rekrutenstellung durch einen Landtagsbeschluß der Bauernschaft einen gewissen Schutz gewährte oder die Abschaffung der Ausfuhrzölle auch der kaufmännischen Bürgerschaft zugute kam. Die nationalen Vorstellungen des Landtages überschritten mithin in keiner Weise die Sicherung der Klasseninteressen des Adels, und noch engherziger waren die Deklarationen der Komitatsversammlungen. Die Versammlung des Komitats A b a u j erklärte glattweg, Josefs Verfügungen zum Wohle des Bauerntums seien aufzuheben, da in diesem Belange die Gesetze eindeutig verfügen und „die Stände ihre Zustimmung zur Änderung der Lage des Bauernvolkes nicht geben können". Das Komitat führte aus, daß „es zwar natürlich ist, daß die Freiheit, welche selbst den Tieren begehrlich ist, von allen Klassen angestrebt wird; nachdem aber die Vorsehung, die über die Menschen wacht, es für gut erachtete, daß einige als Könige, andere als Adelige und wieder andere als Hörige auf diese Welt gebracht wurden, so wollen wir unbeschadet der christlichen Liebe uns unseres guten Rechtes so lange bedienen, bis der Landtag eine Änderung beschließt". Die Mehrzahl der Komitate erachtete es als natürlich, daß die Nichtadeligen ihr Anrecht auf Bekleidung eines 5

6

Der Baloghsche Plan wird eingehend erörtert von M&lyusz, Sändor Lipöt,. op. cit., S. 13 ff. Über die Bestrebungen für eine Königswahl siehe R. Gragger, Preußen, Weimar und die ungarische Königskrone, Berlin 1923. Siehe K. Benda, Jean-Jacques Rousseau et la Hongrie, in: Jean-Jacques Rousseau. Pour le 250 e anniversaire de sa naissance, Gap 1962.

Menschenfreund oder Patriot?

203

Staatsamtes wieder verlieren, und das Komitat Zemplen geht soweit, schon dagegen zu protestieren, daß solche zu Bischöfen ernannt werden. 7 Richten wir nun unser Augenmerk auf den weiteren Werdegang der Josefinisten. Der Vorstoß der Adelsbewegung erfüllte sie mit Besorgnis. So schrieb ein hoffnungsvolles Mitglied der jungen plebejischen Intelligenz, der 1795 wegen Teilnahme an der ungarischen „Jakobinerverschwörung" mit Hajnöczy zusammen hingerichtete Paul ö z an einen Freund, ,,in einem aus wahrem Weltbürgerpatriotismus geflossenen lamentablen Brief" ängstige er sich zu Tode, die durch den Adel ausgelöste, „in mancher Betrachtung teils notwendige, teils heilsame Revolution würde die schreckliche Barbarei der Vorzeiten nach sich ziehen." 8 Viele von ihnen standen den nationalen Bestrebungen völlig fremd gegenüber. Für sie war das regnum independens „ein leeres Wort ohne Bedeutung" 9 . Die Mehrheit war eher mißtrauisch. Eine Zeitlang versuchten sie sich der adeligen Strömung entgegenzusetzen, doch zogen sich dann die meisten von ihnen lustlos zurück. 10 Ihr in der ungarischen Gesellschaft vertretenes Gewicht und ihr Zahlenverhältnis gestattete es ihnen nicht, in die Fehde zwischen Ständen und Dynastie meritorisch einzugreifen. 11 Infolge des Zurückweichens des Monarchen blieben Bürgertum und bürgerliche Intelligenz mit ihren Reformbestrebungen auf sich selbst angewiesen, ohne geringste Hoffnung auf einen Sieg. Doch gab es zahlreiche unter ihnen, die der Meinung waren, in der großen Schicksalswendung stumm zu bleiben zieme sich nicht. Man müsse versuchen, von den Reformen soviel als möglich zu retten, vielleicht lasse sich ein Teil des einsichtsvolleren Adels gewinnen. Sie ging also auf die adeligen Forderungen ein, doch trachte sie den nationalen Rahmen mit sozialem Inhalt zu füllen. Es sind uns zwei von bürgerlicher Seite für den Adel erarbeitete Vorlagen bekannt, beide von Anfang 1790. Der Verfasser der ersten ist Karl Koppi, Professor der Weltgeschichte an der Universität von Pest, ein alter überzeugter Josefiner. Koppi fühlte, „daß wenn je, dann die Gelegenheit jetzt gekommen ist, unser Königreich zu reformieren, doch bestreite ich, daß es eine echte Reformierung wäre, die früheren Zustände wiederherzustellen". Er ist mit dem adeligen Programm insofern einver7

8

9 10

11

Siehe: Collectio repraesentationum et prothocollorum sincl. Statuum et Ordinum Regni Hurigariae... Pest Buda-Kassa, 1790. A magyar jakobinusok iratai (Schriften der ungarischen Jakobiner), hrsg. von K. Benda Bd. I, Budapest 1957, S. 177f. Aussagen des Pester Rechtsanwaltes Samuel Kohlmayer, ebenda, S. X X V I I . Hajnöczy, obwohl kein Adeliger, wurde von Josef II. zum Vizegespan des Komitats Szerem ernannt; er, der sich schon früh für die josephischen Reformen eingesetzt hatte, wurde von der adeligen Partei bedroht; „Reizen Sie das Land (nämlich den Adel) nicht gegen sich auf; wenn Sie nicht mit den Anderen gehen wollen, treten Sie zurück." (Ebenda, S. 37, Anm. 2) Lediglich zur Information sei hier bemerkt, daß in dieser Zeit das Zahlenverhältnis des ungarischen Bürgertums, auf die Gesamteinwohnerzahl bezogen, etwa 2% ausmachte (in Frankreich 12%). Dagegen vertrat der Adel 4,4,%. (Siehe K. Benda, Probleme des Josephinismus, op. cit., S. 44—45.)

204

KALMÄN B E N D A

standen, daß „man die Grundgesetze ändern muß" in dem Sinne, daß „die Herrschaft der Nation zu sichern ist". Die Nation solle die Verwaltung leiten, solle die Leitung der Finanzen übernehmen; die Armee solle den Eid auf die Nation (und nicht auf den König) ablegen, doch „soll man Gewißheit und Freiheit bis an den letzten Bauern herantragen, damit er fühle: er ist auch Teil der Nation, welche ihn aufgenommen hat." 1 2 Koppi erweitert also lediglich den Begriff der adeligen Nation, und in seinen Ausführungen läßt sich bereits der Einfluß der „Erklärung der Menschenrechte" von 1789 wahrnehmen. Weil es, wie er behauptete, aus den Grundrechten folgt, daß jeder Bürger des Staates gleicherweise Anrecht auf Freiheit hat („unter Bürger sind alle diejenigen zu verstehen, die durch ihre Arbeit dem Staat Nutzen verschaffen") und gegen das natürliche Recht die Gesetze, in welchen die Adelsprivilegien verankert sind, ihre Kraft verlieren. Das Wesen der Vorschläge Koppis besteht also in nationaler Entwicklung, doch müssen die nationalen Rechte auf die Gesamtheit der Bevölkerung ausgedehnt werden. Mit Koppi stimmen im Prinzip Hajnöczys Vorschläge überein, indessen sind sie praktischer und — taktischer. Er, der bereits 1778 die völlige Befreiung der Leibeigenen befürwortet hat, würde sich jetzt damit begnügen, wenn er einstweilen soviel erreichen könnte, daß der ständische Landtag das Recht auf Grundablösung inartikuliere. Aus taktischen Gründen schlägt er dann noch vor, daß sich der Landtag von 1790 lediglich mit dem Staatsrecht befasse, in scharfer Abgrenzung der Rechte des Monarchen und der Nation. Nur wenn dies erfolgt, könnte ein folgender Landtag sich mit den Gesetzen befassen, „die das Wohl der gesamten Nation und die Lage der Individuen, ihre Sicherheit und ihr Eigentum" berühren. Demnach, wie dies in Frankreich in Bälde vor sich gehen wird, zuerst die Konstitution, dann die Legislation. In seiner Vorlage geht übrigens auch Hajnoczy von den adeligen Bestrebungen aus. Er akzeptiert den Gedanken der Souveränität der Nation, legt die Staatsmacht in die Hände der Legislative, des Reichstages. Die Macht des Reichstages, behauptet er, kann aber nur dann unerschütterlich sein, wenn auch Nichtadelige, Bürger, Bauern, Soldaten und der niedere Klerus der verschiedenen Kirchen von den eingebrachten Gesetzen Nutzen ziehen. In diesem Sinne soll der Reichstag deklarieren, daß zur Ausübung jeder nicht selber unter Gutsherrschaft stehende Grundbesitz qualifiziert und ein solcher durch jeden erwerbbar sein soll. Das Grundrecht des Adels, daß keines seiner Mitglieder ohne gesetzliches Urteil verhaftet werden kann, soll auf alle Grundbesitzer ausgedehnt werden. Den Leibeigenen soll die Grundablösung gestattet werden, oder aber die Gutsherrschaft soll mit ihnen Pachtverträge abschließen; in beiden Fällen werden sie zu freien Besitzern. Der Hochadel möge seinen erblichen Würden entsagen und die Gesamtheit des Adels einen Teil der öffentlichen Lasten übernehmen. Nach der Verwirklichung von alledem könne dann die Reform der Verwaltung und der Gerichtsbarkeit an die Reihe kommen. 13 ll!

13

, , . . . ut se a natione, cuius pars est, accepisse sentiat." Siehe Schriften der ungarischen Jakobiner, op. cit., Bd. I, Schriften, No 10. Hajnöczy's Vorlagen: ebenda, Schriften, No 4.

Menschenfreund oder Patriot ?

205

Der Adel würdigte diese Anregung von bürgerlicher Seite keiner Beachtung, und es kam zu keinerlei Annäherung zwischen den beiden Lagern. Der Reichstag brachte den Sieg der adeligen Bestrebungen. Selbstverständlich erlitten die über die nationale Selbständigkeit ausgebildeten extremen Vorstellungen Schiffbruch; die herkömmliche Autonomie des Landes wurde jedoch von dem neuen Monarchen bestätigt, und dies bedeutete den Zusammenbruch der durch Josef vertretenen Vorstellungen über die Gesamtmonarchie. Die josefinischen Sozialreformen wurden dabei beiseite geschoben, und die frühere ständische Verfassung wurde wiederhergestellt. Die nationalen Bestrebungen konnten nur zum Teil verwirklicht werden, der Sieg der Gegenrevolution hingegen war ein vollständiger. Leopold II. isolierte übrigens mit großem Geschick die Adelsbewegung vollständig. Allen bäuerlichen und bürgerlichen Bewegungen mit Zielsetzungen gegen den Adel ließ er freien Lauf, ermutigte und unterstützte sie sogar; er förderte die separatistischen Bestrebungen der im Süden seinerzeit zum Schutz gegen die Türken aufgebauten ,Militärgrenze' und unterband endlich auch die auswärtige Unterstützung der Adelsbewegung, indem er sich im Juni in Reichenbach mit dem König von Preußen versöhnte. Die Angst vor einem Bauernaufstand, die Rüstungen der serbischen Granitscharen und der Aufmarsch der an der Grenze zu Preußen stationierten kaiserlichen Truppen machten jedem Unabhängigkeitstraum ein jähes Ende. 14 Der lärmende Landtag beruhigte sich; von einer freien Königswahl wurde nicht mehr gesprochen, und auch die Frage der Eigenstaatlichkeit sank in den Hintergrund. Aus der großen Aktion fielen nacheinander die nationalen Forderungen heraus, wonach die feudalen Züge um so auffälliger hervorstachen. Der denkende Teil des Adels besann sich recht bald, daß es nicht möglich sei, den Kampf nach außen und oben so fortzusetzen, daß gleichzeitig von unten ein Aufstand der rechtlosen Bauernschaft zu befürchten stand. Einige warfen im letzten Augenblick den Gedanken auf, die Hörigen und das Bürgertum durch mäßige Reformen zu gewinnen. 15 Die rückständige Mehrheit wollte jedoch von einer „Aufgabe der Rechte'" nichts wissen und bevorzugte vielmehr den Ausgleich mit dem „fremden" Monarchen. Der Großteil des Adels war ohnehin damit zufrieden, durch die Wiederherstellung der ständischen Verfassung ihre eigene privilegierte Lage bestätigt zu sehen, was gleichzeitig ihre Herrschaft über die Leibeigenen erneut sicherte. Das Feuer der Französischen Revolution leuchtete immer mehr auch nach Ungarn und zwang selbst die Zaudernden an die Seite des Monarchen. So formulierte das Komitat Szabolcs die Interessengemeinschaft zwischen König und Adel mit den Worten, „da es bekannt wäre, daß weder der Adel ohne Monarchie, 14

15

Außer den bereits erwähnten siehe noch: E. Wangermann, From Joseph II to the Jacobin Trials, London 1959 (dt. Ausg. 1967); D. Silagi, Ungarn und der geheime Mitarbeiterkreis Kaiser Leopolds II., München 1961; A. Wandruszka, Leopold II., Erzherzog von Österreich, Großherzog von Toscana, König von Ungarn und Böhmen, Römischer Kaiser, Bd. I —II, Wien-München 1 9 6 3 - 6 5 . Graf Johann Fekete, General und voltairianischer Dichter, wäre breit gewesen, den Nichtadeligen selbst die Vertretung auf dem Landtag zu gewähren. Marczali, Der Landtag von 1790—91, op. cit., Bd. I, S. 306 ff.

206

KìxmIn Benda

noch diese ohne jenen zu bestehen im Stande ist." 1 6 Als im Frühjahr 1792, nach dem Tod Leopolds II., sein Sohn Franz den Thron bestieg, bestand die Interessenverbindung zwischen den reaktionären Hofkreisen und dem früher lautesten Flügel des ungarischen Adels im vollen Umfang, zur Verteidigung der feudalen Ordnung gegen jeden äußeren wie inneren Feind. Die Abkehr des Hofes von den josefinischen Reformen, die Allianz zwischen Adel und Hof, die Veränderung der Fronten stellten das dem Josefinismus treu gebliebene, obgleich zusammengeschrumpfte Lager vor eine neue Situation. Unter dem Einfluß der inneren Verhältnisse und der Französischen Revolution radikalisierten sich ihr Vorstellungen; es waren keine Reformer mehr, sondern Revolutionäre. 17 Sie unternahmen 1794—95 den unter der Rezeichnung „ungarische Jakobinerbewegung" bekannten geheimen Versuch, auf dem Wege einer Revolution die bürgerliche Umwälzung herbeizuführen, bei gleichzeitiger Ausschaltung des Monarchen und des Adels. Ignaz Martinovics, der Führer der ungarischen Jakobiner, trachtete in der Gewißheit, daß das Rürgertum allein über ungenügende Kräfte verfüge, danach, den Adel zu gewinnen. Richtiger gesagt, jenen Teil des Kleinadels, der mit dem absolutistischen Regime des Monarchen Franz unzufrieden war, seine patriotischen Traditionen bewahrt hatte und — teils auf Grund der Erfahrungen von 1790 — gewissen Reformen geneigt war. Die Frage war nur, wie die Ziele des adeligen Reformismus und des bürgerlichen Radikalismus auf eine gemeinsame Plattform zu bringen waren, nämlich wieviele Abstriche an den bürgerlichen Bestrebungen vorzunehmen seien, um sie für den Adel annehmbar zu gestalten, und zu welchen Reformen der Adel zu überreden sei, damit die „Jakobiner" geneigt wären, mit ihm ein Bündnis zu schließen. Die Frage wurde nicht das erste Mal aufgeworfen; bereits Hajnöczy hatte es unternommen, sie zu beantworten. Er hatte jedoch aufrichtig eine Versöhnung angestrebt, wohingegen Martinovics die Zusammenarbeit lediglich als einen Übergang betrachtete. Nach seinen Vorstellungen wäre den Adel nur in der ersten Phase der Revolution eine Rolle zuzuweisen, bis zur Erkämpfung der nationalen Unabhängigkeit gegen den Monarchen und den Hochadel. In der zweiten Phase der Revolution würde dann das Bürgertum im Bündnis mit dem Bauernvolk, nach Abdrängung des Adels, die bürgerliche Umwälzung zum Siege führen. Nachdem dermaßen die Zusammenarbeit mit dem Adel nur als eine anfängliche Notwendigkeit konzipiert wurde, trug Martinovics in seinem für die adeligen Reformer erarbeiteten Programm (im „Katechismus der Reformatoren" 18 ), um ihre Unterstützung um so gewisser zu 16 17 18

Haus-, Hof- und Staatsarchiv Wien. Informationsbüro. Polizeiberichte, Fasz. 1. Über den Weg ihrer Radikalisierung siehe K. Benda, Die ungarischen Jakobiner, op. cit. Die Katechismen siehe in: Schriften der ungarischen Jakobiner, op. cit., Bd. JE, Schriften, No 97—99; in englischer Übersetzung: R. R. PalTner/P. Kenez, Two Documents of the Hungarian Revolutionary Movement of 1794, in: Journal of Central European Affairs, Bd. X X , 1961, S. 423ff. Eine von Martinovics bereits im Gefängnis aus dem Gedächtnis verfaßte französische Variante: D. Silagi, Jakobiner in der HabsburgerMonarchie. Wien/München 1962, S. 208. Eine Bewertung der Katechismen: K. Benda, Die ungarischen Jakobiner, op. cit., S. 463 ff.

Menschenfreund oder Patriot?

207

erhalten, kein Bedenken, ihnen ihre Privilegien zuzusichern. Gleichzeitig übernahm er im vollen Umfang die adelig-nationalen Forderungen von 1790, und wenn er von der „unheilvollen Regierung der österreichischen Dynastie", vom Despotismus des Kaisers, von der Beiseitesetzung der Ungarn, von den Übergriffen der Soldateska, von der Knebelung des Handels und der Industrie, von der Germanisierung sprach und eegen all dies den Adel zur „heiligen Erhebung" aufforderte, so vermeint man eine adelige Flugschrift um die Zeit des Todes von Josef II. zu lesen, so identisch sind Stimme und Phraseologie. Dennoch mit einem Unterschied: das Ziel ist nicht die Wahl eines nationalen Königs, sondern die Schaffung einer Adelsrepublik, in welcher jedoch das adelige Herrschaftsrecht ebenfalls entfällt und der Leibeigene zum einfachen Pächter wird. Das sind aber nur provisorische und taktische Zugeständnisse: Im zweiten Gang rechnet die Revolution radikal mit der adeligen Führung und mit dem Adel selbst ab. So wie es das Programm der Revolutionäre „Der Katechismus des Menschen und des Bürgers", über dessen Existenz die adeligen Reformatoren nichts wissen durften, erklärt: „Ein für alle Mal muß die dreifache Geißel der Menscheit, der Monarch, der Klerus und der Adel vernichtet werden." Die unabhängige Republik würde sich auf Grund der Errungenschaften der Französischen Revolution einrichten und den adelig-nationalen Vorstellungen auch darin den Krieg erklären, daß sie die adelige Fiktion eines nationalen ungarischen Staates aufgibt und den im Lande lebenden nichtungarischen Nationalitäten (etwa die Hälfte der Bevölkerung )autonome Rechte gewährt. Die ungarische Jakobinerbewegung kam zu Falle, bevor sie überhaupt zur Verwirklichung ihrer revolutionären Ziele schreiten konnte, und wir wissen, daß ihr Fall nicht ausschließlich der Wachsamkeit der Polizei und den energischen Vorkehrungen der Regierung zuzuschreiben ist. Die Entwicklung in Ungarn war noch nicht reif für eine bürgerliche Umwälzung. Das Bürgertum war schwach; der Adel, erkennend, daß sich die geheime Bewegung im Endergebnis gegen ihn richtete, wendete sich gegen dieselbe und stellte sich auf die Seite der Regierung; das Bauernt u m aber nahm von der Bewegung und davon, daß seine Befreiung auf die Tagesordnung gesetzt war, nicht einmal Kenntnis. 19 Die ungarische bürgerliche Revolution kam 1795 genau so zu Falle, wie die ihre nationale Selbständigkeit anstrebende adelige Bewegung 1790 Schiffbruch erlitten hatte. Aber wie verschiedenartig, ja ihrem Wesen nach sogar gegenteilig die adeligen und bürgerlichen Bestrebungen auch waren, ihr Scheiternläßt sichim Endergebnis auf identische Gründe zurückführen: keine der beiden war in der Lage, Massenkräfte hinter sich zu sammeln und einzureihen. Der Adel selbstverständlich nicht, weil er nicht geneigt war, Rücksicht auf die rechtlosen Massen zu nehmen, damit auch 19

In dieser Hinsicht stand die ungarische Jakobinerbewegung übrigens nicht allein. Die frühen bürgerlichen Bewegungen der Länder Mittel- und Osteuropas standen nirgends in Kontakt mit den bäuerlichen Massen. Siehe K. Benda, Probleme des Josephinismus, op. cit.; B. Lesnodorski, Les jacobins polonais, Paria 1966, und hauptsächlich W. Marhof, I giacobini dei paesi absburgici, in: Studi Storici, Bd III, 1962, S. 493—525.

208

Kälman Benda

unfähig blieb, die Forderungen der unter dem ersten Hauch des Nationalismus erwachenden nichtungarischen Nationalitäten zu beachten. Seine Isolierung erreichte letzten Endes ein solches Ausmaß, daß er seine Ziele aufgeben mußte und, um seine Existenz zu retten, mit dem Monarchen ein Bündnis eingehen mußte. Dieses Bündnis mit taktischen Zugeständnissen zu lösen, war das Bürgertum nicht fähig, und da es mit dem Volk nicht im Kontakt stand, blieb es zuletzt auf sich selbst angewiesen. Das revolutionäre Bürgertum konnte auch in Frankreich nur siegen, weil hinter ihm die Sansculotten und die Bauern standen; Sansculotten und Bauern, die Mitglieder der Nation und so auch aktive Teilnehmer ihrer Entwicklung wurden, die sich bewußt waren, daß das Vaterland nunmehr auch ihnen gehörte, daß es sich lohnte, zur Verteidigung dieses neuen Vaterlandes und dieser neuen sozialen Ordnung in den Krieg zu ziehen. Die ungarische Jakobinerbewegung von 1795 erbrachte für die Zukunft diesen wichtigen Beweis, und das nun folgende Halbjahrhundert, mit Kossuth im Jahr 1848 an der Spitze, beherzigte ihn auch. Abschließend dürfen wir festhalten, daß Hajnöczy das Problem richtig erkannt h a t : Der nationale und der soziale Fortschritt war nicht voneinander zu trennen, und ein echter Patriot konnte nur ein solcher sein, der gleichzeitig Menschenfreund war.

MANFRED KOSSOK, LEIPZIG

Der iberische Revolutionszyklus 1789—1830 Bemerkungen zu einem Thema der vergleichenden Revolutionsgeschichte

Mit dem Ausgang des 18. Jahrhunderts traten die Stagnation der feudalabsolutistischen Gesellschaft in Spanien und Portugal und die Krise des iberischen Kolonialsystems in Amerika offen zu Tage. Unter dem unmittelbaren Eindruck der französischen Ereignisse seit 1789 wurden die Reformen des aufgeklärten Absolutismus, die besonders unter der Regierung Karls III. das bürgerliche Element begrenzt und dosiert gefördert hatten, in wesentlichen Teilen aufgehoben. „Floridabiancas Große Furcht" 1 beherrschte zunehmend das Feld. In Entsprechung dazu wuchsen die Faktoren einer künftigen gewaltsamen Entladung der Krisensituation. Der Anstoß kam von außen: die napoleonische Invasion. Ihre Gewalt hob die bestehende Ordnung der iberischen Welt diesseits wie jenseits des Atlantik aus den Angeln. Was die Fernwirkung des jakobinischen Radikalismus nicht vermochte, vielleicht sogar zeitweilig retardierend beeinflußte, vollzog sich nunmehr als Folge der militärischen Expansion des nachrevolutionären Bonapartismus. Spanien — und in abgeschwächter Form Portugal — trat in die Phase seiner bürgerlichliberalen Revolutionen, für Lateinamerika öffnete sich der Weg zu antikolonialer Emanzipation und nationaler Eigenstaatlichkeit. Beide Komponenten des iberischen Revolutionszyklus waren durch weitestgehenden Gleichklang im zeitlichen Ablauf und direkte oder indirekte Kausalverflechtung geprägt. Die Historiker haben nicht versäumt, in gebotenem Maße sowohl den „europäischen" oder „peninsularen Hintergrund" der Unabhängigkeitsbewegung Lateinamerikas einerseits als auch das Gewicht der „kolonialen" oder „südamerikanischen Frage" für das Schicksal der spanischen Revolutionen von 1808/14 und 1820/23 oder die liberale Revolution Portugals von 1820 andrerseits zu betonen. Um so bemerkenswerter und auffallender mag erscheinen, daß diese auf vielfältige Weise miteinander verzahnten, zugleich wiederum in so vielem voneinander differierenden Vorgänge bislang nicht Gegenstand vergleichender Analyse geworden sind, um Gemeinsames und Besonderes der iberischen Revolutionen vor dem Hintergrund 1

14

R. Herr, The Eighteenth Century Revolution in Spain, Princeton, N. J . , 1958, S. 239 ff. Herrs Studie gibt gemeinsam mit J. Sarrailles, L'Espagne éclairée de la seconde moitié du X V I I I e siècle, Paris 1954, den umfassendsten Überblick zu diesem Problem. Nützlich dazu noch immer H. Baumgarten, Geschichte Spaniens vom Ausbruch der französischen Revolution bis auf unsere Tage, Bd. 1, Leipzig 1865. Studien

210

MANFRED KOSSOK

der universalhistorischen Entwicklungsdominanten ihrer Epoche faßbar und detaillierter Darstellung zugängig zu machen. Im Ergebnis der jüngsten ermutigenden Forschungsfortschritte zur Geschichte der lateinamerikanischen Unabhängigkeitsrevolution von 1810-1826 wuchsen nicht nur die Voraussetzungen, um neben den traditionell überbetonten politischen, militärischen und diplomatischen Aspekten entschiedener die ökonomischen und sozialen Grundlagen der Emanzipation zu untersuchen, 2 auch die Frage aller Fragen, „welche Art von Revolution sich in Lateinamerika vollzog" 3 , gewann erneut an Aktualität. Eine vergleichbar günstige Lage bietet die Historiographie zu den parallelen revolutionären Bewegungen in Spanien und Portugal nicht. 4 Jahrzehntelange Lähmung der methodologisch und politisch fortschrittlichen Geschichtsschreibung hinterließ empfindliche Forschungslücken. Trotzdem existiert gesicherte Erkenntnis 5 um neue Fragestellungen zu formulieren, ohne die für den iberischen Bereich zuweilen extrem schmale Grenze von der These zur Hypothese allzuweit zu überschreiten. Zum Kreis neuer Fragen gehört der Versuch, den iberischen Revolutionszyklus in die vergleichende Revolutionsgeschichte einzuordnen. Allerdings sieht sich ein solcher Schritt zur Anwendung der komparativen Methode auf den Gesamtkomplex der revolutionären Bewegungen Spaniens, Portugals und Lateinamerikas vorerst darauf beschränkt, einige ausgewählte Probleme gedanklich zu skizzieren, deren Beantwortung oder Analyse noch künftiger Forschungsbemühungen bedarf. Wird der iberische Revolutionszyklus als organischer Teil der universalen Revolutionsproblematik vom Ausgang des 18. bis in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts begriffen, so folgt daraus als Kardianalfrage, welchen Platz die iberischen Revolutionen im Koordinatensystem der bürgerlichen Revolutionen ihrer Zeit einnahmen, Vgl. die zusammenfassenden Berichte von R. H. Humphreys und R. Lynch anläßlich des X . und X I I . Internationalen Historikerkongresses in R o m und in S t o c k h o l m : The Historiography of Spanish-American Revolutions, i n : Relationi, B d . I, Hrsg. v o m Com. Int. di Scienze Storichi, X Congr. Inst, di Scienze Storichi, R o m 1955, S. 2 0 7 f f . — The E m a n c i p a t i o n of L a t i n America, i n : R a p p o r t s , I I I , Commissions, H r s g . v o m Com. Int. des Sciences Hist., Wien 1965, S. 3 9 f f . 3 History of L a t i n American Civilization. Sources a n d Interpretations, hrsg. von L. Hanke, B d . I I : The Modern Age, Irvine, Ca, 1967, S. l f f . — M. Kossok, El Contenido de las Guerras L a t i n o a m e r i c a n a s de E m a n c i p a c i ó n en los Años 1810—1826, i n : Teoría y Praxis, Caracas, N ° 2, J a n . - M ä r z 1968, S. 27ff. * U m f a s s e n d informiert für S p a n i e n : Indice Histórico Español, Barcelona 1954ff., eine der verdienstvollsten Schöpfungen von J . Vicens Vives. — A n einer u m f a s s e n d e n Bibliographie zur neueren Geschichte Portugals arbeitet A. H. de Oliveira Marques (z. Zt. Gainesville, F a ) . 6 F ü r Spanien ist vor allem auf die Arbeiten von Vives und seiner Schule in Barcelona zu verweisen. Vgl. besonders die von ihm angeregte und methodologisch bemerkenswerte Historia social de E s p a ñ a y América, Barcelona 1 9 5 7 f f . , 5 B d e . — Eine Zusammenfassung der sowjetischen Forschungen zur Revolutionsgeschichte L a t e i n a m e r i k a s i n : M. C. AjibnepoeuH, CoBeTCKan HCTopHorpa$HH CTpaH JlaTHiicKoft AinepHKH, Moskau 1968. 8

Der iberische Revolutionszyklus 1789—1830

211

ob und bis zu welchem Grade sie mit dem klassischen Révolutions,,modell" korrespondierten oder eigenständige Revolutionskomponenten hervorbrachten. Der Charakter der Epoche ab 1789 ist in letzter Instanz von der Überwindung der Feudalität durch die bürgerliche Gesellschaft gekennzeichnet. Obwohl die Progression des Bürgerlichen regional und kontinental in äußerst unterschiedlichen Formen und Ausprägungen verlief, deren Spannweite zwischen Jakobinismus und MeijiRestauration lag, 6 verkörperte sich in ihr das tragende und bestimmende Element weltgeschichtlicher Entwicklung. Anfang und zugleich Höhepunkt historischer Leistung des zu ganzer Machtfülle aufsteigenden Bürgertums setzte die Französische Revolution von 1789. Als exemplarische und klassische Revolution der Bourgeoisie bietet sie für den historischen Vergleich die Summe der Kriterien, um die Relevanz anderer revolutionärer Bewegungen jener Epoche voll auszuleuchten. Allerdings darf ein wesentliches Moment derartigen methodischen Herangehens nicht übersehen werden: Die erste französische Revolution einer vergleichenden Geschichte der bürgerlichen Revolution als „Modell' zu unterlegen, kann nicht heißen, sie auf abstrakte oder schematische Art zum Maß aller Dinge zu erklären. Das Wesen des Vergleichs liegt vielmehr darin, von gesicherter Basis her, die Vielzahl der Erscheinungen und Charakteristika eines Revolutionstyps, eben des bürgerlichen, unter den verschiedensten historischen Entwicklungsbedingungen zu erfassen. Mit anderen Worten : im Spiegel äußerlich heterogener Differenziertheit die Entfaltung und endgültige Durchsetzung des bürgerlichen Fortschritts in Wirtschaft, Gesellschaft, Staat und Kultur als einheitliche historische Grundtendenz seit 1789 wahrzunehmen. Gilt diese Einschränkung der Projizierbarkeit bestimmter Kriterien bereits für den Vergleich Frankreichs mit Spanien und Portugal, so sind — wie die bisherige internationale Diskussion erwies 7 — einer Übernahme des „europäischen" Revolutionsmodells von 1789 oder 1848 in die „amerikanische" Sphäre des iberischen Kolonialsystems gewiß noch engere Grenzen gesetzt. Subjektiv nicht völlig unbegründet wandten sich lateinamerikanische Historiker — darunter keineswegs nur Exponenten betont traditionalistischer oder neokonservativer Observanz 8 — gegen einseitige und zu voreilige Bezugnahme auf das Frankreich von 1789 bis 1794. Allerdings sind nicht wenige Mißverständnisse jener chinesischen Mauer geschuldet, die noch immer die verschiedenen Zweige der Revolutionsforschung voneinander trennt. Während die auf europäische Revolutionen orientierten Vorhaben nur gelegentlich den lateinamerikanischen Gegenpol beachten, greift die Forschung in den wichtigsten lateinamerikanischen Ländern bei dem Bemühen um historische Verallgemeinerung selten oder mit erheblicher Verspätung auf die Ergebnisse der europäischen Geschichtsschreibung zurück. Als typisches Beispiel für den unbefriedigen8

7

8

14*

Vgl. den Beitrag von A. Soboul, La Révolution française dans l'histoire du monde contemporain. Etude comparative: S. 62 ff. des vorliegenden Bandes „Studien über die Revolution". Vgl. die Beiträge in: Actes, V, Hrsg. vom Com. Int. des Sciences Hist., Wien 1967, S. 449 ff. Neben J. Eyzaguirre und F. A. Encina (Chile) ist in diesem Zusammenhang vor allem auch G. Furlong, S. J . (Argentinien), zu erwähnen.

212

MANFRED KOSSOK

d e n S t a n d der Dinge v e r m a g der k a u m zur K e n n t n i s g e n o m m e n e methodologische F o r t s c h r i t t in Analyse u n d D a r s t e l l u n g g e r a d e der F r a n z ö s i s c h e n R e v o l u t i o n zu dienen. 9 So e r k l ä r t sich a u c h , d a ß die f ü r die geistige u n d politische P r o f i l b e s t i m m u n g der E m a n z i p a t i o n essentielle F r a g e n a c h der A u s s t r a h l u n g der F r a n z ö s i s c h e n R e v o l u t i o n auf die iberische W e l t wie e h e d e m d a s O b j e k t f ü r eine v o r u r t e i l s g e p r ä g t e P o l e m i k a b g i b t . A n s ä t z e n einer sachlichen, auf ausgewiesener Quellenbasis f u ß e n d e n Sondierung, w o f ü r Caillet-Bois 1 0 a m Beispiel des L a P l a t a g e b i e t e s gültige M a ß s t ä b e gesetzt h a t , s t e h e n n a c h wie v o r krasse, aus offensichtlicher U n k e n n t n i s der f r a n z ö sischen R e v o l u t i o n s p r o b l e m a t i k resultierende Fehlleistungen gegenüber. 1 1 Sowohl i m Sinne eines t y p o l o g i s c h e n Vergleichs als a u c h hinsichtlich ihrer Rolle als ä u ß e r e r W i r k u n g s f a k t o r der l a t e i n a m e r i k a n i s c h e n U n a b h ä n g i g k e i t s b e w e g u n g bleibt die F r a n zösische R e v o l u t i o n w e i t e r h i n auf der Liste der u n b e w ä l t i g t e n F o r s c h u n g s d e s i d e r a t a . 1 2 W a s die innere S t r u k t u r des iberischen R e v o l u t i o n s z y k l u s a n b e l a n g t , stellt sich in erster Linie d a s P r o b l e m der E r f a s s u n g v o n G e m e i n s a m k e i t e n u n d U n t e r s c h i e d e n der R e v o l u t i o n e n S p a n i e n s u n d P o r t u g a l s g e g e n ü b e r der E m a n z i p a t i o n L a t e i n a m e r i k a s . Speziell f ü r S p a n i e n u n d das spanische A m e r i k a b e r e c h t i g t die Ausgangslage des J a h r e s 1808 zu der F r a g e , inwieweit der zeitlichen K o n k o r d a n z eine zum i n d e s t partielle K o n g r u e n z in W e s e n u n d I n h a l t des Revolutionsprozesses ents p r a c h . N u r einige d a m i t v e r k n ü p f t e P r o b l e m e seien a n g e d e u t e t : Die e m i n e n t e Rolle des ä u ß e r e n K r i s e n f a k t o r s f ü r Metropole u n d Kolonialbereich bleibt u n a b w e i s b a r . „ D a n k N a p o l e o n . . . w a r e n die Fesseln z e r b r o c h e n , die sonst vielleicht d a s spanische Volk d a r a n gehindert h ä t t e n , seine i h m a n g e b o r e n e K r a f t zu e n t f a l t e n . " 1 3 Ähnliches galt f ü r S p a n i s c h - A m e r i k a , u n d in gewiß u n b e w u ß t e r Ü b e r e i n s t i m m u n g m i t M a r x b e m e r k t e Sir Ch. K . W e b s t e r t r e f f e n d : „ A b e r die F r a n z ö s i s c h e R e v o l u t i o n in ihrer n a p o l e o n i s c h e n V e r k ö r p e r u n g w a r die g r ö ß t e aller K r ä f t e , die eine R e v o l u t i o n in L a t e i n a m e r i k a u n v e r m e i d l i c h m a c h t e n . " 1 4 U n d 9

10

11

12

13 14

Das gilt für die Gesamtheit der bahnbrechenden Arbeiten von Cobb, Markow, Sacher, Soboul. Besonders Markows Fragestellung nach dem Platz der „Äußersten Linken" und dem Beziehungssystem zwischen Revolutionsführung und Volksbewegung enthält eine Fülle von Anregungen, um die Revolution auf neue Weise zu durchleuchten. — Zu den wenigen Ausnahmen von der negativen Regel gehört die auf die neuen methodologischen Aspekte in den Arbeiten Sobouls hinweisende Rezension von C. G. Mota, As revoluQÖes francesas. (A propósito de reciente livro de Albert Soboul), in: Rev. de Historia, Säo Paulo, Bd. 34, Jg. 18, Nr 69/1967, S. 247ff. R. Caillet-Bois, Ensayo sobre el Rio de la Plata y la Revolución Francesa, Buenos Aires 1929. Vgl. das von E. de Gandia in: Napoleón y la Independencia de América, Buenos Aires 1955, entworfene apokalyptische Bild von der Französischen Revolution und besonders der jakobinischen Phase (u. a. S. 19). „The discussion had revealed that the influence of outside factors, especially the French Revolution, was still imperfectly investigated..." (-R. II. Humphreys und J. Lynch in: Actes, S. 456). K. Marx, Das revolutionäre Spanien, in: Marx/Engels, Werke, Bd. 10, Berlin 1961, S. 443. Ch. K. Webster, Britain and the Independence of Latin America, 1812—1830. Select Documents from the Foreign Office Archives, London 1938, 2 Bde. Auszug in: The

Der iberische Revolutionszyklus 1789—1830

213

doch bleibt die Analogie der Erscheinungen zwischen Metropole und Kolonie eine sehr bedingte. Für Spanien, das über die Stagnation hinaus der Agonie verfallen war, die eine Revolutionierung der Verhältnisse von innen her und aus eigener Kraft gänzlich blockierte, lag in der Invasion die einzige und letzte Möglichkeit, das Tor zum Fortschritt aufzustoßen. Anders die Lage des spanischen Amerika. Seit den siebziger und achtziger Jahren des 18. Jahrhunderts gewannen die Krisenelemente der Kolonialherrschaft ein qualitativ neues Gesicht. In einer Kette revolutionärer Unruhen — mit Ausnahme der Erhebung unter Túpac Amaru 1 5 zunächst noch Ereignisse vornehmlich lokaler Natur 16 — kündigte sich die große Entscheidung an, die mit der Wende von 1808 lediglich eine beschleunigte Auslösung erfuhr. Insofern widerspiegelt die Auffassung, „daß selbst ohne die französische Revolution und ihre spanischen Folgen das Streben nach Unabhängigkeit vom Ende des 18. und am Anfang des 19. Jahrhunderts zu einer mehr oder minder vollständigen Befreiung Lateinamerikas geführt hätte", 1 7 keineswegs verspätetes historisches Wunschdenken, sondern entspricht einem objektiven Tatbestand, den bereits weitblickende Zeitgenossen von Graf Aranda über Alexander von Humboldt bis zu Abbé de Pradt erkannt hatten. Wie verhält es sich angesichts dessen mit dem Argument, die Unabhängigkeitsrevolution sei — wie der weitere, von politischer Anarchie geprägte Verlauf zeige — „vorzeitig" ausgebrochen, habe eine für Freiheit und Selbstregierung nur ungenügend vorbereitete Bevölkerung gleichsam durch historischen Zufall zum Herren des eigenen Schicksal gemacht? Betont polemische Gedanken des kolumbianischen Historikers J . Friede aufnehmend, stünde zu entgegnen, ob jemals aus der Sicht einer Kolonialmacht und der Kontrahenten revolutionärer Aktion abhängige Völker — sieht man vom allgemeinen Notstand des Kolonialismus nach 1945 ab — ein derartiges Reifezeugnis zu erhalten vermochten. Im Falle Spanisch-Amerikas scheint es unumgänglich, der These von der „revolución prematura" künftig umfassender nachzugehen, da sie einerseits Gegenstand echten Meinungsstreites zwischen den tonangebenden historischen Schulen Lateinamerikas ist und zum anderen entsprechende zeitgenössische Zeugnisse, vornehmlich die pessimistische Vision Simón Bolívars, nicht zu übersehen sind. Bolívar und mit ihm andere Führer des Aufstandes gegen Spanien, wie Camilo Henríquez und Manuel Belgrano, zeichneten ein Bild von den Wirren der Emanzipation, das an Realismus und Illusionslosigkeit durchaus den Urteilen Robespierres oder Saint-Justs über die Französische Revolution vergleichbar ist. Eine spätere heroisierende und personalistische Historiographie

15

16

17

Origins of the L a t i n American Revolutions 1808—1826, Eingeleitet und hrsg. von R. A. Humphreys u n d J . Lynch, New Y o r k 1966, S. 78. , , . . . la rebelión de T ú p a c es un síntoma inconfundible de la declinación colonista en H i s p a n o a m é r i c a " . ( D . Valcárcel, L a Rebelión de T ú p a c A m a r u , Mexiko/Buenos Aires, 1965 2 , S. 237). Zur revolutionären Bewegung der „pre-independencia" in Venezuela und K o l u m b i e n vgl. R. M. Tisnes J . , Movimientos pre-independientes grancolombianos, B o g o t a 1963, S. 3 8 f f . , 51 ff., 2 2 2 f f . , 2 9 3 f f . Diskussionsbeitrag v o n M. Defourneaux in: Actes, S. 455.

214

MANFRED KOSSOK

hat die Gedanken der großen Protagonisten eher mythologisierend verdunkelt als sachlicher Interpretation erschlossen. Wie oft sind Bolivars Worte von 1815, „daß Amerika nicht vorbereitet war, sich vom Mutterland zu trennen" zitiert worden? Begreift indes der Historiker die erwähnte Quelle, den berühmten, im Moment der tiefsten Krise der Revolution verfaßten „Brief aus Jamaica" 1 8 in ihrer Ganzheit, so wird deutlich, daß Bolívar kein Argument gegen die Unabhängigkeit schuf, sondern, von der historischen Notwendigkeit der Emanzipation aus kolonialer Unfreiheit bedingungslos überzeugt, spezifische Konflikte und künftige Gefahren der Befreiungsbewegung im Unterschied zu den „normalen" Revolutionen Europas oder Nordamerikas vorausschauend bloßlegte. Um die Polemik über die „Frühreife" der Emanzipation auf solideren Grund zu stellen, ist eine Unterscheidung in folgender Richtung unumgänglich. In SpanischAmerika war (analog zu Spanien und Portugal) die Situation für eine Auslösung der Revolution herangereift. Das erlaubt aber — wie die Geschichte anderer bürgerlicher Revolutionen erweist — noch keinen Schluß auf die Reife aller Voraussetzungen für eine Vollendung der Revolution, da nicht wenige Faktoren, vor allem die Faktoren subjektiver Natur, erst im weiteren Prozeß der Revolution selbst und im Ergebnis des ständigen Wechsels von Ursache und Wirkung im Kampf der Klassen und Parteiungen ihre endgültige Gestalt gewinnen. Über die Ergebnisse einer Revolution entscheidet nicht allein die Ausgangssituation, sondern ebenso die Entwicklung der Revolution selbst. Vom Beispiel Chiles ausgehend, formulierte S. Villalobos: „1810 wurde nicht die Unabhängigkeit postuliert, sondern die Erhaltung der Monarchie durch Teilnahme an der Regierung. . ," 19 Nach spanischer Rechtstradition und im Einklang mit der von Suárez systematisierten jesuitischen Souveränitätslehre 20 mußte im Falle des Unvermögens der Krone zur Ausübung der Regierung alle Gewalt auf das Volk übergehen, wobei allerdings der Begriff „Volk" feudalen Denkkategorien — für das koloniale Spanisch-Amerika etwa am sozialen Status des „vecino" ablesbar — entsprang. Dieses Prinzip hatte für Spanien eine völlig andersgeartete Sinndeutung als für seine amerikanischen Kolonien. In Spanien leiteten daraus sowohl die lokalen Juntas als auch die Regentschaft die Begründung für die Legitimität ihres Handelns im Kampf gegen die napoleonische Invasion ab. Eine Machtausübung durch das „Volk" im kolonialen Amerika hieß nichts weniger als politische Gleichberechtigung 18 19

20

Text in: G. Ruiz Rivos, Simón Bolívar más allá del mito, Bd. I, Bogotá 1964, S. 307ff. Diskussionsbeitrag in: Actes, S. 454. — Ders., Tradición y Reforma en 1810, Santiago de Chile 1961. — Aus ähnlicher Sicht auch N. Meza Villalobos, La conciencia política chilena durante la Monarquía, Santiago de Chile 1958. In Fortführung der Thesen von P. Leon, L'idée de la volonté générale chez J. J. Rousseau et ses antécédents historiques, in: Arch. de Philosophie de Droit, Bd. 8, Paris, 1936, S. 148ff., haben sich vor allem Furlong (Nacimiento y desarrollo de la filosoífa en el Río de la Plata, Buenos Aires 1952) und M. Giménez Fernández (Las doctrinas populistas en la Independencia de Hispano-América, Sevilla 1947) bemüht, die Souveränitätsidee der Emanzipation allein von Suárez abzuleiten und „la ninguna influencia" des Rousseau'schen Contrat Social nachzuweisen (Furlong, a. a. O., S. 585ff.).

Der iberische Revolutionszyklus 1789—1830

215

der bis dahin von Regierung und hoher Administration ferngehaltenen kreolischen Oberschicht. Darin lag der erste und zugleich entscheidende Schritt zur Emanzipation. Was in der Form ein Produkt der Tradition darstellte, wirkte im Inhalt als Ferment der Revolution. So erscheint die stets neu aufgeworfene Frage nach dem subjektiven Selbstverständnis der Akteure von 1810 über Loyalität und Unabhängigkeit eher von semantischer Bedeutung, historisches Gewicht eignet ihr auf dem Hintergrund der weiteren Ereignisse kaum. Für einen Vergleich der spanischen mit der amerikanischen Revolutionsproblematik bleibt dagegen von Belang, wie gleichgelagerte politisch-geistige und institutionell-juristische Ausgangspositionen unter dem Einfluß differierender historischer Umstände und unterschiedlicher Klassenkomponenten letztlich absolut konträre Entwicklungen in die Wege leiteten 21 , die für Spanisch-Amerika ausgehend vom Revolutionszentrum Caracas schon seit 1811 feste Gestalt gewannen. Beide Komponenten des iberischen Revolutionszyklus, die „europäische" wie die „amerikanische", offenbaren die untrennbare Dialektik von nationaler und sozialer Frage. Eine exakte typologische Unterscheidung muß allerdings die spanische Revolution von 1808/14, Portugals Erhebung von 1820 und die Unabhängigkeitsbewegung Lateinamerikas gegen die zweite Revolution Spaniens von 1820/23 abgrenzen. Im erstgenannten Revolutionskomplex dominierte in allen Etappen ungebrochen das nationale Element, dem die soziale Problematik der Konfliktsituation untergeordnet blieb. Historisches Hauptanliegen war entweder die Wiederherstellung der nationalen Selbständigkeit gegen ausländische Invasion (Spanien 1808) und faktischen Protektoratsstatus (Portugal 1820) oder deren Erringung gegen ein mit der Krise der Metropolmächte endgültig seiner Grundlagen beraubtes Kolonialregime. Der Primat der äußeren Front — Spanien gegen Napoleon, Portugal gegen das institutionalisierte Besatzungsregime der Engländer, das iberische Amerika gegen den potentiellen Übergriff der napoleonischen Hegemonie und die Versuche einer offenen oder schleichenden Reconquista durch Spanien und Portugal — erweiterte die soziale Basis der Revolution und erklärt den breiten Einschluß sozial konservativer Kräfte. „Alle gegen Frankreich geführten Unabhängigkeitskriege tragen den gemeinsamen Stempel einer Regeneration, die sich mit Reaktion paart; . . ." 2 2 Marx zielte mit seiner Bemerkung auf das Spanien von 1808, aber Portugal und — in übertragenem Sinne — Lateinamerika ordnen sich fugenlos diesem Bild ein. In der Erfassung der Wechselseitigkeit von Nationalem und Sozialem im iberischen Revolutionszyklus stellt sich dem Historiker noch manche offene Frage. Zu den wesentlichsten gehört das Verhältnis von Krieg und Revolution. In Spanien und Spanisch-Amerika erwuchs aus der militärischen Konfrontation eine zumindest partielle soziale Vertiefung der Revolution. Verschärfung der Kriegsführung und Radikalisierung der Revolution bedingten einander. An die historische Rolle des =1

22

Auf diese funktionelle U m k e h r u n g verwies bereits Marx bei seiner Beurteilung der Cortes-Verfassung von 1 8 1 2 : „ D i e Wahrheit ist, daß die K o n s t i t u t i o n von 1812 eine Reproduktion der alten Fueros ist, jedoch im Lichte der französischen Revolution gesehen und den Bedürfnissen der modernen Gesellschaft a n g e p a ß t . " (A. a. O., S. 469). A. a. O., S. 444.

216

Manfbed Kossok

Großen Wohlfahrtsausschusses unter dem Dreigestirn Robespierre, Saint-Just und Couthon erinnernd, schrieb Marx über Spanien: „ . . . die innere Umwälzung wurde gefördert durch die Notwendigkeit, äußere Angriffe abzuwehren." 2 3 Die Parallele für Spanisch-Amerika liegt auf der Hand : Erst das anfängliche militärische Desaster öffnete den Patrioten den Blick für die soziale Problematik der eigenen Revolution. Weniger die politische Überzeugung als die Gewalt der Umstände, die bange Frage des Überlebens f ü h r t e n die kreolische Revolutionspartei, zumindest zeitweilig, an die Seite der Massen. Diese Stunde der Wahrheit h a t k a u m jemand bitterer, aber auch ehrlicher durchlebt als Simón Bolívar selbst. 24 Der von Marx angestrebte Vergleich mit dem Wohlfahrtsausschuß lenkte das Augenmerk auf Möglichkeit und Grenzen des Krieges als Katalysator und Kanalisator einer Revolution. Frankreichs Krieg gegen die äußere Gefahr war — wie schon in den Debatten um die Kriegsfrage ablesbar 2 5 — Anstoß aber nicht Ursache, die bereits existierende politische und soziale Polarisierung forciert der E n t l a d u n g entgegenzuführen und den Übergang zu einer höheren Phase der Revolution voranzutreiben. Hoffnungen der gemäßigten Partei u m Lafayette oder der im republikanischen Expansionismus engagierten Girondisten u m Brissot, den inneren Stau an revolutionärer Brisanz nach außen abzulenken, unter dem Siegel einer Verteidigung der Nation, der Linken einen sozialen Burgfrieden aufzuzwingen, schlugen fehl. „Der Krieg sollte nicht die Berechnungen seiner Fürsprecher erfüllen. . ," 26 Ebenso nachhaltig bestätigte sich in Spanien und Spanisch-Amerika die Primärfunktion der inneren Faktoren in der Bestimmung von Wesen und Charakter einer Revolution. Kriegsverlauf und Art der Kriegsführung wirkten zweifelsohne beschleunigend und modifizierend auf den Gang der Ereignisse, ohne jedoch die aus der spezifischen Konstallation der Klassenkräfte resultierenden inneren Schwächen der revolutionären Bewegung kompensieren oder gar aufheben zu können. Bolivars „Guerra a Muerte" leitete zwar eine gnadenlose politisch-militärische Radikalisierung der Revolution ein, die aber trotz einer Reihe von Zugeständnissen an die „capas humildes" nicht den Wegbereiter einer ebenso weiten und konsequenten sozialen Öffnung nach links abgab, die zwangsläufig das nationale Klassenkompromiß seiner Grundlage beraubt hätte. Unter diesem Gesichtswinkel erklärt sich wiederum der besondere Ort der spanischen Revolution von 1820/23 im iberischen Revolutionszyklus: sie war die erste „reine" Sozialrevolution. „ D a m i t fehlte in der zweiten Revolution das vereinigende, nationale Moment fast völlig. Im Gegensatz dazu überwog das soziale Klassen28

A. a. O., S. 458. Ohne die materielle und technische Hilfe des Präsidenten von Haiti, Pétion, hätte Bolívar nach der Katastrophe von 1815 kaum noch einmal den Kampf gegen Spanien aufnehmen können. Der von Pétion geforderte „Preis": die Befreiung aller Negersklaven. (Ruiz Rivas, a. a. O., Bd. I, S. 376) 26 W. Markov, 1792 — Resümee über Krieg und Frieden, in: Jahrbuch für Geschichte, Bd. I, Berlin 1967, S. 9ff. 2 * A. Soboul, Pré,cis d'Histoire de la Révolution Française, Paris 1962, S. 197.

21

Der iberische Revolutionszyklus 1789—1830

217

moment von Anbeginn bis Ende." 2 7 Angesichts der in die Periode der Nachemanzipation fortdauernden Abhängigkeit von ausländischen Machtinteressen blieb dagegen für Lateinamerika der nationale Faktor weiterhin eine entscheidende Konstante jeder Revolution. Daß Grad und Festigkeit der nationalen Unabhängigkeit in der Nachemanzipation stets durch die Lösung der sozialen Fragen determiniert blieben, erwies auf exemplarische Weise erstmals die Revolution Mexikos unter Benito Juárez : Trotz ausländischer Intervention zerfiel das Schibboleth der nationalen Einheit vor der Gewalt des sozialen Klassenkonflikts. Aus der antikolonialen Frontstellung der lateinamerikanischen Revolution heraus gewann der nationale Aspekt eine im Verhältnis zu Spanien oder Portugal ungleich höhere Gewichtung durch die enge historische Beziehung von Staatenbildung und Nationwerdung. Die Anzeichen der intellektuellen Emanzipation als Vorbote und geistiges Vorfeld der künftigen Unabhängigkeit trugen unverkennbare Merkmale eines aufkommenden Nationalbewußtseins, das Basadre so treffend mit „conciencia de sí" 28 umschrieb, V. A. Belaunde als „kolonialen Nationalismus" 29 apostrophierte. Historiker haben, Humboldts Beobachtung aufnehmend, nach dem Verhältnis von „amerikanischem" Bewußtsein im weiteren und „nationalem" Bewußtsein im engeren Sinne des Begriffs gefragt. Politischer Inferiorität ausgesetzt, fühlte der Kreole sich dem herrschenden Europaspanier gegenüber als „Amerikaner". Indes ist auf dem Hintergrund der späteren Revolution die historische Tragfähigkeit solchen „amerikanischen" oder „kontinentalen" Bewußtsein kaum hoch zu veranschlagen. Die Revolution triumphierte, indem sie sich regional territorialisierte, parallel dazu wuchs ein ebenso regional geprägtes Nationalbewußtsein. Von Mirandas venezolanischem Abenteuer bis zu Bolivars Kongreßidee von Panama scheiterte die Vision kontinentaler Einheit am Widerspruch auseinanderstrebender Interessen. Nicht zuletzt die Eifersüchteleien der jungen Republiken beim Wettlauf um die Anerkennung durch die europäischen Mächte erwiesen 30 , wie die Vorstellung von nationaler Eigenbehauptung ein Denken in größeren Dimensionen überlagerte. Art und Weise der Staatenbildung auf der Grundlage der vorgegebenen kolonialen Territorialstruktur haben zugleich die Aufmerksamkeit auf die Rolle der kolonialen Administration im Prozeß der Nationwerdung hingelenkt, ohne daß der erreichte Stand der Diskussion bereits zu einem Selbstverständnis über den komplexen Zusammenhang von politischen und sozialökonomischen Triebkräften geführt hätte. Über die kolonialen Ansätze der Nationwerdung dürfte es keine Zweifel geben, und Gibson verwendet dafür den nützlichen Begriff „Protonationen". 3 1 Die koloniale " 28 29

30

31

J. M. Maiski, Neuere Geschichte Spaniens 1808—1917, Berlin 1961, S. 107. J. Basadre, „Conciencia de sí", in: Origins, S. 293ff. V. A. Belaunde, Bolívar y el pensamiento político de la revolución hispanoamericana, Madrid, 1959 S. 86. Aus der Sicht Chiles fanden Bemühen und letztlich wenig ermutigenden Ergebnisse einer gemeinsamen Politik den klarsten Niederschlag in der Korrespondenz von J. A. Irizarri. (Vgl. Archivo Nacional de Chile. Ministerio de Relaciones Exteriores. Fondo 3: Agentes de Chile en Gran Bretaña, 1818—1826, fol. 61 ff.). Ch. Gibson, Spain in America, New York 1966, S. 209.

218

MANFRED KOSSOE

Verwaltungsstruktur — speziell die Audiencias 32 — bildeten den äußeren Rahmen, innerhalb dessen Grenzmarken die nationale Genesit ansetzte. 33 Jedoch geben die Balkanisierung Zentralamerikas und der frühe, wesentlich ökonomisch bedingte Separatismus Paraguays und der Banda Oriental gegen das übrige L a Platagebiet (Argentinien) zu erkennen, daß die Rolle des politisch-administrativen Elements nicht zu einseitig betont werden darf. Mit dem Ziel, die Nationwerdung Spanisch-Amerikas einem universalen Blickwinkel einzuordnen, bemerkt Konetzke: „Das lange Zusammenleben einer Bevölkerung in einer administrativen Einheit schafft eine Gemeinschaft der Interessen und Sitten und darüber hinaus einige gemeinsame und typische Gefühlsvorstellungen in den Menschen dieser Region. . . Die ökonomische Struktur einer territorialen Einheit kann ein enges Band gemeinsamer Interessen erzeugen, ein Handeln als Gemeinschaft auferlegen und einen Geist der Solidarität erwecken." 34 Zeitlich noch weiter zurückgreifend wäre zu fragen, in welchem Umfang Struktur und territoriale Anlage der kolonialen Verwaltung objektiven regionalen Voraussetzungen gehorchten. Schon der Verwaltungsaufbau der Conquistazeit orientierte sich an vorgefundenen geographischen, wirtschaftlichen und ethnisch-sozialen Gegebenheiten — die Zentralgebiete der Vizekönigreiche Neu-Spanien und Peru sind dafür herausragende Beispiele — und die Reformen des 18. Jahrhunderts sanktionierten sowohl im Falle Neu-Granadas als auch des Vizekönigreiches Rio de la Plata 3 5 einen bestehenden geographisch-ökonomischen Regionalismus. Die conditio sine qua non nationaler Konsolidierung liegt in der Existenz eines relativ geschlossenen, vom inneren Markt ausgefüllten Territoriums. In Lateinamerika fehlte jedoch — zumindest noch am Ende der Kolonialzeit und während der Emanzipationskriege — die tragende, für eine organische Nationwerdung unentbehrliche bürgerlich-antifeudale Klassensubstanz, um die Nation nicht nur „negativ" gegen Spanien, sondern auch „positiv" nach innen, durch allseitige Überwindung der kolonialfeudalen Wirtschafts- und Sozialstruktur, auszuformen. Um die spätkolonialen Wurzeln der Nationwerdung umfassend zu begreifen, ist eine ausgewogene Analyse und Wertung aller Entwicklungsfaktoren unerläßlich: Ethnische Strukturverschiebungen, demographische Entwicklung, Sprachenproblem, kultureller Regionalismus, Konturen und Struktur des inneren Marktes, regionale Differenzierung der Handelsinteressen nach außen, generell unterschiedliche Entwicklungsdynamik zwischen den Hauptzonen Latainamerikas (z. B. Gegensatzpaar Andenbereich — La Platagebiet) etc. 32 33 34

35

Auf notwendige Einschränkungen dieser „ R e g e l " verwies P. Chaunu in: Actes, S. 348. R e s ü m e e des Diskussionsbeitrages von M. Kossok, in: Actes, S. 345. Diskusssionsbeitrag in: Actes, S. 341. M. Kossok, E l Virreinato del Río de la P l a t a . S u estructura ecónomico-social, B u e n o s Aires 1959. — Sehr anregend f ü r die Fragestellung u m Herausbildung u n d Folgewirkungen eines ökonomischen Regionalismus erwies sich das R e f e r a t von H. Pohl über die Stellung des Gewerbes in der K o l o n i a l s t a d t Spanisch-Amerikas vor der „ S e k t i o n Kolonialgeschichte" des 38. Internationalen Amerikanistenkongresses in S t u t t g a r t München, A u g u s t 1968.

Der iberische Revolutionszyklus 1789—1830

219

Auf den Primat der ökonomisch-sozialen Faktoren, deren Wirkung sich erst mit gewisser Phasenverschiebung in der politisch-administrativen Sphäre niederschlug, weist die für die Mehrzahl der lateinamerikanischen Staaten situationsbestimmende Rivalität von Unitarismus und Föderalismus hin. In und mit der Unabhängigkeitsrevolution erfolgte die äußere Staatsbildung zeitlich vor dem Abschluß der Nationwerdung. Eine Entsprechung dieser spezifischen Situation zu der nicht vollendeten Sozialrevolution ist unabweisbar, allerdings ermöglicht der gegenwärtige Forschungsstand noch keine gesicherte Antwort auf die daraus resultierenden vielschichtigen Aspekte des Spannungsverhältnisses von Staat und Nation in Lateinamerika. Gegen das Vorhaben, die Unabhängigkeitsbewegung Lateinamerikas dem universalen Kontext der bürgerlichen Revolution einzuordnen, haben Humphreys und Lynch eingewandt: „Wer. . . waren die Mittelklassen in Lateinamerika, und wo waren sie zu finden?" 3 6 Mit gradueller Abschwächung scheint diese Frage durchaus auf Portugal und Spanien übertragbar. Ohne hier ausführlicher auf eine in anderem Zusammenhang erfolgte Erörterung über den historischen Ort der lateinamerikanischen Unabhängigkeitsrevolution zurückzugreifen, 37 bleibt anzumerken, daß sich für den iberischen Revolutionszyklus das Problem des bürgerlichen Grundinhaltes komplizierter stellt und mit dem Verweis auf das Fehlen einer ausgebildeten „Mittelklasse" nicht beantwortet ist. Viele für bürgerliches Revolutionsdenken kennzeichnende Forderungen fanden im kreolischen Großgrundbesitz und unter den indo-mestizischen und negro-mulattischen Volksklassen Widerhall. Unter den Bedingungen der antikolonialen Revolution vollzog sich — wie schon angedeutet — eine dem Ancien Régime in Frankreich nicht vergleichbare Verschiebung der Klassenfronten : Großgrundbesitz und Bürgertum gingen im Grundanliegen der Emanzipation konform. 38 Über das nationale Kompromiß mußte das schwache, sozial und politisch unmündige Bürgertum den Anspruch auf Hegemonie in der Unabhängigkeitsbewegung aus der Hand geben. Weder in Lateinamerika noch in Spanien und Portugal war die wichtigste Voraussetzung für eine allseitige Vollendung der Revolution — „die Bourgeoisie. . . wirklich an der Spitze der Bewegung" 3 9 objektiv und subjektiv ausgereift. 36 37

38

39

Humphrys/Lynch, The Emancipation, a. a. O., S. 49. M. Kossok, Im Schatten der Heiligen Allianz. Deutschland und Lateinamerika 1815 bis 1830, Berlin 1964. (Kap. I: Freiheit für Amerika. Der historische Ort der lateinamerikanischen Unabhängigkeitsrevolution, 1810—1826, S. 13 ff.) C. M. Mariátegui, Siete ensayos de interpretación de la realidad peruana, Lima 1959 (Obras completas, Bd. 2, S. 57). — Sowohl der französische Bourgeois als auch der lateinamerikanische Kreole hatte den Konflikt zwischen Politik und Ökonomie auszutragen. In beiden Fällen strebte eine faktisch bereits in den Besitz der wirtschaftlichen Schlüsselbastionen gelangte Klasse an die Macht. Während jedoch der Aufstieg der Bourgeoisie zur herrschenden Klasse an die Zerstörung der alten Wirtschafts- und Sozialstruktur geknüpft war, erwuchs dem kreolische Latifundismus die historische Chance, seine revolutionären politischen Ambitionen innerhalb der vom Kolonialregime gesetzten Klassenschranken zu erfüllen. K. Marx, Die Bourgeoisie und die Konterrevolution, in: Marx/Engels, Werke, Bd. 6, Berlin 1959, S. 107.

220

MANFRED KOSSOK

Soweit der sozialökonomische Entwicklungsstand Lateinamerikas am Vorabend der Emanzipation im Lichte neuerer Forschungen faßbar ist, wird deutlich, daß der spanisch-portugiesische Kolonialfeudalismus 40 die Genesis einer eigenständigen Bourgeoisie behindert und strukturell deformiert (Übergewicht der Handelsbourgeoisie), aber nicht völlig unterbunden hat. Am ungünstigsten stellte sich die Lage Brasiliens dar, dessen Handelsbourgeoisie fast ausschließlich portugiesischen Ursprungs war. 41 Das Bemühen, im Ergebnis weiterer Forschung die bürgerlich-revolutionäre Grundlinie der Unabhängigkeitsbewegung eindeutiger zu fixieren, ist methodisch daran gebunden, die derz eitig noch die Diskussion beherrschende Enge der Fragestellungzugunsten der Einsicht in mögliche Variationsbreiten ein und desselben Revolutionstyps zu überwinden. In allen Komponenten des iberischen Revolutionszyklus prägte das permanent wirkende nationale und soziale Kompromiß zwischen Grundbesitz und bürgerlichen Schichten (einschließlich der Intellektuellen) auch den Charakter der Staats- und Machtfrage. Die Schwäche des bürgerlichen Klassenelements verhinderte in jeder Revolution die Herausbildung eines „normalen" bürgerlichen Staatstyps. Aus der Labilität der sozialen und politischen Krisenlage erwuchs ein mehr oder minder ausgeprägter Dualismus von ziviler und militärischer Gewalt; ihn als „rein iberisches" Phänomen zu klassifizieren, verbietet ein Blick auf die Rolle der Armee in der afroasiatischen Welt nach 1945. 42 Angesichts der Agonie oder Deformierung aller übrigen Machtinstitutionen war die Armee in Spanien bereits während der ersten Revolution von 1808/14 alleiniger Träger der realen politischen Gewalt. 43 „In revolutionären Verhältnissen — mehr noch als in normalen Zeiten — spiegeln die Geschicke der Armeen die wahre Natur der zivilen Regierung wider." 44 Eine un40

41

42

43

44

Das aus kolonialer Überlagerung autochthoner Strukturen bei gleichzeitiger Abhängigkeit vom entstehenden kapitalistischen Weltmarkt hervorgegangene Feudalsystem bedarf noch immer der genaueren Analyse und historischen Bestimmung. (Vgl. M. Kossok, Comercio y economía colonial de Hispanoamérica, in: Temas de Historia económica Hispanoamericana, Nova Americana I, Paris 1965, S. 66, zur Möglichkeit der Verwendung des Begriffs „Feudalismo colonial"). Irreführend sind Thesen, die eine feudale Produktionsweise für Lateinamerika schlechthin in Frage stellen und lediglich spezifische Varianten des Kapitalismus gelten lassen wollen. (Vgl. dazu R. Puiggros und A.Frank, in: Los modos de producción en Iberoamérica, in: „Izquierda Nacional", Buenos Aires, Nr. 3, Okt. 1966; kritisch resümiert in: J. A. Ramos, Historia de la Nación Latinoamericana, Buenos Aires 1968, S. 73ff.). C. Prado Junior, Evolución política del Brasil, Montevideo 1964, S. 43 f. — Uber die Auswirkungen der portugiesischen Wirtschaftspolitik auf die gewerblich-manufakturelle Entwicklung der Kolonie vgl. F. A. Nováis, A prohibido das manufatursa no Brasil e a política económica portuguésa do fim do século X V I I I , in: Rev. de História, Säo Paulo, Bd 33, J g . 18, Juli—Sept. 1966, S. 145 ff. Vgl. Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, Berlin, 15. J g . , H. 8/1967 (u. a. die Beiträge von L. Rathmann, Ch. Mährdel und H. Kramer). Nicht weniger intensiv stützte sich die liberale Opposition Portugals auf die bewaffneten Streitkräfte. Marx, Das revolutionäre Spanien, a. a. O., S. 449. — „ I n revolutionären Zeiten. . . kann die militärische Disziplin nur aufrechterhalten werden, wenn die Generale unter „streng-

Der iberische Revolutionszyklus 1789—1830

221

zweideutige Autorität der zivilen Führung gegenüber der Armee selbst auf dem Höhepunkt der militärischen Krise der Revolution — wie in Frankreich vom Spätsommer 1793 bis zum Frühjahr 1794 — war unter den Gegebenheiten Spaniens nicht denkbar. Dank der fast absoluten Identität von Armee und Revolution „bildeten die Armee und die Guerilleros (sie) den revolutionärsten Teil der spanischen Gesellschaft". 45 Als einzige Institution, die aus dem Krieg von 1808/14 erneuert und demokratisiert hervorging, gab die Armee wohl oder übel auch 1820/23 den Brennspiegel revolutionärer Aktion für die fortschrittlichen Kräfte ab. Die Schwäche der bürgerlichen Triebkräfte wurde durch eine Militarisierung der politischen und sozialen Kämpfe kompensiert. „Wir brauchen daher nicht überrascht zu sein über den Einfluß, den die spanische Armee in späteren Bewegungen ausübte; weder wenn sie die revolutionäre Initiative ergriff, noch, wenn sie durch ihr Prätorianertum die Revolution schädigte." 46 Historisch erwies sich die Armee nicht nur fähig, sondern unersetzlich zur Auslösung der Revolution. Im Gewicht ihres politischen Auftritts selbst das Produkt einer Anomalie, wurde die Armee wiederum ein Faktor für deren Permanenz in dem Maße wie eine „Entmilitarisierung" der Revolution unterblieb. Die Konsolidierung einer neuen Gesellschaft auf dem spitzen Grad revolutionärer Militärdiktatur lag jenseits der Grenzen des Möglichen, und die zivile Autorität der Revolution versagte vor der Größe dieser Aufgabe. Ähnlichen Vorbedingungen erwuchs 1810 der von Gibson apostrophierte „Militarismus der Revolutionen" 47 in Lateinamerika. Zumindest im spanischen Teil Amerikas mußte die Revolution sich „militarisieren", um gegen das für längere Zeit erdrückende Übergewicht der Loyalisten und Invasoren überhaupt ankämpfen zu können. Die Armeen der Patrioten erfüllten eine Doppelaufgabe: sie waren bewaffneter Arm der Revolution und kompensierten zugleich das Fehlen einer eigenständigen und politisch bewußten Volksbewegung. Wo lag in der Folge die Grenze, die den Soldaten der Revolution zum Prätorianer herabsinken ließ? Wann und unter welchen Voraussetzungen entschied sich, ob die Armee „zum Werkzeug oder zur Peitsche ihrer Führer" 48 wurde? Aus französischer Erfahrung und sieben Jahre vor Bonaparte hatte Jacques Roux gemahnt: „Duldet vor allem nie, daß sie sich mit einer Armee umgürten!" 4 9 Kennzeichnen seine Worte nicht ebenso klar die Situation Lateinamerikas? Desungeachtet erscheint notwendig, das politischmilitärische Engagement der Generation von 1810 in historischer Wertigkeit und sozialem Inhalt gegen den auf bloße Verteidigung des politischen und sozialen status quo festgelegten konservativen Caudillismus der Nachemanzipation abzuheben. Eine relative Übereinstimmung in Form und Aufbau des Machtmechanismus steht dazu durchaus nicht im Widerspruch. Die erneuerte Debatte um Bruch

45 44 47 48 49

ster bürgerlicher Disziplin gehalten werden." (Marx, a. a. O., S. 459). Diese Maxime konnten selbst die Jakobiner nur mit der Guillotine durchsetzen. Marx, a. a. O., S. 463. Ebenda. Gibson, a. a. O., S. 212. Marx, a. a. O., S. 462. W. Markov, Die Freiheiten des Priesters Roux, Berlin 1967, S. 151.

222

Manfred Kossok

und Kontinuität beim Übergang von der Kolonie zur Unabhängigkeit 6 0 sollte diesen Problemkreis nicht umgehen. Ein Kettenglied der komplizierten Transmission zwischen Armee und Volksbewegung stellte die Guerrilla dar. Nicht nur im Spanien der Jahre 1808/14 bildete der Partisanenkampf das Rückgrat der Revolution; 8 1 von kaum geringerer Bedeutung war er für das anfängliche Überleben und den schließlichen Triumph der Unabhängigkeitsbewegung in Spanisch-Amerika. In allen Hauptzonen der Auseinandersetzung, von Mexiko über Venezuela-Kolumbien und Peru-Bolivien bis Chile und das L a Platagebiet, ist die Aktivität der Guerrilleros nachweisbar. Aus aktuellem Anlaß beginnen die Historiker, dieses bedeutende Thema der Revolutionsgeschichte Lateinamerikas wiederzuentdecken, 52 das in der zeitgenössischen und späteren liberalen Geschichtsschreibung (Bustamante, Alamán, Bulnes, Mitre u. a.) zwar starke Beachtung fand, ohne je den „Gegenstand eingehender Forschungen" 5 3 abzugeben. Für das Aufhellen der Wechselbeziehung zwischen Revolution und Guerilla in Spanisch-Amerika besitzen vornehmlich folgende drei Problemkreise Gewicht: — Eine unbekannte Größe ist noch immer die Rolle der Guerrilleros als Initiatoren einer sozialen Vertiefung der Revolution. Das von manchem Historiker mit leichter Hand gemalte Idealbild des Partisanen als avantgardistischem Sozialrevolutionär widerspricht der rauhen Wirklichkeit der Emanzipationskriege. Die Existenz einer konterrevolutionären Guerrilla — auf typische Weise von Boves und seinen venezolanischen Lianeros verkörpert 5 4 —, dazu die greifbaren Unterschiede innerhalb der patriotischen Guerrilla geben hinreichend Anlaß für eine zumindest differenzierte Beurteilung. Das Unabhängigkeitsideal von Hidalgo 5 5 aufnehmend und vertiefend, wurde in Mexiko sein engster Mitstreiter Morelos ab 1811 Organisator und Führer einer akzentuiert Sozialrevolutionären Guerrilla. 58 Die im Norden Argentiniens operierende Streitmacht von Martin Güemes 5 7 gehört dementgegen in 60 51 52

63

64

55

58 67

P. Chaunu, Diskussionsbeitrag, in: Actes, S. 347. Maiski, a. a. O., S. 60ff. Vgl. dazu den anregenden Aufsatz von G. Kahle, Ursprünge und Entwicklung der mexikanischen Guerrillatradition, in: Jahrbuch für Geschichte, Staat, Wirtschaft und Gesellschaft Lateinamerikas, Bd. 4, Köln/Graz 1967, S. 566 f. Kahle, a. a. O., S. 567. — Zu fast gleichlautendem Urteil kommt H. Rodríguez Plata in seinen Ausführungen über die Partisanenbewegung im Bereich der kolumbianischen Provinz Socorro. (La antigua provincia del Socorro y la Independencia, Bogota 1963, S. 471 ff.) Zur Streitfrage, ob sogar ein extremer Royalist vom Range Boves' mit dem Ziel, eine Massenbewegung gegen Bolívar zu schaffen, die soziale Revolution von „rechts" einleitete, vgl. die negativ antwortende Studie von G. Carrera Damas, Materiales para el estudio de la cuestión agraria en Venezuela (1808—1830), Bd. I, Caracas 1964. (Estudio preliminar, S. V l l f f . ) — D. Ramos, Sobre un aspecto de las „Tácticas" de Boves, in: Boletín de la Ac. Nac. de Historia, Caracas, Bd. 51, Jan.—März 1968, Nr. 201, S. 69 ff. M. S. Al'perovií, Hidalgo und der Volksaufstand in Mexiko, in: Lateinamerika zwischen Emanzipation und Imperialismus 1810—1960, Berlin 1961, S. 35 ff. J. Mancisidor, Hidalgo, Morelos, Guerrero, Mexiko 1956, S. 197ff. L. Paso, Los caudillos y la organización nacional, Buenos Aires 1965, S. 38 ff.

Der iberische Revolutionszyklus 1789—1830

223

die Reihe jener Bewegungen (wie auch viele Gruppen der Montoneros in Bolivien 58 , deren Aktionsprogramm weder politisch noch sozial den von der kreolischen Revolutionspartei gesetzten Rahmen überschritt. Als Großgrundbesitzer brachte Güemes sozusagen „automatisch" die von ihm abhängigen Gauchos in die Unabhängigkeitsbewegung ein: „Eine paternalistische Handlung, wie sie einem Feudalherren ansteht." 6 9 Ein Umsturz der sozialen Realitäten stand unter solchem Zeichen nicht zu erwarten; der potentielle Ausgriff in die Agrarrevolution blieb ebenso blockiert wie in Spanien, dessen Bauernpartisanen Religion und Monarchie über die Freiheit der Person stellten. 60 — Einem Gedanken von Markov folgend, bleibt der Frage nachzugehen, ob die patriotische Guerilla die Elemente für „Improvisation" oder „Modell" einer revolutionären Staatsmacht 6 1 in sich trug. In der ersten spanischen Revolution wertete Marx den Übergang zur Guerrilla als Ausdruck der Tatsache für „die Verdrängung der nationalen durch lokale Regierungszentren".®2 Die revolutionäre Dezentralisation, bald durch eine Koordinierung des Partisanenkrieges auf nationaler Ebene aufgehoben, erwies sich als notwendige Durchgangsstufe für die Sammlung der Kräfte zur Erringung des in keinem Moment aus dem Auge verlorenen nationalen Gesamtzieles — Befreiung des Landes und Errichtung einer souveränen Zentralregierung. Man wird aus mehreren Gründen zögern, ein gleiches für SpanischAmerika anzunehmen: Das Element der Spontanität blieb während der gesamten Unabhängigkeitsbewegung beherrschend. Koordinierung oder gar Aktionseinheit in nationalem Rahmen fehlte; Kontakt zu den regulären Armeen der Patrioten war zwar stets vorhanden aber nicht seltén durch Spannungen belastet. 63 Gegenseitige Isolierung und der faktische Rückzug auf den jeweiligen Lokalbereich ließen die Guerilla, wie u. a. das Beispiel Argentiniens 64 zeigte, nicht zum Kristallisationspunkt natio58

" 60

81

62 63

64

Ch. W. Arnade, L a d r a m á t i c a insurgencia de Bolivia, L a P a z 1964, S. 4 7 f f . Paso, a. a . O., S. 43. U m die D u a l i t ä t v o n Revolution und Konterrevolution in der Bewegung der bäuerlichen Massen zu unterstreichen, zitiert Marx (a. a. O., S. 444) einen treffenden S a t z von R. Southey a u s dessen dreibändiger „ H i s t o r y of the Peninsular W a r " ( L o n d o n 1823—32): „ D a s patriotische Feuer f l a m m t e noch höher auf unter d e m Einfluß des Heiligen Öles des A b e r g l a u b e n s . " W. Markov, Die Partisanenrepubliken Ossolo und C a m i a : Improvisation oder Modell?, Berlin 1961, i n : Der deutsche Imperialismus und der zweite Weltkrieg, B d . 4. B e i t r ä g e z u m T h e m a „ D i e Innenpolitik und die Besatzungspolitik des deutschen Imperialismus und die antifaschistische Widerstandsbewegung in Deutschland und den besetzten G e b i e t e n " , S. 327 ff. Marx, a. a. O., S. 460. F ü r Peru existiert eine überaus reiche Dokumentation, die sowohl die A k t i v i t ä t lokaler Guerrillagruppen belegt als auch die a u f k o m m e n d e K r i t i k a n mangelnder Unterstützung durch die reguläre Befreiungsarmee S a n Martins deutlich macht. (Manuscripts Department, Lilly L i b r a r y , Indiana University, Bloomington, I n d i a n a : L a t i n American Mss.) Die nur grob erfaßte S a m m l u n g ist für Peru von J . Friede geordnet worden. Paso, a. a . O., S. 36.

224

MANFRED KOSSOK

naler Einheit heranreifen. Um so aufschlußreicher ist der Fakt, daß von den Bewegungen mit sozialrevolutionärer Dominante — Hidalgo und Morelos in Mexiko, Artigas 68 in der Banda Oriental mit starker Ausstrahlung auf den Nordosten Argentiniens — stets ein starker Impuls zur revolutionären Staatsgründung auf der Grundlage umfassender nationaler Einheit ausging. Wenn die regulären Armeen im Verlaufe der Revolution eine zunehmende Öffnung gegenüber Indianern, Negern und Angehörigen der verschiedenen „ c a s t a s " nicht nur im Mannschaftsbestand, sondern vor allem auch in Teilen des Offizierskorps und der Generalität erkennen ließen66, so wirkte diese Tendenz noch stärker innerhalb der Guerrillaformationen. Die gemäßigte kreolische Revolutionsführung konnte in dieser ethnischen „Gleichheit", die letztlich auch soziale Schranken niederlegen mußte, nur ein Zugeständnis auf Zeit sehen. Obwohl die ethnisch-soziale Struktur der Streitkräfte keineswegs das alleinige Kriterium für den Grad einer Demokratisierung darstellte, wurde die spätere Auflösung der Guerrillaeinheiten oder ihre Integration in die regulären Armeen zu einem der Indizien einsetzender „Konsolidierung des kreolischen Konservatismus". 6 7 Wie eng „Umarmung" und „tödliche Herausforderung" einander berührten, hat Bulnes 68 am Beispiel der Fusion der mexikanischen Guerrilleros mit der Armee Itúrbides dargestellt. Es ging Itúrbide nicht um eine auf die Reste der Partisanenbewegung gestützte soziale Radikalisierung der Revolution. „ I m Gegenteil, er brannte darauf, sie (die Guerrilleros, M. K.) zu vernichten, um die Unabhängigkeit allein mit der kreolischen Militäraristokratie zu erreichen." 69 Somit setzte sich auch in Mexiko, dem Schauplatz der mächtigsten Partisanenbewegung Spanisch-Amerikas, die allerdings seit Morelos den Höhepunkt überschritten hatte 70 , die Wende zum Negativen durch. Natürlich boten die in wachsender Desintegration begriffenen Guerrillaeinheiten genügend Ansatzpunkte, die um sich greifende Revolutionsmüdigkeit gegen sie auszuspielen und im Namen von „Ordnung" und „nationaler Einheit" Sanktionen zu verhängen. Was Marx über Spanien sagte, gilt uneingeschränkt für Spanisch-Amerika: „Die Guerillas (sie) Zum Machtbereich, den Artigas als „Protector de los Pueblos L i b r o s " kontrollierte, bekannten sich zeitweilig auch die heutigen argentinischen Provinzen S a n t a Fé, Corrientes, Entre Ríos, Misiones und Córdoba. Vgl. F. R. Pintos, Ubicación de Artigas, Montevideo 1965, S. 133ff. — Weitere Arbeiten, u m die starke Sozialrevolutionäre K o m p o nente im „ A r t i g u i s m o " zu verdeutlichen, von J . P. Barran und B. Nahum, Bases económicas de la Revolución Artiguista, Montevideo 1963, und L. Sala de Touron, J . C. Rodríguez und N. de la Torre, Evolución económica de la B a n d a Oriental, Montevideo 1967, S. 241 ff. — Für San Martín war der anfängliche Erfolg der Artiguistas schlimmer als die mögliche Nachbarschaft einer spanischen oder portugiesischen Kolonialherrschaft (Ramos, a. a. O., S. 198). 66 M. Mörner, The Ethnic Factor, in: History of Latin American Civilization. Sources and Interpretation, hrsg. v. L. Hanke, B d . I I : The Modem Age, Irvine, Ca., 1967, S. 38f. 67 Johnson, a. a. O., S. 101 ff. " F. Bulnes, L a Guerra de Independencia, Mexiko 1910, S. 334. 6» Bulnes, a. a. O., S. 328. — Vgl. auch Kahle, a. a. O., S. 578. 70 Kahle, a. a. O., S. 573. 65

Der iberische Revolutionszyklus 1789—1830

225

selbst mußten, das ist klar, nachdem sie so viele Jahre auf dem Schauplatz blutiger Kämpfe agiert, die Gewohnheiten von Landstreichern angenommen und allen ihren Leidenschaften des Hasses, der Rache und der Plünderungswut freien Lauf gelassen hatten, in Friedenszeiten einen gefährlichen Mob bilden. . .", 7 1 zumal die neue Ordnung sich den Mohren, die ihre Schuldigkeit getan hatten, bewußt verschloß. Unsicheren Boden betritt der Historiker, der das Verhältnis von militärischer Gewalt und revolutionärer Diktatur berührt. Eine Revolution, die das Maß des historisch Möglichen voll ausschreitet, durchlebt zwangsläufig eine Phase der Diktatur, „und zwar eine energische Diktatur" (Marx), die sich unter dem Druck der Konterrevolution zur offenen und systematisierten „Terreur" steigern kann. Spanien gereichte das aus der Spaltung der Revolutionspartei und einer tragischen Unterschätzung der gegenrevolutionären Kräfte geborene Unvermögen zu jakobinischer Intransigenz zum offenen Verhängnis. ,,Die spanische Revolution ging schon in ihren ersten Anfängen an dem Bestreben zugrunde, legitim und anständig zu sein." 72 Ein vergleichbarer Legimitätsmythos fand in Spanisch-Amerika keinen Nährboden. Die Revolution gründete sich auf die mit bewaffneter Hand herbeizuführende völlige Negation der Kolonialherrschaft, ein Kompromiß mit der Metropole konnte nur historischer Selbstaufgabe gleichkommen. Bolivars Aufruf zur „Guerra a Muerte" 73 traf im Sinngehalt die Maxime Saint-Justs: „Das Volk kann mit seinen Feinden nichts gemein haben als das Schwert." Eine moralische Wertung der Entscheidung Bolivars als „unmenschliche, vorsetzliche Handlung von seiner Seite" 7 4 übersieht sowohl den Imperativ der Situation vom Sommer 1813 als auch den Umstand, daß mit dem Dekret von Trujillo lediglich ein De-facto-Zustand anerkannt wurde. Noch steht eine Analyse über Formen und Funktion des revolutionären Terrors in den verschiedenen Strömungen und Etappen der Unabhängigkeitsbewegung Spanisch-Amerikas aus. 75 Wo blieb der Terror kühne Idee — wie in Morenos „Plan de Operaciones" für Argentinien —, und welche Faktoren ließen ihn zur materiellen Gewalt werden — wie unter Francias Herrschaft in Paraguay? Spaniens Revolutionen und der erste Vorstoß des Liberalismus in Portugal gehören in die Geschichte der gescheiterten bürgerlichen Revolutionen. Die Emanzi71 72

73 75

15

Marx, a. a. O., S. 463. Marx, a. a. O., S. 450. — In dieselbe Richtung zielt die Remerkung: „Die Cortes scheiterten daher nicht. . ., weil sie revolutionär waren, sondern weil ihre Führer reaktionär waren und den richtigen Zeitpunkt zur revolutionären Aktion versäumten." (S. 458). 7 4 Johnson, Ruiz Rivas, a. a. O., Bd. I, S. 202. a. a. O., S. 51. Das gilt auch für die Frage der sichtlichen Eingrenzung des Terrors auf militärischpolitische Ausnahmegesetze (im Unterschied zur weit in die ökonomisch-soziale Sphäre einschneidenden Terreur der Jakobiner). Selbst Bolivars Eingriffe in den Hesitz der Royalisten stellten den Latifundismus nicht grundsätzlich in Frage, sondern bewirkten lediglich quantitative Verschiebungen innerhalb der als Ganzes unverändert gebliebenen Struktur der Eigentumsverhältnisse. Vgl. J. León Helguera, Bolívar: Una interpretación de su política económica en la teoría y en la práctica, in: Boletín Histórico, Caracas, Nr. 17, Mai 1968, S. 172. — Dazu auch unten Anm. 91. Studien

226

Manfred Kossok

pation Lateinamerikas aus kolonialer Unmündigkeit blieb eine unvollendete Revolution: auf die politische Befreiung folgte keine Revolutionierung der sozialökonomischen Struktur als Voraussetzung einer vollen Entfaltung der bürgerlichen Gesellschaft. Obwohl die soziale Revolution fehlte oder im Keim erstickt wurde, sind — mit der bedeutenden Ausnahme Brasiliens — die beträchtlichen Ansätze für zumindest quantitative Wandlungen in Wirtschaft und Gesellschaft, verbunden mit der unmittelbaren Rückwirkung der Veränderungen in der politischen Machtsphäre nicht zu übersehen. 76 Von Autoren, denen eine detaillierte Kenntnis der marxistischen Historiographie abgeht, ist die aus marxistischer Sicht getroffene Unterscheidung zwischen den politischen und den ökonomisch-sozialen Resultaten der Emanzipation in eine Abwertung der universalhistorischen Relevanz der Unabhängigkeitsrevolution Lateinamerikas umgedeutet worden. Solche Tendenz trifft vielmehr auf Interpretationen jüngeren Datums zu, die „politische Unabhängigkeit als ein nicht ausreichendes Kriterium" 7 7 für den Periodisierungseinschnitt zwischen Kolonialzeit und Nationalstaatlichkeit ansehen. Aus der Tatsache, daß im Ergebnis der sozialökonomischen NichtVollendung der Revolution, Lateinamerika einer indirekten Rekolonisation 78 durch die industriell fortgeschritteneren Mächte erlag, zieht Chaunu den Schluß: „Die Unabhängigkeit Spanisch-Amerikas 1823/1825 ist ein chronologischer Irrtum." 7 9 Der eigentliche Irrtum liegt jedoch im ungenügenden Verständnis des besonderen Gewichts der politischen Unabhängigkeit im Prozeß einer nationalen Befreiungsrevolution: sie ist die erste und unbedingte Voraussetzung, um das Ringen um soziale und ökonomische Emanzipation auf höherer Stufe fortzuführen. In der Nichtvollendung der ersten Revolution Lateinamerikas wirkte eine Summe objektiver und subjektiver Faktoren. Von entscheidendem Gewicht erwies sich die Spaltung der Volksbewegung im Grundanliegen der Emanzipation. Für den tributpflichtigen indianischen Bauern, den rechtlosen Negersklaven oder den gesellschaftlich inferioren Mestizen und Mulatten war der kreolische Großgrundbesitzer, der seit 1810 den Anspruch auf Führung im Kampf gegen die Kolonialgewalt geltend machte, stets der unmittelbare, tagtäglich greifbare Ausbeuter. Anders als in Frankreich 1789 trat den unteren Volksklassen kein revolutionäres Bürgertum gegenüber, das mit der Souveränität der Nation zugleich die Erlösung aus feudaler Abhängigkeit proklamiert hätte. Ein Angriff auf die kolonialen Institutionen bedeutete in Spanisch76

77

78 79

„ . . . the revolutionary wars which led to independence were a profound shock to the Society and to the economic life of the Spanish colonies." {Ch. C. Griffin, Only the beginnings of a basic transformation took place, in : History of L a t i n American Civilization, S. 10.) In dieser Richtung tendiert auch Griffin, der einerseits den positiven E f f e k t marxistischer Fragestellung anerkennt, zugleich aber einschränkend bemerkt, „writers of a Marxist tendency have tried to minimize the results of the m o v e m e n t " (a. a. O., S. 47.) M. Kossok, El Contenido. . ., S. 40. P. Chaunu, a. a. O., S. 452. Vgl. des weiteren seine Arbeiten: Inteprétation de l'Indépendance de l'Amérique Latine, in: Tilas I I I , Strasbourg, Mai—Juni 1963, u n d : L'Amérique et les Amérique de la Préhistoire à nos jours, Paris 1964. Einen E x t r a k t bietet seine „Histoire de l'Amérique L a t i n e " (Reihe „ Q u e sais-je?" Nr. 361), Paris 1964.

Der iberische Revolutionszyklus 1789—1830

227

Amerika — so paradox es auch schien — eine Beseitigung der letzten juristischen Hindernisse für die völlige Auslieferung der Bauern und Skalven an ihre kreolischen Herren. Die Republik, äußeres Zeichen der errungenen Freiheit und des Fortschritts, bot der Mehrheit der Agrarbevölkerung keinerlei Garantie für die Verbesserung ihrer Lage, es t r a t nicht selten eine gegenläufige Entwicklung ein. 80 Aus dem sozialen Interessendualismus zwischen kreolischer Revolutionsführung und Bevölkerungsmasse erklärt sich einerseits die vor allem während der ersten Phase der Revolution (1810—1814/15) verbreitete Indifferenz, von den Historikern meist etwas vorschnell als „Unreife" klassifiziert; andrerseits bildete der genannte Dualismus für die spanischen Kolonialbehörden den idealen Ansatzpunkt, um Teile des Volkes für die Sache des „guten Königs" zu mobilisieren. Die Kehrseite der äußeren Front des Kampfes um nationale Unabhängigkeit war nach innen der Bürgerkrieg. Auf die Dauer vermochte sich die Volksbewegung weder aus kreolischnationaler noch prospanischer Kuratel zu lösen und als eigenständiges Element der Revolution zu wirken. Die objektiv gegebene Konstellation der Kräfte zwang selbst die radikalsten Exponenten (von den Vorläufern seit Túpac Amaru 8 1 bis Hidalgo und Morelos 82 ), die Kreolen selbst um den Preis sozialer Kompromisse für die „Einheit gegen die Europäer" zu gewinnen zu suchen. Auch und gerade unter den Bedingungen des zeitweiligen Bündnisses mit der Volksbewegung verlor die Mehrheit der kreolischen Revolutionspartei nicht das Trauma einer „Jakobinisierung". Es bedurfte dazu kaum der Mahnungen von jenseits der Barrikade. Nach erfolgreicher Aktion gegen die Bauernarmee Hidalgos gab der verantwortliche Generalkommandant seinem Bericht den beziehungsreichen Titel: „Prisión del Cura Hidalgo con toda su Planta mayor de sus Sansculots. . ,"83, und Metternich beschwor Pedro I. von Brasilien: „Ne jacobinisez pos!" 8 4 Daß über die durchaus akzeptablen Prinzipien von 1789 und 1791 hinaus jakobinische Gedanken Fuß faßten, die „Amerikanische Carmagnole" auf sanculottisch drohte 8 5 und für die Verwegensten — horribile dictu — Robespierre und Marat das Vorbild revolutionären Handelns abgaben, 86 war den gemäßigten Kreolen nur ein Anlaß 80

81 83

84

86

86

Mariátegui (a. a. O., S. 46ff.) für das Beispiel Perus. — Über den Rückgriff auf kolonialspanische Methoden der Indianerpolitik noch unter Bolívar und Paéz vgl. J. Friede, La legislación indígena en la Gran Colomba, in: Bol. de Historia y Antegüedades, Bd 36, Bogota 1946, S. 286 ff. 82 Lewin, a. a. O., S. 402 ff. Al'perovié, a. a. O., S. 69. Bericht vom 9. Juni 1811, enthalten in: „Causa Criminal. . . contra Don Miguel Hidalgo y Costilla" (Manuscripts Department, Lilly Library, Indiana University, Bloomington, Indiana: Latin American Mss. — México, fol. 100—109.) Aus dem Bericht des brasilianischen Bevollmächtigten Teiles da Silva an Außenminister Carvalho e Mello, in: Archivo Diplomático da Independencia, Bd. 4, Rio de Janeiro 1922, S. 108. P. Grases, La conspiración de Gual y España y el ideario de la Independencia, Caracas 1949, S. 188. M. Kossok, Robespierre vue par les artisans de l'Indépendance de l'Amérique espagnole, in: Actes du colloque Robespierre, Paris 1967, S. 157ff.

15*

228

MANFRED KOSSOK

mehr, die Grenzpfähle gegen eine soziale Revolution weiter vorzurücken. In dem Maße wie die Emanzipation sich institutionalisierte, nahm sie von den „französischen Ideen" Abstand, um sich statt dessen den „amerikanischen" zu nähern, denn die Revolution von 1775/83 hatte im Namen der Freiheit sogar die Privilegien der Pflanzeraristokratie voll sanktioniert. 87 Für den kreolischen Latifundisten, Bergwerksbesitzer, Kaufmann oder arrivierten Advokaten blieben „Jakobinismus" und „Sansculottismus" keine theoretischen Größen, sie materialisierten sich geographisch bedrohlich nahe im Black Power der Negerrevolution auf Haiti. 88 Von nun an ging ein Gespenst um in Amerika, das Gespenst der „Pardokratie". Miranda wollte eher die spanische Herrschaft weiter ertragen, als „die Anarchie und das revolutionäre System" Santo Domingos übergreifen zu lassen. 89 Noch 1813 zeigte sich Bolívar, der wiederholt von „Pardocracia" sprach, erschüttert, daß Kreolen höchsten Ranges, die auf Seiten Spaniens standen, mit den „gemeinsten Leuten" fraternisierten. 90 Die Revolution ließ Bolívar bald umdenken und ungeachtet konservativen Widerstandes im eigenen Lager Maßnahmen zur Sklavenbefreiung und (dies schon begrenzter!) Landverteilung einleiten. 91 Begriffe wie „jakobinisch", „Jakobiner" oder „Jakobinismus" finden zwar gelegentlich bei den Historikern Verwendung, um spezifische radikale Aspekte, Persönlichkeiten oder Tendenzen zu umschreiben. Im strengen Sinne der Definition ist der Jakobinerbegriff 92 aber weder auf Lateinamerika — Haiti ausgenommen 93 — noch auf Spanien oder gar Portugal anwendbar. Linke Strömungen, deren Existenz außer Frage steht, mit dem Etikett „jakobinisch" zu versehen, führt zu ahistorischem Vergleich. Ein mehr intellektueller Bezug auf den Jakobinismus — in Latein87

88

89

90

91

82 ,3

„ L a Révolution américaine. . . avait présentée un visage rassurant, car elle avait été menée par des riches planteurs possesseurs d'esclaves, qui n'ont nullement songé ä les affranchir." (Defourneaux, a. a. O., S. 455). Die Befürchtungen, daß die Revolution Haitis auf den Kontinent übergreifen könnte, gewannen — zumindest für Venezuela — seit der Erhebung der Negersklaven von Coro (1795) an Boden. (F. Brito Figueroa, Las insurrecciones de los esclavos negros en la sociedad colonial venezolana, Caracas, 1961, S. 59ff. — J. Tisnes, a. a. O., S. 237ff.) Miranda an Turnbull, v. 12. 1. 1788, in: Archivo del General Miranda, 1750—1810, Bd. 15, Caracas 1927ff., S. 207. J. Bosch, Bolívar y la guerra social, Buenos Aires 1966, S. 112 (zit. in: J. A. Ramos, Historia de la Nación Latinoamericana, Buenos Aires 1968, S. 153). Die seit 1816 erlassenen Dekrete fanden ihre Systematisierung in der vom Kongreß von Angostura 1821 erlassenen Verfassung (Rulz Rivas, a. a. O., Bd. II, S. 109ff.). — Zum Problem der Änderung von Besitzverhältnissen ausführlich F. Brito Figueroa, Historia Económica y Social de Venezuela, Bd. II, Caracas 1966, S. 192ff. — Zur Sklavenfrage in der Emanzipation am Beispiel Groß-Kolumbiens vgl. J. V. Lombardi, Los esclavos en la legislación republicana de Venezuela, in: Boletín Histórico, Caracas, Nr. 13, J a n . 1967, S. 43 ff. Vgl. dazu W. Markov, Die Jakobinerfrage heute, Oulu 1967. C. L. R. James, The Black Jacobins. Toussaint L'Ouverture and the San Domingo Revolution, New York/Toronto 2 1963.

Der iberische Revolutionszyklus 1789—1830

229

amerika durch Moreno94 repräsentiert —, publizistischer Rückgriff auf die Generation von 179395 oder äußere Gemeinsamkeiten der revolutionären Gesellschaften in Spanien und Spanisch-Amerika mit dem Jakobinerklub besagen nicht das geringste über Existenz und Wirkung einer eigenständigen, am französischen Jakobinismus meß- und vergleichbaren Revolutionskomponente. Marx sah im Jakobinismus die „plebejische Manier mit den Feinden der Bourgeoisie, dem Absolutismus, dem Feudalismus und dem Spießbürgertum fertig zu werden." 96 Jakobiner werden erst dort zu Jakobinern, wo sich bäuerliche und städtische Volksbewegung miteinander treffen und unter der Führung des kleinbürgerlichradikalen, meist intellektuellen Klassenelements den Tiefgang der Revolution bestimmen. Im iberischen Amerika gewann keine der drei Triebkräfte die erforderliche Konsistenz; eine potentielle Möglichkeit in Spanien 97 wurde — vielleicht — 1823 durch die französische Intervention zunichte gemacht. Markov schreibt: „Sicherlich überragte die Radikalität der Jakobiner den Pegelstand eines typisch bürgerlichen Establishment beträchtlich." 98 Die Anwendung dieses Kriteriums für unseren Vergleich besagt, daß der iberische Revolutionszyklus von 1789—1830 unter Voraussetzungen ablief, die schon einem vollen Erreichen, geschweige denn Überschreiten des normalen bürgerlichen Revolutionspegels unüberbrückbare Hindernisse entgegensetzten. So wird verständlich, daß und warum die Unabhängigkeitsbewegung Lateinamerika an zwei ihrer Achsenstellen — nämlich in Mexiko und Brasilien — sogar in die Enge einer konservativen Revolution zurücktrat. Mexikos Unabhängigkeitserklärung von 1821 stellte aus kreolischer Sicht auf doppelte Weise eine Flucht nach vorn dar: Um den Preis der Unabhängigkeit galt es, ein Übergreifen der Revolution Spaniens von 1820 und eine Neuauflage der durch Hidalgo und Morelos ausgelösten „großen Furcht" der Jahre 1810/13 zu verhindern. Konnte die Emanzipation Mexikos desungeachtet das „Stigma" einstiger Massenaktion nicht verleugnen, so trug Brasiliens Unabhängigkeit im Zeichen einer historisch einmaligen Umkehrung im Verhältnis von Metropole und Kolonie am ausgeprägtesten die Merk94

95

94 97

98

V o m Material her noch immer tonangebend R. Leverns, E n s a y o Histórico sobre la Revolución de Mayo y Mariano Moreno, 3 B d e . , Buenos Aires 1949 3 . — Neuere Interpretationsversuche haben die Polemik u m Moreno und den „ M o r e n i s m o " wieder angefacht. Vgl. die Arbeiten von E. Ruiz/Guinazú (1952), B. Lewin (1961), F. Ibarguren (1963), E. M. Wait (1965). Sowohl in S p a n i e n als auch Spanisch-Amerika tauchten gelegentlich Periódica mit d e m Titel „ R o b e s p i e r r e " auf. (Belaunde, a. a. O., S. 56. — M. Meriendes: y Pelayo, Historia de los heterodoxos españoles, B d . 7, Buenos Aires 1945, S. 52, nennt für die erste spanische Revolution den von einer F r a u herausgegebenen „ R o b e s p i e r r e E s p a ñ o l " ) . — Pauschale Verweise auf „ R o u s s e a u ' s c h e Egalitäre, einheimische Robespierres u n d M a r a t s " erfassen schwerlich die tatsächliche L a g e (V. Chacón, Historia des ideias socialistas no Brasil, Rio de J a n e i r o 1965, S. 13, zit. i n : Ramos, a. a. O., S. 257).

Marx, Die Bourgeoisie und die Konterrevolution, a. a. O., S. 107. D a s betrifft vornehmlich die potentiellen Möglichkeiten der „ C o m u n e r o s " . ( M a i s k i , a. a. O., S. 111 ff.) Markov, J a k o b i n e r f r a g e , S. 14.

230

MANFRED KOSSOK

male der „Revolution von oben", 99 deren alleinige Konsequenz die Änderung des politischen Status war. Mit diesem Akt, der den portugiesischen Liberalen von 1820 drastisch die Unvereinbarkeit von Revolution und Reconquista vor Augen führte, verpufften zugleich die Energien der republikanischen Bewegung in Brasilien selbst. . , 100 Bolívar sagte von seiner Generation: „ D a s Schicksal erspart uns die furchtbare Notwendigkeit, Männer des Schreckens zu sein." 1 0 1 Erkannte er den Zusammenhang mit seinen später aus zerronnener Hoffnung geschöpften Worten: „Wir haben ein Meer gepflügt!", 1 0 2 jenem Ausspruch, den Historiker ebensooft wie unbegründet als Rechtfertigung ihrer Zweifel an der trotz allem unverlierbaren Größe der Revolution nutzten? 99

100

101

102

C. H. Haring, The Uniqueness of Brasil, in: History of Latin American Civilization, S. 50 ff. — Prado, J., a. a. O., S. 51 ff. — A Documentary History of Brazil. Hrsg. v. E. Bradford Burns, New York 1966, S. 198ff. Österreichs Geschäftsträger Neven berichtete unter dem Eindruck der republikanischen Erhebung Pernambucos, daß Brasilien der Revolution entgegentreibe, wenn die Krone nicht durch eine Aktion die Lage noch wende. (Neven an Metternich, Bericht Nr. 18, B, vom 30. 8. 1817, in: Haus-, Hof- und Staatsarchiv Wien, Staatenabt., Brasilien. Korrespondenz 1817. Fasz. 3, fol. 38ff.) Cartas del Libertador. Hrsg. v. V. Lecuña, Bd. 2, Caracas 1929, S. 208. — G. Masur, a. a. O., S. 416. G. Masur, Simón Bolívar und die Befreiung Südamerikas, Konstanz 1949, S. 627.

GEORGE RUDÉ,

ADELAIDE

Why was there no Revolution in England in 1830 or 1848? In the 1830s and 1840s, England, like her Continental neighbours, suffered a series of social and political crises, and, at various times, contemporaries believed that she, like them, was heading for a revolution. In the middle of the Reform Bill crisis in the early 1830s, Charles Greville, the memorialist, reported that his friends in the Athenaeum Club were "convinced t h a t a revolution in this country was inevitable". 1 In 1845, Engels made his well-known prophesy of a pending revolution; 2 and, writing later of this period, Charles Kingsley, the novelist, recorded t h a t "young men believed (and not so wrongly) that the masses were their natural enemies, and t h a t they might have to fight, any year or any day, for the safety of their property and the honour of their sisters". 3 And every High School History textbook tells of the extraordinary siege-like measures adopted by Lord John Russell and his colleagues to disperse the great Chartist meeting on Kennington Oval in April 1848. 4 Historians, looking back on these events, have been inclined, and probably with justice, to attribute greater revolutionary potentialities to the events of 1830—32 than to those of the 1840s, even of the last great Chartist challenge of 1848. Professor Rostow selected these years to mark the high-point of his "social tension c h a r t " of 1790 to 1850; G. M. Young, the chronicler of Victorian England, wrote of them as being of " a sustained intensity of excitement unknown since 1 6 4 1 " ; G. M. Trevelyan believed that it was only the passage of the Reform Bill t h a t saved " t h e cultivated upper classes" from "violent revolution"; and, even more emphatically, Cole and Postgate claimed t h a t "never since 1688 had Great Britain been so near actual revolution as in 1831; never in all the troubles of the next two decades would she come so near to it again". 6 1

2 3 4 8

Quoted by W. H. Maehl (ed.), The Reform Bill of 1832, Why not Revolution? (European Problem Studies, New York, 1967, p. 1). F. Engels, The Condition of the Working Class in England (London, 1920). Quoted by F. C. Mather, Public Order inthe Age of the Chartists (Manchester, 1959), p. 1. Ibid., p. 163. W. W. Rostow, British Economy of the Nineteenth Century (Oxford, 1948), p. 124; G. M. Young, Victorian England, Portrait of an Age (London, 1961), p. 27; (for Trevelyan) Maehl, op. cit., p. 2; G. D. H. Cole and R. Postgate, The Common People 1746—1938 (London, 1945), p. 248.

232

GEORGE

RUDÉ

What was there, then, so remarkable about these years? Have the retrospective judgments of historians been justified? And why, in spite of all that happened, were the prophesies of contemporaries not realized? First, let us consider the critical situation that unfolded between 1830 and 1832. At the centre of the crisis lay the battle over the Reform Bill, first presented to Parliament by Lord Grey's Whig Ministry in March 1831. Yet the reform of Parliament, though the most explosive and the most important, was only one of several issues that divided Britain at this time. Broadly speaking, they all had a common origin in the social transformation, uprooting and upheaval that had been taking place in Britain since the American war of the 1770s and 1780s, and more particularly since the end of the wars with France in 1815. The Industrial Revolution, whatever its ultimate benefits, had left a trail of grievances and nostalgic yearnings. For some, the French wars brought a temporary reprieve: farmers and handloom weavers, for example, knew prosperity and even the village labourers' wages were protected. But, with the end of the war, the bubble burst: corn prices fell, land went out of cultivation, farmers' profits shrank, labourers were thrown on poor relief; even the landlords, temporarily at least, shared in the general agricultural crisis. The village became the battle-ground of conflicting interests in which the farmer, ranged against the landlord over rent and the parson over tithe, took it out on the labourer by reducing his wages or turning him over to the overseer. In the manufacturing districts, the wages of domestic and handloom workers, which had been buttressed by the war, entered on a new and disastrous downward spiral, while factory workers' wages were depressed by the progressive reduction of piece rates and the massive influx of Irish poor. Even the manufacturer saw his prospects of a rosy future blighted by Corn Laws, trade restrictions, the squalor, ill-health and misgovernment of the boroughs and expanding cities, and the obstructions of the old unreformed and landlorddominated Parliament at Westminster. So he took to Free Trade and Radical Reform. Meanwhile, across St. George's Channel, the land-hunger of the Irish peasant and the broken promises of the Act of Union of 1801 had sown the seeds of a new rebellion. And to these longer-term grievances and tension we must add two more immediate "precipitating" factors. One was the high price of corn: for twenty-one consecutive months from J a n u a r y 1830, the quarter of wheat in the London Corn Exchange never fell below 70s. (Its average over the prebious seventeen years had been 59s.) The other was the outbreak of revolution in France and Belgium in the summer of 1830, which, even if its influence may have been exaggerated, brought new colourful banners and slogans to Irish rebels and English reformers. So, by the end of 1830, there were four distinctive movements in being, which, though they ran separate and largely independent courses, had an accumulated effect that caused the Government considerable concern. First, there was the massive outbreak of the English agricultural labourers, described by the Hammonds as the " l a s t peasants' revolt", 6 whose origins went 8

J . L. & B. Hammond, The Village Labourer (London, 1911).

Revolution in England in 1830 or 1848?

233

back to the depression and rural distress which followed the Napoleonic wars. The labourer, as the principal victim in the three-cornered struggle between farmer, squire and parson, had his wage reduced and his allowance cut when he was thrown on the parish. It was not so much (as both contemporaries and historians have argued) that the labourer resented the degradation of being paid from the rates. If the parish had paid him a living wage, he might have cheerfully stomached the insult. But it had become customary to stand him down in the winter months and leave him to subsist on a reduced allowance. Moreover, theshing machines had recently been introduced to displace his labour in districts where they had not been used before — notably, in 1830, around Canterbury in Kent. So the movement started in Kent, a county of relatively high wages, in the summer of 1830; it took various forms: arson, threatening letters, wages riots and a general assault on threshing machines. From Kent it spread westwards into Sussex, Hampshire, Wiltshire, Gloucester, Worcester and Somerset and reached into Devon and Cornwall. A second wave began in Berkshire and travelled east and north into Oxforshire, Buckingham and Northampton; and a third wave, starting in Norfolk, travelled south through Suffolk and Essex, and from there north through Cambridge and Lincoln, touching the Yorkshire Ridings and leaving its mark as far north as Carlisle. It was virtually all over by December 1830; but there were new outbreaks in Kent and Norfolk in 1831, and there was a last isolated incident of threshingmachine breaking in a Cambridgeshire village in September 1832. Meanwhile, the movement had left a heavy toll of repression: nineteen men had been hanged, 644 had been jailed and 481 (including two women) had been sent in irons to New South Wales and Tasmania. 7 Secondly, there were the industrial movements in the manufacturing districts and coalfields, variously composed of factory workers, miners, handloom weavers, and skilled craftsmen like the nail makers of Birmingham. The handloom weavers had, like the nailmakers, been chronically depressed since the end of the wars; 8 while the factory workers were suffering from the recent general trade recession and unemployment of 1829—30. In addition to their economic hardhips, they had been touched by the political Reform arguments of the Radicals and the new socialist and cooperative ideas of Robert Owen. Many factory workers, in particular the spinners around Manchester and Blackburn, had joined John Doherty's National Association for the Protection of the Working Classes, which, by 1831, claimed 100,000 members and, by this time, also included Yorkshire powerloom weavers, Midlands hosiery and lace workers, Staffordshire potters and miners from the Yorkshire, Lancashire, Midlands and Welsh coalfields. The spinners were less violent in their activities than the miners, weavers and hosiery workers, who were more

7

8

For a fuller account, see E. J. Hobsbawm and G. Rude, „Captain Swing", shortly to be published by Lawrence & Wishart in London. For Birmingham during this period, see A. Briggs, „Thomas Attwood and the Economic Background of the Birmingham Political Union", Cambridge Historical Journal, I X (2), 1948, pp. 1 9 0 - 2 1 6 .

234

GBOBGE

RUDI

inclined to turn strikes into attacks on machinery. But, owing to the spinners' militancy and their higher degree of organisation and political attachment, it was their strikes and meetings that caused the Government the greatest concern and, in the summer of 1830, troops were sent as a first priority into the Manchester factory area and Doherty's public meetings were the subject of alarmed reports to the Home Office. And when Henry Hunt, the Radical leader, was elected to Parliament at Preston in December, a correspondent wrote that "the town was filled with some hundreds of the very lowest dregs of the factories", carrying tricolour flags and banners inscribed "Bread or Blood" and „Liberty or Death". 9 The third ingredient was provided by the Irish who, in the autumn of 1830, goaded by hunger, economic hardship and political frustration, broke into open rebellion. In September, Daniel O'Connell, the nationalist leader, launched a campaign to dissolve the Union with Britain, and toasts were drunk in Dublin to "the cause of the Belgians [who had recently rebelled against the Dutch], and may others [it was added] imitate their bright example'." There were food riots in Limerick and Roscommon, and the land-hunger and tithe-war in the south and west were, in the winter of 1831, attended by the nightly assaults and depredations of Whiteboys, Ribbonmen and the elusive followers of "Captain Rock". Once more, as with the English labourers, the outbreak was followed by another massive wave of transportation to Australia. 10 The fourth ingredient was, of course, the English movement for parliamentary Reform and the bitter hostility this encountered among the old landed aristocracy and propertied classes. The movement had a long history, having been successively nourished by eighteenth-century London Radicalism, the agitation of Wilkes and the Yorkshire freeholders, and a succession of Radical writers and agitators from Cartwright and Paine to Cobbett and Francis Place. Its most constant theme had been the need for a reform of Parliament — wheter by more frequent elections, an extension of the suffrage, the abolition of sinecures and "pocket" boroughs, or the secret ballot; though it had also concerned itself with demands for lower taxes, reduced tithes and pensions, cuts in government expenditure, and an end to "Old Corruption" and to the privileges of city corporations. The issues were to become more closely defined with the return of Lord Grey's Whig Ministry, pledged to reform, in November 1830 and by the presentation to Parliament, after intensive negotiations within Cabinet, of the first draft of the First Reform Bill in March 1831; the Bill included the provisions that the vote be given to the £ 10 householder in the boroughs and that a large number of "rotten" and "pocket" boroughs should be disfranchised. But even before that, the Reform movement had received a fresh stimulus from the Paris revolution of July 1830; 9

10

For details see G. Rud6, " E n g l i s h Rural and Urban Disturbances on the E v e of the First R e f o r m Bill, 1830—1831", Past and Present, J u l y 1967, pp. 87—102 (esp. pp. 91 bis 94). Gentleman's Magazine, vols. C and CI (1830—31), passim.

Revolution in E n g l a n d in 1830 or 1848?

235

and, in August, enthusiastic meetings were being held to toast the French in every great city in the Kingdom. 11 At this time, the main centres of the Radical and Reform movement were Birmingham and London. Birmingham held pride of place, as it was here that the first Political Union, the parent of the most influential of the Reform associations that sprang up on the eve of the Reform Bill, was founded in December 1829; its founder, Thomas Attwood, the banker and currency reformer, was considered by Francis Place to be "the most influential man in England". 1 2 Unions spread to other cities, and Home Office reports note their appearance at Worcester, Kidderminster, Evesham, Blackburn, Carlisle, Manchester, Aylesbury and High Wycombe before the end of 1830. The Unions were designed to unite the middle and lower classes in combined action for parliamentary reform. This was, in fact, easier to realise in some cities than in others. At Birmingham, owing to the continued prevalence of the small workshop and to the common experience of a trade depression, there was considerable cooperation between the classes. At Bristol, the Reform movement was supported by the craft unions. In country towns, the workers' role tended to be nominal rather than real. In large manufacturing towns like Manchester and Leeds, the division between capital and labour had already reached a point where any form of durable cooperation was almost impossible to achieve. 13 In London, too, organisation tended to divide on the basis of class; and London became the centre of the more extreme, or working-class, Radicalism. The National Union of the Working Classes, which made a class appeal that the Political Unions lacked, had its headquarters at the Rotunda in Blackfriars Road; and here hundreds (or even thousands) came weekly to listen to the popular Radical orators of the day: Henry Hunt, William Cobbett and Richard Carlile. Tricolour flags were borne; and, in November, such tension was aroused by a proposed visit to the City of the Duke of Wellington, who was escorting the King to the Lord Mayor's Banquet, that the royal visit had to be cancelled. 14 London Radicalism radiated outwards into Kent, Sussex and the West. Maidstone was said to be "infested with radicals", and Rye had been the scene of violent anti-Tory disturbances in April and May. Cobbett lectured at Maidstone and Battle at the height of the rural riots in October; and, in November, a former " n e w " policeman was arrested at Battle, charged with wearing a cap with tricoloured ribbons and with saying that "if they were of his mind, there would be a revolution here". Horsham, in Sussex, was another "hot-bed of sedition". Radical handbills 11

12 13

14

Gent's Mag., C (2), p. 171. See also N. Gash, " E n g l i s h R e f o r m a n d French Revolution in the General Election of 1 8 3 0 " , in Essays presented to Sir Lewis Namier, ed. R . Pares a n d A . J . P. Taylor (London, 1956), pp. 258—288. A. Briggs, op. cit., p. 190. Public Record Office, H o m e Office 52/8, 52/11, 52/12, 52/13; A. Briggs, " T h e B a c k ground of the P a r l i a m e n t a r y R e f o r m Movement in Three English Cities (1830—32)", Camb. Hist. Journ., X (3), 1952, p p . 293—317. Gent's Mag., C (2), pp. 5 5 9 — 6 0 ; E . Halevy, The Triumph of Reform 1830—1841, (London, 1950), pp. 11—12, 44—45.

236

G E O R G E RTJDÉ

had been distributed there before the labourers entered the town in November, and a public meeting to demand Reform and a lowering of tithes and taxes was billed to take place there a few days later. 15 The Wellington Ministry resigned in November 1830; the elections that followed were attended, in various towns, by clashes between Tories and reformers. Soon after, the Reform Bill was drafted, and congratulatory messages came in fronl county meetings all over the country. But after a successful second reading in the Commons, the Bill was defeated in committee, and Parliament was dissolved at the end of April. The general election was accompanied by another round of riots: incidents were reported from Wigan, Boston, Banbury, Rye, Horsham and Whitehaven, in Cumberland. At Boston, the tricolour was unfurled, and the mayor of Rye wrote of "scenes of revolutionary terror". 1 6 But far worse was to come when the Lords rejected Grey's second Bill on 8 October. That evening riots broke out at Derby, and at Nottingham two days later. At Derby, the City gaol was attacked and prisoners were released; rioters marching on the County gaol were shot down by troops; several were killed and wounded; but there were no arrests even after the promise of a pardon and rewards of £ 5 0 and £100. At Nottingham, following a Reform meeting in the Market Square, the Castle, the property of the Duke of Newcastle, was burned down and Colwick Hall (the seat of John Musters) was broken into, ransacked and fired. On the second day, William Lowe's silk mill at Beeston was demolished, Lord Middleton's estate of Woollaton Park was attacked, and the mayor ordered victuallers and publicans to close their doors and imposed a general curfew. Seventy one persons, including lace-workers and framework knitters, were committed, of whom twenty-four were brought to trial, nine of them being sentenced to death. 17 One of the prisoners, Thomas Smith, a framesmith, who owned his shop in Prospect Place, at Radford, gave the court an eyewitness account of what took place: " I was at work [he said] at that shop last Monday but one (the day the meeting was held in Nottingham Market) from 7 o'clock till between 10 and 1/2 past in the morning. Some papers came round on Sunday with Bills for all people to go to the meeting, I did not see one, but I heard talk of them & somebody told me what was in them, and it was agreed for all the people at Prospect Place to go to the meeting and take a flag with them. It was a white lace flag trimmed with black crape and with black bunches. . . there was a flag in the Mob with the words "The Bill and no Lords" on it . . . I left Prospect Place on the Monday morning a little before 11 to come to the Meeting and the whole inhabitants of Procepct Place came along with me. The flag was with us. We came direct to the Market Place and then we stood and heard what the speakers said. I stopped till the Meeting was over, and then I went home and got my dinner and went to work at my own shop. . . I went 15 16

17

P. R . O., T r e a s u r y Solicitor's Papers, 11/4051. The Times, 29 Nov. 1830; Gent's Mag., CI (1), pp. 179, 362; H. O. 52/8, 9, 14, 15. Gent's Mag., CI (2), p. 363; H. O. 52/12, 1 5 ; Treas. Sol. Papers, 11/1116/5736.

12,

Revolution in England in 1830 or 1848 ?

237

to work between 1 and 2 and worked till a little after 5. Several of the Prospect Place people had then got together about having had their flag taken from them, and I went to them; they stood out of doors. I stopped about quarter of an hour with them and then went to Mr. Bird's at Prospect Place and stopped there about 5 or 10 minutes . . . From there I went to the Tom and Jerry public house, the sign of the Pheasant, at Prospect Place and got half a pint of ale. . . As I came out of there I met with 4 men . . . and they told me the Mob had pulled a Mill down in the Forest and the soldiers had been there; and they said they were going to see and asked if I would go with them. I agreed to go and we all 5 of us went to the Forest. . . . It was then about 6 o'clock. We all came away together to go and look at the windows the Mob had broken. . . and then we went into the Plough and Harrow. . . and drank 1/2 a pint of ale each. . . and then we came out and went down Clumber Street, and just as we got to the bottom of Clumber Street we saw a man come upon the full gallop to the Police Office for the soldiers, and the people said Colwick Hall was on fire and the Mob was pulling it down. And then we three walked up and down the streets for some time and then we all went into Clarke's at the Bell. . . . We had drank 2 pints and were on with the third when the news came in that the Castle was on fire. We immediately drunk up our ale and went to look at it. . . . We were about 50 or 60 yards from the place where the wall was pulled down to get in the Castle y a r d ; we were never nearer than that. . . . We were there about 1/2 an hour and then we all 3 went home together. . . . It was about half past 9 when we got home. . . . I went in and went to bed and never was out till about 7 the next morning; nobody was in my house with me but my wife and four small children. . . . When I got up on the next morning Tuesday I went to work about 7 o'clock and worked till near 9 o'clock, and then I went to my breakfast. . . and then back to my shop and worked till nearly one. . . I got my dinner and then started to come up to New Radford. . . . As soon as I got into the close against Old Radford Church I saw a fir-colored flag on Mr. Foot's factory. . . and met a man named Joseph Bostock. . . Bostock said to me Beester Mill is on fire; would I go and look at it? . . . I saw the smoke and then I and Bostock started to go; and when I got to Mr. George Harrison, the miller of Radford, I saw him with his uncle in the yard and Mr. Harrison gave me a paper. . . and told me he wanted me to show the Mob that paper as he understood they meant to pay him a visit; the paper was to say that Mr. Harrison did not sign the anti-Reform Petition. . . . We went down to Lenton on the road Beeston Mill. When we got to Lenton the Mob was there. I then went on the bridge against Lord Middleton's Lodge and I read Mr. Harrison's paper there; and then went on again towards Beeston. . . . I read the paper again. . . and when I got near to Lord Middleton's gates at Beeston Lane End, I saw a cavalry man that I knew. . . and then I went on to the said gates. . . and then I went on in company with Bostock to Beeston Mill to look at it and stopped looking at it with him about a quarter of an hour or more, and then came away and as I was coming away with Bostock I met 3 men. . . and they asked me if I would go back with them to look at the Mill, and I agreed to go back with them and left Bostock. . . . After we had looked at the Mill we went and had some ale and tobacco at the Dog in Beeston and then we came home; but I

238

GEORGE RUDE

went to Mr. Harrison's and got some beef and ale, and then went home and went to bed. 18 Other disturbances followed. At Chatham, in Kent, 4,000 people attended a Reform meeting on 12 October; at Coventry, handbills were given out attacking the Bishops, who had shown themselves the most bitter enemies of Reform; there were minor skirmishes at Leicester and Loughborough and more considerable riots at Tiverton and Yeovil, in Somerset, and Blanford and Sherborne, in Dorset. 19 But by far the biggest outbreak came at Bristol on 29 October. Rioters held the streets for three days and did almost as much damage as the Gordon rioters in London fifty years before. Converging on Queen Square in the centre of the town, they demolished the Mansion House, Lawford's Gate, the Bishop's Palace, Canons' Marsh, the Customs House, the Excise House, and toll-houses all over the city; they broke into the Bridewell, the Gloucester County Prison and New Gaol and released prisoners; and destroyed forty-two offices, warehouses and dwellings. A dozen rioters were killed, nearly 100 were wounded, and 180 persons were committed to prison, fifty on capital charges. Of 129 prisoners brought to trial, 4 were hanged, 37 were jailed and 54 were transported to Australia. 20 It was the last great urban riot in British history. Bristol was followed by something of an anti-climax. There was an attempt made at Bath to stop the Yeomanry from going to Bristol; crowds assembled at Worcester; there were rumours or fears of riots at Wells and Chard, at Bognor, Salisbury, Exeter, Chelmsford and Blackburn; but they came to nothing. The Political Unions of Bridgewater and Chard appealed for peace and quiet and a "respect for private property". Even the National Union of the Working Classes agreed (though reluctantly) to call off a mass rally planned to take place in London on 7 November. 21 Yet it needed another six months of party negotiations, parliamentary "lobbying" and public agitation before William IV, and subsequently the Lords, accepted the Reform Bill and allowed it to become law. What happened in between? At first, after Bristol, there was a lull; but when, after winning another general election, the Whigs were once more defeated in the Lords, Grey resigned in May and the King invited the Duke of Wellington, the bitter old enemy of Reform, to form a Ministry. As Wellington looked round for supporters, the agitation, led by the Political Unions in Birmingham and London, broke out afresh. Bells were rung in churches, protesting petitions poured into Westminster, the King was besieged in his coach, there were calls for a taxpayers strike and a run on the banks ("To stop the Duke, go for Gold!"); in London and Birmingham, there was talk of barricades and pikes; there was a riot in York (but nowhere else) and Francis Place, to underline the gravity of the crisis, wrote to his friend and fellow-conspirator, John Cam Hobhouse: "If the Duke comes into power now, we shall be unable longer to 'hold to 18 19 20

21

T. S. 11/1116/5736. H. O. 52/12, 13, 15. Bristol Mercury, 1 Nov. 1831; H. O. 27/43, 40/28, 52/12; T. S. 11/405/1250. Gent's Mag., CI (2), p. 460; H. O. 52/12, 13, 15.

Revolution in England in 1830 or 1848?

239

the laws' — break them we must, be the consequences whatever they may, we know that all must join us, to save their property, no matter what may be their private opinions. Towns will be barricaded — new municipal arrangements will be formed by the inhabitants, and the first town which is barricaded shuts up all banks." 2 2 Three days later, the opposition to reform collapsed, Wellington gave up the attempt to form a Ministry, and Grey was back in office. The Whig's Bill, with minor amendments, passed through the Commons and, after the King had agreed to coerce the Lords by threatening to create a number of reforming peers, through the Upper House as well. So the compromise solution of the aristocratic Whigs and middle-class Radicals — to enfranchise the £ 10 householder and to disfranchise the more "rotten" of the "rotten" boroughs — became law, and all further opposition by the Bill's opponents, whether by anti-Reform Lords or working-class Radicals, virtually ceased. So there was no revolution in 1832, as there had been none in 1831. But was it because Wellington saw the red light and yielded to the Radicals' threats? Was it for some other reason? Or was the threat a bluff, and was there never any real danger of revolution at all? Some historians — G. M. Trevelyan and J . R. M. Butler in particular — have taken Francis Place and the Philosophical Radicals at their word and have believed, or assumed, that had it not been for Wellington's timely surrender, England would have been plunged into revolution on behalf of Reform. 23 Others have taken a longer view and attributed the Englishman's failure to engage in revolution, not only in 1832 or 1831 but over the whole period from 1815 to 1848, to some particular element in the English way of life, such as practical common sense or the restraining influence of religion. Elie Halévy, for example, has insisted that "the élite of the working class, the hard-working and capable bourgeois, had been imbued by the evangelical movement with a spirit from which the established order had nothing to fear". 2 4 Of course, it is quite impossible to demonstrate to everyone's satisfaction whether such a view is justified or is quite erroneous. All we know for certain is that many people believed, at some point in 1831 or 1832 (as they believed again in the 1840 s), that a revolution was near at hand, and that in fact such a revolution never came about. And to me, at least, the explanations given by Halévy or Trevelyan and Butler for this non-occurrence are superficial and unconvincing. The view that it was Wellington's surrender to the Political Unions that averted a revolution is based on the assumption that there was in England at this time a revolutionary situation and that it needed but a spark to set it off. Equally, the suggestion that England was saved from revolution by the restraining hand of Methodism or 22

23 24

For these events, see Halévy, op. cit., pp. 47— 59; A. Briggs, The Age of Improvement (London, 1959), pp. 242—248; Life and Struggles of William Lovett (2 vols., London, 1920), I, 77—79; G. Wallas, The Life of Francis Place 1771—1854 (London, 1918), pp. 278, 289—323; J . R . M. Butler, The Passing of the Great Reform Bill (London, 1914), pp. 377—426 (esp. pp. 410—11; quoted by Maehl, op. cit., p. 72). Maehl, op. cit., pp. 2, 7 1 - 7 6 . Ibid., p. 87.

240

GEORGE R U D É

Non-Conformity (even if it can be shown that the English were as deeply imbued with the evangelical spirit as Halévy and others have claimed 25 ) attributes to this single factor of religion an altogether exaggerated role. Above all, these historians appear to believe that a revolution can be switched on, or can spontaneously irrupt, almost regardless of the social and political realities of the day. For the important questions that need to be asked are : was there in those years at any time a combination of factors that made for a "revolutionary situation"? Is it conceivable that the various movements that have been described could, either singly or in unison, have provoked a revolutionary explosion? If so, what sort of revolution, and on whose behalf would it have been carried through? It may perhaps be instructive here to draw a comparison between England and France. In France, there was widespread dissatisfaction with the government of Charles X and his Ministers in 1830 and, in July, there took place that convergence of material and political factors that made for a revolutionary situation. The French middle classes — all but the most wealthy and those connected with the aristocracy and the Court — were being progressively robbed of the benefits of the Charter, adopted by Louis X V I I I after Napoleon's abdication, which had guaranteed a large part of the social gains and liberties of 1789. Lands forfeited during the Revolution were being returned to émigré nobles, new privileges were being given to the Church and, as a final provocation, Polignac's Five Ordinances of St. Cloud muzzled the press, dissolved the Chamber and further restricted the already narrowly limited right to vote. So, behind the confusion of contending party interests, the central political issue was clear: to defeat the "feudal reaction" and restore, or to enlarge, the liberties conceded in the Charter. Moreover, the mass of the people — particulary the workers in the towns and in industry — were hungry and discontented; there had been two successive harvest failures, and the price of bread had, in 1829, risen to an unprecedented height. Y e t socialist ideas were in their infancy and played no part in the event, any more than the radical clubs which sprang up in the following months; so the workers, not being strong enough to voice a political programme of their own, enrolled under the banners and slogans of the liberal bourgeoisie. So the shock-troops of rebellion were ready to hand, armed with a clear purpose and with a common cause to fight for. Meanwhile the government, deserted by even its own pensioners and allies, was in a state of crisis. Having sought to temporise under Villêle, it now tried "the heavy hand" under Polignac. Neither course worked, and the army, once it came to a show-down, could no more be relied upon than the bourgeois National Guard which it had disbanded (while leaving them their arms) in 1827. So, in July 1830, France found itself faced with Lenin's four prerequisites for a revolutionary situation: widespread hardship and dissatisfaction, embracing both middle and lower classes ; 25

For views opposed to Halévy's on this point, see E . J . Hobsbawm, Labouring Men (London, 1964), chap. 3 ; K. S. Inglis, Churches and the Working Classes in Victorian England (London, 1963, esp. chap. 1; and (with some reservations) E . P. Thompson, The Making of the English Working Class (London, 1963), chap. 11.

241

Revolution in England in 1830 or 1848?

unwillingness of the people and inability of its rulers to carry on in the old way; and an alternative focus of leadership willing and able to replace to old, to seize power and to create a new system of government. 26 What was the situation in Britain in 1830 to 1832? There was certainly dissatisfaction among the lower classes. We have observed the conflicts in the manufacturing districts and the desperate revolt of the labourers in the southern and Midlands counties. In Ireland, a rebellion was developing in which peasants, urban poor and middle-class nationalists made common cause against alien British rule. In England, there was an economic crisis in 1829—30 and the price of bread, as we have noted, was exceptionally high throughout 1830 and the greater part of 1831. Middle-class and working-class Radicals worked side by side, against aristocrats and Tories, for parliamentary Reform; there was considerable class hostility against the privileges and sinecures of Lords and Bishops; and the Political Unions, in particular, were able, over a period of months, to harness the various discontents in cities and country towns against the common enemy in the Commons and the House of Lords. In some cities, the Unions commanded a large measure of common allegiance ; they had the power to arouse a "great hope" (without which no revolution is possible) : the hope of filling empty bellies and of redressing manifold grievances by a reform of Parliament ; and they had the power to inspire, even if they did not deliberately provoke, great urban riots in the old chartered cities of Nottingham, Derby and Bristol. And so, it is probably no exaggeration to say with Cole and Postgate that England stood nearer to revolution at this time than at any other time since 1688, even nearer than she stood at the height of the Chartist movement in the 1840 s. Yet, even so, it does not appear that, as in France, these explosive ingredients were sufficient to make for a revolutionary situation. It is always easy to be wise after the event; but the missing ingredients should be evident to any serious student of revolutions. Perhaps the workers on the farms and in the factories and towns were united enough and angry enough (the "restraining hand" of Methodism notwithstanding!) to have made a revolution if they had been called upon to do so and if the political crisis of October 1831 or May 1832 had been even more acute. Yet it is doubtful, as (if we except the Reform movement) the protest movements of 1830—31 ran separate courses, were conducted for different ends, were engaged in by different sorts of people, and were separated in both time and place. There was, it is true, a certain overlap between the activities of the rebellious country labourers, the striking handloom weavers and the rioting townsmen; but these were marginal, as was the impact of political ideas on the labourers and weavers. 27 And the Irish rebellion, for 26

M. Girard, " E t u d e comparée des mouvements révolutionnaires en France en 1830, 1848 et 1 8 7 0 — 7 1 " (Les Cours de Sorbonne, Paris, n. d.), esp. pp. 48 — 59, 69, 71 — 72; D. H. Pinkney, "The Crowd in the French Revolution of 1830", American Historical Review, Oct. 1964, pp. 1—17. See also S. Charléty, La Restauration (1815—1830) (vol. IV of. E . Lavisse éd., Histoire de France contemporaine depuis la Révolution jusqu'à la paix de 1919, Paris 1921), pp. 3 2 9 - 3 9 3 .

27

See G. Rudé, "English Rural and Urban Disturbances . . . 1 8 3 0 — 1 8 3 1 " , Present, July 1967, pp. 100—101.

16

Studien

Past

and

242

GEORDE R U D E

all its intensity and violence, found little echo in England and could be safely swept, after a moment's consternation at Westminster, under the political mat. Even more important, the English middle classes were in no such situation as the French: for them the basic "principles of 1789" had been fought for, and largely won, in earlier battles. They were, it is true, concerned about parliamentary representation and the government of towns; they were opposed to landlords and clergy over rents and tithes; they had become converted to Free Trade; they resented the privileges and pretensions of Lords and Bishops. In brief, they wanted the vote, more efficient and cheaper government, and a reduction in tithes, rents and taxes. But they wanted reform for themselves and not for the urban and industrial workers; and, with few exceptions, they gave little support to the more extreme Badical demand for Manhood Suffrage. Nor were they willing to press their own demands to the point of summoning the "lower orders", like their counterparts in France, to man the barricades and overthrow the existing rulers; and they were all the more loth to do this as the English workers had already begun (as the French would do at Lyons in 1831) to form their own industrial and political organisations to promote their own particular claims. If this analysis is correct, the outbreak at Bristol may be seen as a danger signal not only to the aristocratic opponents of Reform but to the middle-class Radicals and reformers as well. It is certainly a remarkable fact that, during the six months separating the Bristol riots from the ultimate crisis in May 1832, there was no further significant disturbance (except the single incident at York), no further public agitation in the streets. If Francis Place and his friends had seriously intended to prepare for a revolution, would they so ostentatiously have cold-shouldered the National Union of the Working Classes in London, discouraged public demonstrations, and privately expressed their fears of what a "revolution" might bring in its train? 28 In fact they appear to have quite deliberately accepted a compromise Reform Bill rather than attempt to drive a harder bargain with the active support of the urban workers. Moreover, there was at no time a real crisis of government or of ruling circles as there was in France. The Irish troubles, like the labourers' revolt, took place far from the seat of government and caused hardly a ripple of political excitement at Westminster. The industrial strikes and the October city riots caused the authorities considerable alarm, but they were easily settled with the deployment of a few companies of troops; and, these, unlike the army in France, remained steadfastly loyal. Even in May 1832, when the country was for a few days without an officially sworn Ministry as Wellington cast around for supporters, there was no real crisis of authority, no desertion of the ranks among the governors ; 29 and there is little doubt that the old rulers could, with minor adjustments in personnel, continue to govern "in the old way". This is not to say that the Beform Bill was of no importance, but 28 29

G. Wallas, op. cit., pp. 279—323. See E . L . W o o d w a r d , The Age bis 83.

of

Reform

1915-1870

(London,

1941),

pp.

82

Revolution in England in 1830 or 1848?

243

it was a compromise solution which, by giving the middle classes the vote and the prospect of an eventual share in government, at most speeded the pace of normal constitutional development. In short, there was no revolution in 1832 not so much because the Tories or the Lords surrendered to the threats of whigs or Radicals, as because nobody of importance wanted one and because that combination of political and material factors that alone would have made one possible was conspicuously lacking. B y 1848, certain of these factors had matured. Since the late 1830s, there had been three periods of recession when food had been scarce and prices high: in 1838, 1842, and 1846—47; and the whole period 1838—1845, in particular (with a highpoint in 1842), had been one of considerable hardship for the workers, above all for the chronically depressed handloom weavers; but also for factory workers, miners, potters and the craftsmen in the cities. After the destruction and collapse of the great " N a t i o n a l " unions in 1834, trade union organisation had been built again, on a more solid basis, in the "sacred months" and "turn-outs" of 1839 and 1842. In the campaign for the People's Charter, launched in 1838, there appeared for the first time in England an independent political movement of the working class and the rudiments of a workers' political party in the National Charter Association. So the workers were moving forward from the stage of the sporadic outbursts of the "preindustrial" period, as typified by Luddite outbreaks against machinery and the labourers' revolt of 1830, to a higher stage of industrial and political organisation in which they put forward a clear-cut programme of their own. Moreover, their determination to achieve a radical reform of Parliament was infinitely greater and more widespread than it had been in 1830 or 1832. But, equally, the demand for a People's Parliament — that is, a Parliament largely composed of working-class Members controlled by working-class voters — was a far more radical challenge to the established order than that made by the Reform Bill in 1831; and, in the social and political context of the times, it could only have been achieved by means of a revolution. But who would carry such a revolution through? Evidently, not the workers alone: the whole history of Chartism (and this is hardly surprising) emphatically reveals that they were quite unprepared to do so. It sould, in fact, only be accomplished with the aid of a substantial part of the middle class. And such aid was far less easy to come by than it had been in the crisis of 1830. The reasons are not hard to find. In the intervening years, the middle class had won the vote, a substantial share in local government, the New Poor Law (with its saving on the rates), the payment of tithe in cash, the first State aid for education, a series of Free-Trade budgets a new field of investment in the railways, and, in 1846, the repeal of the hated Corn Laws. And it is highly significant that the last of these was won, almost deliberately, with the minimum of Chartist or workingclass support. For, during these years, the cleavage between capital and labour had become markedly, greater and it had become evident to even the most radical of the middle-class reformers that to toy with revolution or to stoke up rebellion in city streets or in manufacturing districts might have far more serious social consequences in the 1840 s than a dozen years before. 16*

244

GEORGE RTJDIS

In consequence, to win their Charter, the organised workers would have had to rely almost entirely on their own resources; and these, even in 1842, the year of the second and sharpest Chartist challenge, were quite inadequate to do the job. After this, the movement lost momentum; its leaders were divided and supporters fell away; and the last great Chartist rally, that of April 1848, was something of an anti-climax, artificially stimulated by political events in Europe rather than by the situation within Britain itself. Besides, „better times" appeared to be on the way; the crisis of 1846—7 was all but over; the first instalment of the Ten-Hour Day had been won; and factory reform, scarcely begun in 1830, was, temporarily at least, blunting the sharp edge of the industrial conflict. So perhaps the question „Why no revolution in 1848?" as an addendum to the title of this paper can be so easily disposed of as to seem hardly worth the asking!

GIAN MARIO B R A V O , T U R I N

Das Revolutionsbild der Sozialisten vor Marx Der Begriff „Revolution" taucht nicht erst in der Gegenwart auf. Seit der Antike tritt er uns in unterschiedlicher Form und mit wechselndem Inhalt entgegen. Das Jahr 1789 konkretisierte ihn jedoch als den totalen Umbruch der politischen und sozialen Strukturen eines Volkes oder der Gesamtheit der Völker; anders gesagt, als eine Erneuerung oder Zerstörung der bisherigen Grundlagen der Gesellschaft. Gewalt oder andere Formen des Drucks organisierter Klassenkräfte dienen ihr als Waffen. Eines aber wird von nun an typisch: das Erscheinen der Volksmassen auf dem Schlachtfeld, wo sie über den Ausgang der Revolution entscheiden. Ihr Eintritt als Großmacht in die Auseinandersetzungen stellte einen der bedeutendsten Wendepunkte in der jüngeren Menschheitsgeschichte dar. Zeitlich ist die Revolution nicht begrenzt. Sie kann improvisiert und von sehr kurzer Dauer sein, sich aber ebensogut über einen langen Zeitabschnitt erstrecken. Diese Vorbemerkung hielten wir für notwendig, auch wenn wir den Revolutionsbegriff weder im allgemeinen analysieren noch konkret prüfen wollen, welche theoretischen Verallgemeinerungen sich an die kraftvollen Revolutionen der Neuzeit, ausgehend von den gewaltigen Erhebungen der Bourgeoisie in England, Nordamerika und Frankreich knüpfen. Sie drängen sich auch dann auf, wenn wir unser Thema nicht unter dem Gesichtspunkt ständig fortschreitender Anreicherung einzelner und begrenzter quantitativer Elemente und ihres schließlichen qualitativen Umschwungs durchforschen wollen, wofür sich die sogenannte industrielle Revolution anböte. Wir beabsichtigen vielmehr, uns auf die soziale und nicht so sehr auf die politische Funktion der Revolution zu konzentrieren, d. h. sie so wie die sozialistischen Vorläufer von Marx zu begreifen. Den Ausgangspunkt fixierte im letzten Dezennium des 18. Jahrhunderts die große politische Revolution in Frankreich. An ihr ermißt man, daß außer den Unterscheidungsmerkmalen zwischen bürgerlicher Revolution und jeder anderen Art der Umwälzung jenem zwischen der sozialen und jeder anderen Revolution eine primäre Bedeutung zukommt. Die bürgerliche Revolution ist im wesentlichen eine politische, gelegentlich ebenfalls eine nationale Revolution. Sie stellt sich im allgemeinen bestimmte, besser: begrenzte politische und ökonomische Ziele. Dagegen die soziale Revolution: In der Vergangenheit eine Revolution der Bauern oder einer anderen unterdrückten Klasse, manchmal auch nur eines ihrer Sektoren, wird sie in der Epoche des Kapitalismus eine solche des Proletariats, die unabhängig davon, ob

246

GIAN MAMO

BRAVO

ihr zeitweilig oder ständig andere Charakteristika, wie z. B. das nationale eigen sind, durch den Umbruchin allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens gekennzeichnet ist. In seinem Vorwort zur Neuausgabe von Die Klassenkämpfe in Frankreich schrieb Engels 1895: Als der Sturm losbrach, „standen wir alle, was unsere Vorstellungen von den Bedingungen und dem Verlauf revolutionärer Bewegungen betraf, unter dem Bann der bisherigen geschichtlichen Erfahrung, namentlich derjenigen Frankreichs". 1 Sie hatte die europäische Geschichte seit 1789 beherrscht. 1848 griff man beinahe selbstverständlich auf das „Modell" der Großen Revolution zurück. Fortgesetzt berief man sich auch in den folgenden Jahrzehnten nicht nur auf das „Vorbild" als solches, sondern vor allem auf die Ideen, die die Große Revolution entbunden hatte, dabei wiederum besonders auf jene Revolutionäre, deren Wirken auf die völlige Zerstörung des Ancien régime gezielt hatte, d. h. die Jakobiner, die bei aller Einsicht in ihre ideologische und politische Widersprüchlichkeit gerühmt wurden, und jene Gruppe der „linken Jakobiner", die als Enragés bekannt geworden sind. Die Problematik der Revolution war ihren Teilnehmern von Robespierre bis Saint-Just, von den Enragés bis Babeuf bewußt. Ihre Vorstellungen gingen in die nachrevolutionäre europäische Wirklichkeit ein. Das Europa der Restaurationsperiode war mit der Großen Revolution entstanden, hatte sich durch sie modernisiert und sie schließlich auch dialektisch negiert. Rasende industrielle Expansion und entsetzliche soziale Verelendung standen nebeneinander. Man empfand, daß weniger politische als vielmehr soziale Veränderungen nottaten. Aus diesem Strudel hob sich endlich eine neue Kraft heraus: das Proletariat. Schon in den offiziellen Dokumenten der Großen Revolution kann man einige Vorgriffe finden, die — weiterentwickelt — einige erforderliche Voraussetzungen für die Ausarbeitung einer revolutionären sozialistischen Theorie darstellen. In der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte, die als Präambel in die Verfassung vom 24. Juni 1793 einging, war das Recht zum Aufstand verankert. Der „Widerstand gegen Unterdrückung" (Art. 33) resultierte aus der Gesamtheit der Menschenrechte und richtete sich sowohl gegen die Ausbeuter (Art. 34) als auch gegen jede Regierung, die „das heiligste aller Rechte und die erste aller Pflichten" verletzte. 2 Dieses offizielle Verständnis des Rechts auf Revolution beförderte eine inoffizielle Interpretation des Begriffs „Revolution": Man überschritt die Grenzen des rein politischen Revolutionarismus und proklamierte den allgemeinen Umbruch der Gesellschaft. Die „italienischen Jakobiner", revolutionäre Intellektuelle, bieten dafür Beispiele. Der Neapolitaner Galdi, der wahrscheinlich von Babeuf gehört hatte, plädierte 1798 dafür, nicht nur die Regierung und die führende Klasse auszuwechseln, sondern die gesellschaftlichen Verhältnisse von Grund auf zu erneuern.3 Vincenzio Russos 1

2 3

F. Engels, Einleitung zu K. Marx, K l a s s e n k ä m p f e in Frankreich 1848 bis 1850 (1895), i n : Marx/Engels, Werke, B d 22, Berlin 1963, S. 512. A. Saitta, Costituenti e costituzioni della Francia moderna. Turin 1952, S. 121. „ E s genügt nicht, in der Revolution eines Volkes die alte durch eine neue Regierung zu ersetzen. Man muß auch die alte Religion, die Sitten und Gebräuche durch Anschauungen

Revolutionsbild der Sozialisten vor Marx

247

Gesellschaftskritik war bissiger. Sie konzentrierte sich auf die Frage des Eigentums. Trotz einiger Inkonsequenzen zählt er gerade wegen seiner Stellungnahme zum Eigentum, dem Erbrecht, der Freiheit und Gleicheit zu den Frühsozialisten.* Die Pensieri politici, ebenfalls aus dem Jahre 1798, sympathisierten mit den revolutionären Ereignissen in Frankreich. Aus ihrer Analyse versuchte Russo unmittelbare Schlußfolgerungen zu ziehen, weshalb er alles Abstrakte mied und nur daran dachte, die Aktion voranzubringen. Er verlieh der Auffassung über die Revolution gerade dadurch neue Impulse, daß er nicht nur auf die Spitze der Pyramide sah, sondern versuchte, den Begriff „Revolution" mit der notwendigen Umgestaltung der ganzen Gesellschaft zu verschmelzen. Russo schrieb : „Die Revolution ist gerecht und kommt mit allen bedeutenden Unternehmungen vor allem dann voran, wenn sie nicht vergißt, daß ,Revolution' heißt, einen Trennungsstrich zwischen altem und neuem System zu ziehen... Die Revolution wird nicht danach fragen, was bisher verehrt wurde. Die Vergangenheit, mit der sie gebrochen hat, existiert für sie nur noch, um die Gemüter erschaudern zu lassen, um sie zu mobilisieren und um mit geeigneten und entschlossenen Maßnahmen der Wiederholung der zurückliegenden Unruhen und Wirren zuvorzukommen... Nur der Mensch, der Bürger bleibt ; Besitz und Institutionen indessen werden in der Hand der Revolution weich wie Wachs, um durch sie die Form zu erhalten, die am besten den menschlichen Bedürfnissen entspricht." 5 Die „italienischen Jakobiner" reflektierten frühe Fernwirkungen des revolutionären Gedankengutes. Durch die Akzentuierung und Vertiefung ihres sozialen Gehalts brachte jedoch die bürgerliche Französische Revolution auch ihre eigene Negation hervor: den Babouvismus. Mit der Großen Revolution betrat die Bourgeoisie, noch nicht das Proletariat, die politische Bühne. Sie schützte das Eigentum, nicht den arbeitenden Menschen, wie Halévy schrieb. Es war keine sozialistische Revolution, obwohl sie wiederholt dazu auszuholen schien. Vielmehr erlitt ihr rudimentärer „Sozialismus", der in vieler Beziehung agrarisch bestimmt und eingeengt war, eine Niederlage. In seinem Lob auf das einfache Landleben und dem Fehlen einer objektiven, die sozialen und ökonomischen Bedingungen einer in raschem Fortschritt begriffenen Industrie erfassenden Analyse ging ihr „Sozialismus" auf Rousseau zurück. 6 Aus der Geschichte der Französischen Revolution ragen einige Wesenszüge heraus. Der Egalitarismus : Von diesem Ideal waren die Revolutionäre von 1789, besonders nach 1793, durchdrungen. Auf dieser Grundlage konnte sich später das theoretische Gebäude des Sozialismus erheben. und Ideen ersetzen, die der neuen Ordnung der Dinge entspricht. An die Stelle des alten gotischen Bauwerks muß man ein neues, ebenmäßig und schön projektiertes Gebäude setzen." M. Galdi, Saggio d'istruzione pubblica rivoluzionaria (1798), in: Giacobini italiani, hrsg. von D. Cantimori, Bari 1956, S. 223. 4 Vgl. die Rezension von R. Michels zu einem Nachdruck der Schriften von Russo, in : Archiv für die Geschichte des Sozialismus und der Arbeiterbewegung, Leipzig 1914, S. 500 — 502. 6 V. Russo, Pensieri politici (1798), in: Giacobini italiani, a. a. O., S. 315—318. • Vgl. E. Halévy, Histoire du socialisme européen, Paris 1948, S. 18f.

248

G I A N MARIO BRAVO

Der revolutionäre Geist: Die Große Revolution hatte bewiesen a) daß es möglich ist, durch eine gewaltsame Revolution zum Erfolg zu kommen; b) daß die nächste Revolution sozial und nicht rein politisch sein wird; c) daß sich eine Gruppe von Revolutionären an die Spitze der Bewegung stellen muß. Der Internationalismus: nicht in erster Linie Export der revolutionären Gewalt, sondern der revolutionären Ideen. 7 Damit nähern wir uns notwendigerweise einem neuen Begriff, dem der „dictature populaire", der Diktatur des Volkes. Er ist schon 1793 bei Robespierre vorhanden und wird danach auf der Grundlage der Arbeiten von Buonarroti diskutiert und präzisiert, bis er sich in völlig neuer Form im Kommunistischen Manifest wiederfindet. Eine Reihe von Gleichungen war bereits aufgestellt worden: Revolution — Volk; Revolution — Unterdrückte; Revolution — Sozialismus. Jetzt trat eine neue hinzu. Die Entwicklung der sozialökonomischen Verhältnisse machte den tatsächlichen Zusammenhang evident, der nicht so sehr zwischen Revolution und sozialer Frage im allgemeinen, als vielmehr zwischen Revolution und Arbeiterbewegung bestand, d. h. die Frühsozialisten gingen dazu über, Revolution und Klassenkampf miteinander in direkten Konnex zu bringen. Für all ihre unterschiedlichen Richtungen war das der Ausgangspunkt, der eigentlich kennzeichnende innere Widerspruch der verschiedenen Umwälzungen seit 1789, und er sollte es in den revolutionären Bewegungen während der Restauration bleiben. Mir scheint, daß Hannah Arendt diesen Übergang gut charakterisiert hat: „Die Verwandlung der Menschenrechte in die Rechte der Sansculotten ist der Wendepunkt der Französischen und aller ihr folgenden Revolutionen." 8 Aber der „Theoretiker" dieser Verwandlung war erst ein halbes Jahrhundert später „gefunden". Marx, sagt die Verfasserin treffend, hat gerade gegenüber der Französischen, wie der Revolution überhaupt nachdrücklich auf der „sozialen F r a g e " insistiert. Wir meinen allerdings, daß eine sorgfältige Prüfung des vormarxschen sozialistischen und kommunistischen Erbes beweist, daß eine gewisse soziale oder auch sozialistische Interpretation der Revolution schon vor Marx vorhanden war. Man wird aber Hannah Arendt zustimmen, daß er der Theoretiker war, der vereinzelte Gedanken und fragmentarische Thesen, die er vorfand, erst zu einer revolutionären politischen Ideologie verdichtete. Gracchus Babeuf und die Teilnehmer an der Verschwörung der Gleichen waren die Träger der neuen Revolutionsauffassung, die zwischen 1789 und 1794 geboren wurde. Auf sie und die Interpretation, die etwa dreißig Jahre später Filippo Buonarroti gab, gehen die lebendigsten und aktivsten revolutionären Bewegungen vor 1848 zurück. Man kann sagen, daß Babeuf und seine Genossen aus der Großen Revolution die konsequentesten revolutionären Schlußfolgerungen gezogen haben. 7

8

Ebenda, S. 21. J. Joll, Die Anarchisten, Berlin 1966, S. 36. Er erinnert an die Worte Babeufs: „Die Französsiche Revolution ist nur die Vorläuferin einer viel größeren, feierlicheren Revolution, die die letzte sein wird." H. Arendt, Über die Revolution, München 1963, S. 75.

Revolutionsbild der Sozialisten vor Marx

249

Revolution und Kommunismus waren bei Babeuf eng miteinander verbundene Begriffe. Aber dieser Kommunismus — und hier löste er sich von der Aufklärung des 18. Jahrhunderts, an die er durch andere Fäden noch gebunden blieb — war kein Bestandteil der moralischen Revolte mehr, sondern die „Folgerung" aus einer genau definierten und definierbaren gesellschaftlichen Situation. Der „Fortschritt der Aufklärung" hatte bei ihm dem „Klassenkampf" Platz gemacht, der die Diktatur des Volkes möglich machen sollte. 9 Er lehnte den Putsch, die Revolte kleiner Gruppen ab, und orientierte sich auf die Massen, auf das Proletariat, um mit ihm zu der durch die thermidorianische Bourgeoisie verratenen Verfassung (von 1793) zurückzukehren, und so doch noch die Ausbeuter und Usurpatoren, die nach der Niederlage des Adels dessen Privilegien durch das Privileg des Vermögens ersetzt hatten, durch die „Ausgebeuteten" (d. h. die „Soldaten" und das Volk) stürzen zu können. 10 Einmal an der Macht, sollten die Revolutionäre eine Reihe von Maßnahmen ergreifen, die Buonarroti einige Jahrzehnte später so zusammenfaßte: „Nach dem Sieg würde es die vornehmste Aufgabe der Aufständischen sein, das Volk zu gewinnen und die Gewalt überall in die Hände von Bürgern zu legen, die der neuen Revolution ergeben sind. Den allzu gut bekannten Feinden der Gleichheit dürfte keine Zeit gelassen werden, Komplotte anzuzetteln, worauf sie ohne Zögern zurückgreifen werden." 11 Babeuf war der Vorbote einer Auffassung, die allen revolutionären Sozialisten und Kommunisten, die nach ihm die kapitalistische Gesellschaft sachlich und nicht utopisch untersuchen, gemeinsam sein wird: Die Staatsgewalt wird nicht mehr abgelehnt. Sie wird, wenigstens für die erste Zeit nach der revolutionären Eroberung der Macht, als notwendig anerkannt. Aber diese Staatsgewalt — Babeuf kennzeichnet sie als „provisorisch" und „revolutionär" — sollte in den Händen des Volkes ruhen und sich in Form einer Diktatur des „peuple" als Vorbereitung des Kommunismus darstellen. Der Prozeß erschien ihm einfach und linear: 1. Formierung der einander gegenüberstehenden Klassen: Bourgeoisie und Proletariat; 2. Der Klassenkampf erfordert die Eroberung des Staates ; 3. Diktatur der Klasse, um die revolutionären Ziele zu verwirklichen. Diese wurden sehr genau gekennzeichnet. Man vergleiche die Artikel 10 und 11 in Buonarrotis Analyse der Lehre Babeufs, wo es heißt: „Das Ziel der Revolution ist, die Ungleichheit zu beseitigen und das allgemeine Glück wiederherzustellen... Die Revolution ist nicht zu Ende, da die Reichen alle Güter an sich reißen und ausschließlich befehlen, während die Armen wie wahre Sklaven arbeiten, im Elend schmachten und im Staat nichts gelten." 12 Babeufs Äußerungen zur revolutionären Technik erregen — namentlich in der Auslegung durch Buonarroti — besonderes Interesse. Der Klassenkampf der * R. Garaudy, Die französischen Quellen des Sozialismus, Berlin 1954, S. 71. Ebenda, S. 8 6 - 8 8 . 11 Ph. Buonarroti, Conspiration pour l'égalité, dite de Babeuf (1828). Paris 1957, Bd. 1, S. 213 f. 1 2 Vgl. Analyse der Lehre Babeufs, den das Direktorium geächtet hat, weil er die W a h r h e i t sagte, i n : Der Frühsozialismus. Ausgewählte Quellentexte. Hrsg. und eingeleitet v o n Th. Ramm, Stuttgart 1956, S. 6 f.

10

250

GIAN MAMO

BRAVO

Armen, der Aufstand einer Minderheit und sein Verhältnis zur Volksmacht, die verschiedenen während und nach der Revolution erforderlichen Maßnahmen 13 , die Verbindungvon geheimer Verschwörung und öffentlicher Aktion, der einzuschlagende Weg, um die Macht zu erobern und auszuüben: Das waren Probleme, die in allen kommunistisch-revolutionären Bewegungen Europas der folgenden Jahrzehnte immer wieder aufgegriffen, hin und her gewendet und umstritten, eine echte Fundgrube für den Sozialismus des Vormärz bildeten. Die revolutionäre Technik Babeufs, resümiert Thilo Ramm, beeinflußte nicht nur den Sozialismus und die französischen Geheimbünde, sondern auch den Bund der Geächteten und den Bund der Gerechten. Er bestimmte die Haltung eines breiten Teils der italienischen Carbonari 14 und brachte Geheimbünde und intellektuelle Strömungen in vielen europäischen und sogar einigen außereuropäischen Ländern hervor. Noch heute werden die Ideen Babeufs von einigen Regierungen gefürchtet. Dafür legen jüngste Verfolgungen türkischer Intellektueller Zeugnis ab 1 5 , die beschuldigt wurden, 1965 Fragmente des Gracchus Babeuf publiziert zu haben! Die Entwicklung der Ideen Babeufs zur geschlossenen Theorie war hauptsächlich das Verdienst Buonarrotis. Auf dem Resonanzboden der politischen Aktion der „Gleichen" fand sein 1828 erscheinendes Buch Conspiration pour l'égalité, dite de Babeuf, starken Widerhall. Zwischen 1830 und 1848, schreibt Cole, stieg dieses Werk in den Rang eines „Handbuches für den Revolutionär" auf. Es prophezeite einen neuen Aufbruch in Europa, dazu bestimmt, das 1789 Begonnene zu Ende zu führen. 16 Buonarroti entwickelte vor allem zwei schon von Babeuf erörterte Gedanken weiter: über die Diktatur und die Merkmale der Revolutionsregierung. 1. Mit Scharfsinn griff er das erste Thema erneut auf. Die „revolutionäre Diktatur" war noch nicht jene des „Proletariats". Deutlich tritt jedoch der Gedanke an eine „Übergangsperiode" hervor, in der sich in den Händen einer kleine Führungsgruppe alle Macht zusammenballen muß, damit nicht nur die politischen, sondern vor allem die sozialen Umgestaltungen Wirklichkeit und die egalitären Institutionen aufgebaut werden können. Buonarroti war, wie beispielsweise auch Robespierre, der Meinung, daß man nach der Revolution nicht sofort ein Regime der Freiheit errichten kann, sondern durch die „revolutionäre Initiative" der gegen die inneren und äußeren Feinde kämpfenden Minderheit erst die Voraussetzungen für die „neue Gesellschaftsordnung" geschaffen werden müßten. Er bekräftigte damit die Idee der „revolutionären Staatsgewalt". Solange die neue Ordnung nicht vollkommen ist, müssen die bewußten Revolutionäre die Macht in ihren Händen halten. 17 13

14

15

16 17

Einige Hinweise finden sich bei: L. Valiani, Storia del movimento socialista, Florenz 1951, S. 21. Der Frühsozialismus, a. a. O., S. XVI. J. Joli, a. a. O., S. 42, schreibt: „Babeufs und seiner Freunde ,Conspiration des Egaux' von 1796 wurde das Vorbild, dem nachzueifern sich alle späteren Revolutionäre verpflichtet fühlten." Encore Babeuf en Turquie, in: Critica storica, Florenz, Jg. 1966, Nr. 1, S. l f . G. D. H. Cole, Socialist Thought. The Forerunners, 1789—1850, London 1959, Bd. 1, S. 19. Uber die revolutionäre Diktatur vgl. : A. Galante Garrone, Filippo Buonarroti e i rivoluzionari dell' Ottocento, Turin 1951, S. 310—322.

Revolutionsbild der Sozialisten vor Marx

251

2. In bezug auf den Charakter der Revolutionsregierung vertritt Buonarroti die Meinung, daß das Volk „in den Kampf zieht, um die Freiheit zu erlangen". Sie kann diese aber nicht sofort, sondern zunächst nur die „begründete Hoffnung" darauf bekommen. Über die revolutionäre Staatsmacht sollten nur jene verfügen, „die von der Liebe zur Gleichheit ergriffen sind und den Mut haben, sich ihr im Interesse der Festigung der Errungenschaften zu weihen". 18 Uns ist daran gelegen, auf den starken Einfluß aufmerksam zu machen, den Buonarroti besonders auf die Jugend ausstrahlte, nachdem durch die Enttäuschung der 1830 aufgekeimten Hoffnungen eine neue Lage in Frankreich entstanden war. Die nicht immer eindeutig ausgerichtete revolutionäre Gesinnung, von Buonarroti angeregt und ihrem Gehalt nach proletarisch, setzte sich nach der Desillusionierung durch die Juli-Ereignisse, in denen das Proletariat zwar die Hauptrolle spielte, die Großbourgeoisie aber die Früchte seines Sieges erntete, erneut fest. Aus der gleichen Quelle werden der Neobabouvismus und der hervorragendste Vertreter des französichen revolutionären Sozialismus seiner Zeit, Blanqui, gespeist. Mehr als alle anderen sozialistischen Strömungen in Frankreich war der Neobabouvismus der Arbeiterklasse, so wie sie sich unter modernen kapitalistischen Verhältnissen herausgebildet hatte, verbunden. Häufig waren die Mittel, mit denen er die bestehende Gesellschaftsordnung bekämpfte, antiquiert, die zur Verfügung stehenden Kräfte gering und die Aufstandspläne in vieler Beziehung utopisch. Aber die besten Repräsentanten des Neobabouvismus trafen als erste den Kern der Frage: Sie lehnten die bürgerliche Gesellschaft nicht mehr als moralisch verdammenswert und ungerecht ab, sondern deshalb, weil sie — wie Marx wenige Jahre danach nachdrücklich betonen wird — in ihrem Inneren selbst die dialektische Kraft hervorgebracht hat, die sie zerstören wird. Das war nicht einfach die Wiederholung längst bekannter Thesen. Hierin war der Neobabouvismus originell. Diese These war eine Kampfansage und zugleich ein „Schrei der E n t r ü s t u n g " über die Ausbeutung der Werktätigen, gerichtet gegen die Bereicherung der Bourgeoisie auf Kosten der Werktätigen. 1 9 Zahlreich waren die Vertreter dieser Strömung: Godefroy Cavaignac akzeptierte den Babouvismus nur teilweise. 1833 schrieb er einen Artikel unter dem Titel La force révolutionnaire, in dem er einzelne Seiten der Entfremdung des Fabrikarbeiters und des Menschen von der Maschine darstellte, ohne aber zu einer allseitigen Analyse der Perspektiven der sozialen Revolution zu gelangen. 20 Lahautiêre, Laponneraye, Pillot und der bekannteste in der Gruppe der egalitaristischen Neobabouvisten, Dézamy, waren Verfechter einer kommunistischen Klassenrevolution. Die vielfältigen Widersprüche in ihren Auffassungen spiegeln das sektiererische Pariser 18

19

20

Vgl. das Manuskript von Buonarroti in der Nationalbibliothek Paris aus den Jahren 1828—1829, das sowohl A. Galante Garrone, a. a. O., S. 495—498, als auch A. Saitla, Filippo Buonarroti. Contributi alla storia délia sua vita e del suo pensiero, Bd. 2, Rom 1951, S. 136—139, verwerten. S. Bernstein, Le néobabouvisme d'après la presse (1837 —1848), in: Babeuf et les problèmes du babouvisme, Paris 1963, S. 247. A. Galante Garrone, a. a. O., S. 257 — 259.

252

GIAN MARIO BRAVO

Klima jener Jahre und die weitreichenden Zugeständnisse an Aufklärung lind Rationalismus des vergangenen Jahrhunderts wider. Solchen auf den Klassenkampf und die Erkenntnis der historischen Rolle des Proletariats gestützten Visionen der Industriegesellschaft standen die mehr moralistischen als politischen Thesen von Laponneraye („Nein, ich habe nicht dem einen Teil der Nation gesagt, sich gegen den anderen zu bewaffnen; ich habe die Nation aufgefordert, sich wie ein einziger Mann zu erheben, um eine Handvoll Aristokraten auszurotten, die sie unterdrückt") oder das intellektualistische Urteil von Lahautiêre („Ich will versuchen zu beweisen, daß die Lehre Babeufs, weit davon entfernt, von der revolutionären Tradition abzuweichen, eine Folge der vernunftgemäßen Überlegung ist, deren Prämissen von Rousseau stammen, die Robespierre aufgriff und fortsetzte, ohne daraus die Schlußfolgerungen ziehen zu können"). 2 1 Gegenüber J e a n Jacques Pillot, der in seinen Schriften La tribune du peuple und Ni chateaux ni chaumières der künftigen Revolution das Ziel stellte, die gegenwärtige durch eine andere, auf sozialer Gleichheit begründete Gesellschaft zu ersetzen, propagierten Albert Laponneraye und Théodore Dézamy am beharrlichsten und konsequentesten den notwendigen Übergang vom konspirativen Kampf, der auf die von Blanqui verherrlichte Revolte und den Putsch abzielte, zur Revolution der Massen, d. h. zum furchtlos und offen geführten Kampf gegen den Klassenfeind. Das Nahziel, so Dézamy im Code de la communauté, war eine von der großen Mehrheit des Volkes gestützte, „transitorische revolutionäre Macht". Trotzdem war der Neobabouvismus nicht frei von Widersprüchen und utopischen Bestandteilen. Man redete viel über die intellektuelle Aktion, aber wenig oder gar nicht über die politische Organisation. Die reale Arbeiterbewegung spielte in den Vorstellungen über den Klassenkampf trotz des zutreffend anvisierten Endziels eine untergeordnete Rolle. 22 1848 lief daher die Uhr des Neobabouvismus ab; die E n t wicklung selber setzte die Erforschung der ökonomischen, sozialen und politischen Grundgesetze des Kapitalismus auf die Tagesordnung. Der Neobabouvismus stellte aber eine grundlegende Entwicklungsstufe bei der Herausbildung der Theorie des revolutionären Sozialismus dar, denn in diesem Stadium begannen Klasse, Sozialismus und Revolution zusammenzuwachsen : ein Prozeß, der in den folgenden Dezennien ein bestimmendes Moment der europäischen Arbeiterbewegung bilden wird. Parallel dazu existierten in Frankreich und besonders in Paris revolutionäre Geheimgesellschaften, die unter dem ideologischen Einfluß des auf Buonarroti fußenden Blanqui standen. Nach ihrem Vorbild richteten sich analoge zeitgenössische revolutionäre italienische Vereinigungen und deutsche Bünde. Die entsprechend den Weisungen Babeufs aufgebauten französischen Organisationen erklärten die Geheimhaltung zur Hauptmethode, die Gleichheit zum Grundprinzip (So bereits die erste von ihnen, die Gesellschaft der Familien), die „soziale Revolution" als Aktionsmoment. Die letzte und bedeutendste von ihnen, die Gesellschaft der 21 22

Zitiert bei R. Garaudy, a. a. 0 . , S. 187—191. S. Bernstein, a. a. O., S. 254—261. Über den Neobabouvismus siehe auch S. Storia del socialismo in Francia, Rom 1963, Bd. 2. G. M. Bravo, II socialismo prima di Marx, Rom 1966.

Bernstein,

Revolutionsbild der Sozialisten vor Marx

253

Jahreszeiten, entwickelte in ihren Statuten konstruktive Vorstellungen für die nachrevolutionäre Etappe, die sich in bezug auf die revolutionäre Diktatur in den von Buonarroti gelegten Gleisen bewegten, aber ihre Aufgaben und Ziele folgendermaßen präzisierten: „ D i e alte Gesellschaft zerschlagen und ihre Fundamente zerstören, die inneren und äußeren Feinde der Republik verjagen; die Grundlagen für eine neue Gesellschaftsordnung schaffen; schließlich das Volk von der revolutionären Regierung zur regulären republikanischen Regierung führen." 2 3 Die Geheimgesellschaften verknüpften revolutionäre Ideologie und Arbeiterbewegung am engsten miteinander. Trotz der jeder überwiegend sektiererischen Bewegung anhaftenden Unsicherheit trugen sie dazu bei, daß jene Ideen, die anders rein intellektuelle Konstruktionen geblieben wären, aufgegriffen, bereichert, vertieft und an der gesellschaftlichen Wirklichkeit des „Bürgerkönigtums" in Frankreich überprüft wurden. Aus ihnen wuchsen die stärksten Arbeitervereinigungen der folgenden Jahre empor. Indirekt hatten hier auch der Bund der Kommunisten und damit die organisierte Arbeiterbewegung der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ihren Ursprung. W i r fassen unsere Ausführungen über den Neobabouvismus und seine Stellung zur Revolution zusammen: Ihre besten Vertreter, ihre weitverbreiteten Zeitungen und Manifeste propagierten den allgemeinen Umsturz. Dabei bedienten sie sich manchmal, wiewohl nicht immer, eines konspirativen Instrumentariums. Ihre Konzeptionen waren oft auf den Klassenkampf gestützt. Auf politischem Gebiet bezogen sie sich auf die Große Revolution, und mit kritischem Blick auch auf die soeben — 1830 — geschlagene Juli-Schlacht. Im Gegensatz zu ihnen stand eine reformistische Literaturströmung, die von der Möglichkeit ausging, auf den französischen Staat Einfluß gewinnen zu können, ohne ihn radikal umzugestalten. Ihr Ansatzpunkt waren weniger die Grundwidersprüche in der kapitalistischen Gesellschaftsordnung als vielmehr Gefühl und Wille zur Erneuerung in einer Fraktion der Bourgeoisie selber, die dafür am besten geeignet und vorbereitet, also als die fortschrittlichste erschien. A n der Spitze der anderen revolutionären Richtung des französischen Sozialismus, die sich ebenfalls auf Babeuf berief, stand Blanqui. Er war der Theoretiker und Praktiker, der unermüdliche Organisator und schließlich auch der Märtyrer dieser Strömung. Zeit seines Lebens propagierte er die Revolution und mühte sich hartnäckig, sein oftmals schwankendes und unübersichtlich aufgebautes theoretisches Gerüst in der französischen Wirklichkeit festzumachen. Er war ein gewaltiger Revolutionär, der in mancher Hinsicht die nach ihm kommenden Führer des Sozialismus und der Arbeiterbewegung antizipierte. Marx schätzte ihn, besonders wegen der von ihm während und nach der 48er Revolution eingenommenen Haltung, immer hoch und hielt ihn für den einzigen politischen Kopf der revolutionären Bewegung und der „eigentlichen proletarischen Partei". 2 4 Im Achtzehnten Brumaire des Louis 23 24

S. Bernstein, a. a. O. K. Marx, Ansprache der Zentralbehörde an den Bund vom Juli 1850, in: Marx/Engels, Werke, Bd. 7, Berlin 1960, S. 312.

254

GIAN MARIO BRAVO

Bonaparte und in Die Klassenkämpfe in Frankreich urteilte er ebenso. „ D a s Prolet a r i a t " (gruppiere sich) „immer mehr um den revolutionären Sozialismus, um den Kommunismus, für den die Bourgeoisie selbst den Namen Blanqui erfunden hat. Dieser Sozialismus ist die Permanenzerklärung der Revolution, die Klassendiktatur des Proletariats als notwendiger Durchgangspunkt zur Abschaffung der Klassenunterschiede überhaupt, zur Abschaffung sämtlicher Produktionsverhältnisse, worauf sie beruhen, zur Abschaffung aller gesellschaftlichen Beziehungen, die diesen Produktionsverhältnissen entsprechen, zur Umwälzung sämtlicher Ideen, die aus diesen gesellschaftlichen Beziehungen hervorgehen". 2 5 Gerade sein revolutionärer Enthusiasmus rückt Blanqui näher an Buonarroti als an Babeuf. Von jenem übernahm er auch das theoretische Rüstzeug, wiewohl er es selbständig und in origineller Weise handhabte. Dieses ebenso wie sein Temperament verweisen auf den politischen Flüchtling aus Italien. Die indirekten Bezüge in seinen Schriften, in denen er weder Babeuf noch seinen Epigonen zitierte, und seine konspirative revolutionäre Tätigkeit, die im großen und ganzen auf Buonarroti weist, unterstützen diese Behauptung. Dommanget hat sich bemüht, die Beziehungen zwischen beiden in den Jahren 1830 bis 1837 zu erhellen. 26 Er hat die direkte, obwohl vielleicht zufällige Bekanntschaft und die, man könnte sagen philosophischen Beziehungen zwischen ihnen nachgewiesen. Wesentlicher als der persönliche Kontakt war der historische Brückenschlag von dem alten Verschwörer zu dem jungen Revolutionär, der Übergang von den Geheimverschwörungen der Carbonari und egalitären Gesellschaften zur „neuen" blanquistischen Konspiration, die sich trotz aller Widersprüche und trotz ihres naiven Extremismus mit einer fortschrittlichen Konzeption über die bevorstehenden Auseinandersetzungen an ein selbstbewußtes Proletariat wandte. Obwohl Blanqui viele Jahrzehnte im Kampf stand, ist seine Lehre durch eine gewisse Statik gekennzeichnet. E s fehlen wirklich grundlegende Veränderungen, die den bedeutenden historischen Ereignissen von 1848 über das Kaiserreich Napoleons des Kleinen bis hin zur Pariser Commune Rechnung trügen. 27 Im Unterschied dazu entwickelte sich seine revolutionäre Aktion, manchmal impulsiv und hitzig, in konsequenter Weise sein ganzes Leben hindurch. Seine revolutionären Schriften und die von ihm geknüpfte Verbindung zwischen Sozialismus und Revolution reichten in die Zeit nach 1848 hinein, in der er die Möglichkeit von Reformen ablehnte und eine neue Gesellschaftsordnung voraussagte. Im Gefängnis von Belle-Ile (1850—1857) antwortete er auf die Frage „Was soll die Revolution leisten?": „Die Zerstörung der gegenwärtigen, auf Ungleichheit und Ausbeutung beruhenden Ordnung; den Sturz 25

26

27

K. Marx, Der achtzehnte B r u m a i r e des Louis B o n a p a r t e , i n : Marx/Engels, Werke, B d . 8, Berlin 1960, S. 121. K. Marx, Die K l a s s e n k ä m p f e in Frankreich, in: ebenda, B d . 7, Berlin 1960, S. 8 9 f . M. Dommanget, Buonarroti et Blanqui, in: Babeuf et les problèmes du babouvisme, S. 241 ff. V. P. Volguine, L e s idées politiques et sociales de Blanqui, i n : Blanqui, T e x t e s choisis, Paris 1955, S. 7 : Weder die folgende Entwicklung des K l a s s e n k a m p f e s des Proletariats noch der wissenschaftliche K o m m u n i s m u s haben seine revolutionären Ideen wesentlich verändert.

Revolutionsbild der Sozialisten vor Marx

255

der Unterdrücker; die Befreiung des Volkes vom Joch der Reichen." 28 Es ist offensichtlich, daß die Teilnahme der Volksmassen an der 48er Revolution diese neue Auffassung hervorgetrieben hatte. Durch sie scheint sich in seiner gegen die kapitalistische Gesellschaftsordnung gerichteten Tätigkeit der Übergang von der „Konspiration" der Elite zur „Konspiration" des Volkes zu vollziehen. Wir wollen uns nun seinem revolutionären Programm vor 1848 zuwenden. Für den revolutionären Organisator Blanqui war die den Pariser Arbeitervereinigungen der 30er Jahre bereits eigene Forderung nach der „revolutionären Macht des Volkes", d. h. der revolutionären Diktatur typisch. Bis hierher waren Babeuf und Buonarroti bereits vor ihm gekommen. Blanqui präzisiert : Es handelt sich dabei um eine revolutionäre Elite, die sich aus „Klassenflüchtlingen" der Bourgeoisie rekrutiert. Sie übernimmt die Führung des Volkes durch die Formierung einer kleinen, disziplinierten „Partei", die fähig und bereit ist, für die Revolution einzustehen.29 Die revolutionäre Volksdiktatur sollte das erste Ziel der Revolution sein. Dieser Gedanke fand sich nicht nur bei den Erben Buonarrotis. Er äußerte sich im saint simonistischen Kult um die technokratische Wirksamkeit einer kleinen Gruppe, im Mißtrauen in die bisherigen politischen Führer und in der Enttäuschung, die nach 1830 die politische Niederlage trotz des Sieges auf dem Schlachtfeld hervorrief. Blanqui lehnte deswegen stets jeden formalen Demokratismus, die bürgerliche Legalität („die Legalität wird in den Rang einer Gottheit erhoben, die die konstitutionelle Opposition alltäglich beweihräuchert") und die „parlamentarische" Delegierung von Volksrechten ab. Wie später Lenin, bekämpfte auch er scheindemokratische Manifestationen und Wahlmanöver. Vertrauen schenkte er nur dem Volk, das 1830 das größte Opfer gebracht hatte, aber leer ausgegangen war, weil Bourgeoisie und Finanzaristokratie seinen Sieg für ihre Interessen nutzten. Trotz alledem war im Juli 1830 etwas Bedeutendes geschehen: „Das Volk ist plötzlich wie mit einem Donnerschlag auf die politische Bühne getreten, hat sie im Sturm erobert, und obwohl es augenblicklich wieder verjagt wurde, hat es sich nicht unterworfen, sondern vielmehr seine Demission widerrufen. Zwischen Volk und Mittelklasse begann ein erbitterter Krieg. Nicht mehr die oberen Klassen und die Bourgeoisie kämpften gegeneinander. Diese mußte sogar die ehemaligen Feinde zu Hilfe rufen, um besser standhalten zu können." 30 Das „Volk" was selbstbewußt geworden, hatte sich zur Klasse formiert, oder, um Blanqui aus dem Jahre 1843 zu zitieren: „es hatte seine Unterdrücker erkannt". Sein „Ressentiment" hatte sich verändert und veränderte sich weiter bis hin zur „Revolte". 3 1 Das hieß : Klassenkampf zwischen der unterdrückenden Minderheit und der unterdrückten Mehrheit, „Krieg zwischen 28

29

30

31

M. Dommanget, Les idées politiques et sociales d'Auguste Blanqui, Paris 1957, S. 152. A. B. Spitzer, The Revolutionary Theories of L o u i s Auguste Blanqui, New Y o r k 1957, S. 8 8 - 1 1 1 . V. P. Volguine, a. a. O., S. 1 9 - 2 0 . G. D. H. Cole, a. a. O., S. 182—185. Blanqui, R a p p o r t sur la situation intérieure et extérieure de la F r a n c e depuis la révolution de juillet (1832), i n : T e x t e s choisis, S. 87—98. Blanqui, Q u i fait la soupe doit la manger (1834), in: ebenda, S. 101.

256

GIAN MARIO B R A V O

den Reichen und den Armen. Die Reichen haben ihn angezettelt. In Wirklichkeit sind sie die Aggressoren". 32 Obwohl Blanqui derartige klassenmäßige Einschätzungen traf, faßte er die Revolution nicht als einen Zusammenfluß verschiedener Ströme zu einem gewaltigen Ganzen auf. Für ihn war Revolution, wenigstens in ihren ersten Etappen, vor allem Abrechnung, d. h. weniger Grundlegung für eine bessere Zukunft als vielmehr Willenserklärung des Proletariats und der Unterdrückten, die erlittene Unbill heimzuzahlen. Das Manifest, das er anläßlich des Aufstandsversuchs im Mai 1839 verfaßte, belegt das Gesagte: „Das verratene Frankreich und das Blut unserer gelynchten Brüder schreien nach euch und fordern Rache. Möge sie schrecklich sein, wo der Verrat so groß ist ! Endlich wird der Ausbeutung ein Ende gesetzt, und die Gleichheit kann triumphierend auf die verstreuten Trümmer der Monarchie und Aristokratie herabsehen... Erhebe dich, Volk ! Deine Feinde werden wie Staub im Wind auseinanderstieben. Vernichte sie ! Rotte die elenden Satelliten, die freiwilligen Komplicen der Tyrannei mitleidlos a u s ! " 3 3 Für Blanqui hatte die Revolution die Aufgabe, die kapitalistische Gesellschaft zu zerstören und eine neue, die kommunistische Gesellschaft, zu errichten. Die blanquistische Revolution, d. h. der bewaffnete Aufstand einer verantwortungsbewußten Minderheit, die im Interesse des Proletariats handelt, legte großen W e r t auf rein technische Faktoren wie „Organisation", „Ordnung" und „Disziplin", was sicher keine ideologischen Fragen des Klassenbewußtseins des Proletariats sind. Folglich fehlte bei Blanqui die Verbindung zwischen „Berufsrevolutionären" und Massen. 31 Unter den positiven Aspekten seiner Lehre ist das Verständnis der Revolution als ununterbrochene Evolution hervorzuheben. Dadurch fehlte die Vorstellung von einem Sprung, d. h. von einem improvisierten qualitativen Umschlag, der nicht durch die vorangegangenen Erfahrungen und die historischen Voraussetzungen begründet erscheint. Die Revolution kennzeichnete nur den Beginn einer neuen und sich ständig regenerierenden „revolutionären Evolution". 3 6 Sie ist also kein Allheilmittel für die Übel der Vergangenheit, sondern vielmehr die Bedingung dafür, um die verschiedenen Probleme entsprechend den gesellschaftlichen Verhältnissen und dem gesellschaftlichen Fortschritt anpacken zu können. Blanqui versteht also die Revolution nicht als Ziellinie, sondern als Startpunkt, betrachtet sie dynamisch und nicht statisch. Diese Konzeption ist selbstverständlich nur langsam gereift. Blanqui und einige seiner Mitstreiter zogen aus dem Scheitern der 48er Revolution den vagen Schluß, daß eine Übergangsperiode notwendig sei, um diejenigen gesellschaftlichen Veränderungen zu bewirken, für die sie stritten.

32

33 34 35

Défense du citoyen Louis Auguste Blanqui devant la cour d'assises (1832), in: ebenda, S. 73. Aus Belle-Ile schrieb er, daß „zwischen diesen Klassen ein heftiger Krieg ausbricht". Vgl. M. Dommanget, Les idées politiques et sociales d'Auguste Blanqui, S. 242. Blanqui, Appel du comité delà Société des saisons (12. Mai 1839), in:Textes choisis, S. 107f. V. P. Volguine, a. a. O., S. 39 f. M. Dommanget, Les idées politiques et sociales d'Auguste Blanqui, S. 154ff.

Revolutionsbild der Sozialisten vor Marx

257

Man kann sich Dommanget anschließen, der schreibt, daß das Leben von Blanqui „die Geschichte überdrehter oder verpaßter Gelegenheiten ist". 36 Er griff zu spät oder politisch falsch in die historischen Ereignisse Frankreichs im 19. Jahrhundert ein : 1839,1848,1870—1871. Den Vorteil, den ihm die organisierte Arbeiterbewegung, die ideologische Auseinandersetzung, die gesellschaftlichen Verhältnisse und die politische Situation in Frankreich boten, verstand er nicht zu nutzen. Das theoretische und praktische Rüstzeug, mit dem er den Zeitgenossen gegenübertrat, war stets veraltet. Trotz des bedeutenden Formats seiner Persönlichkeit, seines Mutes, seines streitbaren Geistes und seiner erwiesenen politischen und intellektuellen Fähigkeiten ist er, wie Yves Guyot schon 1872 hervorhob, „schicksalhaft zum Untergang verurteilt und sein Leben eine einzige lange und bittere Enttäuschung gewesen". 37 Revolutionäre Erwartung lag über dem europäischen Vormärz im allgemeinen, über Frankreich und Deutschland im besonderen. Das empfinden nicht erst wir so. Ein solches Gefühl hatte bereits ein großer Teil unter den scharfsinnigen zeitgenössischen Beobachtern: die Neobabouvisten und Blanqui in Frankreich; viele Gruppierungen innerhalb der deutschen Arbeiterbewegung; die kommunistische deutsche Emigration (wie diejenige anderer Staaten) in der Schweiz, einige italienische Emigranten in Frankreich, d. h. alle, die sich der Revolution, besonders der sozialen Revolution gegenüber nicht taub oder fideistisch stellten, nicht im Studierzimmer auf ein Weltgericht warteten, das die ökonomischen und sozialen Probleme löst. Viele von ihnen arbeiteten für die Revolution und schalteten sich in die Bewegung ein, die die historischen Verhältnisse, ihre eigene Tätigkeit und die der Gesellschaft immanenten Widersprüche angeregt hatten. Gemeinsam war allen das Streben nach radikaler Erneuerung. Das war der Hauptnenner, der viele zusammenfaßte, die wir heute als revolutionär, kommunistisch, sozialistisch, utopisch usw. qualifizieren. Sogar der utopische Sozialismus, wenigstens in seinem stärksten und ursprünglichsten Kern, spiegelte diesen Geist des europäischen Vormärz. Obwohl ihm der revolutionäre Impetus zu ermangeln scheint, präsentierte er sich dennoch seiner Gegenwart, bewußt oder unbewußt, als umstürzlerisch. Ganz allgemein kann man sagen, daß jeder Sozialismus, auch der utopischste, wenn nicht in der Form, so doch in seinem Gehalt revolutionär ist. So oder so zielt der Sozialismus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts auf die radikale und allseitige Erneuerung der Gesellschaft ab. Die Trennungslinie verläuft nicht zwischen seinen verschiedenen „Spielarten", sondern zwischen Evolution oder Revolution. Aber auch innerhalb jeder dieser beiden neuen Gruppen gibt es zahllose Unterschiede und Verbindungen. Die Evolution kann sich über Reformen, durch den Druck der Massen, der Arbeiterbewegung usw. vollziehen. Die Revolution kann total oder partiell sein, es kann sich um eine Rebellion, Revolte oder um einen Aufstand Ebenda, S. 368. ' Y. Guyot, La théorie des révolutions, in: ,,Le Radical", Paris, 18. Februar 1872, nach M. Dommanget, ebenda, S. 369.

36 3

1 7 Studien

258

GIAN MARIO BRAVO

h a n d e l n u s w . Von dieser F r a g e s t e l l u n g a u s g e h e n d , k ö n n t e n alle oder doch ein g u t e r Teil der v o r m a r x s c h e n Sozialisten in einem gewissen Sinn als „ R e v o l u t i o n ä r e " eing e o r d n e t w e r d e n . D a b e i fassen wir aber n u r einen u n d möglicherweise sogar s e k u n d ä r e n S e k t o r ins A u g e ; d e n n wir n e h m e n weniger die Ziele ( A u f b a u des Sozialismus) als vielmehr die gegebenenfalls v e r f ü g b a r e n Mittel u n t e r die L u p e . Die A n e r k e n n u n g des K l a s s e n k a m p f e s scheidet die Geister. A n d e r e r s e i t s l ä ß t sich der i m allgemeinen b e t r ä c h t l i c h e A b s t a n d zwischen U t o p i s t e n u n d R e v o l u t i o n ä r e n i m Sozialismus u n d K o m m u n i s m u s des V o r m ä r z n i c h t ü b e r s e h e n . E s g e n ü g t , a n die traditionelle u n d einflußreichste S t r ö m u n g des u t o p i s c h e n Sozialismus — v o n S a i n t - S i m o n bis F o u r i e r , v o n L e r o u x bis Louis ß l a n c u n d Cabet zu e r i n n e r n . N o c h deutlicher t r i t t diese E r scheinung in den weniger b e d e u t e n d e n R i c h t u n g e n h e r v o r , die z w a r „offiziell" keiner der sozialistischen „ S c h u l e n " E u r o p a s z u g e h ö r t e n , d e r e n I d e e n indessen m i t t e l oder u n m i t t e l b a r a u f n a h m e n u n d gelegentlich v e r s u c h t e n , sie in die P r a x i s u m zusetzen. W i r d e n k e n a n die zahlreichen S e k t e n , die in der ersten H ä l f t e des J a h r h u n d e r t s in d e n U S A w i r k t e n : die Rappities der Siedlungen Harmony u n d Economy, die Owenisten. W i r d e n k e n a n die Gesellschaften u n d V e r ö f f e n t l i c h u n g e n der J ü n g e r Fouriers u n d i h r e w i e d e r h o l t e n Versuche, k o m m u n i s t i s c h e Kolonien zu g r ü n d e n ; a n die S e k t e n des religiösen K o m m u n i t a r i s m u s u n d K o m m u n i s m u s ; a n die i k a r i s c h e n Seifenblasen u n d die vielen K a r t e n h ä u s e r , die d e u t s c h e E m i g r a n t e n e r r i c h t e t e n . 3 8 Dasselbe gilt f ü r die ä h n l i c h b r e i t d i s k u t i e r t e n a n a l o g e n E x p e r i m e n t e in E u r o p a , h a u p t s ä c h l i c h in E n g l a n d . 3 9 In diesem K a l e i d o s k o p e r z e u g t e n die verschiedenen Ideologien, P e r s ö n l i c h k e i t e n u n d S i t u a t i o n e n wechselnde Bilder. Aus ihnen s p r i c h t die Ü b e r z e u g u n g , d a ß die m o d e r n e kapitalistische Gesellschaft n u r d u r c h einen q u a l i t a t i v e n , also r e v o l u t i o n ä r e n Wechsel, der in ihr selbst seinen U r s p r u n g h a b e n muß, umgestaltet werden kann. E t w a s a n d e r s liegt die Sache, wenigstens i m allgemeinen, bei d e n b e d e u t e n d e n V e r t r e t e r n des s o g e n a n n t e n u t o p i s c h e n Sozialismus. Die n a c h M e i n u n g ihrer Verf e c h t e r auf V e r n u n f t u n d „ W i s s e n s c h a f t " g r ü n d e n d e n S y s t e m e der S a i n t - S i m o n i s t e n u n d F o u r i e r i s t e n scheinen das Gegenteil der R e v o l u t i o n zu sein. I h n e n eignet ein a - r e v o l u t i o n ä r e r R a t i o n a l i s m u s , der u n m i t t e l b a r e V e r ä n d e r u n g e n ausschließt. A b e r 38

39

M. Holloway, Heavena on Earth. Utopian Communities in America 1860—1880, London 1951. „In den USA tritt uns der vormarxsche Sozialismus nicht in revolutionärer Gestalt entgegen. Er beschränkt sich auf eine kritische Analyse des Industriekapitalismus. Es handelt sich um eine fast ausschließlich intellektuelle Strömung, die immer darum besorgt war, nicht über ökonomische Forderungen hinauszugehen. Das gleiche gilt für die (kommunistischen) Kolonien. Mit ihnen wandte man sich nicht an die Massen und erst recht nicht an das Proletariat, sondern an einige Gruppen, Einzelpersonen oder Gemeinschaften. Der einzige, der eine, wenn auch vage Vorstellung von der Revolution hat, ist Thomas Skidemore (1790—1832), der jedoch weder an das Proletariat, noch an die Armen und Elenden appelliert." Vgl. D. Harris, Socialist Origins in the United States. American Forerunners of Marx. 1817—1832, Assen 1966. W. H. G. Armytage, Heavens Below. Utopian Experiments in England 1560—1960, London 1961. (Vgl. Teil II, The Owenite Apocalypse, und Teil III, The Heyday of Experiment).

Revolutionsbild der Sozialisten vor Marx

259

a u c h i h n e n k a n n m a n in gewisser H i n s i c h t r e v o l u t i o n ä r e G e s i n n u n g n i c h t a b s p r e c h e n , w e n n sich diese a u c h n i c h t in m e h r oder weniger g e w a l t s a m e n U m s t u r z p l ä n e n , sondern d a r i n ä u ß e r t e , d a ß sie d e m K a p i t a l i s m u s die Möglichkeit, eine Gesellschaft a u f z u r i c h t e n , in der die M a c h t u n d die P r o d u k t i o n s m i t t e l d i r e k t in d e n H ä n d e n der P r o d u z e n t e n liegen sollten, entgegenhielten. A u c h sie a h n t e n eine n e u e Gesellschaft v o r a u s . E s ist deshalb n a h e z u u n m ö g l i c h , r e v o l u t i o n ä r e u n d u t o p i s c h e Sozialisten säuberlich a u s e i n a n d e r z u h a l t e n . A n vielen Stellen n ä h e r n sie sich j e n e n . Hingegen scheidet u n z w e i f e l h a f t eine T r e n n u n g s l i n i e i m v o r m a r x s c h e n Sozialismus jene, die v o n der E x i s t e n z der Klassen ausgingen u n d deshalb a u c h die v e r s c h i e d e n e n F o r m e n des K a m p f e s zwischen i h n e n (die Gewalt oder besser: die organisierte Gewalt) ane r k a n n t e n 4 0 v o n denen, die diese B e t r a c h t u n g s w e i s e a b l e h n t e n u n d d e s h a l b a u c h die gesellschaftlichen u n d historischen E r s c h e i n u n g e n n i c h t wirklich a n a l y s i e r t e n . N u r f ü r sie w ä r e die B e z e i c h n u n g „ U t o p i s t e n " voll z u t r e f f e n d . W i r wollen n u n die T h e s e n derer, die gemeinhin als U t o p i s t e n b e z e i c h n e t w e r d e n , u n t e r d e m Gesichtswinkel der sozialen R e v o l u t i o n p r ü f e n . D a b e i stellen wir fest, d a ß die S a i n t - S i m o n i s t e n u n t e r B e r u f u n g auf i h r e n A h n h e r r n den „ A n t a g o n i s m u s " , d. h . a b e r einen A u s g a n g s p u n k t des K l a s s e n k a m p f e s als e x i s t e n t b e t r a c h t e t e n u n d d a m i t die h a r m o n i s c h e , ü b e r d e n Klassen s t e h e n d e Vereinigung der „ T ü c h t i g e n " n e g i e r t e n . „ D e r A n t a g o n i s m u s , der auf der V o r h e r r s c h a f t der p h y s i s c h e n Gewalt b e r u h t u n d d a s Ergebnis der A u s b e u t u n g des Menschen d u r c h d e n Menschen ist, ist die ü b e r r a g e n d e E r s c h e i n u n g der ganzen Geschichte. E r r u f t a u c h in b e s o n d e r e m M a ß e die S y m p a t h i e hervor, die wir der E n t w i c k l u n g der Menschheit entgegenb r i n g e n ; d e n n , so gesehen, ist es möglich, d a ß sich diese E n t w i c k l u n g d u r c h die s t ä n d i g e A u s w e i t u n g des Reiches der Liebe, der H a r m o n i e u n d des F r i e d e n s ä u ß e r t . " 4 1 Die Klassengegensätze t e n d i e r e n also d a h i n , sich ohne j e d e n Ü b e r g a n g i m ers t r e b t e n Ziel, d e m Reich der H a r m o n i e , aufzulösen. P h i l i p p e B û c h e z k a n n als E k l e k t i k e r begriffen w e r d e n , der v e r s u c h t e , d e n SaintS i m o n i s m u s , dessen Grenzen er nie ü b e r s c h r i t t , m i t d e m R e f o r m k a t h o l i z i s m u s u n d einer r e v o l u t i o n ä r e n G e i s t e s h a l t u n g zu v e r b i n d e n . Der L e h r e seines Meisters g e w a n n er n i c h t n u r kritische u n d d e s t r u k t i v e Züge a b . E r i n t e r p r e t i e r t e sie insofern kons t r u k t i v , als er m e i n t e , sie k ö n n e wie ein Magnet wirken, der den K a t h o l i z i s m u s a n d e n Sozialismus h e r a n z i e h t . Alphonse C o n s t a n t u n d Alphonse E s q u i r o s w a r e n zu Beginn der 40er J a h r e u n e r b i t t l i c h e r als er in ihren aus der christlichen L e h r e ab40

41

Als Unterscheidungsmerkmal zwischen revolutionärem und utopischem Sozialismus gilt gemeinhin die „Gewalt". Vgl. beispielsweise: S. R. Ghibaudi, Il socialismo utopistico, ili: Storia delle idee politiche, economiche e sociali, Turin 1969. Interessant ist die Stellungnahme von A. Vierkandt, Zur Theorie der Revolution, in: Schmollers Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft im Deutschen Reiche, MünchenLeipzig, XLVI, Sept. 1922. V. will nachweisen, daß die Revolution sich nicht immer durch Gewalt realisiert und daß sie manchmal „konstruktiven" Charakter annimmt, indem sie neue gesellschaftliche Werte schafft. Doctrine de Saint-Simon, Exposition, Première année (1829). Paris 1924, S. 213. Über Saint-Simon und Fourier siehe La pensée socialiste devant la Révolution française, Paris 1966.

17*

260

GIAN MARIO BRAVO

geleiteten r e v o l u t i o n ä r e n F o r d e r u n g e n , a b e r i h r e p r a k t i s c h e n E r g e b n i s s e blieben a b s t r a k t . Sie n a n n t e n sich selbst R e v o l u t i o n ä r e u n d n u t z t e n in u n t e r s c h i e d l i c h e r Weise d a s einzige i h n e n z u r V e r f ü g u n g s t e h e n d e „wirklich r e v o l u t i o n ä r e " I n s t r u m e n t a r i u m , u m die „ k o m m u n i t ä r e " Gesellschaft zu p r o p a g i e r e n : die E v a n g e l i e n . S e l b s t bei Fourier, dessen „ P a z i f i s m u s " u n d H a l t u n g z u r G r o ß e n R e v o l u t i o n einer A k z e p t i e r u n g der gesellschaftlichen oder s t r u k t u r e l l e n U m w ä l z u n g entgegenz u s t e h e n scheinen, f i n d e t m a n A n s ä t z e zu einer Definition der R e v o l u t i o n 4 2 , w e n n e r beispielsweise die G r o ß e R e v o l u t i o n als B e f r e i u n g s b e w e g u n g der u n t e r d r ü c k t e n Massen, als d e n „ K r i e g der A r m e n gegen die R e i c h e n " e i n s c h ä t z t e u n d g e r a d e ü b e r die R e v o l u t i o n u n d die K r i t i k der b ü r g e r l i c h e n Gesellschaft h i n w e g die n e u e h a r m o nische Gesellschaft e n t d e c k t e . E i n e K l a s s e n a n a l y s e der sozialen Gegensätze lag seinen E i n s i c h t e n a b e r n i c h t z u g r u n d e . 4 3 K o n s e q u e n t e r in b e z u g auf d e n „ r e v o l u t i o n ä r e n A u s g a n g s p u n k t " w a r ein italienischer E m i g r a n t in P a r i s , A n d r e a Luigi Mazzini. F o u r i e r s p r a c h er j e d e r e v o l u t i o n i e r e n d e W i r k u n g ab 4 4 , da er die R e v o l u t i o n rein t h e o r e t i s c h b e t r a c h t e . Die „ w a h r h a f t r e v o l u t i o n ä r e n P o t e n z e n u n s e r e r u n d zuk ü n f t i g e r E p o c h e n " r u h t e n n a c h seinem E r a c h t e n in d e n „ e g a l i t ä r e n sozialistischen o d e r k o m m u n i s t i s c h e n L e h r e n " . I m K o m m u n i s m u s s a h Mazzini einen „levier populaire de révolution11, v o n dessen e f f e k t i v k r i t i s c h e m W e r t er n i c h t ü b e r z e u g t w a r , d e n er a b e r i m Interesse g r u n d l e g e n d e r V e r ä n d e r u n g e n in d e n sozialen u n d p o l i t i s c h e n V e r h ä l t n i s s e n E u r o p a s f ü r erforderlich hielt. Die A n a l y s e der S i t u a t i o n in I t a l i e n , w o alle V o r b e d i n g u n g e n f ü r reformistische A k t i o n e n f e h l t e n , sich v i e l m e h r n u r eine r a d i k a l e L ö s u n g — die R e v o l u t i o n — a n b o t , u n d die A n w e n d u n g der in d e n Diskussionen der Linkshegelianer e n t w i c k e l t e n K a t e g o r i e n der Logik d r ä n g t e n d e n A u t o r zu einem solchen Schluß. N a c h d e m er die Grenzen des v o n d e n V ö l k e r n erreichten historischen F o r t s c h r i t t s a b g e s c h r i t t e n w a r , ü b e r p r ü f t e er kritisch den Begriff der F r e i h e i t u n d e r a h n t e , d a ß sie n u r d u r c h die r e v o l u t i o n ä r e A n n ä h e r u n g a n ein a n d e r e s b e h e r r s c h e n d e s P r i n z i p seiner Zeit, die Gleichheit, v o l l s t ä n d i g realisiert w e r d e n k ö n n e . A u c h er w a r sich des „ b e v o r s t e h e n d e n A u s b r u c h s " der R e v o l u t i o n in E u r o p a b e w u ß t , als er s c h r i e b : „ D i e F r e i h e i t h a t d e n Volksmassen zu wenig gegeben. Sie ist m e h r eine G r u n d i d e e der E n t w i c k l u n g d e n n eine t a t s ä c h l i c h i m Volk v e r w u r z e l t e K r a f t . Die wirklich i m 4a

43

44

M. Ralea, Révolution et socialisme. Essai de bibliographie, Paris 1923. Hier finden sich einige Hinweise auf Arbeiten von Fourier, in denen er sich mit der Revolution befaßt: Théorie des quatres mouvements, 1808; Traité de l'association domestique agricole, 1822. Siehe I. Zilberfarb, La filosofia sociale di Charles Fourier e il suo posto nella storia del pensiero socialista. Auszugsweise in: Critica storica, Florenz 1967, Nr. 5, S. 660—683. M. Larizza, Studi fourieriani, in: Rivista internazionale di filosofia del diritto, Mailand 1967, S. 1 7 - 2 1 . Der Sozialismus im allgemeinen „und derjenige von Fourier im besonderen scheine eher dazu berufen, Einfluß auf die mittleren und gebildeten Klassen als auf das niedere Volk zu gewinnen". Vgl. A. L. Mazzini, De l'Italie dans ses rapports avec la liberté et la civilisation moderne, Paris 1847, Bd. 2, S. 531. Mazzinis Buch erlebte zwischen 1848 und 1849 zahlreiche Ubersetzungen und Auflagen in deutscher Sprache.

Revolutionsbild der Sozialisten vor Marx

261

Volk verwurzelte demokratische und evangelische Grundidee ist die Gleichheit, die soziale Brüderlichkeit. Diese Grundidee brauchte, u m sich zu entwickeln, die Freiheit, so wie diese die Autorität gebraucht hat, weil beide den gleichen logischen und ideellen Ursprung h a t t e n . Sie bildet das Ziel des revolutionären Weges der Völker und wird die radikalste und umfassendste Revolution erfordern, die es jemals in der Geschichte gab." 4 5 Schließlich noch ein W o r t zu Proudhon. In einigen seiner Arbeiten äußerte er sich über die Revolution und n a h m 1848 selbst aktiv an den Ereignissen teil. Revolution und Klassenkampf wies er von sich: „ I c h will die friedliche Revolution", wird er 1851 in Idée générale de la révolution schreiben; faktisch ertrinkt sie in einer evolutionären Auffassung, wonach die „revolutionierte" Gesellschaft infolge ihrer „spont a n e n Entwicklung" die „fortschrittlichste" F o r m der Gesellschaft darstellt. 4 6 Der Bruch mit Marx erhellte, daß er die Revolution sowohl als Idee wie auch als Methode ablehnte: In einem Brief vom 17. Mai 1846 versicherte er Marx, jede revolutionäre Perspektive und Direktaktion zur Eroberung der Macht „vollständig preisgegeben" zu haben. Während er breit ausführte, wie nützlich es wäre, jeder „revolutionären Gesinnung" abzuschwören, entwickelte er sein zukünftiges P r o g r a m m : den Mutualism u s : „ I c h meine, daß wir sie (die revolutionäre Gesinnung) nicht brauchen, u m erfolgreich zu sein. Wir sollten die revolutionäre Aktion nicht als Mittel der Gesellschaftsreform vorschlagen, weil dieses angebliche Mittel ganz einfach ein Appell an die Gewalt, an die Willkür, kurz gesagt, ein Widerspruch wäre. F ü r mich stellt sich das Problem so: Man m u ß eine solche ökonomische Kombination finden, durch die die Gesellschaft den Reichtum zurückerhält, der ihr durch eine andere ökonomische Kombination entzogen worden ist." 4 7 Fassen wir zusammen: Für die „utopischen Sozialisten" ist das Thema Revolution, soweit es von ihnen ü b e r h a u p t aufgegriffen wird, zweitrangig. Ihr Interesse an der Revolution ist vor allem historisch : Sie alle standen unter dem B a n n der Revolution von 1789—1794; viele h a t t e n das J a h r 1830 erlebt; einige schließlich sahen die 48er Revolution voraus. Sie kamen indes nicht von den theoretisch perfekten oder doch wenigstens vervollkommnungsfähigen Konstruktionen los, die sie sich selbst zurechtgelegt h a t t e n . Sie zogen es — gewissermaßen aus intellektueller Nachlässigkeit — vor, in ihren eigenen Gedanken zu versinken, a n s t a t t die Welt, in der sie lebten, als Ganzes zu analysieren. Aus Kritikern des kapitalistischen Systems u n d der bürgerlichen Gesellschaft wurden sie zu Moralisten, wenn ihre Negation an die Schwelle zur Position geriet. Von der kritischen politischen Analyse gingen sie unvermittelt dazu über, von einer fernen Z u k u n f t zu „ t r ä u m e n " , die nur im Bereich der H o f f n u n g realisierbar war ; denn ihr Lehrschatz wies eine Lücke auf : das Studium des einzigen konkret bestimmten Bestandteils derartiger Analysen — der Revolution. 45 46

47

Ebenda, S. 392-394, 463ff. und 508ff. P. J. Proudhon, Idée générale de la révolution aux XIX e siècle, Paris 1851, S. 195 bis 197. Vgl. den am 17. Mai 1846 aus Lyon geschriebenen Brief von Proudhon an Karl Marx, iu : P. J. Proudhon, Correspondance. Paris 1875, Bd. 2, S. 198—202.

262

GIAN MARIO BRAVO

Anders steht es um die revolutionären Richtungen im deutschen Vormärz. Die Revolution wurde als Gegengift, als „ R e a k t i o n " auf die metternichsche und preußische Unterdrückung betrachtet, weshalb der Beitrag zur Theorie der Revolution, ob er demokratisch-liberaler, radikaler oder auch sozialistischer Herkunft war, die französische Höhe nicht erreichte. Die revolutionäre Bewegung erfaßte im wesentlichen den politischen, nur partiell den sozialen Bereich. Ihre Seele waren die Studenten, die in Verschwörungen und Rebellionen das Banner der Freiheit erhoben, sich aber unter den gesellschaftlichen Verhältnissen, auf die sie trafen, keine Klassenziele stellten. E s ist Weitlings Verdienst, Arbeiterbewegung, Sozialismus und Revolution zusammengeführt zu haben. Der Terror im Innern zwang den bewußtesten Teil der revolutionären Jugend, zu emigrieren. Im Kontakt mit der politischen Umwelt und dem Sozialismus des Auslands sowie den deutschen Arbeiter-Emigranten entstand und kräftigte sich eine Bewegung, die trotz ihrer unbestreitbaren Unreife als der deutsche Ausgangspunkt des Sozialismus betrachtet und mit den zeitgenössischen vormarxschen Richtungen verglichen werden kann. Obwohl sie auf philosophischem und literarischem Gebiet viele Verbindungen mit den in Deutschland Mitte der dreißiger Jahre entstandenen geistigen Strömungen hatte, handelt es sich um eine selbständige Erscheinung. In Hessen, Baden und Frankfurt häuften sich zwischen 1832 und 1835 revolutionäre Verschwörungen und Aufbegehren liberal-radikaler Gruppen, deren Aktivität sozialistische Initiativen belebten. Eine Hauptkraft bildeten die Burschenschaften. Der Frankfurter Wachensturm vom 3. April 1833, hinter dem die Initiative des Presse- und Vaterlandsvereins stand, ordnete sich in eine viel weitläufigere konspirative Welle ein; Männer wie Weidig, Schüler, Folien und Schapper traten nicht allein auf organisatorischem Gebiet, sondern vor allem mit intellektuellen Aktionen hervor. 48 Hier ist nicht der Ort, Details nachzuspüren. Wir wollen die Stellungnahmen einiger Hauptpersonen des deutschen Vormärz zum Thema Revolution, zuerst aus Deutschland selbst und dann, wenn ihnen die Flucht gelang, aus dem Ausland einholen. Jacob Venedey war viele J a h r e Mitglied und Führer von Vereinigungen deutscher Werktätiger in Paris. Wiewohl kein Sozialist, stand er der Revolution aufgeschlossen gegenüber. Insofern näherte er sich sozialistischen Positionen, ohne freilich den entscheidenden Schritt zu tun. In seiner republikanisch-demokratisch orientierten Pariser Zeitung Der Geächtete schrieb er, daß es Aufgabe der Zeit sei, die „Tyrannei, die Vorherrschaft des Unrechts" zu stürzen und das Tier, „ d a s von Fleisch und Blut lebt," zu besiegen. Man könne die Knechtschaft und Tyrannei durch stufenweise Organisation und Vorbereitung liquidieren; gegenwärtig jedoch 48

Die Literatur hierzu ist sehr reich. Wir verweisen auf: Actenmäßige Darstellung der im Großherzogthume Hessen in den Jahren 1832 bis 1835 stattgehabten hochverrätherischen und sonstigen damit in Verbindung stehenden verbrecherischen Unternehmungen, Darmstadt 1839; B.Bauer, Geschichte der constitutionellen und revolutionären Bewegungen im südlichen Deutschland in den Jahren 1831—1834, Charlottenburg 1845, Bd. 3, S. 245ff., 269ff.; E. Dietz, Das Frankfurter Attentat vom 3. April 1833 und die Heidelberger Studentenschaft, Heidelberg 1906, S. 1 —32; M. Eckel, Die politische Presse Hessens von 1830—1850, Würzburg 1838, S. 24 — 28.

Revolutionsbild der Sozialisten vor Marx

263

sei es notwendig, daß jene, die sich ihrer Ketten bewußt sind, diese mit revolutionärer Gewalt sprengen. 49 Der Artikel atmete den gleichen revolutionären Geist, von dem die Genossen und Freunde Venedeys in der Heimat beseelt waren: aufgeschlossen für soziale Probleme, ohne aber vom Sozialismus Kenntnis zu nehmen. Im Unterschied zur bürgerlichen Großen Revolution propagierte Yenedey nicht rein politische, aber auch noch keine sozialistischen Ziele. Wir stehen an einer Nahtstelle zwischen den entschiedensten Vertretern der kleinbürgerlich-radikalen Intelligenz und den Anfängen der organisierten proletarischen Bewegung. Größere Bedeutung erlangten Friedrich Ludwig Weidig und Georg Büchner. Der Philosoph und Poet Weidig versuchte lange Zeit mit legalen und illegalen Mitteln (Publikation von Manifesten und Zeitschriften) die Struktur „seines" Staates Hessen-Darmstadt zu reformieren. Schließlich entschied er sich für die revolutionäre Verschwörung, um die politischen und staatsbürgerlichen Freiheiten zu erringen. Seine Argumentation stützte er religiös, besonders mit der Bibel ab. Das war ein durchaus geeignetes Mittel bei der Bildung von Gruppen Intellektueller, deren Führer er wurde. 50 Schon der gemäßigte Leuchter und Beleuchter für Hessen51 war bei der Polizei gefürchtet. Als Weidig mit dem blutjungen, genialen Büchner bekannt wurde, wandte er sich den sozialen Erscheinungen zu. Aus der Zusammenarbeit mit Büchner und einer Reihe junger Revolutionäre hervorgegangen, fanden seine biblisch verkleideten Untersuchungsergebnisse in der berühmten Broschüre Der Hessische Landbote, dem ersten deutschen revolutionärsozialistischen Manifest, ihren Niederschlag. Obwohl die Negation sein Wesentliches ausmachte, wirkte es dennoch durch Sprachgewalt, Präzision des Inhalts und die gründliche Auswertung von Daten und Meldungen wie ein echter Aufschrei nach revolutionärer Vergeltung. Sein destruktiver Charakter entsprach der Aufgabenstellung, Mißwirtschaft und Korruption ans Tageslicht zu ziehen. Die Bauern sollten sowohl vom Willen zur Vergeltung als auch von einem erneuerten Gefühl der christlichen Liebe getragen revoltieren (denn eine Revolte schwebte den Propagandisten wohl eher als eine totale Revolution vor). Sie schrieben nichts über die neue Welt, die sich auf den Trümmern der alten erheben könnte. Aber ihre Aktion, die völlige Ablehnung der gegenwärtigen Gesellschaftsordnung und der von ihnen geforderte allgemeine Umsturz ebneten dem Sozialismus den Weg. 52 Mit der Behauptung, daß es ein revolutionäres sozialistisches Manifest war, preßt man nichts ge49

50

51

62

[J. Venedey], Der Kampf für eine bessere Zukunft, in: Der Geächtete, 1834, Nr 4. Abgedruckt in: Vom kleinbürgerlichen Demokratismus zum Kommunismus. Zeitschriften aus der Frühzeit der deutschen Arbeiterbewegung (1834—1847), bearb. u. eingel. v. W. Kowalski, Berlin 1967, S. 26—27; siehe auch S. 30ff., 39, 46ff. [von Wagemann], Darlegung der Haupt-Resultate aus den wegen der revolutionären Complotte der neueren Zeit in Deutschland geführten Untersuchungen. Frankfurt a. M. 1839, S. 43ff., 61 ff., K. Büchner, Friedrich Ludwig Weidig, Frankfurt a. M. 1849. Leuchter und Beleuchter für Hessen. Speyer. Wir haben die einzige Nummer vom 4. November 1833 gefunden. Sie steht unter dem Motto: Recht, Gesetz. Der Hessische Landbote. Erste Botschaft (1834). Nachgedruckt in: G. Büchner, Werke und Briefe, Wiesbaden 1858, S. 333—345.

264

GLAN MARIO BBAVO

w a l t s a m hinein, a u c h w e n n es eher v o n einer u n b e s t i m m t e n S e h n s u c h t n a c h d e m Sozialismus k ü n d e t e , der sich z w a r sehr p r i m i t i v darstellte, d e n n o c h a b e r als logische K o n s e q u e n z a u s d e m r e v o l u t i o n ä r e n P r o z e ß floß. Die h e f t i g e R e a k t i o n der B e h ö r d e n zeigte, wie sehr sich die R e g i e r e n d e n des E r n s t e s der „ G e f a h r " b e w u ß t w a r e n , die v o n der verschwörerischen G e h e i m b ü n d e l e i der Weidig, B ü c h n e r u n d Genossen ausging. A m k o n s e q u e n t e s t e n — soweit m a n v o n K o n s e q u e n z bei d e n j u n g e n M ä n n e r n , d e r e n G e d a n k e n w e l t sich gerade erst h e r a u s b i l d e t e , s p r e c h e n k a n n — ging A u g u s t Becker d e n eingeschlagenen W e g weiter. Zu der r e v o l u t i o n ä r e n E r f a h r u n g , die er in j u n g e n J a h r e n a n der Seite B ü c h n e r s u n d Weidigs gewann, t r a t s p ä t e r die Verbind u n g z u r d e u t s c h e n A r b e i t e r b e w e g u n g u n d d e m Sozialismus Weitlings. Die revolut i o n ä r e T a t Beckers b e s t a n d d a r i n , d a ß er sich k o m m u n i s t i s c h e Ziele setzte. D a b e i p r e d i g t e er n i c h t n u r ü b e r die z u k ü n f t i g e g e r e c h t e u n d egalitäre Gesellschaft, s o n d e r n w i r k t e d u r c h die O r g a n i s a t i o n e n der e m i g r i e r t e n d e u t s c h e n A r b e i t e r u n d H a n d w e r k e r f ü r sie. E r e n t w i c k e l t e keine neue r e v o l u t i o n ä r e Theorie, f o r m i e r t e j e d o c h eine r e v o l u t i o n ä r e k o m m u n i s t i s c h e O r g a n i s a t i o n . I m ganzen gesehen ein R e v o l u t i o n ä r v o n J u g e n d a u f , s t e h t er, zwischen der rein politischen B e w e g u n g des B ü r g e r t u m s u n d d e m A r b e i t e r k o m m u n i s m u s , a n der Spitze einer der H a u p t r i c h t u n g e n i m V o r m ä r z . 5 3 D e m e n t g e g e n s t a n d der a b s t r a k t e R e v o l u t i o n a r i s m u s des Jungen Deutschland u n d W i l h e l m Marrs. Marr p r o k l a m i e r t e sich n a c h d e m S t u d i u m F e u e r b a c h s z u m A t h e i s t e n u n d d a m i t z u m Z e r s t ö r e r der Religion u n d gleichzeitig z u m A n a r c h i s t e n u n d d a m i t z u m Zerstörer des S t a a t e s . Seine „ u l t r a r e v o l u t i o n ä r e n " E r k l ä r u n g e n d u r c h z o g eine gewisse s t u d e n t i s c h e U n b e s t i m m t h e i t . S p ä t e r l a n d e t e er bei d e n L i b e r t ä r e n , zu d e r e n ersten P r o p a g a n d i s t e n in D e u t s c h l a n d er gehörte 5 4 , u n d schließlich b e i m A n t i s e m i t i s m u s . E s leidet a b e r keinen Zweifel, d a ß er t r o t z aller S c h w a n k u n g e n u n d Irrwege die R e v o l u t i o n eng m i t der s t r u k t u r e l l e n U m g e s t a l t u n g v e r b a n d . Vielleicht verhielt er sich ö k o n o m i s c h e n P r o b l e m e n g e g e n ü b e r e t w a s gleichgültig — d a h e r a u c h seine A b l e h n u n g des K o m m u n i s m u s . Auf die sozialen F r a g e n traf das n i c h t zu. W i r s p a r e n hier die A u f f a s s u n g e n der Linkshegelianer zur R e v o l u t i o n a u s . M a n k ö n n t e sie u n t e r d e m Begriff „ p h i l o s o p h i s c h e r " R e v o l u t i o n a r i s m u s s u b s u m i e r e n . Nützlich erscheint es j e d o c h , e t w a s zu M a x Stirner zu sagen. In M o t i v a t i o n u n d I n t e n t i o n glich sein A n a r c h i s m u s d e m v o n W i l h e l m Marr, liegt u n s j e d o c h w e i t gründlicher a u s g e a r b e i t e t vor. E r h a t B e r ü h r u n g s p u n k t e m i t d e m philosophischen R e v o l u t i o n a r i s m u s u n d einige wenige m i t d e m sozialistischen. Infolge seines r e i n kleinbürgerlich-individualistischen C h a r a k t e r s f ü h r t e er j e d o c h zu g a n z a n d e r e n E r g e b n i s s e n ; er w a r auf U n t e r s u c h u n g e n u n d I d e e n g ä n g e g e g r ü n d e t , die v o n diesem d u r c h a u s a b w i c h e n , u n d e m p f a h l schließlich A k t i o n s m e t h o d e n , die b a r jedes sozialistischen G e h a l t s w a r e n . E i n s u b j e k t i v i s t i s c h e r R e v o l u t i o n a r i s m u s , d e m es n i c h t t a t s ä c h l i c h u m „ R e v o l u t i o n " als v i e l m e h r u m die „ E m p ö r u n g " des E i n z e l n e n , die 53

54

Für Becker siehe G. M. Bravo, II comunismo tedesco in Svizzera. August Becker, 1 8 4 3 - 1 8 4 6 , in: Annali Feltrinelli, Mailand, VI, 1963, S. 5 2 1 - 6 2 0 . W. Marr, Anarchie oder Autorität?, Hamburg 1852, S. 132.

Revolutionsbild der Sozialisten vor Marx

265

persönliche Revolte gegen Unterdrückung und Ungerechtigkeit in einer Gesellschaftsordnung ging, die nicht unterdrückt und Unrecht übt, weil sie kapitalistisch ist, sondern einfach deshalb, weil es eine Gesellschaft ist. Man kennzeichnet deshalb Stirner besser als Theoretiker der Empörung, nicht der Revolution. 6 5 E r hat das, wenn auch negative „Verdienst", den Unterschied, der zwischen Rebellion und Revolution besteht, fixiert zu haben. „Revolution und Empörung dürfen nicht für gleichbedeutend angesehen werden", schrieb er in Der Einzige und sein Eigenthum. Unter Revolution verstand er eine „Umwälzung der Zustände", d. h. eine „politische oder soziale Tat". Die Empörung oder der Aufstand haben zwar „eine Umwandlung der Zustände zur unvermeidlichen Folge, gehen aber nicht von ihr, sondern von der Unzufriedenheit der Menschen mit sich aus, sind nicht eine Schilderhebung, sondern eine Erhebung der Einzelnen, ein Emporkommen, ohne Rücksicht auf die Einrichtungen, welche daraus entsprießen. Die Revolution zielte auf neue Einrichtungen, die Empörung führt dahin, Uns nicht mehr einrichten zu lassen, sondern Uns selbst einzurichten, und setzt auf (Institutionen) keine glänzende Hoffnung. Sie ist kein Kampf gegen das Bestehende, da, wenn sie gedeiht, das Bestehende von selbst zusammenstürzt . . . Einrichtungen zu machen gebietet die Revolution, sich auf- oder emporzurichten heischt die Empörung." 5 6 Natürlich konnte eine derart negative Auffassung gegenüber den realen gesellschaftlichen Auseinandersetzungen weder auf die Zeitgenossen noch auf den revolutionären Sozialismus Einfluß gewinnen (Etwas anders steht es um das Überleben Stirners im individualistischen Anarchismus amerikanischer Prägung.) Trotz gegenteiliger Meinung ihres Autors enthält diese völlig negative gedankliche Konstruktion jedoch eine klare Definition der Revolution, die mehr indirekt als direkt auf die spätere ideologische und organisatorische Entwicklung der sozialistischen Arbeiterbewegung zurückgewirkt hat. Der folgerichtigste Theoretiker der Revolution des deutschen Sozialismus vor Marx war Wilhelm Weitling. Das ist heute durch zahlreiche Forschungen erwiesen. Ebenso wie Buonarroti und Blanqui verband auch er die ideologische Arbeit — wenn man seine Propaganda unter den in die Schweiz und nach Frankreich emigrierten deutschen Arbeitern so bezeichnen will — mit einer ständigen, in die Breite und Tiefe gehenden Kleinarbeit auf organisatorischem Gebiet. Marx und Feuerbach zollten ihr wiederholt Hochachtung. Weitling steht als „letzter" in unserer Reihe der vormarxschen Revolutionäre, weniger der Chronologie wegen als vielmehr deshalb, weil er einen guten Teil des bereits gewonnenen Erfahrungsschatzes, sei er nun sozialistisch, utopisch oder revolutionär, anzapfen konnte. E r interpretierte ihn originell und wandte ihn den Verhältnissen in der deutschen Arbeiterbewegung entsprechend an, womit er gleichzeitig seine Gemeingültigkeit dartat. Weitling berief sich, abgesehen von dem zitierten „Erfahrungsschatz" der europäischen sozia-

55

51

Deshalb erscheint es uns falsch zu sagen, Stirners Buch sei „das Vade mecum aller deutschen Revolutionäre geworden", wie das geschieht bei Th. Funck-Brentano, Les sophistes allemands et les nihilistes russes, Paris 1887, S. 189. M. Stirner, Der Einzige und sein Eigenthum, Leipzig 1845, S. 422.

266

G I A N MARIO B E A V O

listischen Bewegung, wie alle Sozialisten des Vormärz, ob es nun die französischen, englischen, amerikanischen, spanischen oder italienischen waren, auf die Große Revolution. Aber ebenso wie bei den anderen zeitgenössischen deutschen Sozialkritikern jeder couleur trat ein Spezifikum hinzu: die Rückbesinnung auf den deutschen Bauernkrieg des 16. Jahrhunderts und vor allem auf Thomas Müntzer. Es ist dies ein unverwechselbares Unterscheidungsmerkmal, das durchaus verständlich wird, wenn man bedenkt, daß sich gerade in jenen Jahren spontan oder aus wissenschaftlichem Interesse sowohl im Volk als auch in der akademischen Geschichtsschreibung eine Hinwendung zur Reformation abzeichnete. Wir möchten ebenfalls an Friedrich Engels erinnern, der, angeregt durch das umfangreiche Werk von Zimmermann, dem Studium dieses Themas viel Zeit widmete. 57 Weitling stieß auf diesem Weg zur Revolution, und die im konkreten Fall gegebene Verbindung zur Religion beeinflußte seine ganze spätere Arbeit. Gleichbedeutend traten zwei weitere Kennzeichen hervor: erstens das Klassenbewußtsein, dessen Propagandist er war; zweitens die Überzeugung von der Notwendigkeit des Internationalismus. Dadurch waren seiner Tätigkeit innerhalb der deutschen Arbeiterbewegung Zeichen nationaler Begrenztheit fremd. Die revolutionäre Lehre Weitlings ging von den Existenzbedingungen der Arbeiterklasse aus. Seine erste Schrift: Die Menschheit, wie sie ist und wie sie sein sollte (1838) richtete er an die „ K l a s s e " . Er lehrte sie, sich ihrer Kraft bewußt zu werden. Von der Unvermeidlichkeit einer neuen Gesellschaftsordnung überzeugt, verband er die Arbeiterbewegung fest mit der revolutionären Perspektive. 58 Seine Auffassungen über die Revolution präzisierte er vor allem in den Garantien der Harmonie und Freiheit,59 Jeder Fortschritt, gleich ob durch gewaltsame Zerstörung der alten Ordnung oder auf evolutionärem Weg gewonnen, sei eine Revolution. Er hielt sie für das einzige Mittel, um vorwärtsschreiten zu können. Die Revolution sollte im kompromißlos geführten, ununterbrochenen, nötigenfalls auch bewaffneten Kampf der Unterdrückten verwirklicht werden. Vor allem dürfe sie den „Politikern" keine Chance bieten, Kapital aus ihr zu schlagen. Nach Weitlings Auffassung war die Revolution unumgänglich und vom Proletariat gewollt. Wirklichkeit wird sie aber erst, wenn sie „sozialen", d. h. wie er ausdrücklich sagt, kommunistischen Charakter annimmt. Die politische Revolution gestaltete in den Augen Weitlings nur den Überbau um. Diese Meinung erklärt sich z. T. dadurch, daß er lange in der Schweiz gelebt hat, einer Republik, die sich aber in nichts von einer Monarchie zu unterscheiden schien. Deshalb beurteilte er jene Revolution so skeptisch, deren ureigenstes Ziel die bürgerliche Republik ist. Aus einer in gewisser Beziehung aufrichtigen, wenn auch naiven Geradlinigkeit in seinem Denken ver57

58

53

Die Arbeit von F. Engels, Der deutsche Bauernkrieg, erschien in Nr. 5 des Jahrgangs 1850 der Neuen Rheinischen Zeitung — politisch-ökonomische Revue. K. Obermann, La propagande révolutionnaire de Wilhelm Weitling (1838—1843), in: Babeuf et les problèmes du babouvisme, S. 228 ff. Siehe das Kapitel „Über die Revolutionen" in: W. Seidel-Höppner, Wilhelm Weitling, der erste Theoretiker und Agitator des Kommunismus, Berlin 1961, S. 158—168. W. Weitling, Garantien der Harmonie und Freiheit (1842), Berlin 1955, S. 227ff.

Revolutionsbild der Sozialisten vor Marx

267

steht sich, daß er später 60 die marxistische Konzeption der demokratischen Revolution als notwendige Voraussetzung für die proletarische ablehnte. Darin ähnelte er den Utopisten und griff der Stellungnahme der Anarchisten, Bakunin an der Spitze, vor. Außer der direkten und gewaltsamen Revolution sprach Weitling noch über eine nicht unbedingt soziale, sondern eher ethische Revolution der Sitten, beispielsweise eine religiöse oder eine Art industrielle Revolution. So verlor das Ganze seine ursprüngliche Eindeutigkeit und weitete sich ins Uferlose. Jeder beliebige Wechsel, ob auf revolutionäre oder evolutionäre Weise, über einen kurzen oder langen Zeitraum hinweg, rubrizierte unter „Revolution", wenn es nur wahrscheinlich erschien, daß er zu einer grundlegenden Strukturveränderung auf sozialem und moralischem oder auch nur auf diesem oder jenem Gebiet führen könnte. Nach dem Sieg der Revolution hielt Weitling, wie vor ihm Babeuf und Buonarroti, eine Übergangsperiode für notwendig, um die neue Gesellschaft zu errichten. Sie ist dadurch charakterisiert, daß die Macht konzentriert und zentralisiert, d. h. in Form einer Diktatur ausgeübt werden muß, um alle Energien für den Aufbau der kommunitären Gesellschaft zu lenken. Die Ordnung gründet sich auf zwei allgemeine Normen, die die Absicht einer permanenten Revolution erkennen lassen: die Propaganda und Aufklärung über die revolutionären Prinzipien fortzusetzen und — das eigentliche Ziel der Revolution — die für die bürgerliche Gesellschaft typische Unordnung für immer zu verbannen. Das Evangelium des armen Sünders81 bekräftigte die These, daß der Kommunismus nur auf revolutionärem Weg aufgebaut werden kann. Dieser aber führt unbedingt über das religiöse Gefühl der Massen, über die Evangelien und den „bedeutendsten Revolutionär der Geschichte: Jesus Christus". Keine ehrerbietige, sondern eine revolutionäre Haltung gegenüber dem Eigentum t u t not. Der „Diebstahl" ist das einzige Mittel, um es zu überwinden, und ihn sollte eine gutorganisierte Gesellschaft anerkennen. Die Liquidierung des Eigentums, des Erbrechts und des Reichtums zu fordern, ist die Pflicht der Werktätigen. Sie wenden sich gegen die Gesellschaft, in der sie unterdrückt werden, und fordern ihre Rechte. Deshalb stellen sie den nützlichsten Teil der Gesellschaft dar. Ihr Vorbild sollte Jesus Christus sein; denn er anerkannte das Eigentum nicht und führte das „Schwert" in seinen Insignien. Er wollte den „Krieg", d. h. die Revolution. Wahres Christent u m bedeute, die „Gemeinschaft" auf revolutionärem Weg Wirklichkeit werden zu lassen. Weitling schrieb: „ E r sah den Krieg im Gefolge seiner Lehre und machte im voraus darauf aufmerksam. Solange man den Frieden nicht zu verhindern suchte, war er für den Frieden und für den Krieg, wenn der Krieg nicht zu vermeiden ist, ohne die Propaganda für die Lehre aufzugeben; wenn der Krieg angewandt wird, die Kraft des Prinzips zu schwächen, die Freiheit des Wortes zu unterdrücken." 6 2 In bildreicher Sprache interpretierte Weitling Jesus als den „ersten" Revolutionär, dessen Aktion nicht in Vergessenheit geriet, weil sie bis auf den heutigen Tag i 60 61

62

W. Seidel-Höppner, a. a. O., S. 164f. Siehe die neueste Ausgabe von W. Weitling, Das Evangelium des armen Sünders (1846), hrsg. von W. Seidel-Höppner, Leipzig 1967, S. 124—132. Ebenda, S. 132.

268

GIAN MAMO BEAVO

aktuell geblieben ist. E r zog das „ S c h w e r t " , um zu expropriieren und die Privilegien der modernen Gesellschaftsordnung zu liquidieren. Aber er überzeugte auch, solange es sinnvoll erschien. Gewalt anerkannte er als ein mögliches, wünschenswertes und gewolltes, aber nicht in jedem Fall notwendiges Kampfmittel. Zweifellos vermittelte Weitling eine konkrete Vorstellung von der Revolution: Er begriff sie als eine Klassenauseinandersetzung und berücksichtigte die Psychologie der Klasse, an die er sich wandte, ihr Bildungsniveau und ihre religiösen Gefühle ; er benutzte das ihr vertraute Instrumentarium, u m die Revolution gegen die Feinde der Arbeiterklasse, gegen ihre schlimmsten Unterdrücker zu propagieren. Weitlings revolutionäre Lehre beherrschte für einige J a h r e die deutsche Arbeiterbewegung. Nachdem sie Marx, der Weitlings Verdienste deshalb niemals bestritt, der Kritik unterzogen hatte, wurde sie durch den stürmischen gesellschaftlichen Fortschritt und die Ausarbeitung der wissenschaftlichen Weltanschauung des Proletariats überwunden. Am Vorabend der 48er Revolution entstand die erste revolutionäre Organisation der Arbeiterklasse, die alle konspirativen Auffassungen und Traditionen zurückwies und an ihre Stelle demokratische Organisationsprinzipien, den Zentralismus und die Wahl der Funktionäre setzte. 6 3 Der B u n d der Kommunisten war eine „ n e u e " Form der Organisation, der Ausdruck einer „ n e u e n " Arbeiterbewegung. Artikel 1 des von Engels 1847 verfaßten S t a t u t s resümierte diese revolutionäre Weltanschauung, die bis auf den heutigen T a g die Grundlage für die Bildung sozialistischer Parteien geblieben ist: „ D e r Zweck des Bundes ist der Sturz der Bourgeoisie, die Herrschaft des Proletariats, die Aufhebung der alten auf Klassengegensätzen beruhenden bürgerlichen Gesellschaft und die Gründung einer neuen Gesellschaft ohne Klassen und ohne Privateigentum." A m Ende des von uns beschriebenen Prozesses der Ideenfindung steht also das Kommunistische Manifest. Das „ G e s p e n s t " , das in der Großen Revolution aufgetaucht war und durch die gesellschaftlichen Auseinandersetzungen in Europa geisterte 6 4 , nahm nun leibhaftige Gestalt an. Die davor nur aufgestellte Gleichung zwischen Revolution und Kommunismus erfuhr ihre klare Lösung. Für die Theoretiker, die sich sozialen Problemen zuwandten, d. h. für die von uns betrachteten Ideologen, bestand das Ziel der Revolution im Sozialismus-Kommunismus. Dafür erarbeiteten sie Theorien zur gewaltsamen oder gewaltlosen revolutionären Eroberung der Macht, mithin für die Umwandlung der kapitalistischen in eine kommunistische oder sozialistische Gesellschaftsordnung, wobei sie die notwendige Stufe entdeckten, die schließlich Diktatur des Proletariats genannt werden sollte. Im Manifest wird Marx die kommunistische Revolution als „ d a s radikalste 63

61

E. Kandel/S. Lewiowa, M a r x und Engels als Erzieher der ersten proletarischen R e v o lutionäre, in: Marx und Engels u n d die ersten proletarischen Revolutionäre, Berlin 1965, S. 5 - 4 1 . Z u m T h e m a „ K o m m u n i s m u s als Gespenst und S p u k " siehe: M.Rubel, Reflections on U t o p i a a n d Revolution, in: Socialist H u m a n i s m . Garden City (N. Y.) 1965, S. 193f., und B. Andréas, L e Manifeste communiste de Marx et Engels. Histoire et bibliographie, Mailand 1963, S. 3 - 4 .

Revolutionsbild der Sozialisten vor Marx

269

Brechen mit den überlieferten Eigentumsverhältnissen" und „mit den überlieferten Ideen" kennzeichnen. 85 In beiderlei Hinsicht hatten die Theoretiker vor ihm — in der praktischen politischen Auseinandersetzung oder auch nur im Geiste — den Bruch eingeleitet. Darauf gründeten sie Vorstellungen, deren Wert in ihrer Verbindung mit der gesellschaftlichen Wirklichkeit der verschiedenen Länder jener Zeit lag. Oft konnten sie Naivität oder reine Zufälligkeit nicht verleugnen, und es ist auch richtig, daß es unmöglich ist, aus dem vormarxistischen Sozialismus, als Ganzes gesehen, einen eindeutigen Revolutionsbegriff zu gewinnen. Gelegentlich ist es sogar schon schwierig, die Stellen zu ermitteln, die sich auf diesen Gegenstand beziehen. Die Schriften der frühen Sozialisten belegen immerhin ihre Einschätzung der Revolutionen, begonnen mit 1789. Insofern bauten sie die Brücke, über welche die sozialistische Arbeiterbewegung in der Epoche ihrer Sammlung und Organisierung schreiten mußte. Obwohl viele der hier genannten Denker und Agitatoren kritisiert, überwunden und einige auch vergessen wurden, bleibt ihr Beitrag zur Ausarbeitung des revolutionären Sozialismus unbestritten. Man wird immer auf sie zurückgreifen, wenn man die geschichtlichen Anfänge der Arbeiterbewegung in der Industriegesellschaft des 19. Jahrhunderts vollständig begreifen will. 46

Marx/Engels, Manifest der Kommunistischen Partei, in: Marx/Engels, Berlin 1959, S. 481.

Werke, Bd. 4,

A. H. MOJIOK,

MOCKBA

B o c c T a H H e p a S o i n x M a p c e j i a 2 2 — 2 3 HIOHH 1 8 4 8 R.

C a M H M K p y n H H M C O Ô H T H e M B H C T O p H H KJiaCCOBOft 6 o p b 6 i I BO O p a H U H H B 1 8 4 8 G H J I O HIOHbCKOe BOCCTaHHe n a p H J K C K H X p a Ô O H H X . HHM

(FIAKTOM:

(CTaieK,

EMY

npefliiiecTBOBaji

^eMOHCTpaiiHft,

NPOMBIMJIEHHO P A S B U T H X r o p o j j a x — M a p c e j i e H HEKOTOPUX ^ p y r w x . H t i e COÔHTHH 2 2 — 2 3

p«R

BOCCTaHHft)

B

flpyrax

Ho

OHO H e 6 H J I O

peBOJiK>miOHHHx

pa3JIH1HHX

HaCTHX

r.

H30JIHp0BâHBucTyruieHiiii

CTpaHH,

OCOÔeHHO

B

N A P N W E , P y a H e , JIHMOJK6, 9jib6ee, JLHOHE,

B AAHHOFT CTATTE PAOCMATPIIBAIOTCFL P E B O J I I O Q H O H -

HIOHH 1 8 4 8 r . B M a p c e j i e , B K J I H B I H H B C H B O T K P H T O G

Boopy-

HseHHoe BHCTynjieHiie npoTHB MECRAHX BjiacTefi H npaBHTejitcTBa 6ypwya3HOM pecnyôJiHKH. TeMa 3Ta AO CHX nop He noflBeprajiacb cneijHajibHOMy nsyierôiio BO (})PAHIJY3CK0M HCTopiiorpaiftHH. ,3,aJKe B TaKOM cneiyiajibHOM na^aHHH, KaK 10-TOMHan SHUHKJIONE^HH

FLENAPTAMEHTA

COIINAJIBHBIX

V C T T E B P O H B I , r ^ e i j e j i B i i i TOM (AECHTIITT) n o c B H m e H

FLBHHÎEHHII,

BOCCTAHHIO

22—23

HHJHH

1848 r .

0TBE«EH0

HCTOPHH

T0JIBK0

30

CTpoK. OfliiH H3 HOBefiniHX HCCJieflOBaTejieii HCTOPHH Mapcejin, Tapajib, CTapaeTCH flOKasaTb, ITO paôoHee HacejieHne 3Toro ropojia B i;ejioM He 6HJIO peBOJiroijHOHHO H a c T p o e H o , H HTO B o c c T a H H e 2 2 — 2 3 HIOHH 6 H J I O TOJIBKO H e s H a i H T e j i b H o i i

Bcnwin-

KOII.1

OCHOBHHMH HCTOHHHKaMH, HCn0JIb30BaHHHMH B flaHHOÎÎ paÔOTe2, HBJIHIOTCH oÔBHHHTejibHHft aKT no Aejiy o MapeejibCKOM BOCCTaHHH3 H oTieT o cy«e6HOM npoi^ecce Haa ero yiacrHHKaMH. 4 NPEJK^E

1848 r .

HEM

OÔpaTHTbCH

B Mapcejie,

K

HCCJieflOBaHHIO

Heoôxo^HMO

HCTOpilIl

HIOHbCKOrO

BHHCHHTI> 3K0H0MHnecK0e

H

BOCCTaHHH

nojiHTHiecKoe

cocTOHHHe 3Toro BajKHettmero ToproBoro nopTa OpaHimH, aaniiMaBinero TpeTbe MecTo B CTpaHe no HHCJTGHHOCTH nacejieHHH. 1

2

P. Guiral, Le cas d'un grand port de commerce, Marseille (Aspects de la crise et de la dépression de l'économie française au milieu du X I X siècle, 1846 — 1851). La Roche-surYon 1956, p. 23-24. OcHOBHbie NOJIOJKEHHFI e e 6 U J I H H3JIOJK6HH B c w a T O M BH^E B Moeii c T a T b e B m y p n a j i e « H o B a n H HOBeitman HCTOPHH», 1965, N °

3

4

I.

Archives Nationales. BB30 358, pièce 511. Acte d'accusation. L'insurrection de Marseille de 22 juin 1848. 3 a j i e e : Acte d'accusation. . . Cour d'assises de la Drôme. Procès des accusés de Juin de Marseille. . . Marseille 1849. flajiee: Procès. . .

BoccTaHHe pa6o»mx MapceJiH B 1848 r .

271

BnjiOTb FLO KOHIIA X V I I I BENA Mapcejib 6 H J I npeHMymecTBeHHO ToproBHM i^eHTpoM, HO B Hanajie X I X B. nojioweHHe USMGHHJIOCB. B Mapcejie BO3HHKJIO CBHme 230 npoMHimieHHHX npe^npHHTHÎt c ôojiee tom 1500 p a ô o r a x . H Bce ate mauôojibiuan l a c T t ero p a ô o i e r o HacejieHHH KopMHJiact He npoMbimjieHHOCTbio, a nopTOM, cyflOCTpoeHneM, rpyaoBtiM ^ejiOM, KopMHJiocb, CJIOBOM, n p n MopcKoit ToproBJie».5 OôopoTH MapcejibCKoro nopTa HenpepHBHO pocjiH. EjiaronapH paôoTaM no pacniHpeHHio H yrjiySjieHHio ero, KOJiniecTBo ToproBtix cyflOB, NPHXOFLHBMNX B Mapcejib H yxoAHBmnx H3 Hero, yBejiHiHBajiocb HB rofla B r o « ; BospacTaji H HX TOHHara. C 1825 r . «o 1847 r . KOjiHMecTBO DTHX cyaoB Boapocjio c 11490 «o 24600, a HX TOHHaHt yBejiHiHJiCH c 806941 T 30 2 9 3 2 0 0 5 T 6 «C 1846 r . — oTMenaeT OAHH HCCJie^oBaTejib — Mapcejib CTaoi BO rjiaBe (jipaHijyacKHX KOJiOHHajibHbix nopTOB » . 7 O^HOBPEJIEHHO c pacnmpeHHeM O6OPOTOB MapcejibCKoro ToproBoro nopTa pocjio KOJiHiecTBO npoMHuiJieHHHX npe^npHHTHii ropo^a H yBejiHHHBajiacb qHCJieHHOCTb aaHHTHX B HHX paÔOHHX.8 Ho MeJIKHe H CpeflHHe npeanpHHTHH KOJIHieCTBeHIIO Bce eme npeoôjiaaajm TyT Hafl KpynHHMH. CorjiacHo oScJie^oBaHHio, npoBe^eHHOMy Ha 0CH0Be neupeTa YHpeAHTejibHoro coôpaHHH OT 25 Man 1848 r . , B Mapcejie HacHHTHBajiocb K TOMy BpeMeHH 30586 p a ô o i n x h peMecjieHHHKOB-o^HHOieK. OHH 6HJIH aaHHTH B 3316 npe^npHHTHHX h npoHSBOflHJiH npoayKijHio Ha 160 MJIH. $paHKOB. Ilo flaHHHM, B3HTHM H3 OTHeTa OT 6 OKTHÔpH 1848 T., HHCJIO paÔOHHX, aaHHTHX B npoMHiHJieHHOCTH Mapcejin, cocTaBJiHJio 19578. 9 yMeHbineHHe, no CpaBHeHHIO C M a f i C K O f t aHKeTOii, o6l>HCHHeTCH, BHflHMO, BJIHHHHeM 3 K 0 H 0 M H i e C K 0 r 0 KpH3Hca, npHBejj,mero K SojitmoMy pocTy SeapaSoTimu.

B 1846 r . B Mapcejie npoHtHBajio 183186 qejiOBeK.10 Ha 9Toro cjieflyeT, HTO HaKaHyHe peBOJiroijHH 1848 r . paSo^ne Mapcejin BMecTe c uieHaMH ceMbH cocTaBjiaJIH FLOBOJIBHO BHyniHTejibHyio tacTb HacejieHHH r o p o ^ a . 9THM BO MHoroM O6T>HCHHeTCH aHaneHHe, KOTopoe npnoôpeji ajjecb p a ô o i n â Bonpoc. Paôonee H fleMOKpaTHiecKoe JJBHJKEHHE B Mapcejie Haïajiocb 3a^oJiro JJO 1848r. H HMejio CBOH ôoeBHe Tpa«Hi(HH. E m e B 1823—1826rr. a^eob npoHcxoflHjia ynopi m e CTaiKH paôoHHx-neKapeô. 11 nocjie HiojibCKoii peBOJiroijHH aKTHBHocTb paôoHHx HfleMOKpaTOBMapcejin aaMerao ycHjmjiacb. B ropo^e Benacb pecnyÔJiHKaHCKan nponaraH.ua cpe«H pa6o*mx H cojiflaT, cymecTBOBajm ceKLjiin «OômecTBa 6

E. B.

6

G. Rambert, Marseille. La formation d'une grande cité moderne. Etude de géographie urbaine. Marseille 1934, p. 254. L. F. Paoli, Aperçu sur le passé et l'avenir du port maritime de Marseille. Montpellier 1952, p. 34. J. Julliany, Essai sur le commerce de Marseille, t. III, Paris 1842, p. 111, 391—392. E. Levasseur, Histoire des classes ouvrières et de l'industrie en France de 1789 à 1870, t. II. Paris 1904, p. 305. G. Rambert, op. cit., p. 270. P. Guiral, op. cit., p. 201. E. B. Tapjie, PaôoHH» Kjiacc BO «Dpamjmi B nepBtie BpeMeHa MainnHHoro npoiiaBOKCTBa. — Con., T. VI. M., 1959, CTp. 118—120.

7

8 9

10 11

Tapjie.

KOHTHHEHTANBHAS 6 J I 0 K 8 « a . — C o q . , T. 3 , M . , 1 9 6 8 , CTp. 4 4 5 .

272

A . H . MOJIOK

n p a B icjioBeita H rpajK^aHHHa». 1 2 ITofl PEJJAKIJHEIL HtypHajiHCTa I I . ^ r o S o c K a (P. D u b o s q ) B M a p c e j i e H3,n;aBajiaci> pecnyÔJiiiKaHCKaH r a a e x a « L e P e u p l e S o u v e r a i n » . IIporpaMMa ee 6tiJia B t m e p a t a H a B Ayxe MejiKoSypjKyasHoro coi(HaJiH3Ma JlyH B j i a H a (Louis B l a n c ) . Oiia n p 0 B 0 3 r j i a m a j i a jioayHr « B e e JUOJJH — ÔpaTtH»HBHJJBHr a j i a n^eio MHpHoro pemeHHH coijnajibHoro B o n p o c a nyTeM coTpyflHHiecTBa KJiaccoB. B o j i e e pajjHKajibHyio T o i K y apeHHH Ha x a p a K T e p oômecTBeHHHx oTHomeHHii pa3BHBaji B CBoeii iisflaHHOii B 1 8 4 0 r . KHHre «HapoflHan HCTOPHH peBOJiK)i;nH B IIpoBaHce» MapcejibCKHft nyôJiHijHCT A . J I a p f l b e ( A . L a r d i e r ) . O ô p a m a n c b K p a 6 o hhm, OH npii3biBaji HX He 3a6HBaTb, HTO «HX ajieiinme Bparw — 6 o r a ™ , HesaBHCHMO OT Toro, KaKHx OTTeHKOB 06mecTBeHH0it MBICJIH OHH npii^cpHîHBâiOTCH». «CymecTByeT H MOHteT cymecTBOBaTb, — flOKaauBaji J l a p ^ b e , — T0JibK0 j p a peaito paajiHHalomnxcH M e » a y co6oii KJiacca, M e » n y KOTOPHMH H ii^eT 6 o p b 6 a : c o^Hoit CTopoHH — npojieTapHH, c ^ p y r o f t — cocTOHTejibHHit KJiacc». 1 3 K o BpeMeHH (JteBpajitCKoft peBOJiroijHH HjjeH KopeHHofl np0TiiB0n0Ji0>KH0CTn KJiaccoBHx HHTepecoB 6yp>KyaaHH H n p o j i e T a p n a T a , CTOJib OTieTJiHBO BHpaweHHan J l a p f l b e , npoHHKJia B coaHanne Jinmb HeMHornx, Hanôojiee nepe^oBHX r p y n n TpyflHmHxcH M a p c e j i n . B r o p o ^ e He cymecTBOBajio Tor^a oijiopMJieHHOii r p y n m j peB0JH0L(H0HHHx KOMMyHncTOB. 3aTO HMejiacb r p y n n a $ypbepHCTOB, ycTpoHBnian 7 anpejiH 1 8 4 7 r . 6aHKeT n o c j i y i a i o AHH pojK^eHHH O y p b e . B oTCTaJiux CJIOHX p a 6 o i e r o HacejieHHH eiqe He 6HJIO H3ÎKHTO BJiiiHHHe npHBepnteimeB «KaTOjnmecKoro cou,HaJiH3Ma». M H o r a e oômecTBa B3anMonoMomn Mapcejibciuix peMecjieiiHHKOB HOCHJIH HMeHa KaTOJIHHeCKHX «CBHTHX». OflHaKO CpeflH MapCeJIbCKHX OÔmeCTB BBaHMOnOMOmH HMejIHCb H 1HCTO CBeTCKHe OpraHHaai^HH C aeMOKpaTHieCKHMH ijeBHBaMH («Mojioflaa (DpaimHH», «TpexijBeTHoe oôiqecTBO», « f l p y a t H n p o r p e c c a » H T. n . ) . 1 4 BecTH o peBOJiioqHH B IlapHHte H npoBoarjiameHHH pecnyôjiiiKH 6HJIH C aHTyanaaMOM BCTpeieHH B ^eMOKpaTHiecKHX CJIOHX HacejieHHH M a p c e j i n . E j j B a B ropojje CTajIO H3BeCTH0 0 napHJKCKHX COÔHTHHX, KaK paÔOHHe H fleMOKpaTH MapeeJIH ycTpoHJiH ^eMOHCTpai^HH) n p o r a B Mapa-peaKi^HOHepa, a aaTeM HanpaBHJiHCb K TiopbMe H noTpeSoBajin ocBoSojK^eHHH 3aKJiK>HeHHoro B Heii jieBopecnySjiPiKaHcKoro HtypHajiHCTa AnteHOHa (Agenon). 9TO TpeSoBamie 6HJIO TOTnac ate y^0BJieTB0peHo. B e i e p o M 28 $eBpajiH no yjiimaM n p o m j i a KOJioHHa neMOHCTpaHTOB, COCTOHBraan

B OCHOBHOM H 3 p a ô o i n x . O H H HIJIH C (JiaKejiaiviH B p y i t a x H HCCJIH 3 H a M H , H a

KOTopoM ôbiJiH BfeimHTH cjiOBa «paHi;y3CKaH pecnyÔJiHKa. OpraHH3aijHH Tpyjja». 0(J)HU,HaJibHO pecny6jiHKa ÔHJia np0B03rjiameHa B M a p c e j i e 2 9 (JieBpajiH, nocjie npnSbiTHH Ty^a 9MHJIH OjiHBbe ( E m i l e Olivier), HasHaneHHOro qpesBBiiaiiHUM KOMHceapoM BpeiaeHHoro npaBHTejibCTBa B « B y x nenapTaMeHTax — YcTbeB POHH H Bap.

0. B. IIomeMKUH, JlHOHCKHe BOCCT&HHH 1831 H 1834 r r . M., 1937, CTp. 270. Les Bouches-du-Rhône. Encyclopédie départementale. . . sous la direction de Masson, part 2, t. X , Paris-Marseille 1923, p. 27. " Ibidem, p. 8 0 6 - 8 0 8 . la

13

Paul

BoccTaHHe paßoMiix Mapcenn B 1848 r . IlOAieM

IIOJIHTHieCKOii

273

aKTHBHOCTH

UIHpOKHX

CJIOeB HaCeJieHHH

npHBejI

K

B03HHKH0BeHHK) B Mapcejie pH^a HeMOKpaTHiecKHX KjiySoB : « K j i y ô a T p y a a m n x c H » , «Kjiy6a npojieTapHeB», «Kjiyßa ßpaTCTBa», « K j i y ö a CBOÔOAM», « K j i y ß a paBeHCTBa» H HeKOTopux

flpyrax.

9TO 6HJIH NOJIHTHIECKHE o p r a H H s a i j H H , OSIEFLHHHBMHE B

CBOHX pn^ax nepeflOBiix npejjCTaBHTejieii p a ö o i e r o KJiacca, a OTiacTH Mejmofi ßypjKyasHH H HHTejuiHreHiiHH H CTaBHBinn6 CBoeä qejibio aamHTy HeMOKpaTHiecKHx CBoSofl H 6opb6y 3a aajitHeftmee pa3BHTHG peBOJiioiyiH. CaMHM KpynHtiM 6HJI « K j i y ö Tpy^HinHxcH»,

HaciHTUBaBmuö

1500 ijieHOB. FLJIH OÖIE^HHEHMH

KjiyßoB H pyKOBO^CTBa HX jjeHTenbHOCTbio 6HJI co3^aH «LJeHTpajibHtifi pecnyÖJiHKaiicKHö KOMHTeT ,a;enapTaMeHTa YcTteB POHH», KOTopuft CTaBHji CBoeö ijejibio «OßIEFLHHHTB Bce pecnyÖJiHKaHCKne CHJIH RENAPTAMEHTA, ßopoTbcn lipoTHB Bcex peaKiiHOHHtix TeH,neHi;Hfi h aoÔHBaTbcn nojiHoro TopjKecTBa

fleMOKpaTHiecKHX

B Mapcejie 0ßpa30BaJiacb eme o « H a

fleMOKpaTHiecKan

npHHijHiioB». 15

BcKope

opraHH3auHH «OßIEJIHHEHHE naTpHOTOB «JIH 3amHTH paHi;y3CKoii pecnyßjiHKH». Y c T a B «06T>eAHHeHHH» Bbi^Bwraji TpeöoBaHim opraHH3anHH Tpy^a h oßecneneHHH Tpy^HMHXCH paÖOTOä, CHHHteHHH BHCOKHX OKJiaflOB, OTMeHH KOCBeHHHX HaJIOrOB, nepecMOTpa CNCTEMTI npHMHx HajioroB C TEM, HTOÖH OHH JIOJKHJIMCB npeHMymecTBeHHO

Ha

KanHTajiHCTOB,

Bceoßmero

iisöiipaTeJitHoro

npaBa,

yTBepHtfleHHH

HAPOFFOM B c e x OCHOBHMX 3AKOHOB. 16

B NPOTHBOBGC P;EMOKPATHHECKHM KJiyoaM COA^ABAJIHCT H PEAKUNOHHME KJiyßtr,

onnpaBrnnecH Ha B e p x y n m y MapcejibCKOö 6 y p » y a 3 H H . 0 6 OJJHOM H3 HHX, « K p y w K e (JOKGHH» (Cercle des Phocéens) n p o K y p o p NHCAJI 20 anpeJiH, ITO B BTOÜ opraHM3au;nH COCTOHT NPEFLCTABHTEJIH « 6 o r a T o i t n a c r a » SKHTEJIEFT M a p c e j i n , KOTOPAN npiiHHJia YCTAHOBJIEHHE p e c n y ß j i H K a H C K o r o CTpon « c rjiyßoKHM COJKAJIEHHEM H HaxojjHTCH B COCTOHHHH CHJIFEHOÄ TpGBOrH». 1 7

C^HTAH eceoôuçee eoopyotcenue

napoda

O^HHM H3 BaJKHeiiimix ycJiOBMft y c n e i u -

Horo pa3BHTHH 6 y p » y a 3 H O H peBOJiiOL(HH no Bocxo^nmeii JIHHHH, K . MapKC H O.

9HREJIBC BHFLBHRAJIH T a K o e RIOJIOHTEHNE y HT e B MapTe 1 8 4 8 r .

«TpeôoBaHHH

KOMMYHHCTHTJECKOFI

napTHH

B

TepMaHHH». 18

H



B jiHCTOBKe

BO

(Dpaimnn

Hawßojiee ONBITHHE peBOJiioqMOHHLie ^eHTejin HacTaHBajiii Ha 8TOM T p e ô o B a m m . «HEMEFLJIEHHOE

BoopyweHne

6E3 HCKJHOIEHHH pa6o*mx,

H opraHH3au,HH

HAMIOHAJILHOÜ

Kait noayiaioinHx

3apa6oTHyio

RBAP,N;MH 113 B c e x

NJIATY, KAK H HE

PAÔOTAIOMHX, C BOSMEMEHNEM 3a K A Î K ^ U Û « E M » HX c j i y œ ô b i » — TAKOB 6HJI O^HH H3

nyHKTOB cocTaBjieHHoro O . BJIAHKH oSpamemia «LIEHTPAJIBHORO pecnyôjniKaHCKoro OÔMECTBA» (Société républicaine centrale) OT 1 MapTa 1848R. K BpeMeHHOMy npaBHTejibCTBy. 19 OnbiT npeîKHHx peBOJiKmnii yßeAHTejibHO AOitastiBaJi, KaKoe rpoMaflHoe 3HaMeHHe HMejiH opranH3ai;HH H BoopyjKemie Tpy^HinHxcH. B Mapcejie B 1848 r.

15 16

Révolution de 1848. Les Murailles révolutionnaires, t. I, part. 1, Paris 1851, p. 449. Ibidem, p. 939-940.

17

P. Guiral,

18

K.

19

J J . O.

MapKC

o p . cit., p. 210. H 0.

EJICLHKU,

18 Studien

dmejihc.

C o q . , T. 5, CTp. 1.

MsôpaHHbie npoii3Bej;eHHH, M . , 1952, ctp. 131—132.

274

A. H. Mojiok

T&K&H satana 6 t i J i a BH^BiiHyTa y a t e b nepBue hhh nocjie $eBpajibCKoft peBOJnoqHH. 06 9tom CBHfleTejibCTByeT, b nacTHocTH, BHnymeHHaH ot hmchh «^eMOKpaTHiecKoro

KOMHTeTa»

jKypHaJiHCTOM

TaKHte î K y p H a j i H C T

^kiôock h

AHteHOHOM

(pyKonHCHHii

TeKCT

ee

noflimcajiH

b nponuio. P e c n y Ô J i H K a n p o B o a r j i a m e H a b ^ojihîhh no/wepjKHBaTb sto n B i u K e r o i e » . I I o i m e p j K K a CJiyHtainHii K y T i o p a / C o u t u r a t / )

npoKJiaMaijHH,

KOTopoii roBopHJiocb: «BpeMH K o p o j i e ô

napiiwe. Bbi, flOJIHiHa

MapcejibqH,

OCymeCTBJIHTbCH MHpHHMH Cpe^CTBaMM, HO n p H yCJIOBHH, I T O

Haquo-

H a j i b H a n r B a p ^ H H 6 y ^ e T npe^CTaBJiHTb H H T e p e c H «fleMOKpaTHH, K O T o p a n y « t e j j a B H o

CTpa^aeT». Ytohhhh flajiee B o n p o c , o KaKoii neMOKpaTHH HjjeT p e n b , npoKJiaManiiH nofliepKHBajia, i t o n e p B H M rnaroM o p r a m i a o B a H H o r o b M a p c e j i e «^eMOKpaTHn e c K o r o KOMHTeTa» 6hjio « B o o p y j K H T b p ò ™ p a ô o n n x » hfloôaBJiHJia,hto komhtct «6y.neT n p o ^ o J i H t a T b B u n o j i H H T b 3Ty a a j j a n y » . B aaKJiroieHHH r o B o p H J i o c b , i t o « f l e M O K p a T H i e c K H f t komhtct» totob coneiicTBOBaTb o x p a H e nopnflKa b r o p o j j e , ho BMecTe c TeM T B e p j j o H a M e p e H «He c j i a r a T b o p y j K i i n 3 0 T e x n o p , n o n a n p a B a H a p o ^ a He 6 y j ; y T n p H S H a H H » . 2 0 IIoBHflHMOMy, n e p B a n M a p c e J i b C K a n « p a S o n a n p o T a » ( c o m p a g n i e d e s t r a v a i l l e u r s ) 06pa30Bajiacb c p a 3 y m e nocjie Toro, KaK

b

r o p o ^ e CTajio ii3BecTHo o

CBepnteHHH

MOHapxHH. P o T a 3 T a cocTOHJia H3 2 0 0 q e j i o B e K , n o ô o j i b i n e i i n a c T H 6 e 3 p a 6 o T H b i x . K o M a H ^ n p o M e e 6 h j i A î K e H O H , no3Hte K y T i o p a . 2 1 B

n a j i b H e f t m e M b M a p c e j i e o ô p a a o B a j i o c b e m e HecKOJibKO p a ô o n n x p o T .

nepBOHaïajibHO

b

c o c T a B e MecTHoit H a n n o H a j i b H o i i

TejibHBie r p a j K j j a n e , t o

nocjie

npne3fla

b

raapniiH

Mapcejib

npeo6jia^ajin

npeaBbiHaiiHoro

Ecjih

coctoh-

KOMnccapa

BpeMeHHoro npaBHTejibCTBa, jieBoro p e c n y ô J i H K a m j a PenneJieHa ( R e p p e l i n ) noJiow e H n e HSMeHHJiocb. H t o G h y c w j i H T b n o a i m m i p e c n y Ô J i H K a n e B b r o p o n e , K p y n H a a 6ypHtya3HH

KOToporo

ÔHJia

HacTpoena

BecbMa

peaKmioHHto,

npejjCTaBiiTejin

MecTHoit BJiacTH CTajiH B H ^ a B a T b o p y H t H e h T p y f l a m H M C H , HjieHaM peB0Jii0ijH0Hhhx

KJiyôoB.22

KyTiopa

c

H o Ôojibineii nacTbio p a S o n n e B o o p y j K a j i n c b caMH. ITocjie y x o « a

riocTa

KOMaHfliipa

«paôoniie

poTH»

(ohh

Ha3HBajincb

TaKHte

«poTbi

CTpejiKOB»), n e p e m j i H n o f l KOMaHflOBaHHe P i w a p a ( R i c a r d ) . r i o a ^ H e e h x KanHTaHOM 6hji naôpaH FleppeH.23 B n ^ H y i o p o j i b b o p r a H H s a n n n «poT CTpejiKOB» n r p a j i H j j e H T e j i n peBOJnoijHOHHbix

0C06eHH0 « K j i y 6 a cboôo^h» h « K j i y 6 a npy3eii i m p o s a » . 2 4 B HOKyMeHTax O T M e i a e T C H , hto ojjhh h 3 ociiOBaTejieft h pyKOBOflHTejieii o6ohx HaaBaHHux K j i y ô o B M e H b e ( M é n i e r ) bxo^hji b cocTaB Komhcchh n o o p r a H H 3 a i i i m KJiyôoB,

3THX p o T . 2 6 SMHJIb O j I H B b e paCCHHTHBaJI, BHflHMO, HTO e M y y ^ a C T C H COXpaHHTb KOHTpOJIb H a « «poTaMH CTpejiKOB» h n o T O M y He n p e n H T C T B O B a j i h x opMHpoBaHHio. 20

Bnoc-

R é v o l u t i o n d e 1848. L e s Murailles r é v o l u t i o n n a i r e s , t . I, p a r t . 1 , p. 266.

21

P r o c è s . . . , p. 1 5 .

22

B

cbohx

noKasaHHHx Ha c y ^ e

CeH-MapTeH r o B o p H j i ,

hto h3

(jieBpanbCKOii peBOjnoi^nn, 2989 23

P r o c è s , p. 48, 5 6 - 5 7 , 63.

21

I b i d e m , p. 5 3 — 5 4 .

25

K0MaHp,yi0iHHft BoiiCKaMH b M a p c e n e r e H e p a j i 1 0 thc. p y s t e f t , po3^aHHi>ix jkhtgjihm r o p o n a ôhjih BHjjaHH HJieHaM KJiyÔOB («Procès», p . 3 1 ) .

A c t e d ' a c c u s a t i o n , p. 2 1 . P r o c è s , p. 74.

Me^ap nocue

BoccTaHne paSoniix MapcejiH B 1848 r .

275

jie^CTBHH o h o6t.hchh.ji cbok) no3Hi;HK) CTpeMJieHHeM Hs6eraTb K p a t a o c T e f t — He non«epHtHBaTb h h Tex, k t o xoTeJi, t t o S h HaijHOHajibHaH rBap«HH 6 u j i a «hckjiioiHTejibHO ôypHtyaaHOË», h h Tex, k t o xotcji npeBpaTiiTb ee b «hhcto Hapo^Hyio». 2 6 OflHaKO ^ p y r a e npeflCTaBHTejiH BjiacTH c 6ecn0K0iicTB0M B3npajiH Ha coa^aHHe p a S o i H x n o cocTaBy otph^ob. «OpraHiiaau,iiH CTpejiKOB», — n n c a j i 3 hiohh npeBHHyatfleH 6 h j i a c c i i r H O B a T b 2 0 t h c . $paHKOB ajih ona3aHHH noMomu 6eapaGûTHHM. B pe^aKijHHx raseT h b nacTHx Hai(H0Hajii>H0ii rBap/jiiH npoBO^HjiHCb fleHeaiHHe c ö o p n «jih ocTaBiimxcH 6 e 3 p a ô o T H j u o j j e f t . Mm B H f l a B a j i H 6ohli H a x j i e ô h mhco. B H a ï a j i e MapTa b M a p c e j i e 6hjih o t k p h t h «KOMMyHajibHue M a c T e p c K H e » , r « e n o j i y q i w m p a ß o T y ß o j i e e 8 t h c . 6 e 3 p a 6 o T H H x . B h j i h HaiaTtr Hy>Ki(a

i m i i coBeT

pa3JiniHbie

h t.

cTpoHTejibHHe

paöoTH,

B0306H0BJieHa

nocTpofina

5Kejie3H0ü

floporn

n.

IlojiHTHKa

hhctp

jiaBHpoBaHHH, KOTopyio npoBOflHJi ß y ^ y m n i i « J i H Ô e p a j i b H H i i » mhnpeflOTBpaTHTb H O B H e peBomoiinoHHHe bojihghhh,

H a n o j i e o n a I I I . c ijejibio

B H p a 3 i i J i a c b h b TOM, h t o O j i H B b e c o a ^ a j i n o n p u M e p y n a p n a t C K o i i

IIpaBHTeJibCT-

Beimoft komhcchh o p a 6 o * m x — c o B e m a T e j i b H y i o komhcchk» n o B o n p o c a M opraHH3 a i ; H H T p y ^ a h 3 a p a 6 o T H o n n j i a T B i n o f l cbohm npeflceaaTejibCTBOM. B cocTaB btom komhcchh 6 h j i h BKJiiOHeHH jjejieraTH OT p a ß o i H x KopnopaiiHft M a p c e j i n . B n o c jieflCTBHH O j i H B b e y T B e p H î f l a j i , hto HHCTHTyT p a ô o i H x ^ejieraTOB o n p a B f l a J i c e ö a , hto ohh noKa3ajiH c e ô f l «TBepftHMH s a m i i T H H K a M H jjejia n o p n ^ K a » . 3 1 9 t o 6hjio BepHo b OTHOineHHH MHornx H3 h h x , ho flajieKO He Bcex. M e / K ^ y TeM i e p e 3 mcchu; n o c j i e eBpajibCKOii peBOJnoijHH b M a p c e n e bo3hhkjih HOBHe (JtHHaHCOBHe aaTpyflHeHHH. IIpetjieKT oôpaTHJiCH k ToproBoft najiaTe (Chambre de commerce) c npocböoft BH^aTb eMy c y ß c n ^ H i o b pa3Mepe 2 mjih. ( J p a H K O B , ho nojiyiHJi TOJibKO 100 THC. (|>p. B

nepBHx

Hiicjiax

anpejin

3apa6oTHan

njiaTa

M a p c e j i H ÖHJia c o i t p a m e H a c 2 , 5 « o 2 $ p a H K O B . fleMOHCTpaiiHK»

KOMMyHanbHHx

CTpoönax

Bo3MymeHHtie paßoine

Ha

ycTponjiH

n p o T e c T a n e p e f l 3flaHHeM npeeKTypH. OjiHBbe y j j a j i o c b

MX B 0 3 0 6 H 0 B H T b

yroBopHTb

paôoTy.32

3 Man BJiacTH npiiHHJiH pemeHne o 3aMeHe nofleHHoft onjiaTH Tpyjja p a ô o i n x , 3aHHTHx «b KOMMyHajibHbix MacTepcKHx» MapcejiH, CAeiibHOH. 9 t o nocTaHOBjieHHe, rpo3HBuiee CHMiKemieM 3apa60TK0B, B03ÔyflHji0 CHjibHoe HeflOBOJibCTBo paöoHHx. Hepe3 jjBa r h h óojibinan r p y n n a 3eMJieKonoB coôpajiacb Ha nji. I l p a ^ o . Ohh OTnpaBHjiH b P a T y m y flejieraqHK», BHpa3HBmyio npoTecT npoTHB BBefleHHH c^ejibHOH onjiaTH. BjiacTH CTHHyjiH oTpnflH HaiyioHajibHoii rBap^HH, h t o 6 h paCCeHTb «MHTejKHHKOB». BoJIHeHHH CpeflH 3eMJieK0n0B npOflOJIHtaJIHCb HeCKOJIbKO flHeft.33 BCKOpe He^OBOJI bCTBO paÖOIHX BHOBb yCHJIHJIOCb. OflHOH H3 rjiaBHHX npHIHH ero 6 h j i koh. Administration des Postes. Cabinet particulier du Directeur général. Rapport des courriers.

BoccTaHHe p a ô o i H x MapcejiH B 1848 r .

277

B p e M e H H o r o npaBHTejibCTBa o t 2 MapTa ycTaHOBHJi ^ j i h p a ô o i a x I l a p n î K a THiacoBoii

paôoiHii

^eHb

(BMecTO

o^HHHaAiiaTHiacoBoro),

a

^jih

^eca-

paôorax

npOBHHIiHH — B 11 laCOB (BMeCTO 1 2 i a C O B ) . n o HaCTOHHHH) MapCejIBCKHX p a Ô O I H X , OjiHBbe HB^aji nocTaHOBjieHHe, c o K p a m a B m e e npoflOJUKHTejibHOCTb p a S o i e r o ^ h h Ha KOMMyHajibHHX CTpoftKax M a p c e j i H ho 10 nacoB (no3Hte s t o

nocTaHOBjieHHe

6bijio p a c n p o c T p a H e H o h Ha H e K O T o p u e l a c r a b i e n p e n n p H H T H H ) . K CHTyaii;Hfi b h o b b

npej^npHHHMaTejieii AOÔHBajiHCb naryÔHo

KOHuy

Man

o ô o c T p n j i a c b b c b « 3 h c HaiaBniHMCH n o Bceit CTpaHe n0X0fl0M

ot

npoTHB

neitpeTa

npaBHTejibCTBa

0Tpa3HJicn

Ha

ero

2

MapTa:

otmghh,

(|)paHu;yacKoii

ToproBue yTBepsKflan,

najiaTM Cjjsjo

npoMHmjieHHOCTH. 3 4

HacToftniBO stot

neKpeT

Bo3ÔyjK3eHHe

b

r o p o ^ e ycHJiHJiocb h n 0 T 0 M y , h t o 6 h j i h n o J i y i e H H h 3 b g c t h h o c o S h t h h x 15 MaH b I l a p H J K e . B « K j i y 6 e M O H T a H t n p o B » h b « K j i y ô e T o p u » b j i r c t i i npoH3BejiH o ô h c k h H apecTosajiH 20 lejiOBeK.35 OcoSeHHO HTejIbCTBO,

cHJibHoe HeROBOJibCTBO MapcenbCKHx p a ô o H H x BH3HBaJio TO O6CTOHTO

MHOriie

npefllipHHHMaTejIH

CTaJIH

OTKa3HBaTbCH

BBinOJIHHTb

nocTaHOBjieHHe o jjecHTHiacoBOM p a ô o n e M £ H e . Hto6ii

oôcy^HTb

co3flaBineecH nojio?KeHne, 11 h i o h h p a S o n w e ^ e j i e r a T H c o 6 -

pajiHCb b noMemeHHH « I J e H T p a j i b H o r o K J i y ô a » , a OTTya;a H a n p a B m m c i . b npeiJeKT y p y . O j i H B b e s a B e p n j i h x , h t o o h oôpaTHJicn k MHHHCTpy B H y T p e H H n x npocbôoii cejiH, h

fleji

c

ocTâBHTb b cHjie nocTaHOBjieHHe o 10-qacoBOM p a ô o i e M a h c î j j i h M a p o6em;aji 03HaK0MHTb

^ejieraTOB c o t b c t o m

MHHHCTpa. B t i j i a

BHÔpaHa

cnei^iiajibHan k o m h c c h h , K O T o p a a jjoJiHtHa 6biJia c j i c r h t b s a x o ^ o m s t o t o « e j i a . H a n p n i K e H H a H 06cTaH0Bi?a b M a p c e j i e e m e ô o j i e e o ô o c T p n j i a c b b c b h s h C

npuôtt-

mueM

BCTy-

U3 JlapuMca

zpynnu

6ueuiux

paôonux

Hat^uoHCUibHUX

MacmepcKUX,

nHBniHX H06p0B0Jibi;aMH b cap^HHOKyio apMHio r j i h y q a c r a n b 6opi>6e 3a CBo6op,y h He3aBHCHMOCTb H T a j i H H . 3 6 O h h n o n a j i n b o i e H b T p y ^ H o e n o j i o H t e H i i e , TaK K a K K O H c y j i CapflHHHH 0TKa3aji hm b BH3ax. PeBOJiKmHOHHHe KJiyÔH M a p c e j i H p a ^ y m H O BCTpGTHJiH

fl06p0B0JibiîeB

I l a p i i J K a . B e n e p o M 18 h i o h h 5 0 0 HejioBeK b o r j i a B e c

coTHeft napiiJKCKHX B0Ji0HTep0B BHe3anH0 3axBaTHJiH 3aaHHe n p e i J e K T y p t i . I^eJitio ^eMOHCTpaHTOB ÔHJIO, nOBHflHMOMy, flOÔHTbCH OT BJiaCTefi npHHHTHH Mep nOMOmH H06p0B0Jibi;aM,

HcnHTbiBaBinHM

KpaiiHioio Hy/K3;y. OjiHBbe n p e ^ j i o n î n j i

^eMOH-

CTpaHTaM paaoiiTMCb h n p i i c j i a T b Ha c j i e ^ y i o m H H ^eHb a e j i e r a T O B . I l o c j i e a T o r o TOJina p a 3 o m j i a c b . 3 7 19

hiohh

uieHH

npoHCxoHHBmeM 34

komhcchh,

co3flaHHoii

Ha

coôpaHHH

11 h i o h h , h b h j i h c b b npeeKTypy.

pa6oiHX

OjiHBbe

.nejieraTOB,

OBHaKOMHJi h x

c

A r c h . nat. F 1 2 2499 — 2500. R e l e v é des demandes de prêts et analyse des réponses des Chambres à la quatrième question de la circulaire. . . du 3 juin (1848).

35

Procès, p. 205.

36

E m e b MapTe 1848 r . b M a p c e j i e 6 h j i co3flaH «HTajiBHHCKHft komhtct», 3aHHMaBiniiiicH OTnpaBKoli ROÔpoBOJibqeB b HTajiHio (h3 niicjia npoHtHBaBumx bo ®paHi(HH HTajitHimeB) «JiH yqacTHH b BOftHe c ABCTpaeit.

37

B

CBoeM «HeBHHKe Ojiuebe

yTBepjKflaeT, h t o

8-HacoBoro p a ô o i e r o « h h [E. Olivier,

«eMOHCTpaHTH TpeSoBajiH BBe^eHHH

Journal, 1848—1869, t. I , p. 21—22, Paris 1961).

278

A . H. Mojiok

flenemeit MHHHCTpa BHyrpeHHHx ^eji PeKiopa (Recurt) o t 14 hiohh h nonpocHJi nepe^aTb ee co^epwaHiie BceM «ejieraTaM. PeKiop n a c a j i , i t o nocTaHOBJieHHe, npHHHToe npe$eKTOM b H a i a j i e MapTa, aojijkho paccMaTpHBaTbcn, Kan BpeMeHHoe, i t o TOJibKo y^peflHTejibHoe coSparoie mojköt iia^aBaTh aaKOHH 06 ycjioBHHx Tpy^a h paaiviepax a a p a ß o r a o f t njiaTU, h npe^JiaraJi paöoiHM oßpaTHTtcn k CoöpaHHK) c no,n;o6Hoft neTHijHeä. 20 HioHH flejieraTH c o ö p a j r a c b , i t o ô h aacjiymaTb otbôt MHHHCTpa h peniHTb HTO ^ejiaTb — no^aBaTb neTiin;:nio hjih opraHHaoBaTb ^eMOHCTpai^Hio. HaiajibHHK KaÖHHeTa npeeKTa MaHy BbicKaaajica npcmiB ^eMOHCTpai;HH. «CocTaBbTe n e r a iíhío, — CKaBaji oh, — noKpoÖTe ee BHymHTejibHHM kojihtcctbom no^nHceít, h iipe$eKT nojmepjKHT ee». PerneHO öhjio coßpaTbcn jyiH cocTaBjieHHH n e n m i m 22 hkjhh . 3 8 BeHepoM Toro ate ^ h h b « K j i y ö e MOHTaHbnpoB» cocTOHJiocb coßpaHHe c y i a c r a e M napHHtCKHX BOJIOHTepOB. OhH rOBOpHJIH O COÔblTHHX 15 Man, XBaJIHJIH fleÜCTBHH B a p ö e c a ( B a r b è s ) h PacnaöJiH ( R a s p a i l ) , ofloôpnjiHnonuTKy pacnycTHTby^pe^HTejibHoe coöpaHHe h coBjjaTb HOBoe, peBOJiioijHOHHoe npaBHTejibCTBO. IIos^ho Be^epoM cocTOHJiacb MHoroJiraßHan HapoflHan jjeMOHCTpaijHH, yiacTHHKH KOTopoä, CTOH Ha KOJieHHX, nejiH Mapcejibe3y. Y t p o m 21 hk)hh npoHCxo^HJio coßpaHHe iJieHOB « K j i y ô a fleMOKpaTHH»; Ha HeM npHcyTCTBOBajio h HecKOJibKO napHJKCKHX ^oßpoBOJibi^eB. Ojjhh h3 h h x npoiiSHec p e i b , b KOTopoñ ynoMHHyji o BH^BHHyTOM 15 Man Eap6ecoM TpeôoBaHHH bbgcth nporpeccHBHHñ Hajior c ô o r a i e f t b pa3Mepe 1 MJip^;. (JpaHKOB, aaTeM 6 h j i npoH3Be^eH côop ¿jeHer b nojib3y RoópoBOJibi^B (oh flaji 360 $paHKOB). PenieHO ôhjio npoBO^HTb napHJKCKHx BOJIOHTepOB H npoBecTH fleMOHCTpai^HH) B nofl^epjKKy TpeôoBaHHH o 10-qacoBOM paßoneM ^He. 3 9 B t o t » e «eHb cocTOHJiocb oômee coôpaHiie ^ejieraTOB MapcejibCKHX KJiyôoB c yiacTHeM 80 napnatCKax BOJIOHTepOB. B h j i o pemeHO 0praHH30BaTb Ha cjie«yiomnit 3eHb MaccoByio ^eMOHCTpaiiHio. B e i e p o M 6ojiee t h c h h h lejiOBeK npomjio no yjiHi;aM r o p o ^ a , npoBOJKaa n a p a a t a H . EoeBoe HacTpoeHHe, i^apHBinee b 9to BpeMH cpe^H nepe^OBHx cjioeB npoJieTapiieB Mapcejin, xoporao xapaKTepH3yeT cjienyioinHii aruiaofl. B H a ï a j i e iiiohh Ha o^hom h 3 coBemaHHii c paôoiHMH jjejieraTaMH npe$eKT 3aHBHJi, i t o ecjin yipejprrejibHoe coôpaHHe OTKaœeTCH y^oBJieTBOpHTb TpeÔOBaHHH MapCejIbCKHX Tpy^HmHXCH, HM npHfleTCH CMHpHTbCH c 3THM. TyT o h 6 h j i npepBaH cjiOBaMH npeflcenaTejiH KopnopaiiHH KaMeHOTecoB BepTpaHa ( B e r t r a n d ) : «Tor^aMHnoñ^eM HalIapHHt!» « B t o oieHb ^aJieKO, BepTpaH», — B03paanji OjiHBbe. « H o Be^b HaniH npe^KH npoffejiajiH Tanon nyTb!» — bocKJiHKHyji BepTpaH. 4 0 XapaKTepHan penjiHKa, noKaauBaiomaH, ^ t o b Mapcejie b 1848 r . eme >KHBa ÔHJia naMHTb o sHaMeHHTOM noxo^e ôaTajiBOHa MapcejibCKHX (jpeflepaTOB b I l a p n » b 1792 r . 22 HiOHH 6ojibman nacTb napHHtCKHX BOJIOHTepOB noKHHyjia M a p c e j i b , nojiyiHB nacnopTa. B t o t » e «eHb, okojio h h t h l a c o B y T p a , Ha paBHHHe CeH-Mnmejib 38 38 40

Procès, p. 229. Ibidem, p. 43—44. Ibidem, p. 224.

BoccTaHne paßoMiix Mapcejia B 1848 r .

279

COCTOHJIOCB coßpaHHe MapcejibCKHx n p o j i e T a p i i e B . HACTB H3 HHX penmjiaBepHyTbCH Ha p a ö o T y , ; n p y r a a i a c T b HacTaHBajia Ha npoBe^eHHH fleMOHCTpaijHH. B c K o p e TaM » e

COCTOHJIOCB

BTopoe

coôpaHne

( B HeM YNACTBOBAJIO

OKOJIO

1500

NEJIOBEK).

MexaHHK AFLOJIBI|T E e j i j i e ( B e l l e t ) , ^ejieraT OT p a ö o i n x aaBOfla, npHHa^JiejKaBinero KpynHOMy npe^npHHHMaTejiK) H HHHteHepy, aHrjiHHaHHHy HCHHH

IJBeT

BepHHX

pecnyöJiHKaHqeB !» 4 3 B p o c w j i a p a ô o T y H npncoeflHHHJiacb K BoecTaHHio T a K w e r p y n n a p a ö o i H x 5Kejie30flejiaTeJibH0r0 3aBO«a ApHO ( A r n a u d ) H Cy^PH ( S o u d r y ) nofl pyKOBO^CTBOM TOKapH-MexaHHKa JKiojibeHa B a f t e ( B a i l l e u x ) . B e 3 y c n e m H o i i 0 K a 3 a j i a c b H n o n u T K a y^epHtaTb OT y i a c r a n B «eMOHCTpaqHH r p y n n y KAMEHOTECOB, npeflnpHHHTaH HEKOTOPIIMH FLEJIERATAMH HX K o p n o p a u , M H .

44

floKyMeHTbi pwcyioT cjieflyiomyK) KapTHHy pa3BHTHH COÖHTHÖ 2 2 HIOHH. P a H o y r p o M r p y n n a peBOJiioijHOHHO HacTpoeHHiix p a ô o i n x cTajia oôxojjHTb MacTepcKHe H CTPOÜKH M a p c e j i n , npHBJieKan Ha CBOK» CTopoHy MHOTHX p a ß o i n x . T a n o 6 p a 3 0 B a j i a c b KOJioHHa H3 4 0 0 — 5 0 0 qejiOBeK; n o cjiOBaM ojjHoro o i e B i i i m a , oHa B u c T y n n j i a «6e3 opyntHH, S e s B 0 3 r j i a c 0 B , 6ea neceH». 4 5 FIoßoößH k B 0 K 3 a j i y , yiacTHHKH nieCTBHH npH3BaJIH paÔOIHX }KeJie3HOAOpO}KHBIX MaCTepCKHX npHCOeflHHHTbCH K HHM. EbiJia cflejiaHa TaKSKe nonbiTKa n p H B J i e i b K y i a c T H i o B seMOHCTpaijHH p a ß o i H x , 3aHHTHx Ha nocTpoÄKe K a H a j i a . 4 8 OKOJIO fleBHTH i a c o B y T p a «EMOHCTPAHTM — HX 6HJIO B BTO BpeMH y œ e 1 0 0 0 — 1 2 0 0 HejiOBeK —FLOCTHRNRTyjiHijbt H o a ü j i b . ^ a j i b H e f t m e M y NPOA,BHîKeHMio KOJIOHHH noMemajiH p o T a 2 0 - r o n o j i n a H p o T a HaqiioHaJibHoii rBap^HH. H a yjiHi;e CeHO e p p e o j i b ( S a i n t - F e r r é o l ) rjiaBHHÖ KOMHceap nojiniyiH M a p u y a H r e H e p a j i M e ^ a p CeH-MapTeH ( M e d a r d S a i n t - M a r t i n ) npeflJio>KHJIH paöoHHM pa30ÖTHCb; 3aHBHB, i T o n p e $ e K T npHMeT T0JibK0 «ejieraTOB. ¿ J e - n e r a ™ cTajiH y r o B a p H B a T b p a ô o i H x 41 42 43 44 45 46

Ibidem, p. 203. Ibidem, p. 160. Acte d'accusation, p. 37. Procès, p. 2 2 3 - 2 2 4 . Ibidem, p. 253. Ibidem, p. 16.

280

A. H. Mono«

noflOJK^aTb h i B03BpameHHH H3 npe^eKTypH. B b t o t momöht M a p K y a n o n u TajiCH BLipBaTL H3 pyK p a ß o i e r o 3HaMH, KOTopoe oh Hec Bnepe^H k o j i o h h h , a naKOÖ-TO o$Hijep cxBaTHji s a ropjio o^Horo H3 ^ejieraTOB. P a s j j a j m c b KpiiKH : « ß o j i o i i iutbikh», «Mh noit^eM Ty«a Bce!» CojiaaTH 6e3 npeflynpejKfleHHH nycTjwm b x o a opyjKHe, paHHB noJiniieftcKoro KOMHccapa h ojjHoro p a ô o n e r o . B o f t c n a oTTecHHJin ^eMOHCTpaHTOB Ha coceflHHe y j n m b i . B npe^eKType «ejieraTbi noTpeôoBajiH paccjieflOBaHnn o ô c t o h t g j i b c t b , rrpiiBeflniHx k KpoBonpojiHTHio. IIpe(|»eKT oôeiijaji paccjieflOBaTb jjeftCTBHH KOMaHflOBaHHH. Ilocjie 3Toro HaqajibHHK ero KaôimeTa bmôotg c aejieraTaMH BHmeji k HeMOHCTpaHTaM. E r o p e i b He HMena HHKanoro y c n e x a . Ha^ajIOM BOCCTaHHH HBHJiaCb

CXBaTKa MeJKfly BOÜCKaMH H 3aii;HTHHKaMH

HGTHpGx öappHKafl, B03BeflenHbix Ha y j m i j a x P h m c k o ö , JLN-IIaJiiofl ( L a Palude) h ^e3beM-TaJia^ ( D e u x i è m e T a l a d e ) . «MHTeœHHKOB, HaxoflHBnmxcn b npooTpaHCTBe Me»,ny 3THMH öappHKaflaMH, H a c w r b i B a j i o c b , — yTBep»;j];aji npoKypop, — okojio 3 0 0 . y h h x He 6 h j i o opyîKHH, no K p a t a e f t Mepe Ha BH^y, ho nofl pyKaMH HMejiocb MHoro l e p e n i m u h KaMHeit, KOTopue ohh cjio/khjih b Kyqy, h t o 6 h ncnonbaoBaTL b c j i y q a e HafloÖHocTH».47 O i p n ^ nexoTH h b3boh HaqiioHajiLHHx rBap^eftiieB 6 h j i h ^BHHyrH Ha aaxBaT öappHKaA- BoccTaBinne BCTperajiH cojiflaT h m a p ^ e n n ^ rpa^OM KaMHett h l e p e n i m H . B o f t c u a OTKpujiH oroHb h 3axBaTHJiii 6appHKaflH. n P H 9T0M 6 h j i h CMepTejibHO pâHeHH Tpn nejiOBeKa. 3 i a cxBaTKa eme ßojiee oöocTpnjia oßcTaHOBKy. ^ a a t e npeflrbHBJieHire nHCbMa, b kotopom npe^eKT rapaHTHpoBaji coxpaHeHne flecnTHiacoBoro p a ß o i e r o flim, h c BH3Bajio ycnoKoeHHH. OflHa KOJioHHa BoccTaBnmx HanpaBHJiacb n a n j i . K a c T e j i jiaH, flpyran — H a n j i o i q a a b P e c n y ß j i H K H . IIo n y r a ohh 3axoflHJiH H a n p e j y i p n HTHH H CHHMaJIH HaXOAHBHIHXCH TaM paÔOHHX, yrOBapHBaH HX npHCOe^HHHTbCH K OTpHfly, 1TOÖH OTOMCTHTb 3a yÖHTHX « T h — paÖO^HÜ, KaK H MH, HfleM 3 a m n m a T b Haina npaBa». 4 8 TeM BpeMeHeM qeTiipe «poTH CTpejiKOB» saHHjin rroaimnn Ha HaôepejKHoft KaHeöbep, b lacTHOcra, npoTHB yjnm&i CeH-Oeppeojib, KOTopyio oxpaHHJiH OTpnn cojiaaT h poTa HaijHOHajibHOü TBap^HH. Bo36yjKj],eHHe, i;apnBinee cpeflH CTOHBmett TaM TOJinu, HenpepHBHO HapaCTajio. K o r j j a noKa3ajiHCb h o c h j i k h c oflHHM TH/Kejio paneHHM paßoHHM, b coji^aT nojieTejiH KaMHH. KoMaH^OBaBninfl TyT noBCTaHu;aMH IïeppeH hmöhgm Hapo^a npefljioJKHJi KOMaH^npy OTpn.ua npaBHTejibCTBeHHHx BoiicK yBecTH cojiflaT. riocjie 3TOro noBCTainjhi Hanajin Ha ocTaBmHxcH Ha MecTe HaqiiOHaJibHbix rBap^eftiieB h o6e3opyHtHJiH h x . J^pyran r p y n n a aTanoBajia K a $ e IlioHte ( P u g e t ) h nocjie KopOTKOit cxBaTKH saxBaTHJia e r o ; n p n 8TOM 6HJIO paHeHO 2 0 o$Hi^epoB h coJi^aT. K nojiyAHK» b pnAH n e r a p e x «poT CTpejiKOB», npHMKHyBHiHx k BoccTaHHio, BJiHJiocb MHoro jHo^eii, BoopyjKHBnmxcn opy»HeM, 3axBaqeHHbiM b pa3JiHiHbix MecTax. B 3aBH3aBraeitCH cxBaTKe reHepaji Me^ap 6 h j i paHeH, KannTaH P o ö i o c t yÔHT. 47 48

Acte d'accusation, p. 4. Procès, p. 155.

BoccTaHHe pa6o i mx Mapcejin B 1848 r.

281

IIpHÔHTHe OTpH^a coji^aT 3acTaBHJio BOCCTaBniHx o i h c t h t b Ha6epe>KHyio KaHeôbep, ho ohh He coÔHpajiacb npenpamaib 6opb6y. «9to 6hji yme He mhtcjk, — rameT npoKypop, — 9to 6hjio Bceoômee BoaMymeHHe».49 HcnyraHHiiii pa3MaxoMBoccTaHHH, npeeKT npnKa3aji HaïajibHHKy apTHJiJiepHH Hau;H0HajibH0ft raap^HHToproBqy 9mhjik> JloiwSapy (Lombard) OTnpaBHTbCH Ha $opT CeH-HaKOJia, bhBe3TH OTTyjija 20 t h c . naTp0H0B h pa3^aTt iix Hau,HOHajitHHM rBap/jeiiijaM:. Hepe3 HeKûTopoe BpeMH 0TpH,n apTHJuiepHCTOB flocTaBHJi k njioma^H nyineiHue Hflpa. 60 OflHHM H3 rjiaBHHx côopHHx nyHKTOB BOccTaBHiHx 6biJia njiomaflb IlponoBeHhhkob. G yTpa a^ect coôpajiocb HecKOJitKo BoopyjKeHHHx otph^ob. O^hh h3 hhx, KOTopHM K0MâH^0BaJi KanHTaH MeHbe, npoÔHJi TyT ^o 10 nacoB, nocjie nero, HeflOHtflaBiiiHCbnonxoaa ocTajitHtix 6ohd,ob cBoeii poTH, HanpaBHJiCH Ha njioma^b PecnyôjiHKH. MeHbe conpoBoœ^ajiH cepjKaHT ero poTH K a p ô a c c (Carbasse) h KanpaJi opy (Fauroux). IIoKH^aH imomaflb IIpoiiOBeHHHKOB, MeHbe ocTaBHJi TaM MJiajynero jieitreHaHTa Toit me poTM ApHO (Arnaud), npnKa3aB eMy coSpaTb 3ano3AaBmHx 6oîîi;ob. Bo rjiaBe SToro BToporo oTpn^a ApHO HanpaBHJiCH Ha njiomaflb ÎKanreH. OcoôeHHO BHflHyio pojib b pyKOBOflCTBe BoopyjKeHHoft 6opb6oft c n r p a j i KanHTaH 6ojibnioft CTant cjiywôu b apMHH. Okojio 1 0 nacoB yTpa oh npHÔHJi Ha njiomaflb PecnyÔJiHKH h CTaJi bo rjiaBe CBoeii p o r a ; ero conpoBOHtflajiH jieiiTeHaHT BejuiHceH (Bellissen) h MJiaamHii jiefiTeHaHT Mepjib (Merle). Okojio nojiyRHH bo rjiaBe kojiohhh, naciHTbiBaBineii 250 6oììu,ob, rieppeH npHcoe^HHHJiCH k noBCTaHi^aMT 3amiimaBinHM mioma^b /KaiireH. 51 r i e p p e H , HMeBinHtt

3flecb ÔHJia cocpeflOTOieHa 0CH0BHaH Macca noBCTaHu;eB, h 6hjio nocTpoeHO MHOJKecTBo ôappHKap;. Hx CTponjiH H3 Beerò, i t o nonaflajiocb non pyKy: H3 CKaMeeK, Kacc h KopsHH 3ejieHmim, H3 ctojiob, hocok h CKaMeeK iijiothhkob, h3 onpoKHHyTHx Tejier, H3 6yjiH?KHHKa moctoboh. MHcypreHTH 3aHHJiw Kpimm h nep^aKH MHornx jiomob h cjiojkhjih TaM nepenimy. PaccTaBjieHHHe Ha y r j i a x lacoBtie onpaiiiHBajiH npoxoflHmnx BoopyjKeHHHx Jironeft. Otpha, npHÔHBiimii c njioma^H IlponoBeflHHKOB, 6uji 0CTaH0BJieH cjioBaMH: «Kto ii^eT ?» «HncTbie fleMOKpaTH!» (Démocrates purs) — nocjibmiajiocb b OTBeT. «BpaBO, 6paBo! 8 t o Hamn!» — BOCKJiHKHyjia TOJina h OTpHp; 6hji oTBe^eH Ha ôappHKany. B nojiOBHHe TpeTbero BoeHHoe KOMaH^oBaHHe nBHHyjio npoTHB 6appHKa^ ruiomaflii ÎKaHreH 2 8 0 aprajuiepHCTOB h «Ba B3BO^a 20-ro nojiKa. IÏOBCTaHipi oTpasHjiH 9to Hana^emie h 3acTaBHJiH OTpnA yKpHTbcn Ha coce^Hnx y j n m a x . OïpaiKeHa 6 m i a h nonHTKa jjpyroft kojiohhh aTaKOBaTb noBCTaHijeB. TojibKo TpeTbeft KOJlOHHe npaBHTejibCTBeHHHx boîîck y^ajiocb oôoîîth njioma^b, Ka3aBrnyiocH HenpHCTynHoii, h oBJia^eTb SappHKa^aMH, a 3aTeM h flOMaMH, r^e yKpuBaJiHCb noBCTaHi^H. Okojio leTtipex HacoB ^hh 6oii 3,necb yTHX. Ilocjie aaxBaTa njiomaflii ÎKaHreH BoiîCKa b3hjihci> 3a jiHKBH^ai^Hio 6appHKaa, Ha njiomaflH KaCTejuiaH. 3a6appHKajjHpoBaHa ôujia He TojibKo caMa 9Ta njiomaflb, 49 50 51

Apte d'accusation, p. 9. Procès, p. 38—39. Acte d'accusation, p. 21—24, 25, 31—32.

282

A . H . MOJIOK

HO H Bce y j i H U H , B e ^ y m n e K H e i t : o ß i q e e IHCJIO 6 a p p H K a j ( B 8TOM pafiOHe ^OXOFLHJIO « o 11. OKOJIO flByX HaCOB FLHH OTpHfl nOBCTaHIJGB HBHJICH Ha CTpOÄKy Hai^HOHaJIBHHX MacTepcKiix

B Ilpa^o

H n o T p e ö o B a j i BHflaTb

HM n o p o x .

KOHTOPM

HaïajibHHK

y T a n j i OAHHHAWATB 6OHOHKOB H B t m a j i TOJILKO O^HH. 52 BO r j i a B e OTpH^a CTOHJI CJieeapb-MexaHHK

MacTepcKHX T e i t n o p a



T e o f l o p JIoTbe

(Théodore

Lautier),

ÔHBIMIIT BOEHHOCJIYJKAMHFT, MJIAFLMHË JIEFTTEHAHT HAI;H0HAJIBH0IT RBAPFLIIH. IIOBCTaHqH Ha nJioma^H K a c T e j u i a H HBÔpajiH e r o r j i a B H H M HanajibHHKOM. BOJKfleM B o c c T a B m n x 6HJI 3flecb A H P H J I a r p a $ $ e ( H e n r i L a g r a f f é ) — c j i y H t a m n ô , BOCTOPJKEHHHFT n o i H T a T e j i b P o ö e c n t e p a . 6 3

TpeTbHM



flpyrHM

ToproBbiä AjieKcaH«P

JIojKbe ( A l e x a n d r e L a u g i e r ) , T o p r o B H Ü c j i y f f i a m n ö , CTapmHÖ cepataHT p o T H CTpejiKOB, i j i e H « K j i y ö a a p y a e i i H a p o ^ a » . « M u XOTHM CMeHH B c e x BHCHIHX BjiacTcsft. I l p a P e c T a B p a A H H 6HJIH CMemeHH Bce flOJi®HOCTHue Jiiiija HMnepHH; n p w JIyH-KHo CMeCTHTb B c e x flOJIHÎHOCTHHX JIHIi H 3aM6HHTb HX peCIiyßjIHKaHIjaMIl» : TaK (f)OpMyjiHpoBaJi JIoHtbe n p o r p a M M y B o c c T a B n m x . 5 4 B 2 q a c a 30 MHHYT AH H KOMAHßOBAHIIE NPHKA3AJIO B o ä c K a M ATAKOBATB 6 a p p w KAFFH. H o B 3TOT MOMEHT HecKOJibKO HEJIOBEK BO RJIABE c ^ENYTATOM y n p e f l H T e j i b H o r o COÔpaHHH ÎKaHOM OÖpaTHJIHCb K H a ï a J I b H H K y KOJIOHHH C n p o c b ô o i i OTJIOÎKHTb ATAKY, HTOÔH NONHTATBCH YROBOPHTB NOBCTAHIJEB NOKHHYTB 6appiiKa,A,H. ^EFTCTBHTEJIBHO, LACTB BOCCTABMHX N03B0JIHJIA COJIAATAM 6e3 6OH AAHHTB ÔAPPHKAFLU; n o c j i e 3 T o r o B o i i c K a ocTaBHJin n j i o m a f l b , NOJIYIHB OT noBCTaHijeB o ô e m a H n e , *ITO Te caMH

paspymaT

öappHKa^H.

BHJIHCb T e , KTO peiHHJI ÔOpOTbCH

Ho

BbinojmeHHio

3Toro

oöemaHHH

BoeiipoTH-

KOHUa. 85

OKOJIO LETHPEX i a c o B JJHH BOFTCKA, COCPEJJOTOHEHHBIE y

njiomaflH KacTejuiaH

CHOBa 6biJiH ô p o m e H i i B a T a K y . H o B nocjieflHHft MOMCHT «BOE p a ß o i H x oöpaTiiJiHCb K KOMaHAOBaHHH) c saHBJieHHeM, HTO oHii XOTHT npeflnpHHHTb e m e o ^ H y n o n H T K y conpoTHBJieHHe. HTOÔH y c K o p H T b

y r o B o p H T b noBCTaHqeB n p e K p a T H T b

flajibHefimee

jiHKBH^aiiHio

pacnopnflHJiCH

BoccTaHHH,

OjiHBbe

pacKJieHTb

npoKJiaMaiiHK», B

K O T o p o ü y ß e j K R a j i p a ß o i a x OCTABHTB SAPPIIKA^U ; O TOM m e n u c a j i OH H B NACBME K KOMaHflHpaM n o B C T a H i e c K H x OTpHflOB, OÔEMAH «cnpaBeflJiHBoe» y p e r y j i i i p o B a H H e KOH^JIHKTa. BbIJIO 6 HaCOB 30 MHHyT, KOrfla KOJIOHHa BOÜCK, BblfleJieHHHX flJIH aTaKH,

nojiyiHJia

NPHKA3

ABHHyTbCH

npoTHB

NOBCTAHIJEB,

HO

MHHYTY npe^cTaBHTejiH npeiJeKTa FLOÔHJINCB HOBOÜ OTCPOÏKII. B maxcH

neperoBopoB

noBCTaHijbi

noTpeôoBajin

paaopyaîeHHH

B

NOCJIE^HIOH)

XO^e aaBHaaBHau;HOHaJibHux

r B a p j j e i i i j e B , CTPEJIHBMHX B H a p o « , H HeMe^JIEHHORO ocBoßoHtfleHHH apecTOBaHHHX

62

Procès, p. 172.

63

A c t e d'accusation, p. 44.

61

Ibidem, p. 16.

55

Y n o p H o e conpoTHBJieHHe BOÖCKAM SHJIO onasaHo noBCTaHqaMH a B paftoHe NNOMA^H CeH-MapTeH (Saint-Martin). 3aBJiaji;eB aTolt njiomaflbio, con^aTU oca^ujin AOMa, rne YKPHBANHCB noBCTaHqbi. HTOCH BanoMaTb ^Bepii, CLIJIH BMABAHTI c a n e p u , KOTOPUE nycTHjiH B XO« CBOH JIOMU ( „ A c t e d'accusation", p. 14—15).

BoccTaHHe paôoiHX Mapcenn B 1848 r.

283

p a ô o i H x . HacTynwjia H o i b . KoMaHaoBamie npaBHTejibCTBeHHHx BOËCK pemnjio nepeHecTH aTaity Ha CJie^yromntt fleHb.68 Ilepefl jiHqoM pasBepHyBmnxcH coÔHTHft « K j i y 6 jjeMOKpaTHH» aaHHJi corjiamaTejibCKyio no3Hi;Hio. E r o npeflceflaTejib, a^BOKaT OraHHCJiac Kattn (Caillat) nocnemHji o6jiaiHTbCH B CBOS MyH«HP HaqnoHajibHoro rBapjueftqa H npe^ocTaBHTb ce6n B pacnopflHteHHe BjiacTeii. HA^EŒFLU 8AMHTHHKOB ôappmtafl Ha ruiomaflH KacTejuiaH, ITO « K j i y ô ^eMOKpaTHH» nonflepatHT HX pemHMOCTb ôopoTbcn 30 Komja, He onpaBAajiHCb. HHOÔ ÔHJia HO3HIÎHH « K n y 6 a ^pyaefi Hap03a». H a ero coôpaHHH BeiepoM 2 2 HIOHH 6HJIO peraeHO OTnpaBHTbCH Ha CJie^yiomHii jjeHb Ha ÔappHKa^BI, HT06H OTOMCTHTb Ba yÔHTHX TOBapHmeit. 57 23 HIOHH, B 5 nacoB y r p a BoitcKa, nojiyiHB nojjKpenjieHHe HS 8 n c a H ABHHBOHA, 6HJIH no^HHTH Ha Horn. ¿JJIH oKpyntemiH n j i o m a n a KacTejuiaH H aaxBaTa ee CappHKa^ 6HJIH C$OPMHPOBAHI>I TPN KOJIOHHH B cocTaBe LETUPEX 6ATAJIBOHOB nexoTH H HecKOJibKHx poT HaiiHOHajibHofi TBap^HH npn jjByx aprajuiepHiicKHx opyAHHX. IIo flaHHOMy c n r a a j i y Bee Tpii KOJIOHHH asHHyjiHCb Ha ôappHKaflu. H x HeMHOrOHHCJieHHHe 3amHTHHKH He CMOrjIH OTpaSHTB HaTHCK. nOBCTaHI^H OTCTynnjiH. HACTB H3 HHX ynpHJiacb B coceflHHx ^OMax, npoAOJiHtan CTpejiHTb B coji^aT H otjmqepoB, ôpocaTb B HHX KAMHH H l e p e n n q y . EHJIH CAejiaHH Hey^aBmnecH nonuTKH noflÔHTb opyflHH. «nocKOJibKy Bee 6HJIO KOHHCHO, BoflcKa y^ajinjincb, paspyniHB ôappHKaflu H npeflaB commemm Bee MaTepiiajiH, H3 noTopHX OHH 6HJIH nocTpoeHH. ConpoTHBJieHHe 6HJIO cji0MJieH0 B ero nocjiejjHein yKpenJieHHOM nyHKTe», — c yflOBjieTBOPEHHEM nncaji n p o n y p o p , OTMEIAN OKOHIAHWE YJIWQHHX 6oeB B Mapcejie 23 HIOHH 1848 r o « a . 8 8 «IIOPHFLOK NOJIHOCTLM BOCCTAHOBJIEH B M a p c e j i e .

B e e 6APPHKAP,H

paapymeHH.

r o p o A npnoôpeTaeT npHBHiHHit BHH», — TejierpaKGCTBOM>>. B ropose

6 bran

pacKJieeHH

naaKaTH,

oÔJiHHaBuiHe

Hecn0C06H0CTb

ynpeHHTenbHoro

coßpaHHH H 3aHBJiHBume, MTO JiyHuie yMepeTb B Coro, 'ieM OT HHmeTH. ( N e u e R h e i n i s c h e Z e i t u n g , N r . 36, 30. J u n i 1848).

286

A . H . MOJIOK

RJIABHOFIFLBHJKYMEIICHJIOS MapeejitCKoro BOCCT8IHHH 6HJIH paôouue, nacTHHX npoMHinjieHHHx npe«npHHTHHX

aaHHTBie B

H B KOMMynajibHHX MacTepcKHx. 7 0 B

BoccTaHHH ynacTBOBajiH TaKHte peMecjieHHHKH, ToproBBie

c j i y j K a m n e , MejiKHe

TOprOBI^H H T. fl. AHajiH3 coi;HajiL,Horo H np0$eccH0Hajii.H0r0 cocTaBa y i a c r a i i K O B BoccTaHHH, NPHBJIEIEHHUX Hapo^HHit,

K

cyfleÔHoft

npHTOM

OTBGTCTBGHHOCTH , NOKA3HBAET,

npeuM-yuçecmeeHHO

HTO OHO HOCHJIO

xapaKTep.

npojiemapcKuu

H3

oômero

«mena 138 oÔBHHHeMbix, npe^AHHHX c y ^ y (261 NEJIOBEK 6HJIH ocBo6oHtfleHii 30 cyjja

3a

HeAocTaToiHocTBio

yjiHK),

no^aBJiHiomee

ôojitmHHCTBO

cocTaBJiHJiH

p a ô o i H e (85) H OTiacTH MEJIKIIE peMecjieHHHKH. Cpe^H HHX 6HJIO 9 KaMeHOTecoB, 8 cjiecapeii, 6 crojinpoB, 6 MajinpoB, 6 canojKHLix no^MacTepteB, 6 nofleHmHKOB, 6 TOKapeft, 5 CTOJiHpoB-KpacHo^epeBi^eB, 4 neKapn, 3 jjyônjibmHKa KOJKH, 3 m a x Tepa, 2 KOTejitinHKa, 2 aeMJieKona, 2 nHJibmHKa, 2 HîecTHHHHKa, 2 p a ô o i n x MexaHHKa, 2 noBapa, 2 l e p H o p a ô o i H x , nuraiftOBajiBmHK, KOJKCBHHK, mopHHK, M0Ji0T060ei^, uiTyKaTyp, 6 o i a p , oôoftmHK, KapTOHaiKHHK, jiHTorpatjfiCKHft pa6o*mii, paôoHHft qepenHHHoro np0H3B0«CTBa, p a S o i n ô - ^ e K o p a T o p ,

paSoinft

caxapHoro

saBo^a, r p y s i i i K . B BoccTaHHH npHHHJiH y i a c T H e TaK»te 16 ToproBHx cjiyHîainnx, npiiKa3iHKOB H flOManiHHx c j i y r , 18 BJiaflejibneB MejiKHx peMecjieHHux MacTepcKHx (6yji0iHHK0B, canoatHHKOB,

nopTHHx,

MacTepoB

no

H3roT0BJieHHi0

ieM0,n;aH0B H T. n . ) ,

10

MejiKHx ToproBijeB (B TOM HHCJIE 3 yjiHiHEix ToproBi^a). HETBEPO O6bhhh6MHX 6HJIO CBH3aHO c

eejiBCKHM

X03HÎÎCTB0M

(3eMJieBJia.ne.Jiei;, epMep,

caflOBHHK,

PHÔOJIOB). JIHLI; CBOÔOHHHX npo^eccHit 6HJIO TOJIBKO flBa: OHHH >KiiBoniiceij H O^HH

YJIHIHHII

aKpoSaT.

YiamancH

MOJiofleHib

6ujia

OSHHM

npeacTaBjieHa

CTYFLEHTOM-(|»apMai3a, Bd. 3, 1. Buch, a. a. O., S. 9,10,11, 281 ff.; K. rycee, Kpax napTHH jieBHx E3epoB, Moskau 1963, S. 86ff. * W. I. Lenin, Uber Verfassungsillusionen, in: Werke, a. a. O., Bd. 25, S. 199. « Ebenda, S. 200.

362

MARIA A N D E R S

Lösung der Machtfrage durch die Arbeiterklasse sei höchstens dann möglich, wenn in den hochentwickelten westeuropäischen Ländern siegreiche sozialistische Revolutionen durchgeführt würden. Gerade diese opportunistische Grundkonzeption führte Sozialrevolutionäre und Menschewiki zum engen Bündnis, zur Koalition mit der Bourgeoisie und zur scharfen ideologischen Polemik gegen die bolschewistische Partei, deren Revolutionskonzeption sie als anarchistisch, als Wiederbelebung des Blanquismus bezeichneten. Der reformistischen Revolutionskonzeption der kleinbürgerlichen Demokratie stellte Lenin in seinen „Briefen aus der Ferne", in den „Briefen über die Taktik" sowie in seinen berühmten Aprilthesen die friedliche Entwicklung der Revolution von der demokratischen zur sozialistischen Etappe entgegen. Dieser strategischen Aufgabenstellung lag die leninsche These vom engen Zusammenhang zwischen dem Kampf um Demokratie und Sozialismus in der imperialistischen Epoche zugrunde. Die Möglichkeit der friedlichen Entwicklung der Revolution erkannte Lenin hauptsächlich in der Existenz revolutionärer Machtorgane, den Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten, hinter denen die Werktätigen und der größte Teil der Armee stand und die einige Monate die Angriffe der Konterrevolution zu paralysieren vermochten. Lenin entwickelte für die Bauernschaft ein Agrarprogramm, das einerseits den Interessen der werktätigen Bauernschaft voll entsprach und das andererseits auf Wege zum Sozialismus orientierte: Enteignung aller Gutsbesitzerländereien, Übergabe des Bodens an die Bauern, organisierter Kampf um Grund und Boden, ohne auf die konstituierende Versammlung zu warten, und Nationalisierung des gesamten Grund und Bodens. 7 Die Strategie und Taktik der SDAPR(B) im Kampf um die Einheit der Arbeiterklasse und auf ihrer Grundlage die Herstellung eines Kampfbündnisses zwischen Arbeiterklasse und armer Bauernschaft, das nur durch die Isolierung der Paktiererparteien und Neutralisierung der Mittelbauern zu erreichen war, bedeutete nicht, die kleinbürgerliche Demokratie von der Revolution abzudrängen. Im Prinzip lehnte die SDAPR(B) eine Zusammenarbeit mit kleinbürgerlichen Parteien nicht ab. Sie entwickelte vielmehr gegenüber jenen Gruppen und Strömungen der kleinbürgerlichen Demokratie, die sich eine internationalistische Haltung bewahrten, die Taktik der Einheitsfront. In der „Resolution über die Vereinigung der Internationalisten gegen den kleinbürgerlichen Block der Vaterlands Verteidiger", angenommen auf der VII. Allrussischen Aprilkonferenz, wurde „die Annäherung und Vereinigung mit den Gruppen und Strömungen, die wirklich auf dem Boden des Internationalismus stehen, auf der Basis des Bruchs mit der Politik des kleinbürgerlichen Verrats am Sozialismus für notwendig" erklärt. 8 Die Taktik der Einheitsfront und die bolschewistische Bündnispolitik führte noch während der Doppelherrschaft zu ersten, wenn auch noch nicht bedeutenden Erfolgen. Das wurde während der Aprilkrise deutlich. Während dieser Krise gelang es den Bolschewiki, den bewußtesten Teil der Soldaten, einen Teil des Dorfprole7 8

W. I. Lenin, Resolution zur Agrarfrage, in: Werke, a. a. 0 . , B d . 24, S. 282ff. W. I. Lenin, Resolution über die Vereinigung der Internationalisten gegen den kleinbürgerlichen Block der Vaterlandsverteidiger, in: Werke, a. a. O., B d . 24, S. 286.

Macht- und Bündnisfrage in der Oktoberrevolution

363

tariats und der armen Bauern und Anhänger der kleinbürgerlichen Demokratie aus der Arbeiterschaft zu gewinnen, die noch eng mit dem Dorf verbunden waren. Die Losung „Alle Macht den Sowjets!" begann bereits Mitglieder der kleinbürgerlichen Parteien zu ergreifen. In zahlreichen Sowjets, so in Moskau, Nishni-Nowgorod, Samara, Jekaterinburg, Kostroma, Woronesh und in anderen Städten gelang es den bolschewistischen Deputierten, die fehlerhafte Politik der Versöhnlerparteien überzeugend nachzuweisen, so daß ein Teil der Deputierten der kleinbürgerlichen Demokratie für bolschewistische Resolutionen stimmte. 9 Den größten Erfolg errangen die Bolschewiki in jenen Tagen unter den Matrosen der baltischen Flotte. Unter Führung der Partei Lenins, im engen Kampfbündnis mit linken Sozialrevolutionären und anarchistischen Führern 10 wurde in der Zitadelle der baltischen Flotte, in Kronstadt, bereits am 16. Mai 1917 die alleinige Macht der Sowjets errichtet. 11 Unter Führung solcher bekannten Bolschewiki wie P. Dybenko, N. Ismailov, N. Chovrin u. a. gelang es, über den Block zwischen Bolschewiki und linken Sozialrevolutionären ein festes Bündnis zwischen Arbeiterklasse und armer Bauernschaft zu schmieden. Die Aprildemonstration der fortschrittlichen Arbeiter, Soldaten und Matrosen war somit der erste Versuch, auf friedlichem Wege die Sowjetmacht zu errichten. Es waren jedoch vorerst nur die fortschrittlichen Kräfte, die sich um die Partei der Bolschewiki scharten. Die Mehrheit der Arbeiter, Soldaten und Bauern vertrauten noch der bürgerlichen Regierung und den Versöhnlerparteien. Sie schwankten noch zwischen Revolution und Reformismus, zwischen Arbeiterklasse und Bourgeoisie. Dennoch mußte die menschewistische Zeitung „Rabocaja gazeta" zugeben, daß die Aprilthesen Lenins „aufhören ein Produkt des persönlichen Schöpfertums Lenins" 1 2 zu sein, daß vielmehr die programmatischen Forderungen Gehör bei den revolutionären Massen fänden. 9

10

11

12

Vgl. I I . H. Coöojiee, IlpiiBJiHHGHHe öe^Hemero KpearbHHCTBa Ha CTopoHy coiinajincTHiecKoit peBOJUOijHM, in: E o p t ß a SoJiLineBHCTCKOil napTHH 3a coa/jaHne nonHTHiecKoft apMHH coijHajiHCTHHecKoft peBOJHOijHH (MapT-oKTHÖpb 1917 r . ) , Moskau 1967, S. 149ff. Die Taktik der S D A P R ( B ) im K a m p f gegen Anarchismus und Anarchosyndikalismus richtete sich einerseits auf die Paralysierung abenteuerlicher Aktionen anarchistischer Elemente und andererseits auf die Gewinnung anarchistischer Arbeiter und jener führenden K r ä f t e , die persönlich aktiv für die Interessen der Arbeiterklasse und anderer Werktätigen kämpften. In K r o n s t a d t verbündete s i c h z . B . die bolschewistische Sowjetfraktion mit dem angesehenen Führer der Anarchosyndikalisten J a z c u k , der entschieden das Versöhnlertum mit der Bourgeoisie ablehnte und der später von der bolschewistischen Fraktion als Delegierter zum II. Allrussischen Sowjetkongreß gewählt wurde. Vgl. J I . A. Kyauna, Ü 3 HCTopHH ßopbÖH 6o J I L I I I O B M K O B npoTHB aHapxHCTOB B nepHOA no,nr0T0BKH OKTHÖpBCKOft peBO J I I O I J H H , in: JleHHH, IlapTHH, OKTHÖpt, Leningrad 1967, S. 1 1 8 - 1 4 5 . Vgl. B. H. Kaaauifee, 3aBoeBamie ßonBiiieBHCTCKoit n a p r a e ü coJijjaTCKHX H MaTpoccKHX Macc Ha CTopoHy P E N O J I K M N N , in: B o p h 6 a 6OJIbiueBHCTCKOft napTHH aa C 0 3 « A H M E I I O J I H TJwecKoä apMHH coquajiiiCTHHecKoit peBOJiroqHH, a. a. O., S. 204 ff. PaÖonaH ra3eTa, 2. Mai 1917, zitiert nach: H C T O P H H KOMMyHHcruqecKoö n a p T H H C O B C T C Koro C0K)3a, B d . 3, Buch 1, Moskau 1967, S. 80.

364

MARIA A N D E R S

Die sich allmählich vertiefende Revolution sowie die beginnende Polarisierung der Klassenkräfte drückte sich auch im Zahlenverhältnis der P a r t e i e n in den Sowjets aus. W a r die bolschewistische F r a k t i o n im Petrograder Sowjet bei ihrer Konstituierung a m 9. März 22 Mitglieder stark, so b e t r u g ihre Zahl Mitte April 120 u n d zur Zeit der Juliereignisse 400 Deputierte. Ihr Einfluß wuchs besonders stark im Arbeitersowjet, aber auch im Soldatensowjet waren j e t z t m e h r bolschewistische Vertreter als im März. 1 3 Dem wachsenden E i n f l u ß der Ideen u n d der Praxis der bolschewistischen Partei in den Sowjets, den Fabrik- u n d Werkkomitees sowie u n t e r den Matrosen u n d Soldaten versuchte die bürgerliche, Sozialrevolutionäre u n d menschewistische Presse mit einem v e r s t ä r k t e n ideologischen Druck, mit e r b i t t e r t e n literarischen Fehden zu begegnen. Die bürgerlichen Parteien, vor allem die K a d e t t e n e r k a n n t e n klar, d a ß sie nur über den Regierungsblock mit den „sozialistischen" Parteien ihre Positionen r e t t e n u n d allmählich zur Alleinherrschaft übergehen konnten. Im Mittelpunkt ihres ideologischen K a m p f e s standen Verleumdungskampagnen gegen die P a r t e i Lenins, gegen ihre F ü h r e r , ihre Presseorgane u n d gegen aktive Arbeiter. 1 4 Es war notwendig, diese Demagogie einer untergehenden Klasse zu entlarven, denn viele Soldaten waren solchen demagogischen Versuchen noch erlegen. Eine besonders aktive Rolle bei der Gewinnung der Soldatenmassen spielte die Militärorganisation der S D A P R ( B ) . Gruppen von Agitatoren besuchten Soldaten in Kasernen, Garnisonen u n d Komitees u n d entlarvten die demagogische Politik der Kerenskiregierung u n d der Führer der Menschewiki u n d Sozialrevolutionäre. 1 5 Die friedliche E n t w i c k l u n g der Revolution war nur möglich, wenn die Armee sich revolutionierte, wenn ihre a k t i v s t e n K r ä f t e an der Seite der Arbeiterklasse k ä m p f t e n . Die Gewinnung der Soldaten f ü r die Ziele der Arbeiterklasse bedeutete die Schaffung der notwendigen B ü n d n i s f r o n t zwischen Arbeitern u n d a r m e n Bauern. Es ist deshalb nicht zufällig, d a ß die besten Vertreter der bolschewistischen Partei und Lenin persönlich viel Zeit v e r w a n d t e n , u m einmal die Agitatoren der Militärorganisation mit A r g u m e n t e n auszurüsten u n d z u m anderen selbst vor den Soldaten zu sprechen. Die Erinnerungsberichte v o n Teilnehmern solcher Veranstaltungen bringen einmütig z u m Ausdruck, was das gesprochene W o r t im Lande der Analphabeten bedeutete. Die R e d n e r der verschiedenartigen Parteien lieferten sich regelrechte Redeschlachten, was die Schärfe des ideologischen Klassenkampfes ausdrückt. Lenin selbst sprach nie lange, vielleicht zehn Minuten. E r b e a n t w o r t e t e alle Fragen präzise, schlicht u n d in verständlicher Sprache. 1 6 I m m e r waren es die gleichen Fragen, die gestellt w u r d e n : „ W a s wird mit dem Boden? mit d e m Krieg, mit der Macht?" Es wurden aber nicht nur die dringenden Fragen klar b e a n t w o r t e t . Das Zentral-

18 14

Vgl. CoBeTu 3a SO neT, a . a. O., S. 16. Vgl. A.A. üumyjibKo, B o p t Ö a ßontineBHitoB 3a conflaTCKHe Maccti üeTporpaacKoro rapHH30Ha

16 18

B nepiiOA

MnpHoro

PA3BHTHFI PEBOJIWMRA i n : JIBHHH, I l a p T H H , OKTHÖPB,

a. a. O., S. 1491T. Vgl. JIeHHH-BoHt«b OltTHöpb, Leningrad 1956, S. 189/190. Vgl. B. A. KpwHeiiKun, OT coJiftaTa «o reHepana, Moskau 1958, S. 24.

Macht- und Bündnisfrage in der Oktoberrevolution

365

komitee der Partei organisierte darüber hinaus Lektionen, die vor Arbeitern und Soldaten gehalten wurden. Mit solchen Lektionen, wie z. B. „Krieg und Revolution", traten Lenin, A. M. Kollontaj, S. M. Nachimson, M. S. Ol'minskij, Ja. M. Sverdlov, J. V. Stalin, E. M. Jaroslavskij u. a. bewährte Führer der bolschewistischen Partei auf. 17 Der Kampf um die Befreiung der Soldatenmassen vom bürgerlichen Einfluß war besonders wichtig, denn die Revolution hatte nur zwei Perspektiven: entweder verblieb die Mehrheit der Soldaten und armen Bauern im Schlepptau der Paktiererparteien und damit im Lager der Bourgeoisie, dann mußte die Revolution notwendigerweise mit der Diktatur der Bourgeoisie enden. Oder es gelang den Bolschewiki, die Dorfarmut, also die Mehrheit der Soldaten und Bauern zu gewinnen, dann konnte die Revolution in die sozialistische hinüberwachsen, obwohl die Mehrheit der Bauern für die sozialistische Revolution, sondern für die demokratische Agrarumwälzung und die demokratische Republik kämpfte. Starke parlamentarische Illusionen führten dazu, daß die Mehrheit der Bauern in den Monaten der friedlichen Entwicklung der Revolution für den Eintritt der Sozialrevolutionäre in die Provisorische Regierung eintrat. Vertrauend auf den Sozialrevolutionären Landwirtschaftsminister Tcernov, glaubten sie, daß die Sozialrevolutionäre als Mitglieder der Provisorischen Regierung nun ihr eigenes Agrarprogramm verwirklichen würden. Als das nicht geschah, als vielmehr in den Juni- und besonders in den Julidemonstrationen die Führer der kleinbürgerlichen Demokratie die Revolution verrieten und in das Lager der Konterrevolution übergingen, entlud sich die Erregung und Empörung der Bauernmassen in einer verstärkten Bewegung gegen die Gutsbesitzer. Es mehrten sich die Fälle, wo die werktätigen Bauern dazu übergingen, sich organisiert Boden zu nehmen, um die Lösung der Agrarfrage selbständig durch ihre Landkomitees voranzutreiben. 18 Die Demonstrationen der Arbeiter, Soldaten und Matrosen Petrograds vom 3. und 4. Juli, die unter der Losung „Alle Macht den Sowjets!" erfolgten, waren der letzte Versuch, auf friedlichem Wege die Sowjetmacht zu errichten. 19 Die sozialrevolutionären und menschewistischen Führer lehnten die Machteroberung durch die Sowjets ab und übergaben die ganze Macht der Bourgeoisie. Die Doppelherrschaft wurde zugunsten der bürgerlichen Kräfte beendet. Es begann eine neue Phase in der Entwicklung der Revolution, in der die Bedingungen für die Sammlung der Triebkräfte der sozialistischen Revolution reiften. Andererseits wurde die Bourgeoisie 17

Vgl. A. A. IIumyjibKo, rapHH30Ha

18

19

B o p t S a 60JibineBiiK0B aa con^aTCKHe MaccH üeTporpascKoro in: J l e H H H , üapTHH, OKTHÖpb,

B n e p i l O ß MHHOrO p a 3 B H T H H peBOJUOIJHH,

a. a. O., S. 154. Uber die sich entfaltende Bauernbewegung nach den Juliereignissen vgl. W. Storoshow, Das Bündnis der Arbeiterklasse mit der armen Bauernschaft in der sozialistischen Revolution, Berlin 1956, S. 124. Einen guten Einblick in die revolutionären Ereignisse 1917/1918 in den Dörfern vermitteln die Erinnerungsberichte von Teilnehmern der Bewegung, die im Sammelband „1917 roß B RepeBHe. BocnoMHHaHHH KpeCTfcHH, Moskau 1967, erschienen sind. W. I. Lenin, Eine Antwort, in: Werke, a. a. O., Bd. 25, S. 217.

366

MARIA A N D E R S

durch den Verrat der Sozialrevolutionären und menschewistischen Partei in die Lage versetzt, konterrevolutionäre Kräfte zu sammeln und mit Repressalien gegen Arbeiter, Soldaten und revolutionäre Bauern vorzugehen. Am stärksten richtete sich der Zorn der Konterrevolution gegen die immer stärker werdende bolschewistische Partei und ihre Führer. Der Druck der Konterrevolution auf Revolutionäre der verschiedenen Klassen und Schichten und die bittere Enttäuschung über die Ergebnisse der Koalitionspolitik der menschewistischen und Sozialrevolutionären Mehrheit führte zu beträchtlichen Schwankungen innerhalb der kleinbürgerlichen Demokratie. „Die Schwankungen bei den Sozialrevolutionären und Menschewiki kommen darin zum Ausdruck, daß sich Spiridonova und eine Reihe anderer Sozialrevolutionäre für den Übergang der Macht an die Sowjets aussprechen, und im selben Sinne äußern sich auch die internationalistischen Menschewiki, die bisher dagegen auftraten." 2 0 Der innerparteiliche Kampf in den kleinbürgerlichen Parteien verschärfte sich. Bereits am 9. Juli veröffentlichte die Sozialrevolutionäre Zeitung „Zemlja i volja" im Namen des Organisationsbüros der linken Kreise der Partei, der Fraktion der linken Sozialrevolutionäre im Zentralen Exekutivkomitee und im Exekutivkomitee des Bauernsowjets eine Deklaration, in der die Führer der Sozialrevolutionären Partei scharf angegriffen wurden, weil sie das traditionelle Programm und die Taktik der Partei über Bord geworfen hätten. In der Deklaration heißt es u. a. : „Die Minderheit konstatiert, daß die durch die führenden Kreise der Partei angewendete Politik den am meisten bewußten Teil der werktätigen Massen von der Partei abstoßen und die Parteiarbeit unter den Truppen, in den Fabriken und im revolutionären Dorf aufs äußerste erschwert." 21 Ähnlich wandten sich die Menschewiki-Internationalisten unter Führung von Larin und L. Martov gegen die Politik der menschewistischen Mehrheit.22 Der parallele Prozeß des wachsenden Einflusses der bolschewistischen Partei auf die revolutionären Kräfte und die Herausbildung linker Strömungen in den Parteien und Gruppen der kleinbürgerlichen Demokratie nach der Julikrise zeigte, daß ein neuer Zyklus in der Entwicklung des Klassenkampfes begann, der zur Klärung der Fronten führen mußte. In den Artikeln Lenins, die er nach der Julikrise schrieb, insbesondere in solchen Arbeiten wie „Zu den Losungen", „Über Verfassungsillusionen", „Der Beginn des Bonapartismus", „Die Lehren der Revolution", wird die beginnende neue Phase der Revolution eingeschätzt und die neue Strategie und Taktik für die Eroberung der Macht ausgearbeitet. Fußend auf Lenins Einschätzungen beriet sowohl die außerordentliche Konferenz der Petrograder Parteiorganisation als auch der VI. Parteitag der SDAPR(B) im Juli/August über die Perspektiven der Revolution. Einerseits erforderte die neue Situation eine veränderte Agitation und Propaganda unter den 20 21

22

W. I. Lenin, Drei Krisen, in: Werke, a. a. O., Bd. 25, S. 168. 3eMJiH H BOJIH 1917, 9. Juli, Nr. 85. Zitiert nach: OKTHÖptCKoe B00pyHteHH0e BoccTaHHe, Buch 1, Leningrad 1967, S. 377. PaöonaH raaeTa, 1917, 18. Juli, Nr. 109, in: ebenda, S. 378.

Macht- und Bündnisfrage in der Oktoberrevolution

367

Bauernmassen. Der S c h w e r p u n k t wurde von der E n t l a r v u n g der Paktiererpolitik u n d ihren Gefahren auf den direkten Verrat der Koalitionspolitiker an der Revolution u n d insbesondere an der Bauernschaft verlegt. Andererseits erforderte die Radikalisierung breiter Schichten u n d die Linksschwenkung großer Teile der kleinbürgerlichen Demokratie diese f ü r den Kampf um die Macht durch den n u n notwendig gewordenen bewaffneten A u f s t a n d gegen die konterrevolutionäre Kerenskiregierung zu aktivieren. Die außerordentliche Konferenz der Petrograder Parteiorganisation rief zur revolutionären Einheitsfront mit allen K r ä f t e n der kleinbürgerlichen Demokratie auf, die mit der Koalitionspolitik brechen. Im Rechenschaftsbericht des Zentralexekutivkomitees heißt es d a z u : „Einheit mit dem linken Flügel der Sozialrevolutionäre u n d Menschewiki, mit den Internationalisten, die noch eine Dosis revolutionärer E h r e b e w a h r t h a b e n u n d bereit sind, gegen die Konterrevolution zu k ä m p fen. Das ist die Linie des Z K der P a r t e i . " 2 3 „ E s gibt u n t e r den Menschewiki u n d den Sozialrevolutionären Elemente, die bereit sind, gegen die Konterrevolution zu k ä m p f e n . . . u n d wir sind bereit, uns im R a h m e n einer revolutionären E i n h e i t s f r o n t mit ihnen zu vereinigen." 2 4 Das sich n a c h den Juliereignissen a n b a h n e n d e neue Verhältnis der Klassen und Schichten zur Weiterentwicklung der Revolution drückte sich a m s t ä r k s t e n in der Bolschewisierung der Sowjets u n d einflußreichen Massenorganisationen aus. I m m e r mehr entwickelte sich die P a r t e i Lenins zum F ü h r e r der Arbeiterklasse u n d ihrer B ü n d n i s p a r t n e r . Ihre f ü h r e n d e Rolle in der Revolution wuchs. Im allgemeinen vermochten jedoch auch nach der Julikrise die rechten Kreise der Menschewiki u n d Sozialrevolutionäre ihren Einfluß auf breite Schichten zu erhalten. Die revolutionären K r ä f t e m u ß t e n noch tiefere E r f a h r u n g e n sammeln, u m Ziel u n d Wollen der bolschewistischen P a r t e i voll zu erfassen. Die v o n der S D A P R ( B ) beschlossene Strategie u n d T a k t i k bei der Formierung der T r i e b k r ä f t e der sozialistischen Revolution u n d im Kampf u m das Bündnis zwischen Arbeiterklasse u n d armer Bauernschaft erwies sich deutlich in den Tagen des Kornilowputsches, der die Revolutionierung der Arbeiterklasse u n d ihrer Verb ü n d e t e n erheblich förderte, als einzig mögliche f ü r die W e i t e r f ü h r u n g der Revolution. U n t e r F ü h r u n g der bolschewistischen P a r t e i e n t s t a n d eine breite Einheitsf r o n t der Arbeiter, Soldaten u n d Bauern, der sich aus machtpolitischen Gründen selbst Kerenski anschloß. Gerade diese Einheitsfront f ü h r t e z u m schnellen Sieg über die konterrevolutionäre Verschwörung. Lenin e r k a n n t e die nochmals entstandene letzte Chance, die Revolution auf friedlichem Wege weiterzuführen. Die provisorische Regierung, erschrocken über die Ziele des v o n ihr selbst mitinszenierten konterrevolutionären Abenteuers, war zeitweilig wie gelähmt. Cereteli, Tcernov u n d andere F ü h r e r der kleinbürgerlichen Demokratie w a n d t e n sich u n t e r d e m Druck der Massen vorübergehend v o n der Koalitionspolitik m i t der Bourgeoisie ab. Die 23

24

J. W. Stalin, R e d e n auf der außerordentlichen Konferenz der Petrograder Organisation der S D A P R ( B ) , in: Werke, Berlin 1951, Bd. 3, S. 107. Ebenda, S. 113.

368

MARIA ANDERS

linken Sozialrevolutionäre und Menschewiki, vor allem in Betrieben und Soldatenkomitees anerkannten bewußt oder unbewußt die Führung durch die bolschewistische Partei. Unter diesen Bedingungen bot Lenin den kleinbürgerlichen Parteien einen Kompromiß an: die Machteroberung durch das menschewistisch-sozialrevolutionär beherrschte Zentralexekutivkomitee des Petrograder Sowjets im Interesse der friedlichen Entwicklung der Revolution. Als einzige Bedingung stallte Lenin die Forderung nach freier Agitation für die bolschewistische Partei und die sofortige Einberufung der konstituierenden Versammlung. Die Sozialrevolutionären und menschewistischen Führer, die während der Kornilovijade an der Seite der Bolschewiki standen, schwenkten nach dem schnellen Sieg über Kornilov erneut auf die Seite der Bourgeoisie. Noch ehe Lenins Angebot bekannt wurde, hatten Menschewiki und Sozialrevolutionäre damit im Prinzip den Kompromiß abgelehnt. Sie gaben vor, daß ein Bündnis mit den Bolschewiki zu Anarchie und zum Bürgerkrieg im Lande führen würde. Lenin antwortete jenen Führern der kleinbürgerlichen Parteien mit folgenden Worten: „ E i n Bündnis der Bolschewiki mit den Sozialrevolutionären und Menschewiki gegen die Bourgeoisie ist nur an einer Front erprobt worden, nur in der Zeit des Kornilowputsches. In dieser Zeit ergab dieses Bündnis einen völligen Sieg über die Konterrevolution. . . " und er schlußfolgert, „daß einzig und allein ein Bündnis der Bolschewiki mit den Sozialrevolutionären und Menschewiki, einzig und allein der sofortige Übergang der ganzen Macht in die Hände der Sowjets einen Bürgerkrieg in Rußland unmöglich machen würde." 2 5 Das wesentlichste Ergebnis des Kornilowputsches und der Entlarvung der Paktiererpolitik der Menschewiki und Sozialrevolutionäre war die stürmische Entwicklung der Bolschewisierung der Sowjets. 26 Die parteilosen Deputierten, sowie viele ehemalige Sozialrevolutionäre und Menschewiki verließen ihre Parteien und gingen zu den Bolschewiki über. Die Bolschewisierung vollzog sich darüber hinaus in allen Massenorganisationen 27 und erwies sich während der Wahlen zu den Stadtdumas. 28 25

20

27

28

W. I. Lenin, Die russische Revolution und der Bürgerkrieg, in: Werke, a. a. O., B d . 26, S. 19. Zur Bolschewisierung der Sowjets in den zentralen Industriegebieten Vgl. I1. A. TpyKan in: OKTHÖpb HrpaHtflaHCKaa n o t a a B CCCP, Moskau 1966. In vielen Fabrik- und Werkkomitees, wo bis zu den Juliereignissen noch die sozialrevolutionäre Partei überwog, selbst in Großunternehmen wie dem Schiffsbauwerk Nevski und im Obuchover Werk, verloren sie ihren Einfluß. Nach dem Kornilowputsch zwangen die Obuchover das Zentralexekutivkomitee der Sozialrevolutionäre seine Vollmachten niederzulegen. Bei den Neuwahlen wählten die Arbeiter Bolschewiki und linke Sozialrevolutionäre. Vgl. OnepKH HCTopHH JleiiHHrpaflCKOit opraHH3aijHH K P C C , I, Leningrad 1962, S. 458; M. ff. Po3a,H08, OSyxoBijfci, Leningrad 1965, S. 324 und 352. Zu den Wahlen in Petrograd und Moskau im J u n i und August vgl. IIpoTOKOJlH I J K PC,n;Pn(B). AßrycT 1917-$eBpaJli> 1918, Moskau 1958, S. 256.

Macht- und Bündnisfrage in der Oktoberrevolution

369

Nach dem Petrograder und Moskauer Sowjet begannen auch die Sowjets von Kiew, Charkow, Minsk, Reval u. a. auf bolschewistische Positionen überzugehen. Günstig entwickelte sich auch der Einfluß der Bolschewiki in den Bauernsowjets. Der Ruf „Alle Macht den Sowjets" drang erneut durch ganz Rußland. Besonders rasch bolschewisierten sich die Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten in den Industriezentren. Im Herbst 1917 mußte der Rabocij put' bei der Einschätzung dieser Entwicklung zugeben, daß der Menschewismus fast völlig isoliert, daß die menschewistischen Führer ein Stab ohne Armee sind. 29 Besonders tiefe Erschütterungen erlitt im Herbst 1917 die Sozialrevolutionäre Partei. Ihre linken Kreise, die sich seit dem ersten Weltkrieg herausbildeten und während der Julikrise noch eine Minderheit in der Partei bildeten, eröffneten unter Führung von Kamkov und M. Spiridonova eine scharfe Polemik gegen ihr eigenes Zentralkomitee. Entschieden verurteilten sie in ihrem Presseorgan „Znamja t r u d a " die Koalitionspolitik mit den bürgerlichen Parteien und forderten sofortige und konsequente revolutionäre Umgestaltung im gesamten gesellschaftlichen Leben. So forderten sie z. B. in der ,,Znamja t r u d a " : Sofortige Einberufung des zweiten allrussischen Sowjetkongresses; Beendigung der für die Volksmassen verderblichen Koalitionspolitik mit der Bourgeoisie; radikale Durchführung des Sozialrevolutionären Agrarprogramms; Arbeiterkontrolle über Produktion und Verteilung in allen Betrieben; Kampf um Abschluß eines demokratischen Friedens; Bruch mit den Versöhnlern und Gründung einer neuen, der III. Internationale. 30 Insgesamt waren das nicht nur Forderungen der revolutionären Kräfte. Vielmehr drückt sich in ihnen bereits der wachsende politisch-ideologische Einfluß der bolschewistischen Partei auf die Mitglieder der Sozialrevolutionären Organisationen aus. Der Differenzierungsprozeß innerhalb der Parteien der kleinbürgerlichen Demokratie wurde vor allem durch die Petrograder Parteiorganisation der Sozialrevolutionäre vorangetrieben. Hier gehörten von den 45000 Mitgliedern im Herbst 1917 zwei Drittel zu den linken Sozialrevolutionären. 31 Die Sozialrevolutionäre Partei 29

34

11

24

Von August bis September 1917 verringerte sich die menschewistische Partei auf 60000 Mitglieder. Die Auflage der menschewistischen «PaÖoiaH raseTa» ging von 100000 im März auf 10—15000 im September zurück, während die Mitgliederstärke der SDAPR(B) von 80000 im April auf 240000 im August anstieg. Zahlreiche Mitglieder der kleinbürgerlichen Parteien erklärten ihren Austritt und traten in die Partei der Bolschewiki ein. Vgl. HcropHH KOMMyHHCTHHecKott napTHH CoBeTCKoro coroaa, Bd. 3,1. Buch, a. a. O., S. 281; C. E. XacKuna, Eoph6a B . H. .Hemma c MejiKoöypHtyasHaMH corjiatftaTejitcKHMH napTHHMH b nepHo« ot $eBpaji« k OKiHÖpio 1917 ro^a, in: JleHiiH, IIapTnn, Okthöpl, a. a. O., S. 82. Vgl. A. C. CMupnoe, 0 6 OTHOineHHH 60Jii>meBnK0B k jieBtiM aaepaM b nepiio« nofltotobkh OKTHÖptcKoft peBOJiKmiiH, in: Bonpocu HCTopHH KIICC Moskau 1966, Nr. 2, S. 18/19. Ebenda. Studien

370

MASÍA ANDERS

spaltete sich in zwei Fraktionen. Die linke Fraktion, mit eigener Führung und eigenem Presseorgan, näherte sich mehr und mehr der bolschewistischen Partei und stimmte in den Sowjets gemeinsam mit den bolschewistischen Deputierten für die Sowjetmacht. Die ungeheure wirtschaftliche Zerrüttung im Lande, die Kriegsmüdigkeit des werktätigen Volkes, sowie die verschärften Repressalien der Bourgeoisie gegen revolutionäre Arbeiter, Soldaten und Bauern führte zur vertieften Krise in den Städten, die sich mit dem im Herbst 1917 entfaltenden Bauernkrieg gegen die Gutsbesitzer zu allgemeinen Krise entwickelte, die alle Klassen und Schichten erfaßte. Während dieser Krise festigte sich unter Führung der bolschewistischen Partei die Einheit der Arbeiterklasse und auf ihrer Grundlage das Bündnis der Arbeiterklasse mit den armen Bauern. Das war ein großes historisches Verdienst der Partei Lenins und die wesentlichste Voraussetzung für die Durchführung der sozialistischen Revolution. Besonders rasch entwickelte sich das Bündnis zwischen Bolschewiki und linken Sozialrevolutionären in den Soldatenkomitees. Immer dringender forderten diese die Machteroberung durch die Sowjets. Als z. B. am 14. September die „Demokratische Beratung" einberufen wurde, erklärten die Soldaten der Moskauer Garnison: „Wir brauchen keine demokratische Beratung und kein Vorparlament. Wir vertrauen nur unserem Sowjet der Arbeiter- und Soldatendeputierten. Für seine Macht werden wir auf Leben und Tod kämpfen." 3 2 Gemeinsam gingen bolschewistische und linkssozialrevolutionäre Soldaten und Matrosen zur politischen Aufklärungsarbeit in die Dörfer. Hier halfen sie den werktätigen Bauern eine eigene Miliz aufzubauen, Landkomitees der Landarbeiter zu bilden und den spontanen Kampf um Grund und Boden in einen organisierten umzuwandeln. 33 Für die enge Verbindung zwischen Stadt und Land wirkten die bolschewistischen Parteiorganisationen in den „Landsmannschaften". „Landsmannschaften", demokratische Organisationen der Werktätigen, die Revolutionäre aus Kreisen und Gebieten erfaßten, aus denen sie stammten, wurden in Petrograd, Moskau, Saratow, Charkow und in vielen anderen Gebieten Zentralrußlands gebildet. Anfang August 1917 vereinigte der Rat der Landsmannschaften Petrograds allein 12 Gebietslandsmannschaften, die mehr als 30000 Mitglieder umfaßten. Die Bolschewiki besaßen in ihnen eigene Fraktionen, die eng mit den linken Sozialrevolutionären zusammenarbeiteten. Die Bolschewiki organisierten in ihnen Kurse für Agitatoren, sandten ebenso wie die Soldatenkomitees und Soldatenklubs revolutionäre Arbeiter, Soldaten und Matrosen in die Dörfer, verbanden die Landsmannschaften fest mit den Fabrik- und Werkkomitees und entwickelten mit, letzteren die wirtschaftliche 32

B.

H.

Kaaa.Hv,ee,

3aBoeBamie

6ojitnieBncTCKoü

napraeii

conaaTCKHX

H

MaTpocCKHX

M a c c H a c T o p o H e p e B 0 J H 0 u , H H , i n : B o p b G a 6 o j i b i i i e B n c T K o t t n a p T H H 3 a co3,naHHeIIOJIHTHl e c K o ö apMHH coijHajiHCTimecKoft p e B o n i o n i i H , a . a. O., S . 2 3 4 . 33

Vgl. A. C. CMupnoe,

06

oTHonieHHH

GOJITMEBMKOB

K TOBUM 3 3 e p a M B n e p n o A

TOTOBKH O K T H ß p t C K O Ä p e B O J I K m H H , i n : B o n p O C H HCTOpHH K I I C C ,

S. 23.

nofl-

a. a. O., 1 9 6 6 , N r . 2,

Macht- und Bündnisfrage in der Oktoberrevolution

371

Hilfe zwischen Stadt und Land. In Petrograd arbeiteten in diesen demokratischen Massenorganisationen bekannte Persönlichkeiten der SDAPR(B) wie Swerdlov, Lunacarski, Nevski, Krylenko und viele andere. 34 Der Stand der Bolschewisierung der Massenorganisationen und ganz besonders der Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten wurde vor allem auf dem Sowjetkongreß der Nordgebiete — 11.—13. Oktober — sichtbar, wo bolschewistische und linkssozialrevolutionäre Delegierte gemeinsam für die Übernahme der Macht durch die Sowjets eintraten. 35 Diese wenigen, für das damalige revolutionäre Rußland typischen Beispiele zeigen, daß es den Bolschewiki mit Hilfe der linken Sozialrevolutionäre gelungen war, die Mehrheit der werktätigen Bauernschaft vom Einfluß der Bourgeoisie zu lösen und fest mit der Arbeiterklasse zu verbinden. Im Herbst 1917 schrieb Lenin: „Daß wir jetzt zusammen mit den linken Sozialrevolutionären die Mehrheit sowohl in den Sowjets wie in der Armee wie im Lande haben, daran kann nicht der geringste Zweifel bestehen." 36 Er zeigte den Bestand der politischen Armee der Revolution auf, die die Durchführung des bewaffneten Aufstandes unter Führung der bolschewistischen Partei ermöglichte. 37 Als am 12. Oktober 1917 beim Petrograder Sowjet unter Führung der bolschewistischen Partei das revolutionäre Militärkomitee gebildet wurde, gingen gemeinsam mit Bolschewiki auch linke Menschewiki und linke Sozialrevolutionäre in den Bestand der Komitees. An der Vorbereitung des bewaffneten Aufstandes nahmen z. B. die bekannten linken Sozialrevolutionäre Sucharkov und Lasimir teil. 38 Gemeinsam mit den Bolschewiki und unter ihrer Führung kämpften menschewistische Arbeiter und Sozialrevolutionäre Bauern mit den bolschewistischen Arbeitern, Soldaten und Matrosen gegen die Bourgeoisie und stürzten in der Nacht vom 25. zum 26. Oktober 1917 die konterrevolutionäre Kerenskiregierung. Das breite Bündnis zwischen Arbeitern, Soldaten, Matrosen und revolutionären Bauern garantierte den schnellen Sieg des bewaffneten Aufstandes in Petrograd. 34

36

36 37

38

Uber die Tätigkeit und den immer stärker wirkenden Einfluß der Bolschewiki auf Mitglieder der Landsmannschaften vgl. C. 0. HaüdajH. C. MymoeKUH, BoJltnieBHCTKaH napTHH b 6 o p t 6 e 3a KpecTbHHCKHe Maccu b 1917 r o s y , in: B o n p o c u Heropmi K I I C C , a. a. O., 1957, Nr. 3, S. 44; HaropHH KOMMyHHCTHiecKOtt napraH COBeTCKOTO C0K)3a, B d . 3, 1. Buch, a. a. O., S. 269 ff. Vgl. A. C. CMupnoe, 0 6 oTHomemm ßojitmeBHKOB k jieBUM aaepaM b nepHO« n o « r o TOBKH OKTHÖptCKOÄ peBOJIIOIJHH, in: BonpOCtI HCTOpHH K I I C C , a. a. O., 1966, Nr. 2, S. 21. W. I. Lenin, Die Krise ist herangereift, in: Werke, a. a. O., B d . 26, S. 63. Die menschewistische Partei besaß nur noch in einigen Städten und nationalen Gebieten ihre Anhänger, vorwiegend in den kleinbürgerlichen Schichten. Vgl. McTopHH KOMMyHHCTHiecKOfi napTHH CoBeTCKoro C0K)3a, Bd. 3, 1. Buch, a. a. O., S. 281. In den nichtindustriellen Gebieten konnten die Sozialrevolutionäre vorwiegend ihren Einfluß auf die Bauernschaft, besonders auf ihre wohlhabenden Schichten, aufrechterhalten. Vgl. W. I. Lenin, Die Wahlen zur Konstituierenden Versammlung und die Diktatur des Proletariats, in: Werke, a. a. O., Bd. 30, S. 242ff. Vgl. OKTHßptcKoe BoopyHteHHoe BoccTaHHe, 2. Buch, a. a. O., S. 274/275.

24«

372

Mabia Anders

Noch während des Aufstandes wurde in Petrograd der II. Allrussische Sowjetkongreß eröffnet, auf dem die Bolschewiki die absolute Mehrheit besaßen. 39 Die zweitstärkste Partei waren die linken Sozialrevolutionäre. Hierbei muß man berücksichtigen, daß auf dem Kongreß viele Bauernsowjets nicht vertreten waren. Die Mehrheit der Bauernsowjets unterstanden dem Zentralexekutivkomitee der Bauernsowjets, das noch getrennt vom Zentralexekutivkomitee der Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten existierte. 40 Beachtet man, daß die Soldatendeputierten in ihrer großen Mehrheit aus der Bauernschaft stammten, so kommt, trotz der noch bestehenden getrennten Zentralexekutivkomitees, das enge Bündnis zwischen Arbeiterklasse und werktätiger Bauernschaft zum Ausdruck. Dieses unter Führung der Arbeiterklasse und ihrer revolutionären Partei geschmiedete Bündnis bewirkte die richtige Lösung der Machtfrage auf dem II. Allrussischen Sowjetkongreß. Der Kongreß dekretierte die Sowjetmacht und entschied sich damit für die Errichtung der Diktatur des Proletariats. Gleichzeitig traten in der Diskussion zur Machtfrage die Meinungsverschiedenheiten über den Klasseninhalt der Sowjetmacht offen zutage. Die bolschewistische Partei war die einzige, die volle Klarheit über die Grundfrage der Revolution, über die Machtfrage, besaß. Das heißt nicht, daß sie die Macht allein ausüben wollte. Das Zentralkomitee der S D A P R ( B ) , bestrebt, die soziale Basis der sozialistischen Revolution so breit wie möglich zu gestalten, war im Prinzip nicht gegen ein Mehrparteiensystem, sowohl in den Sowjets als auch in der Sowjetregierung. Da Menschewiki und rechte Sozialrevolutionäre die Sowjetmacht ablehnten, schlugen die Bolschewiki ihnen die Teilnahme an einer Sowjetregierung nicht vor. Das Z K der S D A P R ( B ) verhandelte jedoch mit den Führern der linken Sozialrevolutionäre für eine Beteiligung an der Macht. Vorerst lehnten diese ab, ihre Vertreter in die Sowjetregierung zu entsenden. Sie versprachen, die Sowjetmacht zu unterstützen und begründeten ihre Nichtteilnahme an der Regierung mit der auf dem Kongreß entstandenen Situation. Einer ihrer Führer, Karelin, erklärte: „Wenn wir auf eine solche Kombination eingingen (Beteiligung an der Sowjetregierung M. A.), so würden wir die in den Reihen der revolutionären Demokratie existierenden Meinungsverschiedenheiten vertiefen. Unsere Aufgabe jedoch besteht darin, alle Teile der Demokratie auszusöhnen." 4 1 Die linken Sozialrevolutionäre, Gegner der Diktatur des Proletariats, verstanden unter der Sowjetmacht die Bildung einer Regierung ohne bürgerliche Parteien, eine revolutionäre Regierung, die von den Volkssozialisten bis hin zu den Bolschewiki zusammengesetzt sein sollte. Dazu erklärte K a m k o v : „Als uns in diesem Stadium 39

40

41

Von 649 Delegierten waren 390 Bolschewiki, 160 Sozialrevolutionäre (in ihrer Mehrheit linke), 72 Menschewiki und 27 Mitglieder anderer Parteien und Gruppen. «IIpaBHa», 29. Oktober 1917, in: McTopiiH BejiHKOit OKTHßptcKOit coijnajmcTniecKott peBOJiroimH, Moskau 1967, S. 207. Zur Entwicklung der Sowjets der Bauerndeputierten vgl. O. H. Moüceeea, CoBeTH KpeeTBHHeKHX aenyTaTOB b 1917 rony, Moskau 1967. BTopoit BcepoccHöCKHii CT>e3js, CoBeTOB, Moskau/Leningrad 1928, S. 26, zitiert nach: K. fycee, Kpax napTHH neBtix 33epoB, a. a. O., S. 98.

Macht- und Bündnisfrage in der Oktoberrevolution

373

vorgeschlagen wurde, in den Rat der Volkskommissare einzutreten, sagten wir ab, weil wir verstanden, daß wir damit der Sache nicht dienen (Bildung einer sozialistischen Regierung aus allen „sozialistischen" Parteien) . . . damit zeigen wir, daß wir kein Bündnis gegen die gesamte übrige Demokratie wollen. . . Wir kämpfen gegen das Bestreben der Bolschewiki, die ,Diktatur des Proletariats' zu verwirklichen und stellen ihr die ,Diktatur der Demokratie' entgegen." 42 Hier äußert sich nicht nur Unverständnis über die Notwendigkeit der Errichtung der Diktatur des Proletariats für die soziale Umgestaltung der Gesellschaft, sondern auch das Nichterkennen des wahren Wesens der proletarischen Diktatur als wirkliche Demokratie für die Mehrheit des Volkes. In der künstlichen Gegenüberstellung von „Diktatur des Proletariats" und „Diktatur der Demokratie" kommt andererseits die opportunistische Konzeption von der sogenannten „reinen Demokratie" zum Ausdruck, was objektiv nichts anderes als Verschleierung der bürgerlichen Diktatur bedeutet. Und das war auch der theoretische Standpunkt der rechten Menschewiki und Sozialrevolutionäre, die unter Protest den II. Sowjetkongreß verlassen und gemeinsam mit den Kadetten die konterrevolutionäre Organisation „Komitee zur Rettung des Vaterlandes und der Revolution" gebildet hatten. Die linken Sozialrevolutionäre jedoch sahen in den sogenannten „sozialistischen" Parteien immer noch Vertreter der revolutionären Demokratie. Die opportunistischen Auffassungen zur marxistischen Staatstheorie, sowie die fehlerhaften Einschätzungen über Charakter und Rolle der rechten Menschewiki und Sozialrevolutionäre in der Revolution mußte die Partei, sollte sie diese Positionen nicht überwinden, früher oder später an die Seite jener Kräfte führen, die bereits jenseits der Barrikaden standen. Vorerst jedoch, obwohl sie die Teilnahme an der Sowjetregierung ablehnten, wurde die Annäherung der linken Sozialrevolutionäre an die bolschewistische Partei deutlich. Karelin brachte z. B. in seiner Rede die Erkenntnis zum Ausdruck, daß das Schicksal der Revolution engstens mit dem Schicksal der bolschewistischen Partei verbunden sei. Er und andere linke Sozialrevolutionäre vermochten zu erkennen, daß die Partei Lenins an der Spitze der revolutionären Bewegung stand und nahmen bewußt oder unbewußt deren Führung an. In allen Grundfragen, in der Frage des Friedens, des Grund und Bodens sowie zur Sowjetmacht — mit den aufgezeigten Vorbehalten — stimmten linke Sozialrevolutionäre mit den Bolschewiki gemeinsam. Sie verblieben auch weiterhin im Revolutionären Militärkomitee. Die heißen Debatten über die Frage der Macht wurden mit der Abstimmung über die Konstituierung einer bolschewistischen Regierung vorerst abgeschlossen. Der Rat der Volkskommissare, mit Lenin als Regierungsvorsitzenden, wurde mit großer Mehrheit bestätigt. War in der ersten Sowjetregierung nur eine Partei, die SDAPR (B), vertreten, so trifft das auf das höchste Organ der Sowjetmacht, auf das Zentralexekutivkomitee der Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten nicht zu. Hier bestand ein Mehr" npoTOKOJiH nepBoro ctea^a napTHH jieBHX C0qnajiHCT0B-peB0.ilKmwoHepoB (HHTepHaijHOHaJIHCTOB) Moskau 1918, S. 43 und 73.

374

MABIA A N D E R S

parteiensystem, mit den jeweiligen Parteifraktionen, wie sie a m II. Sowjetkongreß teilgenommen hatten. In d a s Zentralexekutivkomitee wurden proportional zur Zahl der anwesenden Vertreter der Parteien 101 Personen gewählt, darunter 62 Bolschewiki, 29 linke Sozialrevolutionäre, 6 Sozialdemokraten-Internationalisten, 3 ukrainische Sozialisten und 1 Sozialrevolutionär-Maximalist. 4 3 J e n e n Parteien, deren Vertreter den II. Sowjetkongreß verlassen hatten, wurden Plätze im obersten Machtorgan reserviert. So bestand selbst für rechte Menschewiki und rechte Sozialrevolutionäre bei Anerkennung der Dekrete der S o w j e t m a c h t immer noch die Möglichkeit, in das Zentralexekutivkomitee gewählt zu werden. Mit der Bildung des R a t e s der Volkskommissare war die F r a g e über den Klasseninhalt der S o w j e t m a c h t zwischen den verschiedenen Parteien noch nicht völlig geklärt. Obwohl es über diese Grundfrage der Revolution scharfe ideelle Auseinandersetzungen zwischen Bolschewiki und linken Sozialrevolutionären g a b , die zeitweilig auch führende K r ä f t e der bolschewistischen Partei erfaßte 4 4 , bemühten sich Lenin und seine Partei u m ein festes und ehrliches Bündnis mit den linken Sozialrevolutionären. Eine solche Koalition entsprach der objektiven Situation. Noch befand sich ein beträchtlicher Teil der werktätigen B a u e r n s c h a f t unter dem Einfluß sozialrevolutionärer Ideen; noch existierten zwei getrennte Zentralexekutivkomitees. Die F e s t i g u n g der S o w j e t m a c h t und die Gewinnung weiterer Schichten der Bauern war für die Weiterführung der sozialistischen Revolution unabdingbar. E s waren also im wesentlichen folgende Gründe, die die bolschewistische Partei bewegten, so schnell als möglich eine offizielle Koalition mit der linkssozialrevolutionären Partei zu bilden: erstens mußte unter den bestehenden inneren und äußeren Bedingungen der Übergang der H a u p t m a s s e n der Bauern auf die Seite der Arbeiterklasse beschleunigt werden; zweitens war die unverzügliche Vereinigung der Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten mit den Bauernsowjets und damit die Bildung einheitlicher Organe der proletarischen Diktatur herbeizuführen; und drittens wurden mit einem solchen Bündnis die antisowjetischen Parteien, besonders die rechten Sozialrevolutionäre und Menschewiki geschwächt und der ideologische K a m p f mit ihnen erleichtert. 4 5 Nicht nur für die herrschende Partei, auch und besonders für die linken Sozialrevolutionäre ergab sich die dringende Notwendigkeit eines Blocks mit den Bolschewiki. Deshalb strebten sie trotz allen Schwankungen und oftmals erbitterten ideologischen Angriffen gegen die bolschewistische Partei z u m offiziellen Bündnis mit der führenden K r a f t der Revolution. Diese immer stärker werdende Tendenz l a g darin begründet, daß in den Dörfern der Einfluß der Leninschen Ideen wuchs und die Sozialrevolutionären B a u e r n immer öfter d a s Bündnis mit den Bolschewiki forderten. Wollte die linkssozialrevolutionäre Partei ihren Einfluß auf dem L a n d e über kurz oder lang nicht einbüßen, mußte sie sich zu einem Bündnis mit der bolsche-

43

HCTOpHH BenHKOÖ OKTHÖpBCKOtt COIiHajIHCTHHeCKOfi p e B O J I K m i l l l , M o s k a u 1 9 6 7 , S . 2 1 5 .

44

Vgl. W. I. Lenin, Resolution des Z K der SDAPR(B) zur Frage der Opposition innerhalb des ZK vom 2. (15.) November 1917, in: Werke, a. a. O., Bd. 26, S. 271ff.; ders., Ultimatum der Mehrheit des ZK der SDAPR(B) an die Minderheit, in: ebenda, S. 274ff.

46

Vgl. K. Fycee,

K p a x napTHH Jießhix 93epoB, a. a. O., S. 112.

Macht- und Bündnisfrage in der Oktoberrevolution

375

wistischen Partei entschließen. Deshalb rangen linke Sozialrevolutionäre und Bolschewiki gemeinsam für die baldige Einberufung des II. Allrussischen Bauernkongresses, was vom rechtssozialrevolutionären Zentralexekutivkomitee des Bauernsowjet entschieden hintertrieben wurde. Die rechten Sozialrevolutionäre versuchten unter Führung Cernovs, die Bauernsowjets von den Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten zu isolieren und sie ihnen direkt entgegenzustellen. Der Kampf um die Hauptmassen der Bauern entwickelte sich unter den russischen Bedingungen, wo die werktätige Bauernschaft den Hauptteil der Bevölkerung bildete, als Kampf um die Rettung und Festigung der Sowjetmacht. Gegen den erklärten Willen der rechten Sozialrevolutionäre begann am 10. November der Außerordentliche Bauernkongreß mit seiner Arbeit. Die rechten Sozialrevolutionäre versuchten, den Kongreß für die Machteroberung und für die Bildung einer Regierung mit Cernov an der Spitze zu nutzen. Sie forderten, die ganze Macht im Lande an die Konstituierende Versammlung zu übergeben und hofften hierbei auf die noch weit verbreiteten parlamentarischen Illusionen unter der Bauernschaft. Als der Kongreß nach diversen Schwankungen und harten Auseinandersetzungen mit den Stimmen der linken Sozialrevolutionäre und den Bolschewiki diese Forderung ablehnte, verließen die rechten Sozialrevolutionäre den Kongreß. M. Spiridonova, eine der einflußreichsten Frauen des revolutionären Rußland, rief die Delegierten zum Bündnis mit der Arbeiterklasse auf. In ihrer Rede beschwörte sie die Delegierten: „Möge der russische Bauer erkennen, daß, wenn er sich nicht mit dem russischen Arbeiter verbindet . . . er weder Freiheit noch Gleichheit, noch jenes Fleckchen Erde, das er lebensnotwendig braucht, erringen wird." 46 Ein zentrales Ereignis des Bauernkongresses war Lenins Auftreten. Er entlarvte das konterrevolutionäre Wesen der rechten Sozialrevolutionäre, kritisierte die dauernde Inkonsequenz der linken Sozialrevolutionäre und erläuterte den Delegierten die Grundfragen der Revolution. Noch während des Außerordentlichen Bauernkongresses traten die Verhandlungen zwischen Bolschewiki und linken Sozialrevolutionären in ihre letzte Etappe. Das Zentralexekutivkomitee des Arbeiter- und Soldatensowjets faßte am 17. November folgenden Beschluß: ,,1. Das Volkskommissariat für Landwirtschaft wird der Partei der linken Sozialrevolutionäre übergeben. 2. Die linken Sozialrevolutionäre senden in alle Kollegien des Rats der Volkskommissare ihre Vertreter. 3. Die Bolschewiki senden ihre Vertreter in das Kommissariat für Landwirtschaft." 47 Am 24. November wurde der linke Sozialrevolutionär A. L. Kolegajev, der später in die KPR(B) eintrat, Volkskommissar für Landwirtschaft. Das Bündnis zwischen Bolschewiki und linken Sozialrevolutionären festigte sich, obwohl die Auseinandersetzungen über die Machtfrage noch nicht beendet waren. Die Frage der Macht und des Bündnisses zwischen Arbeiterklasse und werktätiger Bauernschaft stand erneut in ganzer Schärfe auf dem II. Allrussischen « Ebenda, S. 103. 47 Ebenda, S. 103/104.

376

MARIA A K D B R S

Bauernkongreß, der vom 26. November bis 10. Dezember 1917 tagte und der die Delegierten des Außerordentlichen Bauernkongresses und die in Petrograd neuangekommenen Delegierten vereinte. Von den anwesenden 790 Delegierten gehörten 350 zur linkssozialrevolutionären, 305 zur rechtssozialrevolutionären und 91 zur bolschewistischen Partei. 4 8 Endgültig stand auf diesem Kongreß vor den linken Sozialrevolutionären die Alternative: Entweder mit ihren gestrigen Parteigängern gehen und damit der Revolution den Rücken kehren, oder gemeinsam mit den Bolschewiki die Sowjetmacht und das Bündnis zwischen Arbeitern und werktätigen Bauern festigen und damit die Revolution vorantreiben. Die linken Sozialrevolutionäre sahen im Sowjetsystem nicht die einzige Quelle der Macht. Nach wie vor setzten sie ihre Hoffnungen auf die Konstituierende Versammlung, worin sich erneut die parlamentarischen Illusionen der Kleinbourgeoisie und die im Wesen bürgerlich-demokratische Position dieser Partei äußerten. Dennoch entschlossen sie sich auf dem Kongreß für ein Bündnis mit den Bolschewiki und für die Sowjetmacht. Unter dem Vorsitz von M. Spiridonova wählte der II. Allrussische Bauernkongreß ein neues Zentralexekutivkomitee der Bauernsowjets, das sich mit dem Zentralexekutivkomitee der Arbeiter- und Soldatensowjets vereinigte. J o h n Reed, Teilnehmer dieses Kongresses, schrieb zu diesem Sieg der Bolschewiki: Es „erhob sich der weißbärtige alte Natanson vom linken Flügel der Sozialrevolutionäre, um mit zitternder Stimme und Tränen in den Augen den Bericht von der Vereinigung der Bauernsowjets mit den Arbeiter- und Soldatensowjets zu verlesen. Jede Wiederholung des Wortes ,Einheit' riß die Versammelten zu begeistertem Jubel hin." 4 9 Die Vereinigung der beiden Zentralexekutivkomitees war ein mächtiger Schlag gegen die rechten Sozialrevolutionäre und besiegelte deren Niederlage. In seiner Rede zu diesem historischen Ereignis schätzte der Vorsitzende des Zentralexekutivkomitees, J . M. Sverdlov, ein, daß dieser Sieg dank des Bündnisses zwischen der bolschewistischen und der linkssozialrevolutionären Partei errungen wurde. 50 Auf dem I I . Bauernkongreß schloß sich die Mehrheit der Bauern der Sowjetmacht an. Diesen Sieg charakterisierend, schrieb Lenin: „Mit dem Sowjet der Bauerndeputierten der zweiten Wahlperiode haben wir engen Kontakt hergestellt. Mit ihnen zusammen haben wir die Sowjetmacht der Arbeiter, Soldaten und Bauern organisiert." 5 1 In der Resolution zur Machtfrage, die gemeinsam von linken Sozialrevolutionären und Bolschewiki angenommen wurde, heißt es, daß jeder Kampf gegen die Sowjets als Anschlag gegen die Revolution zu betrachten sei. Die Bauern wurden aufgerufen, in ihren Dörfern Neuwahlen zu den Sowjets durchzuführen und nur solche Deputierten zu wählen, die nicht nur gegen Zarismus und Gutsbesitzer, sondern

48

H c T O p H H BeJIHKOft OKTHÖpbCKOtt COlJHaJIHCTHHeCKOfi peBOJIKUJHH, a . a . O . , S . 4 3 1 .



J. Reed, Zehn Tage, die die Welt erschütterten, Berlin 1966, S. 383. H3ÖpaHHHe CTaTbH H p e ™ 1 9 1 7 — 1 9 1 9 I T . , Moskau 1939, S. 79.

60

H. M. CeepdAoe,

51

W. I. Lenin, Rede auf dem außerordentlichen gesamtrussischen Kongreß der Eisenbahner, 13 (26.) Dezember 1917, in: Werke, a. a. O., Bd. 26, S. 382.

Macht- und Bündnisfrage in der Oktoberrevolution

377

auch gegen Kerenski, für Frieden und unverzügliche Durchführung der Agrarrevolution kämpften. 6 2 Bedeutet die Annahme einer solchen Resolution, daß die linken Sozialrevolutionäre nunmehr die Sowjetmacht als Staatsform der Diktatur des Proletariats akzeptierten? Das ist nicht so. Die linken Sozialrevolutionäre erkannten, daß die Bauern nur aus den Händen der siegreichen Arbeiterklasse und im engen Bündnis mit ihr Land und Freiheit erhalten und behaupten können. Diese Erkenntnis führte sie an die Seite der Arbeiterklasse und ihrer führenden Partei, der S D A P R ( B ) . Das Ziel der linken Sozialrevolutionäre bestand darin, mit Hilfe der Arbeiterklasse die ungelösten Aufgaben der bürgerlich-demokratischen Revolution zu lösen und die Arbeiter- und Bauernmacht als demokratische Diktatur zu errichten. Darin bestand im Wesen der revolutionäre Demokratismus dieser Partei, der unweigerlich mit der weiteren Entwicklung der sozialistischen Revolution kollidieren mußte. Das Nichtanerkennen der notwendigen proletarischen Diktatur und der führenden Rolle der Arbeiterklasse für die revolutionäre Agrarumwälzung in der Epoche des Imperialismus durch die linken Sozialrevolutionäre fußte auf utopischen kleinbürgerlichen Auffassungen vom Sozialismus. Ihre theoretische Grundlage war ein Konglomerat aus Ideen des Narodnicestvo und der Konzeption Bernsteins. Aus der ersteren resultierte die Idealisierung der Bauernschaft, in der sie die Haupttriebkraft der Revolution sahen. Noch im April 1918 schrieb M. Spiridonova in der „Znamja t r u d a " : „Die bewegende, organisierende Kraft unserer Revolution ist die Bauernschaft." In den Arbeitern, Bauern und Intellektuellen sahen sie „ausgebeutete Gruppen", das „einheitliche Volk", das im revolutionären Ringen gemeinsam handeln müsse. Sie vermochten den sich im Dorf verschärfenden Differenzierungsprozeß nicht zu erkennen und sahen die gesamte Bauernschaft als eine revolutionäre Einheit gegen die Gutsbesitzer. Aus dem Revisionismus Bernsteins resultierte ihre Abneigung gegen die proletarische Diktatur, in der sie lediglich ein System des Terrors erblickten. 53 Es war also der revolutionäre Demokratismus der linken Sozialrevolutionäre, der zum Bündnis mit den Bolschewiki in jenen Monaten der Revolution führte, als sich in den Dörfern die bürgerlich-demokratische Revolution vollzog. In dieser Zeit beschlossen die linken Sozialrevolutionäre nach vielen Schwankungen in die Sowjetregierung einzutreten und sich an der Sowjetmacht direkt zu beteiligen. Als am 9. Dezember 1917 der R a t der Volkskommissare den linken Sozialrevolutionären erneut die Teilnahme im R a t der Volkskommissare vorschlug, erklärten sich die linken Sozialrevolutionäre bereit und sandten sieben ihrer angesehensten Mitglieder in die Sowjetregierung. 54 52

53

54

ronoc TpyflOBoro K p e c T b H H C T B a , 12. Dezember 1917, in: Bopbßa ö o J i t m e B H C T C K o i t napTHH 3 a c o 3 f l a H i i e n o J i H T H H e c K o f t a p M H H c o m i a j m c T i i H e c K o f t peßojiioijiiii, a. a. O., S. 189. Zur Ideologie der linken Sozialrevolutionäre vgl. M. Ph. Price, Die russische Revolution, Hamburg 1921, S. 387 ff. Vgl. K. Tycee, K p a x napTHH Jießtix 33epoB, a. a. O., S. 107/108.

378

MAKIA ANDERS

Diese Entwicklung festigte das Bündnis zwischen Arbeiterklasse und werktätiger Bauernschaft und führte zur Vereinigung der örtlichen Sowjets und andererseits zum verstärkten Einfluß der bolschewistischen Ideen in den Dörfern. Im Januar 1918 vereinigte sich der III. Kongreß der Arbeiter- und Soldatendeputierten mit dem III. Kongreß der Bauerndeputierten. Damit war auch die Existenz zweier Kongresse beendet und ein tiefes Bündnis zwischen Arbeiterklasse und der Mehrheit der Bauernschaft entstanden. Dieses Bündnis schloß den Block der Bolschewiki mit den linken Sozialrevolutionären ein, den Lenin auf dem III. Gesamtrussischen Sowjetkongreß als fest einschätzte. „ D a s Bündnis, daß wir mit den linken Sozialrevolutionären geschlossen haben, ist auf einem festen Grund errichtet und festigt sich von Tag zu Tag, ja von Stunde zu Stunde. Wenn wir in der ersten Zeit im B a t der Volkskommissare befürchten mußten, daß der Fraktionskampf die Arbeit hemmen werde, so muß ich heute nach den Erfahrungen von zwei Monaten gemeinsamer Arbeit mit aller Bestimmtheit erklären, daß bei uns in den meisten Fragen einstimmige Beschlüsse zustande kommen." 5 5 Diese Entwicklung sollte jedoch kurze Zeit später jäh unterbrochen werden. Denn als die Bevolution in eine außerordentlich schwierige Periode, in die Phase des Brester Friedens geriet, der von den linken Sozialrevolutionären aus ihrer linksradikalen kleinbürgerlichen Einstellung heraus leidenschaftlich abgelehnt wurde, brach die Koalition gegen den Widerstand einiger Führer der linken Sozialrevolutionäre und gegen den erklärten Willen der Bolschewiki auseinander. 56 Und als sich im Sommer 1918 die sozialistische Bevolution im Dorf entfaltete, offenbarten sich die Grenzen, die sich aus den utopischen und illusionären Vorstellungen vom Sozialismus ergaben und die linken Sozialrevolutionäre von der Revolution trennten. Ihre subjektive Überzeugung, daß die Partei Lenins die Revolution mit dem Brester Friedensvertrag an den ausländischen Imperialismus verraten und mit der Gründung der „Komitees der Dorfarmut" die Bauernschaft gespalten und den Bürgerkrieg ins Dorf getragen habe, führte zum tragischen Ende der linken Sozialrevolutionäre als Partei, nicht weil die Kommunisten sie verdrängten oder vernichteten, wie antikommunistische Historiker immer wieder zu beweisen versuchen, sondern durch den logischen Gang der Ereignisse selbst. Die alleinbleibende erste siegreiche proletarische Revolution führte zu einer solchen Schärfe des inneren und äußeren Klassenkampfes, dem unvermeidlich 55

56

W. I. Lenin, Bericht über die Tätigkeit des Rates der Volkskommissare, 11. (24.) Januar, in: Werke, a. a. O., Bd. 26, S. 458. Auf dem II. Kongreß der Partei der linken Sozialrevolutionäre brachten z. B. M. Spiridonova und A. L. Kolegaev ihre Unzufriedenheit mit dem Austritt der Sozialrevolutionäre aus der Regierung zum Ausdruck. Der alte Revolutionär aus der Narodnifiestvo Natanson sah die Entwicklung der Partei richtig voraus, als er ausführte: „Der Austritt aus der Regierung war ein Fehler. Der Bruch mit dem Bündnispartner, mit den Bolschewiki nützt nur der Konterrevolution und führt zum Untergang der Partei". 3HaMH Tpyaa, 21. April 1918, zitiert nach: ÜCTopHH CCCP, 2. Serie, Bd. VII, Moskau 1967, S. 391. Jedoch die Anhänger des Bruchs mit der kommunistischen Partei setzten sich durch.

Macht- und B ü n d n i s f r a g e in der Oktoberrevolution

379

große Schwankungen der kleinbürgerlichen Schichten folgten. In diesem Kampf hegten die Spitzen der Kleinbourgeoisie und ihrer Parteien immer wieder Hoffnungen auf eine bürgerlich-demokratische Entwicklung. Eben diese Schwankungen äußerten sich am deutlichsten in den kleinbürgerlichen Parteien und Gruppen, die einmal auf der Seite der Revolution und dann wieder auf der Seite der Konterrevolution standen. In diesem schwierigen Prozeß der ersten siegreichen Revolution kompromittierten und differenzierten sich diese Parteien mehr und mehr, veränderten und verloren ihre soziale Basis und geriten allmählich, oder bei einer schroffen Wendung der Revolution sehr schnell in das Lager der antisozialistischen Kräfte. Nur die Besten der kleinbürgerlichen Demokratie verblieben auf der Seite der Revolution, veränderten in der Revolution selbst ihren Charakter und verschmolzen mehr und mehr mit der kommunistischen Partei. 57 So entwickelte sich die kommunistische Partei Sowjetrußlands in den harten Klassenauseinandersetzungen nach und nach zur einzigen anerkannten Führerin der Arbeiterklasse und ihrer Bundesgenossen. Lenin, der in den Jahren 1917 bis 1919 immer wieder Gedanken zur Bündnispolitik gegenüber den kleinbürgerlichen Parteien äußerte, ging von der Notwendigkeit aus, daß sich nur „durch eine Reihe von Übereinkommen und Verständigungsversuchen zwischen dem Proletariat und der kleinbürgerlichen Demokratie der Aufbau bewerkstelligen läßt, der zum Sozialismus führt." 5 8 Die besonders schweren inneren und äußeren Bedingungen der russischen proletarischen Revolution beachtend, schrieb Lenin, daß sich „die Feindschaft zwischen uns und einer ganzen Reihe von kleinbürgerlichen Elementen verschärfte, die keineswegs unter allen Umständen und keineswegs in allen Ländern Gegner des Sozialismus sind, sein können und sein müssen." 5 9 Diese durch Lenin verallgemeinernde Erfahrung des Klassenkampfes während der proletarischen Revolution zeigt, daß sich im Imperialismus günstige Bedingungen für die Gewinnung der Mittelschichten entwickeln. Sie zeigt aber auch, daß die Breite der sozialen Basis der Revolution vom inneren und äußeren Kräfteverhältnis 67

Als ein Teil der linken Sozialrevolutionäre sich im S o m m e r 1918 gegen die S o w j e t m a c h t erhob, spalteten sich von ihnen zwei neue Parteien ab, die „ V o l k s t ü m l e r - K o m m u n i s t e n " und die „ R e v o l u t i o n ä r e n K o m m u n i s t e n " . Die Politik der K o m m u n i s t i s c h e n Partei sowie die eigenen Erfahrungen, die die Mitglieder dieser Parteien in harten Klassenschlachten sammelten, führten sie immer enger an die Seite der K P R ( B ) . I m N o v e m b e r 1918 traten die „ V o l k s t ü m l e r - K o m m u n i s t e n " in die Kommunistische Partei ein und im Oktober 1920 die „ R e v o l u t i o n ä r e n K o m m u n i s t e n " . Die gleiche Entwicklung n a h m e n auch Mitglieder anderer revolutionärer Gruppen, wie z. B . die Sozialdemokraten-Internationalisten. Bis 1922 waren 22500 Mitglieder der K P R ( B ) aus anderen Parteien übernommen worden.

Vgl. JI. M. CnupuH, HcTopHorpa$HH 6opi>6u PKII(E) c MejiKOÖypjKyaaHHMH nap58

*9

THHMHB 1 9 1 7 — 1 9 2 0 r r . , i n : BonpocuHCTopHH K I I C C , a. a. O., 1966, Nr. 4, S. 107. W. I. Lenin, V e r s a m m l u n g der Moskauer Parteiarbeiter, 27. November 1918, in: Werke, a. a. O., B d . 28, S. 213. W. I. Lenin, V I I I . P a r t e i t a g der K P R ( B ) , 18.—23. März 1919. Bericht des Zentralkomitees, 18. März, in: Werke, a. a. O., B d . 29, S. 133.

380

Mabia Anders

der Klassen, vom Erkennen der historischen Aufgaben durch die Vertreter des Kleinbürgertums und von der Meisterschaft der Strategie und Taktik der revolutionären Partei der Arbeiterklasse abhängig ist. Gerade letzteres befähigte die kommunistische Partei Sowjetrußlands, ein festes und ehrliches Bündnis zwischen der Arbeiterklasse und den werktätigen Bauern zu schmieden, festigte im Prozeß der Zusammenarbeit der beiden Hauptklassen der Gesellschaft die führende Rolle der bolschewistischen Partei in der Revolution und gewährleistete in historisch kurzer Frist den Sieg der Sowjetmacht im ganzen Lande.

ENZO COLLOTTI, T R I E S T

Die italienischen Sozialisten und die Novemberrevolution in Deutschland Die Perspektiven der Revolution aus italienischer Sicht Als sich am 15. Januar 1921 die italienischen Sozialisten zu ihrem XVII. Parteitag in Livorno versammelten, schrieb Antonio Gramsci, einer der Delegierten, die am 21. Januar den Kongreß verließen, um im San-Marco-Theater die Italienische Kommunistische Partei zu gründen, in „L'Ordine Nuovo" einen Artikel, in dem es unter Bezugnahme auf den zweiten Jahrestag der Ermordung von Karl Liebknecht u. a. hieß: „Ist es ein Zufall oder ein Glücksumstand, daß der Parteitag der Italienischen Sozialistischen Partei in Livorno am Jahrestag der Ermordung von Karl Liebknecht zusammentritt? Wir glauben weder an das Schicksal noch an geschichtliche Vorsehung, wir glauben auch nicht daran, daß der Geist der Toten Macht über die Lebenden hat . . . Dennoch ist der Name Karl Liebknechts ein gutes Vorzeichen für den Parteitag. Wer mit diesem Namen Ereignisse und Lehren verbindet, wird unsere Erwartungen, unseren Optimismus und unsere Absichten teilen. Mit Karl Liebknechts Tod im Januar 1919 endete die erste große Erhebung der Kommunisten Mittel- und Westeuropas in einem blutigen Opfergang. Der bewaffnete Aufstand des deutschen Proletariats, den er mit der ganzen Autorität, die seine Persönlichkeit ausstrahlte, geführt hat, ist tatsächlich der erste und einzige bedeutende, wirklich erfolgversprechende Versuch gewesen, die europäische Nachkriegskrise in Zusammenhang mit der proletarischen Revolution in Rußland zu sehen und zu begreifen. Einen Augenblick schien es so, als ob der Aufstand der deutschen Kommunisten die siegreiche russische Revolution und die Anstrengungen der revolutionären Minderheiten in Mittel- und Westeuropa zusammenschmelzen würd e. Wenn sich diese Verschmelzung vollzogen hätte, wäre die europäische Rev olution ganz selbstverständlich in eine Erhebung des gesamten Proletariats gege n alle Regierungen der Entente übergegangen . . Z'1 1

Un monito, in: L'Ordine Nuovo, 15. Januar 1921 (Nachdruck in: A. Gramsci, Socialismo e fascismo); L'Ordine Nuovo 1921 — 1922, Turin 1967, S. 47—49. Siehe auch die Ansprache des Vertreters der KPD, Paul Levi, in: Resoconto stenografico del XVII Congresso Nazionale del Partito Socialista (Livorno 15 — 20 gennaio 1921), Mailand 1962 (Neuaufl.), S. 15—17. Levi fordert dazu auf, die Lehren aus der Novemberrevolution zu ziehen: „Die Schlußfolgerung besteht darin, daß die Einheit der Partei nicht immer das höchste Gut des Proletariats ist. Keiner kann sagen, das deutsche Proletariat hätte

382

E N Z O COLLCTTI

Dieses ausführliche Zitat belegt, daß sich die italienische Arbeiterbewegung mit der Revolution in Deutschland solidarisierte. Vor allem aber veranschaulicht es, welchen Platz im Bewußtsein der revolutionären Kräfte Italiens Deutschland im Rahmen der Weltrevolution einnahm und welche Konsequenzen nach ihrer Meinung die Ereignisse in Deutschland für die internationale und besonders die italienische Arbeiterbewegung haben würden. Im Gefolge der" russischen Revolution hatten die revolutionären Kräfte in Deutschland und Italien tatsächlich die besten Aussichten, die Macht zu erobern.2 Die Italienische Sozialistische Partei, durch Strömungen und Richtungskämpfe schon arg zerstritten, die den Übergang von der Krise der II. Internationale zur Gründung der III. Internationale und der Kommunistischen Partei kennzeichneten, verfolgte die Entwicklung in Deutschland sehr aufmerksam. In ihrer Presse, der unser Aufsatz hauptsächlich nachspürt, kam das große Interesse plastisch zum Ausdruck; sie gestattet auch, jene Widerspiegelungen einzufangen, die die politische Entwicklung in Deutschland in den verschiedenen Fraktionen der Partei hervorrief. Ganz allgemein können wir feststellen, daß die italienischen Sozialisten, vor allem durch den „Avanti!", die offizielle Tageszeitung der ISP, ausführlich über das Geschehen in Deutschland informiert wurden. Das ist hauptsächlich das Verdienst des Korrespondenten Gustavo Sacerdote, der unter dem Pseudonym „Genosse" die Ereignisse in Deutschland seit der Abdankung des Kaisers unablässig verfolgte, was nicht nur aus Solidarität mit den revolutionären Kräften in Deutschland, sondern ebenso im Interesse des politischen Kampfes in Italien geschah. Ernesto Ragionieri hat daran erinnert, daß Gustavo Sacerdote (1864—1949), der übrigens Mehring übersetzt hat, „der beste Kenner der deutschen Problematik innerhalb der Italienischen Sozialistischen Partei" 3 gewesen ist. Oft — jedoch nicht immer, wie Ragionieri anzunehmen scheint — kamen seine Berichte, umständehalber, aus Zürich. Auf jeden Fall war Sacerdote in der zweiten Dezemberhälfte 1918 und im Januar 1919 in Berlin und anderen deutschen Städten. Das geht aus den „Briefen über Deutschland", die der „ A v a n t i / " abdruckte, 4 ebenso hervor wie aus den eindeutigen Bezügen in seinen Berichten. So schrieb er beispielsweise im

2

3

4

richtig gehandelt, wenn es die Einheit u m jeden Preis bewahrt hätte und in der Partei der Scheidemann und Noske geblieben w ä r e . " Vgl. P. Spriano, Storia del partito comunista italiano. D a Bordiga a Gramsci, Turin 1967, S. 24. E. Ragionieri, Socialdemocrazia tedesca e socialisti italiani 1875—1895, Mailand- 1961, S. 292—293. Vgl. auch die Einschätzung bei: G. Arft, Storia dell'Avanti! 1896—1926, Mailand/Rom 1956. E r hält Sacerdote für „ d e n bestinformiertesten und erfahrensten Korrespondenten, den der Avanti! an den Brennpunkten der Revolution gehabt h a t " (S. 158). Unter dieser Überschrift erschien ein Bericht im A v a n t i ! vom 21. Dezember 1918, S. 2. Von geringem Interesse sind hingegen die Berichte von E. Gaetani, „eines Genossen, der aus der Gefangenschaft heimgekehrt i s t . " Von ihm erschienen Ende 1918 eindeutig reformistisch gefärbte Artikel (der erste a m 4. Dezember, der dritte und letzte a m 28. Dezember). Alle Zitate aus dem A v a n t i ! entstammen der Mailänder Ausgabe.

Italiens Sozialisten und die Novemberrevolution

383

„Avanti!" vom 9. Januar 1919 über die spartakistische Bewegung in Berlin: ,,. . . ich höre den Donner der Maschinengewehre sehr deutlich." Darüber hinaus belegen auch die Interviews mit den Führern der Unabhängigen und der rechten Sozialdemokraten Hugo Haase 5 , Kurt Eisner 6 , Philipp Scheidemann 7 und Friedrich Ebert 8 seine Anwesenheit in Deutschland. Die Berichte von G. Sacerdote leisteten nicht nur einen bedeutenden Beitrag, um die italienischen Sozialisten über die Ereignisse in Deutschland exakt zu informieren und tendenziösen Entstellungen der auflagenstarken Informations- und „unabhängigen" Presse entgegenzutreten, sondern auch dazu, daß die italienischen Sozialisten im allgemeinen mit der revolutionären deutschen Linken sympathisierten — ein Ergebnis der Einschätzungen, die er von Fall zu Fall über Probleme und Personen gab. 9 Die unterschiedliche Beurteilung Bernsteins 10 und Mehrings 11 zeigt, daß er sich letzterem verbunden fühlte, obwohl Sacerdote ebenso wie viele andere italienische Sozialisten zur IJSPD tendierte. Die Nachrichten über den militärischen Zusammenbruch und die Revolution in Deutschland verstümmelte die Zensur. Hinzu kamen anfangs Ungenauigkeiten, die aus dem fieberhaften Überschlagen der Ereignisse resultierten. Der „Avanti!" verfolgte von Anbeginn das Hervortreten der revolutionären Kräfte besonders aufmerksam. Am ( 14. November 1918 erschien er schließlich mit der über vier Spalten reichenden Schlagzeile: „Die sozialistische Republik in Deutschland", die in der unrichtigen Mitteilung gipfelte, daß sich die „Revolution in Deutschland vertieft und ausschließlich nach links orientiert". Es sei eine Regierung gebildet worden, der alle sozialistischen Fraktionen, darunter die Spartakus-Gruppe, angehören. Aber schon am 15. November berichtete das Blatt vom Übergewicht der gemäßigten Richtungen und berief sich dabei auf eine Versammlung des Berliner Arbeiter- und Soldatenrates, der mit der „Zurückweisung der Versuche" endete, „der Revolution ein radikales Gepräge" zu geben. In dieser ersten Phase propagierte der „Avanti!" die programmatischen Aufrufe der revoluEbenda, 18. Dezember 1918. Ebenda, 21. Dezember 1918. ' Ebenda, 7. Januar 1919. 8 Ebenda, 14. Februar 1919. * Eine Reihe von Zeugnissen über die Beziehungen, die Sacerdote mit den Führern der deutschen Sozialisten unterhielt, finden sich in der Zeitschrift „Movimento operaio", Jg. i, Nr. 2, 1. November 1949, S. 31—37. Es handelt sich um Briefe, die Sacerdote u. a. von Bernstein, Bebel, S. Liebknecht, Kautsky, F. Mehring und E. Toller erhielt, darunter ein Brief F. Mehrings vom 17. September 1918, auf den er sich ganz eindeutig im A v a n t i ! vom 23. November 1918, S. 1, bezieht, und ein solcher E. Tollers vom 27. März 1921 aus dem Gefängnis in Niederschönenfeld. 10 Außer diesem im „Avanti!" erschienenen Artikel vgl. auch das Lebensbild, das Sacerdote anläßlich des 70. Geburtstages von Bernstein in der Critica Sociale, Jg. X X X , Nr. 5, 1.—15. März 1920, S. 76—78, entwarf. In ihm treten die politischen Grenzen des Führers der Revisionisten deutlich hervor, aber es fehlt auch nicht eine gewisse Sympathie, die Sacerdote für den betagten Sozialisten empfand. 1 1 Vgl. E morto Franz Mehring, in: Avanti!, 31. Januar 1 9 1 9 , S. 2. 5

6

384

E N Z O COLLOTTI

tionären Kräfte in Deutschland 12 und bemühte sich, die Alarmrufe der „honorigen italienischen Presse" zu paralysieren, die — wie im Falle der russischen Revolution — nun gegen die deutsche Revolution die westlichen Demokratien zur Einheit mahnten und dabei nicht zögerten, denjenigen Parteien zu Hilfe zu eilen, „die bis gestern eng mit dem Kaiser liiert waren" 1 3 . Ein Manöver also, das Deutschland zu einem antibolschewistischen Bollwerk umzuwerten trachtete, wie Claudio Treves scharfblickend in der Abgeordnetenkammer erläuterte: „Das besiegte Deutschland ist bereits Alliierter der siegreichen Entente, um zum Gendarmen gegen die sozialistische Räterepublik zu werden". 14 Es lohnt, von einer Woche zur anderen zu verfolgen, wie parallel zu dem Loblied auf die Entwicklung in Deutschland und zu den sich immer klarer abzeichnenden Positionen der verschiedenen Richtungen in der deutschen Arbeiterbewegung auch die Positionen des italienischen Sozialismus gegenüber der Perspektive, die die Situation in Deutschland eröffnete, deutlicher hervortraten. Der „Acanti!" räumte dem sich abzeichnenden Konflikt zwischen den Befürwortern der Nationalversammlung und den Spartakisten, die die Diktatur des Proletariats in der Form der Volksräte 15 verfochten, breiten Raum ein, wobei man sich trotz der ersten Anzeichen einer konterrevolutionären Gefahr dennoch einem vorsichtigen Optimismus hingab. Mitte Dezember schrieb der „Avariti1." : „Es ist nicht der rechte Augenblick für Prophezeiungen. Die deutsche Revolution ist am Ende und steht vor der Niederlage. Aber sie wird von starken Organisationen und entschlossenen Männern geführt." Die Bewunderung für die herausragenden Persönlichkeiten jener Wochen — der „Acanti!" nennt in einem Atemzug Kautsky, Mehring, Rosa Luxemburg, Bernstein, Haase, Ledebour, Liebknecht, Eisner, ohne deren Standpunkte voneinander abzugrenzen — war vielleicht ein Nachklang der traditionellen Bewunderung, mit der auch die italienischen Sozialisten auf das „Modell" der Internationale, die deutsche Sozialdemokratie, geblickt hatten. Ebenso ist das Vertrauen in den siegreichen Ausgang der deutschen Revolution weniger aus wirklicher Kenntnis der objektiven Situation geboren als vielmehr Ausdruck der Hoffnung, daß sich die Weltrevolution in Deutschland behaupten und dadurch auch Italien erfassen möge. „Die deutsche Revolution wird leben und für die Internationale eine ungeheuere Lehre, eine unvergleichliche Erfahrung und vor allem ein Beispiel sein." 16 Ein Überblick über die Haltung der italienischen Sozialisten wäre indessen unvollständig, wollte man sich nur an das offizielle Parteiorgan halten, das unter 12

13

14

15 le

Siehe beispielsweise die Dokumentation im Avanti! vom 23. November 1918, S. 1, über die USPD und ebenda am 29. November 1918, S. 1, über das Programm der Spartakus-Gruppe. Es ließen sich weitere Quellen anführen. II mantenimento dell'ordine, in: Avanti!, 16. November 1918, S. 1, über das Programm der Spartakus-Gruppe. Auszüge aus der Rede von Treves, in: Avanti!, 5. Dezember 1918, S. 2, und in einem mit Quidam unterzeichneten Artikel Russi e tedeschi, ebenda, 8. Dezember 1918, S. 1. 19. November 1918, S. 1. Die zweite Seite der Ausgabe vom 15. Dezember 1918 war fast vollständig dem Thema gewidmet: Come s'è fatta la rivoluzione in Germania.

Italiens Sozialisten und die Novemberrevolution

385

Leitung Serratis zu jener Zeit im allgemeinen das Sprachrohr der Linken war, und dabei die Haltung des rechten reformistischen und des linken maximalistischen Flügels der Sozialistischen Partei außer acht lassen. Gerade durch diese Extreme läßt sich genauer feststellen, in welchem Maße die deutschen Ereignisse Einfluß auf die Orientierung der italienischen Sozialisten gewannen. Die „gemäßigteren" Kräfte des italienischen Sozialismus, auf die wir unten näher eingehen, betrachteten die Ereignisse in Deutschland unter den Auspizien einer „gemäßigten" Lösung: streng parlamentarisch und ohne Gewaltanwendung. Sie hofften deshalb, daß die Spartakisten nicht die Oberhand gewinnen würden. Auch das verhaltene Interesse, das Turatis „Critica Sociale" der ersten Phase der Revolution entgegenbrachte, lief ganz ausgeprägt in dieser Richtung. 1 ' Im scharfen Gegensatz dazu feierte der äußerste Flügel der Maximalisten den Triumph der Revolution in Deutschland, als wäre es der eigene. Ihr Organ war „II Soviet", den Amadeo Bordiga leitete. Diese Zeitung war weit davon entfernt, nur das „Organ der Sektion der Italienischen Sozialistischen Partei für die Provinz Neapel" zu sein. Er fand vielmehr im nationalen Maßstab Resonanz. 18 Die Einschätzung der Maximalisten ergibt sich u. a. daraus, daß sie ihre Plattform mit jener der Spartakisten, die sie als deutsche Maximalisten betrachteten, identifizierten. „Die wirklichen Revolutionäre in Deutschland sind die Spartakisten, und ihnen gehört ohne jeden Vorbehalt unsere ganze Sympathie und Solidarität. Dagegen erscheint uns die Haltung der Mehrheitssozialdemokraten und jenes Teils der Unabhängigen, die in einer Front mit der Bourgeoisie gegen die bolschewistische Gefahr stehen, in wachsendem Maße antisozialistisch, je direkt verwerflich. Wir sind sicher, daß die Maximalisten in der Lage sein werden, die Macht zu ergreifen und die sozialistische Diktatur des Proletariats zu proklamieren, bevor es der Nationalversammlung — selbst wenn das Manöver, sie außerhalb Berlins tagen zu lassen, erfolgreich sein sollte — gelingt, die Macht in die Hände der besitzenden Klassen zu legen, die sich auf die Renegaten des Sozialismus stützen können. Vielleicht macht man, während wir diese Zeilen schreiben, einen großen Schritt in dieser Richtung." 19 Im „Avanti!" findet dieser Optimismus in der Beurteilung der Situation in Deutschland keine Entsprechung. Eine erste Klärung hatte der Kongreß der Arbeiter- und Soldatenräte gebracht, der vom 16.—21. Dezember in Berlin tagte. Der „Genosse" registrierte gewissenhaft die längst offen zutagegetretene Uneinigkeit zwischen den rechten Sozialdemokraten, den Unabhängigen und den Spartakisten; er berichtete auch vom unverhüllt konterrevolutionären Auftreten der 17

18

18

26

In den letzten Monaten des Jahres 1 9 1 8 brachte die „Critica Sociale" keinen einzigen Artikel, der sich speziell mit Deutschland befaßte. Sie bezog sich allerdings in allgemeineren Aufsätzen mehrfach auf die deutschen Ereignisse. A m 20. Oktober 1 9 1 8 (Jg. 2, Nr. 42) wurde „II Soviet" dann wirklich zum „Organo della frazione comunista astensionista del Partito socialista Italiano". Ausführlich darüber bei P. Spriano, a. a. 0 . , besonders S. 37 ff. Verso il Massimalismo in Germania, in: II Soviet, 29. Dezember 1 9 1 8 (Jg. 1, Nr. 2), S. 1. Studien

386

ENZO COLLOTTI

Ebert und Scheidemann.20 Während des Kongresses hatte sich Sacerdote darauf beschränkt, ziemlich zurückhaltend die verschiedenen Standpunkte zu referieren. Als aber am Schlußtag die Frage der Macht zugunsten der Nationalversammlung entschieden und damit die Rätebewegung enthauptet wurde, findet sich in seiner Chronik der Ereignisse ein politisch ebenso präzises wie auch besorgtes Urteil: „Die Diskussion zog sich sehr lebhaft, manchmal sogar stürmisch, über den ganzen Tag hin. Aber man sieht auf den ersten Blick, daß sich die Arbeiter- und Soldatenräte, die sich, den Mehrheitssozialisten nach zu urteilen, so verdient um die Revolution gemacht haben, nunmehr ihr eigenes Todesurteil gesprochen haben." 21 Ende Dezember scheinen die erneuten bewaffneten Zusammenstöße und die Aktionen der revolutionären Marinedivision in Berlin „eine zweite Revolution, die die wahre sozialistische Republik bringen wird" 22 , anzukündigen. Das Durcheinander der Begebnisse und die anhaltende Ungewißheit über den Ausgang der Auseinandersetzungförderten den Eindruck, als ob die Revolution nach links umgeschlagen wäre. So brachte der „ A v a n t i ! " die unrichtige Meldung, daß die Spartakusgruppe ihre Diktatur aufgerichtet und die Regierung Ebert—Haase gestürzt habe.23 Der neue revolutionäre Aufschwung beeindruckte derart, daß die Gründung der Kommunistischen Partei Deutschlands in den Hintergrund trat. Der „ A v a n t i ! " verbreitete zwar die Plattform des Spartakusbundes, setzte sich aber vor allem mit der Hetzkampagne der Bourgeoisie und der rechten Sozialdemokraten gegen die Spartakisten im allgemeinen und Liebknecht im besonderen auseinander: „Als ob die Spartakisten den Krieg gewollt hätten, als ob sie ihn geführt hätten, als ob sie das Volk vier Jahre lang betrogen hätten, als ob sie die ganze Welt gegen dieses Volk aufgehetzt hätten, als ob sie dieses Volk in den Abgrund gerissen hätten! Für viele ist es wirklich so. Liebknecht ist hier für alles verantwortlich. . . Man kann sich kaum eine Vorstellung davon machen, wie Liebknecht von der Bourgeoisie und aus den Reihen der Mehrheitssozialisten angefeindet, ja man kann ruhig sagen: gefürchtet und gehaßt wird. Nichts wird ihm erspart) keine Beschuldigung und keine Verleumdung . . . Von verschiedenen Seiten habe ich gehört, daß er seines Lebens nicht mehr sicher ist . . ,'124 Die „Jagd auf Liebknecht", auf die die sozialistische Zeitung eindringlich und mit einer dunklen Vorahnung aufmerksam machte, war nur eines der Elemente, die die Spaltung in der deutschen Arbeiterbewegung enthüllte und die Frontlinie zwischen Revolutionären und Konterrevolutionären hervortreten ließ, die durch die Anpassung der rechten Sozialdemokraten an die Bourgeoisie entstanden war; Eine 20

Vgl. die Berichte über den Rätekongreß in: A v a n t i ! , 19. —22. Dezember 1918.

21

A v a n t i ! , 23. Dezember 1918, S. 1.

22

Ebenda, 27. Dezember 1918, S. 1.

2S

29. Dezember 1918, S. 1, unter der bezeichnenden Uberschrift: " L a rivoluzione in

Ger-

mania verso sinistra". 21

A v a n t i ! , 3. Januar 1918, S. 1, unter der vierspaltigen Überschrift " L a Germania in f i a m m e " . Auch die Ausgabe vom 9. Januar verweist auf die Lebensgefahr, unter der Liebknecht arbeitete.

Italiens Sozialisten und die Novemberrevolution

387

andere Episode dieses Kampfes bildete die Absetzung des unabhängigen Sozialdemokraten Eichhorn als Polizeipräsident von Berlin 25 , während das Interview mit Scheidemann keinen Zweifel daran ließ, daß ebenso wie für die italienischen Reformisten, auch „für die Bourgeoisie und die Mehrheitssozialdemokraten" die bolschewistische Gefahr zu einer „wirklichen Zwangsvorstellung" geworden war. 86 Karl Liebknecht, den die italienischen Sozialisten ebenso wie Rosa Luxemburg durch seine mutige internationalistische Haltung im Weltkrieg kennengelernt hatten 27 , wurde in jenen Tagen ein Symbol der proletarischen Revolution. „II Soviet" feierte Liebknecht am 12. Januar 1919 in einem Artikel unter der Überschrift „Der Klassenkrieg in Deutschland" als den „furchtlosen Bahnbrecher der Revolution in den Parlamenten der Bourgeoisie, vor den kaiserlichen Richtern und Folterknechten, unter den Salven der Maschinengewehre. Ein wahrhafter Held . . . " Auch der „Avanti!" ergriff Partei für Liebknecht und den neuen revolutionären Aufschwung der Massen, die „die Errungenschaften des 9. November realisieren und erweitern wollten". Die sozialistische Tageszeitung konnte dabei die Schärfe des Kampfes und vor allem den Entschluß der konterrevolutionären Kräfte nicht verschweigen, unterstützt von Ebert, Scheidemann und „dem ehemaligen Abgeordneten Noske, der durch seine mitleidlose Energie bekannt war" 2 8 , Truppen und Zivilisten zu bewaffnen. Die reformistischen Führer waren damit ganz und gar Gefangene der Konterrevolution geworden, als deren Inspiratoren unter anderen Hindenburg und Ludendorff wiederauftauchten: „Inzwischen haben sich Ebert und Scheidemann derart fest an die Bourgeoisie gekettet, daß sie, selbst wenn sie die Absicht hätten (was ich nicht glaube), denen nicht mehr widerstehen könnten, die die Revolution in einem Blutbad ertränken wollen." 29 Am Vorabend des tragischen Epilogs der Spartakus-Bewegung gab der „Avanti!" am 14. Januar eine Version 25 26

27

28 29

Ebenda, 7. J a n u a r 1919, S. 1. Ebenda. E s sei in diesem Zusammenhang an die Polemik erinnert, die a m Rande der deutschen Ereignisse der „ A v a n t i ! " gegen Turati und seine „Klagelieder des J e r e m i a s " führte: A m 1. J a n u a r holte er.ein Zitat von Marx aus der Versenkung, das „sich gegen einige unserer Genossen auf dem rechten Flügel der Partei richtet, (die) ratlos staunend und zitternd nach Rußland und Deutschland sehen". In dem Artikel "L'insegnamento di M a r x " hieß es: „ K a r l Marx verfiel nicht in die zweifelnde Gefühlsduselei wie Filippo Turati. Angesichts der bürgerlichen Revolution in Deutschland hatte er keine Angst davor, daß ,sich die Parteien und Sekten bei den Zusammenstößen aufreiben.' E r schrieb damals zusammen mit Engels ein Manifest, in dem auf die schönste und überzeugendste Art ünd Weise die Verteidigung Lenins und Liebknechts vorweggenommen ist." Die Ideen von Liebknecht und L u x e m b u r g drangen erst während und nach dem Weltkrieg in die italienische Arbeiterbewegung ein. Die berühmte antimilitaristische Broschüre aus dem J a h r e 1907 ist niemals ins Italienische übersetzt worden. Während des Krieges erschien: K. Liebknecht, II socialismo e la guerra. Donde verrä la pace? Appello ai socialisti inglesi. Mailand, E d . A v a n t i ! 1917. Für die Übersetzung der Schrift von R. Luxemburg über den Massenstreik vgl. Anm. 33. Avanti!, 9. J a n u a r 1919, S. 1. Sacerdote ebenda, 12. J a n u a r 1919, S. 1.

25»

388

E N Z O COLLOTTI

der spartakistischen Revolte, die der historischen Prüfung standgehalten h a t : „Grundsätzlich haben die Spartakisten gegenwärtig diese revolutionäre Aktion nicht gewollt. Sie hielten sie vielmehr für verfrüht. Dann kam jedoch eine Provokation: die Absetzung Eichhorns. In diesem Augenblick war es unmöglich, die Massen zurückzuhalten. Ohne vorher ausgearbeiteten Plan besetzten sie spontan den „Vorwärts" und zogen auf die Straße. Diesem unwiderstehlichen Drang gegenüber hielten es die Führer der Spartakisten für ihre Pflicht, den Weg bis an sein Ende zu gehen." „ A v a n t i ! " berichtete von der Niederlage in Zusammenhang mit der brutalen Unterdrückung, und es tauchten auch die ersten besorgten Fragen nach dem Schicksal der revolutionären Führer auf: „Man spricht davon, daß Rosa Luxemburg und Radek arrestiert worden sind. Aber bis jetzt ist es mir unmöglich gewesen, eine Bestätigung für diese Meldung zu erhalten", schrieb der Korrespondent des „Avant i ! " in der gleichen Nummer vom 14. Januar 1919. Die Perspektiven der Revolution waren unsicher: Für den „ A v a n t i ! " bedeutete die Niederlage eine Stärkung der Positionen der Regierung und der Konterrevolution. Die Maximalisten, die den spontanen Charakter der Erhebung unterschätzten, hielten „den Mißerfolg dieses ersten Anlaufs der wahrhaft proletarischen Revolution durchaus nicht für endgültig. Vielleicht trägt er in seinem Schoß bereits den Keim des zukünftigen Triumphes. Auch Lenin war im Juli 1917 ein geschlagener Flüchtling, gegen den ein Prozeß anhängig war. Vier Monate danach beherrschte er die Situation in Rußland . . ."3° Die folgenden Wochen waren bestimmt von Berichten über die Niederschlagung der Revolution und die Ermordung der Spartakus-Führer. Vom 14.—18. Januar brachte die sozialistische Tageszeitung täglich Nachrichten über die „ J a g d auf Liebknecht": Am 16. Januar meldete sie, er sei „ernsthaft verletzt", am 17. Januar druckte sie eine Eilmeldung, die die Verhaftung der beiden Führer des Spartakusbundes anzeigte, und eine etwas unscheinbare Titelüberschrift auf der letzten Seite nahm ungläubig fragend die Meldung vorweg: „ I s t Liebknecht erschossen worden?" Die Bestätigung des Verbrechens, das das ganze internationale Proletariat erschütterte, brachte der „ A v a n t i ! " als Kasten am 18. Januar. E r stellte die Chronik des Verbrechens entsprechend den mehr oder weniger offiziellen Meldungen zusammen, die auch ins Ausland durchgesickert waren. In einem flammenden Leitartikel „Spartakus lebt nicht mehr" wurde das Hohelied der unausbleiblichen Erhebung des Weltproletariats gesungen, in der es den Opfertod der spartakistischen Führer rächen würde. Der „ A v a n t i ! " griff den Titel des berühmtgewordenen letzten Artikels von Rosa Luxemburg, erschienen in der „Roten Fahne", wieder auf und schrieb u. a.: „ . . . Es ist wieder ruhig in Berlin, aber es ist viel zu ruhig. Jene beiden Toten werden den Machthabern mehr zu schaffen machen als die mächtigen feindlichen Heere. Für einige Tage ruhen die Waffen und der weiße Terror, aber keiner kann verhindern, daß das, was geschehen muß, geschehen wird. Das Proletariat wird 80

La marcia del comunismo, in: II Soviet, 19. Januar 1919 (Jg. 2, Nr. 5), S. 1.

Italiens Sozialisten und die Novemberrevolution

389

niemals vergessen, daß derjenige ermordet worden ist, der sich als erster mutig gegen die Unmenschlichkeit in Deutschland erhoben hat, um den Krieg zu verurteilen . . . Die soziale Revolution in Deutschland hat gestern innerhalb weniger Stunden Riesenschritte vorwärts gemacht, als die sterblichen Hüllen der ehrwürdigen Rosa Luxemburg und Karl Liebknechts durch die Straßen von Berlin zur letzten Ruhestätte getragen wurden. Aber nicht nur in Deutschland; denn überall gibt es Kämpfer und Opfer für die Sache des Proletariats, überall gibt es Kämpfer und Opfer für die Sache der proletarischen Internationale. Zwei Genossen leben nicht mehr, aber ihre Namen bleiben lebendiger denn je als Symbole, als Banner, als Hoffnung. Liebknecht ist gefallen, Rosa Luxemburg ist gefallen, viele andere sind gefallen, aber der Sozialismus lebt. Ruhm gebührt dem, der eines Tages sagen kann: Cum Spartacus pugnavi!" Ähnlich reagierte das Organ der Richtung der „Abstentionisten" in der ISP. Es drückte ebenfalls das „feste Vertrauen" in den unausbleiblichen Aufstand des deutschen Proletariats aus, auch in jenen Teil, der „noch nicht aus dem hurrapatriotischen Rausch erwacht ist, in den ihn Bourgeoisie und Mehrheitssozialisten während der vier Kriegsjahre in hohem Maße versetzt haben." Kennzeichnend für die Reaktion der Gruppe der Intransigenten um „II Soviet" war die religiös anmutende Leidenschaftlichkeit, mit der sie auf den Mord an Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg reagierte. Diese Erscheinung kann man nur im Zusammenhang mit dem Kampf des italienischen Sozialismus gegen die Vorherrschaft der katholischen Kirche über die Massen, vor allem auf dem Lande, verstehen und mit dem fortschrittlichen Charakter, den unter diesen Bedingungen der Appell an eine echte christliche Berufung gegen den klerikalen Obskurantismus annehmen konnte. „ . . . Obwohl wir schmerzerfüllt und aufgewühlt durch die grauenvolle Marterung der beiden Apostel des Kommunismus sind, akzeptieren wir dennoch ihr Schicksal. Jede Idee muß, bevor sie triumphiert, durch das Opfer ihrer vornehmsten und besten Verfechter emporgehoben werden. Jede Religion — und der Sozialismus ist die Religion des neuen Zeitalters — fordert ihre Märtyrer. Gestern waren es Christus, Hus, Giordano Bruno. Heute sind es Jaurès, Liebknecht, Luxemburg. Die einen wie die anderen fielen für ihren Glauben. Die Henker sind vergessen, und triumphiert haben das Christentum, die protestantische Reformation, die Gedankenfreiheit. . . 31 31

Nella rossa luce del sacrificio, in: ebenda, 26. Januar 1919 (Jg. 2, Nr. 6), S. 1. Dieses Thema griff Gramsci wieder auf, allerdings in vernunftgemäßer Sprache und frei von jeder metaphysischen Zweideutigkeit: „Die Kommunistische Partei ist gegenwärtig die einzige Institution, die sich ernsthaft mit den religiösen, urchristlichen Gemeinschaften vergleichen kann. Insoweit die Partei, international gesehen, schon existiert, kann sie den Vergleich wagen und einen systematischen Meinungsaustausch zwischen den Streitern für das Reich Gottes und denen für das Reich des Menschen pflegen. Der Kommunist steht gewiß nicht niedriger als der Christ der Katakomben. Im Gegenteil ! . . . So gesehen sind Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht bedeutender als die bedeutendsten Heiligen Christi. Weil das Ziel ihres Kampfes konkret, menschlich und begrenzt ist, sind die Kämpfer der Arbeiterklasse bedeutender als diejenigen Gottes. Die moralischen

390

E N Z O COLLOTTI

Die sozialistische Presse hörte nicht auf, die düsteren Berliner Ereignisse zu zitieren, an die Verantwortung der Konterrevolution zu erinnern und die Wachsamkeit des Proletariats zu schärfen: „Wenn die Proletarier nicht auf der Hut sind", prophezeite der „Avanti!" am 19. Januar 1919, kann der Tag kommen, an dem die Republik die Geister nicht mehr los wird, die Scheidemann und Ebert herbeiriefen!". Die Sozialisten sorgten sich auch um die Popularisierung des politischen Erbes der beiden Spartakus-Führer, und zwar sowohl durch den „Avanti!" 32 als auch durch die Übersetzung des Programms des Spartakus-Bundes und anderer Schriften der führenden deutschen Revolutionäre. 33 Der „Avanti!" deckte nicht nur die Verbrechen der Konterrevolution auf, sondern zögerte auch nicht, die in Deutschland gegen die Regierung erhobene Anklage wegen Beihilfe zum Mord an Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg34 zu verbreiten und den skandalösen Abschluß des Prozesses gegen die Schuldigen in aller Breite darzustellen.35 Am Rande der großen Ereignisse sei an Francesco Misiano, damals Parteiaktivist auf dem maximalistisch-bordighianischen Flügel der ISP, erinnert. Er hatte in den Reihen der Spartakisten aktiv an den Januarkämpfen in Berlin teilgenommen. „II Soviet" meldete am 16. Januar seine Festnahme. Sie war in den Räumen des „Vorwärts" erfolgt, als die konterrevolutionären Truppen eindrangen. Im April 1919

32

33

34

35

Kräfte, die ihren Willen stärken, sind u m so unermeßlicher, je genauer das ihrem Willen gestellte Ziel gekennzeichnet ist." Aus einem unsignierten Artikel in L'Ordine nuovo, Jg. 2, Nr. 15, 4. September 1920, S. 113 — 114. Nachgedruckt in: A. Gramsci, L'Ordine nuovo 1919—1920, a. a. O., S. 1 5 6 - 1 5 7 . Der „ A v a n t i ! " veröffentlichte u. a.: Am 26. J a n u a r 1919 unter der Überschrift: „Malgrado t u t t o ! " den letzten Artikel von K. Liebknecht, der in der Roten Fahne erschienen war; a m 31. J a n u a r auf S. 2 eine ergreifende Biographie Liebknechts aus der Feder des „Genossen"; a m 24. J a n u a r eine Übersetzung des im „Populaire" erschienenen Artikels von J. Longuet, der den beiden F ü h r e r n des Spartakusbundes gewidmet war. Vgl. die Broschüre: Spartacus. Scopi — Obbiettivi e vicende, Mailand, Ed. Avanti! 1919 (Documenti della Rivoluzione Nr. 5), die das Programm des Spartakusbundes, in der ersten Ausgabe stark verstümmelt durch die Pressezensur, und die Berichte über die Ermordung und das Begräbnis der beiden spartakistischen Führer enthält. Über den Prozeß gegen ihre Mörder informiert sie insoweit, wie es zu diesem Zeitpunkt schon im „ A v a n t i ! " geschehen war. Von R.Luxemburg erschien einige Zeit danach die Arbeit „Lo sciopero generale, il partito e i sindacati", Mailand, Ed. Avanti! 1920. Das Vorwort, welches C. Alessandri verfaßte, erschien bereits am 12. J a n u a r 1919 im „ A v a n t i ! " . Die Schriften von Rosa Luxemburg waren bis in die jüngste Zeit in Italien nicht in bemerkenswerten Übersetzungen aufgelegt worden. Vgl. jetzt aber: L'accumulazione del capitale, Einaudi 1960. Bei Ed. A v a n t i ! h a t L. Amodio 1963 und bei Ed. Riuniti L. Basso 1967 umfassende Anthologien herausgegeben. Genauer über die italienischen Übersetzungen i n : Scritti scelti, hrsg. von L. Amodio, a. a. O., S. 86—87. Vgl. z . B . : I nefasti della repubblica spuria, in Avanti!, 18.Februar 1919, S . l . Es handelt sich u m den Bericht über das Wortgefecht zwischen Haase und Noske in der Nationalversammlung. Avanti!, 10. und 16. Mai 1919.

Italiens Sozialisten und die Novemberrevolution

391

wurde er wegen Teilnahme an revolutionären Erhebungen zu zehn Monaten Gefängnis verurteilt. 3 8 1920 kehrte er nach Italien zurück und schrieb in „II Soviet" eine Reihe interessanter Artikel über die Situation des Sozialismus in Deutschland, die für das Verständnis seiner Haltung in der Fraktion der „Abstentionisten" wichtig sind. 37 Der T r i u m p h der K o n t e r r e v o l u t i o n u n d die W e i m a r e r N a t i o n a l v e r s a m m l u n g Die Entwicklung in Deutschland warf vor den italienischen Sozialisten auch bedeutsame Grundsatzfragen auf, z. B. nach der Allgemeingültigkeit der gesammelten Erfahrungen und deren Lehren hinsichtlich der Methoden revolutionärer Aktionen oder über die Einschätzung des Kräfteverhältnisses zwischen Revolution und Konterrevolution im Weltmaßstab nach dem Rücklauf der revolutionären Bewegung in Deutschland. Die italienischen Sozialisten hatten in der Novemberrevolution den Erfolg sehr nahe gewähnt und mit ihm die Hoffnung auf einen beginnenden Siegeszug der sozialistischen Weltrevolution verbunden. Bevor wir auf die unterschiedlichen Schlußfolgerungen eingehen, die die verschiedenen Strömungen innerhalb der Sozialistischen Partei aus den Ereignissen in Deutschland zogen, erscheint es uns richtig, daran zu erinnern, daß ebendiese Tatsachen den reaktionären Kräften in Italien als Yorwand dienten, um den Kampf gegen die Sozialisten zu intensivieren und die Niederlage der Spartakisten gegen sie zu kehren. Anlaß dazu bot nicht allein der physische Terror gegen die Spartakisten, worüber die Reaktion in gemeinster Art und Weise ihre Genugtuung zum Ausdruck brachte, sondern auch der Ausgang der Wahlen zur Nationalversammlung am 19. Januar 1919. Das Organ der Nationalisten „L'Idea nazionale" unterzog sich nicht einmal der Mühe, zwischen der Regierung Ebert-Scheidemann und den Bolschewiki Lenins zu differenzieren. Sie beeilte sich vielmehr, mit dem Gespenst „der" Niederlage in Deutschland die italienischen Sozialisten zu schrecken. Wenn die deutsche Sozialdemokratie ein solches Schicksal ereilt hatte, obwohl sie doch von 3S

37

Vgl. La giustizia dei rinnegati, in: II Soviet, 13. April 1919 (Jg. 2, Nr. 17), S. 1. Die Teilnahme von Misiano an den Kämpfen in Berlin hat H. Liebknecht in der „Rivista storica del socialismo", Nr. 18, Januar—April 1963, S. 199 — 207, leidenschaftlich bezeugt. Von den Artikeln, die Misiano in „II Soviet" veröffentlichte, sei wenigstens an die folgenden erinnert: Le tendenze nel Partito Comunista tedesco (4. Januar 1920); Astensionismo ed elezionismo nél Partito comunista tedesco (18. Januar 1920); Chi sono i socialisti „indipendenti" tedeschi? (8. Februar 1920). Sie widerspiegeln die intime Kenntnis des Autors über die deutsehe Arbeiterbewegung. Die Ähnlichkeit seiner Auffassungen und derjenigen der KPD ist wahrscheinlich der Ursprung seiner Loslösung von den Positionen der intransigenten Feindschaft gegenüber der Beteiligung an den Wahlen, die typisch für die Gruppe um Bordiga war. Der Artikel vom 18. Januar 1920 belegt, daß Misiano nicht unbeeindruckt blieb von der Aufforderung, die Lenin an die KPD gerichtet hatte, nämlich an den Wahlen teilzunehmen, wogegen Bordiga in „II Soviet" vom 11. Januar polemisiert hatte.

392

E N Z O COLLOTTI

allen sozialistischen Parteien als Avantgarde betrachtet worden sei, bedeute das, daß es „dem Sozialismus an den geistigen Voraussetzungen fehlt, den Staat zu leiten und seine Funktionen auszufüllen". Das Ende der Spartakisten ist das Ende des Sozialismus tout court: „Die beiden Kugeln in den Rücken haben Spartacus zu Tode getroffen. (Mit der Abstimmung am 19. Januar — E. C.) hat ihn das deutsche Volk ein zweites Mal hingerichtet. Gleichzeitig hat es damit das Scheitern der Regierung Ebert-Scheidemann bestätigt... Nachdem das Experiment mit einer sozialistischen Regierung unter Lenin kläglich gescheitert ist, erging es Ebert und Scheidemann beim zweiten Versuch nicht anders... Die Verantwortlichen sollten bedenken: Wenn das in Deutschland geschehen ist, was wäre dann erst in Italien passiert! Rei uns hebt die offizielle Führung der Sozialistischen Partei Spartakus und seine Thesen über die Diktatur in den Himmel und läßt parallel dazu in ihren Versammlungen über einen Appell für eine Konstituante abstimmen! In Deutschland organisieren unsere Sozialisten mit Spartakus den Abschaum der Unterwelt, stürmen Banken und Schmuckläden, um die Nationalversammlung an der Arbeit zu hindern, und das einzig und allein deshalb, weil in Deutschland die Konstituante schon einberufen worden ist. Spartakus und sein ganzes Gelichter von Unabhängigen und Mehrheitssozialisten maßen es sich nun an, den souveränen Willen des deutschen Volkes zu brechen. In Italien versuchen unsere Sozialisten durch ihr aufrührerisches Geschwätz für die Einberufung einer Konstituante zu werben und das einzig und allein deshalb, weil sie ganz genau wissen, daß von einer Konstituante bei uns niemals die Rede sein wird . . . Mit solchen Leuten baut man keine neue Gesellschaft auf, sondern zerstört die alte, indem man die Menschheit in ein barbarisches Chaos ä la Rußland stürzt. Deutschland war dank der in seinem einheitlichen und traditionellen Organismus tief verborgen ruhenden Kräften in der Lage, rechtzeitig zu reagieren.. ." 3 8 Die von „L'Idea nazionale" angeschlagenen Töne und der geradezu klassischreaktionäre Inhalt sind ein beredtes Zeugnis dafür, aus welchen Rohren im antisozialistischen Verleumdungsfeldzug gefeuert wurde. Im sozialistischen Lager führte die Analyse der Situation, die nach der Niederlage des Spartakusbundes entstanden war, zu einer starken Differenzierung. Den reformistischen Flügel wollen wir vorerst ausklammern. Er setzte voll und ganz auf die „gemäßigte" Alternative und sah keinen anderen Ausweg als die parlamentarische Republik. Die Linke, deren Sprachrohr der „Avanti!" war, und die offen maximalistische Strömung fällten das härteste Urteil über den von den rechten Sozialdemokraten eingeschlagenen Kurs. Die Berichte des „ A v a n t i ! " über die Nationalversammlung, die sich in Weimar versammelte, um dem Druck der revolutionären Massen auszuweichen, verrieten keine Spur von Optimismus. Am Vorabend der Eröffnung der Nationalversammlung war die Wende nach rechts bereits eine vollendete Tatsache. Der „Genosse" schrieb, es zeichne sich eine „sozialistische Republik mit einem bürgerlichen Präsidenten" 3 9 Artikel vom 20. J a n u a r 1919. Nachdruck in: F. Gaeta, L a stampa nazionalista. Antologia, Bologna 1965, S. 1 5 8 - 1 6 1 . 3» Avanti!, 6. Februar 1919, S. 1.

38

Italiens Sozialisten und die Novemberrevolution

393

ab. Die Begrüßungsansprache von E b e r t war völlig „farblos, kalt, fast hohl". Noch schärfer fügte der Korrespondent des „ A v a n t i ! " hinzu: „Nicht nur die Rede E b e r t s ist eine magere Sache. Vielmehr möchte m a n sagen, daß das gegenseitige Vertrauen zwischen diesem Ersten Volksbeauftragten und der Volksvertretung fehlt." 4 0 Sacerdote unterzog auch den Verfassungsentwurf einer strengen Kritik, wie schon die Überschrift seines Artikels anzeigt: „Die bürgerliche Verfassung der Sozialistischen Republik Deutschland". Ohne jede Zurückhaltung geißelte er den Verrat der Ebert, Scheidemann, Noske und Konsorten. 4 1 Die Biographie Eberts, die Sacerdote anläßlich der Wahl zum Präsidenten schrieb, hob hervor, daß er im Grunde ein Mann der Bourgeoisie Sei.42 Der „ A v a n t i ! " , der die Weimarer Verfassung als eine im wesentlichen bürgerliche Verfassung charakterisierte, hielt mit seiner, wenn auch manchmal stark sentimentalen Sympathie f ü r die revolutionäre Bewegung in Deutschland nicht hinter den Berg. 4 3 Der Sekretär der Sozialistischen Partei, Costantino Lazzari, war auf einer Versammlung Camillo Prampolini entgegengetreten, der — nach dem Bericht des „ A v a n t i ! " — die Gewalt verabscheuungswürdig gefunden und dabei die bourgeoise Verachtung des Lebens als den Ausgangspunkt der Gewalt gekennzeichnet h a t t e . Liebknecht, Luxemburg und ihre Mörder standen bei ihm in einer Reihe. „Infolge dieser Mißachtung (des Lebens — E. C.) sind Liebknecht und R . Luxemburg durch diejenigen ermordet worden, die gestern noch ihre Gefährten waren, so wie sie diese ermordet hätten, wenn sie an ihrer Stelle gewesen w ä r e n ! " Dem hielt Lazzari entgegen: „ E s ist zumindest voreilig zu behaupten, wie das Prampolini in seiner Abscheu gegen die Gewalt t u t , daß auch Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg ihre Gegner umgebracht h ä t t e n , und folglich auch sie vom bürgerlichen Geist beherrscht wären. Bekanntlich haben die Spartakisten eine reine Abwehrschlacht geschlagen, um die in der Revolution erstrittenen Rechte gegen Gewalt und Militär zu schützen. Beides setzten die Mehrheitssozialisten ein, die durch ihre verräterische Koalitionspolitik das alte Regime im wesentlichen retteten. H ä t t e n diese nicht an die Gewalt appelliert, wären jene auch nicht gezwungen gewesen, sich ebenso zu verteidigen. Wer war also vom bürgerlichen Geist beseelt: die Mörder oder die Ermordeten?" 4 4 Das Urteil über die revolutionäre Erhebung in Deutschland unterlag dennoch Schwankungen, da sich die Ereignisse überstürzten. Die durch die E r m o r d u n g K u r t Eisners in Bayern provozierte Entwicklung und die neuen Zusammenstöße in Berlin (März 1919) waren es vor allem, die den „ A v a n t i ! " veranlaßten zu schreiben: 40 41 42 43

44

Ebenda, 8. Februar 1919, S. 1. Ebenda, 9. Februar 1919, S. 1. Ebenda, 12. Februar 1919, S. 1. So z. B. in einem Artikel von A. Tacchinardi, Sul calvario, in: ebenda, 24. März 1919, S. 1.: „Vor die Wahl: Scheidemann oder Liebknecht gestellt, wissen wir Sozialisten, wem unser Herz schlägt." C. Lazzari, Violenza e dittatura, in: Avanti!, 25. Februar 1919, S. 2. Die Replik bezieht sich auf einen Bericht über die Rede von Prampolini in der Ausgabe vom 18. Februar, S. 2.

394

E N Z O COLLOTTI

„Die spartakistische Revolution ist überall in Deutschland erneut aufgeflammt." 4 5 Dieses Urteil entsprang weniger der objektiven Situation der revolutionären Kräfte als vielmehr der Hoffnung, daß der Vormarsch des Kommunismus in Deutschland auch in Italien die revolutionäre Bewegung stärken würde. Eine solche Haltung, verbunden mit einer messianischen Erwartung der Revolution, war typisch für die maximalistische Richtung. So erklärt sich auch die Aufmerksamkeit, mit welcher die Linksschwenkung der USPD verfolgt und die Perspektiven dieser Erscheinung überbewertet wurden. 46 Ein Mangel des „Avanti!", dessen verbalem Lob auf die Revolution keine gleichgerichtete politische Entscheidung der Partei im revolutionären Sinn entsprach, besteht darin, daß er die unmittelbare Verbindung zwischen den Ereignissen in Deutschland und den Perspektiven des Kampfes der Sozialisten in Italien, abgesehen von den zahlreichen Appellen zur internationalistischen und revolutionären Solidarität, nicht herstellte. Die äußersten Flügel der Sozialistischen Partei, die Reformisten und die Maximalisten, zogen hier direkte Linien aus. Es war vor allem „II Soviet", der mit großer Leidenschaftlichkeit das Problem der revolutionären Taktik aufwarf. Unter diesem Gesichtspunkt hat die Entscheidung der Spartakisten, nicht an den Wahlen zur Weimarer Nationalversammlung teilzunehmen, für die italienischen Maximalisten einen Orientierungspunkt gesetzt, der dazu beitrug, die Überzeugung von der Richtigkeit ihres Standpunktes zu erhärten. Das Bemühen der Abstentionisten um die Klarstellung, daß die Reformisten die Revolution nicht nur im gegebenen Moment für unmöglich hielten, sondern sie grundsätzlich ablehnten, war richtig. 47 Das gleiche kann man von dem Versuch, die deutschen Erfahrungen zur Untermauerung ihrer abstentionistischen Thesen zu benutzen, nicht sagen. Natürlich gewann der Kampf gegen die „Wahlillusionen" 48 seinen tieferen Sinn aus der Konfrontation mit der Konzeption vom reinen Parlamentarismus, bei der die Reformisten gelandet waren. Aber die Abstentionisten abstrahierten völlig vom realen Kräfteverhältnis und ließen den politischen Willen vermissen, die Massen an die Revolution heranzuführen. „Solange die Bourgeoisie das Geld und die Macht in ihren Händen hielt, können Wahlen niemals zu etwas anderem als der Bestätigung dieses Privilegs führen . . . Aus all diesen Erwägungen heraus glauben wir, daß jetzt die sozialistischen Parteien, die wie wir auf der Position des unversöhnlichen, revolutionären, maximalistischen Klassenkampfes stehen, versuchen sollten, ihre Teilnahme zur Aufdeckung des bürgerlichen Wahlschwindels und ihrer parlamentarischen Tricks zu benutzen. So haben es die Bolschewiki in Rußland und die Spartakistenin Deutschland gemacht. So müssen wir es machen.. ," 4 9 45

46 47

48

49

13. März 1919, S. 1, wo es u. a. hieß : „Deutschland ist auf dem Weg zum Kommunismus. Die Bolschewiki können ebensowenig wie die Kommunarden im Blut ertränkt werden. Der Sieg ist nahe. Seine Folgen werden weitreichend sein." So im Bericht vom Parteitag der U S P D im Avanti!, 22. März 1919, S. 4. Tendenze rivoluzionarie e possibilità rivoluzionarie, in: Il Soviet, 2. Februar 1919 (Jg. 2, Nr. 7), S. 1. Ebenda, 9. Februar 1919 (Jg. 2, Nr. 8), S. 1, aber auch in den folgenden Nummern des Soviet. II tranello elettorale, in: ebenda, 2. März 1919 (Jg. 2, Nr. 11), S. 1.

Italiens Sozialisten und die Novemberrevolution

395

Der Hauptmangel dieser Gedanken besteht darin, daß die Abstentionisten glaubten, es genüge beinahe schon, nicht an den Wahlen teilzunehmen, um die Revolution zum Sieg zu führen. Außerdem war es unmöglich, bei rein theoretischen Diskussionen über die Taktik stehenzubleiben. Die Zwangsvorstellung, unbedingt zu verhindern, daß sich in Italien der Zusammenbruch infolge eines Kollaborationismus und Reformismus, der der deutschen Sozialdemokratie jeden proletarisch-revolutionären Schwung genommen hatte, wiederholt, war zweifellos mitbestimmend bei der Verhärtung der maximalistischen Positionen, zumal die Abstentionisten die eindeutig rechten Positionen innerhalb der Sozialistischen Partei und der Gewerkschaften vor Augen hatten. In besonders scharfer Form trafen die Strömungen innerhalb der ISP bei der Beurteilung der Ereignisse in Bayern aufeinander, die durch ihre Unübersichtlichkeit jeder der widerstreitenden Richtungen Ansatzpunkte zu bieten schienen, um die eigene Position zu stützen. Die Situation in B a y e r n und die Bilanz der Revolution Die Ermordung Kurt Eisners am 21. Februar 1919 in München bewegte die italienischen Sozialisten sehr. Als der „Avanti!" das Verbrechen mitteilte, nahm er ein Urteil über die Persönlichkeit Kurt Eisners vorweg, das in sozialistischen Kreisen Italiens weit verbreitet war: „Mit Kurt Eisner fällt der Hauptverfechter der politischen Revolution in Deutschland." Und weiter hieß es: „Angesichts seines toten Helden . . . wird sich das bayrische Proletariat auf seine Kraft besinnen und den reaktionären Kräften leidenschaftlich entgegentreten; denn: ein Zurück gibt es nicht." 60 In Wirklichkeit war die Situation nicht so eindeutig, wie es auf den ersten Blick scheinen mochte. Die Reaktion der Massen ließ auf einen Aufschwung der Revolution hoffen, der ganz Deutschland erfassen würde. Aber die Besorgnis über eine Spaltung des bayrischen Proletariats war offensichtlich. Die Losung der sozialistischen Republik war überall zu hören, aber um was für eine sozialistische Republik handelte es sich? „Alle fordern eine rein sozialistische Regierung", schrieb der „Avanti!" „Jedoch weniger den Massen als vielmehr den Führern gelingt es nicht, zu einem Übereinkommen über die Form dieser sozialistischen Regierung zu kommen. Über die spartakistische Erhebung vom Januar und die Nationalversammlung waren rechte Sozialdemokraten, Unabhängige und Spartakisten in Bayern untereinander ebenso zerstritten wie andernorts in den vorangegangenen Wochen. 51 Der „Avanti!" verfolgte aufmerksam „das Auf und Ab der Situation in Bayern", wie er es am 4. März in einer Artikelüberschrift nannte: den Konflikt zwischen Regierung und Arbeiter- und Soldaten-Räten, zwischen Landtag und Räten, daneben die konterrevolutionären Aufstandspläne. Am 6. April wurde über vier Spalten hinweg die Bildung der Bayrischen Räterepublik verkündet, der der „Avanti!" in den folgenden Tagen großes Interesse entgegenbrachte. Am 8. April druckte er das Manifest „des Volksschullehrers Niekisch" und kommentierte es folgendermaßen: 60 51

Avanti!, 23. Februar 1919, S. 1. Ebenda, 27. Februar 1919, S. 1.

396

ENZO COLLOTTI

„Bayern ist der erste große deutsche Staat, der die Räterepublik proklamiert hat. Infolge der starken Unruhe in ganz Deutschland ist es nicht unwahrscheinlich, daß das Beispiel sehr bald Schule macht." Aber der „Avanti!" verheimlichte auch nicht die Vorbehalte, die die Kommunisten wegen der zweideutigen Haltung der rechten Sozialdemokraten in München hatten. Etwas später beklagte er das offene Unbehagen der Kommunisten gegenüber der „Räterepublik", da sie, nach ihrer Meinung, „nur dem äußeren Schein nach" diese Bezeichnung verdiente. Die Tageszeitung war der Überzeugung, daß in Anbetracht der Absicht der nach Bamberg geflohenen Regierung, die Situation wieder in die Hand zu bekommen, die Haltung der Kommunisten die Widerstandskraft des Proletariats schwäche. Die Meldungen über brodelnde Unruheherde in Deutschland waren trotzdem ziemlich zusammenhanglos: Am 13. April lesen wir im „Avanti!" von lebhaften Unruhen in Baden und Württemberg, wobei sich die über drei Spalten ausdehnende Voraussage: „Auf dem Weg zu einer großen Räterepublik in Süddeutschland" nicht bewahrheitete. Schon am 15. April war der „ A v a n t i ! " indessen gezwungen, ein Nachlassen der revolutionären Erhebungen zu registrieren, und zwar nicht nur in Braunschweig, wo am 12. April die Räterepublik ausgerufen worden war, sondern auch in Süddeutschland: „In fast ganz Bayern (außerhalb der Hauptstadt — E. C.) scheint die Bewegung zu Ende zu gehen." Die folgenden Tage waren durch Isolierung Münchens vom übrigen Bayern gekennzeichnet: „Die Räterepublik in München festigt sich" (18. April); „Die Räterepublik in München organisiert sich militärisch" (22. April); „Die kommunistische Revolution in Ungarn und Bayern hält stand" (20. April). Am 3. Mai aber kündigte eine kleine Notiz auf der vierten Seite an: „In Bayern droht die Münchener Republik zusammenzubrechen." Am 6. Mai kursierten die ersten Meldungen vom Terror gegen die Führer der Revolution und ihre Festnahme, sozusagen das Vorspiel für die Wiederherstellung der „bürgerlichen Ordnung in München" (7. Mai), einer „Restauration", die bereits ihre ersten Opfer zu fordern begann (am 8. Mai erschien die Falschmeldung über die Ermordung Ernst Tollers). Am 10. Mai brachte der „Avanti!" eine Reihe von Beispielen für den weißen Terror, darunter die Erschießung von Sontheimer und Landauer. Die Berichterstattung über die Konterrevolution endete im wesentlichen mit den Nachrichten über das Todesurteil im Prozeß gegen Eugen Levine, den tapferen Führer der Münchener Kommunisten. Der „ A v a n t i ! " zitierte Levines kühne Worte vor Gericht: „Längst weiß ich, daß wir Kommunisten nur Tote auf Urlaub sind" (Bericht über den 6. Juni und über seine Erschießung am 7. Juni). Soweit die Chronik, die ein starkes Interesse für die Vorgänge und eine leidenschaftliche Solidarität mit den Führern der Revolution in Bayern bezeugt. Abgesehen jedoch von der hochzuschätzenden internationalistischen Gesinnung: Wie urteilten die italienischen Sozialisten über die bayrische Räterepublik? Dem „Avant i ! " haben wir schon die negative Bewertung der inneren Zerrissenheit des deutschen Proletariats und die Kritik entnehmen können, die, wenigstens im ersten Augenblick, an der Haltung der Kommunisten geübt wurde. Härter war das politische Urteil der Maximalisten. „II Soviet" fand in Bayern „das Scheitern des kollaborationi-

Italiens Sozialisten und die Novemberrevolution

397

stischen und reformistischen Experiments" erneut bestätigt. Gleichzeitig sah u n d feierte er den unaufhaltsamen Fortschritt der Revolution in Deutschland. Der Mord an K u r t Eisner „ h a t dem Münchner Proletariat die Augen über die Verlogenheit der bürgerlichen Demokratie geöffnet und es auf unverfälscht revolutionäre Positionen zurückgeführt. Das Ergebnis: Der L a n d t a g ist gescheitert und die höchste politische Macht ist vollständig in den Händen des bayrischen Rätekongresses." 5 2 Der K o m m e n t a r des ,,11 Soviet" zur endgültigen Niederwerfung der bayrischen Räterepublik enthält außer dem Hinweis auf das fehlende Bündnis mit den Bauern vor allem zwei interessante Gedanken: Einmal das Urteil über den Mythos der proletarischen Einheit um jeden Preis, der — nach den Worten der maximalistischen Zeitung — auf dem „ I r r t u m (beruht) zu glauben, daß die Bekehrung der rechten Sozialdemokraten nach links aufrichtig gemeint w a r " . Darin liegt die Wurzel des Mißerfolgs in Bayern. Die Einschätzung war gleichzeitig eine eindeutige Anspielung auf die Notwendigkeit, mit dem reformistischen Flügel in der ISP zu brechen. Ein zweites interessantes Moment erblicken wir in der Erwartung, mit der m a n ungebrochen auf den Sozialismus in Deutschland schaute, früher Modell der II. Internationale, jetzt unvermeidlich Zentrum der proletarischen Revolution: „Die fixe Idee der sozialistisch-proletarischen Einheit war das bleierne Gewand, das die kommunistische Revolution in Bayern zu Grunde richtete. Man darf auch nicht außer Acht lassen, daß unsere Genossen in Bayern . . . den Fehler machten, sich nicht im vorhinein der Bauern zu versichern... Aber so schmerzlich die Niederlage in Bayern auch sein mag, so ist sie doch nichts weiter als eine zweitrangige Episode in dem grandiosen, weltumspannenden K a m p f . Die Waffe, derer sich Scheidemann und Co. bis jetzt bedient haben, u m die Massen unter der Fuchtel zu halten, ist die Furcht, daß die soziale Revolution den Krieg mit der E n t e n t e erneut entfesseln würde und die H o f f n u n g auf leidliche Friedensbedingungen f ü r ein geordnetes Deutschland gewesen. Diese H o f f n u n g h a t getrogen, und damit nähern wir uns in ganz Deutschland dem Niedergang der sozialdemokratischen Macht. Mit oder ohne einen knechtenden Frieden ist Deutschland ausersehen, das entscheidende Weltzentrum für die internationalistische proletarische Revolution zu werden." 5 3 Von den sozialistischen deutschen Parteiführern gehörte K u r t Eisner in Italien zu den bekanntesten. Anfang 1919 war im populären Verlag Sonzogno die Übersetzung von „Die neue Zeit" erschienen, die Dokumente aus den ersten Monaten der Regierung K u r t Eisners enthielt. 5 4 Der italienischen Ausgabe h a t t e Mario Mariani, M 53

84

Sementi di draghi, in: II Soviet, 16. März 1919, S. 1. G. Sanna, L'ora critica del movimento comunista, in: II Soviet, 25. Mai 1919 (Jg. 2, Nr. 23), S. 1. Vgl. K. Eisner, Inuovi tempi. Vorwort vonAf. Mariani, Mailand [1919] (sicher vor der Ermordung Eisners). Es handelt sich um die Übersetzung einer Sammlung von Reden, die Anfang 1919 in München unter dem Titel „Die neue Zeit" erschienen war. Man stelle sich die Erregung vor, die bei Mariani die Allianz zwischen deutscher Sozialdemokratie und katholischem Zentrum hervorrief, nicht so sehr des Klassenkompromisses wegen als vielmehr wegen der Verletzung des Grundsatzes des Laizismus.

398

E N Z O COLLOTTÌ

ein antiklerikaler und antimilitaristischer, sozialistischer Romancier und Schriftsteller, ein Vorwort vorangestellt. Mariani polemisierte von einer eindeutig anarchistischen Position aus heftig gegen den Opportunismus und die von den Sozialdemokraten geschlossenen Kompromisse, die sich „mit einer schönen bürgerlich-parlamentarischen Republik nach französischem Muster" beschieden. Für Mariani war Eisner der Prophet eines neuen Sozialismus, eine einzigartige Gestalt, kongenial seiner an Tolstoi geschulten, messianistischen Vorstellung vom Sozialismus: „Dieses Büchlein mit Reden von Kurt Eisner ist der erste Strahl des Neokommunismus, der nach Italien dringt." Nachdem er Liebknecht, Luxemburg, Kautsky und Molkenbuhr auf das gleiche Podest gehoben hatte, schloß er: „Die Italiener sollten lernen. Das Licht kommt aus dem Norden!" Wir haben aus dieser Einführung zitiert, weil sie uns insgesamt bezeichnend erscheint für die relativ geringe Kenntnis, die die italienischen Sozialisten von den Ideen und Strömungen hatten, die in der Revolution in Deutschland aufeinandergetroffen waren. So ist es auch verständlich, daß Kurt Eisner nach seinem Tode einem Mitarbeiter der „Critica sociale" nicht nur als ein Mann „von höchster Intelligenz und reinster Gesinnung", sondern sogar „als die mächtigste und originellste Gestalt der deutschen Revolution" 6 5 erscheinen konnte. Uns interessierten an dem Kommentar der „Critica sociale" vor allem die Lehren, die die Reformisten aus den deutschen Ereignissen zogen. Sie sind jenen genau entgegengesetzt, zu denen die Maximalisten kamen. Sicher ist etwas Richtiges an der von „Critica sociale" erhobenen Forderung, das Bild, das Italien von Kurt Eisner hatte, zu korrigiersn. Der Autor präzisierte: „Die Unkenntnis und ideologische Verworrenheit, die auch unter uns Sozialisten herrschen, haben Kurt Eisner als eine Art deutschen Bolschewiken erscheinen lassen. Kurt Eisner war nichts weniger als das." „Critica sociale" kam es jedoch hauptsächlich darauf an, einer revolutionären Hypothese sowjetischen Typs die Vermittlungspolitik Eisners gegenüberzustellen, die der Autor im wesentlichen als Plattform der rechten Sozialdemokratie interpretierte, mit der Eisner darin übereingestimmt habe, daß die Rätebewegung gebändigt werden müsse. Über deren Zukunft entwickelte der Verfasser des Artikels dennoch ganz unerwartete Schlußfolgerungen: Tosatti schrieb: „Eine wirkliche Demokratie mußte die von Eisner erhobenen Gegenwartsforderungen als notwendig anerkennen. Damit ging er durchaus nicht über den Rahmen der klassischen sozialistischen Demokratie hinaus. Die Meinungsverschiedenheiten zwischen ihm und den Mehrheitssozialisten bestanden vor allem in der Methode. Die italienischen Sozialisten werden gut daran tun, nicht aus dem Auge zu verlieren, was in Deutschland geschieht. Anstatt messianistische Erwartungen anzuheizen und sich von einer russischen Fata Morgana hypnotisieren zu lassen, sollten sie mit ver55

Q. Tosatti, Kurt Eisner, in: Critica Sociale, 16.—31. März 1919, S. 61 —64. Filippo Turati bezieht sich in einem Brief an Vera Kulischoff vom 12. März 1919 auf diese Arbeit und hält sie für einen „ausgezeichneten Artikel". Nachdruck im: Briefwechsel (1919'bis 1922), Bd. 5, Turin 1953, S. 41—42. Siehe dort (S. 15—16) auch die von literarischen Anklängen nicht ganz freien Reflexionen des starken Eindrucks, den die Persönlichkeit Eisners in Turatis Umgebung hervorrief.

Italiens Sozialisten und die Novemberrevolution

399

ständnisvoller Sympathie die revolutionären Erfahrungen in Deutschland verfolgen. Schon jetzt zeichnet sich der Verlauf ab, den die deutsche Revolution nehmen wird. Erst vor wenigen Wochen gestorben, schreitet sie — mit mächtigen, wiewohl meist widerwilligen Schritten auf dem Weg voran, den der schöpferische und prophetische Geist Kurt Eisners aufgespürt hat. Schon zeichnet sich die effektive Teilnahme der Räte an der Machtausübung ab; denn sie werden die Grundlage der gesetzgebenden Versammlung sein. Das wollte Eisner, der die Gefahr deutlich sah, die der rein repräsentativen Demokratie durch Bourgeoisie und Konterrevolution droht." In Wirklichkeit hatte die rechte Sozialdemokratie nicht die geringste Absicht, auch nur einen teilweisen Vergleich zwischen bürgerlichem Parlamentarismus und Kontrolle der Massen durch die Räte zu schließen, worauf Eisners Konzeption beruhte. Einige Monate später bestritt Tosatti zwar weiterhin die Gültigkeit des kommunistischen Experiments in Bayern 56 , sah sich aber gezwungen, die Grenzen der von den rechten Sozialdemokraten angekündigten Reformen anzuerkennen die Sozialisierungen, so wie sie vorgesehen sind, scheinen die Grundlagen der politischen Macht nicht zu erschüttern. Oft festigen sie diese sogar dadurch, daß die Regierung neue Instrumente der Zentralisation erhält, die in wachsendem Maß auf der Masse der isolierten Individuen lasten werden." 57 Ganz abwegig gelangt er indessen zu dem Schluß, daß die Räteidee in der Sozialdemokratie ungeheuer an Boden gewonnen hat im Vergleich zu der Zeit, als Eisner in Bayern fast allein für sie gekämpft hat. Nahezu wörtlich griff Tosatti auf Mariani zurück und tröstete sich mit der Spekulation, ob es nicht „denkbar wäre, daß das Licht für die sozialdemokratischen Parteien der anderen Länder anstatt aus dem Osten, wohin auch bei uns viel zu viele voll messianistischem Staunen blicken, noch einmal aus dem Norden kommen könnte." Obwohl Mitte des Jahres 1919 die revolutionäre Bewegung in Deutschland abebbte, ging das Interesse der italienischen Sozialisten an den Erfahrungen, die die deutsche Revolution vermittelt hatte, nicht zurück. Heftig umstritten blieben vor allem die Grundfragen des Themas: Kollaboration und Revolution. In Deutschland hatten sie zur offenen Aufspaltung der Arbeiterbewegung und schließlich an der Jahreswende 1918/1919 zur Gründung der K P D geführt. In Italien sollten sich die Richtungskämpfe bis zum Parteitag von Livorno im Jahre 1921 und darüber hinaus hinziehen. Das deutsche Beispiel blieb daher ein ständiger Bezugspunkt der revolutionären Fraktionen in der Italienischen Sozialistischen Partei. Namentlich, als unmittelbar vor dem Abschluß des Friedensvertrages von Versailles die SPD gegen die Bedingungen der Siegermächte an die internationale Solidarität der sozialistischen Parteien appellierte, war das eine günstige Gelegenheit, gegen das über58

67

L a dittatura comunista di Monaco, in: Critica Sociale, 1. —15. Juli 1919, S. 171—172. Q. Tosatti, Socializzazioni e „ S o v i e t " nella Rivoluzione tedesca, in: Critica Sociale, 1 . - 1 5 . J u n i 1919, S. 1 3 4 - 1 3 6 .

400

ENZO COLLOTTI

raschende Erwachen eines internationalistischen Geistes in der S P D zu polemisieren:^ . . . die Sozialistische Partei kann heute nachdrücklich darauf verweisen, daß die Sozialisten des „Vorwärts" kein Recht darauf haben, gegen das Diktat der Entente an das internationale Proletariat zu appellieren; denn sie sind es, die sich durch schlimmste und blutigste Gewalt an der Macht halten. Sie können höchstens um Vergebung bitten unter der Bedingung, daß sie im Interesse Deutschlands und des deutschen Proletariats verschwinden." 5 8 Ebenso, aber viel schärfer, sah Antonio Gramsci den Klassencharakter des Bruchs, der von nun an die rechte Sozialdemokratie vom internationalen Proletariat trennte: „Mit welchem Recht fordern die Mörder von Liebknecht und Rosa Luxemburg, die Gallifet der Berliner Commune, Solidarität? Die deutschen Mehrheitssozialisten haben durch die Ermordung der beiden Helden der Revolution und dadurch, daß sie mit Handgranaten, Torpedobooten und Flammenwerfern die Berliner Commune niederwarfen, in Wirklichkeit die Weltrevolution zu ermorden versucht. Sie haben die einzige Hoffnung auf Rettung, die für das deutsche Volk existierte, abgewürgt... Der Antagonismus zwischen der Entente und Deutschland liegt nicht mehr im Bereich des Militärischen oder der Widersprüche zwischen imperialistischen Mächten. Es handelt sich um den Klassengegensatz zwischen dem Kapitalismus der Entente und dem deutschen Proletariat. Nur die Methoden und die Taktik des Klassenkampfes und die Solidarität des internationalen Proletariats für das deutsche Proletariat sind in der Lage, diesen Gegensatz zu lösen. Die Spartakusanhänger waren sich dieses Phänomens bewußt und auch die geeignete Kraft, um das Ziel zu erreichen, das deutsche Volk mit Hilfe der internationalen Revolution vor Knechtschaft und Barbarei zu bewahren. Die Mehrheitssozialisten ermordeten Spartakus und unterwarfen damit das deutsche Volk der Entente. Sie versuchten, die Revolution zugrunde zu richten und den Tag der Befreiung für alle hinauszuschieben. Damit schufen sie für das deutsche Volk und die Welt Bedingungen, die nur durch neues Blutvergießen, neue Gemetzel und neue Zerstörungen überwunden werden können." 5 9 In scharfer Polemik und im offenen Bruch mit der rechten Sozialdemokratie wußten sich die italienischen Sozialisten, sieht man von der reformistischen Gruppe (und gewissen zweifelhaften Haltungen der Zentristen um Claudio Treves) ab, solidarisch mit dem revolutionären deutschen Proletariat. Als der Kapp-Putsch im März 1920 die konterrevolutionäre Verschwörung ans Licht brachte, die durch die Politik der E b e r t und Scheidemann wie ein Damoklesschwert über der Weimarer Republik schwebte, antworteten die deutschen Arbeiter mit einem mächtigen Generalstreik, der den Staatsstreich der militaristischen und nationalistischen Rechten vereitelte und eine Regierung rettete, die es nicht verdient hatte. Dieser Generalstreik wurde als Signal eines erneuten und heftigen revolutionären Aufschwungs begriffen. 88 59

II proletariato internazionale e la repubblica tedesca, in: Avanti!, 24. Mai 1919, S. 2. A. G., La Germania e la pace, in: L'Ordine Nuovo, 21. Juni 1919, (Jg. 1, Nr. 7), Nachdruck in: A. Gramsci, L'Ordine nuovo, a. a. O., S. 248 — 249.

Italiens Sozialisten und die Novemberrevolution

401

Im „Ordine Nuovo" war zu lesen: „Die Niederlage Ludendorffs ist also nicht bloß eine Niederlage der deutschen Militärkaste. Es handelt sich um eine der bedeutendsten Entwicklungsphasen der deutschen Revolution, weil sich in ihr die Überlegenheit der proletarischen Macht über die bürgerliche Staatsmacht verdeutlicht; weil sie beweist, daß sich in Deutschland das Gleichgewicht der Kräfte zugunsten der Arbeiterklasse verschoben hat. Die deutsche Revolution nimmt ihren Rhythmus der Gewalt nach einem demokratischen Einschub wieder auf. Eine wesentliche Phase der proletarischen Revolution in Europa und in der Welt ist abgeschlossen. Das deutsche Proletariat bleibt ebenso Protagonist der Weltgeschichte, wie es die deutsche Bourgeoisie gewesen ist." 6 0 In der „Critica Sociale" bestätigte Gustavo Sacerdote: „Zum ersten Mal seit der Revolution vom 9. November manifestierte das Proletariat nahezu geschlossen und einmütig, daß es absolut nicht mehr gewillt ist, jene am Steuer des deutschen Staatsschiffes zu dulden, die es bei anderer Gelegenheit stranden ließen . . . Bewußt oder unbewußt hält die Regierung in Berlin auch weiterhin die Konterrevolution am Leben. Weder können noch wagen es Ebert und die anderen sozialistischen Minister, sich von der Konterrevolution loszusagen. Aber schon Marx schrieb, daß auch das konterrevolutionäre Terrain ein revolutionäres Terrain ist. Und das lehrt übrigens die ganze Geschichte." 81 In Wirklichkeit waren jedoch die Wechselfälle des Sozialismus und der Arbeiterbewegung in Deutschland sehr viel komplexere Erscheinungen, und auch im Inneren der revolutionären Kräfte entwickelten sich divergierende Strömungen, die ihre Entsprechung in Italien fanden. Das weist darauf hin, daß es sich nicht um Positionen handelt, die für die kommunistische Linke in Deutschland spezifisch sind, sondern um solche, die der äußersten Linken in Europa gemeinsam eignen. Wir erinnern daran, daß die Gruppe „II Soviet", die unversöhnlich auf ihren abstentionistischen, gegen die Wahlen gerichteten Positionen beharrte, mit der KAPD sympathisierte, die sich auf dem Heidelberger Parteitag abgespaltet hatte: 6 2 ein weiteres Beispiel dafür, wie zentrifugale Kräfte in der ISP versuchten, ihre Positionen durch die Gewinnung von Vergleichsgrößen in der internationalen Arbeiterbewegung fester zu bestimmen. Etwas schematisierend könnte man sagen: Die Gruppe um „L'Ordino Nuovo" war diejenige, die sich mit dem größtem Recht auf die spartakistische Bewegung berief. Die Richtung des,, II Soviet" tendierte zur KAPD. Die nicht zu den Bolschewiki neigende Linke, die gegen die organisatorische Tren40 61

62

26

K o m m e n t a r : La rivoluzione tedesca, in: ebenda, 20. März 1 9 2 0 (Jg. 1, Nr. 41), S. 324. La controrivoluzione in Germania, in: Critica Sociale, 16.—30. April 1920, S. 1 1 6 — 1 1 9 . W i r wollen in diesem Zusammenhang bemerken, daß Sacerdotes zeitweilige Mitarbeit an Turatis Zeitschrift nicht notwendigerweise als Anerkennung der reformistischen Plattform verstanden werden darf, sondern vielmehr als ein Rückstand der traditionellen politischen und persönlichen Verbindungen. Vgl. besonders A. Bordiga, La situazione in Germania e il movimento comunista, i n : II Soviet, 1 1 . J u l i 1 9 2 0 (Jg. 3, Nr. 18), S. 3. In der Ausgabe v o m 1 1 . April 1 9 2 0 hatte Bordiga dem gleichen Thema bereits einen ausführlichen Artikel unter der Überschrift „II Partito comunista tedesco" gewidmet. Studien

402

ENZO COLLOTTI

nung auftrat, versuchte sich von der Richtigkeit der USPD-Position zu überzeugen, auf die sich — bezeichnend genug — in gewisser Weise auch die reformistische Rechte berief. Diese mußte sich dagegen verwahren, ganz und gar mit dem Triumvirat Ebert-Scheidemann-Noske identifiziert zu werden, das zum Synonym für „Kapitulation", wenn nicht gar für „Klassenfeind" geworden war. Sogar nach dem Parteitag von Livorno und der Gründung der K P I begleitete die ISP noch der unheilvolle Schatten der deutschen Sozialdemokratie. Klara Zetkin gemahnte auf dem 18. Parteitag der ISP (Oktober 1921) an ihn, auf dem sie als Illegale die Kommunistische Internationale vertrat. Ihre Rede geißelte den Kollaborationismus, das „Feigenblatt für die brutalste Klassendiktatur", wie sie die politische Praxis der SPD unter Ebert und Scheidemann kennzeichnete, und tadelte damit die fortdauernden politischen und programmatischen Schwankungen der ISP, die sich von ihrem rechten reformistischen Flügel nicht zu trennen vermochte. 63 Vom entgegengesetzten Ende her beschwor auch Karl Kautsky im Frühjahr 1922 noch einmal Turati, sich von der Gültigkeit seines deutschen „Modells" zu überzeugen („Hoffen wir," schrieb Luise Kautsky an Turati, „daß auch in Italien das deutsche Beispiel der Partei und der internationalen sozialistischen Bewegung zum besten dienen wird"). Dabei theoretisierte er die Koalitionsregierung, mit der die SPD so wenig glänzende Erfahrungen gemacht hatte, um zu einer Form der Ubergangsphase „zwischen dem rein bürgerlichen und dem rein proletarischen Staat" 6 4 und entstellte ungeniert den Gedanken von Marx, für den die Ubergangsphase im Gegenteil gerade die Notwendigkeit einer Errichtung der „revolutionären Diktatur des Proletariats" bedeutet hatte. 63

64

C. Zetkin/E. Walecki, II partito socialista italiano sulla via del riformismo, R o m 1921, S. 1 8 - 4 1 , bes. S. 3 0 - 3 2 . Der Brief von Luise K a u t s k y , aus d e m wir zitieren, befindet sich, allerdings ohne genaue Datierung, in dem von A. Schiavi herausgegebenen B a n d : Filippo T u r a t i a t t r a v e r s o le lettere dei corrispondenti (1880—1925), Bari 1947, S. 191 —192. Ein solcher Brief begleitete den Artikel, den K. Kautsky unter der Uberschrift „ L a politica di coalizione" a n die „Critica S o c i a l e " sandte, der in Nr. 14 v o m 16.—31. J u l i 1922 als Vorwegnahme der Broschüre „ D i e proletarische Revolution und ihr P r o g r a m m " erschien. In bezug auf K a u t s k y und seine Beziehungen zu den italienischen Sozialisten in diesen J a h r e n möchten wir an das Bekenntnis z u m Internationalismus und zu den revolutionären Idealen des Sozialismus erinnern, das der altehrwürdige italienische Sozialist, der Übersetzer von Engels und K a u t s k y , P a s q u a l e Martignetti, ablegte. E. Ragionieri, a. a. O., S. 455—456, hat darauf bereits verwiesen. E r zitiert den Brief, in dem Martignetti d a s Angebot, die Schrift von K a u t s k y „ K o m m u n i s m u s und T e r r o r i s m u s " ins Italienische zu übersetzen, abgelehnt h a t und d a m i t seine Verbundenheit mit der Oktoberrevolution ausdrückte, eine Entscheidung, die K a u t s k y s F r a u sehr gewundert zu haben scheint. Wir möchten noch hinzufügen, daß diese E p i s o d e auch H a u p t g e g e n s t a n d eines Briefes von Luise K a u t s k y a n Martignetti, datiert v o m 16. J a n u a r 1920, ist. Wir konnten ihn im Archiv des Instituts für Marxismus-Leninismus in Moskau einsehen.

A. H. O L I V E I R A M A R Q U E S , L I S S A B O N (z. Z. Gainesville, Florida)

Revolution and Counterrevolution in Portugal — Problems of Portuguese History, 1900—1930 No epoch in the history of Portugal has been studied less than the first thirty years of the 20th century. The reasons for this neglect are mainly political. The questions concerning Monarchy-Republic, Liberalism-Socialism, Democracy-Fascism, which are still dividing the Portuguese people, find their roots and even their most developed forms of active conflict in that period. A great part-maybe the majority-of the problems existing between 1900 and 1930 continue to be dramatically modern in contemporary Portugal. They arouse the soul — and sometimes the body too — and prevent the mind from calm and objective reflection. The regime established in 1926 represses any historical attempt at presenting the former period as in any way enviable or susceptible of a new political and social "edition". 1 Furthermore, such a repression is exaggerated by many persons and institutions responsible for Portuguese historiography. Scholarly works focusing on the period of time after 1820 — when liberalism was established — are discouraged or even forbidden.2 In school textbooks for both the primary and the secondary levels, Portuguese history in the 20th century appears completely distorted, often containing gross errors. Some few 1

The two " m o n u m e n t a l " histories of the Republic intended to cover the whole period u p to 1926 were forced b y this repression to stop in 1910. They are simply histories of t h e republican ideology and propaganda movements during t h e monarchy: Historia do Regimen Republicano en Portugal, directed b y L. de Montalvor, vol. I and II, Lisboa, 1930—32; Historia da República Portuguesa, Editorial "Século", vol. I, Lisboa, 1959 — 60. Among the few works which a t t e m p t e d to focus upon the republican era as a whole, see the Historia de Portugal, directed by D. Peres, Suplemento, ed. Portucalense Editora, Barcelos 1954 — 58 (almost exclusively limited to political facts) and Cinquenta Anos de Historia do Mundo 1900—1950, Editorial "Século", vol. I and II, Lisboa 1950—53 (mostly pictorial). Volume V I I of the Historia de Portugal, directed b y D. Peres, Lisboa 1938, had already included some interesting pages a b o u t t h e period 1910—14 (written b y A. Ribeiro, pp. 453—490) and a good chapter on the Portuguese intervention in World W a r I (written b y H. Cidade). J . Pabón's much quoted book, La Revolución Portuguesa, vol. I and II, Madrid, 1941—43 (also available in Portuguese translation) is nothing b u t a political pamphlet, fascist and royalist, where insults and jokes are precent in every page. Equally biased but more serious is V. B r a g a n ; a Cunha's Revolutionary Portugal, London 1937.

2

In the Portuguese universities the students of history are as a rule, forced to confine the chronological limits of their dissertations to the early 19th century!

26»

404

A . H . OLIVEXBA M A R Q U E S

pages are considered enough.3 And in the universities, courses on the 20th century are never offered. The consequences are incalculable. From a strictly historiographical point of view, one faces the backwardness of Portuguese historical culture as never before. While all over the world, contemporary history occupies more and more space in book and magazine production, Portuguese historiography stops in 1900. From a political and civic point of view, one notices the increasing ignorance of the young people — particularly of those born after 1920 — regarding what the generations immediately before tried to accomplish for the sake of their country. They are unaware of that part of history which most directly concerns them. And they submit in a passive manner to the indoctrination of a minority. Their one defense — the oral transmission of their parents and grandparents, necessarily slack, inconsistent, fragmentary, is becoming more and more rare. 4 Five to seven million inhabitants were living in Portugal at that time. Of this population, more than eighty per cent lived in the country; less than twenty per cent dwelled in the towns. Of this twenty per cent, much more than a half lived in two cities: Lisbon, the capital, with some 500,000 inhabitants, and Porto with about 200,000.® In spite of the immigration, the war and the epidemics, the growth rate reached nearly 25 per cent, especially between 1920 and 1930. This population, predominantly rural, was irregularly distributed from North to South. In regard to standard of living, cultural development and political activity, the population could clearly be divided into two large groups, roughly corresponding to the above mentioned cleavage. 6 It was in the towns, above all in Lisbon and in Porto (all the other towns were mainly rural centers), that the purchasing power and the culture ' As examples, note for instance A. G. Matoso, Compendio de Historia Universal, V Ano, 3rd ed., Lisboa, 1965. 4 With D. Ferreira, I am now working on a Guia de Historia da República Portuguesa, 1910—1926, a critical bibliographical introduction, much in the style of my Guia do Estudante de Historia Medieval Portuguesa, ed. Cosmos, Lisboa, 1964. 6 E x a c t figures Rural population

1900 4,571,343 84%

1911 4,973,520 83%

356,009 167,955 327,825

435,359 194,009 357,168

1920 4,991,576 82%

1930 5,513,555 81%

Urban population Lisbon Porto Other towns

486,372 203,091 351,952

594,390 232,280 485,658

1,312,328 1,041,415 851,789 986,536 19% 18% 17% 16% The rates of the population distribution in the North, Centre and South in 1920 and 1 9 3 0 : North Centre South 1920 63.8% 22.6% 13.6% 1930 62.2% 23.9% 13.9% Total

Revolution and Counterrevolution in Portugal, 1 9 0 0 — 1 9 3 0

405

index might be compared with those of the other civilized countries. This explains why the political history of contemporary Portugal is mainly the political history of Lisbon and Porto, i. e., the history of a little more than one tenth of the population dominating or trying to dominate the other eight to nine tenths. And the reaction, either provoked or natural, of a part of this majority, helps to explain the pendullike oscillations of Portuguese politics. The small town of Coimbra was the sole exception to the cultural predominance of Lisbon and Porto. Between 1759 and 1911, the only university in the country existed in Coimbra. But Coimbra has always represented reaction — both cultural and political — and in this sense it is much more rural than urban. 7 Portugal's economic structure was mainly based on the land. Wine, cork and fruit were the chief products and the chief exports. 8 As soil is poor and unfit for regular wheat crops, the problem of wheat supply — particularly in the two large cities — absorbed many efforts and was the source of concern for many governments during the first thirty years of the 20th century. Both full protectionism (which allowed the development of a national production but made bread more expensive) and frank liberalism (which made bread cheaper but depleted the treasury) were tried for a while. Both failed to arrive at a solution. The "bread question" was therefore a permanent one. Every economist — in fact every-body — wrote or talked about it. It remained behind the scenes of many political and social crises. For instance, when the war broke out, disturbing the whole system of trade navigation and reducing wheat import, the cities faced hunger. The December revolution in 1917 — one of the bloodiest — was partly motivated by the shortage and high 7

8

The university of Coimbra (especially its faculty members) was almost always hostile to a n y progressive trends. During the Republic (1910—26), it was permanently within the conservative and royalist opposition. The republican governments were never strong enough to put it down, although t h e y tried. The antirepublican and pro-fascist reaction had in the Coimbra university its most zealous and steady partisans. Salazar, a government member since 1928, was one of the most active elements of the Coimbra faculties. Cardinal Cerejeira, the head of the Portuguese Church since 1930, was also a professor of History in the same university. The best general statements of the Portuguese economy between 1 9 0 0 and 1 9 3 0 are on the Portuguese side, Le Portugal au point de cue agricole, Lisboa, 1 9 0 0 ; Notas sobre Portugal, vol. I and II, Lisboa, 1 9 0 8 ; A. de Andrade, Portugal Económico-Theorias e Factos, vol. I; Economía Descriptiva, 2nd edition, Coimbra, 1 9 1 8 ; and Le Portugal et son Activité Economique, Lisboa, 1932. On the foreign side, two of the best works are the reports of St. G. Irving: Report on the Trade, Industries and Economic Conditions in Portugal, J a n u a r y , 1 9 2 4 ; and Report on the Commercial, Financial and Economic Conditions in Portugal, with notes on the Financial situation in Angola and Mozambique, March 1 9 2 6 both edited b y the Department of Overseas Trade, London, 1 9 2 4 and 1926. The same department published A. H. W . King's Economic Conditions in Portugal, London, 1930. The American report is also worth while: Ch. H. Cunningham and Ph. M. Capp, Portugal: Resources, Economic Conditions, Trade, and Finance, Trade Information Bulletin, No. 455, United States Department of Commerce, Bureau of Foreign and Domestic Commerce, Washington, 1927.

406

A . H . OLIVEIRA MARQUES

cost of bread, following two successive bad harvests. 9 From 1919 to 1923, the governments were able to exorcise that phantom by granting a subsidy to the milling industrialists. Prices were thus kept artifically low. This so-called "political bread", a kind of social palliative, if it did not solve the problem, at least helped to pass the difficult years after the war. Most of the economic problems — the bread problem like so many others — were the result of the defective organization of both property and commerce, together with a sparse industrialization of the country. A small group of great landowners — absentees as a rule — held the best grain lands, caring little or nothing at all about a yieldratio or production increase through reclamation or technical improvement. 10 On the other hand, the too small holdings in the North prevented any important planning and compelled an accelerated immigration. The Republic, liberal and conservative, did not interfere in the agrarian question, at least during the first years. But the problem of an agrarian reform had, of course, to be posed with an increasing urgency, particularly after the war. Though sterile in practical consequences, the debate was nevertheless quite fruitful in the development of ideas. The industrial revolution had hardly been felt in Portugal. The country had little iron, coal or other basic raw materials. The number of factories, the production of industrial goods, the number of workers employed reached very low figures at the beginning of the 20th century. Only slight changes will be noticed until the end of its first quarter. 11 The manufacturing of textiles for domestic purposes was perhaps the most outstanding industry; but, with the exception of a few cotton, cork and timber goods, there were practically no manufactured items in the Portuguese export statistics either in 1900 or in 1930. Iron and steel, industrial and agricultural machinery, coal, cotton and wool textiles, mineral oils, railway rolling stock, automobiles and paper were among the first twenty articles of Portugal's imports in 1923—25. The commercial balance showed a permanent deficit: exports reached only one third or less of the imports. A part of the existing industry, as well as a great number of the important trade, banking and transport companies, were owned by foreign capital. Though possessing the third largest colonial empire of the world, the 1900—1930 Portugal was * See the i n t e r e s t i n g article p u b l i s h e d in The New York Times, J u n e 30, 1918, section I V , p. 1, col. 1 — 4 ( " W a r T r o u b l e s H a n g Over S p a i n " ) . 1 0 See the article Absentismo, w r i t t e n b y J . S e r r á o ( J . S.) for the Dieionário de Historia de Portugal, vol. I, L i s b o a , 1963, p. 8. 11

C u n n i n g h a m a n d C o p p , Portugal, p p . 9 — 1 2 . On the P o r t u g u e s e side, see A . C a s t r o , Introdufáo ao Estudo da Economía Portuguesa (Fins do séc. XVIII a Principios do séc. X X ) , L i s b o a 1 9 4 7 ; J . de Oliveira S i m o e s , A Evolufao da Industria Portuguesa. Bosquejo Historico, in Notas sobre Portugal, vol. I, L i s b o a , 1908, p p . 3 5 9 — 3 7 5 ; J . P e r p é t u o d a Cruz, A Industria, L i s b o a , 1 9 2 9 ; J . H . de A z e r e d o Perdigao, " A I n d u s t r i a e m P o r t u g a l ( N o t a s p a r a u m i n q u é r i t o ) " , in Arquivos da Universidade de Lisboa, vol. I l l (1916), p p . 5 — 1 9 2 ; a n d J . de C a m p o s Pereira, Portugal Industrial. Características. Números. Comentarios, L i s b o a , [1919].

Revolution a n d Counterrevolution in Portugal, 1900—1930

407

just a colony. England, France, Germany, Belgium numbered Portugal among their best investment fields. England was far above all the other countries in regard to capital and property. Portugal's subservient position obviously brought about several problems, difficult to solve because of the pressure of the great powers. In the beginning of the century, British control over the Madeira sugar production gave rise to a question of important political consequences — the socalled Hinton question. Portugal's intervention in World War I can and must be explained as a clever and fruitful attempt to react against economic exploitation — especially in the African colonies — by military and political collaboration with the "colonizing" powers. The grant of a tobacco monopoly — renewed in 1906, abolished in 1926 — to a company in which French capital was prevalent was probably one of the reasons for the conservative revolution in 1926 which put down the parliamentary regime and opened the way to fascism. 12 With such economic handicaps in an expanding country, it is not surprising that the budget deficit had been continual. The problem of financial equilibrium was a major one in the country's life. Surpluses in the public finance had been impossible to achieve since the early 19th century. The Republican party programmed a balanced budget as one of its main goals. After 1910 public finance gradually improved and the ideal was at least a reality in the economic years 1912—13 and 1913—14 (Afonso Costa). The outbreak of the war posed the problem again. Expenditures with the country's war preparation, and since 1916, with the actual participation, led to new deficits, especially in 1917—18 and 1918—19. The public debt also increased during the same period. The financial situation would have improved after 1923, had not the political and economic break caused by the 1926 uprising posed the whole problem again in its sharpest phase. This helps explain why Salazar's efforts and success in the 1928— 29 balanced budget were so important in creating his reputation as a financier. 13 As in the majority of the European countries, money lost value after the war. Inflation was more or less known all over Europe. Before 1911, the British pound la

13

The Portugal T o b a c c o C o m p a n y (Companhia dos T a b a c o s de Portugal) w a s g r a n t e d in 1891 the monopoly of the m a n u f a c t u r e and t r a d e of tobacco in Portugal. The granting was renewed in 1906 for a period of twenty y e a r s more-ending, therefore, in 1926. After a vehement parliamentary debate, the monopoly was abolished a n d the tobacco industry and trade given to a " r é g i e " beginning May 1st. M a y 28th the revolution outbursted a n d the " r é g i e " w a s p u t off. 6 to 1 0 % of the public revenue c a m e from the tobacco m a n u facture a n d commerce. This percentage could increase would the s t a t e control the monopoly. On the economic importance of tobacco in Portugal, see T . L . Hughes, Tobacco Trade of Spain, Portugal, and the Canary Islands, T r a d e Information Bulletin, no. 315, supplement to Commerce R e p o r t s , U. S. D e p a r t m e n t of Commerce, F e b r u a r y , 1925, p p . 12—18. The budget w a s studied b y A. Rodrigues Monteiro, Do Ornamento Portugués, vol. I and II, L i s b o a , 1921 — 22. See also L . Pórtela, Crónicas Económicas e Financeiras, Lisboa, 1950, p p . 126—182. B u t the L e a g u e of Nations never acknowledged Salazar's balanced budgets.

408

A . H . O L I V B I B A MABQTTES

was worth 4 500 Portuguese reis. The new Republican unit, the escudo, maintained roughly the same parity. The debasement began in 1914 and increased between 1919 and 1924, when the pound was worth 127 escudos, that is, twentyeight times the 1911 value! The note circulation increased thirteen times. One of the reasons for this inflation tendency was the continuous capital transference abroad. After 1910, a good number of aristocratic or upper bourgeois families migrated or chose foreign banks (especially English) as a safe place for their deposits. This flight increased after the war. The Republic was never able to obtain the confidence of the rich. It did little to prevent such a movement. In the early 20's ,the gold reserves of the National Bank were among the lowest in Europe. Immediately after World War I, there was a "boom" in the country's economy (as all over the world). The wine, cork and sardine trade expanded. Excessive expenditures in luxuries were the inevitable result of war time scarcity. Imports increased. The boom came to an end. Money debasement and speculation characterized the years 1920, 1921 and 1922. After 1923, the crisis came, covering that year and the two following years. This crisis was another motive for the turning point in 1926.14 During the 19th century, a class of wealthy bourgeois, bankers and capitalists gradually emerged. They came from the middle class, but also from the ranks of the nobility. Their number was scarce if compared with the majority of the population, but they practically ruled the country until 1910. At first, aristocratic patterns were copied: the rich bourgeois yearned to get a title of nobility, either by his personal merit or by purchase; he wished to be taken into the old aristocracy, thus denying his humble and mercantile origin. He bought lands, sold by ruined aristocrats or auctioned by the government after the expulsion of the religious orders. He longed to move from the Chamber of Deputies, plebeian and elective, to the Chamber of Peers, aristocratic and appointed by the king. Later on, particularly after the last two decades of the 19th century, the bourgeois acquired a greater class consciousness, caring less about titles and having a certain pride in his plebeian name. An analysis, though superficial, of the names and titles of government ministers between 1820 and 1910, gives us some evidence of this interesting fact. Until roughly 1870, the number of ministers without a title is scarce. After 1870, the situation gradually changes. 15 This social group, allied to the ancient and more or less pure landed nobility which was still existing, governed oligarchically Portugal in the beginning of the 20th century. Closely bound to foreign capital and to colonial exploitation, it saw in the monarchy a symbol of order and security for its privileges and profits. It backed and was backed by the church, in spite of the fact very often its members 14

15

With all the characteristics of the economic crises: bank failure (about a dozen Portuguese banking institutions were forced to close their doors during 1923,1924 and 1925), increase in the rate of interest of the treasury loans (6 to 6.5 per cent in 1920; 7 to 11 per cent between September 1923 and J u l y 1926), increase in the discount rate of the Bank of Portugal (6 per cent in 1920; 9 per cent in 1926), stabilization and even decline of prices in 1925 and 1926, purchasing power reduction. From 1900 to 1910, only four ministers had nobility titles, out of more than sixty.

Revolution and Counterrevolution in Portugal, 1900—1930

409

were not devoutly religious. It leaned upon the highest army ranks, partly derived from itself. Its great enemy was not the workers or the peasants, still insufficiently evolved, but the middle class of the cities. Much more numerous, this other social group represented the majority of the people in the big urban centers. It consisted of the petty bourgeois employed in commerce and in industry, of the liberal professions, of the middle and lower government officers, of the army low ranks, of the majority of the active students, of some rural small landowners and of practically the whole navy. This social group was striving for a "place in the sun", both in the country's government and in economic leadership. It worried over the future of the colonies and the country's setback. Soaked in French influence, it was anti-clerical and anti-royalist, as it was anti-socialist and strongly nationalist. The position of the so-called "people" is more difficult to analyze and to relate to the social and political movements. In the towns, particularly in Lisbon and Porto, there was a small nucleus of proletarians, some 100.000 persons in the whole. As a rule they had little instruction and many were even illiterate. Their class consiousness was negligible, and they were an easy prey for the other groups, which they would blindly follow. Nevertheless, they provided enough material for small groups of active anarchists, syndicalists, socialists and even communists after 1918. The lower employees in the big trade and transport companies, as well as the lower government officers, were also a part of this group. The vast world of the peasants (excluding some small landowners) formed a shapeless mass of some million inhabitants, nearly all illiterate, living parsimoniously or even in poverty. Their ambitions were few; their reaction against the towns was rare and intermittent, by waves. This mass of serfs and colonized people, deeply religious and superstitious, was an easy prey for the priest, the landlord, the political boss and the demagogue. Among them were the most unhappy, the most miserable, those who gave the immigration its bulk. In spite of the scarcity of workers, social claims in the towns were felt since the end of the 19th century. In the first ten yeras of the 20th century, during the Monarchy, there had already been many strikes. Once the Republic was proclaimed, the right to strike was officially acknowledged by the new legislation. As a result, the strikes increased, reflecting the uneasiness of the workers' life, particularly in 1911—12 and after the war. It is interesting to note that, lacking a large industrial proletariate, the strikers were mainly composed of employees from the trade and transport companies. 16 Generally, the strikes were useful in achieving a better standard of living, in spite of the economic, social and political troubles they brought about. The British consul in Lisbon could write in 1924 that "there is practically no unemployment and the manual worker was never so well off as he is today." 1 7 The purchasing power 18

17

See the article Greves, written by D. Ferreira (D. F.), in Dicionario de Historia de Portugal, vol. II, Lisboa, 1965, pp. 379—386. St. Irving, Report on the Trade, etc., 1924, p.

410

A . H . OLTVEIBA M A R Q U E S

statistics also show that the government servants, although far from being overpaid, were, nevertheless, in 1926 in a slightly better situation than they were before the war. There was, of course, much to be done. But the achievements had been important. The economic position of the middle class was much different then. True, many bankers and many capitalists had profited from the war and from the consequent speculations. True, a certain number of parvenus and carpet-baggers had risen in the social scale, forming a new class of "nouveau riches." The middle class tradesman, the civil servant, the army and navy officer, the rural and urban owner, all those who in 1910 had been the pillars of the Republic, were now dissatisfied. They complained about the fall in their purchasing power (due to the inflation), about the small margin of profit in their business, about inevitable t a x increase. 18 The religious question hovered over Portugal during this whole period. In the beginning of the century, the Catholic Church was one of the country's most powerful forces. It owned property both in the towns and in the country. It had part in commercial, industrial and financial enterprises. It prevailed in spreading and organizing culture, either through seminars, which disseminated it to the masses, or through some good primary and secondary schools which spread it to the middle class and to the aristocracy. It controlled the majority of the nobility as well as the court, through the person of the queen, who was deeply religious and devout. More than 90 percent of the population were catholics. In many rural areas (particularly in the North), the church had undisputed dictatorship, directing politics, society and culture. Among the religious orders, extinct in 1834 authorized to reorganize at the end of the 19th century (up to a limited number and certain extent), the Jesuits were predominant. Their influence tended to grow as time went on and to prevail even upon the cities. The church policy was at the time deeply conservative and reactionary, following the 1869—70 Vatican council and the attitudes assumed by Pope Pius I X (1846— 1878), Leo X I I I ( 1 8 7 8 - 1 9 0 3 ) and Pius X (1903-1914). It fought science, which it considered lay and atheistic, it fought the most modern trends of culture and of politics. Nevertheless, this powerful organization was a threat. If more than 90 per cent of the Portuguese were catholics, it is hard to say whether more than a half were clerical. The distinction between these two concepts had long traditions in the history of Portugal, especially after the triumph of Liberalism. One could accept religion but reject the role played by the clergy. One refused to admit the clergy's interference in the political arid cultural life. One must not forget the contemporary anti-clerical and even anti-religious policy carried on by the French and Italian governments, with strong influence in Portugal. The republican propaganda stressed the fight against the church. Once proclaimed, the Republic identified itself with it. Separation between the church and the state 18

Taxation became particularly heavy after the 1922 (Antonio Maria da Silva's government) decrees.

Revolution and Counterrevolution in Portugal, 1900—1930

411

expulsion of all the religious orders, closing of the schools supported by the clergy, confiscation of all church property, such were the most important measures taken by the first Republican government. Schools were laicized. Religious displays outside the churches were forbidden or discouraged. The priests were not allowed to use long clothes outside the churches. Rebellion on the clergy's side and violent intolerance on the Republican side were the natural consequences. Until 1918, the relations continued tense. After that date, the separation law was reviewed and both sides tried to compromise, with some success. 19 The anti-clerical laws displeased the majority of the people. The figures, however, in this case meant little. The majority was idle, passive, plunged into illiteracy and economic underdevelopment. The active population, especially the town population, welcomed the anti-religious policy as theirs. They had made the Republic and they were supporting it. They justified the government's anti-clericalism and made it popular among the town masses. Once more, the town thwarted the country and enforced its will. The church fought stubbornly and looked for new weapons. In the political field, it allied with the most conservative Republican elements, keeping always the old identitiy with the monarchy and the aristocrats as well. It provoked all kinds of rebellions. 20 In the economic field, it strengthened and developed important contacts with the representatives of high finance, trade and industry, exploiting discontent against less popular measures and against the economic crises. In the religious field, it sought for new methods of stimulating faith and reconquering the souls. The famous Our Lady of Fátima apparitions took place in 1917, exactly when laicism seemed more triumphant than ever before, and the rise of dechristianization seemed to threaten the very foundations of the Portuguese religiousness. 21 In 1900, Portugal owned practically the same colonies she owns today. After the 1890 British ultimatum which forced her to give up all claims to the vast areas between Angola and Mozambique (the Rhodesias), a wave of colonial nationalism followed. Public opinion compelled the monarchical governments to promote the development of the overseas territories. The middle class and the Republican party strongly backed a policy of colonial improvement which might give Portugal a place M

20

21

The approach with Church began under the conservative and reactionary Sidónio Pais' government (December 1917 to December 1918) but was then carried on by the Democratic governments. The part played by the Church in the 1911 and 1912 royalist invasions, as well as in the 1917, 1919, 1921, 1925 and 1926 uprisings needs to be studied in detail. It was possible to discover the complicity of certain members of the clergy in the October 1921 political crimes (B. Maia, As Minhas Entrevistas com Abel Olimpio "o Dente de Ouro". Páginas para a historia da morte vil de Carlos da Maia, republicano combatente de 5 de Oulubro, Lisboa, 1928). The historian's position has of course to be different from the believer's. On the Fátima affair, see T. da Fonseca, Na Cova dos Leóes, Lisboa, 1958. This book is now forbidden in Portugal.

412

A . H . OLIVEIRA MARQUES

in the sun among the great powers. Such a policy would also let the middle class have a share in the colonial economic exploitation. The example of Belgium was a frequent reminder. Foreign investments offered a way to solve the exonomic question of colonial policy and to promote development. British, French, Belgian, German, Italian capital and companies allowed a certain prospect of improvement but roused up greediness and control. In 1890, England had made herself master of part of the Portuguese teritories in Africa. Some years later, she signed with Germany a secret agreement foreseeing the partition of the whole Portuguese Empire. This agreement was renewed shortly before the war. The efforts of the Portuguese diplomacy were generally successful but it is hard to say what the destiny of the Portuguese colonies would have been without the outbreak of World War I. The Republican governments, almost unanimously, tried a policy of intervention, either tacit or declared. Using as a pretext the historical alliance with England, and believing in the final victory of the allies, Portugal tried to be accepted among the war powers and therefore to guarantee the unity of the Colonial Empire. For the same reasons, England always tried to reduce the Portuguese participation to a minimum. Germany made Portugal's policy easier. She attacked, as early as 1914, both Angola and Mozambique in a series of border skirmishes. Then, in 1916, when the Portuguese government seized some scores of German and Austrian ships sheltered in Portuguese waters, she declared war. An expeditionary corps was sent to fight in France, beside the army forces dispatched to Africa. This policy proved to be right. When peace came, Portugal was able to keep her Colonial Empire safe. The development of the colonies rapidly increased after 1919. Mozambique fell practically under Britain's economic influence but in Angola a relative equilibrium could be reached, due to the competition among the various countries' investments. About 75 per cent of the Portuguese population were illiterate. Schools were lacking; instructors were lacking; adequate communications were lacking; a whole legislation of cultural improvement was lacking too. Admission to the secondary schools was generally restricted to a small number of students coming from the middle and upper bourgeoisie. (The aristocrats had very often their own private teachers). The catholic seminaries spread all over the country. They were not numerous, but they were the only schools to provide free instruction to the lower classes. The University, located in Coimbra, with additional colleges in Lisbon and in Porto, supplied the country with a scarce "elite", inadequately educated and inadequately equipped. Much of the actual culture had to be acquired elsewhere, outside the regular instruction. People read and wrote very much. The French cultural patterns were eagerly devoured. A small number could read German and English. Spanish influence did not count practically. A few privileged, either because they were richer or because they were more daring, went abroad — to France, to Germany, to England and to Switzerland — to study humanities and sciences. A small cultural circle, represented mainly in Lisbon, provided the country, in spite of everything, with

Revolution and Counterrevolution in Portugal, 1900—1930

413

good writers, good doctors, good lawyers and even some good scientists in close contact with their colleagues. The aristocracy was one of the principal sources for cultural sedimentation. 22 The newspaper was a much more important vehicle of culture than it is today. The number of periodicals existing in Portugal at the time was proportionally and relatively high. Political papers were of course predominant, but there was no shortage of cultural magazines and there were even some good newspapers. They had a very broad circulation all over the country in spite of the illiteracy rate. In small towns and villages, the paper was often read aloud by some "intellectual", an indistinct mass of people gathering around to listen and to comment. As a rule, both style and reasoning were of high quality, due partly to the strong French influence. People wrote well and thought intelligently. The Portuguese intellectuals generally kept up with the world's cultural and scientific advancement. The proclamation of the Republic brought about some changes, though not as many as scheduled in her ambitious cultural program. A wider generalization and democratization of culture was undoubtedly attempted. For such, the great merit of the Republic was to provide adequate legislation and the general framework where the practical ways of putting it into effect were lacking. The 1911 education acts created a theoretical state of cultural rise compared only to the most developed countries in the world. They were to be felt mainly on the primary and university levels. 23 Lack of material resources, however, prevented the opening of new schools at the necessary tempo and hindered the recruiting of instructors and the adequate equipment of libraries, laboratories and other research centres. Illiteracy decreased but still amounted to more than 60 per cent in 1930. The so-called "free universities" of Lisbon and Porto meant an important step in the cultural development of the town population. They provided a continuous schedule of lectures on interesting subjects offered by volunteer professors and freely attended by anybody. The free (or popular) universities became quickly a center of radical agitation and discussion and were promptly closed by the Dictatorship governments after 1926. The same thing happened with the new Faculty of Arts at Porto, founded in 1919, which was threatening Coimbra's cultural predominance in the North. The constitutional monarchy, established after the 1820 liberal revolution and stabilized in the mid-nineteenth century, followed the usual patterns of all of the European states at the time. The king "reigned but did not govern," though his functions in Portugal were extended by the so-called "moderating power" (poder moderador) that gave him a certain number of rights, for instance the right of dissolving Parliament when necessary. The executive power was concentrated on the government, appointed by the king and headed by a Prime Minister (Presidente do 22

23

Portuguese Culture reached by that time-end of the 19th beginning of the 20th centuryone of its golden ages. New universities were created, in Lisbon and Porto. Primary education was made compulsory and free. Important acts were passed providing a better recruiting and education of instructors.

414

A. H. O i j t e i e a Masques

Conselho). The legislative power belonged to the Houses, the Chamber of Deputies (iCámara dos Deputados), directly elected by the citizens according to a nonproportioned system, and the Chamber of Peers ( C á m a r a dos Pares), appointed by the king or existing by proper right. The political forces were organized into parties. In the beginning of the century, there existed, on the monarchical side, the "Regenerating" party ( P a r t i d o Regenerador) and the "Progressive" party ( P a r t i d o Progressista). Dissension in both these parties gave rise to minor forces, the "Regenerating-Liberal" party ( P a r t i d o Regenerador-Liberal) and the "Progressive Dissidence" ( D i s s i d e n c i a Progressista). These four parties, two big ones and two small ones, were opposed by the Republican P a r t y (Partido Republicano Portugués, PRP). A small Socialist Party ( P a r t i d o Socialista) and some insignificant groups existed but were not represented in Parliament. The secret societies-Free-Masonry and Carbonary — as well as the catholic associations-the Jesuits above all-provided a frame to the parties. A general characteristic of the Portuguese political life was doubtless the legislative and governmental instability. In seventysix years of constitutional monarchy (1834—1910) there were forty-three deputy elections and as many more houses with a different party composition. The average was therefore of one year and eight months per legislature. The governmental instability was not lessened: from 1834 to 1905 there were fifty-four governments, each one lasting an average of one year and four months. After 1905 the process took place more rapidly: from December 1905 to October 1910 there were ten governments, that is less than six months for each one. The proclamation of the Republic, October 5, 1910, did not change this situation. In sixteen years there were eight parliament elections (one parliament each two years), eight presidential elections (one president each two years), and forty-eight governments (one each four months). 24 Thus, if parliamentary stability improved a little, governmental instability grew worse and presidential instability was introduced. The number of parties represented in Parliament changed somewhat during t h a t period. At the first Republican elections, only the P R P presented itself, along with some independent candidates. But soon the powerful party split and gave rise to three new groups which composed Congress (Congresso da República) until 1921 (with an interlude in 1918—19): The Democratic party ( P a r t i d o Democrático) the winner of almost every election, the Evolutionist party ( P a r t i d o Evolucionista) and the Republican Union (Uniao Republicana or Partido Unionista). There was still a small Catholic party. After 1918 new parties were born and some of the old ones were reorganized. Their total number in Parliament mounted to six (1919 elections) and seven (1921, 1922 and 1925 elections). 25 24

25

Parliament elections in 1911 (May), 1913 (November), 1915 (June), 1918 (April), 1919 (May), 1921 (July), 1922 (January) and 1925 (November); Presidential elections in 1911 (August), 1915 (May), 1915 (August), 1918 (April), 1918 (December), 1919 (August), 1923 (August) and 1925 (December). 1915 elections: PRP, Evolutionists, Unionists and Catholics; 1918 elections: National Republican Party, Monarchicals, Independents and Catholics; 1919 elections: PRP,

Revolution and Counterrevolution in Portugal, 1900—1930

415

During the Monarchy, parliamentary representation was partly a farce. As it happened in Spain, though theoretically constitutional, the regime continued to be, in practice, an absolute monarchy "which entrusted the parties with power; and the parties, by cynically manipulating the political machinery, proceeded to impose that power on a people for the most part ignorant and indifferent." Luis Araquistain saw this problem very well, pointing out that "power did not emanate from the people to the parties and from the latter to the Crown, but from the Crown to the parties and from the latter to the local organizations of bosses. The people voted as they were ordered or for whoever paid most for votes." The parties were nothing but heterogeneous groups around the person of a leader. Their ideologies were vague and contained few differences. Although the "Regeneradores" were a little more conservative and the "Progressistas" a little more radical, any attempt at labeling them right or left would be absurd. Both were deeply conservative and both were composed of members deriving from the same social groups and with similar interests. The Republican Party seemed completely different. It produced a program of radical action, it enrolled people more dynamic, more youthful and more conscious of the country's interests. It appealed to the masses, promising them a better standard of living. It cried out against the political corruption, against the clerical reactionarism and against the aristocracy. Nevertheless, the Republican party defined itself much more by what it was not than by what it was. It was against the monarchy, against the church, against corruption, and against the oligarchical groups. But in the matter of positive action, its program was rather vague. And it could not be otherwise, because of the diverse enrollment of its members. If a greater part was composed of middle class representatives, there were plenty of proletarians, and even peasants, whose interests were contradictory with that class; indeed, even idealist and resentful aristocrats fought within it. The Republican party was a sort of coalition, impressive and efficient as long as fighting the existing situation, but inept at operating and ready to split as soon as actual power was conquered and led to internal struggles. The most one could say of the Republican party was that it had a basic urban character; but even here the exceptions were numerous. Once the revolution was over, once the power was conquered by force, the Republican party declined quickly and political instability went on. The most conservative elements seceded, gathering around two leading personalities, one of them more popular and demagogie, the other more intellectual and really critical. 86 The bulk of the party stood united under the leadership of the ablest and most gifted statesman of the Republic, Afonso Costa. Membership came preferably from the petty bourgeoi-

26

Evolutionists, Unionists, Socialists, Centrists and Catholics; 1 9 2 1 elections: Liberals, P R P , Reconstituintes, Dissidents, Monarchicals, Catholics, Independents and Regionalists; 1 9 2 2 elections: P R P , Liberals, Reconstituintes, Governmentals, Monarchicals, Catholics, Independents and Regionalists; 1 9 2 5 elections: P R P , Nationalists, Democratic Left, Union of the Economic Interests, Catholics, Monarchicals, Independents and Socialists. Antonio José de Almeida created (1912) the Evolutionist P a r t y ; Manuel de Brito Camacho, the Republican Union or Unionist Party.

416

A . H . OLIVEIRA MAKQUES

sie, with many proletarians as well. However, the inherited vices held on. The parties of the Republic, though ideologically better defined, were never able to rid themselves of the "leader's" prestige and of the boss's authoritarianism. When the leader died, grew weak or retired, the party declined, split, died out. After 1919, the trend towards an ideological specialization intensified. At the left, several parties or political groups were formed, quite interesting for their programatic structure and their coherent attitudes: such was the case with the Communist Party (1921), the group Seara Nova ("New Harvest") (1921), and the Democratic Left (Esquerda Democratica, 1925), beside a greater parliamentary and practical assertion of the old Socialist Party. At the right, the movement was less perceptible: groups such as the Catholics or the Royalists were now as heterogeneous as the old Republican Party had been. The only group with real union was the socalled Portuguese Integralism ( I n t e g r a l i s m o Lusitano), dating from a time before the war. It provides the bulk of the Portuguese Fascist ideology after 1930. 27 Despite this political tendency, the majority of the voters remained firmly under the power of the traditional parties, which owned a complex machinery and a "savoir-faire" unknown to (or repudiated by) the younger ones. The Democratic party (i. e., the old PRP) and the Liberal or Nationalist party (i. e., new names for the fusion of the old Evolutionists with the old Unionists) were those which really governed, either alone or in coalition, and which won the elections. 28 27

28

On the "Integralismo Lusitano", see R. Proenga, Paginas de Politico, vol. I and II, Lisboa, 1 9 3 8 — 3 9 ; C. Ferrao, O Integralismo e a Republica (Autopsia de urn mito), vol. I, II and III, Lisboa, 1 9 6 4 — 6 5 — 6 6 ; D. Ferreira (D. F.), Article Integralismo Lusitano in the Diciondrio de Historia de Portugal, vol. II, pp. 5 5 6 — 5 6 0 ; A Questao Ibirica, Lisboa, 1 9 1 6 . The study of this Portuguese form of Fascism is still lacking, particularly after its triumph, in 1926. Modern works on Fascism forget or misunderstand the Portuguese case. Nevertheless, it is the oldest of the existing Fascisms and one of the oldest of all. The Democratic Party (or PRP) won all the elections, except for the 1 9 2 1 ones. In 1 9 1 8 it did not enter the electoral campaign. But even in 1 9 2 1 , it won the majorities in Lisbon and in Porto. However, its victories were never important enough to give it a strong parliamentary majority and to enable it to rule alone. This only happened in 1 9 1 5 . The actual figures for the leading p a r t y and the opposition groups in the House of Deputies (always ready to unite and to throw down the government) were as follows: 1915 1919 1921 1922 1925

PRP

Opposition

103 85 56 74 80

25 75 106 83 76

(Evolutionists — 22) (Evolutionists — 38) (Liberals - 73) (Liberals — 33) (Nationalists — 36)

In the Presidency of the Republic, the p a r t y succession is less clear, due to the tendency of choosing personalities outside the politicals groups. A n equilibrium between more conservative and less conservative presidents is nevertheless visible : Manuel de Arriaga ( 1 9 1 1 — 1 9 1 5 ) , Sidónio Pais ( 1 9 1 7 - 1 9 1 8 ) , Canto e Castro ( 1 9 1 8 - 1 9 1 9 ) and Antonio José de Almeida (1919—1923) are among the former, while Teófilo Braga (1915),

Revolution and Counterrevolution in Portugal, 1 9 0 0 — 1 9 3 0

417

The revolution of May 28, 1926, was, superficially, an all-parties rebellion, led by the army, against the supremacy of the Democratic party. Deeply analyzed, however, it was much more than that: it was a true reactionary movement, the response of the conservative majority of the country against the progressive minority of the two leading towns. Like the republican revolution of 1910, the May 28th movement was an alliance of heterogeneous elements, defined rather by what it did not want than by what it really wanted. Historically, it is important to inquire whether, when and why it ceased to have the support of that majority. The Republic was logically tending toward a radicalism in the socialist way. Agrarian reform, increase of taxation on the wealthy, nationalizations, development of social welfare, improvement in the living standard of the lower classes, all these subjects were in discussion if not in work. This was the obvious result of Portugal's gradual industrialization and mass education. Such an evolution, however, if it seemed too slow to some people — the intellectuals, the workers — seemed on the contrary too rapid to some others — the rural landowners, the capitalists, part of the middle class, the Church. In a way, everybody was dissatisfied. In a way, everybody was united against the "status quo". In a way everybody applauded the revolution, many because they were unable to understand it, many others because they thought they would take advantage of it. As had happened in 1910 with the Monarchy, now the Republic was falling for lack of defenders. Thus the movement broke out. The army had unchained it — the upper and the middle ranks, whose purchasing power was reduced to a half of what it had been in 1910. It was backed by the upper and middle civil servants and for the same reasons; the banking power, the top commerce and the big industry, burdened by the economic and financial crisis, frightened by the rise of socialism; the clergy, in decline because of the increasing dechristianization, anxious to regain its lost influence; part of the workers, impatient because of their social grievances; part of the middle class of the towns, unpleased with the economic crisis, tired of political instability and of revolutionary threats; part of the "intelligentzia," disenchanted with the decline of the republican ideals, enraptured by the novelty of Fascism. Like a huge back screen, there stood the agrarian, conservative and feminine nation. After a natural political instability during the first three or four years — sown with revolutions, "coups d'etat" and governments — the new regime became steady around 1931. The symbol of that stabilization was the handing over of formal power — i.e., government leadership — to Salazar (1932) who in fact was controlling the government since 1928. The budget was balanced by a new taxation reform but especially Bernardino Machado ( 1 9 1 5 — 1 9 1 7 and 1925—1926) and Teixeira Gomes (1923 — 1925) are among the latter. The pendulum moved therefore: Right ( 1 9 1 1 — 1 9 1 5 ) , Left ( 1 9 1 5 — 1 9 1 7 ) , Right (1917—1923), L e f t (1923 — 1926). This movement agrees roughly with the parliamentary evolution. 27

Studien

418

A. H. Oliveira MARQUES

by the reduction of expenditures — which meant economic contraction and stood for the Portuguese reply to the world depression. Order was restored by a close alliance between the armed forces and the political police. Social agitation was hampered by forbidding strikes, closing labor organizations and by state intervention in the Italian way. Intellectuals were persecuted and prevented from unfolding any dangerous ideologies by the introduction of censorship and the cutting off of university privileges. Capital and banking, manipulated or helped by foreign participation, were given free hand to expand without restrictions. The church covered everything with her mantle, proclaiming the victory of the Christian religion and morals over the Republican demo-liberal atheism. And abroad, Portugal became again a "respectable" and orderly country, with no danger of changing into "red" and causing trouble to the British, Spanish and French governments or to the League of Nations. 29 Afterwards . . . it was all the usual process of Fascist development that followed. As in Italy, as in Germany, as everywhere. . . 10

One of the best short studies of the early dictatorship was written by L. Araquistain for the New Y o r k magazine, Foreign Affairs-. "Dictatorship in Portugal" (Foreign Affairs, vol. 7, no. 1, October, 1928, p p . 4 1 — 5 3 ) .

ERNSTGERT KALBE, LEIPZIG

Der Übergang zur volksdemokratischen Revolution in den Ländern Südosteuropas Die v o l k s d e m o k r a t i s c h e n R e v o l u t i o n e n in d e n L ä n d e r n Ost- u n d S ü d o s t e u r o p a s e r w u c h s e n aus d e m antifaschistischen Befreiungskrieg der Völker, a u s d e m W i d e r s t a n d der Volksmassen der v e r s k l a v t e n L ä n d e r gegen die faschistischen O k k u p a n t e n u n d die K o l l a b o r a t e u r e der eigenen h e r r s c h e n d e n Klassen, aus d e m K a m p f u m die Verteidigung, E r n e u e r u n g u n d V e r t i e f u n g der D e m o k r a t i e , a u s d e m R i n g e n u m n a t i o n a l e B e f r e i u n g u n d U n a b h ä n g i g k e i t . Die o b j e k t i v e n B e d i n g u n g e n der volksd e m o k r a t i s c h e n R e v o l u t i o n w a r e n somit w e i t g e h e n d a n das politische K r ä f t e v e r h ä l t nis i m zweiten W e l t k r i e g , a n die K o n s t e l l a t i o n der K l a s s e n k r ä f t e in d e n u n t e r d r ü c k t e n L ä n d e r n g e k n ü p f t , wie sie sich i m Verlaufe des B e f r e i u n g s k a m p f e s v o m Faschismus herausbildeten. Der A u s b r u c h des zweiten Weltkrieges — z u n ä c h s t als imperialistischer Krieg, der in z u n e h m e n d e m Maße E l e m e n t e des n a t i o n a l e n B e f r e i u n g s k a m p f e s gegen die faschistischen Aggressoren einschloß u n d m i t d e m K r i e g s e i n t r i t t der S o w j e t u n i o n e n d g ü l t i g in einen antifaschistischen Befreiungskrieg der Völker u m s c h l u g 1 — stellte die i n t e r n a t i o n a l e r e v o l u t i o n ä r e A r b e i t e r b e w e g u n g vor die A u f g a b e , ihre Stellung zu diesem Kriege festzulegen. Die k o m m u n i s t i s c h e n P a r t e i e n gingen d a b e i v o n der E r k e n n t n i s Lenins aus, d a ß die G r u n d f r a g e bei der B e s t i m m u n g der revolut i o n ä r e n s t r a t e g i s c h e n u n d t a k t i s c h e n Linie g e g e n ü b e r einem historisch k o n k r e t e n Kriege die E i n s c h ä t z u n g seines K l a s s e n c h a r a k t e r s ist, die F r a g e , ^weswegen dieser K r i e g a u s g e b r o c h e n ist, welche Klassen i h n f ü h r e n , welche historischen u n d historisch-ökonomischen B e d i n g u n g e n i h n h e r v o r g e r u f e n h a b e n . " 2 Der zweite W e l t k r i e g , der in seiner ersten P h a s e in der G r u n d t e n d e n z ein u n g e r e c h t e r R a u b k r i e g v o n Seiten beider imperialistischer M ä c h t e g r u p p i e r u n g e n w a r , w u r d e d u r c h d e n v o m faschistischen d e u t s c h e n I m p e r i a l i s m u s g e f ü h r t e n S t a a t e n b l o c k m i t d e m Ziele entfesselt, die W e l t h e r r s c h a f t zu erobern u n d die a n d e r e n Völker politisch zu u n t e r j o c h e n u n d kolonial a u s z u p l ü n d e r n . J e d o c h a u c h die h e r r s c h e n d e n Klassen E n g l a n d s u n d F r a n k r e i c h s , die v o m U S A - I m p e r i a l i s m u s e r m u n t e r t w u r d e n , t r a t e n m i t imperialistischen Zielvorstellungen in d e n Krieg ein, die auf die E r r i c h 1

2

27*

Vgl. J. A. Boitin, Über die Entstehung und den Charakter des zweiten Weltkrieges 1939 bis 1945, in: Der deutsche Imperialismus und der zweite Weltkrieg, Bd. 1, Berlin 1960, S. 44ff. und 56ff. W. I. Lenin, Krieg und Revolution, in: Lenin, Werke. Bd. 24, Berlin 1959, S. 395.

420

ERNSTGERT K A L B E

t u n g ihrer eigenen Hegemonie in der Welt u n d auf die Ausschaltung der Konkurrenz des imperialistischen Deutschlands abzielten. Unbelehrt durch die gesammelten E r f a h r u n g e n mit der zügellosen Aggressivität des faschistischen deutschen Imperialismus, versuchten die imperialistischen Westm ä c h t e jedoch auch noch n a c h dem Kriegsausbruch, ihre Widersprüche m i t Deutschland auf Kosten der U d S S R zu lösen. Deshalb hielten sie an der Grundlinie der „Münchener Befriedungspolitik" gegenüber dem deutschen Faschismus fest, u m die faschistischen Aggressoren doch noch gegen die Sowjetunion zu hetzen. Aus diesem verfehlten Kalkül erwuchs die imperialistische Strategie des „komischen Krieges", die mit einem vollständigen Fiasko f ü r ihre Initiatoren endete. Es ist aufschlußreich, sich in diesem Z u s a m m e n h a n g der bereits i m F r ü h j a h r 1938 geprägten u n d von marxistischer Voraussicht getragenen W o r t e Vasil Kolarovs zu erinnern, wonach die deutschen Faschisten den W a f f e n g a n g u m die Weltherrschaft u n d gegen die U d S S R nicht ohne vorherige Sicherung ihres Hinterlandes in E u r o p a wagen k ö n n t e n : „ H i t l e r beansprucht sowjetische Gebiete, aber bevor er z u m Krieg gegen die U d S S R schreiten wird, m u ß er in E u r o p a Krieg f ü h r e n , etwas von E u r o p a schlucken, die Donaulinie als Brückenkopf festigen, die Tschechoslowakei liquidieren u n d den Balkan anschließen; er m u ß seine westliche Grenze sichern, indem er mit Frankreich abrechnet. Deshalb können wir sagen, d a ß Hitlerdeutschland vor allem u n d u n m i t t e l b a r eine Reihe kapitalistischer Länder b e d r o h t . " 3 Die Kommunistische Internationale u n d die ihr angeschlossenen P a r t e i e n schätzten den zweiten Weltkrieg in seiner Ausgangsphase u n m i t t e l b a r nach seinem Ausbruch richtig als imperialistischen Raubkrieg ein. Das E x e k u t i v k o m i t e e der Komintern erklärte z. B. in seinem Aufruf zum 22. J a h r e s t a g der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution: „ I m Z e n t r u m Europas wird Krieg g e f ü h r t . Die herrschenden Klassen Englands, Frankreichs u n d Deutschlands f ü h r e n den Krieg u m die Weltherrschaft. Dieser Krieg ist die F o r t s e t z u n g der m e h r j ä h r i g e n imperialistischen Auseinandersetzungen im Lager des Kapitalismus. . . Das ist der wahre Sinn dieses Krieges, eines ungerechten, eines reaktionären, eines imperialistischen Krieges." 4 Die kommunistischen Parteien, die konsequent gegen den imperialistischen Krieg k ä m p f t e n , stellten zugleich in Rechnung, d a ß im Imperialismus auch nationale Kriege möglich sind, d a ß die „Ära des Imperialismus" — wie Lenin in seiner Kritik der Junius-Broschüre schlußfolgerte — keineswegs nationale Kriege ausschließt, ,,z. B. von Seiten der kleinen (nehmen wir an, a n n e k t i e r t e n oder national unterdrückten) S t a a t e n gegen die imperialistischen Mächte. . ," 5 In W e i t e r f ü h r u n g der grundlegenden Gedanken des Baseler Manifestes von 1912, wonach es die Pflicht der revolutionären Arbeiterklasse ist, einen ausgebrochenen imperialistischen Krieg zur Vertiefung der Krise des kapitalistischen Systems zu 3

4 4

V. Kolarov, Die internationale Lage. Informationsbulletin vom 15. Mai 1938, in: Archiv des Instituts für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED, Berlin, Sign. 243/1687, Pag. 16. KoMMyHHCTHiecKHü HiiTepHäijHOHäJi, Moskau, Jg. 1939, H. 8—9, S. 3f. W. I. Lenin, Uber die Junius-Broschüre, in: Lenin, Werke, Bd. 22, Berlin 1960, S. 316f.

Zur volksdemokratischen Revolution in Südosteuropa

421

nutzen, die Volksmassen aufzurütteln und den Sturz der bourgeoisen Klassenherrschaft zu beschleunigen, entwickelte Lenin die These vom prinzipiell möglichen Umschlagen eines imperialistischen in einen nationalen Krieg und verwies nachdrücklich auf die progressive Rolle und revolutionäre Potenz möglicher nationaler Befreiungskriege: „Nationale Kriege gegen imperialistische Mächte sind nicht nur möglich und wahrscheinlich, sie sind unvermeidlich, sie sind fortschrittlich und revolutionär, obgleich natürlich zu ihrem Erfolg entweder die Vereinigung der Anstrengungen einer ungeheuren Zahl von Bewohnern unterdrückter Länder (. . .) erforderlich ist oder eine besonders günstige Konstellation der internationalen Lage (. . .) oder der gleichzeitige Aufstand des Proletariats einer der Großmächte gegen die Bourgeoisie (. . ,)." 6 Während des zweiten Weltkrieges — auch in seiner Anfangsphase — wirkte eine Gesetzmäßigkeit, die auf der zunehmenden Verschärfung der allgemeinen Krise des Kapitalismus beruhte. Sie bestand einerseits im nationalen Verrat der großbürgerlichen herrschenden Kreise, vor allem in den Ländern, die Opfer der faschistischen Aggression wurden, und andererseits im zunehmenden Anwachsen des Befreiungskampfes der Völker, der einen Differenzierungsprozeß auch innerhalb der herrschenden Klassen hervorrief. Gerade die Okkupation vieler europäischer Länder durch Hitlerdeutschland führte zur Formierung breiter Widerstandsbewegungen, die einen gerechten Kampf um ihre nationale Freiheit lieferten, und beschleunigte die Wandlung des Krieges aus einem imperialistischen Krieg in einen antifaschistischen Befreiungskrieg. So führte die Dialektik der historischen Entwicklung dazu, daß die Bedeutung jener Faktoren, die zur Umwandlung des Kriegscharakters beitrugen, in eben dem Maße anwuchs, wie die Kriegsmaschine der faschistischen Aggressoren Erfolge errang. In Anbetracht des imperialistischen Eroberungskrieges des deutschen Faschismus und seines schließlichen Überfalls auf den ersten sozialistischen Staat der Welt, die Sowjetunion, gewann Lenins Voraussage, daß selbst das Umschlagen eines imperialistischen in einen nationalen Krieg im Bereich des Möglichen liege, aktuelle Bedeutung: ,,. . . wenn dieser Krieg mit Siegen in der Art der Siege Napoleons und mit der Versklavung einer Reihe lebensfähiger Nationalstaaten endete, . . . dann wäre ein großer nationaler Krieg in Europa möglich. Das wäre eine Rückentwicklung Europas um einige Jahrzehnte. Das ist unwahrscheinlich. Es ist aber nicht unmöglich, denn zu glauben, die Weltgeschichte ginge glatt und gleichmäßig vorwärts, ohne manchmal Riesensprünge rückwärts zu machen, ist undialektisch, unwissenschaftlich, theoretisch unrichtig." 7 Von diesen Voraussetzungen ließ sich die Kommunistische Internationale bei der Bestimmung ihrer Haltung zum zweiten Weltkrieg im allgemeinen und seiner ersten Etappe im besonderen leiten. Die kommunistischen Parteien kämpften entschlossen gegen den imperialistischen Krieg der feindlichen Großmachtblöcke und für die Mobilisierung aller Antikriegskräfte zu Massenaktionen für seine baldige Be6 7

Ebenda, S. 318. Ebenda, S. 315.

422

ERNSTGERT

KALBE

endigung. Sie forderten, der Politik der herrschenden Klassen in den kriegführenden imperialistischen Staaten, die auf die Schürung und Ausweitung des imperialistischen Gemetzels abzielte, jede Unterstützung zu versagen. Insbesondere galt es, die Pläne des Weltimperialismus zu vereiteln, eine imperialistische Einheitsfront zu bilden und den Krieg gegen die Sowjetunion zu richten. 8 Deshalb unterstützte die Kommunistische Internationale in der ersten Etappe des Krieges die unabhängige und selbständige Politik der Sowjetunion außerhalb der kriegführenden imperialistischen Blöcke, die dem Land des Sozialismus nach dem Abschluß des deutschsowjetischen Nichtangriffsvertrages zeitweilig den Frieden sicherte und es in die Lage versetzte, gegen die Ausweitung des imperialistischen Krieges zu kämpfen. Die kommunistischen Parteien verfolgten das Ziel, die Ausdehnung des Krieges auf weitere Länder zu verhindern und die nationale Unabhängigkeit — insbesondere der kleinen Staaten — gegen eine mögliche faschistische Aggression durch ihren Zusammenschluß um die UdSSR zu verteidigen. 9 Zugleich unterstützte die kommunistische Weltbewegung den gerechten Widerstand der bereits vom Faschismus versklavten Völker gegen die Okkupanten. Die Komintern legte sich klare Rechenschaft darüber ab, daß die vom Faschismus Überfallenen Völker trotz des imperialistischen Gesamtcharakters des Krieges einen gerechten Verteidigungskampf gegen die faschistischen Aggressoren und für ihre nationale Unabhängigkeit führten. Sie forderte die Herstellung einer breiten antiimperialistischen Volksfront zur Verteidigung der nationalen und sozialen Lebensinteressen der Werktätigen und für eine konsequente Demokratisierung in allen Ländern. 10 Im April 1941, unmittelbar nach dem Überfall Hitlerdeutschlands auf Jugoslawien und Griechenland, erinnerte Georgi Dimitroff, der Generalsekretär der Kommunistischen Internationale, an die Möglichkeit einer teilweisen Umwandlung des imperialistischen Krieges in einen nationalen Befreiungskrieg und betonte die Pflicht der Kommunisten, solche Kriege zu unterstützen. Im Verlaufe dieses imperialistischen Krieges, im Verlaufe dieses allgemeinen Weltkrieges wird es einzelne Kriege geben, die gerechten Charakter tragen. Das werden nationale Befreiungskriege, das werden Kriege sein, die die Kommunisten unterstützen, mit denen die Sowjetunion sympathisieren, denen sie beistehen und nach Möglichkeit helfen wird. Sie werden in letzter Hinsicht gegen den imperialistischen Krieg selbst gerichtet sein." 1 1 Bereits nach dem italienischen Überfall auf Griechenland hatte die Kommunistische Partei Griechenlands am 31. Oktober 1940 das Volk zum nationalen Widerstand aufgerufen: „Der italienische Faschismus hat Griechenland . . . überfallen mit 8 9

10 11

Vgl. Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, Bd. 5, Berlin 1966, S. 244f. Vgl. G. Dimitroff, Der Krieg und die Arbeiterklasse in den kapitalistischen Ländern, in: Dimitroff, Ausgewählte Schriften, Bd. 3, Berlin 1958, S. 161 ff.; IJeHTpaJieH IlapTHeH ApxHB, Sofia (im folgenden: CPA Sofia), F . 1, Op. 4, A. E . 22. Vgl. CPA Sofia, F . 1, Op. 4, A. E . 22; F. 146, Op. 2, A. E. 430 und 431. Ebenda, F . 146, Op. 2, A. E . 430, S. 4.

Zur volksdemokratischen Revolution in Südosteuropa

423

d e m Ziel, es zu u n t e r j o c h e n u n d zu versklaven. H e u t e k ä m p f e n alle Griechen f ü r Freiheit, E h r e u n d n a t i o n a l e U n a b h ä n g i g k e i t . " 1 2 Das Z e n t r a l k o m i t e e der K o m m u n i s t i s c h e n P a r t e i Jugoslawiens f o r d e r t e die jugoslawischen Völker bereits a m 15. April 1941 z u m entschlossenen K a m p f f ü r F r e i h e i t u n d U n a b h ä n g i g k e i t a u f : „Völker Jugoslawiens, i h r k ä m p f t u n d fallt f ü r eure U n a b h ä n g i g k e i t . Seid gewiß, d a ß dieser K a m p f v o n E r f o l g g e k r ö n t sein wird, selbst w e n n euch der ü b e r m ä c h t i g e Feind j e t z t ü b e r w ä l t i g t . L a ß t d e n M u t n i c h t sinken, schließt eure R e i h e n enger, begegnet selbst d e n s c h w e r s t e n S c h l ä g e n m i t e r h o b e n e m H a u p t . Die K o m m u n i s t e n u n d die g e s a m t e Arbeiterklasse J u g o s l a w i e n s werden i m K a m p f bis z u m endgültigen Sieg d u r c h h a l t e n u n d b e f i n d e n sich in d e n ersten R e i h e n des V o l k s k a m p f e s gegen die E r o b e r e r . " 1 3 A m 6. März 1941 v e r ö f f e n t l i c h t e das Z e n t r a l k o m i t e e der Bulgarischen A r b e i t e r p a r t e i ( K o m m u n i s t e n ) eine P r o t e s t e r k l ä r u n g gegen d e n B e i t r i t t B u l g a r i e n s z u m faschistischen D r e i m ä c h t e p a k t u n d rief das Volk z u m W i d e r s t a n d gegen die Einb e z i e h u n g Bulgariens in d e n imperialistischen Krieg, z u m K a m p f f ü r F r i e d e n u n d D e m o k r a t i e , f ü r ein brüderliches Verhältnis zu den N a c h b a r v ö l k e r n u n d f ü r den A b s c h l u ß eines B e i s t a n d s p a k t e s m i t der S o w j e t u n i o n auf. 1 4 A u c h die K o m m u n i s t i s c h e P a r t e i D e u t s c h l a n d s , die einen a u f o p f e r u n g s v o l l e n K a m p f gegen d e n E r o b e r u n g s k r i e g des faschistischen d e u t s c h e n I m p e r i a l i s m u s f ü h r t e , t r a t n a c h d e m E i n m a r s c h deutscher T r u p p e n a m 1. März 1941 in B u l g a r i e n u n d n a c h d e m Ü b e r f a l l H i t l e r d e u t s c h l a n d s a m 6. April 1941 auf J u g o s l a w i e n u n d Griechenland m i t g e s o n d e r t e n A u f r u f e n a n die Ö f f e n t l i c h k e i t , in d e n e n sie i m Geiste des p r o l e t a r i s c h e n I n t e r n a t i o n a l i s m u s die v e r b r e c h e r i s c h e Aggressionspolitik des faschistischen d e u t s c h e n F i n a n z k a p i t a l s v e r u r t e i l t e , ihre Solidarität m i t d e m ger e c h t e n B e f r e i u n g s k a m p f der u n t e r j o c h t e n Völker b e k u n d e t e u n d e r k l ä r t e , d a ß sich die Kriegsaggression H i t l e r d e u t s c h l a n d s u n d ihre s t ä n d i g e A u s w e i t u n g zugleich gegen die n a t i o n a l e n I n t e r e s s e n des d e u t s c h e n Volkes selbst r i c h t e t . 1 5 Schon diese wenigen Beispiele v e r d e u t l i c h e n die politische O r i e n t i e r u n g der k o m m u n i s t i s c h e n P a r t e i e n in d e p v o m F a s c h i s m u s b e d r o h t e n oder o k k u p i e r t e n L ä n d e r n w ä h r e n d der e r s t e n K r i e g s e t a p p e u n d o f f e n b a r e n die L ü g e n h a f t i g k e i t der in v e r s c h i e d e n e n V a r i a t i o n e n v o r g e t r a g e n e n imperialistischen Geschichtslegende, v o r n e h m l i c h w e s t d e u t s c h e r Historiker, w o n a c h die K o m m u n i s t i s c h e I n t e r n a t i o n a l e 12

13

14 15

Zitiert nach K. Dalianis, Der Widerstandskampf des griechischen Volkes in den Jahren 1941—1944, in: Jahrbuch für Geschichte der UdSSR und der volksdemokratischen Länder Europas, Bd. 10, Berlin 1967, S. 80. Zitiert nach ÜCTOpHH KDrocJiaBHH, Bd. II, Moskau 1963, S. 190; vgl. auch A. Donlagic/fi. Atanackovic/D. Plenca, Jugoslawien im zweiten Weltkrieg, Belgrad 1967, S. 34f. Vgl. CPA Sofia, F. 1, Op. 4, A. E. 85; siehe auch ebenda, F. 1, Op. 4, A. E. 89. Vgl. Aufruf der Kommunistischen Partei Deutschlands zum Einmarsch der Hitlertruppen in Bulgarien, Mitte März 1941, in: Die Welt, Jg. 1941, Nr. 13, S. 414f.; Erklärung des Zentralkomitees der KPD vom 12. April 1941 zum Uberfall auf Jugoslawien und Griechenland, Archiv des Instituts für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED, Sign. 3/1/2/224, Bl. 14 ff.

424

ERNSTGERT K A L B E

und ihre Sektionen vor dem Überfall Hitlerdeutschlands auf die Sowjetunion angeblich eine Position des Abwartens eingenommen und keinen Widerstand gegen die faschistischen Aggressoren geleistet hätten. 18 Diese von imperialistischen Geschichtsideologen inspirierte Legende wurde in jüngster Vergangenheit auch von einigen revisionistischen Historikern, selbst in einzelnen sozialistischen Ländern, aufgegriffen, die damit die gerade im antifaschistischen Befreiungskampf der Völker bewährte Einheit der revolutionären Arbeiterbewegung nachträglich diskreditieren und ihre gegenwärtig im Kampf gegen die imperialistische Globalstrategie so notwendige' Festigung verhindern möchten. Dabei ziehen sie die Richtigkeit der Generallinie der Komintern in Zweifel, indem sie in nationalistischer Manier alle im Klassenkampf erlittenen Mißerfolge der Politik der kommunistischen Weltbewegung zuschreiben, während sie alle errungenen Erfolge ausschließlich auf das Konto der nationalen kommunistischen Parteien verbuchen. Sie scheuen nicht davor zurück, das Wesen des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspaktes zu verleumden, den die UdSSR angesichts der Appeasement-Politik der Westmächte gegenüber Hitlerdeutschland im Interesse des Friedens und der internationalen revolutionären Arbeiterbewegung anzunehmen gezwungen war; sie setzen die Rolle der Sowjetunion im internationalen Klassenkampf vor und während des gesamten zweiten Weltkrieges herab, obwohl es gerade die Existenz der UdSSR sowie ihre konsequente — entsprechend der sich wandelnden internationalen Situation mit unterschiedlichen Mitteln verfolgte — Politik der kollektiven Sicherheit der Völker, der Verteidigung des Friedens und der Zügelung der faschistischen Aggressoren war, die es den unterjochten Völkern ermöglichte, einen Beitrag zur Zerschlagung des Faschismus und zur Erlangung ihrer nationalen Unabhängigkeit zu leisten. 17 Natürlich ergaben sich aus der komplizierten internationalen Lage am Vorabend sowie in der ersten Etappe des zweiten Weltkrieges für die kommunistischen Parteien Schwierigkeiten bei der konkreten Anwendung und Durchsetzung der von der Kommunistischen Internationale beschlossenen Einheitsfront- und Volksfrontstrategie, bei der Festlegung einer der sich wandelnden Situation entsprechenden politischen Taktik im Kampf gegen den imperialistischen Krieg, für die nationale Unabhängigkeit und um eine konsequente Demokratisierung des gesellschaftlichen Lebens in allen imperialistischen und abhängigen Ländern. Die Kommunistische Internationale, die die Kompliziertheit der sich rasch verändernden Lage in Rechnung stellte, gewährte den kommunistischen Parteien bei der Beurteilung der Situation und des internationalen Kräfteverhältnisses sowie 14

17

V g l . z. B . C. Aubrey DixonjO. Heilbrunn, P a r t i s a n e n . S t r a t e g i e u n d T a k t i k d e s Guerillakrieges, F r a n k f u r t a . M . / B e r l i n 1 9 5 6 ; F. M. Osanka, Der K r i e g a u s d e m D u n k e l . 20 J a h r e k o m m u n i s t i s c h e G u e r i l l a k ä m p f e in aller W e l t , K ö l n 1 9 6 3 ; H. Rentsch, P a r t i s a n e n k a m p f . E r f a h r u n g e n u n d L e h r e n , F r a n k f u r t a . M. 1 9 6 1 ; J . Schreiber, P a r t i s a n e n , W i d e r s t a n d s k ä m p f e r , S a b o t e u r e , i n : W e h r k u n d e , J g . 1961, H . 10, S . 5 3 8 f f . ; W. Görlitz, Der zweite W e l t k r i e g 1 9 3 9 — 1 9 4 5 , B d . I, I I , S t u t t g a r t 1951. V g l . Geschichte der i n t e r n a t i o n a l e n B e z i e h u n g e n 1 9 3 9 — 1 9 4 5 , hg. v o n W. G. nowski, Berlin 1965.

Trucha-

Zur volksdemokratischen Revolution in Südosteuropa

425

in ihrem praktischen politischen Kampf stets größtmögliche und wirksame Unterstützung. 18 Der Überfall des faschistischen deutschen Imperialismus vom 22. Juni 1941 auf die sozialistische Sowjetunion verwandelte die internationale Lage von Grund auf und bewirkte, daß der zweite Weltkrieg seitens der Hitlergegner — seitens der vom Faschismus versklavten Länder und der gegen den faschistischen Block kriegführenden Mächte — nunmehr in seiner Gesamtheit den Charakter eines antifaschistischen Befreiungskrieges der Völker annahm, nachdem bereits vorher Elemente eines solchen gerechten Krieges im Widerstandskampf der von den faschistischen Aggressoren unterjochten Völker herangereift waren. Diese grundsätzliche Wandlung der internationalen Lage, hervorgerufen durch den Kriegseintritt der Sowjetunion, stellte auch die kommunistischen Parteien vor neue und umfassendere Aufgaben, die unverzüglich vom Sekretariat der Komintern beraten und von Georgi Dimitroff definiert wurden. „ E s ist nicht nötig, daran zu erinnern, daß der Krieg gegen die deutschen Eroberer langwierig und hartnäckig sein wird und die Anspannung all unserer Kräfte erfordert. . . 1. Die kommunistischen Parteien in den kapitalistischen Ländern müssen sofort eine breite Kampagne für die uneingeschränkte Unterstützung der Sowjetunion, gegen den räuberischen Krieg von Seiten Deutschlands entfachen. 2. Es steht die Organisation einer breiten nationalen Befreiungsbewegung gegen den deutschen Faschismus, in allen unter deutscher Okkupation befindlichen Ländern sowie die Organisation und Verbreiterung des antifaschistischen Kampfes in Deutschland selbst bevor. 3. Dabei muß man von der Tatsache ausgehen, daß die Sowjetunion einen vaterländischen und gerechten Krieg führt, einen Krieg gegen den von Deutschland vom Zaune gebrochenen Eroberungskrieg. . . . All das, was der Sowjetunion hilft und die Vernichtung des Faschismus beschleunigt, ist für unsere Handlungen entscheidend. Das Interesse aller Völker besteht in der Niederlage des deutschen Faschismus." 1 9 Von diesen internationalistischen Positionen aus begründete Georgi Dimitroff die Notwendigkeit, umfassende antifaschistische Volksfrontbewegungen ins Leben zu rufen, eine elastische Bündnispolitik gegenüber allen nationalen und demokratischen Kräften zu befolgen, wirksame Widerstandsaktionen gegen die faschistischen Aggressoren zu organisieren, d. h. die Strategie und Taktik der antifaschistischen Einheits- und Volksfrontpolitik umfassend durchzusetzen. Die von der Kommunistischen Partei der Sowjetunion geführten Völker der UdSSR beantworteten den Überfall des faschistischen Deutschlands mit dem Großen Vaterländischen Krieg, den sie nicht nur für die Verteidigung der sozialistischen 18

19

Vgl. G. Dimitroff, Einheitsfront des internationalen Proletariats und der Völker gegen den Faschismus, in: Dimitroff, Ausgewählte Schriften, B d . 3, Berlin 1958, S. 1 0 6 f f . ; ders., Der Krieg und die Arbeiterklasse in den kapitalistischen Ländern, in: ebenda, S. 161 ff.; ders., Der Erste Mai und der K a m p f gegen den imperialistischen Krieg, in: ebenda, S. 185 ff. CPA Sofia, F . 146, Op. 2, A. E . 431, S. 2f.

426

ERNSTGERT

KALBE

Gesellschaftsordnung, für die Freiheit und Unabhängigkeit der eigenen Heimat, sondern im Geiste des proletarischen Internationalismus, der Brüderlichkeit und Völkerfreundschaft zugleich auch für die Befreiung aller versklavten Völker vom faschistischen Joch führten. In seiner Rundfunkansprache vom 3. Juli 1941 erklärte der Vorsitzende des Rates der Volkskommissare der UdSSR, J . W. Stalin: „Den Krieg gegen das faschistische Deutschland kann man nicht als gewöhnlichen Krieg betrachten . . . Das Ziel dieses gesamtnationalen vaterländischen Krieges gegen die faschistischen Unterdrücker besteht nicht nur in der Beseitigung der Gefahr, die über unserem Lande schwebt, sondern auch in der Hilfe für alle Völker Europas, die unter dem Joch des deutschen Faschismus stöhnen. In diesem Befreiungskrieg werden wir nicht alleinstehen. In diesem großen Krieg werden wir treue Verbündete in Gestalt der Völker Europas und Amerikas haben, darunter auch des deutschen Volkes, das durch die Hitleristischen Machthaber versklavt wurde. Unser Krieg für die Freiheit des eigenen Vaterlandes verschmilzt mit dem Kampf der Völker Europas und Amerikas für ihre Unabhängigkeit, für demokratische Freiheiten." 20 Die von der K P d S U und der Sowjetregierung vertretenen gerechten Ziele des Großen Vaterländischen Krieges waren geeignet, alle demokratischen Kräfte in der Welt um die UdSSR zu sammeln und die Sowjetunion zum Zentrum und Kraftquell der entstehenden antifaschistischen Koalition zu machen. Bereits die Verhandlungen der sowjetischen Regierung mit dem britischen Botschafter in Moskau, St. Cripps, Anfang Juli 1941 und mit dem persönlichen Berater des USA-Präsidenten, H. Hopkins, Ende Juli 1941 verdeutlichten die beharrlichen Anstrengungen der UdSSR für die Bildung und Festigung der Antihitlerkoalition, die größte Bedeutung für die Vereinigung aller antifaschistischen Kräfte in den vom Faschismus bedrohten und versklavten Ländern besaß. So konnten sich die entstehenden antifaschistischen Volksbewegungen auf die völkerbefreiende Politik der Sowjetunion stützen, die im zweiten Weltkrieg die entscheidende Rolle in der Antihitlerkoalition spielte und die Hauptlast des antifaschistischen Befreiungskrieges auf ihren Schultern trug. Auch nachdem die Regierungschefs der USA und Großbritanniens am 14. August 1941 die anglo-amerikanische Kriegszieldeklaration, die sogenannte Atlantikcharta, unterzeichnet hatten, die einerseits unter dem Einfluß der sowjetischen Kriegsziele und der eigenen antifaschistischen Volksbewegung demokratische Forderungen proklamierte und andererseits separate imperialistische Interessen fixierte, setzte die Sowjetunion ihre Bemühungen um die Bildung einer einheitlichen antifaschistischen Koalition unbeirrt fort. Auf der Londoner 15-Staaten-Konferenz vom September 1941 erklärte die Sowjetregierung ihre Zustimmung zu den Grundprinzipien der Atlantikcharta und betonte ihre feste Entschlossenheit, um deren konsequente Realisierung zu kämpfen. Am 24. September übergab der sowjetische Botschafter I. M. Maiski eine gesonderte 20

Rundfunkansprache J. W. Stalin vom 3. J u l i 1941, in: BHenmaH nojiHTHKa CoBeTCKOro Cojoaa B nepiioj; Ore^ecTBeHHOft BOÄHLI. J^OKyMeiiTti H MaTepiiaJiti , B d . 1, Moskau 1944, S. 29 f.

Zur volksdemokratischen Revolution in Südosteuropa

427

Deklaration seiner Regierung zur Atlantikcharta, in der die demokratischen Bestimmungen der Charta präzisiert und das Kriegszielprogramm der U d S S R dargelegt wurden, das zugleich die Interessen der Völker der Antihitlerkoalition am klarsten zum Ausdruck brachte. Die Sowjetregierung hob die Notwendigkeit hervor, „die Hitleraggression zu zerschlagen und das Joch des Nazismus zu vernichten" sowie die souveränen Rechte und die nationale Unabhängigkeit aller Völker wiederherzustellen. Dabei verwies die Regierung der U d S S R nachdrücklich auf das Selbstbestimmungsrecht der Nationen, das jedem Volk das Recht „auf staatliche Unabhängigkeit und territoriale Unantastbarkeit seines Landes" zusichert, „ d a s Recht, ein gesellschaftliches System und eine Regierungsform zu wählen, welche es zur Sicherung des wirtschaftlichen und kulturellen Erblühens seines Landes für zweckmäßig und erforderlich hält." 2 1 Die völkerbefreiende Rolle der U d S S R im zweiten Weltkrieg offenbarte sich auch in ihrer kompromißlosen Haltung gegenüber dem faschistischen Aggressor und in ihrem auf der Londoner Konferenz bekräftigten Ziel, eine demokratische Nachkriegsordnung des Friedens, der Zusammenarbeit und Freundschaft zwischen den Völkern zu erkämpfen. „Die Aufgabe aller Völker und aller Staaten, die genötigt sind, den ihnen aufgezwungenen Krieg gegen Hitlerdeutschland und seine Verbündeten zu führen, besteht darin, die baldmöglichste und entschiedene Vernichtung der Aggressoren zu erreichen, für die vollständige Lösung dieser Aufgabe alle ihre Kräfte, all ihre Mittel aufzubieten und zu mobilisieren, sowie die effektivsten Mittel und Methoden zur Verwirklichung dieses Zieles festzulegen . . . Vor unseren Ländern steht auch die außerordentlich wichtige Aufgabe, die Wege und Mittel für die Organisation der internationalen Beziehungen und der Nachkriegsordnung in der Welt mit dem Ziel zu bestimmen, unsere Völker und unsere künftigen Generationen von dem mit der menschlichen Kultur unvereinbaren, verbrecherischen und blutigen Nazismus zu befreien. Die Sowjetunion ist tief davon überzeugt, daß diese Aufgabe ebenfalls erfolgreich gelöst wird und daß im Ergebnis des vollständigen und endgültigen Sieges über den Hitlerismus die Grundlagen für gerechte, den Wünschen und Idealen der freiheitliebenden Völker entsprechende Beziehungen der internationalen Zusammenarbeit und Freundschaft gelegt werden." 2 2 Der heldenhafte Kampf der Sowjetvölker und ihrer Roten Armee, die die Hauptlast des Krieges gegen den Faschismus trugen, begeisterte alle freiheitsliebenden Völker Europas zum antifaschistischen Widerstand. Die zeitweiligeNiedergeschlagenheit, die durch die Blitzsiege der faschistischen Armeen verursacht worden war, machte kämpferischer Aktivität der unterdrückten Völker gegen die Okkupanten Platz. Der Große Vaterländische Krieg der Sowjetunion wurde zum Kraftquell für das Anwachsen und zum Unterpfand des schließlichen Sieges der antifaschistischen Volksbewegung über den Faschismus. 21

Vgl. Geschichte des Großen Vaterländischen Krieges der Sowjetunion, Bd. 2, Berlin 1963, S. 2 1 2 - 2 2 8 .

22

fleitjiapaiiHH npaBHTentcTBa CCCP Ha Me»epeHijnn B Jl0Hfl0He, in: BHenman IIOJIHTHKR CoBeTcworo CoK>3a B n e p a o s OTEQECTBEIMOFT BOMHH, B d . 1, S. 145.

428

ERNSTGERT K A L B E

Als erster grundlegender Faktor für das Hinüberwachsen des antifaschistischen Widerstandskampfes in die volksdemokratische Revolution in einer Reihe Länder des europäischen Ostens und Südostens tritt somit der Charakter des zweiten Weltkrieges als antifaschistischer Befreiungskrieg der Völker sowie die entscheidende und völkerbefreiende Rolle der Sowjetunion in diesem Kriege in Erscheinung.2® Die im zweiten Weltkrieg wirkenden objektiven Gesetzmäßigkeiten und günstigen Bedingungen, die für den Übergang der antifaschistischen Résistance in die volksdemokratische Revolution durch den Kriegscharakter als antifaschistischem Befreiungskrieg und die völkerbefreiende Rolle der Sowjetunion gegeben waren, bedurften zu ihrer Durchsetzung indessen des bewußten Handelns der Volksmassen. Es ist das historische Verdienst der kommunistischen Parteien, daß sie den Notwendigkeiten dieser Situation gerecht wurden und ihren zum Widerstand gegen die faschistischen Aggressoren bereiten Völkern ein klares Alternativprogramm der antifaschistischen Demokratie entwickelten, das Weg und Ziel zum Sturz der faschistischen Diktatur und zur Errichtung der Volksdemokratie wies. Gestützt auf die im Feuer des antifaschistischen Kampfes entstehende Einheitsfront der Arbeiterklasse, vermochten es die kommunistischen Parteien in den Ländern Südosteuropas in Abhängigkeit von der konkreten Konstellation der Klassenkräfte früher oder später überall, breite antifaschistische Volksfrontbewegungen ins Leben zu rufen und zum Kristallisationszentrum der kämpferischen antifaschistischen Demokratie zu werden. Die jugoslawische Volksbefreiungsfront (NOF) wurde auf Initiative der Kommunistischen Partei Jugoslawiens am 27. April 1941 zuerst in Slowenien gegründet und erfaßte in der Folgezeit rasch das ganze Land. Die Kommunistische Partei Griechenlands stellte Mitte Juli 1941 zunächst durch die Bildung der Nationalen Befreiungsfront der Arbeiterklasse (EEAM) die proletarische Einheitsfront her, die zur Grundlage für die Bildung der Nationalen Befreiungsfront Griechenlands am 27. September 1941 wurde. In Albanien wurde die Nationale Befreiungsfront (LNC) unter Führung der 1941 entstandenen Kommunistischen Partei auf der Konferenz von Peza am 16. September 1942 geschaffen. Die Kommunistische Partei Bulgariens war der Initiator für die Gründung der Vaterländischen Front (OF), die am 17. Juli 1942 ihre von Georgi Dimitroff ausgearbeitete Programmdeklaration veröffentlichte. Die Kommunistische Partei Rumäniens war der Organisator eines antifaschistischdemokratischen Kampfbündnisses der Werktätigen, das im Juni 1943 unter dem Namen patriotische Antihitlerfront' gegründet wurde; nach der Herstellung der Einheitsfront mit der Sozialdemokratie gelang der K P R ein Jahr später, am 20. Juni 1944, daneben die Bildung des Nationaldemokratischen Blocks, in dem auch nichtfaschistische bürgerliche Parteien mitarbeiteten. In Ungarn entstand auf Initiative der Kommunistischen Partei im Februar 1942 zunächst das Ungarische Traditions23

Vgl. A. AnderlejB. Spiru, Die Prinzipien der sowjetischen Außenpolitik und die völkerbefreiende Rolle der Sowjetunion im zweiten Weltkrieg, in: Jahrbuch für Geschichte der U d S S R und der volksdemokratischen Länder Europas, Bd. 5, Berlin 1961, S. 9ff.

Zur volksdemokratischen Revolution in Südosteuropa

429

komitee (KWHD) als faktisches Leitungsorgan des antifaschistischen Widerstandes. Nach der Zerschlagung dieser Keimform der ungarischen Volksfront verzögerte sich die Entstehung der Ungarischen Unabhängigkeitsfront bis zum Mai 1944, nicht zuletzt infolge der lange Zeit ablehnenden Haltung der ungarischen Sozialdemokratie zur Aktionseinheit mit den Kommunisten, die erst am 10. Oktober 1944 durch ein Abkommen beider Parteien verwirklicht wurde. 24 Der antifaschistische Widerstandskampf entfaltete sich in den Ländern Südosteuropas natürlich unter verschiedenen Verhältnissen, die aus der differenzierten Konstellation der Klassenkräfte, aus der jeweiligen Stärke und Organisiertheit von Bourgeoisie und Proletariat, aus der unterschiedlichen sozial-ökonomischen Struktur, aus historischen und nationalen Besonderheiten sowie aus der \ verschiedenartigen Stellung dieser Länder im System der faschistischen ,Neuordnung Europas' resultierten. Während Bulgarien, Rumänien und Ungarn als Satellitenstaaten des faschistischen Deutschlands den Schein nationaler Souveränität wahren konnten und die herrschenden Klassen dieser Länder ihre Unterwerfung unter den deutschen Imperialismus als ,Bündnis' zu bemänteln suchten und mit nationaler Demagogie verbrämten, wurden Albanien, Griechenland und die Länder Jugoslawiens einem direkten Okkupationsregime mit allen politischen, militärischen und wirtschaftlichen Konsequenzen unterworfen. Dadurch entlarvte sich der verbrecherische Charakter des faschistischen Jochs und die antinationale Politik der mit dem Aggressor kollaborierenden Kreise der eigenen herrschenden Klasse rascher vor den Volksmassen als in den Vasallenstaaten und es bildete sich frühzeitig eine revolutionäre Krise heraus. Dagegen prägte sich in den Vasallenländern erst später, etwa seit 1943, eine politische Krise aus, nachdem die fortschreitenden Siege der Roten Armee an der Ostfront, die anwachsende wirtschaftliche Ausplünderung und politische Versklavung dieser Staaten, die zunehmende Ausnutzung ihrer Territorien und ihres Menschenreservoirs für die Kriegsziele des faschistischen deutschen Imperialismus zu einer sich ständig vertiefenden politischen Isolierung der herrschenden Klassen von den Volksmassen führten. 25 Ungeachtet der differenzierenden Spezifika in der antifaschistischen Befreiungsbewegung der südosteuropäischen Länder, lassen sich hinsichtlich ihrer politischen Hauptstoßrichtung grundlegende Gemeinsamkeiten feststellen, die das Wesen und den hauptsächlichen Klasseninhalt des Volkskampfes gegen den Faschismus bestimmten : Zusammenschluß aller revolutionären, demokratischen und patriotischen Kräfte gegen den gemeinsamen Feind, Bruch mit Hitlerdeutschland bzw. Vertreibung der faschistischen Aggressoren und Erringung der nationalen Unabhängigkeit, 24

25

Zur politischen und sozialen Zusammensetzung der Volksfrontbewegungen in den südosteuropäischen Ländern vgl. E. Kalbe, Wesen und S t r u k t u r der Volksfrontbewegung während des zweiten Weltkrieges in Südosteuropa, in: Wissenschaft!. Zeitschrift der Karl-Marx-Universität Leipzig, gesellschafts- u. sprachwiss. Reihe, 15. Jg. (1966), H. 3, S. 437 ff. Vgl. E. Kalbe, Antifaschistische Résistance und volksdemokratische Revolution in den Ländern Südosteuropas, in: Jahrbuch für Geschichte der U d S S R und der volksdemokratischen Länder Europas, Bd. 10, Berlin 1967, S. 5 3 f f . und 5 9 f f .

430

EKNSTOERT K A L B E

Sturz der einheimischen faschistischen Regierungen bzw. Agenturen sowie Bestrafung der mit den Okkupanten kollaborierenden Kreise der eigenen herrschenden Klasse, Kampf um antifaschistische und antiimperialistische Demokratie, Errichtung der volksdemokratischen Macht und Sicherung einer vom ausländischen Imperialismus unabhängigen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung, Herstellung von Bündnisbeziehungen und Freundschaft mit der Sowjetunion und den Nachbarländern. Diese Zielstellung geht aus allen wichtigen Programmerklärungen der Volksfrontbewegungen in den Ländern Südosteuropas hervor, wobei die einzelnen Forderungen entsprechend der jeweiligen politischen Situation in den einzelnen Ländern verschiedenes Gewicht und einen im Konkreten unterschiedlichen politischen und sozialen Inhalt hatten.26 Eine Analyse und Vergleichung der wesentlichen programmatischen Dokumente — des Programms der Vaterländischen Front Bulgariens vom 17. Juli 1942, der politischen Plattform der K P R für die Bildung einer patriotischen Front vom 6. September 1941 sowie des Manifests der Arbeitereinheitsfront Rumäniens vom 1. Mai 1944, des Aufrufs der Ungarischen Front vom Juni 1944 sowie des Programms der Ungarischen Nationalen Unabhängigkeitsfront vom 2. Dezember 1944, der Gründungsproklamation der Nationalen Befreiungsfront Griechenlands vom 28. September 1941, des Aufrufs des Provisorischen Rats der Nationalen Befreiung Albaniens vom September 1942 und des Aufrufs des Antifaschistischen Rats der Nationalen Befreiung Jugoslawiens vom 27. November 194227 — führt zu dem Ergebnis, daß die Volksfrontforderungen sowohl nationale wie soziale Aspekte des antifaschistischen Kampfes enthielten, wobei die prinzipiell überall vorhandene Verbindung des nationalen mit dem sozialen Befreiungskampf in Abhängigkeit von der politi20

Vgl. E. Kalbe, Wesen und Struktur der Volksfrontbewegung während des zweiten W e l t krieges in Südosteuropa, a. a. O., S. 438 ff.

27

Vgl. Programm der Vaterländischen Front Bulgarien, in: Bulgariens Volk im Widerstand 1941—1944, hg. von P. Georgieff und B. Spiru,

Berlin 1962, Dok. 22, S. 95ff.;

Politische Plattform der K P R für die Bildung einer patriotischen Front v . 6. 9. 1941 sowie Manifest der Arbeitereinheitsfront Rumäniens v. 1. 5. 1944, in: Documente din istorija Partidului Comunist din Rominia 1917—1944, Bukarest 1958, S. 382ff.; Aufruf der Ungarischen Front v. Juni 1944, in: Dokumentumok a magyar forradalmi munkásmozgalom torténetébol 1939 — 1945, Budapest 1964, Dok. 221, S. 507ff.; Programm der Ungarischen Nationalen Unabhängigkeitsfront v. 2. 12. 1944, in: Dokumentok a magyar párttorténet tanulmányozásához, Bd. 5, September 1939—April 1945, Budapest 1955, Dok. 167, S. 242ff.; Gründungsproklamation der Nationalen Befreiungsfront Griechenlands v. 28.9. 1941, zitiert nach: K. Dalianis,

Der Widerstandskampf des

griechischen Volkes in den Jahren 1941—1944, in: Jahrbuch für Geschichte der UdSSR und der volksdemokratischen Länder Europas, Bd. 10, Berlin 1967, S. 87; Erster Aufruf des Provisorischen Rats der Nationalen Befreiung an das albanische Volk, September 1942, in: Dokumenta té organeve té larta te pushtetit revolucionar nacional-flirimtar (1942—1944), Tirana 1962, Dok. 2, S. 15ff.; Aufruf des Antifaschistischen Rats der Nationalen Befreiung Jugoslawiens an die Völker Jugoslawiens v. 27. 11. 1942, in: Prvo i drugo zasjedanje A V N O J a , Zagreb 1963, S. 65 ff.

Zur volksdemokratischen Revolution in Südosteuropa

431

sehen Haltung der herrschenden Klassen bzw. ihrer einzelnen Fraktionen in jedem Lande unterschiedlich eng war. Damit weisen die Programme der Volksfrontbewegung grundsätzlich bereits weit über die Erringung der nationalen Unabhängigkeit vom faschistischen Imperialismus hinaus und stellen Forderungen auf die Tagesordnung des politischen Kampfes, die in ihren sozialen Aspekten weit in die volksdemokratische Revolution hineinreichen und das Grundanliegen der Volksmassen f ü r eine revolutionärdemokratische Umwandlung des gesamten gesellschaftlichen Lebens in der Nachkriegszeit anmelden. Die Formierung breiter antifaschistischer Volksfrontbewegungen mit den kommunistischen Parteien an der Spitze, die die antifaschistischen Massen mit einem klaren Programm in den Kampf gegen den Faschismus und f ü r die demokratische Umgestaltung der Gesellschaft führten, war die grundlegende innere und subjektive Voraussetzung f ü r den Sieg über die faschistischen Aggressoren und den Übergang zur volksdemokratischen Revolution in den Ländern Südosteuropas. Mit der zunehmenden Verschärfung des Kriegselends, mit den immer eindrucksvolleren Siegen der Roten Armee und der sich immer deutlicher am Horizont abzeichnenden Niederlage der faschistischen Aggressoren, mit der fortschreitenden Ausweitung des antifaschistischen Widerstandskampfes reifte in den südosteuropäischen Ländern überall eine politische Krise heran, die früher oder später in eine revolutionäre Situation umschlug. Die von W. I. Lenin in der Anfangsphase des ersten Weltkrieges vorgenommene Charakteristik der politischen Krise traf immer genauer auch auf die Situation im faschistischen Staatenblock und in den von den Achsenmächten unterworfenen oder abhängigen Ländern zu. „Die politische Krise liegt auf der H a n d : keine einzige Regierung ist des morgigen Tages sicher, keine einzige ist frei von der Gefahr eines finanziellen Bankrotts, eines Verlustes von Territorien, einer Verjagung aus ihrem Lande (. . .). Alle Regierungen leben auf einem Vulkan, sie alle appellieren selber an die Aktivität und an den Heroismus der Massen. Das ganze politische Regime Europas ist erschüttert, und sicherlich wird niemand leugnen wollen, daß wir in eine Epoche gewaltiger politischer Erschütterungen eingetreten sind (. . .)." 2 8 In diesem Zusammenhang entwickelte W. I. Lenin die Lehre von der revolutionären Situation, ohne die es keine erfolgreiche Revolution geben kann. Die Auffassung Lenins vom Wesen der revolutionären Situation wurde zum integrierenden Bestandteil der sozialistischen Revolutionstheorie und fand auch in der Strategie und T a k t i k der Volksfrontpolitik der kommunistischen Parteien, im Widerstandskampf der Völker gegen die faschistischen Aggressoren ihre Anwendung. „ F ü r den Marxisten unterliegt es keinem Zweifel, daß eine Revolution ohne revolutionäre Situation unmöglich ist, wobei nicht jede revolutionäre Situation zur Revolution f ü h r t . " Sodann charakterisierte W. I. Lenin die objektiven Merkmale einer revolutionären Situation, 28

W. I. Lenin, Der Zusammenbruch der II. Internationale, in: Lenin, Werke, Bd. 21, Berlin 1960, S. 207 f.

432

ERNSTGERT K A L B E

die er in folgenden drei Faktoren erblickte: „1. Für die herrschenden Klassen ist es unmöglich, ihre Herrschaft unverändert aufrechtzuerhalten; die eine oder andere Krise der ,oberen Schichten', eine Krise der Politik der herrschenden Klasse, die einen Riß entstehen läßt, durch den sich die Unzufriedenheit und Empörung der unterdrückten Klassen Bahn bricht. Damit es zur Revolution kommt, genügt es in der Regel nicht, daß die ,unteren Schichten' in der alten Weise ,nicht leben wollen', es ist noch erforderlich, daß die ,oberen Schichten' in der alten Weise ,nicht leben können'. 2. Die Not und das Elend der unterdrückten Klassen verschärfen sich über das gewöhnliche Maß hinaus. 3. Infolge der erwähnten Ursachen steigert sich erheblich die Aktivität der Massen, die sich in der friedlichen' Epoche ruhig ausplündern lassen, in stürmischen Zeiten dagegen sowohl durch die ganze Krisensituation als auch durch die ,oberen Schichten' selbst zu selbständigem historischem Handeln gedrängt werden." 29 W. I. Lenin führte zugleich den Nachweis, daß nicht jede revolutionäre Krise unausweichlich die Revolution hervorbringt, sondern daß sie nur aus einer solchen Situation erwächst, „in der zu den oben aufgezählten objektiven Veränderungen noch eine subjektive hinzukommt, nämlich die Fähigkeit der revolutionären Klasse zu revolutionären Massenaktionen, genügend stark, um die alte Regierung zu stürzen (oder zu erschüttern), die niemals, nicht einmal in einer Krisenepoche ,zu Fall kommt', wenn man sie nicht ,zu Fall bringt'." 3 0 Die südosteuropäischen kommunistischen Parteien analysierten die politische Lage in ihren Ländern während des zweiten Weltkrieges ständig auf die Entwicklung von Faktoren hin, die zur Herausbildung einer politischen Krise der herrschenden Klassen und ihres Umschlagens in eine revolutionäre Situation führen konnten. So kam das Zentralkomitee der K P J auf seiner Beratung im Mai 1941 in Zagreb zu dem Ergebnis, daß folgende ständig wirkende Faktoren die Entstehung einer revolutionären Krise im Lande beschleunigen werden: ,,a) das unbarmherzige Besatzungsregime und die Ausplünderung des Volkes; b) eine noch brutalere nationale Unterdrückung und der Haß der Massen auf diejenigen, die diese Lage verschuldet haben; c) der Verrat der ehemaligen herrschenden Kreise der Bourgeoisie; d) das kriecherische Verhalten und die Kleinmütigkeit der einheimischen Bourgeoisie; e) die Entlarvung der verbrecherischen nationalen und sozialen Politik des ehemaligen Regimes; f) die schweren Lasten, die die Eroberer dem Volke auferlegen; g) die rücksichtslose Ausbeutung und Unterjochung der werktätigen Massen seitens der Okkupanten und Kapitalisten." 31 Ende 1943 analysierte Georgi Dimitroff die politische Situation Bulgariens und gelangte zu dem Schluß, daß das Land und die Politik seiner herrschenden Klasse eine umfassende Krise durchlebt. „Bulgarien macht eine tiefe Krise durch. Es gibt fast kein einziges Gebiet des staatlichen und öffentlichen Lebens, keinen einzigen 29 30 31

Ebenda, S. 206. Ebenda, S. 207. Zbornik dokumenata i podataka o Narodnooslobodilaökom ratu jugoslovenskih naroda, Serie II, Bd. 2, Anlage 1, Belgrad, S. 22f.

Zur volksdemokratischen Revolution in Südosteuropa

433

Winkel im Lande, in dem sich der Krisenzustand Bulgariens nicht auswirkt. Diese Krise zeigte sich besonders kraß im bulgarischen Parlament, in den stürmischen Debatten über die Antwort auf die Thronrede des Regenten Fürst Kiril. 32 Die Ursachen der gegenwärtigen Krise liegen in der prodeutschen Politik, die die bulgarischen regierenden Kreise entgegen den Lebensinteressen des Landes und dem Willen des Volkes durchführen. Diese Krise spitzt sich in letzter Zeit besonders zu, vorwiegend infolge der großen Niederlagen, die die deutschen Truppen unter den Schlägen der siegreichen Roten Armee an der sowjetisch-deutschen Front erlitten. . . Andererseits verschärft sich die Krise auch infolge der wachsenden Bewegung des bulgarischen Volkes, die sich zu einem breiten Partisanenkampf gegen den verhaßten, verderblichen prodeutschen Kurs entfaltet h a t . . ." 3S Zugleich verwies Georgi Dimitroff darauf, daß die bulgarische Regierung bestrebt ist, die Krisensituation mittels der Anwendung von Massenrepressalien und durch die Zuflucht zu demagogischen Manövern zu überwinden. ,,Im Lager der bulgarischen regierenden Kreise herrscht Unruhe und Verwirrung. Diese Kreise versuchen, die sich verschärfende Krise vorwiegend durch Massenrepressalien gegen die kämpfenden Patrioten und durch die Mobilisierung des gewalttätigen Polizei- und Gestapoapparates zur Zerschlagung der deutschfeindlichen Volksbewegung zu überwinden. Aber diese Repressalien sind nur Öl ins Feuer der Volksempörung und führen zu noch größerer Zuspitzung der Krise im Lande . . . Die bulgarischen regierenden Kreise nehmen gleichfalls zu Manövern Zuflucht, indem sie mit den Methoden der politischen Tarnung das Volk zu betrügen und die anwachsende Krise irgendwie zu mildern versuchen. Zu diesem Zweck mobilisierten sie ihren ganzen Propagandaapparat." 3 4 Die wesentlichen Ursachen für die politische Krise, in die seit 1943 vor allem die herrschenden Klassen der Satellitenländer geraten waren, bestanden in erster Linie in der offensichtlich bevorstehenden Niederlage und im beginnenden Zerfall des faschistischen Staatenblocks, im Fiasko der Spekulationen auf unüberwindliche Meinungsverschiedenheiten zwischen den Alliierten, die auf der Moskauer Außenministerkonferenz im Oktober 1943 und auf der Teheraner Konferenz der Regierungschefs der drei Großmächte im November/Dezember 1943 ihre Einheit im Krieg gegen die faschistischen Aggressoren bekräftigt hatten, sowie im Erstarken der Befreiungsbewegung der werktätigen Massen in den vom Faschismus unterjochten Ländern selbst. Der Ausdruck der politischen Krisensituation in den Vasallenstaaten bestand im wesentlichen in der ständigen Verschärfung des Polizeiterrors gegen die anti32

33 34

8

Die erwähnte Arbeit Dimitroffs wurde am 27. Dezember 1 9 4 3 in der sowjetischen ,Prawda' veröffentlicht, nachdem im August 1 9 4 3 Zar Boris eines plötzlichen und unerwarteten Todes gestorben w a r und in Bulgarien ein Regentschaftsrat unter Vorsitz des Fürsten Kiril gebildet worden war, der in einer Thronrede vor dem Parlament eine ,neue bulgarische Politik' ankündigte, deren Wesen in der Fortsetzung des prodeutschen und profaschistischen Regierungskurses bestand. G. Dimitroff, Ausgewählte Schriften, Bd. 3, S. 235. Ebenda, S. 236. Studien

434

ERNSTQERT

KALBE

faschistische Volksbewegung sowie in dem gleichzeitig von den herrschenden Kreisen unternommenen untauglichen Versuch, mit diplomatischen Winkelzügen und demagogischen Mitteln aus der Krise herauszufinden. Dabei setzten die herrschenden Klassen in den Satellitenländern auf die gezinkte Karte, sich einerseits durch Separatverhandlungen mit den Westmächten aus dem faschistischen Block herauszuwinden, ohne ihre antisowjetische Grundhaltung aufgeben und einen offenen Bruch mit Hitlerdeutschland vollziehen zu müssen, und andererseits durch teils erzwungene, teils demagogische Wachablösungen in der Regierung die am meisten kompromittierten Garnituren von der politischen Bühne zurückzuziehen, um die Volksmassen zu täuschen und ihre angebliche Bereitschaft zu einem gemäßigten Kurswechsel und zu einer verbalen Neutralitätspolitik glaubhaft zu machen. In diesem Lichte entlarvten sich die von Alternativlosigkeit getragenen und zur Erfolglosigkeit verurteilten Separatverhandlungen, die die ungarische Regierung 1943 in London und Istambul 3 5 , die rumänische bürgerliche ,Opposition' um Maniu und Bratianu 1943/44 in Kairo 3 6 sowie die bulgarische Regierung 1944 in Istambul und Kairo 3 7 über den Abschluß gesonderter Waffenstillstandsabkommen mit den Westmächten führten, als politische Taschenspielertricks, die — unterstützt von reaktionären westlichen Politikern — einzig auf die Sicherung der bourgeoisen Klassenherrschaft in der Nachkriegszeit abzielten. Beredtes Zeugnis von der Krisenhaftigkeit der innenpolitischen Situation legt auch das Ministerkarussell in einigen Ländern ab, das sich — einmal in Gang gesetzt — unabhängig vom Willen und der Kontrolle seiner Erfinder immer schneller zu drehen begann. Die besitzenden Klassen wollten durch Regierungswechsel — aus der politischen Not eine machiavellistische Tugend machend — die gärende Unzufriedenheit der Volksmassen auffangen, die schwankenden Bevölkerungsschichten politisch neutralisieren und die Kräfte der Bourgeoisie umgruppieren, um ihr Herrschaftssystem zu retten. Im Feuer des antifaschistischen Befreiungskampfes führte diese Politik des Lavierens jedoch dazu, daß immer mehr Säulen aus dem Regierungsgebäude herausbrachen, sich die soziale Basis der herrschenden Klassen immer weiter verengte, die Bourgeoisie zu ständig neuen Improvisationen zwang und ihre politische Manövrierfähigkeit immer stärker einschränkte. In Bulgarien wurde die Regierungskrise, die sich unter dem Druck der erstarkenden antifaschistischen Volksbewegung zu einer alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens erfassenden Staatskrise ausweitete, im Sommer 1943, nach der Schlacht im Kursker Bogen, offensichtlich. Seit Mitte 1943 sprachen die deutsch-faschistischen Abwehrdienstellen von der Existenz einer ,inneren Front' in Bulgarien. Das Oberkommando der monarcho-faschistischen bulgarischen Armee gelangte zu folgender 33

36

37

Vgl. R. Door, Die Politik des faschistischen Deutschlands gegenüber Ungarn 1943/44, phil. Diss., Leipzig 1967, Kap. II/l, S. 86ff. Vgl. Foreign Relations of the United States. Conferences at Cairo and Teheran 1943, Washington 1961, S. 362. Vgl. IJeHTpaJieH fltpmaBeH HcTOpiiiecKH ApxHB, C O $ H H (im folgenden: C D I A S o f i a ) , Fond 456, Op. 1, A. E. 10, 11, 12; siehe auch: HcTOpHHHa BuirapHH, Bd. III, Sofia 1964, S. 411 f.

Zur volksdemokratischen Revolution in Südosteuropa

435

Einschätzung der politischen Entwicklung des Jahres 1943: „Ein großer Teil der Zeit und Kraft der Staatsmacht wurde durch den Kampf gegen diese Gefahr (die innere Front — E. K.) in Anspruch genommen, die die nationale Einheit und unsere Kampfkraft bedroht . . ." 3 8 In dieser Lage sah sich das monarcho-faschistische Regime zu einer Wachablösung in der Regierung gezwungen. Die kompromittierte Filov-Regierung machte im September 1943 dem Kabinett Bozilov Platz, das den prodeutschen und profaschistischen Kurs aber nur bis zum Mai 1944 steuern konnte. 39 Das Zentralkomitee der Bulgarischen Arbeiterpartei beurteilte diesen Regierungswechsel in seinem Rechenschaftsbericht über die internationale und innere Lage des Landes im Jahre 1943 wie folgt: ,,Im faschistischen Lager vollzieht sich ein doppelter Prozeß: einerseits — als Folge der veränderten internationalen und der schwierigen innenpolitischen und wirtschaftlichen Lage des Landes — ein Prozeß der Zerstörung und andererseits ein Prozeß der Konzentration (der Vereinigung der faschistischen Kräfte. . .) infolge der sich verstärkenden Massenkämpfe und des sich abzeichnenden Fiaskos der Regierungspolitik." 40 Nachdem die Rote Armee Ende März 1944 die sowjetische Staatsgrenze am Prut erreicht hatte und die bulgarische Partisanenarmee im Sommer 1944 monatlich Hunderte von Aktionen im ganzen Lande durchführte 41 , war auch die Stellung der Regierung Bozilov unhaltbar geworden. Ihr Versuch, die soziale und politische Basis des monarcho-faschistischen Regimes durch die Bildung einer faschistischen Sammlungspartei, der sogenannten ,Neuen Gesellschaftskraft' zu erweitern und damit dem wachsenden Einfluß der Vaterländischen Front entgegenzuwirken, war vollständig gescheitert. 42 Am 1. Juni 1944 wurde sie vom Kabinett Bagrjanov abgelöst, das das Regierungssteuer jedoch nur bis zum 1. September 1944 in Händen halten konnte. Georgi Dimitroff charakterisierte die Bagrjanov-Regierung als ebenfalls prodeutsch und profaschistisch und zog die Schlußfolgerung, daß auch sie nicht in der Lage sein würde, die tiefe politische Krise, in der sich Bulgarien befand, zu überwinden. „Zwei Wochen waren notwendig, damit sich die deutschen mit den bulgarischen Faschisten über die Zusammensetzung der neuen Regierung — der Regierung Bagrjanov — einigen konnten. Diese zweiwöchigen Geburtswehen waren ein Ergebnis der tiefen Krise, die Bulgarien durchlebt, ein Ergebnis der Krise im faschistischen 38 39

40 41

42

CDIA Sofia, F. 370, Op. 1, A. E. 1301. Der Regierung Boiilov gehörten mit Doöo Christo v als Innenminister, Dimitür SiSmanov als Außenminister und Rusi Rusev als Kriegsmini ster bedenkenlose Parteigänger Hitlerdeutschlands und eingefleischte Repräsentanten des monarcho-faschistischen Regimes an. Bogdan Filov, der bisherige Premier, wurde i n den Regentschaftsrat berufen. Bulgariens Volk im Widerstand 1941—1944, D o k . 68, S. 234. Vgl. die halbmonatlichen Abwehrberichte über „ S abotage- und Terrorakte (Partisanentätigkeit in Bulgarien) 1943/44" im CPA Sofia, o. Sign., wonach z. B. im Juni 1943 — 148 Partisanenfälle registriert, im Oktober 1943 — 239, im Dezember 1943 — 237, im Juni 1944 — 365 und im Juli 1944 — 501 Partisanenaktionen durchgeführt wurden. Vgl. Bulgariens Volk im Widerstand 1941—1944, Dok. 79, S. 271.

28*

436

EBNSTGEBT KALBE

Lager, die hervorgerufen worden ist durch die Zweifel am Siege Deutschlands und dais Anwachsen der hitlerfeindlichen Volksbewegung im Lande . . . Die Regierung Bagrjanov ist eine prodeutsche Regierung. Die Hauptministerien — das Kriegsministerium, die Ministerien für innere und auswärtige Angelegenheiten, für Eisenbahnen und Städtebau, für Industrie und Handel — befinden sich in den Händen offener Hitlerfreunde: Bagrjanov, General Rusev, Professor Stanisev und Slavejko Vasilev. Die deutschen Faschisten und der Regentschaftsrat hoffen, die prodeutsche Politik mit Hilfe der neuen Regierung biegsamer und elastischer durchführen zu können, als es Bozilov t a t . . . Die Zusammensetzung und der Charakter der Regierung Bagrjanov zeugen zweifellos von dem Versuch, das Volk, und, wenn es gelingt, auch die Alliierten vorübergehend irrezuführen, um Zeit zu gewinnen und nach Möglichkeit die sich entfaltende Partisanenbewegung sowie die wachsende Unzufriedenheit in den Reihen der Armee gegen die deutschen Faschisten zu lähmen. Die Regierung Bagrjanov wurde gerufen, um eine unlösbare Aufgabe zu lösen, nämlich: der Wolf soll satt gemacht und das Schaf nicht gefressen werden. Deshalb aber kann ihre Existenz nicht von Dauer sein, und es wird zu einer neuen Verschärfung der Krise, in der Bulgarien steckt, kommen." 4 3 Im August 1944 schlug die politische Krise Bulgariens in eine akute revolutionäre Situation um. Die Sowjetarmee näherte sich nach der siegreichen Schlacht von JasiKisinev, die den Auftakt zur Befreiung Rumäniens und zum antifaschistischen Volksaufstand vom 23. August 1944 in Bukarest bildete, Ende des Monats August den bulgarischen Grenzen. Das Nationalkomitee der Vaterländischen Front entsandte am 24. August eine Delegation mit der Forderung zu Bagrjanov, die Leitung des Landes einer Regierung der Vaterländischen Front zu übergeben. Obwohl Bagrjanov dieses Verlangen zwar ablehnte, wagte er es aber nicht, die Delegation verhaften zu lassen. Am 26. August gab das Zentralkomitee der Bulgarischen Arbeiterpartei das historische Rundschreiben Nr. 4 heraus, in dem der Partei, der Vaterländischen Front und dem ganzen bulgarischen Volk die Aufgabe gestellt wurde, unverzüglich den bewaffneten Volksaufstand vorzubereiten und zum Entscheidungskampf für den Sturz des monarcho-faschistischen Regimes, für die Vertreibung der deutsch-faschistischen Truppen und für die Errichtung einer volksdemokratischen Regierung anzutreten. 4 4 Die antifaschistische Volksbewegung konnte sich bei der Lösung dieser Aufgabe im Sommer 1944 auf eine starke Partisanenarmee von 40000 aktiven Kämpfern und auf weitere 200000 Partisanenhelfer stützen. 45 In dieser Situation nahm das monarcho-faschistische Regime ein letztes Mal zu einem Manöver Zuflucht, ohne damit die Ereignisse noch steuern zu können. Am 43 44

45

Ebenda, Dok. 90, S. 298 f. Ebenda, Dok. 121, S. 349ff. Vgl. H. ropnencKu, BtopiHteHaTa 6op6a Ha StJirapcKHH HapoR aa ocBo6o>KREHHE OT xHTJiepucTKaTa ouynaijHH H M0Hapx0-$aumcTKaTa ßimTaTypa (1941—1944), Sofia 1958, S. 192ff.

Zur volksdemokratischen Revolution in Südosteuropa

437

2. September wurde die abgewirtschaftete Bagrjanov-Regierung durch das Kabinett Muraviev abgelöst, das ganze sieben Tage amtierte, ehe es vom Volkszorn hinweggefegt wurde. Die Bildung der Regierung Muraviev bezeichnete den letzten Garniturwechsel in der Führungsspitze der monarcho-faschistischen Diktatur, indem an die Stelle mehr oder minder eindeutig prodeutsch und profaschistisch orientierter Kreise nunmehr Vertreter der sogenannten legalen bürgerlichen Opposition traten, die sich bisher nicht offen exponiert hatten. In der Hoffnung, das Blatt in letzter Minute zugunsten der Erhaltung ihrer Klassenherrschaft wenden zu können, schickten die großbürgerlichen Regisseure des Regimes mit Konstantin Muraviev, Vergil Dimov, Dimitur Gicev und Nikola Musanov Akteure auf die politische Bühne, die dem rechten Flügel des Bauernbundes und der Demokratischen Partei angehörten. Die Absicht mißlang, da die Regierung Muraviev — alternativlos und klassenbeschränkt — eine Politik des Lavierens zwischen den Fronten wählte, die die Volksmassen mit leeren Versprechungen abspeiste, der Sowjetunion heuchlerisch Neutralität versprach und den deutsch-faschistischen Truppen Bewegungsfreiheit im Lande gewährte. Das Nationalkomitee der Vaterländischen Front entlarvte den volksfeindlichen Charakter dieser Regierung und rief zum Kampf für eine wahre Volksregierung auf. „Die Erklärung der Regierung hat bewiesen, daß sie nichts anderes ist als der allen gut bekannte ,Volksblock'. 46 Die Regierung hat in ihrer Erklärung nicht verkündet, daß sie die politischen Rechte und Freiheiten sofort wiederherstellt, die politischen Gefangenen freigibt, eine Amnestie erläßt, die Zensur aufhebt usw., sondern sie hat sich, wie auch die Regierung Bagrjanov, nur auf leere Versprechungen beschränkt. . . Auf zu mutigem, erbittertem und selbstlosem Kampf für die Errichtung einer Regierung der Vaterländischen Front und für die Rettung des Landes!" 4 7 Angesichts der fortdauernden Unterstützung der Muraviev-Regierung für die in Bulgarien befindlichen deutsch-faschistischen Truppen, sah sich die Sowjetregierung gezwungen, dem monarcho-faschistischen Regime am 5. September 1944 den Krieg zu erklären und am 7. September überschritten Einheiten der Roten Armee die nordostbulgarischen Grenzen.48 Am 6. September fand in Sofia eine gewaltige Demonstration der Bevölkerung für die unverzügliche Einsetzung einer Regierung der Vaterländischen Front statt, auf die der Polizeiminister Dimov das Feuer eröffnen ließ. Diese Provokation beantworteten die Volksmassen am 7./8. September im ganzen Lande mit Streiks und Demonstrationen, die am 9. September 1944 in den bewaffneten Volksaufstand einmündeten. 49 46

47 48 49

Der .Volksblock' war eine bürgerliche Regierungskoalition in den Jahren 1931—1934, die aufgrund des zeitweiligen Durchbruchs durch die Front des Faschismus gebildet wurde. Diese Koalition bestand aus Vertretern des Zarenhofes, der Demokratischen Partei, des Bulgarischen Bauernbundes und der Liberalen Partei. Der ,Volksblock' suchte durch eine Politik der linken Phrasen einen Ausweg aus der permanenten Krise des monarcho-faschistischen Regimes. Bulgariens Volk im Widerstand 1 9 4 1 - 1 9 4 4 , Dok. 133, S. 368f. Vgl. ebenda, Dok. 136, S. 372. Vgl. ebenda, Dok. 137, S. 372f.

438

ERNSTGERT K A L B E

Mit der vollständigen Isolierung der Regierung Muraviev von den Massen und mit ihrem schließlichen Sturz hatte die bulgarische Bourgeoisie ihr letztes politisches Kapital verwirtschaftet und die bürgerliche Ordnung unwiderruflich diskreditiert. 50 Das bulgarische Ministerkarussell, das sich in Abhängigkeit von der ständigen Verschärfung der politischen Krise immer schneller zu drehen begann, wurde hier als Beispiel für ähnliche Entwicklungen auch in anderen Ländern gewählt. Auch in Horthy-Ungarn führte die Krise des faschistischen Regimes, die durch die Teilnahme Ungarns am antisowjetischen Krieg und durch die schwere Niederlage der ungarischen Armee in der Schlacht bei Woronesh im Januar 1943 ihr besonderes Gepräge erhielt, zum politischen Lavieren der herrschenden Klassen. 61 Die Kailay-Regierung, die — gestützt auf die Partei des Ungarischen Lebens sowie auf anglophile Kreise der ungarischen Aristokratie und Bourgeoisie — vom März 1942 bis März 1944 amtierte, versuchte die Krise einerseits durch verstärkten Terror gegen die konsequent antifaschistischen Kräfte und andererseits durch Annäherung an die Westmächte unter Beibehaltung ihrer antisowjetischen Stoßrichtung zu überwinden. Diese Schaukelpolitik', begleitet von schwächlichen Versuchen, die ungarischen Truppen von der Ostfront hinter die Landesgrenzen zurückzuziehen, erweckte den Unwillen und das Mißtrauen der faschistischen deutschen Führung. Mit der Drohung, notfalls ihren Kettenhund — die rechtsextremistischen ungarischen Gruppierungen — loszulassen, setzte sie Horthy in direkten Verhandlungen und durch ihren Sonderbeauftragten Veesenmayer unter massiven Druck, bestimmte ihn zur Ablösung der Kailay-Regierung sowie zur Einsetzung einer deutschhörigen Regierung und erzwang gleichzeitig seine Zustimmung zur militärischen Besetzung Ungarns am 19. März 1944. 52 Die deutsche Okkupation Ungarns am 19. März und die Bildung der SztojayRegierung am 23. März 1944 stellen den Versuch dar, den gordischen Knoten der ungarischen Krise unter Wahrung der Methode des trojanischen Pferdes, d. h. der formalen Verantwortung des Horthy-Regimes, zu lösen. Die Sztojay-Regierung, die sich jedoch nur bis Ende August halten konnte, brachte einen deutlichen Rechtsruck und eine damit verbundene Verengung der sozialen Basis des Horthy-Regimes mit sich. Ihr gehörten neben 5 Ministern des rechten Flügels der alten Regierungspartei auch 3 Minister der prodeutschen ImredyPartei, der Partei der ungarischen Erneuerung, an. 53 50 61

52

53

Vgl. B. EoMcunoe, IIoJiHTimecKaTa Kpn3a B B t n r a p H H npe3 1943—1944 r . , S o f i a 1957. Vgl. M. Korom, Die Krisenerscheinungen der faschistischen Koalition in U n g a r n 1943 und A n f a n g 1944, in: Der deutsche Imperialismus und der zweite Weltkrieg, B d . 3, Berlin 1962, S. 457 ff. Vgl. R. Door, Zur Vorgeschichte der deutschen Besetzung Ungarns a m 19. März 1944, in: J a h r b u c h für Geschichte der U d S S R und der volksdemokratischen L ä n d e r E u r o p a s , B d . 10, Berlin 1967, S. 1 0 7 f f . ; siehe a u c h : Allianz Hitler-Horthy-Mussolini. D o k u m e n t e zur ungarischen Außenpolitik (1933—1944), B u d a p e s t 1966, Dok. 125, S. 3 6 5 f f . ; Dok. 126, S. 368 ff. Vgl. R. Door, Die Politik des faschistischen Deutschlands gegenüber Ungarn 1943/44, S. 178 f.

Zur volksdemokratischen Revolution in Südosteuropa

439

Angesichts der innenpolitischen Schwäche der prodeutschen Sztojay-Regierung und des mit der Bildung der ,Ungarischen Front' verbundenen Aufschwungs der antifaschistischen Bewegung hielt Horthy im Spätsommer 1944 die Zeit für gekommen, unter Ausnutzung der durch die Kriegsereignisse eingetretenen relativen Schwächung der deutschen Besatzungsmacht einen nochmaligen Regierungswechsel vorzunehmen. Die nach erbittertem Kuhhandel mit Veesenmayer am 29. August 1944 berufene Lakatos-Regierung, der neben persönlichen Anhängern Horthys wiederum Vertreter der rechten Flügel der Partei des Ungarischen Lebens und der Imredy-Partei angehörten, sollte mit westalliierter Hilfe den ungarischen Abfall von Hitlerdeutschland bei gleichzeitiger Fortsetzung der antisowjetischen Frontstellung bewerkstelligen. 54 Diese illusionäre Winkeladvokaten-Politik scheiterte nicht nur an ihrer objektiven Undurchführbarkeit — die Sowjetarmee erreichte im September 1944 die ungarischen Grenzen — sondern auch am subjektiven militärischen Lagezwang, unter dem der deutsche Faschismus nach dem Abfall Rumäniens stand. So ging die Führung Hitlerdeutschlands seit September 1944 mit großem Aufgebot 65 an die Vorbereitung eines faschistischen Putsches in Ungarn, zu dessen tragenden Kräften die um die Pfeilkreuzler gescharten und im sogenannten R a t i o nalen Verband' vereinigten rechtsextremistischen Gruppierungen auserkoren wurden, die bis dahin stets als für eine Regierungsbildung zu schwach eingeschätzt worden waren. Am 15./16. Oktober 1944 wurde durch eine kombinierte Aktion von bewaffnetem Pfeilkreuzler-Putsch und deutschem militärischen Unternehmen ,Panzerfaust' das Horthy-Regime beendet und das Pfeilkreuzler-Regime mit Szalasi als Ministerpräsidenten installiert, das als blindes Werkzeug der Besatzungsmacht das ungarische Volk bis fünf Minuten nach zwölf zum Opfergang an der Seite des faschistischen deutschen Imperialismus zwang. 56 Diese ,ungarische Krisenlösung' zugunsten der faschistischen Durchhaltepolitik wurde möglich, weil die politische Krise der herrschenden Klasse aufgrund der relativen Schwäche der antifaschistischen Volksbewegung noch nicht in eine unmittelbare revolutionäre Situation hinüberwuchs, die vielmehr erst nach dem 15. Oktober 1944 und im Prozeß der Befreiung Ungarns durch die Sowjetarmee ausreifte. Aber nicht nur in den Satellitenstaaten Hitlerdeutschlands, auch in den direkt okkupierten Ländern waren die Regierungswechsel in gewissem Sinne ein Ausdruck für die sich verschärfende Krise des Besatzungsregimes und seiner Marionettenregierungen, die das Heranreifen einer revolutionären Situation anzeigten. Allerdings 51 65

ic

Vgl. ebenda, S. 251 ff. Dem faschistischen Stab zur Vorbereitung des Putsches gehörten der Reichsbevollmächtigte Veesenmayer, der Sonderbeauftragte und Gesandte Rahn, der .höhere Polizei- und SS-Führer' Winkelmann, die SS-Fuhrer Skorzeny und Eichmann und der SS-General Bach-Zelewsky an. Vgl. R. Door, Die Politik des faschistischen Deutschlands gegenüber Ungarn 1943/44, S. 268ff.; siehe auch: Allianz Hitler-Horthy-Mussolini, Dok. 133, S. 400ff.; Dok. 135, S. 403; Dok. 136, S. 403.

440

ERNSTGERT K A L B E

gilt diese Feststellung nur in b e s c h r ä n k t e m Maße, da die M a c h t in diesen L ä n d e r n u n m i t t e l b a r von militärischen, polizeilichen und zivilen Okkupationsorganen ausgeübt wurde, die nur b e s t i m m t e Verwaltungsfunktionen an die einheimischen Quislingbehörden delegierten. Dennoch wird z. B . an der griechischen E n t w i c k l u n g sichtbar, daß die Ablösung einer Marionettenregierung durch die andere im engen Zusammenhang m i t der Verschärfung der Ausplünderung und des Elends des griechischen Volkes sowie m i t dem Anwachsen des bewaffneten antifaschistischen K a m p f e s stand. So wurde z. B . die E r s e t z u n g der Kollaborationsregierung Zolakoglu durch das K a b i n e t t Lagothetopulos a m 17. November 1942 durch eine unvorstellbare Hungersnot und eine gleichzeitige Finanzkrise verursacht, während die Ablösung von Lagothetopulos durch die Quislinggarnitur Rallis am 7. April 1 9 4 3 durch den Athener Generalstreik von E n d e F e b r u a r sowie durch die Offensive der griechischen Volksbefreiungsarmee hervorgerufen wurde, die bis Mitte 1 9 4 3 ein Drittel des griechischen Festlandes befreite. 5 7 Von gewaltiger B e d e u t u n g für die ständige Verschärfung der politischen Krise der herrschenden Klassen in den Vasallenstaaten sowie des Besatzungsregimes in den okkupierten Ländern, für die allmähliche Umwandlung der politischen Krise in eine a k u t e revolutionäre Situation waren die antifaschistischen Massenkämpfe der unterdrückten Völker unter F ü h r u n g ihrer kommunistischen P a r t e i e n . Zusammengeschlossen in nationalen Volks- und Befreiungsfronten, b r a c h t e die antifaschistische Volksbewegung vielfältige F o r m e n des Widerstandskampfes hervor, u n t e r denen der P a r t i s a n e n k r i e g eine besondere Rolle spielte. Gerade der Übergang von niederen zu i m m e r höheren F o r m e n des Widerstandes von passiver Resistenz zu S a b o t a g e a k t i o n e n , von der politischen Organisation der Massen in örtlichen Volksfrontausschüssen und zentralen Befreiungskomitees zur Durchführung organisierter Streiks, Demonstrationen und K a m p f g r u p p e n a k t i o n e n , von P a r t i s a n e n k ä m p f e n zu Operationen organisierter Volksbefreiungsarmeen, vom Generalstreik zum bewaffneten Volksaufstand — offenbart neben dem Anwachsen der o b j e k t i v e n Bedingungen einer revolutionären Krise vor allem auch die zunehmende Reife des s u b j e k t i v e n F a k t o r s , nämlich die F ä h i g k e i t der von den K o m munisten geführten und organisierten Massenbewegung, die revolutionäre Situation zur Vorbereitung und Durchführung der Revolution selbst zu nutzen. In seiner Arbeit über den P a r t i s a n e n k r i e g ' forderte W . I. Lenin ein unbedingt historisches Herangehen an die F r a g e nach den K a m p f f o r m e n , die j e d e revolutionäre Massenbewegung hervorbringt, die m a n nicht , e r f i n d e n k a n n , sondern vielmehr verallgemeinernd zusammenfassen, organisieren und ihnen Bewußtheit verleihen muß. „ I n verschiedenen Augenblicken der ökonomischen E v o l u t i o n , in Abhängigkeit von den verschiedenen politischen, national-kulturellen Bedingungen, den Lebensverhältnissen usw. treten verschiedene K a m p f f o r m e n in den Vordergrund, 57

Vgl. P. Mawromatis, Der Beitrag des griechischen Volkes zum antifaschistischen Befreiungskampf, in: Der deutsche Imperialismus und der zweite Weltkrieg, Bd. 4, Berlin 1961, S. 248 ff.

Zur volksdemokratischen Revolution in Südosteuropa

441

werden zu Hauptformen des Kampfes, und im Zusammenhang hiermit erfahren wiederum auch die zweitrangigen Kampfformen, die Kampfformen von untergeordneter Bedeutung, eine Veränderung." 5 8 Im bewaffneten Partisanenkampf, der hier deshalb interessiert, weil er zu einer hauptsächlichen Kampfform wurde, in den meisten südosteuropäischen Ländern große Ausmaße erreichte und einen bedeutenden Beitrag zur Niederlage der faschistischen Aggressoren im zweiten Weltkrieg leistete 59 , wird die enge Verbindung des nationalen mit dem sozialen Befreiungskampf der versklavten Völker besonders deutlich. Die Partisanenformationen, die sich ihrer sozialen Zusammensetzung nach überall vorwiegend aus Arbeitern und Bauern rekrutierten, waren bei ihren Kampfaktionen stets sowohl Einheiten der faschistischen Aggressionsarmeen als auch Formationen der ,eigenen' Kollaborationsregierungen konfrontiert. Während sich die Partisaneneinheiten in den Satellitenländern in erster Linie mit Militär- und Polizeiabteilungen der ,eigenen' herrschenden Klasse und daneben mit deutschfaschistischen Truppenteilen auseinandersetzen mußten, stießen die Partisanenarmeen in den okkupierten Ländern zumeist unmittelbar auf die feindliche Besatzungsarmee und erst in zweiter Linie auf die verschiedenartigen militärischen und halbmilitärischen Quislingformationen. 60 Dieser der Volksbefreiungsbewegung durch den nationalen Verrat der eigenen herrschenden Klassen aufgezwungene, wenn auch unterschiedlich ausgeprägte Zweifrontenkrieg, der notwendig Elemente des Bürgerkrieges in sich einschloß, macht den inneren Zusammenhang von nationalem Befreiungskrieg und sozialem Befreiungskampf in der antifaschistischen Résistance sichtbar. Der konkrete Verlauf des Partisanenkrieges in den südosteuropäischen Ländern bestätigt somit erneut die von Lenin im Zusammenhang mit der russischen Revolution von 1905 getroffene Feststellung, daß nicht die nationale Unterdrückung schlechthin, sondern die Entwicklung der revolutionären Situation das entscheidende Kriterium für die Entfaltung des Partisanenkampfes ist. „Es gibt viele Gebiete, wo es nationale Unterdrückung und nationalen Antagonismus gibt, aber nicht Partisanenkampf, der sich manchmal ohne jede nationalen Unterdrückung entfaltet. Eine 68 58

60

W. I. Lenin, Der Partisanenkrieg, in: Lenin, Werke, Bd. 11, Berlin 1958, S. 203. Zu dieser Problematik vgl. die ausführliche Würdigung bei H. Kühnrich, Der Partisanenkrieg in Europa 1 9 3 9 - 1 9 4 5 , 2. Aufl., Berlin 1968, S. 112ff., 185ff., 251 ff., 379ff. Die vielschichtige Problematik von der Rolle solcher Formationen wie der jugoslawischen Cetnici, der albanischen Legaliteti und Bali Combetar, der griechischen EDES und EKKA, die — zumeist als bürgerliche Widerstandsorganisationen entstanden — im Verlaufe des Krieges im Interesse der Sicherung der bürgerlichen Klassenherrschaft in der Nachkriegszeit zur Kollaboration mit den faschistischen Okkupanten gegen die Volksbefreiungsbewegung übergingen und sich damit politisch kompromittierten, wird hier aus Platzgründen nicht behandelt. Vgl. dazu E. Kalbe, Antifaschistische Résistance und volksdemokratische Revolution in den Ländern Südosteuropas, a. a. O., S. 59 ff. Bei der hier aufgeworfenen Fragestellung geht es zunächst um solche militärischen Terrorformationen wie die kroatischen Ustase, die serbischen Freiwilligenverbände, die slowenische ,Weiße Garde' und die griechischen .Sicherheitsbataillone'.

442

ERNSTGERT K A L B E

konkrete Untersuchung der Frage wird zeigen, daß nicht die nationale Unterdrückung, sondern die Bedingungen des Aufstands das Entscheidende sind. Der Partisanenkampf ist eine unvermeidliche Kampfform in einer Zeit, wo die Massenbewegung in der Praxis schon an den Aufstand heranreicht . . ," 6 1 Die Entwicklung der Partisanenbewegung selbst, die im Rahmen einer Studie hier nicht nachgezeichnet werden kann, durchlief in den meisten südosteuropäischen Ländern verschiedene Phasen, die im wesentlichen durch das anfängliche Wirken voneinander mehr oder weniger isolierter Partisanengruppen, danach durch ihre schrittweise Zusammenfassung und zentrale Leitung und schließlich durch die Bildung gegliederter und organisierter Volksbefreiungsarmeen gekennzeichnet sind, die stabsmäßig geplante und geleitete militärische Operationen großen Umfangs unternahmen. 8 2 In Jugoslawien konnten bereits Ende 1941/Anfang 1942 die im ganzen Lande entstandenen Partisanenabteilungen zur jugoslawischen Volksbefreiungsarmee (NOVJ) formiert werden, die vom Obersten Stab unter dem Befehl von J . BrozTito geleitet wurde, in Gestalt der proletarischen Brigaden' eine bewegliche Kernstreitmacht besaß und in allen jugoslawischen Ländern über von Hauptstäben kommandierte regionale Einheiten bis zur Brigade- und später Divisionsstärke verfügte. Diese Streitmacht umfaßte Ende 1941 annähernd 70000 Kämpfer, Sommer 1943 etwa 300000 und Sommer 1944 fast 500000 Mann. 63 In Griechenland entstand die Volksbefreiungsarmee (ELAS) aus vorher gebildeten Partisaneneinheiten im Februar 1942, die zunächst von einem Zentralkomitee und seit Anfang Mai 1943 von einem Hauptstab der ELAS unter dem Kommando von Oberst Sarafis geführt wurde. Die ELAS erreichte im Herbst 1944 eine Stärke von 75000 aktiven Soldaten, 44000 Reservisten und 1250 Matrosen, die in zehn Divisionen, zwei Brigaden und weitere selbständige Abteilungen gegliedert war. 64 In Albanien bildeten sich bis Ende 1942 etwa 20 größere, getrennt voneinander operierende Partisanenabteilungen, die im Frühsommer 1943 zur Nationalen el 42

63

W. I. Lenin, Der Partisanenkrieg, a. a. O., S. 208. Als Beispiel für Charakter, Organisation und Aufgaben der Partisanenbewegung sei auf die .Direktive des Zentralen Stabes' der Bulgarischen Volksbefreiungsarmee (NOVA) an die Stäbe der Militärischen Operationszonen (VOZ) v o m Frühjahr 1943 verwiesen, die detaillierte Angaben über politische Funktion, Zielstellung, Aufbau, militärische Pflichten, Ausbildung, Versorgung, Bewaffnung, militärische Dienste, Aufklärung, Kampfmethoden und Taktik enthalten. Vgl. Bulgariens Volk im Widerstand 1941 —1944, Dok. 42, S. 152ff. Zur Entwicklung des jugoslawischen Volksbefreiungskrieges ist eine fast unübersehbare Literatur erschienen. Gedrängte Literaturberichte dazu in deutscher Sprache stammen aus der Feder von W. Markov, Neue Literatur zur Geschichte der Völker Jugoslawiens, in: ZfG, H. 5, 1956, S. 1077ff., sowie ders., Ein Aktenwerk über den jugoslawischen Volksbefreiungskrieg 1941/1945, in: ZfG, H. 6, 1956, S. 1276ff. Für die letzten zehn Jahre vgl. von jugoslawischer Seite die „Historiographie yougoslave 1955—1965", hg. von J. Tadic, Belgrad 1965, S. 417 ff. Zur Entfaltung des Partisanenkrieges in Griechenland vgl. St. Sarafis, In den Bergen v o n Hellas, Berlin 1964.

Zur volksdemokratischen Revolution in Südosteuropa

443

Befreiungsarmee zusammengefaßt wurden. Die Leitung der Befreiungsarmee, die im September 1944 etwa 70000 Kämpfer zählte, lag in den Händen eines im Juli 1943 gegründeten Generalstabes unter dem Befehl von Enver Hodza. 65 In Bulgarien wurden die Ende 1941 und 1942 regional entstandenen Partisanenceti und Abteilungen im März/April 1943 zur Volksbefreiungsarmee (NOVA) vereinigt, 12 militärische Operationszonen gebildet und der Zentrale Stab unter dem Kommando von Christo Michajlov geschaffen. Die bulgarische Volksbefreiungsarmee umfaßte am Vorabend des Volksaufstandes vom 9. September 1944 eine Division, neun Brigaden, 43 Abteilungen, mehrere selbständige Ceti und Hunderte Kampfgruppen mit etwa 40000 Partisanen. 66 Demgegenüber gelang die Ausweitung des antifaschistischen Widerstandskampfes zum Partisanenkrieg in Rumänien und Ungarn — trotz größter Opferbereitschaft und organisatorischer Anstrengungen der kommunistischen Parteien — angesichts einer anderen inneren Konstellation der Klassenkräfte und einer späteren Ausreifung der revolutionären Krise nur in geringerem Maße. Erst während der letzten Kriegsphase, als die Sowjetarmee die Grenzen dieser beiden Staaten erreichte bzw. überschritt, kam es auch hier zur Formierung bewaffneter Einheiten, deren militärische Bedeutung auf bestimmte Gebiete begrenzt blieb. Die rumänischen patriotischen Kampfformationen zählten im August 1944 mehrere Tausend Kämpfer in rund 50 Abteilungen, während in Ungarn ab Herbst 1944 Kampfgruppen und Partisaneneinheiten mit einer Stärke von etwa 1500 Mann wirksam wurden. 67 Für den Sieg des antifaschistischen Aufstandes vom 23. August 1944 in Bukarest war indessen von größter Bedeutung, daß sich die reguläre rumänische Armee am 24. August der Volksbewegung anschloß und den Kampf gegen die deutschen Truppen an der Seite der Sowjetarmee aufnahm. 6 8 Mit der bewaffneten Partisanenbewegung schufen sich die Volksmassen ein wichtiges revolutionäres Machtinstrument für die Vorbereitung des Volksaufstandes, für die Überleitung des antifaschistischen Befreiungskampfes in die volksdemokratische Revolution. Da die kommunistischen Parteien die politische Hegemonie in diesem Kampf errungen hatten und ihm Organisiertheit und Bewußtheit, Richtung und Ziel verliehen, bot sich auch subjektiv die Möglichkeit, die antifaschistische Widerstandsbewegung bis zum Sieg der volksdemokratischen Revolution voranzutreiben. So mündete der Befreiungskampf der südosteuropäischen Völker vom 65

66

67

te

Vgl. N. Plasari, La lutte de liberation nationale du peuple albanais (1939—1944), in: Studia Albanica, H. 2, 1964, S. 3 ff. Vgl. die aufschlußreiche Darstellung des bewaffneten Widerstandskampfes in Bulgarien bei H. TopneHCKu, BioptJKeHaTa 6op6a Ha 6uirapcKHH Hapo« 1941—1944, Sofia 1958. Vgl. P. Constantinescu-Ja§i, Der bewaffnete Aufstand v o m 23. August 1944, in: Der deutsche Imperialismus und der zweite Weltkrieg, Bd. 4, S. 353 ff.; R. Door, Die Politik des faschistischen Deutschlands gegenüber Ungarn 1943/44, Kap. 5, S. 295ff. Vgl. M. Roller, Der Beitrag des rumänischen Volkes zum antifaschistischen Befreiungskampf in den Jahren 1944 — 1945, in: Probleme der Geschichte des zweiten Weltkrieges, Berlin 1958, S. 448.

444

ERNSTGERT K A L B E

Faschismus direkt in die volksdemokratische Revolution, er wurde zum Vorabend und Auftakt dieser Revolution. 69 Freilich vollzog sich der Übergang von der Résistance zur Revolution, das Heranreifen des Volksaufstandes als Krönung der antifaschistischen Befreiungsbewegung in Abhängigkeit vom jeweiligen politischen und militärischen Kräfteverhältnis der kämpfenden Parteien zu verschiedenen Zeiten, denn „Revolutionen werden nicht auf Bestellung gemacht, sie werden nicht im voraus auf diesen oder jenen Zeitpunkt festgesetzt, sondern reifen im Prozeß der historischen Entwicklung heran und brechen aus in einem Moment, der durch das Zusammenwirken einer ganzen Reihe innerer und äußerer Ursachen bedingt ist." 7 0 Für einige Länder, in denen die antifaschistische Bewegung bereits frühzeitig im zweiten Weltkrieg große Breite erreichte, bewaffnete Formen annahm und sich bald auf befreite territoriale Basen stützen konnte, kann man mit Recht von der Einheit des antifaschistischen Befreiungskampfes und des demokratischen Volksaufstandes sprechen. Das trifft z. B. auf die Volksbefreiungsbewegung in Jugoslawien zu, die von der jugoslawischen historischen Forschung als einheitlicher Prozeß von Volksbefreiungskrieg und Volksrevolution charakterisiert wird. 71 Deshalb sind der 7. Juli 1941 für Serbien, der 13. Juli für Montenegro, der 22. Juli für Slowenien und der 27. Juli 1941 für Bosnien-Herzegowina sowie Kroatien als Tage des Beginns des bewaffneten Volksaufstandes in die jugoslawische Geschichtsschreibung eingegangen. Allerdings stellt sich die Frage, ob der beginnende Partisanenkrieg und die zeitweilige Kontrolle über befreite Gebiete, die anfangs im Zuge militärischer Operationen der Okkupanten vielfach wieder aufgegeben werden mußten, für sich genommen bereits als alleinige Kriterien des Volksaufstandes gelten können. Vielmehr verwirklicht sich u. E. die Einheit von Volksbefreiungskrieg und Volksrevolution in dem Maße, wie die Bevölkerung der befreiten Gebiete von der Unterstützung der Partisanenmacht zum organisierten Aufbau einer neuen, demokratischen Verwaltung überging. Das trifft bedingt bereits auf die Partisanenrepublik von Uzice (Herbst 1941), vollständig aber erst auf die Republik von Bihac (4. 1 1 . 1 9 4 2 - 2 9 . 1. 1943) zu. 72 Zwar hatte bereits die Beratung der Führungsgremien der K P J und des militärischen Oberkommandos der Partisanenstreitkräfte am 26. September 1941 in Stolice beschlossen, in den freien Territorien Volksbefreiungsausschüsse als zeitweilige Organe einer neuen Volksmacht zu bilden 73 , aber erst die gesammelten und verallgemeinerten Erfahrungen der politischen Massenarbeit ermöglichten es, im Februar 60

70

71

72 75

Vgl. G. Fuchs/E. Kalbe)E. Seeber, Die volksdemokratische Revolution in den Ländern Ost- und Südosteuropas, in: ZfG., Sonderheft 1965, S. 175ff. Vgl. W. I. Lenin, Referat auf der Moskauer Gouvernementskonferenz der Betriebskomitees, 23. Juli 1918, in: Lenin, Werke, Bd. 27, Berlin 1960, S. 549. Vgl. z. B. J. Marjanovic/P. Moraca, Naä oslobodilaöki rat i narodna revolucija 1941 do 1945, Belgrad 1958, passim; V. Strugar, Rat i revolucija naroda Jugoslavije 1941 —1945, Belgrad 1962, S. 131 ff., S. 206ff., S. 227ff., S. 284ff. Vgl. Bihaöka Republika. Zbornik ölanaka, Bd. 1, 2, Belgrad 1965. Vgl. Pregled istorije Saveza Komunista Jugoslavije, Belgrad 1963, S. 336ff.

Zur volksdemokratischen Revolution in Südosteuropa

445

1942 die „Vorschriften von Foca über die Arbeit und die Aufgaben der Volksbefreiungsausschüsse" zu erlassen. Natürlich stellte die Errichtung der ersten befreiten Gebiete notwendig die Frage nach der Zerschlagung des alten Staatsapparates und nach dem Aufbau einer demokratischen Volksmacht auf die Tagesordnung. Während die alten Verwaltungsorgane eng mit dem Besatzungs- und Quislingregime verbunden waren, brauchte die Volksbefreiungsbewegung Organe, die die Volksmassen für die allseitige Unterstützung des Partisanenkrieges politisch organisieren und die Leitung des gesellschaftlichen Lebens in den freien Territorien übernehmen könnten. So wurden die ersten Volksbefreiungsausschüsse, die schon 1941 entstanden, in der Regel von den Partisanenkommandos eingesetzt. Seit 1942 aber wurden diese Ausschüsse in zunehmendem Maße auf der Grundlage von Wahlen gebildet und verwandelten sich damit in politische Organe des bewaffneten Volksaufstandes. In diesem Übergangsprozeß von der militärisch notwendigen Improvisation zum politisch organisierten Modell der Volksmacht 74 , der sich auf der Grundlage der wachsenden Bewußtheit und Organisiertheit der Volksmassen vollzog, realisierte sich die Einheit von Volksbefreiungskrieg und Volksrevolution in Jugoslawien. Auf der Grundlage zahlreicher örtlicher und regionaler Volksbefreiungsausschüsse 75 konnte sich am 26./27. November 1942 in Bihac, im Zentrum eines ausgedehnten befreiten Territoriums in Bosnien, der Antifaschistische Rat der Nationalen Befreiung Jugoslawiens (AVNOJ) als zentrales politisches Führungsorgan der Volksbefreiungsbewegung und zugleich als faktische revolutionär-demokratische Volksvertretung mit exekutiven Machtbefugnissen konstituieren. Die 54 anwesenden Delegierten wählten ein Präsidium und einen Vollzugsausschuß, dem Abteilungen für Verwaltung, Wirtschaft, Finanzen, Sozialfürsorge, Unterricht, Gesundheitswesen, Propaganda und Glaubensangelegenheiten angegliedert waren. 76 In dem Gründungsbeschluß des AVNOJ wurden die Stärkung der Brüderlichkeit und Einheit der Völker Jugoslawiens, die Stabilisierung der Front und des Hinterlandes, die Sicherung der Versorgung und des Nachschubes der Volksbefreiungsarmee sowie die Festigung und Stärkung der Volksbefreiungsausschüsse als seine wichtigsten Aufgaben bezeichnet. 77 74

75

76 77

Zu einer analogen Problematik in der italienischen Résistance vgl. die gedankenreiche Studie von W. Markov, Die Partisanenrepubliken Ossola und Carnia: Improvisation oder Modell?, in: Die Volksmassen — Gestalter der Geschichte, Berlin 1962, S. 490 ff. Die wichtigsten regionalen Ausschüsse waren 1941/42 die Landesausschüsse von Slowenien (16. September 1941), Serbien (November 1941) und Montenegro (8. Februar 1942). Vgl. Prvo i drugo zasjedanje AVNOJa, Zagreb 1963, S. 19ff. und 69ff. Die Gründungsresolution des Antifaschistischen Rates der Nationalen Befreiung Jugoslawiens vgl. ebenda, S. 58 ff. Eine ausführliche Würdigung der erstenTagung des A V N O J findet sich im Protokollband des internationalen Symposiums zum 25. Jahrestag der AVNOJ-Gründung vom 4 . - 6 . Oktober 1966 in Bihaé. Vgl. Prvo zasjedanje Antifaäistiökog Vijeéa Narodnog Oslobodjenja Jugoslavije. Zbornik radova nauönog skupa, Bihaé 1967.

446

ERNSTGERT KALBE

Analoge Volksbefreiungsräte auf Landesebene wurden in der Folgezeit in allen historischen südslawischen Ländern und Provinzen gebildet. 78 Im Herbst 1943 kontrollierte die Volksbefreiungsbewegung mehr als die Hälfte des jugoslawischen Territoriums. Diese politische und militärische Situation beschleunigte die weitere Polarisierung der Klassenkräfte in Jugoslawien. Vor allem innerhalb der bürgerlichen Schichten und politischen Gruppierungen verstärkte sich jetzt der Differenzierungsprozeß, wobei eine größere Zahl von niederen Funktionären der ehemaligen bürgerlichen Parteien 7 9 auf die Seite der antifaschistischen Befreiungsbewegung überging, während sich ein bedeutender Teil der führenden Persönlichkeiten dieser Parteien mit den offenen Quislingen, den serbischen Cetnici und anderen bürgerlichen Strömungen zu einer einheitlichen konterrevolutionären Bewegung verband, die sich auf die Macht der Okkupanten stützte. Diese offensichtliche Annäherung der verschiedenen bürgerlichen Gruppierungen an das Okkupationsregime im Lande, die im Interesse der Sicherung der bourgeoisen Klassenherrschaft in der Nachkriegszeit erfolgte, mußte unausweichlich zur Kompromittierung der bürgerlichen jugoslawischen Exilregierung beitragen, die sich auf eine Reihe eben dieser Parteien sowie auf die Cetnici des Draza Mihajlovic stützte. Dieser Sachverhalt veranlaßte die Volksbefreiungsbewegung, ihre Stellung zur Londoner Exilregierung zu präzisieren. Hatte die erste Tagung des AVNOJ in Bihac die jugoslawische Exilregierung zwar ignoriert und ihre politische Linie kritisiert, nicht aber ihre formale Kompetenz bestritten, so verweigerte die zweite AVNO J-Tagung Ende 1943 in Jajce dieser Exilregierung öffentlich die Anerkennung und konstituierte sich als einzig rechtmäßige Vertretung der Völker Jugoslawiens. 80 Am 29. und 30. November 1943 versammelten sich 142 Delegierte aus allen jugoslawischen Ländern in dem bosnischen Städtchen Jajce zur zweiten Konferenz des Antifaschistischen Rates der Nationalen Befreiung, proklamierten Jugoslawien zur demokratischen föderativen Republik und erklärten das AVNOJ zum obersten legislativen und exekutiven Organ des neuen Jugoslawien. Die Tagung wählte ein Präsidium von 63 Mitgliedern unter Vorsitz Dr. Ivan Ribars und ein Nationalkomitee von 17 Mitgliedern unter Leitung J . Broz-Titos, das mit den Vollmachten einer provisorischen Zentralregierung ausgestattet war. 81 Das Nationalkomitee umfaßte 78

79

80

81

Antifaschistische Landesräte der Nationalen Befreiung konstituierten sich am 13. Juni 1943 in Kroatien, am 1. Oktober 1943 in Slowenien, am 15. November 1943 in Montenegro, am 20. November 1943 im Sandiak, am 26. November 1943 in Bosnien-Herzegowina, am 2. August 1944 in Mazedonien und am 9. November 1944 in Serbien. Es handelte sich dabei vor allem um Anhänger der Kroatischen Bauernpartei, der Slowenischen Volkspartei, der Unabhängigen Demokratischen Partei Serbiens, des serbischen Bauernverbandes, der Organisation der jugoslawischen Mohammedaner und der slowenischen Christlich-Sozialistischen Partei. Vgl. A. Dongalic/Z. AtanackovicjD. Plenca, Jugoslawien im zweiten Weltkrieg, Belgrad 1967, S. 150 ff. Zur nationalen, politischen und sozialen Zusammensetzung von Präsidium und Nationalkomitee des AVNOJ vgl. E. Kalbe, Wesen und Struktur der Volksfrontbewegung während des zweiten Weltkrieges in Südosteuropa, a. a. O., S. 442.

Zur volksdemokratischen Revolution in Südosteuropa

447

Ressorts für Außenpolitik, Landesverteidigung, Inneres, Justiz, Information, Unterricht, Gesundheitswesen, Volkswirtschaft, Finanzen, Verkehrswesen, Sozialpolitik, wirtschaftliche Erneuerung, Ernährung, Bauwesen, Bergbau und Forstwirtschaft. 8 4 Die Delegierten der zweiten AVNOJ-Tagung nahmen eine Resolution an, die die Konstituierung der Volksmacht zum Ausdruck bringt: „1. Der Antifaschistische Rat der Nationalen Befreiung Jugoslawiens konstituiert sich zur obersten gesetzgebenden und vollziehenden Vertretungskörperschaft Jugoslawiens, zum obersten Repräsentanten der Souveränität der Völker und des Staates Jugoslawiens als Einheit und bildet das Nationalkomitee zur Befreiung Jugoslawiens als ein mit allen Attributen der Volksmacht ausgestattetes Organ, vermittels dessen der Antifaschistische Rat der Nationalen Befreiung Jugoslawiens seine vollziehenden Funktionen ausübt. 2. Der verräterischen jugoslawischen Emigrationsregierung werden alle Rechte einer gesetzlichen Regierung Jugoslawiens aberkannt, vor allem das Recht, die Völker Jugoslawiens irgendwo und vor irgendwem zu vertreten. 3. Sämtliche internationalen Verträge und Verpflichtungen, die die Emigrantenregierungen im Namen Jugoslawiens eingegangen sind, werden im Hinblick auf ihre Gültigkeit oder ihre Erneuerung bzw. ihre Anerkennung überprüft und es werden keinerlei internationale Verträge und Verpflichtungen anerkannt, die die sogenannte Emigranten-,,Regierung" zukünftig im Ausland eventuell abschließen würde. 4. Jugoslawien wird als staatliche Gemeinschaft gleichberechtigter Völker auf demokratischer und föderativer Grundlage aufgebaut. 5. Alle diese Beschlüsse werden in besonderen Verordnungen des Antifaschistischen Rates der Nationalen Befreiung Jugoslawiens formuliert." 8 3 Eine vergleichbare Entwicklung vollzog sich auch in Albanien, wo sich die antifaschistische Volksbewegung auf der Grundlage der Gründungsproklamation der KPA vom November 1941 die Aufgabe stellte, „für die nationale Unabhängigkeit des albanischen Volkes, für eine volksdemokratische Regierung und für ein vom Faschismus freies Albanien zu kämpfen." 8 4 Auf der ersten Konferenz der Nationalen Befreiungsfront am 16. September 1942 in Peza konstituierte sich ein Provisorischer Rat der Nationalen Befreiung 85 als oberstes politisches Führungsgremium der antifaschistischen Volksbewegung; gleichzeitig wurde die Bildung Nationaler Befreiungsräte als Verwaltungsorgane in den freien Gebieten beschlossen. 86 Die zweite Konferenz der Nationalen Befreiungs82

83 84 85

86

Die vollständige Liste der Mitglieder des Nationalkomitees ist in: Prvo i drugo zasjedanje AVNOJa, S. 223, enthalten. Ebenda, S. 207. Vgl. N. Plasari, Krijimi i Partise Komuniste Shqiperise (1939—1941), Tirana 1958, S. 38. Der Provisorische Rat der Nationalen Befreiung bildete sich bald zum Generalrat der Nationalen Befreiung um. Vgl. Entschließung der Nationalen Befreiungskonferenz von Peza, 16. September 1942, in: Dokumenta te organave te larta te pushtetit revolucionar Nacional-Qlirimtar (1942-1944). Tirana 1962, Dok. 1, S. 9ff.

448

ERNSTGERT

KALBE

front nahm am 8. September 1943 eine Entschließung an, die die Konturen der entstehenden Volksmacht bereits klarer umreißt: „Die Konferenz beauftragt den neuen Generalrat: 1. Überall in Albanien Nationale Befreiungsräte zu organisieren; 2. Die Räte organisatorisch zu festigen; 3. Die Räte üben die zivile Macht in enger Zusammenarbeit mit den Kommandos unserer Nationalen Befreiungsarmee aus; 4. Das gesamte Material (der Konferenz — E. K.) soll erläutert und propagandistisch verbreitet werden. Die politisch bedeutenden Dokumente sollen vorgelesen und in allgemeinen Versammlungen sowie in den Nationalen Befreiungsräten besprochen werden; 5. Die Verbindungen und die Kontrolle im gesamten organisatorischen System der Räte müssen gefestigt werden; 6. Im Generalrat sind verschiedene Sektionen zu bilden, wie z. B. die Sektion für Inneres, die Sektion für Finanzen, für Presse und Propaganda, für Gesundheitswesen usw.; 7. Die Hilfe für die Nationale Befreiungsarmee muß erhöht, die Zusammenarbeit zwischen den Räten und unserer Nationalen Befreiungsarmee gefestigt werden." 87 Mit dem bedeutenden Kongreß der Befreiungsfront Ende Mai 1944 in Permeti wurde die Formierung der demokratischen Volksmacht, die im Feuer des antifaschistischen Kampfes entstand, im wesentlichen abgeschlossen. Der Antifaschistische Nationale Befreiungsrat faßte einen Beschluß über die Bildung eines aus 30 Personen bestehenden Präsidiums und über die Berufung eines Nationalen Befreiungskomitees von 14 Mitgliedern und legte Funktionen und Aufgaben dieser Gremien fest. „ I I . Das Präsidium des Antifaschistischen Nationalen Befreiungsrates vertritt im Namen des Rates die Souveränität des albanischen Volkes und Staates und übt seine Legislativ- und Exekutivfunktion in der Zeit zwischen den Sitzungen des Rates aus. Es legt ihm Rechenschaft über die geleistete Arbeit ab . . . V. Das Antifaschistische Nationale Befreiungskomitee ist das höchste exekutive und weisungsberechtigte Organ der Volksmacht in Albanien. Mit dem Komitee verwirklicht der Antifaschistische Nationale Befreiungsrat seine Exekutivfunktion." 8 8 Auch die Entwicklung der antifaschistischen Befreiungsbewegung des griechischen Volkes, das sich unter Führung der K P G in der Nationalen Befreiungsfront (EAM) vereinigt hatte 89 und gestützt auf die Volksbefreiungsarmee (ELAS) bewaffneten Widerstand gegen die Okkupanten leistete, drängte zur Entstehung von Keimformen einer neuen Volksmacht. Nachdem die E L A S im Herbst 1942 einige Gebiete befreit hatte und im Sommer 1943 etwa ein Drittel des griechischen Festlandes kontrollierte, stellte sich auch hier mit Notwendigkeit die Aufgabe, in den freien Territorien eine Vgl. Entschließung der zweiten Konferenz der Nationalen Befreiung, 8. September 1943, in: ebenda, Dok. 11, S. 59f. 8 9 Vgl. Beschlüsse der ersten Sitzung des Antifaschistischen Nationalen Befreiungsrates, Permeti, 26. Mai 1944, in: ebenda, Dok. 35, S. 142. 8 * Die EAM stellte zunächst ein Kampfbündnis antifaschistischer Parteien und Massenorganisationen dar, dem die K P G , die Bauernpartei, die Sozialistische Partei, die Sozialistische Arbeiterpartei, die Sozialistische Union, die Demokratische Union, die Vereinigung der Volksdemokratie, die Geistliche Union, die Volkssolidarität, die Jugendorganisation E P O N und die Gewerkschaften angehörten. Später entwickelte sich die EAM zu einer Massenorganisation, die im Herbst 1944 etwa 1,5 Mill. Mitglieder zählte. 87

Zur volksdemokratischen Revolution in Südosteuropa

449

demokratische Verwaltung zu schaffen. Deshalb arbeitete das Zentralkomitee der EAM im Dezember 1942 das erste Volksgesetzbuch über Volksselbstverwaltung und Volksgerechtigkeit aus, das die Tätigkeit der entstehenden Volksräte und Volksgerichte regelte. Artikel I verkündete die Errichtung der Volksmacht in den befreiten Gebieten und verfügte, daß die örtliche Verwaltung von fünfköpfigen Volksräten geleitet wird, die auf Volksversammlungen zu wählen sind. Der zweite Artikel bestimmte die Grundsätze der Volksgerechtigkeit, die durch Volksgerichte verwirklicht wurden. Das Gesetzbuch enthielt weiterhin eine Vielzahl von Bestimmungen über die Gründung von Komitees für Volkssicherheit, Schulbildung, Kirchenfragen usw. 90 Am 10. März 1944 wurde auf der Grundlage von Wahlen in den freien Landesteilen, an denen sich 1,8 Millionen Bürger beteiligten, das Politische Komitee der Nationalen Befreiung (PEEA) als höchstes politisches Führungsorgan der antifaschistischen Befreiungsbewegung und zugleich als provisorische Volksvertretung mit legislativen und exekutiven Befugnissen geschaffen. Dem P E E A gehörten Vertreter aller sozialen Schichten des griechischen Volkes an, davon 22 Arbeiter, 23 Bauern, 18 hohe Offiziere, 5 Industrielle, 4 Professoren, 4 Geistliche, 20 Angestellte und 59 Intellektuelle. 91 Aus dem P E E A ging ein Nationalrat hervor, der die Funktionen einer provisorischen Regierung wahrnahm. Das griechische Volk konnte indessen die Früchte seines erfolgreichen Widerstandskampfes gegen den Faschismus, seines Kampfes um eine demokratische Erneuerung Griechenlands nicht ernten. Die verheißungsvolle Entwicklung des Landes auf dem Wege zur Volksdemokratie wurde durch den Export der bewaffneten Konterrevolution seitens des englischen Imperialismus im Bündnis mit der griechischen Reaktion abgebrochen. Die im Interesse der Wahrung der nationalen Einheit von der EAM angenommenen Kompromiß-Abkommen von Libanon (20. Mai 1944) und Caserta (26. September 1944), die die Bildung einer gemeinsamen Regierung aus Vertretern des bürgerlichen Exilkabinetts und der EAM/PEEA sowie die Unterstellung der ELAS-Truppen unter den Oberbefehl des englischen Militärbefehlshabers Nahost, General Scobie, vorsahen, wurden von den reaktionären Kreisen der griechischen Bourgeoisie — gestützt auf die Hilfe britischer Bajonette — dazu benutzt, die demokratischen Kräfte des griechischen Volkes Schritt für Schritt zurückzudrängen. Bald nach ihrer Landung Mitte Oktober 1944 in Griechenland gingen die britischen Streitkräfte zu Provokationen und zur Entwaffnung von ELAS-Einheiten über und griffen sie schließlich Anfang Dezember 1944 offen an, in einem Augenblick, als sich die Volksmassen am 3./4./5. Dezember in Athen gegen den reaktionären Kurs der bürgerlichen Regierung zur Wehr setzten. 92 Churchill sprach die konterrevolutionären Ambitionen des englischen Imperialismus in dieser schicksalhaften Situation direkt aus, indem er an General Scobie 93

91 92

29

Vgl. K. Dalianis, Der Widerstandskampf des griechischen Volkes in den Jahren 1941 bis 1944, a. a. O., S. 97. Vgl. ebenda, S. 97. Vgl. ebenda, S. 99 ff.; St. Sarafis, In den Bergen von Hellas, S. 477 ff. Studien

450

EBNSTOEBT K A L B E

t e l e g r a p h i e r t e : ,,Wir m ü s s e n u n s e r e Position u n d A u t o r i t ä t in A t h e n b e h a u p t e n . . . nötigenfalls a b e r a u c h m i t B l u t v e r g i e ß e n . . . Die Niederlage der E A M ist das zu erreichende Ziel. Die B e e n d i g u n g der K ä m p f e ist d e m g e g e n ü b e r s e k u n d ä r . " 9 3 So w u r d e i m Z u s a m m e n w i r k e n v o n b r i t i s c h e m I m p e r i a l i s m u s u n d griechischer R e a k t i o n die K o n t e r r e v o l u t i o n in Marsch gesetzt, u m die d e m o k r a t i s c h e n E r r u n g e n s c h a f t e n des a n t i f a s c h i s t i s c h e n B e f r e i u n g s k a m p f e s a b z u b a u e n , ein a n t i d e m o k r a tisches H e r r s c h a f t s r e g i m e zu installieren u n d d a m i t die imperialistische A b h ä n g i g keit Griechenlands wiederherzustellen. Das griechische Beispiel s p r i c h t f ü r sich. N i c h t die verlogene B e h a u p t u n g d e r imperialistischen H i s t o r i o g r a p h i e v o m E x p o r t der R e v o l u t i o n d u r c h die S o w j e t u n i o n , vielmehr der g e w a l t s a m e E x p o r t der K o n t e r r e v o l u t i o n d u r c h d e n I m p e r i a l i s m u s e n t s p r i c h t der historischen W a h r h e i t . I m Gegensatz zu d e m in der W a s h i n g t o n e r D e k l a r a t i o n der V e r e i n t e n N a t i o n e n v o m 1. J a n u a r 1942 e r n e u t b e k r ä f t i g t e n K r i e g s z i e l p r o g r a m m der A n t i h i t l e r k o a l i t i o n , w o n a c h allen Völkern d a s R e c h t auf freie W a h l ihrer G e s e l l s c h a f t s o r d n u n g u n d R e g i e r u n g s f o r m g a r a n t i e r t wurde 9 4 , m i s c h t e n sich die imperialistischen W e s t m ä c h t e z u g u n s t e n der R e a k t i o n in die inneren Angelegenheiten der b e f r e i t e n Völker ein. Dagegen befolgte die S o w j e t u n i o n im zweiten W e l t k r i e g — getreu ihren i n t e r n a t i o n a l e n V e r p f l i c h t u n g e n — k o n s e q u e n t eine v ö l k e r b e f r e i e n d e Politik u n d schuf d u r c h die B e f r e i u n g m e h r e r e r s ü d o s t e u r o p ä i s c h e r L ä n d e r v o m d e u t s c h e n F a s c h i s m u s sowie d u r c h d e n S t u r z der faschistischen R e a k t i o n günstige innere u n d ä u ß e r e V o r a u s s e t z u n g e n f ü r die E r r i c h t u n g einer wirklich freien, d e m o k r a t i s c h e n Gesellschaftsordnung. Insofern spielte die Befreiungsmission der R o t e n A r m e e eine große Rolle f ü r d e n Ü b e r g a n g z u r v o l k s d e m o k r a t i s c h e n R e v o l u t i o n . Selbst die L ä n d e r m i t der s t ä r k s t e n n a t i o n a l e n B e f r e i u n g s b e w e g u n g , wie z. B. Jugoslawien, k o n n t e n das faschistische J o c h n i c h t o h n e die Hilfe der S o w j e t a r m e e a b s c h ü t t e l n . N a c h der g e m e i n s a m e n B e f r e i u n g Belgrads a m 20. O k t o b e r 1944 stießen die sowjetischen S t r e i t k r ä f t e tief in den R ü c k e n der d e u t s c h e n B a l k a n a r m e e vor, b e f r e i t e n U n g a r n u n d m a r s c h i e r t e n auf W i e n , ehe die jugoslawische Volksarmee die S ä u b e r u n g des L a n d e s v o n d e n faschistischen O k k u p a n t e n vollenden k o n n t e . I n d e m die S o w j e t a r m e e die faschistischen Heere u n d die m i t d e m d e u t s c h e n F a s c h i s m u s v e r b u n d e n e n K o l l a b o r a t e u r e v e r n i c h t e t e , schlug sie den r e a k t i o n ä r e n K r ä f t e n ihr s t ä r k s t e s M a c h t i n s t r u m e n t a u s der H a n d u n d k ä m p f t e den W e g f ü r eine d e m o k r a t i s c h e Z u k u n f t frei. Gehen a b e r m u ß t e n die b e f r e i t e n Völker diesen W e g selbst. „ D e r E i n m a r s c h der R o t e n A r m e e in den B a l k a n l ä n d e r n " schuf „ g ü n s t i g e B e d i n g u n g e n f ü r den K l a s s e n k a m p f , f ü r d e n A u f b a u einer n e u e n , m i t d e n i n n e r e n r e v o l u t i o n ä r e n K r ä f t e n e r r u n g e n e n , gerechter e n G e s e l l s c h a f t s o r d n u n g , f ü r die B e f r e i u u n g der w e r k t ä t i g e n Massen n i c h t n u r v o m f r e m d l ä n d i s c h e n , s o n d e r n a u c h v o m sozialen J o c h der eigenen U n t e r d r ü c k e r . " 9 5

93

94 95

W. Churchill, Der zweite Weltkrieg, Bd. VI/1, Bern 1952, S. 338 und 340. Vgl. Geschichte der internationalen Beziehungen 1939—1945, S. 150f. Geschichte des Großen Vaterländischen Krieges der Sowjetunion, Bd. 4, Berlin 1965, S. 507.

Zur volksdemokratischen Revolution in Südosteuropa

451

Diese mit den Interessen der Völker übereinstimmende Politik der UdSSR geht auch aus Erklärungen der Sowjetregierung bzw. der sowjetischen Truppenführung hervor, die am 2. April 1944 zum Überschreiten der rumänischen Grenze, am 12. April über das Waffenstillstandsangebot an Rumänien, am 7. September zum Einmarsch in Bulgarien, Anfang Oktover über die Waffenstillstandsbedingungen an Ungarn und am 27. Oktober 1944 zur Befreiung Ostungarns verlautbart wurden. In diesen Dokumenten verkündete die Sowjetregierung, daß sie nicht beabsichtigte, fremdes Territorium zu erobern oder sich in die inneren Angelegenheiten dieser Völker einzumischen. Sie verlangte vielmehr den Bruch mit Hitlerdeutschland sowie die Bestrafung der Kriegsverbrecher und betonte, daß ihre Truppen nicht als Eroberer oder Feinde, sondern als Befreier der Völker vom faschistischen Joch auftreten werden. 96 Ein überzeugendes Beispiel dafür, daß die Vertiefung der volksdemokratischen Revolution nach der Befreiung vom Faschismus von der Gestaltung des inneren Kräfteverhältnisses zwischen demokratischer Volksbewegung und reaktionären Kräften abhängig war, bietet die Entwicklung in Rumänien. Nach dem Sturz des Antonescu-Regimes durch den Volksaufstand vom 23. August 1944 nutzten die sogenannten „historischen" bürgerlichen Parteien der Nationalliberalen und Nationalzaranisten ihre Beteiligung am Nationaldemokratischen Block dazu aus, um im Bunde mit reaktionären Militärs eine Regierung mit antidemokratischer Mehrheit zu bilden, die die revolutionär-demokratische Volksbewegung aufhalten und abwürgen sollte. Die erste Sänätescu-Regierung war ein Kabinett der Generale und Beamten bürgerlich-gutsherrlicher Provenienz, in dem die Parteien des Nationaldemokratischen Blocks mit nur wenigen Ministern ohne Portefeuille vertreten waren. 97 Nachdem offensichtlich wurde, daß die reaktionäre Regierungsmehrheit nicht willens und fähig war, die dringend notwendige Demokratisierung des Landes zu bewältigen, verließen die beiden Vertreter der kommunistischen und sozialdemokratischen Partei am 18. Oktober 1944 das Kabinett. Diese Regierungskrise war Ausdruck des faktischen Zerfalls des Nationaldemokratischen Blocks, an dessen Stelle ein Bündnis der revolutionär-demokratischen Kräfte, die Nationaldemokratische Front trat, die sich auf eine breite Volksbewegung stützen konnte. 98 Nach dem von den antifaschistisch-demokratischen Kräften erzwungenen Rücktritt dieser Regierung sicherten sich die Militärs und die Parteien der Bourgeoisie in dem am 5. November 1944 gebildeten zweiten Kabinett des Generals Sänätescu nochmals eine absolute Mehrheit, 88

97

98

Vgl. ebenda, S. 95ff., 312, 439f.; siehe auch: Bulgariens Volk im Widerstand 1941—1944, Dok. 136, S. 372. Als Vertreter des Nationaldemokratischen Blocks gehörten dieser Regierung die beiden Chefs der .historischen' bürgerlichen Parteien, I. Maniu (Nationalzaranisten) und C. Bratianu (Nationalliberale) sowie je ein Minister für die beiden Arbeiterparteien an. Vgl. A. nempuKjr. Lfyi^yü, ycTaHOBJiemie h yKpenjieHHe HapoflHO-AeMOKpaTmecKoro CTpofl B PyMHHHH, Bukarest 1964, S. 36ff. Der am 12. Oktober 1944 gegründeten Nationaldemokratischen Front traten die KPR, die Sozialdemokratische Partei, die Vereinigten Gewerkschaften, die Pflügerfront, der Bund der Patrioten und der ungarische Volksbund .Madosz' bei.

29«

452

ERNSTGERT K A L B E

wenngleich die progressiven Kräfte in dieser Regierung stärkeren Einfluß als vorher besaßen. Von den insgesamt 18 Minister- und 11 Staatssekretärsposten dieser Regierung besetzten die Generale und hohen Offiziere fast ein Drittel, auf die bürgerlichen Parteien und reaktionären Beamten entfiel ein weiteres Drittel, während für die demokratischen Parteien und Organisationen das letzte Drittel der Sitze verblieb." Die demokratischen Kräfte stellten sieben Minister und drei Staatssekretäre, wovon die KPR zwei Ministerämter einnahm. Dieses Kabinett stellte trotz seiner bürgerlich-reaktionären Mehrheit insofern einen Fortschritt dar, als es der progressiven Volksbewegung die Möglichkeit bot, von unten wie von oben einen Druck auf die Regierung in Richtung auf weitere Demokratisierung des Landes auszuüben. Die hartnäckige Weigerung der Regierungsmehrheit, der mit Demonstrationen bekundeten Forderung der Volksmassen nach demokratischen Reformen Rechnung zu tragen, führte zu einer neuen Krise und zum Rücktritt des Kabinetts, das am 6. Dezember 1944 von einer dritten Regierung mit bürgerlicher Mehrheit unter dem Vorsitz von General Radescu abgelöst wurde. Die Parteien der Nationaldemokratischen Front konntenihre vorher errungenen Positionen auchin der Radescu-Regierung behaupten. In ihrem Kampf gegen die Reaktion und für demokratische Umwälzungen stützte sich die Nationaldemokratische Front, die am 24. Januar 1945 ein eigenes Regierungsprogramm beschlossen hatte, auf eine ständig anwachsende Volksbewegung sowie auf einen starken Einfluß in den unteren Verwaltungsbehörden und Präfekturen. Seit Mitte Februar wurde das Land von einer mächtigen Demonstrationswelle für die Bildung einer Regierung der Nationaldemokratischen Front erfaßt. Als die Reaktion am 24. Februar das Feuer auf eine mächtige Kampfdemonstration von 600000 Bukarester Werktätigen eröffnen ließ, waren die Stunden der Regierung des Generals Radescu gezählt. 100 Am 6. März 1945 wurde eine Regierung der Nationaldemokratischen Front gebildet, deren Amtsantritt von einer gewaltigen Massendemonstration in Bukarest begleitet wurde. Mit dieser volksdemokratischen Regierung, der 15 Minister der Nationaldemokratischen Front sowie vier Minister bürgerlicher Gruppierungen angehörten, wurde die Machtfrage endgültig zugunsten der Arbeiterklasse und Bauernschaft sowie ihrer Verbündeten gelöst. Am 6. März 1945 wurde auch in 89

100

Vgl. DZA Potsdam, Auswärtiges A m t 09.01, Sign. 60701, Pag. 8. Die wichtigsten Regierungsämter waren wie folgt besetzt: Ministerpräsident — Sänätescu (General); stellv. Ministerpräsident — P. Groza (Pflügerfront); Äußeres — C. Visoianu (Liberale P a r t e i ) ; Inneres — N. Penescu (Zaranistisehe Partei); J u s t i z — P a t r a s c a n u ( K P R ) ; Verteidigung — C. B r a t i a n u (Liberale); Staatssekretärsbereiche für Verteidigung — Stanescu, Preculescu, Roman, Vasiliu (Generale); Finanzen — Rominceanu (Liberale); W i r t s c h a f t — L a u c u t i a (Offizier); Verkehr — G. Gheorghiu-Dej ( K R P ) . Die progressiven Kräfte verfügten außer den genannten Funktionen (stellv. Ministerpräsident, Justiz, Verkehr) noch über die Ministerämter für Volksbildung, Arbeit, Gesundheits- und Sozialwesen, Minderheitenfragen sowie über Staatssekretäre im Innenministerium, Landwirtschafts- und Wirtschaftsministerium. V g l . A. nempuK/r.

I f y i f y ü , YcTaHOBJieHHe H yKpenJieHHe..., S . 5 2 f f .

Zur volksdemokratischen Revolution in Südosteuropa

453

Rumänien der Sieg über den Faschismus mit der Errichtung der Volksmacht gekrönt. 101 In Rumänien war somit im Unterschied zu anderen Ländern — trotz der Anwesenheit sowjetischer Truppen — der Sturz des faschistischen Regimes nicht unmittelbar mit dem Sieg der Volksdemokratie verbunden. Die volksdemokratische Revolution, die mit dem antifaschistischen Aufstand vom 23. August 1944 begann, beinhaltete vielmehr zunächst den Kampf um die Verdrängung der bürgerlichen Reaktion von der Macht, brachte bestimmte an eine Doppelherrschaft erinnernde Machtelemente hervor und führte erst nach einem halben J a h r zur Errichtung der revolutionärdemokratischen Herrschaft der Arbeiter und Bauern. In Bulgarien stützte sich die aus dem Volksaufstand vom 9. September 1944 hervorgegangene Volksmacht auf eine Regierung der Vaterländischen Front, der unter Vorsitz von Kimon Georgiev je vier Minister der Bulgarischen Arbeiterpartei (Kommunisten), des Bulgarischen Bauernbundes und des Zveno-Bundes 1 0 2 sowie je zwei Sozialdemokraten und Parteilose angehörten, sowie außerdem auf die überall im Lande bestehenden Komitees der Vaterländischen Front, die die höchsten örtlichen Machtorgane darstellten und von den politischen Kräften der antifaschistischen Volksbewegung beherrscht wurden. 103 Die politische Hegemonie der von den Kommunisten geführten Arbeiterklasse im volksdemokratischen Machtsystem Bulgariens, die im Bündnis mit der vom Bauernbund vertretenen Bauernschaft ausgeübt wurde, ist dabei weniger aus der Zusammensetzung der ersten Volksregierung als vielmehr aus ihrem Aktionsprogramm ersichtlich. Die Regierung machte sich das im August 1944 vom Nationalkomitee der Vaterländischen Front erlassene Manifest an das bulgarische Volk 104 zu eigen, das neben fünf außenpolitischen Aufgaben auch eine Reihe innenpolitischer Programmpunkte enthielt, die auf eine weitgreifende Demokratisierung und Umwälzung des gesamten gesellschaftlichen Lebens abzielten: „6. Wiederherstellung aller politischen Bürgerrechte und -freiheiten; 7. Abschaffung aller volksfeindlichen Ausnahmegesetze und -Verordnungen; 8. Völlige und bedingungslose Amnestie für die Kämpfer um die Freiheiten des Volkes und für die Opfer der volksfeindlichen Ausnahmegesetze; 9. Volksgericht über die an der bisher geführten katastrophalen Politik Schuldigen und über alle, die sich an den antifaschistischen Kämpfern und der friedlichen Bevölkerung in Bulgarien und den besetzten Gebieten vergangen haben; 10. Beschlagnahme des Kapitals und des Eigentums der Hitleragenten in Bulgarien und derjenigen, die sich gesetzwidrig bereichert haben; 11. Säuberung des ganzen StaatsVgl. ebenda, S. 75 ff. und 81. Der Zveno-Bund war eine 1928 gegründete politische Vereinigung von Militärs und kleinbürgerlichen Intellektuellen unter Leitung von K. Georgiev. Der Bund verfolgte eine antideutsche außenpolitische Orientierung und schloß sich 1943 der antifaschistischen Vaterländischen Front an. xo» Vgl ß. boee, MHCTOTO H POJIHTA HA O T E I E C T B E H H H (JipoHT B CACTEMA HA HAPOßHATA AeMOKpaijHH, in: CoijHaJiHCTHiecKaTa peBOJiKmiiH B BtJirapH«, Sofia 1965, S. 319ff. 104 Vgl. Bulgariens Volk im Widerstand 1941-1944, Dok. 125, S. 357f.

101 102

454

Ernstoebt Kalbe

apparates von volksfeindlichen Elementen; 12. Auflösung aller antidemokratischen Organisationen und restlose Vernichtung der autoritären Ideologie; 13. Kühne Wirtschafts-, Finanz- und Sozialreformen, Beseitigung des Spekulantentums und Abschaffung der hohen Preise; 14. Umfassende und erschwingliche Bildung für die Volksmassen, Umgestaltung des gesamten Bildungssystems auf demokratischer und wissenschaftlicher Grundlage; 15. Grundlegende Umgestaltung des Rechtswesens, erschwingliche und schnelle Rechtsprechung im Sinne des Volkes; 16. Auflösung der Volksversammlung und Durchführung freier Wahlen." 1 0 5 Da die bulgarische Bourgeoisie als Klasse sowohl politisch als auch wirtschaftlich in hohem Maße mit dem faschistischen deutschen Imperialismus verbunden war, bedeutete die Verwirklichung dieser Festlegungen einen tiefgehenden Eingriff in die Grundlagen der kapitalistischen Ordnung. Das Wesen der volksdemokratischen Umwälzung in Bulgarien charakterisierte Georgi Dimitroff auf dem V. Parteitag der BAP(K) im Dezember 1948 mit den Worten: „Der Volksaufstand vom 9. September stellte sich zwar unmittelbare demokratische Aufgaben, mußte aber das kapitalistische System unseres Landes radikal auflockern und über den Rahmen bürgerlicher Demokratie hinausgehen... Diese Besonderheit ergibt sich aus dem Umstand, daß die Liquidierung des Faschismus, die Sicherung der demokratischen Rechte der Werktätigen, deren Verankerung und Weiterentwicklung nicht ohne Eingriffe in die Herrschaft des Kapitalismus vor sich gehen kann. Denn der Faschismus ist nichts anderes als die rücksichtslose terroristische Diktatur des Großkapitals . . . Darum mußte auch der Volksaufstand vom 9. September, der die Lösung der ihrem Charakter nach demokratischen Aufgaben zugleich mit der großen nationalen Aufgabe der Teilnahme unseres Volkes am Kriege zum endgültigen Sturz Hitlers in den Vordergrund gestellt hatte, später seine ganze Schärfe gegen die Herrschaft des Großkapitals richten, er mußte ihm neue schwere Schläge versetzen und die Möglichkeit für seine Liquidierung schaffen, für die Liquidierung des kapitalistischen Systems überhaupt und für den Übergang zum Sozialismus." 106 In Ungarn prägte sich die revolutionäre Krise im Prozeß der Befreiung des Landes durch die Sowjetarmee aus 107 , die sich in drei Etappen vollzog. Während die Theißoffensive der Roten Armee zur Befreiung der Karpaten-Ukraine und Nordtranssylvaniens führte, wurde während der Kämpfe um Budapest zwischen November 1944 und Februar 1945 das Gebiet zwischen Donau und Theiß sowie ganz Nordungarn befreit und die Märzoffensive der Roten Armee in Richtung Wien kämpfte das westungarische Transdanubien frei. Die im Mai 1944 vollzogene Gründung der Ungarischen Front, der sich die KPU (Friedenspartei), die SPU, die Partei der Kleinen Landwirte, der legitimistische 1 0 5 Ebenda, S. 3 5 8. 106 G. Dimitroff, Ausgewählte Schriften, Bd. 3, S. 577f. 107 Ygj ß Szabö, Die Besonderheiten der volksdemokratischen Revolution in Ungarn 1944—1948, in: Jahrbuch für Geschichte der U d S S R und der volksdemokratischen Länder Europas, Bd. 8, Berlin 1964, S. 13ff.; siehe auch: J. Sipos, A nepi demokratikus forradalom magyarorszägi sajätossäghaihoz. Hozzäszolas nehäny vitäs kerdeshez, in: Magyar Filozöfiai Szemle, 1964, H. 1, S. 16ff.

Zur volksdemokratischen Revolution in Südosteuropa

455

D o p p e l k r e u z - V e r e i n u n d i m O k t o b e r 1944 a u c h die N a t i o n a l e B a u e r n p a r t e i 1 0 9 anschlössen, sowie die a m 10. O k t o b e r 1944 endlich a u c h g e t r o f f e n e V e r e i n b a r u n g zwischen K P U u n d S P U ü b e r die H e r s t e l l u n g der a n t i f a s c h i s t i s c h e n Arbeitereinh e i t s f r o n t s c h u f e n die s u b j e k t i v e n V o r a u s s e t z u n g e n d a f ü r , die h e r a n r e i f e n d e r e v o l u t i o n ä r e Krise f ü r die D u r c h f ü h r u n g gesellschaftlicher U m w ä l z u n g e n zu nutzen. 1 0 9 Den C h a r a k t e r der b e v o r s t e h e n d e n n a t i o n a l e n u n d d e m o k r a t i s c h e n Befreiungsr e v o l u t i o n h a t t e die P a r t e i der Arbeiterklasse bereits i m S e p t e m b e r 1944 in e i n e m A u f r u f d e f i n i e r t : „ D i e d e u t s c h e B e s e t z u n g u n d der K r i e g s e i n t r i t t unseres L a n d e s sind das W e r k der u n g a r i s c h e n R e a k t i o n , die seit vielen J a h r z e h n t e n als F r e m d k ö r p e r i m N a c k e n des u n g a r i s c h e n Volkes sitzt u n d d u r c h u n b a r m h e r z i g e n T e r r o r die überwiegende M e h r h e i t des Volkes in w i r t s c h a f t l i c h e r u n d politischer K n e c h t s c h a f t h ä l t . Diese R e a k t i o n m u ß v e r n i c h t e t w e r d e n ! U n s e r n a t i o n a l e r Befreiungsk a m p f h a t einen D o p p e l c h a r a k t e r , der u n t r e n n b a r i s t : D u r c h die V e r j a g u n g der imperialistischen d e u t s c h e n B e s a t z u n g zu einem u n a b h ä n g i g e n U n g a r n ! D u r c h d e n S t u r z der u n g a r i s c h e n R e a k t i o n zu einem d e m o k r a t i s c h e n U n g a r n !" 1 1 0 Diese g r u n d s ä t z l i c h e O r i e n t i e r u n g w u r d e zur R i c h t s c h n u r f ü r die A u s a r b e i t u n g eines detaillierten A k t i o n s p r o g r a m m s der U n g a r i s c h e n N a t i o n a l e n U n a b h ä n g i g k e i t s f r o n t 1 1 1 , die a m 2. Dezember 1944 auf b e f r e i t e m B o d e n in Szeged als Nachfolgeb e w e g u n g der U n g a r i s c h e n F r o n t gebildet w u r d e . Der v o n der K P U a m 30. N o v e m b e r v e r a b s c h i e d e t e P r o g r a m m e n t w u r f , der in die U n a b h ä n g i g k e i t s f r o n t e i n g e b r a c h t u n d v o n ihr a m 2. D e z e m b e r 1944 a n g e n o m m e n w u r d e , e n t h i e l t f ü n f H a u p t a b s c h n i t t e ü b e r politische G r u n d s ä t z e , L a n d w i r t s c h a f t s politik, W i r t s c h a f t s r e f o r m , Sozialpolitik u n d Außenpolitik. 1 1 2 I m ersten A b s c h n i t t wird z u n ä c h s t der sofortige B r u c h m i t H i t l e r d e u t s c h l a n d u n d die U n t e r s t ü t z u n g der S o w j e t a r m e e v e r l a n g t sowie die B e s t r a f u n g der Kriegsv e r b r e c h e r , die A u f l ö s u n g der faschistischen O r g a n i s a t i o n e n , die S ä u b e r u n g des S t a a t s a p p a r a t e s , die A u f h e b u n g der r e a k t i o n ä r e n Gesetze, eine d e m o k r a t i s c h e B i l d u n g s r e f o r m u n d die Sicherung der d e m o k r a t i s c h e n R e c h t e u n d F r e i h e i t e n gefordert. 1 1 3 108

Die Nationale Bauernpartei war eine revolutionär-demokratische Kleinbauernpartei im Gegensatz zur Partei der Kleinen Landwirte, die eine bürgerliche Bauernpartei darstellte und auch Teile der städtischen Mittelbourgeoisie vertrat. Da die Partei der Kleinen Landwirte, die erheblichen Einfluß besaß, die Repräsentanz der gesamten Bauernschaft beanspruchte und sich der Aufnahme der Nationalen Bauernpartei in die Ungarische Front widersetzte, verzögerte sich deren formelle Einbeziehung in die Ungarische Front bis zum Oktober 1944. 109 Vgl. R. Door, Die Politik des faschistischen Deutschlands gegenüber Ungarn 1943/44, S. 317 f. 110 A magyarorszägi munkäsmozgalom 1939—1945, Budapest 1958, S. 316f. in Vgl, d a s Programm der Ungarischen Nationalen Unabhängigkeitsfront, in: Dokumentok a magyar pärttörtenet tanulmänyozäsähoz, Bd. 5, Budapest 1955, Dok. 167, S. 242ff. "2 Vgl. ebenda. 113 Vgl. ebenda, S. 242.

456

ERNSTGERT K A L B E

Auf d e m Gebiete der L a n d w i r t s c h a f t s p o l i t i k w u r d e die D u r c h f ü h r u n g einer antiimperialistischen u n d a n t i f e u d a l e n B o d e n r e f o r m f i x i e r t : „ F ü r d e n A u f s t i e g der L a n d a r b e i t e r , K n e c h t e u n d Mägde sowie der Zwerg- u n d K l e i n b a u e r n , d e m zahlreichsten u n d ä r m s t e n Teil des u n g a r i s c h e n Volkes, u n d zur F e s t i g u n g der Basis der u n g a r i s c h e n D e m o k r a t i e m u ß in k ü r z e s t e r Zeit u n t e r T e i l n a h m e der B o d e n f o r d e r n d e n S c h i c h t e n eine t i e f g r e i f e n d e B o d e n r e f o r m d u r c h g e f ü h r t w e r d e n , d u r c h welche viele h u n d e r t t a u s e n d landlose u n d l a n d a r m e B a u e r n in d e n Besitz v o n lebensfähigen K l e i n w i r t s c h a f t e n gelangen." 1 1 4 Z u r W i r t s c h a f t s p o l i t i k w u r d e die U n t e r s t e l l u n g der K a r t e l l e u n d G r o ß b a n k e n u n t e r s t a a t l i c h e K o n t r o l l e g e f o r d e r t u n d a u ß e r d e m f e s t g e l e g t : ,,In S t a a t s e i g e n t u m zu ü b e r f ü h r e n sind die B o d e n s c h ä t z e u n d die I n d u s t r i e b e t r i e b e , bei denen die P r o f i t m a c h e r e i i m Interesse der Gesellschaft u n t e r b u n d e n w e r d e n m u ß : die K r a f t werke, die Ölquellen, die B a u x i t - , Kohle- u n d E r z g r u b e n . Das Versicherungswesen ist zu v e r s t a a t l i c h e n . " 1 1 5 D e r sozialpolitische A b s c h n i t t v e r l a n g t die E i n f ü h r u n g des A c h t s t u n d e n t a g e s , b e z a h l t e n J a h r e s u r l a u b , S c h u t z v o n F r a u e n - u n d K i n d e r a r b e i t , Lehrlingsschutz, Abschluß von Betriebskollektivverträgen, Arbeiterversicherung, Arbeitsplatzbes c h a f f u n g , s t a a t l i c h e L o h n p o l i t i k u n d S i c h e r u n g des Streikrechtes. 1 1 8 Als G r u n d l a g e f ü r die k ü n f t i g e A u ß e n p o l i t i k w u r d e n die H e r s t e l l u n g enger F r e u n d s c h a f t zur S o w j e t u n i o n u n d g u t n a c h b a r l i c h e Beziehungen m i t allen angrenz e n d e n L ä n d e r n sowie m i t d e n U S A u n d G r o ß b r i t a n n i e n bezeichnet. „ U n g a r n s d e m o k r a t i s c h e U m g e s t a l t u n g ist u n t r e n n b a r m i t einer d e m o k r a t i s c h e n A u ß e n p o l i t i k v e r b u n d e n . D a r u m m u ß m i t der sich a n den d e u t s c h e n Imperialismus a n l e h n e n d e n A u ß e n p o l i t i k gebrochen w e r d e n , die d e m L a n d in einem Viertel] a h r h u n d e r t zwei Kriegsniederlagen u n d zweimaligen n a t i o n a l e n Z u s a m m e n b r u c h b r a c h t e . W i r m ü s s e n die illusionäre Vorstellung des u n g a r i s c h e n I m p e r i a l i s m u s v o n e i n e m reaktion ä r e n G r o ß - U n g a r n a u s m e r z e n . E i n f ü r allemal m u ß m i t allen B e s t r e b u n g e n gebrochen w e r d e n , die u n t e r der fadenscheinigen L o s u n g v o n der f ü h r e n d e n Rolle U n g a r n s ' die E r l a n g u n g der H e r r s c h a f t ü b e r die Völker i m D o n a u b e c k e n z u m Ziele h a t t e n , u n d d e r e n einziges E r g e b n i s w a r , d a ß U n g a r n z u r d e u t s c h e n Kolonie u n d das ungarische Volk z u m S k l a v e n des d e u t s c h e n F a s c h i s m u s w u r d e n . G r ü n d l i c h geb r o c h e n w e r d e n m u ß m i t der a n t i s o w j e t i s c h e n P o l i t i k , die einzig u n d ausschließlich eine Folge der volksfeindlichen Politik der u n g a r i s c h e n R e a k t i o n w a r , d a s L a n d ins Verderben s t ü r z t e , u n s die g e s a m t e f o r t s c h r i t t l i c h e Menschheit zu F e i n d e n m a c h t e u n d i m schroffen Gegensatz zu d e n Interessen der u n g a r i s c h e n N a t i o n s t e h t . " 1 1 7 Abschließend w u r d e die B i l d u n g v o n N a t i o n a l k o m i t e e s in d e n S t ä d t e n u n d G e m e i n d e n vorgeschlagen, die als örtliche O r g a n e der U n g a r i s c h e n N a t i o n a l e n U n a b h ä n g i g k e i t s f r o n t alle d e m o k r a t i s c h e n u n d p a t r i o t i s c h e n K r ä f t e vereinigen u n d in d e n K a m p f u m ein d e m o k r a t i s c h e s V o l k s u n g a r n f ü h r e n sollten. 114 115 116 117

Ebenda, S. 243. Ebenda. Vgl. ebenda, S. 244. Ebenda, S. 244f.

Zur volksdemokratischen Revolution in Südosteuropa

457

In der Zeit vom 12. bis 20. Dezember 1944 entstanden in den befreiten Städten und Dörfern demokratische Nationalkomitees, die auf öffentlichen Versammlungen insgesamt 230 Abgeordnete, darunter 72 Kommunisten, für die provisorische Nationalversammlung wählten. Am 21. Dezember 1944 konstituierte sich in der Reformierten Großkirche von Debrecen an historischer Stelle, wo das ungarische Parlament am 14. April 1849 auf Antrag Kossuths die Habsburger entthront und die Republik ausgerufen hatte, die Provisorische Nationalversammlung Ungarns. Nach der Annahme des Programms der Unabhängigkeitsfront wählte die Nationalversammlung eine Provisorische Regierung und ernannte den parteilosen General Béla Miklós zum Ministerpräsidenten. Diese Regierung, der neben drei Kommunisten, zwei Sozialdemokraten und einem Mitglied der Nationalen Bauernpartei auch zwei Vertreter der Partei der Kleinen Landwirte und drei Parteilose angehörten, verkörperte die unter Führung der Arbeiterklasse im Bündnis mit der Bauernschaft und anderen Schichten errichtete volksdemokratische Macht. 118 Auf diese Macht traf exakt die 1905 von W. I. Lenin im Zusammenhang mit der bürgerlich-demokratischen Revolution in Rußland getroffene Charakteristik der revolutionär-demokratischen Diktatur zu: „Wer ,provisorische revolutionäre Regierung' sagt, der betont die staatsrechtliche Seite der Sache, die Entstehung der Regierung nicht aus dem Gesetz, sondern aus der Revolution, den provisorischen Charakter der Regierung, die an die künftige konstituierende Versammlung gebunden ist. Aber mag die Form, mag die Entstehung, mögen die Bedingungen sein wie sie wollen, es ist jedenfalls klar, daß die provisorische revolutionäre Regierung nicht umhinkann, sich auf bestimmte Klassen zu stützen. Es genügt, sich dieser Binsenwahrheit zu erinnern, um einzusehen, daß die provisorische Regierung nichts anderes sein kann als die revolutionäre Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft." 1 1 8 Auf diese Weise ging die volksdemokratische Revolution aus dem antifaschistischen Widerstandskampf, aus dem Kampf um die Verteidigung, Erneuerung und Vertiefung der Demokratie, aus dem Kampf um die nationale Befreiung hervor. Das Verhältnis der Klassenkräfte zu Beginn der Revolution und dessen weitere Entwicklung sowie die Spezifik der volksdemokratischen Revolution wurden weitgehend von Faktoren bestimmt, die sich im Verlauf des antifaschistischen nationalen Befreiungskampfes herausgebildet hatten. Die sich ständig festigende Hegemonie der Arbeiterklasse in Résistance und Revolution, die auf die volksdemokratische Umwälzung gerichtete Strategie und Taktik der marxistisch-leninistischen Parteien, die relative Schwäche der Bourgeoisie und die völkerbefreiende Rolle der Sowjetunion waren die wesentlichsten Faktoren, die die Volksmassen in den Ländern Südosteuropas befähigten, die objektiven Möglichkeiten am Ende des zweiten Weltkrieges für den Übergang zur volksdemokratischen Revolution subjektiv zu nutzen. 120 Vgl. B. Szabó, F o r r a d a l m u n k s a j â t o s s â g a i 1944—1948, B u d a p e s t 1962. W. I. Lenin, Die revolutionäre demokratische D i k t a t u r des Proletariats und der B a u e r n schaft, in: Lenin, Werke, B d . 8, Berlin 1958, S. 295. 120 y g ] Q Fuchs/E. KalbejE. Seeber, Die volksdemokratische Revolution in den L ä n d e r n Ost- und S ü d o s t e u r o p a s , a. a. O., S. 206f.

118

lw

GÜNTER BENSER, BERLIN

Grundzüge des revolutionären Übergangsprozesses vom Kapitalismus zum Sozialismus in der Deutschen Demokratischen Republik W e n n in diesem B e i t r a g der Versuch u n t e r n o m m e n wird, G r u n d z ü g e des revolution ä r e n Übergangsprozesses v o m K a p i t a l i s m u s z u m Sozialismus h e r a u s z u a r b e i t e n , wie er sich auf d e m Boden der D e u t s c h e n D e m o k r a t i s c h e n R e p u b l i k vollzogen h a t , so ist es u n e r l ä ß l i c h darauf hinzuweisen, d a ß dies i m R a h m e n eines A u f s a t z e s n u r in sehr k o n z e n t r i e r t e r F o r m , auf einer h o h e n S t u f e der Verallgemeinerung des komplizierten realen historischen Prozesses möglich ist. A u s f ü h r l i c h dargelegt ist dieser historische P r o z e ß in den B ä n d e n 6 bis 8 der „ G e s c h i c h t e der d e u t s c h e n A r b e i t e r b e w e g u n g " . 1 Sie v e r b i n d e n die S c h i l d e r u n g des geschichtlichen Verlaufs des revolut i o n ä r e n U m w ä l z u n g s p r o z e s s e s m i t der Analyse der historischen R e s u l t a t e u n d Erfahrungen. Die i n t e n s i v e B e s c h ä f t i g u n g m i t den L e h r e n der d e u t s c h e n Geschichte, speziell m i t den E r f a h r u n g e n des sozialistischen A u f b a u s u n t e r den B e d i n g u n g e n der weltweiten A u s e i n a n d e r s e t z u n g zwischen I m p e r i a l i s m u s u n d Sozialismus h a t sich als ein f ü r die erfolgreiche L ö s u n g der P r o b l e m e der gesellschaftlichen P r a x i s notwendiges u n d d e n gesellschaftlichen F o r t s c h r i t t beschleunigendes E l e m e n t erwiesen. G e r a d e in den l e t z t e n J a h r e n w u r d e n d u r c h die gründliche t h e o r e t i s c h e A r b e i t der F ü h r u n g der Sozialistischen E i n h e i t s p a r t e i D e u t s c h l a n d s u n d der Gesellschaftswissenschaftler der D e u t s c h e n D e m o k r a t i s c h e n R e p u b l i k wertvolle neue E r k e n n t n i s s e ü b e r den Ü b e r g a n g s p r o z e ß v o m K a p i t a l i s m u s z u m Sozialismus u n d ü b e r das W e s e n der sozialistischen G e s e l l s c h a f t s f o r m a t i o n gewonnen. 2 Andererseits h a b e n die m a s s i v e n Versuche der imperialistischen G l o b a l s t r a t e g e n , in das sozialistische Lager e i n z u b r e c h e n , auf d e m W e g e der o f f e n e n u n d der schleic h e n d e n K o n t e r r e v o l u t i o n die sozialistische G e s e l l s c h a f t s o r d n u n g zu u n t e r h ö h l e n u n d zu s t a a t s m o n o p o l i s t i s c h e n S y s t e m e n zu t r a n s f o r m i e r e n , den K l a s s e n c h a r a k t e r u n d das i n t e r n a t i o n a l i s t i s c h e W e s e n des Sozialismus s c h ä r f e r h e r v o r t r e t e n lassen. Vor allem die Ereignisse in der ÖSSR h a b e n u n s gelehrt, bei der B e u r t e i l u n g des Wechselverhältnisses zwischen allgemeingültigen P r i n z i p i e n u n d n a t i o n a l e n Besond e r h e i t e n h ö c h s t e s V e r a n t w o r t u n g s b e w u ß t s e i n a n den T a g zu legen. 1 2

Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung in acht Bänden, Bd. 6—8, Berlin 1966. Wir verweisen besonders auf die Internationalen wissenschaftlichen Sessionen zum 100. Geburtstag des Erscheinens des ersten Bandes des „Kapitals" und zum 150. Geburtstag von Karl Marx sowie auf die Analysen des VII. Parteitages der SED.

Der revolutionäre Übergang zum Sozialismus in der DDR

459

Der Ü b e r g a n g v o m K a p i t a l i s m u s z u m Sozialismus ist die historische G r u n d t e n d e n z u n s e r e r d u r c h die Große Sozialistische O k t o b e r r e v o l u t i o n eingeleiteten E p o c h e . J e weiter die sozialistischen L ä n d e r auf d e m W e g e der V o l l e n d u n g des Sozialismus beziehungsweise des Ü b e r g a n g s z u m K o m m u n i s m u s v o r a n s c h r e i t e n , d e s t o s t ä r k e r zeigt sich die Vielfalt der P r o b l e m a t i k u n d die ganze K o m p l i z i e r t h e i t des A u f b a u s der klassenlosen Gesellschaft u n t e r den B e d i n g u n g e n der w e l t w e i t e n A u s e i n a n d e r s e t z u n g m i t d e m I m p e r i a l i s m u s u n d den gesteigerten A n f o r d e r u n g e n der wissenschaftlich-technischen Revolution. In der D e u t s c h e n D e m o k r a t i s c h e n R e p u b l i k wie a u c h in a n d e r e n sozialistischen L ä n d e r n f ü h r t e der W e g v o m K a m p f u m eine a n t i i m p e r i a l i s t i s c h - d e m o k r a t i s c h e O r d n u n g ü b e r die E r r i c h t u n g der D i k t a t u r des P r o l e t a r i a t s zur D u r c h s e t z u n g sozialistischer P r o d u k t i o n s v e r h ä l t n i s s e u n d schließlich zur A u s g e s t a l t u n g des Sozialismus als eine r e l a t i v selbständige Gesellschaftsordnung, als entwickeltes gesellschaftliches S y s t e m des Sozialismus. N a t ü r l i c h k a n n diese G e s a m t p r o b l e m a t i k n i c h t G e g e n s t a n d eines A u f s a t z e s sein. In i h r e m g r u n d l e g e n d e n sozialökonomischen u n d politischen I n h a l t s t i m m t die r e v o l u t i o n ä r e U m w ä l z u n g in D e u t s c h l a n d m i t d e n r e v o l u t i o n ä r e n U m g e s t a l t u n g e n in d e n a n d e r e n , n a c h 1945 in E u r o p a e n t s t a n d e n e n sozialistischen S t a a t e n ü b e r e i n . E s gibt a b e r einen wesentlichen Unterschied, auf d e n schon eingangs hingewiesen werden m u ß . B e k a n n t l i c h f ü h r t e die E n t w i c k l u n g n a c h d e m zweiten W e l t k r i e g z u r H e r a u s b i l d u n g v o n zwei d e u t s c h e n S t a a t e n gegensätzlicher G e s e l l s c h a f t s o r d n u n g . Die E x i s t e n z zweier d e u t s c h e r S t a a t e n w a r j e d o c h n i c h t A u s g a n g s p u n k t der d e u t s c h e n Nachkriegsgeschichte, s o n d e r n R e s u l t a t der K l a s s e n k ä m p f e der J a h r e 1945 bis 1949 in D e u t s c h l a n d u n d der A u s e i n a n d e r s e t z u n g zwischen I m p e r i a l i s m u s u n d Sozialismus im W e l t m a ß s t a b . Die r e v o l u t i o n ä r e d e u t s c h e A r b e i t e r b e w e g u n g h a t t e sich n a c h der B e f r e i u n g D e u t s c h l a n d s v o m H i t l e r f a s c h i s m u s d a s Ziel gesetzt, in ganz D e u t s c h l a n d eine d e m o k r a t i s c h e E r n e u e r u n g zu vollziehen u n d — v o m B o d e n einer antifaschistischd e m o k r a t i s c h e n R e p u b l i k aus — den K a m p f u m d e n Sozialismus, das h e i ß t u m d e n Ü b e r g a n g der g a n z e n d e u t s c h e n N a t i o n v o m K a p i t a l i s m u s z u m Sozialismus zu f ü h r e n . Der Sozialismus w a r j e d o c h d a m a l s n i c h t das Nahziel, s o n d e r n das Fernziel der m a r x i s t i s c h e n d e u t s c h e n A r b e i t e r p a r t e i . Als G e g e n w a r t s a u f g a b e s t a n d die S c h a f f u n g einer einheitlichen a n t i f a s c h i s t i s c h - d e m o k r a t i s c h e n d e u t s c h e n R e p u b l i k m i t w e i t g e h e n d e n sozialen u n d politischen R e c h t e n f ü r d a s w e r k t ä t i g e Volk. Den W e r t des d e u t s c h e n Imperialismus als S t o ß t r u p p der W e l t r e a k t i o n gegen d e n Sozialismus in E u r o p a k e n n e n d , schlugen die in d e n westlichen B e s a t z u n g s z o n e n k o n z e n t r i e r t e n K r ä f t e des d e u t s c h e n M o n o p o l k a p i t a l s i m Z u s a m m e n w i r k e n m i t den imperialistischen B e s a t z u n g s m ä c h t e n m i t der R e s t a u r a t i o n des s t a a t s m o n o p o l i stischen K a p i t a l i s m u s in W e s t d e u t s c h l a n d d e n W e g der S p a l t u n g D e u t s c h l a n d s ein. Die B i l d u n g eines w e s t d e u t s c h e n S e p a r a t s t a a t e s als letztes Glied in einer langen K e t t e v o n S p a l t u n g s m a ß n a h m e n besiegelte die s t a a t l i c h e Zweiteilung D e u t s c h l a n d s , u n d der B e i t r i t t W e s t d e u t s c h l a n d s zur N A T O i m J a h r e 1955 z e r s t ö r t e schließlich die l e t z t e n H o f f n u n g e n auf eine baldige Ü b e r w i n d u n g dieser S p a l t u n g d u r c h die

460

Günter Benser

Vereinigung der beiden deutschen Staaten zu einem neutralisierten, demokratischen, einheitlichen deutschen Friedensstaat. Die Problematik des Ubergangs vom Kapitalismus zum Sozialismus hat in bezug auf Deutschland mithin zwei Aspekte: Einmal handelt es sich um die Erfahrungen, die in einem der hochindustrialisierten Stammländer des Imperialismus mit einer sehr fortgeschrittenen sozialökonomischen Struktur beim Übergang zum Sozialismus gesammelt wurden. Der andere Aspekt ergibt sich aus der Tatsache, daß nicht die ganze deutsche Nation gleichzeitig den Übergang vom Kapitalismus zum Sozialismus vollzog, daß die weltweite Auseinandersetzung zwischen Imperialismus und Sozialismus, zwischen den Hauptklassen unserer Epoche, in Deutschland als Auseinandersetzung zwischen den beiden deutschen Staaten und als Klassenauseinandersetzung innerhalb der westdeutschen Bundesrepublik ausgetragen wird. Diese Auseinandersetzung war zu verschiedenen Zeiten mit unterschiedlichen Zielen und verschiedenartigen Aufgaben und Stufen der sozialökonomischen Umwälzung im Osten Deutschlands verbunden. Wenn sich dieser Aufsatz auf einige Gedanken zu dem erstgenannten Aspekt konzentriert, so ist das eine im Interesse der Darlegung und vom Umfang dieses Beitrages her zweckmäßige Einschränkung, die aber zugleich eine Reduzierung des historischen Gesamtverlaufs auf einige zentrale Fragen und damit eine gewisse Vergröberung darstellt. Dessen muß man sich beim Lesen bewußt sein. Der erste und wichtigste Grundzug unserer Revolution besteht darin, daß sie Teil des weltweiten revolutionären Übergangsprozesses vom Kapitalismus zum Sozialismus ist, der durch die Große Sozialistische Oktoberrevolution eingeleitet wurde und in der Sowjetunion seine Vorhut besitzt. Die Weltbedeutung der Oktoberrevolution besteht darin, daß sie nicht nur die für das zaristische Rußland bestimmenden Widersprüche löste, sondern Widersprüche beseitigte, die für die Epoche des Imperialismus überhaupt typisch sind. Deshalb konnte sie auch die grundsätzlichen Lösungswege für alle gegen den Imperialismus kämpfenden Völker weisen. Bei allen nationalen Verschiedenheiten ging es in Deutschland wie in Rußland schließlich und endlich darum, den grundlegenden Widerspruch zwischen den Ausbeutungsund Eroberungsinteressen einer kleinen Minderheit von Monopolkapitalisten und dem Streben der Volksmassen nach Frieden, Demokratie und sozialer Gerechtigkeit aufzuheben. 3 „Während alle wie immer auch gearteten Bestrebungen, einen sogenannten dritten Weg zwischen Kapitalismus und Sozialismus beschreiten zu wollen, scheiterten, erwies sich der unter der Führung der KPdSU nach den Grundvorstellungen von Marx, Engels und Lenin von den Volksmassen der Sowjetunion revolutionär verwirklichte Sozialismus als Leuchtturm für die ganze Gesellschaft. Die aus der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution hervorgegangene Staats- und Gesell3

Vgl. G. Benser/G. HortzschanskyjK. Mammach, Die Lehren der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution und ihre Bedeutung für den Weg der deutschen Arbeiterklasse zur Macht, in: Die Große Sozialistische Oktoberrevolution und Deutschland, Berlin 1967, S. 5 - 8 4 .

Der revolutionäre Übergang z u m Sozialismus in der D D R

461

schaftsordnung wurde zum Grundmodell der ausbeutungsfreien, sozialistischen Gesellschaft." 4 Bürgerliche Ideologen aller Schattierungen werden nicht müde, zwischen der Anerkennung des sowjetischen Grundmodells des Sozialismus und der schöpferischen Meisterung der Probleme des Übergangs vom Kapitalismus zum Sozialismus unter den jeweiligen nationalen Bedingungen einen unüberbrückbaren Gegensatz zu konstruieren. Ob solche Versuche in platter antikommunistischer Hetze steckenbleiben oder ob sie auf dem wissenschaftlichen Vokabular der bürgerlichen Soziologen einherstelzen, dahinter steht immer die mehr oder weniger deutliche Absicht, den bürgerlichen Nationalismus gegen den proletarischen Internationalismus zu mobilisieren, den Sozialismus an seinem Lebensnerv, der unerschütterlichen Verbundenheit mit der sozialistischen Sowjetunion, zu treffen. Ohne Selbstüberschätzung dürfen wir sagen: Die Erfahrungen, die in der Deutschen Demokratischen Republik beim Übergang vom Kapitalismus zum Sozialismus gesammelt wurden, unterstreichen nachhaltig, daß die Orientierung am sowjetischen Beispiel und das Suchen nach solchen Wegen und Methoden, die den spezifischen Bedingungen im eigenen Lande entsprechen, einander bedingen. Das läßt sich nicht nur am vollzogenen revolutionären Übergangsprozeß nachweisen, das ist auch aus allen zeitgenössischen Dokumenten ablesbar. Die Synthese zwischen dem Grundmodell des Sozialismus und der Schaffung und Ausgestaltung des sozialistischen Gesellschaftssystems gemäß den gegebenen Bedingungen wurde in Theorie und Praxis erzielt. 5 Als sich im April 1946 die Kommunistische Partei Deutschlands und die Sozialdemokratische Partei Deutschlands zur Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands vereinigten, geschah dies auf der Grundlage eines Programms, das neben der Fixierung der unmittelbaren strategischen Aufgabe, der Schaffung einer antifaschistisch-demokratischen Republik, auch eine bei aller Gedrängtheit wissenschaftlich präzise, bis heute gültige sozialistische Zielvorstellung enthielt. In den „Grundsätzen und Zielen der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands" wurde von einer konsequenten marxistischen Sozialismusdefinition ausgegangen. Die Partei erklärte sich für das gesellschaftliche Eigentum an Produktionsmitteln. Sie bekannte sich zur Eroberung der politischen Macht durch die Arbeiterklasse und zum Bündnis mit der Bauernschaft und den übrigen Werktätigen. Sie betonte, daß sie den Kampf um den Sozialismus auf dem Boden der demokratischen Republik führen wollte, und verwies auf die Möglichkeit eines friedlichen Übergangs zum Sozialismus. Zugleich unterstrich sie aber auch ihre Entschlossenheit, die Mittel der 4

W. Ulbricht, Die Bedeutung und die Lebenskraft der Lehren v o n Karl Marx für unsere Zeit. Internationale Wissenschaftliche Session des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands: 150. Geburtstag v o n Karl Marx, Berlin 2. bis 4. Mai 1968, Berlin 1968, S. 9.

5

Zur Entwicklung der sozialistischen Zielvorstellungen u n d der theoretischen Analyse der sozialistischen Gesellschaftsordnung durch die S E D vgl. H. Fiedler ¡K. Reißig/W. Teumer, Die Entwicklung des Sozialismusbildes der S E D . Zum 75. Geburtstag Walter Ulbrichts, in: ZfG, Jg. 1968, H. 6, S. 6 9 3 - 7 1 4 .

462

GÜNTER B E N S E R

revolutionären Gewalt einzusetzen, wenn sich die Bourgeoisie dem werktätigen Volk mit der konterrevolutionären Gewalt entgegenstellt. Die SED bekannte sich zum proletarischen Internationalismus und hob die Bedeutung der Partei der Arbeiterklasse als der führenden Kraft der gesellschaftlichen Umgestaltung hervor. 8 Das waren Grundsätze ,die den von Marx und Engels verfaßten oder beeinflußten revolutionären Programmdokumenten der deutschen Arbeiterbewegung entstammten. Das war aber zugleich auch die programmatische Fixierung der in der Sowjetunion zur gesellschaftlichen Realität gewordenen Prinzipien, Prinzipien, die von den kommunistischen und Arbeiterparteien seither immer wieder bekräftigt worden sind. 7 Wenn es in der DDR möglich war, in verschiedenen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens neue Lösungswege zu beschreiten, so nur deshalb, weil es in den Grundfragen immer klare Positionen gab, vor allem was die führende Rolle der Arbeiterklasse, die Rolle der marxistisch-leninistischen Partei als lenkende und leitende Kraft der Gesellschaft und die Rolle der sozialistischen Staatsmacht als Hauptinstrument des sozialistischen Aufbaus betrifft. Waren die grundlegenden gesellschaftlichen Widersprüche und die Aufgaben beim Übergang vom Kapitalismus zum Sozialismus in den verschiedenen Ländern wesensgleich, so gab es hinsichtlich der realen Bedingungen, unter denen die Probleme des gesellschaftlichen Fortschritts zu lösen waren, erhebliche Unterschiede. Für unsere Entwicklung waren vor allem folgende durch die allgemeine historische Situation und durch die nationale Entwicklung bedingten Gegebenheiten charakteristisch : 8 Die erste und wesentlichste Bedingung für den Erfolg der sozialistischen Kräfte in Deutschland war das im Ergebnis des zweiten Weltkrieges sichtbar gewordene 6

7

8

Vgl. Revolutionäre deutsche Parteiprogramme. Vom Kommunistischen Manifest zum Programm des Sozialismus, hrsg. u. eingel. von L. Berthold und E. Diehl, Berlin 1964, S. 205 ff. Vgl. Erklärung der Beratung von Vertretern der kommunistischen und Arbeiterparteien deT sozialistischen Länder, die vom 14. bis 16. November 1957 in Moskau stattfand, Berlin 1957. — Erklärung der Beratung von Vertretern der kommunistischen und Arbeiterparteien, November 1960, Berlin 1961. — Erklärung der kommunistischen und Arbeiterparteien sozialistischer Länder, Bratislava 1968, in: Neues Deutschland (B), 4. August 1968. Bei den hier genannten Faktoren handelt es sich nicht generell um nationale Besonderheiten. Teilweise treffen sie auf alle europäischen Länder zu, die nach 1945 den Weg des Sozialismus beschritten haben, teilweise auf jene volksdemokratischen Länder, die eine ähnliche sozialökonomische Struktur aufzuweisen hatten, und nur in einigen Punkten handelt es sich um ausschließlich für die deutsche Entwicklung typische Erscheinungen. In richtiger Einschätzung dieser Tatsache und den Gefahren nationalistischer und opportunistischer Interpretationen vorbeugend, distanzierte sich deshalb die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands frühzeitig von allen Theorien eines „besonderen deutschen Weges zum Sozialismus". Hierzu G. Benser, Über den friedlichen Charakter der revolutionären Umwälzung in Ostdeutschland, in: BzG., Jg. 1965, H. 2, S. 189—220.

Der revolutionäre Ü b e r g a n g z u m Sozialismus in der D D R

463

neue Kräfteverhältnis in nationalem und internationalem Rahmen. Der Sieg der Antihitlerkoalition über den Hitlerfaschismus war nicht nur die Zerschlagung des gefährlichsten Aggressors, sondern zugleich ein Triumph des Sozialismus über den Imperialismus, denn in dem gewaltigen Kräftemessen des zweiten Weltkrieges, in dem die Sowjetunion die Hauptlast trug, hatte der erste sozialistische Staat der Weltgeschichte seine Überlegenheit über die bestorganisierte imperialistische Militärmacht demonstriert. Im Ergebnis des zweiten Weltkrieges wuchs der Einfluß der Sowjetunion und damit der Einfluß des Sozialismus auf die Weltpolitik sprunghaft an. Das sozialistische Lager bildete sich heraus. Die internationale Arbeiterbewegung erlebte in ihren nationalen Abteilungen wie in ihren internationalen Organisationen einen nie dagewesenen Aufschwung. Dieser Kraftentfaltung des Sozialismus stand eine tiefe Krise des Imperialismus gegenüber, die in der zeitweiligen Ausschaltung des deutschen, italienischen und japanischen Imperialismus aus dem Konzert der führenden imperialistischen Mächte und im sich beschleunigenden Zerfall des imperialistischen Kolonialsystems seinen sichtbarsten Ausdruck fand. In Deutschland traten die neuen Momente des internationalen Kräfteverhältnisses in zugespitzter Form in Erscheinung. Einerseits hatte die Zerschlagung des Hitlerfaschismus den deutschen Imperialismus in eine tiefe Krise gestürzt und günstige Bedingungen für die Machtentfaltung der demokratischen Kräfte geschaffen, andererseits standen sich auf deutschem Boden die Hauptkräfte unserer Epoche unmittelbar gegenüber. Mit der Sowjetunion hatte eine Armee Besatzungsfunktionen in Deutschland übernommen, die auf der völkerrechtlichen Grundlage des Potsdamer Abkommens den demokratischen Kräften des deutschen Volkes selbstlose Hilfe beim demokratischen Neuaufbau erwies und als Vermittler der reichen Erfahrungen des Sowjetstaates auftrat. Demgegenüber zeigte sich in der westlichen Besatzungspolitik bald, daß extrem antikommunistische Politiker den bestimmenden Einfluß auf die Politik der Westmächte erlangten. Sie waren bereit, dem deutschen Monopolkapital zu Hilfe zu eilen, ihm den Übergang von der Kriegsniederlage in die Nachkriegsperiode zu ermöglichen, um den deutschen Imperialismus als Speerspitze gegen den Sozialismus intakt zu halten. 9 Hatte sich schon während der Novemberrevolution gezeigt, daß die revolutionären Kräfte nicht nur auf den erbitterten Widerstand der eigenen Reaktion, sondern auf die Front der imperialistischen Weltreaktion stießen, so trat diese sich aus der historischen, politischen und geographischen Stellung Deutschlands ergebende Tatsache nach dem zweiten Weltkrieg noch schärfer hervor. 10 Von wesentlicher Bedeutung war für den Übergang vom Kapitalismus zum Sozialismus auf dem Boden der DDR selbstverständlich die sozial-ökonomische Ausgangsposition. In der Deutschen Demokratischen Republik wurde die jahrzehntelang 9

10

Wie diese Politik, die zur S p a l t u n g Deutschlands und z u m Wiedererstehen von Imperialismus und Militarismus in Westdeutschland führte, betrieben wurde, kann nicht Gegens t a n d dieses Beitrages sein. Vgl. hierzu R. Badstübner/S. Thomas, Die S p a l t u n g Deutschlands 1 9 4 5 - 1 9 4 9 , Berlin 1966. Vgl. Benser/HortzschanskyjMammach,

a. a. 0 . , S. 9 f .

464

Güktek Benser

strapazierte Behauptung imperialistischer und sozialdemokratischer Ideologen, daß der Leninismus und das sowjetische Sozialismusmodell für rückständige Länder gewissen Wert haben möge, für hochentwickelte Industriegesellschaften aber unannehmbar sei, in der Praxis widerlegt. Was verbirgt sich hinter dem Begriff hochindustrialisiertes Land? Zuerst und vor allem bedeutet das natürlich, daß wir beim Aufbau einer antifaschistisch-demokratischen Ordnung und später bei der Errichtung des Sozialismus von einem hohen Niveau der Entwicklung der Produktivkräfte ausgehen konnten. Das bezieht sich nicht nur auf den Stand der Industrie, des Verkehrswesens und der Landwirtschaft, sondern — und das war noch bedeutsamer — auf das Vorhandensein einer qualifizierten Facharbeiterschaft, einer leistungsfähigen Wissenschaft, auf die Fähigkeiten und Fertigkeiten bei der Beherrschung entscheidender Produktionsprozesse. Es hat sich gezeigt, daß trotz des höheren Grades der Kriegszerstörung und Kriegsfolgen, trotz der starken — durch die Spaltung Deutschlands herbeigeführten — Deformation der Volkswirtschaft, trotz der pausenlosen ökonomischen Störungen durch den imperialistischen Klassengegner die DDR eine günstigere ökonomische Ausgangsposition besessen hat als die weniger in Mitleidenschaft gezogenen, aber auch weniger entwickelten Volkswirtschaften osteuropäischer Agrar- Industrieländer. War Deutschland in seiner materiell-technischen Entwicklung ein hochindustrialisiertes Land gewesen, so war es sozialökonomisch ein Land mit einem hochorganisierten staatsmonopolistischen Kapitalismus. Das hatte für den Übergang zum Sozialismus positive und negative Seiten. Positiv war ohne Zweifel, die hohe Konzentration und Organisation der Produktion. Nachdrücklich hatte W. I. Lenin unterstrichen, daß der staatsmonopolistische Kapitalismus ,,die vollständige materielle Vorbereitung des Sozialismus, seine unmittelbare Vorstufe"11 ist. Dem standen aber gewichtige negative Erscheinungen gegenüber, die gerade für hochentwickelte Länder den Übergang zum Sozialismus erschweren. Die hochorganisierte und konzentrierte Produktion liegt im staatsmonopolistischen Kapitalismus in den Händen einer dank ihrer ökonomischen Macht das Leben der ganzen Gesellschaft beherrschenden Monopolbourgeoisie. Diese hatte sich in Deutschland in Gestalt des Hitlerfaschismus den damals perfektioniertesten Machtapparat ausgebaut. Die deutsche Monopolbourgeoisie war nicht nur äußerst brutal, sondern auch raffiniert und sehr erfahren in der Machtausübung. Bereits nach dem ersten Weltkrieg hatte sie es verstanden, sich gegen den Ansturm der Volksmassen zu behaupten und aus der Kriegsniederlage den Übergang in die Nachkriegszeit zu finden. Die sozialökonomische Reife fand auch ihren Ausdruck in einer entsprechenden Klassensituation, charakterisiert durch eine zahlenmäßig starke Arbeiterklasse und eine im Vergleich zu Agrarländern entsprechend schwächere Bauernschaft. Typisch war der hohe Anteil der städtischen Mittelschichten — Intellektuelle, Handwerker, Gewerbetreibende, Händler — an der Bevölkerungsstruktur, der den prozentualen Anteil der Bauernschaft noch übertraf. Den werktätigen Schichten stand eine trotz 11

W. I. Lenin, Werke, Bd. 25, Berlin 1960, S. 370.

Der revolutionäre Übergang zum Sozialismus in der D D R

465

der Krise des Imperialismus noch starke, aber in sich sehr differenzierte Bourgeoisie gegenüber, deren extrem reaktionäre und tonangebende Spitze die mit dem Junkert u m versippte Monopolbourgeoisie bildete. 12 Mit materiellen und ideologischen Mitteln hatte die herrschende Klasse auch viele Vertreter anderer Klassen und Schichten an sich gebunden. Die imperialistische Ideologie, vor allem der Antikommunismus, hatte einen tiefen Einbruch in das werktätige Volk, bis weit hinein in die Arbeiterklasse erzielt. In der deutschen Arbeiterbewegung bestand seit Jahrzehnten eine ausgeprägte opportunistische Strömung. Dieses Kräfteverhältnis der Klassen waren neben anderen Faktoren die entscheidende Ursache, weshalb die deutsche Arbeiterklasse nicht in einem Sprung zum Sozialismus gelangen konnte, weshalb dem Übergang zum Sozialismus eine eigenständige demokratische Revolution vorausghen mußte. Die Tatsache, daß auf dem Territorium der Deutschen Demokratischen Republik der Übergang vom Kapitalismus zum Sozialismus auf dem Wege zweier Revolutionen erfolgte, ist ein weiterer Grundzug unserer revolutionären Entwicklung. Es zeichnen sich drei große Stadien ab: Die antifaschistisch-demokratische Revolution, die sozialistische Revolution und die Ausgestaltung des Sozialismus zum entwickelten gesellschaftlichen System. Wenn man unter Übergangsperiode vom Kapitalismus zum Sozialismus die Errichtung der politischen Herrschaft der Arbeiterklasse, die Schaffung sozialistischer Produktionsverhältnisse und den Sieg der sozialistischen Ideologie und Kultur über die bürgerliche versteht, so sind unsere antifaschistisch-demokratische Revolution und die sozialistische Revolution in diese Übergangsperiode eingeschlossen. Auf der Internationalen Wissenschaftlichen Session zum 110. Jahrestag des Erscheinens des ersten Bandes des Hauptwerkes von Karl Marx „Das Kapital" erklärte Walter Ulbricht: „Wenn wir den geschichtlichen Prozeß von der Entstehung der Elemente des Sozialismus in der antifaschistisch-demokratischen Ordnung bis zur Gegenwart betrachten, so zeichnen sich zwei Phasen der Entwicklung ab. In der ersten Phase wurden die Grundlagen des Sozialismus geschaffen durch den schrittweisen Übergang der Produktionsmittel in die Hände des Volkes, durch die Organisierung der Planwirtschaft, durch die allmähliche Entwicklung der landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften, der Handwerkerproduktionsgenossenschaften und der Betriebe mit staatlicher Beteiligung, der sozialistischen Formen des Handels sowie durch wichtige Bildungsreformen. Diese Phase endete mit dem Sieg der sozialistischen Produktionsverhältnisse, mit dem das System der ökonomischen Gesetze des Sozialismus voll wirksam wurde. In der zweiten Phase geht es darum, das entwickelte gesellschaftliche System des Sozialismus zu gestalten, dessen Kenstück das ökonomische System des Sozialismus ist und zu dem auch das sozialistische Bildungssystem gehört." 1 3 15

13

30

Eine ausführliche Klassenanalyse ist zu finden in: Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, Bd. 6, S. 29—38. W. Ulbricht, Die Bedeutung des Werkes „Das Kapital" von Karl Marx für die Schaffung des entwickelten gesellschaftlichen Systems des Sozialismus in der DDR und den Kampf Studien

466

GÜNTER BENSER

Die antifaschistisch-demokratische Revolution wurde im Mai 1945 mit der Befreiung Deutschlands vom Hitlerfaschismus eingeleitet und führte zur Herausbildung einer antifaschistisch-demokratischen Ordnung. Höhepunkt dieser Entwicklung war die Gründung der Deutschen Demokratischen Republik im Oktober 1949. Da die Dialektik der revolutionären Umwälzung in Deutschland zunächst eine antiimperialistische Revolution als Voraussetzung für den Übergang zur sozialistischen Revolution erforderte, gewannen bei der Anwendung des MarxismusLeninismus und bei der Auswertung der Erfahrungen der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution die Lehren über den Kampf um Demokratie besonderes Gewicht. Das gilt vor allem für jene strategisch-taktischen Überlegungen, die W. I. Lenin — gestützt auf die Erfahrungen der Revolution von 1905 bis 1907 — in der Periode zwischen der Februarrevolution und der Oktoberrevolution formuliert hat. Es ist wohl keine Übertreibung, wenn wir sagen, daß einige von W. I. Lenin erwogene Möglichkeiten der revolutionären Entwicklung, die in Rußland infolge von Veränderungen in der Klassenkampfsituation durch neue Schlußfolgerungen ersetzt werden mußten, unter historisch anderen Bedingungen in Deutschland Wirklichkeit wurden. Das gilt vor allem für Lenins Üb erlegungen zu den Möglichkeiten einer friedlichen Entwicklung der Revolution. Das Neue bestand darin, die Leninschen Lehren unter neuartigen nationalen, klassenmäßigen und völkerrechtlichen Bedingungen in Deutschland anzuwenden und sie darüber hinaus zur Richtschnur des gemeinsamen Handelns von Kommunisten und Sozialdemokraten zu machen, bzw. einer Partei zu machen, die aus der Vereinigung von KPD und SPD hervorging. Ohne richtiges Erfassen des von W. I. Lenin so meisterhaft demonstrierten Zusammenhangs des Kampfes um Demokratie mit dem Kampf um den Sozialismus, ohne tiefes Verständnis der in der Vorbereitung und Durchführung der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution erprobten bolschewistischen Strategie und Taktik war besonders in den hochentwickelten kapitalistischen Ländern an einen Sieg der Arbeiterklasse über die Monopolbourgeoisie nicht zu denken. Dabei verwies die S E D im Sinne Lenins auf die großen revolutionären Potenzen des energisch geführten demokratischen Kampfes und deckte die neuen Möglichkeiten einer organischen, relativ schmerzlosen Weiterentwicklung der demokratischen Umwälzung in die sozialistische Revolution auf, die sich aus dem neuen Kräfteverhältnis der Klassen im nationalen und internationalem Rahmen ergaben. Bei der Begründung ihrer Politik berief sich die SED betont auf W. I. Lenin, der im April/Mai 1917, als auch in Rußland noch Möglichkeiten für eine friedliche Entwicklung der Revolution existierten, die Forderung erhoben hatte, „um eine Staatsordnung zu kämpfen, die am besten sowohl die wirtschaftliche Entwicklung und die Rechte des Volkes im allgemeinen sichert als auch im besonderen die Möggegen das staatsmonopolistische Herrschaftssystem in Westdeutschland. Internationale wissenschaftliche Session: 100 Jahre „ D a s Kapital", Berlin, 12./13. September 1967, Berlin 1967, S. 39.

Der revolutionäre Übergang zum Sozialismus in der D D R

467

lichkeit, den Übergang zum Sozialismus denkbar schmerzlos zu vollziehen". 14 Lenin dachte dabei an eine regelrechte Überlagerung demokratischer und sozialistischer Schritte. „Einige dieser Maßnahmen (zur Abschaffung der Ausbeutung und des Massenelends, G. B.) werden vor der Niederwerfung der Bourgeoisie begonnen werden, andere im Gange dieser Niederwerfung, wieder andere nach derselben. Die sozialistische Revolution ist keineswegs eine einzige Schlacht, sondern im Gegenteil eine Epoche, bestehend aus einer ganzen Reihe von Schlachten um alle Fragen der ökonomischen und politischen Umgestaltungen, die nur durch die Expropriation der Bourgeoisie vollendet werden können." 1 5 In Rußland existierte die Möglichkeit einer friedlichen Entwicklung der Revolution jedoch nur begrenzte Zeit, solange die Bourgeoisie es nicht wagte, mit Gewalt gegen die Massen vorzugehen und die Partei der Bolschewiki ungehindert unter den Massen arbeiten konnte. Die Juliereignisse setzten dieser Möglichkeit im wesentlichen ein Ende. In Ostdeutschland hingegen wurde der Bourgeoisie für dauernd der Boden für die Gewaltanwendung gegen die Arbeiterklasse entzogen. Die Niederlage des Hitlerfaschismus hatte zur völligen Zerschlagung der militärischen und politischen Machtinstrumente geführt. Die bewaffnete Einmischung imperialistischer Kräfte von außen war dank der Anwesenheit der sowjetischen Besatzungsmacht aussichtslos. Die Aktionen der von der SED geführten Werktätigen nahmen der Monopolbourgeoisie und dem Junkertum ihre ökonomischen Positionen. Vor allem aber hatten die deutsche Arbeiterklasse und ihre Verbündeten erfolgreich um jene „Staatsordnung" gekämpft, „die am besten sowohl die wirtschaftliche Entwicklung und die Rechte des Volkes im allgemeinen sichert als auch im besonderen die Möglichkeit, den Übergang zum Sozialismus denkbar schmerzlos zu vollziehen". Gerade eine solche Ordnung war die antifaschistisch-demokratische Ordnung, die sich im Osten Deutschlands herausgebildet hatte. Die wesentlichsten Seiten dieses Prozesses waren die Schaffung einer neuen, antifaschistisch-demokratischen Staatsmacht; die Errichtung einer antifaschistischdemokratischen Wirtschafts- und Sozialordnung, vor allem im Gefolge der Durchführung der demokratischen Bodenreform, der Entmachtung des Monopolkapitals und der Bildung eines volkseigenen — anfangs noch nicht sozialistischen — Sektors der Volkswirtschaft; die antifaschistisch-demokratische Erneuerung der Kultur, deren Kernstück die demokratische Schulreform bildete. 16 Im Resultat der antifaschistisch-demokratischen Umwälzung entstand eine antifaschistisch-demokratische Ordnung. Sie war keine selbständige Gesellschaftsformation, sondern ein Übergangsstadium auf dem Wege zum Sozialismus. Dennoch verkörperte sie einen bestimmten Typ gesellschaftlicher Beziehungen, die auch eine zeitweilige Stabilität aufwiesen. 14 15 16

W. I. Lenin, Werke, Bd. 24, Berlin 1959, S. 461. W. I. Lenin, Werke, Bd. 21, Berlin 1960, S. 415. Über diese antifaschistisch-demokratische Revolution und über spezifische Seiten oder Abschnitte dieses Prozesses liegt eine umfangreiche Literatur vor. Eine empfehlende Bibliografie enthält: Deutsche Geschichte, Bd. 3, Berlin 1968.

30*

468

GÜNTER BENSER

Dabei fand der für unsere Epoche charakteristische enge Zusammenhang zwischen Demokratie und Sozialismus in der Tatsache seinen Ausdruck, daß bereits im Zuge der antifaschistisch-demokratischen Umwälzung Elemente des Sozialismus entstanden, und zwar sowohl in der ökonomischen als auch in der politischen Sphäre. Zu diesen Elementen des Sozialismus sind vor allem folgende gesellschaftliche Erscheinungen zu rechnen: Es entwickelte und festigte sich die Hegemonie der Arbeiterklasse, besonders auf politisch-staatlichem Gebiet und in den wirtschaftlichen Positionen. Das heißt, die im Sozialismus herrschende Klasse hatte bereits in der antifaschistisch-demokratischen Umwälzung die Schlüsselpositionen erobert. Die bestehende revolutionärdemokratische Diktatur zeichnete sich gerade dadurch aus, daß die Arbeiterklasse in ihr die führende Kraft war und daß sie ein Klassenbündnis repräsentierte, auf dem auch das sozialistische System aufbauen konnte. In der Wirtschaft existierte ein volkseigener Sektor, in dem das kapitalistische Profitstreben außer Kraft gesetzt war und von dem ein starker Einfluß auf die Wirtschaft überhaupt ausging, der die Wirkungssphäre der ökonomischen Gesetze des Kapitalismus einschränkte. Das heißt, die besonders für die sozialistische Industrie typische Eigentumsform war bereits vorbereitet. Für die entscheidenden Zweige der Industrie und des Transportwesens brauchte die Überführung in sozialistisches Eigentum nicht auf dem Wege einer Enteignung vor sich zu gehen, sondern sie erfolgte auf die Weise, daß jene Organe, die das Volkseigentum verwalteten, sich zu Organen einer sozialistischen Staatsmacht entwickelten. Mit dem Volkseigentum, das — allerdings in weit geringerem Maße — auch in der Landwirtschaft und im Handel existierte, sowie durch die praktisch restlose Aufhebung des Privateigentums auf dem Gebiet des Geld- und Kreditwesens und des Zahlungsverkehrs, war zugleich der entscheidende ökonomische Hebel für die Umgestaltung der Ökonomik in Richtung des Sozialismus gegeben. Es existierte ein sich festigendes Bündnis zwischen der Arbeiterklasse und den übrigen werktätigen Schichten, besonders mit der Bauernschaft. Mit denl Beginn der langfristigen Wirtschaftsplanung begann sich dieses Bündnis zu einem Produktionsbündnis zu entwickeln. Das heißt, die für den Sozialismus charakteristischen Klassenbeziehungen, vor allem die Beziehungen zwischen den Hauptklassen der sozialistischen Gesellschaft — der Arbeiterklasse und der Bauernschaft — waren schon vorgeformt. Es gab bereits Ansätze der planmäßigen Lenkung und Leitung der Wirtschaft bzw. wichtiger Bereiche der Wirtschaft. Mit dem Halbjahrplan und dem Zweijahrplan begann die vorausschauende Lenkung und die alle Seiten der gesellschaftlichen Entwicklung miteinander verbindende planmäßige Durchsetzung des gesellschaftlichen Fortschritts. Das heißt, die Wirtschaftspolitik trug bereits der Tatsache Rechnung, daß sich die volkseigene Wirtschaft nicht mehr nach den Gesetzen der kapitalistischen Konkurrenz entwickeln konnte, sondern eine planmäßige proportioneile Entwicklung erforderte. Auf diesem wie auf anderen Gebieten setzte eine ökonomische Politik ein, die ihrem Wesen nach eine schrittweise Durchsetzung der ökonomischen Gesetze des Sozialismus bedeutete. Die das Kernstück der Planung

Der revolutionäre Übergang zum Sozialismus in der DDR

469

bildende I n v e s t i t i o n s t ä t i g k e i t diente gerade der M e h r u n g jenes E i g e n t u m s , d a s i m Begriff w a r , sozialistischen C h a r a k t e r a n z u n e h m e n , u n d e r h ö h t e d a s ökonomische Ü b e r g e w i c h t des volkseigenen Sektors ü b e r d e n p r i v a t k a p i t a l i s t i s c h e n u n d d e n S e k t o r der e i n f a c h e n W a r e n w i r t s c h a f t . Die Aktivistenund Wettbewerbsbewegung h a t t e sich bereits h e r a u s g e b i l d e t , es g a b A n s ä t z e einer n e u e n E i n s t e l l u n g zur Arbeit. Das h e i ß t , a u c h f ü r die v o m Sozialism u s zu lösende A u f g a b e , n a c h J a h r t a u s e n d e n der A u s b e u t u n g die A r b e i t z u m L e b e n s b e d ü r f n i s der Menschen, zu einer Sache der E h r e u n d des R u h m e s zu m a c h e n , w a r e n e l e m e n t a r e V o r a u s s e t z u n g e n geschaffen. Die S p h ä r e der materiellen P r o d u k t i o n b e g a n n S c h r i t t u m S c h r i t t z u m wichtigsten W i r k u n g s f e l d der gesellschaftlichen A k t i v i t ä t der w e r k t ä t i g e n Massen zu w e r d e n . Mit diesen E l e m e n t e n des Sozialismus, die sich in dieser F o r m u n d Reife n u r in einer d e m o k r a t i s c h e n O r d n u n g n e u e n T y p s h e r a u s b i l d e n k o n n t e n , w a r e n a u ß e r ordentlich günstige B e d i n g u n g e n f ü r einen organischen friedlichen Ü b e r g a n g z u m Sozialismus gegeben, der z w a r eine P h a s e h e f t i g s t e n K l a s s e n k a m p f e s darstellte, die a b e r n i c h t zu b e w a f f n e t e n A u s e i n a n d e r s e t z u n g e n f ü h r t e u n d eine stetige E n t w i c k l u n g der P r o d u k t i v k r ä f t e u n d M e h r u n g des gesellschaftlichen R e i c h t u m s g e s t a t t e t e . E i n W e s e n s m e r k m a l des Ü b e r g a n g s v o n der a n t i f a s c h i s t i s c h - d e m o k r a t i s c h e n Ordn u n g z u r sozialistischen R e v o l u t i o n b e s t e h t in d e m schrittweisen, k o n t i n u i e r l i c h e n P r o z e ß , auf den eine Vielzahl v o n i n t e r n a t i o n a l e n u n d n a t i o n a l e n politischen, ökonom i s c h e n u n d ideologischen M o m e n t e n einwirkten. D a bereits i m Schöße der antifaschis t i s c h - d e m o k r a t i s c h e n O r d n u n g E l e m e n t e des Sozialismus e n t s t a n d e n waren, k o n n t e diese E n t w i c k l u n g organisch als R e v o l u t i o n v o n o b e n u n d u n t e n vorsichgehen. 1 7 E n t s c h e i d e n d e M a r k s t e i n e dieses Prozesses w a r e n v o r allem die folgenden historischen Ereignisse: A m 7. O k t o b e r 1949 w u r d e die D e u t s c h e D e m o k r a t i s c h e R e p u b l i k g e g r ü n d e t . D a s w a r der b e d e u t s a m s t e S c h r i t t zur H e r a u s b i l d u n g einer A r b e i t e r - u n d - B a u e r - M a c h t , die n a c h u n d n a c h die F u n k t i o n e n einer D i k t a t u r des P r o l e t a r i a t s a u s ü b t e . Mit der G r ü n d u n g eines d e u t s c h e n A r b e i t e r - u n d - B a u e r n - S t a a t e s festigte sich die H e g e m o n i e der Arbeiterklasse. I m J u l i 1950 v e r k ü n d e t e der I I I . P a r t e i t a g der Sozialistischen E i n h e i t s p a r t e i D e u t s c h l a n d s den e r s t e n F ü n f j a h r p l a n . E r d i e n t e der ö k o n o m i s c h e n S t ä r k u n g der a n t i f a s c h i s t i s c h - d e m o k r a t i s c h e n O r d n u n g u n d schuf d a m i t materiell-technische V o r a u s s e t z u n g e n , u m z u r gegebenen Zeit z u m p l a n m ä ß i g e n A u f b a u der G r u n d l a g e n des Sozialismus ü b e r z u g e h e n . Da der F ü n f j a h r p l a n v o r r a n g i g die E n t w i c k l u n g der volkseigenen I n d u s t r i e der D D R u n d die F e s t i g u n g der f ü h r e n d e n Rolle der A r b e i t e r klasse verfolgte, w a r eines seiner wesentlichsten Ergebnisse die weitere E i n s c h r ä n k u n g der W i r k u n g s w e i s e der ökonomischen Gesetze des K a p i t a l i s m u s . I m O k t o b e r f a n d e n die W a h l e n zur V o l k s k a m m e r der D e u t s c h e n D e m o k r a t i s c h e n R e p u b l i k s t a t t . W a r bereits u n t e r d e n B e d i n g u n g e n der a n t i f a s c h i s t i s c h - d e m o k r a t i 17

Vgl. H. Heitzer, Grundprobleme des Ubergangs von der antifaschistisch-demokratischen Ordnung zur sozialistischen Revolution in der DDR 1949/50, in: ZfG., Jg. 1968, H. 6, S. 7 1 5 - 7 3 8 .

470

GÜNTER BENSER

sehen Revolution der bürgerliche Parlamentarismus eingeschränkt worden, so bedeuteten die Volkswahlen des Jahres 1950 dessen völlig politische Überwindung. Alle Parteien und die wichtigsten Massenorganisationen stellten sich mit einem gemeinsamen Wahlprogramm und einer gemeinsamen Kandidatenliste zur Wahl und demonstrierten damit, daß der imperialistischen Reaktion für die Ausnutzung der Wahlen und der Volksvertretungen im Sinne einer restaurativen Politik der Boden entzogen war. „Das Charakteristische der Entwicklung der DDR bestand darin, daß mit der weiteren Festigung der antifaschistisch-demokratischen Ordnung die Elemente des Sozialismus, die bereits in der Periode der antifaschistisch-demokratischen Umwälzung entstanden waren, das Übergewicht erlangten. Das war ein objektiver Prozeß, der sich, wenngleich in unterschiedlichem Tempo, auf allen Gebieten des gesellschaftlichen Lebens vollzog. In der ,Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung' werden vor allem folgende Momente hervorgehoben: 1. Die Entwicklung der antifaschistisch-demokratischen Staatsmacht zur Arbeiter-und-Bauern-Macht, zur Diktatur des Proletariats; 2. Das Anwachsen der Produktion im volkseigenen Sektor der Volkswirtschaft und die Entstehung sozialistischer Produktionsverhältnisse; 3. Die allmähliche Herausbildung der sozialistischen Demokratie; 4. Die Festigung der Hegemonie der Arbeiterklasse durch die Entwicklung der S E D zur Partei neuen Typus und die Errichtung der Arbeiter- und-Bauern-Macht,; 5. Die weitere Festigung des Bündnisses der Arbeiterklasse mit der werktätigen Bauernschaft, vor allem durch den Ausbau der Maschinenausleihstationen." 18 In enger Verbindung zur Kontinuität des revolutionären Übergangsprozesses vom Kapitalismus zum Sozialismus in der DDR und dessen friedlichem Charakter steht ein weiterer Grundzug unserer Entwicklung: die breite soziale und politische Basis der revolutionären Umwälzung. Dank einer richtigen und unbeirrbar verfolgten Bündnispolitik der S E D ist es gelungen, die objektiven Möglichkeiten des Bündnisses aller antiimperialistischen Kräfte unter Führung der Arbeiterklasse voll auszuschöpfen. Im Prozeß beider Revolutionen ist es zu keiner grundlegenden Umgruppierung der Klassenkräfte und der Bündnisbeziehungen gekommen. Die S E D hat es verstanden, das im Kampf gegen den Hitlerfaschismus geborene Bündnis auch bei der Errichtung der sozialistischen Gesellschaftsordnung beizubehalten. In der antifaschistisch-demokratischen Revolution handelte es sich darum, alle Kreise der Bevölkerung mit Ausnahme der Monopolisten und Junker, der Kriegsverbrecher und aktiven Faschisten im Kampf um den demokratischen Neuaufbau und gegen die Politik der Spaltung Deutschlands zusammenzuschließen. Der Block der antifaschistisch-demokratischen Parteien, die Volkskongreßbewegung und später die Nationale Front wurden die konkreten politischen Formen, in denen dieses Bündnis seinen Ausdruck fand. Um diese Leistung richtig zu würdigen, muß man sich bewußt sein, daß es sich hier um einen Zusammenschluß gesellschaftlicher Klassen und Schichten handelte, 18

Ders., Die Strategie und T a k t i k der S E D 1949 — 1955. Probleme des 7. B a n d e s der „Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung", i n : ZfG, J g . 1966, H . 8, S. 1479.

Der revolutionäre Übergang zum Sozialismus in der DDR

471

die neben ihren gemeinsamen Interessen — an der E r h a l t u n g des Friedens, an der Abwehr der imperialistischen Spaltungspolitik, an der völligen Liquidierung des Faschismus und der Demokratisierung des gesamten gesellschaftlichen Lebens — unterschiedliche und teilweise gegensätzliche soziale Interessen h a t t e n , da ihre Stellung zum Eigentum an Produktionsmitteln unterschiedlicher, ja gegensätzlicher Natur war. Auch unter den Bedingungen der antifaschistisch-demokratischen Ordnung hörte der Kapitalist nicht auf, Ausbeuter fremder Arbeitskräfte zu sein, h a t t e der Klein- und Mittelbauer seine Doppelstellung als Werktätiger und Privateigentümer von Produktionsmitteln noch nicht überwunden. So wesentlich die politischen Impulse für die Entwicklung der Bündnispolitik auch immer waren, so hing doch — und das mit fortschreitender sozialistischer E n t wicklung in wachsendem Maße — ihr Erfolg letztlich davon ab, ob es gelang, allen Schichten der Bevölkerung eine Perspektive in der sozialistischen Ordnung zu weisen, ihnen zu beweisen, daß der Sozialismus nicht die Vernichtung ihrer Existenzgrundlagen bedeutete, sondern daß er erst die Bedingungen für die volle E n t f a l t u n g aller schöpferischen Potenzen des Volkes schuf. 19 Dieses komplizierte Problem wurde in Theorie und Praxis gelöst — für die Bauernschaft und die Handwerker durch die schöpferische Anwendung des Leninschen Genossenschaftsplanes, für die Händler durch das System des Kommissionshandels, f ü r kleinere und mittlere kapitalistische Unternehmer durch die staatliche Beteiligung und die Entwicklung ihrer Betriebe zu halbstaatlichen Unternehmen. So entstanden die Voraussetzungen für die volle Ausnutzung der ökonomischen Gesetze des Sozialismus im R a h m e n des ökonomischen Systems der sozialistischen Gesellschaft, deren entscheidendes Kriterium die optimale Entwicklung der Produktivkräfte unter den Bedingungen der wissenschaftlich-technischen Revolution wurde. Die durch die richtige Beachtung der Dialektik des Ubergangsprozesses gewährleistete Kontinuität der gesellschaftlichen Entwicklung, war eine wesentliche Voraussetzung für ein weiteres typisches Kennzeichen unserer Entwicklung: Die Sicherung eines stetigen Wachstums der Produktivkräfte. Noch immer begegnen wir dogmatischen Auffassungen des Ubergangsprozesses vom Kapitalismus zum Sozialismus, die auf folgendes Schema hinauslaufen: Erste Stufe — die Arbeiterklasse erobert die politische Macht. Zweite Stufe — die Arbeiterklasse schafft die kapitalistischen Produktionsverhältnisse ab und ersetzt sie durch sozialistische Produktionsverhältnisse. Dritte Stufe — die Arbeiterklasse entwickelt auf der Grundlage der neuen Macht- und Produktionsverhältnisse die gesellschaftlichen Produktivkräfte. Insoweit es sich u m die logische, von der konkreten Geschichte abstrahierende, Betrachtungsweise des Übergangsprozesses handelt, h a t dieses Schema seine Be19

Zur Bündnispolitik vgl.: Im Bündnis fest vereint. Die schöpferische marxistischleninistische Bündnispolitik der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands 1945 — 1965, Berlin 1966; G. Benser, Probleme der Bündnispolitik der KPD und SED von 1945 bis 1949; H. Heitzer, Probleme der Bündnispolitik der SED von 1949 bis 1955; S. Doernberg, Zur Bündnispolitik der SED in den Jahren von 1956 bis zur Gegenwart, sämtlich in: BzG., Jg. 1964, H. 1, S. 2 2 - 7 0 .

472

GÜNTER BESSER

r e c h t i g u n g . W e r jedoch d e n Versuch u n t e r n i m m t , den realen historischen P r o z e ß in dieses S c h e m a hineinzupressen, m u ß einen Fehlschlag erleiden. W a s bei d e r logischen B e t r a c h t u n g als die Glieder einer K e t t e erscheint, ist in der gesellschaftlichen R e a l i t ä t ein zeitliches N e b e n e i n a n d e r u n d Miteinander, ein sich gegenseitig b e d i n g e n d e r u n d ergänzender P r o z e ß . Von d e m Z e i t p u n k t an, zu d e m die Arbeiterklasse e f f e k t i v die H a u p t v e r a n t w o r t u n g f ü r die E n t w i c k l u n g der Gesellschaft ü b e r n a h m , h a t sie sowohl u m die E r r i c h t u n g bzw. A u s g e s t a l t u n g ihrer politischen M a c h t g e k ä m p f t , a n der U b e r w i n d u n g der k a p i t a l i s t i s c h e n E i g e n t u m s v e r h ä l t n i s s e gea r b e i t e t u n d d e n ökonomischen Gesetzen des Sozialismus z u m D u r c h b r u c h verholfen als a u c h die P r o d u k t i v k r ä f t e e n t w i c k e l t . Bereits der A u f r u f des Z K der K P D v o m 11. J u n i 1945 20 vereinigt diese drei E r f o r d e r n i s s e zu einer geschlossenen P r o g r a m m a t i k u n d Strategie. In diesem Z u s a m m e n h a n g ist es n i c h t u n w i c h t i g , darauf hinzuweisen, d a ß d a s sozialistische E i g e n t u m in der D e u t s c h e n D e m o k r a t i s c h e n R e p u b l i k n u r z u m geringeren Teil seinen u n m i t t e l b a r e n U r s p r u n g in der E n t e i g n u n g des Monopolk a p i t a l s u n d der J u n k e r h a t . Z u m größeren Teil h a n d e l t es sich u m N e u s c h ö p f u n g e n , u m das E r g e b n i s der Arbeit der W e r k t ä t i g e n der D D R oder u m die B i l d u n g kollekt i v e n sozialistischen E i g e n t u m s d u r c h d e n Z u s a m m e n s c h l u ß v o n kleinen W a r e n produzenten. Die E n t w i c k l u n g der P r o d u k t i v k r ä f t e , die solche i m p o n i e r e n d e n A u s m a ß e ang e n o m m e n h a t , d a ß h e u t e a u c h viele u n s e r e r Gegner v o m , , W i r t s c h a f t s w u n d e r D D R " sprechen, h a t h e u t e ein gewaltiges Gewicht e r h a l t e n . Die bereits v o n M a r x gestellte A u f g a b e , „alle Springquellen des genossenschaftlichen R e i c h t u m s " 2 1 fließen zu lassen, w u r d e z u m k o m p l i z i e r t e s t e n P r o b l e m des sozialistischen A u f b a u s . Die ohnehin gigantische A u f g a b e , den P r o z e ß der P r o d u k t i o n u n d R e p r o d u k t i o n einer wissenschaftlichen Prognose, P l a n u n g u n d L e i t u n g zu u n t e r w e r f e n , m u ß u n t e r d e n B e d i n g u n g e n der wissenschaftlich-technischen R e v o l u t i o n g e m e i s t e r t w e r d e n . D a r a u s e r w ä c h s t die N o t w e n d i g k e i t , „die sozialistische und die wissenschaftlichtechnische Revolution zu einem Prozeß zu verbinden".22 Diese wissenschaftlich-technische R e v o l u t i o n setzte bereits M i t t e der f ü n f z i g e r J a h r e ein, also zu einem Zeitp u n k t als in der D D R zwar schon wesentliche G r u n d l a g e n des Sozialismus gelegt waren, a b e r der volle Sieg der sozialistischen P r o d u k t i o n s v e r h ä l t n i s s e n o c h auss t a n d . Das h a t t e sowohl f ü r d e n A b s c h l u ß der Ü b e r g a n g s p e r i o d e z u m Sozialismus, m e h r noch a b e r f ü r die A u s g e s t a l t u n g des e n t w i c k e l t e n gesellschaftlichen S y s t e m s des Sozialismus n a c h h a l t i g e B e d e u t u n g , d e n n die s p r u n g h a f t e E n t w i c k l u n g v o n W i s s e n s c h a f t , T e c h n i k u n d P r o d u k t i o n s e t z t e f ü r den W e t t b e w e r b zwischen K a p i talismus u n d Sozialismus n e u e M a ß s t ä b e . F ü r die A u s a r b e i t u n g u n d D u r c h s e t z u n g einer richtigen Gesellschaftskonzeption w a r wesentlich, d a ß die S E D v o m S y s t e m c h a r a k t e r der gesellschaftlichen Beziehungen ausging. G e s t ü t z t auf die g r u n d l e g e n d e n E r k e n n t n i s s e v o n K a r l M a r x ü b e r die 20 21 22

Vgl. Revolutionäre deutsche Parteiprogramme, S. 191 ff. Marx/Engels, Werke, Bd. 19, Berlin 1962, S. 21. W. Ulbricht, Die Bedeutung und die Lebenskraft der Lehren von Karl Marx. . ., S. 20.

Der revolutionäre Übergang zum Sozialismus in der DDR

473

G e s e l l s c h a f t s f o r m a t i o n als einheitlichem sozialem O r g a n i s m u s , zog sie die Schlußfolgerung, „daß der Sozialismus nicht eine kurzfristige Übergangsphase in der Entwicklung der Gesellschaft ist, sondern eine relativ selbständige, sozialökonomische Formation in der historischen Epoche des Übergangs vom Kapitalismus zum Kommunismus im Weltmaßstab'1.23 Die ökonomische G r u n d l a g e der sozialistischen Gesells c h a f t s f o r m a t i o n sind die sozialistischen P r o d u k t i o n s v e r h ä l t n i s s e , d e r e n Vorzüge es allseitig a u s z u n ü t z e n gilt. D e r Sieg der sozialistischen P r o d u k t i o n s v e r h ä l t n i s s e s c h a f f t u n t e r d e n B e d i n g u n g e n der A r b e i t e r - u n d - B a u e r n - M a c h t die V o r a u s s e t z u n gen, u m den Sozialismus als entwickeltes gesellschaftliches S y s t e m zu gestalten, dessen K e r n s t ü c k d a s ökonomische S y s t e m des Sozialismus ist. F ü r u n s e r sozialistisches Gesellschaftssystem w u r d e die w i r t s c h a f t l i c h e Zielf u n k t i o n klar b e s t i m m t . „Das Ziel der sozialistischen Produktion ist die s t ä n d i g bessere B e f r i e d i g u n g der materiellen u n d geistigen B e d ü r f n i s s e der Mitglieder der Gesellschaft, die E n t f a l t u n g der sozialistischen gesellschaftlichen Beziehungen u n d der Persönlichkeit der Menschen, ihrer schöpferischen F ä h i g k e i t e n u n d die S t ä r k u n g ihrer politischen O r g a n i s a t i o n , des S t a a t e s u n d der G e s e l l s c h a f t . " 2 4 N a c h einem k a m p f e r f ü l l t e n , arbeitsreichen großen u n d stolzen W e g k o n n t e n die W e r k t ä t i g e n der D D R die R e s u l t a t e ihrer A n s t r e n g u n g e n m i t der n e u e n sozialistischen V e r f a s s u n g der D e u t s c h e n D e m o k r a t i s c h e n R e p u b l i k besiegeln. Die erfolgreiche Meisterung der G r u n d f r a g e n des Ü b e r g a n g s v o m K a p i t a l i s m u s z u m Sozialism u s in der D D R f a n d in d e n Artikeln unseres S t a a t s g r u n d g e s e t z e s i h r e n Niederschlag, d e r e n K e r n s ä t z e u. a. l a u t e n : „ D i e D e u t s c h e D e m o k r a t i s c h e R e p u b l i k ist ein sozialistischer S t a a t d e u t s c h e r N a t i o n . Sie ist die politische O r g a n i s a t i o n der W e r k t ä t i g e n in S t a d t u n d L a n d , die g e m e i n s a m u n t e r F ü h r u n g der Arbeiterklasse u n d i h r e r marxistisch-leninistischen P a r t e i den Sozialismus verwirklichen. . . Alle politische M a c h t in der D e u t s c h e n D e m o k r a t i s c h e n R e p u b l i k wird v o n den W e r k t ä t i g e n a u s g e ü b t . Der Mensch s t e h t i m M i t t e l p u n k t aller B e m ü h u n g e n der sozialistischen Gesellschaft u n d ihres S t a a t e s . . . Das feste B ü n d n i s der Arbeiterklasse m i t der Klasse der G e n o s s e n s c h a f t s b a u e r n , d e n Angehörigen der Intelligenz u n d den a n d e r e n S c h i c h t e n des Volkes, das sozialistische E i g e n t u m a n P r o d u k t i o n s m i t t e l n , die P l a n u n g u n d L e i t u n g dergesellschaftlichen E n t w i c k l u n g n a c h den f o r t g e s c h r i t t e n s t e n E r k e n n t n i s s e n der W i s s e n s c h a f t bilden u n a n t a s t b a r e G r u n d l a g e n der sozialistischen G e s e l l s c h a f t s o r d n u n g . Die A u s b e u t u n g des Menschen d u r c h den Menschen ist f ü r i m m e r beseitigt. W a s des Volkes H ä n d e schaffen, ist des Volkes eigen. Das sozialistische P r i n z i p , J e d e r n a c h seinen F ä h i g k e i t e n , j e d e m n a c h seiner L e i s t u n g ' w i r d v e r w i r k l i c h t . Die Ü b e r e i n s t i m m u n g der politischen, materiellen u n d k u l t u r e l l e n Interessen der W e r k t ä t i g e n u n d i h r e r Kollektive m i t den gesellschaftlichen E r f o r d e r n i s s e n ist die wichtigste T r i e b k r a f t der sozialistischen Gesellschaft." 2 5 23 21 25

W. Ulbricht, Die Bedeutung des Werkes „Das Kapital". . ., S. 38. Ebenda, S. 41. Verfassung der Deutschen Demokratischen Republik, Artikel 1 und 2.

MANFRED BENSING,

LEIPZIG

Die deutsche Nation im Prozeß des sozialen Typenwandels Methodologisches zum Verhältnis von Revolution und Nation

In unserem Lande vollzieht sich seit mehr als zwei Jahrzehnten ein gesellschaftlicher Umwälzungsprozeß, der an Tiefe und Tempo mit keiner anderen Periode deutscher Nationalgeschichte vergleichbar ist. Alle Struktur- und Existenzformen des gesellschaftlichen Lebensprozesses sind von ihm erfaßt. Unter Führung der Arbeiterklasse und ihrer Partei, der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, wurde die kapitalistische Gesellschaftsformation überwunden und entsteht der Sozialismus auf eigener, stabiler Grundlage als entwickeltes System. Der Historiker der neuesten Zeit ist in die Lage versetzt, auf einen größeren und relativ geschlossenen Geschichtsabschnitt von außerordentlicher gesellschaftlicher Dynamik zurückzublicken, wobei ihm der erreichte Entwicklungs- und Erkenntnisstand neue Möglichkeiten der vertieften theoretischen Durchdringung des Stoffes, wie auch der historischen Detailforschung eröffnet. 1 Dabei hat die marxistische Geschichtswissenschaft, wie oft zuvor, gelegentlich der Internationalen wissenschaftlichen Sessionen ,,100 Jahre ,Kapital'" und aus Anlaß des 150. Geburtstages von Karl Marx 2 durch die tiefgründige politisch-wissenschaftliche Analyse Walter Ulbrichts mannigfaltige Anregungen empfangen, die bereits in eine intensivere und theoretisch begründete Beschäftigung mit der Übergangsperiode in der D D R einmündeten. Aber wie gewöhnlich an solchen Einschnitten in der Wissenschaftsentwicklung, werden die Desiderata deutlicher sichtbar. So zählt zu den wichtigsten Struktur- und Entwicklungsformen der Gesellschaft die Nation, und es drängt sich zwangsläufig die Frage nach dem fundamentalen Zusammenhang zwischen der sozialistischen Revolution in der Deutschen Demokratischen Republik und der Entwicklung der deutschen Nation einerseits, zwischen dem entwickelten gesellschaftlichen System des Sozialismus und der sozialistischen 1

2

Vgl. u. a. K. Reißig, Der VII. Parteitag der SED und die Entwicklung des Sozialismus als eigenständige Gesellschaftsformation, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, J g . 1967, Heft 5; H. Fiedler/K. fleißig/W. Teumer, Das Sozialismusbild der SED, in: ebenda, Jg. 1968, Heft 6. W. Ulbricht, Die Bedeutung des Werkes ,Das Kapital' von Karl Marx für die Schaffung des entwickelten gesellschaftlichen Systems des Sozialismus in der DDR und den Kampf gegen das staatsmonopolitische Herrschaftssystem in Westdeutschland, Berlin 1967; ders., Die Bedeutung und die Lebenskraft der Lehren von Karl Marx für unsere Zeit, Berlin 1968.

Die deutsche Nation im Prozeß des sozialen Typenwandels

475

Nation zum anderen auf. Das heißt keineswegs, daß es sich um eine völlig neue Fragestellung handeln würde. Bekanntlich hat die nationale Politik in der Strategie und Taktik der S E D stets einen bedeutenden Platz eingenommen. Es geht uns vielmehr um eine Betrachtung der objektiven Prozesse, um den Versuch, auf einige interessante Zusammenhänge zu verweisen und die Diskussion über die Entwicklung der deutschen Nation in der Übergangsepoche vom Kapitalismus zum Sozialismus anzuregen. Dabei wird die wissenschaftlich interessante und politisch außerordentlich relevante Frage nach der Entwicklung der sozialistischen Nation im sozialistischen Gesellschaftssystem ausgeklammert werden müssen. Mit ihr werden sich insbesondere die marxistische Philosophie und der wissenschaftliche Sozialismus zu beschäftigen haben. Uns geht es vielmehr darum, die Nation in der Übergangsperiode vom Kapitalismus zum Sozialismus aus der Retrospektive des entwickelten gesellschaftlichen Systems des Sozialismus zu beleuchten. Darauf kann die Geschichtswissenschaft so wenig verzichten wie die aktuelle Geschichtspropaganda, die sich immer wieder mit der Frage nach Existenz und Zukunft der deutschen Nation konfrontiert sieht. Letztlich geht es darum, den Zusammenhang zwischen der sozialistischen Revolution in der D D R und der Nationentwicklung begrifflich zu fassen und in die Definition des Begriffes Nation einfließen zu lassen. Zumindest soll die Möglichkeit einer solchen Verfahrensweise geprüft werden. Wo die einschlägige marxistische Literatur Wesen und Merkmale der Nation behandelt, wird fast ausschließlich von der entwickelten bürgerlichen beziehungsweise sozialistischen Nation ausgegangen. Bereits in Diskussionen über die deutsche Nationalentwicklung im 16. bis 18. Jahrhundert hat sich als nachteilig erwiesen, daß die Präformierung der bürgerlichen Nation mit ihren eigenartigen Charakteristika keinen Eingang in die Begriffsbestimmung der Nation gefunden hat. Auch der komplizierte Prozeß der Herausbildung und Formierung von Nationen im Zusammenhang mit der antikolonialen Befreiungsbewegung im 20. Jahrhundert ist mit statischen Merkmalen eines Nationsbegriffes nicht zu erfassen. Nach unserer Überzeugung weist die Genesis der Nationen in der bisherigen weltgeschichtlichen Entwicklung nicht zwei, sondern vier qualitativ unterschiedliche Zustände auf: a) die Nation im Prozeß ihrer Herausbildung und Formierung (im Zusammenhang mit der Ausweitung der einfachen Warenproduktion und mit den Anfängen des Kapilismus), b) die volle Ausbildung der bürgerlichen Nation im Ergebnis der politischen Machtergreifung der Bourgeoisie, c) den sozialen Typenwandel der Nation im Prozeß der revolutionären Überwindung des Imperialismus/Kapitalismus, d. h. in der Übergangsperiode vom Kapitalismus zum Sozialismus und d) die volle Ausbildung der sozialistischen Nation in der entwickelten sozialistischen Gesellschaft und ihre Blüte. Jeder Versuch, diese qualitative Mannigfaltigkeit in der Entwicklung einer Nation (ganz zu schweigen von der bunten Vielfalt nebeneinander existierender Nationen) auf konstante Merkmale zu reduzieren, muß zwangsläufig, wie der extreme Fall der Stalinschen Definition zeigt, zu einem erstarrten Begriffsinhalt führen.

476

MANFRED BENSING

Hier h a t das L e h r b u c h „ M a r x i s t i s c h e P h i l o s o p h i e " 3 D e n k s c h r a n k e n n i e d e r r e i ß e n helfen u n d sich u m eine schöpferische W e i t e r f ü h r u n g der Diskussion v e r d i e n t gem a c h t . E s b r i c h t m i t der A u f f a s s u n g , die N a t i o n sei eine S u m m e v o n M e r k m a l e n , die ein statisches Dasein a u ß e r h a l b der D y n a m i k der gesellschaftlichen E n t w i c k l u n g f ü h r e n 4 , u n d r ü c k t die F u n k t i o n der N a t i o n in das Z e n t r u m der B e g r i f f s b e s t i m m u n g . Die C h a r a k t e r i s t i k der N a t i o n als eine S t r u k t u r - u n d E n t w i c k l u n g s f o r m des gesells c h a f t l i c h e n Lebens, die s t e t s d u r c h die ökonomische u n d K l a s s e n s t r u k t u r sowie d u r c h d e r e n E n t w i c k l u n g g e p r ä g t ist, k n ü p f t a n die E r k e n n t n i s s e der Klassiker des M a r x i s m u s - L e n i n i s m u s a n . Sie ist allgemein genug, u m die vielfältigen konk r e t e n Prozesse seit der H e r a u s b i l d u n g erster E l e m e n t e der N a t i o n zu f a s s e n ; sie ist materialistisch d e t e r m i n i e r t u n d weist der N a t i o n d e n t a t s ä c h l i c h e n P l a t z i m S y s t e m der gesellschaftlichen S t r u k t u r f o r m e n a n . W o der Versuch u n t e r n o m m e n wird, diese E r k e n n t n i s zu exemplifizieren, sind freilich n i c h t alle i h r e K o n s e q u e n z e n b e d a c h t ; d e n n d a ß „ a u s der sozialistischen U m g e s t a l t u n g des gesellschaftlichen L e b e n s . . . sozialistische N a t i o n e n h e r v o r g e h e n ) " 5 , k e n n z e i c h n e t lediglich die b e s t i m m e n d e T e n d e n z u n d d e n P r o z e ß c h a r a k t e r u n d b r i n g t n i c h t e i n d e u t i g z u m A u s d r u c k , d a ß zwischen der b ü r g e r l i c h e n u n d der sozialistischen N a t i o n eine Ü b e r g a n g s p e r i o d e liegt, die der der Gesellschaft überh a u p t e n t s p r i c h t : die bürgerliche N a t i o n ist n i c h t m e h r , die sozialistische noch n i c h t e x i s t e n t ; a b e r die N a t i o n b e s t e h t w e i t e r ; ihr sozialer I n h a l t v e r ä n d e r t sich; sie b e f i n d e t sich i m Prozeß des sozialen Typenwandels,6 Freilich w ä r e es falsch, zwischen d e m T y p e n w a n d e l der Gesellschaft, d e m Wechsel der ö k o n o m i s c h e n G e s e l l s c h a f t s f o r m a t i o n e n , u n d d e m sozialen T y p e n w a n d e l der N a t i o n eine lineare A b h ä n g i g k e i t k o n s t a t i e r e n zu wollen. Die n a t i o n a l e S t r u k t u r u n d E n t w i c k l u n g v e r m a g eine relative E i g e n s t ä n d i g k e i t zu erlangen, was sich d a r a u s e r k l ä r t , d a ß wir es bei der N a t i o n m i t einer unterschiedliche Klassen u n d S c h i c h t e n z u s a m m e n f a s s e n d e n G e m e i n s c h a f t zu t u n h a b e n . Solange sie als G e m e i n s c h a f t gegeben ist, t r i t t u n s die N a t i o n n i c h t n u r als existent, s o n d e r n a u c h in i h r e r W i r k s a m k e i t als E n t w i c k l u n g s f o r m der Gesellschaft gegenüber. I n der a u f s t e i g e n d e n E n t w i c k l u n g s p h a s e des K a p i t a l i s m u s v e r m a g die Bourgeoisie die w e n n a u c h ä u ß e r s t widersprüchliche E i n h e i t der N a t i o n zu gewährleisten. Ist die Großbourgeoisie in das N i e d e r g a n g s s t a d i u m ihrer E n t w i c k l u n g e i n g e t r e t e n u n d h a b e n sich i n n e r h a l b der b ü r g e r l i c h e n N a t i o n die Klassengegensätze in einem Maße z u g e s p i t z t , d a ß die h e r r s c h e n d e Klasse ihre M a c h t n u r noch sichern, den M a x i m a l p r o f i t gewährleisten k a n n , i n d e m sie die n a t i o n a l e n Interessen dieser M a c h t u n d diesem P r o f i t z u m O p f e r b r i n g t , d a n n wird die n a t i o n a l e G e m e i n s c h a f t v o n i n n e n h e r g e s p r e n g t . F ü r die N a t i o n e n t s t e h t ein gefährlicher K r i s e n z u s t a n d , der — je n a c h d e n k o n k r e t e n

3

4 5 6

Marxistische Philosophie. Lehrbuch, hrsg. von einem Autorenkollektiv unter der Leitung v. A. Kosing, 2. Aufl., Berlin 1967. Vgl. dazu Habilthesen von A. Kosing, Karl-Marx-Universität Leipzig, 3. 10.1964, These 4. Marxistische Philosophie, a. a. O., S. 259. Der Terminus wurde von P.-A. Steiniger in einer Rezension (Einheit, 21. Jg., Heft 9,1966, S. 1227) eingeführt, aber nicht behandelt.

Die deutsche Nation im Prozeß des sozialen Typenwandels

477

historischen Bedingungen — zur akuten Gefahr für die eigene und andere Nationen bis hin zur Bedrohung ihrer physischen Existenz auswachsen kann. Von nun an ist die Wirksamkeit der Nation als gesellschaftlicher Entwicklungsform untrennbar mit der Arbeiterklasse, mit Verlauf und Ergebnissen der Klassenauseinandersetzung zwischen ihr und der Monopolbourgeoisie verknüpft. In diesem Kampf, der breiteste antiimperialistische Kräfte an die Arbeiterklasse heranführt, erfolgt die Formierung der neuen nationalen Gemeinschaft, bilden sich ihre allgemeinen Charakteristika und spezifischen Eigenschaften heraus, die dem revolutionären Gesamtprozeß das eigenartige Kolorit verleihen. Der antiimperialische Kampf leitet als ein Ringen auch um die Erneuerung der Nation, ihre unabhängige und freie Entwicklung den sozialen Typenwandel der Nation ein. Durch die Lösung der Machtfrage zugunsten der Arbeiterklasse wird sie entschieden. Die Stellung der Arbeiterklasse in der nationalen Gemeinschaft (und keineswegs nur ihr quantitativer Anteil), ihre Bedeutung für sie, die Tatsache, daß bereits in der kapitalistischen Ordnung die Rolle der Nation als Entwicklungsform der Gesellschaft an die „Kampfgemeinschaft der Arbeiterklasse und der mit ihr verbundenen werktätigen und demokratischen Kräfte" 7 übergeht, sind von so grundlegender Wichtigkeit, daß sie bei einer Begriffsbestimmung der Nation nicht ausgeklammert werden dürfen. Wie noch zu zeigen sein wird, ist auch die Frage nach der Existenz und Entwicklung der deutschen Nation in der Gegenwart nur von hier aus überzeugend zu beantworten. Das Verhältnis zwischen Revolution und Nationalentwicklung ist nach 1945 in Deutschland ein sehr kompliziertes: der soziale Typenwandel der Nation vollzog und vollzieht sich nur in einem Teil der Nation, unter den Bedingungen ihrer Spaltung. Würde es sich dabei um einen Sonder- und Ausnahmefall handeln, so wäre das für die allgemeine Charakteristik der Nationen belanglos, wenn auch wegen der zentralen Stellung der Deutschlandproblematik in der Weltpolitik interessant. Die Geschichte unserer Epoche weist jedoch eine Reihe derartiger Fälle auf. Der Friedensvertrag von Riga (18. März 1921) besiegelte für Jahrzehnte die Spaltung der ukrainischen und bjelorussischen Nationen. Nach dem zweiten Weltkrieg wurden Vietnam und Korea gezweiteilt. Sieht man von den unterschiedlichen Bedingungen ab, unter denen sich die historischen Prozesse vollzogen, so bleibt als allgemeines Charakteristikum das Bemühen des Weltimperialismus und der großbourgeoisen Kräfte in den einzelnen Ländern, den mit der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution in Sowjetrußland einsetzenden Vormarsch der sozialistischen Kräfte an entscheidenden Punkten der Erde zu stoppen, den revolutionären Umgestaltungsprozeß und damit den sozialen Typenwandel der Gesamtnation zu verhindern, die eigene politische und ökonomische Herrschaft zumindest auf einem Teilterritorium zu sichern, um von hier aus die Revision der eingetretenen politischen und sozialökonomischen Veränderungen vorzubereiten. Eben dieses Ziel verfolgten die imperialistischen Ententemächte, als sie 1920 die herrschenden Kreise Polens zum Überfall auf Sowjetrußland ermunterten und die Annexion Westbjelorußlands und der West7

Marxistische Philosophie, a. a. O., S. 258.

478

MANFRED BENSING

Ukraine stützten. Eben das war die wahre Ursache für die Spaltung Deutschlands, Koreas und Vietnams. Die Spaltung einer in den sozialen Typenwandel eingetretenen Nation ist eine Methode des Imperialismus, den gesetzmäßigen Übergangsprozeß vom Kapitalismus zum Sozialismus im Weltmaßstab an entscheidenden strategischen Punkten der Erde aufzuhalten und einer Veränderung des internationalen Kräfteverhältnisses zugunsten des Sozialismus entgegenzuwirken. Nur der Imperialismus, der die Interessen der Nation mit Füßen tritt, nicht die Arbeiterklasse, deren historische Mission die Befreiung der Nation einschließt, kann an der Spaltung von Nationen interessiert sein. Für unsere Thematik sind die Phänomene insofern von besonderer Bedeutung, als sie auf verschiedene Möglichkeiten und Formen des sozialen Typenwandels der Nation verweisen. Dieser kann sich nach unserer Auffassung vollziehen 1. als Übergang der Gesamtnation zu einer solchen sozialistischen Typs, wenn die sozialistische Revolution das gesamte nationale Territorium erfaßt; 2. als getrennter und sich asynchron vollziehender Übergang von Teilen historisch gewachsener Nationen zu solchen sozialistischen Typs, wenn die herrschende Klasse nicht mehr stark genug ist, die antiimperialistische oder sozialistische Revolution überhaupt zu verhindern, aber in der Lage, unter Ausnutzung des politischen Kräfteverhältnisses, mit Hilfe des Weltimperialismus und rechtssozialistischer Führer in der Arbeiterklasse die eigene Macht auf einem Teil des nationalen Territoriums zu restaurieren und zu erhalten. In beiden Fällen ist der soziale Typenwandel der Gesamtnation in Gang gesetzt, wird das Schicksal der Nation ganz wesentlich durch den revolutionären Umgestaltungsprozeß bestimmt. In einer gespaltenen Nation ist dieser Vorgang komplizierter und langandauernder, weil er sich zeitlich nacheinander, in verschiedenen historischen Perioden und im harten Klassenkampf zwischen Sozialismus und Imperialismus vollzieht, weil er nicht mit dem Sieg der sozialistischen Revolution in nur einem Teile der Nation, sondern erst mit dem Übergang der Gesamtnation zum Sozialismus abgeschlossen ist. Die Spaltung, dem sozialen Typenwandel entgegengesetzt, kann erst durch dessen Zuendeführung überwunden werden. Die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands hat sich in ihrer nationalen Politik stets von dieser Grunderkenntnis leiten lassen. Sie orientierte bis 1949 darauf, die drohende Spaltung Deutschlands durch die konsequente demokratische Umwälzung in ganz Deutschland zu verhindern, einen Friedensvertrag zu erzwingen, der die Einmischung der imperialistischen Westmächte in die nationalen Angelegenheiten des deutschen Volkes ausschloß und diesem in seiner Gesamtheit einen antifaschistisch-demokratischen Entwicklungsweg eröffnete. Auch nach der Separierung des westdeutschen Staates hielt die S E D an dem Konzept fest: über die Bildung eines Gesamtdeutschen konstituierenden Rates, die Durchführung gesamtdeutscher freier Wahlen zu einer deutschen Nationalversammlung und den Abschluß des Friedensvertrages sowie den Abzug der Besatzungstruppen die Remilitarisierung Westdeutschlands zu verhindern und die Voraus-

Die deutsche Nation im Prozeß des sozialen Typemvandels

479

Setzungen für die offene Auseinandersetzung der demokratischen Kräfte in ganz Deutschland mit dem deutschen Imperialismus und Militarismus zu schaffen. Mit der Eingliederung des remilitarisierten Westdeutschland in die NATO, mit dem Raub entscheidender Souveränitätsrechte der westdeutschen Bevölkerung und der zunehmenden Gefährdung des europäischen Friedens durch die aggressive Politik Westdeutschlands wurde die Sicherung des Friedens und die Gewährleistung des friedlichen Nebeneinanderbestehens beider deutscher Staaten zum Hauptinhalt der nationalen Frage in Deutschland. Die Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten erforderte nunmehr einen längeren Zeitraum, in dem der aggressive westdeutsche Imperialismus und die Macht der militaristischen Kräfte überwunden werden mußten. Der Aufbau des Sozialismus in der DDR und die Herausbildung von Grundzügen der sozialistischen Nation waren dazu ein entscheidender Beitrag. Die sozialistische Einheitspartei Deutschlands orientierte auf die deutsche Konföderation, die allmähliche Annäherung der beiden deutschen Staaten, wobei sie reale Chancen einer solchen Konzeption stets im engen Zusammenhang mit einer Verstärkung des demokratischen Druckes auf die verständigungsfeindliche Bonner Politiker sah. Mit der Entwicklung des staatsmonopolistischen Herrschaftssystems, mit der forcierten Notstands- und Atomkriegspolitik und der völligen Gleichschaltung des sozialdemokratischen Führer mit dem staatsmonopolistischen System war auch für die Existenz der deutschen Nation eine außerordentlich bedrohliche Lage entstanden. Das westdeutsche Monopolkapital hatte nicht nur die Nation gespalten und Schritt um Schritt die nationalen Gemeinsamkeiten aufgehoben, es ging dazu über, bei Gefahr für die physische Existenz der deutschen Nation, d. h. für den Frieden, die Revision der Ergebnisse des zweiten Weltkrieges praktisch zu betreiben. In dieser Situation von ,nationalen Gemeinsamkeiten' zu sprechen und Illusionen über einen in greifbarer Nähe liegenden Weg zur Vereinigung der beiden Teile Deutschlands zuzulassen, konnte nur der imperialistischen Politik dienlich sein. Tatsächlich war die Existenz zweier deutscher Staaten mit entgegengesetzter gesellschaftlicher Ordnung für einen längeren geschichtlichen Zeitraum Realität geworden und waren somit Wege für das friedliche Nebeneinanderleben, für die friedliche Koexistenz beider Staaten, zu finden. Nicht die sozialistische DDR hat diese Entwicklung verschuldet, nicht der sozialistische Aufbau hat den Graben zwischen den beiden Teilen der Nation vertieft. Die Stärkung der DDR hat stets Barrieren gegen den an Aggressivität zunehmenden westdeutschen Imperialismus errichtet und damit der deutschen Nation den besten Dienst erwiesen. Dabei hat sich freilich der Abstand zwischen der in der Deutschen Demokratischen Republik erreichten Entwicklung und der Entwicklungsstufe der spätkapitalistischen Gesellschaft in Westdeutschland immer weiter vergrößert. Im Hinblick auf die Weiterführung des sozialen Typenwandels der deutschen Nation ist größerer Nachholebedarf vorhanden. Heute, da wir das entwickelte gesellschaftliche System des Sozialismus in der DDR errichten, ist die Vereinigung der beiden Teile Deutschlands nur im Sozialismus möglich. Diese Einsicht bedeutet nicht Abwendung von den nationalen Dingen auf lange Zeit, sondern drückt höchste nationale Verantwortung aus. Imperialismus und

480

MANFRED BENSING

Militarismus haben der deutschen Nation nichts als Gefahren, Niedergang, Elend und Schande gebracht. Wer sich der Frage gegenüber gleichgültig verhält, wessen Führung die Nation anvertraut sein soll und nur sein darf, wird der hohen Verantwortung gegenüber der Nation und ihrer Zukunft nicht gerecht. In unserer Epoche liegt die Zukunft der Nationen, auch der deutschen im Sozialismus. Die DDR repräsentiert die Interessen der Gesamtnation. Ihre Existenz und Wirksamkeit ist eine der wichtigsten Bedingungen für die unausbleibliche Weiter- und Zuendeführung des sozialen Typenwandels der deutschen Nation. Es hieße von abgeleiteten Fragen ausgehen zu wollen, würde man die tatsächlich vorhandene Tendenz des Auseinanderlebens der beiden Staatsvölker, ihre sich verstärkende Integration in entgegengesetzte internationale Gemeinschaften als Zeichen einer Auflösung der deutschen Nation werten. Diese Erscheinung ist im Hinblick auf den Gesamtprozeß des sozialen Typenwandels der Nation relativ. Im übrigen geht der Schluß von falschen Prämissen aus. Erstens sind die Beziehungen zwischen verschiedenen Nationen, und seien sie noch so stabil, spezifisch anderer Natur als die zwischen verschiedenen Teilen einer Nation, und seien sie noch so locker. Zweitens wird stillschweigend davon ausgegangen, daß die Weltgeschichte auf der Stelle tritt, die Gesetzmäßigkeiten des Übergangs vom Kapitalismus zum Sozialismus im Weltmaßstab nicht wirksam sind. Drittens wird der unterschiedliche und entgegengesetzte Charakter der Beziehungen zwischen der DDR und den anderen sozialistischen Staaten und Nationen und der westdeutschen Bundesrepublik mit den imperialistischen Staaten und bürgerlichen Nationen ignoriert. Die freundschaftliche Zusammenarbeit der sozialistischen Nationen, das arbeitsteilige Zusammenwirken und die Kooperation der nationalen Wirtschaften oder ihrer Teile stehen in keinem Widerspruch zum Aufblühen und zur Festigung der sozialistischen Nationen, sondern bilden eine entscheidende Bedingung, einen Wesenszug ihrer Entwicklung. Der sozialistische Internationalismus, die Vertiefung der brüderlichen Bande zwischen den sozialistischen Staaten und Nationen, die Entwicklung des sozialistischen Weltwirtschaftssystems und die gemeinsamen militärischen Schutzmaßnahmen sind entscheidende Faktoren, die die Veränderungen im internationalen Kräfteverhältnis zwischen Sozialismus und Imperialismus stimulieren. Die einzelnen sozialistischen Staaten und Nationen verdanken ihre Existenz und ihre Entwicklung nicht zuletzt der Tatsache, daß die Sowjetunion über Jahrzehnte allein und nach dem zweiten Weltkrieg im Bund mit den anderen sozialistischen Ländern Bedingungen für den sozialen Typenwandel der Nationen geschaffen hat. Die Zugehörigkeit der DDR zur sozialistischen Völkerfamilie ist deshalb kein Hindernis für die unausbleibliche Vereinigung der beiden Teile unserer Nation im Sozialismus, sondern ein den sozialen Typenwandel fördernder Faktor. Beide Prozesse sind Ausdruck der gleichen allgemeinen Gesetzmäßigkeiten unserer Epoche. Sie können deshalb nicht im Widerspruch zueinander stehen. Völlig anders wirkt die Integration des westdeutschen Staates in das imperialistische System auf die Entwicklung der deutschen Nation ein. Eingestandenermaßen ist es gerade ihre Bestimmung, den territorialen status quo in Mitteleuropa zu ändern, den revolutionären Umwälzungsprozeß in der Deutschen Demokratischen

Die deutsche Nation im Prozeß des sozialen Typenwandels

481

Republik und in anderen sozialistischen Ländern rückgängig zu machen, den status ante bellum der deutschen Nation wiederherzustellen, und zwar mit allen seinen gefährlichen Folgen für den Frieden und die europäische Sicherheit. Die imperialistische Integration ist schon deshalb zutiefst antinational, den objektiven Entwicklungstendenzen unserer Epoche entgegengesetzt. Damit hängt freilich auch eine andere, den imperialistischen Wünschen gänzlich zuwiderlaufende Tendenz zusammen. Die wirtschaftliche, politische und militärische Integration Westdeutschlands hilft die Widersprüche im eigenen Lande zu verschärfen; sie macht die antinationale Position des westdeutschen Monopolkapitals offensichtlicher und fördert zwangsläufig den demokratischen Sammlungs- und Aktivierungsprozeß, der unter bestimmten Voraussetzungen in den entschiedenen antiimperialistischen Kampf einmünden und den sozialen Typenwandel auch des nichtsozialistischen Teils unserer Nation in Gang setzen kann. Die Prognose unserer Nationalentwicklung kann also nur aus der Erkenntnis der Gesetzmäßigkeiten der Epoche des Übergangs vom Kapitalismus zum Sozialismus gewonnen werden. In Abhängigkeit von der Politik des westdeutschen Imperialismus kann sich zwar zeitweilig die Tendenz des Auseinanderlebens der beiden Staatsvölker verstärken, so wie sich mit andauernder Spaltung der gesellschaftliche Entwicklungsunterschied zwischen ihnen vergrößert. Beide Erscheinungen sprechen aber nicht dafür, daß die deutsche Nation zu existieren aufhört. Vielmehr kennzeichnen sie die spezifische Situation einer sich im sozialen Typenwandel befindlichen gespaltenen Nation. Nationen im sozialen Typenwandel haben Merkmale aufzuweisen, die mit den Attributen der bürgerlichen und der sozialistischen Nation nicht übereinstimmen, die durch ihren Übergangscharakter geprägt sind. Die sozialistische nationale Gemeinschaft ist durch die politisch-moralische Einheit des Volkes auf der Grundlage durchgängiger sozialistischer Produktionsverhältnisse gekennzeichnet. In der Übergangsperiode vom Kapitalismus zum Sozialismus aber geht es zunächst darum, an die Stelle der Klassenantagonismen gesellschaftliche Beziehungen zu setzen, die nichtantagonistischer Natur sind, die sozialökonomischen und politischen Voraussetzungen für die Annäherung der Klassen und Schichten an die Arbeiterklasse durchzusetzen. Das hohe technische, kulturelle und Bildungsniveau, die sozialistische Denkhaltung, die Entwicklung der sozialistischen Persönlichkeit in der sozialistischen Gemeinschaft, die sämtlich das nationale Leben im Sozialismus, die sozialistische Nation als einen höheren Typ gesellschaftlicher Entwicklungsformen auszeichnen, bilden sich in der Übergangsperiode zum Sozialismus erst heraus. In dem Maße, wie sich die sozialistische nationale Wirtschaft entwickelt, sozialistische Produktionsverhältnisse zum Siege geführt werden, die sozialistische Staatsmacht ihrer politisch-organisatorischen Funktion beim sozialistischen Aufbau immer besser gerecht wird, erreichen auch die internationalen sozialistischen Beziehungen die der sozialistischen Gemeinschaft eigene Tiefe und Festigkeit. In der Übergangsperiode vom Kapitalismus zum Sozialismus läßt sich demnach 31 Studien

482

MANFRED

BENSING

ein stetes Ausreifen der die sozialistische Nation bildenden F a k t o r e n feststellen. Das sind jene sozial-ökonomischen, politischen, ideologischen u n d kulturellen Einflüsse, M a ß n a h m e n u n d Institutionen, die auf die Herausbildung der sozialistischen nationalen Gemeinschaft entscheidenden Einfluß nehmen, an der Spitze die wissenschaftlich begründete u n d prognostisch orientierte F ü h r u n g u n d Leitung der gesellschaftlichen Prozesse durch die marxistisch-leninistische Partei. Eine sich im Prozeß des sozialen Typenwandels befindliche gespaltene Nation wie die deutsche h a t zusätzliche Eigenheiten aufzuweisen, f ü r die es in bisherigen Begriffsdefinitionen keinen R a u m gibt, die aber begrifflich gefaßt, d. h. verallgemeinert werden müssen, wenn Definitionen den Anspruch erheben, auf die spezifische Lage der deutschen Nation Anwendung zu finden. Wird a n e r k a n n t , d a ß innerhalb einer Nation zunächst ein Teil in den revolutionären Umwälzungsprozeß zum Sozialismus eintritt, während im anderen Teil die historisch überlebte Herrschaft der Monopolbourgeoisie erhalten bleibt — und die neueste Geschichte beweist die Möglichkeit dieser Entwicklung —, so ist die Charakteristik der Nation als eine relativ stabile Gemeinschaft von Menschen, die sich auf der Grundlage gemeinsamer Merkmale herausbildet u n d entwickelt 8 , zwar hinsichtlich der allgemeinen historischen Voraussetzungen, aber nicht im Hinblick auf die faktischen Gegebenheiten a n w e n d b a r . Das Gespaltensein einer sich im sozialen Typenwandel befindlichen Nation schließt geradezu ein, d a ß auf einem Teilterritor i u m die Bourgeoisie, auf dem anderen die Arbeiterklasse herrscht, d a ß zwei S t a a t e n u n d zwei Staatsvölker existieren, d a ß vom einheitlichen nationalen Territorium keine Rede sein k a n n . Die H e r r s c h a f t der beiden entgegengesetzten Klassen u n d S t a a t e n ist auf unterschiedlicher Produktionsweise begründet, auf dem Wirken verschiedener ökonomischer Gesetzmäßigkeiten. Die Spaltung der N a t i o n m u ß also zwangsläufig zur Störung u n d k a n n bei ihrer Fortexistenz zur A u f h e b u n g des einheitlichen Wirtschaftslebens f ü h r e n . Mit der einander entgegengesetzten Gestaltung der Produktionsverhältnisse verändert sich die Physignomie der ges a m t e n Gesellschaft. Da die K u l t u r Klassencharakter besitzt, k a n n sie als nationales Merkmal nicht einheitlich sein. Die bereits in der bürgerlichen Nation existierende, durch verschiedengeartete Klasseninteressen b e s t i m m t e entgegengesetzte Stellung zu den kulturellen u n d geistigen Traditionen findet sich in den Staaten derselben Nation als die jeweils herrschende. Zwar h a t die deutsche N a t i o n eine gemeinsame Vergangenheit, aber deren Widerspiegelung im Geschichtsbild, in den Traditionsauffassungen usw. ist klassengebunden. Reduziert m a n — wie es noch oft geschieht — das Wesen der N a t i o n auf solche Merkmale, so würde tatsächlich nur die gemeinsame Sprache als das Verbindende bleiben. Aber die Sprache ist zwar das stabilste, keineswegs jedoch ein stabilisierendes Element. Sie k a n n , von den progressiven K r ä f t e n v e r w a n d t , ein wichtiges Mittel im antiimperialistischen Kampf sein. Aber darüber entscheidet nicht die Sprache ,sondern die Klassen, die sich ihrer bedienen. Worin aber besteht das Gemeinsame, das die Nation Verbindende, dessen Existenz 8

Ebenda, S. 255.

Die deutsche Nation im Prozeß des sozialen Typenwandels

483

uns berechtigt, vom Fortbestehen der Nation und von ihrer unausbleiblichen Vereinigung im Sozialismus zu sprechen? Wir konstatierten bereits, daß die Rolle der Nation als Entwicklungsform der Gesellschaft an die Arbeiterklasse und deren Kampfgemeinschaft mit den anderen werktätigen und demokratischen Kräften übergegangen ist. Sie wird einerseits von der Staat gewordenen Arbeiterklasse in der DDR ausgeübt, die auf ihrem Territorium die Zukunft der sozialistischen deutschen Nation gestaltet. In den objektiven Zusammenhang ist aber auch die westdeutsche Arbeiterklasse einbezogen, ungeachtet ihres augenblicklichen Vermögens, ihn zu erkennen und die politischen Konsequenzen aus ihm zu ziehen. Die Verantwortung für das Schicksal der deutschen Nation rückt die westdeutsche Arbeiterklasse in schärfsten Gegensatz zur anitnationalen Politik und Rolle der imperialistischen Kräfte Westdeutschlands und der Welt und verbindet sie mit der Arbeiterklasse in der Deutschen Demokratischen Republik. Man müßte die Arbeiterklasse vernichten, um der deutschen Nation die Existenz und die gemeinsame Zukunft im Sozialismus zu rauben. Da dies nicht mögich ist, kann dem vorübergehenden (wenn auch langandauernden) Fehlen jener Merkmale, die die einheitliche Nation kennzeichnen, keine entscheidende Bedeutung beigemessen werden. Die Arbeiterklasse beider deutscher Staaten wird im Bündnis mit den anderen werktätigen Schichten und antiimperialistischen Kräften zusammenfügen, was der Imperialismus gespalten hat — diese fundamentale Feststellung Walter Ulbrichts 9 verweist auf den entscheidenden Faktor unserer Nationentwicklung. Die Charakteristik der deutschen Nation in der Gegenwart als einer sich im Prozeß des sozialen Typenwandels befindlichen Nation, die Einführung des Terminus „sozialer Typenwandel" in die Bestimmung der Genesis der Nation überhaupt, gestattet einerseits eine theoretische Vertiefung und Zusammenfassung der bisherigen Einschätzungen, zum anderen das exakte begriffliche Erfassen des untrennbaren Zusammenhangs zwischen der Entwicklung unserer Nation und der Klassenauseinandersetzung zwischen Sozialismus und Imperialismus in Deutschland. • Vgl. Aussprache über den Entwurf der Verfassung der D D R im Berliner FriedrichstadtPalast, in: Neues Deutschland, 17. Februar 1968, S. 3.

31*

r . H. J I E B M H C O H ,

K

HCTOpHH

MapKCHCTCKOrO

yqeHHH

0

MOCKBA

HaiJHOHaJIBHO-

OCBOCOflHTeJIbHOii peBOJIIOIJHH

B CTaTte SynyT paccMOTpeHH HenoTopue HCTopniecKHe h c t o k h KOHi^eimnH ejjHHoro aHTHHMnepHajiHCTHHecKoro «JipoHTa, 060CH0BaHH0ft, KaK H3BecTHO, JleHHHHM H C$OpMyjIHpOBaHHOtt B pCUieHHHX KoMMyHHCTHieCKOTO MHTepHaunoHajia. IlporpaMMHO-TaKTHiecKaH H^en e^HHoro aHTHKMnepnajiHCTHqecKoro $poHTa — Ba?KHeiimaH cocTaBHan qacTB, caMoe H^po MapKCHCTCKOtt TeopHH HaijMOHajibHOocBoSoAHTejibHoft KOJiOHHajiBHOii peBO j h o i j h h . 9 i a Haen CKJia^HBajiacb b

xofle

«JIHTejIbHOtt H CJIOJKHOft nOJIGMHKH B pHflaX peBOJIK)L(HOHHOrO flBHJKeHHH, B XOfle ocTpott 6opb6bi c ero BparaMH.

OHa npo^OJUKaeT 6 h t b npejjMeTOM jifleojioru-

necKott 6opb6H h cero^HH.

Co BpeMeHH I I K o a r p e c c a KoMHHTepHa H jjo Haumx flHeft HaxoRHJincb noBepxHOCTHHe HJIH 3JIOHaMepeHHEie KpHTHKH, CnemHBIIIHe O0BHHHTb MapKCHCTOBjieHHHqeB B SecnprnmiinHOM nparMaTH3Me Ha TOM 0CH0BaHHH, t t o , ^ecKaTb, e^HHHtt $poHT Meatfly 6ypjKya3Heit h nponeTapnaTOM yrHeTeHHOlt CTpaHH npoTHBOpeHHT MapKCHCTCKOtt flOKTpHHe O HenpHMHpHMOCTH aHTarOHH3Ma OTI1X flByx KJiaccoB. T a K o r o po,na o 6 b h h 6 h h h BHRBHrajiHCb npeHMymecTBeHHo c ncmimHii florMaTHiecKoro MejiKoSypatyaaHoro nceBflOMapKCH3Ma (Tan BLiCTynaJin, B nacTHOCTH, Tpoi^KHCTti). J I o 3 y n r coio3a pa6oHero KJiacca H KpecTbHHCTBa, KaK OCHOBH e^HHoro HaijiioHajibHoro $poHTa, T a K » e BH3HBaji y HeK0T0pHX aHTHMapKCHCTOB HawrpaHHoe yflHBJieHHe: no HX yTBepjKfleHHio, coijHajiHCTHHecKoe yieH.He K a p j i a MapKca «c^ejiajio HeBOSMOJKHbiMH coBMecTHbie peBOJiioijiioHHHe flettcTBHH» p a S o i H x H KpecTbHH, 6ojiee Toro, «MapKCH3M O6t>HBHJI CBHrqeHHyio BOitHy npOTHB KpeCTbHHCTBa» (TaK 3aHBJIHJI MHTpaHH). 1 B pn^e BpajKfleSHHx KOMMyHH3My coiHueHiiit mohuio BCTpeTHTb yTBepjKfleHHe, h t o TaKTHKa e^HHoro aHTHiiMnepiiaJiKCTiiqecKoro poHTa — JimjeMepHaH yjioBKa KOMMyHHCTOB, MaCKHpyiOmaH HX «HH(j)HJIbTpaiJHIO» H «nOflpBIBHyiO» fleHTeJIbHOCTb, i t o 3Ta TaKTHKa, He BHTeKaiomaH, 6yflT0 6 h , H3 MapKCHCTCKoro yieHHH, 6buia npocTO «npnflyMaHa» npaBHTejibCTBOM CoBeTCKOft P o c c h h KaK opyp,He ero BHeniHeil nojiHTHKH, cpeACTBo «3KcnJiyaTHpoBaTb» b HHTepecax CCCP naLtHOHajibHue ycTpeMjieHHH HaposoB A 3 h h (noflo6Hyio MHCJib nbrraeTCH, HanpHMep, BHymHTb HHTaTejIHM MaJIbKOJIbM KeHHeHH).2 1 2

D. Mitrany, Marx against the peasant, London 1952, pp. 20, 22. M. Kennedy, A history of Communism in East Asia, New York 1957.

485

K HCTOpHH MapKCHCTCKOrO yHGHHH o Haij.-ocBoC. peBOJIIOIÍHH

PaCCMOTpeB HGKOTOpHG a C n e K T H HCTOpHH y q e H H H O GflHHOM aHTHHMnepHaJIHCTHnecKOM

(|ipoHTe,

3TH

nOflOÔHHG HM HCKaHtGHHH MapKCHCTCKO-JIGHHHCKOÜ

H

MH p a c c i H T H B a e M n o n y T H O o n p o B e p r a y T B

c «JaKTaMH TeopHH

b

pyitax

H nOJIHTH-

HecKoñ npaKTHKH. IIpeacTaBjiHeTCH

iíejiecoo6pa3HHM

paccMOTpeTb

CTaHOBJieime

HHTepecyiomeö

Hac H^eH b R B y x nJiaHax : BO-riepBHX, cooTHomemiG KJiaccoBHX c o i o a o B h KJiaccoBoft B

SopbÔH

aHTHKOJIOHIiaJItHLIX

JJBHJKGHIIHX

pa3JIHHHOrO

THna

Ha

npOTHÎKGHHH

X I X h H a i a j i a X X CTOJieTiin; B o - B T o p u x , O T p a a t e H H e a T o ü n p o ß j i e M H b HayiHoit

comiajiHCTHiecKoft mhcjih

Korjja

ihhgch

Ha

jKepTBofi

KOJiOHiiajibHoro

HaiaJibHtrx cTa^nnx

flBH»eHHH

BpeMeHH.

Toro ate BaxBaTa

CTaHOBHJiHCb

oömecTBa,

KJiacc006pa30BaHHH, c o x p a H H B n m e

HaxoflHB-

BLipameHHHe

OÔmHHHO-pO^OBOrO CTpOH HJIH T a K HaSHBaeMOÖ «BOGHHOft ßGMOKpaTHH», Tor^a 6hjio gctgctbghhhm, i t o npoTHB 3axBaTiHKOB noRHHMajiacb uejian Hapojj;HOCTb HJTH n a e M H , c n a n H H b i e C B o e ñ coLjHa.ni.Hoii mohojihthoctbio. T a K B O G B a j r a s a CBOK) CBoGofly HHAGHiíH AMGpHKH, M a o p H Hoboh 3cjiaH3HH, s y j i y c u HDhíhoü ApiiKH. Ecjih K0Ji0HH3aT0paM h y^aBajiocb n o a i a c BHOCHTb pa3^op b p n ^ B i

lepTH

3amHTHHKOB HG3aBHCHMOCTH, TO OHH HCnOJIbSOBajIH flJIH 3TOrO HG KJiaCCOBHe,

a

MGHinjIGMeHHHG IipOTHBOpGHHH. O ^ H a K o Ha r j i a B H L i x HanpaBJieHHHX KOJioHHajibHoii SKcnaHCHH e c 6mjih

BHMH

paaBHTtie

$eo,n;ajibHHe

rocy^apcTBa,

c

rjiyôoraiMJi

h

oßteKTaMii

«aBHHMii

KJiacco-

aHTarOHH3MaMH, C HaCGJIGHHeM, paCHJIGHGHHHM HGnpOXO^HMilMH COCJIOBHHMH

öapbcpaMH.

3fl¡GCb e^HHCTBO

b

He3aBHCHMOCTb

6opb6e sa

aocTiiraJiocb

cjioîKHGe

H B CymGCTBGHHO HHOii .7 BecbMa

paßoHero

BAJKHH, ^ a j i e e ,

BHflHOCTblO Eme

B3RJIHFLH OCHOBOIIOJIOJKHMKOB MAPKCH3MA H a

BO BPEMH 6yp5Kya3H0-ji,eM0KpaTHqecK0ft

KJiacca

KOTOpOii

HBJIHeTCH

peBOJIK)L[MH

B KoMMyHHCTHqecKOM M a m i ^ e c T e

no3imnio

peBOJiKmiiii

(pa3Ho-

Hai^HOHaJIbHO-OCBoSoflHTeJIbHaH).

6bi.na l e T K O BLipaaíeHa Ta MHCJib,

«nocKOJibKy S y p j K y a a H H BHCTynaeT peBOJiKmHOHHO, KOMMyHHCTHiecKaH

ito

napTHH

öopeTCH BMecTe c Hew» 8 , TaK KaK p a ô o i H f t KJiacc 3KH3HeHHO 3anHTepecoBaH B JIHKBHflaiJHH C03flaHHHX K CHJie BpaJK^eÖHHx eft ajieiueHTOB, — ßAHTE H T o r ^ A p a ß o n e f t napTHH He ocTaHeTcn HHHero

flpyroro

KaK npoflOJiHcaTb a r i i T a i j H i o , KOTopoft

6yp»ya3HH

HSMeHHjia,

arHTai^HK) BonpeKH ß y p j K y a a i i H 3a ö y p j K y a a H y i o CBoßopy, CBoôopy n e n a ™ ,

' K. Mapnc

H

0. dHzejibc,

MaHH^ecT

KoMMymiCTimecKoft

napTHH.

Coi.,

3a

h3R. 2 - e ,

T. 4 , c T p . 4 5 9 .

• K. 7

Mapnc,

0. dmejibc,

BoceMHaflqaToe ßpwMepa JlyH BoHanapTa, COH., H3fl. 2-e, T. 8, CTp. 211. ÜHCBMO O . T y p a ™ OT 2 6 .

I.

1894

r. K. Mapnc

H

. duee.ibc,

HHCBMA. M o c K B a 1 9 4 7 , CTP. 4 7 3 . 8

MaHH(j)eCT KOMMyHHCTHHeCKOÖ n a p T H H , I ^ T . H3flaHHe, CTP. 4 5 9 .

9

TaM ase, CTp. 432.

IlaßpaHHue

K HCTOpHH MapKCHCTCKOrO yHCHHH O HaiJ.-0CB06. peBOJIIOIÍHH

489

npaBO coôpaHHû h c0K)30b». K aTOMy coiesyeT o i e H b cymecTBeHHaH o r o B o p n a : «CaMO coôoft paayMeeTCH, h t o b o Bcex a r a x c j i y i a n x p a ô o i a n n a p r a n He 6 y « e T npocTO njiecTHCb b xBOCTe y ôypHtyasHH, a S y ^ e T BHCTynaTb KaK c o B e p m e i r a o OTJIHHHâH OT Hee, CaMOCTOHTejIbHaH napTHH». 1 0 Hac BaîKHO OTMeTHTb, h t o cpep;H MHoroo6pa3HHx a a f l a i 6 y p 5 « y a 3 H o ReMOKpaTHiecKoft peBOJiioiíHH K . MapKC h BHrejibc CTaBHJiH Ha n e p B o e MecTO a a f l a i y aaBoeBaHHH Han,H0HajibH0ñ He3aBHCHMOCTH. « n o u a jKH3Hecnoco6HBiii HapoH CKOBaH nymeaeMHHM saxBaTiHKOM, — roBopiiJi M a p K C , — . . . o h He b coctohhhh

ôopoTbCH

3a

cou,HajibHoe

ocBoôoHî^eHHe».11

9Hrejibc

6hji

yôewjieH,

h t o ROJir con,HajincTOB yrHeTeHHOtt HaijHii — c w r a T b «ocBoôoHtfleHHe C T p a m i o c h o b h h m nyHKTOM cBoeft n p o r p a M M i i » . 1 2 TaKHM o 6 p a 3 û M , b TeopeTHiecKOM Hacjie^HH o c h o b o h o j i o h u i h k o b MapKCH3Ma npHcyTCTBOBajiH Bce ajieMeHTii, HeoôxoflHMbre jjjih B u p a ô o T K i i CTpaTerHH n p o j i e T a p c K o ñ napTHH b KOJioHnajibHoñ peBOJHOijHH. B t h ncxoflHbte nojioateHHH He MorjiH n p a

HÍH3HH M a p K c a

h

9 H r e j i b c a BbuiHTbCH b

saKOHieHHyio

KOHqenijHio

e ^ H H o r o a H T H K O J i O H H a j i b H o r o (j>poHTa, n o c K O J i b K y b t o B p e M H 6 h j i o e m e j j a j i e K O 3 0

cosflaHHH napTHit p a ô o i e r o

K J i a c c a b k o j i o h h h x h He c t o h j i e m e

npaKTHiecKH

B o n p o c 0 nojiHTHKe p a 6 o n e r o h b h j k c h h h 3 a n a ^ a n o OTHomeHHio k ocBo6ojprrejibHoit 6 o p b 6 e k o j i o h h ô . B t o t B o n p o c h c t o p h h nocTaBHjia b nopn,noK h h h TOJibKo Ha pyôeate X I X h X X bckob. B T o p o ñ ÜHTepHaqHOHaji HeKjiapnpoBaji ocyjKjjeHHe KOJiOHHajiH3Ma, n p 0 B 0 3 rjiacHJi npaBO HaijHH Ha caMOonpe^ejieHHe ( J I o h h o h c k h ï î KOHrpecc 1 8 9 6 r . ) , npH3BaJi k

06pa30BaHHK> b k o j i o h h h x

con¡najincTHHecKnx

napTHñ

(üapHHtcKHñ

KOHrpecc 1 9 0 0 r . ) , h o TaK h He n o ^ o m e j i k BLipaSoTKe MHpoBoft peBOJiKmHOHHOft CTpaTerHH,

KOTopan

oxBaTHBajia

6h

TaKJKe

h

KOJioHHajibHBift

MHp.

IIpaB^a,

P o s a JIioKceMÔypr r o B o p n j i a b 1 9 1 2 r . o HeoôxoRHMocTH HMeTb CTpaTerHio peBOJiroi ; h h b Macnrraôe B e e r ò MHpa 1 3 , h o Ha flejie ee KOHijenijHH He ocTaBJiHJia MecTa fljm HaijHOHajibHO-ocBOÔoflHTejibHoii 6opb6bt KOJiOHHajibHHx Hap0fl0B. H e l e r o h roBopHTb o npaBOM, rocnoflCTByiomeM K p u j i e B T o p o r o ÜHTepHaqHOHajia, KOTopoe OTCTynajio Bce ^ a j i b i n e h p;ajibme Ha 11031111,™ npnMoii a n o j i o r n H KOJiOHHajiH3Ma. B b i p a ô o T K a CTpaTerHH n p o j i e T a p u a T a b KOJioHHajibHoit peBOJiiou,HH j i e r j i a Ha n j i e i H caMoro S o e s o r o K p u j i a MHpoBoro coiíiiajiHCTHiecKoro R B u m e m m — Ha p y c c K H x ôojibmeBHKOB. 3 a f l a i a ocBoôo/KfleHHH Hapo^OB i j a p c K H x k o j i o h h ü cocTaBJiHJia opraHHqecKyro nacTb BcepoccHftcKoñ fleMOKpaTHiecKoü peBOJiioi^HH h l e T K a n n p o r p a M M a n o aTOMy B o n p o c y S t u i a JKH3HeHHoñ Heoôxo^HMOCTBK) hjih n p o j i e T a p c K o f t napTHH. K Hai^HOHajibHo-KOJioHHajibHOMy B o n p o c y 6i>iJia npHMeH e H a no3HD,HH, B B i p a ô o T a H H a H

ôojibmeBHKaMH

HaKaHyHe

h

b xo^e

peBCJirou,HH

1 9 0 5 r o f l a : HCxo^HTb H3 T o r o , i t o «KpecTbHHCTBo cnocoÔHo CTaTb nojiHbiM h 10

11 12

0. dneejibc, BoeHHbiit Bonpoc b IIpyccHH h neMeijKafl p a ô o i a H napTHH. K. Mapitc O. dmejibc, C o i . , H33;. 2-e, t . 16, CTp. 70, 7 7 — 7 8 . K. Mapnc h (P. dmejibc, 3 a IIojiBiny, Coq., H3fl. 2-e, t . 18, CTp. 555. 0 . duaejibc,

ÜHCbMO K . KayTCKOMy 7. I I . 1 8 8 2 r . , K. Mapnc

H3fl. 1 - e , t . X X V I I , 1 9 3 5 r . , CTp. 1 8 5 - 1 8 6 . 13

L a deuxième Internationale et l'Orient, Paris 1967.

h 0 . Sneejibc,

h

Coi.,

490

T. H .

JIEBHHCOH

paa,HKajibHeñinHM ctopohhhkom ^eMOKpaTHiecKoft peBOJuoi^HH»;14 h t o

6yp»ya3-

HHie fleMOKpaTH — «ecTecTBeHHHe h HtejiaTejibHue cok)3hhkh cotonaji-^eMOKpaTnn, iiocKOJitKy aejio H^eT o ee «eMOKpaTHHecKnx a a ^ a i a x » 1 5 , i t o coi^Haji-^eMOKpaTH «roTOBH noA^epataTb h KpynHyio öypHtyaaHio, nocKOjibtcy ona cnocoóna

Ha peeoMO-

l^UOHHyiO 6opi>6y» C KpenOCTHHieCTBOM H a6cOJIIOTH3MOM18, CJIOBOM —

ÖOpOTbCH

sa 6yp?Kya3Hyio 3,eMOKpaTHH) «Bnepe^H Bcex h bo rjiaBe Bcex», coÔJiio^aH 6eayCJIOBHyiO

«OÔHSaTejIbHOCTb

OTJjeJIbHOft

H

CaMOCTOHTejIbHOit

CTpOrO-KJiaCCOBOñ

napTHH couHaji-fleMOKpaTHH». 17 PeBOJiK)i;HOHHHe

flBHweimn

1905—1913rr.

Ha

BocTOKe

oßoraTHJin

onuT

60JibmeBHK0B, KOToptte He TOJibKO B u p a w a j i H b nenaTH cojiH^apHOCTb c bthmh ôypjKyaaHHMH j^bhîkghhhmii , ho h npHHHJin Henocpe^CTBeHHoe ynacTiie b 6opb6e Ha CTopoHe HpaHCKHX fleMOKpaTOB. BaJiKaHCKHe b o í í h h h j j p y m e npeflBecmjiKu MHpoBoft

HMnepnajiHCTHHecKoii

BotaH

Bonpoc Bee ßojiee aKTyajibHHM. B

flejiajiH

1913r.

HarjHOHajibHO-KOJiOHHajibHbiö

coBemaHHe

E(K

PC^PII

npHHHJio

nporpaMMHyio peaojiKmiiio, b KOTopoit npoB03rjiamajiocb npaBO Bcex yrHeTeHHux HaijHii «Ha caMOonpe^ejieHHe, t . e. Ha OTjjejieHiie h 06pa30Bamie caMOCTOHTejibHoro

rocy^apcTBa». 1 8

B

nocjie^yiomHe rojjM (1914—1916)

JleHHHy npHinjiocb

OTCTâHBaTb 9T0 nojioateHHe b y n o p H o ñ nojieMHKe c P030Ü JIioKceMÔypr.

ÛHa

npH^epœHBajiacb MiieonH, ht o HHTepecaM ripojieTapiiaTa He OTBenaeT costatine «HaqHOHaJibHOro rocy^apcTBa», caMO 3to noHHTne OHa HacMemjiHBO Ha3HBaJia Kya3Horo jm6epajiH3Ma». 1 9 B PC.Il.Pn y P o 3 H JIioKceMSypr 6 h j i h c t o p o h h h k h , CTOHBHiHe b Hanii0HaJii>H0M Bonpoce Ha TâK Ha3BiBaeMHx «jieBHx» no.3HHHHx: TaK, H . B y x a p H H npn3HBaJi coi^naji-jieMOKpaTOB nponaraH^HpoBaTb HHflH(|»(|»epeHTH3M no OTHomeHHio k ixohhthhm «OTenecTBO», «naL(HH»; 20 T . ÜHTaKOB nHcaji: «Fio oTHoinemno k kojiohhhm coiinajincTaM H e l e r o BHCTaBJiHTb jioayHr caMoonpeflejieHHH, h6o Booôme Hejieno BHCTaBJiHTt ji03yHrn paöoqeü napTHH hjih CTpaH, r ^ e HeT p a ô o i n x » . 2 1 JleHHH yöe^HTejibHO noKa3aJi

rjiyßoKyio

IIocKOJibKy,



«ecTb eme oó^enmueHo necKue,

samara

omnôoiHOCTb

paaiHCHHji

TaKOit

JleHHH,



«yœacHO peBOJiKmiioHHOft» no3Hi;HH.

bo

Bcex

kojiohhhx

h

nojiyKOJiomrax

oônjeHaijHOHajibHbie 3afla*m, hmchho aaaaiH

ceepMcenua,

HyMcenai^uoHcuibHoeo

enema»,

deMonpamu-

nocTOJibKy

BnoJiHe

B03M0JKHH nojiHTHiecKHe .neiiCTBHH «HaiíHOHajibHO-yrHeTeHHoro iipojieTapwaTa h KpecTbHHOTBâ eMecme c HaiíHOHajibHo-yraeTeHHoñ 6ypjKya3Hefi npomue

14

15 16 17

18

19 20 21

yrHeTaio-

B. H. JlenuH, J^Be TaKTHKH coi^iiaji-aeMOKpaTHH b neMOKpaTHqecKoñ peB0Jii0i(HH, Coôp. COH. ,T. 11, CTp. 88. B. M. JlenuH, H t o «enaTb?, Co6p. coh., t . 6, CTp. 17. B. H. JleHUH, IlpoeKT nporpaMMH Harneli napTHH, Co6p. coh., t . 4, CTp. 222. B. H. JleHUH, flße TaKTHKH COIiHaJI-fleMOKpaTHH B fleMOKpaTHHeCKOñ pGBOJIKJI^HH, CTp. 14, 75. B. M. JlenuH, Pe30Jii0ijHH jieTHero 1913 roßa coBemaHHH IJK PC,II,Pn c napTHÄHUMH paßoTHHKaMH, Co6p. c o i . , t . 24, CTp. 59. IJht. ho: «BeKa HepaBHoit 6opb6u», MocKBa 1968, CTp. 437. TaM we, CTp. 438. TaM we, CTp. 442.

491

K HCTOpHH MapKCHCTCKOrO yHGHHH O H a i J . - O C B O ß . peBOJIIOHIJHH m e t í H a i í H H 2 2 » . B o j i e e T o r o , R o ô a B J i H J i JIGHHH, RFLE H e T p a ö o i H x ,

H e j i e n o , a OÔAAAMEABHO BbiTeKawinan

ÍJJIH T e x K O J i O H n a J i t H H x

RJIH B C H K O T O M a p K C H C T a B U C T A B J I H T B

«caMOonpe^ejieHHe».23

H3 STHX p a c c y a i f l e H i i i i n o j i H T H H e c K a n n j i a T i J i o p M a 6 u j i a

POBAHA J l e H H H H M B 1 9 1 6 r o « y pemHTejibHHM

CTpaH,

R^E e c T b TOJIBKO p a 6 o B J i a ^ e j i i . I ( H H p a ô t i H T . N . , H e TOJIBKO we

oôpaaoM

c$opMyjiH-

c o B e p m e H H o LETKO: «COIINAJINCTH ^OJIHÎHH

no^epjKHBaTB

ÔypHtyaBHO-^eMOKpaTHieCKHX

Hanôojiee

peB0Jii0i(H0HHHe

Hai(H0HaJIbH0-0CB060AHTe.JIbHHX

caMUM

a-neiueHTH

JJBHJKeHHË B

3THX

( K O J i o H i i a j i b H H X — T . J I . ) C T p a H a x H NOMORATB H X BOCCTAHHIO, — a n p n c j i y q a e H HX

peBOJIK)L(HOHHOÄ

BOÄHe

npOTTlM



YRHETAIOMHX

HX

HMItepHajIHCTHHeOKHX

aepataB».24 HMCHHO

8T0T NPHHI^nn

JIHHHH K O M H H T e p H a nojiHTHKH

HecKOJibKO

jieT

cnycTH

ôojibmeBHKOB,

Kor.ua

OHH

npHHiJiH

BejIHKOii OKTHÔpbCKOÔ COI*HaJIHCTHieCKOñ TOAH,

NOCJIEFLOBABMNE

H3BecTHo,

Ha

Hee

BTHHYTH

ÔHJIH

npHBejio

BO

BceM

OirorópeM

orpoMHHe

Macen

CTpanax

H

ycKopHJiH

B ocHOBy

CTPATERNIECKOII

K

K

BJiacTH

COIÍHajIbHHe

peayjitTaTe

6HJIH

NOÖE^H

OTMEIEHH,

aHTHHMnepHajiHCTHiecKOít

NEPEBEHCKOII

pa¿I,nKajm3aiíHH

H ropojjCKOft

H

KAK

6opb6ii.

ße^HOTbi,

,neMOKpaTH3aijHH

B HTO

NO3HQIIFT

HAUHOHAJIHCTOB. npOIieCCH,

CTaHOBJieHHe

B

rocynapcTBemioii

peBOJIHJIÍHH.

(1918—1922rr.),

noflieMOM

H MejiKo6yp>Kya3Hbix

9KOHOMHHeCKHe CTpaHax,

3a

BocTOKe

MHoriîx

6yp»ya3Hux

jier

B KOJIOHHaJIbHOfl peBOJHOI^HH H B OCHOBy

pa3BMBaBIIIIieCH

Hai^oHajibHoii

B

öypHtyasira

KOJIOHHajIbHHX

H

oöocTpnjiii

n p o T H B o p e i H H c HMnepHajiH3M0M, no6y>KHajiH ee Bce peniHTejibHee BHCTynaTb Hai^HOHajibHyH)

HeaaBiiciiMocTb

BO3HHKJIH

HOBHe

HeKOTOpne

H3 HHX

H

H ynpenHJiHCb

Bce

CMejiee

npewmie

CTaJIH MaCCOBHMH:

HCKaTb

nojwepîKKH

6ypwya3HHe

rOMHHb^AH,

y

I(HH H flp. B p e 3 y j i b T a T e H X n p o r p a M M a , o c T a B a n c b n o n p e n M y m e c T B y CTajia

rnnpe

oTpasKaTb

o6meHan,H0HajibHHe

HHTepecti,

c

pe$opMHpoBaHHoñ

pejinrneii)

c j i o e B H a p o f l a , B STOT n e p n o «

CTaji

TOM

Hap, y M a M H

B naTpHOTHiecKoe

accoijHa-

6ypœya3H0ii,

Hiicjie

HaiíHOHajiH3M ( l a c T O

rocno^CTBOBaTb

BOBJieieHHUx

B

napraH,

HamiOHaJIbHMÍÍ

KOHrpecc, HapoflHan napTHH T y p q n i i , FeHepajibHHH coBeT EnpiaaHCKHx

TpeßoBaHHit HapoflHHx HH30B. B y p H t y a s H H ü

Hapojia.

noJiHTiiqecKiie

HH^HÜCKHÄ

ee aa

ajieivieHTH

coneTaBHiHüCH imipoiaftmHX

¿jBHJKeHHe

(noKa-

3 a T e j i e H B BTOM o T H o m e H H H C T p e M H T e j i b H H H p o c T H o n y j i n p H o c T H y q e H H H T A H ^ H B H H H H H ) . IIO,NNEP5KKA HAPOFLHHX M a c c B C O I E T A H H H C O C J I A 6 J I E H N E M B

pe3yjibTaTe

no6eflH

OKTHÖPH

n03B0JiHJia

ÔYPJKYASNN

PN^a

HMnepnajiH3Ma

CTpaH

jjoÔHTbCH

BaaîHHx ycnexoB.

C a M H f t B H a i H T e j i b H u f t H 3 HHX B 3TH r o p , H — r r o ö e a a K e Ma j i HCT -

CKOÑ p e B O J H O i j H H

H a « HHTepBeHi^NEÑ A H T a H T H .

TypijHH

OTTCTJIHBO

ocoßeHHo

npH

6ypatya3HH 22

B.

H.

NOKA3AJIH

pemeHHH

BHyTpeHHHx

CTajia nopiHHHTb

JlenuH,

ORPAHIIIEHHOCTT npoßjieM:

coijHaJibHyio

HO,

BMecTe

c

ßYPJKYASHLIX npHjyi

noJiHTHKy

TeM,

K BJiacTH, CBOHM

COÖHTHH

B

HAIJHOHAJIHCTOB, aHaTOJinitcKan

3KCnjiyaTaTopCKHM

O K a p H K a T y p e H a M a p K C M M H O6 «HMNEPHANHCTHHECKOM 3 K 0 H 0 M H 3 M e » ,

C o 6 p . COH., T . 3 0 , C T p . 1 1 1 H 1 1 4 . 23

B.

H.

JlenuH,

24

B.

H.

JlenuH,

TaM HraHHCTaHe. Ho b bthx flBHJKeHHHX yme omymajioct BJiHHHHe hobhx, no cymecTBy SypjKyaaHo-HaiiHOHajracTHHecKnx Hfleft. B xofle nocjieoKTHÖpbCKoro peBOJiKmHOHHoro no^ieMa saineTHO aKTHBH3npoBajiacb MejiKoßypsKyasHaH neMOKpaTHH. OSpaayn jieBoe KptiJio SypasyasHbix napTHö, OHa CTajia 0Ka3braaTb Ha h x ;neHTejibH0CTb B03pacTai0mee BJiiiHrnre (oho 3aMeTHo 0Tpa3HJi0Cb, b nacTHocTH, Ha HfleojiorHH raH^H3Ma). B pn^e CTpaH B o c t o Ka MeJiKo6yp?Kya3Hbitt HamioHajra3M CTaji npiioßpeTaTb xapaKTep ßojiee hjih MeHee caMOcroHTejibHoro TeneHHH. B MH^oHesnii h, OTiacTH, b KHTae oh B 3th roflH onpeflejiHji HanpaBJieHne Han;HOHajibHO-ocBo6oj(HTejibHoro ^BiittteHMH. CapenaT HcjiaM CTaji MaccoBoii peBOjnoiyioHHoii opraHHaaijHeH, npHHHJi pnji coi^HajiHCTHHecKHx jio3yHroB (oÖJieieHHHx B MyoyjibMaHCKyK) pejiHrH03Hyio TepMHHOJiornio). ToMHHbflaH, B03HHKnraft KaK napTHH SypwyaaHn, CTaji 1103 pyKOBOflCTBOM CyHb HT-ceHa Bee b Sojitmeft Mepe BiipaJKaTb ycTpeMjieHHH KpecTbHHCTBa h r o p o f l C K H X c p e ^ H H x c j i o e B , n o m e j i H a c o T p y jjHHHecTBo c peBOJUO-

I1HOHHMM p a ß o i H M KJiaCCOM H KOMMyHHCTHHeCKOft HapTHeft KHTaH, C COBeTCKOH Poccneft H C K0MHHTepH0M. PeBOJIIOIiHOHHHe B03M05KH0CTH KpeCTbHHCKOÜ fleMOKpaTHH B CneiJH3 c npojieTapnaTOM CTpaHH Cobctob, 6hjih npo^eMOHCTpHpoßaHH noßefloft HapojjHoft peBomoqHH b Mohtojikh h TyBe. B HaaSojiee paaBwrax 3aBHCHMHx CTpaHax (Mhrhh, KHTaft, ErrnieT) b oSmeHapoflHoft aHTHHMnepHajiHCTHiecKoft 6opb6e 3aMeTHoe y i a c r a e npiiHHji mojioaoh paßoHHö KJiacc. Oh noKa3aji ceßn öoeßoii peB0Jii0ii,H0HH0ft chjioü, BHec b flBHHteHHe cbok) cnei;H(JiHHecKyK) Kya3Hoe

BJiHHHHe, TOJiKaBmee HGKOTOPHG Mojioflne KOMnapTHH Ha

CEKTAHTCKHÑ NYTB

(apaHCKne

« j i e B u e » KOMMYHHCTH, H a n p i r a e p ,

XO^E BOCCTAHHH B RHJIHHE OTOHUIH OT E^HHORO $POHTA

C

B 1920

RO^y B

MejiKOÔypatyaaHtiMH

pajjuKajiaMH H np0B03rjiacHJiH Kypc Ha HeiwefljieHHyio connajiHCTHHecKyio peBOJiioILHK), I E M HSOJINPOBAJIH c e 6 n OT M a c c B i NOBCTAHIIEß). B YCJIOBHHXNOAIEMAAHTHKOJIOHHAJIBHOFTÔOPBÔBI, KOR^A 3HAIHTEJITHO p a c m H p H JIMCB

OÖTEKTHBHHE

NPEANOCHJIKH

E^HHORO

HAQAOHAJIBHORO

poHTa,

HTH3HB

HACTOHTEJIBHO TpeöoBajia BoopyatHTb paSoinit KJiacc BocTona HAYIHO-OßOCHOBAHHOÑ n p o r p a M M o i t ^EÑCTBHIT, KOTOPAN o ô e c n e i H J i a 6 H e r o AIJXJEKTHBHOE y q a c r a e B 6opb6e

rapflHyio

3a HE3ABHCHM0CTB, NOSHNNIO B BTOÜ

co3RaJia

nepcneKTHBy

ero

BUFLBIUKEHIIH HA

ABAH-

6opb6e H npHBejia K p e a j i b H O M y C0M3y Bcex H a c T y n a i o -

n j H x H a H M n e p n a j i H 3 M M i i p o B H x CHJI. I I p e A m e c T B y i o m e e p a s B H T H e

MapKCHCTCKOit

MBLCJIH H H a K O n j i e H H H Ö peBOJHOIÎHOHHHH OnBIT H03B0JIHJIH

KoMMyHHCTHHeCKOMy

MHTEPHAIYIOHAJIY HA ero

1920r. NOCTABHTB B

NOPHßOK FLHH B b i p a ß o T K y

II

KOHrpecce B Hiojie-aBrycTe

nporpaMMHoro

pemeHHH

n o HAIJHOHAJIBHOMY H KOJIO-

HHAJIBHOMY BonpocaM. Pojib B . H . JleHHHa B NOFLROTOBKE H NPHHHTHH aToro p e m e H H H 6 t u i a HCKJIIOIHTEJIBHO BEJIHKA. O H H e TOJIBKO 6HJI ABTOPOM npe^BAPHTEJIBH o r o n p o e K T a COOTBETCTBYROMNX TE3HC0B, NPEACE^ATEJIEM KOMHCCHH H ßOKJIAJVIHKOM n o 9TOMY B o n p o c y H a NJIEHAPHOM 3ACE3AHHH K O H r p e c c a , HO H OTCTOHJI n o c j i e -

flOBaTejibHo MapKCHCTCKyio no3HL(HK» OT Hana^OK jieBiix .norMaTHKOB, oTBepraBnmx ERHHBIÑ (JipoHT c PEBOJIIOIJHOHHOFT 6 y p j K y a 3 H o i í ^EMOKPATHEÑ KOJIOHHÌÌ (HAKAHYHE

KOHrpecca H B xojje ero TAN BHCTynajin, B LACTHOCTH, pyccram «jieBHñ KOMMyHHCT» E . I I p e o ó p a H t e H C K H ñ , HHAHÔCKOÎÎ peBOJHoijHOHep M . H . P o ñ , iiTajibHHCKiiH

conaajiHCT CEPBEBHLIX

Ceppami). TaKTHHHO, HO TBepRO JleHHH npoBeji HcnpaBJieHHe NPHHIIHNHAJIBHHX

OIHHÔOK

B

TAK

HASHBAEMHX

AONOJIHHTEJIBHBIX

Te3Hcax, npeflCTaBJieHHHx M . H . PoeM.26 He

BXOflH B paCCMOTpeHHe BCeX aCneKTOB HIHpOKO H3BeCTHOÄ JieHHHCKOft

KOHnennHH, oTMeTHM jiHiHb, ITO íij¡fifi eßHHoro aHTHHMnepnajiHCTHiecKoro (JpoHTa eocTaBJineT ee ocHOBy. JleHHH nocTaBHJi nepejj MOJIO^HMH KOMnapTHHMH yraeTeHHHX CTpaH a a ^ a i y — cyMeTb npHMeHHTb oSmeKOMMyHHCTHHecKyio Teopnio H npaKTHKY K TaKHM ycjiOBHHM, «Kor^a rjiaBHoit Maccoö HBJIHCTCH KpecTbHHCTBO, Kor^a HyjKHo pemaTb 3aflaqy öopböti He npoTHB KanwTajia, a npoTHB cpe/jHeBeKOBHx ocTâTKOB». Il09T0My, yKa3HBaJl JleHHH, KOMMyHMCTaM BoCTOKa «npH^eTCH 5a3HpOBaTbCH Ha TOM 6ypjKya3HOM HaiiHOHaJiii3Me, KOTopuii npoôyjKflaeTCH y 8THX HapoaoB». 27 26

OCTÂBÂBIIIÂHCH AO HEJJABHERO BPGMEHH H6I13B6CTHOÍÍ NPABKA JleHHHHM TG3HC0B POH, a

Tanate H e

OTPAWEHHAN B 5-M HOJIHOM c o ß p a m i H

COHHHEHHÑ n o j i e M H K a

JleHHHa

npoTHB POH Ha 3ace,a;aHHH KOMHCCHH n o HAIJHOHAJIBHOMY H KOJIOHHAJIBHOMY BonpocaM, 6HJIH BBESEHM B HAY^HUÑ oßopoT A . B . Pe3HHKOBHM, ONYßJIHKOBABIIIHM PESYJITTATBI CBOHX H3UCKAHHÜ B « B Y X CTAT BHX B JKYPHAJIE «KoMMyHHCT» N ° 7 3 a l 9 6 7 r . H N ° 5 3 a l 9 6 8 r . 21

B. H.

JleHUH, FLOKJIELR HA

II

CM3ße

BoCTOKa, C o n . , T. 39, CTp. 3 2 9 — 3 3 0 .

KOMMyHHCTHHeCKHX

OPRAHH3AU,HFT

HapOAOB

494

T . M . JIEBHHCOH

ÜOJieMHBHpyH C PoeM, JleHHH BHCKa3HBaJICH, B laCTHOCTH, 3a yiaCTHe HHFLHÜCKoro npojieTapHaTa B pyKOBOflHMOM 6ypH?yaaHeñ HBHJKEHHH aa HEAABHCHMOCTB H OTMEIAJI peBOJIIOIlHOHHyiO pOJIb FAHFLH, KAK BOJKRH 3T0T0

flBHWeHHH.28

CipaTerHH E^KHORO aHTHHMnepHajiHCTHHecKoro (JipoHTa npno6pe.na, B IIOHHMaHHH JleHHHa, rjio6aJibHHü x a p a K T e p : npoBeneHHe ee B KajKfloñ OTsejibHOíi yrHeTeHHOñ CTpaHe HOJIJKHO COIETATBCN c ocymecTBjieHHeM coioaa «Bcex TpyflHmnxCH H AKCNJIYATHPYEMHX COTCH MHJIJIHOHOB H a p o f l O B B o c T o n a 2 9 » — c MEWAYHAPOFL-

HHM npojieTapnaTOM H C COBETCKOÑ pecnyóJiHKoft. KoHrpecc e^HHOflymHO npHHHJi JieHHHCKHe Teanci>i aa 0CH0By CBoeft peaojucmuM. rjiaBHBiñ nyHKT ee rjiacHJi: «KoMMyHHCTHiecKHií MHTepHaiiiiOHaji flOJiHíeH BCTynaTb BO BpeMeHHHe corjiameHHH, ^ a a t e B COK)3ÍI C 6ypH?yaaHOít «eMOKpaTHeíí KOJIOHHFT H OTCTaJIHX CTpaH, HO He CJIHBaTBCH C Heft, a 6e3yCJIOBHO COXpaHHTb caM0CT0HTejibH0CTb npojieTapcKoro ^BHHteHHH, R a » e B caMoit aanaTOHHOñ ero $opMe.» 3 0 CnycTH flBa ro.ua, Ha I V KOHrpecce KoMHHTepHa (nocjie^HeM KOHrpecce c yiacTHeM B . H . JleHHHa), STO peineHHe 6BIJIO no^TBepjKfleHo (npHieM BnepBHe B HOKyMeHTax KoMHHTepHa a^ecb HOHBHJICH TepMHH «ejyiHbiií aHTHHMnepHajiHCTHHeCKHÜ (j)pOHT)>) HflOHOJIHeHOBaJKHHM IIOJIOJKeHHeM«OTKa3 KOMMyHHCTOB KOJIOHHft OT yiacTHH B 6opb6e c HMnepHajiHCTCKHM HaciuraeM, nojj npe^JioroM HKO6W «aamHTH» CaMOCTOHTejIbHHX KJiaCCOBHX HHTepeCOB, HBJIHeTCH OIHIOpTyHH3MOM x y j y n e r o BH«a, MorymiiM jiHinb ^HCKpe^HTHpoBaTb npojieTapcKyio peBOJiroqHio HA BocTOKe. H e MeHee BPE^HOIT AOJiJKHa 6wTb NPNSHAHA H nonHTKa ycTpaHHTbcn OT 6 o p b 6 t i aa HacymHHe H noBce^HeBHbie HHTepecbi p a S o n e r o KJiacca BO HMH «HaqHOHajibHoro eflHHeHHH» HJIH «rpaatflaHCKoro MHpa» c 6ypwya3HHMn ^eMOKpaTaMH». 31 B 8TOM peraeHHH c Sojibmoft TOHHOCTBK) npeflBOCXHmeHH H TBep^o ocyjKfleHH Te 6ojie3HeHHHe yKJiOHbi, KOTopbie npHuiJiocb npeoflOJieBaTb mhofhm KOMnapTHHM n p w NPOBE^EHHH B H » I 3 H B JI03YHRA E^KHORO HAIÍIIOHAJIBHORO $ P O H T A .

CTpaTerHH H TaKTHKa e^HHoro aHTHHMnepHajiHCTHHecKoro (jppoHTa 6HJIII npHHHTH Ha BOOpyjKeHHe KOMMyHHCTHHeCKHM ^BHJKeHHeM CTpaH BoCTOKa H HeH3MeHH0 npHHOCHJiH y c n e x , K o r ^ a KOMnapTHH TBepflo CJie^OBajiH jieHHHCKOñ JIHHHH. B nojiHTHKe CoBeTCKoro rocyflapcTBa 3Ta JIHHHH nanuia CBoe BHpaateHHe B TOÍÍ nOMOmH — 3K0H0MHieCK0ñ, flHnJIOMaTHHeCKOit H BOeHHOit — KOTOpyiO B nepBHe Hte ro^H nocjie OKTH6PH n o j i y i a j i H OT MOJIO^OA CoBeTCKoií CTpaHM SopoBninecH 3a He3aBHCHMOCTb CTpaHH A3HH — TypiíHH, HpaH, A(J>raHHCTaH, KHTait, MoHrojiHH, a B jjajibHeiíineM H MHorne flpyrae. C 8THX JieT 6epeT CBoe HanaJio SoeBofl COJOS Tpex CHJI MHpoBoro peBOJiioijHOHHoro n p o q e c c a — coqnaJiHCTHHecKHx CTpaH, MeJK^yHapo^Horo p a S o i e r o ^BHJKeHHH H HaiíHOHaJIbHO-OCBoSojJHTeJIbHOrO ^BHHCeHHfl YRHETEHHBLX HapOAOB. S8

l i o BocnoMHHaHHHM M. H. POH H A . Po3Mepa (CM. III. r. Capdecau, HH^HH H peBOJIMI;HH B POCCHH, M o c K B a 1 9 6 7 , CTP. 8 3 — 8 4 ) .

29 30 S1

B. M. JleHuH, floKJia« Ha I I cie3Re KOMMyHHCTimecKHX opraHiwaqiift, CTp. 3 3 0 . KoMMyHHCTHHecKHñ MHTepHaiiHOHaJi BSOKyMeHTax, MocKBa 1933, CTp. 129. TaM ?«e, CTp. 3 2 1 .

HANS PIAZZA, LEIPZIG

Die antikoloniale Revolution in Theorie und Praxis der Kommunistischen Internationale Der R o t e O k t o b e r , der n i c h t n u r den historisch e n t s c h e i d e n d e n Sieg des Sozialism u s ü b e r den K a p i t a l i s m u s b e d e u t e t e , sondern zugleich a n die Stelle n a t i o n a l e r u n d kolonialer E n t r e c h t u n g die B e f r e i u n g der v o m Zarismus u n t e r j o c h t e n Nationalit ä t e n des Riesenreiches setzte u n d ihren beispielgebenden Aufstieg zu sozialistischen N a t i o n e n e r ö f f n e t e , leitete einen bis d a h i n n i c h t g e k a n n t e n A u f s c h w u n g der n a t i o n a l e n B e f r e i u n g s b e w e g u n g in Asien, A f r i k a u n d L a t e i n a m e r i k a ein. 1 Diese g e w a n n in d e n n a c h f o l g e n d e n J a h r e n in einem solchen Maße a n U m f a n g , Tiefe u n d historischem Gewicht, d a ß die Moskauer E r k l ä r u n g der k o m m u n i s t i s c h e n u n d A r b e i t e r p a r t e i e n v o m N o v e m b e r 1960 die n a t i o n a l e n B e f r e i u n g s r e v o l u t i o n e n n e b e n d e m sozialistischen W e l t s y s t e m m i t der S o w j e t u n i o n als H a u p t k r a f t u n d der Arbeiterb e w e g u n g in d e n imperialistischen L ä n d e r n zu d e n m a ß g e b l i c h e n F a k t o r e n r e c h n e n k o n n t e , die d a s Gesicht u n s e r e r E p o c h e des Ü b e r g a n g s v o m K a p i t a l i s m u s z u m Sozialismus p r ä g e n . 2 Diese präzise E i n o r d n u n g der n a t i o n a l e n B e f r e i u n g s r e v o l u t i o n e n in d e n w e l t r e v o l u t i o n ä r e n P r o z e ß w a r n i c h t a priori gegeben. Gewiß h a t t e n a u c h vor der W e l t e n w e n d e v o m O k t o b e r 1917 die k o l o n i a l u n t e r d r ü c k t e n Völker m u t i g a n d e n K e t t e n gezerrt u n d wichtige Seiten i m B u c h der Geschichte geschrieben. Ihre A k t i o n e n e r f u h r e n bereits in jener Zeit die g e b ü h r e n d e B e a c h t u n g u n d U n t e r s t ü t z u n g d u r c h alle w a h r h a f t e n R e v o l u t i o n ä r e . D e n n o c h b e d u r f t e es n o c h vielfältiger K a m p f e r f a h r u n g e n u n d n i c h t m i n d e r g r ü n d l i c h e r t h e o r e t i s c h e r A r b e i t , ehe zu der h e u t e wissenschaftlich e x a k t e n u n d d u r c h die P r a x i s e r h ä r t e t e n E i n s c h ä t z u n g ü b e r W e s e n u n d B e d e u t u n g der a n t i k o l o n i a l e n R e v o l u t i o n gelangt w e r d e n k o n n t e . U n b e s t r i t t e n g e h ö r t es zu den h e r v o r r a g e n d s t e n L e i s t u n g e n Lenins u n d der v o n i h m g e g r ü n d e t e n K o m m u n i s t i s c h e n I n t e r n a t i o n a l e , die m i t d e m A u f b r u c h der Kolonialvölker n e u h e r a u f z i e h e n d e n F r a g e n e r k a n n t , die E n t w i c k l u n g der n a t i o n a l e n B e f r e i u n g s b e w e g u n g n a c h h a l t i g gefördert u n d den historischen O r t der antikolonialen R e v o l u t i o n e n i m G e s a m t g e f ü g e der weltweiten A u s e i n a n d e r s e t z u n g zwischen 1

2

Vgl. u. a. H. Piazza u. W. Markov, Der Rote Oktober und der antikoloniale Befreiungskampf, in: Studien zur marxistisch-leninistischen Revolutionstheorie, Karl-Marx-Universität Leipzig 1967, S. 151—188. Erklärung der Beratung von Vertretern der kommunistischen und Arbeiterparteien. November 1960, Berlin 1961. S. 10.

496

H A N S PIAZZA

Imperialismus und Sozialismus richtig bestimmt zu haben. Diese Aufgabe erwies sich nicht allein deshalb als überaus schwierig, weil die nationale Befreiungsbewegung gerade erst in eine neue Epoche ihrer Entwicklung eingetreten war und viele später deutlich sichtbare Tendenzen nur in ihren keimhaften Ansätzen zu erkennen waren. Sie wurde zusätzlich erschwert, da die relevanten Aussagen der Begründer des wissenschaftlichen Kommunismus, die das Fundament für die Konzipierung der Strategie und Taktik der Arbeiterklasse in der kolonialen Frage legten — entsprechend den neuen historischen Bedingungen aber modifiziert und weiterentwikkelt werden mußten— den Mitgliedern der jungen kommunistischen Partien nur ungenügend, den Repräsentanten der nationalen Befreiungsbewegung nahezu unbekannt waren. Selbst die richtungsweisenden Ausarbeitungen Lenins, die den Schlüssel zur Lösung aller wesentlichen Probleme auch der Kolonialvölker lieferten, hatten in ihren Hirnen und Herzen noch nicht feste Wurzeln geschlagen. Zudem hatten die Opportunisten der II. Internationale und ihrer Nachfolgeorganisationen auch in der kolonialen Frage die Positionen des wissenschaftlichen Sozialismus verlassen und entgegen dem internationalistischen Standpunkt der Marxisten ihre schädliche These von einer „positiven sozialistischen Kolonialpolitik" in Umlauf gebracht, die einer realen Einschätzung der nationalen Befreiungsbewegung den Weg verbaute und den notwendigen Annäherungsprozeß zwischen der Arbeiterbewegung der „Mutterländer" und den Kolonialvölkern de facto verhinderte. Die Kommunistische Internationale, Anfang März 1919 von 51 Delegierten aus rund 30 Ländern gegründet, sah sich vor die gigantische Aufgabe gestellt, zu Marx und Engels zurückzukehren, „die Bewegung von den zersetzenden Beimischungen des Opportunismus und Sozialpatriotismus zu reinigen" 3 und auf dem Boden des proletarischen Internationalismus und der von Lenin weiterentwickelten Marxschen Lehre die Kampferfahrungen der Revolutionäre in aller Welt zusammenzufassen und zu verallgemeinern. Besonders wertvoll waren für den kolonialen Sektor die von der jungen Sowjetmacht in den transkaukasischen und mittelasiatischen Sowjetrepubliken gesammelten reichen Erfahrungen. In den Beratungen des Gründungskongresses der Kommunistischen Internationale sucht man vergeblich den Terminus „antikoloniale Revolution". Das hatte seine Ursache wohl kaum im subjektiven Nichterkennenwollen, sondern in der objektiv unausgereiften Situation im kolonialen Bereich. Für den Charakter und den weiteren Weg der Kommunistischen Internationale war aber schon die Tatsache symptomatisch, daß im Unterschied zu allen früheren Zusammenkünften internationaler Arbeiterorganisationen Vertreter kommunistischer Gruppen aus China Korea, Persien und der Türkei anwesend waren und somit die Kommunistische Internationale von Anfang an nicht als „europäisches Gremium", sondern als organisatorisches und ideologisches Zentrum der revolutionären Bewegung im Weltmaßstab in Erscheinung trat. In direkter Frontstellung zu den Pariser Friedensverhand3

Manifest der Kommunistischen Internationale an das Proletariat der ganzen Welt, in: Der 1. Kongreß der Kommunistischen Internationale. Protokoll der Verhandlungen in Moskau vom 2. bis zum 19. März 1919, Hamburg 1921, S. 171.

K o m m u n i s t i s c h e Internationale und antikoloniale Revolution

497

lungen der Enteilte-Imperialisten, auf denen die kolonial unterdrückten Völker nach der bildhaften Umschreibung des amerikanischen Außenministers Lansing als „bloße Gummistempel" 4 in den Händen der „großen Drei" fungierten und dementsprechend behandelt wurden und der Berner Konferenz der II. Internationale, die „im Fahrwasser jener liberal-bürgerlichen Kolonialpolitiker schwamm, die die Ausbeutung und Knechtung der Kolonien durch die imperialistische Bourgeoisie gerechtfertigt finden und dieselbe nur mit humanitär-philantropischen Phrasen zu verkleistern versuchen" 5 , solidarisierte sich die Kommunistische Internationale sofort und uneingeschränkt mit den zur Erhebung schreitenden Völkern. Im „Manifest" und in den „Richtlinien" ihres I. Kongresses ist in Anknüpfung an Marx, Engels und Lenin eindeutig die Pflicht der Kommunisten ausgedrückt, „die ausgebeuteten Kolonialvölker in ihren Kämpfen gegen den Imperialismus (zu) unterstützen, um den endgültigen Zusammenbruch des imperialistischen Weltsystems zu fördern." 6 Zukünftige Entwicklungstrends wissenschaftlich vorwegnehmend, wurde konstatiert, daß „das sozialistische Europa den befreiten Kolonien zu Hilfe kommen wird mit seiner Technik, seiner Organisation, seinem geistigen Einfluß, um deren Übergang zur planmäßig organisierten sozialistischen Wirtschaft zu erleichtern." 7 In diesen wenigen Sätzen sind sowohl die Potenzen der antikolonialen Bewegungen im weltweiten antiimperialistischen Kampf als auch die heute voll wirkenden Prinzipien umrissen, die der Haltung der sozialistischen Länder zu den befreiten Nationalstaaten zugrunde liegen. Aus der von der Kommunistischen Internationale auf ihrem Gründungskongreß vorgenommenen nüchternen Analyse des damaligen Standes der revolutionären Bewegung und ihrer einzelnen Abteilungen ging folgerichtig hervor, daß bei aller Wertschätzung des „Erwachens des Ostens" weiterhin die Arbeiterklasse mit dem Sowjetstaat als ihrer wichtigsten Schöpfung die entscheidende Kraft in der Auseinandersetzung zwischen Reaktion und Fortschritt darstellte 8 , und von ihr die entscheidenden Impulse für den weiteren Verlauf der 4 5

6

7

8

32

R. Lansing, Die Versailler Friedens-Verhandlungen, Berlin 1921, S. 165 Resolution. Die Stellung zu den sozialistischen S t r ö m u n g e n der Berner Konferenz, angenommen auf d e m Kongreß der Kommunistischen Internationale in Moskau ( 2 . - 6 . März 1919), in: Der 1. Kongreß der Kommunistischen Internationale. Protokoll der Verhandlungen. . ., S. 167. Richtlinien der Kommunistischen Internationale, angenommen v o m Kongreß der Kommunistischen Internationale in Moskau (2. — 6. März 1919), in: ebenda, S. 192. Manifest der Kommunistischen Internationale an d a s Proletariat der ganzen Welt, in: ebenda, S. 177. „Alle Ereignisse der Weltpolitik ballen sich notwendigerweise u m einen Mittelpunkt zusammen, nämlich u m den K a m p f der Weltbourgeoisie gegen die Russische S o w j e t republik. Diese gruppiert u m sich unvermeidlich einerseits die R ä t e b e w e g u n g der fortgeschrittenen Arbeiter aller L ä n d e r , andererseits alle nationalen Befreiungsbewegungen der Kolonien und der unterdrückten Völker," so definierte Lenin 1920 den noch heute gültigen Stellenwert der einzelnen Abteilungen des revolutionären Weltprozesses. (W. I. Lenin, Entwurf der Thesen zur nationalen und kolonialen Frage. F ü r den Zweiten Kongreß der Kommunistischen Internationale, in: Werke, B d . 31, Berlin 1959, S . 134). Studien

498

H A N S PIAZZA

Weltgeschichte ausgingen. Darüberhinaus bedeutete die Betonung des Gewichts der nationalen Befreiungsbewegung als nicht zu unterschätzender Faktor im weltrevolutionären Prozeß keineswegs, daß damit schon ein existierender und oder gar ein allgegenwärtiger Zustand charakterisiert wurde. Es handelte sich dabei um objektive Entwicklungslinien, deren Aufspüren von hohem theoretischem und praktischem Wert war, die sich aber erst noch voll durchsetzen mußten. Unabdingbare Voraussetzung, um die Möglichkeit in Wirklichkeit zu verwandeln, war das weitere quantitative und qualitative Wachstum der nationalen Befreiungsbewegung. Nicht ohne Grund bemerkte Lenin zu wiederholten Malen, dies werde ein langwieriger Prozeß sein, der sich nicht von heute auf morgen realisiere. Allgemein bekannt ist sein vielzitierter Ausspruch, „daß in den kommenden entscheidenden Schlachten der Weltrevolution die ursprünglich auf die nationale Befreiung gerichtete Bewegung der Mehrheit der Bevölkerung des Erdballs sich gegen den Kapitalismus und Imperialismus kehren und vielleicht eine viel größere Rolle spielen wird, als wir erwarten." 9 Lenin ließ folglich keinen Zweifel daran aufkommen, daß sich der revolutionäre Kampf der kolonialen Völker zwangsläufig mit dem des Proletariats organisch verbindet und letztendlich Bestandteil der Weltrevolution wird. Doch allzu oft wird von Interpreten dieser Passage übersehen, daß Lenin von „kommenden Schlachten", also von einer Tendenz, sprach, die sich nicht automatisch durchsetzen würde. Die Kommunistische Internationale — und darin äußert sich eines ihrer bleibenden Verdienste — ging vom ersten Tag ihrer Existenz daran, diese „kommenden Schlachten", in denen den Kolonialvölkern wichtige Frontabschnitte zugewiesen waren, gründlich vorzubereiten. 10 Die vom I. Kongreß der Kommunistischen Internaitonale formulierten Grundsätze, die zugleich die dialektische Wechselwirkung und die trotz aller Eigenheiten gegenseitige Bedingtheit der revolutionären Ströme hervorhoben und damit die Schädlichkeit nationalistischer Auffassungen und Praktiken aufzeigten, wurden auf den nachfolgenden Kongressen und Plenartagungen anhand der von den Kommunistischen Parteien und den Organisationen der nationalen Befreiungsbewegung gewonnenen reichen Erfahrungen zum beiderseitigen Nutzen präzisiert und erweitert. Ihre prinzipielle Orientierung aber erwies sich als richtig und brauchte nicht geändert zu werden. Die uneigennützige solidarische Haltung der Kommunisten basierte auf den Prinzipien des proletarischen Internationalismus, brachte das humanistische Grundanliegen des Sozialismus sinnfällig zum Ausdruck und reflektierte die objektive Interessengleichheit beider Seiten in den essentiellen Problemen der Gegenwart und Zukunft, insonderheit ihrer gemeinsamen antikolonialistischen und antiimperialistischen Positionen. Nur so ist das vielfältige Echo zu erklären, das die Initiativen der Kommunistischen Internationale bei den kolonialunterdrückten und abhängigen Völker auslösten — und dies trotz des erbitterten Widerstandes der Imperialisten, 0

10

W. I. Lenin, I I I . Kongreß der Kommunistischen Internationale. R e f e r a t über die T a k t i k der K P R , in: Werke, B d . 32, Berlin 1961, S. 505. Vgl. ebenda.

Kommunistische Internationale und antikoloniale Revolution

499

die ihren ganzen Macht- und Propagandaapparat in die Schlacht warfen, um dem Einfluß der Kommunisten in ihren „angestammten Domänen" entgegenzuwirken, einen Keil zwischen die sich zusammenfügende Front des Sozialismus und der nationalen Befreiungsbewegung zu treiben und so letztere wieder in den imperialistischen Würgegriff zu bekommen. Eine der abgegriffensten, ungeachtet dessen aber mit der Monotonie einer tibetanischen Gebetsmühle immer wieder aufgetischte Verfälschung behauptet, Lenin und die Kommunistische Internationale hätten sich erst dann Asien und Afrika zugewandt, als in Westeuropa die erhoffte proletarische Revolution ausblieb. Drachkovitsch und Lazitsch, zwei der exponiertesten Fälscher der Geschichte der Kommunistischen Internationale, formulierten die Standardthese mit den Worten: „Lenin, enttäuscht über das Echo im Westen, richtete seine Blicke immer mehr nach dem Osten." 1 1 Ein anderer imperialistischer Ideologe gleicher Ordnung, Possony, versteigt sich in offenkundigem Widerspruch zu Lenins Auffassung über die historische Mission der Arbeiterklasse zu dem Schluß: „Eine Revolution im Osten ist eine unerläßliche Voraussetzung zur Erlangung der bolschewistischen Weltherrschaft. Dieses Theorem ist Lenins eigentliches politisches Vermächtnis." 1 2 Als „Beweis" muß dabei der I I . Kongreß der Komintern herhalten, auf dem bekanntlich die Beratungen zur kolonialen Frage erstmals in der Geschichte der Komintern einen breiten Raum einnahmen. Geflissentlich wird dabei das bereits Gesagte über den I. Kongreß negiert und „übersehen", daß generell die Fragen der Bündnispolitik, zu denen nicht zuletzt die Kolonialproblematik zählte, und des organisatorischen Aufbaus der Kommunistischen Internationale erst auf dem II. Kongreß ausführlich zur Debatte standen. „Zuerst mußten die Kommunisten der ganzen Welt ihre Prinzipien verkünden. Das ist auf dem I. Kongreß geschehen. Das war der erste Schritt" 1 3 , führte Lenin hierzu aus. In der T a t ging die Kommunistische Internationale auch bei der Ausarbeitung der Strategie und Taktik der Arbeiterklasse in der kolonialen Frage Schritt um Schritt voran; weder übersprang sie in linksradikaler Hast notwendige Etappen der Selbstverständigung noch mangelte es ihr wie den opportunistischen Zauderern und Kapitulanten an revolutionärer Konsequenz und Kühnheit. Von Kongreß zu Kongreß, von Plenartagung zu Plenartagung trug sie Stein um Stein zum Mosaik der antikolonialen Revolution zusammen. Vor allem mußte d i e F r a g e nach dem Charakter der nationalen Befreiungsbewegung eine Antwort finden, da nur auf dieser Grundlage die Haltung der Kommunisten ihr gegenüber präzis bestimmt werden konnte. Gemäß der Forderung Lenins, „die 11

12

13

In: M. M. Drachkomtsch (Herausgeber), The Revolutionary Internationais, 1864—1943, Stanford (Ca.) 1966, S. 175. Haargenau die gleiche Lesart ist u. a. zu finden bei F. Schatten, Afrika — Schwarz oder Rot? München 1961, S. 163; J. W. Hülse, The Forming of the Communist International, Stanford 1964, S. 202; G. Padmore, Pan-Africanism of Communism?, London 1956, S. 293. S. T. Possony, Jahrhundert des Aufbruchs. Die kommunistische Technik der Weltrevolution, München 1956, S. 187. W. I. Lenin, Brief an die deutschen Kommunisten, in: Werke, Bd. 32, S. 544.

32»

500

H A N S PIAZZA

konkreten wirtschaftlichen Tatsachen festzustellen und bei der Lösung aller nationalen und kolonialen Fragen nicht von abstrakten Leitsätzen, sondern von den Erscheinungen der konkreten Wirklichkeit auszugehen" 14 , und unter Berücksichtigung der Tatsache, daß die durch den Kolonialismus verursachte sozialökonomische Rückständigkeit eine gravierende Spezifik der kolonialen und halbkolonialen Länder darstellte, kam die Kommunistische Internationale zu dem Schluß, daß „jede nationale Bewegung nur eine bürgerlich-demokratische sein kann, denn die Hauptmasse der Bevölkerung in den zurückgebliebenen Ländern besteht aus Bauern, die Vertreter bürgerlich-kapitalistischer Verhältnisse sind." 1 5 Trotz bestehender Differenzen über den weiteren Weg ihres Landes einte die einzelnen revolutionären Schichten, die nach Meinung der Kommunistischen Internationale von dem, wenn überhaupt vorhandenen, schwachen Proletariat 1 6 , der zahlenmäßig eindeutig überwiegenden Bauernschaft, dem Kleinbürgertum (vor allem der radikal gestimmten Intelligenz) und der gleichfalls schwachen nationalen Bourgeoisie bestanden, das schwere Los der Kolonialunterdrückter und der entschlossene Wille, als erstes Ziel ihres gemeinsamen Kampfes die nationale Eigenständigkeit zu erringen. 17 Dieser spezifische Charakter der nationalen Befreiuungsbewegung wurde von der Kommunistischen Internationale klar erkannt. „Die Hauptaufgabe, die allen nationalrevolutionären Bewegungen gemeinsam ist, besteht in der Verwirklichung der nationalen Einheit und in der Erreichung der staatlichen Unabhängigkeit" 1 8 und „der nationale Faktor hat einen großen Einfluß auf den revolutionären Prozeß in den Kolonien" 19 , hieß es in Grundsatzdokumenten der Kommunistischen Internationale. 14

15 ls

Ders., II. Kongreß der Kommunistischen Internationale. Bericht der Kommission für die nationale und koloniale Frage, in: Werke, Bd. 31, S. 228. Ebenda, S. 229 f. Nach den neuesten Untersuchungen sowjetischer Historiker machte zu Beginn der 20er Jahre das Industrieproletariat in Asien nur rund 1% der Gesamtbevölkerung aus (s.

ITpo6y>K3;eHne vrHeTeHHtix, Moskau 1968, S. 22). In dem rückständigeren Afrika 17

18

19

dürfte dieser Prozentsatz noch tiefer gelegen haben. Daß dabei die Arbeiter und Bauern schon damals, wenngleich vielfach spontan, soziale Wünsche mit dem nationalen Anliegen koppelten, konnte angesichts des konkreten Standes der nationalen Befreiungsbewegung nicht maßgeblich ins Gewicht fallen. Leitsätze zur Orientfrage, in: Thesen und Resolutionen des IV. Weltkonkresses der Kommunistischen Internationale, Moskau, vom 5. November bis 5. Dezember 1922, Hamburg 1923, S. 44. Thesen über die revolutionäre Bewegung in den Kolonien und Halbkolonien, in: Protokoll. Sechster Weltkongreß der Kommunistischen Internationale. Moskau, 17. Juli bis 1. September 1928, IV. Bd., Hamburg—Berlin 1929, S. 170. Im Tätigkeitsbericht des E K K I für den Zeitraum 1925—1926 war zu lesen: „Die Tätigkeit in den Ostländern entfaltet sich unter äußerst schweren Bedingungen. Der grundlegende Charakter der Bewegung ist in den meisten Ländern der Kampf um die nationale Befreiung. Die Revolution bricht sich Bahn in Verhältnissen allgemeiner wirtschaftlicher und politischer Rückständigkeit." (In: Ein Jahr Arbeit und Kampf, Hamburg 1926, S. 332.)

Kommunistische Internationale und antikoloniale Revolution

501

Diese historisch bedingten Eigenheiten der Situation im kolonialen und halbkolonialen Bereich mußten sich notwendigerweise auf die Strategie und Taktik der Arbeiterklasse in der kolonialen Frage auswirken. Hier half nicht die gleiche Elle, die an die hochentwickelten Industriestaaten angelegt werden mußte. In seinem programmatischen „Referat auf dem II. Kongreß der kommunistischen Organisationen der Völker des Ostens" hatte Lenin dazu ausgeführt: „Hier erwächst Ihnen eine Aufgabe, wie sie vor den Kommunisten der ganzen Welt bisher nicht gestanden h a t : Gestützt auf die allgemeine kommunistische Theorie und Praxis, müssen Sie unter Anpassung an die spezifischen Bedingungen, die es in den europäischen Ländern nicht gibt, diese Theorie und Praxis auf Verhältnisse anzuwenden verstehen, wo die Hauptmasse der Bevölkerung Bauern sind und wo es den Kampf nicht gegen das Kapital, sondern gegen die Uberreste des Mittelalters zu führen gilt." 2 0 Daraus folgte logisch, daß die Kommunistische Internationale zwar vor allem den jungen kommunistischen Kräften in den Kolonien und Halbkolonien helfen mußte, sich zu sammeln und zu organisieren, daß es aber daneben galt, feste Kontakte zu allen Gegnern des Kolonialismus aus den verschiedensten sozialen Klassen und Schichten herzustellen und sie bei der Formierung und Festigung ihrer Reihen zu unterstützen, um die erste Etappe ihres Kampfes — die nationale Befreiung — erfolgreich zu meistern. Linke Sektierer und Opportunisten verschworen sich gegen diese marxistisch-leninistische Orientierung. Gewiß spielten dabei unterschiedliche Motive eine Rolle: kleinbürgerliche Ungeduld, zu langsam auf diesem schwierigen Weg voranzukommen, bei den einen; die Angst vor konsequent revolutionärer Aktion und chauvinistische Überheblichkeit gegenüber einer kameradschaftlichen Zusammenarbeit mit den Kolonialvölkern bei den anderen. Letztlich liefen beide Abweichungen vom Marxismus-Leninismus auf eine Schwächung der nationalen Befreiuungsbewegung und damit auf eine Stärkung des Imperialismus hinaus. M. N. Roy, der Wortführer sektiererisch-nationalistischer Auffassungen in der Kommunistischen Internationale, suchte zu beweisen, eine einheitliche nationale Befreiungsbewegung existiere nicht. „ E s lassen sich zwei Bewegungen feststellen," meinte er 1920, „die mit jedem T a g mehr auseinandergehen. Eine von ihnen ist die bürgerlich-demokratische nationalistische Bewegung, die das Programm der politischen Unabhängigkeit unter Beibehaltung der kapitalistischen Ordnung verfolgt; die andere ist der Kampf der besitzlosen Bauern um ihre Befreiung von jeglicher Ausbeutung." 2 1 In dem von ihm in die Kolonialkommission des II. KI-Kongresses eingebrachten und von Lenin sorgfältig redigierten Entwurf seiner Ergänzungsthesen zur nationalen und kolonialen Frage 2 2 hatte Roy sogar davon gesprochen, 20 21

22

I n : Werke, Bd. 30, Berlin 1960, S. 146 (Hervorhebung von mir — H. P.). Der zweite Kongreß der Kommunistischen Internationale. Protokoll der Verhandlungen vom 19. J u l i in Petrograd und vom 23. J u l i bis 7. August 1920 in Moskau, H a m b u r g 1921, S. 148. Vgl. hierzu die ausgezeichneten, auf bislang weitgehend unbekannten Materialien fußenden Artikel von A. Peanunoe, B . H. JleHHH o naijiionajibHo-0CBo6oflHTejitH0M fíBumeHHH; in: KoMMyHHCT, Nr. 7, Mai 1967; B o p t ö a B . H . .Hemma npoTHB ceKTaHTCKHx H3BpameHHä B Hai;n0HajibH0-K0Ji0HnajibH0M Bonpoce, in: KoMMyHHCT, Nr. 5, März 1968.

502

H A N S PIAZZA

daß beide Bewegungen diametral gegenüberständen und sich nicht gemeinsam entwickeln könnten. Üb erhaupt sei die revolutionäre Bewegung in den Kolonien ihrem Wesen nach ein ökonomischer Kampf, während die nationale Befreiungsbewegung von einer unbedeutenden Mittelschicht verkörpert würde, die nicht die Bestrebungen der Massen widerspiegele. 23 Lenin strich diese und andere sektiererisch gefärbte Passagen im Entwurf Roys, darunter die 10. und 11. These vollständig, und verhinderte dadurch eine linksradikale Einengung der Strategie und Taktik der Kommunistischen Internationale in der kolonialen Frage. 24 Gleichermaßen wurde die Meinung Serratis, der damals von zentristischen Positionen her Roy unterstützte, „jede von den bürgerlich-demokratischen Gruppen unternommene nationale Befreiungsaktion, selbst wenn sie zum Mittel des Aufstands greift, (sei) keine revolutionäre Aktion" 2 5 energisch zurückgewiesen. Entsprechend den Leninschen Leitsätzen arbeitete die Kommunistische Internationale das zukunftsträchtige Konzept der Schaffung einer antiimperialistischen Einheitsfront aus. Die „Leitsätze zur Orientfrage", die auf dem IV. Kongreß (1922) verabschiedet wurden, legten fest: „Die Zweckmäßigkeit dieser Losung ergibt sich aus der Perspektive eines dauernden und langwierigen Kampfes mit dem Weltimperialismus, der die Mobilisierung aller revolutionären Elemente erfordert. Indem die Kommunistische Internationale dem Umstände vollauf Rechnung trägt, daß Träger des Willens der Nation zu staatlicher Selbständigkeit die verschiedenartigsten Elemente sein können, unterstützt sie jede nationalrevolutionäre Bewegung gegen den Imperialismus." 26 Doch Roy und seine Anhänger, die Ende der 20er Jahre zu den Trotzkisten überliefen, gaben sich nur vorübergehend geschlagen. Nach dem Tode Lenins bliesen sie erneut zum Angriff. Auf dem V. Kongreß von 1924 baute Roy die schädlichen Thesen weiter aus. Seine Attacke fiel in eine Zeit, als die Weltorganisation alle Anstrengungen unternahm, um auf nationaler und internationaler Ebene die wegweisenden Orientierungen von 1922 mit Leben zu erfüllen. Im China Sun Yat-sens hatten sie bereits ihre Richtigkeit im Bündnis der Kommunistischen Partei mit der Kuomintang bewiesen. In Paris bemühte sich die 23

24

25

26

Vgl. KoMMyHHCT, Nr. 7, Mai 1967, S. 92 f. Noch krasser hatte sich Roy in seinem Referat vor der Kolonialkommission des Kongresses dazu geäußert: „ D i e indischen Volksmassen sind nicht vom nationalen Geist angesteckt. Sie interessieren ausschließlich Fragen sozialen Charakters. . . Sie haben gar nichts gemein mit der nationalen Befreiungsbewegung." KoMMyHHCT, Nr. 5, März 1968, S. 37). Als übler Gaunertrick muß deshalb die Behauptung Grottians qualifiziert werden: „ Z u den Thesen Roys bekannte sich Lenin, so daß sie mit den Gedanken Lenins gleichzusetzen sind. Dieser Hinweis ist deshalb erforderlich, weil wir noch mehrfach die Thesen Roys für die Beleuchtung des Standpunktes Lenins (?! — H. P.) heranziehen werden." ( W . Grottian, Lenins Anleitung zum Handeln. Theorie und Praxis sowjetischer Außenpolitik, Köln u. Opladen 1962, S. 167). Der zweite Kongreß der Kommunistischen Internationale. Protokoll der Verhandlungen. . ., S. 216. I n : Thesen und Resolutionen des IV. Weltkonkrcsses der Kommunistischen Internationale. . ., S. 44 und 48.

Kommunistische Internationale und antikoloniale Revolution

503

1921 von Nguyen-ai-Quöc (Hoh-chi-Minh) gegründete „Union Intercoloniale" um die Zusammenfassung der Kolonialgegner, insonderheit aus dem französischen Bereich. In der Sowjetunion wurden die Vorbereitungen für die Bildung von „Hände-wegvon-China"-Komitees getroffen und in Lateinamerika gingen die Kommunisten daran, die „Liga Antiimperialista" aus der Taufe zu heben. In deutlicher Verkennung der realen Situation, die eine Vereinigung aller Antikolonialisten zum Kampf gegen das Kolonialjoch als Punkt 1 der Tagesordnung in den Kolonien setzte, verkündete Roy, daß „die erste Form des nationalen Kampfes schon vorbei" 27 sei. „Die Massen", meinte er, „lehnen sich nicht gegen eine nationale Ausbeutung, sondern gegen die Klassenausbeutung von Seiten der Kapitalisten und Großgrundbesitzer auf . . . Die Klassengegensätze überwiegen gegenüber dem nationalen Antagonismus." 28 Die Kommunistische Internationale wies diese von plattem Subjektivismus und ungenügendem Vertrauen in die Kraft der Arbeiterklasse zeugenden Auffassungen, die gesamtnationale Zielstellungen in den Kolonien für überholt erklärten, entschieden zurück. Sie hielt sich an Lenins tiefgründigen Gedanken, daß dort „noch objektiv gesamtnationale Aufgaben, und zwar demokratische Aufgaben, die Aufgaben des Sturzes der Fremdherrschaft bestehen." 29 Sie verfolge beharrlich die oben aufgezeigte strategisch-taktische Linie. Zugleich waren sich die Kommunisten vollauf im klaren, daß zwischen den nationalen und sozialen Seiten des Emanzipationskampfes keine chinesische Mauer hochgezogen werden durfte, schließlich waren die einheimischen Feudalherren, die Stammeshäuptlinge, Mullahs u. a. die verläßlichsten Stützen der Kolonialherren. „Die Frage der Wechselbeziehungen zwischen dem sozialen und dem nationalen Moment im Kampf der Klassen", mahnte deshalb Manuilski in seinem Schlußwort zur Kolonialdebatte auf dem V. Komintern-Kongreß, „erfordert seitens der Führer ein außerordentliches politisches Feingefühl." 30 Das Aufspüren der richtigen Relationen zwischen beiden Komponenten, das Erkennen einer sich abzeichnenden Veränderung der Gewichte und das Erfassen des richtigen Kettengliedes im richtigen Moment — so hat es die Geschichte bis auf unsere Tage überreich bewiesen — ist in der Tat schwierig. Nationaler Nihilismus, wie ihn Roy predigte, einerseits, prinzipienloses Dahintreiben auf der nationalen oder nationalistischen Welle und damit opportunistische Verflachung der Einheitsfrontpolitik andererseits waren gleichermaßen schlechte Ratgeber und mußten in eine verderbliche Sackgasse führen. Doch weder die Störversuche aus den eigenen Reihen, noch das Sperrfeuer der rechten Führer der Sozialdemokratie gegen ein Zusammenfügen der revolutionären Ströme, oder das brutale Vorgehen der Imperialisten gegen kommunistische AktiviProtokoll. Fünfter Kongreß der Kommunistischen Internationale, Bd. II, Hamburg 1924, S. 644. 2» Ebenda, S. 648. 29 W. I. Lenin, Über eine Karikatur auf den Marxismus und über den „imperialistischen Ökonomismus", in: Werke, Bd. 23, Berlin i960, S. 52. 3 0 Protokoll. Fünfter Kongreß der Kommunistischen Internationale, Bd. II, Hamburg 1924, S. 1001. 27

504

H A N S PIAZZA

täten in den kolonialen und abhängigen Ländern, vermochten die Kommunistische Internationale v o n ihrem konsequenten Weg abzubringen. Niederlagen standen zu Buche, zeitweilige Rückschläge mußten hingenommen werden. Manchmal führten die ungeheuren Schwierigkeiten, die sich vor der Kommunistischen Internationale auch auf diesem Sektor a u f t ü r m t e n , und die harte, keine S t u n d e nachlassende Auseinandersetzung mit dem Klassenfeind, die es oft unmöglich machte, jede neue Erscheinung allseitig zu analysieren, zu theoretisch nicht ganz ausgereiften oder fehlerhaften Schlüssen. Aber unbeirrbar stand die Kommunistische Internationale an der Seite der unterjochten Völker, gab ihnen eine in der Grundlinie richtige Orientierung und entwickelte in ununterbrochenem K a m p f immer erfolgreicher die marxistisch-leninistische Theorie — wie auf anderen Gebieten, so auch in der kolonialen Frage. Der V I I . Weltkongreß 1935 schloß diesen konfliktreichen, schöpferischen Klärungsprozeß mit einem beeindruckenden T r i u m p h des Marxismus-Leninismus ah. Der Leninschen Charakteristik folgend, schätzte er die nationale Befreiungsbewegung als antikolonialistisch antiimperialistisch und demokratisch ein und bekräftigte als wichtigste A u f g a b e der K o m m u n i s t e n in den kolonialen und halbkolonialen Ländern die S c h a f f u n g einer antiimperialistischen Einheitsfront. „ D a z u ist es notwendig," hieß es in der z u m Bericht Dimitroffs angenommenen Resolution, „ d i e breitesten Massen in die nationale Befreiungsbewegung gegen die zunehmende imperialistische Ausbeutung, gegen die g r a u s a m e Versklavung, für die Verjagung der Imperialisten und für die Unabhängigkeit des L a n d e s einzubeziehen; a n den von den Nationalreformisten geleiteten antiimperialistischen Massenbewegungen aktiv teilzunehmen und auf Grund einer konkreten antiimperialistischen P l a t t f o r m gemeinsame Aktionen mit den nationalrevolutionären und nationalreformistischen Organisationen a n z u s t r e b e n . " 3 1 Abhold jeglicher Schablone wies der V I I . Weltkongreß die K o m m u n i s t e n an, die Mannigfaltigkeit der Verhältnisse in den einzelnen Ländern, den verschiedenen Reifegrad der nationalen Befreiungsbewegung und die Stellung der einzelnen politischen Gruppierungen sorgfältig zu beachten und bei der Konkretisierung der Beschlüsse des Kongresses genauestens zu berücksichtigen. Ausdrücklich h a t t e Dimitroff in seinem großen R e f e r a t unterstrichen: „ D i e F r a g e steht in Brasilien anders als in China, Indien und anderen L ä n d e r n . " 3 2 Die Erfolge der K o m m u n i s t e n bei der Z u s a m m e n f a s s u n g der Antikolonialisten in einer einheitlichen F r o n t in China, Indonesien, Algerien, Chile und anderswo bestätigten die Richtigkeit der gefaßten Beschlüsse. Die L e b e n s k r a f t der Konzeption Lenins v o m Bündnis der revolutionären Arbeiterbewegung mit der nationalen Befreiungsbewegung bestand die harte P r ü f u n g des II. Weltkrieges. Heute dokumentiert sich die auf den gemeinsamen Interessen des K a m p f e s gegen Imperialismus, Kolonialismus und Neokolonialismus, für Frieden 31

31

IN: W. Pieck/G. DimitroffjP. Togliatti, Die Offensive des Faschismus und die Aufgaben der Kommunisten im Kampf für die Volksfront gegen Krieg und Faschismus, Berlin 1957, S. 287. Ebenda, S. 151.

Kommunistische Internationale und antikoloniale Revolution

505

u n d eine gerechte O r d n u n g in der W e l t b a s i e r e n d e antiimperialistische E i n h e i t s f r o n t in d e m i m m e r s i c h t b a r e r w e r d e n d e n A n n ä h e r u n g s p r o z e ß der drei g r o ß e n r e v o l u t i o n ä r e n S t r ö m e der G e g e n w a r t . Sie gegen alle U n t e r m i n i e r u n g s v e r s u c h e zu s c h ü t z e n u n d weiter zu festigen ist besonders angesichts der verzweifelten, a u s der Defensive v o r g e t r a g e n e n Angriffe der imperialistischen G l o b a l s t r a t e g e n d r i n g e n d e s Gebot der S t u n d e . Die B e s t i m m u n g des C h a r a k t e r s der n a t i o n a l e n B e f r e i u n g s b e w e g u n g d u r c h die K o m m u n i s t i s c h e I n t e r n a t i o n a l e w a r v o n h e r a u s r a g e n d e r B e d e u t u n g f ü r die Völker der kolonialen W e l t , leitete sich doch d a r a u s die s e l b s t v e r s t ä n d l i c h e P f l i c h t f ü r alle r e v o l u t i o n ä r e n A r b e i t e r a b , die u m ihre B e f r e i u n g K ä m p f e n d e n u n e i g e n n ü t z i g u n d t a t k r ä f t i g zu u n t e r s t ü t z e n . Dieser Hilfe b e d u r f t e n sie d r i n g e n d . W i e a b e r sollte die B e f r e i u n g erreicht werden? E s w a r k a u m zu e r w a r t e n , d a ß die K o l o n i a l h e r r e n freiwillig d a s Feld r ä u m e n u n d auf koloniale S u p e r p r o f i t e v e r z i c h t e n w ü r d e n . Die Geschichte der v e r g a n g e n e n J a h r h u n d e r t e h a t t e u n u m s t ö ß l i c h e r b r a c h t , d a ß o h n e g e w a l t s a m e E r u p t i o n e n weder eine alte Klasse g e s t ü r z t n o c h i r g e n d w o eine n e u e O r d n u n g a u f g e r i c h t e t w o r d e n war. R e v o l u t i o n e n h a t t e n s t e t s a m G r a b e des Alten u n d a n der Wiege des N e u e n g e s t a n d e n . W ü r d e n die „ L o k o m o t i v e n der G e s c h i c h t e " einen Bogen u m die koloniale W e l t m a c h e n ? D a m i t stellt sich das Problem der antikolonialen Revolution, d e n n n u r sie k a n n der v e r r o t t e t e n K o l o n i a l o r d n u n g e n d g ü l t i g den G a r a u s m a c h e n . N a t i o n a l e Befreiungsb e w e g u n g u n d antikoloniale R e v o l u t i o n sind, so meine ich, keine S y n o n y m e . O h n e Zweifel b e s t e h e n zwischen ihnen vielfältige W e c h s e l w i r k u n g e n . I m Schöße der ersteren reichern sich die r e v o l u t i o n ä r e n E l e m e n t e a n , ohne sie k a n n die l e t z t e r e n i c h t sein. U n d d e n n o c h f ü h r t n i c h t jede n a t i o n a l e B e f r e i u n g s b e w e g u n g a u t o m a t i s c h zur e c h t e n R e v o l u t i o n i m Sinne einer völligen Beseitigung aller kolonialistischen E i n flüsse. F a u l e K o m p r o m i s s e k ö n n e n die R e v o l u t i o n a b w ü r g e n , ihre E n t w i c k l u n g fehlleiten, günstige Ergebnisse der A n f a n g s e t a p p e n allmählich deformieren. H e u t e ist offensichtlich, d a ß antikoloniale R e v o l u t i o n e n die politische L a n d k a r t e Asiens u n d A f r i k a s neu u n d z u m besseren g e s t a l t e t h a b e n . F r e u n d e u n d F e i n d e der Völker dieser K o n t i n e n t e operieren m i t d e m Begriff der kolonialen R e v o l u t i o n , u n t e r d e m ganz allgemein die A b s c h ü t t e l u n g des historisch ü b e r l e b t e n K o l o n i a l j o c h s in der einen oder a n d e r e n Weise v e r s t a n d e n wird. Gewiß w a r die E r r i n g u n g der s t a a t lichen E i g e n s t ä n d i g k e i t vordringliches Anliegen der afro-asiatischen Freiheitsk ä m p f e r u n d gewichtiges E r g e b n i s eines l a n g e n u n d o p f e r b e l a d e n e n W e g e s . D o c h g e n ü g t es, u n t e r kolonialer R e v o l u t i o n lediglich diesen politischen A k t „ a n s i c h " zu fassen? E r s c h e i n t es n i c h t vielmehr n o t w e n d i g — n i c h t zuletzt wegen des Mißb r a u c h s , der v o m imperialistischen Ideologen m i t dieser gängigen Vokabel b e t r i e b e n wird — e x a k t e r a u s z u l o t e n , welchen P l a t z die koloniale R e v o l u t i o n in der Geschichte u n d in der W e l t v o n h e u t e e i n n i m m t , auf w e l c h e m sozialökonomischen, politischen u n d ideologischen B o d e n sie wuchs, welche Klassen u n d sozialen S c h i c h t e n sie in G a n g s e t z t e n bzw. z u m Siege f ü h r t e n u n d welche P e r s p e k t i v e sie v o r sich h a t ? N u n sind n a t i o n a l e Befreiungsrevolutionen kein K i n d u n s e r e r E p o c h e . In vielen R e v o l u t i o n e n , die die H e r r s c h a f t der Bourgeoisie e i n l ä u t e t e n , n a h m die n a t i o n a l e

506

H A N S PIAZZA

Komponente einen breiten Raum ein, j a nicht selten war die nationale oder koloniale Unterdrückung der entscheidende Stimulus, der die nachfolgende Lawine sozialer Umwälzungen ins Rollen brachte. So mündete die antispanische Rebellion der Niederlande des 16. Jahrhunderts in die Herrschaft des holländischen Handelskapitals aus. Der erste Stoß der bürgerlichen Revolutionäre Nordamerikas zielte gegen die koloniale Ausplünderung und Bevormundung durch Großbritannien. Auch die Schöpfer des neuzeitlichen Lateinamerika, Bolivar, Hidalgo, Morelos, San Martin Artigas, Francia u. a. erhoben sich zuallererst gegen die iberische Kolonialherrschaft. Ein ähnliches Bild bot das revolutionäre Europa: In Spanien 1808—1814, Polen 1830, 1848/49 und 1863, Italien zur Zeit des Risorgimento, Ungarn unter Kossuth und anderswo — stets galt der erste Ruf der bürgerlichen Revolutionäre der nationalen Unabhängigkeit. Die soziale Revolution der Bourgeoisie kleidete sich oft in die Nationalfarben des jeweiligen Landes. Wie sollte sich nun die Kommunistische Internationale zu den antikolonialen Revolutionen ihrer Zeit verhalten? Verbarg sich hinter dieser Fassade etwa nur der Machtanspruch der Bourgeoisie, ihres Todfeindes? Noch heute finden selbst unter marxistisch-leninistischen Wissenschaftlern heiße Dispute über den Charakter, den historischen Standort und die Unterscheidungsmerkmale der antikolonialen Revolutionen von den bürgerlich-demokratischen Revolutionen klassischen Typs statt. 3 3 Insofern die bürgerliche Historiographie auf dieses Problem überhaupt eingeht, überwiegen zwei Tendenzen: zum einen wird die antikoloniale Revolution verharmlost und die Grenze zwischen Reform und Revolution verwischt ; 34 zum anderen wird sie fest in das Schema der „Dekolonisation" eingepreßt und damit entmannt. 3 5 Umso höher ist der theoretische Beitrag einzustufen, den die Kommunistische Internationale leistete, um das Wesen und die Perspektive der antikolonialen Revolution zu erfassen. Es handelt sich dabei um eine beispielhafte prognostische Leistung; denn im Unterschied zu den überall aufflammenden nationalen Befreiungskämpfen waren die antikolonialen Revolutionen damals noch an den Fingern einer Hand abzuzählen. Richtschnur bei der Behandlung dieses hochwichtigen Problems waren wiederum die Aussagen der Klassiker des Marxismus-Leninismus zum Wesen einer Revolution. „Jede Revolution," hatte Lenin 1917 geschrieben, „wenn sie eine echte Revolution ist, läuft auf eine Klassenverschiebung hinaus. Deshalb ist das beste Mittel, die Massen aufzuklären und auch der Irreführung der Massen durch revolutionäre 33

34

35

Vgl. die interessanten Arbeiten von B. JI. TmyuenKO, ITpoSjieMiJ coBpeMeiiHbix HaijHOHaJibHO-ocBoßoHHTejitHHx peBOJiK)i;nö, Moskau 1966, und H. A. CUMOHUH, 0 6 oco6eHHCOTHX HaijiioHaji bHO-ocBoßo^HTeji biibix peBOJiK)t(nii, Moskau 1968. Bei P. Coulmas hört sich das so an: „Kein revolutionäres Brio bewegte die betroffenen Weltgegenden. Die Machtablösung erfolgte vielmehr in vergleichsweise harmonischen Formen." (Der Fluch der Freiheit. Wohin marschiert die Farbige Welt?, Oldenburg und Hamburg 1963, S. 151). An anderer Stelle nennt er Revolutionen schlicht einen „Betriebsunfall in der Geschichte" (S. 276). Vgl. u. a. JR. v. Albertini, Dekolonisation, Köln und Opladen 1966; H. Grimal, La decolonisation, Paris 1964.

Kommunistische Internationale und antikoloniale Revolution

507

Beteuerungen entgegenzutreten, die Analyse der in der jeweiligen Revolution vor sich gegangenen und noch vor sich gehenden Klassenverschiebung." 3 6 In Analogie zur Einschätzung des Charakters der nationalen Befreiungsbewegung durch die Kommunistische. Internationale wurden auf Grund der damaligen sozialökonomischen Rückständigkeit der Länder Asiens und Afrikas (ein Zustand, der vielerorts noch heute in der „dritten W e l t " anzutreffen ist) die antikolonialen Revolutionen gleichfalls als bürgerlich-demokratische Revolutionen definiert. Lenin räumte aber ein, daß „die weiteren Revolutionen in den Ländern des Ostens, die unermeßlich reicher an Bevölkerung sind und sich durch unermeßlich größere Mannigfaltigkeit der sozialen Verhältnisse auszeichnen, . . . zweifellos noch mehr Eigentümlichkeiten als die russische Revolution auftischen werden." 3 7 Das heißt ganz und gar nicht, daß Lenin und die Kommunistische Internationale neben und außerhalb der sozialistischen oder bürgerlichen Revolution etwa eine „dritte" Kategorie der „Kolonialrevolutionen", gewissermaßen die Möglichkeit, einen „dritten W e g " beschreiten zu können, in Betracht gezogen hätten. Es besagte aber, daß die antikolonialen Revolutionen neue Akzente zur marxistischleninistischen Revolutionstheorie beisteuern werden und daß sie nicht auf eine Stufe mit den bürgerlich-demokratischen Revolutionen alten Typs zu stellen sind. Die neue historische Epoche und die spezifischen Zielsetzungen der antikolonialen Revolutionen erforderten, neue Koordinaten auszumachen, von denen aus diese Revolutionen bestimmt werden konnten. In ihrem Programm stellte die Kommunistische Internationale fest, daß die antikolonialen Revolutionen, „ohne sozialistische Bewegungen des revolutionären Proletariats zu sein, objektiv zu einem Bestandteil der proletarischen Weltrevolution werden." 3 8 Unübersehbar hatte die Kommunistische Internationale somit einen klaren Trennungsstrich zwischen ihnen und den klassischen bürgerlichen Revolutionen gezogen. In den Beschlüssen der Kommunistischen Internationale findet sich keine zusammenhängende Begründung für die von ihr vorgenommene Abgrenzung beider Revolutionstypen voneinander, dennoch lassen sich m. E. folgende wesentliche Unterscheidungsmerkmale zwischen ihnen feststellen: 1. Unter den Bedingungen der ungeteilten Herrschaft des Imperialismus konnte zwangsläufig keine siegreiche antikoloniale Erhebung aus dem Bannkreis des Kapitalismus ausbrechen. Selbst wenn sie die Absicht gehabt hätte, einen anderen als den kapitalistischen Weg zu gehen, wäre sie über kurz oder lang dem wirtschaftlichen und politisch-militärischen Druck der imperialistischen Hauptmächte unterlegen. Erst nachdem die Große sozialistische Oktoberrevolution die entscheidende Bresche in das imperialistische System geschlagen hatte und jetzt der Kampf zwischen Imperialismus und Sozialismus zum alle anderen Konflikte überschattenden Widerspruch wurde, mußte die antikoloniale Revolution, auch wenn sich ihre Träger dessen 36 37 38

W. I. Lenin, Die Klassenverschiebuug, in: Werke, Bd. 25, Berlin i960, S. 124. W. I. Lenin, Über unsere Revolution, in: Werke, Bd. 33, Berlin 1962, S. 466. In: Protokoll. Sechster Weltkongreß der Kommunistischen Internationale, IV. Bd., S. 64.

508

H A N S PIAZZA

oftmals gar nicht bewußt waren, in diese Auseinandersetzung hineingerissen werden. Selbst wenn ihr Kampf nur den „kolonialistischen Auswüchsen" des Imperialismus galt, folglich eine ausgeprägte antikolonialistische, nicht aber im gleichen Maße antiimperialistische Tendenz aufwies, mußte ihr Kampf objektiv das imperialistische System schwächen, da Imperialismus und Kolonialismus ursächlich zusammenhingen. Die „Leitsätze zur Orientfrage" des IV. KI-Kongresses kleideten diese Verkettung in die Worte „Die objektiven Aufgaben der kolonialen Revolution sprengen schon deshalb den Rahmen der bürgerlichen Demokratie, weil ein entscheidender Sieg dieser Revolution unvereinbar ist mit der Herrschaft des Weltimperialismus." 39 2. Die klassischen bürgerlichen Revolutionen fanden in Ländern statt, die wirtschaftlich an der Spitze ihrer Zeit standen. Ihren Unterdrückern waren sie, wenn nicht überlegen, so doch ebenbürtig. Es bestand kaum die Gefahr, daß sie nach Erlangung der politischen Unabhängigkeit von ihren ehemaligen Herren wieder in die Knie gezwungen werden konnten. Ganz andersgelagert war und ist die Lage der Kolonien und Halbkolonien im 20. Jahrhundert. Sie sind ausnahmslos sozial und ökonomisch zurückgeblieben. Für sie ist es schlechthin eine Frage auf Leben und Tod, den vom Kolonialismus verschuldeten historischen Rückstand in kürzester Frist wettzumachen, denn unter dem Damoklesschwert wirtschaftlichen Knebelung wird die errungene politische Unabhängigkeit zur reinen Fiktion. Die vom Kapitalismus vorgezeichnete ökonomische Entwicklungskurve bietet für sie keine echte Chance, um das Dilemma zu bannen. Sie müssen andere Wege finden. Die Existenz des ersten Arbeiter- und Bauernstaates und heute des sozialistischen Weltsystems gibt ihnen nicht nur Schutz und die dringend benötigte wirtschaftliche Hilfe, sondern zeigt ihnen vor allem am Beispiel der transkaukasischen und mittelasiatischen Sowjetrepubliken, der Mongolischen Volksrepublik auch eine echte Perspektive hier auf Erden. 3. Nach dem Roten Oktober und beeinflußt durch die Auswirkungen des ersten Weltkrieges kam es unübersehbar zu einer Neugruppierung der Triebkräfte der antikolonialen Revolution. Ihr ausgeprägt antiimperialistischer und in abgeschwächter Form antifeudaler Charakter sowie die Einbeziehung der Massen in die Bewegung führten zwangsläufig dazu, daß fast ausnahmslos die Feudalherren, die Stammeshäuptlinge und Repräsentanten anderer* überlebter Klassen und sozialer Schichten, die vor 1917 meistens die antikolonialen Aktionen geleitet (und fehlgeleitet) hatten, sich von der Bewegung distanzierten und nicht selten ins imperialistische Lager übertraten, in dem stets die Mehrheit ihrer Klassengenossen gestanden hatte. Die sich formierende Arbeiterklasse und die revolutionär-demokratische Intelligenz, in deren Händen sich in vielen Fällen die Führung der antikolonialen Revolution befand, boten die sicherste Gewähr für die ausgeprägt antiimperialistische Stoßrichtung des Kampfes. Die Kommunistische Internationale trug diesen Faktoren Rechnung. Sie konzentrierte ihre Anstrengungen darauf, die antikolonialen Revolutionen zu fördern und fest in die weltrevolutionäre Front einzubeziehen sowie Wege zu weisen, die das Aus39

In: Thesen und Resolutionen des IV. Weltkongresses der Kommunistischen Internationale, S. 47.

Kommunistische Internationale und antikoloniale Revolution

509

brechen der kolonialen und abhängigen Völker aus dem kapitalistischen Teufelskreis erleichterten. Natürlich lenkte die Kommunistische Internationale als Weltorganisation der revolutionären Arbeiter ihr Hauptaugenmerk auf den Zustand der proletarischen Bewegung im kolonialen Bereich, deren noch so schwachen Keime gehegt und gepflegt wurden. Zu Recht erblickte sie in der Arbeiterklasse die Kraft, die zum Kristallisationskern aller Revolutionäre werden mußte. Aus ihren Reihen sollte der Grundstock der Mitglieder und Funktionäre für die zu gründenden Kommunistischen Parteien erwachsen. Allein auf diesem Wege war es überhaupt möglich, die allgegenwärtige kleinbürgerlich-bäuerliche Ideologie zurückzudrängen und den Marxismus-Leninismus gegen vielfach noch vorhandene verworrene Auffassungen vom Sozialismus afrikanischer oder asiatischer Prägung und das damit verbundene Hochspielen nationaler Besonderheiten durchzusetzen. Die Kommunistische Internationale und besonders ihre Orientabteilung hatten maßgeblichen Anteil daran, daß sich in dieser Zeit über 30 kommunistische Parteien herausbildeten. Sie benötigten intensive Anleitung und Hilfe, um sich von sektiererischem und opportunistischem Ballast befreien zu können. Die Führungsgremien der Komintern legten höchsten Wert auf die Festigung des proletarischen Führungskerns und warnten vor parteifremden Elementen, die sich in die Partei einzuschleichen suchten und sie nicht selten vorübergehend aktionsunfähig machten. Für die Kommunistische Internationale gab es keine Frage hinsichtlich der Dringlichkeit, kommunistische Parteien in den rückständigen Ländern zu bilden; sie wies dabei aber übertriebene Eile zurück, weil das nur Verwirrung in die ideologisch und organisatorisch noch schwachen Gruppen tragen konnte. Von großem Interesse sind in diesem Zusammenhang die von Lenin am 5. November 1921 bei einem Gespräch mit einer Delegation der Mongolischen Volksrevolutionären Partei geäußerten Gedanken. Auf die Frage der Mongolen, ob sie ihre Partei in eine kommunistische Partei verwandeln sollten, antwortete Lenin: „Ich empfehle das nicht, da es nicht angeht, eine Partei in eine andere zu „verwandeln". . . Die Revolutionäre müssen noch viel tun beim Aufbau eines neuen Staates, einer neuen Wirtschaft und Kultur, ehe aus den Hirten eine proletarische Masse wird, die in der Zukunft dabei helfen wird, die volksrevolutionäre in eine kommunistische Partei zu ,verwandeln'. Ein bloßer Fassadenwechsel ist schädlich und gefährlich." 40 Lenin ließ also die Möglichkeit offen, daß in einem rückständigen Land der Weg zum Sozialismus beschritten werden kann, ohne daß der ersten Wegstrecke bereits eine kommunistische Partei besteht! Hinsichtlich der Perspektive der antikolonialen Revolutionen hat die Kommunistische Internationale wohl einen ihrer gewichtigsten theoretischen Beiträge in die Schatzkammer des Marxismus-Leninismus eingebracht. In seinen bekannten Ausführungen auf dem II. Kongreß der Kommunistischen Internationale nahm Lenin dazu Stellung. In Anknüpfung an die in der Kolonialkommission geführte Diskussion gelangte er zu dem Schluß: „daß die zurückgebliebenen Länder mit Unterstützung des Proletariats der fortgeschrittensten Länder zur Sowjetordnung und über be40

B. I I . JleHUH, ÜOJlHoe coßpaHne coHHHeHHö, T. 44, Moskau 1964, S. 233. (russ.).

510

H A N S PIAZZA

stimmte Entwicklungsstufen zum Kommunismus gelangen können, ohne das kapitalistische Entwicklungsstadium durchmachen zu müssen". 4 1 Dieses historische Zitat fußte auf früheren Arbeiten Lenins über Besonderheiten einer sozialen Revolution in rückständigen Ländern. Dabei schälen sich vier Grundprinzipien heraus, die bis auf den heutigen Tag nichts von ihrer Aktualität eingebüßt haben und den nationaldemokratischen Staaten als ausgezeichnete Orientierungspunkte dienen können. Erstens ist die Existenz einer revolutionären Kampfpartei, die ihre Strategie und Taktik auf der Grundlage des wissenschaftlichen Sozialismus erarbeitet und verwirklicht, eine unabdingbare Voraussetzung für den Übergang von der antikolonialen zur sozialistischen Revolution. Zweitens ist es ohne eine Reihe von Übergangsstufen in einem rückständigen Land nicht möglich, eine bürgerlich-demokratische in eine sozialistische Revolution hinüberzuleiten. 42 Drittens kann der Übergang von der antikolonialen zur sozialistischen Revolution nur dann erfolgreich sein, wenn sie von Ländern, in denen der Sozialismus bereits gesiegt hat, unterstützt wird. 43 Diese Forderung beinhaltet die Pflicht für die sozialistischen Staaten zur allseitigen Hilfeleistung für die andere Seite. Sie bedingt umgekehrt, daß die Führungskräfte in den ehemals kolonialen Ländern ihrerseits jegliche antikommunistischen Praktiken aufgeben und aufrichtige Freundschaftsbande zum sozialistischen Land oder Lager schlagen. Abgesondert vom Sozialismus oder gar gegen ihn ist ein Vollzug der nichtkapitalistischen Entwicklung unmöglich. Viertens müssen die revolutionären Führungen in den rückständigen Ländern fähig und willens sein, ein festes Bündnis mit den Massen, besonders mit den Bauern, herzustellen 44 , das gesamte gesellschaftliche Leben des Landes zu demokratisieren und neue Machtorgane zu schaffen, die die neue Klassenkonstallation adäquat widerspiegeln. Die Kommunistische Internationale hat stets alles in ihren Kräften Stehende unternommen, um diese Forderungen mit Leben zu erfüllen. Besonders plastisch trat dieses Bemühen auf dem VII. Kongreß zutage. Wan Min, das chinesische Mitglied des Präsidiums des E K K I , ging in seiner großen Diskussionsrede zum Referat Dimitroffs die Kardinalfragen der antikolonialen Revolutionen mit großer Sachkenntnis und Kühnheit an. Analog zum Konzept der Volksfrontregierung als Vorbereitung für weitere Schritte auf dem Wege zur demokratischen und gegebenenfalls sozialistischen Vertiefung der Revolution folgerte er: „Eine auf der Grundlage der antiimperialistischen Einheitsfront entstandene Regierung . . . wäre im wesentlichen eine antiimperialistische Regierung, jedoch noch nicht eine revolutionär-demokratische Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft. Neben den Vertretern des Proletariats werden in diese Regierung Vertreter der anderen Klassen eintreten, die am Kampf um die nationale Befreiung . . . teilnehmen". 46 41

42

43 45

I n : W. I. Lenin, Werke, B d . 31, S. 232. W. I. Lenin, Die proletarische Revolution und der R e n e g a t K a u t s k y , i n : Werke, B d . 28, Berlin 1959, S. 305. 44 W. I. Lenin, Werke, B d . 52, S. 217. Ebenda. Wan Min, Die revolutionäre Bewegung in den kolonialen und halbkolonialen L ä n d e r n und die T a k t i k der kommunistischen Parteien, M o s k a u — L e n i n g r a d 1935, S. 35.

Kommunistische Internationale und antikoloniale Revolution

511

Die wichtigen Fragen der Hegemonie des Proletariats in der kolonialen Revolution und der Bildung von Sowjets wurden erneut aufgeworfen. Nüchtern wurde konstatiert, daß „sich die kommunistischen Gruppen oder eine junge, zahlenmäßig schwache kommunistische Partei ohne die aktive Beteiligung am allgemeinen Volkskampf und am allgemeinen nationalen Kampf gegen das imperialistische Joch nicht in eine wirkliche Massenpartei verwandeln können, aber ohne diese kann an eine Hegemonie des Proletariats und an eine Sowjetmacht im eigenen Land nicht gedacht werden". 46 Die von der Kommunistischen Internationale gesetzte These von der Möglichkeit des Umschlagens nationaler Befreiungsrevolutionen in sozialistische Revolution beruhte auf einer wissenschaftlich begründeten Gesellschaftsprognose. Es handelte sich dabei um eine Möglichkeit, die nur beim Zusammenwirken der notwendigen inneren und äußeren Faktoren zur Wirklichkeit werden konnte und kann. Die Kommunisten in aller Welt, allen voran die sowjetischen Kommunisten, haben das Ihre getan und werden es auch ferner tun, damit die nationale Befreiuungsbewegung den richtigen und für ihre eigenen Völker nützlichen Weg der sozialen Vertiefung der nationalen Revolution findet und konsequent beschreitet. Das Ergebnis hängt in erster Linie von den Völkern selbst ab. «• Ebenda, S. 47.

JEAN SURET-CANALE, PARIS

Les forces motrices sociales et politiques de la Révolution africaine En Afrique comme dans beaucoup de pays naguère coloniaux ou semi-coloniaux d'Asie et d'Amérique, la «Révolution» est à l'ordre du jour. Subjectivement, l'aspiration à la «Révolution» traduit le sentiment de la nécessité d'un changement profond, radical, de structures économiques, sociales et politiques devenues insupportables. Mais quels sont les fondements objectifs de cette situation? E t de quelle «Révolution» s'agit-il? L'ensemble du continent africain s'est trouvé, à l'aube du X X e siècle, conquis et partagé entre une série de puissances impérialistes, grandes ou petites: Grande Bretagne, France, Allemagne, Italie, Belgique, Portugal, Espagne. Les deux seuls Etats demeurant nominalement indépendants en 1913 étaient des «semi-colonies»: le Libéria, pratiquement sous la tutelle des Etats-Unis d'Amérique; l'Ethiopie, sauvée de la conquête politique par le jeu des ambitions rivales de l'Italie, de la Grande Bretagne et de la France, mais économiquement dépendante de l'impérialisme. La guerre de 1914—1918 ne fit que redistribuer les colonies allemandes entre les vainqueurs. Au lendemain de la deuxième guerre mondiale qui, mis à part le cas limité des colonies italiennes, pratiquement prises en charge par les vainqueurs, avait maintenu le «statu quo», le régime colonial se trouva, comme partout ailleurs, mis en question. Le mouvement de libération nationale posa la question de Y indépendance et, par conséquent de la révolution anti-impérialiste, nationale et démocratique. Autour des années soixante, la plupart des pays d'Afrique accédèrent à l'indépendance. Mais ce fut dans des conditions très diverses suivant les pays. Là où l'accession à l'indépendance fut le résultat d'une lutte entraînant les larges masses et les maintenant mobilisées, on peut parler de révolution. Cela, quelles qu'aient été les formes de cette lutte: lutte armée acharnée et prolongée comme dans le cas de l'Algérie, lutte politique pacifique et légale dans le cas de la Guinée. En revanche, là où il n'y a pas eu cette mobilisation, là où encore cette mobilisation ne s'est pas maintenue et où la lutte a connu des revers, l'indépendance « octroyée » n'a recouvert que des changements formels. Le Statut politique a été modifié ; le personnel administratif a été remplacé (souvent en partie seulement) par

Les forces motrices de la Révolution africaine

513

un personnel africain. Mais sur le plan économique comme sur le plan politique (formes extérieures mises à part) la situation coloniale s'est maintenue. Au point que l'on a avancé pour caractériser cette situation le terme nouveau de «néocolonialisme»: dans ces pays la révolution anti-impérialiste reste à faire (ou à refaire). Revenons à la première série de pays, où s'est déroulée une véritable révolution. Celle-ci a débouché sur une véritable indépendance politique : les hommes du pouvoir colonial ont été éliminés, remplacés par des hommes ayant la confiance du peuple. Ainsi en Algérie, en Guinée, au Mali, au Ghana (avant le coup de force qui chassa le président N'Krumah), en République Arabe Unie, au Congo-Brazzaville (après les «trois glorieuses» et la chute du fameux «abbé» Fulbert Youlou). Mais ce pouvoir populaire se heurte à l'héritage économique de la colonisation. A l'indépendance, l'économie demeurait entre les mains des monopoles impérialistes sous leur contrôle. Ces monopoles ne pouvaient s'accommoder d'une indépendance réelle, et leur politique f u t d'user de tous les moyens de pression économique pour obtenir que les pouvoirs nouveaux s'alignent sur leurs intérêts, en bref, que le pays s'oriente dans la voie du néo-colonialisme. Là où la pression économique s'avérait insuffisante ou inopérante, l'impérialisme usa des moyens politiques ou militaires: ainsi au Congo-Kinshasa, ou au Ghana. La logique d'une politique d'indépendance authentique, de libération nationale réelle, ne pouvait s'accommoder de la persistance économique de l'impérialisme. Elle conduisait à prolonger la révolution politique par une révolution économique, mettant entre les mains de la nation et confiant à la gestion du pouvoir populaire les secteurs-clé par lesquels les trusts coloniaux contrôlaient jusque-là l'économie de ces pays. Cette politique de nationalisations allait déboucher rapidement sur la question des voies de développement économique. Le néo-colonialisme, le maintien dans la dépendance économique de l'impérialisme étant rejetés, l'indépendance nationale pouvaitelle déboucher sur une voie de développement capitaliste, à l'exemple de certains pays d'Europe au siècle dernier? La réponse des faits fut négative. L'édification d'une économie moderne, au niveau technique qui est celui de la seconde moitié du X X e siècle, exige d'énormes capitaux investis à très long terme. Dans aucun pays d'Afrique, même dans ceux où la différenciation sociale était la plus avancée, il n'existait une bourgeoisie locale qui disposât de tels capitaux, et qui fût disposée à les investir dans de telles conditions. Les seuls représentants du «secteur privé» capables d'entreprendre de tels investissements et intéressés à le faire sont les monopoles impérialistes... Dans ces conditions la «voie capitaliste» n'est pas une voie de développement indépendant; elle ne peut conduire qu'au retour dans l'ornière néo-colonialiste. C'est ainsi que la logique même de la révolution anti-impérialiste, nationale et démocratique, a conduit un certain nombre de pays africains à choisir une voie de développement non-capitaliste. E t cette voie, si elle n'est pas encore le socialisme, débouche nécessairement sur le socialisme. Car l'alternative du X X e siècle se formule par «capitalisme ou socialisme». Il n'y a pas de «troisième voie». 33

Studien

514

JEAN

SURET-CANALE

C'est ainsi que des hommes politiques qui étaient au départ des nationalistes conséquents et rien de plus, ont été conduits, par leur lutte pour la sauvegarde et la consolidation de l'indépendance nationale à se rallier à des options socialistes qui leur étaient parfois étrangères au début de leur démarche. Cette observation nous conduit à une seconde caractéristique de la Révolution africaine contemporaine. Partout où cette révolution, au départ anti-impérialiste, nationale et démocratique, est conduite jusqu'au bout, elle débouche par un processus continu sur une seconde étape qui est celle de la Révolution socialiste. Cette nécessité traduit le fait qu'à l'échelle mondiale en cette seconde moitié du X X e siècle, la Révolution socialiste est à l'ordre du jour. Elle est devenue une nécessité pour surmonter les contradictions insolubles dans lesquelles se trouve empêtré le capitalisme arrivé à sa phase ultime. Mais les contradictions mêmes qui résultent du procès capitaliste à l'échelle mondiale créent pour la Révolution africaine des difficultés nouvelles et spécifiques. On sait que l'une des caractéristiques fondamentales du capitalisme à l'époque de l'impérialisme réside dans l'accentuation de l'inégalité de développement. Cette inégalité s'observe entre puissances impérialistes. Elle s'observe bien plus encore entre pays impérialistes d'une part, dont le développement est relativement rapide, et pays dépendants, coloniaux ou néo-coloniaux, auxquels on applique parfois l'épithète de « sous-développés », et qui sont caractérisés par un rythme de développement beaucoup plus lent, en même temps que les déséquilibres internes de leur économie s'aggravent. Si nous comparons les rythmes de développement respectifs des pays socialistes, des pays impérialistes (capitalistes « développés »), et des pays soumis au régime colonial ou néo-colonial, ce fait apparaît avec une clarté aveuglante. 1 La progression du produit national brut par habitant et par an, à prix constants, a été pour la période décennale 1953—1962 (indice 100 = 1958) 2 : Pour 7 pays socialistes dont l'URSS: + 5,27%. Pour les 11 principaux pays capitalistes « développés » dont les Etats-Unis d'Amérique, la Grande Bretagne, l'Allemagne Fédérale, la France, le Japon, 1' Italie: + 3,2%. Pour 12 pays « sous-développés » d'Asie, d'Afrique et d'Amérique latine pour lesquels nous disposons des données suffisantes, et dont certains ont dans leur catégorie des rythmes de développement relativement rapides (dont le Brésil, 1' Argentine, le Mexique, l'Inde, le Congo-Kinshasa, l'ex-Fédération RhodésiesNyassaland) : + 1,45%. De ces chiffres se dégage, avec la supériorité du système socialiste (du seul point de vue des mécanismes économiques, ce qui n'est d'ailleurs pas l'essentiel, les résultats 1

2

II le serait plus encore si l'on tenait compte d ' u n certain nombre de données qualitatives (développement ou non-développement des équipements sociaux et culturels; réduction ou au contraire accentuation des déséquilibres internes de l'économie). Données empruntées à P. Jalée: Le pillage du Tiers-Monde. Paris 1965, p. 19.

Les forces motrices de la Révolution africaine

515

humains en étant le contenu véritable), l'accentuation du retard relatif des pays dépendants. E n quoi consiste ce retard? Il ne se traduit pas seulement par la faiblesse du niveau de la production et de la productivité, en regard du peuplement et des ressources. Il se traduit plus encore par la persistance de structures économiques et sociales périmées, pré-capitalistes, mais que l'impérialisme a intégrées pour les utiliser comme moyen d'exploitation des masses travailleuses. Là où le secteur « moderne » (c'est-à-dire capitaliste) s'est développé — plantations, mines, industries — c'est en fonction des besoins extérieurs des monopoles impérialistes et non en fonction d'un développement harmonieux et équilibré de l'économie nationale. C'est dans ce cadre général que nous pouvons aborder l'étude des forces sociales et politiques en jeu dans la Révolution africaine. Nous nous limiterons ici à un exemple: celui de l'Afrique de l'Ouest naguère sous domination française (constituant a v a n t 1958 1'« Afrique occidentale française »). L'étude d'autres régions — Afrique naguère sous domination britannique de l'Ouest africain; Afrique orientale et méridionale; Afrique du Nord — dont les structures économiques et sociales présentent des traits spécifiques différents, exigerait d'autres développements. Ces pays étaient à l'époque pré-coloniale au stade précapitaliste. Une partie des populations y vivait dans le cadre d'une société patriarcale (communautés tribales, communautés villageoises) à l'intérieur de laquelle les différenciations de classes n'avaient pas abouti à la formation de superstructures étatiques. Dans d'autres régions, les différenciations de classe (sur la base de l'esclavage, du servage et de diverses autres formes de dépendance) avaient abouti à la formation d'une société hiérarchisée couronnée par un appareil d ' E t a t plus ou moins stable, ceci déjà depuis plus d'un millénaire dans certains cas. Dans cette société, l'agriculture (et parfois l'élevage) constituaient les activités productives fondamentales; mais dans le cadre d'une division du travail plus ou moins développée selon les cas, l'artisanat, le commerce (y compris un certain commerce interrégional et même international) tenaient une place non négligeable. La conquête et l'intégration coloniales, dans le cas qui nous occupe, n'ont pas abouti à une transformation en profondeur de cette société. Les formes de production «modernes» (capitalistes) n ' y f u r e n t introduites que dans des secteurs limités et très tardivement (par exemple: plantations capitalistes en Côte d'Ivoire et en Guinée: pas a v a n t les années 1934—35; exploitations minières et industries de transformation: pas avant les années 1950 et suivantes, au moins pour l'essentiel). Encore à l'heure actuelle, elles ne jouent qu'un rôle limité. E n 1957, la proportion de salariés dans la population active (ces salariés comprenant outre les travailleurs des plantations et des industries, ceux des transports et le personnel domestique) n'était que de 19,3% en Côte d'Ivoire, 11,4% au Sénégal, 4 % au Dahomey, 2,1% en Haute-Volta, 1,6% au Niger... L'agriculture faisait vivre de 78% (Sénégal) à 9 7 % de la population (Niger). 33*

516

Jean Sttbet-Canale

Cette agriculture demeurait pour l'essentiel le fait non de plantations capitalistes, mais du «paysannat indigène» pour reprendre la terminologie des colonisateurs, c'est-à-dire de paysans produisant et vivant dans les cadres sociaux ancestraux. Par la pression de l'impôt (obligeant le paysan à se procurer de l'argent) ou par la contrainte administrative, ces paysans étaient astreints à consacrer une partie croissante de leur activité à des «cultures riches» (c'est-à-dire d'exportation) aux dépens de leurs cultures vivrières traditionnelles. Ces produits agricoles d'exportation étaient mobilisés et exportés par des compagnies commerciales européennes disposant d'un monopole de fait, émanations locales des monopoles impérialistes, qui fournissaient en échange la pacotille d'importation (tissus, quincaillerie, etc.). 3 Ainsi s'était maintenu, et étendu à l'ensemble du pays, un système d'exploitation par l'intermédiaire du commerce tout à fait analogue à celui qui était pratiqué sur les côtes d'Afrique par les négriers du X V I e au X I X e siècle: d'où le nom d'économie de traite retenu pour le désigner. Pour n'être pas fondamentalement modifiées, les structures sociales n'en avaient pas moins été altérées. Le monopole des sociétés commerciales de traite avait évincé ou réduit le commerce traditionnel africain: le «dioula» — commerçant africain traditionnel — se trouvait cantonné au commerce intérieur de certains produits n'intéressant pas les compagnies étrangères (par exemple commerce des noix de colas ou commerce du poisson séché), ou réduit au menu colportage. Même au niveau du commerce de détail, l'africain se trouvait éliminé, soit par les succursales des grandes sociétés, soit par les immigrants libanais et syriens. L'importation de pacotille à bon marché avait progressivement ruiné et fait disparaître de larges secteurs de l'artisanat traditionnel (tisserands, forgerons) et accentué la prépondérance du secteur agricole dans la production. Imposant à tous les mêmes charges et la même exploitation, la colonisation avait, sinon éffacé, du moins «laminé» les anciennes différenciations sociales : anciens esclaves comme anciens guerriers ou aristocrates étaient désormais soumis au même impôt personnel, aux mêmes «prestations» de travail forcé gratuit, aux mêmes cultures obligatoires. Seule une mince couche recrutée dans l'aristocratie traditionnelle (mais parfois aussi comprenant des parvenus de fraîche date) avait conservé des privilèges attachés à ses fonctions administratives. C'était la « chefferie » (chefs de village, chefs de canton), intermédiaires africains du pouvoir colonial aux échelons inférieurs de la hiérarchie administrative. Dans ces conditions, la structure sociale des pays de l'Afrique de l'Ouest sous domination française pouvait s'analyser comme suit, au lendemain de la seconde guerre mondiale: Une masse prépondérante de paysans producteurs, vivant en majorité dans le cadre des structures patriarcales traditionnelles d'auto-consommation (notamment dans l'intérieur: Mali, Haute-Volta, Niger) et, pour une fraction 3

Ce monopole était pratiquement partagé entre trois sociétés: Compagnie française de l'Afrique occidentale (C. F. A. O.), Société commerciale de l'Ouest africain (S. C. O. A.) et United Africa C° (filiale du trust Unilever), cette dernière représentée par diverses filiales.

Les forces motrices de la Révolution africaine

517

réduite, évoluant vers la condition de petits producteurs marchands individuels (cultivateurs d'arachides au Sénégal: planteurs de café ou de cacao en Côte d'Ivoire). En Côte d'Ivoire seulement commençait à se dégager de la paysannerie une bourgeoisie ou petite bourgeoisie de planteurs employant à titre temporaire ou permanent de la main d'oeuvre salariée. Au dessus de la masse, la chefferie traditionnelle (c'est-à-dire en fait administrative) constituait une mince couche privilégiée, tirant sa puissance et ses revenus de son autorité administrative (possibilité d'exploiter le travail gratuit de ses administrés et de leur extorquer des redevances dites «coutumières») et non de la possession de moyens de production, la terre n'étant pas, en général, objet de propriété privée. Son rôle d'agent de l'oppression coloniale l'avait dans une large mesure, isolée et discréditée. Enfin, concentrée dans les ports et les chefs-lieux administratifs, une couche peu nombreuse et très hétérogène de salariés, parmilesquelsles prolétaires proprement dits, ouvriers d'industrie, ne constituaient qu'une infime minorité. La plupart d'entre eux étaient des «manoeuvres», travaillant temporairement dans les ports, sur les chantiers, dans les plantations., avec la volonté et l'espoir de retourner ensuite au village. Une grande proportion de ces salariés étaient employés de l'administration coloniale : parmi eux, une étroite minorité de fonctionnaires, sortis des écoles françaises, parlant et écrivant le français, occupait une situation relativement privilégiée, mais en position subordonnée par rapport aux fonctionnaires français occupant les postes de commandes. Masse «paysanne peu différenciée, chefferie administrative privée de moyens et d'autorité morale, bourgeoisie insignifiante ou inexistante, prolétariat encore faible, mince couche de fonctionnaires ayant seuls reçu une instruction moderne: telles étaient les composantes de la société africaine des années 1945—1960. Dans de telles conditions, les bases n'existaient pas pour la création d'un parti ouvrier de type classique; la tâche posée par l'histoire consistait à créer un front national unique contre V impérialisme. Ainsi f u t fondé en 1946 à Bamako le Rassemblement Démocratique Africain dont les sections créées dans les divers territoires (Parti démocratique de Côte d'Ivoire, Parti démocratique de Guinée, Union Soudanaise — au Mali — etc.) présentèrent le caractère original d'être des partis de masse, englobant parfois l'immense majorité de la population, sur la base d'une politique de front unique anti-impérialiste, mais adoptant les règles d'organisation et de fonctionnement du centralisme démocratique. La base sociale de ces partis f u t constituée par la paysannerie ¡l'élément moteur en fut, en Guinée et au Mali, la classe ouvrière, si peu développée et faible numériquement qu'elle fut. Quant aux fonctionnaires, une fraction ralliée à la cause du peuple fournit les cadres dirigeants, la masse de leurs collègues demeurant dans l'expectative. L'administration coloniale française suscita pour contrebattre le R. D. A. des partis «administratifs», qui s'affilièrent souvent aux partis de la coalition alors au pouvoir en France (M. R. P., Parti socialiste S. F. I. 0.) et qui eurent pour d'appui social, avec la chefferie, certains des éléments de la couche des fonctionnaires, les plus perméables à l'idéologie coloniale ou les plus corrompus. A la différence du R. D. A., ces partis administratifs ne furent jamais que des comités électoraux de notables, et ne réussirent jamais à devenir des partis de masses.

518

Jean Suret-Canale

En Guinée et au Mali, ce sont les partis issus de R. D. A. — Parti Démocratique de Guinée et Union Soudanaise 4 — qui ont conduit et mené à son terme la révolution anti-impérialiste, nationale et démocratique. Ils ont engagé leurs pays dans une voie de développement non capitaliste, débouchant sur le socialisme. Dans cette voie, ils n'ont évidemment pas eu le soutien de l'ancienne puissance coloniale, au contraire. La rupture de liens économiques traditionnels avec la France, qu'elle ait été imposée par le gouvernement français comme moyen de pression contre l'orientation nouvelle de ces pays (dans le cas de la Guinée surtout) ou qu'elle ait été rendue nécessaire par les impératifs d'un développement indépendant, ont créé à la Guinée comme au Mali de sérieuses difficultés. En revanche, l'aide inconditonnelle apportée par les pays socialistes leur a permis de résister aux pressions économiques et de poursuivre l'expérience engagée. Cette expérience est sans précèdent dans l'histoire. Il s'agit de passer d'un stade économique et social qui demeurait, à la base et pour l'essentiel précapitaliste, au socialisme. 6 E t cela, parce que c'est une nécessité du développement national indépendant de ces pays, et parce que, à l'échelle universelle, le socialisme est à l'ordre du jour. En même temps, en raison de poids de l'héritage colonial, les conditions objectives (économiques et sociales) font défaut pour la mise en place immédiate de structures socialistes. L'industrie d'Etat, malgré d'importants développements, ne représente encore qu'un secteur très minoritaire de l'économie. Dans l'agriculture, l'édification de structures coopératives se heurte à la misère de moyens techniques et à la faiblesse du niveau culturel. De la révolution anti-impérialiste au socialisme, ces pays devront traverser une longue période de transition, celle d'un E t a t de démocratie nationale, appuyé sur les larges masses de la population; ils devront s'engager dans une période de révolution continue, pour vaincre les obstacles qui subsistent, entre la conquête de l'indépendance et la mise en place des bases fondamentales du socialisme. Dans ce combat révolutionnaire, la disposition des forces sociales se trouve modifiée. L'indépendance a fait disparaître la chefferie en tant que couche sociale spécifique. Mais l'élimination des trusts coloniaux et les imperfections de l'appareil économique d'Etat nouvellement mis en place ont permis le développement d'une bourgeoisie souvent issue de milieux qui avaient participé au combat anti-impérialiste, et souvent liée à des personnes occupant de hautes fonctions dans l'appareil de l'Etat et du Parti. Cette bourgeoisie n'est qu'exceptionnellement engagée dans la production. Elle tire sortout ses ressources de l'affairisme, du commerce plus ou moins frauduleux, de la concussion. 4 5

Du nom du „Soudan" qui était la dénomination officielle du Mali avant 1960. Sans être intégré à un ensemble qui, lui, avait pour point de départ le stade capitaliste (comme ce fut le cas des peuples d'Orient de l'URSS), ou sans pouvoir bénéficier du voisinage direct et de toutes les formes d'appui en découlant de la part d'un tel ensemble (ce qui fut le cas de la République populaire de Mongolie).

Les forces motrices de la Révolution africaine

519

C'est pourquoi le Parti démocratique de Guinée et l'Union soudanaise ont dû engager le combat contre cette bourgeoisie. Leur base sociale ne s'est pas trouvée pour autant fondamentalement modifiée. Elle reste constituée par la classe ouvrière et la paysannerie. Mais la nécessité d'une lutte de classe intérieure conduit à accorder de plus en plus d'importance au rôle dirigeant de la classe ouvrière au sein du front unique. Bien que peu nombreuse encore, la classe ouvrière est en voie de croissance rapide: la création d'unités industrielles nouvelles avec l'aide notamment des pays socialistes, accroît sa concentration. Elle est la classe la plus directement intéressée à la marche au socialisme, la plus consciente. C'est ce qui a conduit les partis révolutionnaires de la Guinée et du Mali à constituer des bases d'organisation à l'intérieur des entreprises (alors que leur organisation reposait précédemment sur les seuls comités de villages et de quartiers), et à donner aux organisations syndicales un rôle sans cesse accru dans tous les domaines de la vie économique, sociale et politique. Parallèlement des mesures ont été prises pour écarter les éléments bourgeois des postes de direction: en Guinée, exclusion des commerçants de toute responsabilité au sein du Parti (1964) ; puis exclusion de tout entrepreneur exploitant la main d'oeuvre salariée des fonctions responsables, jusqu'au niveau des comités de base (1967) ; au Mali, dissolution du Bureau politique national du Parti et des organismes de direction locaux, remplacés par un Comité National de défense de la Révolution, épuré des éléments instables, et par des comités locaux de défense de la révolution (1967). Il serait erroné de perdre de vue que dans cette lutte de classes, l'ennemi principal demeure V impérialisme étranger. La bourgeoisie locale, économiquement et numériquement insignifiante, n'est dangereuse que dans la mesure où elle peut fournir un point d'appui à l'impérialisme étranger, et dans la mesure où elle est logiquement conduite à cette trahison par la conscience de sa propre faiblesse et le désir de faire prévaloir ses intérêts de classe par n'importe quel moyen. Ces réflexions faites, il n'est pas sans intérêt d'examiner le rapport des forces sociales et politiques dans deux pays voisins appartenant au même ensemble géographique et où la révolution anti-impérialiste reste à faire : la Côte d'Ivoire et le Sénégal. Dans les années 1944—1951, la Côte d'Ivoire fut à la pointe du combat antiimpérialiste. Le Parti démocratique de Côte d'Ivoire était la plus forte section du Rassemblement démocratique africain. Son leader, Félix Houphouët-Boigny, était le Président du R . D. A. Mais à la différence de la Guinée et du Mali, l'élément dirigeant du front unique anti-impérialiste n'était pas ici la classe ouvrière, c'était la bourgeoisie naissante des planteurs africains. L'essor rapide de cette bourgeoisie, employant une main d'oeuvre salariée de plus en plus nombreuse et pour plus de la moitié d'origine étrangère, allait conduire à une évolution politique toute différente. Dès 1951, le Parti démocratique de Côte d'Ivoire s'engageait dans la voie du compromis, puis de l'association avec le capital impérialiste étranger. Le Parti démocratique de Côte d'Ivoire est resté un parti de masse, organisant la grande majorité de la population ivoirienne,

520

J E A N SURET-CANALE

mais sous la direction et au bénéfice des intérêts de classe des éléments les plus riches. En face il n'existe pas pour le moment de force révolutionnaire organisée. La classe ouvrière, pour nombreuse qu'elle soit (par rapport à d'autres pays) est placée en marge de la vie politique parce que composée pour une très grande partie d'éléments étrangers au pays. Les étudiants ou intellectuels révolutionnaires sont peu nombreux et isolés. Cependant le développement inconsidéré des plantations extensives, les difficultés croissantes d'écoulement des produits d'exportation, poseront tôt ou tard devant les masses paysannes le problème d'une orientation nouvelle. L'essor apparemment prodigieux de l'économie ivoirienne traduit essentiellement un pillage éhonté des ressources du sol et du sous-sol, sur le produit duquel la bourgeoisie ivoirienne ne reçoit d'ailleurs que quelques miettes. Le moment approche où ces ressources commenceront à s'épuiser et où, pour la masse paysanne, la «voie capitaliste» apparaîtra comme ce qu'elle est : une impasse. Au Sénégal, la situation est plus complexe. Au lendamain de la guerre, l'association au sein du Parti socialiste (et des formations qui en dérivèrent par la suite) des vieux appareils électoraux des «communes de plein exercice»6, des notables enrichis par la traite de l'arachide, et des féodalités religieuses constituées par les «confréries», a maintenu les masses paysannes sous l'influence d'une formation politique opportuniste, étroitement liée à l'administration coloniale et aux représentants économiques de l'impérialisme. Les parties d'opposition anti-impérialistes — l'Union démocratique sénégalaise, section du R. D. A. — plus tard le Parti africain de l'indépendance, ont toujours été des partis minoritaires, ayant des bases importantes dans les villes (ouvriers et intellectuels) mais sans prise réelle sur la masse rurale. L'aggravation de la situation «néo-coloniale» (chômage et misère accrus dans les grandes agglomérations; baisse du revenu paysan malgré l'augmentation de la production de l'arachide) crée une situation explosive. Les grèves universitaires et ouvrières de mai 1968 à Dakar ont montré la gravité de la situation. Mais les conditions politiques d'une issue positive à la crise qui mûrit ne semblent pas exister pour le moment. L'Union Progressiste Sénégalaise (le Parti au pouvoir) pourra-t-elle, comme l'espèrent certains de ses militants, changer de contenu et d' orientation, et se faire l'instrument de la révolution anti-impérialiste? Ou bien ce rôle sera-t-il rempli par une autre formation, qui pour le moment n'existe pas (les partis d'opposition sont très affaiblis et divisés)? En Côte d'Ivoire comme au Sénégal il est vrai, la bourgeoisie locale s'est considérablement renforcée depuis les indépendances. C'est elle qui joue aujourd'hui, comme naguère la chefferie, le rôle d'intermédiaire entre l'impérialisme étranger et la population. Bon gré, mal gré, sacrifiant quelques miettes de ses profits à l'opportunité politique, le grand capital colonial l'a associée à ses intérêts comme intermédiaire, ou lui a concédé quelques secteurs secondaires de l'économie. 8

Dakar, Rufisque, Saint-Louis, dont les habitants étaient citoyens français et élisaient un député au Parlement bien avant la deuxième guerre mondiale.

Les forces motrices de la Révolution africaine

521

Il reste que, en Côte d'Ivoire comme au Sénégal et dans les autres pays de l'Ouest africain à indépendance «octroyée», le poids du régime néo-colonial et de ses contradictations fait mûrir les conditions d'une nouvelle vague révolutionnaire dont il serait vain de chercher à préciser maintenant le moment et les circonstances, mais aussi vain de nier la venue inéluctable. L'avenir de l'Afrique est à l'indépendance et au socialisme. Il est à la Révolution.

B A S I L D A V I D S O N , LONDON

Africa 1970: From reformism to Revolution? Some reflections and comparisons Is there or is there not a "revolutionary situation" in Africa t o d a y : a situation, t h a t is, in which conditions have become objectively ripe for a large forward movement in the long process of African transformation from pre-industrial or colonialist structures towards socialist structures? Are we or are we not at the point in history where the peoples of Africa, emerging from the traditions of their own past and the mystifications of colonialism, begin to t h r u s t wide the doors to a different f u t u r e : towards a f u t u r e which will carry t h e m into the mainstream of h u m a n progress up and down the world? Do we or do we not now witness the end of African ideological isolation; and, if so, what useful parallels with revolutionary experience in other continents, w h a t comparisons, w h a t conclusions, can or may be drawn? Portentous questions: b u t not, perhaps, useless ones. It is common ground, even among bourgeois critics, t h a t African society is deep in crisis of a scale and n a t u r e not known before. L a t e n t for at least a hundred years, this crisis has been persistently sharpened and shaped and defined b y the erosive tides and storms of the colonial period, sweeping over the structures of the past with an often terrible effect, dismantling old states and social organisms, disrupting old economies beyond repair, and now, in these post-colonial years of "political independence", destroying one illusion after another, corrupting and discrediting t h e educated élites of a new "national bourgeoisie", deepening t h e frustration and suffering of the rural and even of the urban masses, repeatedly inviting violence and despair. It is also common ground, even among bourgeois critics, t h a t this crisis is one of structure, of institutions, of socio-economic transformation. This is another fundamental point about the African situation of t o d a y which scarcely calls for discussion. For the first time in history, Africa becomes involved in a n epoch of gross and growing dislocation between methods and relations of production and the growth of population. Through two millenia of Iron Age civilisation the Africans were able to master and populate their vast and difficult continent by modes of production and corresponding social organisations such as yielded, with few great exceptions, an adequate supply of good and other goods for a steadily expanding population: for a population, spreading and settling every habitable region, which m a y have increased from three or four millions a t

Africa 1 9 7 0 : From Reformism to Revolution?

523

thé beginning of their Iron Age to perhaps 150 millions or more on the eve of the colonial period. 1 This steadily evolving balance no longer exists : has not existed, perhaps, for as much as thirty years. What we now see is a general rate of population growth which exceeds, and probably much exceeds, the general rate of growht in the production of food and other everyday necessities, whether of a material kind or not. Within existing structures — or rather, given the structural confusion of the 1960s, within existing fragments of structure — the majority of African populations now appear threatened by a drastic lowering in average standards of life, very low though these already are, and perhaps even the development of chronic conditions of widespread famine. 2 The crisis, then is blatantly and undeniably there: but what forces gather to resolve it? Here we find no common ground, neither among the capitalist critics nor among these who understand the need for revolution. And not surprisingly. The capitalist critics have pinned all their hopes of constructive change to the evolution into capitalist hegemony of the élites whom they have variously sponsored and supported. Now that these élites have so manifestly failed these is nothing left along this line of development except forms of military or authoritarian rule such as can offer small comfort even to the most orthodox of capitalist critics. There is consequently great disappointment with the élites. Reacting against this, some critics have even begin to console themselves with the argument that Africa's crisis is after all one of natural abilities and not of institutions : racialism, in short, reappears upon the stage. On the revolutionary side, meanwhile, it must be said that there is also a great deal of confusion, and that this appears to result from far too little study of African reality, from far too weak an appreciation of the specificity of African conditions, and from a frequent tendency to rely on a mechanical transposition to Africa of non-Africa analyses. To quote one of Africa's most effective modern spokesmen: "It is the ideological deficiency, not to say the total lack of ideology, in the liberation movements — explained in pratice by ignorance of the historical reality which these movements claim to transform — that constitutes one of the greatest weaknesses in our struggle against imperialism, and perhaps the greatest weakness of all". 3 A necessary prelude to rectifying this weakness, to "seeing things as they really are", may therefore consist in tracing, even if briefly, the course of African ideologi1

2

3

For some recent estimates of Stone Age and earliest Iron Age African populations, see M. Posnansky, Prelude to East African History, 1966, e. g. p. 34. W o r k on relatively recent population densities is among the more pressing problems of African research. B u t 1 5 0 millions around 1 8 0 0 was prodably the order of magnitude. I have developed this line of thought in some detail in The Africans : Civilisation and Crisis, London 1969, chs. 2 and 3. See, for example, recent growth rates estimated by the Economic Commission for Africa, Addis Ababa. A. Cabrai in "Les Fondements et les Objectifs de la Libération Nationale en Rapport avec la Structure Sociale": paper delivered at First Tricontinental Conference, Havanna, J a n u a r y 1966, p. 1.

524

BASII. DAVIDSON

cal development since the beginning of the crisis, which means, effectively, since the outset of the colonial period. The chances of revolutionary transformation can only lie, after all, in a creative modification of the actions and reactions of the past: any idea that Africa is somehow a "clean slate" on which the revolutionary lessons of other peoples can be written up as effective guides to what must now be done would be an odious paternalism. The Africans will make their own revolution in their own way, or there will be none. Here I can only trace a sketch which may point towards the detailed picture that we need to have. First, there was what may be called "primary resistance". Precolonial states resisted colonial encroachment and then colonial invasion. The examples are legion: the kings of Ashanti, for example, fought no fewer than seven campaigns against the invading British. Thanks to weight of arms, and sometimes to African illusions about the real nature of European aims, or else to African failures to unite neighbouring peoples against a danger not yet realised as a common danger to all, these invasions prevailed. They were followed b y other wars of self-defence, b y "delayed primary resistances" as they have been called, that were still within the frameworks of traditional structure and ideology. Here again the examples are many: the early and middle sections of the colonial period—from 1885 at least until 1920— are full of what the European records refer to as "wars of pacification" . Some of these "delayed primary resistances" were small and obscure, and could be put down by "police actions" or "punitive expeditions". Others were great affairs of unity and bitter courage. Among the last, for example, were the rising of the Ndebele and Shona in Rhodesia, the revolt of the Herero and Nama in South W e s t Africa, the Maji Maji rebellion of largely acephalous peoples in Tanganyika, and others of the same scale and nature. All these involved much fighting and the commitment of European armies. Some of these "delayed primary resistances" also began to reveal elements of inner transition, often hard to trace, frequently ambivalent in their implications, but none the less pointing to a certain ideological development. Such was the case, Ranger has argued, with the rising of the Shona whose leaders, notably the oracular mediums of Mwari and Kagubi, were evolving b y the end of 1896 a programme which was " i n some ways revolutionary in its vision of society". If there was repudiation of white mastery there was also " a longing for African control of modern sources of wealth and power in an African environment." 4 Although still within the frameworks of traditional ideology, resistance to colonial had begun to make its adjustment, however tentative as yet, to the modern world. In another dimension the war in South West Africa displayed a comparable phenomenon, this time in the military field, with the guerrilla leadership of Jacob Morenga, whom Drechsler has felt able to characterise as " a new kind of African leader" in contrast to the chiefs of tradition. 5 4 5

See T. O. Ranger, Revolt in Southern Rhodesia, London 1967, especially chs. 6 and 10. H. Drechsler, "Jacob Morenga: A New Kind of South West African Leader", in AfrikaStudien 1967, e. g. p. 105.

Africa 1970: From Reformism to Revolution?

525

But the "delayed primary resistances" also failed, and once again because they were based on structures far inferior in effective power to those of the colonialist invaders or settlers. There follows on them a long sequence of what may be called "intermediate-to-modern resistances" which, on a broad view, successively reveal a number of more or less clear ideological shifts away from the traditional foundations of thought and action. Here we are in a field which calls urgently for more research. Y e t the broad lines of ideological movement seem fairly well established. There is first an ideological shift from traditional religion to Christianity (the corresponding shift to Islam is not, or is not often, strictly relevant here). W e see this with especial clarity in South Africa after the failure of Mhlakaza's prophecy for 1859, the D a y of Reckoning when the ancestors of the Xosa were to return and sweep away the European expropriators whose goods the Xosa, b y magical transition, would then be able to enjoy as well. After that disastrous failure—involving as it did the destruction b y Xosa of between 150,000 and 200,000 head of stock in sacrifice to the ancestors—there eomes the rise of African Christian churches and the formation of an African Christian priesthood. This particular shift is then completed by the development of Ethiopianism, of " t h a t pernicious revolt against European guidance", as the white South African historian Theal indignantly described it, which was to give so much of African Christianity its political flavour and objectives. Ethiopianism in one or other of its derivative forms gains strength in many colonies: for a while there is even something, as Shepperson has said, of " a n informal Ethiopianist International". 8 Famous religious leaders of a new kind come on the scene: Nehemia Tile of the South African Tembu, John Chilembwe in Nyasaland (Malawi), Simon Kimbangu among the Kongo of the western Congo, Simáo Toco in A n g o l a . . . They are men who seek for a God-given independence, for a religious solution that is new in form though still very much in line with the traditional postulates of African religion. Then from dissident religion there emerges, especially after the enlightening lessons of the first world war and with at least the distant echo of October (just how clearly that echo was heard in Africa is another subject for research), a shift to dissident politics, although the two, for a time, remain often interwined. " H a v i n g achieved, with Christianity, an African interpretation of European things-spiritual, men began to form an African interpretation of European things-temporal. They moved their dissidence from the sphere of religion to more secular ground. There emerged among ordinary people, by no means necessarily attached to any élite, w h a t may be called proto-nationalism". 7 As the beginning of the 1920s in Kenya, for example, Harry Thuku and the Kikuyu Y o u t h Association strike a purely political note that is be sounded with increasing resonance in later years. Dissident

* G. Shepperson, "Ethiopianism: Past and Present" in Christianity in Tropical Africa, ed. C. G. Baeta, Oxford 1968, p. 259. 7 Davidson supra, ch. 31. In Part 5 of this book I have developed the idea of a "typology" of African resistance in some detail, and I base the argument here on these chapters.

526

BASIL DAVIDSON

politics grow to maturity as movements of national liberation under the leadership of the educated few. B y 1964 the greater part of Africa has acquired its political independence by transforming, at least in name, the colonies of Africa into as many new nations. B u t the process does not occur in a vacuum. Nationalist Africa takes shape by its own dynamic and volition, but also by the deliberate and particular pressures of the colonial powers. The most powerful of these, Britain, has accepted the need for farreaching reforms of political control by at least 1951 (though the process of acceptance, perhaps needless to say, is always an irregular and erratic one) ;< and most of the other colonial powers gradually follow suit according to their different situations. This acceptance has many consequences. There arises the more or less conscious imperial policy of forming élites, of aiding in the formation of élites, who are to inherit power from the metropolitan rulers and to govern according to the concepts and interests of these rulers. The British call this policy one of forming " a responsible middle-class". The French generally define it as discovering interlocuteurs valables — valables, that is, in the measure of their accepting French capitalist values. The Belgians think vaguely along the same lines, though for them the emergent Congolese ruling group consist not of élites but of évolués. Political independence becomes the possession of numerically small educated groups who have learned the language of European nationalism and who, exploiting such opportunities as they can make or find, prepare to reproduce the form and content of metropolitan structures in nominally independent countries governed by themselves. Y e t this reformism, this prolongation and extension of colonialist structures under African management, cannot solve the real problems that are now in play. It may turn European bureaucracies into African bureaucracies, but the very measure in which it does this can only deepen the gap between the beati possidentes, black now instead of white, and the masses of ordinary people. It may press for development with foreign aid, but the very measure in which it succeeds can only tend to the same result: acting out their rôle of "national bourgeoisie", the élites (whose real degree of class formation remains still at a primitive level) are bound to enrich themselves in ways that are all the more conspicuous and unpopular with ordinary people because these élites are so few in number. No sooner does the national flag displace the colonial flag than the masses begin to turn away from what they increasingly feel to be a fraud at their expense. To them it can be no comfort that their new rulers should be black and not white : their own lives, all too patently and often painfully, remain much as they were before—or even, because of the relative inefficiency and corruptibility of the new élitist administrations when compared with the old ones they have replaced, becomes even poorer than before. We have seen the consequences. They have been embodied in a wide spectrum of new resistances, whether couched in the traditional framework of so-called "tribal conflict", or in the idiom of revived witch-hunting movements, or in fresh statements of dissident Christianity, or in partially new frameworks such as those of the Congo rebellions of 1964. Disillusioned men begin to seek for the true independence, for the genuine liberation, that has somehow eluded them. And it is out of this welter

Africa 1970: From Reformism to Revolution?

527

and confusion during the 1960s that there begins to appear, at least b y the middle of the decade, the signs of another ideological shift in African thought : a shift, this time, from political reformism to revolution. We should not expect to find this easily or simply defined in any of these countries. True to the complexity of this long and difficult transition from the structures of the past to those of the future, as well as to the virility of local traditions, the shift is often contradictory and obscure. One thinks of the extraordinary contrasts within the Mulelist revolt of 1964. There among the Pende of the Kasai a strange symbiosis emerged between Mao—ist political and guerrilla teaching on the one hand, and, on the other hand, of purely traditional and magical reactions involving the use of bullet-liquefying charms and spells. 8 Undeniably, however, a new kind of leadership has come on the scene, standing for new objectives and for a new grasp of reality. In so far as it has social origins definable in class terms, this new leadership appears repeatedly as " p e t t y bourgeois" : its outstanding men derive chiefly from those newly-urbanised sectors of society which are neither "bourgeois" nor "working class", neither élitist nor proletarian in any familiar sense of these terms. And although it is true that Mulele and Soumialot failed to make good their revolts, whether for lack of ideological clarity or organisational skill or the mere conditions essential for success, other revolts elsewhere have begun to tell a different story. With the full irony of history it is now the peoples of the Portuguese colonies—the longest colonized, the most harassed, the least "developed"—who take up the cause of profound social change after decades of silence and oppression. Here, of course, there was no possible reformism. After the complete installation of the Salazar dictatorship in about 1930 there were but two alternatives for "Portuguese Africans"—continued surrender or armed revolt. In 1959 the PAIGC in Guiñé declared for revolt, although they were careful to begin fighting in 1962 only after much political preparation ; in 1961 an almost totally unprepared revolt burst forth in Angola; while F R E L I M O in Mozambique followed in 1964 the course begun by the PAIGC. Now these revolts in "Portuguese Africa" differ greatly among themselves, have so far known very different degrees of success and failure, and call for much further study. The fact remains t h a t where they have best succeeded, as notably in Guiñé, they can already be seen to embody a development only partially achieved, for example, by the Mulelist rising in the Congo. The PAIGC, for example, seems to me to mark the opening of a mature ideological and organisational stage in the shift from reformism to revolution. At the same time they emphasise in interesting ways— not least, perhaps, in the leading rôle played by urban groupings which may loosely be termed " p e t t y bourgeois"—the specificity of African conditions. No doubt it is early in the day to speculate on their ultimate development. Much remains to be seen. As things stand today, however, the evidence begins to suggest that history may well judge the rise and evolution of the PAIGC, for example, as of 8

B. Verhaegen, Rébellions au Congo, Brussels 1966, volume 1, reproduces the documentary evidence.

528

BASIL DAVIDSON

microcosmic importance for the future: microcosmic in the sense that Guiñé, although only about half the size of the Republic of Ireland and with fewer than a million inhabitants, may be found to demonstrate precisely those aspects of African action and reaction which can make the great and necessary link between revolutionary renewal in Africa and in the rest of the world. If in their broad meaning for the future of " t h e wretched of the earth" the events of October have definable successors in Africa today, it is surely in the PAIGC and some of its fraternal movements in southern Africa that they are to be sought. With the PAIGC in its remote fragment of the Guinea coastland, almost forgotten by the outside world behind its barriers of swamp and forest and tawny grassland, there will be found, I suggest, a consequential and successful application of revolutionary thought and action which are at once the product of theoretical concepts common to all continents and of a relentless analysis of local and indigenous reality. It remains, as I say, to be seen. Y e t a central point to note about the PAIGC is that its basic political approach, more or less directly stated in all its slender sheaf of policy declarations, supposes that national liberation must also mean social revolution or must suffer defeat. With "revolution", moreover, these guerrillas who have now cleared the colonialist power out of half their country do not mean anything vague or general. They particularise their meaning as (a) a total renovation of socio-economic structure upwards from the village level, and (b) a mass participation, through daily action and initiative, in the work of this renewal. So far as one can see at present, whether by observing what they have done inside their liberated areas, or by questioning their leaders, or by reading their documents, these men and women are in process of building resolutely " f r o m the b o t t o m " , from the ground of peasant limitations and capacities, and within a framework of ideology which has moved most significantly clear of the beliefs and traditions of the past. Here, in short, there is neither the more or less mechanical application of non-African experience, nor the reliance on "traditional guarantees" such as bullet-liquefying charms and spells. Here, on the contrary, there is to be observed the development of a revolutionary programme, whether for war or for peace, which most evidently derives from a scientific and universalist approach to a particular and limited reality. 9 It is hard to discuss these matters briefly without telescoping a complex situation into misleadingly schematic sentences. I want only to suggest that we are now witnessing in certain African countries, and with varying degrees of clarity and maturity, is the advance from more or less chaotic reactions against a bankrupt reformism towards a new and much firmer grip upon the needs and possibilities of the present and immediate future. If this is true, then we are witnessing a development of the utmost significance, for it is one which can at last make the crucial link between the onward movement of the rest of the world and the onward movement of the Africans. W e shall be witnessing, then, the "naturalisation" to Africa of those very modes of thought, apprehension and action which have moved the great * Described at some length in my Revolt in Guiñé: Aspects of an African Revolution, London 1969.

Africa 1970: From Reformism to Revolution?

529

world changes of the last half century and more. And already, one may note in passing, this process of "naturalisation" of revolutionary change to Africa can be usefully discussed, here and there, for its contrasts, parallels, differences and similarities with the experience of extremely different countries: with, for example, the experience of Vietnam and Cuba. This in itself speaks for a new situation in Africa. Obviously this process of "naturalisation" is generally at an early stage. Most African peoples have yet to arrive at a clear understanding of their need for new institutions. To draw Africa's rural millions into new relations and methods of production; to bring purposive and self-imposed order into the confusion of ideas and attitudes which now animate Africa's newly-urbanised multitudes; to build structures which can revolutionise the social consciousness of all these peoples while providing the techniques, skills and power of modern science, industry and cooperation; to resolve the contradictions between ethnic separatism, however valid and valuable within certain limits, and continental forms of unity, functional unity, such as can alone establish a solid basis for great economic and political expansion: these are objectives whose realisation must come from years of labour and devotion. Yet the old truths are no less true for being repeated: it is not easy to change the world, but it is necessary to change it and possible to change it. In Africa today this need, this possibility, now begin to grow clear. As the next years of deepening crisis take their effect, they will undoubtedly grow clearer still.

34

Studien

JÜRGEN KÜBLER, LEIPZIG

Charakter und Etappen der revolutionären Entwicklung Lateinamerikas nach 1945 Der R o t e O k t o b e r e r ö f f n e t e den Völkern R u ß l a n d s den W e g z u m Sozialismus, die Beseitigung der A u s b e u t e r o r d n u n g w u r d e d a m i t zur R e a l i t ä t . E i n e n e u e welthistorische E p o c h e w a r eingeleitet w o r d e n , die globale A u s e i n a n d e r s e t z u n g zwischen E x p r o p r i i e r t e n u n d E x p r o p r i a t e u r e n h a t t e die E n t s c h e i d u n g s p h a s e erreicht. Die Ü b e r w i n d u n g des K a p i t a l i s m u s , die E r r i c h t u n g des Sozialismus ist der H a u p t i n h a l t des w e l t r e v o l u t i o n ä r e n Prozesses, der m i t der Großen Sozialistischen O k t o b e r r e v o l u t i o n b e g o n n e n h a t . F ü r d e n K a p i t a l i s m u s w a r das der E i n t r i t t in seine allgemeine Krise, eine Krise, die i h m v o n n u n a n bis zu seinem endgültigen U n t e r g a n g v e r h a f t e t bleibt u n d sein gesamtes S y s t e m d u r c h d r i n g t , seine W e l t w i r t s c h a f t , die A u ß e n politik, die Innenpolitik u n d n i c h t zuletzt sein Kolonialsystem. Z u n e h m e n d h a t sich die allgemeine Krise des K a p i t a l i s m u s v e r s c h ä r f t , in eine neue E t a p p e t r a t sie m i t d e m zweiten W e l t k r i e g ein. Der B e f r e i u n g s k a m p f der Völker gegen den Imperialismus e r l a n g t e eine neue Q u a l i t ä t , die sich schließlich in der E n t s t e h u n g eines sozialistischen W e l t s y s t e m s , der Z u s p i t z u n g der K l a s s e n k ä m p f e in den k a p i t a l i s t i s c h e n L ä n d e r n u n d der politischen E m a n z i p a t i o n kolonial u n t e r d r ü c k t e r Völker m a n i f e s t i e r t e . Mit d e m W a n d e l des i n t e r n a t i o n a l e n K r ä f t e v e r h ä l t nisses z u g u n s t e n des Sozialismus in d e n f ü n f z i g e r J a h r e n v e r b a n d sich die Möglichkeit f ü r die Völker der „ d r i t t e n W e l t " , die B e f r e i u n g s r e v o l u t i o n w e i t e r z u f ü h r e n u n d zu erweitern, d. h. ü b e r die I n a n g r i f f n a h m e u n d V e r t i e f u n g der n a t i o n a l d e m o k r a t i schen R e v o l u t i o n der E r r i c h t u n g der sozialistischen G e s e l l s c h a f t s o r d n u n g z u z u s t r e b e n . Die n a t i o n a l e B e f r e i u n g s b e w e g u n g ist so ein u n t r e n n b a r e r B e s t a n d t e i l des weltr e v o l u t i o n ä r e n Prozesses, der seine w a c h s e n d e S t ä r k e a u s der E i n h e i t seiner drei S t r ö m e , des sozialistischen W e l t s y s t e m s , der r e v o l u t i o n ä r e n A r b e i t e r b e w e g u n g in d e n k a p i t a l i s t i s c h e n L ä n d e r n u n d der n a t i o n a l e n B e f r e i u u n g s b e w e g u n g , zieht. In der n a t i o n a l e n B e f r e i u n g s b e w e g u n g n i m m t L a t e i n a m e r i k a einen b e d e u t e n d e n P l a t z ein, die Völker dieses S u b k o n t i n e n t s sind in i h r e m R i n g e n u m eine revolution ä r e U m g e s t a l t u n g ihrer G e s e l l s c h a f t s o r d n u n g ein wichtiger Teil der weltrevolution ä r e n B e w e g u n g in der M i t t e des 20. J a h r h u n d e r t s . Die historischen Gesetzmäßigk e i t e n , die Ort, C h a r a k t e r u n d E t a p p e n der R e v o l u t i o n in L a t e i n a m e r i k a b e s t i m m e n , setzen sich u n t e r den spezifischen n a t i o n a l e n B e d i n g u n g e n d u r c h . Die analoge historische E n t w i c k l u n g des S u b k o n t i n e n t s h a t wesentliche G e m e i n s a m k e i t e n in der F r o n t e n - u n d Zielstellung f ü r die sozialökonomische u n d gesellschaftliche U m w ä l z u n g h e r v o r g e b r a c h t , die zugleich die k o n t i n e n t a l e n B e s o n d e r h e i t e n gegenüber

L a t e i n a m e r i k a s revolutionäre Entwicklung nach 1945

531

der Befreiungsbewegung des afro-asiatischen Raums prägen. 1 Eine verabsolutierte Abgrenzung der Besonderheiten der lateinamerikanischen Befreiungsbewegung gegenüber den anderen Bereichen und Strömen der Weltrevolution aber müßte ebenso zu theoretischen Simplifizierungen und politischen Rückschlägen führen wie ein Verzicht auf die Berücksichtigung der Spezifika der einzelnen lateinamerikanischen Staaten. Sozialökonomische Struktur und politische Machtausübung sind in all diesen Ländern qualitativ im wesentlichen gleich gelagert, weisen jedoch quantitative Unterschiede auf. 2 Von diesen inneren Faktoren werden taktische Varianten, Bündnispolitik und politische Kampfformen der Avantgarde, ja auch das Tempo der Revolution mitbestimmt. Die strategische Konzeption der revolutionären Bewegung in Lateinamerika ist hingegen auf Grund der prinzipiellen Gemeinsamkeiten notwendigerweise einheitlich zu fassen. Das sind Gemeinsamkeiten 3 , die gleichen historischen Ursprung haben und sich auf sozialökonomischem, politischem und kulturellem Gebiet äußern. Die erste lateinamerikanische Befreiungsbewegung hatte zu Beginn des 19. Jahrhunderts die politische Unabhängigkeit gebracht, ohne zugleich die historisch notwendige bürgerliche Revolution zu vollenden. 4 So blieben feudale Produktionsverhältnisse bestehen, Latifundisten verwehrten der noch schwachen Bourgeoisie den Zutritt zur Macht. Hier liegen die Gründe für eine deformierte kapitalistische Entwicklung und die damit verbundene ökonomische, soziale und politische Zurückgebliebenheit, die die Wirtschafts- und Gesellschaftsstruktur bis in die Gegenwart prägt. Das erleichterte einen Rekolonisierungsprozeß, als dessen Ergebnis am Beginn des 20. Jahrhunderts Lateinamerika ein Territorium halbkolonialen Typs „mit Übergangsformen staatlicher Abhängigkeit" geworden war. 6 Der USA-Imperialismus bemächtigte sich der ökonomischen Schlüsselpositionen; 6 von 320 Mill. Dollar im Jahre 1897 stiegen die US-Privatinvestitionen in Lateinamerika auf mehr als 9 Milliarden Dollar 1961 7 . Kriterium für die Wahl der Anlagensphären sind die Monopolprofite und nicht die ökonomischen Interessen der betreffenden Länder, so daß die auf Monoproduktion basierenden wirtschaftlichen Disproportionen zu1

2

3

4

5

6 7

Vgl. M. Kossok, Aktuelle Probleme der Befreiungsbewegung in L a t e i n a m e r i k a , i n : Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, 15. J g . , H . 8/1967, S. 1321 f. Verwiesen sei u. a. auf die starken graduellen sozialökonomischen Unterschiede zwischen Mexiko und Argentinien einerseits und P a r a g u a y u n d E c u a d o r andererseits. Die s t a r k e regionale Differenzierung Brasiliens findet nicht ihresgleichen. Die Indiofrage ist in den einzelnen S t a a t e n von grundsätzlich unterschiedlichem Gewicht. Vgl. M. Kossok, K l a s s e n l a g e und Befreiungsbewegung in L a t e i n a m e r i k a , i n : Gegenwartsprobleme Lateina m e r i k a s , Deutsche Außenpolitik, Sonderheft U / 1 9 6 1 , Berlin, S. 56 f. Vgl. A. N. Christensen, L a t i n A m e r i c a : The L a n d a n d the People, i n : H. Davis, Governm e n t and Politics in L a t i n America, New Y o r k 1958, S. 26 ff. Vgl. R. Arismendi, Problemas de una Revolución Continental, Montevideo 1962, S. 20. W. I. Lenin, Der Imperialismus als höchstes S t a d i u m des K a p i t a l i s m u s , in: Werke, B d . 22, Berlin 1960, S. 267. Vgl. F. Rippy, Globe a n d Hemisphere, Chicago 1958, S. 30 ff. Vgl. Th. Aitken jr. A Foreign Policy for American Business, New Y o r k 1962, S. 115.

34*

532

JÜRGEN KÜBLER

nehmen. Der von den Monopolen erzwungene unbeschränkte Gewinntransfer entzieht der Wirtschaft dringend nötige Akkumulationsquellen. Die Abhängigkeit wird verschärft durch zunehmende Verschuldung und handelspolitische Bindung und Diskriminierung. Das Anwachsen der monopolistischen Preisschere hat Lateinamerika 1967 einen Verlust von 1,6 Milliarden Dollar gebracht. 8 Die Verschuldung Lateinamerikas (besonders an die USA) ist aber in den Jahren 1960—1966 von 6,6 auf 12,6 Milliarden Dollar gestiegen, das bedeutete für 1966 Tilgungsverpflichtungen von 2 Milliarden Dollar und umfaßte damit 75% der Bruttokapitaleinfuhr. 9 Die ökonomische Unterwerfung und Ausplünderung Lateinamerikas durch die USA erfuhr ihre politische Entsprechung in Bevormundung und Interventionen. Theodore Roosevelt hat eingangs des 20. Jahrhunderts mit der Politik des Big Stick die Praxis begonnen, als „internationale Polizeimacht" zu agieren. 10 Cuba, Panama, Dominikanische Republik, Nicaragua, Haiti sind Stationen der Unterjochung lateinamerikanischer Völker durch USA-Truppen. Wenn in den dreißiger Jahren innere Situation und internationale Stellung der USA dazu zwangen, die alten Praktiken zu variieren, so ändert die Good-Neighbor-Policy Franklin Roosevelts nichts an der Grundaufgabe, die das State Department im Süden zu erledigen h a t t e : das Gebiet von Mexiko bis Argentinien mußte dem US-Monopolkapital als Hauptprofitquelle gesichert bleiben und ausgebaut werden, der „Hinterhof" war reinzuhalten. Zuverlässigste Bündnispartner waren die einheimischen Oligarchien, Grundlage für dieses Zusammengehen war das gemeinsame Interesse, den status quo zu erhalten und zu festigen. Die historischen Spezifika finden ihren Niederschlag in der sozialökonomischen Struktur. Charakteristisch für die Zurückgebliebenheit ist die Agrarstruktur, die das Wirtschaftsleben entscheidend beeinflußt. Nirgends in der Welt ist der zumeist auf halbfeudaler Ausbeutung beruhende Latifundismus so ausgeprägt wie in Lateinamerika 11 . 5 bis 10 Prozent der Landeigentümer kontrollieren 70—90 Prozent des Bodens. 12 Auf dem größten Teil der Latifundien herrschen archaische Produktionsmethoden vor, die Wachstumsrate der Landwirtschaft entspricht nicht annähernd den Bedürfnissen. Die chronische Agrarkrise erfährt durch das Eindringen des 8

C.Quintana, El desarrollo latinoamericano: problemas viejos y nuevos, in: Comercio Exterior, Mexico D. F., Juni 1968, S. 474. Es handelt sich hier um den Text der Rede des Exekutivsekretärs der CEPAL, die er am 23. April 1968 in Santiago de Chile vor deren Plenum gehalten hat. • Laut Bericht der Interamerikanischen Entwicklungsbank (BID) v o m Juli 1968, zitiert in: Neue Zürcher Zeitung v. 17. Juli 1968. 10 Vgl. J. W. Pratt, A History of United States Foreign Policy, Englewood Cliffs 1960, S. 417. 11 Vgl. O. Delgado, Reforma y estructura agraria en Latinoamérica, in: Cuadernos, Paris, Nr. 48/1961, S. 20. 12 Vgl. W. C. Thiesenhusen u. M. R. Brown, Survey of the Alliance for Progress. Problems of Agriculture. A Study prepared at the request of the Subcommitt.ee on American Republics Affairs of the Committee on Foreign Relations United States Senate, 22. Dezember 1967, Washington 1967, S. 11.

L a t e i n a m e r i k a s revolutionäre Entwicklung nach 1945

533

Kapitalismus in die Landwirtschaft auf dem „preußischen Weg" eine weitere Verschärfung. Überhaupt versteht sich die Zuspitzung der sozialen und ökonomischen Widersprüche als Ergebnis der kapitalistischen Entwicklung unter den Bedingungen der Vorherrschaft des Latifundismus und der Monopole. Im Gefolge der Weltwirtschaftskrise von 1929 hat die kapitalistische Industrialisierung in Lateinamerika einen beachtlichen Anstieg erreicht 13 , ohne daß allerdings die Disproportionalität der Produktivkräfte beseitigt worden wäre. Im ganzen setzte sich die Industrialisierung gehemmt und ungleichmäßig durch, weil der innere Markt durch die halbfeudalen Produktionsverhältnisse eingeschränkt bleibt, weil die Investitionen der Monopole nach kolonialwirtschaftlichen Interessen vorgenommen werden und weil schließlich die meisten lateinamerikanischen Kapitalisten pragmatisch parasitär agieren 14 , d. h. ihre weiterreichenden Klasseninteressen nolens volens dem USAKapital unterordnen. Die Folgen der anachronistischen und deformierten Wirtschaftsentwicklung sind von den Volksmassen zu tragen. Die sozialen Mißstände werden durch die demographischen Probleme verschärft. Lateinamerika hat die höchste Bevölkerungswachstumsrate der Welt. Betrug die Bevölkerung Mittel- und Südamerikas 1940 94,8 Mill., so waren es 1950 116,7 undl960 154,5 Mill.; 1970 sollen es 202 Mill. Menschen sein. 15 Die Lebensbedingungen der Mehrheit der Bevölkerung sind katastrophal. Das jährliche Pro-Kopf-Nationaleinkommen liegt bei 325 Dollar 18 , wobei die starke Differenzierung der Länder typisch ist. Argentinien und Venezuela liegen bei 740, Chile bei 515, Kolumbien bei 237, Brasilien bei 217 und Bolivien gar bei 144 und Haiti bei 80 Dollar. Diese Zahlen verlangen bei Berücksichtigung der starken sozialen Widersprüche Präzisierungen: die Hälfte der lateinamerikanischen Bevölkerung erhält ein jährliches Pro-Kopf-Einkommen von 120 Dollar, mit anderen Worten, 50 Prozent der Bevölkerung verbrauchen 20 Prozent des Gesamtkonsums, 5 Prozent hingegen verfügen über 30 Prozent. 17 Das alles schlägt sich in der Verschlechterung der Lebenslage breitester Volksschichten nieder: phantastische Inflationsraten drücken auf das Realeinkommen, Wohnverhältnisse, sanitäre Betreuung und Erziehungswesen entsprechen in geradezu klassischer Weise den Bildern einer „Unterentwicklung". 13

14

15

16

17

Vgl. A. Dorfman, Cambios estructurales recientes en la economía de la América L a t i n a y su i m p a c t o en el proceso de maduración, in: Trimestre Economico, Mexico, Nr. 122, A p r i l - J u n i 1964, S. 243. Gedacht sei nur an die Transferierung der Profite und die K a p i t a l a n l a g e i m Ausland. Vgl. A. A. Berle, L a t i n A m e r i c a : Diplomacy and Reality, New Y o r k 1962, S. 32. T. Lynn Smith, The Growth of Population in Central and South America, in: S u r v e y of the Alliance for Progress, Hearings before the S u b c o m m i t t e e on American Republics Affairs of the Committee on Foreign Relations United S t a t e s Senate, Nineteenth Congress, Second Session, Washington 1968, S. 269 u. 273. Vgl. Deutsche Überseeische Rank, Lateinamerika. Wirtschaftliche Daten, H a m b u r g — Altona, J u n i 1968, S. 6. Vgl. United Nations, Towards a Dynamic Development Policy for L a t i n America, New Y o r k 1963, S. 3 und 5.

534

JÜRGEN K Ü B L E B

Auch in den Jahren seit dem zweiten Weltkrieg hat sich in der sozialökonomischen Struktur Lateinamerikas und den adäquaten politischen Herrschaftsformen — klammert man Cuba aus — nichts Grundsätzliches verändert. Es hat sich die Lage im Gegenteil zu einer permanenten Strukturkrise 18 versteift, die Klassenkämpfe haben im Verlaufe dieser zwei Jahrzehnte neue Qualitätsstufen erreicht. Aus der Analyse sozialökonomischer Besonderheiten Lateinamerikas erhellen aber auch die Frontenstellungen der revolutionären Kräfte, an denen sich prinzipiell von 1945 bis 1968 ebenfalls nichts geändert hat. Hauptgegner einer Revolution, einer grundlegenden Wandlung der sozialökonomischen Struktur, ist der Imperialismus, dem man zudem noch in direkter Konfrontation gegenübersteht, es handelt sich um einen antiimperialistischen Kampf. Die einheimische Oligarchie erweist sich als die Hüterin der bestehenden Ordnung, ohne ihre Beseitigung ist der Erfolg einer revolutionären Bewegung unmöglich. Dieses antiimperialistische, antioligarchische Grundanliegen verlangt die Präzisierung des Orts der einzelnen Klassen und Schichten im revolutionären Kampf. 19 Die Arbeiterklasse Lateinamerikas hat sich seit dem zweiten Weltkrieg in wachsendem Maße zur stärksten sozialen Kraft entwickelt. Die im Unterschied zu weiten Teilen des afro-asiatischen Raums beachtlich fortgeschrittene Industrialisierung hat zur beschleunigten Entwicklung und weiteren Konsolidierung des Proletariats als Klasse wesentlich beigetragen. Bei genauerem Betrachten eröffnen die veranschlagten Zahlen über das Wachstum der Arbeiterklasse aber auch die Probleme, die der Forschung noch zu klären bleiben und die historische und politische Präzisierungen erschweren. Da erhebt sich die Frage nach der Differenzierung des Proletariats. Die sprunghafte Zunahme der Stadtbevölkerung 20 führt zu erhöhter Konzentration, reichert aber zunächst hauptsächlich das „neue Proletariat" an, dessen sozialer Ort noch nicht gefestigt und dessen ideologische und politische Haltung vom alten Klassengegner noch beeinflußt und vom neuen leicht beeinflußbar erscheint. Das Industrieproletariat ist nicht so stark angewachsen wie die Gruppen der übrigen städtischen Lohnarbeiter, die Grenzen von hier zum Kleinbürgertum und zum Lumpenproletariat und damit zum politischen Reservoir der Bourgeoisie sind fließend. Andererseits ist mit dem weiteren Eindringen des Kapitalismus in die Landwirtschaft auch das Landproletariat beachtlich angewachsen. 18

19

2!>

Vgl. F. Mieres u. C. Medina, Strukturkrise und der Ausweg daraus, i n : Probleme des Friedens und des Sozialismus, Berlin, Mai 1 9 6 7 , S. 3 9 1 . Zur K l a s s e n s t r u k t u r in der jüngsten Geschichte Lateinamerikas vgl. u. a. M. Kossok, Klassenlage. . ., a. a. O.; ders., Aktuelle Probleme der Befreiungsbewegung in Lateinamerika, i n : Zeitschrift f ü r Geschichtswissenschaft, 15. Jg., H. 8/1967, S. 1 3 1 7 f f . ; R. Arismendi, Problemas. . ., a. a. O.; J. Kühler, Politische Wandlungen in Lateinamerika und der K u r s des USA-Imperialismus, i n : Wissenschaftliche Zeitschrift der K a r l - M a r x - U n i v e r s i t ä t Leipzig, Gesellschafts- und Sprachwissenschaftliche Reihe, 3/1967, S. 3 7 5 f f . ; S. M. Lipset u. A. Solari, Elites in Latin America, New Y o r k 1 9 6 7 ; R. Alexander, Labor Relations in Argentina, Brazil and Chile, New Y o r k 1 9 6 2 . Vgl. La Realidad de la Economía Latinoamericana. Analisis Global. Hrsg. v o n O L A S , Primera Conferencia de Solidaridad de los Pueblos de América Latina, La Habana 1 9 6 7 , S. 1 3 f.

Lateinamerikas revolutionäre Entwicklung nach 1945

535

Der Grad der traditionellen Bindungen an kleinbäuerliche Lebensweise, der halbfeudalen Restverpflichtungen, oder aber der klassenmäßigen Verselbständigung ist hier sehr unterschiedlich. Seine Potenzen konnten in den revolutionären Kämpfen noch nicht voll ausgeschöpft werden. Für den Erfolg der Befreiungsrevolution in Lateinamerika ist ausschlaggebend, inwieweit die Arbeiterklasse ihrer Rolle als Hegemon gerecht werden kann. Gerade diese Aufgabe ist in den sechziger Jahren immer deutlicher geworden. 21 Die Stärkung der marxistisch-leninistischen Parteien als Avantgarde der Revolution, die Festigung der Gewerkschaften als selbständiger Klassenorganisationen entsprach — wenn auch auf komplizierten Wegen und in den einzelnen Ländern in unterschiedlichem Maße — der objektiven Notwendigkeit, der revolutionären Entwicklung den eigenen Stempel aufzudrücken. Imperialismus und die herrschenden Klassen Lateinamerikas versuchten, diesem Wachstumsprozeß zu begegnen. Klassische Methoden der Unterdrückung —• Verbot, Verfolgung, Vernichtung — wurden ergänzt oder ersetzt durch die Spaltung der kontinentalen Bewegung 22 und durch die ideologische Offensive des Reformismus. Die ideologische und politische Konsolidierung der Arbeiterklasse war wohl zu hemmen, aber nicht aufzuhalten. Im Ergebnis des mehr als 20-j ährigen Ringens des marxistisch-leninistischen Vortrupps des Proletariats sind die Ziele des Kampfes gesteckt, ist der Platz der Klassen und Schichten in diesem Kampf bestimmt. Von erheblicher Bedeutung in der Diskussion der Linken um den Platz der Klassen und Schichten in der Revolution war die Berücksichtigung der Differenzierung der herrschenden Klasse und die Stellung der Bourgeoisie. Die Oligarchie umfaßt Latifundisten und Großbourgeoisie, beider Interessen sind miteinander verbunden, dem ausländischen Monopolkapital haben sie sich ausgeliefert. Sie sind voneinander kaum abzugrenzen, da sie im Prozeß der Industrialisierung stark verschmolzen sind. 23 Es sind aber nach dem II. Weltkrieg innerhalb der Großbourgeoisie — Bankiers, Großhändler, Großindustrielle — Differenzierungen spürbar geworden. Zwei Gruppierungen, deren Standpunkt nicht endgültig festgelegt sein muß, haben sich in der politischen Auseinandersetzung formiert. 24 Die „gran burguesía vendida" zeigt sich auf Gedeih und Verderb dem Imperialismus ausgeliefert, während die „gran burguesía conciliadora" der drohenden Beschneidung ihrer Klasseninteressen 21

22

23

24

Vgl. V. Volski, América Latina: Nueva etapa de lucha de los pueblos, in: Voz Proletaria, Bogotá v. 28. März 1968. Wichtigster Schritt war hierbei die von der AFL inszenierte Gründung der lateinamerikanischen Spaltergewerkschaftszentrale ORIT. Vgl. R. Iscaro, Origen y Desarrollo del Movimiento Sindical Argentino, Buenos Aires 1958, S. 191 ff. Vgl. S. M. Lipset, Valúes, Education, and Entrepreneurship, in: S. M. Lipset u. A. Solari, a. a. O., S. 9; W. O. Galbraith, Colombia. A General Survey, London 1966, S. 30. Das steht im Widerspruch zu der u. a. von Alexander vorgetragenen schematischen Auffassung, die Industrialisierung habe „die politische Macht in Argentinien, Brasilien und Chile aus den Händen der ländlichen und Handelsaristokratie auf eine heterogene Gruppe städtischer Elemente" übergehen lassen. Vgl. Alexander, a. a. O., S. 3. Vgl. R. Arismendi, a. a. O., S. 498.

536

JÜRGEN KÜBLEB

durch den Imperialismus dadurch zu begegnen sucht, daß sie die Kraft der Volksbewegung zum Druck gegen den Imperialismus in Einzelfragen ummünzt, ohne natürlich grundsätzlich antiimperialistische Positionen einzunehmen. Die nationale Bourgeoisie, „jener Teil der Bourgeoisie, der mit den imperialistischen Kolonialmonopolen konkurriert, von ihnen in seinem Profitstreben beschnitten und in der ökonomischen Expansion behindert wird" 25 , rekrutiert sich aus mittleren Industriellen und hat sich im II. Weltkrieg durch die Notwendigkeit, den inneren Markt selbständig zu versorgen, gestärkt. Vorwiegend auf Konsumgüter ausgerichtet, ist sie in ihrem Kampf gegen die monopolistische Konkurrenz Verfechterin des „wirtschaftlichen Nationalismus". 26 Sie erstrebt forcierte Industrialisierung, befürwortet Nationalisierungen, setzt sich für eine bürgerliche Agrarreform ein, verficht staatlichen Dirigismus und ringt um die Festigung einer bürgerlich-parlamentarischen Demokratie. Die Volksmassen für ihre Ziele zu gewinnen, will sie durch soziale Reformen erreichen. 27 Ihre relative Schwäche aber und die Polarisierungen im Veru lauf der Klassenkämpfe der vergangenen zwei Jahrzehnte haben die revolutionären Potenzen der nationalen Bourgeoisie sichtbar schwinden lassen. Sie tendierte zunehmend zu einer Integration in die bestehenden archaischen Machtverhältnisse; sie sieht ihre Rettung nunmehr im Erhalt der Gesellschaftsstruktur, in der es einen Platz zu erobern und zu behaupten gilt. 28 Das widerspiegelt sich in der Politik der politischen Parteien und Bewegungen, deren sich die nationale Bourgeoisie zur Durchsetzung ihrer Interessen bedient. Diese reformistischen Volksparteien — außer der peruanischen APRA um den zweiten Weltkrieg gegründet 29 und mit der zunehmenden Konsolidierung der nationalen Bourgeoisie erstarkt — wurden in den fünfziger Jahren zu antikommunistischen Sammlungsbewegungen degradiert. Auf ihrer lateinamerikanischen Konferenz im August 1960 verschworen sie sich zu „unversöhnlicher Opposition gegen den Kommunismus". 3 0 Es symbolisiert die Schwäche der nationalen Bourgeoisie, daß diese Parteien in eben dieser Zeit einen Auszehrungsprozeß durchliefen. Zu prinzipienlosen Koalitionsparteien herabgesunken, waren sie Spaltungen ausgesetzt oder gingen der Macht verlustig. Der Versuch, die Abwertung der Reformparteien durch die Stärkung christdemokratischer Parteien für eine kapitalistische „Revolution in Freiheit" auszubalancieren 31 , zeitigte nur 25

26 27

28

28

30 31

W. Markow, Arbeiterklasse und Bourgeoisie im antikolonialen Befreiungskampf, Leipziger Universitätsreden, NF., H. 21/1961, S. 22. Vgl. M. C. Needler, Latin American Politics in Perspective, Princeton 1963, S. 48 f. Vgl. V. Alba, The Latin American Style and the New Social Forces, in: A. O. Hirschman, Latin American Issues. Essays and Comments, New York 1961, S. 49. Vgl. L. Ratinoff, The New Urban Groups: The Middle Classes, in: Lipset u. Solari, a. a. O., S. 80ff. 1938 Acción Democrática, Venezuela; 1941 Movimiento Nacional Revolucionario, Bolivien; 1950 Partido de la Liberación Nacional, Costa Rica. Hispanic American Report, Stanford, XIV, Nr. 2, S. 104. Vgl. M. Kossok, Revolution in Freiheit. Bürgerlicher Reformismus und christlich-demokratische Parteien in Lateinamerika, in: Die Nationale Befreiungsbewegung, Jahresübersicht 1964, Leipzig 1965, S. 127.

Lateinamerikas revolutionäre Entwicklung nach 1945

537

vorübergehenden Erfolg. In all diesen Reformparteien sind im Verlaufe der kontinentalen Klassenauseinandersetzung seit dem Ende der fünfziger Jahre Risse aufgebrochen. Linke Fraktionen, die sich früher oder später verselbständigten oder -ständigen, massiven Druck auf die Führung ausüben, repräsentieren die Fähigkeit und den Willen bestimmter Kreise der nationalen Bourgeoisie und beachtlicher Teile des Kleinbürgertums, ungeachtet taktischer Meinungsverschiedenheiten gemeinsam mit der Arbeiterklasse an der Revolution teilzuhaben. Klar wurde indes, daß die Bourgeoisie in Lateinamerika nicht mehr in der Lage ist, die Revolution zu führen. 3 2 Andererseits erwies nicht erst die kubanische Revolution die revolutionären Potenzen breiter Kreise des Kleinbürgertums. Doch mit ihrem Sieg und der sich anschließenden Konterattacke des Imperialismus wuchs deren Ungeduld, besonders die der Studentenschaft, die zum großen Teil vor sozialer Ausweglosigkeit steht. Lateinamerikanische Marxisten sehen in der Verständigung und Zusammenarbeit mit diesen Kräften, die zu Abenteurertum und Antikommunismus neigen und daher für Spaltungsversuche des Klassengegners anfällig sind, die „Hauptfrage, die allererste Pflicht". 3 3 Für den Sieg der Revolution, für die gründliche Beseitigung der alten Strukturen und die darauffolgende Neugestaltung der Gesellschaft bedarf die führende Kraft der Unterstützung der Volksmassen. Erfolge und Mißerfolge der revolutionären Bewegung bewiesen, daß die Gewinnung der Bauernmassen für Sieg und Niederlage entscheidend ist. Traditionell schwer zu mobilisieren, haben sie, zur Aktion geführt, in Bolivien und Kuba die Schubkraft der Revolution dargestellt. Bauernbewegungen sind seit Beginn der sechziger Jahre in Brasilien, Peru, Kolumbien oder Mexiko über lokale Bedeutung schon hinausgegangen 34 , von ihrem festen Kampfbündnis mit der Arbeiterklasse hängt der Erfolg der kontinentalen Revolution ab. Die Entwicklung der revolutionären Bewegung in Lateinamerika von 1945 bis zur Gegenwart hat mehrere Etappen durchlaufen. Abschnitten revolutionären Aufschwungs folgten erfolgreiche Offensiven der Reaktion. 3 5 Die gesamtkontinentale Dynamik dieses Prozesses wurzelt in der nationale Grenzen überschreitenden Konformität der Klassenfronten, deren innerer Wandel zur Spezifik der einzelnen Kämpfe führt. Das Ende des zweiten Weltkrieges hatte entscheidende Veränderungen in der weit 1 politischen Lage, im internationalen Klassenkräfteverhältnis mit sich gebracht. Die Kräfte des Sozialismus und der antiimperialistischen Befreiung hatten bemerkenswerten Aufschwung erfahren. Auch in Lateinamerika waren die nationalen, demokratischen Kräfte gestärkt worden. Gegen Kriegsende zeichnete sich hier ein An32

38 34

34

Vgl. L. Corvalän, Das Bündnis der revolutionären antiimperialistischen Kräfte in Lateinamerika, in: Probleme des Friedens und des Sozialismus, Berlin, Juli 1967, S. 563. Ebenda. Vgl. Th. F. Carroll, Land Reform as an Explosive Force in Latin America, in: J. J. Te Paske u. 5. N. Fisher, Explosive Forces in Latin America, Columbus 1964, S. 117f. Vgl. Ch. Handall, Gedanken zur kontinentalen Strategie der lateinamerikanischen Revolutionäre, in: Probleme des Friedens und des Sozialismus, April 1968, S. 487.

538

JÜRGEN KÜBLER

schwellen der revolutionären Bewegung ab, das sich in nationalspezifischen Kämpfen äußerte. Charakteristisch für all diese Ereignisse ist eine schier sprunghaft gestiegene Aktivität der Volksmassen, die zum Teil bürgerliche Führer über ihre , eigenen Absichten hinauszugehen zwang. Im Mai 1944 wurde in Ecuador Präsident Carlos Arroyo del Río, ein Vertreter der Oligarchie, von der antiimperialistischen Volksbewegung gestürzt. 38 Im Oktober des gleichen Jahres siegte in Guatemala die Revolution über die Militärdiktatur. Diese bürgerlich-demokratische Revolution 37 ermöglichte der Regierung José Arévalo, über eine Reihe beachtenswerter Reformen eine ungehinderte kapitalistische Entwicklung in Angriff zu nehmen. Doch der Verzicht auf die revolutionäre Beseitigung der alten Strukturen führte wie in Ecuador zum schließlichen Rückschlag. Schon hier wurde deutlich: ungehinderte kapitalistische Entfaltung im gegenwärtigen Lateinamerika ist kleinbürgerliche Illusion. Ein Charakteristikum für neue Züge in der revolutionären Nachkriegsperiode ist das erstarkte politische Gewicht der Arbeiterklasse. Eine beachtliche Rolle beim erzwungenen Rücktritt des brasilianischen Diktators Vargas 38 spielte die Aktivität der Kommunistischen Partei, deren schnell wachsender Einfluß sich im Einzug von 14 Abgeordneten ins Parlament im Dezember 1945 manifestierte. 89 Schließlich war der Wahlsieg des Radikalen González Videla 1946 in Chile nur möglich durch die Unterstützung der Kommunistischen Partei, die an die Traditionen der Volksfront von 1938 anknüpfend drei Mitglieder in das Kabinett delegierte. 40 Reiht man in die Ereignisse, die den revolutionären Aufschwung der Jahre 1944—1946 in Lateinamerika charakterisieren, den Sturz der Diktatur in Venezuela 1945 ein 41 , so verdichten sich Verallgemeinerungen. Zwar war das politische Gewicht der Arbeiterklasse gewachsen, aber sie hatte in keinem der Kämpfe die Führung übernehmen können. An der Spitze standen Vertreter der nationalen Bourgeoisie und kleinbürgerlicher Schichten, wobei oft àufstrebende Kreise junger Militärs die politische Schwäche der nationalen Bourgeoisie zu kompensieren hatten (Guatemala, Ecuador, Venezuela). Der Druck der zum Teil spontanen Volksbewegung erzwang politische Demokratisierung, doch grundlegende sozialökonomische Veränderungen wurden nicht auf die Tagesordnung gesetzt. Die Zielstellung war antidiktatorisch, demokratisch mit teilweise starken antiimperialistischen Zügen (wie in Ecuador und Guatemala), aber bürgerlich. Das Vorhaben, die politische Vorherrschaft der Oligarchie zu brechen, ohne sie als Klasse beseitigen zu wollen, enthielt in seiner Begrenzung die Wurzeln folgender Rückschläge. Trotz mangelnder, klassenmäßig bedingter Konsequenz sahen US-Imperalismus und Oligarchie allein im Anschwellen der Volksbewegung Grund genug zum Zurückschlagen.

36 37

38 39 40 41

Vgl. P. Cueva, E c u a d o r , L a H a b a n a 1964, S. 52. Vgl. G u a t e m a l a contre el Imperialismo (1954—1964). L a s L u c h a s Populares y la Acción A r m a d a , L a H a b a n a 1964, S. U f f . Vgl. J . M. Bello, A History of Modern Brazil 1 8 8 9 - 1 9 6 4 , S t a n f o r d 1966, S. 307. Vgl. Alexander, a. a. O., S. 40 u. 64. Vgl. F. G. Gil, T h e Politicai S y s t e m of Chile, B o s t o n 1966, S. 72. Vgl. G. Arciniegas, Entre la L i b e r t a d y el Miedo, Buenos Aires 1956, S. 133 ff.

L a t e i n a m e r i k a s revolutionäre Entwicklung nach 1945

539

Die mit dem Jahre 1947 42 einsetzende konterrevolutionäre Welle begann im Zusammenspiel mit der international vorgetragenen Offensive des USA-Imperialismus. Die Eröffnung des Kalten Krieges, die Entfachung der antikommunistischen Hysterie fanden ihre lateinamerikanische Entsprechung im Gleichklang der konterrevolutionären Aktivität von Imperialisten und herrschender Klasse. Ab 1947 wurde der Antikommunismus Staatspolitik. In Chile wurden die Kommunisten aus der Regierung ausgebootet, ihre Partei verfolgt; in Brasilien kam es im gleichen Jahr zum Verbot der kommunistischen Partei, in der selben Zeit begann die A F L , die Spaltung der lateinamerikanischen Gewerkschaftszentrale CTAL zu betreiben. Wo die Regierungen und die hinter ihnen stehenden politischen Kräftegruppierungen der Oligarchie keine Garantie gegen eine politische Aktivierung der Volksmassen zu bieten schienen, wurde die Armee zum Vollstrecker. In Venezuela und Peru wurden in offensichtlicher Übereinstimmung 43 Militärdiktaturen errichtet, die nicht nur die Arbeiterbewegung, sondern auch die „nationalreformistischen" Parteien der kompromißbereiten Bourgeoisie, wie APRA und „Acción Democrática", verfolgten. Damit begann der Rückzug der nationalen Bourgeoisie im kontinentalen Maßstab, ihre Abwehr der Reaktion erfolgte unter grundsätzlichem Verzicht auf das Bündnis mit der Arbeiterklasse und ihrer Vorhut, sie bemühte sich bestenfalls, Teile des Proletariats ihrer politischen Zielstellung unterzuordnen, wo sie sich nicht dem oligarchischen System als Juniorpartner integrierte (Chile). Die Auseinandersetzung zwischen Revolution und Konterrevolution in dieser Periode kulminierte in den Ereignissen im April 1948 in Kolumbien. Jorge Eliécer Gaitán, der Führer des linken Flügels der Liberalen, vertrat massenwirksame Forderungen im Interesse der nationalen Bourgeoisie, scheute sich aber, die zum Kampf entschlossenen Massen in Aktionen gegen die Oligarchie zu führen. 44 Der von langer Hand vorbereitete Mord an Gaitán löste das „bogotazo" 4 5 aus, in dem sich die unterdrückten Klassen Kolumbiens mit dem Mut der Verzweiflung spontan gegen die Klassenherrschaft erhoben. Die Konservativen nutzten die Gunst der Stunde, schlugen die Volksbewegung brutal nieder und errichteten ein „demokratisch" mühsam verhülltes Terrorregime unter dem Profaschisten Laureano Gómez. Von der Gewalt der Erhebung erschreckt, fand sich auch die liberale Bourgeoisie mit der Gómez-Diktatur ab, schien ihr doch dieser starke Mann Ruhe und Sicherheit zu gewährleisten. 48 Damit hat die nationale Bourgeoisie Kolumbiens aus Angst vor dem Bündnis mit den Volksmassen auf eine eigenständige Politik verzichtet. Ihre Hoffnung, über die 1953 errichtete Militärdiktatur Rojas Pinillas, die ja eine Schöpfung des oligarchischen Systems war, ihre eigenen Positionen nach argentinisch-peronistischem Vorbild zu stärken, d. h. die oligarchische Ordnung von innen zu unterhöhlen, mußten als illusionäre Fehlein42

43 44

45 46

Vgl. E. Lieuwen, The Military: A Force for Continuity or Change, in: J . J . Te Paske u. S. N. Fisher, a. a. O., S. 75. Vgl. Arciniegas, a. a. O., S. 141. Vgl. V. L. Fluharty, Dance of the Millions, Military Rule a n d the Social Revolution in Columbia 1930—1956, Pittsburgh 1957, S. 83. Vgl. J . D. Martz, Colombia. A Contemporary Political S u r v e y , Chapel Hill 1962, S. 55 ff. Vgl. Galbraith, a. a. O., S. 134.

540

JÜRGEN KÜBLER

Schätzung des realen Kräfteverhältnisses scheitern. Das bogotazo muß noch aus einem anderen Grunde als Kulminationspunkt beim Übergang zur breit angelegten konterrevolutionären Offensive betrachtet werden. Es brach aus, als die IX. Interamerikanische Konferenz in Bogotá tagte, um die Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) zu gründen. Gaitáns Popularität war in eben diesen Tagen durch seine antiimperialistischen Forderungen stark gestiegen, und so versinnbildlichen die Ergebnisse der April- und Maitage zugleich das Anschwellen der antiimperialistischen Bewegung und ihre Niederlage. Mit der Gründung der OAS hatten sich die USA das institutionelle Kernstück des interamerikanischen Systems geschaffen 47 , über das sie auf der Grundlage des Rio-Paktes 48 ihre Vorherrschaft in Lateinamerika politisch zu sichern und auszubauen gedachten. Dazu wurden die lateinamerikanischen Regierungen in Bogotá auf die Annahme einer Zusatzresolution festgelegt, nach der „ . . . die politische Aktivität des internationalen Kommunismus . . . unvereinbar ist mit dem Konzept der amerikanischen Freiheit. . ,". 49 Für den USA-Imperialismus war nun der Rücken frei, die revolutionären Bewegungen waren zurückgeschlagen, die Oligarchie schien fest im Sattel zu sitzen, die Positionen der Monopole blieben unangetastet. Der erzwungene Rückzug der nationalen Bourgeoisie vollzog sich je nach Stärke unterschiedlich, und der Rhythmus des Revolutionszyklus ist nicht völlig synchron, einzelne Etappen können von bestimmten Ländern mit unterschiedlicher Intensität durchlaufen werden. Die nationale Bourgeoisie Argentiniens, Brasiliens und Mexikos — der industriell am weitesten entwickelten Länder — hat sich scheinbar in der genannten Etappe der Oligarchie nicht untergeordnet. Mexiko ist ein Sonderfall.Die bürgerlich-demokratische Revolution hat die Grundlagen für eine ungehinderte Entwicklung der nationalen Bourgeoisie gelegt, die sich daher schon aufgehoben bzw. in die „normale" Kapitalistenklasse Mexikos verwandelt hat. 50 Von einem Widerspruch Oligarchie — nationale Bourgeoisie kann man nicht sprechen, seit dem IL Weltkrieg ist die Konstituierung der gran burguesía conciliadora an der Macht zur Tatsache geworden. Der Einfluß ihrer Staatspartei auf die Arbeiterbewegung hat nicht unwesentlichen Anteil an der lange währenden, scheinbaren Stabilisierung des Regimes. In Argentinien und Brasilien hatte die starke Forcierung der Industrialisierung bei Beibehaltung der alten Strukturen ein gewisses Gleichgewicht der Positionen der Oligarchie und der nationalen Bourgeoisie mit sich gebracht, über die Einbeziehung der Arbeiterbewegung in ihre Interessen bemühte sich die nationale Bourgeoisie um Sonderlösungen. Hier liegt ein Schlüssel für die Bewertung des Estado Novo und des Trabalhismus 51 ebenso wie für den Peronismus. Die Urteile 17

48

49 50 51

Vgl. J. Dreier, The Organization of American States and the Hemisphere Crisis, New York 1962, S. 11. S. Thomas und A. Thomas jr., The Organization of American States, Dallas 1963, S. 429 ff. Vgl. Dreier, a. a. O., S. 50. Vgl. W. Markov, a. a. O., S. 25. Vgl. R. Mauro Marini, Contradicciones y conflictos en el Brazil contemporáneo, in: Foro Internacional, Mexico, Nr. V/4, April—Juni 1965, S. 512 ff.

Lateinamerikas revolutionäre Entwicklung nach 1945

541

der bürgerlichen Historiographie über das Wesen des Peronismus gehen weit auseinander, sie reichen von Peröns Verherrlichung als Vorkämpfer einer sozialen Revolution 52 bis zu seiner Verdammung als Faschist. 63 Klar ist dabei wohl zunächst das folgende: Die Industrialisierung Argentiniens war von 1934 bis 1943 stürmisch vorangeschritten, die nationalistisch orientierte Industriebourgeoisie und die Arbeiterklasse waren bedeutend erstarkt 6 4 , die politische Macht jedoch wurde uneingeschränkt von konservativen Kräften ausgeübt. 56 Innerhalb der Offiziersgruppe, die den Umsturz von 1943 inszenierte, hat sich schließlich unter Peröns Führung die Fraktion durchgesetzt, die mit dem Bemühen, die sich formierende Einheit der Massenbewegung zu paralysieren 56 , die Absicht verband, ökonomische, politische und soziale Veränderungen herbeizuführen, die die Positionen der Bourgeoisie national und international stärken sollten. 57 Der in diesem Zusammenhang oft strapazierte Begriff der „sozialen Revolution" ist natürlich irreführend, weil Perön an den Grundfesten der ökonomischen und politischen Machtstruktur nie gerüttelt hat. Die ideologischen Anleihen des Peronismus beim Faschismus 58 rechtfertigen keine Gleichsetzung, Klassenbasis und -ziele sind verschieden. 69 Der Einfluß auf die Arbeiterklasse, wie demagogisch auch immer verbrämt und gesteuert, basierte in gewissem Maße auch auf realen sozialen Verbesserungen 60 , die Kanalisierung ihrer Aktionen stieß auf die Gegenliebe der nationalen Bourgeoisie und zunächst auch der Oligarchie. Der außenpolitische Großmachtanspruch 6 1 wurde von allen Fraktionen der herrschenden Klasse zumindest wohlwollend gebilligt, solange er unter der Losung der Stärkung der „dritten Position" die Herstellung des inneren „Klassenfriedens" festigen half. Wenn mit dem Ende der vierziger Jahre die Stabilität der peronistischen Herrschaft nachließ, so ist das auch auf die Verschlechterung der ökonomischen Situation zurückzuführen. Der tiefere Grund liegt in der Untauglichkeit bourgeoiser Lösungswege für die Überwindung der sich verschärfenden Strukturkrise. Auch in Argentinien und in peronistischem Gewände wich die nationale Bourgeoisie mit Beginn der fünfziger Jahre zurück. Die Gefahr, daß sich die Arbeiterbewegung unter dem Eindruck ihrer sich nun verschlechternden sozialen Lage und der Annäherung Peröns an den ursprünglich hart verurteilten USA-Imperialismus 52

Vgl. D. M. Dozer, Latin America. An Interpretive History, New York 1962, S. 549. Vgl. M. C. Needler, a. a. O., S. 109f. 54 Vgl. A. P. Whitaker, Argentina, Englewood Cliffs 1964, S. 97ff. 55 Vgl. R. Alexander, Prophets of Revolution. Profiles of Latin American Leaders, New York 1962, S. 248. 56 Vgl. E. Moreno, El Fenömeno Social del Peronismo, Buenos Aires 1966, S. 49. 5 ' Vgl. G. Pendle, Argentina, New York 1963, S. 103 f f . . 58 Vgl. Arciniegas, a. a. O., S. 69ff. 59 Vgl. T. S. Di Telia, El sistema politico argentino y la clase obrera, Buenos Aires 1964, S. 54. 60 Vgl. P.Ranis, Peronismo without Perön. Ten Years after the Fall (1955—1965), in: Journal of Interamerican Studies, Gainesville, Nr. VIII/1, Jan. 1966, S. 113. 61 Vgl. F. L. Hof (man, Perön and After, in: Hispanic American Historical Review, Bd. 36, Durham 1956, S. 518 f. 53

542

JÜRGEN KÜBLER

wieder verselbständigte, ließ die Rechte 1955 zuschlagen. Der argentinischen Bourgeoisie „präventiver Reformismus" 6 2 in peronistischem Gewände hatte sich als untauglich erwiesen, die Konterrevolution war auch hier im Vormarsch. Die politische Reaktion in Lateinamerika hatte im Verlaufe der 50er Jahre ihre Stellungen zu festigen vermocht. Immer häufiger setzte sich die Armee als Ordnungshüter der Oligarchie direkt oder indirekt in Szene. Am 10. März 1952 stürzte Fulgencio Batista mit Unterstützung der Armee und dirigiert vom State Department den Präsidenten Prío Socarrás und bestellte sich zu einem dem USA-Imperialismus blind gehorchenden Militärdiktator. 63 Am 2. Dezember 1952 errichtete Major Pérez Jiménez in Venezuela eine unverhüllte Militärdiktatur, nachdem er die Wahlen, die als „Legalisierung" seiner Herrschaft gedacht waren, wegen des eindeutigen Sieges der Opposition für ungültig erklärt hatte. 6 4 In Paraguay übernahm am 15. August 1954 General Stroessner die Macht 65 , um hinfort die Auslieferung des Landes an den Imperialismus mit eiserner Faust zu garantieren. Die Ereignisse um den Selbstmord des brasilianischen Präsidenten Getulio Vargas am 26. August 1954 gehören in diese Reihe, wobei die große Angst der oligarchischen Kreise vor einer möglichen Stärkung der Arbeiterbewegung ins Auge fällt. 66 Am offensichtlichsten wurde die Absicht der reaktionären und imperialistischen Kräfte, alle Mittel zur Eindämmung revolutionärer Bewegungen einzusetzen, am Beispiel Guatemalas. 67 1952 hatte mit der Einleitung der Agrarreform die guatemaltekische Revolution antifeudalen, antiimperialistischen Charakter angenommen. Alle Maßnahmen der Regierung Arbenz waren allerdings immer nur auf die uneingeschränkte Entfaltung des Kapitalismus im Lande gerichtet. Die Konsequenzen bedrohten die Interessen der Monopole. Die USA duldeten kein Risiko und ließen die konterrevolutionären Aktionen von eigenen führenden Staatsbeamten leiten und koordinieren. Über die O AS-Konferenz in Caracas erfolgte, wenn auch unter Maulen und Zähneknirschen vieler lateinamerikanischer Delegierter, die diplomatische Offensive. Hemmungslose antikommunistische Propaganda ergoß sich unter maßgeblicher Beteiligung des katholischen Klerus über das ganze Land. Hinzu kam handelspolitische Erpressung, und mit der Ausrüstung und Entsendung von Söldnern wurde der Revolution ein Ende bereitet. Auch hier folgte eine Militärdiktatur von USGnaden. Nach war das internationale Kräfteverhältnis nicht so, daß der Aggressivität des USA-Imperialismus in Lateinamerika hätte in den Arm gefallen werden 62

Vgl. R. Otero, Einige Probleme der lateinamerikanischen Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung, in: Probleme des Friedens und des Sozialismus, Juli 1967, S. 578. 63 Vgl. O. Pino-Santos, Historia de Cuba. Aspectos fundamentales, La Habana 1964, S. 316. «4 Vgl. E. Lieuwen, Venezuela, London, 1963, S. 91 f. 65 Vgl. Ph. Raine, Paraguay, New Brunswick 1956, S. 271. 66 Vgl. Mauro Marini, a. a. O., S. 514. 67 Zu Gründen, Verlauf und Ergebnissen der USA-Intervention in Guatemala 1954 vgl. u. a. L. Cardoza y Aragón, La Revolución Guatemalteca, Montevideo 1954; E. Ramírez Novoa, La farsa del Panamericanismo y la unidad Indoamericana, Buenos Aires 1955; J. M. Fortuny, La Actual Situación en Guatemala, in: Cuba Socialista, Nr. 4, Dez. 1961.

Lateinamerikas revolutionäre Entwicklung nach 1 9 4 5

543

können, aber auch die Schwäche und Inkonsequenz der nationalen Bougeoisie im Inneren paralysierte die Kampfentschlossenheit der politisch noch unerfahrenen Volksmassen. In das Bild der konterrevolutionären Offensive der fünfziger Jahre will die bolivianische Revolution von 1952 nicht passen. Es muß jedoch beachtet werden, daß die Phasen revolutionärer Höhen und Tiefen in kontinentalem Maßstab ineinander übergreifen; was sich 1952 in Bolivien und bis 1954 in Guatemala als revolutionäre Aktion der Volksmassen äußerte, hatte seine Wurzeln in den politischen Bewegungen und Ereignissen, die um das Ende des zweiten Weltkrieges in diesen Ländern erschienen waren. Bolivien hat auf die guatemaltekische Entwicklung von 1954 ebenso eingewirkt wie Mexiko, auch auf die Reaktion der USA. In Guatemala aber war die Arbeiterklasse bei weitem nicht so stark wie in Bolivien, wo daher einer Intervention eine länger währende Aufweichungspolitik vorgezogen wurde. Am 9. April 1952 begann mit einem bewaffneten Aufstand 68 der von der kleinbürgerlich-reformistischen Partei MNR geführten Volksmassen die bürgerlichdemokratische Revolution in Bolivien. Der MNR hatte die Beseitigung der feudalen Produktionsverhältnisse und das Erlangen der ökonomischen Unabhängigkeit zu seinen Hauptanliegen erklärt. 69 Die ersten und zentralen Maßnahmen der bürgerlichen Revolutionsregierung entsprachen den Interessen der nationalen Bourgeoisie, der Bauernschaft und der Arbeiterklasse: Bodenreform und Verstaatlichung der größten Erzminen. Danach wurde allerdings die klassenbedingte Zwiespältigkeit der MNR-Führer offenbar. Die Angst vor der Überantwortung der politischen Macht in die Hände der Arbeiterklasse und deren Verbündeten ließ sie wesentlich konservativere Wege beschreiten, als ihre wohltönenden „revolutionären" Reden das erwarten ließen. 70 Die Agrarreform erschöpfte sich in Landverteilung und eröffnete den qualvollen Weg des langsamen Eindringens des Kapitalismus im Dorf. Der staatskapitalistische Sektor wurde zum Tummelplatz der bürokratischen Bourgeoisie und so heruntergewirtschaftet, daß man ihn schrittweise dem Imperialismus auszuliefern begann. Schließlich wurden nationale und ausländische Privatinvestitionen stimuliert. Die soziale Lage besserte sich nicht wesentlich, die politische Mitbestimmung besonders der Arbeiterklasse erfuhr unter antikommunistischen Vorwänden Einschränkungen. Der „besondere Weg", die „nationalistische, antifeudale, antiimperialistische (nicht gegen Washington im Namen Moskaus) Volksrevolution" 71 vermochte das erklärte Ziel nicht zu erreichen. Die bürgerlich-demokratische Revolution in den Händen der nationalen Bourgeoisie endete in der Verkrüppelung. Die bolivianische Revolution blieb lange Zeit die Hoffnung breiter Teile der nationalen 68 69 70

71

Vgl. R. Alexander, The Bolivian National Revolution, New Brunswick 1958, S. 44. Vgl. M. Monteforte Toledo, Partidos políticos de Iberoamérica, Mexiko 1 9 6 1 , S. 9 9 f . Vgl. R. W. Patch, Bolivia: U. S. Assistance in a Revolution Setting, in: R. Adams u. a., Social Change in Latin America Today, New Y o r k i 9 6 0 , S. 158. So in einer Rede vor MNR-Funktionären von Guillermo Bedregal in einer „kritischen Analyse der 1 0 J a h r e der revolutionären Regierung" qualifiziert. Vgl. G. Redregal, La revolución boliviana, sus realidades y perspectivas dentro del ciclo de Liberación de los pueblos Latinoamericanos, La Paz 1962, S. 68 u. 74.

544

JÜRGEN K Ü B L E B

Bourgeoisie Lateinamerikas mit ihrer propagierten Verbindung von Agrarreform, ökonomischem Nationalismus, Privatinitiative und Sozialpolitik 72 , doch die 1959 beginnende schließliche Wiederauslieferung an den Imperialismus machte a m bolivianischen Beispiel klar, was u m die gleiche Zeit auch die Führer der „nationalreformistischen" Parteien oder Strömungen in Perú, Venezuela und Argentinien demonstrierten: die nationale Bourgeoisie Lateinamerikas h a t t e ihre Fähigkeit verwirkt und den Willen aufgegeben, eine nationaldemokratische Bewegung oder Revolution zu führen. Die kubanische Revolution t a t ein übriges, u m das deutlich zu machen. Dieses historische Versagen fällt zusammen mit dem Beginn eines neuerlichen revolutionären Aufschwungs in Lateinamerika, der als Teil des sich verändernden Kräfteverhältnisses in der internationalen Lage zu verstehen ist. In den politischen Veränderungen und Stürmen, die diese neue E t a p p e der revolutionären Bewegung Lateinamerikas kennzeichnen, ist das qualitativ neue Gewicht der Arbeiterklasse das bedeutendste Charakteristikum. Gerade das veranlaßte die nationale Bourgeoisie zu ihrer kompromißbereiten Haltung. Der Sturz der Militärdiktatur Rojas Pinilla 1957 in Kolumbien wäre ohne die Massenaktionen im ganzen Lande nicht möglich gewesen 73 , aber das feste Zusammengehen aller Fraktionen der herrschenden Klasse unter Einschluß der nationalen Bourgeoisie, das in dem eigenartigen Bündnis zwischen Konservativen und Liberalen zum Ausdruck kam, vermochte das politische Gewicht der Arbeiterklasse zurückzudrängen. Der Radikale Frondizi v e r d a n k t e seine W a h l 1958 zum Präsidenten Argentiniens in entscheidendem Maße den Stimmen der peronistischen und kommunistischen Massen 7 4 ; mit antiimperialistischen und sozialen Losungen überladen, war sein Wahlprogramm angetan, die antioligarchischen K r ä f t e in der ersten „demokratischen" Wahl seit Jahren hinter ihm zu vereinen. Die starke Auslieferung des Landes an die USAMonopole, mit der Frondizi das Vertrauen seiner Wähler hinterging, retteten ihn nicht vor dem Sturz. Der von seinen imperialistischen Herren so gelobte „Mittelkurs" 7 5 war der Rechten gefährlich, die Volksmassen andererseits wandten sich desillusioniert von ihm ab. Der Verzicht auf das Bündnis mit der Arbeiterklasse kostete die nationale Bourgeoisie die Macht. Auch f ü r Venezuela brachte das J a h r 1958 wichtige Wandlungen. Unter F ü h r u n g der „Patriotischen J u n t a " , der neben Vertretern bürgerlicher Parteien auch Kommunisten angehörten, zwangen Arbeiterklasse, Studentenbewegung und breite Teile des Kleinbürgertums über einen Generalstreik und bewaffnete K ä m p f e den Diktator Pérez Jiménez zur Flucht. 7 4 Die Acción Democrática 7 7 , nach der A P R A die bedeutendste der „Reformparteien", 72

73 74

76

77

Vgl. A. Pareja Diezcanseco, Tres afirmaciones de conciencia Latinoamericana, in: Cuadernos Paris, Nr. 54, Nov. 1961, S. 24. Vgl. D. Montaña Cuéllar, Colombia — pais formal y país real, Buenos Aires 1963, S. 218. R. A. Potash, Argentina's Quest for Stability, in: Current History, Philadelphia, Febr. 1962, S. 72. » Vgl. R. Nixon, Six Crises, New York 1962, S. 190. Vgl. T. Szulc, The Winds of Revolution. Latin America Today — And Tomorrow, New York 1965, S. 95 ff. Vgl. J. D. Martz, Acción Democrática. Evolution of a Modern Political Party in Venezuela, Princeton 1966.

Lateinamerikas revolutionäre Entwicklung nach 1945

545

kam nun an die Macht. Betancourts Arrangement mit den USA basierte auf der Handelei um die Erdölprofite und den sich daraus ergebenden Möglichkeiten, die Positionen der nationalen Bourgeoisie zu stärken und in die Arbeiterbewegung einzudringen. Antikommunistische Hysterie war die Grundlage nun folgender Repressionen gegen die Arbeiterklasse. Auch in Venezuela hat die nationale Bourgeoisie, die nur der Arbeiterklasse ihre Teilhaberschaft an der Machtausübung verdankte, das Bündnis mit ihr der Unterwerfung unter den Imperialismus und der Kollaboration mit der Oligarchie geopfert. 78 Diese Polarisierung der Klassenkräfte sollte sich im Anschwellen der revolutionären Woge in ganz Lateinamerika beschleunigen, als entscheidender Katalysator erwies sich hierbei die kubanische Revolution. Der Sieg der kubanischen Revolutionäre über Batistas Militärdiktatur stellte Grundfragen der weiteren revolutionären Entwicklung Lateinamerikas nicht nur zur Diskussion, sondern auf die Tagesordnung. Die nationale Bourgeoisie versuchte sie auf ihre Weise zu beantworten, der weitere Weg der kubanischen Revolution wurde zu ihrem zentralen Klassenanliegen in kontinentalem Maßstab, nicht nur das persönliche Engagement Betancourts und Figueres' bewiesen das. Aber die kleinbürgerliche Führung in Cuba ging andere Wege, als es lateinamerikanische Bourgeoisie und Imperialismus erstrebten. Zum Kernstück ihrer Politik machten sie das Bündnis mit Arbeiterklasse und Bauernschaft, sie verurteilten den Antikommunismus und beschritten den Weg gemeinsamen Vorgehens mit den Kommunisten. Dieses feste Bündnis ermöglichte eine klare Abgrenzung gegen alle Versuche bourgeoiser Kreise, die weitere revolutionäre Entwicklung ihren Klasseninteressen zu opfern. So wurde die kubanische Revolution die erste in der lateinamerikanischen Geschichte, die von den Volksmassen getragen, ihnen selbst diente. 79 Beseitigt wurde der alte Machtapparat, die Agrarreform verband ökonomische, politische und soziale Zielstellungen zur Veränderung von Leben und Stellung der Bauern und des Dorfproletariats. Die kulturelle Befreiung begann mit der Alphabetisierung und gipfelte in der Verwirklichung eines breit angelegten Erziehungs- und Sozialprogrammes. Schließlich wurden, forciert auch durch die imperialistischen Einmischungsversuche, die ausländischen Monopole enteignet und gingen in Volkes Hand über. Zum ersten Mal in der Geschichte Kubas wurde eine selbständige, unabhängige, antiimperialistische Außenpolitik in Angriff genommen. Der Übergang der Revolutionsführung auf Positionen des Marxismus-Leninismus, die Schaffung einer einheitlichen marxistisch-leninistischen Partei als Avantgarde der Revolution versinnbildlichten die nunmehr führende Rolle der Arbeiterklasse in der Revolution. Zusammen mit den sozialökonomischen grundlegenden Veränderungen, der Schaffung neuer Produktionsverhältnisse, bildete das die wesentlichste Voraussetzung für den Übergang der kubanischen Revolution in eine neue Etappe. Der Charakter der Revolution in ihrer ersten Etappe von 1959 bis Ende 1960 war antiimperialiVgl. J . Fuentes Molina, E l m i t o B e t a n c o u r t al descubierto. R e p o r t a j e d e u n a traición. . . , L a H a b a n a 1 9 6 3 ; M. Cabieses Donoso, Venezuela okey, L a H a b a n a 1964. ™ Vgl. F. Trappen, Die k u b a n i s c h e Volksrevolution, Berlin 1965.

78

35

Stadien

546

JÜRGEN KÜBLER

stisch, n a t i o n a l , a n t i f e u d a l , agrarisch u n d d e m o k r a t i s c h . 8 0 Die k o n s e q u e n t e Verw i r k l i c h u n g der diesem C h a r a k t e r e n t s p r e c h e n d e n A u f g a b e n s t e l l u n g m u ß t e in die sozialistische R e v o l u t i o n h i n ü b e r f ü h r e n . Diese E r k e n n t n i s , aus d e m p r a k t i s c h e n K a m p f erwachsen, w a r v o n gewaltiger B e d e u t u n g f ü r die marxistisch-leninistischen P a r t e i e n u n d alle f o r t s c h r i t t l i c h e n K r ä f t e L a t e i n a m e r i k a s , sie e r f o r d e r t e eine P r ä z i sierung der s t r a t e g i s c h - t a k t i s c h e n K o n z e p t i o n e n . H i n z u k a m , d a ß die k u b a n i s c h e E n t w i c k l u n g erwies, d a ß k l e i n b ü r g e r l i c h - d e m o k r a t i s c h e F ü h r u n g e n n i c h t gesetzm ä ß i g auf die Positionen der Bourgeoisie, einer k a p i t a l i s t i s c h e n E n t w i c k l u n g u n d d a m i t letztlich einer U n t e r w e r f u n g u n t e r d e n Imperialismus e i n s c h w e n k e n m ü s s e n , wie d a s i m bolivianischen Fall geschehen w a r . A u ß e r v o n s u b j e k t i v e n E i g e n s c h a f t e n ist der weitere W e g solcher F ü h r e r , so zeigte sich, v o n der politischen S t ä r k e der Arbeiterklasse u n d der B a u e r n s c h a f t a b h ä n g i g . Die Möglichkeiten, d a ß sie Posit i o n e n des P r o l e t a r i a t s u n d der engen Z u s a m m e n a r b e i t m i t d e m Weltsozialismus e i n n e h m e n , ist gegeben. Mit d e m Ü b e r g a n g der k u b a n i s c h e n R e v o l u t i o n in ihre sozialistische E t a p p e ers t a r b e n die H o f f n u n g e n der l a t e i n a m e r i k a n i s c h e n Bourgeoisie, in diesem L a n d ein a n t i k o m m u n i s t i s c h e s Bollwerk f ü r ihre kapitalistische Allianz, die sich zugleich gegen r e c h t s u n d in E i n z e l f r a g e n gegen den Imperialismus a b s i c h e r n k ö n n t e , zu s c h a f f e n . Die k u b a n i s c h e R e v o l u t i o n schied die Geister in L a t e i n a m e r i k a . F ü r d e n U S A - I m p e r i a l i s m u s e r g a b sich die N o t w e n d i g k e i t , sich auf diese neue S i t u a t i o n einzustellen. Die v o n P r ä s i d e n t J o h n F. K e n n e d y 1961 ins L e b e n gerufene „Allianz f ü r d e n F o r t s c h r i t t " 8 1 wollte der k u b a n i s c h e n Beispielwirkung d a d u r c h begegnen, d a ß ü b e r R e f o r m e n Ä n d e r u n g e n in der sozialökonomischen S t r u k t u r in Angriff g e n o m m e n w e r d e n sollten, die eine möglichst u n g e h i n d e r t e kapitalistische E n t w i c k l u n g bei B e i b e h a l t u n g u n d F e s t i g u n g der imperialistischen Stellungen beschleunigen sollte. R e f o r m e n u n d Stabilisierung b z w . E r r i c h t u n g der „ r e p r ä s e n t a t i v e n D e m o k r a t i e " sollten der I n h a l t dieser „friedlichen R e v o l u t i o n " sein, w o f ü r als Gegengabe die U S A Anleihen v e r s p r a c h e n . So h a t t e sich die K e n n e d y - A d m i n i s t r a t i o n n u n m e h r die Bourgeoisie als H a u p t b ü n d n i s p a r t n e r in L a t e i n a m e r i k a a u s e r k o r e n , die D i k t a t u r e n der e x t r e m e n R e c h t e n sollten als V e r b ü n d e t e in den H i n t e r g r u n d t r e t e n . E i n solches V o r h a b e n m u ß t e scheitern. Überall d o r t , wo sich die Oligarchie d u r c h And e u t u n g e n einer „ A l l i a n z " - g e r e c h t e n Politik in ihrer V o r m a c h t s t e l l u n g b e d r o h t sah, s c h r i t t sie zur g e w a l t s a m e n Beseitigung der „ r e p r ä s e n t a t i v e n D e m o k r a t i e " . Die Bourgeoisie erhielt die Q u i t t u n g f ü r ihre K o m p r o m i ß b e r e i t s c h a f t , f ü r i h r e n Verzicht auf ein K a m p f b ü n d n i s m i t d e n w e r k t ä t i g e n Massen. Die brasilianische r e a k t i o n ä r e Militärhierarchie z w a n g i m A u g u s t 1961 P r ä s i d e n t Q u a d r o s z u m R ü c k t r i t t , weil er S c h r i t t e einer selbständigen, u n a b h ä n g i g e n A u ß e n - u n d A u ß e n w i r t s c h a f t s p o l i t i k eingeleitet h a t t e , die der k o m p r o m i ß l e r i s c h e n Großbourgeoisie u n d 80

81

Vgl. B. Roca, Kuba festigt seinen Sieg. Bericht des Nationalkomitees an den VIII. Parteitag der Sozialistischen Volkspartei Kubas, Havanna, 16. —21. Aug. i960, Berlin 1961. Vgl. J. Kübler, Die „Allianz für den Fortschritt". Wurzeln und Mißerfolg der strategischtaktischen Neuorientierung in der Lateinamerikapolitik der USA unter John F. Kennedy, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, 15. Jg., H. 8/1967, S. 1436ff.

Lateinamerikas revolutionäre Entwicklung nach 1945

547

der nationalen Bourgeoisie von Nutzen gewesen wären. Im Juli 1962 zwang in Peru eine Militärjunta den Präsidenten Prado zum Rücktritt und annullierte die Wahlen, die der APRA — der ,,Allianz"-Musterpartei! — einen knappen Sieg gebracht hatten. Die APRA-Führung jammerte deklamative Proteste, die J u n t a schlug dafür gegen die militante Linke los. Gleichfalls 1962 stürzten die argentinischen Militärs Präsident Frondizi, weil er der Arbeiterbewegung — Peronisten und Kommunisten — einen ihrer Meinung nach zu weiten Spielraum gegeben hatte. 1963 bemächtigten sich Armeeführer in weiteren vier Ländern der Macht. In Guatemala verhinderten sie damit die drohende Wiederwahl Juan Arevalos, der gedämpfte Reformtöne anschlug. Auch in Honduras genügte den Obersten die Gefahr, daß der Kandidat der Liberalen Partei gewählt werden könnte, zur Beseitigung der „repräsentativen Demokratie." Der ecuadorianischen Militärclique reichten antinordamerikanische Äußerungen des Präsidenten Arosemena, um ihn kurzerhand als „Prokommunisten" davonzujagen. Die Geschehnisse in der Dominikanischen Republik vom September 1963 waren das Paradestück für das Scheitern der ,,Allianz"-Politik. Juan Bosch nämlich meinte es ernst mit den Ideen der „Allianz für den Fortschritt". Er war einer der wenigen bürgerlichen Politiker Lateinamerikas, der Reformen nicht nur verkündete, sondern auch in Angriff zu nehmen beabsichtigte. Dieser „kommunistischen" Gefahr wußten die dominikanischen Gorillas schnell zu begegnen. Nicht länger als 9 Monate ließen sie Bosch gewähren, dann setzten sie der „repräsentativen Demokratie" ein Ende. Die Offensive der Reaktion setzte sich auch in den kommenden Jahren fort. 1964 wurden Militärdiktaturen in Brasilien und Bolivien errichtet. 1965 folgte Argentinien. Die USA-Intervention in der Dominikanischen Republik 1965, der die Aggression gegen das panamaische Volk 1964 vorausgegangen war, hatte zudem alle „Allianz"-Beteuerungen endgültig zur Farce werden lassen. 82 Wenn in der Periode von 1963 bis 1967 die revolutionäre Bewegung in Lateinamerika eine Reihe von Niederlagen erlitt 83 , so heißt das nicht, daß sich die bestehende Herrschaftsstruktur stabilisiert hat. Je nach der Spezifik des jeweiligen Klassenkräfteverhältnisses haben sich in diesen Jahren die herrschenden Klassen differenzierte Formen der Machtausübung gewählt, die aber alle nicht über die sich verschärfende Strukturkrise hinwegtäuschen können. Der Kampf der revolutionären Kräfte ist in dieser Zeit nicht ins Stocken geraten, aber der revolutionäre Prozeß hat sich zunächst verlangsamt. Die marxistischleninistischen Parteien standen in dieser Etappe vor der Aufgabe, unter Überwindung überholter, zum Teil fehlerhafter Vorstellungen 84 die weitere strategischtaktische Konzeption des Kampfes zu präzisieren. Bei Abgrenzung von ultralinken, 82

83 84

Vgl. D. Kurzman, Santo Domingo: Revolt of the Damned, New York 1965; T. Szulc, Dominican Diary, New York 1965. Vgl. H. Chaffic, a. a. O., S. 488. Vgl. R. Castellanos, Die Oktoberrevolution und einige Probleme der kommunistischen Bewegung in Lateinamerika, in: Probleme des Friedens und des Sozialismus, Juni 1967, S. 448.

35*

548

JÜRGEN KÜBLER

abenteuerlichen Auffassungen kleinbürgerlicher Kräfte, die unter Mißachtung der historischen Gesetzmäßigkeiten mit ihrer Verabsolutierung des Partisanenkampfes der Konterrevolution objektiv in die Hände arbeiten, haben die Parteien die politische Sammlung aller potentiell revolutionären Kräfte bis hin zu Teilen der nationalen Bourgeoisie zur Hauptaufgabe erklärt. Unter Führung der Arbeiterklasse und ihrer Partei werden in Lateinamerika mit allen erforderlichen Kampfformen, deren jeweilige Anwendung von den nationalen Gegebenheiten bestimmt wird, die Volksmassen den Weg der antiimperialistischen, antioligarchischen, antifeudalagrarischen, demokratischen Revolution beschreiten, die in die sozialistische Revolution hinüberführen wird. 85 85

Vgl. P. A. Saad, Der Kampf um Demokratie und die antiimperialistische Front, in: Aus der internationalen Arbeiterbewegung, Nr. 13, Berlin 1968, S. 22.

MAX Z E U S K E , B E R L I N

Bemerkungen zur Anfangsetappe der kubanischen Volksrevolution Um die Frage der Wiederholbarkeit der kubanischen Revolutionserfahrungen in anderen, besonders in lateinamerikanischen Ländern geht seit einer Reihe von Jahren eine heftige Diskussion unter der Linken, wiederum vor allem dieser Länder. Bestimmt von ihren dogmatischen Extremen her: bewaffneter Kampf contra „friedlicher" Kampf, ist die marxistisch-leninistische, alle wesentlichen Umstände wirklich dialektisch berücksichtigende Position in der Debatte vielfach in den Hintergrund gedrängt worden. Im ideologischen Bewußtsein des weitaus größeren Teils der revolutionären lateinamerikanischen Linken — aber in den letzten Jahren keineswegs nur mehr dieser — verkürzte und verhärtete sich die Reflexion der kubanischen Erfahrung (also die wirksame, weil bewußte Erfahrung) auf die Formel der lucha armada als Stimulus zur Herbeiführung einer akut revolutionären Situation und als organisierender Faktor der revolutionären „ F r o n t " 1 zur Beseitigung der einheimischen Oligarchien und des organisch mit diesen verbundenen nordamerikanischen Imperialismus oder — soweit solche Komplikation in das Bewußtsein rückt — anderer Imperialismen. Nur ganz wenige Leute machten sich die Mühe, nicht der unvermeidlichen Legendenbildung anheimzufallen, stattdessen aber den wirklichen, vielfältigen und oft schwer faßbaren Verlauf der Prozesse, die zum Sieg der Revolution und zu ihrer historisch außerordentlich schnellen Umwandlung in eine sozialistische Revolution führten, zu studieren.2 Allerdings wird ein solches Studium noch heute, mehr als fünfzehn Jahre nach der Revolutions-Ouvertüre und ein Jahrzehnt seit dem Januarsieg, durch das Fehlen hinlänglich seriöser Untersuchungen von Grundproblemen der kubanischen Gesellschaft, von einzelnen Etappen, Ereignissen und Episoden der neuesten geschichtlichen Entwicklung erschwert — ein Umstand, der unsere These von der Insuffizienz ernsthafter Beschäftigung mit der Revolution in ihrem ganzen Umfang belegt und weiterer Legendenbildung Vorschub leistet. Vorliegende Anmerkungen stellen sich das Ziel, einige Fragen an die künftige Erforschung der Geschichte der kubanischen Revolution zu präzisieren, um genauere Antworten herauszufordern. 1

2

Hier in Anführungszeichen gesetzt, weil der in der marxistischen Bewegung bekannte Begriff der Volksfront von den Verfechtern der lucha armada um jeden Preis abgelehnt und bekämpft wird. Vgl. z. B. die Zeitschrift „Teoría y Práctica", La Habana Jg. 1967. F. Trappen, Die kubanische Volksrevolution, Berlin 1965; R. Merle, Moneada, Berlin 1968.

550

MAX Z E U S K E

Eines der polemischsten, aber auch wichtigsten Themen ist das der Partei, worauf wir uns hier beschränken. In der neuen Bibel aller mehr oder weniger bedingungslosen Verfechter der lucha armada ist zu lesen: „Die Partei der Vorhut kann unter der eigenen Form des Partisanenfokus bestehen. Dieser ist die Partei im Prozeß des Werdens (von mir hervorgehoben — M. Z.). Das ist die verwirrende Neuigkeit, die durch die kubanische Revolution aufgebracht wurde... Man könnte diese außerordentliche Situation als Ergebnis einer einzigartigen und nichtwiederholbaren Konjunktur einschätzen. Im Gegenteil: die jüngste Entwicklung der Länder, die sich in der Vorhut des bewaffneten Kampfes auf dem Kontinent befinden, bestätigt und bekräftigt sie" 3 . Meiner Ansicht nach demonstriert die kubanische Entwicklung in wesentlichen, ja fundamentalen Punkten das Gegenteil, von Guatemala und Venezuela ganz zu schweigen. In der historischen Synthese die gesamte Vorgeschichte vor dem 2. Dezember 1956 zu streichen und das außerordentlich wichtige und bedeutungsträchtige Kapitel der Entstehung eines neuen politischen Gravitations- und Führungszentrums in Gestalt der Bewegung des 26. Juli einfach außer Acht zu lassen, ist wenig überzeugend. Vorweg sei bemerkt, daß es hier keineswegs darum geht, den bewaffneten Kampf hinwegzueskamotieren und bekannte Tatsachen anzufechten. Es geht vielmehr darum, gewisse Faktoren des Erfolgs des bewaffneten Kampfes als der zeitweiligen Hauptform der kubanischen Revolution zu definieren. Der bewaffnete Kampf ist so wenig eine Zauberformel wie irgend eine andere Taktik; er gewinnt seine Wirksamkeit erst unter ganz spezifischen, wenn auch durchaus nicht einzigartigen Umständen, wie die Erfolglosigkeit seiner Anwendung über fast ein Jahrzehnt in einer Reihe von lateinamerikanischen Landern beweist. Bei der Untersuchung der politischen Vorgeschichte der kubanischen Revolution muß man davon ausgehen, daß sich im Gefolge des in der Innenpolitik Kubas ab 1947 einsetzenden kalten Krieges, nachdem die historischen Parteien (Konservative, Liberale und Populisten) schon mit der Revolution von 1933 Ansehen und Massenwirksamkeit eingebüßt hatten, auch die neueren bürgerlichen und kleinbürgerlichen Parteien ganz rapide der Zersetzung anheimfielen und ihres relativ stabilen Einflusses auf die Massen verlustig gingen. Die beiden wichtigsten Vehikel, mit denen sich diese Entwicklung durchsetzte, waren die Korruptheit der Führer der nationalreformistischen Parteien (Partido Revolucionario/Auténticos unter Grau, der 1951 noch einmal den Versuch einer Revitalisierung mit dem Partido de la Cubanidad unternahm, und des ABC, dessen entschiedenere Reste sich schon Ende der vierziger Jahre in die Orthodoxe Partei retten mußten; teilweise unterlagen auch Orthodoxe selbst der Korruption) und der Terror, vornehmlich gegen die Kommunisten gerichtet, doch mit stärkeren Rückwirkungen auf diese Parteien selbst. Hinzu kam die zunehmende Isolierung und Eliminierung der Sozialistischen Volkspartei, 3

R, Debray, Revolución en la revolución, La Habana 1967, S. 90. Debray bezieht sich hier auf Guatemala und Venezuela. Im Vorwort wird bemerkt, der Inhalt sei Ergebnis langer Gespräche des Verfassers mit Fidel Castro und anderen Teilnehmern des Guerillakampfes in Kuba.

Anfänge der kubanischen Revolution

551

was eine sozialistische Alternative zu beschreiten verwehrte. 4 Diesem Verfall entging lediglich eine Partei; nur der Partido del Pueblo Cubano/Ortodoxos unter der dynamischen Führung seines Begründers Eduardo Chibäs, jenes „Moralisten, der sich in den Senat verirrt h a t " (wie Robert Merle in seinem Bericht „Moncada" treffend sagt), erhöhte seinen Einfluß. Man hat oft auf die Tatsache verwiesen, daß Fidel Castro politisch dem Partido Ortodoxo entstammte, sich dann aber rasch von ihm trennte. Damit ist nichts gesagt. Für die Geschichte der Entstehung eines neuen, revolutionären Führungszentrums — wie auch für die Physiognomie und das Charakterbild dieses Zentrums, die es noch lange bewahrt — sind die genaueren Umstände dieser Periode von wesentlicher Bedeutung. Ihre detaillierte Untersuchung harrt noch der kubanischen Historiker; hier seien nur einige Gedanken dazu geäußert: Die Orthodoxe Partei, 1947 aus einer starken Dissidentengruppe der Authentischen Partei entstanden und nachfolgend mit radikalen Teilen des ABC vereinigt, gelangte im Unterschied zu beiden Mutterparteien dazu, über einen verschwommenen Volksbegriff hinaus zu einer bewußteren Abgrenzung ihrer Klassenfunktion vorzustoßen. So heißt es in einer Erklärung vom Ende der vierziger Jahre: „Die sozialen Klassen, die die Partei des Kubanischen Volkes wegen des funktionalen Charakters derselben am meisten interessieren, sind die Klassen der Arbeiter und Bauern, Bollwerke des Kampfes für die nationale Befreiung." 5 Diese Orientierung ermöglichte es der radikalen Fraktion der Führung, gewisse Schichten der Werktätigen, insbesondere das städtische Kleinbürgertum, die numerisch dominierenden Randgruppen des Proletariats, Halbproletarier und Bauern mit kleinbürgerlichen Gleichheitsvorstellungen anzusprechen. Wenngleich die Partei als ihr Endziel die nationale Befreiung von der imperialistischen Vorherrschaft der USA ansah, rückte sie doch diesen Aspekt in ihrer Agitation niemals in den Vordergrund; einmal, weil sie sich der Mächtigkeit des Einflusses des geographischen Fatalismus auf das gesamte Volk vollauf bewußt war, dergestalt, daß eine bewußte und offene Gegnerschaft gegen die USA die Grenzen des politischen „Realismus" Kubas bei weitem überstieg; andererseits, weil an dieser Grundfrage das auch sonst sehr labile Einverständnis der verschiedenen Führungsfraktionen vollends zerbrochen wäre. 6 Sie strebte eine Reihe echter struktureller Reformen an, sah aber die Hauptmethode dazu in der Durchsetzung der „administrativen Ehrlichkeit" („Bessere Leute!"). Nach dem Selbstmord von Chibäs und dem Staatsstreich Batistas protestierte sie hilflos, wenn ihr innere Streitigkeiten dazu Zeit ließen, gegen die Verletzung der demokratischen Spielregeln. Tatsache bleibt jedoch, daß sie sich formell fast nie und der Sache nach nur sehr gemäßigt gegen die USA wandte; sie wollte die inneren kubanischen Zustände reformieren, und diese Tradition spielt in der Entstehungs4

5

6

Die Wählerstimmen des Partido Socialista Populär (Kommunisten) gingen zwischen 1947 und 1951 von 157000 auf 59000 zurück. Vgl. M. Hiera, Cuba politica, 1899—1955, La Habana 1955. Chibäs y el Partido del Pueblo (Ortodoxos). Una antologia politica, La Habana o. J., S. 140. Vgl. hierzu auch die Einschätzung bei Merle, a. a. O., S. 57.

552

MAX ZEUSKE

geschichte und der Strategie der Bewegung des 26. Juli eine ausschlaggebende Rolle. Im übrigen ist der Hypothese Merles durchaus beizupflichten, daß, wenn es den Opportunisten der Parteiführung nach dem Tode Chibàs gelungen wäre, sich von den verelendeten Massen unter ihrem Einfluß an die Macht tragen zu lassen, sie „der großen Insel eine sozialdemokratische Partei beschert (hätten), die ihr bis dahin fehlte, und für die Interessen der USA wäre nur wenig von ihnen zu befürchten gewesen". 7 Was jedoch wichtiger ist: Chibàs hatte es unter Sekundanz einer Reihe radikal-kleinbürgerlicher Politiker verstanden, trotz — oder vielleicht sogar wegen — der Verschwommenheit seines politischen Programms breite Massen um sich zu sammeln, darunter besonders die Jugend. Zugleich ermöglichte es der Mangel an ideologischer Definiertheit, daß sich im Rahmen der Partei auch ganz entschiedene nationalrevolutionäre Gruppen sammeln konnten, die sich teils direkt von Marti, teils von Guiteras herleiteten, und daß sie auch mehr oder minder organisierten politischen Einfluß auf die Anhängerschaft ausüben konnten. Die unter Beobachtern wie Teilnehmern der Parteibewegung oft anzutreffende Hypothese, es sei die 1952 für die Partei sicher erreichbare Wahlmehrheit gewesen, die Batista mit Ermunterung der USA zum Putsch veranlaßte, ist daher nicht von der Hand zu weisen. Die Wahrscheinlichkeit, die diese Hypothese für sich beanspruchen kann, beweist aber zugleich, daß die Richtungsänderung der jüngsten kubanischen Geschichte keineswegs erst 1953 oder 1956 einsetzt. Es waren vor allem zwei grundlegende Mittel, mit deren Hilfe Chibàs und seine Kameraden diesen Masseneinfluß unter den Werktätigen erreichten und ausbauten. Anknüpfend an die praktische Moralphilosophie José Martis entwickelte Chibàs in der tagtäglichen Aktion, ergänzt durch den Asketismus seines persönlichen Lebens, einen moralischen Rigorismus und Purismus, den er wirkungsvoll und unter Hintansetzung aller persönlichen Sicherheitsrücksichten der herrschenden Verkommenheit des öffentlichen Lebens und der Ausbeutung der Volksmassen gegenüberstellte. „Scham gegen Geld!" war die immer wiederkehrende Losung seiner Agitation unter Einsatz aller ihm zugänglichen technischen Mittel. Diesen Moralismus führte er bis zum Extrem seines eigenen Selbstmords vor dem Mikrophon. So hieß es in einem Dokument der Partei vom Ende der vierziger Jahre: „Wir ziehen es vor, in die Utopie der Ehrlichkeit zu verfallen, als in der Wirklichkeit des Banditentums unser Gedeihen zu suchen... Nichts da von Vergleichen mit der unsauberen Realität! Keinerlei Versöhnungen! Gegenüber den Allianzen ohne Ideologie der Tagespolitik — die Ideologie ohne Allianzen der Orthodoxie!" 8 Unter den von kleinbürgerlichen Denkgewohnheiten beherrschten, ungebildeten und vom Elend geschüttelten, zugleich aber vom zunehmenden Reichtum der Herrschenden empörten Volksmassen fand diese fortgesetzte bedingungslose Predigt eines subjektivistischen, weil nur von den sichtbaren Symptomen ausgehenden, Utopismus um so bereitwilliger Gehör, als sie begleitet wurde von einer ebenso messianisch überhöhten nationalistischen Zielstellung: „Die Orthodoxen sind berufen, unser Vaterland in die große 7 8

A. a. O., S. 57. Chibàs y el Partido. . . a. a. O., S. 140f.

Anfänge der kubanischen Revolution

553

Nation der Zukunft zu verwandeln, die ihm wegen der außerordentlichen geographischen Lage, des Reichtums seines Bodens und der Intelligenz seiner Menschen zukommt. Deshalb müssen sie die gefährliche Ansteckung durch andere politische Gruppen verhüten". 9 „...das große Kuba, das wir anstreben, Führer der Demokratig und der Kultur in Hispanoamerika". 10 Dieser Missionsgedanke, Kuba in das erste Land Lateinamerikas zu verwandeln, läßt sich in einer Vielzahl kompetenter Äußerungen späterer Jahre belegen, die die Gültigkeit auch dieses orthodoxen Erbes zeigen. Und es ist nicht zufällig wie nicht ohne Konsequenzen, daß sowohl vom Moralismus wie vom Nationalismus die Abweisung aller Allianzen hergeleitet wurde, worin sich der Versuch der Formulierung einer eigenen, unabhängigen Klassenposition kundtut — ein Widerspruch zwar zum kleinbürgerlichen Charakter der Bewegung, der aber wohl bei Öffnung zum Proletariat hin sich aufzulösen vermochte! Die Orthodoxe Partei gab damit der späteren Bewegung des 26. Juli eine Verhaltensnorm vor, die von vornherein einen unbedingten Ausschließlichkeitsanspruch enthielt: „Immer verfocht ich die Dritte Front einer einzigen Partei: der Orthodoxen". 11 Diese Linie einer intransigenten politischen und organisatorischen Unabhängigkeit und Bewegungsfreiheit erhält allein schon durch den Umstand historische Bedeutung, daß die Berufung auf sie es Fidel Castro nach dem Tode Chibas und dem Staatsstreich Batistas gestattete, den opportunistischen Parteiführern der Partei die Massen und den besten Teil der Parteiführung zu entreißen. Wenn die Wurzeln der politischen Organisation, die später die Bezeichnung „Bewegung des 26. Juli" annahm, zu einem bedeutenden Teil identisch sind mit der politischen, ideologischen und organisatorischen Entwicklung der Orthodoxen Partei seit 1947, die als wesentlicher und charakterisierender Bestandteil ihrer Geschichte auch zur Kenntnis genommen werden müssen, so beginnt ihre eigene Geschichte als Organisation — mit den noch vorzubringenden Einschränkungen — doch erst mit dem Staatsstreich vom 10. März 1953. Keinesfalls aber wird man seine Aufmerksamkeit allein auf diesen Zeitraum beschränken dürfen, um dann sagen zu müssen, es seien im wesentlichen unbekannte Angestellte, Arbeiter und Studenten gewesen, die sich als „Fidelistas" sammelten, sich dann als die „Jugend der Jahrhundertfeier" (1953) sichtbar organisierten und als politisch-militärische Aktionsgruppe im Sommer 1953 an die Öffentlichkeit traten. Gewiß hatte der Staatsstreich die Parteiführung ebenso wie die Anhängerschaft der Orthodoxie in Verwirrung gesetzt und schließlich in drei große Gruppen gespalten: die sogenannten Montrealisten, die für eine Vermittlung mit der Diktatur waren; die Inskriptionisten, die sich der Staatsstreichregierung mehr oder weniger bedingungslos auslieferten, um an den Scheinwahlen zu ihrer Legalisierung teilzunehmen; schließlich die Independentisten, die der Chibäs-Linie treu blieben. Und gerade auf diese dritte Strömung konnten sich die in der Tat weitgehend unbekannten „Fidelistas" stützen, ihre 9 u 11

A. a. O., S. 143. A. a. O., S. 9. A. a. O., S. 59.

554

MAX ZEUSKE

Parteiverbindungen nutzen und in ihrem Schöße operieren. Ohne die neuen Elemente zu unterschätzen, die mit der fidelistischen Bewegung auf den Plan traten und schließlich zu einer qualitativ neuen Erscheinung im politischen Leben Kubas führten, sollte diese Kontinuitätslinie in ihrer Bedeutung und in ihren Auswirkungen — auch für spätere Etappen der Revolution — nicht übersehen werden. In diesem Independentismus drückte sich ja gerade jene jakobinische, kleinbürgerlich-radikale Haltung aus, die zur Ausgangsposition für die Entwicklung Fidel Castros, der späteren Rebellenarmee und vor allem ihres Offizierskaders sowie eines großen Teils der daherum organisierten Bewegung des 26. Juli „nach links" wurde. Und dieser Independentismus bildete eben keine amorphe, unorganisierte und „parteilose" Masse — was ihr fehlte, war eine entschlossene Führung, eine klare Orientierung auf konkrete Kampfaktionen. Fidel Castro selbst beschrieb in seinem Brief vom 19. März 1956 diese Beziehung zwischen einem Teil der Orthodoxen Partei und der von ihm geleiteten Bewegung: „Viele aufrichtige Orthodoxe schlössen sich der „Triple A" von Aurelio Sánchez Arango in der Meinung an, daß jedweder Weg zum Sturze des Regimes gut sei; andere konnten die Gewissensskrupel nicht überwinden, die die Predigt der Unabhängigkeitslinie Chibás in ihnen erweckt hatte; noch andere, wenn auch gewiß die wenigsten, gingen, um die Kader der Inskriptionisten aufzufüllen. Die Orthodoxen, die mit der montrealistischen Fraktion sympathisierten, fühlten sich wegen der Zweifel an deren ideologischer Position unbefriedigt; die Anhänger der independentistischen Gruppe waren ihrerseits enttäuscht über das Fehlen von Taten. Damals entstand inmitten jenes Chaos aus den Reihen der Partei eine Bewegung, die durch ihre Anlage fähig war, die wahren Bestrebungen der Massen zu befriedigen — eine Bewegung, die ohne Verletzung der Unabhängigkeitslinie Chibás' entschlossen die revolutionäre Aktion gegen das Regime auf ihre Fahnen schrieb; eine Bewegung, die bei niemandem Gewissenskonflikte hervorrufen konnte in der aufrechten und reinen Erfüllung der Pflicht: diese Bewegung war die des 26. Juli". 1 2 Hier wird also eindeutig nicht nur auf das Hervorgehen der Bewegung des 26. Juli aus der Orthodoxen Partei verwiesen, sondern mehr noch auf ihre strukturelle Zugehörigkeit zu dieser Partei, ihren Parteicharakter (in dem sich schon deutlich bereits vor dem 26. Juli 1953 neue Züge herausbildeten), die Funktion der Bewegung in und gegenüber der Partei. Fast vier Jahre später, 1956, neun Monate vor Beginn des Guerrillakampfes, bezeichnete Fidel Castro die Bewegung als den „revolutionären Apparat des Chibasismo", wie er es bereits ein Jahr zuvor getan hatte. D. h. er betrachtete die Bewegung als die unter den Bedingungen des Regierungsterrors von unten her entstandene Führung des Teils der Orthodoxen Partei, der der Linie Chibás treu geblieben war, und die sich diese Führung für den konkreten revolutionären Kampf geschaffen hatte. Wohlgemerkt: hier wird von der Organisierung und Reorganisierung einer Partei lange vor dem Beginn des Guerrillakampfes und selbst vor der militärischen Aktion von Moneada als von real sich vollziehenden Tatsachen gesprochen, nicht von Wünschen und Plänen. Zudem wissen wir von einem bedeutenden Teil sowohl der

" Abgedruckt bei J. Dubois, Fidel Castro, México 1959, S. 99.

Anfänge der kubanischen Revolution

555

Moncadakämpfer wie der Rebellenarmee, daß sie politisch der Orthodoxie entstammten ; leider gibt es über die illegale Bewegung in den Städten keinerlei Untersuchungen, aber es ist mehr Axiom als Hypothese zu sagen, daß hier der Anteil der Orthodoxie noch größer war. 13 Der Moncadasturm und sein militärisches Scheitern änderten nichts am politischen Charakter der Bewegung, nur prägt die Illegalität und der verschärfte Terror ihren Parteicharakter noch mehr aus. Militärisch bewirken sie die Ersetzung der Insurrektionstaktik durch die in der kubanischen Tradition erprobte Invasionstaktik und ihre Kombination — noch einmal — mit Insurrektionsplänen. Moncada bestätigte die Bewegung als neue politische Führung, zunächst der Orthodoxen Partei, aber doch schon darüber hinausgreifend. Gerade in dieser Periode beginnt recht eigentlich erst der Kampf Fidel Castros um die politische Führung, gegen die Mehrheit der alten Parteiführung, um die Anhänger- und Mitgliedschaft der Partei. Und er firmiert noch über zwei Jahre nach dem Sturm auf die Moncadafestung als Erbe und Verteidiger Chibäs', wobei er sich im wesentlichen auf die independentistische Strömung orientiert. So heißt es in einer Erklärung Fidel Castros vom 16. August 1955: „Die Revolutionäre Bewegung des 26. Juli bildet keine Strömung innerhalb der Partei: sie ist der revolutionäre Apparat des Chibasismo, verwurzelt in seinen Massen, aus deren Schoß er entstand, um gegen die Diktatur zu kämpfen, als die Orthodoxie ohnmächtig und in tausend Stücke zerspalten darniederlag. Wir haben seine Ideale niemals aufgegeben, und wir sind den allerreinsten Grundsätzen des großen Kämpfers treugeblieben, dessen Tod wir heute gedenken". 14 In einer weiteren, bereits zitierten Erklärung vom 19. März 1956, die als die Konstitutionsurkunde der organisatorisch selbständigen Bewegung des 26. Juli angesehen wird, als das Scheidungszertifikat von der Orthodoxie, schrieb Fidel Castro: „Für die Massen der Chibäsanhänger ist die Bewegung des 26. Juli nicht etwas Verschie13

Merle begeht m. E. den Fehler, den Charakter des konspirativ und militärisch organisierten Kerns der Bewegung in ihren Anfängen stillschweigend zu identifizieren mit ihren zivilen Bestandteilen, deren Analyse allerdings aus den Aufgaben herausfällt, die er sich mit seinem Bericht gestellt hat. Es ist sicher richtig, wenn man seine Bemerkung, daß „vor Moncada die Bewegung nahezu völlig proletarisch war", auf diesen Kern bezieht (a. a. O., S. 95). Aber sowohl zur sozialen wie zur politischen Zusammensetzung der Bewegung fehlen noch repräsentative Untersuchungen. Mit dieser Bemerkung soll keineswegs der Eindruck erweckt werden, als spräche die Feststellung Merles vom „proletarischen Charakter" gegen unseren Nachweis der orthodoxen Abstammung eines bedeutenden Teils des M-26-7. Der Grad der Kongruenz zwischen sozialer Herkunft und politischem Charakter einer Bewegung oder Partei ist in Kuba natürlich viel niedriger als in europäischen Ländern. Auf jeden Fall verdient aber die folgende Stelle aus Merles Bericht Beachtung: „In der städtischen illegalen Bewegung waren die Arbeiter anderseits bis zum abschließenden Sieg sehr aktiv. Ihr Kampf, hart, rauh, blutig und voll Verunglimpfung, würde .es verdienen, ebenfalls untersucht zu werden" (a. a. O., S. 95/ 96).

14

Zitiert in der Erklärung Fidel Castros vom 19. März 1956, abgedruckt bei J. Dubais, a. a. O., S. 97. Diese Erklärung wurde vor 500 Delegierten der Partei abgegeben und von ihnen durch Abstimmung einstimmig bestätigt.

556

MAX ZBUSKE

denes von der Orthodoxie; es ist die Orthodoxie ohne eine Führung von Grundbesitzern..., ohne Zuckerlatifundisten, ohne Börsenspekulanten, ohne Industrieund Handelsmagnaten, ohne Advokaten großer Interessen, ohne Provinzkaziken, ohne Politikaster jeglicher A r t . . . Die Bewegung des 26. Juli ist die revolutionäre Organisation der Entrechteten, durch die Entrechteten und für die Entrechteten..., die Hoffnung auf Erlösung für die kubanische Arbeiterklasse..., die Hoffnung auf Land für die Bauern..., die Hoffnung auf Rückkehr für die Emigranten..., die Hoffnung auf Brot für die Hungernden und auf Gerechtigkeit für die Vergessenen." 1 5 Alle diese Tatsachen erlauben folgende Zusammenfassung: In Kuba h a t t e sich lange vor den revolutionären Ereignissen der Jahre 1953 oder 1956—1958 eine tiefe politische Krise entwickelt (die ihrerseits auf einer — hier nicht näher zu untersuchenden — sozialökonomischen Strukturkrise beruhte 14 ), die zum /Verfall der gesamten traditionellen Parteienstruktur und zum Verlust des Einflusses dieser Parteien auf die Volksmassen führte. Die politische Krise vom Ende der vierziger und Beginn der fünfziger Jahre ließ eine kleinbürgerliche Massenpartei, den Partido del Pueblo Cubano/Ortodoxos entstehen, die unter Rückgriff auf den moralisch begründeten Radikalismus José Martís ein diffuses Programm des Kampfes für nationale Unabhängigkeit und Größe, für soziale und politische Gleichheit zugunsten der breiten Volksmassen verkündete und verfocht. Innerhalb dieser Partei sammelten sich vornehmlich jugendliche Radikale, die für die konsequente Verwirklichung des Programms des Parteibegründers Eduardo Chibás eintraten. Das Wachstum des Einflusses der Orthodoxen Partei unter den Volksmassen und die Unbestechlichkeit einer Reihe ihrer Führer veranlaßten den Expräsidenten und General Batista, im Einverständnis mit dem USA-Imperialismus und mit der kubanischen Oligarchie einen militärischen Staatsstreich durchzuführen, kurz bevor Wahlen die Orthodoxe Partei mit großer Wahrscheinlichkeit zur Regierung gebracht hätten. Die konterrevolutionäre Demonstration nackter militärischer Gewalt unter Bruch der einzigen demokratisch zustandegekommenen Verfassung Kubas von 1940 legitimierte von vornherein die revolutionäre Gewalt und ließ ihre Anwendung in den Augen der Volksmassen nicht nur als moralisch-politisch gerechtfertigt, sondern auch als unausweichlich notwendig erscheinen. Der Sturm auf die Festung Moneada, durchgeführt vom vorwiegend proletarischen Kern der radikalen Jugendgruppe der Orthodoxen Partei und geführt von einem der angesehensten Abgeordneten dieser Partei, bekräftigte die volle Übereinstimmung zwischen dem Programm Chibás'! und der Haltung der radikalen Führer der orthodoxen Jugend, indem er demonstierte, daß diese bereit waren, für ihre von den Volksmassen unterstützten Forderungen selbst ihr Leben einzusetzen. Damit 15 16

A . a . O . , S. 1 0 1 - 1 0 2 . Vgl. hierzu die ungedruckte Leipziger phil. Diss. 1965 des Vf.: „Die kubanische Revolution von 1933".

Anfänge der kubanischen Revolution

557

t r a t eine neue politische Führungsgruppe an die Öffentlichkeit, und ein seit längerem wirkender Prozeß der Umwälzung der politischen Führungsstruktur erreichte einen ersten Abschluß. Mit der Verkündung des „Programms von Moncada" (d. h. mit der Verteidigungsrede Fidel Castros vor dem Gericht) beginnt die Etappe der Konsolidierung der neuen Führungsstruktur, die sich durch die politisch-ideologische Indoktrination der Führungsgruppe und den Aufbau eines eigenen, unabhängigen Organisationsnetzes der nunmehr auch formell entstehenden „Bewegung des 26. Juli" fortsetzt. Diese Etappe erreicht ihren Abschluß mit der Emigration der Führungsgruppe im Juli 1955 und mit der formellen Trennung der Bewegung des 26. Juli von der Orthodoxen Partei — bei voller Übernahme der wesentlichen Programmpunkte dieser Partei und ihrer methodischen Prinzipien, doch mit einer eindeutigen definierten Klassenposition. Daraus ergibt sich, daß die kubanische Revolution, lange bevor sie die Methode des bewaffneten Kampfes und speziell die Methode der Guerrilla-Kriegsführung anwandte, und damit sie diese Methode anwenden konnte, eine politische Bewegung, noch dazu vornehmlich in den Städten, aufbaute; erst mit ihrer Hilfe konnte sie den bewaffneten Kampf erfolgreich führen, wobei die politische und moralische Unterstützung dieser Bewegung im Vordergrund stand. Mehr noch: diese politische Bewegung eroberte sogar noch vor dem Beginn des Guerrillakampfes die politische Initiative als Voraussetzung der Hegemonie der Revolution. Erst nachdem sie das Gesetz des politischen Handelns bestimmen und sich auf eine in langjähriger Arbeit in den städtischen Gebieten aufgebaute Organisation stützen konnte, begann ihr Kampf auf dem Lande. Der damit verbundene partielle Wandel ihres Klassencharakters, die allmähliche Herausbildung kleinbäuerlich-landproletarischer Züge, die erst nach einer Reihe von Jahren voll zur Geltung kommen — all das soll außerhalb des Rahmens dieser Bemerkungen bleiben.

LOTHAR RATHMANN, LEIPZIG

Zum Platz der Bourgeoisie in der nationaldemokratischen Revolution der arabischen Welt* In den letzten zwei Jahrzehnten hat der Prozeß der Wiedergeburt der arabischen Welt, der im vergangenen Jahrhundert mit dem Streben nach einer kulturellen Renaissance, der Einheitsbewegung im Raum Biläd as-§äm und der antikolonialen Resistance im 'Aräbi-Aufstand seinen Anfang nahm, mit wirkungsvollen Ergebnissen eine neue Qualität erreicht. 1 Nach dem Zusammenbruch der Kolonialherrschaft begann sich die nationalrevolutionäre Befreiungsbewegung der arabischen Völker immer beharrlicher gegen den Kapitalismus zu wenden und auf den Sozialismus zu orientieren. Ungeachtet der ökonomischen, sozialen und politischen Unterschiede in den einzelnen Ländern wird die Grundtendenz der gegenwärtigen Etappe der nationalrevolutionären Befreiungsbewegung der arabischen Welt von der Verschmelzung des Kampfes um nationale und soziale Emanzipation, von der Verschärfung der Auseinandersetzung um die kapitalistische oder nichtkapitalistische Entwicklung bestimmt. Dieser zutiefst revolutionäre Prozeß ist ein untrennbarer Bestandteil der Weltbewegung zum Sozialismus, und er erreicht insbesondere dort Erfolge, wo er sich in Gleichklang mit der sozialistischen Staatengemeinschaft befindet. „Den arabischen Orient hat eine gefährliche ideologische Seuche befallen, die sich als ^evolutionärer Sozialismus' bezeichnet" 2 , schrieb voller Enttäuschung der reaktionäre libanesische Publizist §alah ad-Dln al-Hunagid. Als sich in der Praxis des revolutionären Kampfes zeigte, daß sich einerseits die nationale Bourgeoisie unwiderruflich als unfähig erwies, die Position des Hegemons der Befreiungsbewegung zu behaupten, und andererseits die Arbeiterklasse aus objektiven und subjektiven Gründen noch nicht fähig war, an ihre Stelle zu treten, hielten die Kräfte der revolutionären Demokratie Einzug auf dem politischen Schau-

* Angeregt wurde dieser Beitrag durch Walter Markovs Universitätsrede „Arbeiterklasse und Bourgeoisie im antikolonialen Befreiungskampf", in: Leipziger Universitätsreden, Neue Folge, Heft 21, Leipzig 1961. 1 Siehe L. Rathmann, Die nationaldemokratische Entwicklung im arabischen Raum, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, XV. Jg., 1967, H. 8, S. 1357—1384; Nordafrika und Nahost im Kampf für nationale und soziale Befreiung, in: Studien zur Geschichte Asiens, Afrikas und Lateinamerikas, hrsg. von W. Markov in Verbindung mit M. Kossok und L. Rathmann, Bd. 19, Berlin 1968. 2 Zitiert nach Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25. 6. 1968.

Bourgeoisie und nationaldemokratische Revolution in der arabischen Welt

559

platz 3 , und unter ihrer Führung wurde in der VAR, in Algerien und Syrien der Übergang zur nationaldemokratischen Revolution zur politischen Realität. Die nationaldemokratische Revolution setzt sich nicht wie die bürgerlich-demokratischen Revolutionen vor dem Roten Oktober des Jahres 1917 die Umwandlung der halbfeudalen und halbkapitalistischen sozialökonomischen Ordnung in eine entwickelte kapitalistische Basis zum Ziel. Sie führt vielmehr die antiimperialistische und antifeudale Revolution über den Rahmen der bürgerlichen Revolution hinaus und nimmt im Prozeß der nichtkapitalistischen Entwicklung durch die Schaffung einer „Übergangsgesellschaft mit ebensolchen Produktionsverhältnissen" 4 , die den sozialen Fortschritt gewährleisten und sich in Richtung auf eine sozialistische Basis entwickeln, sowie durch die Lösung allgemeindemokratischer Aufgaben mit nationaldemokratischen oder auch schon sozialistischen Methoden Kurs auf den Sozialismus. Die soziale Dynamik der nationalrevolutionären Befreiungsbewegung verwandelt die vorauseilenden Träume der utopischen arabischen Sozialisten Farä Antün und Amin Rihäni von einer von Ausbeutung freien, klassenlosen Gesellschaft in ein realisierbares Ziel5 und verurteilt die jahrzehntelangen Bemühungen der Bourgeoisie und ihres Nationalismus, die arabische Emanzipation durch traditionelle bürgerliche Reformen in kapitalistische Bahnen zu lenken, zum Scheitern.® Aber je breiter sich der Kampf um die Vollendung der antiimperialistischen und antifeudalen Revolution gegen den Kapitalismus wendet, desto erbitterter versucht der vom USA-Imperialismus geführte Weltimperialismus durch den flexiblen Einsatz einzelner oder aller Machtmittel jeden sozialökonomischen oder gesellschaftlichen Prozeß, der Ausgangspunkt • für einen nationaldemokratischen, nichtkapitalistischen Entwicklungsweg werden könnte, zu verhindern, aufzuhalten bzw. rückgängig zu machen. 7 Der Bagdadpakt, die Dreieraggression gegen Ägypten im Jahre 1956, die Eisenhower-Doktrin, die britisch-amerikanische Intervention in 3

Siehe L. Rathmann, a. a. O., S. 1358—1360; L. Rathmann/A. Börner, Die antiimperialistische demokratische Einheitsfront der Volkskräfte in der Vereinigten Arabischen Republik, in: Nordafrika und Nahost im Kampf für nationale und soziale Befreiung, a. a. O., S. 48—50. 4 A. Sobolew, Einige Probleme des sozialen Fortschritts in Afrika, in: G. Liebig, Nationale und soziale Revolution in Afrika, Berlin 1967, S. 106. 5 Siehe Kämil Asäli, Progressive Trends in Modern Arabic Thought (1798 — 1918), Berlin 1967, S. 2 6 3 - 3 3 3 . Diss. 6 Die ideologischen Auffassungen dieser Richtung, die mit dem liberalen muslimischen Modernismus korrespondiert, wurden insbesondere durch den irakischen Philosophen und Politiker al-Bazzäz geprägt. Vgl. 'Abd ar-Rahmän al-Bazzäz, Safahät al-sanä alquarib (Phasen der jüngsten Vergangenheit. Die Revolution des Irak, war sie unvermeidlich?), Beirut 1960; ders., Al-Isläm wa-'l-qumlya al-'arabiya (Der Islam und der arabische Nationalismus), Bagdad 1952; ders., Buhut al-qaumiya al-'arabiya (Untersuchungen des arabischen Nationalismus), Kairo 1962; ders., Islam and Arab Nationalism, in: Baghdad News, 19. 7. 1964. ' Siehe über den Kampf des Imperialismus gegen die nationaldemokratische Revolution: Lotfi El-Kholi, Der antiimperialistische Kampf in Afrika in der gegenwärtigen Etappe, in: G. Liebig, a. a. 0., S. 36—82.

560

LOTHAB RATHMANN

Jordanien und Libanon im Jahre 1958, die Stationierung der 6. US-Flotte im östlichen Mittelmeer, die permanenten Verschwörungen gegen die fortschrittlichen Regimes im arabischen Osten, die Politik der psychologischen Diversion und ökonomischen Erpressung sowie insonderheit die israelische Aggression vom Juni 1967 verwandelten die arabische Welt in einen Schauplatz unaufhörlicher imperialistischer Aggressionshandlungen und des Exports der Konterrevolution. Die Kompliziertheit der Bedingungen des Kampfes für die Sicherung und Vertiefung der nationalen Unabhängigkeit und die Gegenoffensive des Imperialismus und der mit ihm verbündeten inneren Reaktion verlangen nachdrücklich von den bewußten Kämpfern der potentiell revolutionären Klassen und sozialen Schichten im Interesse der Entwicklung der nationalrevolutionären Befreiungsbewegung im gesamtarabischen wie im nationalstaatlichen Rahmen eine intensive Tätigkeit zur Erforschung der theoretischen, politischen und taktischen Grundlagen des revolutionären Prozesses. Bedeutende Schritte in dieser Richtung wurden auf dem Seminar der afrikanischen Revolutionäre über Grundfragen der nationalen und sozialen Revolution in Afrika im Oktober 1966 in Kairo 8 und auf der Konferenz arabischer Sozialisten im Mai 1967 in Algier9 sowie durch die Kongresse der Arabischen Soziali» Siehe Konferenzprotokoll in at-Tall'a, Kairo, Nr. 11 u. 12/1966, Nr. 1/1967. » Siehe Révolution africaine, Organe Central du F. L. N., Algier, Nr. 224/225 (1967). — Das Seminar führte erstmals in der Geschichte der arabischen Befreiungsrevolution zu einer offenen, zumeist kameradschaftlichen Diskussion zwischen Kommunisten, Ba'tisten, V

linken Sozialisten (z. B. Anhängern von Akram al-Hauränl und Kamäl Gumblät) und Vertretern der ideologischen Positionen der ASU sowie der FLN. Das Seminar stellte sich eine begrenzte Aufgabe. Es wollte nach Auffassung des Vorbereitungskomitees die ideologischen Standpunkte in wichtigen Grundfragen darlegen und damit erste Voraussetzungen für konkrete Schritte auf dem Wege des Zusammenschlusses der sozialistischen Kräfte innerhalb jedes einzelnen arabischen Landes und später im gesamtarabischen Rahmen schaffen. Diese Aufgabenstellung wurde im wesentlichen erfüllt. Übereinstimmende Standpunkte ergaben sich vor allem in folgenden Grundfragen: — Der USA-Imperialismus ist der Hauptfeind der arabischen Befreiungsbewegung. In seiner aggressiven Politik im Nahen Osten wird er sekundiert vom britischen und vom westdeutschen Imperialismus. — Die arabische Revolution ist ein untrennbarer Bestandteil der antiimperialistischen Weltbewegung, die sie durch ihre Erfahrungen und Erfolge bereichert. Das sozialistische Weltlager ist der zuverlässige und natürliche Hauptverbündete der arabischen Befreiungsbewegung. Es leistet den arabischen Völkern uneigennützige und brüderliche Hilfe. Antagonistische Widersprüche zwischen dem sozialistischen Lager und den Entwicklungsländern sind undenkbar. — Der Antikommunismus ist ein Mittel des Imperialismus zur Spaltung der fortschrittlichen arabischen Reihen. — „Arabischer Sozialismus" bedeutet die Anwendung des wissenschaftlichen Sozialismus unter den spezifischen Bedingungen jedes einzelnen arabischen Landes. — Die werktätigen Massen sind die entscheidende Triebkraft der Revolution. Gegenwärtig übt die revolutionäre Intelligenz die Hegemonie in den fortgeschrittenen arabischen Ländern aus. Die Bourgeoisie ist unfähig geworden, die Revolution zu führen.

Bourgeoisie und nationaldemokratische Revolution in der arabischen Welt

561

stischen U n i o n (ASU) v o n 1968 und 1969 eingeleitet. Der Kreis der erörterten Probleme ist weit gezogen. Die Kardinalfragen, die sowohl den Dialog in Kairo und Algier b e s t i m m t e n als auch die gegenwärtigen Meinungsäußerungen der Vertreter der verschiedenen fortschrittlichen Richtungen, aus denen sich die komplizierte politische P a l e t t e der Nahostregion z u s a m m e n s e t z t , prägen, sind die nach d e m Charakter der auf der Tagesordnung stehenden Revolution 1 0 , nach den Kräften, die an ihr teiln e h m e n , nach der Einheitsfront u n d ihren vielfältigen F o r m e n , nach der Partei u n d den Klassen und Schichten, die Vorhut und H e g e m o n des revolutionären Prozesses sind, sowie nach d e m äußeren u n d inneren Hauptfeind, gegen den g e k ä m p f t w e r d e n m u ß . Eine Analyse des Meinungsaustausches offenbart, daß die arabischen R e v o l u tionäre große Anstrengungen unternehmen 1 1 , u m die Probleme der Übergangsperiode v o m Kapitalismus z u m Sozialismus zu meistern und der imperialistischen Aggression erfolgreich entgegenzutreten. Sie haben in w a c h s e n d e m Maße erkannt, d a ß ein Zurückbleiben in der Schaffung der notwendigen subjektiven Bedingungen für die

10

— Der kapitalistische Entwicklungsweg zeigt f ü r die arabischen Länder keine Perspektive. Der A u f b a u des Sozialismus ist auch bei Umgehung der kapitalistischen E n t wicklungsetappe möglich. Gegenwärtig verschmilzt die nationale mit der sozialen Revolution. Dieser Prozeß ist selbst f ü r jene arabischen Gebiete typisch, die heute noch unter der Herrschaft des Kolonialismus stehen. — Die Erringung der politischen Unabhängigkeit befreit die arabischen Länder noch nicht aus den Fesseln der imperialistischen Herrschaft. Die volle Souveränität k a n n erst im Kampf u m die ökonomische Befreiung durchgesetzt werden. Deshalb gewinnt der Kampf u m den Aufbau einer unabhängigen nationalen Volkswirtschaft entscheidende Bedeutung. — Der Zusammenschluß der sozialistischen Kräfte im gesamtarabischen R a h m e n — auf der Grundlage einer einheitlichen revolutionären Strategie und der antiimperialistischen Einheitsfront innerhalb jedes einzelnen arabischen Landes — ist angesichts der verschärften imperialistischen Aggressivität eine Hauptvoraussetzung f ü r weitere Erfolge der nationalen Befreiungsrevolution. In anderen Fragen wurden die Standpunkte dargelegt, ohne daß Übereinstimmung erzielt werden konnte. Dazu gehören vor allem die gleichberechtigte Zusammenarbeit mit den arabischen Kommunisten in der antiimperialistischen Einheitsfront (einige Delegierte vertraten in dieser Frage antikommunistische Positionen), die Charakterisierung des Hauptwiderspruchs unserer Epoche und die Einschätzung des gegenwärtigen Entwicklungsniveaus der nationalrevolutionären Befreiungsbewegung in den einzelnen arabischen Ländern. Der auf der Konferenz von Algier gefaßte Beschluß, eine zweite Diskussionsrunde der arabischen sozialistischen Organisationen in Damaskus durchzuführen, wurde noch nicht realisiert. Stattdessen fand zur Vorklärung bestimmter Fragen im November 1967 in Damaskus eine Expertendiskussion statt, an der teilnahmen: Dr. Muhammad Anis, Professor f ü r Zeitgeschichte an der Universität Kairo; Ahmad 'Abbäs Sälih, Herausgeber der Kairoer Revue al-Kätib; Sulaimän al-Güä, Erziehungsminister Syriens; Dr. Nägl Därawagi, Chefredakteur der al-Ba't; Muljammad al-Gündi, Direktor der alW a t a n Presse-Organisation; Husain 'Audat, Direktor der offiziellen syrischen Nach11 richtenagentur SANA. Siehe Anm. 9.

36 Studien

562

LOTHAR

RATHMANN

Sicherung der Revolution die Gefahr heraufbeschwört, daß in einer komplizierten Situation nicht die erforderliche K r a f t zum Sieg über die zum Gegenstoß angetretene Reaktion aufgebracht werden kann und zum Verlust der revolutionären Errungenschaften führt. Wir möchten im folgenden unsere Meinung zu einem Problem äußern, das zunehmende politische Bedeutung erlangt und von dessen Lösung die Entscheidung der Leninschen Frage „Wer — W e n ? " zugunsten der K r ä f t e des Fortschritts nicht unerheblich beeinflußt wird. E s ist die Frage nach dem Platz der Bourgeoisie im Block der Volkskräfte, innerhalb der nationaldemokratischen Front. Als Grundlage sollen die Erfahrungen der fortgeschrittenen arabischen Länder, vor allem der VAR 1 2 , dienen, denn sie sind die wichtigste Errungenschaft der Befreiungsbewegung, ihre Erfolge beeinflussen maßgeblich das Voranschreiten des revolutionären Prozesses im gesamtarabischen R a u m , wie ihre Unzulänglichkeiten und Rückschläge den fortschrittlichen Abteilungen und den Ergebnissen ihres Kampfes in jedem einzelnen arabischen Land zum Schaden gereichen. Von ausschlaggebender Bedeutung für einen erfolgreichen Verlauf der nationaldemokratischen Revolution ist die Schaffung einer demokratischen und revolutionären Staatsmacht, die in ihrer Gesamtheit auf der Höhe der Aufgaben der nichtkapitalistischen Entwicklung steht und den effektiven Einfluß der Volksmassen, insbesondere der Arbeiterklasse, garantiert. Die revolutionäre Praxis der fortgeschrittenen arabischen Länder zeigt, daß der Prozeß der Herausbildung eines Staates der nationalen Demokratie noch nicht abgeschlossen ist. Dem Übergang der V A R , Algeriens und Syriens zur nationaldemokratischen Revolution ging eine Periode scharfen Klassenkampfes voraus, in der sich schließlich die vom spontanen Drängen der Volksmassen nach sozialem Fortschritt unterstützten revolutionär-demokratischen Führungskräfte aus den kleinbürgerlichen Zwischenschichten und der Kleinbourgeoisie vor allem dank ihres Rückhalts in der Armee durchsetzten, denn ihre Positionen in den zivilen Bereichen des Staatsapparates fielen nicht ins Gewicht, ihre Parteien oder Organisationen waren weder politischideologisch noch strukturell festgefügt 1 3 , und im Gegensatz zur Bourgeoisie der kapitalistischen Länder, die schon vor der Machtübernahme starke Stellungen in der Ökonomie der feudalen Gesellschaft erobert hatte, war ihr ökonomisches Potential unbedeutend. Der Machtapparat, den sie vorfanden, war ein Bestandteil der ererbten kolonial deformierten Staatsmaschinerie, und die Bürokratie war an die feudal-kapitalistische Gesellschaft gebunden. Durch die Besetzung der entscheidenden Schlüsselpositionen in allen Bereichen der Staatsmacht wurden zwar qualitative Veränderungen eingeleitet, aber der neue Machtapparat — neu im Sinne des fortschrittlichen Charakters der politischen Macht, nicht im Hinblick auf die Zerschlagung und Überwindung der übernommenen reaktionären Staatsmaschinerie — 12

13

Siehe a u c h : Nordafrika und Nahost im K a m p f für nationale und soziale Befreiung, a. a. O. Siehe L. RalhmannjA. Börner, Die antiimperialistische demokratische Einheitsfront der Volkskräfte in der Vereinigten Arabischen Republik, ebenda, S. 82 ff.

B o u r g e o i s i e u n d n a t i o n a l d e m o k r a t i s c h e R e v o l u t i o n in der a r a b i s c h e n W e l t

563

war nicht organisch auf einer neuen Basis entstanden, sondern durch die Revolution der alten Basis „aufgepflanzt" worden, er wurde nicht von der gegebenen feudalkapitalistischen Basis bestimmt, sondern versuchte diese progressiv zu verändern. Mirskij und Pokataeva ist zuzustimmen, wenn sie darauf verweisen, daß „der politische Uberbau in ökonomisch zurückgebliebenen Ländern über einen weitaus größeren Grad an Selbständigkeit verfügt als das bei einem gesetzmäßigen, nicht vom Eindringen des Kolonialismus beeinflußten Prozeß der Ablösung einer gesellschaftlichen Formation durch eine andere der Fall ist." 1 4 Erst mit der Durchführung sozialökonomischer Maßnahmen zum Teil antikapitalistischen Typs, wie die Einschränkung der feudalen und halbfeudalen Verhältnisse durch Agrarreformen, die Verstaatlichung der im Besitz ausländischer Monopole und der einheimischen Großund teilweise auch Mittelbourgeoisie befindlichen Finanz-, Industrie- und Handelsunternehmen, die uneingeschränkte Kontrolle des Außenhandels und eines Teils des Binnenhandels, die Einführung des Planungsprinzips in die Leitung der Volkswirtschaft, griff der Staat in die Produktionsbeziehungen ein und schuf sich eine eigene ökonomische Basis. 1 5 Diese dominierende Stellung des Staates in der Leitung und Entwicklung der Wirtschaft begann sich entsprechend dem fortschrittlichen Charakter der revolutionär-demokratischen Macht gegen den Kapitalismus zu wenden und seine Wirksamkeit einzuschränken, ohne unmittelbar zum Sozialismus zu führen. Denn neben der neuen Basis, dem staatlichen und dem genossenschaftlichen Sektor, behaupten sich mit dem Sektor des Auslandskapitals und dem privatkapitalistischen Sektor Elemente der alten, der kapitalistischen Basis. Auf dieser sozialökonomischen Grundlage wird zum Hauptinhalt der nationaldemokratischen Revolution entsprechend dem Hauptwiderspruch unserer Epoche der Kampf zwischen den antikapitalistischen Kräften einerseits und dem Imperialismus und der ökonomisch und politisch entmachteten Bourgeoisie andererseits, der Kampf zwischen den alten, überlebten und den neuen, zukunftsträchtigen Sektoren der Basis, der Kampf zwischen sozialistischer und bürgerlicher Ideologie, der Kampf um die Errichtung einer echten revolutionär-demokratischen Diktatur des Volkes. Wenn in dieser Auseinandersetzung „die von den Formationen der Vergangenheit übriggebliebenen Sektoren" 1 6 auch mit dem Vorwärtsschreiten der Revolution zurückgedrängt werden, so kann doch ihre Existenz bei Vernachlässigung der revolutionären Wachsamkeit die Ausgangsbasis für Störaktionen des Imperialismus und der inneren Reaktion gegen den Übergang vom Kapitalismus zum Sozialismus werden. Bereits in der ersten Phase der nationaldemokratischen Revolution, als in allen drei Ländern trotz des unterschiedlichen Niveaus der sozialökonomischen Verhältnisse und des verschiedenartigen Charakters der politischen Macht auf der Grund14

15

16

r . MupcKuü/T. üoKamaeea, Kjiaccw h KJiaccoBan 6opt6a b pa3BHBaioii;nxcH CTpaHax i n : M i i p o n a n aKOHOMHKa h MejKAyHapoßHHe OTHOiiieHHH, M o s k a u , 2/1966, S. 60. Siehe H. GrieniglL. Rathmann, Der W e g der ä g y p t i s c h e n R e v o l u t i o n , i n : Die n a t i o n a l e B e f r e i u n g s b e w e g u n g . J a h r e s ü b e r s i c h t 1964, W i s s e n s c h a f t l i c h e Z e i t s c h r i f t der K a r l - M a r x U n i v e r s i t ä t L e i p z i g , gesellschafts- und s p r a c h w i s s e n s c h a f t l i c h e R e i h e , S o n d e r b a n d 1965, S. 71 ff. A. Sobolew, a. a. O., S. 107.

36*

564

LOTHAR RATHMANN

läge der sich verschärfenden Widersprüche der Kampf um die Entscheidung über den künftigen Entwicklungsweg entbrannte, erwies sich die nationale Bourgeoisie, obgleich sie ihre „ganze revolutionäre antiimperialistische Energie noch nicht ausgeschöpft hat" 1 7 , als unfähig, die Revolution zu führen und ihren Beitrag zur Lösung allgemeindemokratischer Aufgaben zu leisten. Ihre obersten Schichten beantworteten im Bündnis mit der Feudalreaktion das Drängen der Massen nach sozialökonomischem Fortschritt und die Orientierung der Kräfte der revolutionären Demokratie auf die Festigung der nationalen Unabhängigkeit durch grundlegende soziale und ökonomische Umgestaltungen mit einer Verschärfung des Klassenkampfes, mit Verschwörungen gegen die Revolution. In besonders klassischer Weise wurde die konterrevolutionäre Wandlung der Groß- und von Teilen der Mittelbourgeoisie zwischen 1958 und dem Übergang zur nichtkapitalistischen Entwicklung im Jahre 1961 in der VAR sichtbar. Mit der Nationalisierung der Suezkanalgesellschaft am 26. Juli 1956 und der Sequestrierung der gefährlichsten Gruppe des Auslandskapitals nach dem Scheitern der Suezaggression hatte sich die ägyptische Revolutionsführung einen staatlichen Sektor geschaffen, dessen Hauptinhalt der Antiimperialismus und die Entwicklung der Gesellschaft auf nationaler Basis waren und der zugleich im Unterschied zu Indien den Reifeprozeß nichtkapitalistischer Formen sichtbar machte, welche die VAR schließlich aus dem Rahmen des „klassischen" Kapitalismus herauslösten, ohne sie bereits auf den nichtkapitalistischen Weg zu führen. Die Zerschlagung der ökonomischen Fesseln, mit denen das internationale Monopolkapital die ägyptische Revolution zu erdrosseln suchte, war zur Kern- und Lebensfrage der Republik geworden. Die ägyptische Groß- und Mittelbourgeoisie unterstützte die Verstaatlichungsmaßnahmen, denn ihr Interesse an der eigenen Bereicherung sowohl auf dem inneren Markt als auch seit 1958 in der syrischen Region der VAR brachte sie zeitweilig in Gegensatz zur imperialistischen Konkurrenz. Diese von der J a g d nach Profit diktierte Haltung trug dazu bei, daß die revolutionäre Führung gegenüber der eigenen Großbourgeoisie Illusionen hegte, mit ihrer aktiven Teilnahme bei der Schaffung einer unabhängigen nationalen Volkswirtschaft rechnete und ihr in den Jahren 1957 bis 1960 entsprechende Unterstützung, insbesondere beträchtliche Steuerbegünstigungen gewährte. Auf diese Weise erzielten allein die Aktiengesellschaften der ägyptischen Textilindustrie mit einem Gesamtkapital von 20,5 Mill. L E im Jahre 1957 einen Profit von mehr als 5,1 Mill. LE. 1 8 Das profitsicherste Ausbeutungsobjekt sahen die verschiedenen Gruppen des rechten und zum Teil des mittleren Flügels der Bourgeoisie im staatlichen Sektor. Der um seine Entwicklungsrichtung geführte Klassenkampf verlief in den Jahren 1958 und 1959 zugunsten der ausbeuterischen Schichten, denen es gelang, bedeutende Positionen in einer Reihe von Wirtschaftszweigen zu besetzen und ihren privatkapitalistischen Interessen

17

18

Fuad Nassar, Der antiimperialistische Kampf der arabischen Völker, in: Probleme des Friedens und des Sozialismus, Berlin, 9/1966, S. 702. 'Abd al-Fatäh Haikai, Analyse des gegenwärtigen Standes und der Entwicklungstendenz der Industrialisierung in der VAR, Leipzig 1961, S. 164. Diss.

565

Bourgeoisie und nationaldemokratische Revolution in der arabischen Welt

unterzuordnen. Die Misr-Gruppe kontrollierte 30 Prozent des Kapitals der Economic Development Organization. 19 Der Aufsichtsrat der staatlichen Banque Industrielle, ein Hauptinstrument zur Finanzierung der Betriebe des staatlichen Sektors, wurde vor allem durch erfahrene Großkapitalisten der Misr-Gruppe besetzt. Auch in den Aufsichtsräten der ägyptisierten britischen und französischen Großbanken, wie Crédit Lyonnais, Barclays Bank, Ottomanbank, Crédit Foncier Egyptien, Banque d'Orient, Comptoir National d'Escompte de Paris, Land Bank of Egypt u. a., dominierten nunmehr die Vertreter der ägyptischen Großbourgeoisie. Mit Hilfe dieser einflußreichen Positionen im Finanzsektor beeinflußte die Bourgeoisie nicht nur die Investitionspolitik in Richtung einer privatkapitalistischen Deformierung des staatlichen Sektors, sondern verstärkte auch ihren Einfluß im Außen- und Binnenhandel. Eine eindeutige Vormachtstellung errang die Misr-Gruppe jedoch im führenden Industriezweig des Landes, der Textilindustrie. Im Jahre 1958 waren die Misr-Banken mit 64 Mill. LE am Gesamtwert der Textilproduktion von 107,7 L E beteiligt. 2,6 Mill. LE, d. h. 40 Prozent des Nettoprofits im Bereich der Textilindustrie, buchten sie zu ihren Gunsten, und 40000 Arbeiter, d. h. 38,8 Prozent der in der Textilindustrie beschäftigten Arbeiter, wurden in den Gesellschaften des Konzerns ausgebeutet. 20 Diese starke Finanzgruppe, der insgesamt 40 Gesellschaften in den verschiedenen Sektoren der Volkswirtschaft angeschlossen waren, wurde von einer kleinen Zahl einflußreicher Großkapitalisten kontrolliert, wie Ahmad 'Abüd, 'Allmin Yahyä, Muhammad Fargäll, Muhammad Rusdai, die schon vor der Revolution von 1952 die korrupten Kabinette dirigiert hatten. Die Stärkung der ökonomischen Positionen der Großbourgeoisie nach der Sequestrierung des Auslandskapitals beschleunigte den Prozeß der Konzentration der Produktion und des Kapitals. Der Anteil der Großbetriebe an der Produktion des industriellen Sektors und der Gesamtzahl der Arbeitskräfte wird durch folgende Tabelle wiedergegeben: Das Kapital der im Privatbesitz befindlichen Industriegesellschaften erhöhte sich von 45,9 Mill. LE im Jahre 1955 auf 123,7 Mill. LE im Jahre 1960. Der privatKonzentration Betriebe m i t . . . Arbeitskräften in Prozent 1 0 - 4 9 Arb. kr. 79 50—499 Arb. kr. 19 über 500 Arb. kr. 2

der Arbeitskräfte

und der Produktion

Anteil an der Gesamtzahl der Arbeitskräfte in Prozent 19 32 49

im Jahre

1958n

Anteil an der GesamtProduktion in Prozent 17 32 51

" Ebenda, S. 26320 Magall al-bank Masr, Kairo, März 1960, S. 46. 21 Ch. Issawi, Egypt in Revolution. An Economic Analysis, Oxford University Press, London/New York/Toronto 1963, S. 174.

566

LOTHAB RATHMANN

kapitalistische Sektor der Volkswirtschaft behauptete nicht nur seine dominierende Stellung, er wuchs rascher als der staatliche Sektor: Anteil am

P r i v a t k a p i t a l i s t . Sektor Staatlicher Sektor

Nationaleinkommen 22 (in Mill. L E ) 1957

1958

1959

1960

772,0 200,4

854,2 239,6

935,6 266,8

988,0 279,6

Die Profite der Groß- und Mittelbourgeoisie, insbesondere jener Kapitalistengruppen, die über die sogenannten Kontrollpakete in den Aktiengesellschaften verfügten, nahmen ständig zu. So stiegen die Nettoprofite der Aktionäre in 90 Gesellschaften von 9,7 Mill. L E im Jahre 1953 auf 18 Mill. L E im Jahre 1958. 23 Im Ergebnis dieser sprunghaften Vermehrung ihres persönlichen Reichtums und der Befriedigung ihrer engen Klasseninteressen entäußerten sich in den Jahren 1959 und 1961 die oberen Schichten der Bourgeoisie ihrer antiimperialistischen Potenz, stellten sich in zunehmendem Maße gegen die nationalen Interessen des Landes, wechselten als Klassenfraktion in das Lager der inneren Konterrevolution über und arrangierten sich mit dem Neokolonialismus. Sie forderten eine Reprivatisierung der rentablen Betriebe des staatlichen Sektors, stemmten sich gegen eine Erweiterung der Akkumulationsressourcen, sabotierten den Übergang zu einer umfassenden Wirtschaftsplanung und verhinderten die Verbesserung der Lage der Volksmassen. Das Ausmaß der sozialen Ungleichheit zeigte sich darin, daß im Jahre 1958 nur 1,56 Prozent der Gesamtbevölkerung des Landes ungefähr 35 Prozent des Nationaleinkommens realisierten. 24 Jede fortschrittliche Maßnahme der Regierung, die auf die Lösung unaufschiebbarer ökonomischer und sozialer Fragen gerichtet war, traf auf den Widerstand der großbourgeoisen Interessen, und je mehr diese kapitalistischen Kräfte ihre ökonomische Machtstellung auszubauen vermochten, desto stärker wurde im Bunde mit dem Neokolonialismus ihr Druck auf die Regierung, desto unverfrorener meldeten sie ihren Anspruch auf die Staatsmacht an, desto zielstrebiger bereiteten sie in beiden Regionen der VAR den konterrevolutionären Putsch vor. Die Entwicklung der ägyptischen Revolution beweist, daß jene Gruppen der nationalen Kapitalisten, die allmählich den Charakter einer Monopolbourgeoisie annehmen, auf Grund des Wirkens der ökonomischen Gesetzmäßigkeiten des Imperialismus zur Kooperation mit dem Imperialismus gedrängt werden und damit nicht nur ihre Rolle als eine Triebkraft der nationalen Revolution verlieren, sondern häufig im Interesse der Sicherung ihres Profits nationalen Verrat begehen. 25 Unter dem Eindruck dieser gegenrevolutionären Offensive der mit dem Neokolonialismus verbündeten kapitalistischen Kräfte wurden die Illusionen der Revolu22 23 24 25

Magalla al-bank al-Markazi, Kairo, Nr. 3 u. 4 (1964), S. 312. Magalla al-bank as-Sinä'I, Kairo, Nr. 1 (1958/1959), S. 196. Vgl. Ch. Issawi, a. a. O., S. 120. Über die Einstellung der nationalen Bourgeoisie z u m sozialen Fortschritt in anderen arabischen L ä n d e r n siehe: Kh. Bagdache, F r a g e n der nationalen Befreiungsbewegung in

B o u r g e o i s i e u n d n a t i o n a l d e m o k r a t i s c h e R e v o l u t i o n in d e r a r a b i s c h e n W e l t

567

tionsführung gegenüber dem rechten Flügel der nationalen Bourgeoisie zerstört. 2 6 Die Logik und die Erfahrungen des Klassenkampfes bewirkten, daß die ägyptische Staatsführung die Erkenntnis gewann, daß auf der Grundlage der kapitalistischen Produktionsweise der Revolution ein entscheidender Rückschlag drohte und ihre Weiterführung nur durch eine eindeutig sozialistische Orientierung gesichert werden konnte. Durch den Übergang der V A R , Algeriens und Syriens in die nichtkapitalistische Phase der nationaldemokratischen Revolution vollzog sich eine Veränderung der Klassenstruktur dieser Länder zuungunsten der oberen Schichten der Bourgeoisie. Der Hauptinhalt der Verstaatlichungsgesetze richtete sich nunmehr gegen die ausbeuterischen Kräfte des einheimischen Kapitalismus. Die antikapitalistischen Maßnahmen in allen drei Ländern führten dazu, daß der S t a a t alle Schlüsselpositionen in der Wirtschaft besetzte. Der staatliche Sektor umfaßte nunmehr bis zu 90 Prozent der Industrieproduktion, das gesamte Bank-, Versicherungs- und Transportwesen und den Außenhandel und wurde damit zur dominierenden Abteilung der Ökonomik. Der Privatsektor lieferte zwar noch einen beträchtlichen Teil des Nationaleinkommens, aber er setzte sich in den nichtagraren Zweigen der Volkswirtschaft außer im Bereich der Zirkulationssphäre im wesentlichen aus einer Vielzahl kleiner Kapitalisten zusammen, denen die ökonomische und politische Macht fehlte, den Charakter der nationalen Volkswirtschaft zu prägen. Die revolutionäre Führung der drei arabischen Länder war mit Unterstützung der Massen aus dem Klassenkampf gegen den rechten Flügel der Bourgeoisie als Sieger hervorgegangen. 2 7 Die Groß- und teilweise auch die Mittelbourgeoisie wurde ökonomisch entmachtet, als Klassenfraktion geschlagen, politisch isoliert und damit in ihrer konterrevolutionären Wirksamkeit eingeengt. Mangels eigener schlagkräftiger politischer Organisationen zum offenen Widerstand insbesondere in der V A R unfähig, ging sie ihrer Ausbeuterrolle weitgehend verlustig. Diese radikalen progressiven Veränderungen in der Basis und die ökonomische und politische Entmachtung der obersten Schichten der Bourgeoisie veranlaßten nicht wenige Vertreter der revolutionären Demokratie dazu, die Kompliziertheit der Übergangsperiode vom Kapitalismus zum Sozialismus und die Gefahr konterrevolutionärer Gegenaktionen zu unterschätzen und die nationaldemokratische Revolution irrtümlicherweise mit der sozialistischen Revolution zu identifizieren. Für sie Syrien, in: Probleme des Friedens und des Sozialismus, a . a . O . , 6/1968, S. 731 ff.; Ali Yata, M a r o k k o : E i n h e i t — W e g z u r F e s t i g u n g d e r n a t i o n a l e n U n a b h ä n g i g k e i t u n d D e m o k r a t i e , e b e n d a , 3 / 1 9 6 8 , S . 308 f f . ; H.Abdallah, S u d a n : D e r K a m p f f ü r die D e m o k r a t i e g e h t weiter, e b e n d a , 2 / 1 9 6 6 , S . 133 f f . ; M. Harrnel, E s g i b t n u r einen w i s s e n s c h a f t l i c h e n S o z i a l i s m u s , i n : A u s der i n t e r n a t i o n a l e n A r b e i t e r b e w e g u n g , B e r l i n , 1 0 / 1 9 6 8 , S . 22 ff. 26 2

S i e h e H. Grienig/L.

Rathmann,

a . a. O., S . 7 9 f .

' Ü b e r die s p e z i f i s c h e n E n t w i c k l u n g s b e d i n g u n g e n der a l g e r i s c h e n R e v o l u t i o n siehe H.

B. Daubert, D e r M e c h a n i s m u s d e r o b e r s t e n S t a a t s o r g a n e A l g e r i e n s n a c h d e r V e r f a s s u n g v o n 1 9 6 3 , i n : N o r d a f r i k a u n d N a h o s t i m K a m p f f ü r n a t i o n a l e u n d soziale B e f r e i u n g , a . a. O., S . 140 ff.

568

LOTHAR RATHMANN

hatten die Volkskräfte bereits die führende Rolle in der antiimperialistischen Einheitsfront übernommen, die nationaldemokratischen Parteien waren auf dem besten Wege, sich in avantgardistischen Organisationen zu verwandeln, Armee und Sicherheitskräfte galten uneingeschränkt als Klassenkampfinstrumente der Revolution, und ein Thermidor war nach diesen Einschätzungen allenfalls durch den Export der Konterrevolution zu befürchten. Auf dem Kairoer Seminar und der Konferenz von Algier waren jedoch erstmals warnende Stimmen zu vernehmen. Während ein Teil der Sprecher die Entwicklung in den fortgeschrittenen arabischen Staaten ohne Einschränkung als Ausdruck einer planmäßigen Vertiefung und Weiterführung der sozialen Revolution bezeichnete, lenkten andere im Interesse der Sicherung der revolutionären Errungenschaften die Aufmerksamkeit nicht nur auf entstandene Disproportionen zwischen Akkumulation und Konsumtion, zwischen der Entwicklung der produktiven und der unproduktiven Bereiche der Ökonomie, das Zurückbleiben der Arbeitsproduktivität hinter den vorgegebenen Planziffern, sondern auch auf die ungenügende Synchronisation des Basis-und-Überbau-Prozesses durch das bedenkliche Zurückbleiben nationaldemokratischer Umgestaltungen im Überbaubereich und wachsende Widersprüche im Lager der nationaldemokratischen Kräfte. 2 8 Der Rückschlag vom Juni 1967 und die ihm folgenden Ereignisse bestätigten nachdrücklich diese kritischen Einschätzungen. Jetzt wurden alle Widersprüche der von der Aggression betroffenen fortgeschrittenen Staaten explosionsartig sichtbar, auch die Gefahren, die sich aus der Haltung bestimmter Gruppen der Bourgeoisie im Prozeß der nichtkapitalistischen Entwicklug ergaben. Insbesondere ließen sich seit der Ausschaltung der großbourgeoisen Fraktionen in bezug auf die Bourgeoisie zwei Grundtendenzen beobachten: 1. Die Bourgeoisie des privaten Sektors vermochte ihre ökonomischen Positionen bedeutend auszubauen. Begünstigt durch die erste antifeudale Bodenreform, entwickelte sich in der VAR aus den oberen Schichten der Bauernschaft eine Agrarbourgeoisie, die zahlenmäßig von 22000 im Jahre 1952 auf 29000 im Jahre 1964 stieg, 13,3 Prozent der landwirtschaftlichen Kulturfläche ihr eigen nennt und durch ihren erheblichen Anteil an der Marktproduktion von Baumwolle und Reis 50 Prozeht des Nationaleinkommens des Agrarsektors behauptet. 29 Der größte Teil der in der VAR-Landwirtschaft eingesetzten Traktoren befindet sich im Besitz der bäuerlichen Oberschicht. 30 60 Millionen L E an Kreditzahlungen kamen seit der ersten Bodenreform von 1952 dieser Schicht zugute. 31 Diese Entwicklung führte dazu, daß der kapitalistische Sektor in der Landwirtschaft der VAR seine Positionen zum Teil zu behaupten vermochte. 28

Siehe insbesondere F. Murst,

The Alliance of the Working People's Forces. S e m i n a r

Africa — National a n d Social Revolution, K a i r o , Oktober 1966, Reference 1 0 ;

al-Gunaim,

Agrarian Problems in Africa, ebenda, Reference 6.

28

Adil al-Gunaim,

80

F. Mursi,

ebenda.

a. a. O., S. 24.

Adil

Bourgeoisie und nationaldemokratische Revolution in der arabischen Welt

569

Im nichtagraren Zweig der Volkswirtschaft vollzog sich eine Erhaltung der kapitalistischen Positionen im Großhandel und im Bauwesen. Während die Großhändler noch 1964 75 Prozent des Binnenhandels beherrschten, wurden 70 Prozent aller Bauarbeiten im Gesamtwert von 700 Millionen L E , das sind 47 Prozent der Gesamtinvestitionen des Fünfjahrplanes von 1960—1965, durch den Privatsektor ausgeführt. 32 Durch die wucherische Praxis einiger Kapitalisten zeigte die Preisentwicklung dieses Sektors zwischen 1969 und 1965 eine steigende Tendenz. 33 Die politische Haltung dieser bourgeoisen Gruppierung zur nationaldemokratischen Revolution muß sehr differenziert eingeschätzt werden. Ein echter Partner im Ringen um die Sicherung und Fortsetzung der nichtkapitalistischen Entwicklung ist die Mehrzahl der nationalen Kapitalisten im produktiven Sektor der Industrie. Diese Besitzer mittlerer und vor allem kleiner Unternehmen, die als der schwächste Teil der alten Kapitalistenklasse dem mächtigen Druck des Imperialismus und der eigenen Großbourgeoisie ausgesetzt waren, stehen zwar als Kapitaleigentümer den revolutionären Eingriffen in die alten Machtverhältnisse mit Vorbehalten gegenüber, blieben aber in ihrer Mehrheit der antiimperialistischen Grundhaltung treu und bringen ihre ökonomischen Interessen in Einklang mit der nationaldemokratischen Entwicklung. 34 Einige Kapitalisten des Bauwesens sowie des Großhandels die Grundstücksspekulanten entwickelten sich dagegen in zunehmendem Maße zu einer parasitären Kapitalistenschicht. Sie eigneten sich einen erheblichen Teil des Nationaleinkommens an, ohne an seiner Vergrößerung teilzunehmen, organisierten den „Schwarzen Markt" und suchten den staatlichen Sektor in eine Quelle der Akkumulation für den privaten Sektor zu verwandeln, sich der Pflicht notwendiger Opfer zu entziehen und ihre Klassenprivilegien zuungunsten der Interessen der Nation zu erweitern. Im Gegensatz zu den Kleinhändlern und Handwerkern des Basars begänne sich die reaktionärsten Vertreter dieser Schicht zu einer „Fünften Kolonne" des Imperialismus im Lager der Volkskräfte zu entwickeln. 35 Das gleiche gilt für jene zahlenmäßig kleine Schicht der Agrarbourgeoisie, die sich hinsichtlich ihrer Klassenziele mehr und mehr den entmachteten Großgrundbesitzern näherte und der sich allmählich vollziehenden Änderung des politischen Kräfteverhältnisses auf dem Lande zugunsten der landlosen und landarmen Bauern erbitterten Widerstand entgegensetzte. 36 2. Eine politische und soziale Hauptgefahr für die nichtkapitalstische Entwicklung liegt in der Tätigkeit der bürokratischen Bourgeoisie. 37 Die Tatsache, daß der Kampf um die Schaffung eines neuen, revolutionärdemokratischen Staatsapparates aus objektiven wie subjektiven Gründen nicht 31

32

34

Ebenda.

Adil al-Gunaim, haul qadiya al-tabaqa al-gadlda fl Misr (Über die neue Klasse in Ägyp3 3 F. Mursü, a. a. O., S. 23. ten), in: at-Tali'a, Februar 1967. Siehe auch L. Rathmann, Die nationaldemokratische Entwicklung im arabischen Raum, a. a. O., S. 1369f. »» Ebenda.

570

LOTHAB RATHMANN

m i t der Zerschlagung der a l t e n r e a k t i o n ä r e n kolonial-deformierten S t a a t s m a s c h i nerie s o f o r t eine k l a s s e n m ä ß i g gesicherte Ausgangsbasis erhielt, s o n d e r n in einem r e l a t i v l a n g e n P r o z e ß vor allem d u r c h die allmähliche V e r ä n d e r u n g des sozialen Z u s a m m e n s e t z u n g der K a d e r des S t a a t s a p p a r a t e s , seiner S t r u k t u r u n d der P r i n zipien seiner O r g a n i s a t i o n vollzogen w e r d e n soll, b e g ü n s t i g t e n i c h t n u r die K o n s e r v i e r u n g traditioneller b ü r o k r a t i s c h e r T e n d e n z e n , sondern die F o r m i e r u n g n e u e r b ü r o k r a t i s c h e r K r ä f t e , d e n e n z u m Teil bourgeoise Züge eigen sind u n d die sich in sozialer u n d politisch-ideologischer H i n s i c h t g r u n d l e g e n d v o n der H a u p t m a s s e der kleinen Angestellten u n t e r s c h e i d e n , die ein d y n a m i s c h e s E l e m e n t der Gesellschaft bilden, d e m P r o l e t a r i a t n a h e s t e h e n , ohne m i t i h m zu verschmelzen, die z w a r leicht nationalistischen Einflüssen erliegen, a b e r d u r c h a u s in der Lage u n d z u m Teil a u c h bereit sind, die Ideologie der r e v o l u t i o n ä r e n Arbeiterklasse in sich a u f z u n e h m e n . Die b o u r g e o i s - b ü r o k r a t i s c h e n G r u p p i e r u n g e n — in der s o w j e t i s c h e n Historiographie wird f ü r sie z u n e h m e n d der T e r m i n u s „ b ü r o k r a t i s c h e Bourgeoisie" angew a n d t —, d e r e n S t ä r k e sich n i c h t v o m Besitz a n P r o d u k t i o n s m i t t e l n , s o n d e r n v o n der A u s ü b u n g o f t einflußreicher F u n k t i o n e n in den v e r s c h i e d e n e n Bereichen des S t a a t s a p p a r a t e s einschließlich der Armee u n d der Polizeikräfte, a u c h in d e n politischen O r g a n i s a t i o n e n , herleitet, e n t w i c k e l t e n sich — P r ä s i d e n t Nasser s p r a c h wiederholt v o n einer geheimen, u n s i c h t b a r e n k o n t e r r e v o l u t i o n ä r e n F r o n t — zu einer e c h t e n politischen u n d sozialen G e f a h r f ü r die W e i t e r f ü h r u n g der R e v o l u t i o n . W e n n a u c h in ihrer ideologischen H a l t u n g n i c h t h o m o g e n , so lassen sich doch zwei H a u p t g r u p p i e r u n g e n e r k e n n e n : Die eine R i c h t u n g l e h n t z w a r den K a p i t a l i s m u s als W e g des F o r t s c h r i t t s a b u n d b e k e n n t sich a u c h zu einer A r t Sozialismus n a t i o n a l e n T y p s , a b e r f ü r sie ist der Sozialismus n u r eine p r a k t i s c h e M e t h o d e zur L ö s u n g technologischer Prozesse auf der G r u n d l a g e der V e r s t a a t l i c h u n g der wichtigsten P r o d u k t i o n s m i t t e l . Die a n d e r e R i c h t u n g s t e h t weiter r e c h t s . Sie f o r d e r t die E i n f r i e r u n g der R e v o lution. Sie e n t f a l t e t eine b r e i t e A k t i v i t ä t zur persönlichen Bereicherung, i n v e s t i e r t ihre g e h o r t e t e n R e i c h t ü m e r v o r allem i m p r i v a t k a p i t a l i s t i s c h e n Sektor u n d s u c h t den s t a a t l i c h e n Bereich der W i r t s c h a f t in seinen Dienst zu stellen, u m schließlich eine A r t S t a a t s k a p i t a l i s m u s zu errichten. Beiden R i c h t u n g e n g e m e i n s a m ist die F u r c h t vor einer D e m o k r a t i s i e r u n g des S t a a t s a p p a r a t e s u n d der S c h a f f u n g einer a v a n t g a r d i s t i s c h e n P a r t e i . Sie b e t r a c h t e n die E i n b e z i e h u n g der Massen in die L e n k u n g u n d L e i t u n g der V o l k s w i r t s c h a f t als einen u n e r l a u b t e n Eingriff in die E n t s c h e i d u n g s b e f u g n i s s e der „ E l i t e " . Sie l e h n e n den K l a s s e n k a m p f ab, erklären die soziale Z u s a m m e n a r b e i t zur T r i e b f e d e r der gesellschaftlichen E n t w i c k l u n g , stellen sich d e m wissenschaftlichen Sozialismus entgegen, v e r l a n g e n eine R ü c k k e h r z u m bürgerlichen P a r l a m e n t a r i s m u s u n d f o r d e r n eine politische, ideologische u n d ökonomische A n n ä h e r u n g a n d e n I m p e r i a l i s m u s . C6

Ebenda. Siehe auch H. Grienig, Probleme der genossenschaftlichen Entwicklung in den Ländern des arabischen Ostens unter besonderer Berücksichtigung der VAR, in: Nordafrika und Nahost im Kampf für nationale und soziale Befreiung, a. a. O., S. 103 ff. a ' Siehe dazu insbesondere die grundlegenden Darlegungen von Adil al-Gunaim, a. a. O.

Bourgeoisie und nationaldemokratische Revolution in der arabischen Welt

571

Diese konterrevolutionären Losungen sind nicht originell. Ihre ideologische Verwandtschaft m i t den imperialistischen und revisionistischen Theorien und K o n zeptionen von der „pluralistischen Industriegesellschaft", der „Entideologisier u n g " der Gesellschaft, der Verabsolutierung der Rolle der „ T e c h n o k r a t e n " , von der „ R e v o l u t i o n der M a n a g e r " und der Negierung der Rolle der Arbeiterklasse ist offensichtlich. Hier findet die politische Strategie des Imperialismus, insbesondere des U S A - und des westdeutschen Imperialismus, auf konvergenztheoretischen Illusionen aufzubauen, ihre klassenmäßigen Ansatzpunkte. An diese K r ä f t e und ihre nationalistischen Positionen knüpfte der Imperialismus besonders n a c h dem Scheitern der fortschrittsfeindlichen Ziele der Aggression v o m J u n i 1967 an, um doch noch die kapitalistische R e s t a u r a t i o n zu erzwingen. Zusammenfassend sei auf einige bemerkenswerte Ergebnisse dieser o b j e k t i v gegenrevolutionären Aktionen in den J a h r e n 1961 bis zur Aggression im J u n i 1967 in der V A R verwiesen: In der N a t i o n a l c h a r t a von 1962 3 8 und der provisorischen Verfassung v o n 1 9 6 4 wurde die Arbeiterklasse als tragende T r i e b k r a f t der Revolution a n e r k a n n t und ihr das R e c h t zugesprochen, zusammen mit der werktätigen B a u e r n s c h a f t 50 Prozent der Sitze in allen Vertretungskörperschaften zu besetzen und an der Leitung und Verwaltung des staatlichen Sektors a k t i v mitzuwirken. Aber zwischen diesem juristisch fixierten Mitbestimmungsrecht der Arbeiterklasse und ihrer tatsächlichen Beteiligung an der Ausübung und Kontrolle der nationaldemokratischen Macht bestand ein Mißverhältnis. U n t e r B e r u f u n g auf die Definition der N a t i o n a l c h a r t a , die alle Lohn- und Gehaltsempfänger als A r b e i t e r bezeichnet, wurden m i t geringen Ausnahmen die der Arbeiterklasse zustehenden Sitze in der Nationalversammlung durch nichtproletarische K r ä f t e besetzt. Besonders h a r t n ä c k i g e n Widerstand setzte die bürokratische S c h i c h t der Veränderung des politischen Kräfteverhältnisses im Dorf zugunsten der landlosen und landarmen B a u e r n entgegen, um der Revolution die Massenbasis zu entziehen. U n t e r Ausnutzung ihrer Positionen in den lokalen k o m m u n a l e n Einrichtungen gelang es ihr in einigen Dörfern zum Teil m i t Erfolg, den Prozeß der revolutionären Umgestaltung des Verwaltungssystems zu hintertreiben und einflußreiche F u n k t i o n e n selbst oder unter Anwendung des ökonomischen Drucks m i t hörigen E l e m e n t e n zu besetzen. 3 9 Innerhalb der A S U leistete die bürokratische S c h i c h t W i d e r s t a n d gegen die Umwandlung dieser Organisation in ein politisches I n s t r u m e n t der werktätigen Massen. Die E r f a h r u n g e n des Klassenkampfes haben die nationalrevolutionären Führungskader der V A R gelehrt, daß in einem L a n d m i t ausgeprägten Klassendifferenzierungen eine Nationale F r o n t mit bunter sozialer Zusammensetzung, loser Organisationsform und verschwommenen ideologischen Positionen n i c h t in der L a g e ist, den komplizierten Prozeß der nationaldemokratischen Revolution zu führen. 4 0 38

Nationalcharta der Vereinigten Arabischen Republik, Informationsamt der VAR, Kairo 1963.

572

LOTHAB RATHMANN

In den Streitkräften äußerte sich die der antikapitalistischen Entwicklung entgegensetzte Position der militärbourgeoisen Schicht vor allem im Widerstand gegen die sozialistische Bewußtseinsbildung der Soldaten, Mannschaftsdienstgrade und Offiziere, in der Bekämpfung der politischen Tätigkeit der ASU innerhalb der Streitkräfte, dem Festhalten an nationalistischen Konzeptionen mit antikommunistischen Ressentiments und der Negierung der Forderung der Nationalcharta, 50 Prozent der Schüler der Militärakademien aus der Arbeiterklasse und der werktätigen Bauernschaft zu rekrutieren. 4 1 Die Fäden dieser gegenrevolutionären Tendenzen liefen in den Büros von Marschall 'Abd al-Hakim 'Amir und Kriegsminister Sams Badrän zusammen, die sich spätestens seit 1964 zu einem zweiten Machtzentrum entwickelten. 42 Eine Analyse der Entwicklung zeigt, daß kapitalistische Kräfte in der VAR — ermuntert durch den wachsenden Druck des Imperialismus — besonders zwischen 1964 und 1967 versuchten, zur Offensive überzugehen. Die Tendenz der bourgeoisen Unterwanderung des Staatsapparates und des staatlichen Sektors und damit der Entwicklung des Kapitalismus gewissermaßen auf Umwegen wurde zu einer echten Gefahr. Durch den Einfluß und die Wirksamkeit bourgeoiser Kräfte begann sich ein gefährlicher Widerspruch zwischen den objektiven Erfordernissen der nichtkapitalistischen Entwicklung und dem Fehlen eines auf allen Ebenen antikapitalistischen Machtapparates zu entwickeln. Unmittelbar nach dem militärischen Rückschlag im Juni 1967 orientierte sich die innere Reaktion in Übereinstimmung mit dem Imperialismus auf den Sturz des revolutionären Regimes. Es ist heute erwiesen, daß am 8. Juni 1967 führende Vertreter der ägyptischen Militärbourgeoisie 'Abd an-Näsir zum Rücktritt drängten, um die kapitalistische Restauration vorzubereiten. Dieser Anschlag scheiterte an der einzigartigen Demonstration der Massen vom 9. und 10. Juni 43 , die durch ihre spontane Aktion den antikapitalistischen Führungskräften ermöglichten, sich zu konsolidieren, einem zweiten Putschversuch bourgeoiser Militärs am 27. August 44 zuvorzukommen und durch die Verhaftung mehrerer hundert reaktionärer Offiziere die Spitzenkräfte der Militärbourgeoisie auszuschalten. Nach dem Selbstmord 'Ämirs brach das Machtzentrum auseinander, um das sich diese vom Volk isolierte militärbürokratische Schicht gruppiert und eine Art Doppelherrschaft errichtet hatte. 39

40 41

42

Siehe L. Rathmann/A. Börner, Die antiimperialistische demokratische Einheitsfront der Volkskräfte in der Vereinigten Arabischen Republik, a. a. O., S. 54—61. Ebenda, S. 82 ff. Siehe auch L. Rathmann, Über die Rolle der Armee in der ägyptischen Revolution, in: Zeitschrift für Militärgeschichte 2/1968. Siehe zu dieser Frage: Ahmad HamrüS, (Nationaler Verrat), in: Ahbär al-Yaum, Kairo, 26. 2. 1968; Muhammad Anis, (Die Sicherung der inneren Front durch die sozialistische Revolution), in: al-Gumhürlya, Kairo, 7. 3. 1968. Darin heißt es: „Im Prozeß gegen Badrän wurde offensichtlich, daß sich die Militärbourgeoisie seit der Deklaration der sozialistischen Gesetze von 1961 zu konsolidieren begann und in den letzten Jahren ihre Positionen stärkte. Die Schlußfolgerung muß sein, die ägyptische Nationalarmee von der Militärbourgeoisie zu befreien und sie auf den Weg der Revolution zu führen."

Bourgeoisie und nationaldemokratische Revolution in der arabischen Welt

573

Die bürokratische Bourgeoisie im zivilen Bereich verfügte in den Tagen nach der Aggression über keine organisierten Kräfte zum Angreifen, zumal die Straßen von den Massen beherrscht wurden. In Übereinstimmung mit dem Imperialismus, der traditionellen Reaktion und den parasitären Elementen des einheimischen Kapitals sah sie sich nach der Ausschaltung der putschenden Offiziere zunächst gezwungen, mit den bisherigen Methoden ihre revolutionsfeindliche Tätigkeit fortzusetzen, die vor allem mit den Forderungen auf Erhöhung der Aktionsmöglichkeiten für das Privat- und Auslandskapital, die Herabsetzung des ökonomischen Entwicklungstempos, verstärkte Kapitalinvestitionen monopolkapitalistischer Gesellschaften und Steigerung der Arbeitsproduktivität durch Entlassung von Arbeitskräften aus dem staatlichen Sektor gegen die nichtkapitalistische Basis der nationaldemokratischen Revolution und auf eine Annäherung an den Imperialismus und mit den Störmanövern gegen die ASU und den Losungen „Freiheit der Kritik" und „Rückkehr zum parlamentarischen Leben" gegen die Umwandlung der politischen Macht in ein Instrument des werktätigen Volkes zielte. Die „Politik der Balance", welche die politische Aktivität der Massen unorganisiert ließ, arbeitete für die Konterrevolution, die einen heftigen, teils offenen, teils versteckten Klassenkampf gegen die Revolution entfesselte. Neben den antikapitalistischen Kräften in der VAR-Führung begann sich ein neues paralleles Machtzentrum im zivilen Bereich der Staatsmacht zu entwickeln, das zielgerichtet darauf hinarbeitete, die Weiterführung der nichtkapitalistischen Entwicklung zu verhindern. Die Unzufriedenheit mit dieser Entwicklung war die tiefe Ursache der Protestdemonstrationen der Arbeiter des Stahlwerks von Heluan am 21. Februar 1968. 45 Diese spontane, von fortschrittlichen ASU-Kadern in die richtige Stoßrichtung gelenkte Aktion im Zentrum der VAR-Industrie war ein weiterer Beweis für den gewachsenen politischen Reifegrad der Vorhut der ägyptischen Arbeiterklasse, des Industrieproletariats, seine Entschlossenheit, die Errungenschaften der Revolution zu verteidigen, aber auch für den Unwillen über die ausbleibenden revolutionären Veränderungen. Auch die Ausgangspositionen der Studentendemonstrationen vom 22. bis 25. Februar 196846 waren im Kern positiv und zielten zunächst ebenfalls mit den Forderungen nach einer revolutionären Umgestaltung des Staatsapparates und der ASU auf eine Sicherung und Vertiefung der nichtkapitalistischen Entwicklung ab. Aber im Verlauf der Studentenaktionen gelang es bürgerlich-nationalistischen und reaktionär-islamischen Elementen, mit regimefeindlichen Losungen entscheidenden Einfluß zu gewinnen, der mit administrativen Methoden gebrochen werden mußte. 43

Siehe Ibrahim Saad-Ed-din, Festigung der nationalen Unabhängigkeit erfordert brüderliches B ü n d n i s aller antiimperialistischen K r ä f t e , i n : A u s der internationalen Arbeiterbewegung, a. a. O., 10/1968, S. 27ff.

44

Vgl. R e d e Gamal 'Abdan-Näsir vom 3. März 1968 vor den Stahlwerkern in Heluan, in: T h e E g y p t i a n Gazette, 4. 3. 1968. _ E b e n d a . Mahmüd Amin al-'Alim a m 1. März 1968 in a l - A h b ä r : „ E s wäre falsch, die Demonstrationen der Arbeiter und Studenten als eine R e a k t i o n auf die Urteile i m L u f t -

V

45

574

LOTHAR

RATHMANN

Die Februardemonstrationen 1968 waren eine Widerspiegelung des verschärften Klassenkampfes, der weiteren Polarisierung der K r ä f t e und der starken Positionen des prokapitalistischen Lagers unter Teilen der Intelligenz. Ihre Hauptbedeutung liegt jedoch darin, daß eine der bewußtesten Abteilungen der ägyptischen Arbeiterklasse, die Stahlwerker von Heluan, mit ihrer Demonstration nachdrücklich zum Ausdruck brachte, daß sie nicht bereit war, die Unterwanderung der Revolution von rechten Kräften widerspruchslos hinzunehmen. Zwischen den Demonstrationen vom 9. und 10. Juni 1967 und der Arbeiterdemonstration vom 21. Februar 1968 besteht ein enger Zusammenhang, beide stellen einen qualitativ neuen Faktor dar, der in der gegenwärtigen gesellschaftlichen Entwicklung der V A R wirksam wird: die K r a f t der Volksmassen, die Entscheidungen erzwingt. Die Arbeiterdemonstrationen waren der entscheidende Stimulus, daß die nationaldemokratischen Kräfte um 'Abd an-Näsir nach der Periode der Doppelherrschaft mit antisozialistischen Kräften in der Führung den Kampf aufzunehmen begann, um die politische Macht in ein Instrument der nationaldemokratischen Revolution zu verwandeln. Erste sichtbare Ergebnisse dieser Orientierung waren die Regierungsumbildung vom 20. März 1968 47 , die zum Ausscheiden antisozialistischer Kräfte führte und den Widerstand bourgeois-bürokratischer Kräfte in der Führungsspitze gegen die Fortsetzung der nichtkapitalistischen Entwicklung einschränkte, und das von den konsequenten Vertretern der revolutionären Demokratie konzipierte und am 2. Mai 1968 48 durch Volksentscheid bestätigte Aktionsprogramm, das eine politische Grundentscheidung für die Sicherung, soziale Vertiefung und Weiterführung der nichtkapitalistischen Entwicklung und den Übergang zu einer neuen E t a p p e im Prozeß der nationaldemokratischen Revolution darstellt. Die gesellschaftsgestaltende Funktion und geschichtliche Bedeutung des Aktionsprogramms besteht vor allem darin, daß es — über die Prinzipien der Nationalcharta von 1962 hinausgehend — die besondere Rolle des Staates als Instrument der gesellschaftlichen Umwälzung anerkennt und auf die Herausbildung einer demokratischen und revolutionären Staatsmacht durch die Verwirklichung der führenden Rolle der A S U orientiert, die durch demokratische Wahlen ihrer Führungsorgane auf allen Ebenen mit den Volksmassen verbunden ist und diese zur Verwirklichung tiefgreifender wirtschaftlicher, sozialer und vor allem politischer Umgestaltungen mobilisiert. Das Aktionsprogramm, welches darauf abzielt, noch vorhandene Widersprüche zwischen dem S t a a t und den realen Volksinteressen zu Waffenprozeß zu erklären. I n Wirklichkeit sind diese D e m o n s t r a t i o n e n eine F o r t s e t z u n g der V o l k s b e w e g u n g v o m 9. u n d 10. J u n i zur U n t e r s t ü t z u n g der F o r t s e t z u n g d e r R e v o l u tion, ein A u f r u f a n die politische F ü h r u n g der R e v o l u t i o n , sich enger mit d e m V o l k zu verbinden. Gleich, wie viele E l e m e n t e v e r s u c h t e n , die D e m o n s t r a t i o n e n auf Seitenwege a b z u l e n k e n , sie w a r e n ein A u s d r u c k des Willens des V o l k e s , die g e s a m t e G e s e l l s c h a f t zu verändern. . . " 46

Siehe R e d e Hälid

47

a l - G u m h ü r i y a , 29. 2. 1968. A l - A h r ä m , 21. 3. 1968. E b e n d a , 3. 5. 1968.

48

Muhl

ad-Din

v o m 28. F e b r u a r 1968 v o r der N a t i o n a l v e r s a m m l u n g , i n :

Bourgeoisie und nationaldemokratische Revolution in der arabischen Welt

575

überwinden, das Volk z u m Träger und Gestalter des staatlichen Willens zu machen, d o k u m e n t i e r t , daß die K r ä f t e der nationalen Demokratie zur W e i t e r f ü h r u n g der Revolution befähigt sind, ihre Ideologie die Interessen der werktätigen Massen berücksichtigt und eine transistorische Stufe beim Übergang z u m wissenschaftlichen Sozialismus darstellt. Der Einfluß des wissenschaftlichen Sozialismus auf das A k t i o n s p r o g r a m m manifestiert sich vor allem in der Anerkennung der Rolle des sozialistischen Lagers im Kampf gegen den Imperialismus, des antagonistischen Widerspruches zwischen den nationaldemokratischen K r ä f t e n u n d dem Imperialismus u n d der inneren, mit i h m v e r b ü n d e t e n Reaktion, der Notwendigkeit eines festen Bündnisses aller antiimperialistischen K r ä f t e , in der A n w e n d u n g des Prinzips des demokratischen Zentralismus auf die W a h l e n der ASU, der B e t o n u n g der tragenden Rolle der werktätigen Klassen u n d Schichten in der Übergangsperiode vom Kapitalismus z u m Sozialismus und in der Neudefinition der Begriffe „ A r b e i t e r " u n d „ B a u e r n " , die im Prozeß der Neugestaltung und qualitativen Weiterentwicklung der ASU, aber auch der Gewerkschaften u n d der Vertretungskörperschaften grundlegende Bed e u t u n g erlangen wird. Die Forderung des P r o g r a m m s n a c h Mobilisierung der Volkskräfte auf demokratischer Grundlage u n d der U m g e s t a l t u n g der ASU in die f ü h r e n d e progressive K r a f t der Gesellschaft gab den Anstoß f ü r eine Diskussion, die in ihrer Breite u n d Tiefe die bisher umfassendste Aussprache aller Bevölkerungsschichten über Grundfragen der nationaldemokratischen Revolution darstellte. Das bisher bedeutendste politische Ergebnis der inneren E n t w i c k l u n g der V A R seit der V e r k ü n d u n g des P r o g r a m m s und den W a h l e n innerhalb der ASU bis zur E b e n e des Nationalkongresses besteht darin, daß die Volksmassen ihre Entschlossenheit z u m Ausdruck bringen, in prinzipieller Übereinstimmung mit der von der politischen F ü h r u n g gegebenen Orientierung gegenrevolutionäre Aktionen zurückzuweisen. Der politische Druck der werktätigen Klassen und Schichten in R i c h t u n g auf eine Vertiefung der Revolution ist das bestimmende Element der gegenwärtigen Klassenauseinandersetzungen in der VAR. Die E r f a h r u n g e n mehrerer J a h r e nichtkapitalistischer E n t w i c k l u n g in den fortgeschrittenen arabischen Staaten zeigen m i t tiefer Eindringlichkeit, d a ß sich die nationaldemokratische Revolution ständigen Angriffen des Imperialismus u n d der inneren Reaktion ausgesetzt sieht, d a ß sich der Klassenkampf verschärft, sobald neue Maßnahmen zur Sicherung u n d W e i t e r f ü h r u n g der revolutionären Errungenschaften eingeleitet werden. Neu dabei ist, d a ß der Imperialismus u n d die entmacht e t e n Gruppen der feudalen u n d großbourgeoisen Reaktion, die endgültig das Vertrauen der Massen verloren haben, bestrebt sind, sich der proimperialistischen des Kapitalismus in S t a d t u n d Dorf, der bourgeois-bürokratischen K r ä f t e im staatlichen Sektor der W i r t s c h a f t und im M a c h t a p p a r a t , insbesondere in der Armee u n d in den Sicherheitskräften, sowie jener kleinbürgerlichen Schichten zu bedienen, die auf kapitalistischen Positionen verharren. Die F o r m e n u n d Methoden des Klassenk a m p f e s sind vielfältig u n d heimtückisch. Sie beinhalten neben p e r m a n e n t e n militärischen Provokationen u n d ökonomischen Störaktionen eine gezielte ideologische

576

Lothab Rathmann

Diversion. Der Imperialismus erstrebt gegenwärtig eine Vernichtung des fortschrittlichen Regimes und die Restauration des Kapitalismus vor allem durch die Spaltung der antiimperialistischen Einheitsfront, durch künstliche Vertiefung der Widersprüche in den Reihen der nationaldemokratischen Kräfte. Hinter allen seinen Aktionen zeichnet sich die Absicht ab, den demokratischen und fortschrittlichen Kräften jegliche friedlichen Wege zur Teilnahme an der Leitung der Revolution zu versperren. Eine Grundfrage des nichtkapitalistischen Weges ist deshalb besonders in der gegenwärtigen Periode der Konsolidierung der bisherigen Errungenschaften die Festigung des Bündnisses der Triebkräfte der nationaldemokratischen Revolution auf der Basis der dominierenden Gemeinsamkeiten im Kampf gegen Imperialismus und Neokolonialismus und gegen eine kapitalistische Restauration. Die beste Garantie für die Schaffung einer dauerhaften und kämpferischen Einheitsfront der antiimperialistischen Kräfte ist das Klassenbündnis der Arbeiter und der anderen werktätigen Klassen und Schichten, insbesondere mit der werktätigen Bauernschaft und der revolutionär-demokratischen Intelligenz. Das Bündnis dieser Kräfte ist die Haupttriebkraft der nationaldemokratischen Revolution. Manches ist noch zu tun, um dieses Bündnis zur politischen Realität werden zu lassen. Erst seine Verwirklichung wird eine starke soziale und politische Armee der Revolution formieren. Die Erfahrungen der nationaldemokratischen Revolution haben den revolutionären Führungskräften der fortgeschrittenen arabischen Länder die Erkenntnis vermittelt, daß ein beschränkter, formaler Charakter der Demokratisierung die Gefahr der Loslösung von den Massen heraufbeschwört und der Konterrevolution in die Hände arbeitet, daß die nichtkapitalistische Entwicklung nicht ohne die wirksame Beteiligung der werktätigen Klassen und Schichten erfolgreich beschritten werden kann. E s gibt heute nur eine Möglichkeit, die Revolution zu verteidigen und weiterzuführen: die Herstellung einer breiten antiimperialistischen Einheitsfront, die Organisierung der politisch bewußtesten Kämpfer aus den Reihen der werktätigen Klassen und Schichten und ihre verantwortliche Einreihung in den Kampf für die Durchsetzung der fortschrittlichen Ideale. Durch die erfolgreiche Verwirklichung dieses Schlüsselproblems wird der Staat der fortgeschrittenen arabischen Länder das Wesen einer revolutionär-demokratischen Diktatur des werktätigen Volkes und anderer fortschrittlicher Schichten der Bevölkerung annehmen und endgültig zu einer Staatsmacht neuen Typus werden. Der Kampf um die Schaffung der nationaldemokratischen Staatsmacht und für die Festigung der Einheitsfront ist kein konfliktloser Prozeß. Die bisherigen Etappen der nationaldemokratischen Revolution lassen deutlich werden, daß zwar im Kampf gegen den Hauptfeind die gemeinsamen Interessen aller Hauptklassen und Bevölkerungsschichten die Triebkraft des Fortschritts sind, sich aber zugleich mit dem Vorwärtsschreiten der Revolution der politische, soziale und ideologische Klärungsprozeß innerhalb der Einheitsfront verstärkt und Widersprüche hervortreten. Der Ausgangspunkt für die Meinungsverschiedenheiten ist darin zu suchen, daß eine einheitliche Klassengrundlage fehlt, im Prozeß der nationaldemokratischen Revolution die politische Macht zwischen den verschiedenen anti-

Bourgeoisie und nationaldemokratische Revolution in der arabischen Welt

577

imperialistischen und patriotischen Schichten geteilt wird und sich die Einheitsfront aus einer Vielzahl sozialer Kräfte zusammensetzt, von denen keine Klasse allein imstande ist, die Revolution zu vollziehen. Wenn auch diese Widersprüche hinter dem antagonistischen Hauptwiderspruch zurücktreten, bedürfen sie im Interesse der Weiterführung der nichtkapitalistischen Entwicklung einer raschen Lösung auf friedlichem Wege und auf der Grundlage der Demokratie und des sozialen Fortschritts. Im Wesen handelt es sich um Meinungsverschiedenheiten zweifachen Typs: Wie die Praxis zeigt, bestehen noch immer unterschiedliche Auffassungen „zwischen nichtmarxistischen progressiven Kräften... und marxistischen sozialistischen Kräften" 4 9 in einigen Grundfragen der Strategie und Taktik des revolutionären Kampfes. Vieles eint diese Bewegungen, aber manches trennt sie noch. Bei einigen Vertretern der auf kleinbürgerlicher Grundlage entstandenen revolutionären Strömungen existiert noch die Tendenz der Unterschätzung der revolutionären Potenzen des Proletariats. Andererseits sollten die Kommunisten die revolutionäre Fähigkeit der Kräfte der nationalen Demokratie, als Hegemon der nationaldemokratischen Revolution aufzutreten, anerkennen. Die Einheit zwischen den Kommunisten und allen anderen sozialistischen Kräften auf der Grundlage des wissenschaftlichen Sozialismus ist der sicherste Garant auf dem Wege der Einheit aller revolutionären Kräfte. Jeder Versuch, die Meinungsverschiedenheiten zwischen beiden Strömungen zu verschärfen, ist — wie nicht zuletzt die Ereignisse im Irak im Jahre 1963 zeigen — ein Geschenk an den Imperialismus. Das wirksamste Mittel zur Überwindung gegenseitiger Vorbehalte und der Meinungsverschiedenheiten sind gemeinsame Aktionen zur Konsolidierung und Weiterführung der nationaldemokratischen Revolution. Meinungsverschiedenheiten existieren ferner zwischen den werktätigen Klassen und Schichten, den konsequenten nationaldemokratischen Kräften einerseits und einem Teil der Zwischenschichten in Stadt und Land und der nationalen Bourgeoisie andererseits. Mit dem Vorwärtsschreiten der Revolution zeigen diese besitzenden Schichten stärkere Schwankungen, bringen auf Druck des Imperialismus dem Kampf der werktätigen Massen für eine Vertiefung der Revolution gewisse Befürchtungen entgegen und unterliegen oft antikommunistischen Hetzparolen der äußeren und inneren Reaktion. Es muß die Pflicht der Revolutionäre sein, einerseits den ständig wirkenden Antagonismus zwischen dem Imperialismus und der nationalen Bourgeoisie nicht außer acht zu lassen, die bedingte Fähigkeit des linken Flügels der nationalen Bourgeoisie zum antiimperialistischen Handeln anzuerkennen und keine Losungen aufzustellen, die dem Charakter der nationaldemokratischen Revolution widersprechen und die zur Teilnahme am Kampf gegen den Imperialimus fähigen Kräfte zu spalten drohen, andererseits aber konsequent jene bourgeoisen Gruppen zu neutralisieren und aus ihren gesellschaftlichen und politischen Positionen zu verdrängen, die als „trojanische Pferde" des Imperialismus auf den Sturz der fortschrittlichen Regimes und den Abbruch der nichtkapitalistischen Entwicklung hinarbeiten. 60 48

37

Hälid Muhl ad-Dln auf dem Seminar in Kairo, zitiert nach G. Liebig, a. a. O., S. 28. Studien

578

LOTHAB RATHMANN

Obwohl die Zweckmäßigkeit und Unvermeidlichkeit der zeitweiligen Existenz des Privatkapitals prinzipiell anzuerkennen und von einem längeren Nebeneinanderbestehen verschiedener Sektoren der Volkswirtschaft auszugehen ist, wird im Rahmen der Stärkung des staatlichen und genossenschaftlichen Sektors im friedlichen ökonomischen Wettbewerb mit dem Privatsektor darauf zu achten sein, das Aufkommen einer neuen Großbourgeoisie zu verhindern, die Macht jener parasitären Gruppen des nationalen Kapitals, die der Entwicklung der Revolution Widerstand leisten, einzuschränken und eine E n t a r t u n g der Revolution durch die bürokratische Bourgeoisie, die mit demagogischen Losungen den demokratischen Inhalt der Revolution zu entstellen und auszumerzen versucht, zu verhindern. Die nationaldemokratische Revolution k a n n nicht Geburtshelfer des Kapitalismus sein. Die Festigung des Bündnisses der Arbeiter, der werktätigen Bauern und der fortschrittlichen Intelligenz durch ihre politische Organisierung auf der Grundlage des wissenschaftlichen Sozialismas wird dem bündnisfähigen Teil der nationalen Bourgeoisie die Orientierung geben, damit er seinen Platz auf dem Weg zum sozialen Fortschritt bestimmen kann. Die Fortsetzung der nationaldemokratischen Revolution mit einer wissenschaftlichen Strategie und Taktik in der Bündnispolitik wird unweigerlich durch die Isolierung von Klassengruppierungen, die ihre revolutionäre Position aufgeben, zur Einengung des Teils ihrer sozialen Basis führen, der vom Imperialismus, Feudalismus und vom parasitären Kapitalismus profitiert, aber gleichzeitig jenen Teil der Basis erweitern und vertiefen, der von der Arbeiterklasse, der werktätigen Bauernschaft, der Intelligenz, den kleinbürgerlichen Zwischenschichten und Teilen der nationalen Bourgeoisie gebildet wird. 50

Michel Kämil erklärte zu dieser Frage auf dem Kairoer Seminar: „The dangers of capitalism cannot be measured by their size or by their visible means, but they are measured by its class nature. This does necessarily mean that the national capitalism is in all cases antagonistic, and it is not suggested that it should be classified as an hostile force. We merely point out that this class should be regarded with caution and vigilance because of its adventurous nature and its constant struggle for the conquest of power. This is a warning that this class should not occupy leading positions in the working peoples forces, but should enter into the national alliance under a socialist leadership, and with a guarantee that the workers and the peasants have the final word, and the greater influence in such an alliance. This class should submit economically to the public sector, the requirements of the national plan, and the limitating opportunities of capitalist accumulation. In such a case a distinction should be made between these two sections of the national capitalists. Productive capitalism that is associated with stable capital in the shape of existing producing machinery, which participates in production activities. This form of capitalism should be encouraged within the framework of a supervising public sector and with limits that do not permit its enrichment. Speculative capitalism that is parasitic, which employs its capital in vague, nonproductive projects. In this case a progressive state should hasten to get rid of this section of the capitalist class, and should turn its activities to the public sector." (Michel Kämil, Protecting and consolidating progressive systems in Africa. Seminar Africa — National and Social Revolution, Kairo, Reference 16, S. 19 — 20.)

TRÀN HUY L I Ê U , HANOI

Quelques réflexions sur la guerre du peuple contre l'agression U. S. et pour le salut national au Viet-Nam L a guerre anti—U. S., pour le salut national, du peuple vietnamien, en son étape actuelle, est démonstrative d'une vérité: face à l'agression étrangère, la force du peuple est imbattable; n'importe quel obstacle sera surmonté, n'importe quel ennemi sera vaincu, inéluctablement. Cependant d'autres questions se posent: Qu'est-ce donc que la guerre du peuple? Y-a-t-il eu vraiment des guerres du peuple au cours du processus de résistance du peuple vietnamien contre les agressions étrangères qui s'est déroulé jusqu'à nos jours? Les réponses à ces questions majeures ne sont pas encore près de rallier l'unanimité des historiens vietnamiens. J'essayerai, pour ma part, d'avancer quelques idées à ce sujet. 1. L a g u e r r e d u p e u p l e e s t u n e g u e r r e d e t o u t l e p e u p l e e t à tous égards Précisons d'abord les termes. Les mots « peuple », « tout le peuple » ici employés, désignent, sous le régime de démocratie populaire, des couches du peuple telles que les ouvriers, les paysans, les bourgeois nationaux, les travailleurs intellectuels et manuels et des notabilités patriotes. Aussi conviendrait-il, lors d'un essai de définition de la guerre du peuple, d'avoir en vue la participation des divers milieux parmi le peuple, dans la guerre pour le salut de la Patrie. D'aucuns prétendent que la guerre du peuple est la mise en jeu des trois types de forces armées: les réguliers, les forces locales et la milice. Ce n'est là qu'une considération exclusive de l'aspect militaire de cette guerre. L a guerre du peuple comporte néanmoins, comme l'on sait, d'autres aspects que l'aspect militaire proprement dit bien que celui-ci demeure prépondérant. L a guerre du peuple actuelle au Vietnam est une guerre à tous les égards: politique, militaire, économique, culturel, diplomatique... Sur le front de la lutte et de la production, tout un chacun se tient à sa position respective, l'arme bien en mains, et s'adonnant entièrement à l'oeuvre de la résistance anti—U. S., pour le salut national. Des héros révolutionnaires vietnamiens sont apparus dans toutes les professions, dans toutes les sphères au cours de la guerre du peuple; ils sont de toutes les classes d'âge et comptent parmi les femmes aussi bien que parmi les hommes. Vraiment l'héroisme révolutionnaire est chose inhérente à la guerre du peuple. De même, la tactique dite de l'attaque combinée des trois pointes, à savoir la lutte militaire, la lutte politique et l'agitation de propagande à mener parmi les troupes ennemies, 38 Studien

580

T B A N HTIT L I E U

n'est applicable elle aussi que dans la guerre du peuple. Le peuple une fois galvanisé dans une lutte à mort avec l'ennemi pour le salut national, se dressera comme un seul homme et fournira d'innombrables initiatives, des idées tactiques géniales des hauts faits d'une sublime vaillance, des oeuvres prestigieuses ainsi que des héros révolutionnaires. De surcroît, qui dit guerre du peuple, dit guerre de tout le peuple et à tous les égards; en d'autres termes, cette guerre de tout le peuple et à tous les égards définit précisément la guerre du peuple. La guerre anti-U. S. de salut national qui'se déroule actuellement au Viêt-nam en est l'exemple typique le plus vivant. 2. L a g u e r r e d u p e u p l e n ' e s t p o s s i b l e q u e s o u s l a d i r e c t i o n P a r t i delà classe ouvrière

du

Le problème qui se pose est justement la question de savoir depuis quand et sous quelles conditions, la guerre du peuple a-t-elle fait son apparition. D'aucuns affirment que notre peuple étant un peuple héroïque, les glorieuses guerres de résistance contre l'agression étrangère que nos ancêtres ont soutenues dans le passé, telles que les victoires trois fois remportées sur les Mongols sous la dynastie des Tràn au X I I I e siècle, ou la décennie d'insurrection armée dirigée par le groupe de Lam-son contre les agresseurs Minh au XV e siècle constituent déjà des guerres du peuple. Il n'est pas judqu'à des soulèvements antifrançais dirigés par des lettrés patriotes à la fin du X I X e siècle qui n'aient, eux aussi, un caractère plus ou moins accentué de guerre du peuple, à ce qu'ils disent. Je ne saurais être de cet avis. Il est manifeste que dans une société de classes, les guerres intervenues entre Etats ou soutenues par la paysannerie contre la classe féodale dominante à l'intérieur du pays ne sauraient être des guerres du peuple. Même une guerre menée par le peuple d'un pays contre les agresseurs étrangers ne pourrait être devenue guerre du peuple si la direction de cette guerre appartenait à une classe exploiteuse. En effet, la direction et la mobilisation efficace des couches du peuple pour une participation active à la résistance à l'agresseur pour le salut national, exige, avant toutes choses, que la classe qui dirige la résistance puisse rallier tout le peuple autour d'elle. E t ceci n'est possible que si le peuple est à même de jouir des droits démocratiques véritables sous un régime de démocratie populaire. La contradiction nationale devient, certes, la contradiction prépondérante par rapport à d'autres contradictions de classe dans le pays, en cas de menace d'agression étrangère, mais nous ne devons pas perdre de vue ce fait que si les hommes participent d'enthousiasme dans la guerre patriotique, ils doivent bien compter sur des droits déterminés, et avoir clairement en vue l'avenir que leur réserverait une éventuelle issue victorieuse de la guerre. Cette condition, les féodaux et capitalistes dominants se sont toujours révélés incapables de la réaliser; seule la direction du Parti de la classe ouvrière, sur la base de l'alliance des classes ouvrière et paysanne, est à même d'assurer les droits et intérêts du peuple, d'unir le peuple tout entier pour une véritable guerre du peuple contre l'agresseur. Passant en revue les diverses insurrections armées ou guerres du peuple contre l'agression étrangère à l'époque féodale de notre histoire, nous concédons de bonne grâce qu'il y a bien eu de hauts faits d'armes, des exploits militaires des plus glorieux,

Quelques réflexions sur la guerre du peuple

581

grâce au soutien du peuple; mais cette constatation ne nous autorise pas pour autant à conclure hâtivement à des guerres du peuple. Après la victoire, non seulement les droits et intérêts du peuple étaient oblitérés littéralement, mais même les ' contributions et mérites du peuple furent déniés par les féodaux. Après la victoire sur les Mongols, lors de la cérémonie d'offrande des prisonniers de guerre, — les A

officiers mongols capturés O-mâ-nhi, Phàn-tiép, Tich-lê Co-ngoc — devant les tombes royales de Chiêu lâng, le roi Tràn thânh Ton avait pris soin de faire émaculer de boue les pattes des chevaux rituels en pierre du temple pour pouvoir louanger la prétendue puissance tutélaire de ses augustes ancêtres dans les vers suivants : « Par deux fois, les chevaux de pierre du royaume out dû peiner au combat, Ainsi, la Patrie sera éternellement solide comme une urne d'or ». E t que dire des insurrections anti-françaises sous la bannière du soutien au roi d'un certain nombre de personnalités patriotes? Les plus durables d'entre elles, comme le soulèvement de Phan dinh Phùng à Huong khê, de Hoàng hoa Thâm à Yen thé doivent leur opiniâtreté à l'appui des populations locales. Il convient toutefois de distinguer le soutien d'ailleurs très restreint de la population dans le recrutement des effectifs d'insurgés et dans le ravitaillement en vivres et en matériel, de ce qu'est une guerre du peuple: Au reste, si la classe féodale montante s'avère incapable d'unir tout le peuple pour une guerre du peuple, comment cette même classe, à son déclin, serait-elle plus capable de mobiliser toutes les forces disponibles du peuple pour une guerre de résistance victorieuse? Nous apprécions hautement les guerres de résistance à l'agression étrangère entreprises par notre peuple à l'époque féodale : Nous ne sous-estimons pas non plus les révoltes des personnalités patriotes qui se sont terminées dans la défaite sous la domination française. Mais en classant avec facilité et un peu trop vite ces entreprises dans la catégorie des guerres du peuple, nous risquons non seulement de sous-estimer la guerre du peuple, mais encore, peut être bien à notre insu, de rabaisser le rôle dirigeant dans la guerre du peuple de la classe ouvrière avec son Parti politique d'avant-garde. 3 . D e l a n é c e s s i t é d ' i n t é g r e r la g u e r r e du p e u p l e a c t u e l l e à l a t r a d i t i o n de l u t t e c o n t r e l ' a g r e s s i o n é t r a n g è r e d u p e u p l e Nous venons de dire, dans ce qui précède, que la guerre du peuple avec sa signification et son contenu propres, ne peut apparaître que sous la direction de la classe ouvrière: Néanmoins, elle n'en demeure pas moins indissociable de la tradition de lutte contre l'agression étrangère de notre peuple, dans les conditions actuelles de la résistance anti-U. S. Chacun le sait bien, le peuple vietnamien est un peuple héroïque, aguerri et trempé au travers de nombreuses guerres de résistance contre l'agression venue de l'extérieur. Un fait doit être affirmé: c'est que toute résistance victorieuse, quelle qu'elle soit, à l'agression étrangère, a dû s'appuyer sur le peuple, tout en bénéficiant du large soutien du peuple, de sorte que toute guerre de résistance couronnée de succès contre l'agression étrangère possède un caractère populaire plus ou moins marqué... Les deux soeurs Trung qui déclenchèrent au début du 1 er siècle l'insurrection armée contre les envahisseurs Hân étaient assistées de tout un groupe38*

582

TRAN H U Y

LIEU

ment de femmes qui participaient avec elles à la direction et au combat avec un enthousiasme digne du dicton : « Quand les pirates font irruption dans la maison, les femmes même doivent se dresser pour les combattre»; le résultat en est qu'elles avaient pu capturer plus de 60 citadelles fortifiées en un temps relativement court. La résistance contre les Mongols au X I I I e siècle menée par la dynastie des Tràn souligne avec plus de force encore le rôle du peuple: Dès que l'ordre de résistance fût proclamé, les princes et seigneurs étaient prêts à concentrer leurs troupes personnelles des fiefs respectifs à Dông bô dàu; les effectifs des armées de terre et de mer s'élevant de ce fait au total de 200000 hommes. La conférence à Diên Hong des vieillards, et anciens de l'aristocratie de la capitale approuva la Résistance à l'unanimité : Les soldats de la dynastie se tatouaient sur le bras leur cri de guerre « sât dât » (« Mort aux Mongols! ») en signe de détermination à anéantir l'ennemi. De plus, nos compatriotes des pays montueux à la frontière sino-vietnamienne et dans le bassin du fleuve Thao, tendirent des embuscades meurtrières aux envahisseurs. Le point capital maintes fois rappelé par le héros national Tràn quôc Tuân consistait bien dans « Ventente fraternelle, la riposte résolue par des efforts conjugués de tout le pays ». Cependant, si la résistance contre les Mongols de la dynastie des Tràn n'avait en gestation que des éléments populaires, la longue insurrection des forces armées de Lam son dirigée par Lê Loi et Nguyën Trâi connaissait déjà une apparition progressive d'un certain aspect de la guerre du peuple. Dans son ouvrage intitulé « Binh ngô sâch », (« plan de lutte contre les Ngô »), Nguyên Trâi mit l'accent sur la conquête des coeurs, sur l'importance qu'il y avait à prendre appui sur le peuple, à mobiliser la population contre les envahisseurs Minh. Nombre de documents historiques ont établi que c'était grâce à cette ligne politique fondée sur la générosité et la noblesse d'âme, que les insurgés de Lam son avaient pu gagner le large soutien de nombreuses couches populaires. Sans l'appui de la population locale, il eût été absolument impossible d'établir des bases d'appui en vue de faire front à l'ennemi durant les premiers jours extrêmement durs et difficiles de l'insurrection: Lors de l'avance des troupes Lam son vers Da-lôi (Nghê-an), elles furent chaleureusement accueillies en cours de route par les habitants qui leur apportaient des bovins, de l'alcool et d'autres victuailles. Voici un passage extrait du « Dai Viêt su k y toàn thu » (Ouvrage historique complet sur le Dai Viêt) : « Notre armée, partout ou elle se rendit, s'abstenait scrupuleusement de toute atteinte, si minime fut-elle, aux biens de la population... De ce fait, Vallégresse régnait dans les sections provinciales de Dông dô et dans les localités limitrophes. Les gens se rivalisaient à apporter aux troupes des buffles, de Valcool, et des vivres pour les fêter et participaient activement aux opérations du siège des forteresses ». Loin de se contenter de ravitailler les insurgés en vivres, la population se mit encore en devoir de confisquer les céréales et bovins déténus par les Minh et leurs fantoches au bénéfice des troupes insurrectionnelles. La ligne politique de magnanimité et de grandeur d'âme préconisée par Nguyên Trâi fut également à l'origine de la participation des nombreuses minorités ethniques à la résistance pour le salut national. Ce fait est illustré par la présence dans les rangs des insurgés des chefs de tribu tels que X a khâ Lam de Môc châu, Càm Quy de Nghê an et Càm Lan ainsi que par la construction de la base d'appui dans les pays de rebords montagneux du Thanh Hôa.

Quelques réflexions sur la guerre du peuple

583

Le « Dai Viêt su k y t o à n t h u » mentionne à nouveau : « La population affluait en masse partout où se trouvaient les troupes insurgées, tout comme l'on se presse vers les marchés ». Dans la sommation à capituler adressée au c o m m a n d a n t local de la citadelle de Diêu Dieu, il a été écrit que « Les troupes soulévaient partout des acclamations enthousiastes, les gens des quatre coins du pays s'aidèrent mutuellement à rejoindre nos rangs ». C'est précisément avec l'appui du peuple que les insurgés de L a m son avaient pu vaincre des ennemis n o m b r e u x avec des effectifs modestes, vaincre 1' ennemi fort par de faibles moyens et s'acheminer vers la victoire complète. Nous pourrions citer des éléments populaires imbriqués dans d'autres guerres de résistance à l'agression étrangère et d'autres m o u v e m e n t s insurrectionnels de l'histoire du Viêt-nam. Mais point n'est besoin, dans le cadre de cet exposé, d ' a p p r o f o n d i r d a v a n t a g e . E n citant des guerres contre l'agression étrangère de l'époque féodale qui contenaient déjà des éléments de la guerre du peuple ou présentaient u n processus d'apparition graduelle d ' u n aspect de la guerre du peuple, notre intention n'est point d'affirmer que ces guerres sont des guerres du peuple au plein sens du terme, mais bien de souligner que la mise en p r a t i q u e de la guerre du peuple au Viêt-nam comporte t o u t u n processus de formation qui lui est propre. Naguère, sous l'époque féodale, les guerres de résistance à l'agression étrangère ou de libération nationale jouissaient du soutien des larges couches du peuple, aussi contenaient-elles déjà des embryons de la guerre du peuple. Le niveau de développement de ces embryons, est fontion des conditions internes, particulièrement du rôle joué par le dirigeant de la guerre: Des opinions ont été émises qui proposaient d'appeler ces guerres des guerres du peuple de formes rudimentaires. Cette appellation non plus, n'est guère assez adéquate. Il reste acquis q u ' u n e guerre juste est toujours soutenue par la peuple et que c'est grâce à l'appui du peuple, qu'elle aboutit à la victoire. A u j o u r d ' h u i , nous disons que la guerre du peuple a n t i — U . S. n'est pas, elle non plus, coupée de t o u t lien avec le passé; bien au contraire, elle a hérité du passé de glorieuses traditions qu'elle développe incessamment au cours d ' u n long processus historique. Car, s'agissant d'une guerre du peuple, il convient de souligner, d'une p a r t , la classe dirigeante et sa brigade d ' a v a n t - g a r d e et d ' a u t r e p a r t , de ne point oublier que notre peuple est u n peuple héroïque depuis des millénaires et que l'union sacrée contre l'agression étrangère constitue une tradition des plus précieuses de notre peuple. Toutefois, les anciennes classes féodales dominantes, de par leurs intérêts de classe, s'avéraient incapables d'unir le peuple t o u t entier d'une façon solide et durable et de faire rayonner dans t o u t son éclat l'esprit national face à l'agression étrangère. Aussi bien, serions nous fondés à affirmer q u ' a u cours du processus de formation de la guerre du peuple au Viêt-nam, s'étaient déjà constitués des éléments populaires et progressivement était a p p a r u l'aspect de la guerre du peuple, à travers des grandes guerres de résistance a u x envahisseurs étrangers des anciens temps ; mais la guerre du peuple ne s'est v r a i m e n t formée en t a n t que telle, que depuis le m o m e n t où le P a r t i de la classe ouvrière en eut assumé la direction, classe qui ne connaît aucun a u t r e intérêt propre que celui de servir la Patrie, le peuple et l ' h u m a n i t é t o u t e entière.

584

TRAN H U Y

LIEU

4 . L i e r é t r o i t e m e n t l a g u e r r e du p e u p l e v i e t n a m i e n à l ' a i d e c o n s i d é r a b l e d e s p a y s du c a m p s o c i a l i s t e Nous avons parlé des conditions constitutives d'une guerre du peuple au Viêt-nam, à savoir la direction de la classe, le Front national uni, et la tradition populaire de résistance à l'agression étrangère. Néanmoins, pour triompher d'un impérialisme le plus puissant et le plus riche du monde capitaliste moderne qu'est l'impérialisme américain, nous insistons tout particulièrement sur le principe consistant à compter essentiellement sur ses propres forces, sur les forces latentes ou potentielles du peuple; tout en n'oubliant nullement l'aide considérable et efficace des pays du camp socialiste et de nos amis de par le monde. Comme chacun le sait, dans la conjoncture mondiale actuelle, une guerre, quelle que soit son envergure, a cessé d'être un affrontement isolé entre deux pays, pour concerner un ensemble plus ou moins grand de pays, politiquement ou quant aux droits et intérêts. Plus particulièrement, dans la guerre actuelle du peuple vietnamien contre l'impérialisme U. S., nous combattons les agresseurs yankees et leurs fantoches et satellites, aussi bien que ce gendarme international, l'ennemi commun à tous les peuples opprimés et à toutes les catégories de gens opprimés de par le monde. En conséquence, la lutte du peuple vietnamien, loin d'être isolée, est universellement reconnue comme étant à la pointe de la guerre de libération nationale anti-impérialiste à l'heure actuelle. Son issue est étroitement liée aux destinées des peuples petits et faibles, à celles du camp socialiste et à la sauvegarde de la paix mondiale: D'autre part, le problème de la guerre du peuple contre l'impérialisme américain, à l'heure actuelle, ne se pose pas simplement dans le cadre du territoire vietnamien exclusivement; il a des dimensions beaucoup plus larges et touche à la situation internationale dans son ensemble, liant indissolublement l'invincible force de combat du peuple vietnamien avec l'aide considérable des pays amis. Dans l'histoire de la résistance à l'agression étrangère de notre peuple, nos ancêtres ont bien des fois battu à plate couture bon nombre de corps expéditionnaires des féodaux du Nord comme les Tông, les Nguyên, les Minh et les Thanh avec leurs propres forces réelles; il est de toute évidence que l'état d'une guerre à l'époque féodale, toutefois, n'a rien de commun avec la guerre moderne quant à ses dimensions et à sa nature. Aujourd'hui, quand le peuple vietnamien terrasse un puissant ennemi sur son propre sol, cela signifie encore, par surcroît, qu'il apporte sa contribution à la lutte commune de tous les peuples opprimés, tient ferme la poste d'avant-garde du camp socialiste dans le Sud-Est asiatique et contribue à la sauvegarde de la paix dans le monde. Inversement, les pays du camp socialiste et les peuples opprimés, en soutenant le Viêt-nam dans sa lutte contre l'ennemi commun le plus cruel et barbare qui soit au monde, accomplissent ainsi non seulement un acte noble et désintéressé mais encore, remplissent une tâche internationaliste. Il va de soi que nos amis ne pourront nous fournir une aide maximale, qu'à condition que nous soyons fermement décidés à combattre et à vaincre, que nous sachions vaincre tout en osant combattre dans notre guerre de résistance anti-U. S. pour le salut national. Car, si nous ne combattions pas bien, si nous n'allions pas de victoire en victoire, il ne nous serait

Quelques réflexions sur la guerre du peuple

585

pas permis d'espérer recevoir des aides avec toute l'efficacité désirée. En sorte que notre détermination, nos forces réelles restent les critères qui déterminent les aides accordées par nos amis à nous. Plus le peuple vietnamien remporte de victoires, mieux sont les aides à lui fournies par le monde progressiste; à l'inverse, plus les aides deviennent meilleures et plus le peuple du Viêt-nam va de l'avant dans sa marche victorieuse. C'est donc la raison pour laquelle il est nécessaire d'associer étroitement notre grande guerre du peuple avec l'aide considérable de nos amis internationaux: Les offensives et soulèvements généralisés qui se sont déclenchés depuis le début de l'année 1968 et qui continuent encore jusqu'à nos jours, illustrent de façon éclatante la force invincible de la guerre du peuple et l'extrême efficacité des aides que les pays amis nous ont apportées. Alors donc, depuis quand, sous la direction du Parti de la classe ouvrière, la guerre du peuple du Viêt-nam s'est-elle formée? D'aucuns parlent de la Révolution d'Août 1945, depuis les préparatifs de l'insurrection générale aux succès de la Révolution qui s'est terminée par la conquête du pouvoir dans l'ensemble du pays en passant pas des luttes politiques, des luttes armées, des luttes économiques et culturelles e t c . . . Selon les résultats de nos recherches, si, comme il est dit plus haut, le processus de formation de la guerre du peuple progresse de bas en haut et ne trouve son achèvement véritable que dans une période historique déterminée, il n'est pas permis, par contre, d'affirmer que n'importe quelle guerre de libération nationale menée sous la direction de la classe ouvrière est, d'emblée, une guerre du peuple. Dans la Révolution d'Août 1945 par laquelle le peuple vietnamien brisait le double joug d'oppression française et nipponne, le Parti d'avant-garde a su mobiliser la majorité du peuple pour la lutte libératrice, mais le mouvement ne s'est pas largement généralisé dans tout le pays et n'a pu embrasser toutes les sphères de l'activité. L'aspect de la guerre du peuple ne s'est affirmé que dans le puissant mouvement anti-nippon pour le salut national depuis le coup d'état entrepris contre les Français par des militaires nippons, quand la Révolution a vite triomphé. Après la Révolution d'Août, suivirent les neuf années de Résistance contre les colonialistes français et les interventionnistes américains. La guerre se déroulait alors, après que le pouvoir populaire eût été instauré et consolidé, et que le travail organisateur fût accompli dans tous les domaines politique, militaire, économique, culturel et social, ce qui permit d'impulser la guerre populaire fortement et sûrement; les mots d'ordre « résistance de tout le peuple », « résistance sous tous les rapports », « résistance de tout le* pays » traduisaient le contenu d'une guerre du peuple qui s'est progressivement réalisée, et s'est achevée sous sa forme véritable et authentique, mettant en déroute les colonialistes français et les interventionnistes américains. Il va sans dire qu'après cela, la guerre de résistance actuelle contre les agresseurs américains et pour le salut national entreprise par le peuple vietnamien constitue une forme achevée de la guerre du peuple dans la plénitude de sa signification et de son contenu et avec le caractère exemplaire qu'elle comporte: C'est une période vraiment exceptionnelle dans l'histoire du peuple vietnamien: le peuple en entier, du Sud

586

T R A N H U Y LIETI

au Nord est en train d'entreprendre une lutte pour libérer le Sud, défendre le Nord, faisant une guerre du peuple encore jamais vue dans l'histoire des peuples. Le chef de file de l'impérialisme, le gendarme international qu'est l'impérialisme yankee avec sa théorie de la toute-puissance des armes, s'est enlisé jusqu'au cou, acculé dans un souterrain sans issue, perdant t o u t e orientation, v o y a n t tous ses plans déjoués et toutes ses conceptions perturbées au plus h a u t point. Le député américain William G. Bray du parti Républicain a dû une fois s'écrier: «Les Vietcong ne se battent pas suivant le mode de guerre prévu par MacNamara. Et l'on connaît dans l'histoire bien des guerres qui ont été perdues bien qu'elles eussent été soigneusement préparées, parce que le type de guerre préparé d'avance ne s'est jamais réalisé en fait». E t le sénateur américain J o h n Stennis d'opiner dans u n soupir: «Ce qui est marrant, c'est qu'un petit pays presque dépourvu de forces aériennes et navales est à même de ligoter si étroitement les U.S.A. ». Le journal «The New York Times » a également mentionné que « De l'avis des militaires à Saigon, au Sud Viêt-nam, nous (c est-à-dire les Américains) faisons usage d'un gros gourdin pour frapper une mouche, tandis que dans le Nord, nous essayons d'abattre un éléphant avec une brindille ». Pour sa part, « La Nation» écrit : « Le problème vietnamien est effectivement un labyrinthe d'où les Américains ne peuvent sortir, ayant perdu le plan en indiquant la voie de sortie ». Selon le « U.S. News and World report », des autorités américaines ont dû reconnaître que « Le genre de guerre anti-guérilla auquel nous avons à faire face a englouti nos hommes comme le sable absorbe l'eau ». Toutes ces complaintes provenant des divers milieux américains sont t o u t simplement la preuve de ce que les agresseurs yankees sont en train de se fracasser le crâne à vouloir foncer sur la muraille de bronze qu'est la guerre populaire du peuple vietnamien. Plus particulièrement, depuis d é b u t 1968, au fil des offensives et soulèvements généralisés, la guerre du peuple au Viêt-nam a d ' a u t a n t plus manifesté sa puissance extraordinaire, ébranlant ciel et terre, et acculant les impérialistes américains et leur clique de fantoches dans une impasse des plus périlleuses. La guerre du peuple contre les impérialistes américains au Viêt-nam, est une guerre sans précédent dans l'histoire qui constitue en même temps le sommet de la révolution de libération nationale dans le monde actuel. Non seulement elle a donné naissance à des initiatives nombreuses et brillantes, a révélé de nombreuses lois nouvelles, a mis sur pied une théorie de la guerre du peuple au Viêt-nam, mais elle a encore apporté une digne contribution à l'élaboration de la théorie du mouvement de libération nationale et anti-impérialiste dans le monde entier.

WALTER MARKOV Curriculum Vita e 1909

geboren in Graz (5. Oktober)

1919—1927 Besuch der humanistischen Gymnasien in Ljubljana und Kranj sowie des Realgymnasiums in Beograd. Abitur in Sugak (heute Rijeka) 1927—1934 Universitätsstudium in Leipzig (1927/29, 1930), Köln (1929/30), Berlin (1930/33), Hamburg (1933) und Bonn (1933/34). Bevorzugte Fächer: Alte, neuere und neueste Geschichte, Geographie, Kirchenund Religionsgeschichte, Philosophie, Orientalistik und Slawistik 1934

Promotion in Bonn. Thema der Dissertation: „Serbien zwischen Österreich und Rußland 1 8 9 7 - 1 9 0 8 " (Kohlhammer, Stuttgart 1934)

1934—1935 Herausgeber der in Bonn illegal verlegten Zeitschrift „Sozialistische Republik" 1935

Verhaftung in (9. Februar)

Bonn wegen illegaler

antifaschistischer

Tätigkeit

1936

Anklage wegen „Vorbereitung zum Hochverrat" und Verurteilung zu 12 Jahren Zuchthaus durch den „Volks"gerichtshof Berlin (4. Mai)

1936—1945 Strafverbüßung im Zuchthaus Siegburg 1945

Befreiungsaktion der politischen Häftlinge des Zuchthauses Siegburg (10./11. April). Gründung der FDJ-Organisation und des Kulturbundes in Bonn. Herausgeber der Zeitschrift „Jugend im Aufbruch"

1946

Mitbegründer des ASTA der Universität Bonn. Teilnehmer an der Historikerkonferenz der Zentralverwaltung für Volksbildung in Berlin. Übersiedlung nach Leipzig und Aufnahme der Tätigkeit als wissenschaftlicher Assistent am Institut für Kultur- und Universalgeschichte. Lehrauftrag für Geschichte Rußlands

1946—1948 Feuilletonist der „Fuldaer Volkszeitung" 1947 39*

Vorlesungen zur Geschichte der neuen und neuesten Zeit an der Gesellschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Leipzig.

590

W A L T E R MABKOV

Habilitation mit dem Thema: „Grundzüge der Balkandiplomatie". Ernennung zum Dozenten und Berufung als Professor mit vollem Lehrauftrag an die Universität Halle. Yerehelichung mit Irene Bönninger ; fünf Kinder (1948 bis 57) 1949

Berufung zum Professor mit Lehrstuhl für mittelalterliche und neuere Geschichte an der Universität Leipzig. Ernennung zum Direktor des Instituts für Kultur- und Universalgeschichte. Diskussionsbeitrag auf der Tagung des Verbandes Deutscher Historiker in München

1951

Nach Neugliederung der Historischen Institute Übernahme des Direktorats des Instituts für Allgemeine Geschichte

1951—1958 Kommissarischer Direktor des Instituts für Geschichte der Völker der UdSSR (seit 1955 : Institut für Geschichte der europäischen Volksdemokratien) 1955

Diskussionsbeitrag auf dem X . Internationalen Historikerkongreß in Rom. Mitglied des Hansischen Geschichtsvereins und der Société des Etudes robespierristes

1956

Teilnahme am IV. österreichischen Historikerkongreß in Klagenfurt und am 32. Internationalen Amerikanistenkongreß in Kopenhagen. Mitglied der Société d'histoire moderne et contemporaine

1957

Leiter der Arbeitstagung „Kolonialgeschichte und koloniale Befreiungsbewegung" in Leipzig

1957—1963 Mitglied der Universitätsgewerkschaftsleitung 1958

Studienreise an das Historische Institut der Akademie der Wissenschaften der UdSSR in Moskau

1959

Studienaufenthalt in der VAR. Gastvorlesungen zur Kolonialgeschichte und Geschichte der nationalen Befreiungsbewegung am Istituto Gramsci in Rom. Durchführung der Arbeitstagung „Neuere und Neueste Geschichte Afrikas" (1960 Protokollband mit dem Titel: „Geschichte und Geschichtsbild Afrikas"). Gemeinsame wissenschaftliche Konferenz mit der Redaktion der Zeitschrift „Probleme des Friedens und des Sozialismus" zum Thema: „Die Befreiungsbewegung der Gegenwart und die nationale Bourgeoisie". Deutsch-Französisches Historikerkolloquium in Leipzig. Herausgeber der Reihe „Studien zur Geschichte Asiens, Afrikas und Lateinamerikas". Verleihung des Vaterländischen Verdienstordens der DDR

1960

Teilnahme am X I . Internationalen Historikerkongreß in Stockholm und Uppsala; gemeinsam mit A. Soboul Leitung des Babeuf-Kollo-

Curriculum Vitae

591

quiums (1963: Protokollband mit dem Titel: „Babeuf et les problèmes du Babouvisme"). Diskussionsbeitrag auf dem Internationalen Kongreß für Entdeckungsgeschichte in Lissabon. Teilnahme am 34. Internationalen Amerikanistenkongreß in Wien. Ernennung zum Vizepräsidenten des Nationalkomitees der Historiker der DDR. Wahl zum Vorstandsmitglied des Hansischen Geschichtsvereins 1960—1961 Prodekan der Philosophischen Fakultät der Leipzig

Karl-Marx-Universität

1960—1966 Leiter des Forschungszentrums für Geschichte Asiens, Afrikas und Lateinamerikas (ab 1965 Rat für Asien-, Afrika- und Lateinamerikawissenschaften) 1961

Diskussionsbeitrag auf dem II. Kongreß für Geschichte der europäischen Widerstandsbewegung in Mailand. Leitung der internationalen Konferenz über „Probleme des Neokolonialismus und die Politik der beiden deutschen Staaten gegenüber dem nationalen Befreiungskampf der Völker" in Leipzig (Protokollband 1961). Wahl zum Präsidenten der Deutsch-Afrikanischen Gesellschaft in der DDR und zum Vizepräsidenten der Liga für Völkerfreundschaft. Besuch auf Cuba. Wahl zum Mitglied der Deutschen Akademie der Wissenschaften zu Berlin (Klasse für Philosophie, Geschichte, Staats-, Rechts- und Wirtschaftswissenschaften). Verleihung des Nationalpreises der DDR. Auszeichnung mit der Medaille „Kämpfer gegen den Faschismus"

1962

Teilnahme am I. Internationalen Afrikanistenkongreß in Accra. Referat „West African Sources in German Archives" auf der Jahrestagung der Historical Society of Nigeria in Ibadan

1962—1963 Direktor des Department of History und Mitglied des Senats der University of Nigeria in Nsukka. Vorlesungen zur Allgemeinen Geschichte 1963

Gastvorlesungen in Ceylon

1964

Vorträge und Vorlesungen am Afrikazentrum der Universität Warschau. Teilnahme am Internationalen Seminar „Universität heute" in Dubrovnik. Wahl zum Mitglied der Sächsischen Akademie der Wissenschaften

1964—1967 Herausgeber von „Die Nationale Befreiungsbewegung. Jahresübersicht" (seit 1967 „Asien-Afrika-Lateinamerika. Bilanz-BerichteChronik") 1965

Referat „Le problème des sources de l'Afrique Noire" auf dem X I I . Internationalen Historikerkongreß in Wien

592

W A L T E R MARKOV

Teilnahme am Kongreß für afrikanische Geschichte in Dar-es-Salaam Auszeichnung mit der Ehrennadel in Gold der Liga für Völkerfreundschaft 1966

Teilnahme an der Internationalen Afrikanistentagung in Moskau Referat „La Nation dans l'Afrique tropicale. Notion et structure" in der Sektion „Nations nouvelles" auf dem VI. Weltkongreß für Soziologie in Evian-les-Bains Referat „Africa and the World" auf dem Kongreß „Afrika und die Welt" in AddisAbaba Schlußwort auf der internationalen Arbeitstagung „Die politische Funktion der Armee in den Ländern Asiens, Afrikas und Lateinamerikas" in Leipzig

1967

Gastvorlesungen zur Jakobinerfrage in der Französischen Revolution in Finnland (Universitäten Helsinki, Tampere und Oulu) Rapporteur der Sektion I (Geschichte) des II. Internationalen Afrikanistenkongresses in Dakar

1968

Mitglied der Société française d'Etude du X V I I I e siècle Wahl zum Beisitzenden im Vorstand der Association européenne d'histoire contemporaine

WALTER MARKOV Bibliographie 1932-1968 1932 Wollte Gustav Adolf deutscher Kaiser werden? Leipzig: Dörfling & Franke 1932. S. 900-905. fr. 8° In: Allg. evang.-luth. Kirchenzeitung. Bd 65, Nr 38, vom 16. 9. Wollte Gustav Adolf deutscher Kaiser werden? Berlin: Evang. Presseverb. 1932. S. 390. gr. 8° 1933 Nach Gustav Adolfs Tode; [mit 1 Tab.:] Gustav Adolfs Lebensgang. Leipzig: 1933. 5. 1 8 - 2 0 ; 2 1 - 2 4 . gr. 8° In: Gustav Adolf-Kalender. 1934 Serbien zwischen Österreich und Rußland 1897—1908. Stuttgart: Kohlhammer 1934. IV, 88 S., 2 Ktn. gr. 8° = Beiträge zur Geschichte der nachbismarckischen Zeit und des Weltkrieges. NF 8. Zugleich Bonn, Phil. Diss. v. 28. Juli 1934. Sozialistische Republik. [Red.] Bonn: 1934. Sept.-Bericht. [Maschinenschr.] Oktober-, Novemberbericht, Weihnachtsnr. [Vervielfält.] 1935 Sozialistische Republik. [Red.] Bonn: 1935. Januarbericht. [Vervielfält.]

1945 Jugend im Aufbruch. Monatszeitschrift der Freien Deutschen Volksjugend. [Red.] [Bonn: 1945.] H. 1, Nov. 16 S. H. 2, Dez. 27 S. 8°

1946 Fuldaer Volkszeitung vom 12. 6.; 19. 6.; 25. 6.; 4. 7.; 6. 7.; 13. 7.; 20. 7.; 27. 7.; 30. 7.; 6. 8.; 13. 8.; 17. 8.; 24. 8.; 31. 8.; 5. 9.; 14. 9.; 21. 9.; 24. 9.; 8 . 1 0 . ; 1 2 . 1 0 . ; 29.10.; 2 . 1 1 . ; 16. 11.; 21. 11.; 23. 11.; 3. 12.; 12. 12.; Sonntag vom 22. 9.

1947 Grundzüge der Balkandiplomatie. Ein Beitrag zur Geschichte der Abhängigkeitsverhältnisse. Leipzig 1947. 384 S. [Maschinenschr.] Leipzig, Phil. Hab.-Sehr. v. 1947.

594

Walter Markov

Historia docet? Berlin, Leipzig: Volk und Wissen 1947. S. 8—9. 4° In: Forum. Zeitschr. f. d. geistige Leben an den deutschen Hochschulen. Jahr 1, H. 4. Fuldaer Volkszeitung vom 1 . 1 . ; 1 1 . 1 . ; 1 4 . 1 . ; 1 5 . 2 . ; 4 . 3 . ; 8 . 3 . ; 1 3 . 3 . ; 1 8 . 3 . ; 2 9 . 3 . ; 3. 4.; 5. 4.; 9 . 4 . ; 15. 4.; 3. 5.; 15. 5 . ; 10. 6.; 19. 7.; 22. 7.; 29. 7.; 2. 8.; 9. 8.; 16. 8.; 26. 8.; 13. 9 . ; 23. 9 . ; 7. 10.; 25. 10.; 8. 11.; 29. 11. Sonntag vom 21. 1. Leipziger Zeitung vom 4. 11. VVN, Informationsdienst Düsseldorf vom 1 5 . 1 2 .

1948 Geschichte der Türkei. Berlin, Leipzig: Volk und Wissen 1948. 27 S. 4° = Lehrhefte f. d. Geschichtsunterricht in der Oberschule. Sonderheft. Geschichte der Revolutionen der Neuzeit. T. 1.2. Leitfaden zu den Vorlesungen WS 1947/48 u. SS 1948 der Universität Leipzig. 73 S. [Vervielfält.] Südosteuropa. Leitfaden zur Vorlesung SS 1948 der Universität Leipzig. 48 S. [Vervielfält.] 1848. J e n a : Urania-Verl. 1948. S. 87—92. 4° In: Urania. Monatsschrift über Natur und Gesellschaft. J g . 11, H. 3. Die ungarische Revolution. Berlin, Leipzig: Volk und Wissen 1948. S. 10—13. 4° In: Forum. Zeitschr. f. d. geistige Leben an den deutschen Hochschulen. Jahr 2, H. 3. Über das Studium der Sowjetgeschichte. Berlin: Kultur und Fortschritt 1948. S. 95—109. gr. 8° In: Die Neue Gesellschaft. Zeitschr. d. Gesellschaft zum Studium der Kultur der Sowjetunion. H. 11/12. R. J . Wipper, Iwan Grosny. Moskau 1947. [Rezens.] Berlin, Leipzig: Volk und Wissen 1948. S. 15—16. 4° In: Forum. Zeitschr. f. d. geistige Leben an den deutschen Hochschulen. Jahr 2, H. 9. Fuldaer Volkszeitung vom 8 . 1 . ; 24. 1.; 3. 2.; 11. 2.; 17. 2.; 2. 3.; 6. 3.; 9. 3.; 15. 6.; 31. 7.; 2. 8.; 3. 8.; 9. 8.; 16. 8.; 23. 8.; 10. 9.; 21. 9.; 25. 9. Sonntag vom 25. 1 . ; 12. 12. Leipziger Volkszeitung vom 20. 10.; 2. 11.

1949 Deutsche Geschichte. T. 1—4. Leitfaden z. d. Vorlesungen W S 1948/49 u. SS 1949 der Universität Leipzig. 102 S. [Vervielfält.] Revolution und Entwicklung. J e n a : Urania-Verl. 1949. S. 86—92. 4° In: Urania. Monatsschrift über Natur und Gesellschaft. Jg. 12, H. 3. Sowjetische Filme, die Weltprämien erhielten. Hrsg. v. d. Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft. (Leipzig: Universalverl. [1949].) S. 21. 4° Leipziger Volkszeitung vom 14. 5.; 20. 8. Altenburger Nachrichten vom 24. 12.

i960 Das Zeitalter des Imperialismus. Materialien zur Vorlesung über Allg. Geschichte 1 8 7 1 - 1 9 4 5 W S 1949/50 u. SS 1950 der Universität Leipzig. 147 S. [Vervielfält.]

Bibliographie 1932—1968

595

Zur Krise der deutschen Geschichtsschreibung. Berlin: Rütten & Loening 1950. S. 1 0 8 - 1 5 5 . gr. 8° In: Sinn und Form. Jahr 2, H. 2. F ü r Frieden und Freundschaft. Leipzig: Volk und Buchverl. 1950. BI. Sept.-Okt. In: Leipziger Kalender.

1951 E. Tarle, „1812". Rußland und das Schicksal Europas. Berlin 1951. [Rezens.] Berlin: Aufbau-Verl. 1951. S. 1 0 4 6 - 1 0 4 8 . 8° In: Aufbau. Kulturpol. Monatsschrift. J g . 7, H. 11. E . Tarle, Talleyrand. Leipzig 1950. [Rezens.] Berlin: Aufbau-Verl. 1951. S. 180 bis 181. 8° In: Aufbau. Kulturpol. Monatsschrift. J g . 7, H. 2. 1952 Dimitrije Obradovic, ein serbischer Aufklärer an der Universität Halle-Wittenberg. Halle-Wittenberg: Martin-Luther-Universität 1952. S. 101—108. 4° In: Festschrift zur 450-Jahrfeier der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Bd II. Vorw. zu: C. Hagenbeck, Von Tieren und Menschen. Erlebnisse und Erfahrungen. Mit zahlr. Abb. (1. Aufl. d. Neuausg. 1952). Leipzig: List (1952). S. V I I I - X I I I . gr. 8° 1953 Die Araber vom 7. bis zum 11. Jahrhundert. Berlin: Volk und Wissen 1953. S. 99 bis 113. gr. 8° In: Lehrbuch für den Geschichtsunterricht. 10. Schuljahr. H. 1. Byzanz und die Südslawen vom 6. bis zum 11. Jahrhundert. In: Ebenda, S. 77—89. Schriften zur Geschichte. Besprechung der Historischen Reihe d. Verl. Rütten & Loening. Berlin: Aufbau-Verl. 1953. S. 1 1 0 5 - 1 1 0 9 . gr. 8° In: Aufbau. Kulturpol.. Monatsschrift. J g . 9, H. 12. A .S. Erusalimskij, Vneänaja politika i diplomatija germanskogo imperializma v konce X I X veka. — A. S. Jerusalimski, Außenpolitik und Diplomatie des deutschen Imperialismus am Ende des 19. Jahrhunderts, 2. erw. Aufl., Moskau 1951. [Rezens.] Berlin: Rütten & Loening 1953. S. 988—996. gr. 8° In: Zeitschr. f. Geschichtswiss. Jg-1, H.6. Lexikon A—Z. Abt. Geschichte [Mitarb.]. Leipzig: Bibl. Institut 1953. 8° Zum Deutschen Historikertag in Bremen. Düsseldorf 1953. In: Deutsche Volkszeitung vom 28. 9.

1954 Die Entstehung und Ausbreitung des osmanischen Staates — Die militärischfeudale Despotie — Der Niedergang der Türkei. Berlin: Volk und Wissen 1954. S. 91—96. gr. 8° In: Lehrbuch für den Geschichtsunterricht. 10. Schuljahr. H. 3. Italien 1 8 1 5 - 1 8 7 0 . In: Ebenda, S. 2 2 9 - 2 3 2 . F . Donath u. W. Markov: Kampf um Freiheit. Dokumente zur Zeit der nationalen Erhebung 1789 bis 1815. Hrsg. (Berlin:) Verl. d. Nation. 498 S., 3 Ktn., gr. 8°

596

W a l t e e Mabxov

1955 Die Pariser Kommune 1871. Vortrag, geh. im Karl-Marx-Jahr 1953. Leipzig, J e n a : Urania-Verl. 1955. 26 S. 8° = Vorträge zur Verbreitung wiss. Kenntnisse. H . 75. Fragen der Genesis und Bedeutung der vorimperialistischen Kolonialsysteme. Leipzig: Karl-Marx-Universität Leipzig 1954/55. S. 43— 60. 4° I n : Wiss. Zeitschr. d. Karl-Marx-Univers. Leipzig. J g . 4, gesellschafts- und sprachwiss. Reihe. H. 1/2. Grenzen des Jakobinerstaates. Berlin: R ü t t e n u. Loening (1955). S. 209—242, 319—352. gr. 8° I n : Grundpositionen der französischen Aufklärung. Neue Beiträge zur Literaturwissenschaft. Hrsg. von W . Krauss u. H . Mayer. [Die Historie und ihr Roman, in:] Georg Lukâcs zum siebzigsten Geburtstag. Berlin: Aufbau-Verl. (1955). S. 142—155. 8° Die Utopia des Citoyen. Berlin: V E B Dt. Verl. d. Wiss. 1955. S. 2 2 9 - 2 4 0 . gr. 8° In : Festschrift. Ernst Bloch zum 70. Geburtstag. J . von Farkas, Südosteuropa. Göttingen 1955. [Rezens.] Berlin: R ü t t e n u. Loening 1955. S. 813—816. gr. 8° In: Zeitschr. f. Geschichtswiss. Jg. 3, H . 5. Die internationalen Beziehungen im Fernen Osten (1870—1945) (Mezdunarodnye otnosenija na Dal'nem Vostoke 1870—1945 [dt.]). Gesamtred. d. russ. Ausg. J . M. Shukow (Durch das Inst. f. Allg. Gesch. d. Univ. Leipzig übers, unter Anleitung von W. Markov). Berlin: Akademie-Verl. 1955. X I I , 647 S. gr. 8° W. Markov u. J . Kaiisch: O rabote institutov istorii narodov SSSR v Germanskoj Demokratiöeskoj Respublike. Moskva: Izdatel'stvo „ P r a v d a " 1955. S. 186 bis 189. In: Voprosy istorii. Nr 10. 1956 Bemerkungen zur südslawischen Aufklärung. Berlin: Akademie-Verl. 1956. S. 349 bis 366. gr. 8° I n : Deutsch-slawische Wechselseitigkeit in sieben J a h r h u n d e r t e n (Ed. Winter zum 60. Geburtstag). Bemerkungen zur geschichtlichen Stellung der Siedlungskolonie. Berlin: R ü t t e n u. Loening 1956. S. 312—349 gr. 8° I n : Vom Mittelalter zur Neuzeit. Zum 65. Geburtstag von Heinrich Sproemberg. Über das Ende der Pariser Sansculottenbewegung. Berlin: R ü t t e n u. Loening (1956). S. 152—183. gr. 8° In: Beiträge zum neuen Geschichtsbild. Zum 60. Geburtstag von Alfred Meusel. Kolonialgeschichte und koloniale Frage. Der X . Internationale Kongreß f. Geschichtswissenschaften in Rom (4.—11.9. 1955). Berlin: R ü t t e n u. Loening 1956. S. 790—799. gr. 8° In: Zeitschr. f. Geschichtswiss. Jg. 4, H. 4. Neue Literatur zur Geschichte der Völker Jugoslawiens. Berlin: R ü t t e n u. Loening 1956. S. 1077—1089. gr. 8° In: Zeitschr. f. Geschichtswiss. Jg. 4, H . 5. „Que les hommes révolutionnaires soient des Romains !" Prof. Dr. O.-Th. Schulz, dem verst. Dir. d. Althistorischen Instituts zum Gedächtnis. Leipzig: Karl-MarxUniversität Leipzig 1955/56. S. 55—58. 4° I n : Wiss. Zeitschr. d. Karl-MarxUnivers. Leipzig. J g . 5, gesellschafts- und sprachwiss. Reihe. H. 1. [Zusammen-

Bibliographie 1932—1968

597

Stellung aller sich auf Prof. Dr. Schulz bez. Aufsätze, in: Wiss. Zeitschr. d. KarlMarx-Universität Leipzig. Gedächtnisschrift O.-Th. Schulz 1958.] Ein Aktenwerk über den jugoslawischen Volksbefreiungskrieg 1941—1945. Zbornik dokumenata i podataka o narodno-oslobodilackom ratu jugoslovenskih naroda. Beögrad 1949ff. [Rezens.] Berlin: Rütten u. Loening 1956. S. 1276—1296. gr. 8° In : Zeitschr. f. Geschichtswiss. Jg. 4, H. 6. R. Konetzke, Colección de Documentos para la Historia de la Formación social de Hispanoamérica 1493—1810. I: 1492—1592. Madrid 1953.. [Rezenz.] Berlin: Akademie-Verl. 1956. Sp. 836—840. 4° In: Deutsche Literaturzeitung. Jg. 77, H. 11. G. Lefebvre, Etudes sur la Révolution française. Paris 1954. [Rezens.] Berlin: Akademie-Verl. 1956. Sp. 529—532. 4° In: Deutsche Literaturzeitung. Jg. 77, H. 7/8. Jakobiner und Sansculotten. Beiträge zur Geschichte der französischen Revolutionsregierung 1793—1794. Hrsg. von W. Markov. Berlin: Rütten u. Loening (1956). X X X V I I I , 234 S., gr. 8° G. Ziegler u. W. Heidenreuter. — Große geographische Entdeckungen und koloniale Eroberungen 1492—1498. 1:15000000. Bearb. [Hrsg.]: Prof. Dr. W. Markov. Gotha: VEB Haack ([19[56). 1 Kt. in 4 Bl. 239 mal 126 cm [Farbendr. Kopf- u. Fußt.] Vorbemerkung zu: Fr. Beygang u. A. Börner, Geschichte der UdSSR (Von den Anfängen bis zum 17. Jahrhundert). Lehrbriefe für das Fernstudium der Oberstufenlehrer. Hrsg. v. d. Pädagog. Hochschule Potsdam. 1956. S. 4 [Vervielfältigung.] Vorbemerkung zu: Jakobiner und Sansculotten. Beiträge zur Geschichte der französischen Revolutionsregierung 1793—1794. Hrsg. von W. Markov. Berlin: Rütten u. Loening (1956), S. V I I - X X X V I I I . 8° Lexikon A—Z. 2. Aufl. (in 2 Bden). Abt. Allg. Geschichte, Bd 1. [Mitarb.] Leipzig: Enzyklopädie 1956. J . Kaiisch u. W. Markov: Cele i zadania institutu historii europejskich krajów demokracij ludowej przy universytecie im. Karla Marksa w Lipsku. Warszawa: Pañstwowe Wydawnistwo Naukowe 1956. S. 194—197. gr. 8° In: Kwartalnik Historyczny L X I I I , Nr 6. F. Katz, M. Kossok, W. Markov: 32. Internationaler Amerikanistenkongreß in Kopenhagen. 8. bis 14. August 1956. Berlin : Rütten u. Loening 1956. S. 1256 bis 1258. gr. 8° In: Zeitschr. f. Geschichtswiss. Jg. 4, H. 6. M. Kossok u. W. Markov: Konspekt über das spanische Kolonialsystem. T. 1.2. Leipzig: Karl-Marx-Universität 1955/56. S. 1 2 1 - 1 4 4 ; 2 2 9 - 2 6 8 . 4° In: Wiss. Zeitschr. d. Karl-Marx-Univers. Leipzig. Jg. 5, gesellschafts- u. sprachwiss. Reihe. H. 2.3. 1957 Diskussionsbeiträge in: Comitato Internazionale di Scienze Storiche: X. Congr. Internazionale di Scienze Storiche, Roma 4.—11. Sept. 1955. Bd VIII, Atti. Firenze: 1957. S. 6 8 - 6 9 ; 6 5 9 - 6 6 0 . IV. Österreichischer Historikertag in Klagenfurt. 17. bis 22. Sept. 1956. Berlin: Rütten u. Loening 1957. S. 146. gr. 8° In: Zeitschr. f. Geschichtswiss. Jg. 5, H. 1.

598

W A L T E R MARKOV

Revolutionsregierung und Volksbewegung in Frankreich 1793—1794. Berlin: Akademie-Verl. 1957. S. 5 0 5 - 5 1 3 . 8° In: Wiss. Annalen. Jg. 6, H. 8. Académie des Lettres de l'URSS. Etudes concernant l'histoire des idées de politique sociale (Hommage à V. P. Volguine). Moscou 1955. [Rezens.] Nancy 1957: Thomas. S. 180—182. gr. 8° In: Annales Historiques de la Révolution Française. Nr 147. E. G. Barber, The Bourgeoisie in 18th Century France. Princeton, N. J . 1955. [Rezens.] Berlin: Akademie-Verl. 1957. Sp. 315—316. 4° In: Deutsche Literaturzeitung. Jg. 78, H. 4. K. Benda, Ecrits des jacobins hongrois, t. 2.3. Budapest 1952. [Rezens.] Nancy 1957: Thomas. S. 178—180. gr. 8° In: Annales Historiques de la Révolution Française. Nr 147. G. Forster. Un livre pour notre temps. Weimar 1952. [Rezens.] Nancy 1957-.Thomas. S. 285. gr. 8° In: Annales Historiques de la Révolution Française. Nr 148. H. Voegt, La littérature et du journalisme jacobins allemands 1789—1800. Berlin 1955. [Rezens.] Nancy 1957: Thomas. S. 285. gr. 8° In: Annales Historiques de la Révolution Française. Nr 148. Lexikon A—Z. 2. Aufl. (in 2 Bden). Abt. Allg. Geschichte. Bd 2. [Mitarb.] Leipzig: Enzyklopädie 1967. W. Markov u. A. Soboul: Die Sansculotten von Paris. Dokumente zur Geschichte der Volksbewegung 1793—1794. Hrsg. Mit e. Vorw. von G. Lefebvre. Berlin-AkademieVerl. 1957. L X X I V , 531 S. gr. 8° Vorbemerkung zu: Die Sansculotten von Paris. Dokumente zur Geschichte der Volksbewegung 1793—1794. Hrsg. v. W. Markov u. A. Soboul. Berlin: AkademieVerl. 1957, S. X I - X X X I I I . 8° J. Kaiisch u. W. Markov: Celi i zadaci instituta istorii evropejskich stran narodnoj demokratii pri universitete imeni Karla Marksa v Lejpcige. Moskva: Izdatel'stvo Akademii Nauk SSSR 1957. S. 111—113. gr. 8° In: Akademija Nauk SSSR. Institut slavjanovedenija. Kratkie soobscenija. H. 21. 1958 Akteure der Balkandiplomatie 1878-1912. Halle/S.: Niemeyer 1958. S. 2 2 6 - 2 6 2 . gr. 8° In: Jahrbuch f. Geschichte der deutsch-slawischen Beziehungen und Geschichte Ost- und Mitteleuropas. Bd II. Hrsg. von e. Kollegium. Bericht über die Arbeit am Forschungsauftrag zur Geschichte der kolonialen Ausbeutung. Arbeitstagung zu Fragen der Kolonialgeschichte und kolonialen Befreiungsbewegung. T. 1.2. Leipzig: Karl-Marx-Universität Leipzig 1957/58. S. 99; 134; 219—256. 4° In: Wiss. Zeitschr. d. Karl-Marx-Univers. Leipzig. Jg. 7, gesellschafts- u. sprachwiss. Reihe. H. 1/2. 3. Razrabotka voprosov novoj i novejsej istorii v lejpcigskom universitete. Moskva : Izdatel'stvo Akademii Nauk SSSR 1958. S. 199—201. 4° In: Novajainovejsaja istorija. H. 4. Robespierristen und Jacquesroutins. Berlin: Rütten u. Loening 1958. S. 159—217. gr. 8° In: Maximilien Robespierre 1758—1794. Beiträge zu seinem 200. Geburtstag.

Bibliographie 1932—1968

599

K. Benda, Ecrits des jacobins hongrois, t. 1. Budapest [1957. Rezens.] Nancy 1958: Thomas. S. 77—81. gr. 8°. In: Annales Historiques de la Révolution Française. Nr 153. K. Benda, A magyar jakobinusok iratai. Bd. 1—3. Budapest 1952—57. [Rezens.] Berlin: Akademie-Verl. 1958. Sp. 890—895. 4° In: Deutsche Literaturzeitung. Jg. 79, H. 10. J.-P. Marat, Oeuvres choisies. Moscou 1956. 3 vol. [Rezens.] Nancy 1958: Thomas. S. 87—89. gr. 8° In: Annales Historiques de la Révolution Française. Nr 150. Îi. P. Marat, Izbrannye proizvedenija. Söst. V. P. Volgin i A. Z. Manfred. 1—3. Moskva 1956. [Rezens.] Berlin: Akademie-Verl. 1958. Sp. 2 3 6 - 2 3 7 . 4° In: Deutsche Literaturzeitung. Jg. 79, H. 3. Die Registres der Berliner Akademie der Wissenschaften 1746—1766. Dokumente f. d. Wirken Leonhard Eulers in Berlin. Zum 250. Geburtstag. Berlin 1957. [Rezens.] Berlin: Rütten u. Loening 1958. S. 642—645. gr. 8° In: Zeitschr. f. Geschichtswiss. Jg. 6, H. 3. Maximilien Robespierre 1758—1794. Beiträge zu seinem 200. Geburtstag. In Verbindung mit G. Lefebvre... hrsg. von W. Markov (Leiter d. Übersetzungsarbeit : C.Werner, Bibliographie: E. Klein, Personenregister: W . J o h n , Techn. Red.: E. Lindacher. Mit e. Bildnis Maximilien Robespierres. Sonderausg.). Berlin: Rütten u. Loening 1958. 628 S. gr. 8° Die Bauernbewegung des Jahres 1861 in Rußland nach Aufhebung der Leibeigenschaft (Krest'janskoe dvizenie v 1861 godu posle otmeny krepostnogo prava. I. II). Meldungen der Suiten-Generäle und Flügeladjutanten. Berichte der Gouvernementsstaatsanwälte und Kreisfiskale (Aus d. Russ. von H. Müller, Leipzig). Dt. Ausg. bearb. von W. Markov. T. 1.2. Berlin: Akademie-Verl. 1958. XL, 422 S. gr.8° Universitätszeitung vom 31. 10.

1969 Zur universalgeschichtlichen Einordnung des afrikanischen Freiheitskampf es. Vortrag gehalten auf der Arbeitstagung des Instituts für Allg. Geschichte „Zur neueren und neuesten Geschichte Afrikas" am 17./18. April 1959. Leipzig 1959. 14 S. 8° = Leipziger Universitätsreden der Karl-Marx-Universität. N. F. 10. Au II e Congrès des Ecrivains et Artistes Noirs à Rome. Paris: Présence Africaine 1959. S. 361—362. gr. 8° In: Présence Africaine. Revue Culturelle du Monde Noir. Nouv. Série bimestrielle, Nr 24—25. Febr.—Mai 1959, Numéro spécial: Deuxième Congrès des Ecrivains et Artistes Noirs [Rome: 26 mars-l er avril 1959], T. 1. Kolloquium von Historikern Frankreichs und der DDR in Leipzig am 1.—3. Juni 1959. Gemeinsames Kommuniqué der Teilnehmer am deutsch-französischen Historikerkolloquium. Berlin : Rütten u. Loening 1959. S. 1120. gr. 8° In : Zeitschr. f. Geschichtswiss. Jg. 7, H. 5.

600

WALTER

MARKOV

Der westdeutsche Neokolonialismus — ein Feind der freiheitsliebenden Völker. Berlin: Dietz 1959. S. 78—80. 4° In: Probleme des Friedens und des Sozialismus. J g . 2, Nr. 9. Protokoll zur Arbeitstagung zur neueren und neuesten Geschichte Afrikas am 17. bis 18. April 1959. Leipzig Karl-Marx-Universität 1958/59. S. 5 8 9 - 6 3 0 . 4° In: Wiss. Zeitschr. d. Karl-Marx-Univers. Leipzig. J g . 8, gesellschafts- u. sprachwiss. Reihe. H. 4. Zu einem Manuskript von Jacques Roux. Leipzig: Karl-Marx-Universität Leipzig 1958/59. S. 2 7 7 - 3 0 3 . 4°. In: Wiss. Zeitschr. d. Karl-Marx-Univers. Leipzig. J g . 8, gesellschafts- und sprachwiss. Reihe. H. 2. Ruch ludowy i rzq,d rewolucyjny w okresie dyktatury jakobinskiej 1793—94. Warszwa: Panstwowe Wydawnistwo Naukowe 1959. S. 3—38. gr. 8° In: Kwartalnik Historyczny L X V I , Nr 1. Naucnaja sessija v Lejpcige. Moskva: Izdatel'stvo Akademii Nauk S S S R 1959. S. 180. 4° In: Novaja i novejsaja istorija. H. 4. Sporna pitanja oko trscanske indiske kompanije (1775—1785). Beograd 1959. Iii: Istor. Casopis, VIII. Iz istorii obscestvennych dviäenij i mezdunarodnych otnolenij. Sbornik statej v pamjat* akademika Evgenija Viktorovica Tarle. Hrsg. von A. M. Pankratova, unter Mitw. von V. M. Chvostov, N. M. Druzinin [u. a.] Moskva 1957. [Rezens.] Berlin : Rütten u. Loening 1959. S. 185 bis 201. gr. 8° In: Zeitschr. f. Geschichtswiss. Jg. 7, H. 1. A. Mathiez, Études sur Robespierre (1758—1794). Einl. von G. Lefebvre. Hrsg. von der Société des études robespierristes. Paris 1958. [Rezens.] Berlin: AkademieVerl. 1959. Sp. 418—421. 4° In: Deutsche Literaturzeitung. J g . 80, H. 5. Amtliche Sammlung der Acten aus der Zeit der Helvetischen Republik (1798—1803), Bd X I V des Gesamtwerkes, der Kulturhistorischen Serie IV. Bd. Bearb. v. A. Rufer. Freiburg 1957. [Rezens.] Berlin: Akademie-Verl. 1959. Sp. 3 3 3 - 3 3 4 . 4° In: Deutsche Literaturzeitung. Jg. 80, H. 4. A. Soboul, Les Sans-Culottes parisiens en l'an II. Histoire politique et sociale des sections de Paris 2 juin 1793—9 thermidor an II. Thèse pour le doctorat présentée à la Faculté des Lettres de l'Université de Paris. La Roche-sur Yon 1958. [Rezens.] Berlin: Rütten u. Loening 1959. S. 1393—1401. gr. 8° In: Zeitschr. f. Geschichtswiss. J g . 7, H. 6. K. Tonnesson, La défaite des Sans-Culottes. Mouvement populaire et réaction bourgeoise en l'an II. Oslo, Paris 1959. [Rezens.] Berlin: Akademie-Verl. 1959. Sp. 1107—1110. 4° In: Deutsche Literaturzeitung. J g . 80, H. 12. V.-P. Volguine, L'évolution de la pensée sociale en France au X V I I I e siècle. Moscou 1958. [Rezens.] Nancy 1959: Thomas. S. 1 8 2 - 1 8 3 . gr. 8° In: Annales Historiques de la Révolution Française. Nr 156. Studien zur Kolonialgeschichte und Geschichte der nationalen und kolonialen Befreiungsbewegung. Hrsg. von W. Markov, unter Mitw. von K. Büttner u. M. Kossok. Bd 1: K. Büttner: Die Anfänge der deutschen Kolonialpolitik in Ostafrika. Berlin: Akademie-Verl. 1959. Einl.: Zu einer neuen Schriftenreihe. S. V I I — I X . gr. 8°

Bibliographie 1932—1968

601

Die UdSSR. Enzyklopädie der Union der Sozialistischen Sowjet-Republiken [Redaktion der Abteilung Geschichte]. Leipzig: Enzyklopädie 1959. 8° Nachw. zu: N. M. Karamsin, Briefe eines russischen Reisenden. Berlin: Rütten u. Loening (1959). S. 5 6 1 - 5 6 6 . 8° W. Markov u. M. Kossok : Zur Stellung der Philippinen in der spanischen Chinapolitik (Eduard Erkes zum 65. Geburtstag). Leipzig: Karl-Marx-Universität Leipzig 1958/59. S. 7—21. 4° In: Wiss. Zeitschr. d. Karl-Marx-Universität Leipzig. Jg. 8, gesellschafts- u. sprachwiss. Reihe. H. 1. W. Markov u. W. Reißmann: Offener Brief an alle Wissenschaftler der Karl-Marx-Universität vom 29. Januar 1959. Neues Deutschland vom 25.1. Universitätszeitung vom 15. 6.; 22. 10.

1960 L'affaire Babeuf vue de Hambourg (1796—1797), Nancy 1960: Thomas. S. 507 bis 513. gr. 8° In : Annales Historiques de la Révolution Française. Nr 162. Kolloquium „Babeuf et les problèmes du Babouvisme", Stockholm 21. August 1960. Die Internationalen Kommissionen in Stockholm (17.—21. August 1960). Berlin: Rütten u. Loening 1960. S. 1878—1882. gr. 8° In: Zeitschr. f. Geschichtswiss. Jg. 8, H. 8. Einige Beispiele sozialistischer Gemeinschaftsarbeit an der Karl-Marx-Universität. Berlin: Dt. Verl. d. Wiss. 1960. S. 3 2 9 - 3 3 2 . 4° In: Das Hochschulwesen. Jg. 8, H. 7/8. Zu einigen Beziehungen der nationalen Bourgeoisie und der Rolle des Neokolonialismus. Leipzig: Karl-Marx-Universität 1959/60. S. 473—482. 4° In: Wiss. Zeitschr. d. Karl-Marx-Univers. Leipzig. Jg. 9, gesellschafts- und sprachwiss. Reihe. H. 4. Zur universalgeschichtlichen Einordnung des afrikanischen Freiheitskampfes. Berlin: Akademie-Verl. 1960. S. 17—26. gr. 8° In: Studien zur Kolonialgeschichte und Geschichte der nationalen und kolonialen Befreiungsbewegung. Bd 2. Geschichte und Geschichtsbild Afrikas. L'expansion autrichienne outre-mer et les intérêts portugais (1777—1781). Lisboa 1960. S. 217—221. gr. 8° In: Resumo das Communicaçoes, Congresso internacional de Historia dos descobrimentos. Les „Jacquesroutins". Nancy 1960: Thomas. S.163—182. 4° In: Annales Historiques de la Révolution Française. Nr 160. Georges Lefebvre en Allemagne. Nancy 1960: G. Thomas. S. 90—96. gr. 8° In: Hommage à Georges Lefebvre (1874—1959). Rukopis' 2aka Ru „Ree o pricinach nescastij francuzskoj respubliki. Moskva: Izdatel'stvo Akademii Nauk SSSR 1960. S. 528—567, 4° In: Francuzskij Ezegodnik 1959. Stat'i i materialy po istorii Francii. Sur quelques traits de la bourgeoisie nationale. Paris 1960: Gouin. S. 171—180. gr. 8° In: Recherches Internationales. Nr 22. A. Soboul, Les Sans-Culottes parisiens en l'an II. Histoire politique et sociale des sections de Paris 2 juin 1793—9 thermidor an II. Paris 1958. [Rezens.]. Berlin:

602

W A L T E R MARKOV

Akademie-Verl. 1960. Sp. 926—929. 4° In: Deutsche Literaturzeitung. Jg. 81, H. 10. P. Stadler, Geschichtsschreibung und historisches Denken in Frankreich 1789 bis 1871. Zürich 1958. [Rezens.]. Berlin: Akademie-Verl. 1960. Sp. 1015-1016. 4° In: Deutsche Literaturzeitung. Jg. 81, H. 11. Studien zur Kolonialgeschichte und Geschichte der nationalen und kolonialen Befreiungsbewegung. Hrsg. v. W. Markov, unter Mitw. von K. Büttner u. M. Kossok. Bd 2. : Geschichte und Geschichtsbild Afrikas. Beiträge der Arbeitstagung für neuere und neueste Geschichte Afrikas am 17. und 18. April 1959 in Leipzig. Berlin : Akademie-Verl. 1960. 230 S. gr. 8° Kollektiv unter Leitung von W. Markov: Arbeiten zur Geschichte des Kolonialismus und zur nationalen Befreiungsbewegung der kolonialunterdrückten Völker. Berlin: Rütten u. Loening 1960. S. 544—562. gr. 8° In: Zeitschr. f. Geschichtswiss. Jg. 8, Sonderheft. Zum XI. Internat. Historiker-Kongreß in Stockholm, August 1960. W. Markov et P. Friedlaender, Le néo-colonialisme et la politique africaine ouestallemande. Paris 1960: Gouin. S. 181—196. gr. 8° In: Recherches Internationales. Nr 22. W. Markov u. M. Kossok: O popytkach reakcionnoj istoriografii reabilitirovat' ispanskij kolonializm v Amerike. Moskva: Izdatel'stvo Akademii Nauk SSSR 1960. S. 130—141. 4° In: Novaja i novejäaja istorija. H. 4. W. Markov u. L. R a t h m a n n : Proniknovenie germanskich monopolij v Egipt. Imperializm i bor'ba rabocego klassa. Moskva: Izdatel'stvo Akademii Nauk SSSR 1960. S. 163—182. gr. 8° In: Sbornik statej pamjati akademika Fëdora Aronoviëa RotStejna. Über die Erfahrungen der sozialistischen Gemeinschaftsarbeit an der Karl-Marx-Universität Leipzig (Berlin: Tribüne [i960]). S. 23—36. 8° In: Materialien der 3. Zentralvorstandstagung am 5. und 6. Februar 1960 in Leipzig. Zentralvorstand Gewerkschaft Wissenschaft. Universitätszeitung vom 13. 1.; 20. 4.; 6. 7.; 27. 7.; 19. 10.; 23. 11. Sonntag vom 14. 2. Leipziger Volkszeitung vom 25. 4.; 16. 7.; 24. 12.

1961 Arbeiterklasse und Bourgeoisie im antikolonialen Befreiungskampf. Rede vor der Fachrichtung Asien- Afrikawissenschaften zum Tag der Universität am 3. Nov. 1960. Leipzig 1961. 35 S. 8° = Leipziger Universitätsreden der Karl-Marx-Universität. N. F. 21. Probleme des Neokolonialismus und die Politik der beiden deutschen Staaten gegenüber dem nationalen Befreiungskampf der Völker. Referat, gehalten von W. Markov, und Schlußwort von P. Florin auf der Wissenschaftlichen Konferenz in Leipzig 5. bis 8. April 1961. Berlin: Dietz 1961. 91 S. = Internationale Reihe. Sistemi coloniali e movimenti di liberazione. Roma: Editori Riuniti 1961. 198 S. gr. 8° = Quaderni dell' Istituto Gramsci. Storia. Babeuf in Deutschland. Berlin: Rütten & Loening (1961). S. 61—77. gr. 8° In:

Bibliographie 1932—1968

603

Literaturgeschichte als geschichtlicher Auftrag. Werner Krauss zum 60. Geburtstag. Festgabe von seinen Leipziger Kollegen u. Schülern. Hrsg. von W. Bahner. Babef i sovremennaja emu Germanija. Moskva: Izdatel'stvo Akademii Nauk S S S R 1961. S. 1 3 6 - 1 5 3 . 4° In: Francuzskij Ezegodnik 1960. Stat'i i materialy po istorii Francii. La burguesía nacional y el neocolonialismo germanooccidental. Praga 1961. Editorial Paz y Socialismo. S. 263—282. 8 o In: El movimiento contemporáneo de liberación y la burguesia nacional. La Compagnia asiatica di Trieste (1775—1785). Roma 1961: Istituto Gramsci. S. 1 bis 28. gr. 8 o In: Studi Storici, a. II, n. 1. Congrès international de l'histoire des découvertes. Lisbonne, 4.—11. septembre 1960. Berlin: Akademie-Verl. 1961. S. 79—81. gr. 8° In: Recherches Africaines. Etudes guinéennes (N. S.). Nr 3. Die DDR — ein wahrer Freund der Völker Asiens, Afrikas und Lateinamerikas (Auszug aus der Rede auf d. Konferenz über „Probleme des Neokolonialismus und die Politik der beiden deutschen Staaten gegenüber der nationalen Befreiungsbewegung" vom 5.—8. April 1961). Leipzig 1961. S. 9—10. gr. 8° In: Personalund Vorlesungsverzeichnis der Karl-Marx-Universität Leipzig. Studienjahr 1961/62, Herbstsemester. L'expansion autrichienne outre-mer et les intérêts portugais (1777—1781). Lisboa 1961. S. 281—291. gr. 8° In: Congresso internacional de Historia dos descobrimentes. Actas. Vol. V, II parte. Extracts from the Adress by Professor Dr. Walter Markov, President of the GermanAfrican Society in the GDR. Berlin: Deutsch-Afrikanische Gesellschaft 1961.S. 4—9. 8° In : The Interests of the German People and of the People of Africa Require the Immediate Conclusion of a German Peace Treaty. On the Second Session of the Presidium of the German-African Society in the German Democratic Republic, in Berlin, il"> October, 1961. Extrait du discours du Professeur. Markov, président de l'Association germanoafricaine en République Démocratique Allemande. Berlin: Deutsch-Afrikanische Gesellschaft 1961. S. 12—23. 8° In: Pour l'amitié avec les peuples d'Afrique. Dva germanskich gosudarstva — dve politiki v otnoáenii nezavisimych stran Azii i Afriki. Moskva: Izdatel'stvo Akademii Nauk S S S R 1961. S. 67—79. gr. 8° In: Narody Azii i Afriki. Nr 6. Allseitige Interessenvertretung der Wissenschaftler, Arbeiter und Angestellten — Hauptanliegen unserer Gewerkschaft. Bericht der UGL der Karl-Marx-Universität Leipzig an die 6. Tagung des Zentralvorstandes am 24. Febr. 1961 (Berlin: Tribüne [1961. S. 16—42. 8°]) In: Materialien der 6. Zentralvorstandstagung am 24. u. 25. Febr. 1961 in Leipzig. Zentralvorstand Gewerkschaft Wissenschaft. Zur Konferenz über Probleme des Neokolonialismus (Auszug aus dem Hauptreferat). Berlin: Kongreß-Verl. 1961. S. 17—27. In: Dokumentation der Zeit. H. 238. Mouvement national et classes sociales dans le Tiers-Monde. Paris 1961 : Impr. centrale de la Presse. S. 47—64. gr. 8° In: Cahiers Internationaux. J g . 13, Nr 117. 40

Studien

604

W A L T E R MABKOV

Die Triestiner Ostindien-Kompanie (1775—1785) und die Nordsee-Adria-Konkurrenz. Berlin: Akademie-Verl. 1961. S. 293—302. gr. 8° I n : Hansische Studien. Heinrich Sproemberg zum 70. Geburtstag. Die Partisanenrepubliken Ossola und Carnia. Improvisation oder Modell? Berlin: Rütten u. Loening (1961). S. 327—331. gr. 8° I n : Der deutsche Imperialismus und der zweite Weltkrieg. Bd 4. Beiträge zum Thema „Die Innenpolitik und die Besatzungspolitik des deutschen Imperialismus und die antifaschistische Widerstandsbewegung in Deutschland und den besetzten Gebieten". Probleme des Neokolonialismus und die Politik der beiden deutschen Staaten gegenüber der nationalen Befreiungsbewegung [Hauptreferat]. (Leipzig 1961). 2 Bde [Rotaprint], S. 23—103. In: Vorläufiges Protokoll der wissenschaftlichen Konferenz vom 5 . - 8 . April 1961 in Leipzig. Probleme des Neokolonialismus und die Politik der beiden deutschen Staaten gegenüber dem nationalen Befreiungskampf der Völker. Berlin: Rütten u. Loening 1961. S. 7—46. gr. 8° I n : Zeitsch. f. Geschichtswiss. J g . 9, Sonderheft. Zur Geschichte des Kolonialismus und der nationalen Befreiung. Robespierristen und Jacquesroutins. Berlin: Rütten u. Loening 1961. S. 113—174. gr. 8° I n : Maximilien Robespierre 1758—1794. K voprosu o nacional'noj buräuazii i zapadnogermanskom neokolonializme. Praga : Izdatel'stvo Mir i Socializm 1961. S. 287—307. gr. 8° I n : Sovremennoe osvoboditel'noe dvizenie i nacional'naja burzuazija. Ça ira. 50 chansons, couplets et vaudevilles de la Révolution française, 1789—1795. Edités et traduits par G. Semmer. Berlin, Rütten u. Loening, 1958. [Rezens.] Nancy 1961: Thomas. S. 152—153. gr. 8° I n : Annales Historiques de la Révolution Française. Nr 163. G. F . Rebmann, Les voyages de J e a n Blan-Bec dans les quatre parties du monde, et d'autres écrits (Hans Kiekindiewelts Reisen in alle vier Erdteile und andere Schriften), édités par H. Voegt. Berlin, Rütten u. Loening, 1958. [Rezens.] Nancy 1961: Thomas. S. 160—161. gr. 8° I n : Annales Historiques de la Révolution Française. Nr 163. V. M. Dalin: Babeuf-Studien. Gedenkband aus Anlaß des 200. Geburtstages von Gracchus Babeuf am 23. 11. 1960. Eingel. und hrsg. v. W . Markov. Berlin: Akademie-Verl. 1961. 233 S. gr. 8° = Schriftenreihe der Arbeitsgruppe zur Geschichte der deutschen und französischen Aufklärung der Deutschen Akademie der Wissenschaften zu Berlin. B d 16. Maximilien Robespierre 1758—1794. Mit e. Vorw. v. (f) G. Lefebvre. Hrsg. von W . Markov (Mit e. Bild M. Robespierres). Berlin: Rütten u. Loening 1961. 606 S. Studien zur Kolonialgeschichte und Geschichte der nationalen und kolonialen Befreiungsbewegung. Hrsg. von W . Markov, unter Mitw. von K . Büttner u. M. Kossok. Bd. 3 : J . P e c k : Kolonialismus ohne Kolonien. Der deutsche Imperialismus und China 1937. Berlin: Akademie-Verl. 1961. 188 S. gr. 8° Studien zur Kolonialgeschichte und Geschichte der nationalen und kolonialen Befreiungsbewegung. Hrsg. von W . Markov, unter Mitw. von K . Büttner u. M. Kos-

Bibliographie 1932—1968

605

sok. Bd 6/7 : Latenamerika zwischen Emanzipation und Imperialismus. 1810 bis 1960. Berlin: Akademie-Verl. 1961. 297 S. gr. 8° Meyers Neues Lexikon in 8 Bänden. B d 1 [Redaktion der Abteilung Geschichte], Leipzig: V E B Bibliogr. Institut 1961. 8° A. Y. Balla: Some Aspects of the Struggle against Colonialism. E d . by Walter Markov. Scientific Conference, Univ. of Leipzig, 5.—8. April 1961. Leipzig [als Ms. gedruckt] 1961. 8 S. M. Kossok u. W. Markov: „ L a s Indias no eran Colonias"? Hintergründe einer Kolonialapologetik. Berlin: Akademie-Verl. 1961. S. 1—34. gr. 8° In: Studien zur Kolonialgeschichte und Geschichte der nationalen und kolonialen Befreiungsbewegung. Bd 6/7. Lateinamerika zwischen Emanzipation und Imperialismus 1810—1960. Universitätszeitung vom 3. 1.; 11. 4.; 25. 5.; 29. 8. Sonntag vom 8. 1. Leipziger Volkszeitung vom 15. 2.; 6. 4.; 9. 12. Sächsisches Tageblatt vom 19. 3. Märkische Volksstimme vom 5. 4.

1962 The French Revolution [Vorlesung gehalten an der University of Nigeria], Nsukka/ Nigeria: University of Nigeria, Department of History 1962. 17 S. [Maschinenschr., vervielfält.] Diskussionsbeiträge in: Le mouvement des idées dans les pays slaves pendant la seconde moitié du X V I I I e siècle. Atti del colloquio slavistico tenutosi ad Uppsala il 19—21 Agosto 1960 a cura della Commission Internationale des Etudes Slaves (Comité International des Sciences Historiques) = Collana di „Ricerche Slavistiche". H. 2. R o m a : 1962. S. 5 2 - 5 4 ; 1 9 8 - 1 9 9 . I giacobini dei paesi absburgici. R o m a : Istituto Gramsci 1962. S. 493—525. gr. 8° In: Studi Storici, a. III, n. 3. Jozefinistâk és jakobinusok. Budapest 1962: Akad. Nyomda. S. 400—408. 8 ° In: Szâzadok. H. 3.4. Le néo-colonialisme et la politique des deux E t a t s allemands à l'égard du combat de libération nationale des peuples (Berlin: Akademie-Verl. 1962). S. 5—37. gr. 8° In: Néo-Colonialisme et la politique des deux E t a t s allemands à l'égard du combat de libération nationale des peuples. Pubi, par le Comité de la R D A pour la solidarité avec les peuples d'Afrique. Die Partisanenrepubliken Ossola und Carnia: Improvisation oder Modell? Berlin: Rütten & Loening 1962. S. 490—504. gr. 8° In: Die Volksmassen — Gestalter der Geschichte. Festgabe für Prof. Dr. Dr. h. c. Leo Stern zu seinem 60. Geburtstag. Das Plakat von Jacques Roux gegen Epellet. Berlin: Rütten & Loening 1962. S. 1 9 0 3 - 1 9 1 2 . gr. 8° In: Zeitschr. f. Geschichtswiss. J g . 10, H. 8. Probleme des Neokolonialismus und die Politik der beiden deutschen Staaten gegenüber der nationalen Befreiungsbewegung. Berlin: Akademie-Verl. 1962. S. 11—54. gr. 8° In : Nationaler Befreiungskampf und Neokolonialismus. Referate und ausgewählte Beiträge. 40*

606

W A L T E R MABXOV

Problems of Neo-colonialism and the Policy of the Two German States towards the Peoples' National Liberation Struggle (Berlin: Akademie-Verl. 1962). S. 5—34. gr. 8° In : Problems of Neo-Colonialism and the Policy of the Two German States towards the Peoples' National Liberation Struggle. Publ. by the Committee of the GDR for Solidarity with the Peoples of Africa. Im Talkessel von Nsukka. Leipzig: Dt. Kulturbund 1962. S. 12—13. 8° In: Treffpunkt Leipzig. H. 13. I. M. Maiski, Neuere Geschichte Spaniens 1808—1917. Dt. Ausg. hrsg. v. M. Kossok. Berlin 1961 [Rezens.] Berlin: Akademie-Verl. 1962. Sp. 4 7 - 4 9 . 8° I n : Deutsche Literaturzeitung. Jg. 83, H. 1. A. Soboul, Die Sektionen von Paris im Jahre I I , bearb. u. hrsg. von W . Markov. Mit 1 Kartenskizze (Übers, aus dem Französ.: C. Werner). Berlin: Rütten u. Loening 1962. 395 S. gr. 8° Studien zur Kolonialgeschichte und Geschichte der nationalen und kolonialen Befreiuungsbewegung. Hrsg. von W. Markov, unter Mitw. v. K. Büttner u. M. Kossok. B d 8 : M. Nussbaum: Vom „Kolonialenthusiasmus" zur Kolonialpolitik der Monopole. Zur deutschen Kolonialpolitik unter Bismarck, Caprivi, Hohenlohe. Berlin: Akademie-Verl. 1962.167 S. gr. 8° Meyers Neues Lexikon in 8 Bänden. Bd 2—4 [Redaktion der Abteilung Geschichte]. Leipzig: VEB Bibliogr. Institut 1962. gr. 8° Märkische Volksstimme vom 18.1. Neue Zeit vom 11. 9.

1963 The Age of Absolutism [Vorlesung gehalten an der University of Nigeria], Nsukka/ Nigeria: University of Nigeria, Department of History 1963. 22 S. [Maschinenschr., vervielfält.] Introduction to World History [Vorlesung gehalten an der University of Nigeria], Nsukka/Nigeria: University of Nigeria, Department of History 1963. 24 S. [Maschinenschr., vervielfält.] Pre- and Protohistory [Vorlesung gehalten an der University of Nigeria]. Nsukka/Nigeria: University of Nigeria, Department of History 1963,25 S. [Maschinenschr., vervielfält.] Africa became Home of African Studies. Berlin: Deutsch-Afrikanische Gesellschaft 1963. S. 4. 4° In: Voice of Friendship. Information Bulletin of the German-AfricanSociety in the German Democratic Republic, Nr 5. L'Afrique est devenue le foyer des études africaines. Berlin: Deutsch-Afrikanische Gesellschaft 1963. S. 4. 4° In: Voix de l'Amitié, Nr 5. Appunti sulla storiografia africana. Roma: Istituto Gramsci 1963. S. 759—782. gr. 8° In: Studi Storici, a. IV, n. 4. Babeuf, le Babouvisme et les intellectuels allemands (1796—1797). Paris: Editions sociales (1963). S. 175—203. gr. 8° In: Babeuf et les problèmes du Babouvisme. Colloque international de Stockholm (21 août 1960).

Bibliographie 1932—1968

607

Jacques Roux avant la Révolution. Nancy 1963: Thomas. S. 453—470. gr. 8° In : Annales Historiques de la Révolution Française. Nr 174. Zum Tode von Jakov Michailovic Sacher. Berlin: Rütten u. Loening 1963. S. 1350 bis 1352. gr. 8° In: Zeitschr. f. Geschichtswiss. J g . 11, H. 7. Wissenschaft und nationale Befreiungsbewegung. Leipzig: Karl-Marx-Universität 1963. S. 217—224. gr. 8° In: Wissenschaft aus nationaler Verantwortung. Beiträge zum nationalen Kulturbild der Deutschen Demokratischen Republik auf dem Gebiet der Wissenschaft. Dem Rektor der Karl-Marx-Universität Leipzig Prof. Dr. Dr. h. c. Dr. h. c. Georg Mayer zum 70. Geburtstag herzlichst dediziert. H. Scheel, Süddeutsche Jakobiner. Klassenkämpfe und republikanische Bestrebungen im deutschen Süden Ende des 18. Jahrhunderts. Berlin 1962. = Schriften des Instituts für Geschichte d. Deutschen Akademie der Wiss. zu Berlin. Reihe I: Allg. u. Deutsche Geschichte. Bd 13 [Rezens.]. Roma: Istituto Gramsci 1963. S. 580—585. gr. 8° In: Studi Storici, a. IV, n. 3. K. Holzapfel u. W. Markov: H. Scheel. Süddeutsche Jakobiner. Klassenkämpfe und republikanische Bestrebungen im deutschen Süden Ende des 18. Jahrhunderts. Berlin 1962 = Schriften des Instituts für Geschichte d. Deutschen Akademie d. Wiss. zu Berlin. Reihe I: Allg. u. Deutsche Geschichte. Bd 13 [Rezens.]. Berlin: Rütten u. Loening 1963. S. 1373—1378. gr. 8° In: Zeitschr. f. Geschichtswiss. Jg. 11, H. 7. Babeuf et les problèmes du Babouvisme. Colloque international de Stockholm (21 août 1960). Hrsg. v. M. Dommanget, V. M. Dalin, A. Soboul, A. Lehning, J . Suratteau, W. Markov u. a. Paris: Ed. Sociales (1963). 318 S. Studien zur Kolonialgeschichte und Geschichte der nationalen und kolonialen Befreiuungsbewegung. Hrsg. von W. Markov, unter Mitw. von K. Büttner u. M. Kossok. B d 9 : H. Loth: Die christliche Mission in Südwestafrika. Berlin: AkademieVerl. 1963. 180 S. 8° Meyers Neues Lexikon in 8 Bänden. Bd 5—6 [Redaktion der Abteilung Geschichte], Leipzig: VEB Bibliogr. Institut 1963. 8° Universitätszeitung vom 31. 1.; 12. 9. Märkische Volksstimme vom 6. 3. Davase (Colombo) vom 18. 3. Leipziger Volkszeitung vom 27. 7. Sächsisches Tageblatt vom 6. 10. Neues Deutschland vom 7. 10.

1964 Die nationale Befreiungsbewegung. Bilanz 1963. Leipzig: Karl-Marx-Universität Leipzig 1964. S. 1—25. In: Die nationale Befreiungsbewegung. Jahresübersicht 1963. = Wiss. Zeitschr. d. Karl-Marx-Univers. Leipzig, gesellschafts- u. sprachwiss. Reihe. Sonderband III. Afrikanische Geschichtsschreibung heute. Berlin: VEB Dt. Verl. d. Wiss. 1964. S. 28—45. gr. 8° In: Zeitschr. f. Geschichtswiss. Jg. 12, H. 1.

608

WALTER MABKOV

West African History in German Archives. Ibadan 1964 : University Press. S. 602 bis 605. gr. 8° In: Journal of the Historical Society of Nigeria. Vol. 2, Nr 4. Dorevoljucionnyj period 2aka Ru. Moskva: Izdatel'stvo „ N a u k a " 1964. S. 22—40. 4° In : Francuzskij Ezegodnik 1963. Stat'i i materialy po istorii Francii. K. Bastaich et M. Joka, Les Hébertistes et les Enragés. Zagreb 1958. [Rezens.] Paris 1964. S. 243. gr. 8° In: Annales Historiques de la Révolution Française. Nr 176. J. H. Campe, Lettres de Paris. Réeditées par H. König. Berlin, Rütten u. Loening, 1961. [Rezens.] Paris 1964. S. 120—121. gr. 8° In: Annales Historiques de la Révolution Française. Nr 175. V. M. Dalin, Grakch Babef nakanune i vo vremja Velikoj francuzskoj revoljucii (1785—1794) (Gracchus Babeuf am Vorabend und während der Großen Französischen Revolution (1785—1794)). Moskva, Izdatel'stvo Akademii Nauk SSSR, 1963. [Rezens.] Berlin: VEB Dt. Verl. d. Wiss. S. 1471-1474. gr. 8° In: Zeitschr. f. Geschichtswiss. Jg. 12, H. 8. History of East Africa. Ed. by R. Oliver and G. Matthew. Vol. I. Oxford 1963. [Rezens.] Berlin: Akademie Verl. 1964. Sp. 1043—1045. 8° In: Deutsche Literaturzeitung. Jg. 85, H. 11/12. Th. Paine, Die Rechte des Menschen. Edité, traduit et préfacé par W . Mönke. Série Philosophische Studientexte. Berlin, Akademie-Verl., 1962 [Rezens.] Paris 1964. S. 121. gr. 8° In: Annales Historiques de la Révolution Française. Nr 175. J. Pinasseau, L'émigration militaire. Campagne de 1792. Armée royale (Die militärische Emigration. Die Kampagne von 1792. Die königliche Armee). Bd 1—2. Paris 1957/64. [Rezens.] Berlin: VEB Dt. Verl. d. Wiss. 1964. S. 1500. gr. 8° In: Zeitschr. f. Geschichtswiss. Jg. 12, H. 8. W. Rödel, Forster et Lichtenberg. Berlin, Rütten u. Loening, 1960. [Rezens.] Paris 1964. S. 121. gr. 8° In : Annales Historiques de la Révolution Française. Nr 175. G. Steiner, Le rêve du 'bonheur des hommes. Berlin, Akademie-Verl., 1959. — C. W. Frölich. De l'homme et de ses conditions, éd. par G. Steiner. Sources et textet pour l'histoire de la philosophie. Berlin, Akademie-Verl., 1960. [Rezens.] Paris 1964. S. 120 gr. 8° In: Annales Historiques de la Révolution Française. Nr 175. J. Thenon, Robespierre et la psychopathologie du héros. Buenos Aires, Ed. Meridiôn 1958. [Rezens.] Paris 1964. S. 243. gr. 8° In: Annales Historiques de la Révolution Française. Nr 176. B. Weissei, Von wem die Gewalt in den Staaten herrührt. (Contributions aux effets de la pensée de Rousseau sur l'Etat et la société en Allemagne, dans le dernier quart du X V I I I e siècle.) Berlin, Rütten u. Loening, 1963. [Rezens.] Paris 1964. S. 119—120. gr. 8° In: Annales Historiques de la Revolution Française. Nr 175. J . M. Zacker, Le Mouvement des „Enragés", Editions sociales et économiques. 1961 (en russe). [Rezens.] Paris 1964. S. 228—230. gr. 8° In: Annales Historiques de la Révolution Française. Nr 176. M. Bouloiseau, J . Ibanès, Y., Le Moigne, J . C. Perrot, M. Reinhard, M. Vovelle, Contributions à l'histoire démographique de la Révolution française. Commission d'histoire économique et sociale de la Révolution. Mémoires et Documents. Bd XIV,

Bibliographie 1932 — 1968

609

Paris 1962. [Annot.] Berlin: VEB Dt. Verlag d. Wiss. 1964. S. 162. gr. 8° In: Zeitschr. f. Geschichtswiss. Jg. 12, H. 1. Die nationale Befreiungsbewegung. Jahresübersicht 1963. Bearb. vom Forschungszentrum zur Geschichte Asiens, Afrikas und Lateinamerikas an der Karl-MarxUniversität Leipzig unter Leitung von Prof. Dr. W. Markov. Leipzig: Karl-MarxUniversität Leipzig 1964. 221 S. = Wiss. Zeitschr. f. Karl-Marx-Universität Leipzig, gesellschafts- u. sprachwiss. Reihe. Sonderband III. Studien zur Kolonialgeschichte und Geschichte der nationalen und kolonialen Befreiungsbewgung. Hrsg. von W. Markov, unter Mitwirkung von K. Büttner, M. Kossok u. L. Rathmann. Bd 10/11: Kolonialismus und Neokolonialismus in Nordafrika und Nahost. Berlin: Akademie-Verl. 1964. 492 S. 8° Weltgeschichte. Die Länder der Erde von A—Z. Hrsg.: W. Markov, A. Anderle, E. Werner. Leipzig: VEB Bibliogr. Institut 1964. 959 S. gr. 8 ° = Kleine Enzyklopädie. Meyers Neues Lexikon in 8 Bänden. Bd 6—8 [Redaktion der Abteilung Geschichte]. Leipzig: VEB Bibl. Institut 1964. 8° W. Markov u. P. Sebald: Gottlob Adolf Krause. Ibadan 1964: University Press. S. 536—544. gr. 8° In: Journal of the Historical Society of Nigeria. Vol. 2, Nr 4. Junge Welt vom 10. 9. Universitätszeitung vom 2. 10.

1965 Jacques Roux und Karl Marx. Berlin: Akademie-Verl. 1965. 16 S. 8° = Sitzungsberichte der Deutschen Akademie d. Wiss. zu Berlin. Klasse für Phil., Geschichte, Staats-, Rechts- und Wirtschaftswissenschaften. 1965. Nr 1. Das Ärgernis des linken Priesters. Jacques Roux als Prediger. Leipzig: Karl-MarxUniversität (1965). S. 517—525. gr. 8° In: Wiss. Zeitschr. d. Karl-Marx-Universität Leipzig, Jg. 14, gesellschafts- u. sprachwiss. Reihe. H. 3. A propos d'Anti-Colonialisme. Une étude. Dresden : Verl. Zeit im Bild 1965. S. 51 bis 57. 8° In: Amitié-Coopération. Die nationale Befreiungsbewegung. Bilanz 1964. Leipzig: Karl-Marx-Universität Leipzig 1965. S. 1—29. In: Die nationale Befreiungsbewegung. Jahresübersicht 1964. = Wiss. Zeitschr. d. Karl-Marx-Universität Leipzig, gesellschafts- u. sprachwiss. Reihe. Sonderband. La collera del prete rosso. Roma: Istituto Gramsci 1965. S. 629—649. gr. 8°. In: Studi Storici, a. VI, n. 4. Der 8. Mai 1945 in der Sicht ehemals kolonialunterdrückter Völker. Diskussionsbeitrag in der Plenartagung. Berlin: Dietz Verl. 1965. S. 422—425. gr. 8° In: Beiträge zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung. H. 3. R. Mauny, J . Glénisson, W. Markov et H. Moniot: Le problème des sources de l'histoire de l'Afrique noire jusqu'à la colonisation européenne. Rapport. Wien 1965. S. 177—232. gr. 8° In: Comité international des sciences historiques. X I I e Congrès International des Sciences Historiques. Rapports — II, Histoire des Continents. Le placard de Jacques Roux contre Epellet. Paris 1965. S. 204—210. gr. 8° In: Annales Historiques de la Révolution Française. Nr 180.

610

W A L T E R MARKOV

Robespierre-Kolloquium in Wien. Berlin: V E B Dt. Verl. d. Wiss. 1965. S. 1435. gr. 8° In: Zeitschr. f. Geschichtswiss. Jg. 13, H. 8. Jacques Roux e Karl Marx : come gli Enragés entrarono nella Sacra famiglia. Roma : Instituto Gramsi 1965. S. 41—54. gr. 8° In: Studi Storici, a. VI, n. 1. Die Sektionen des X I I . Internationalen Historikerkongresses in Wien. Sektion I I : Geschichte der Kontinente. Berlin: V E B Dt. Verl. d. Wiss. 1965. S. 1938—1403. gr. 8° In: Zeitschr. f. Geschichtswiss. J g . 13, H. 8. Who is Your Friend? Where is Your Foe? A Documentation. Dresden: Verl. Zeit im Bild 1965. S. 51—57. 8°. In: Linked in Friedenship. Alle origini del Risorgimento: I testi di un „celebre" concorso (1796). (An den Ursprüngen des Risorgimento: Die Beiträge zu einem „berühmten" Wettbewerb). Hrsg. v. A. Saitta. Istituto storico italiano per l'età moderna contemporanea, 3 Bde, Rom 1964. [Rezens.] Berlin: V E B Dt. Veri. d. Wiss. 1965. S. 1261 bis 1262. gr. 8° In : Zeitschr. f. Geschichtswiss. Jg. 13, H. 7. K. H. Bergmann: Babeuf. Gleich und Ungleich. Köln u. Opladen, Westdeutscher Verlag 1965. [Rezens.] Berlin: V E B Dt. Verl. d. Wiss. 1965. S. 1461. gr. 8° In: Zeitschr. f. Geschichtswiss. J g . 13, H. 8. V. M. Daline, Gracchus Babeuf à la veille de la Grande Révolution française et pendant, 1785—1794. Moscou, Ed. de l'Académie des Sciences de l'U.R.S.S. 1963. [Rezens.]. Paris 1965. S. 101—105.-gr. 8° In: Annales Historiques de la Révolution Française. Nr 179. Ideas in History. Essays presented to L. Gottschalk. Hrsg. v. R . Herr u. H. T. Parker. Duke Univ. Press, Durham N. C. 1965. [Rezens.] Berlin: V E B Deutscher Verl. d. Wiss. 1965. S. 1 4 4 1 - 1 4 4 2 . gr. 8° In: Zeitschr. f. Geschichtswiss. J g . 13, H. 8. J . Massin, Almanach de la Révolution française. Des Etats Généraux au Neuf Thermidor ( Almanach der Französischen Revolution. Von den Generalstaaten bis zum 9. Thermidor ). Club Français du Livre. Paris 1963. — Ders. Almanach du Premier Empire. Du Neuf Thermidor à Waterloo (Almanach des Ersten Empires. Vom 9. Thermidor bis Waterloo ). Club Français du Livre. Paris 1965. [Rezens.] Berlin : V E B Dt. Verl. d. Wiss. 1965. S. 1 0 8 5 - 1 0 8 6 . gr. 8° In: Zeitschr. f. Geschichtswiss. Jg. 13, H. 6. The Problems of Civilization (Die Problematik der Hochkulturen). Hrsg. v. O. F . Änderte. Haag — London — Paris Moutin & Co., 1964. [Rezens.] Berlin: V E B Dt. Verl. d. Wiss. 1965. S. 1049—1050. gr. 8° In: Zeitschr. f. Geschichtswiss. J g . 13, H. 6. Prospero and Caliban: the psychology of colonization by O. Mannoni. New York, Praeger; London, Pall Mall Press 1964. [Rezens.] Cambridge University Press 1965. S. 623—624. gr. 8° In: The Journal of Modern African Studies. Vol. 3, Nr. 4. Babeuf. Textes choisis. Hrsg. v. C. Mazauric. Paris, Editions sociales 1965. [Annot.] Berlin: V E B Dt. Verl. d. Wiss. 1965. S. 1280. gr. 8° In: Zeitschr. f. Geschichtswiss. Jg. 13, H. 7. M. Bouvier-Ajam et G. Mury, Les classes sociales en France (Die sozialen Klassen in Frankreich), mit einem Nachwort v. M. Thorez (f), 2 Bde. Paris 1963. [Annot.] Berlin: V E B Dt. Verl. d. Wiss. 1965. S. 157/158. gr. 8° In: Zeitschr. f. Geschichtswiss. J g . 13, H. 1.

Bibliographie 1932—1968

611

M. Dommanget, L'enseignement, l'enfance et la culture sous la Commune (Unterricht, Kindheit und Kultur während der Kommune). Paris Editions Librairie de l'Etoile, 1964. [Annot.] Berlin: V E B Dt. Verl. d. Wiss. 1965. S. 1104. gr. 8° In: Zeitschr. f. Geschichtswiss. J g , 13, H. 6. M. Godelier, La notion de « mode de production asiatique » et les schémas marxistes d'évolution des sociétés. Les cahiers du centre d'études et de recherches marxistes. Paris [1964], [Annot.] Leipzig: Karl-Marx-Universität 1965. S. 268. gr. 8°. In: Die nationale Befreiungsbewegung. Jahresübersicht 1964. = Wiss. Zeitschr. d. Karl-Marx-Universität, gesellschafts- u. sprachwiss. Reihe. S B . E . J . Hobsbawm, Sozialrebellen. Archaische Sozialbewegungen im 19. und 20. Jahrhundert. Soziologische Texte. Hrsg. v. H. Maus u. F . Fürstenberg, Bd 14. Neuwied (Rhein)/(West-)Berlin 1962. [Annot.] Berlin: V E B Dt. Verl. d. Wiss. 1965, S. 159 bis 160. gr. 8° In: Zeitschr. f. Geschichtswiss. J g . 13, H. 1. G. Lefebvre, Cherbourg à la fin de l'Ancien Régime et au début de la Révolution (Cherbourg am Ende des Ancien Régime und zu Beginn der Revolution). Cahiers des Annales de la Normandie, N r 4 . Caen 1965. [Annot.] Berlin: V E B Dt. Verl. d. Wiss. 1965. S. 1 2 7 9 - 1 2 8 0 . gr. 8° In: Zeitschr. f. Geschichtswiss. J g . 13, H. 7. J . Suret-Canale, Afrique noire occidentale et centrale. L'ère coloniale (1900—1945). Paris 1964, 636 S. [Annot.] Leipzig: Karl-Marx-Universität 1965. S. 274. gr. 8° In: Die nationale Befreiungsbewegung. Jahresübersicht. 1964 = Wiss. Zeitschr. d. Kar-Marx-Universität, gesellschafts- u. sprachwiss. Reihe. Sonderband. Die nationale Befreiungsbewegung. Jahresübersicht 1964. Bearb. vom Forschungszentrum zur Geschichte Asiens, Afrikas und Lateinamerikas an der Karl-MarxUniversität Leipzig unter Leitung von Prof. Dr. W. Markov. Leipzig: Karl-MarxUniversität 1965. X X I V , 303 S. = Wiss. Zeitschr. d. Karl-Marx-Universität Leipzig, gesellschafts- u. sprachwiss. Reihe. Sonderband. Weltgeschichte. Die Länder der Erde von A—Z. Hrsg.: W. Markov A. Anderle, E . Werner (Verb. Nachdr. d. 1. Aufl.). Leipzig: V E B Bibliogr. Institut 1965. 959 S. 8° = Kleine Enzyklopädie. Leipziger Volkszeitung vom 14. 1. Neues Deutschland vom 14. 1. Leipziger Rundschau vom 19. 3. Universitätszeitung vom 10. 6.; 11. 11.

1966 Jacques Roux oder vom Elend der Biographie. Berlin : Akademie-Verl. 1966. I I I S . Jacques Roux oder com Elend der Biographie (Vortrag geh. 7. 4. 1966). Berlin: Akademie-Verl. 1966). Berlin: Akademie-Verl. 1966. 111 S. = Sitzungsberichte der Deutschen Akad. d. Wiss. zu Berlin, Klasse f. Philosophie, Geschichte, Staats-, Rechts- u. Wirtschaftswiss. J g . 1966. Nr 6. La Nation dans l'Afrique tropicale: Notion et structure. V I e Congrès Mondiale de Sociologie. Evian 4—11 septembre 1966. Groupe de travail sur les Nations nouvelles. [Masch. Manuskript] 1966. 9 S.

612

W a l t e r Mabkov

Université de Strasbourg. Centre universitaire des hautes études européennes. Problèmes de la recherche en histoire contemporaine. Strasbourg 1966. = 1 e r Bulletin de Laison de l'Amicale des professeurs européens d'histoire contemporaine. 90 S. Die nationale Befreiungsbewegung. Bilanz 1965. Leipzig: Karl-Marx-Universität Leipzig 1966. S. 1—31. In: Die nationale Befreiungsbewegung. Bilanz. Berichte. Chronik. = Wiss. Zeitschr. d. Karl-Marx-Universität. Sonderband. Das Dilemma des Priesters Roux. Berlin: Akademie-Verl. 1966. S. 431—436. gr. 8° In : Ost und West in der Geschichte des Denkens und der kulturellen Beziehungen. Festschrift für Eduard Winter zum 70. Geburtstag. La nation dans l'Afrique tropicale. Notion et structure. Paris : Editions Anthropos 1966. S. 57—64. gr. 8°. In : L'homme et la Société. Nr 2. 2ak Ru i Karl Marks ( Kak pojavilis' „besenye" v „Svjatom semejstve" ). Moskva: Izdatel'stvo „Nauka" 1966. S. 6 6 - 7 5 . 4° In: Francuzskij Ezegodnik 1965. Stat'i i materialy po istorii Francii. Germany's Different Traditions. A Historical Survey. Berlin: Deutsch-Afrikanische Gesellschaft 1966. S. 2 2 - 2 3 . 2° In: News, Nr 3. Duc de Castries, Mirabeau. Das Drama eines politischen Genies. Stuttgart, W. Kohlhammer 1963. [Rezens.] Berlin: V E B Dt. Verl. d. Wiss. 1966. S. 1 2 4 7 - 1 2 4 8 . gr. 8° In: Zeitschr. f. Geschichtswiss. Jg. 14, H. 7. The Dilemmas of Trusteeship : Aspects of British Colonial Policy between the Wars, by K. Robinson. London, Oxford, Univ. Press 1965. [Rezens.] Cambridge University Press 1966. S. 119—120. gr. 8° In: The Journal of Modern African Studies. Vol. 4, Nr 1. W. E. B. Du Bois, Mein Weg, meine Welt. Vorw. von J . Kuczynski. Berlin, Dietz Verl. 1965. [Rezens.] Berlin: V E B Dt. Verl. d. Wiss. 1966. S. 1 2 3 5 - 1 2 3 6 . gr. 8° In: Zeitschr. f. Geschichtswiss. Jg. 14, H. 7. St. C. Easton, The Rise and Fall of Western Colonialism. New York 1964. [Rezens.] Cambridge: Cambridge University Press 1966. S. 549—551. g. 8° In: The Journal of Modern African Studies, Vol. 4. G. Masselmann, The Cradle of Colonialism. New Haven — London Yale University Press 1963. [Rezens.] Berlin: Akademie-Verl. 1966. S. 218. gr. 8° In: Orientalische Literaturzeitung. Jg. 61, Nr. 5/6 E. A. v. Renesse, W. Krawitz, Ch. Bierkämpfer, Unvollendere Demokratien. Organisationsformen und Herrschaftsstrukturen in nicht kommunistischen Entwicklungsländern in Asien, Afrika und im Nahen Osten. Hrsg. u. eingel. von H. V. Scupin. Köln u. Opladen, Westdeutscher Verl. 1965. [Rezens.] Berlin: V E B Dt. Verl. d. Wiss. 1966. S. 1 1 0 8 - 1 1 9 9 . gr. 8° In: Zeitschr. f. Geschichtswiss. Jg. 14, H. 7. R. B. Rose: The Enragés: Socialists of the French Revolution? (Die Enragés: Sozialisten der Französischen Revolution?) Melbourne University Press 1965. [Rezens.] Berlin: V E B Dt. Verl. d. Wiss. 1966. S. 1016—1017. gr. 8° In: Zeitschr. f. Geschichtswiss. Jg. 14, H. 6. G. Rudé, The Crowd in the French Revolution (Die Volksmassen in der Französischen Revolution). Oxford University Press 1959; — Ders.: Revolutionary Europa 1783—1815 (Das revolutionäre Europa 1783—1815). The Fontana History of

Bibliographie 1932—1968

613

Europa. Hrsg. v. J . H. Plumb. Collins, Lonson 1964; — Ders.: The Crowd in History. A Study in Popupar Disturbances in France and England, 1730—1848 (Die Volksmassen in der Geschichte. Eine Studie über Volksbewegungen in England und Frankreich 1 7 3 0 - 1 8 4 8 ) . John Wiley and Son, New York 1964. [Rezens.] Berlin: VEB Dt. Verl. d. Wiss. 1966. S. 476—477. gr. 8°. In: Zeitschr. f. Geschichtswiss. J g . 14, H. 3. D. K. Fieldhouse, Die Kolonialreiche seit dem 18. Jahrhundert. Fischers Weltgeschichte, Bd. 29. Frankfurt/M. 1965. [Annot.] Berlin: VEB Dt. Verl. d. Wiss. 1966. S. 1032. gr. 8° In: Zeitschr. f. Geschichtswiss. J g . 14, H. 6. Die nationale Befreiungsbewegung. Bilanz. Berichte. Chronik. Bearb. vom R a t für Asien-, Afrika- und Lateinamerikawissenschaften an der Karl-Marx-Universität Leipzig unter Leitung von Prof. Dr. W . Markov. Leipzig: Karl-Marx-Universität 1966. 356 S. = Wiss. Zeitschr. d. Karl-Marx-Universität. Sonderband. Studien zur Geschichte Asiens, Afrikas und Lateinamerikas. Hrsg. von W . Markov, unter Mitw. von M. Kossok u. L. Rathmann. Bd 12/13: J . Suret-Canale: Schwarzafrika. Geographie. Bevölkerung. Geschichte West- und Zentralafrikas. Bd 1. Dt. Ausg. v. A. Gottberg. Berlin: Akademie-Verl. 1966, 349 S. 8° Studien zur Geschichte Asiens, Afrikas und Lateinamerikas. Hrsg. von W . Markov, unter Mitwirkung von M. Kossok u. L. Rathmann. Bd 14/15: G. I. Levinson: Die Philippinen — gestern und heute. Mit 3 Karten. Deutsche Ausg. besorgt v. H. Piazza. Berlin: Akademie-Verl. 1966. 373 S. 8° Studien zur Geschichte Asiens, Afrika und Lateinamerikas. Hrsg. von W . Markov, unter Mitw. von M. Kossok u. L. Rathmann. Bd 16/17: H. Drechsler: Südwestafrika unter deutcher Kolonialherrschaft. Der Kampf der Herero und Nama gegen den deutschen Imperialismus 1884—1915. Berlin: Akademie-Verl. 1966. 372 S. 8° Studien zur Geschichte Asiens, Afrikas und Lateinamerikas. Hrsg. von W . Markov, unter Mitw. von M. Kossok u. L. Rathmann. Bd 18: H. Loth: Kolonialismus und „Humanitätsinterventio". Kritische Untersuchung der Politik Deutschlands gegenüber dem Kongostaat. (1884—1908) mit 1 Karte. Berlin: Akademie-Verl. 1966. 117 S. 8° Weltgeschichte. Die Länder der Erde von A—Z. Hrsg. : W . Markov, A. Anderle, E. Werner (2. verb. Nachdr. d. 1. Aufl.). Leipzig: VEB Bibl. Institut 1966. 959 S. 8° = Kleine Enzyklopädie. Sektion Asien-, Afrika- und Lateinamerikawissenschaften. Materialien der Konferenz „Die politische Funktion der Armee in den Ländern Asiens, Afrikas und Lateinamerikas" vom 7./8. 12. 1966. [Zusammenfassung der Diskussion. Maschinenschr., Vervielfält.] 6 S. Leipziger Volkszeitung vom 1. 1 . ; 31. 12. Universitätszeitung vom 5. 5. Neues Deutschland vom 27. 1 1 .

1967 Die Freiheiten des Priesters Roux. Mit 19 Taf., 32 Textill, und 1 Kte. Berlin: Akademie-Verl. 1967. 424 S.

614

W A L T E R MARKOV

Die Jakobiner frage heute. Oulu/Finnland 1967 : Kirjapaino Osakeyhtiö Kaleva = Collected papers of the guest lecturers in the Department of History. University of Oulu/Finnland. Nr 1. 24 S. Napoleone. Roma, Milano: Compagnia Edizioni Internazionali 1967. 80 S = I Protagonisti della Storia Universale. Nr 21 (Giano. I tascabili doppi ( terza serie )). Africa and the World [Auszug aus dem Referat, Addis Ababa.] Berlin: DeutschAfrikanische Gesellschaft 1967. S. 25. 2° In: News, Nr 2. L'Afrique et le monde. [Auszug aus dem Referat in Addis Ababa.] Berlin: DeutschAfrikanische Gesellschaft 1967. S. 25. 2° In: Nouvelles, Nr. 2. H. Kretschmar, 1 2 . 7 . 1 8 9 3 - 2 . 1 2 . 1 9 6 5 . Berlin: Akademie-Verl. 1967. S. 349 bis 350. gr. 8° In: Jahrbuch 1963—1965 der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig. Napoleone. Milano: Compagnia Edizioni Internazionali 1967. S. 225—253. 4° In : I Protagonisti della Storia Universale, fase. 80, gennaio. Robespierre en Allemagne (1918—1965). In: Actes du Colloque Robespierre ( Congrès International des Sciences historiques. Vienne 1965. ). S. 251—258. 1792 — Resümee über Krieg und Frieden. Berlin: Akademie-Verl. 1967. S. 9—23. gr. 8° In : Jahrbuch für Geschichte. Bd 1. Zum Stand der Jakobinerfrage. Berlin: Akademie-Verl. 1967. S. 338—341. gr. 8° In: Forschungen und Fortschritte. Jg. 41, H. 11. Dejiny Afriky (Geschichte Afrikas). Hrsg. von einem Autorenkollektiv unter Leitung von I. Hrbek und K. Petràèek, 2 Bde, Praha, Verl. Svoboda 1966. [Rezens.] Berlin: VEB Dt. Verl. d. Wiss. 1967. S. 1099/1101. gr. 8° In: Zeitschr. f. Geschichtswiss. Jg. 15, H. 6. Déjiny Afriky, Vols I and II by I. Hrbek, K. Petràèek and others. Prague, Svoboda 1966. [Rezens.] Cambridge Univ. Press 1967. S. 2 9 9 - 3 0 1 . gr. 8° In: The Journal of ModernAfrican Srudies. Vol. 5, Nr 2. C. (d: i. G. S.) Fridland, Danton. 3. Aufl., Moskva, Izdatel'stvo Nauka 1965. [Rezens.] Berlin: VEB Dt. Verl. d. Wiss. 1967. S. 168. gr. 8° In: Zeitschr. f. Geschichtswiss. Jg. 15, H. 1. H. Mitchell, The Underground War against Revolutionary France. The Missions of William Wickham, 1794—1800 (Der unterirdishe Krieg gegen das revolutionäre Frankreich. Die Mission von William Wickham 1793—1800). Oxford Clarendon Press 1965. [Rezens.] Berlin: VEB Dt. Verl. d. Wiss. 1967. S. 1 3 7 - 1 3 8 . gr. 8° I n : Zeitschr. f. Geschichtswiss. Jg. 15, H. 1. W. Markov u. J . Seidel: Rudolf Herrnstadt (f), Die Entdeckung der Klassen. Die Geschichte des Begriffs Klasse von den Anfängen bis zum Vorabend der Pariser Julirevolution. Berlin VEB Dt. Verl. d. Wiss. 1965. [Rezens.] Berlin: VEB Dt. Verl. d. Wiss. 1967. S. 1 3 5 - 1 3 7 . gr. 8° In: Zeitschr. f. Geschichtswiss. H. 1. F. Ansprenger, Auflösung der Kolonialreiche. Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts. Hrsg. v. M. Broszat u. H. Heiber, Bd 13. München, Deutscher Taschenbuch-Verl. 1966. [Annot.] Berlin: VEB Dt. Verl. d. Wiss. 1967. S. 737. gr. 8° In: Zeitschr. f. Geschichtswiss. Jg. 15, H. 4.

Bibliographie 1932—1968

615

F. Babudieri, Trieste e gli interessi austriaci in Asia nei secoli X V I I I e X I X (Triest und die österreichischen Interessen in Asien im 18. und 19. J a h r h u n d e r t ) . P a d u a Verl. CEDAM 1966. [Annot.] Berlin: V E B Dt. Verl. d. Wiss. 1967, S. 1280/81 gr. 8° I n : Zeitschr. f. Geschichtswiss. Jg. 15, H. 7. D. Caute: Die Linke in Europa. Eine Ideologie- und Systemanalyse ab 1789. München, Kindler-Verl. G m b H 1966 [Annot.] Berlin: V E B D t . Verl. d. Wiss. 1967. S. 1 2 6 7 - 1 2 6 8 . gr. 8° In: Zeitschr. f. Geschichtswiss. J g . 15, H . 7. B. R. Davidson, Vom Sklavenhandel zur Kolonialisierung. Afrikanisch-europäische Beziehungen zwischen 1500 und 1900. Reinbek bei Hamburg, Rowohlt Taschenbuch Verl. 1966. [Annot.] Berlin: V E B Dt. Verl. d. Wiss. 1967. S. 7 3 7 - 7 3 8 . gr. 8° I n : Zeitschr. f. Geschichtswiss. J g . 15, H . 4. M. Dommanget: Histoire du Drapeau rouge, des origines ä la guerre de 1939 (Geschichte der Roten Fahne von den Anfängen bis zum Kriege von 1939). Paris E d . Librairie de l'Etoile, o. J . (1967). [Annot.] Berlin: V E B Dt. Verl. d. Wiss. 1967. S. 1271. gr. 8° In: Zeitschr. f. Geschichtswiss. J g . 15, H. 7. K r a t k a j a vsemirnaja istorija v dvuch knigach (Kurze Weltgeschichte in zwei Bänden). Hrsg. von A. Z. Manfred. Moskva, Izdatel'stvo „ N a u k a " 1966. [Annot.] Berlin: V E B Dt. Verl. d. Wiss. 1967. S. 912. gr. 8° I n : Zeitschr. f. Geschichtswiss. J g . 15, H . 5. A. Levandovskij, Robespierre. Moskva, Komsomol-Verl. 1965. [Annot.] Berlin: V E B Dt. Verl. d. Wiss. 1967. S. 549. gr. 8° I n : Zeitschr. f. Geschichtswiss. Jg. 15, H. 3. Asien-Afrika-Lateinamerika 1967. Bilanz. Berichte. Chronik. Zeitraum 1966. Bearb. f. d. Sektion Asien- Afrika- und Lateinamerikawissenschaften an der Karl-MarxUniversität Leipzig von Prof. Dr. W. Markov. Leipzig: Karl-Marx-Universität 1967. 468 S. gr. 8° Etudes Africaines. African Studies. Afrika-Studien. Dem II. Internationalen Afrikanistenkongreß in Dakar gewidmet. Hrsg. i. A. d. Sektion f. Asien-, Afrikaund Lateinamerikawissenschaften an der Karl-Marx-Universität Leipzig von W. Markov. Leipzig: Karl-Marx-Universität 1967. 237 S. gr. 8° Weltgeschichte. Die Länder der Erde von A—Z. 19 F a r b k a r t e n , 147 K a r t e n im Text, 72 Fototaf., 68 Textabb. (Hrsg.: W. Markov, A. Anderle, E . Werner. 3. Aufl.) Leipzig: V E B Bibl. Institut 1967. 944 S. 8° = Kleine Enzyklopädie. Meyers Kleines Lexikon. In 3 Bänden. Bd 1. 2. [Redaktion der Abteilung Geschichte.] Leipzig: V E B Bibl. Institut 1967. 8° Vorw. z u : Etudes Africaines — African Studies — Afrika-Studien. Dem II. Internationalen Afrikanistenkongreß in Dakar gewidmet. Hrsg. i. A. d. Sektion f. Asien-, Afrika- und Lateinamerikawissenschaften an der Karl-Marx-Universität Leipzig von W. Markov. Leipzig: Karl-Marx-Universität 1967.1,5 ungez. S. gr. 8° W. Markov u. P. Sebald: The Treaty between Germany and the Sultan of Gwandu. Ibadan/Nigeria: University Press 1967. S. 141—153. gr. 8° In: Journal of the Historical Society of Nigeria, Vol. IV, Nr 1. H. Piazza u. W. Markov: Der Rote Oktober und der antikoloniale Befreiungskampf. Zur Einordnung der nationalen Befreiungsbewegung in den weltrevolutionären Prozeß. Leipzig: Karl-Marx-Universität 1967. S. 151—188. gr. 8° In: Studien

616

W A L T E E MARKOV

zur marxistisch-leninistischen Revolutionstheorie. Hrsg. i. A. d. Karl-Marx-Universität Leipzig von G. Großer. Neues Deutschland vom 10. 2. Universitätszeitung vom 30. 11.

1968 Afrika ist anders. Berlin: Verl. d. Weltbühne 1968. S. 350—351. gr. 8° In: Die Weltbühne. Jg. 23, H. 11. Afrika zwischen Revolution und Konterrevolution. Berlin : Verl. d. Weltbühne 1968. S. 2 6 2 - 2 6 8 . gr. 8° In: Die Weltbühne. Jg. 23, H. 9. Begegnungen in Afrika. 1. Anfang und Ende einer „Landesuniversität". Berlin: Verl. d. Weltbühne 1968. S. 1234-1237. gr. 8° In: Die Weltbühne. Jg. 23, H. 39. Begegnungen in Afrika. 2. Argumente der Studenten. Berlin: Verl. d. Weltbühne 1968. S. 1398-1402. gr. 8° In: Die Weltbühne. Jg. 23, H. 44. Begegnungen in Afrika. 3. Bei Hofe. Berlin: Verl. d. Weltbühne 1968. S. 1452 bis 1455. gr. 8° In: Die Weltbühne. Jg. 23, H. 46. Begegnungen in Afrika. 4. Im Dorf. Berlin: Verl. d. Weltbühne 1968. S. 1517—1520. gr. 8° In: Die Weltbühne. Jg. 23, H. 48. Vom Nutzen und Nachteil der Habsburger. Wien: 1968. S. 40. 8° In: Tagebuch. Zeitschr. f. Kultur und Politik. H. Jänner/Februar. Ree' 2 a k a Ru o pricinach nescastij francuzskoj respubliki. Moskva : 1968. S. 160 bis 194, 197—201. gr. 8° In: N. A. Kislica, Francuzskaja burzuaznaja revoljucija 1789—1794 g. [Nachdruck aus: Francuzskij Ezegodnik 1959, Moskva 1961], Die Schüsse ins Pulverfaß. Wien: 1968. S. 35. gr. 8° In: Tagebuch. H. Juli/August. Siegburg, 1 0 . - 1 1 . 4. 1945. Berlin: Akademie-Verl. 1968. S. 1 2 0 - 1 2 5 . gr. 8° In: Befreiung und Neubeginn. Zur Stellung des 8. Mai 1945 in der Deutschen Geschichte. Hrsg. v. d. Deutschen Akademie der Wissenschaften Berlin = Schriften der Deutschen Sektion der Kommission der Historiker der DDR und der UdSSR. Bd 5. J . Ganiage, H. Deschamps u. O. Guitard, L'Afrique au X X e siècle (Afrika im 20. Jh.). Paris, Ed. Sirey 1966. [Rezens] Berlin: VEB Dt. Verl. d. Wiss. 1968. S. 1619-1620. gr. 8° In: Zeitschr. f. Geschichtswiss. Jg. 16, H. 12. W. Grab, Demokratische Strömungen in Hamburg und Schleswig-Holstein zur Zeit der Ersten Französischen Republik [Courants démocratiques à Hambourg et dans le Schleswig-Holstein pendant la Première République Française]. Hambourg, Hans Christian Verl. 1966 [Rezens.] Paris 1968. S. 4 1 0 - 4 1 1 . gr. 8° In: Annales Historiques de la Révolution Française. Nr 193. G. Grothe, Der Herzog von Moray. Der zweite Mann im Reich Napoleons III. Berlin, Propyläen-Verl. 1966. [Rezens.] Berlin: Akademie-Verl. 1968. S. 158—159. gr. 8° In: Deutsche Literaturzeitung. Jg. 89, H. 2. A. R. Ioannisjan: Kommunisticeskie idei v gody Velikoj Francuzskoj revoljucii. Moskva Izdatel'stvo Nauka, 1966. [Rezens.] Berlin: VEB Dt. Verl. d. Wiss. 1968. S. 2 3 8 - 2 3 9 . gr. 8° In: Zeitschr. f. Geschichtswiss. Jg. 16, H. 2.

Bibliographie 1932—1968

617

J . Mochekovskaïa, Georg Forster: philosophe et révolutionnaire allemand du X V I I I e siècle. Moscou, Ed. de l'Académie des Sciences de l ' U . R . S . S . 1961. [Rezens.] Paris 1968. S. 408—409. gr. 8° I n : Annales Historiques de la Révolution Française. Nr. 193. K . Julku, Die revolutionäre Bewegung im Rheinland am Ende des achtzehnten Jahrhunderts. Bd 1, Die Anfänge der revolutionären Bewegung von etwa 1770 bis zum Beginn der Revolutionskriege. Annales Academiae Scientiarum Fennicae, Reihe B , Bd 126. Helsinki 1965. [Annot.] Berlin: V E B Dt. Verl. d. Wiss. 1968. S. 251—252. gr. 8° I n : Zeitsohr. f. Geschichtswiss. J g . 16, H. 2. 1.1. Zil'berfarb: Social'naja filosofija Sarla Fur'e i ee mesto v istorii socialisticeskoj mysli pervoj poloviny X I X veka (Die Sozialphilosophie Charles Fouriers und ihr Platz in der Geschichte des sozialistischen Denkens in der ersten Hälfte des 19. J h . ) . Moskva, Izdatel'stvo „Nauka", 1964 [Annot.] Berlin: V E B Dt. Verl. d. Wiss. 1968. S. 2 5 2 - 2 5 3 . gr. 8° I n : Zeitschr. f. Geschichtswiss. J g . 16, H. 2. Studien zur Geschichte Asiens, Afrikas und Lateinamerikas, Hrsg. v. W . Markov, unter Mitw. von M. Kossok u. L . Rathmann. Bd 19: Nordafrika und Nahost im Kampf für nationale und soziale Befreiung. Berlin : Akademie-Verl. 1968. 319 S. 8° Meyers Kleines Lexikon. In 3 Bänden. B d 3. [Red. der Abteilung Geschichte] Leipzig: V E B Bibl. Institut 1968. 8° Einl. zu : Asien, Afrika, Lateinamerika 1968. Bilanz. Berichte. Chronik. Zeitraum 1967. Bearb. f. d. Sektion Asien-, Afrika- und Lateinamerikawissenschaften an der Karl-Marx-Universität Leipzig von Dr. W . Loch. Leipzig: Karl-Marx-Universität 1968. S. 1 - 1 5 . Die letzten Demokraten in der braunen Universität. 1. W. H. Freiherr von Arnim, Ein Interview mit dem Genossen Professor [Markov]. Bonn: Studentengewerkschaft (1968). S. 4 — 1 6 . gr. 8° In: 150 Jahre Klassenuniversität. Leipziger Volkszeitung vom 6. 1.; 31. 8.; 31.10. Horoya, Conakry, vom 5.10.

1969 Jacques Roux. Scripta et Acta. Textes présentés par W . Markov. Berlin : Akademie-Verl. 1969. 686 S.