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German Pages 445 [440] Year 2025

Jörn Rüsen · Michele Barricelli · Nicola Brauch · Estevão Chaves de Rezende Martins · Friedrich Jaeger Hrsg.
Handbuch der Historik
Handbuch der Historik
Jörn Rüsen • Michele Barricelli • Nicola Brauch Estevão Chaves de Rezende Martins Friedrich Jaeger (Hrsg.)
Handbuch der Historik
Hrsg. Jörn Rüsen Bochum, Deutschland Nicola Brauch Fakultät für Geschichtswissenschaften Ruhr-Universität Bochum Bochum, Deutschland
Michele Barricelli LMU München Historisches Seminar München, Deutschland Estevão Chaves de Rezende Martins (1947-2025) Brasilia, Brazil
Friedrich Jaeger Kulturwissenschaftliches Institut Essen, Deutschland
ISBN 978-3-658-47760-8 (eBook) ISBN 978-3-658-47759-2 https://doi.org/10.1007/978-3-658-47760-8 Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://portal.dnb.de abrufbar. © Der/die Herausgeber bzw. der/die Autor(en), exklusiv lizenziert an Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2025 Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung, die nicht ausdrücklich vom Urheberrechtsgesetz zugelassen ist, bedarf der vorherigen Zustimmung des Verlags. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Bearbeitungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Die Wiedergabe von allgemein beschreibenden Bezeichnungen, Marken, Unternehmensnamen etc. in diesem Werk bedeutet nicht, dass diese frei durch jede Person benutzt werden dürfen. Die Berechtigung zur Benutzung unterliegt, auch ohne gesonderten Hinweis hierzu, den Regeln des Markenrechts. Die Rechte des/der jeweiligen Zeicheninhaber*in sind zu beachten. Der Verlag, die Autor*innen und die Herausgeber*innen gehen davon aus, dass die Angaben und Informationen in diesem Werk zum Zeitpunkt der Veröffentlichung vollständig und korrekt sind. Weder der Verlag noch die Autor*innen oder die Herausgeber*innen übernehmen, ausdrücklich oder implizit, Gewähr für den Inhalt des Werkes, etwaige Fehler oder Äußerungen. Der Verlag bleibt im Hinblick auf geografische Zuordnungen und Gebietsbezeichnungen in veröffentlichten Karten und Institutionsadressen neutral. Springer VS ist ein Imprint der eingetragenen Gesellschaft Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH und ist ein Teil von Springer Nature. Die Anschrift der Gesellschaft ist: Abraham-Lincoln-Str. 46, 65189 Wiesbaden, Germany Wenn Sie dieses Produkt entsorgen, geben Sie das Papier bitte zum Recycling.
Inhalt
Zum Gedenken
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Einführung
13 Kapitel 1: Aufgaben und Paradigmen
1.1 Aufgaben und Funktionen der Historik im historischen Denken Jörn Rüsen
27
1.2 Theoriegeschichte der Historik Stefan Jordan
35
1.3 Aufklärung André de Melo Araújo / Justus Nipperdey
43
1.4 Historismus Friedrich Jaeger
49
1.5 Sozialgeschichte und Gesellschaftsgeschichte Jürgen Kocka
57
1.6 Kulturgeschichte Achim Landwehr
67
1.7 Globalgeschichte und Verflechtungsgeschichte Nina Verheyen
75
1.8 Geschlechtergeschichte Caroline Arni
87
1.9 Umweltgeschichte Ute Hasenöhrl
95
6
Inhalt
Kapitel 2: Theorien und Konzepte 2.1 Begriffe der Geschichte Jörn Rüsen
105
2.2 Sinn und Sinnbildung Jörn Rüsen
113
2.3 Geschichtsphilosophie Christian Thies
119
2.4 Natur – Kultur Caroline Arni / Milo Probst
127
2.5 Geist Friedrich Jaeger
135
2.6 Mentalitäten-Geschichte, Historische Psychologie und Psychogenese Georg W. Oesterdiekhoff
141
2.7 Zeit und Zeitlichkeit Jörn Rüsen
149
2.8 Entwicklung Friedrich Jaeger
157
2.9 Teleologie Jonas Nesselhauf
165
2.10 Kontingenz Oliver Kozlarek
173
Kapitel 3: Forschung und Methode 3.1 Geschichtswissenschaft Jörn Rüsen
183
3.2 Methoden Jörn Rüsen
189
3.3 Forschung Kasper Risbjerg Eskildsen
193
3.4 Wissen/Erkenntnis Estevão de Rezende Martins
201
7
Inhalt
3.5 Hermeneutik Ronald Kurt
205
3.6 Historische Erfahrung Alois Ecker
209
3.7 Gedächtnis und Erinnerung Marek Tamm
223
3.8 Quellen und Quellenkritik Jonas Ahlskog
233
3.9 Historische Objektivität Arthur Alfaix Assis
237
3.10 Perspektivität und Multiperspektivität Jörn Rüsen
247
Kapitel 4: Narrativität und Geschichtsschreibung 4.1 Zeiten-Geschichte Achim Landwehr
255
4.2 Narrativität und historische Erzählung Michele Barricelli
261
4.3 Repräsentationen Nicola Brauch / Marcel Mierwald
273
4.4 Fiktion und Fiktionalität in der Geschichte Chris Lorenz
281
4.5 Poetik der Geschichtsschreibung Daniel Fulda
289
4.6 Geschichte der Geschichtsschreibung Stefan Berger
295
4.7 Digitaler Wandel und Geschichtsdidaktik Elena Lewers / Christian Bunnenberg
301
8
Inhalt
Kapitel 5: Orientierung und Identität 5.1 Geschichtsdidaktik Holger Thünemann
311
5.2 Geschichtsbewusstsein Christian Heuer
319
5.3 Bildung Thomas Sandkühler
331
5.4 Historisches Lernen Meik Zülsdorf-Kersting
339
5.5 Geschichtskultur Saskia Handro
347
5.6 Public History Christine Gundermann
357
5.7 Historische Orientierung Andreas Körber
363
5.8 Geschichte und Politik Stefan Jordan
371
5.9 Historische Identität und Pluralität Bettina Degner
379
Kapitel 6: Universalität und Differenz 6.1 Menschheit Jörn Rüsen
389
6.2 Universalismus – Partikularismen Oliver Kozlarek
393
6.3 Geschichte und soziale Differenz Sérgio da Mata
401
6.4 Ursprünge und mythisches Geschichtsdenken Felix Hinz
409
6.5 Der Ethnozentrismus und seine Überwindung Jörn Rüsen
417
Inhalt
9
6.6 Postmoderne, Postkolonialismus, Posthumanismus Oliver Kozlarek
421
Orts- und Sachregister Personenregister
429 441
Zum Gedenken
Kurz vor Erscheinen dieses Handbuchs erreichte uns die Nachricht vom plötzlichen Ableben unseres Mitherausgebers und Autors Estevão de Rezende Martins (1947 2025). Von Anfang an hat er dieses Projekt mit seinen Ideen maßgeblich geprägt und war sowohl für seine theoretische Konzipierung als auch für seine praktische Durchführung von großer Bedeutung. Wir bedauern sehr, dass er das Erscheinen des Bandes nicht mehr erleben kann, und denken gern an die wunderbare Zusammenarbeit mit ihm zurück. Darüber hinaus verlieren wir mit ihm einen der wichtigsten Partner unserer Arbeit im Bereich der Theorie und Didaktik der Geschichte und der Historiographie. Seine Verdienste liegen in der Erweiterung dieses Forschungsgebiets um eine interkulturelle Dimension. Es ist ihm dabei gelungen, eine intellektuelle Atmosphäre zu schaffen, in der eine wechselseitige Befruchtung des interkulturellen Diskurses auf breiter Grundlage stattfinden konnte. Er koordinierte zudem als Mentor eine Gruppe jüngerer brasilianischer Intellektueller und inspirierte wirkmächtig die aufstrebende Geschichtstheorie und Geschichtsdidaktik Brasiliens. Es ist ihm gelungen, den einschlägigen europäischen Diskurs auf die spezifischen Belange der brasilianischen und portugiesischen Geschichtskultur in Theorie und Praxis auszurichten und zur Geltung zu bringen. Mit seinem Hinscheiden verlieren wir einen guten Freund und inspirierenden Kollegen. Jörn Rüsen, Michele Barricelli, Nicola Brauch, Friedrich Jaeger
Januar 2025
Einführung Einführung
Historik ist eine systematisch angelegte Reflexion auf die Grundlagen und soziokulturellen Voraussetzungen sowie auf die Funktionen der Geschichtswissenschaft. Sie thematisiert die maßgebenden Sinnkriterien des historischen Denkens und dessen disziplinäre Verfassung als akademische Fachwissenschaft. Dabei vereint sie geschichtsphilosophische, erkenntnistheoretische, methodologische, poetologische und didaktische Gesichtspunkte. Sie analysiert also auch die Grundlagen der Geschichtsdidaktik als maßgebende Gesichtspunkte des historischen Lernens und der Entwicklung des Geschichtsbewusstseins; sie untersucht zugleich dessen soziale Funktionen in der kulturellen Orientierung der menschlichen Lebenspraxis. Das Handbuch gibt einen Überblick über die einschlägigen Phänomene und die zunehmend auch im internationalen Diskurs geleistete Weiterentwicklung der Historik im 21. Jahrhundert. Es ist systematisch angelegt und soll der Orientierung in den Diskursen der Geschichtstheorie dienen. Die im Folgenden zunächst nur kurz und allgemein skizzierten Merkmale und Entwicklungen der Historik werden in den thematisch jeweils einschlägigen Beiträgen dieses Bandes genauer aufgearbeitet und sind dort auch mit den entsprechenden Belegen und weiterführenden Literaturhinweisen versehen. Analog zu den Begriffen Ästhetik, Hermeneutik, Methodik, die eine Reflexion auf bestimmte Diskursformen (das Schöne, das Verstehen, die Methode u.a.) kennzeichnen, handelt es sich bei der Historik um die Reflexion der spezifischen Diskursform des historischen Denkens. Ihre klassische Ausprägung hat sie im Werk Johann Gustav Droysens gefunden. Bei aller Singularität und überragenden Bedeutung steht dieser Historiker in einer Tradition des historischen Denkens, die in einigen Beiträgen dieses Handbuchs näher beleuchtet wird. In dieser Tradition gibt sich das historische Denken Rechenschaft über sich selbst, über seine Formen, Funktionen und Inhalte. Das historische Denken ist in seiner Entwicklung zumeist von solchen Reflexionen begleitet gewesen. Die Form der Historik haben sie angenommen, als sich die Geschichtswissenschaft in der Epoche der Spätaufklärung und des Historismus, in denen jeweils entscheidende Weichenstellungen des historischen Denkens erfolgten, zu einer akademischen Fachwissenschaft ausgestaltete. Seither hat sich die Historik weitgehend darauf konzentriert, die kognitive Verfassung dieser Fachwissenschaft
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Einführung
zu explizieren und den mit ihr verknüpften Anspruch auf Objektivität und methodische Rationalität zu rechtfertigen und zu begründen. Methodik wurde daher auch im Laufe des ‚langen‘ 19. Jahrhunderts zum Schlüsselthema der Historik, wie Ernst Bernheims im Jahre 1889 erstmals erschienenes „Lehrbuch der historischen Methode“ geradezu paradigmatisch zeigt. Sie konzentrierte sich auf den kognitiven Vorgang der historischen Forschung, insbesondere auf die wissenschaftliche Behandlung der Quellen. Quellen waren alle empirisch gegebenen Sachverhalte (zum Beispiel Dokumente), aus denen sich Einsichten darüber gewinnen ließen, was wann wo wie und warum in der Vergangenheit der Fall war. Die Historik listete diese Gegebenheiten möglichst vollständig auf und legte dann die Verfahren dar, wie aus ihnen überprüfbar Informationen über das Geschehen in der Vergangenheit gewonnen werden können. Die Historik entwickelte sich so zur Methodik der Quellenkritik. Interpretation als Verfahren, diese Informationen in einen erklärenden Zusammenhang mit anderen Informationen über das infrage stehende Geschehen zu bringen, trat demgegenüber zurück. Die Historik Droysens, in der die historische Interpretation durchaus als ein entscheidender Schritt geschichtswissenschaftlicher Arbeit behandelt wird, stellt in diesem Zusammenhang eher eine bemerkenswerte Ausnahme der geschichtstheoretischen Reflexion dar und unterstreicht gerade in ihrer Ausnahmestellung die Entwicklung der Historik zu einer reinen Methodik im Laufe des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts. In der Folge des sogenannten linguistic turn, der in Anknüpfung an die sprachphilosophischen Entwicklungen des 20. Jahrhunderts in den 1980er Jahren auch zunehmenden Einfluss auf die Geistes- und Sozialwissenschaften erlangte, dominiert gegenwärtig in der Historik die Analyse der historiographischen Darstellung. Sie geht vom narrativen Charakter des historischen Denkens aus und untersucht den Sinnbildungsvorgang des historischen Erzählens. Dabei tritt die Methodik der historischen Forschung in den Hintergrund, und ihre spezifische Rationalität droht aus dem Blick zu geraten. Dieses Spannungsverhältnis zwischen dem narrativen Charakter der historischen Darstellung und der methodischen Verfasstheit der historischen Forschung wird in einigen Beiträgen dieses Handbuchs noch genauer erörtert. Ein anderer Diskurs, der spezifische Züge des historischen Denkens ins Licht rückt, stellt die Geschichtsdidaktik dar. Sie beruht auf dem Erfordernis, das Lehren und Lernen von Geschichte mit der Professionalität zu thematisieren, mit der sich die Geschichte als Fachwissenschaft etabliert hat. Das beherrschende Thema der Geschichtsdidaktik ist das menschliche Geschichtsbewusstsein, sein praktischer Vollzug als Sinnbildungsprozess, seine wissenschaftliche Form und der mit ihr verbundene Bildungsanspruch. Ein wieder ganz anderer Diskurs, dem das historische Denken gewidmet ist, erörtert die Geschichte der Historiographie.
Einführung
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Mit der Einsicht in den narrativen Charakter des historischen Denkens hat sich das Schlüsselthema der Historik geändert. Das Erzählen wird nun als ein Sinnbildungsvorgang eigener Art in den Blick genommen. Seine Ausprägung zum historischen Denken und zur Fachwissenschaft wird einer erzähltheoretischen Begründung und Erläuterung unterzogen, wie sich exemplarisch an den geschichtstheoretischen Schriften Hayden Whites zeigen lässt. Aber mit der Einsicht in den narrativen Charakter des historischen Denkens scheint der Fokus der Wissenschaftlichkeit seine Bedeutung einzubüßen. Damit zugleich geht auch die reflexive Aufmerksamkeit auf die historische Methode, die sie bis dahin hatte, verloren. Deren Paradigma war, wie bereits erwähnt, Bernheims „Lehrbuch der historischen Methode“. Dieses Lehrbuch steht am Ende eines Methodenstreits, in dem die historische Erkenntnis am Paradigma der Naturwissenschaften gemessen und ihre Ausprägung im 19. Jahrhundert kritisiert wurde. Gegenwärtig sind methodische Rationalität und narrative Sinnbildung in der Reflexion auf die Grundlagen des historischen Denkens auseinandergetreten und in Spannung zueinander geraten. Angesichts dieser Spannung besteht eine aktuelle Aufgabe der Historik darin, den Wissenschaftlichkeitsanspruch der Fachwissenschaft Geschichte aufrechtzuerhalten und neu zu begründen. Sinnbildende Produktivität und geregelte Erkenntnisprozesse der Forschung lassen sich auf der Reflexionsebene der Historik nicht mehr ohne weiteres als zwei Seiten der gleichen Sache ausmachen und beschreiben. Sie müssen vielmehr explizit miteinander vermittelt werden. Diese Vermittlung muss von der grundlegenden Tatsache der historischen Sinnbildung ausgehen und den Vorgang rationaler Erkenntnis als eine spezifische Ausprägung dieses Vorgangs begreifbar machen. Historisches Erzählen kann als Antwort auf eine Warum-Frage gelten. Dann erlangt es eine Erklärungsfunktion und als Erklärung kann es eine wissenschaftliche Form annehmen. In diesem Fall muss es intersubjektiv überprüfbar sein und das geschieht in zweifacher Weise: mit der Reflexion seiner Argumentationsweise im Blick auf ihre logische Form und mit der Prüfung seines Inhalts durch Rekurs auf Erfahrung. Anknüpfend an diese zunächst noch allgemein gehaltene Erörterung zentraler Elemente und Merkmale der Historik sollen in den folgenden Passagen dieser Einleitung die Kapitelstruktur des Handbuchs und die Themenpalette seiner Beiträge in aller Kürze dargelegt werden: Im Zentrum des ersten Kapitels steht zunächst eine systematische Erörterung der Aufgaben und Funktionen der Historik im Kontext des historischen Denkens (Jörn Rüsen, 1.1) sowie im Anschluss ein theoriehistorischer Rückblick auf ihre wesentli-
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Einführung
chen Entwicklungsschritte seit den Frühformen des historischen Denkens (Stefan Jordan, 1.2). Auf diese eher überblicksartig angelegten Einstiege in das Thema des Handbuchs folgen zwei Beiträge, die besonders einflussreich gewordenen Entwicklungsschritten der Historik an der Schwelle der Moderne gewidmet sind. Gemeint ist zum einen das Zeitalter der Aufklärung bzw. der Spätaufklärung (André de Melo Araújo/Justus Nipperdey, 1.3) und zum anderen die Epoche des Historismus (Friedrich Jaeger, 1.4). Im Kontext dieser beiden für ihre jeweiligen Epochen paradigmatisch gewordenen Denkstile des 18. bzw. 19. Jahrhunderts bildeten sich wichtige Voraussetzungen für die Methodisierung des historischen Denkens und für den institutionellen Aufstieg der Geschichtswissenschaft zu einer autonomen Disziplin heraus, mit denen sich auch wichtige strategische Weichenstellungen für die weitere Entwicklung der Historik verbanden. Die weiteren Beiträge dieses Kapitels untersuchen mit besonderem Fokus auf spezielle Forschungsbereiche und -konzeptionen von der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts bis zur Gegenwart Theorieentwicklungen des historischen Denkens, die nach unserer Überzeugung eine große, teilweise sogar ebenfalls paradigmatische Bedeutung für die Entwicklung der Historik besitzen, indem sie theoretische Grundfragen des historischen Denkens und der Konzeptualisierung des geschichtlichen Wandels aufwerfen. Hierbei handelt es sich im Einzelnen um die Beiträge zur Sozial- und Gesellschaftsgeschichte (Jürgen Kocka, 1.5), zur Kulturgeschichte (Achim Landwehr, 1.6), zu den aktuellen Debatten um die Global- und Verflechtungsgeschichte (Nina Verheyen, 1.7), zur Geschlechtergeschichte (Caroline Arni, 1.8) sowie nicht zuletzt zur Umweltgeschichte (Ute Hasenöhrl, 1.9). In diesen unterschiedlichen Forschungsbereichen laufen derzeit international ausgerichtete Theoriedebatten, die wesentliche Konsequenzen für die Geschichte der Historik sowie für ihre Weiterentwicklung in den kommenden Jahren haben dürften. Im Anschluss an diese Darlegung wichtiger Funktionen, Entwicklungsschritte und Paradigmen der modernen Historik vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart widmet sich das zweite Kapitel des Handbuchs Grundfragen einer Theorie der Geschichte und des historischen Denkens. Am Anfang steht eine Reflexion des Geschichtsbegriffs selbst (Jörn Rüsen, 2.1). Im Kern geht es dabei um die Frage, im Rahmen welcher mentalen Operationen sich aus der Vergangenheit als Summe des insgesamt Geschehenen (res gestae) die Vorstellung von Geschichte als Inbegriff einer erinnerten und gedeuteten Zeit (memoria rerum gestarum) bildet. Als eine Antwort auf diese Frage hat sich in den vergangenen Jahren das Konzept der historischen Sinnbildung etabliert, das im zweiten Artikel dieses Kapitels dargelegt wird und Sinn als Schlüsselbegriff einer zeitgemäßen Historik entfaltet (Jörn Rüsen, 2.2).
Einführung
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Auf diese eher systematisch angelegten Erörterungen zum Begriff der Geschichte und zum Konzept der historischen Sinnbildung folgt eine Rückbesinnung auf die Tradition und die verschiedenen Spielarten der Geschichtsphilosophie (Christian Thies, 2.3). Sie geht der Frage nach, ob sich im Kontext einer formalen, materialen oder metaphysischen Geschichtsphilosophie heute überhaupt noch sinnvoll die Frage nach dem Sinn bzw. nach der Vernunft (in) der Geschichte stellen lässt. Der darauf folgende Artikel widmet sich einem Grundproblem der Historik, das sich aktuell angesichts der durch menschliches Handeln hervorgerufenen Umweltprobleme und ökologischen Krisen auf dramatische Weise neu stellt. Wie wurde in den unterschiedlichen Strömungen der modernen Geschichtswissenschaft seit dem 19. Jahrhundert das Verhältnis zwischen Natur und Kultur, zwischen Menschlichem und Nicht-Menschlichem konzeptualisiert und welche Folgen besaß dieses kulturell definierte Naturverhältnis für die praktische Gestaltung und den geschichtlichen Wandel menschlicher Lebensformen und Lebensbedingungen (Caroline Arni/Milo Probst, 2.4)? Im Anschluss an diese Reflexion des Dualismus von Natur und Kultur, in dem die Natur in gewisser Weise das ‚Andere‘ bzw. die äußere Bedingung der menschlichen Geschichte repräsentiert, widmen sich die beiden folgenden Artikel aus unterschiedlichen Perspektiven der gemeinsamen Frage, inwieweit Geschichte durch innere Faktoren der menschlichen Subjektivität geprägt und gestaltet wird. Die Begriffe des Geistes (Friedrich Jaeger, 2.5) sowie Konzepte der Mentalität und der Psychogenese (Georg W. Oesterdiekhoff, 2.6) sind in diesem Zusammenhang einschlägige Kategorien, deren Traditionen und Bedeutungsschichten in zwei weiteren Beiträgen dieses Kapitels erörtert werden. Die weiteren vier Artikel dieses Kapitels beleuchten mit unterschiedlichen Schwerpunktsetzungen den Faktor Zeit als ein Schlüsselproblem der Historik. Im Mittelpunkt steht zunächst die Erörterung von Zeit und Zeitlichkeit als grundsätzlichen Erfahrungen und Orientierungsproblemen des menschlichen Welt- und Selbstverhältnisses (Jörn Rüsen, 2.7). Der darauf folgende Beitrag geht der Frage nach, wie diese anthropologisch-fundamentale Zeiterfahrung geschichtlichen Wandels im Kontext des modernen historischen Denkens zu einschlägigen Konzeptionen geschichtlicher Entwicklung ausgearbeitet worden ist (Friedrich Jaeger, 2.8). Die beiden abschließenden Beiträge dieses Kapitels behandeln zwei weitere Dimensionen von Zeitkonzeptionen mit grundlegender Bedeutung für die Geschichte der Historik. Es handelt sich dabei zum einen um die Frage der Teleologie bzw. der Zweckgerichtetheit geschichtlicher Prozesse (Jonas Nesselhauf, 2.9.) und zum anderen um die Frage nach der Bedeutung von Kontingenzerfahrungen als Herausforderungen des
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Einführung
historischen Denkens, die durch ihre Infragestellung von Sinn neue Prozesse der historischen Sinnbildung generieren (Oliver Kozlarek, 2.10). Das dritte Kapitel dieses Handbuchs widmet sich den konstitutiven Elementen des epistemischen Prozesses, die das zeitgenössische wissenschaftliche Geschichtsdenken kennzeichnen und deren Reflexion einen weiteren Arbeitsschwerpunkt der Historik bildet. Es geht um den systematischen Zusammenhang von Wahrheit, Wissen und Methode, wobei der großen Vielfalt von Forschungsmethoden, kognitiven Verstehensleistungen und sinnbildenden Interpretationsperspektiven Rechnung zu tragen ist, die die moderne Geschichtswissenschaft auszeichnen. Am Anfang steht die Frage, welche disziplinären Eigenschaften und Elemente einem historischen Denken überhaupt den rationalen Geltungsanspruch und die spezifische Diskursform einer Geschichtswissenschaft verleihen (Jörn Rüsen, 3.1). Diese Ausgangsfrage konkretisiert sich im folgenden Beitrag dieses Kapitels im Hinblick auf den besonderen Stellenwert der historischen Methode als einer konstitutiven Grundlage der historischen Forschung (Jörn Rüsen, 3.2). Auf der Basis dieser disziplinären und methodischen Reflexion legt der dritte Beitrag dar, wie sich aus einer wissenschaftstheoretischen Perspektive heraus der Prozess der historischen Forschung in seinem Zusammenhang verstehen und explizieren lässt (Kasper Risbjerg Eskildsen, 3.3). Und der darauf folgende Beitrag eröffnet eine noch grundlegendere Perspektive, indem er aus einem erkenntnistheoretischen Blickwinkel heraus die allgemeine Struktur historischer Erkenntnis und historischen Wissens untersucht (Estevão Martins, 3.4). Während in den bisher dargelegten Artikeln dieses Kapitels also die disziplinären, methodischen, forschungspraktischen, wissenschaftstheoretischen und erkenntnistheoretischen Grundlagen der Geschichtswissenschaft im Mittelpunkt stehen, widmen sich die folgenden Beiträge einzelnen, besonders wichtigen Fragen der methodischen Forschung, historischen Interpretation und kognitiven Erkenntnisgewinnung. Zunächst geht es in dem Beitrag zur Hermeneutik darum, ein Verständnis für die Struktur des historischen Verstehens zu gewinnen (Ronald Kurt, 3.5). Es folgt ein Beitrag zur Spezifik der historischen Erfahrung und zu ihrer Bedeutung für die lebensweltliche Orientierung sowie für den Vollzug politischer und sozialer Praktiken (Alois Ecker, 3.6). Diese allgemeine Struktur der historischen Erfahrung konkretisiert sich in einem weiteren Artikel dieses Kapitels, der den kulturellen Modi der Erinnerung und der Arbeit des Gedächtnisses gewidmet ist (Marek Tamm, 3.7). Die Frage nach der Faktizität des historischen Wissens bliebe im Rahmen dieses Kapitels unvollständig beantwortet, wenn nicht auch die enorme Bedeutung der historischen Quellen im Kontext einer modernen Geschichtswissenschaft berücksich-
Einführung
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tigt würde. Der Darlegung des Quellenbezuges und der historischen Quellenkritik im Sinne eines konstitutiven Elements der historischen Forschung und Methode dient daher auch ein eigener Beitrag (Jonas Ahlskog, 3.8). Nach dieser Reflexion wesentlicher epistemischer und methodischer Grundlagen, Elemente und Strukturen des historischen Denkens lässt sich abschließend zum einen noch einmal die Frage nach der Objektivität und dem Wahrheitsanspruch des historischen Wissens aufwerfen (Arthur Assis, 3.9). Zum anderen wird danach gefragt, wie sich die unausweichliche, weil lebensweltlich verankerte Perspektivität und Multiperspektivität des historischen Denkens mit Kriterien der argumentativen Geltungskraft und der Rechtfertigung historischer Interpretationen und Positionen vermitteln lässt, die einen uneingeschränkten Relativismus historischer Perspektiven verhindern (Jörn Rüsen, 3.10). Mit dem vierten Kapitel zur Geschichtsschreibung verlässt das Handbuch die umfangreichen Überlegungen zu den Voraussetzungen historischer Erkenntnis im Forschungsprozess und geht über zum Bereich der Produktion historischer Darstellungen durch Geschichtsschreibung. Diese besitzt im deutschen Diskurs traditionell weit weniger Aufmerksamkeit als etwa in den angelsächsischen Ländern oder Frankreich. In einem ersten Beitrag werden zunächst grundlegende Fragen nach einschlägigen Zeitkonzepten gestellt, die im Rahmen von Geschichtsschreibung virulent werden (Achim Landwehr, 4.1), gefolgt von einem Artikel zu den internationalen Debatten der vergangenen Jahre um die Bedeutung von Narrativität für historisches Denken und Erzählen, die mittlerweile auch in Deutschland angekommen sind (Michele Barricelli, 4.2). Daran anschließend geht es um die Möglichkeit geschichtswissenschaftlich angemessener Repräsentationen von Vergangenheit, vor allem auch im Hinblick auf die Spezifik professioneller Lehr- und Lernsituationen (Nicola Brauch/Marcel Mierwald, 4.3). Ein Konzept ‚guter‘ Geschichtsschreibung gibt es im deutschen Sprachraum eigentlich nicht. Im deutschen Geschichtsunterricht spielt Historiographie im Sinne der Auseinandersetzung mit angenommen ‚klassischen‘, vorbildlichen oder aktuellen Werken der Geschichtsschreibung so gut wie keine Rolle und umgekehrt lassen sich etablierte deutsche Historiker*innen nur sehr selten dazu herab, Geschichte eigens für junge Menschen zu verfassen, was sich doch erheblich etwa vom französischen Konzept einer histoire racontée aux enfants unterscheidet. Eigens betrachtet werden ferner die Kontroversen um notwendig fiktionale Gehalte des Erzählens (Chris Lorenz, 4.4) sowie um den poetischen bzw. künstlerischgestaltenden Charakter von Geschichtsschreibung (Daniel Fulda, 4.5). Hier ist die Diskussion um den Alltag historiographischer Produktion im Sinne einer zeitgemä-
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Einführung
ßen Historik insgesamt noch nicht weit entwickelt, was der Blick in die Geschichte der Geschichtsschreibung offenbart (Stefan Berger, 4.6). Längst aber ist der Diskurs schon weitergezogen. Obwohl das angelsächsische Muster des Erzählens – mit seinen dramatischen Spannungsbögen, den inhärenten Gegenwartsbezügen und Bevorzugungen des Biographischen einschließlich der literarischen Technik des stream of consciousness – weltweit Anerkennung genießt, gibt es daneben auch andere Debatten. In ihnen geht es um die Frage, ob nicht Geschichtsschreibung eine zwar seit der Antike verbreitete, aber eben letztlich doch europäisch-westliche Art und Weise ist, sich mit Vergangenheit auseinanderzusetzen, sie zum Zwecke einer interessegeleiteten Erinnerung zu repräsentieren und in Hinsicht auf eine förderliche Ausrichtung der Zukunft zu nutzen. Zweifellos gehört ein solcher Blick auf außereuropäische bzw. außerwestliche Kulturen (oder auch periphere, marginalisierte Bereiche des Diskurses) in ein zeitgemäßes, vorwiegend aus einer deutschen Perspektive verfasstes Handbuch der Historik, immer eingedenk dessen, dass sich seine Autor*innen selbst bei gutem Willen nur im Ausnahmefall von ihren eingeübten Perspektiven werden lösen können. In einem weiteren Beitrag dieses Kapitels werden die Fragen um Universalismus und kulturelle Differenz weiter vertieft, und zwar im Hinblick darauf, wie neue Formen der Medialität (insbesondere durch Digitalität) räumliche und soziale Grenzen des historischen Erzählens zunehmend überwinden (Elena Lewers/Christian Bunnenberg, 4.7). Auch wenn digitale Medien alle Bereiche der Vorstellung bzw. Produktion von und des Umgangs mit Geschichte beeinflussen, werden sie in diesem Kapitel den Darstellungsformen zugeordnet, um anzuzeigen, dass Virtualität ihre größte Auswirkung auf die Art und Weise ausübt, wie Geschichte in Betracht kommt, das heißt gesehen werden will oder soll. Wie weiter oben bereits angedeutet, wird in diesem Handbuch – und dabei insbesondere in seinem fünften Kapitel – die Geschichtsdidaktik besonders gewürdigt, denn unbestreitbar hat diese seit den 1970er Jahren einen wesentlichen Beitrag zur Theoretisierung von Geschichte als Wissenschaft und Gegenstand der Erkenntnisbildung geleistet (Holger Thünemann, 5.1). Geschichtsdidaktische Theoriebildung ging in Deutschland vom Konzept des Geschichtsbewusstseins aus. Dieser in der deutschen Sprache sehr eingängige Begriff ist jedoch, obwohl bis in das 19. Jahrhundert zurückgehend, schillernd, definitorisch unklar und empirisch kaum zu fassen (Christian Heuer, 5.2). Historische Bildung soll jedenfalls zur Orientierung des Menschen in seiner Gegenwart mit Blick auf eine individuell wie gemeinsam zu gestaltende Zukunft beitragen (Thomas Sandkühler, 5.3). Schulischer Unterricht kann für die Erreichung eines solchen Ziels nur ein Baustein unter mehreren sein, schon weil er vor dem Erreichen des Erwachsenenalters oder kurz danach endet. Bis zu einem ge-
Einführung
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wissen Maße ist Geschichte darüber hinaus ein Krisenphänomen, das erst in einem etwas höherem Lebensalter zum Tragen kommt, in dem Menschen individuell Bedrängnisse erfahren oder sich für kollektive Bewusstseinslagen verantwortlich fühlen. Gleichwohl ist richtig, dass die Geschichtsdidaktik von Beginn an einen spürbaren Fokus auf Schule und Unterricht gerichtet hat. Dabei nahm sie, nicht zuletzt um im harten Wettbewerb der Schulfächer bestehen zu können, erhebliche Mühen auf sich, um schulische Prozesse des historischen Lernens mit den entwickelten Methoden der qualitativen oder quantitativen empirischen Forschung und ihren anspruchsvollen Grundlagen zu untersuchen (Meik Zülsdorf-Kersting, 5.4). Aber das kann nicht alles sein. Historisches Lernen innerhalb wie außerhalb der Schule bedarf nach wie vor eines theoretischen Überbaus, denn alles bleibt definitionsbedürftig: Was genau heißt ‚lernen‘ und wofür ist es gut? Was ist der Inhalt des Lernens, und wie gestaltet sich ein Lernprozess? Was vor allem ist das Ziel historischer Bildung? Das sind Fragen, die einer Historik immer schon inhärent waren, aber oft nicht klar genug ausgesprochen wurden, weshalb sie hier direkt in den Blick gerückt werden. Ein Aspekt der Historik ist in diesem Band auch die Analyse aller Unternehmungen, die, auf medial überaus vielfältigen Wegen, noch nach der Schule mit ihren Plänen und Regulierungen Einfluss darauf nehmen wollen, was Menschen über Geschichte bzw. Vergangenheit denken, und zwar sowohl in ihrem Nahraum als auch unter dem Eindruck übernationaler oder globaler Verflechtungen. In der Geschichtsdidaktik wurde einerseits für die Summe dieser wissenschaftsnahen Außenbeziehungen die Kategorie der Geschichtskultur entwickelt (Saskia Handro, 5.5), die freilich seit jeher zu einem gewissen Grad in Konkurrenz mit dem Konzept der Erinnerungskultur steht. Deutlicher den Kulturwissenschaften sowie einer Vorstellung von Geschichte als Markt verpflichtet, dem zielgruppenorientiert unter Verwendung interaktiver Medien zuzuarbeiten sei, blüht andererseits, auch in Deutschland, seit einiger Zeit die Public History als Theoriefeld sui generis (Christine Gundermann, 5.6). Zum Ausdruck gebracht wird in beiden Bereichen, dass Geschichte eben nicht nur – was sie von manch anderen universitären Disziplinen unterscheidet – ein Betätigungsfeld von akademisch Gelehrten mit verabredeten hohen Ansprüchen ist. Vielmehr werden Forschung und Vermittlung unter Zugriff auf spezifische Formen von Kodierung und Medialität von durchaus unterschiedlichen Einzelpersonen und Gruppen betrieben, und zwar immer mit dem Ziel der historischen Orientierung gegenwärtigen Handelns (Andreas Körber, 5.7). Das vermeintliche Gütesiegel der ‚professionellen Praxis‘ verschiebt sich somit kontinuierlich in seinem Bezug. Der politische Gebrauch von Geschichte gehört dabei zu den älteren Formen der Nutzanwendung historischer Forschung (Stefan Jordan, 5.8). Im Mittelpunkt steht hier
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der zuletzt, im kriegerischen Europa, wieder dringlicher gewordene Aspekt, dass Geschichte und historisches Erzählen sowohl in autoritären Staaten und Diktaturen als auch in pluralen Demokratien unabdingbar bleiben, obwohl sie dort jeweils völlig unterschiedliche Funktionen erfüllen. Fast noch klarer lassen sich heute historische Argumentation und historisches Begehren in den zeitgenössischen Identititätsdiskursen innerhalb einer diversitätssensiblen Gesellschaft erkennen, wenn vor allem gesellschaftliche Minderheiten oder ethno-soziologisch definierte bzw. sich selbst definierende communities ihre Geschichte ins Licht rücken, um Anerkennung und rechtliche Gleichstellung zu erreichen (Bettina Degner, 5.9). Obwohl der Begriff der Identität in diesem Verständnis eher jung ist – in Schullehrplänen der 1970er und 1980er Jahre ging es noch eher um Emanzipation oder Autonomie –, offenbart sich damit ein weiteres Mal, dass es Geschichte bzw. die historische Erzählung an und für sich nicht gibt und nie gegeben hat. Sie ist immer ein Produkt gegenwärtiger Interessen der Selbstverortung und Selbstermächtigung. So wird sie gelehrt und folglich gelernt. Das abschließende sechste Kapitel dieses Handbuchs umkreist das Spannungsfeld zwischen Universalismus und kultureller Differenz als eine elementare Herausforderung der Historik. Der dabei zu absolvierende Denkweg beginnt mit einem Beitrag zu der Frage, wie die Universalität der Menschheit und ihrer Geschichte überhaupt als empirischer Erfahrungsraum und zugleich als normative Bezugsgröße der modernen Geistes- und Kulturwissenschaften gedacht und theorieförmig erschlossen werden kann (Jörn Rüsen, 6.1). Dieser Reflexion schließt sich ein Artikel an, der das Spannungsverhältnis zwischen universalistischen und partikularistischen Positionen als einen grundsätzlichen Streitpunkt der modernen Geisteswissenschaften entfaltet, der aktuell sowohl in den Debatten um die multiple modernities als auch in den Positionen des Postkolonialismus ausgetragen wird (Oliver Kozlarek, 6.2). Wie sich diese Spannung zwischen Universalität und Partikularität im Kontext sozialer Beziehungen darstellt und wie sie die elementaren Prozesse der kulturellen Vergesellschaftung von Menschen prägt, ist Thema eines eigenen Artikels. Die Probleme der kulturellen Identitätsbildung, die zwischen dem Eigenen und dem Anderen, zwischen dem Allgemeinen und dem Besonderen ausgetragen werden, sind dabei gewissermaßen übersetzbar in soziale Fragen, die in der Spannung zwischen Egalitarismus und sozialer Ungleichheit, zwischen Homogenität und sozialer Differenzierung zum Ausdruck kommen (Sérgio da Mata, 6.3). Für die Ausbildung kultureller Identität und individueller Besonderheit – sei es bei Individuen, sozialen Gruppen oder ganzen Gesellschaften – ist der Bezug auf den
Einführung
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Anfang, die Herkunft, die eigene Tradition von entscheidender Bedeutung. Dieser Umstand erhebt das Ursprungsdenken bzw. die einschlägigen Ursprungserzählungen, wie sie sich in Mythen, Genealogien oder anderen Narrativen kulturgeschichtlich formiert haben, ebenfalls zu einem wichtigen Reflexionsgegenstand der Historik, dem ein weiterer Artikel dieses Kapitels Rechnung trägt (Felix Hinz, 6.4). Diese Ursprungserzählungen waren und sind in der Regel ethnozentrischer Natur, da ihre Aufgabe ja gerade darin besteht, die eigene kulturelle Besonderheit zu erklären und im Verhältnis zu anderen zu behaupten bzw. zu legitimieren. Die ethnozentrische Struktur dieser Erzählungen, aber auch die Möglichkeiten ihrer Überwindung hin zu einer universelleren und gewissermaßen ‚humaneren‘ Form kultureller Zugehörigkeit ist das Thema eines direkt daran anknüpfenden Beitrags, der damit zugleich noch einmal aus einer anderen Perspektive die am Anfang des Kapitels gestellte Frage nach Menschheit als Sinnkriterium des historischen Denkens beleuchtet (Jörn Rüsen, 6.5). Die Beiträge dieses Kapitels zum Thema Universalismus und kulturelle Differenz stecken ein Reflexionsfeld der Historik ab, das in den vergangenen Jahren im Rahmen intensiver und international verankerter kulturwissenschaftlicher Debatten bereits intensiv erörtert worden ist. Vor allem die einschlägigen Auseinandersetzungen um Postmoderne, Postkolonialismus und Posthumanismus stehen dafür. Sie aufzuarbeiten und auf den thematischen Kontext dieses Handbuchs zu beziehen, ist die Aufgabe des abschließenden Artikels (Oliver Kozlarek, 6.6). In ihrer Summe spiegeln die verschiedenen Kapitel und Beiträge dieses Handbuchs eine grundsätzliche Struktur der Historik, wie sie für die Herausgebenden bei der inhaltlichen Konzipierung leitend gewesen ist. Darüber hinaus handelt es sich bei dem vorliegenden Band aber auch um die Momentaufnahme ganz unterschiedlicher Geschichtsdiskurse, die im Fluss sind und sich im Lichte der sich wandelnden Orientierungsprobleme unserer Gegenwart unaufhörlich verändern und weiterentwickeln. So sehen wir das Besondere dieses Handbuches darin, dass gezeigt werden kann, wie das Themenspektrum der ‚klassischen‘ Historik im Sinne Droysens durch sich verändernde Orientierungsbedürfnisse einerseits erhalten bleibt (z.B. Methodik, Interpretation) und andererseits durch neue Fragestellungen an seinen Rändern erweitert wird (z.B. Digitalisierung, Entstehung von Migrationsgesellschaften). Daher gehen wir mit diesem Handbuch die Herausforderung an, möglichst umfassend komplexe geschichtstheoretische Fragestellungen der Gegenwart kompakt und gleichwohl in ihrer inhaltlichen Entwicklung abzubilden. Die Autorinnen und Autoren der Beiträge nehmen diese Breite durch die Vielfalt ihrer disziplinären und internationalen Verortungen auf, auch wenn wir uns dafür entschieden haben, das Handbuch
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(zunächst) in deutscher Sprache zu veröffentlichen, wobei die Form des Genderns jeder Autorin und jedem Autor selbst überlassen worden ist. Die Konzeption zeichnet sich zudem dadurch aus, dass hier erstmals der Versuch einer konsequenten Integration historischer Erfahrung, wissenschaftlicher Analyse und Vermittlung von Geschichte unternommen wird (Denken, Wissen, Lernen). Auf die immer neue Konfrontation des historischen Denkens mit Herausforderungen durch aktuelle kulturelle Orientierungsbedürfnisse zielt auch der Begriff der „ewigen Jugendlichkeit“, die Max Weber den historischen Kulturwissenschaften in seinem berühmten Aufsatz „Die ‚Objektivität‘ sozialwissenschaftlicher und sozialpolitischer Erkenntnis“ aus dem Jahre 1904 attestiert hat. Ganz in diesem Sinne handelt es sich bei der Historik um ein reflektiertes Verständnis des historischen Denkens und der Geschichtswissenschaft, das sich zwar der Vorläufigkeit und Vergänglichkeit ihrer Ergebnisse bewusst ist, aber gleichwohl an ihrer andauernden Notwendigkeit und an ihrem Vernunftanspruch festhält. Aus diesem Grunde hat auch der intellektuelle Einsatz „für eine erneuerte Historik“, der bereits Jörn Rüsens gleichnamigem Buch aus dem Jahre 1976 zugrunde lag, bis heute – also nach fast genau 50 Jahren – nichts von seiner ursprünglichen Aktualität eingebüßt.
Kapitel 1: Aufgaben und Paradigmen
© Der/die Autor(en), exklusiv lizenziert an Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2025 J. Rüsen et al. (Hrsg.), Handbuch der Historik, https://doi.org/10.1007/978-3-658-47760-8_1
1.1 Aufgaben und Funktionen der Historik im historischen Denken Jörn Rüsen
Analog zu den Begriffen Poetik (Reflexion auf das Poetische in Texten) oder Ästhetik (Reflexion auf das Künstlerische in Texten) ist Historik eine Reflexion auf das spezifisch Historische in Texten, die sich mit der Vergangenheit beschäftigen. Zum terminus technicus und Paradigma einer akademischen Tradition wurde die Historik durch Johann Gustav Droysen (1808-1884). Seine „Historik“, die auf die seit dem Jahre 1857 von ihm gehaltenen Vorlesungen zur Theorie und Methodologie der Geschichtswissenschaft zurückgeht, ist eine Wissenschaftslehre des historischen Denkens (Droysen 1977; 2019; 2020). Sie reflektiert die kognitiven und pragmatischen Grundlagen der Geschichtswissenschaft als akademischer Fachdisziplin. Sie hat eine Wirkungsgeschichte, die bis in die Gegenwart reicht (Nippel 2008; Ries 2020; Rebenich/Wiemer 2012; Rüsen 2006). Sie steht in einer langen Tradition der Selbstreflexion des historischen Denkens, in der es sich auch schon vor seiner Verfassung als Fachwissenschaft Rechenschaft über seine Grundlagen, seine kognitive und narrative Verfassung und seine praktischen Funktionen gegeben hat (Bodin 1591). Droysens Historik kann als Musterbeispiel einer Historik gelten, die die Grundlagen der Geschichtswissenschaft reflektiert. Sie vereinigt in sich alle Dimensionen einer solchen Grundlagenreflexion. Erkenntnistheoretisch grenzt sie die für die Geschichtswissenschaft eigentümliche Denkweise von anderen ab. Wissenschaftstheoretisch analysiert sie die Eigentümlichkeit des historischen Denkens in seiner Form als Fachwissenschaft. Methodologisch legt sie die methodischen Verfahren der historischen Forschung dar. Geschichtsphilosophisch präsentiert sie Formen, Inhalt und Funktionen des historischen Denkens im Allgemeinen. Geschichtsdidaktisch erläutert sie die historische Bildung als wesentlichen Teil der kulturellen Orientierung der menschlichen Lebenspraxis. Alle diese Aspekte werden je für sich in ihrer spezifischen Argumentationsform untersucht und zugleich in einem übergreifenden Argumentationsgang schlüssig miteinander verbunden. Mit dieser Ausprägung stellt sie ein Paradigma der Geschichtstheorie in der besonderen Form einer Historik, einer Grundlagenreflexion der Geschichtswissenschaft dar.
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Zum Begriff der Geschichte Welche Frage erschließt oder eröffnet den Diskurs einer Historik? Am ehesten wohl die, was einen Sachverhalt ‚historisch‘ macht. Es wäre irreführend, wenn man auf diese Frage die Antwort des Vergangenseins von etwas gäbe. Natürlich ist diese Antwort nicht einfach falsch; nur geht sie zu weit. Denn nicht schon dadurch, dass etwas vergangen ist, ist es schon historisch. Im Gegenteil: Als Vergangenes – im Sinne seiner chronologischen Fixierung – ist es in seinem Status als Historisches gerade nicht vergangen, sondern noch gegenwärtig, weil auf es ausdrücklich Bezug genommen wird. Das gilt für den gesamten Bereich der menschlichen Erinnerung. Als erinnerte ist Vergangenheit gegenwärtig geblieben oder geworden. Das heißt nicht, dass sie dabei sich gleich geblieben wäre. Im Gegenteil: Je nach Bedürfnis der Erinnernden wird sie in dem, was sie wirklich war, verändert. Nicht jede Erinnerung an Vergangenes ist schon historisch. Erst dann, wenn sie bewusst und ausdrücklich darauf ausgerichtet ist, Vergangenes in seiner konkreten Besonderheit – und damit: unterschieden von Gegenwärtigem – zu vergegenwärtigen, handelt es sich um etwas spezifisch Historisches. Diese Vergegenwärtigung gibt dem Vergangenen eine besondere Bedeutung. Sie lässt es nicht einfach vergangen sein, sondern hält es fest in seinem besonderen Geschehenscharakter. Diesen besonderen Geschehenscharakter hat Leopold von Ranke mit seinen viel zitierten Worten ausgesprochen, er wolle „bloß zeigen, wie es eigentlich gewesen“ (Ranke 1824, S. VI). Das Wort „eigentlich“ indiziert dabei durchaus die Möglichkeit, Vergangenes je nach Interessenlage in seinem Geschehenscharakter zu modifizieren. Festgehalten werden Geschehnisse der Vergangenheit, wenn ihnen von einer jeweiligen Gegenwart her Bedeutung für das Verständnis dessen beigemessen wird, was den Menschen und die Zeitlichkeit seines Lebens ausmacht. Historik ist eine Reflexion auf das historische Denken, das diese Bedeutung herausarbeitet, nicht von Fall zu Fall, sondern grundsätzlich. Noch einmal: Was macht Sachverhalte historisch bedeutsam? Diese Frage verlangt eine doppelte Antwort: Einmal geht es darum, dass und wie diese Bedeutung von der Gegenwart aus zugemessen wird; zugleich aber geht es auch darum, dass diese Bedeutung von der Vergangenheit in die Gegenwart hinein vorgegeben wird. Beides ist nicht das Gleiche, sondern stellt unterschiedliche mentale Operationen dar. Im zweiten Fall ragt ein Vergangenes mit seinen Ausläufern und Konsequenzen in die Gegenwart hinein. Dafür steht beispielhaft das kulturelle Phänomen der Tradition. Im ersten Fall wird von der Gegenwart zurück in die Vergangenheit gefragt. Dafür stehen beispielhaft alle Versuche, Sachverhalte und Geschehnisse der Gegenwart mit historischer Dauer auszuzeichnen, wie es etwa durch Denkmäler geschieht.
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In beiden Fällen gerät die Zeitlichkeit gegenwärtiger Lebensverhältnisse in den Blick – mit jeweils unterschiedlichen Bedeutungsschwerpunkten. Im Ausgriff der Vergangenheit auf die Gegenwart werden vorgegebene Lebensbedingungen für Schritte in die Zukunft ermittelt und in Handlungsperspektiven umgesetzt. Gründungsgeschichten sind Beispiele dafür. Im Rückgriff von der Gegenwart auf die Vergangenheit werden Zukunftsperspektiven aus gewordenen Handlungsbedingungen abgeleitet. Dafür stehen alle Versuche einer historischen Legitimation aktueller Entscheidungen. Die jeweiligen Zeitperspektiven sind ganz unterschiedlich, im praktischen Leben sind sie allerdings stets miteinander vermittelt. Als immer schon vermittelte machen sie die Zeitlichkeit der menschlichen Lebenspraxis aus. Historik ist also ein Text, der das spezifisch Historische der von ihm dargestellten Vergangenheiten thematisiert. Wie oben bereits erwähnt, hat Droysen diese Gedanken in seiner Historik paradigmatisch und entsprechend wirkungsgeschichtlich bedeutsam entwickelt (Droysen 1977; 2019; 2020). Da in englischer Sprache nur eine skizzenhafte Zusammenfassung dieser Historik in der Form thesenhafter Formulierungen existiert (Droysen 1893), sind ihr Stellenwert und ihre Auswirkung in der Geschichtskultur bislang auf den deutschen Sprachraum beschränkt und noch nicht international wirksam geworden (als bemerkenswerte Ausnahme siehe White 1980). Droysens Historik vereinigt in einer durchgängigen Argumentation die wesentlichen Aspekte, Formen und Argumentationen in der Theorie der Geschichte. In ihrem Zentrum stehen die Elemente und Faktoren, die Geschichte als Fachwissenschaft konstituieren, also vor allem die historische Forschungsmethode. Droysen hat sie als „forschendes Verstehen“ charakterisiert (Droysen 1977, 22 und öfter), also zwei Eigenschaften hervorgehoben: „Verstehen“ und „Forschen“. Verstehen bezeichnet dabei ihren hermeneutischen Charakter, und Forschen zielt auf ihre fachwissenschaftliche Verfassung und damit auch auf die mit ihr gegebene Möglichkeit eines unbeschränkten Erkenntnisfortschritts. Die menschliche Vergangenheit ist Geschichte, wenn ihre Ereignisse auf eine menschliche Qualität, nämlich auf die Sinnbestimmtheit des menschlichen Handelns und Leidens hin in den Blick genommen werden: Die historisch Denkenden spiegeln ihr Menschsein im Medium vergangenen Geschehens der menschlichen Welt. Daran möchte ich anknüpfen. Leitender Gesichtspunkt des historischen Denkens, seine Verstehensleistung, ist das Menschsein des Menschen in seiner zeitlichen Erstrecktheit. Diese Erstrecktheit reicht bis in die Gegenwart und in die in ihr wirksamen Zukunftsperspektiven der menschlichen Aktivitäten. Dieser Menschheitsbezug macht das historische Denken in seinem Kern humanistisch (Rüsen/Laass 2009; Laass et al. 2013; Gerhardt 2019; Rüsen 2020b). Paradigmatisch für diesen Humanismus ist die Geschichtsphilosophie von Johann Gottfried Herder.
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Jörn Rüsen
Formen historischer Sinnbildung Historisches Denken ist narrativ verfasst. Es bildet Sinn über das Geschehen der menschlichen Welt in der Vergangenheit. Diese Sinnbildung erfolgt in der Form einer Geschichte. Sie lässt also die Vergangenheit nicht vergangen sein, sondern vergegenwärtigt sie wieder – und zwar als Vergangenheit. In diesem Vorgang narrativer Vergegenwärtigung wird das Vergangene mit Bedeutung für die Gegenwart aufgeladen. Sie wird zum Faktor der Sinnbestimmung aktuellen menschlichen Handelns und Leidens. Diese Sinnbestimmung verwendet normativ bedeutungsvolle Gesichtspunkte. Es handelt sich um Sinnkriterien, die traditionell „Ideen“ genannt wurden. Wilhelm von Humboldt hat sie in paradigmatisch gewordenen Texten beschrieben, so vor allem in seiner Akademieabhandlung von 1821 „Über die Aufgabe des Geschichtschreibers“ (Humboldt 1960; Humboldt 2021). Diese Sinnkriterien rücken die Vergangenheit in eine Zeitperspektive, mit der sie an die Gegenwart und an die in ihr mächtige Zukunftsperspektive der menschlichen Lebenspraxis angeschlossen werden. In idealtypischer Zuspitzung lassen sich vier Typen der historischen Sinnbildung unterscheiden (Rüsen 2012): Im Typus traditionaler Sinnbildung gewinnt die Vergangenheit eine bestimmende Kraft der menschlichen Weltgestaltung. Vorgegebene Sinndimensionen werden affirmiert und damit zukunftsfähig gemacht. In diesem Prozess gewinnen Anfänge als verbindliche Ursprünge eine entscheidende Bedeutung. Ihre narrative Vergegenwärtigung hat dann den historischen Sinn einer Teleologie. Wie der Keim einer Pflanze deren spätere Gestalt schon enthält, wird dem Ursprung eines bis in die Gegenwart reichenden Geschehens dessen Sinn abgewonnen. Diese Art Sinnbildung dominiert den Umgang mit der menschlichen Vergangenheit vor allem in frühen Kulturen. Aber sie tritt nach wie vor als geschichtskulturelles Urphänomen auch in der Gegenwart auf. Man denke nur an die werbende Qualifikation einer Ware als ‚alt‘. Eine (logisch) ganz andere Bedeutung gewinnt die Vergangenheit im Modus einer exemplarischen Sinnbildung. Hier steht das Geschehen der Vergangenheit als beispielgebender Fall mit einer allgemeinen zeitübergreifenden Bedeutung im narrativen Zusammenhang mit der Gegenwart. Cicero hat dafür die bekannte Formel „Historia vitae magistra“ gefunden (Cicero 2018, Bd. 2, 36). In ähnlicher Weise charakterisiert auch Thukydides die Gleichförmigkeit des historischen Geschehens als Bedingung dafür, dass man aus diesem Geschehen lernen kann, wie es immer geschieht: „Wer aber das Gewesene klar erkennen will und damit auch das Künftige, das wieder einmal, nach der menschlichen Natur, gleich oder ähnlich sein wird, der mag es so für nützlich halten, und das soll mir genug sein: zum dauernden Besitz,
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nicht als Prunkstück fürs einmalige Hören ist es aufgeschrieben“ (Thukydides 1962, 14 [I, 22]). Dieser Sinnbildungstyp ist interkulturell weit verbreitet. So ist er z.B. auch die dominierende Form für den islamischen Historiker Ibn Khaldun (Ibn Khaldun 1992). Wiederum ganz anders stellt sich vergangenes Geschehen im Rahmen seiner historischen Bedeutung dar, wenn es im Horizont einer zeitlichen Veränderung gedeutet wird. Es handelt sich dann um eine genetische Sinnbildung. Mit ihr lädt sich die Veränderung der menschlichen Welt mit historischem Sinn auf. Die Welt wird verzeitlicht. Das ist ganz besonders in den modernen Formen des historischen Denkens seit dem frühen 19. Jahrhundert der Fall. Noch einmal ganz anders wird die Vergangenheit historisch gedacht, wenn es darum geht, sie als Bedingung gegenwärtiger Lebensverhältnisse kritisch in den Blick zu nehmen. In der kritischen Sinnbildung wird die Anmutung der Vergangenheit, eine Zukunftsperspektive handlungsbestimmend ins Spiel der kulturellen Steuerung der menschlichen Lebensverhältnisse einzubringen, zurückgewiesen und damit Platz für neue Ausrichtungen der kulturellen Orientierung geschaffen.
Aufgaben der Historik Reflexionen auf den geschichtlichen Charakter der narrativen Vergegenwärtigung der Vergangenheit kommen in sehr unterschiedlichen Formen vor. Am häufigsten treten sie als Einsprengsel in historiographischen Darstellungen auf. Sie reflektieren das Dargestellte hinsichtlich seiner Bedeutung für die Rezipienten. Das findet sich am häufigsten in Einleitungen, kann sich aber in sporadischer Form durch die ganze Darstellung hindurchziehen. Für letzteres geben Jacob Burckhardts „Historische Fragmente“ ein gutes Beispiel ab (Burckhardt 1957). Geschichtstheoretische Reflexionen treten aber auch als selbstständige Veröffentlichungen auf. Hier stellen die „Weltgeschichtlichen Betrachtungen“ des gleichen Autors ein wirkungsmächtiges Beispiel dar (Burckhardt 2018). Was wird in den Reflexionen der Historik thematisiert? Auf diese Frage gibt es unterschiedliche Antworten, die den unterschiedlichen Status des historischen Denkens im kulturellen Bezugsrahmen der menschlichen Lebenspraxis zur Sprache bringen. In den meisten Fällen geht es darum, zu klären, was eigentlich Geschichte als Gegenstand und als Form des Denkens ist. Beides hängt aufs engste zusammen. In der Geschichtswissenschaft des 19. und 20. Jahrhunderts konzentriert sich die Historik darauf, die fachliche Verfassung und den mit ihr verbundenen Wissenschaftlichkeitsanspruch zu analysieren. Dabei verbinden sich ganz verschiedene Analyse-
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ausrichtungen und Denkweisen. Aus der Denktradition der Historiographie wird das Thema, was Geschichte als Sachverhalt und Denkschema ist, übernommen und weiter behandelt. Hinzu kommt mit Nachdruck das Thema seiner fachlichen Verfassung und der für sie maßgeblichen Methode der historischen Forschung zur Sprache. Fachlichkeit und Wissenschaftsanspruch verlangen eine enge Verbindung von Erkenntnistheorie und Methodologie. Die jüngste Entwicklungsphase der Historik ist durch die Einsicht in den narrativen Charakter des historischen Denkens bestimmt. Mit dieser Einsicht wurde das historische Denken in die Nähe der erzählenden Literatur gerückt und von ihr her poetologisch bestimmt (White 1973; 1992; dazu Rüsen 2020a). Dabei geriet die spezifische Ausbildung seines fachwissenschaftlichen Charakters aus dem Blick. Die reiche methodologische Tradition der Historik wurde und wird immer noch ignoriert. Das liegt daran, dass die narrative Struktur einerseits und die methodische Regelung des historischen Denkens andererseits nicht auf einen gemeinsamen narratologischen Nenner gebracht werden konnten. Die gegenwärtige Aufgabe der Historik besteht also darin, diesen inneren Zusammenhang zu erhellen und die Rationalität einer methodisch geregelten historischen Forschung schlüssig mit dem erzählenden Charakter einer historischen Repräsentation zu vermitteln. Eine Reflexion auf die Grundlagen der Geschichtswissenschaft erfüllt verschiedene Funktionen. So kann sie der Selbstverständigung der Geschichtswissenschaft dienen. Damit wird ihr Verhältnis zu anderen Weisen des Umgangs mit Geschichte diskussionsfähig – und das in zwei Hinsichten: Einmal klärt sie ihr Verhältnis zu den Denkweisen anderer wissenschaftlicher Disziplinen, die sich ebenfalls mit Geschichte beschäftigen oder eine eigene historische Dimension aufweisen. Das gilt natürlich für alle Fachwissenschaften, zu deren Erkenntnisbereich der Mensch und seine Welt in einer zeitlichen Perspektive gehören, wie etwa die Soziologie, die Ökonomie, die Sprachwissenschaften u.a. Solch eine interdisziplinäre Abgleichung kann auf unterschiedliche Weise erfolgen. Zwanglos stellt sie sich her bei einer ähnlichen Fragestellung in Details, wo sich die Disziplinen berühren, so z.B. im Verhältnis der Wirtschaftsgeschichte und der Ökonomie zueinander. Sie stellt sich aber auch reflexiv her, indem sie sich auf Grundsätze des je fachlichen Denkens bezieht, wenn es um konstitutive oder Grundprobleme der jeweiligen Disziplinen geht. In letzterem Fall ist eine Reflexion in der Art einer Historik unerlässlich. Eine eigene Rolle spielt die Historik, wenn die Bildungsfunktion des historischen Denkens, sein Beitrag zur kulturellen Orientierung der menschlichen Lebenspraxis zur Sprache kommen soll. Geschichtsdidaktik ohne Historik würde entscheidende Gesichtspunkte der historischen Bildung verfehlen und sich auf eine fachliche Ab-
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bilddidaktik beschränken, die die Grundsätze der historischen Bildung nicht unverstellt in den Blick bringt. Entsprechende Aufgaben erwarten also ihre Lösung durch die Historik.
Literatur Bodin, Jean: Methodus ad facilem historiarum cognitionen. 1591. Burckhardt, Jacob: Historische Fragmente, aus dem Nachlass gesammelt von Emil Dürr. Stuttgart 1957 (auch: Gesamtausgabe, Bd. 7. Hg. von Albert Oeri, Emil Dürr. Gütersloh 1929. Burckhardt, Jacob: Weltgeschichtliche Betrachtungen. Mit einem Nachwort von Jürgen Osterhammel. München 2018. Cicero, Marcus Tullius: De Oratore. HTTP://gottwein.de/Lat/CicDeOrat/de_orat02.de.php (abgerufen 10.09.2018). Droysen, Johann Gustav: Outline of the principles of History. Boston 1893, Reprint New York 1967, London 2015. Droysen, Johann Gustav: Historik. Historisch-kritische Ausgabe. Hg. von Peter Leyh. Bd. 1. Stuttgart-Bad Cannstatt 1977. Droysen, Johann Gustav: Historik. Historisch-kritische Ausgabe. Hg. von Peter Leyh und Horst Walter Blanke. Bd 3: Teilband 3.1. Stuttgart-Bad Cannstatt 2019. Droysen, Johann Gustav: Historik. Historisch-kritische Ausgabe. Hg. von Peter Leyh und Horst Walter Blanke. Bd 3: Teilband 3.2. Stuttgart-Bad Cannstatt 2020. Gerhardt, Volker: Humanität. Über den Geist der Menschheit. München 2019. Humboldt, Wilhelm von: Über die Aufgabe des Geschichtschreibers. Werke Bd. I: Schriften zur Anthropologie und Geschichte. Darmstadt 1960, 585–606; auch in Humboldt, Wilhelm von: Schriften zur Geschichtstheorie. Hg. von Jörn Rüsen und Angelika Wulff. Stuttgart 2021, 58–83. Ibn Khaldun: Buch der Beispiele. Die Einführung al-Muqadima. Leipzig 1992. Laass, Henner/Prokasky, Herbert/Rüsen, Jörn/Wulff, Angelika (Hg.): Lesebuch Interkultureller Humanismus. Texte aus drei Jahrtausenden. Schwalbach/Ts. 2013. Nippel, Wilfried: Johann Gustav Droysen. Ein Leben zwischen Wissenschaft und Politik. München 2008. Ranke, Leopold von: Geschichten der romanischen und germanischen Völker von 14941514. Leipzig/Berlin 1824. Rebenich, Stefan/Wiemer, Hans-Ulrich (Hg.): Johann Gustav Droysen. Philosophie und Politik – Historie und Philologie. Frankfurt a.M./New York 2012. Ries, Klaus (Hg.): Johann Gustav Droysen. Facetten eines Historikers. Stuttgart 2020. Rüsen, Jörn: Droysen heute – Plädoyer zum Bedenken verlorener Themen der Historik. In: Jörn Rüsen: Kultur macht Sinn. Orientierung zwischen Gestern und Morgen. Köln 2006, 39–61. Rüsen, Jörn: Die vier Typen des historischen Erzählens. In: Jörn Rüsen: Zeit und Sinn. Strategien historischen Denkens. Frankfurt a.M. 22012, 148–217. Rüsen, Jörn: A turning point in theory of history – the place of Hayden White in the history of metahistory. In: History&Theory 59 (2020, 1), 92–102 (Rüsen 2020a).
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Rüsen, Jörn: Menschsein. Grundlagen, Geschichte und Diskurse des Humanismus. Berlin 2020 (2020b). Rüsen, Jörn/Laass, Henner (Hg.): Interkultureller Humanismus. Menschlichkeit in der Vielfalt der Kulturen. Schwalbach/Ts. 2009. Thukydides: Geschichte des Peloponnesischen Krieges.Übersetzt von Georg Peter Landmann. Reinbek 1962. White, Hayden: Metahistory. The Historical Imagination in 19th-Century Europe. Baltimore 1973 [dt.: White, Hayden: Metahistory. Die historische Einbildungskraft im 19. Jahrhundert in Europa. Frankfurt a.M. 1992]. White, Hayden: Rezension von Droysens Historik, in: History&Theory 19 (1980), 73–93.
1.2 Theoriegeschichte der Historik Stefan Jordan
Die Theoriegeschichte der Historik kann in einem weiteren und in einem engeren Verständnis gefasst werden. Dies hängt von der Definition von Historik ab: Versteht man unter „Historik“ (lat. „ars historica“) die grundsätzliche Reflexion darüber, was Geschichte ist, wie sie erkannt und wie sie dargestellt werden kann, so reicht ihre Entwicklung bis in die Anfänge der Geschichtsschreibung in der Antike zurück und ist ein Phänomen, das sich auch in nicht-westlichen Kulturen beobachten lässt. Begreift man dagegen unter „Historik“ (engl. „historiology“) den selbstreflexiven Teilbereich methodisch regulierter, auf Kriterien der Vernunft und Nachprüfbarkeit basierender Geschichtswissenschaft, so sind ihre Anfänge in der Verwissenschaftlichung der Geschichtsforschung und -schreibung zu sehen. Diese setzte während des Renaissance-Humanismus ein und führte in der Sattelzeit (1750-1850) zu einem Verwissenschaftlichungs- und Verfachlichungsprozess, innerhalb dessen sich die Beschäftigung mit Geschichte als eigenständigem akademischen Fach mit methodisch regulierter Vorgehensweise, flankiert von wissenschaftlichen Vereinigungen, Institutionen und Publikationsorganen, in der westlichen Welt etablierte und von dort aus global verbreitete. Damit ist die Rekonstruktion ihrer Entwicklung davon abhängig, ob man von einer impliziten oder einer expliziten Historik ausgeht. Jede Form von Geschichtsschreibung setzt ein selbstreflexives Denken im Sinne einer impliziten Historik voraus. Schon die frühen Historiografen mussten entscheiden, was Gegenstand ihres Berichts sein sollte und verfolgten mit ihrer Geschichtsschreibung einen bestimmten Zweck, auch wenn sie dies nicht ausdrücklich oder nur in Randbemerkungen thematisierten. Explizite Historiken, verfasst als Lehren, wie Geschichte zu betreiben sei, entstanden fast ausschließlich in westlichen Ländern seit der Frühen Neuzeit und dann forciert mit der Entwicklung der Historischen Hilfswissenschaften, der Geschichtsphilosophie und der wissenschaftlichen Methodologie seit der Mitte des 18. Jahrhunderts (Bentley 1997).
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Theoriegeschichte der Historik im weiteren Verständnis Jede Form von Geschichtsdenken setzt Selbstreflexion voraus. So folgten früheste Formen von Historiografie Zeitmodellen, die durch natürliche Vorgänge geprägt waren. Dazu zählten der Wechsel der Jahres- und Tageszeiten, Mondphasen und astronomische Phänomene, vegetative Perioden (Dürre-, Überschwemmungs- und Erntezeiten etc.) wie auch die Vorstellung von Kindheit, Jugend, Adoleszenz und Alter. Zudem setzten sie Entscheidungen darüber voraus, was aus Sicht der Historiografen als berichtenswert galt. So listete etwa ein im altägyptischen Reich in der zweiten Hälfte des 3. Jahrtausends entstandener Annalenstein aus Diorit, von dem mehrere Fragmente (u.a. der „Palermostein“ und der „Kairostein“) erhalten sind, Namen der Pharaonen der vorausliegenden rund 1500 Jahre sowie Geschehnisse einzelner Jahre auf (u.a. Naturereignisse, Feste, militärische Aktionen, Tempelgründungen). Ähnliche Beispiele aus späterer Zeit sind die Sumerische Königsliste, die vor 2000 v. Chr., und die Assyrische Königsliste, die vor 722 v. Chr. angelegt wurden. Neben diesen Annalen und Chroniken, die im ganzen vorderasiatischen Bereich verbreitet waren, entstanden epische Darstellungen historischer Ereignisse, so das auf Tontafeln überlieferte TukultƯ-Ninurta-Epos aus neuassyrischer Zeit, das den Sieg des assyrischen Königs TukultƯ-Ninurta über die Kassiten schildert. Die Entscheidung für ein bestimmtes historiografisches Genre und die Konzentration auf eine Verbindung von politischer Geschichte mit einem durch Naturereignisse bestimmten Zeitenlauf stellen Formen impliziter Historik dar. Beispiele für theoretische Randbemerkungen lassen sich in der Bibel finden, etwa in den fünf Büchern Mose aus der Zeit nach 1450 v.Chr. So heißt es im Buch Exodus, in dem Moses die Aufzeichnungen des Auszugs aus Ägypten und des Siegs über Amalek als Aufgabe übertragen werden: „Danach sprach der Herr zu Mose: Halte das (den Sieg über Amalek, SJ) zur Erinnerung in einer Urkunde fest, und präg es Josua ein!“ (2.Mose 17,14). Anders als bei den Zehn Geboten handelt es sich hier also nicht in erster Linie um eine Festschreibung von Gesetzen oder moralischen Leitsätzen, sondern um die Dokumentation eines Geschehens, dessen Gedenken folgenden Generationen als Identifikationsmittel dienen sollte. Die genannte Stelle weist auf eine zugrundeliegende Lehre davon hin, was mit Geschichte bewirkt werden soll; die identitätsbegründende Erinnerung wird damit als weiteres Element von Geschichtsschreibung neben der Dokumentation benannt. Ähnliches findet sich später im „Proömium“ der „Historien“ Herodots (um 484-um 425 v. Chr.), die nach Angabe ihres Verfassers eine „Darstellung der Forschung“ sind mit dem Ziel, dass „die von Menschen vollbrachten Taten nicht mit der Zeit in Vergessenheit geraten
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und die großen und bewundernswerten Leistungen (...) nicht ohne Nachruhm bleiben“ (Herodot 2002, 11). Vergleichbare Auslassungen über die Fragen, was Geschichte ist und wie sie sich erkennen lässt, finden sich als kurze Einsprengsel in historiografischen Texten aus anderen Kulturen und zu späteren Zeiten. So enthalten die Aufzeichnungen „Shӿju“ des chinesischen „Großhistoriografen“ Sima Qian (um 145-um 90 v. Chr.) Passsagen, nach denen der Geschichte die Aufgabe zukommt, künftigen Generationen ein Urteil über die Vergangenheit zu ermöglichen und ihr Handeln daran auszurichten. In der islamischen Geschichtsschreibung ragt das Werk des Nordafrikaners Ibn Chaldnjn (1332-1406) heraus, der in seiner „Muqaddima“ („Einleitung“) eine analytische Sicht auf Geschichte präsentierte und das Konzept der „ޏAsabƯya“ entwickelte, einer Art sozio-politischer Theorie der Stammesgemeinschaft als eines geschlossenen, als Akteur nach außen handelnden Sozialverbandes. Auf der Grundlage dieses Konzepts schilderte Ibn Chaldnjn Geschichte als Kreislaufmodell, das in etwa mit dem Modell des Polybios (um 200-120 v. Chr.) in der antiken Tradition vergleichbar ist und dem Zweck diente, die religiöse und soziale Stärke ländlicher Gemeinschaften gegenüber einer sich seiner Wurzeln entfremdenden Stadtgesellschaft zu behaupten (Woolf 2011).
Theoriegeschichte der Historik im engeren Verständnis Die Historik im engeren Verständnis ist ein Phänomen der westlichen Welt, dessen Ursprünge im Renaissance-Humanismus liegen und dessen Entstehung und weitere Entwicklung als Emanzipationsprozess beschrieben werden kann. Geschichte als fachlich wie inhaltlich eigenständige, moderne Wissenschaft, so wie sie sich im 19. Jahrhundert an den Universitäten in Europa und von dort ausgehend in der weiteren Welt etablierte, ist geprägt von ihrem Anspruch auf Unabhängigkeit gegenüber jeder Art weltanschaulicher, der kritischen Hinterfragung entzogener Vorgaben, die den Forschungsprozess zu bestimmen suchen. Anders gesagt: Dort, wo Geschichte politischen, theologischen oder philosophischen Programmen unterworfen ist, deren Richtigkeit und Wahrheit sie erweisen soll, kann zwar Geschichtsschreibung entstehen, nicht aber eine in ihrer Forschung freie Geschichtswissenschaft. Eine solche Geschichtswissenschaft bedarf zweier Grundlagen: freiheitlicher Gesellschaftsordnungen, in der offene Debatten geführt werden können, und einer Fundierung wissenschaftlicher Tätigkeit ausschließlich auf dem Prinzip der Vernunft. Diese wissenschaftsbegründende Vernunft ist zum einen weltanschauungsfrei bzw. in ihren weltanschaulichen Prämissen nachvollziehbar und diskutierbar, und zum anderen in
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Form einer allgemein akzeptierten, überprüfbaren Methodik innerhalb der Wissenschaft operationalisiert. Moderne Geschichtswissenschaft und moderne Gesellschaften stehen in einem dialektischen Wechselverhältnis: Die Gesellschaft bietet der Wissenschaft den Raum, sich vollständig und frei zu entfalten; die Wissenschaft liefert der Gesellschaft faktengegründetes Wissen über ihre Vergangenheit, ihre „Herkunft“, als Grundlage eines demokratischen Identitätsbildungsprozesses. Vor allem in Frankreich und den italienischen Stadtstaaten entstanden während des Renaissance-Humanismus meist lateinische Texte, die eine historische Methode zu begründen suchten, um auf diesem Weg gesichertes historisches Wissen gesellschaftlich nutzbar zu machen, so etwa Jean Bodins (1529/30-1596) „Methodus ad Facilem Historiarum Cognitionem“ (1566). Dieses Wissen war zwar in einer Zeit, in der sich die Städte und Staaten gegenüber dem Reich zu emanzipieren und die gespaltenen Konfessionen sich einander gegenüber zu positionieren suchten, keineswegs ideologiefrei. Entscheidend war vielmehr, dass die Gründung der Geschichte auf Quellen, die nach geregelten Forschungsprinzipien untersucht wurden, zur Grundlage der Wissensbildung erhoben wurde. Am Beginn der Theoriegeschichte der Geschichtswissenschaft im expliziten Sinn stand daher die Begründung der „Historischen Hilfswissenschaften“ (Rohr 2015). Bereits die in ganz Europa verbreiteten Schriften des römischen Kanonikers und Gelehrten Lorenzo Valla (1405/07-1457) setzten hierfür eine Wegmarke. Valla wies zeitgleich mit anderen Wissenschaftlern im historisch-kritischen Zugriff nach, dass die „Konstantinische Schenkung“, in der Kaiser Konstantin I. Anfang des 4. Jahrhunderts angeblich Papst Silvester I. die Oberherrschaft über das römische Westreich übertragen habe, eine „gefälschte“ Urkunde ist, die erst um das Jahr 800 entstanden sei. Valla unterzog in seiner Forschung Quellen, aber auch die als mustergültig geltende Geschichtsschreibung des Livius einer umfassenden Prüfung der Echtheit wie der Richtigkeit und brachte so das bestehende „Wissen“ über historische Sachverhalte ins Wanken. Die historische Kritik scheute also nicht mehr vor Autoritäten – kirchlichen wie weltlichen – zurück, was einen wichtigen Schritt hin zu einem Ideal historischer Objektivität bedeutete (Setz 1975). Entscheidend für die Entwicklung der Historik im engeren Sinne wurden neben dem wachsenden Selbstbewusstsein der Städte und ihrer Bürger auch die konfessionellen Auseinandersetzungen. Vor allem die junge protestantische Bewegung trachtete danach, sich im historischen Rückgriff eine eigene Geschichte zu schaffen, mit der sie eine eigene Identität in Abgrenzung zur Alten Kirche begründen wollte. Einen wichtigen Grundstein für eine genuin protestantische Form der Geschichtsschreibung in ganz Europa bis weit in die Frühe Neuzeit hinein bilden die Magdeburger Centurien (1559-1574), initiiert von dem in Venedig humanistisch geschulten
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lutherischen Theologe Matthias Flacius (Illyricus) (1520-1575) und verfasst von verschiedenen gelehrten Bearbeitern. Sie verfolgten das Ziel, dem noch jungen Protestantismus eine historische Argumentationsgrundlage zu geben, indem Fehler und Indoktrinationen der Alten Kirche aufgezeigt wurden. Eine inhaltliche Neuerung etwa gegenüber der Geschichtsschreibung der italienischen Stadtstaaten bedeuteten die „Zenturien“ insofern, als sie nicht nur die politische Geschichte in den Blick nahmen, sondern auch geistes-, religions- und theologiegeschichtliche Aspekte mit in die Darstellung einbezogen, so etwa die Lehre der Kirche und deren Ritus (Scheible 1966). Ähnliche Impulse erhielt die entstehende Geschichtswissenschaft von altgläubiger Seite. Die „Mauriner“, Mönche der Benediktinerkongregation des heiligen Maurus, entwickelten Anfang des 17. Jahrhunderts die Historischen Hilfswissenschaften weiter, um die kirchliche Lehre durch historische „Wahrheiten“ zu untermauern (Chaussy 1989/91). In der Frühen Neuzeit entstand so allmählich ein Kanon historischer Quellenkritik, der Urkunden und andere Schriftquellen, Münzen, Siegel, Wappen etc. unterzogen wurden und die im Laufe des 18. Jahrhunderts zunehmend kodifiziert wurde. Die sich so formierende Wissenschaft musste sich aber nicht nur gegenüber politischen und theologischen Vorgaben emanzipieren, sondern seit der Mitte des Jahrhunderts auch gegenüber der Philosophie. Philosophen wie Voltaire, Kant, Turgot, Herder oder Hegel lieferten philosophische Erklärungsmodelle für die geschichtliche Entwicklung, die der „Erziehung des Menschengeschlechts“ dienen sollten und innerhalb derer historische Forschungsergebnisse als Belege für die a priori erkannten Ziele der Geschichte fungierten (Fueter 1911). Befördert wurde die Historik als Theorie der Geschichtswissenschaft durch deren fachliche Etablierung an den Universitäten – etwa in Göttingen, wo die Göttinger Schule um Johann Christoph Gatterer (1727-1799), August Ludwig von Schlözer (1735-1809) und Ludwig Timotheus Spittler (1752-1810) umfangreiche Lehrbücher der Geschichte vorlegte, die meist aus methodologischen Einleitungen und einer universalgeschichtlichen Darstellung bestanden. Das Streben, das Fach als solches zu institutionalisieren, führte nicht nur dazu, dass nun emanzipatorisch der Selbstzweck historischer Bildung gegenüber ihrer Indienstnahme für moralisch-pädagogische Funktionen behauptet wurde – so etwa von Wilhelm von Humboldt (1767-1835) –, sondern auch zu der Notwendigkeit, dem Fach eine „Verfassung“ zu geben. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstanden darum eine Reihe von Theorietexten, in denen Ansätze zu einer eigenständigen, spezifisch geschichtswissenschaftlichen Theorie und Methodik entwickelt wurden (Jordan 1999). Die bedeutendste dieser „Historiken“ schuf Johann Gustav Droysen (1808-1884) mit seinen seit 1857 gehaltenen Vorlesungen zur Theorie und Methodologie der Geschichtswissenschaft. In ihr
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Stefan Jordan
bestimmte Droysen den Gegenstand von Geschichte und deren treibende Kräfte (Systematik), definierte eine im Kern auf hermeneutischen Verfahren basierende Methodik und lieferte eine Theorie der Geschichtsschreibung (Topik) (Droysen 1977-2020). Er konzipierte damit eine Gesamttheorie für die Arbeit von Historiker:innen, die bis heute im Kern Bestand hat und von Jörn Rüsen (*1938) weiter entfaltet und an den Stand der Geschichtswissenschaft Ende des 20. Jahrhunderts angepasst wurde (Rüsen 1983-1989; 2013). Kritik an Droysen äußerte sich später v. a. an dessen Systematik, in die geschichtsphilosophische Vorgaben eingeflossen waren, die als nicht mehr zeitgemäß galten, so die Konzentration auf die politische Geschichte, die Theorie von Staaten als historischen Akteuren und die Betonung der Bedeutung der „großen Männer“ für die Geschichte. In dem Maße, in dem sich die Geschichtswissenschaft als eigenständiges Fach etablierte, kam es zu wechselseitigen Beeinflussungen mit anderen Geistesund Kulturwissenschaften, die die weitere Theoriegeschichte der Historik bestimmten (Jaeger/Rüsen 1991). So entwarf etwa Karl Lamprecht (1856-1915) das Modell einer Kulturgeschichte, und die sich auf ihn berufende „Schule der Annales“ entwickelte Modelle von Geschichte als Sozial- oder Mentalitätengeschichte. Je mehr die geschichtsphilosophische Betrachtung aus der Formulierung von Historiken verschwand und diese sich zunehmend darauf beschränkten, Geschichtsmethodologien zu entwerfen, desto größer wurde ihre Theorievielfalt. Dies hing auch mit speziellen Themen und den damit verbundenen neuen Quellenarten (Filme, Karten, Oral History etc.) zusammen, die die Geschichtswissenschaft für sich entdeckte und für die spezielle Methoden entwickelt wurden, etwa für die Volksgeschichte, die Anleihen bei der Ethnologie, Anthropologie und Volkskunde machte. Darüber hinaus führten in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Gender Studies, die Cultural Studies sowie die Begriffs- und Diskursgeschichte neue kulturwissenschaftliche Methodiken in die Geschichtswissenschaft ein. Zeitgleich mit der globalen Ausdehnung des westlichen Modells von Geschichtswissenschaft und seiner Theorie(n) vollzog sich so eine Pluralisierung der Historik. Als grundsätzliche Gegenentwürfe zu einer hermeneutikbasierten Methodologie, wie sie Droysen und nach ihm andere entworfen hatten, entstanden dabei auch quantifizierende Ansätze, die gegenüber der qualitativen Analyse von Einzelquellen den Blick auf seriell erhobene Daten lenkten und Geschichtswissenschaft im Sinne einer Sozialwissenschaft betrieben. Insbesondere in Kulturen mit einer positivistischen Wissenschaftstradition wie Frankreich (Schule der Annales), aber auch in den USA (Kliometrie) erfreuten sich solche Theorieansätze größerer Beliebtheit und stehen heute als gleichberechtigt neben den weiterhin betriebenen hermeneutischen Methodiken (Jordan 2021).
1.2 Theoriegeschichte der Historik
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Literatur Bentley, Michael (Hg.): Companion to Historiography, London/New York 1997. Chaussy, Yves: Les Bénédictins de Saint-Maur, 2 Bde. Paris 1989/91. Droysen, Johann Gustav: Historik. Historisch-kritische Ausgabe. Hg. von Peter Leyh und Horst Walter Blanke. 3 Bde. Stuttgart-Bad Cannstatt 1977-2020. Fueter, Eduard: Geschichte der neueren Historiographie. München/Berlin 1911. Herodot, Historien. Hg. von Kai Brodersen. Stuttgart 2002. Jaeger, Friedrich/Rüsen, Jörn: Geschichte des Historismus. Eine Einführung. München 1991. Jordan, Stefan (Hg.): Schwellenzeittexte. Quellen zur deutschsprachigen Geschichtstheorie in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Waltrop 1999. Jordan, Stefan: Theorien und Methoden der Geschichtswissenschaft. Paderborn u.a. 52021. Rohr, Christian: Historische Hilfswissenschaften. Eine Einführung. Wien u.a. 2015. Rüsen, Jörn: Grundzüge einer Historik, 3 Bde. Göttingen 1983-89. Rüsen, Jörn: Historik. Theorie der Geschichtswissenschaft, Köln u.a. 2013. Scheible, Heinz: Die Entstehung der Magdeburger Zenturien. Ein Beitrag zur Geschichte der historiographischen Methode. Gütersloh 1966. Setz, Wolfram: Lorenzo Vallas Schrift gegen die Konstantinische Schenkung „De falso credita et ementita Constantini donatione“. Zur Interpretation und Wirkungsgeschichte. Tübingen 1975. Woolf, Daniel: A Global History of History. Cambridge 2011.
1.3 Aufklärung André de Melo Araújo / Justus Nipperdey
Gerade in Deutschland galt die Aufklärung lange Zeit als ahistorisches Zeitalter, in dem abstrakte Modelle und Universalismen den Blick für historische Spezifika verstellten. Diese Ansicht geht zurück auf die Selbststilisierung der Vertreter des Historismus und die spätere Historiographie- und Ideengeschichte, die im Historismus die Begründung eines historischen Sinnes und die Überwindung der Aufklärung sah. Inzwischen ist die hohe Bedeutung der Kategorie Geschichte für die europäische und die deutsche Aufklärung unbestritten. Im Zuge einer großen Debatte um die Anfänge der modernen Geschichtswissenschaft im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts wurde „das Wissenschaftsparadigma ‚Aufklärungshistorie‘„ dementsprechend durch Merkmale wie „die Erschließung einer geschichtlichen Welt“, die damit einhergehende „Historisierung menschlicher Identität“ und „die Säkularisierung des historischen Denkens“ bestimmt (Blanke/Fleischer 1990, 7 und 34). Zugleich sollte mit dieser Paradigmenbildung nachgewiesen werden, dass sich in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts die Geschichte als Fachwissenschaft im Zeitalter der Aufklärung konstituiert habe und hier auch die Anfänge der modernen Historik lägen. In jüngerer Zeit hat die Frage nach dem Beginn der wissenschaftlichen Geschichtsschreibung an Bedeutung verloren. Heute betrachtet die Forschung sowohl die im 19. Jahrhundert entstandene Abgrenzung des Historismus von der Aufklärung als auch die Grundlagen der historischen Wissenschaften zunehmend aus einer breiteren wissensgeschichtlichen Perspektive heraus: „There is no reason to assume that at a particular historical juncture historiography successfully crossed the threshold of scientificity by developing certain methods that were, at long last, adequate to the study of history” (Feldner 2020, 21). Vielmehr wird Verwissenschaftlichung in der Historiographie- wie in der allgemeinen Wissenschaftsgeschichte nicht länger in Abhängigkeit von einer abstrakt definierten richtigen wissenschaftlichen Praxis verstanden. Ein linearer Prozess der Verwissenschaftlichung der Geschichte existiert dann nicht, Wissenschaftlichkeit ist eine jeweils kontextabhängige Zuweisung. Eine solche Sichtweise verschiebt den Blick auf die Frage, was in der Aufklärung als gute historiographische Praxis galt bzw. ob es überhaupt ein Modell gab, das die Geschichtsschreibung der Aufklärung zusammenhielt. Vor diesem Hintergrund betont die Forschung die Vielfalt der Aufklärungshistorie, die von einer Vertiefung des An-
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tiquarianismus bis hin zu geschichtsphilosophischen Modellen reichte (Bourgault/ Sparling 2013).
Elemente aufklärerischen Geschichtsdenkens Dennoch lassen sich bestimmte Elemente identifizieren, die der Aufklärungshistorie ihre eigene Prägung geben. Dazu gehört die inhaltliche Erweiterung des Geschichtsbegriffs. Über die traditionellen Bereiche der politischen Geschichte, der Dynastien-, der Kirchen- und Rechtsgeschichte hinaus fragten die Historiker der Aufklärung nach der Rolle und Entwicklung von Kultur, Wirtschaft oder Technik. Dahinter stand jeweils eine entwicklungsgeschichtliche Perspektive, das Interesse an dem Gewordensein der Welt, die in den Augen der meisten Betrachter in der Gegenwart ihren Höhepunkt erreicht hatte. Daraus erklärt sich auch eines der zentralen Anliegen der Aufklärungshistorie: das komplexe Verhältnis von unterschiedlichen Geschichten aller Völker und Nationen der Welt in einen Zusammenhang bzw. in ein System zu bringen. Dieses Anliegen hat August Ludwig Schlözer (1735-1809) in den 1770er Jahren so formuliert: „Noch fehlet der allgemeine Blick, der das Ganze umfasset: dieser mächtige Blick schafft das Aggregat zum System um, bringt alle Staten des Erdkreises auf eine Einheit (…)“ (Schlözer, 1772, 18f.). An dieser systematischen Universalgeschichte arbeiteten die schottischen Aufklärungshistoriker um William Robertson (1721-1793) ebenso wie Friedrich Schiller (1759-1805) oder die Göttinger Historiker in Deutschland. Indem sich die aufklärerische Universalhistorie von der Erzählstrategie eines Aggregats von verschiedenen Fakten oder Geschichten aller Völker und Nationen der Welt verabschieden wollte, vermehrten sich die Versuche, einheitliche Erklärungsmuster zu erarbeiten und sie anhand von historischen Quellen und anderen empirischen Beweisen, wie Reiseberichten aus Gesellschaften, die noch einem angenommenen früheren historischen Stadium angehörten, zu untermauern. Dabei gewannen Begriffe wie Menschheit und Fortschritt für die Aufklärungshistorie an Bedeutung. Menschheit wurde zur operativen Kategorie, mit deren Hilfe die disparaten Geschichten der Völker zur singularisierten Weltgeschichte wurden. Diese Menschheit wurde zugleich zum Objekt der Weltgeschichtsschreibung, mehr noch, sie wurde „zur normativen Bezugsgroße historischer Identität erhoben“ (Bödeker 1994, 206). In diesem Zusammenhang wurde Fortschritt eine einheitsstiftende und sinngebende Kategorie für die aufklärerische historische Erzählung, wobei sich durchaus unterschiedliche Fortschrittsvorstellungen entwickelten.
1.3 Aufklärung
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Die Ausweitung der historischen Betrachtung auf Entwicklungs- und Kulturgeschichte sowie das Programm der systematischen Universalgeschichte stellten die Historiker der Aufklärung vor große theoretische, methodische und darstellerische Herausforderungen. Insbesondere die deutschen Historiker beschäftigten sich daher intensiv mit Fragen nach der Perspektive, der Wahrheit und den methodischen Prinzipien der Historie. In dieser Richtung sind die Reflexionen von Heinrich Martin Gottfried Köster (1734-1802) besonders erwähnenswert. „Zur historischen Wahrheit“ – so Köster – „ist also nicht genug, daß die Sachen möglich sind, sondern ihre Würklichkeit muß erwiesen werden“ (Köster 1790, 209). Anders als die französischen Historiker der Aufklärung, wie etwa Abbé Raynal (1713-1796) und Voltaire (1694-1778), waren sie universitär verankert und erarbeiteten als Professoren Historiken im Sinne einer Methodenlehre der Geschichte. Außerhalb Deutschlands war dieses Genre sehr viel schwächer ausgeprägt, auch wenn sich Denker wie Giambattista Vico (1668-1744) intensiv mit den epistemologischen Grundlagen der Historie beschäftigten (Abbatista 2012, 407f.).
Positionen und Entwicklungen Schon in der Mitte des 18. Jahrhunderts befasste sich der Theologe Johann Martin Chladenius (1710-1749) in seiner Allgemeinen Geschichtswissenschaft (1752) mit Themen wie Parteilichkeit und Unparteilichkeit – und damit einhergehend mit dem Postulat der Wahrheit im historischen Wissen – mit Hilfe des Begriffs vom „SehePunkt“: „Der Sehepunckt ist der innerliche und äusserliche Zustand eines Zuschauers, in so ferne daraus eine gewisse und besondere Art, die vorkommenden Dinge anzuschauen und zu betrachten, flüsset“ (Chladenius 1752, 100). Damit beabsichtigte der Theologe, die vielen Perspektiven bzw. die „vielerley Sehe-Puncte bey einer Geschichte“ (Chladenius 1742, 189) als konstitutiven Teil der historischen Auslegung zu integrieren. Mit Blick auf die Herausforderungen der aufklärerischen Geschichtsforschung und -schreibung betonte Johann Christopher Gatterer (17271799) im Jahr 1768, dass auf „die Auswahl der Begebenheiten der Standort und Gesichtspunct des Geschichtsschreibers“ Einfluss habe (Gatterer 1768, 5). Es sei Aufgabe des Geschichtsschreibers, die verschiedenen Standorte der Berichterstatter und Gesichtspunkte historischer Begebenheiten zu berücksichtigen. Trotzdem könnten im Laufe der Zeit Lücken und Fälschungen auftreten. Vor diesem Hintergrund stellte Gatterer „Grundsätze der historischen Demonstration“ auf: „1. Was ächte und unverfälschte Urkunden sagen, das ist wahr. / 2. Was ächte und unverfälschte Denkmäler (z. E. Inschriften, Münzen, Statuen u. d. gl.) sagen, das ist wahr“ (Gatterer, 1767,
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24). Damit rückte der Stellenwert der Methode der Aufklärungshistorie in den Vordergrund. In Göttingen lehrten Gatterer und seine Nachfolger, wie beispielsweise Carl Traugott Gottlob Schönemann (1765-1802), seit den frühen 1760er Jahren regelmäßig die sogenannte Historische Enzyklopädie, eine Methodenvorlesung: „Die Historische Encyclopädie lehrt keine Facta, sondern dasjenige, was man wissen muß, um mit Nutzen Geschichte zu lernen und zu beurtheilen: also Vorkenntnisse“ (Schönemann 1799, 5). Historiken um 1800 versuchten, diese Lehrtradition zu ordnen und zu systematisieren. In Friedrich Rühs’ (1781-1820) Entwurf einer Propädeutik des historischen Studiums (1811) ging es v.a. darum, Zwecke und Ziele der Geschichtswissenschaft im Allgemeinen zu bestimmen und die Aufgabe der Hilfswissenschaften im Besonderen zu beleuchten. Zu den Hilfswissenschaften gehören v.a. die Chronologie, die Geographie, die Genealogie, die Diplomatik, die Numismatik und die Heraldik, über die Gatterer im Laufe der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts jeweils einzelne Handbücher verfasste. Eine besondere Rolle nahm dabei die Diplomatik ein, die wie keine andere für die hilfswissenschaftliche Hauptaufgabe prädestiniert war: die methodisch kontrollierte „Prüfung der Wahrheit und Richtigkeit derselben nach den verschiedenen Arten der Quellen“ (Schönemann 1799, 6). Unter Diplomatik oder Urkunden-Lehre wird die Lehre von schriftlichen Dokumenten meist rechtlichen Inhalts verstanden. Die Historiker der Aufklärung konnten sich auf Jean Mabillons (1632-1707) De re diplomatica (Über die Urkundenlehre) (1681) stützen, die im gesamten europäischen Raum die Methoden zur Echtheitsprüfung von Urkunden etabliert hatte. Darüber hinaus beschränkte sich das, was die Aufklärungshistorie unter Quellen verstand, nicht nur auf schriftliche Überlieferungen. Unter welchen Wissenspraktiken materielle Reste aus der Vergangenheit kritisch bzw. methodisch untersucht und als Evidenz der historischen Erzählung gemacht wurden, ist eine zentrale Frage der heutigen Forschung. Trotz aller Wertschätzung der Originalquellen stellte eine Sammlung von Urkunden für die Aufklärungshistoriker noch keine Geschichte dar. In Johann Christoph Gatterers erstem Werk, einer Genealogie der Familie Holzschuher (1755), hatte die Narration noch gefehlt; selbst für den Verfechter hilfswissenschaftlicher Methoden als Grundlage der historischen Forschung, bildete dies kein Modell der Präsentation der Geschichte. Die Frage, wie aus den Quellen eine zusammenhängende Erzählung von Regional-, Kirchen- oder Weltgeschichten entstehen konnte, machte daher ein zentrales Anliegen der Aufklärungshistorie aus. Die Spannung zwischen Narration und Methode verweist auf eine grundsätzliche Charakteristik der Aufklärungshistorie: die Kombination der aus Antiquarianismus und Kirchengeschichte stammenden quellenkritischen Ansätze mit geschichtsphilosophischen Annahmen und Zielen, die
1.3 Aufklärung
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diesen älteren Richtungen fremd waren, sowie die Notwendigkeit der stilistisch ansprechenden Präsentation der historischen Erkenntnisse als lesbaren und unterhaltsamen Text. Das Mischungsverhältnis dieser Elemente fiel nicht nur bei einzelnen Autoren unterschiedlich aus, sondern auch in den nationalen historiographischen Kulturen der Aufklärungszeit. So legten die deutschen universitären Historiker den stärksten Fokus auf die hilfswissenschaftlich unterstützte Herstellung von historischer Wahrheit, auch um den Preis der vom Publikum geforderten Lesbarkeit, das bis 1800 lieber zu „voltairisch schön“ geschriebenen Werken französischer Provenienz griff (Hien 2016; Fulda 2016). Dort wurde der „Imagination“ nicht nur eine literarisch-ästhetische, sondern auch eine erkenntnistheoretische Rolle zugeschrieben (Zwink, 2006). In der schottischen Aufklärungshistoriographie dominierte wiederum die geschichtsphilosophische Idee der Menschheitsgeschichte die traditionelle Kritik überlieferter Textquellen. Die Anwendung anthropologischer, ökonomischer und sozialer Theorien zur Erhellung der Entwicklungslogik der Geschichte machte Analogieschlüsse möglich, die zwar methodisch kontrolliert, aber eben nicht im traditionellen Sinn quellenkritisch abgesichert waren (Meyer 2008, 132–155). Die Geschichtsschreibung im Zeitalter der Aufklärung war geprägt von einer Ausweitung der thematischen und theoretischen Zugänge zur Geschichte. Damit einher ging eine gleichfalls enorm erweiterte und teils qualitativ neue Reflexion über Wesen, Ziele und Methoden der Geschichtsschreibung. Bei aller Vielfalt der Zugänge verband die Historiker der Aufklärung ein Interesse an den Grundlagen historischen Denkens, das durch die Historisierung der Menschheitsgeschichte neue Relevanz erhielt. Gerade weil das Konzept der Entwicklung nicht im Gegensatz, sondern als Ergänzung des traditionellen Lehrsatzes von der historia als magistra vitae angesehen wurde, wurde die Erarbeitung einer allgemeingültigen Historik über die disziplinär-fachliche Bedeutung hinaus unabdingbar für das Verständnis von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.
Literatur Abbattista, Guido: The Historical Thought of the French Philosophes. In: José Rabasa/Masayuki Sato/Edoardo Tortarolo/Daniel Woolf (Hg.): The Oxford History of Historical Writing: Volume 3: 1400-1800. Oxford 2012, 406–427. Blanke, Horst Walter/Fleischer, Dirk: Artikulation bürgerlichen Emanzipationsstrebens und der Verwissenschaftlichungsprozeß der Historie. Grundzüge der deutschen Aufklärungshistorie und die Aufklärungshistorik. In: Dies (Hg.): Theoretiker der deutschen Aufklärungshistorie. Bd 1: Die theoretische Begründung der Geschichte als Fachwissenschaft. Stuttgart-Bad Cannstatt 1990, 19–102. Bödeker, Hans Erich: Die Entstehung des modernen historischen Denkens als sozialhistorischer Prozeß. Ein Essay. In: Wolfgang Küttler/Jörn Rüsen/Ernst Schulin (Hg.): Ge-
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schichtsdiskurs, Bd. 2: Anfänge modernen historischen Denkens. Frankfurt a.M. 1994, 295–319. Bourgault, Sophie/Sparling, Robert: Introduction. In: Dies. (Hg.): A Companion to Enlightenment Historiography. Leiden/Boston 2013, 1–22. Chladenius, Johann Martin: Einleitung zur richtigen Auslegung vernünfftiger Reden und Schrifften. Leipzig 1742. Chladenius, Johann Martin: Allgemeine Geschichtswissenschaft, worinnen der Grund zu einer neuen Einsicht in allen Arten der Gelahrheit gelegt wird. Leipzig 1752. Feldner, Heiko: The new Scientificity in Historical Writing around 1800. In: Stefan Berger/Heiko Feldner /Kevin Passmore (Hg.): Writing History. Theory and Practice. London 2020, 7–24. Fulda, Daniel: Geschichte für Leser: Warum ein deutscher Verlag um 1750 vornehmlich französische Historiographie publizierte. In: Elisabeth Décultot/Daniel Fulda (Hg.): Sattelzeit. Historiographiegeschichtliche Revisionen. Berlin/Boston 2016, 19–38. Gatterer, Johann Christoph: Historia genealogica dominorum Holzschuherorum ab Aspach et Harlach in Thalheim. Nürnberg 1755. Gatterer, Johann Christoph: Vorrede von der Evidenz in der Geschichtskunde. In: Die Allgemeine Welthistorie die in England durch eine Gesellschaft von Gelehrten ausgefertiget worden. Hg. v. Friedrich Eberhard Boysen. Alte Historie. Bd. 1. Halle 1767, 1–38. Gatterer, Johann Christoph: Abhandlung vom Standort und Gesichtspunct des Geschichtsschreibers oder der teutsche Livius. In: Allgemeine historische Bibliothek. Halle 1768, 3– 29. Hien, Marcus: Mascovisch richtig oder voltairisch schön? Herders ‚idiotistische Geschichtsschreibung‘ im Wettkampf der Nationen. In: Elisabeth Décultot/Daniel Fulda (Hg.): Sattelzeit. Historiographiegeschichtliche Revisionen. Berlin/Boston 2016, 83–101. Köster, He(i)nrich Martin Gottfried: Historische Erkenntniß. In: Deutsche Encyclopädie oder Allgemeines Real-Wörterbuch aller Künste und Wissenschaften. Bd. 15. Frankfurt a.M. 1790, 669–676. Neudruck: Köster, Heinrich Martin Gottfried: Historische Encyklopädie. Gesammelte Artikel über Historik und Didaktik aus der ‚Deutschen Encyclopädie‘. Teil II: Wissen und Kritik. Waltrop 2003, 208–227. Meyer, Annette: Von der Wahrheit zur Wahrscheinlichkeit. Die Wissenschaft vom Menschen in der schottischen und deutschen Aufklärung. Tübingen 2008. Rühs, Friedrich: Entwurf einer Propädeutik des historischen Studiums. Berlin 1811. Schlözer, August Ludwig von: August Ludwig Schlözers [...] Vorstellung seiner UniversalHistorie. Bd. 1. Göttingen/Gotha 1772. Schönemann, Carl Traugott Gottlob: Grundriß einer Encyclopädie der historischen Wissenschaften. Göttingen 1799. Zwink, Christian: Imagination und Repräsentation. Die theoretische Formierung der Historiographie im späten 17. und frühen 18. Jahrhundert in Frankreich. Tübingen 2006.
1.4 Historismus Friedrich Jaeger
Unter mehreren Gesichtspunkten besitzt das 19. Jahrhundert, das in den Geistes- und Kulturwissenschaften und insbesondere in der Geschichtswissenschaft seit den 1830er Jahren wesentlich durch den Einfluss des Historismus geprägt war, eine besondere Bedeutung für die Entwicklung der Historik (Blanke 2007; Jordan 1998; Jordan 1999). Nicht zufällig erfuhr sie gerade in dieser Epoche im Werk Johann Gustav Droysens (1808-1884) seit den 1850er Jahren ihre anspruchsvollste Ausformulierung (Droysen 1977-2020; Rüsen 2006). Die Bedeutung des historistischen Wissenschaftsparadigmas für die Entwicklung der Historik erstreckt sich dabei erstens auf die Reflexion der theoretischen Grundlagen des historischen Denkens und die Erarbeitung eines komplexen Begriffs und Verlaufsmodells von Geschichte. Einen zweiten wichtigen Beitrag leistete der Historismus mit der Formierung der historischen Hermeneutik zu einem elaborierten methodischen Instrumentarium der Forschung. Drittens verband sich mit seinem Aufstieg die institutionelle Verselbständigung der Geschichtswissenschaft zu einer autonomen Disziplin innerhalb des Kanons der zeitgenössischen Geisteswissenschaften. Viertens entwickelte sich unter historistischem Einfluss die ‚Geschichte‘ zu einem wesentlichen Faktor der kulturellen Orientierung moderner Gesellschaften und der kollektiven Identitätsbildung im Kontext der entstehenden Nationalstaaten des 19. Jahrhunderts. Und fünftens schließlich wird insbesondere in den geschichtstheoretischen Reflexionen Jakob Burckhardts (1818-1897) (Burckhardt 2000), Friedrich Nietzsches (1844-1900) (Nietzsche 1972) oder Ernst Troeltschs (1865-1923) (Troeltsch 1922 bzw. 2008) greifbar, dass die Historik seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts auch zu einem wesentlichen Instrument der Krisendiagnostik und der Kulturkritik zeitgenössischer Entwicklungen werden konnte (Heussi 1932; Jaeger 1994).
Zum Begriff des Historismus Als Historismus wird eine zu Beginn des 19. Jahrhunderts entstandene Strömung der Geisteswissenschaften bezeichnet, die die Bedeutung der Geschichte für die Gegen-
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Friedrich Jaeger
wart betont. In einer ersten Bedeutungsvariante meint Historismus die „grundsätzliche Historisierung alles unseres Denkens über den Menschen, seine Kultur und seine Werte“ (Troeltsch 1922, 102). Damit wird er zu einem spezifisch modernen Denkstil, der im Laufe des 19. Jahrhunderts außer in der Geschichtswissenschaft in zahlreichen anderen Disziplinen eine jeweils fachspezifische Ausprägung gefunden hat. Eine kritisch gemünzte Interpretation des Historismus geht auf Nietzsche zurück, der, ohne den Begriff wörtlich zu verwenden, von der „historischen Krankheit“ seiner Gegenwart sprach, an der die „plastische Kraft des Lebens“ aufgrund der Orientierung an der Vergangenheit und der Vorherrschaft eines positivistischen Wissenschaftsbegriffs und normativen Relativismus Schaden nehme (Nietzsche 1972, 246). Meinecke (1862-1954) schließlich deutete den Historismus als ein in der deutschen Geistesgeschichte entstandenes Individualitäts- und Entwicklungskonzept (Meinecke 1936), das er zu den größten Leistungen des ‚deutschen Geistes‘ zählte. Seit den 1960er Jahren wurde dieses Konzept jedoch in kritischer Wendung zu einer wesentlichen Voraussetzung des in die Katastrophen des 20. Jahrhunderts mündenden ‚deutschen Sonderwegs‘ umgedeutet (Iggers 1971), eine Kritik, die auch weitgehend noch die Historismus-Rezeption der Sozial- und Gesellschaftsgeschichte prägte (Mommsen 1971). In der historiographie-historischen Forschung ist mit Historismus eine Epoche der Geisteswissenschaften gemeint, in der entscheidende Schritte zu einer modernen Konzeption des historischen Denkens und zu einer grundsätzlichen Historisierung der kulturellen Weltdeutung erfolgten (Küttler/Rüsen/Schulin 1997). Der Begriff wird dabei genutzt, um die paradigmatische Struktur dieses Denkens zu markieren, ihre vielfältigen Entstehungskontexte und Methoden herauszuarbeiten sowie ihre unterschiedlichen Strömungen und Vertreter zu kennzeichnen (Jaeger/Rüsen 1991; Rüsen 1993).
Entstehungskontexte Auch wenn sich die ersten Vertreter des Historismus kritisch von der Philosophie der Aufklärung abgrenzten, bauten sie auf deren Grundlagen auf. Im Kontext der englisch-schottischen Aufklärungsphilosophie – insbesondere bei Adam Smith (1723-1790) und Adam Ferguson (1723-1816) – war es bereits zu einer Transformation des Naturrechts in eine historische Theorie der bürgerlichen Gesellschaft gekommen. In der Folge historisierten sich die in der Frühen Neuzeit noch weitgehend statisch geprägten Staats- und Gesellschaftstheorien, wodurch die überzeitliche Geltung von Normen und Lebensformen zugunsten der Einsicht in ihren historischen
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Wandel aufgehoben wurde (Medick 1973; aus der neueren Forschung auch Bourgault/Sparling 2013). Ferner bildete sich in dieser Zeit das Konzept ‚die Geschichte‘ heraus, das es erlaubte, Geschichte als eine Wirklichkeitsform sui generis zu begreifen, die seit dem späten 18. Jahrhundert im Rahmen der Geschichtsphilosophie theorieförmig ausformuliert wurde (Koselleck u.a. 1979). Im Kontext der Aufklärungshistorie hatten sich zudem bereits wichtige institutionelle Grundlagen der Geschichtswissenschaft herausgebildet, wobei der Universität Göttingen eine besondere Bedeutung zukam (Blanke/Fleischer 1990; zur Bedeutung Göttingens auch Araújo 2012, 9–56). Zugleich etablierte sich der Historismus in kritischer Abgrenzung von der Spätaufklärung. Am Anfang stand ein historischer Erfahrungswandel, der bereits in der Modernitätskritik der Romantik zum Ausdruck kam und den von der Aufklärung begrüßten Fortschritt zur Ursache einer Entfremdung des Menschen von seinen kulturellen Wurzeln umdeutete. Prägend wurde ferner – bei Johann Gottfried Herder (1744-1803) etwa – eine Denkbewegung, die unter dem Leitbegriff der Individualität die historische Vielfalt der Völker und Nationen betonte und im historischen Denken angesichts der Infragestellung tradierter Lebensformen eine zentrale Instanz der kulturellen Orientierung erkannte. Darin wurzelte der Anspruch des Historismus, im Medium des historischen Wissens einen wesentlichen Beitrag zur Gestaltung der Gegenwart und Zukunft zu leisten. Politisch lässt sich der Historismus als eine Reaktion auf die Erfahrung der Französischen Revolution begreifen. Damit hat er Anteil an der kulturpolitischen Bildungsbewegung des Neuhumanismus. Zum anderen lässt er sich mit Blick auf die Mobilisierungseffekte der Befreiungskriege als ein Element der bürgerlichen Freiheits- und Nationalbewegung der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts begreifen. Zielvorstellung war ein gemäßigter Liberalismus sowie eine reformorientierte Weiterentwicklung von Staat und Gesellschaft als Alternativen zur Revolution. Vertreter der Historischen Rechtsschule wie Friedrich Carl von Savigny (1779-1861) und Friedrich Christoph Dahlmann (1785-1860) haben diese Ideen staatstheoretisch entfaltet. Epistemologisch formierte sich der Historismus vor allem in einem spannungsreichen Verhältnis zur idealistischen Geschichtsphilosophie (Schnädelbach 1974). Mit ihr teilte er die Vorstellung von Geschichte als einer Selbsthervorbringung des menschlichen Geistes, die seiner Vorstellung von Ideen als kulturellen Triebkräften der Geschichte zugrunde lag. Zugleich definierte er sich als eine auf methodischer Forschung basierende Wissenschaft in Gegnerschaft zur idealistischen Geschichtsphilosophie. Leopold von Ranke (1795-1886) grenzte sich von dem Motiv der Geschichtsphilosophie ab, „die Mannigfaltigkeit der Erscheinungen aus dem spekulati-
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ven Begriff zu deduzieren; – denn jenem Begriff der Spekulation entzieht sich und entweicht auf allen Seiten die Realität der Tatsache“ (Ranke 1975, 75). Wilhelm von Humboldt (1767-1835) gelang es in seinem Aufsatz Über die Aufgabe des Geschichtsschreibers aus dem Jahre 1821, Impulse der idealistischen Philosophie und der empirischen Forschung zu einer auch methodisch anspruchsvollen Konzeption der historischen Hermeneutik zu integrieren, so dass diese Schrift als ein wichtiges Gründungsdokument des Historismus gelten kann (Humboldt 1969).
Prozesse der Institutionalisierung Auf diesen Grundlagen entfaltete sich die historistisch geprägte Geschichtswissenschaft bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts zu einer autonomen Disziplin. Von entscheidender Bedeutung war dabei die Erarbeitung einer theoretisch-methodischen Grundlage, wie sie sich besonders anspruchsvoll in Droysens Historik findet. Droysen sieht das „Wesen der geschichtlichen Methode“ darin begründet, „forschend zu verstehen“ (Droysen 1977-2020, Bd. 1, 22). Damit ist ein Verfahren gemeint, das sich im methodischen Dreischritt von Heuristik, Kritik und Interpretation vollzieht. Als abschließende Operation steht die Interpretation im Zentrum, indem sie ein vergangenes Geschehen zum gegenwärtigen Wissen über dieses Geschehen transformiert und in dieser historischen Vermittlung von Gegenwart und Vergangenheit sowohl wahre als auch orientierungsstarke Erkenntnis ermöglicht. Auch institutionell hat der Historismus den Prozess der Verwissenschaftlichung nachhaltig vorangetrieben. Nach Vorbereitungen in der Zeit der Spätaufklärung sind vor allem unter seiner Ägide die wesentlichen Elemente entstanden, die die Geschichtswissenschaft als universitäre Disziplin und akademisches Fach bis heute kennzeichnen: von der Seminarstruktur über die historischen Fachzeitschriften und Bibliotheken bis hin zum einschlägigen Publikations- und Tagungswesen. Darüber hinaus prägte der Historismus das Feld der öffentlichen Geschichtskultur, das sich im Laufe des 19. Jahrhunderts vor allem im Rahmen des historischen Denkmals-, Vereins- und Museumswesen etablierte. Geschichte wurde zu einem unverzichtbaren Element der kulturellen ‚Bildung‘, was ihre starke Verankerung in Schule und Universität erklärt.
1.4 Historismus
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Positionen und Entwicklungen Eine Stärke des Historismusbegriffs besteht darin, die Geisteswissenschaften des 19. Jahrhunderts in den Blick zu bringen, ohne die Vielfalt unterschiedlicher Positionen auszublenden. Mit Blick auf die deutschsprachige Entwicklung lassen sich dabei vor allem drei Strömungen voneinander unterscheiden: Der politische Historismus verdankte sich den bereits in der Ära der Befreiungskriege aufgetretenen nationalen Impulsen. Historismus wird bei Theodor Mommsen (1817-1903) zur „politischen Pädagogik“, die die Entwicklung von Freiheit, Nation und bürgerlicher Gesellschaft historisch darlegt und begründet, um sie in der Gegenwart politisch fortsetzen zu können. Der teilweise schrille Nationalismus, der die deutsche Historiographie insbesondere in der Zeit der Reichsgründung und des Kaiserreichs im Werk von Heinrich von Treitschke (1834-1896), Heinrich von Sybel (1831-1895) und vielen anderen Vertretern des Historismus kennzeichnete, hatte große Auswirkungen auf das kulturelle und intellektuelle Klima dieser Epoche. In den Vorlesungen dieser Historiker saßen die kommenden Eliten des wilhelminischen Deutschlands und wurden mit einem Denken konfrontiert, das im Gewande historischer Argumentationen nationalistische, antidemokratische und auch bereits antisemitische Ideologien transportierte und verstärkte (Jaeger/Rüsen 1992, 86–95). Der ästhetische Historismus Jacob Burckhardts (1818-1897) steht zu einer solchen politischen Strömung in einem deutlichen Widerspruch. Spöttisch bemerkte Burckhardt mit Blick auf die Schriften dieser Historiker aus dem Kreis der sog. ‚kleindeutschen Schule‘, in ihnen werde „die ganze Weltgeschichte von Adam an siegesdeutsch angestrichen und auf 1870/1 orientiert“ (Burckhardt 1963, 184). Burckhardt negiert nicht nur jede Verzahnung von historischer Forschung und politischem Interesse, sondern überhaupt die Vorstellung von Geschichte als Fortschritt der Freiheit im Rahmen der bürgerlichen Gesellschaft und des modernen Nationalstaats. Vielmehr folgt seine historische Rekonstruktion Alteuropas dem Impuls der Rettung des kulturellen Erbes vor dem Zugriff einer sinnentleerten industriellen Moderne und politisch ideologisierten Massenkultur (Hardtwig 1974; Jaeger 1994, 86–181; zur ästhetischen Seite des Historismus grundsätzlich auch Fulda 1996). Eine weitere Strömung bildete sich bereits in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit dem ökonomischen Historismus heraus, wie er etwa von Karl Knies (18211898) im Zeichen der älteren historischen Schule der deutschen Nationalökonomie betrieben wurde (Knies 1853), zu dem sich im weiteren Sinne auch Lorenz von Stein (1815-1890) als einer der Gründer der Soziologie in Deutschland zählen lässt. Gemeinsam ist diesen Vertretern des Historismus, dass sie der sozialen Frage als einer
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Friedrich Jaeger
historischen Herausforderung ihrer Gegenwart bereits eine große Bedeutung beigemessen haben. Insgesamt handelt es sich im Falle des Historismus also um ein breites Spektrum an Positionen, die nicht nur die deutsche Wissensgeschichte des 19. Jahrhunderts dominiert haben, sondern auch noch auf die Geistes- und Kulturwissenschaften unserer Gegenwart einwirken. Die Bedeutung des Historismus für die Geschichte der Historik lässt sich dabei abschließend vor allem unter zwei Gesichtspunkten begründen: Zum einen verankerte er das historische Denken seit dem frühen 19. Jahrhundert als eine wesentliche Instanz der kulturellen Bildung und Orientierung im intellektuellen und mentalen Kernbereich moderner Gesellschaften. Und zum anderen stattete er dieses historische Denken im Zuge eines sich über das gesamte 19. Jahrhundert erstreckenden Verwissenschaftlichungsprozesses mit einem methodisch begründeten Wahrheitsanspruch aus. Dieser durch den Historismus angestoßene Verwissenschaftlichungsprozess besaß freilich inner-paradigmatische Grenzen, die in der deutschen Geschichtswissenschaft seit den 1960er Jahren vor allem von der entstehenden Sozial- und Gesellschaftsgeschichte kritisch formuliert worden sind (Kocka 1977; Mommsen 1971; Wehler 1980) und deren Überwindung zu den fortdauernden Aufgaben der Historik zählt.
Literatur: Araújo, André de Melo: Weltgeschichte in Göttingen. Eine Studie über das spätaufklärerische universalhistorische Denken, 1756-1815. Bielefeld 2012. Blanke, Horst Walter: Historik. In: Friedrich Jaeger u.a. (Hg.): Enzyklopädie der Neuzeit, Bd. 5. Stuttgart 2007, 479–482. Blanke, Horst Walter/Fleischer, Dirk: Artikulation bürgerlichen Emanzipationsstrebens und der Verwissenschaftlichungsprozeß der Historie. Grundzüge der deutschen Aufklärungshistorie und die Aufklärungshistorik. In: Horst Walter Blanke/Dirk Fleischer (Hg.): Theoretiker der deutschen Aufklärungshistorie. Bd 1: Die theoretische Begründung der Geschichte als Fachwissenschaft. Stuttgart-Bad Cannstatt 1990, 19–102. Bourgault, Sophie/Sparling, Robert (Hg.): A companion to Enlightenment historiography. Leiden/Boston 2013. Burckhardt, Jacob: Briefe. Vollständige und kritische Ausgabe. Mit Benützung des handschriftlichen Nachlasses bearbeitet von Max Burckhardt, Band V, Basel 1963. Burckhardt, Jacob: Ästhetik der bildenden Kunst – Über das Studium der Geschichte. Mit dem Text der Weltgeschichtlichen Betrachtungen in der Fassung von 1905. München/Basel 2000. Droysen, Johann Gustav: Historik. Historisch-kritische Ausgabe. Hg. von Peter Leyh und Horst Walter Blanke. 3 Bde. Stuttgart-Bad Cannstatt 1977-2020. Fulda, Daniel: Wissenschaft aus Kunst. Die Entstehung der modernen deutschen Geschichtsschreibung 1760-1860. Berlin/New York 1996.
1.4 Historismus
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1.5 Sozialgeschichte und Gesellschaftsgeschichte Jürgen Kocka
Vorbemerkung Der Begriff „Sozialgeschichte“ bezeichnet unterschiedliche Felder und Zugriffe der Geschichtswissenschaft, auf denen und durch die den Theoriebezügen des historischen Forschens und Darstellens besonderes Gewicht eingeräumt wurde und wird. Das geschah und geschieht einerseits durch Benutzung gegenstandsbezogener Theorien (z.B. Theorien sozialer Klassen und Schichten), oft in Verbindung mit Anregungen aus den historisch arbeitenden Sozialwissenschaften und mit Kritik an stärker „historistischen“ Traditionen des Fachs; zum anderen durch geschichtstheoretische Reflexion auf die Grundlagen des Faches und dabei auch auf seine praktischen Bedingungen und Folgen. Daran anschlussfähig sind Fragen nach sich verändernden Varianten von Geschichtsbewusstsein wie nach dessen sozialen Funktionen. Die Öffnung zur Geschichtsdidaktik lag und liegt aus sozialhistorischer Perspektive nahe. Insofern spielen Sozial- und Gesellschaftsgeschichte in einem Programm der Historik, wie es diesem Handbuch zu Grunde liegt, eine besondere Rolle.
Teilbereichsgeschichte oder Geschichte ganzer Gesellschaften Sozialgeschichte ist lange als Geschichte der kleinen Leute, des Volkes, dann der Arbeiter und der sozialen Frage verstanden worden. Dies begann im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert unter dem Einfluss sozialer Konflikte, die mit Industriekapitalismus, Klassenbildung und Arbeiterbewegung zusammenhingen: eine Tradition, die die Gründung und lange das Profil von einschlägigen Zeitschriften bestimmt hat, so des International Review of Social History (seit 1936) oder des Archivs für Sozialgeschichte (seit 1961). Lange hat die Geschichte der Arbeiter und der Arbeiterbewegung im Zentrum der sozialhistorischen Forschung gestanden (Tenfelde 1986). Diese Denktradition ist mittlerweile in den Hintergrund getreten, aber nie ganz ver-
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schwunden. Sie schwang immer mit, wenn Sozialgeschichte, vor allem im dritten Viertel des 20. Jahrhunderts, als „Oppositionswissenschaft“ apostrophiert wurde. Im akademischen Bereich ist Sozialgeschichte – einerseits – ein historisches Teilfach, das sich mit einem Teilbereich oder einer Dimension der geschichtlichen Wirklichkeit befasst, nämlich mit sozialen Strukturen, Prozessen und Handlungen in einem engeren Sinn. Sie befasst sich – unter Verwendung historischer Fragestellungen und Methoden – mit Ständen, Klassen und sozialen Gruppen; mit Institutionen wie Familie, Schule, Betrieb, Verein und Verband; mit Arbeits- und Lebensverhältnissen, Wanderungen, Mobilität, sozialen Beziehungen, Bewegungen und Konflikten; mit Phänomenen wie Urbanisierung, Kapitalismus und Industrialisierung, sozialer Ungleichheit und sozialem Protest. Insofern ist Sozialgeschichte eine geschichtswissenschaftliche Teildisziplin, allerdings meist in Kombination mit anderen Teildisziplinen, insbesondere der Wirtschaftsgeschichte, später auch mit der Kulturgeschichte. Einen Überblick verschafft man sich, indem man die Entwicklung der repräsentativen Zeitschriften der Teildisziplin verfolgt, so in Deutschland die Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte seit 1893/1903 (Schulz 2004). Entsprechende Zeitschriften entstanden in Frankreich 1908/1913, in den Niederlanden 1916, in England 1927, den USA 1928 und in Polen 1932. Meistens existierte die Sozialgeschichte bzw. die Sozial- und Wirtschaftsgeschichte friedlich am Rande der Hauptströmungen des Fachs, ohne diese herauszufordern. Aber ihre schiere Existenz als separates Teilfach machte darauf aufmerksam, dass die etablierte Fachhistorie gewisse Teile der historischen Wirklichkeit systematisch vernachlässigte. Das galt auch in methodischer Hinsicht: Das Teilfach bot Raum für methodische Innovationen, die sich vom historistischen Mainstream des Gesamtfachs absetzten, etwa durch Anwendung statistischer Verfahren und durch Zusammenarbeit mit Vertretern der benachbarten Sozialwissenschaften. Damit verkörperte die Sozialgeschichte ein Stück innerwissenschaftliche Kritik. Von den 1930er bis in die 1980er Jahre, vor allem aber im dritten Viertel des 20. Jahrhunderts, erlebte sie einen bemerkenswerten Aufstieg in Bezug auf Ausdehnung, inhaltlichmethodische Ausdifferenzierung und öffentliche Aufmerksamkeit (Kocka 1989). Andererseits ist Sozialgeschichte die Geschichte ganzer Gesellschaften und insofern ein sozialgeschichtlicher Zugriff auf die allgemeine Geschichte. In dieser Gestalt bezieht sie die Geschichte von Wirtschaft, Kultur und Politik in ihren Untersuchungsbereich ein, jedoch selektiv, nämlich indem sie sie mit sozialen Strukturen, Prozessen und Handlungen im engeren Sinn in Beziehung setzt. In diesem Verständnis ist Sozialgeschichte von anderen Zugriffen oder Betrachtungsweisen unterschieden, etwa von politik- oder ideengeschichtlichen Geschichtsinterpretationen, die sie oft kritisch hinterfragt.
1.5 Sozialgeschichte und Gesellschaftsgeschichte
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Sehr unterschiedliche Gruppierungen sind zu nennen, die sich an Sozialgeschichte dieser anspruchsvollen Art in ihrer Weise versuchten. Dazu zählte in Frankreich die republikanisch gesinnte, strukturgeschichtlich orientierte, interdisziplinär und transnational ausgreifende ‚Schule‘ um die Zeitschrift Annales (seit 1929), beeinflusst u.a. von Marc Bloch und Lucien Febvre, später von Fernand Braudel. Dazu zählte ferner in Deutschland und Österreich die „Volksgeschichte“ der 30er und 40er Jahre, in der die interdisziplinäre Untersuchung sozialgeschichtlicher Strukturen und Prozesse mit Kritik an der engen Politikgeschichte und oftmals mit bräunlicher Orientierung an Volkstum und Rasse verbunden wurde. Daran schloss sich – freilich mit anderen Wertungen – die Struktur- oder Sozialgeschichte an, wie sie unter dem Einfluss Otto Brunners und Werner Conzes in der frühen Bundesrepublik entwickelt wurde. Auf ganz anderen Wegen formierte sich die britische Geschichtsforschung mit ihrer Orientierung an marxistischen Traditionen und Konzepten, die ihren Mittelpunkt in der Zeitschrift Past and Present (1952) fand und die Sozialgeschichtsschreibung bald weltweit beeinflusste (Raphael 2003, 96–137; Oberkrome 1993; Dunkhase 2010). Schließlich stellt der von Conze 1956 gegründete Arbeitskreis für moderne Sozialgeschichte ein wichtiges Forum für Sozialgeschichte in einem sehr breiten Verständnis des Wortes dar (Engelhardt 2020). Zur erwähnten Gruppierung marxistischer Historiker gehörte auch Eric Hobsbawm, der 1971 den einflussreichen Artikel „From Social History to the History of Society“ veröffentlichte. Er sprach sich gegen Sozialgeschichte als eng gefasste Spezialdisziplin aus und plädierte für eine integrale Variante von Sozialgeschichte, eben „history of society“ bzw. „Gesellschaftsgeschichte“. Für diese skizzierte er dann ein Profil, das von der Historischen Demographie und der Wirtschaftsgeschichte über die Geschichte sozialer Klassen und Gruppen, der „Mentalitäten“ und der „Kultur im Sinne der Anthropologie“ bis hin zur Modernisierung kolonialer Gesellschaften und der Beschäftigung mit Nation und Nationalismus reichte. Diese Gesellschaftsgeschichte gebe es noch nicht, sie befinde sich erst im Aufbau (Hobsbawm 1971 bzw. 1972). Doch über diese theoretische Grundlegung hinaus hat Hobsbawm auch hervorragende synthetische Geschichtswerke vorgelegt, die als gesellschaftsgeschichtlich zu bezeichnen sind (Kocka 2013). Der Artikel traf einen Nerv. Nunmehr wurde Sozialgeschichte, verstanden als breite sozialgeschichtliche Betrachtungsweise, häufig als „Gesellschaftsgeschichte“ bezeichnet (Laslett 1968; Kocka 1975a, 1–42; Perrot 1976, 172). Im Vorwort zur 1975 gegründeten Bielefelder Zeitschrift Geschichte und Gesellschaft hieß es: „Gegenstand der Zeitschrift ist die Gesellschaft und deren Geschichte – Gesellschaftsgeschichte im weiten Sinn, verstanden als die Geschichte sozialer, politischer, öko-
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nomischer, soziokultureller und geistiger Phänomene, die in bestimmten gesellschaftlichen Formationen verankert sind“ (Geschichte und Gesellschaft 1975, 5).
Ansätze und Prozesse der Theoretisierung In Auseinandersetzung mit sozialwissenschaftlichen Theorieangeboten fand in der Bundesrepublik eine gewisse Theoretisierung des Projekts „Gesellschaftsgeschichte“ statt (Ludz 1972; Kocka/Nipperdey 1979, dort insbesondere die Beiträge von Hans Ulrich Wehler, Hans-Jürgen Puhle, Jörn Rüsen, Wolfgang J. Mommsen u.a.; Kocka 1975b; Wehler 1980, 13–223; Rüsen 1983; Küttler 1985; Rüsen 2013, 97–166). Dessen umfassendste empirische Einlösung bot Hans-Ulrich Wehler mit seiner monumentalen Deutschen Gesellschaftsgeschichte, deren ersten Band er 1987 vorlegte. Gesellschaft begriff er im Anschluss an Max Weber als Zusammenhang, der durch historisch variable Wechselwirkungen zwischen Wirtschaft, Herrschaft und Kultur konstituiert werde, wobei er den daraus entstehenden Mustern sozialer Ungleichheit besondere Bedeutung zuschrieb (Wehler 1987-2008; zum Begriff Bd. 1, 6–12). Gesellschaftsgeschichte wurde mit unterschiedlichen Inhalten betrieben, beispielsweise modernisierungstheoretisch inspiriert oder aber mit historisch-materialistischer Betonung sozialökonomischer Faktoren, Interessen und Konflikte. Oft fungierte sie nur als regulative Idee oder analytischer Rahmen für anders gepolte Detailuntersuchungen. Aber immer ging es um die Rekonstruktion großer Zusammenhänge, um Synthese oder Syntheseskizzen, und zwar mit sozialgeschichtlichem, nicht politik- oder ideengeschichtlichem Kern. Zentral waren – und insofern glich die Gesellschaftsgeschichte der Sozialgeschichte als Teildisziplin – Strukturen und Prozesse, nicht aber Ereignisse, Handlungen und Biographien, auch wenn diese selten ganz ausgeblendet wurden. Gesellschaftsgeschichte galt als Teil einer Geschichtswissenschaft „jenseits des Historismus“ (Mommsen 1971). Sie hielt zwar an konstitutiven Prinzipien der überkommenen Geschichtswissenschaft fest und verzichtete etwa nicht darauf, vergangene Wirklichkeit mit hermeneutischen Methoden „forschend zu verstehen“ (Droysen), aber sie strebte zugleich darüber hinaus nach Analyse und Erklärung. Sie machte ihre Fragestellungen explizit und definierte ihre Begriffe. Sie argumentierte, statt zu erzählen. Sie gab dem Vergleichen (Kaelble 2021) und der Quantifizierung Raum. Sie bediente sich sozialwissenschaftlicher Modelle und Theorien. Mit Blick auf diese anti-historistische Stoßrichtung kam – als Selbstbezeichnung – der Begriff „Historische Sozialwissenschaft“ auf, der allerdings nicht nur auf die Sozial- und Gesellschaftsgeschichte, sondern auch auf andere Be-
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reiche der Geschichtswissenschaft zielte. Die ideologiekritische Absetzung von mächtigen Traditionen des Fachs gehörte zur Stoßrichtung der Gesellschaftsgeschichte. Ihren Vertretern lag es nahe, auf gesellschaftliche Voraussetzungen und Funktionen der Geschichtswissenschaft zu reflektieren und sich in den damals lebhaften Debatten über „Wozu Geschichte?“ mit aufklärerisch-emanzipatorischer Zielsetzung zu engagieren. Die Kritik an den Traditionen des Fachs und seiner Rolle in der Vergangenheit ging oft in eine intellektuelle Kritik der gegenwärtigen Verhältnisse über: auf die eine oder andere Weise links, aber vielstimmig (Kocka 1986, 99–107, 160–62 sowie zur vielstimmigen Debatte über die gesellschaftlichen Funktionen der Geschichte 112–131. – Zum Theoriebezug der Gesellschaftsgeschichte siehe ferner wie bereits erwähnt Ludz 1972; Kocka/Nipperdey 1979; Kocka 1975b; Wehler 1980, Rüsen 1983; Küttler 1985. – Treffender Rückblick: Lenger 2010).
Herausforderungen der Gender-, Kultur- und Globalgeschichte – Sozialgeschichtliche Metamorphosen Angesichts neuer Herausforderungen und Fragestellungen hat sich die Sozialgeschichte seit den 1980er Jahren gründlich verändert. Auch als Antwort auf feministische Kritik gelang es ihr schrittweise, frauen- und geschlechtergeschichtliche Gesichtspunkte und Themen einzubeziehen, die lange ignoriert oder marginalisiert worden waren. Mehr und mehr Frauen engagierten sich in diesem herkömmlich fast durchweg von Männern bearbeiteten Forschungsfeld, das damit an thematischer Breite und analytischer Kraft gewann (Bock 2006). Die Sozialgeschichte hatte – besonders als Gesellschaftsgeschichte – die Untersuchung von Strukturen und übergreifenden Prozessen ausdrücklich privilegiert und dabei die Untersuchung von Wahrnehmungen, Erfahrungen, Deutungen, Handlungen und Verarbeitungsweisen, auch der kollektiven, kleingeschrieben. Vor allem seitens der Alltagsgeschichte und der sich bald international im Aufwind befindenden „neuen Kulturgeschichte“ wurde das seit den 1980er Jahren immer heftiger kritisiert. In der Konsequenz wurde – sehr oft erfolgreich – versucht, Sozialgeschichte weniger strukturgeschichtlich zu betreiben, erfahrungs-, handlungs-, beziehungs- und praxisgeschichtlichen Dimensionen stärkeres Gewicht einzuräumen und damit Gesellschaftsgeschichte, so Thomas Welskopp, zur Vergesellschaftungsgeschichte weiterzuentwickeln (Welskopp 1998, 189f.). Soweit sich die alltags- und kulturhistorische Kritik an der Gesellschaftsgeschichte jedoch gegen deren theoretisch-analytische Orientierung, makrohistorische Neigung und synthetische Zielsetzung richtete, wurde sie zurecht nicht oder kaum aufgenommen (Schulze 1994).
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In programmatischen Diskussionen wurden Sozialgeschichte und Kulturgeschichte oft gegeneinander gestellt. Tatsächlich aber ergaben sich, vor allem seit den 1980er Jahren, neue, sehr verschiedenartige, oft historisch-anthropologisch orientierte Verbindungen von sozial- und kulturhistorischen Ansätzen. Praxistheoretisch orientierten Ansätzen gelang die Verbindung von Sozial- und Kulturgeschichte, indem sie struktur- und handlungsgeschichtliche Zugriffe auf neue Weise verbinden (beispielsweise Welskopp 2014, 27–131). Volkskunde, Ethnologie und Kulturanthropologie wurden nun als interdisziplinäre Kooperationspartner wichtiger als Soziologie und Ökonomie, wobei die seit 1993 erscheinende Zeitschrift Historische Anthropologie eine besondere Bedeutung erlangte. Die innere Heterogenität der Sozialgeschichte nahm weiter zu, ihre Produktivität und Innovationsfähigkeit aber auch (Vierhaus 1995; van Dülmen 2001; Daniel 2020; Mergel/Welskopp 1997; ein guter Überblick bei Jordan 2021, 154–215).
Die Herausforderung der Globalgeschichte Zuletzt gingen die folgenreichsten Impulse vom Aufstieg der Globalgeschichte aus. Er kam der Sozialgeschichte zugute. Diese hat – beispielsweise in der Verbindung mit Wirtschaftsgeschichte in der Debatte über die „Great Divergence“ zwischen Ostasien und dem Westen, als „Global Labor History“ oder als transnationale Ausweitung der Bürgertumsgeschichte – neues Interesse und neue Kraft gefunden. Es geht um neue Verbindungen von Makro- und Mikrogeschichte, um die Redefinition von Begriffen wie „Lohnarbeit“, um Vergleich und Analyse von grenzüberschreitenden Wechselwirkungen, um unvorhergesehene Entdeckungen, wenn bisher nationalgeschichtlich erforschte Phänomene in europäischen oder globalen Kontexten untersucht werden (Conrad 2013, 193–247; Eckert 2017; Dejung u.a. 2019). Gleichzeitig stellt die Transnationalisierung des Blickwinkels die herkömmliche Gesellschaftsgeschichte vor große Herausforderungen. Sie hatte sich ja zumeist mit gesellschaftlichen Binnenverhältnissen und mit Gesellschaften in ihren nationalstaatlichen Grenzen befasst. Um Verflechtungen über nationale Grenzen hinweg adäquat zu erfassen, muss sie sich neu aufstellen. Hierzu liegen wegweisende Versuche vor: Hartmut Kaelble hat früh eine entstehende europäische Gesellschaft untersucht und sich ihr mit einer Verbindung von Beziehungsgeschichte und Komparatistik genähert (Kaelble 2007 und 2017). Lutz Raphael wendet sich gegen „die geläufige Gleichsetzung von Nationalstaat und Gesellschaft“ und plädiert für ein sehr offenes Konzept von Gesellschaft, das internationale Vergleiche, regionale Differenzierungen und wirkungsmächtige Ereignisse zu berücksichtigen erlaubt (Raphael 2019, 19–32). Für seine
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globale Sozialgeschichte 1750-1870 umreißt Jürgen Osterhammel einen Gesellschaftsbegriff, der nicht „Sozialstruktur“ und „Ordnung“, sondern „Netzwerk“, „Kommunikation“, „Mobilität“, aber auch „Ungleichheit“ und „Hierarchie“ in den Mittelpunkt rückt. Im Anschluss an Niklas Luhmann und Rudolf Stichweh nimmt er unterschiedliche Muster sozialer Differenzierung in den Blick, um ein flexibles theoretisches Gerüst von Fragen und möglichen Verknüpfungen zu entwickeln (Osterhammel 2016, bes. 628–649). Denn ohne Theorie kommt Gesellschaftsgeschichte nicht aus, erst recht nicht, wenn sie in globalem Format betrieben werden soll. Die Anforderungen der globalgeschichtlichen Wende lassen die Sozialgeschichte wieder analytischer werden, wenn auch anders als in den siebziger und achtziger Jahren.
Sozialgeschichte und allgemeine Geschichte Die Sozialgeschichte ist in den letzten Jahrzehnten tief und in breiter Front in die dominanten Interpretationen der allgemeinen Geschichte eingedrungen und hat sie verändert. Man erkennt dies, wenn man handbuchartige Darstellungen zur deutschen Geschichte von früher und heute vergleicht oder wenn man die Gliederung neuer Synthesen und thematisch umfassender historischer Monographien mustert. Die Dichotomie zwischen allgemeiner (im Kern aber eigentlich politischer) Geschichte einerseits und Sozialgeschichte als Ergänzung oder Alternative andererseits strukturiert historisches Fragen, Forschen und Darstellen kaum mehr. Ein gutes Beispiel dafür ist das traditionsreiche Publikationsprojekt „Gebhardt. Handbuch der deutschen Geschichte“. Während frühere Auflagen die Darstellung der allgemeinen Geschichte so sehr – wenn auch unausgesprochen – auf Politikgeschichte konzentrierten, dass die Sozial- und Wirtschaftsgeschichte in Form ergänzender Kapitel separat behandelt und angefügt werden musste, sieht die 10. Auflage, die seit 2001 erscheint, keine gesonderten Kapitel für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte mehr vor, weil sie Politik-, Sozial-, Kultur- und Wirtschaftsgeschichte einigermaßen gleichgewichtig behandelt und integriert. Darüber hinaus gibt es inzwischen zahlreiche weitere Darstellungen, die sich vom großen Rest dadurch unterscheiden, dass sie sozialgeschichtlichen Themen breiten Raum geben, indem sie diese in übergreifende Argumentationen integrieren und nicht in separaten Kapiteln konzentrieren (beispielsweise Osterhammel 2009; Bösch 2019; Thießen 2020). Während das Profil der Sozialgeschichte an Schärfe weiter verloren hat und die Unterscheidungen in ihr ausgeprägter geworden sind als die Unterscheidung zwischen ihr und der allgemeinen Geschichte, hat sich diese verändert, pluralisiert und auch gegenüber sozialgeschichtlichen Themen geöffnet – zu
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ihrem Vorteil, zweifellos. Dies gilt auch in methodischer Hinsicht. Man sieht daran, wie paradigmatischer Wandel im historischen Denken und in der historischen Wissenschaft verläuft: durchaus in Spannungen und Konflikten, aber sehr allmählich im Langzeitverlauf und nicht revolutionär.
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1.6 Kulturgeschichte Achim Landwehr
Konjunktur der Kulturgeschichte Ich schreibe diese Zeilen im März 2022. Folgt man der christlichen Zeitrechnung (deren globale Ausbreitung für sich schon ein lohnendes kulturhistorisches Thema ist), nähern wir uns der Vollendung des ersten Viertels des 21. Jahrhunderts. Und sollte man geneigt sein, kalendarischen Zusammenhängen wie Jahrhunderten bestimmte Charaktereigenschaften zuzuweisen (auch das eine vielgeübte Praxis sowie mögliches Thema einer kulturhistorischen Untersuchung), dann ließe sich behaupten, dieses 21. Jahrhundert habe nicht gut angefangen. Neben den Standardproblemen, die mit der Existenz auf dem Planeten Erde ohnehin unweigerlich einhergehen, hat dieses frühe 21. Jahrhundert gezeigt, dass die Menschheit (oder zumindest signifikante Teile von ihr) in der Lage ist, weiterhin Katastrophen zu produzieren, die man schon längst verabschiedet glaubte. Terrorismus, religiöser Fundamentalismus, Nationalismus und Populismus, Finanzkrisen, Seuchen, Kriege – die apokalyptischen Reiter scheinen nie abgesattelt zu haben. Von 9/11 über die Banken- und Finanzkrise, die Covid-19-Pandemie bis zum russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine, das alles dann noch überlagert durch den dauerschwelenden Klimawandel: Man kann nicht den Eindruck haben, dass es um den Planeten besonders gut bestellt sei. Um hier keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Ich will nicht dem drohenden Weltuntergang das Wort reden. Mir geht es eher um die möglichst kurze (und fraglos verkürzende) Skizzierung einer Situation, in der kulturhistorische Fragestellungen weltweit Konjunktur haben. Denn auch wenn sich das nur mit Schwierigkeiten quantifizieren lässt, so dürfte der Eindruck doch kaum täuschen, dass kulturhistorischen beziehungsweise kulturwissenschaftlichen Ansätzen in der globalen akademischen Diskussion erhebliche Bedeutung zukommt (Jaeger u.a. 2004; Reckwitz 2000). Da jedes Kollektiv nicht einfach nur diejenige Form von Geschichtsschreibung hat, die es verdient, sondern die es für angemessen befindet, lässt sich die Frage stellen: Weshalb ist das so? Weshalb ist in einer Situation, in der es für nicht wenige um die schiere Existenz menschlichen Lebens auf diesem Planeten geht, ausgerech-
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net die Kulturgeschichte gefragt? Ist das nicht oberflächliches Tamtam, nettes l’art pour l’art? Geht es jetzt nicht eigentlich um Anderes als Kulturelles, um das nackte Leben, um den Planeten, um die Grundlagen unserer Existenz? Geht es nicht um Wichtigeres, um Handfesteres, um Politik, um Wirtschaft, um Technik, um Klima und Natur? Entlarvt sich da die Konzentration auf Kulturelles nicht als Eskapismus? Es liegt eher der Verdacht nahe, die Kulturgeschichte reagiere – gerade in ihrer jüngeren Spielart – auf grundlegende externe wie interne Herausforderungen, auf allgemeine Krisenphänomene unterschiedlicher Art wie auf kritische und krisenbehaftete Diskussionen im Feld der Historik selbst. Denn die Grundlagen historischen Arbeitens sind in den vergangenen 50 Jahren von mehreren Seiten (von denen einige weiter unten noch zu nennen sind) genau unter die Lupe genommen und nicht immer als tragfähig erachtet worden. Im Rahmen der kulturhistorischen Diskussion wird daher versucht, auch auf die Herausforderungen einzugehen, denen sich Theorien und Methoden sowie epistemologische Grundlagen historischen Arbeitens (Quellen, Sprache, Zeitmodelle, Erklären und Verstehen etc.) zu stellen haben.
Geschichte der Kulturgeschichte Wäre Kulturgeschichte tatsächlich ein Eskapismus, dann wäre diese Ausflucht schon häufiger im Umgang mit grundlegenden Krisen gewählt worden (Kusber/Dreyer/Rogge/Hütig 2010; Arcangeli/Rogge/Salmi 2020). Bereits Herodot (um 484-um 425 v. Chr.) versuchte, die großen Fragen seiner Zeit auf kulturhistorischem Weg zu beantworten – auch wenn er den Ausdruck ‚Kulturgeschichte‘ nicht kannte, ja noch nicht einmal wusste, dass er Geschichtsschreibung betrieb (Herodot 1991). Aber auf der Suche nach Antworten auf seine Frage, wie es den griechischen Stadtstaaten gelingen konnte, den übermächtigen persischen Gegner zu besiegen, stellte er historisch wie geographisch sehr weitreichende Untersuchungen an, die auf die ‚Eigenheiten‘ der von ihm untersuchten ‚Völker‘ abzielten. Hier meinte er, des Rätsels Lösung entdecken zu können. Und ähnliche Bemühungen finden sich immer wieder in der Kultur-Historiographiegeschichte. Während des 18. Jahrhunderts – der ersten Phase, in der man erstmals auch explizit von einer „Cultur-Geschichte“ sprach (Adelung 1782) – wurde es unter aufklärerischen Vorzeichen als nicht mehr ausreichend angesehen, die Geschichte der Menschheit allein anhand von politischen oder militärischen Ereignissen zu erzählen. Der Fortschritt dieser Menschheit im Geschichtsverlauf sollte sich vor allem im Kulturellen und Moralischen offenbaren, wozu Autoren wie Voltaire
1.6 Kulturgeschichte
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(1694-1778), Johann Christoph Adelung (1732-1806) oder Johann Gottfried Herder (1744-1803) jeweils auf ihre Weise beigetragen haben (Schleier 2003). In den Jahrzehnten um 1900 waren es wiederum auch heute teils noch gelesene Autoren wie Jacob Burckhardt (1818-1897), Johan Huizinga (1872-1945) oder Karl Lamprecht (1856-1915), die zu einer erneuten Konjunktur der Kulturgeschichte beitrugen, diesmal jedoch unübersehbar getragen von einem Dekadenz- und EndzeitEindruck, der kulturhistorisch entweder gespiegelt werden sollte oder gegen den man sich wappnen wollte. Die Auswirkungen der Industrialisierung samt sozialer Verwerfungen, des Imperialismus und der Globalisierung sowie der Umwälzungen des Weltbildes durch neue Erkenntnisse der Naturwissenschaften rückten auch die Frage nach der Kultur in den Mittelpunkt. Die Kultur sollte Antworten geben in Zeiten wahrgenommener Sinnleere (Bruch/Graf/Hübinger 1989; Schleier 2000). Auch die jüngste Konjunktur kulturwissenschaftlichen und -historischen Arbeitens verbindet sich auffallend mit grundlegenden Veränderungen (Conrad/Kessel 1998; Daniel 2001; Burke 2005; Poirrier 2008). Nachdem es Forschungsansätzen wie der Mikrohistorie oder der Historischen Anthropologie, den britischen Cultural Studies oder bestimmten Bereichen der französischen Annales-Schule gelungen war, die kulturhistorische Fragen auch nach dem Zweiten Weltkrieg nicht ganz verschwinden zu lassen, sind es dann vor allem die Jahre ab etwa 1990, in denen der Kulturbegriff wieder größeres Gewicht erhielt (Hunt 1989; Tanner 2004). Und das erscheint insofern kaum zufällig, als zwar für manche (und auch nur für recht kurze Zeit) mit dem Ende des Kalten Krieges der historische Sieg des westlichen Liberalismus und damit das Ende aller historischen Prozesse eingeläutet schien, die tatsächlichen Entwicklungen jedoch zeigten, dass sich mit dem Ende des Ost-WestGegensatzes die Konflikte keineswegs verabschiedet hatten. Sie nahmen nun andere Formen an, und zwar Formen, die man schon längst überwunden glaubte: archaisch wirkende Nationalismen, religiöse Fundamentalismen oder plumpe Populismen waren jedoch keineswegs verschwunden und machten die Frage drängend, aufgrund welcher Werteordnungen sie für manche Gesellschaftsgruppen überzeugend sein konnten. Warum wurde das Modell einer westlichen, liberalen, demokratischen Moderne nicht allgemein akzeptiert, obwohl es sich nach 1989/90 doch als ‚historisch siegreich‘ herausgestellt hatte? (Fukuyama 1992) Es wird also offensichtlich: Kulturgeschichte befleißigt sich keineswegs eines Eskapismus, sondern zielt unmittelbar auf die Grundlagen der Konstitution von Kollektiven, mit anderen Worten: Kulturgeschichte befragt die Welt und was sie denn zusammenhält. Und sie fragt ebenso, weshalb dieser Zusammenhalt in bestimmten historischen Situationen nicht mehr funktioniert. Da politische, soziale, rechtliche oder ökonomische Beschreibungsformen zur Beantwortung solcher Fragen offen-
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sichtlich nicht ausreichen, insbesondere wenn es um längerfristige Transformationen geht, drängt sich die Frage nach dem Kulturellen auf.
Kultur der Kulturgeschichte Aber was ist nun dieses Kulturelle? Was ist die Kultur der Kulturgeschichte? Während ältere Versuche auf diesem Feld davon ausgingen, einen bestimmten Gegenstandsbereich des geistig-künstlerischen Lebens identifizieren zu können, zeichnet sich die jüngste Konjunktur der Kulturgeschichte dadurch aus, sämtliche Lebensbereiche in den Blick nehmen zu wollen. Sie wendet sich ebenso dem Politischen, dem Ökonomischen oder dem Technischen wie dem Alltäglichen oder dem Religiösen zu. Die Kulturgeschichte hat also explizit keinen Gegenstand – sie hat eine Perspektive. Und diese Perspektive zielt vor allem auf kollektive wie auf individuelle Bedeutungsformationen der Vergangenheit (Tschopp/Weber 2006; Landwehr 2009). Menschen und Gesellschaften sind zu jeder Zeit damit beschäftigt, zwischen den schier unendlich vielen Dingen, Lebewesen und Ereignissen, mit denen sie konfrontiert sind, handlungsleitende Relationen zu erstellen. Mit anderen Worten: Sie machen aus der überbordenden Masse an Welt, die ihnen zur Verfügung steht, eine sinnvolle Welt – sie machen daraus ‚ihre‘ Welt. Kulturen sind also Sinn- und Unterscheidungssysteme, die als spezifische Formen der Weltproduktion dienen und im historischen Verlauf hervorgebracht und verändert werden. Und wie dieses Weltmachen vonstattengeht, ist die wesentliche Frage der Kulturgeschichte. Dank dieser Perspektivierung muss man die Kulturgeschichte weder als ‚altehrwürdig‘ rubrizieren noch als ‚Neue Kulturgeschichte‘ titulieren. Kulturgeschichte zeichnet sich eher aus, immer wieder neu sein zu können. Und das zeigt sich nicht zuletzt bei ihren thematischen Schwerpunkten, die lang Gepflegtes ebenso enthält wie neu Beleuchtetes. So zeichnet sich die Kulturgeschichte durch eine gewisse Affinität zu theoretischen Reflexionen aus, zählt Autor:innen wie Max Weber (1864-1920), Michel Foucault (1926-1984), Pierre Bourdieu (1930-2002), Clifford Geertz (1926-2006) oder Claude Lévi-Strauss (1908-2009) zu ihren Säulenheiligen (zu denen noch zahlreiche weitere Namen hinzuzufügen wären), pflegt rege theoretische Kooperationen mit der Ethnologie, den Literatur- und Medienwissenschaften, der kulturwissenschaftlich orientierten Soziologie und Philosophie. Anders als in manchen Bindestrich-Spezialisierungen der Geschichtswissenschaften gehört für die Kulturgeschichte eine solche theoretische Reflexion zur vielfach geübten Praxis, einfach weil ihre spezifische Perspektivierung auf keinen ausschnitthaften Objektbereich zielt,
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sondern Relationierungen als ‚Zusammenhängungen‘ thematisiert und damit übergeordnete Ordnungsleistungen und Sinnformationen in den Blick nimmt. Vor diesem Hintergrund gibt es kulturhistorische Themen, die im engeren Sinn als repräsentativ für diesen Forschungsbereich gelten können. Die Geschichte symbolischer Formen und Repräsentationen, die Körper- und Geschlechtergeschichte, die Geschichte der Medien, die Geschichte von Diskursen, die Geschichte von Erinnerung und Gedächtnis, die Geschichte der Emotionen – um all diese Bereiche kümmert sich die Kulturgeschichte, weil sie in anderen Bereichen historischer Forschung ansonsten eher schwer eine Heimat finden, zuweilen sogar als historisch irrelevant an den Rand geschoben werden. Die genannten Themenbereiche zeichnen sich auch dadurch aus, dass sie quer zu allen anderen Segmentierungen liegen, dass sie also sowohl im Politischen, im Wirtschaftlichen, im Rechtlichen, im Technischen usw. relevant werden. Kultur im Sinne der Kulturgeschichte ist also sicherlich nicht alles, aber sie ist überall. Diese Themenbereiche sind aber auch deswegen von besonderer Bedeutung, weil lange Zeit davon ausgegangen wurde (und teils noch davon ausgegangen wird), dass es sich bei Phänomenen wie Körper, Geschlecht oder Gefühl um anthropologische Konstanten handele, die gerade keinem Wandel unterliegen würden. Diese vermeintlichen Selbstverständlichkeiten ‚entselbstverständlicht‘ zu haben, dürfte als ein wesentliches Verdienst der Kulturgeschichte anzusehen sein. Neben diesen Themen, die sich mit Fug und Recht zum engeren Bereich kulturhistorischen Interesses zählen dürfen, sind es aber auch viele darüber hinaus gehende Segmente, die längst zum selbstverständlichen Gegenstandsbereich kulturhistorischen Arbeitens geworden sind. So gibt es ausgefeilte Diskussionen über eine Kulturgeschichte des Politischen, eine Kulturgeschichte des Ökonomischen, eine Kulturgeschichte des Rechtlichen etc. (Berghoff/Vogel 2004). Besonders fruchtbar geworden ist diese Kooperation im Fall von Kultur- und Wissenschaftsgeschichte, weil beide Bereiche wechselseitig voneinander profitieren und gerade in dieser Zusammenarbeit auch wichtige theoretische beziehungsweise methodische Überlegungen stattfinden. Die Schreibweise mit adjektivierten Substantiven (das Politische etc.) zeigt es aber bereits an: In diesen Kulturgeschichten geht es nicht darum, einem bereits definierten systemischen Ausschnitt einfach nur eine kulturhistorische Facette hinzuzufügen. Vielmehr gilt es, diese Zusammenhänge insgesamt einer kulturhistorischen Perspektive zu unterwerfen und zu fragen, wie in ihnen Sinnformationen hervorgebracht werden. So sind ‚der Staat‘ oder ‚der Markt‘, von denen beständig die Rede ist, so als handele es sich um räumlich und materiell identifizierbare Einheiten, nichts anderes als genau solche Sinnformationen, die sich ohne einen kulturwissenschaftlichen Zugang kaum angemessen beschreiben lassen.
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Potentiale der Kulturgeschichte Wenn der Kulturgeschichte also ein Problem droht, dann dasjenige eines möglichen Missverständnisses: dass sie sich um die vermeintlich leichten, nebensächlichen, auch schönen Dinge des Lebens kümmern würde; dass ihr überhaupt ein bestimmter Gegenstandsbereich zuzuordnen wäre; oder dass sie sich von Machtfragen fernhalten würde. Nichts davon ist zutreffend, wie die kulturhistorische Praxis der letzten Jahre eindrücklich unter Beweis gestellt hat. Daher ist es auch ganz angemessen, wenn seit etwa 2010 die Beiträge zu einer Grundsatzdiskussion über die Kulturgeschichte zurückgehen, wenn Einführungswerke nicht mehr gar so notwendig erscheinen und wenn Kulturgeschichte nicht mehr notwendigerweise im Titel einer geschichtswissenschaftlichen Veröffentlichung auftauchen muss. Kulturgeschichte wird inzwischen praktiziert, weniger proklamiert. Daher darf man davon ausgehen, dass in deutlich mehr wissenschaftlichen Publikationen Kulturgeschichte enthalten als auf der Schauseite erkennbar ist. Kulturhistorische (und in einem weiteren Sinn kulturwissenschaftliche) Zugänge sind also gerade deswegen so gefragt, weil sie das glatte Gegenteil zu einem wie auch immer gearteten Eskapismus sind. Sie gehen die Probleme, vor denen erhebliche Teile der Menschheit auf jeweils unterschiedliche Art und Weise stehen, unmittelbar und grundsätzlich an. Sie fragen unmittelbar nach dem Zustandekommen von Bedeutungsstrukturen und Diskursen, fragen nach den Welten und Wirklichkeiten, in denen Kollektive sich eingerichtet haben; und sie fragen grundsätzlich nach den Auswirkungen dieser Sinnformationen, deren Selbstverständlichkeit durchschaut werden muss, um Welten auch anders entwerfen zu können. Zur Lösung akuter und anstehender Probleme ist es zwar notwendig, aber nicht hinreichend, die richtigen politischen Entscheidungen zu treffen oder die angemessene technische Lösung zu entwerfen. Es braucht auch einen fundamentalen kulturellen Wandel, um ein möglichst gutes Leben für möglichst viele zu gewährleisten. Die Kulturgeschichte hat dafür keine einfachen Antworten parat. Aber sie kann Instrumente zur Verfügung stellen, um sich auf den Weg einer Beantwortung zu machen. Wie notwendig diese kulturhistorischen Zugänge sind, könnte sich gerade im Zusammenhang mit dem Klimawandel erweisen. Denn wie bei entsprechenden Debatten immer wieder festgestellt worden ist, besteht das Problem weniger darin, zu wissen, was zu tun ist, um die Auswirkungen des Klimawandels abzumildern oder diese Entwicklung zu stoppen und umzukehren. Die Einsichten, Maßnahmen und Instrumente sind längst vorhanden. Das Problem besteht vielmehr darin, diesen Einsichten auch Konsequenzen folgen zu lassen (Blühdorn/Butzlaff/Deflorian 2020). Weil diese Konsequenzen mit der Lebensweise aller zu tun haben, vor allem mit der Le-
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bensweise des privilegierten Teils der Menschheit, bedarf es hier tatsächlich eines kulturellen Wandels, möglicherweise sogar einer kulturellen Revolution. Sämtliche Diskussionen um den Wachstumsbegriff sowie die Schwierigkeiten, sich von seinen Fesseln zu lösen, geben darauf einen Vorgeschmack. Die Kulturgeschichte könnte und sollte sich dieses Problems annehmen, um einerseits die langfristigen Transformationslinien zu verdeutlichen, andererseits aber auch, um zu einem tatsächlichen ökologischen Denken beizutragen, also zu einem relationalen Denken, dass die Verhältnisse zwischen Lebewesen, Dingen und Ereignissen thematisiert. Kultur- und naturwissenschaftliche Zugänge haben hier ein gemeinsames Interesse – und die Kulturgeschichte ein Betätigungsfeld, in dem drängende Probleme mit langfristigen Entwicklungen verbunden werden müssen.
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Reckwitz, Andreas: Die Transformation der Kulturtheorien. Zur Entwicklung eines Theorieprogramms. Weilerswist 2000. Schleier, Hans. Geschichte der deutschen Kulturgeschichtsschreibung. Bd. 1: Vom Ende des 18. bis Ende des 19. Jahrhunderts. Waltrop 2003. Schleier, Hans: Historisches Denken in der Krise der Kultur. Fachhistorie, Kulturgeschichte und Anfänge der Kulturwissenschaften in Deutschland. Göttingen 2000. Tanner, Jakob: Historische Anthropologie zur Einführung. Hamburg 2004. Tschopp, Silvia Serena/Weber, Wolfgang E.J.: Grundfragen der Kulturgeschichte. Darmstadt 2006.
1.7 Globalgeschichte und Verflechtungsgeschichte Nina Verheyen
Die Welt des 21. Jahrhunderts ist nicht nur hochgradig vernetzt, sondern das Bewusstsein für diese Vernetzung ist zuletzt auch stark gestiegen. Was heißt das für die Geschichtswissenschaften als Fach, das lange Zeit von nationalem Containerdenken und zusätzlich einer weltregionalen Kartierung der Welt geprägt war, so dass an historischen Instituten in Deutschland vor allem deutsche und europäische Geschichte untersucht wurde? Ist lediglich eine regionale Erweiterung gefragt oder geht es auch um eine methodisch-theoretische, vielleicht sogar epistemologische Verschiebung, die das Selbstverständnis und die Arbeitsweisen der Disziplin berühren? Auf Letzteres verweist die Globalgeschichte, deren zunehmende Etablierung in den Geschichtswissenschaften im Folgenden knapp erläutert wird, um davon ausgehend ein spezifisches Verständnis von Globalgeschichte als eine postkolonial informierte und relationale Geschichte zu skizzieren, die starkes Interesse an globalen Verflechtungen hat. Danach werden verschiedene Varianten von ‚Verflechtungsgeschichte‘ im engeren Sinne vorgestellt, ein Wort, das in der deutschsprachigen Geschichtswissenschaft uneinheitlich als Übersetzung von new imperial history, connected histories, entangled histories und Histoire croisée fungiert beziehungsweise auf Ansätze verweist, die sich nur teilweise mit der Globalgeschichte überlappen. Darauf aufbauend wird ein präzisiertes Verständnis von Verflechtungen herausgestellt, das sich aus diesen Debatten ergibt, und es folgen Hinweise zu aktuellen Herausforderungen. Dabei sind alle Abschnitte grundsätzlich international angelegt, legen gleichzeitig aber einen Schwerpunkt auf Positionen in der deutschsprachigen Geschichtswissenschaft. Das wird hier betont, um Grenzen der Darstellung transparent zu machen, und weil Debatten über Geschichte weiterhin davon abhängig sind, von wo sie geführt werden – aller Vernetzung zum Trotz.
Etablierung der Globalgeschichte Die Globalgeschichte hat sich in den letzten Jahrzehnten in erstaunlichem Tempo als vielfältiger und dynamischer, insgesamt stark wachsender Ansatz der Geschichts-
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wissenschaften etabliert. In Deutschland gibt es inzwischen sogar eigene Lehrstühle und Studiengänge mit dieser Bezeichnung. Dabei zielt Globalgeschichte in Differenz zu vielen Varianten transnationaler Geschichte (dazu als pointierte Einführung: Pernau 2011) nicht nur auf die Überwindung von Grenzen zwischen Nationen, sondern sie problematisiert Geschichte von vornherein vor dem Hintergrund von über weite Distanzen reichenden und potentiell weltweiten Zusammenhängen. Austausch und Begegnungen, Vernetzungen und Verflechtungen über mindestens zwei Weltregionen hinweg bilden den Ausgangspunkt und manchmal geht es auch um regelrechte globale Integrationsprozesse. Auf dieser Grundlage ist das behandelte Spektrum weit gestreut, es geht etwa um transkontinentale Migrationsbewegungen und internationale Warenströme, aber ebenso um alltäglichen Konsum, politische Ideen und Geschlechterkonstruktionen. Das sind Themen, deren Prägung durch globalen Austausch vielleicht weniger augenscheinlich, jedoch nicht notwendig geringer ist. Gleichzeitig stellt Globalgeschichte weder einen bestimmten Gegenstand dar noch eine enge methodisch-theoretische Schule. Sie steht vielmehr für eine bestimmte analytische Perspektive auf Geschichte mit Aufmerksamkeit für globalen Austausch und sie steht zweifellos auch für einen geschichtswissenschaftlichen Trend (Manning 2003; Osterhammel 2005; Sachsenmaier 2011; Iriye 2012; Conrad 2016; Wnzlhuemer 2017; Beckert/Sachsenmaier 2018). Das in den letzten Jahrzehnten rasch wachsende Interesse an Globalgeschichte hängt mit ganz unterschiedlichen und auch außerwissenschaftlichen Entwicklungen zusammen. So hat das Internet dem Denken in globalen Netzwerken am Übergang vom 20. zum 21. Jahrhundert eine neue alltagsweltliche Realität verliehen und davon ausgehend einen enormen Schub in den Wissenschaften. Auch Diskurse über den Klimawandel und damit die Abhängigkeit aller Menschen von der Erde als Planeten sowie über koloniale Gewalt haben das Bewusstsein für globale Zusammenhänge erhöht. Schon vorher war in öffentlichen Debatten ein markant wachsendes Interesse an der ‚Globalisierung‘ zu erkennen, wobei dieser Begriff von geschichtswissenschaftlichen Studien ebenso aufgegriffen wie problematisiert worden ist (Cooper 2005; Epple 2012). Bereits das Adjektiv ‚global‘ ist hochproblematisch, weil es planetarische Zusammenhänge suggeriert, wo in der Regel immer nur Interaktionen einzelner Gruppen gemeint sind, an denen viele Menschen gar nicht beteiligt waren. Dass sich solche Interaktionen transkontinental vollziehen, ist kein historisch neues Phänomen. Seit Beginn der Frühen Neuzeit haben sich über geographisch weite Distanzen hinweg führende Interaktionen verdichtet, ohne in einem linearen Prozess zu münden, der Lebensformen lediglich vereinheitlicht hat. Vielmehr waren die entstehenden Dynamiken überaus vielschichtig und voller Gegenläufigkeiten, sie haben neue Differenzen produziert, und sie sind nicht von Europa als einem autonomen
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Agens ausgegangen, sondern haben europäische Regionen ihrerseits stark verändert (Appadurai 1996; Pomeranz 2000; Bayly 2004; Darwin 2007; Osterhammel 2009). Auch wenn das umstrittene Adjektiv ‚global‘ in der Globalgeschichte fortlebt, geht diese über eine Geschichte der Globalisierung daher längst hinaus.
Globalgeschichte als postkolonial informierte und relationale Geschichte Die Globalgeschichte steht einerseits in einer langen Tradition, die weit vor die Anfänge von Geschichte als Nationalgeschichte zurückgeht. Denn Versuche, die Geschichte der jeweils bis dato bekannten Welt zu schreiben, führen im Kern bis in die Antike zurück. In Differenz zu älteren Formen einer universalistisch angelegten Weltgeschichte richtet Globalgeschichte im jüngeren Sinne, wie sie ab den 1990erJahren auch in Deutschland einen Boom erlebt hat, ihren Fokus allerdings nicht notwendig auf die wahrgenommene Welt insgesamt beziehungsweise in toto. Ihr thematischer und analytischer Ausgangspunkt sind vielmehr konkrete Interaktionen und darauf basierende, oft asymmetrische und hierarchische Formen des Austauschs zwischen weit entfernten Orten auf der Welt, also etwa zwischen einer Kaffeeplantage in Brasilien und einem Handelshaus in London. Der konkret untersuchte Gegenstand kann daher sehr eng, der Zugang sogar mikrohistorisch sein (Ghobrial 2019). Gleichzeitig geht es programmatisch mitunter um mehr: „Welt- und Globalgeschichte“, so formulierte der Globalhistoriker Sebastian Conrad 2007 gemeinsam mit dem Afrikahistoriker Andreas Eckert, ist ein „Kürzel für Ansätze, die sich für Verflechtung und eine relationale Geschichte der Moderne interessieren, nicht-eurozentristisch argumentieren und nationalgeschichtliche Perspektiven überwinden wollen“ (Conrad/Eckert 2007, 7). Globalgeschichte wird hier – einem breit geteilten Verständnis folgend – als eine relationale und nicht-eurozentristische Geschichte entworfen, was Kritik der postcolonial studies an den westlich-modernen Wissenschaften aufgreift (Castro Varela/Dhawan 2020). Wie der Literaturwissenschaftler Edward Said in seiner prominenten Analyse der britischen und französischen Orientalistik argumentiert hat, lieferte diese keine neutrale wissenschaftliche Erkenntnis, sondern muss als eine Form der Machtausübung, als Ausgrenzung und Abwertung, verstanden werden. Darüber hinaus formierte sich in der wissenschaftlichen Beschreibung des vermeintlich Anderen, des ‚Orients‘, die Identität des vermeintlich Eigenen, des ‚Okzidents‘ (Said 1978). Auch die Geschichtswissenschaften haben globale Asymmetrien produziert anstatt sie aufzubrechen. Das Fach hat europäische Nationen lange als eigentlichen
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Ort geschichtlichen Fortschritts konturiert, während sich der vermeintliche ‚Rest‘ der Welt nur schwerfällig, nachträglich und unvollständig, zudem allein als Ergebnis westlicher Interventionen zu ‚entwickeln‘ schien. Dahinter standen zentrale methodisch-theoretische Prämissen der modernen Geschichtswissenschaft, einschließlich der Verwendung europäisch-westlich geprägter Analysekategorien, die Regionen des globalen Südens per se als defizitäre Abweichung erscheinen ließen (Chakrabarty 2000). Aus dem Blick geriet die Reproduktion kolonialer Gewalt durch westliche Wissenschaft ebenso wie die spezifische Geschichte nicht-westlicher Regionen und schließlich die Vielfalt von transregionalen Verflechtungen als eines wechselseitigen Zusammenhangs.
Varianten von Verflechtungsgeschichte Ein zentraler Ansatzpunkt für die Globalgeschichte sind über weite geographische Distanzen führende Verflechtungen, die allerdings sehr unterschiedlich gedacht und untersucht werden. Viele globalhistorische Studien kreisen um Austausch und circulation als etwas, das sie manchmal eher unkritisch nachvollziehen (zur Kritik Gänger 2017). In anderen Arbeiten steht ein stärker kritisches und analytisches Verständnis von Verflechtungen Pate, das an die eben schon erwähnten postcolonial studies anschließt und im Rahmen von verschiedenen Forschungskontexten spezifiziert worden ist. Zu erwähnen sind hier insbesondere die Schule der new imperial history, das Konzept der connected histories und das Konzept des entanglement bzw. der entangled histories. Ebenso wie die Histoire croisée werden all diese Etiketten ins Deutsche zuweilen als ‚Verflechtungsgeschichte‘ übersetzt. Zusammen verweisen sie gleichsam auf verschiedene Varianten von Verflechtungsgeschichte im engeren Sinne, die sich teilweise mit der Globalgeschichte überlappen: Der Begriff der new imperial history steht für eine heterogene angelsächsische geschichtswissenschaftliche Schule, die sich ab den 1980er-Jahren herausgebildet hat. Studien in diesem Bereich beschreiben in postkolonial geschärfter Kritik an der alten Imperienforschung die Geschichte europäischer Imperialmächte weniger vom vermeintlichen Zentrum, sondern stärker von den lange als passiv geltenden Peripherien her. Sie stellen Wechselverhältnisse zwischen Kolonien und Metropolen, zwischen ‚Kolonisierenden‘ und ‚Kolonisierten‘ heraus, obwohl und gerade weil beide Seiten in sich überaus heterogen waren, und sie betonen die agency von Menschen aus Regionen des globalen Südens (Cooper/Stoler 1997; Lindner 2011; Pernau 2011, 56-66). Vor allem für das Britische Empire konnte empirisch dicht gezeigt werden: Begegnungen in den Kolonien veränderten Mentalitäten und Lebensformen
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in Großbritannien oder brachten sie sogar erst hervor, sei es im Bereich des Konsums oder bezüglich von Männlichkeitsvorstellungen und Familienformen (Mintz 1986; Sinha 1995; Buettner 2004). Der Begriff der connected histories geht auf den Frühneuzeithistoriker Sanjay Subrahmanyam zurück, der in den 1990er-Jahren mit Blick auf das frühneuzeitliche Eurasien das Zusammenspiel von lokalen und supra-regionalen, teilweise auch globalen Interaktionen und die daraus resultierenden Wechselverhältnisse herausgestellt hat. Die sich ergebenden Dynamiken seien mehr und anderes gewesen als unilaterale europäische Expansion und unter dem programmatischen Etikett der connected histories zu untersuchen (Subrahmanyam 1997, 760; Douki/Minard 2007). Subrahmanyam lieferte damit einen wichtigen Impuls für die jüngere Debatte um Globalgeschichte, die maßgeblich auch auf seinen Spuren die connectedness der Welt freilegt, um globalen beziehungsweise über weite geographische Distanzen führenden Interaktionen und darauf basierenden Verflechtungen nachzuspüren. Nur etwas später entstand drittens das Konzept der entangled histories, das die Sozialanthropologin Shalini Randeria während der Jahrtausendwende in die Debatte um den methodischen Eurozentrismus der Geschichts-, Kultur- und Sozialwissenschaften integriert und expressiv verbis auf die bündige Formel der Verflechtungsgeschichte gebracht hat. Ausgehend von den bereits vorgestellten geschichtswissenschaftlichen und postkolonialen Debatten, die dort entwickelten Perspektiven aber sozialwissenschaftlich pointierend und in eine Kritik an eurozentrischen ModerneTheorien überführend, betont Randeria die Vielfalt von Verflechtungen zwischen dem modernen, neuzeitlichen Europa und der ‚außereuropäischen‘ Welt und fasst solche Verflechtungen als konstitutives Moment moderner Gesellschaften selbst. Die Pointe ist, dass die Gegenwart in dieser Perspektive nicht nur über Weltregionen hinweg relational verbunden, sondern relational entstanden ist. Sie erscheint als entanglement beziehungsweise als Produkt vielfältiger und ex post nicht mehr in einzelne isolierte Bestandteile auflösbarer Verflechtungen, die auch neue Differenzen, Hierarchien und Abgrenzungsbemühungen produziert haben. Moderne Geschichte, so das an diese Einsichten anschließende Plädoyer von Randeria und Sebastian Conrad, soll daher prinzipiell als global ‚geteilte Geschichte‘ verstanden werden, und zwar im doppelten Sinne: shared und divided in einem (Randeria 1999; Randeria 2002; Conrad/Randeria 2002; Randeria/Römhild 2013). Die bislang genannten Varianten von Verflechtungsgeschichte konvergieren in unterschiedlichen Aspekten mit den postcolonial studies, sie sind in die Debatte um Globalgeschichte eingegangen oder in deren Umfeld entstanden. Allerdings kann viertens auch die Histoire croisée als Verflechtungsgeschichte gelten, ein methodisch-theoretischer Impuls aus der europäischen Geschichte, der ebenfalls um Ver-
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flechtungen kreist, sich regional aber stark beschränkt (Werner/Zimmermann 2002). Seit den 1980er- und verstärkt in den 1990er-Jahren, das politische Anliegen eines friedlichen Europa fest im Blick, hatten deutsche und französische Historiker:innen über die Analyse von Kulturtransfers zwischen Nationen (Espagne/Werner 1985) sowie über den Vergleich von Nationen (Kaelble 1999; Hildermeier/Kocka/Conrad 2000) als konkurrierende Ansätze diskutiert, um nationalgeschichtliche Engführungen zu überwinden. In diesem Rahmen schlugen die Historiker:innen Michael Werner und Bénédicte Zimmermann vor, beide Ansätze zu verbinden und zu erweitern, nämlich die Vielfalt von Transfers zu reflektieren, die zwei Nationen fest verflochten und gleichzeitig durch Abgrenzungsdynamiken überhaupt erst produziert beziehungsweise zu vermeintlich getrennten Vergleichseinheiten gemacht hätten. Das ergänzten sie um die epistemologische Einsicht, dass auch Historiker:innen mit ihrem Gegenstand vielfältig verflochten seien, was es ebenso zu reflektieren wie heuristisch zu nutzen gelte. Verflechtungen erscheinen in der von Werner und Zimmermann so markierten Histoire croisée daher als Dreh- und Angelpunkt nicht nur historischen Wandels, sondern auch geschichtswissenschaftlicher Analyse und Erkenntnis, die es möglichst multiperspektivisch zu betreiben gelte. Geschichte und Geschichtswissenschaft werden als komplexes Beziehungsgeflecht und Positionsspiel konturiert: Auch Forschung ist Verflechtung (Werner/Zimmermann 2002; Revel 1998).
Ein präzisiertes Verständnis von Verflechtungen und aktuelle Herausforderungen Die skizzierten Interventionen sind in verschiedenen Kommunikationsräumen entstanden, was ihre jeweilige Stoßrichtung erklärt: Der new imperial history geht es in Kritik an der alten Imperienforschung, welche die Welt einseitig von Europa – und oft Großbritannien – aus verändert sah, um Wechselbeziehungen zwischen europäischen Metropolen und den Kolonien des globalen Südens, die auf diskursiver Ebene wie in alltäglicher Interaktion beleuchtet werden. Die connected histories erinnern in Differenz zu eurozentrischen Vorstellungen von Globalisierung an die lange Geschichte transregionaler Interaktionen, die gerade nicht von Europa ausgingen. Das Konzept der entangled histories ist eine stark sozialwissenschaftlich orientierte, im Detail oft vage Theorie der Moderne, die eurozentrische Moderne-Theorien aber effektiv kritisiert und der wir die bündige deutsche Formel der ‚Verflechtungsgeschichte‘ verdanken. Die Histoire croisée dagegen ist methodisch-theoretisch und epistemologisch auffallend differenziert, bleibt aber aus globalhistorischer Sicht ir-
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ritierenderweise ganz auf europäische Geschichte beschränkt. Das ist allerdings nicht als programmatische Entscheidung gegen globale Perspektiven zu verstehen, sondern erklärt sich durch den Entstehungskontext: die deutsch-französische Geschichtsschreibung der 1990er-Jahre. Überwunden werden sollte die dort praktizierte Scheinalternative von Vergleich und Transfer, und zwar als Beitrag zur Vereinigung statt Verflüssigung europäischer Geschichte. Gerade im Wissen um diese Differenzen ist es möglich, die genannten Überlegungen nicht als unüberbrückbare Gegensätze, sondern eher als komplementäre Ergänzung zu begreifen. Auf ihrer Grundlage lässt sich ein präzisiertes Verständnis von transregionalen Verflechtungen entwickeln, um diese als Element, Produkt und Produzent historischen Wandels besser zu verstehen. Es ergibt sich erstens, dass Verflechtungen anderes sind als einseitige Beeinflussungen und mehr als lösbare Verbindungen, weil es stattdessen um tiefgreifende, oft asymmetrische und produktive – also Neues generierende – Wechselverhältnisse geht. Offensichtlich ist zweitens, dass solche Verflechtungen nicht auf den Gegenstand beschränkt bleiben, sondern die Wissenschaft einbeziehen – die Position der Forschenden im relationalen Gefüge gilt es daher immer zu beachten. Drittens wird deutlich, dass transregionale Verflechtungen nicht nur vielfältig sind und eine lange Geschichte haben, sondern dass sie auch auf konkrete Interaktionen verweisen, die Akteure über kurze und weite Distanzen hinweg miteinander verbinden. Viertens stellen alle Diskussionszusammenhänge heraus, dass Verflechtungen jedweder Reichweite nicht als harmonisches Miteinander imaginiert werden dürfen. Sie sind hierarchisch angelegt und wirken hierarchisierend. In der Forschung zu transregionalen Verflechtungen ist es letztlich eine Frage der Akzentsetzung und der Selbstpositionierung, ob jemand das von manchen als zu vollmundig empfundene Label Globalgeschichte nutzt oder ein moderater klingendes Etikett verwendet, inklusive Verflechtungsgeschichte. Die in der Sache größeren Differenzen ergeben sich nicht aus dieser Etikettierung, sondern aus der Frage, wie stark konventionelles Entitätendenken tatsächlich überwunden wird (Epple 2013) und ob die methodisch-theoretischen und epistemologischen Einsichten sowie die politischen Forderungen aus dem breiten Feld der postcolonial studies integriert, modifiziert oder auch ignoriert werden. Gelingt es beispielsweise, Europa zu ‚provinzialisieren‘, wie es der Indien-Historiker Dipesh Chakrabarty fordert, und wenn nicht, wird methodischer Eurozentrismus zumindest als Problem reflektiert (Chakrabarty 2000)? Der Aufschwung von global- und verflechtungsgeschichtlichen Studien steht im Rahmen einer breiten sozialtheoretischen Verschiebung, nämlich der Herausbildung einer neuen Vorstellung des Sozialen als grundsätzlich relational und genauer: rela-
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tional gemacht (Davis 2011; Epple 2013). Gleichzeitig stellt gerade der Fokus auf globale Verflechtungen ein Fach wie die Geschichtswissenschaft vor erhebliche Herausforderungen, was die Kritik an der Globalgeschichte teilweise erklärt: Wird weltweiter Austausch von der Globalgeschichte rückblickend überschätzt oder sogar zum harmonischen flow glorifiziert, und gerät das weniger Verflochtene dabei aus dem Blick oder wird gar abgewertet (Gänger 2017; Gänger/Osterhammel 2020)? Wie können über Weltregionen hinwegführende Zusammenhänge in einer noch immer stark westlich geprägten Zunft überhaupt beschrieben werden, ohne globale Asymmetrien zu reproduzieren, wie es weiterhin durch die Wahl westlich geprägter Begriffe passiert? Maßen sich manche Historiker:innen aus dem globalen Norden mit quasi-imperialer Geste an, über ‚die Welt‘ zu sprechen, während die sich moderater positionierenden Vertreter:innen der sogenannten Area Studies sowie Historiker:innen aus Regionen des globalen Südens erneut marginalisiert werden (Pernau 2004)? Wie kann es in der konkreten Forschungsarbeit gelingen, Verflechtungen nicht nur als Gegenstand, sondern tatsächlich als Erklärungsansatz fruchtbar zu machen, ohne entweder alles in Verflechtung aufzulösen oder bestimmte Größen doch als Entitäten vorauszusetzen (Epple 2013)? Und wie kann europäische Geschichte auf globalhistorisch informierte Füße gestellt werden oder ist das ein Widerspruch in sich (Dejung/Lengwiler 2016; Adam/Römhild u.a. 2019; Herren 2019; Levsen/Requate 2020)? Diese Fragen verweisen nicht nur auf spezifische Probleme eines Boombereichs, sondern auch auf Herausforderungen, die sich aus einem neuen und immer breiter werdenden Bewusstsein für globale Verflechtungen in den Geschichtswissenschaften insgesamt ergeben. Mit anderen Worten betreffen sie nicht nur die Globalgeschichte, sondern das ganze Fach. Und sie fordern alle daran Beteiligten zum Umdenken und auch zu neuen Kollaborationen heraus. Wie die entstehenden Studien dann bezeichnet werden, ist letztlich zweitrangig. Irgendwann wird man vielleicht einfach von Geschichte sprechen, geschrieben im globalen Zeitalter (Hunt 2014).
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1.8 Geschlechtergeschichte Caroline Arni
Die Geschlechtergeschichte wurzelt historisch und systematisch in der feministischen Kritik am Androzentrismus der historiographischen Wissensproduktion. Sie reflektiert die implizite Männlichkeit des geschichtemachenden Subjekts und legt so eine zentrale soziokulturelle Voraussetzung der Geschichtswissenschaften frei, auf die sie mit der Etablierung neuer Subjekte (Frau, Männer als Männer) reagiert. Entsprechend kann sie als Paradefall einer zugleich dekonstruktiven und rekonstruktiven Historik gesehen werden. Sie reflektiert diesen Doppelcharakter als Frage der Autonomie oder Heteronomie, ohne auf die Frage der Vermittlung von politischem Kontext und wissenschaftlicher Kategorienbildung eine abschliessende Antwort geben zu wollen; vielmehr schöpft sie aus entsprechenden Kontroversen ihr Selbstverständnis. Ihre verschiedenen Erscheinungsformen – Frauengeschichte, feministische Geschichtswissenschaft, Geschlechtergeschichte – lassen sich denn auch als Effekte einer von solchen Kontroversen angetriebenen Selbstverständigung verstehen: Paradigmatische Einheit entsteht hier eher durch die permanente Reflexion zentraler Kategorien, denn durch Festlegung auf einen einheitlichen theoretisch-methodologischen Kern.
Geschichte als Argument In den vielen Interventionen, die seit dem späten 18. Jahrhundert Freiheit und Gleichheit als revolutionäre Werte auch für Frauen einklagten, war Geschichte von Anfang an ein Argument. Behaupteten die neuartigen Wissenschaften vom Menschen, aus anatomischen und physiologischen Unterschieden eine „Ordnung der Geschlechter“ (Honegger 1991) ablesen zu können, gemäß der allein Männer sich als individuierungsfähige Subjekte von Kultur und Geschichte qualifizierten, so verwiesen kritische Stimmen auf die historische Bedeutung, Vielfalt und Wandelbarkeit weiblicher Handlungsmacht, die in Porträtsammlungen oder Biographien bedeutender Frauen kenntlich gemacht wurde (Davis 1989/1976; Stollberg-Rilinger 1996; Smith 1998).
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Der Verweis auf Geschichte war somit, selbst wenn er, als Rekurs auf Tradition, auch gerade gegenteilig zur Legitimation von männlicher Herrschaft verwendet wurde, gegen die Naturalisierung sozialer Verhältnisse gerichtet. Rasch wurde er zur festen Ressource einer feministischen Kritik, die aus Geschichte auf die Irrelevanz biologischer Unterschiede für gesellschaftliche Organisation schloss und zugleich bestehende Geschlechterunterschiede als Effekt einer lang andauernden Geschichte der männlichen Herrschaft erklären konnte. So argumentierte die französische Autorin Jenny P. d’Héricourt 1860 in der wohl komplettesten feministischen Streitschrift des 19. Jahrhunderts, ob Frauen tatsächlich anders befähigt seien als Männer, ließe sich allenfalls nach „ein- bis zweihundert Jahren vergleichbarer Erziehung und gleicher Rechte“ (après un ou deux siècles d’éducation semblable et de droits égaux) bestimmen (d’Héricourt 1860, II, 122). Man kann in diesem Argumentieren mit Geschichte bzw. Historizität einen Anfang der historischen Geschlechterforschung als Paradigma sehen, verstanden als strukturiertes und strukturierendes Vorverständnis der Forschung, das sich durch die in ihm eingelagerten theoretischen Annahmen und erkenntnisleitenden Interessen auszeichnet. Zwar sind die jeweils konkreten Forschungen nicht unabhängig von anderen geschichtswissenschaftlichen Perspektiven und können entsprechend verschiedenen Paradigmata zugeschlagen werden. Gleichwohl dürfte eine Einheit dort gegeben sein, wo die Kritik an der Annahme von qua Naturalität ahistorischen Geschlechterverhältnissen forschungsleitend ist: „Once we look to history for an understanding of women’s situation we are, of course, already assuming that women’s situation is a social matter“ (Kelly-Gadol 1976b, 810). Dass so ein Nenner alles Weitere – Gegenstandsbestimmung, Kategorienbildung und Methodenwahl – offen lässt, dürfte eher von der Stärke denn Schwäche eines an produktiven Kontroversen reichen Paradigmas zeugen.
Frauengeschichte In den 1970er Jahren kamen das feministische Argumentieren mit Geschichte und die zwar in den historischen Wissenschaften marginale, aber doch existente Produktion von Wissen über Frauen im Programm einer „Frauengeschichte“ (Women’s History, Histoire des femmes, storia delle donne) zusammen. An dieser Schnittstelle galt es zunächst zu prüfen, in welcher Form historiographisches Wissen über Frauen überhaupt kritische Kraft entfaltet. Nicht da, so lautete die Antwort, wo es sich in „Addition“ erschöpfe, sei es, indem „kompensatorisch“ berühmte Frauen an die
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Seite berühmter Männer gestellt oder „kontributorisch“ der Beitrag von Frauen an geschichtlichem Geschehen nachgewiesen würde (Gordon et al. 1992/1971). Beides erschien insofern limitiert, als in einer wissenschaftskritischen Wendung die Geschichtswissenschaft selbst als Erkenntnishindernis identifiziert wurde. Wie alle Wissenschaft war auch sie von einer androzentrischen Wahrnehmungsweise geprägt, die das Männliche mit dem Allgemeinen oder Universalen und das Weibliche mit dem Besonderen oder Partikularen identifiziert, sodass ‚der Mann‘ immer mehr als sich selbst repräsentiert, während ‚die Frau‘ stets ‚nur Frau‘ bleibt. Und wie alle Wissenschaft verschleierte auch sie diese asymmetrische Konstruktion, indem sie das Partikulare des Männlichen als das Universale auftreten ließ, das die Beschränkungen partikularer Perspektiven und Gegenstände zu transzendieren vermag. Entsprechend habe die Geschichtswissenschaft, so die frauengeschichtliche Kritik, Frauen nicht einfach ‚vergessen‘, vielmehr könnten diese in ihr gar nicht als historische Subjekte vorkommen (Lerner 1979; Fraisse 1998). In diesem Sinn formulierte Elizabeth Fox-Genovese, „adding women to history is not the same as adding women’s history“ (Fox-Genovese 1982, 6). Wohl reicherte die Frauengeschichte die Geschichtswissenschaft an, indem sie eine ganze Reihe von neuen Gegenstandsbereichen der Historisierung erschloss, namentlich all das, was als ‚Frauenarbeit‘ klassifiziert und mit ihr verbunden war. Aber sie verstand sich in einem über das Gegenständliche hinausgehenden Anspruch eben auch als Stachel im Fleisch der Geschichtswissenschaft: als eine herstory, die, indem sie Frauen als historische Subjekte installierte, die bisherige history als HIStory kenntlich und eine nicht androzentrische Geschichtsschreibung überhaupt erst möglich machte. Was das heißen würde, konkretisierte sich zum Beispiel in der Revision geläufiger Periodisierungen und der mit ihnen verbundenen Narrative (Kelly-Gadol 1976a). Diese grundlegend kritische Ausrichtung schützte die Frauengeschichte jedoch weder vor dem Missverständnis, die Kategorie Frau ginge zwangsläufig in einem gegenständlichen Sinn auf, noch vor tatsächlichen Verdinglichungen einer analytischen Perspektive in der Forschungspraxis. Daraus bezog wiederum die Programmatik einer Geschlechtergeschichte kritische Kraft, die an die Stelle der frauengeschichtlichen Perspektive Fragen nach historisch spezifischen Operationen der Geschlechterdifferenz setzte. Diese Wendung war allerdings weniger abrupt, als es in retrospektiven Darstellungen gelegentlich erscheinen mag, hatte doch fast jede systematische Konzeption der Frauengeschichte Geschlecht als zentrale Kategorie postuliert. Dabei variierte die Begrifflichkeit durchaus: „sex as a social category“ bei Joan Kelly-Gadol (1976b, 812 ), „gender“ als „analytical category“ bei Gerda Lerner (Lerner 1979, 136) oder „gender system“ als „a fundamental category of historical analysis“ bei Elizabeth Fox-Genovese (Fox-Genovese 1982, 6).
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Diese Postulate waren im Austausch mit der feministischen Theorie, ergaben sich aber auch aus der historiographischen Forschungspraxis. Kelly-Gadol etwa folgerte aus ihrer Renaissance-Studie, es gelte nicht einfach den etablierten Periodisierungen frauengeschichtliche Alternativen entgegenzuhalten, sondern die unterschiedlichen Auswirkungen von historischen Entwicklungen für Frauen und Männer zueinander in Beziehung zu setzen, sie „relational“ zu verstehen (1976b, 812). Andere schlossen auf die Notwendigkeit einer Kategorie Geschlecht, weil sich die verfügbaren sozialtheoretischen Kategorien – Klasse, Stand oder Kaste – als untauglich erwiesen hatten, das Spezifische der Situation von Frauen zu beschreiben. Nur so ließe sich auch das Zusammenspiel verschiedener Formen machtdurchwirkter gesellschaftlicher Organisation untersuchen. Diese Diskussion wurde vor allem mit Blick auf Geschlecht und Klasse geführt, sie war aber von Anfang an in Begriffen einer intersektionalen Analyse gefasst: Die männliche Herrschaft, so Fox-Genovese, „intersects with all forms of subordination and superordination“; konkret nennt sie dazu „classes, races, ethnic groups, and peoples“ (Fox-Genovese 1982, 14).
Geschlecht als historiographische Kategorie Auf diese Weise kam eine Verwendung der Kategorie Geschlecht in Gang, die sozialgeschichtlich geprägt war, interdisziplinäre Anregungen vor allem aus der feministischen Anthropologie bezog und auch eine Männergeschichte ausbildete, indem sie Männer als Männer zum Thema machte (Davis 1989/1976). All das ließ die Bezeichnung „Frauengeschichte“ zunehmend einseitig und unvollständig erscheinen. Zugleich hob sich „Geschlecht“ – vor allem in Form des fach-englischen gender – vom auch politisch verfassten „Frau“ ab; als terminus technicus schien der Begriff Neutralität und entsprechend institutionell-wissenschaftliche Anerkennung zu versprechen. Umso dringlicher wurde es, genauer zu bestimmen, was damit bezeichnet sein sollte, war doch unterdessen ein ganzes Begriffsbündel im Gebrauch: soziale Beziehungen zwischen den Geschlechtern, Geschlechtersystem, Geschlechterverhältnisse, Geschlechterrollen, sexueller Symbolismus u.a.m. Als sich schließlich in den 1980er Jahren eine Konzeption herausschälte, geschah dies in kritischer Absetzung von der Frauengeschichte. An dieser wurde nun bemängelt, dass sie zwar Geschichte von Frauen – und erweitert auch von Männern – hervorbringe, aber nicht fassen könne, „how gender operates historically“ (Scott 1988, 22). Damit wurde nicht einfach „Frau“ durch „Geschlecht“ ersetzt, vielmehr verschob sich der Fokus auf die Geschlechterdifferenz als logischen Ausgangspunkt von Geschlechterverhältnissen und damit verbundenen Ungleichheiten. In diesem
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Sinn definierte Joan W. Scott 1986 gender als historiographische Analysekategorie: als „constitutive element of social relationships based on perceived differences between the sexes“, das als „a primary way of signifying relationships of power“ fungiere (Scott 1988, 42–43). Spezifisch für diesen vermutlich einflussreichsten Vorschlag war die Orientierung an der Dekonstruktion Derrida’scher Prägung, die auf die Analyse binärer Oppositionen angelegt war und sich entsprechend für die Frage der Geschlechterdifferenz anbot. Das kontinuierte – und radikalisierte – den naturalisierungskritischen Impuls, der bisher vor allem sozialgeschichtlich bearbeitet worden war, während es ihn zugleich in eine Methodologie überführte, für die Sprache und Bedeutung im Sinn des linguistic turn zentral waren. Scotts Bestimmung von gender war nicht unbestritten, insbesondere ihre poststrukturalistische Ausrichtung führte zu Kontroversen. Kritische Stimmen monierten den Verlust von nicht in Text bzw. Bedeutung aufgehenden sozialen Verhältnissen und einen totalisierenden Diskursbegriff, der Bezüge auf nicht nur sprachvermittelte Erfahrung und damit verbundene Handlungsmacht verunmögliche (Downs 1993; Canning 1994). Auch war die im Postulat der Analysekategorie gender vollzogene geschlechtergeschichtliche Perspektivierung ihrerseits nicht geschützt vor eben jener Vergegenständlichung, die der Frauengeschichte angekreidet worden war. In einer Bestandsaufnahme von 2001 konstatierte Scott, in der konkreten Forschung sei gender allzu oft zu einem Synonym für Frauen und Männer bzw. Geschlechter mutiert und erklärte dies mit einer theoretischen Entkernung, aber auch mit der in ihrer Konzeption unterbliebenen Einlassung auf die körperliche Dimension von Geschlecht. Paradoxerweise dürfte zu dieser Problematik auch die kategoriale Verschiebung von „Frau“ auf „Geschlecht“ selbst beigetragen haben. Sie war zwar einer politischepistemologischen Herausforderung gewachsen, die in den 1990er Jahren als ‚Krise des Subjekts Frau‘ virulent geworden war. Wurde in der feministischen Philosophie dessen Essenzialität heftig debattiert (Benhabib et al. 1995), so legte die postkoloniale Kritik seine implizit ‚westliche‘ und ‚weiße‘ Identifikation frei (Mohanty et al. 1991). Auch Impulse aus der ihrerseits an die Schwulen- und Lesbenforschung anschließende queer theory (Rich 2004) konnte eine auf die Historizität der sexuellen Differenz angelegte Programmatik aufgreifen. Zugleich aber lief die geschlechtergeschichtliche wie jede andere Wende Gefahr, dass sich „Optik in Topik“ verkehrt (Wilder 2012) – nicht nur, weil sich definitorische Bestimmungen im ‚falschen‘ Gebrauch verschleifen, sondern weil sie ein Feld auch gegenständlich zentrieren: In diesem Fall legte das Programm der Historisierung einer machtdurchwirkten Operation der Unterscheidung die Forschung auf die Thematik der Geschlechterdifferenz fest.
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Eine Herausforderung erwuchs der Geschlechtergeschichte auch mit Blick auf ihre Adressierung der Geschichtswissenschaft. Hatte die Frauengeschichte deren männergeschichtliche Schieflage angeprangert, so erhob die Geschlechtergeschichte den integrativen Anspruch, die Disziplin um eine Kategorie von allgemeingeschichtlicher Relevanz zu erweitern. Keine Untersuchung sollte ohne diese Dimension auskommen, die außerdem nicht einer andern zu subsumieren war: Wirtschaft, Politik, Gesellschaft, Kultur und Geschlecht – so das Postulat. Indes geriet zur selben Zeit der allgemeingeschichtliche Anspruch selbst in die Kritik, wiesen doch Standpunkttheorien verschiedener theoretischer Provenienz jede Erzählung als perspektivisch und entsprechend partikular aus; in gewissem Sinn wurde damit die Androzentrismus-Kritik der Frauengeschichte generalisiert. Sollte also die Geschlechtergeschichte an einem Anspruch auf ‚Allgemeine Geschichte‘ teilhaben, den ihre frühere Inkarnation selbst als Fiktion entlarvt hatte? Die Antworten fielen durchaus heterogen aus; sie reichten von Plädoyers für selbstbewusste Partikularität bis zum Anspruch auf eine bessere, weil inklusivere Allgemeingeschichte (Medick/Trepp 1998). Sicher aber entschärfte die theoretische Verunsicherung der allgemeingeschichtlichen Ambition das Dilemma einer zugleich dekonstruktiven und rekonstruktiven Geschlechtergeschichte.
Feministische Geschichtswissenschaft In rückblickenden Darstellungen wird die Wende von der Frauen- zur Geschlechtergeschichte oft als Errungenschaft im Sinn epistemologischen Fortschritts präsentiert. Die frühe Frauengeschichte erscheint dann als erkenntnistheoretisch naive Korrekturanstrengung, von der sich eine zunehmend theoretisierte und differenzierte Geschlechtergeschichte entfernt habe. Schon früh kritisiert (Nagl-Docekal 1993, 245), ist diese Darstellung in den 2020er Jahren auf bemerkenswerte Weise brüchig geworden, hat doch eine globale Konjunktur der feministischen Bewegung das Interesse an der Geschichte der Frauen merklich erneuert. Nach einer Phase der Normalisierung der Geschlechtergeschichte (Arni 2007) scheint die Kategorie Frau, vermittelt über die politische Mobilisierung, erneut ein historiographisches Versprechen abzugeben – auch wenn in der feministischen Bewegung selbst ein hoch fragmentierter Umgang damit zu beobachten ist. Diese Konstellation fordert dazu auf, nochmals neu über die Einheit der hier behandelten Forschung nachzudenken. Liegt sie in einem Paradigma „Geschlechtergeschichte“, das die Frauengeschichte in sich aufgenommen und zugleich deren Limitationen überwunden hat? Oder liegt sie nicht vielmehr im Paradigma „feministische
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Geschichtswissenschaft“? Letzteres wurde schon verschiedentlich vorgeschlagen, wenn auch unterschiedlich motiviert. So hat Herta Nagl-Docekal 1993 argumentiert, es sei letztlich ein geteiltes emanzipatorisches Interesse, das die Vielzahl von Ansätzen in der frauen- und geschlechtergeschichtlichen Forschung verbinde (Nagl-Docekal 1993, 244). Damit durchaus verbinden lässt sich der Vorschlag von Joan W. Scott, die 2003 gegen das affirmative Ausbleichen ursprünglich kritisch gemeinter Perspektiven eine feministische Geschichtswissenschaft anmahnte, die sie als Paradefall einer kritischen Historik konzipiert (Scott 2011). Für eine so verstandene feministische Geschichtswissenschaft wäre nicht eine Kategorie – Frau, gender, sexuelle Differenz – alleinbestimmend, als vielmehr ihre Kraft, jeweils das der Analyse zu erschließen, was in der Gegenwart als selbstverständlich gilt. Damit ließe sich auch die naturalisierungskritische Perspektive des feministischen Argumentierens mit Geschichte kontinuieren. Doch wäre in kritischer Hinsicht zuallererst auch die Frage aufzuwerfen, inwiefern solche Analysen solange beschränkt bleiben, wie sie nicht den Begriff der Naturalisierung selbst untersuchen. Denn die Frage, ob Verhältnisse der Ungleichheit sich tatsächlich weiterhin der Veränderung entziehen, indem sie sich als „naturhaft“ behaupten, dürfte zumindest für Historikerinnen ebenso sehr auf der Hand liegen wie die Notwendigkeit, die Referenz auf „Natur“ in solchen Bezügen zu historisieren.
Literatur Arni, Caroline: Zeitlichkeit, Anachronismus und Anachronien. Gegenwart und Transformationen der Geschlechtergeschichte aus geschichtstheoretischer Perspektive. In: L’Homme Z. F. G., 18/2 (2007), 53–76. Benhabib, Seyla/Butler, Judith/Cornell, Drucilla/Fraser, Nancy: Der Streit um die Differenz. Feminismus und Postmoderne in der Gegenwart. Frankfurt a.M. 1993. Canning, Kathleen: Feminist History after the Linguistic Turn. Historicizing Discourse and Experience. In: Signs, 19/2 (1994), 368–404. Davis, Natalie Zemon: Gesellschaft und Geschlechter. Vorschläge für eine neue Frauengeschichte. In: Natalie Zemon Davis: Frauen und Gesellschaft am Beginn der Neuzeit. Frankfurt a.M. 1989, 117–132. (engl. Women’s History‘ in Transition: The European Case. In: Feminist Studies, III, Spring Summer 1976, 83–103.) D’Héricourt, Jenny P.: La femme affranchie. Réponse à MM. Michelet, Proudhon, E. de Girardin, A. Comte et aux autres novateurs modernes, 2 volumes, Brüssel/Paris 1860. Downs, Laura Lee: If „Woman” Is Just an Empty Category, Then Why Am I Afraid to Walk Alone at Night? Identity Politics Meets the Postmodern Subject. In: Comparative Studies in Society and History 35/2 (1993), 414–37. DOI: 10.1017/S0010417500018429. Fox-Genovese, Elizabeth: Placing Women’s History in History. In: New Left Review I/133 (1981). (14.3.2022).
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Caroline Arni
Fraisse, Geneviève: Les femmes et leur histoire. Paris 1998. Gordon, Ann G./Buhle, Mari Jo/Schrom, Nancy: Women in American Society. In: Nancy F. Cott (Hg.): History of Women in the United States, vol. 1: Theory and Method in Women’s History [1971]. München/London/New York 1992, 13–71. Honegger, Claudia: Die Ordnung der Geschlechter. Die Wissenschaften vom Menschen und das Weib, 1750-1850. Frankfurt a.M./New York 1991. Kelly-Gadol, Joan: Did Women Have a Renaissance? In: Renate Bridenthal/Claudia Koonz (Hg.): Becoming Visible. Boston 1976 (a), 137–164. Kelly-Gadol, Joan: The Social Relation of the Sexes: Methodological Implications of Women's History. In: Signs, Summer 1/4 (1976) (b), 809–823. Lerner, Gerda: The Majority finds its Past: Placing Women in History. New York 1979. Medick, Hans/Trepp, Anne-Charlott (Hg.): Geschlechtergeschichte und Allgemeine Geschichte. Herausforderungen und Perspektiven (Göttinger Gespräche zur Geschichtswissenschaft). Göttingen 1998. Mohanty, Chandra Talpade/Russo, Ann/Torres, Lourdes (Hg.): Third World Women and the Politics of Feminism. Bloomington 1991. Nagl-Docekal, Herta: Für eine geschlechtergeschichtliche Perspektivierung der Historiographiegeschichte. In: Wolfgang Küttler/Jörn Rüsen/Ernst Schulin (Hg.): Geschichtsdiskurs Bd. 1: Grundlagen und Methoden der Historiographiegeschichte, Frankfurt a.M. 1993, 233–256. Rich, Adrienne: Reflections on „Compulsory Heterosexuality“. In: Journal of Women’s History, 16/1 (2004), 9–11. Scott, Joan W.: Gender and the Politics of History. New York 1988. Scott, Joan W.: The Fantasy of Feminist History. Durham 2011. Smith, Bonnie G.: The Gender of History. Men, Women, and Historical Practice. Cambridge Mass. 1998. Stollberg-Rilinger, Barbara. Väter der Frauengeschichte? Das Geschlecht als historiographische Kategorie im 18. und 19. Jahrhundert. In: Historische Zeitschrift, 262/1 (1996), 39– 72. Wilder, Gary: From Optic to Topic: The Foreclosure Effect of Historiographic Turns. In: American Historical Review 117 (2012), 723–745.
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1.9 Umweltgeschichte Ute Hasenöhrl
Clios jüngste Tochter ist die Umweltgeschichte. In ihrer Jugend halb Blumenkind und halb Kassandra (z.B. Uekötter/Hohensee 2004), gehört sie heute mit ihren knapp vierzig Jahren zwar zum akademischen Establishment, hat dabei aber ihren Charakter als subversiver Quergeist und kritischer ‚Stachel im Fleisch‘ längst noch nicht eingebüßt. Mit der Sozial- und Geschlechtergeschichte teilt die Umweltgeschichte den emanzipatorischen Impetus, das Bedürfnis, im Sinne einer kritischen praxis- und anwendungsorientierten Geschichtswissenschaft in die Gesellschaft zu wirken und aktuelle soziopolitische Diskurse zu beeinflussen (Moss/Weber 2021) – durch eine Dekonstruktion von „Ökomythen“ oder die Bereitstellung empirisch fundierten Expertenwissens ebenso wie durch eine Sensibilisierung für die Komplexität, Vielschichtigkeit und Relevanz des Mensch-Umwelt-Verhältnisses. Umweltgeschichte versteht sich aber nicht nur als thematische Erweiterung und zusätzliche Teildisziplin der Geschichtswissenschaften, sondern hinterfragt zugleich eine Reihe zentraler historiographischer Annahmen und Erklärungsmuster – von der Dichotomie zwischen Natur und Kultur über klassische Periodisierungen und Epocheneinteilungen bis hin zur Handlungsmacht (nur) menschlicher Akteure (Kupper 2021, 15–53). Sie wirft dabei fundamentale geschichtsphilosophische Fragen auf zum Janusgesicht des Menschen als biologisches und soziales Wesen, zur Geschichtsmächtigkeit nichtmenschlicher Entitäten oder zur Interrelation verschiedener Zeit- und Raumschichten. Im Mittelpunkt ihres Erkenntnisinteresses stehen die Wechselwirkungen zwischen Menschen und ihrer natürlichen Umwelt im Wandel der Zeit – oder, in der Definition von William Beinart und Peter Coates: „Environmental history deals with the various dialogues over time between people and the rest of nature, focusing on reciprocal impacts” (Beinart/Coates 1995, 1). Die Umweltgeschichte versucht dabei einerseits, die Umweltbedingungen der Vergangenheit zu rekonstruieren (z.B. Klima, Landschaftsbild, Tier- und Pflanzenwelt). Zum anderen untersucht sie, wie Menschen auf ihre natürliche Umwelt einwirkten, diese wahrnahmen und interpretierten – und von dieser umgekehrt geprägt wurden (Winiwarter/Knoll 2007, 14–15). Mit ihrem Fokus auf den Interdependenzen zwischen Umwelt und Gesellschaft rückt die Umweltgeschichte einen wesentlichen Aspekt der historischen Wirklichkeit in
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den Mittelpunkt der Analyse, der in der allgemeinen Geschichte lange nur als nachgeordnete Rahmenbedingung politischer Ereignisse oder sozioökonomischer Prozesse abgehandelt bzw. oft gänzlich ausgeblendet wurde und wird. Um das MenschUmwelt-Verhältnis auszuloten, verfügt die Umweltgeschichte zudem über ein eigenes theoretisch-methodisches Instrumentarium, das über das vertraute Repertoire der Geschichtswissenschaften zum Teil deutlich hinausgeht und diese in Richtung der Geo- und Naturwissenschaften öffnet.
Zentrale Begriffe und Zugänge Umweltgeschichte erweitert das historische Erkenntnisinteresse an der Geschichtlichkeit des menschlichen Handelns um die Frage nach der Rolle von Natur und Umwelt in diesen Prozessen. Eine der ersten und bekanntesten umwelthistorischen Interventionen zur Historisierung von Zeit und Raum bildete Fernand Braudels dreibändige Geschichte des Mittelmeers und der mediterranen Welt in der Epoche Philipps II. aus dem Jahr 1949. Dessen erster Teil, La part du milieu, behandelt die geohistoire des Mittelmeeres als quasi unbewegliche Geschichte, beinahe außerhalb der Zeit (Braudel 1949/1990) – als langsam fließende Geschichte, in der Veränderungen kaum wahrnehmbar sind und sich über einen langen Zeitraum (longue durée) erstrecken. Ohne diese langfristigen Strukturen, zu denen Braudel auch Bräuche und Alltagsgewohnheiten zählt, lasse sich Geschichte nicht verstehen. Vielmehr erscheinen die menschlichen Ereignisse wie bloße Wellen auf der Oberfläche des Stroms der Geschichte, ohne deren tieferen Grund zu berühren (Keddi 2011, 28). Braudel gesteht damit den Naturbedingungen größere historische Erklärungskraft zu als den Ereignissen – und akzentuiert im Dualismus von Struktur und Handeln die Bedeutung kollektiver Akteure und Kräfte. Die französische Schule der Annales wirkte damit nicht nur als Impulsgeberin einer neuen, analytisch-problemorientierten Sozialgeschichte. Mit ihrem Programm einer histoire totale et globale, welche menschliches Handeln im Dialog mit der physischen Umgebung, als eingebettet in Natur und Landschaft begreift, gilt sie zugleich als Wegbereiterin der Umweltgeschichte (Uekötter 2020, 640-642) – auch wenn diese ihren Durchbruch erst Jahrzehnte später als akademische Manifestation der damaligen Umweltbewegungen erleben sollte (in den USA seit den 1960er-Jahren, in Europa seit den 1980er-Jahren). Umweltgeschichte interessiert sich aber nicht nur für Kontinuitäten und Prozesse, die sich über längere Zeiträume erstrecken, sondern akzentuiert insbesondere Veränderungen und Brüche im Mensch-Natur- bzw. Gesellschaft-Umwelt-Verhältnis. Mit diesem Fokus auf Interrelationen und Beziehungen rückt die Stellung des Men-
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schen im Verhältnis zu seiner natürlichen Umwelt ins Zentrum der Betrachtung – und erfordert eine Auseinandersetzung mit dem Dualismus von Natur und Kultur als zentraler Prämisse des westlich-neuzeitlichen Denkens. Der Mensch wird in dieser Tradition meist auf der Seite der Kultur verortet (Vernunftbegabung, Ebenbild Gottes), auch wenn sein Körper auf die Naturseite verweist (Sprenger et al. 2022). Die Vorstellung einer strengen Scheidung von Natur und Kultur, Umwelt und Gesellschaft, die im 19. Jahrhundert mit der Aufspaltung der Natur- und Kulturwissenschaften institutionalisiert wurde und auch für die Geschichtswissenschaften lange prägend blieb (vgl. den Beitrag von Arni/Probst zu „Natur-Kultur“ in diesem Band), wird von den meisten Umwelthistoriker*innen abgelehnt (Cronon 1995). Eine klare Synthese für die Dialektik von Natur und Kultur findet allerdings auch die Umweltgeschichte nicht. „Natur“ bleibt als Konzept ebenso ambivalent wie die Rolle des Menschen als Gegenüber und/oder Teil von Natur. „Natur“ markiert einerseits das Geflecht des Lebens und die natürlichen Grundlagen allen Seins – an denen der Mensch als biologisches Wesen bereits durch seine Körperlichkeit Teil hat. Diesen intimen Elementarzusammenhang hat unter anderen Joachim Radkau hervorgehoben (Radkau 2000, 16). Zugleich ist Natur aber auch ein soziales Konstrukt: Was genau darunter zu verstehen ist und wie sich Menschen zu ihrer eigenen Natürlichkeit positionieren, ist letztlich eine gesellschaftliche Frage – und als solche dem historischen Wandel unterworfen. Entsprechend sieht die Wiener Schule der Umweltgeschichte in ihrem einflussreichen sozial-ökologischen Interaktionsmodell den Menschen mitsamt den biophysischen Strukturen der Gesellschaft in einer Doppelrolle zwischen den Feldern der Natur und Kultur (Winiwarter/Knoll 2007, 127–130). Während sich „Natur“ aber sowohl mit als auch ohne Menschen denken lässt (z.B. als vom Menschen unberührte „Wildnis“ – ein Topos, der in der Umweltgeschichte vielfältig dekonstruiert wurde), ist „Umwelt“ aufs engste an diese gebunden. Erst durch die Existenz und Einwirkung von Menschen wird Natur zu Umwelt (Siemann/Freytag 2003, 13). „Umwelt“ ist also ein relationales Konzept. Bereits der Schöpfer des Begriffs, Jakob von Uexküll, unterstrich 1909 in seiner Schrift „Umwelt und Innenwelt der Tiere“, dass jedes Lebewesen seine eigene Umwelt habe (Arndt 2015, 8). Bei der Analyse des Mensch-Umwelt-Verhältnisses lassen sich in der Umweltgeschichte zwei grundsätzliche Zugänge unterscheiden: ein materialistischer und ein kulturalistischer (Kupper 2021, 22). Die kulturalistische Denkrichtung interessiert sich dafür, „wie Menschen ihre Umwelt und deren Veränderungen wahrgenommen und bewertet haben und wie sie diese Wahrnehmungen und Bewertungen gesellschaftlich verarbeiteten: in Diskursen, Symbolen und Handlungen“ (Kupper 2021, 22). Prominente Themen waren (und sind) die Genese der Umweltbewegungen und
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der Umweltpolitik, Veränderungen im Naturverständnis und in den Beziehungen zwischen Mensch und Tier, Fragen der Umweltethik und der „Kult der Wildnis“, aber auch der gesellschaftliche Umgang mit Naturkatastrophen und Risiken. Während der kulturalistische Ansatz menschliche Wahrnehmungen, Erfahrungen und Interpretationen von Natur und Umwelt in den Mittelpunkt rückt, fokussiert der materialistische Zugriff auf spezifische Umweltnutzungen, auf historische Umweltbedingungen sowie auf den materiellen Strukturen der Gesellschaft. Typisch ist hier eine Ressourcenperspektive. Anknüpfend an Überlegungen von Karl Marx zum gesellschaftlichen Stoffwechsel wird etwa mit Hilfe statistischer Methoden wie Warenoder Stoffflussanalysen der Energieumsatz von Gesellschaften rekonstruiert. Studien zum „sozialen Metabolismus“ (Barles 2020) offenbaren nicht nur die Dimensionen des menschlichen Ressourcenhungers, sondern weiten zugleich den Blick auf die Netzwerke des (globalen) Rohstoff- und Warenaustauschs (Cronon 1991). Ein noch weiterreichendes interdisziplinäres Instrumentarium als derartige Energie- und Stoffflussanalysen erfordert die Rekonstruktion historischer Umweltbedingungen wie Klima, Vegetation, Fauna oder Böden. Neben den „Archiven der Gesellschaft“ oder dem „Lesen“ von Landschaften kommen hier etwa auch archäologische, geound naturwissenschaftliche Methoden wie Dendrochronologie, Geomorphologie, Pollen- oder Isotopenanalysen zum Einsatz (Winiwarter/Knoll 2007, 71–114).
Handlungsmacht nicht-menschlicher Aktanten Ob nun innerhalb des kulturalistischen oder des materialistischen Paradigmas, die meisten Umwelthistoriker*innen verfolgen einen anthropozentrischen Ansatz. Doch auch wenn in der Umweltgeschichte meist nicht die „ökologische Geschichte der Welt aus Sicht von Lemmingen oder von Flechten“ (McNeill 2003, 15), sondern die Wechselwirkungen zwischen Gesellschaft und Umwelt im Mittelpunkt des Interesses stehen, spielt die Frage nach der agency nicht-menschlicher Entitäten hier eine ungleich größere Rolle als in anderen historischen Subdisziplinen. Natur und Umwelt bilden nicht nur einen passiven Rahmen der Zeitläufte, sondern greifen aktiv mit in das historische Geschehen ein. Parallele Diskurse existieren in der Technikgeschichte, die ihrerseits die agency und Eigenlogik von Artefakten und Infrastrukturen akzentuiert (Heßler 2012). Einen zentralen Bezugspunkt speziell für den „envirotech“-Bereich bildet dabei die von Bruno Latour, John Law und Michel Callon in den 1980er- und 90er-Jahren entwickelte Akteur-Netzwerk-Theorie (Latour 2007). ANT versteht Menschen und Nicht-Menschen nicht als polare Entitäten, sondern als Teile eines komplexen Netzwerks aus Menschen, Dingen, Tieren, Natur etc.,
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die vielfach miteinander verwoben und zum Teil zu Hybrid-Akteuren verschmolzen sind. Indem sie menschliche Denk- und Handlungsspielräume beeinflussen und begrenzen, entfalten auch nicht-menschliche Aktanten im Rahmen dieser Netze Handlungsmacht (im Falle nicht-biologischer Entitäten allerdings ohne konkrete Intentionalität). ANT ist, wie Martina Heßler betont, weniger Methodenkoffer als ethische Theorie (Heßler 2012, 26). Latour entthront den Menschen von seiner herausgehobenen Stellung als „Krone der Schöpfung“, entkräftet die biblische Vorstellung von der menschlichen Allmacht über Natur und Dingwelt – und weist den Menschen eine nurmehr gleichrangige Position im Netzwerk des Seins zu (läuft dabei allerdings Gefahr, Hierarchien und Machtgefälle zwischen Akteuren und Aktanten auszublenden). Die ANT ist vor allem an Zustandsbeschreibungen interessiert. Sie eignet sich damit insbesondere für „dichte Beschreibungen“ im Rahmen von Mikrogeschichten, aber nur begrenzt für räumlich oder zeitlich übergreifende Längsschnittanalysen.
Im Zeichen des Anthropozäns? Umwelthistorische Zeitenwenden und Periodisierungen Umweltgeschichte hinterfragt aber nicht nur die Beziehungen und Strukturen zwischen historischen Akteuren und Aktanten, sondern stellt zudem die Frage nach den zeitlichen Logiken sozialer und naturaler Prozesse neu. Umweltgeschichte hat ihre eigenen Wendepunkte und Zeitenwenden, welche zum Teil quer zu traditionellen Periodisierungen liegen. Markante Eckpunkte der politischen Ereignisgeschichte wie die Französische Revolution oder die beiden Weltkriege des 20. Jahrhunderts stellten im Mensch-Natur-Verhältnis keine fundamentalen Einschnitte dar. Andere Ereignisse und Prozesse wie die „Europäische Expansion“ oder die Industrialisierung bedeuteten aus umwelthistorischer Perspektive zwar ebenfalls tiefgreifende Wendepunkte – dies jedoch zum Teil aus anderen Gründen als in der „allgemeinen“ Geschichte postuliert. So gilt die „Sattelzeit“ der Moderne ab 1800 in der Umweltgeschichte ebenfalls als historische Wegscheide, als einer von zwei markanten Einschnitten im Mensch-Natur-Verhältnis – wobei der erste große Bruch, die „Neolithische Revolution“ mit dem langsamen sesshaft Werden der nomadischen Jäger*innen und Sammler*innen, der Domestizierung und Kultivierung von Nutztieren und -pflanzen sowie dem Übergang zu Agrargesellschaften, vor ca. 10.000 Jahren bereits deutlich vor dem Beginn der „historischen Zeit“ einsetzte. Beide Epochenschwellen im Mensch-Natur-Verhältnis lassen sich kulturalistisch wie materialistisch begründen: kulturalistisch durch eine Rekalibrierung und Neubewertung der Beziehungen zwischen den Menschen, ihren Mit-Wesen und ihrer
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natürlichen Umwelt; materialistisch etwa durch einen Wandel in den Energieregimen und, damit verbunden, einer Ausweitung des Energieumsatzes. So zog die neolithische Revolution nicht nur eine intime Symbiose zwischen Menschen und bestimmten Nutztieren und -pflanzen sowie stärkere Abhängigkeiten von spezifischen physischen (Natur)Räumen nach sich, sondern war auch durch einen höheren Energieumsatz pro Kopf gekennzeichnet (Radkau 2000, 52–106). Der Weg in die Moderne ab 1800 ging wiederum mit einem neuen Naturverständnis einher, bei dem die Verwissenschaftlichung natürlicher Phänomene und die Lösung von Natur aus religiösen Interpretationszusammenhängen in ambivalenter Spannung stand zu ihrer Romantisierung und ideologischen Inwertsetzung als Wunsch- und Gegenbilder zur säkularen modernen Industriegesellschaft (Kupper 2021, 28–40). Darüber hinaus vollzog sich im 19. Jahrhundert ein Umbruch der Energiesysteme vom solaren Energieregime der agrarischen Welt zum fossilen Energieregime der Industriegesellschaften – eine Entwicklung, die seit den 1950er-Jahren mit der wachsenden Verfügbarkeit preisgünstigen Mineralöls nochmals eine Dynamisierung erfuhr. Die Great Acceleration der Nachkriegszeit gilt in der Umweltgeschichte als weitere Epochenschwelle (vgl. schon Pfister 1995) und in der aktuellen Debatte um den Klimawandel als zweite Phase auf dem Weg ins Anthropozän (Steffen et al. 2007). Das Konzept des Anthropozäns, im Jahr 2000 von Paul J. Crutzen und Eugene F. Stoermer als Warnung vor dem anthropogenen Klimawandel formuliert, hat in den letzten Jahren rasante Verbreitung gefunden als interdisziplinäres „Brückenkonzept […], Querschnittsaufgabe für Wissenschaft und Gesellschaft sowie Reflexionsbegriff für das Verhältnis von Mensch und Natur“ (Dürbeck 2018). Das Anthropozän bezeichnet ein neues geologisches Zeitalter, in dem die Menschheit durch den erhöhten Ausstoß atmosphärischen Kohlendioxids zum bestimmenden geophysischen Faktor geworden ist. Nicht nur energetisch markiert es einen tiefen Einschnitt im Mensch-Natur-Verhältnis: Begrenzte die Natur ursprünglich die humanen Handlungsspielräume, so wirkt die Menschheit mittlerweile selbst als Naturkraft, verändert ihre Umwelt auf allen Ebenen – mit Implikationen auch für die Geschichtsschreibung. Nicht nur Braudels quasi unbewegliche Naturgeschichte des longue durée gerät in der Moderne aus dem Rhythmus, sondern auch die klassische Trennung von Natur- und Gesellschaftsgeschichte stößt endgültig an ihre Grenzen. Der globale Klimawandel zwingt uns dazu, die Frage nach der Rolle des Menschen in der Geschichte des Planeten neu zu reflektieren. So schlägt Dipesh Chakrabarty vor, im Rahmen einer den Natur-Kultur-Dualismus auflösenden, integrierten Geogeschichte zwischen Menschen als biologischer Spezies und als Kulturwesen zu differenzieren – und speziell die Spannungen zwischen diesen Polen in den Blick zu nehmen (Chakrabarty 2011). Zugleich warnt er vor universalen Erklärungsansätzen und
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der Konstruktion pauschalisierender Kollektivakteure (die etwa die unterschiedlichen Anteile der Weltregionen und sozialen Gruppen am Klimawandel verschleiern). Das Anthropozän als jüngste große Metaerzählung des Mensch-Natur-Verhältnisses bietet damit in seiner Konsequenz zwar ein überzeugendes, für die Gegenwart sinnstiftendes Narrativ, fordert in seiner Gradlinigkeit aber zugleich nach einer (umwelt)historischen Entmystifizierung, welche die Widersprüchlichkeit und Kontingenz historischer Erfahrungen und Pfadentwicklungen auch in der Klima- und Energiegeschichte akzentuiert (exemplarisch: Uekötter 2020).
Literatur Arndt, Melanie: Umweltgeschichte, Version 3.0. In: Docupedia-Zeitgeschichte (http://docupedia.de/zg/Arndt_umweltgeschichte_v3_de_2015) (10.11.2015). Barles, Sabine: Urban Metabolism. In: Sebastian Haumann/Martin Knoll/Detlev Mares (Hg.): Concepts of Urban-Environmental History. Bielefeld 2020, 109–124. Beinart, William/Coates, Peter: Environment and History. The Taming of Nature in the USA and South Africa. London 1995. Braudel, Fernand: Das Mittelmeer und die mediterrane Welt in der Epoche Philipps II. 3 Bde. Frankfurt a.M. 1990 (frz. Original von 1949). Chakrabarty, Dipesh: Verändert der Klimawandel die Geschichtsschreibung? In: Transit 41 (2011), 143–163. Cronon, William: Nature's Metropolis. Chicago and the Great West. Chicago 1991. Cronon, William (Hg.): Uncommon Ground. Rethinking the Human Place in Nature. New York 1995. Dürbeck, Gabriele: Das Anthropozän erzählen: fünf Narrative. In: APuZ (https://www.bpb. de/shop/zeitschriften/apuz/269298/das-anthropozaen-erzaehlen-fuenf-narrative/) (18.5.2018). Heßler, Martina: Kulturgeschichte der Technik. Frankfurt a.M. 2012 (hier: Online-Zusatzkapitel „Ansätze und Methoden der Technikgeschichtsschreibung“). Ketti, Barbara: Wie wir dieselben bleiben. Doing continuity als biopsychosoziale Praxis. Bielefeld 2011. Kupper, Patrick: Umweltgeschichte. Göttingen 2021. Latour, Bruno: Eine neue Soziologie für eine neue Gesellschaft. Einführung in die AkteurNetzwerk-Theorie. Frankfurt a.M. 2007 (engl. Original von 2005). McNeill, John R.: Blue Planet. Die Geschichte der Umwelt im 20. Jahrhundert. Frankfurt a.M. 2003 (engl. Original von 2000). Moss, Timothy/Weber, Heike: Diskussionsforum: Technik- und Umweltgeschichte als Usable Pasts. Potenziale und Risiken einer angewandten Geschichtswissenschaft. In: Technikgeschichte 88/4 (2021), 367–377. Pfister, Christian: Das 1950er Syndrom. Der Weg in die Konsumgesellschaft. Bern 1995. Radkau, Joachim: Natur und Macht. Eine Weltgeschichte der Umwelt. München 2000. Siemann, Wolfram/Freytag, Nils: Umwelt – eine geschichtswissenschaftliche Grundkategorie. In: Wolfram Siemann (Hg.): Umweltgeschichte. Themen und Perspektiven. München 2003, 7–19.
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Kapitel 2: Theorien und Konzepte
© Der/die Autor(en), exklusiv lizenziert an Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2025 J. Rüsen et al. (Hrsg.), Handbuch der Historik, https://doi.org/10.1007/978-3-658-47760-8_2
2.1 Begriffe der Geschichte Jörn Rüsen
Der Begriff ‚Geschichte‘ (Koselleck u.a. 1975) tritt zumeist mit doppelter Bedeutung auf. Er bezeichnet einen zeitlichen Geschehenszusammenhang der menschlichen Welt in der Vergangenheit (res gestae). Zugleich bezeichnet er auch die narrative Darstellung dieses Geschehenszusammenhangs (narratio rerum gestarum). In der Formulierung ‚die‘ Geschichte bezeichnet er die sinn-und bedeutungsvollen Geschehnisse der Vergangenheit als ein Zeit-Ganzes, als einen universalen Entwicklungszusammenhang der menschlichen Welt.
Mythos und Geschichte Die Vorstellung einer die menschliche Welt in ihrer zeitlichen Dimension durchziehenden Entwicklung ist nicht neu. Sie tritt interkulturell als Meistererzählung einer Lebensform auf, mit der sich deren Menschen des zeitlichen Horizonts ihres Lebens im Generationszusammenhang vergewissern. Diese Meisterzählungen sind Mythen, die zumeist mit der Entstehung von Welt und Mensch beginnen, in der Gegenwart enden und dabei eine Zukunftsperspektive entwerfen. Ein typisches Beispiel ist das Popol Vuh, die Meistererzählung der Mayas. Sie erzählt die Geschichte der Maya umfassend auf drei Ebenen: kosmogonisch als Geschehen des Weltalls, pragmatisch als Geschichte der Menschheit und historisch als Geschichte des Volksstamms der Quiché (Popol Vuh 1982, 180; Schultze-Jena 1944). Freilich ist der moderne Begriff der Geschichte auf diese Meistererzählungen wegen ihrer mythischen Inhalte nur bedingt anwendbar. Mythen und Geschichte unterscheiden sich dadurch, dass letztere explizit auf wirkliches Geschehen in der Vergangenheit verweist und ihren Unterschied auch deutlich betont, während erstere auch Geschehnisse einer übernatürlichen (zumeist göttlichen) Welt umfasst. Dennoch bleiben Mythos und Geschichte miteinander verbunden. Beide haben eine narrative Form und folgen normativ aufgeladenen Sinnkriterien, die über den realen Erfahrungsbezug der jeweiligen Darstellungen hinausreichen (oft in religiöse, aber auch in säkulare Dimensionen der Sinnbildung). In historischer Perspektive
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können mythische Sinnkonzepte in historiographische einwandern; dafür mag beispielhaft der Anfang der abendländischen Geschichtsschreibung bei Herodot (ca. 484-ca. 425 v. Chr.) stehen. Auch eine umgekehrte Entwicklung kann stattfinden. So finden sich beispielsweise in der hebräischen Bibel (Altes Testament) neben ihren überwiegend heilgeschichtlichen Passagen auch ausgesprochen historiographische.
Sinnkonzepte Als Vorstellung eines gegliederten Zeitganzen mit Anfang und Ende ist Geschichte in der westlichen Kultur von christlichen Heilserfahrungen und -erwartungen geprägt (Löwith 1953). Typisch dafür ist das Geschichtsdenken des Augustinus (354430). Es folgt biblischen Gesichtspunkten der Heilsgeschichte mit ihren Anfängen, Periodisierungen und Endzeitvorstellungen. Jede Epoche wird als eigene Figur menschlicher Heilserwartungen dargestellt, und zugleich verweisen die einzelnen Epochen aufeinander in einem Zeitraster religiöser Heilsvorstellungen. So werden z.B. Figuren des Alten Testamentes als Vorzeichen (‚Typus‘) neutestamentlichen Geschehens gedeutet. Die vormoderne Hermeneutik des Okzidents spricht jedem historischen Ereignis einen vierfachen Sinn zu: (1) einen wörtlichen, der seine chronologische Faktizität betrifft (sensus literalis oder historicus); (2) einen typologischen, der seine Stellung in der Heilsgeschichte betrifft (sensus allegoricus); (3) einen tropologischen, der seine Bedeutung für die Gläubigen betrifft (sensus tropologicus); und (4) einen anagogischen, der seinen mystischen Sinn, seine Bedeutung für das menschliche Heil, betrifft (sensus anagogicus) (Ohly 2010). Dieser vierfache Sinn ist den Geschehnissen inhärent. Er ist mit ihrer Faktizität untrennbar mitgegeben. Im Schritt zur Moderne, für den paradigmatisch Friedrich Schleiermacher (1768-1834) steht, löst sich diese vielfältige Sinnhaftigkeit auf. Bestehen bleibt der sensus historicus, seine chronologische Bestimmtheit. Die anderen Sinnqualitäten kommen ihm nun gleichsam von außen zu. Das wertet die Faktizität des Geschehenen auf. Nachträgliche Veränderungen an dieser Faktizität konnten zunächst als wahrheitsdienliche und erklärungsstarke Ergänzungen angesehen werden, sie werden aber einem stärker werdenden Faktizitätsdruck ausgesetzt und als Fälschungen zurückgewiesen.
2.1 Begriffe der Geschichte
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Narrativität In jeder narrativen Reihung von Ereignissen steckt ein Sinn. Mit dem Erzählen kommt dem Erzählten grundsätzlich ein Sinn zu. Historischer Sinn ist eine solche ursprüngliche Gegebenheit. Geschichte ist also als geistiges Gebilde eine narrative Präsentation vergangenen Geschehens. Durch Erzählen wird Vergangenes sinnhaft gegenwärtig (Rüsen 1990). Seine Vergegenwärtigung ist dann historisch, wenn es diesen Bezug explizit aufweist, also durch das Erzählen einen Zeithorizont des Erzählten eröffnet, der sich von der Zeit der Gegenwart unterscheidet.
Moderne und Vormoderne Die Idee von Geschichte als eines Zeitganzen wird vom modernen Geschichtsdenken als Konzept eines die menschliche Welt umfassenden Entwicklungszusammenhangs mit einer humanistischen Sinn-und Bedeutungsqualifikation entwickelt. Typisch dafür ist die Geschichtsphilosophie von Herder (1744-1803). In ihrer anspruchsvollsten Ausprägung nimmt die moderne Universalgeschichte die traditionelle Universalität eines master narrative der ganzen Welt auf und schließt die Universalgeschichte der Natur ein (Christian 2018). Diese umfassende Zeitqualität des Geschehens der Welt wird allerdings in der späteren Entwicklung der Geschichtsphilosophie zumeist aufgegeben. Sie reduziert sich auf den Zeitzusammenhang des Geschehens in der Welt des Menschen und lässt die Natur außer sich. In Antike und Mittelalter wurde Geschichte als eine Zeitfolge von Ereignissen in der Vergangenheit verstanden, der Einsichten in die innere Regelhaftigkeit des menschlichen Weltgeschehens abgewonnen werden können. Ciceros (106-43 v. Chr.) bekannte Formel historia magistra vitae (Cicero 2001, 228-229) hat dieser exemplarischen Rationalität die Form eines wirkungsvollen Slogans gegeben. In der chinesischen Geschichtskultur spielen die von Konfuzius (vermutlich 551-479 v. Chr.) bearbeiteten „Frühlings- und Herbstannalen“ (Chunqiu) eine geradezu paradigmatische Rolle: Die aufgelisteten geschichtlichen Ereignisse stellen Paradigmen menschlichen (zumeist) politischen Handelns dar. Im Zuge der Modernisierung verzeitlicht sich diese Rationalität und nimmt genetische Züge an (Rüsen 1990).
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Historischer Sinn durch Erzählen In sehr unterschiedlichen Ausprägungen tritt Geschichte als narratives Sinngebilde auf (Rüsen 2020). Dieses Gebilde (Narrativ) stellt tatsächliche Geschehnisse der Vergangenheit dar, die für ein Verständnis der Gegenwart und der zu erwartenden Zukunft wesentlich sind. Geschichte ist also ein Narrativ tatsächlichen Geschehens in der Vergangenheit. Sie ist eine sinn- und bedeutungsvolle Erzählung von realen Geschehnissen der Vergangenheit, die über die zeitlichen Voraussetzungen der gegenwärtigen Lebensverhältnisse und ihre Zukunftsperspektiven informiert. Kulturell besonders bedeutungsvoll sind solche Erzählungen als master narratives, die in gesellschaftlichen Lebensformen deren Mitglieder darüber aufklären, wie ihre Welt beschaffen ist, wer sie sind, und wer die andern sind, von denen sie sich unterscheiden und mit denen sie zusammen leben müssen. Viele ältere (vor-moderne) Meisterzählungen sind mythischer Art oder verwenden mythische Elemente (z.B. Vorstellungen von der Entstehung der Welt und des Menschen). Historiographie grenzt sich vom Mythos dadurch ab, dass sie den tatsächlichen Geschehenscharakter des Berichteten und seine Überprüfbarkeit betont. So heißt es denn bezeichnenderweise bei Herodot, dem Begründer der abendländischen Geschichtsschreibung, in seinen ‚Historien‘: „Was ich bisher erzählt habe, beruht auf eigener Anschauung oder eigenem Urteil oder eigenen Erkundigungen“ (Herodot 1955, 2. Buch § 99, 140).
Geltung durch Erfahrung Historiographie als Präsentation vergangenen Geschehens hat also stets einen expliziten Erfahrungsbezug und kann mit ihm auf ihre Plausibilität überprüft werden. Dieser Erfahrungsbezug tritt als Objektivitätsanspruch auf und liegt den modernen Formen des historischen Denkens als akademischer Fachwissenschaft zugrunde. Charakteristisch für diesen fundamentalen Realismus ist Leopold von Rankes (17951886) Ausspruch: „Man hat der Historie das Amt, die Vergangenheit zu richten, die Mitwelt zum Nutzen zukünftiger Jahre zu belehren, beigemessen: so hoher Ämter unterwindet sich gegenwärtiger Versuch nicht: er will blos zeigen, wie es eigentlich gewesen“ (Ranke 1885, VII). Wissenschaft heißt, dass die Aussagen darüber, was wann wo wie und warum geschehen ist, aus den Spuren und Relikten, die davon zeugen, gewonnen und an ihnen kritisch überprüft werden (können). Dieser Tatsachenbezug wird durch die Forschungsoperation der Quellenkritik geleistet. Sie steht daher im Zentrum des Wis-
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senschaftlichkeitsanspruchs der Fachdisziplin Geschichte. Allerdings wäre es verfehlt, in der Quellenkritik allein das methodische Verfahren zu sehen, das die historische Forschung auszeichnet. Wesentlich, ja entscheidend für die wissenschaftsspezifische Rationalität des historischen Denkens ist die Operation der Interpretation, die die quellenkritische Tatsachenermittlung zur spezifisch historischen Rekonstruktion der vergangenen Geschehnisse macht (Rüsen 2013, 185-188). In dieser modernen fachlichen Ausprägung hat sich das historische Denken über alle kulturspezifischen Formen des erinnernden Umgangs mit der menschlichen Vergangenheit ausgebreitet. Sein westlicher Ursprung ist kein Argument gegen den entsprechenden universalen Geltungsanspruch des historischen Denkens. Seine Ausrichtung auf eine kritische Sichtung des Materials der Überbleibsel der Vergangenheit macht den fachwissenschaftlichen Charakter der Geschichtswissenschaft aus, also die methodische Regelung des historischen Denkens und seine Erkenntnisgewinnung durch Forschung. Hinter diese Errungenschaften gibt es keinen plausiblen Weg zurück (etwa in mythische Sinnkonstruktionen, obwohl dies immer wieder versucht wurde und wird, z.B. in nationalistischen Ursprungsgeschichten).
Vier Typen historischer Sinnbildung Geschichte artikuliert sich in narrativer Form. Diese Form kann vier logisch-idealtypisch klar unterscheidbare Ausprägungen annehmen (Rüsen 1990): In traditionaler Form präsentiert sie gesellschaftlich eingeübte und sanktionierte Orientierungen, deren Geltung mit der Vorstellung einer tendenziell ungebrochenen Dauer begründet wird. Dafür stehen beispielhaft Gründungsgeschichten, die in teleologischer Ausrichtung die verpflichtende Normativität eines Ursprungs betonen. In exemplarischer Form präsentiert sie allgemeine Handlungsregeln an Vorgängen der Vergangenheit, die gegenwärtige Lebensverhältnisse präformieren. Das drückt die bekannte Formel Ciceros „historia vitae magistra“ aus. Diese Denkweise beherrscht das hochkulturelle Geschichtsdenken weit über den Umkreis des Westens hinaus bis zum 18. Jahrhundert. In genetischer Form präsentiert sie zeitliche Veränderung als Vorgang von orientierender Kraft in der menschlichen Welt. Das ist z.B. immer dann der Fall, wenn das historische Denken auf das Prinzip des Fortschritts verpflichtet wird. Und in kritischer Form negiert sie normative Vorgaben der kulturellen Orientierung und ermöglicht so deren Veränderung. Diese logischen Formen treten in der Geschichte der Historiographie in unterschiedlichen Konstellationen auf. Aus ihnen lässt sich auch eine übergreifende Zeitverlaufsvorstellung des historischen Denkens generieren. Diese erstreckt sich von traditionalen über exemplarische zu genetischen Denk-
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formen, während die kritische zumeist ein Medium des Übergangs ausmacht. Eine solche Entwicklungsvorstellung folgt der bekannten Großperiodisierung von archaischen über hochkulturelle zu modernen Lebensformen.
Zeitrichtung und Veränderungsfaktoren Geschichte als Entwicklungsprozess folgt einer Zeitrichtung, die von früherer zu späterer Vergangenheit führt und tendenziell in der Gegenwart und ihrer Zukunftsperspektive endet. Dieser Prozess wird bewegt von den Antrieben des menschlichen Handelns materieller, psychischer und geistiger Art. Materiell sind es jeweils spannungsreiche Lebensumstände, die die betroffenen Menschen dazu bewegen, sich mit ihnen auseinanderzusetzen und sie absichtsvoll ihren Interessen folgend zu bearbeiten und zu verändern. Psychisch sind es die inneren Triebe der Menschen, die sie dazu bewegen, sich selbst und ihre Lebensumstände nach eigenen Absichten zu bearbeiten und zu verändern. Geistig schließlich sind es Ideen – kulturelle Kriterien der sinnhaften Orientierung des menschlichen Lebens –, die seinen Weltdeutungen und Handlungsabsichten eine Zeitrichtung geben, die in seine Handlungen als Absichten bestimmend eingehen. Historisches Denken ist zumeist auf die Aktivität des menschlichen Handelns ausgerichtet. Dabei wird die gleichursprüngliche Lebensdimension des Leidens (auch die des Unterlassens) oft ausgeblendet. Die zeitliche Erstreckung historischer Entwicklungen folgt aus der Symbiose solcher Absichten mit äußeren Bedingen ihrer Realisierbarkeit. Ihre Gerichtetheit ist mehr als ein chronologischer Ablauf; sie ist auch durch gezielte Absichten von Handlungen bestimmt. Allerdings entsprechen in der Regel die handelnd und leidend erreichten Resultate des Handelns nicht den verfolgten Absichten. In dieser Differenz zwischen Absicht und Resultat liegt die historische Eigenheit des menschlichen Lebens. Sie muss als Herausforderung zu weiterem Handeln begriffen und umgesetzt werden. Ihr historischer Charakter besteht in dieser Differenz und zugleich in der ihr verpflichteten Reflexion der Handelnden, die ihnen Kohärenz und Kontinuität des Lebensvollzuges gibt.
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Narrative Konstruktion und normative Bedeutungszumessung In den aktuellen geschichtstheoretischen Diskursen wird Geschichte als narrative Konstruktion verstanden, die politischen Machtinteressen in der kulturellen Orientierung geschuldet ist. Der Erfahrungsbezug des historischen Denkens und dessen rationale Ausprägung in akademischen Disziplinen werden dabei allerdings ausgeblendet. Es kommt also darauf an, den Geschichtsbegriff in zwei Hinsichten zugleich zu konzipieren: als Hinwendung zur Vergangenheit und ihren realen Geschehnissen und als Hinsicht auf deren Bedeutung für die kulturelle Orientierung der menschlichen Lebenspraxis in der Gegenwart. Diese Doppelnatur von Tatsächlichkeit und Bedeutung definiert den Geschehenscharakter der Geschichte und seine kognitive Verarbeitung. Historisches Denken ist also immer zugleich empirisch und normativ ausgerichtet. Beide Hinsichten sind im Prozess des Erzählens ineinander verschmolzen, d.h. sie sind im Erzählen immer schon miteinander vermittelt. Ihre Unterscheidung ist eine künstliche Abstraktion. Sie wird in der grundsätzlichen epistemologischen Unterscheidung von Fakt und Norm ausgeblendet. Die empirische und die normative Ausrichtung des historischen Denkens müssen in ein kohärentes Verhältnis gebracht werden. Historisches Denken muss beiden Seiten gerecht werden: der Schwere der Erfahrung und dem Schwung in die Zukunft. Zugleich damit sollte in der Analyse der Historiographie der für sie maßgebliche Charakter des Erzählens ausgemacht und dargelegt werden. Dabei kommt es beim modernen Geschichtsdenken darauf an, dem Wissenschaftlichkeitsanspruch der Geschichtswissenschaft gerecht zu werden. Diese doppelte Ausrichtung wird durch den kognitiven Vorgang des Erzählens realisiert. Erzählen als Prozess der Sinnbildung liegt der erkenntnistheoretischen Unterscheidung von Tatsachen und Normen noch voraus, kann also mit dieser Unterscheidung nicht begriffen werden.
Literatur Christian, David: Big History. Die Geschichte der Welt – vom Urknall bis zur Zukunft der Menschheit. München 2018. Cicero, Marcus Tullius: De Oratore / Über den Redner. Stuttgart 42001. Herodot: Historien. Deutsche Gesamtausgabe. Übers. von August Horneffer. Stuttgart 21955. Koselleck, Reinhart; Meier, Christian; Engels, Odilo; Günther, Horst: Geschichte, Historie. In: Otto Brunner,/Werner Conze,/Reinhart Koselleck (Hg.): Geschichtliche Grundbe-
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griffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland, Bd. 2. Stuttgart 1975, 593-717. Löwith, Karl: Weltgeschichte und Heilsgeschehen. Die theologischen Voraussetzungen der Heilsgeschichte. Stuttgart 1953. Ohly, Friedrich: Vom geistigen Sinn des Wortes im Mittelalter. Darmstadt 2010. Popol Vuh. Das Buch des Rates. Mythos und Geschichte der Maya. Köln 31982. Popol Vuh. The Mayan Book of the Dawn of Life. Translated by Dennis Tedlock. New York 1985. Ranke, Leopold von: Geschichten der romanischen und germanischen Völker von 1494 bis 1514 (Sämtl.Werke, Bd. 33). Leipzig 1885. Rüsen, Jörn: Die vier Typen des historischen Erzählens. In: Jörn Rüsen: Zeit und Sinn. Strategien historischen Denkens. Frankfurt a.M. 1990, 153-230. (2. Aufl. Humanities Online 2012, 148-217). Rüsen, Jörn: Historik. Theorie der Geschichtswissenschaft. Köln/Weimar/Wien 2013. Rüsen, Jörn: Historische Sinnbildung. Grundlagen, Formen, Entwicklungen. Wiesbaden 2020. Schultze-Jena, Leonhard: Popol Vuh. Das heilige Buch der Quiché-Indianer von Guatemala. Stuttgart 1944.
Weiterführende Literatur Breisach, Ernst: Historiography – Ancient, Medieval, and Modern. Chicago 1983. Iggers, Georg G./Wang, Q. Edward/Mukherjeee, Supriya: Geschichtskulturen. Weltgeschichte der Historiographie von 1750 bis heute. Göttingen 2013. Völkel, Markus: Geschichtsschreibung. Eine Einführung in globaler Perspektive. Köln 2006. Woolf, Daniel: A global history of history. Cambridge 2011. Yousefi, Hamid Reza/Scheidgen, Hermann J./Fischer, Klaus/Kimmerle, Heinz (Hg.): Wege zur Geschichte. Konvergenzen – Divergenzen – Interdisziplinäre Dimensionen. Nordhausen 2010. Zwenger, Thomas: Geschichtsphilosophie. Eine kritische Grundlegung. Darmstadt 2008.
2.2 Sinn und Sinnbildung Jörn Rüsen
Sinn ist ein Schlüsselbegriff der Kulturwissenschaft. Er hat kategoriale Bedeutung; denn er kennzeichnet alle Sachverhalte, die in den Bereich der Kultur fallen. ‚Kultur‘ wird als ein eigener Bereich der menschlichen Welt verstanden, der sich von anderen Bereichen wie Wirtschaft, Gesellschaft, Natur, Politik – bei aller Überschneidung und wechselseitiger Durchdringung – durch die für ihn maßgebliche Sinnkategorie unterscheiden lässt (Rüsen 2013, 34-48. – Ich greife in den folgenden Passagen auf Formulierungen dieser ‚Historik‘ zurück). Kultur ist also Inbegriff derjenigen Aktivitäten des menschlichen Geistes und ihrer Resultate, in denen Sinn im Orientierungsrahmen der menschlichen Lebenspraxis gebildet wird. In diesen Sinnbildungsaktivitäten werden die Welt und der Mensch sich selbst verständlich und seinen Zwecksetzungen folgend behandelbar. Kultur hat also zugleich eine faktisch-erfahrungsbezogene und eine die bloße Faktizität transzendierende normative Dimension. Beide Dimensionen sind untrennbar aufeinander bezogen und können nur künstlich voneinander unterschieden werden. Die Bedeutung von Sinn liegt demgemäß der Unterscheidung von Fakten und Normen voraus und zugrunde. Mit der Sinnkategorie werden also Sachverhalte der mentalen Aktivität des Menschen angesprochen, die mit diesen beiden Kategorien nicht hinreichend begriffen werden können. Das gilt z.B. für den kulturellen Prozess des Erzählens. In ihm sind Fakten und Normen schon vorab vermittelt und bilden eine untrennbare Einheit, für deren Erkenntnis eine eigene Begrifflichkeit ausgebildet werden muss. Der Kultur konstituierende Sinn ist eine Leistung des menschlichen Geistes, durch die die Umwelt, in der der Mensch lebt, für den Menschen eine lebensermöglichende Welt wird. Sinn macht also aus einer Umgebung eine Welt. Er hat eine mehrfache Ausrichtung: Er bezieht sich einerseits auf die menschliche Sinnlichkeit als Tor der Erfahrung, auf die Inhalte dieser Erfahrung und andererseits auf das erfahrene Subjekt selber, das in dieser und durch diese Welt lebt. Er ist also subjektiv und objektiv zugleich. Sinn orientiert den Menschen in und über seine Welt und zugleich damit auch über sich selbst. Diese sinnhafte Orientierung wird durch sinnliche Erfahrung und geistige Deutung des Erfahrenen geleistet. Sie liegt der Unterscheidung von Subjekt und Objekt des Denkens und der Erkenntnis voraus (und wird daher oft zu-
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gunsten einer grundlegenden erkenntnistheoretischen Unterscheidung zwischen Subjekt und Objekt übersehen). Der Prozess der Sinnbildung lässt sich (künstlich) in vier Abschnitte einteilen. Am Beginn steht die Erfahrung von Lebensumständen und Ereignissen in ihnen, die der Mensch deuten muss, um in und mit ihnen leben zu können. Die Erfahrung liefert nicht einfach Rohdaten der Welt (also pure Faktizität), die dann gedeutet werden müssen, sondern sie selbst enthält bereits eine Bedeutung. Erfahrungen werden immer schon im Rahmen von Deutungsmustern gemacht, in denen sie ansprechbar und verstanden werden. Je nachdem, ob und wie sie in diese ihnen vorgegebene Deutungsmuster passen, müssen sie mehr oder weniger oder auch gar nicht (im Fall der Alltagserfahrung) durch Interpretation bearbeitet und in die schon immer gedeutete Welt eigens eingepasst werden. Diese Einpassung durch Deutung bedeutet eine eigens vollzogene und meist auch reflektierte Leistung des menschlichen Geistes. Sie macht den Menschen sich selbst und seine Welt verständlich. Über die Deutung von Erfahrung hinaus erstreckt sich diese Leistung des Verstehens auch auf die mentalen Vorgänge, in denen die gedeutete Erfahrung in den Horizont der schon gedeuteten Welt eingepasst und dort kohärent verordnet wird. Diese Ein-und Anpassung kann im Unterschied zur Deutung Interpretation genannt werden. Als interpretierte geht die Erfahrung dann in den geistigen Haushalt des Menschen ein und bestimmt die Motivation seines Handelns. Sinn ist die Klammer, die Erfahrung, Deutung, Interpretation und Motivation zusammenhält als Akt der menschlichen Weltbewältigung und Selbsthervorbringung. Im Prozess der sinnbildenden Weltbewältigung bildet sich zugleich die menschliche Subjektivität aus. Sie ist angelegt in der naturhaften und fundamentalen Selbstbezüglichkeit des Menschen: die Gewissheit des Selbst in allen Modi der Erfahrung und ihrer Deutung. Dass ‚ich‘ es bin, der z.B. den Schmerz oder die Last einer bedrückenden Erfahrung, aber auch Freude und Lust empfindet, oder auch einfach: der denkt oder fühlt, liegt der sozialen ‚Konstruktion‘ des Selbst immer schon voraus und zugrunde. Das Selbst kann nicht als eine bloße Konstruktion begriffen werden, die soziale Lebensumstände in ein menschliches Selbstverhältnis übersetzt. Vielmehr ermöglicht es allererst eine solche Konstruktion. Man greift also viel zu kurz, wenn man die menschliche Subjektivität von den Lebensumständen des jeweiligen Subjekts herleitet und sie als bloßen Reflex dieser Lebensumstände begreift. Dieses fundamentale Selbstsein des Menschen ist vom Anfang des menschlichen Lebens an da und wird im Laufe des Lebens ausdifferenziert in die Gestalt einer bewussten Subjektivität. Diese Subjektivität wird immer von vor- und unbewussten Dimensionen und Faktoren umgeben, beeinflusst und geprägt.
2.2 Sinn und Sinnbildung
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Sinn konstituiert mit der menschlichen Kultur auch das historische Denken. Es thematisiert die Vergangenheit, um Gegenwart verständlich und Zukunft erwartbar zu machen. Es rückt das gegenwärtige Leben und die Befindlichkeit des Subjekts in einen Zeithorizont, der die Grenzen von Geburt und Tod überschreitet und damit der menschlichen Identität eine weitgespannte innere Zeitlichkeit verleiht. In ihrer religiösen Dimension kann diese Identität die Zeit der ganzen Welt (im Christentum von der Schöpfung bis zur Apokalypse) umgreifen. In ihrer politischen Dimension kann sie sich von mythischen Ursprüngen bis in endzeitliche Epochen erstrecken. Auch in ihrer ästhetischen Dimension überschreitet sie die Grenzen ihrer individuellen Lebenszeit und erstreckt sich in weite Dimensionen der Geschichte und über die Geschichte hinaus ins Überzeitliche. Auf jeden Fall weitet sich im kulturellen Leben des Menschen dessen Zeitlichkeit stets über die biologischen Grenzen von Geburt und Tod hinaus. Diese zeitliche Weite wird von einer Sinnhaftigkeit getragen, die in besonderen kulturellen Praktiken (z.B. des Gedenkens oder der Zukunftsbeschwörung) eigens reflektiert und vollzogen wird. Das historische Denken lässt die Vergangenheit in eine Vergegenwärtigung vergehen, der das menschliche Erinnerungsvermögen bestimmend zugrundliegt. In diesem Vorgang gewinnt die Vergangenheit eine geistige Form im Gedächtnis des Menschen. Geht es in dieser Form darum, die Vergangenheit als solche, als zeitliche Kette von Ereignissen narrativ zu vergegenwärtigen, dann wird die Erinnerung zum Geschichtsbewusstsein. Durch diese historische Leistung des menschlichen Geistes wird aus Vergangenheit Geschichte. Sie lässt also die Vergangenheit nicht einfach vergangen sein, sondern hält sie als vergangene zur Deutung gegenwärtiger Lebensverhältnisse und zur Entwicklung von Zukunftsperspektiven im Modus reflektierter Deutung fest. Die Sinnbildung des Geschichtsbewusstseins kann in sehr unterschiedlicher Weise erfolgen. In logischer Eindeutigkeit (idealtypisch) lassen sich vier verschiedene Typen der historischen Sinnbildung unterscheiden: (1) als Tradition bestimmt die Vergangenheit die menschliche Lebensordnung der Gegenwart; (2) als Exempel liefert die Vergangenheit lebbare Erfahrungs- und Deutungsmuster der menschlichen Welt; (3) als Entwicklung gibt sie der zeitlichen Veränderung der menschlichen Welt eine handlungsleitende Ausrichtung; (4) und als Kritik wehrt sie Geltungsansprüche der kulturellen Überlieferung ab und schafft damit Raum für kulturelle Innovationen. Eine Typologie dieser Deutungsleistungen (Rüsen 2012) kann in unterschiedlichen Verknüpfungen und Abgrenzungen als Begriffsraster die Fülle historischer Phänomene im menschlichen Leben kognitiv erschließen und verständlich machen. Sie werden in allen Kulturen, wenn auch in ganz unterschiedlicher Weise, vollzogen,
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sind also anthropologisch universell. Die Typologie kann daher auch als Begriffsraster interkultureller Vergleiche dienen. Denn sie macht nicht einen (zumeist den westlichen) Typ zum Maßstab des Vergleichs, sondern eine anthropologische Universalie, die sich in verschiedenen Kulturen unter unterschiedlichen Bedingungen in je besonderer Weise ausprägt. Mit dieser Typologie lassen sich auch übergreifende historische Entwicklungen und Tendenzen idealtypisch konzipieren und zur Deutung historischer Prozesse verwenden. So kann man zum Beispiel eine anthropologisch fundierte Universalgeschichte des historischen Denkens begrifflich entwerfen: Analog zur fundamentalen Unterscheidung von vor-hochkulturellen (archaischen), hochkulturellen und modernen Lebensformen lassen sich Epochen der Geschichtskultur durch eine Sequenz von traditionalem über exemplarisches zu modernem Geschichtsdenken konzipieren. Kritische Sinnbildung fungiert als Medium des Übergangs von einer zur anderen Denkform. Die gegenwärtige Geschichtskultur ist einerseits durch die Begegnung (oft auch: Konfrontation) unterschiedlicher Traditionen und durch die Versuche bestimmt, weltumspannende Orientierungskrisen des historischen Denkens zu bewältigen. Dabei spielt die Frage nach der Rolle der Natur im kulturellen Selbstverständnis des Menschen eine besondere Rolle. Im Unterschied zu einer traditionellen scharfen Abgrenzung zwischen Kultur und Natur, die in den westlichen Ländern lange Zeit (bis in die jüngste Vergangenheit) vorgeherrscht hat, ist eine neue Herausforderung des Menschen an sein Verhältnis zur Natur getreten: Es wächst die Einsicht in die Verantwortung des Menschen für die Natur. Damit wird die Natur in den Umkreis der Kultur eingerückt und die traditionelle Trennung beider weicht der Einsicht in komplexe innere Zusammenhänge. Ein besonderes Problem stellt die historische Erfahrung von Sinnzerstörung und Sinnlosigkeit dar, von massiver Unmenschlichkeit des Menschen, für die paradigmatisch der Holocaust steht. Aber auch eine gegenteilige Erfahrung darf nicht übersehen werden: eine Manifestation von Sinn, ja auch eine Sinnüberwältigung, wie sie z.B. in großen Kunstwerken oder in religiösen Transzendenzerfahrungen der Fall ist. Diese Erfahrungen müssen in jedes Sinnkonzept des historischen Denkens systematisch integriert werden. ‚Systematisch‘ heißt, dass Sinnlosigkeit, aber auch Sinnüberwältigung nicht (mehr) als bloße Ausnahmeerscheinung angesehen werden können, sondern als integrales Moment jeder Sinnbildung gelten müssen. Für das historische Denken ist dieses integrale Moment weitgehend ein Fremdkörper geblieben. ‚Trauma‘ ist zwar zu einem Begriff des historischen Denkens geworden und von der Sache her auch in die Historiographie eingegangen, hat aber keine hinreichende geschichtstheoretische Analyse und Konzeption erfahren, und
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negative historische Sinnbildung, die Sinnlosigkeit und Sinnstörung in den zeitlichen Prozessen der menschlichen Welt, ist noch nicht systematisch in die Deutungsmuster des historischen Denkens eingegangen (Friedländer 2007 und 1998). Ähnliches gilt für die gegenteilige Erfahrung eines ‚Kairos‘, einer sinnerfüllten Zeit (Kinneavy 1998; Hofmann 2010). Sinn und Sinnbildung bleiben also Schlüsselthemen der Kulturwissenschaften. Das ist schon deshalb der Fall, weil neue Sinnstörungen im Umgang des Menschen mit sich selbst (seine Selbsttranszendierung ins Posthumane) und mit der Natur aufgetreten sind und bewältigt werden müssen. Lassen sich die etablierten Sinnkonzepte auf Entwicklungen des Menschseins übertragen, die unter der Bezeichnung ‚posthuman‘ auftreten? Oder erstreckt sich das Menschsein nicht grundsätzlich auf alle Formen und Inhalte der Kultur, auch und gerade dann, wenn sie neue Dimensionen von Sinn und Sinnlosigkeit eröffnen? Mit der Sinnkategorie steht also auch die Idee des Humanen und der Humanität auf dem Spiel. Solange es Menschen gibt, die sich dieser Idee verpflichten, bleibt auch das Posthumane menschlich.
Literatur Friedländer, Saul: Den Holocaust beschreiben. Auf dem Weg zu einer integrierten Geschichte. Göttingen 2007. Friedländer, Saul: Writing the history of the Shoa: Some major dilemmas. In: Horst-Walter Blanke,/Friedrich Jaeger/Thomas Sandkühler (Hg.): Dimensionen der Historik. Geschichtstheorie, Wissenschaftsgeschichte und Geschichtskultur heute. Köln 1998, 407– 414. Hofmann, Karl: Kairos. Navigator der menschlichen Zeit. Hernoul-le-Fin. Augsburg 2010. Kinneavy, James L/Eskin, Catherine R.: Kairos. In: Gert Ueding (Hg.): Historisches Wörterbuch der Rhetorik. Band 4. Darmstadt 1998, 836–844. Rüsen, Jörn: Historik. Theorie der Geschichtswissenschaft. Köln/Weimar/Wien 2013. Rüsen, Jörn: Die vier Typen des historischen Erzählens. In: Jörn Rüsen: Zeit und Sinn. Strategien historischen Denkens. Frankfurt a.M. 22012, 148–217.
Weiterführende Literatur Angehrn, Emil: Sinn und Nicht-Sinn. Das Verstehen des Menschen. Tübingen 2010. Angehrn, Emil: Die Herausforderung des Negativen. Zwischen Sinnverlangen und Sinnentzug. Basel 2015. Ankersmit, Frank: Die drei Sinnbildungsebenen der Geschichtsschreibung. In: Klaus E. Müller/Jörn Rüsen (Hg.): Historische Sinnbildung. Problemstellungen, Zeitkonzepte, Wahrnehmungshorizonte, Darstellungsstrategien. Reinbek bei Hamburg 1997, 98–117. Berger, Peter L./Luckmann, Thomas: Modernität, Pluralismus und Sinnkrise. Die Orientierung des modernen Menschen. Gütersloh 1995 (31998).
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Biller, Karl-Heinz: Habe Sinn und wisse Sinn zu wecken! Sinntheoretische Grundlagen der Pädagogik. Hohengehren 1991. Braungart, Georg: Leibhafter Sinn. Der andere Diskurs der Moderne. Tübingen 1995. Bruner, Jerome S.: Sinn, Kultur und Ich-Identität. Zur Kulturpsychologie des Sinns. Heidelberg 1997. Dux, Günter: Wie der Sinn in die Welt kam und was aus ihm wurde. In: Klaus E. Müller/Jörn Rüsen (Hg.): Historische Sinnbildung. Problemstellungen, Zeitkonzepte, Wahrnehmungshorizonte, Darstellungsstrategien. Reinbek bei Hamburg 1997, 195–217. Frankl, Victor E.: Der Mensch auf der Suche nach Sinn. Zur Rehumanisierung der Psychotherapie. Freiburg 1953. Hergemöller, Bernd-Ulrich: Weder – Noch. Traktat über die Sinnfrage. Hamburg 1985. Hölkeskamp, Karl-Joachim/Rüsen, Jörn/Stein-Hölkeskamp, Elke/Grütter, Heinrich Theodor (Hg.): Sinn (in) der Antike. Orientierungssysteme, Leitbilder und Wertkonzepte im Altertum. Mainz 2003. Jaeger, Friedrich: Bürgerliche Modernisierungskrise und historische Sinnbildung. Kulturgeschichte bei Droysen, Burckhardt und Max Weber. Göttingen 1994. Müller, Klaus E./Rüsen, Jörn (Hg.): Historische Sinnbildung. Problemstellungen, Zeitkonzepte, Wahrnehmungshorizonte, Darstellungsstrategien. Reinbek bei Hamburg 1997. Nagl-Docekal, Hertha (Hg.): Der Sinn des Historischen. Geschichtsphilosophische Debatten. Frankfurt a.M. 1966. Rüsen, Jörn: Zerbrechende Zeit. Über den Sinn der Geschichte. Köln 2001. Rüsen, Jörn: Historische Sinnbildung. Grundlagen, Formen, Entwicklungen. Wiesbaden 2020. Rustemeyer, Dirk: Sinnformen. Konstellationen von Sinn, Subjekt, Zeit und Moral. Hamburg 2001. Schmidt-Biggemann, Wilhelm: Sinn-Welten, Welten-Sinn. Eine philosophische Topik. Frankfurt a.M. 1992. Thies, Christian: Der Sinn der Sinnfrage. Metaphysische Reflexionen auf kantianischer Grundlage. Freiburg 2008.
2.3 Geschichtsphilosophie Christian Thies
Geschichtsphilosophie ist die Frage nach dem Verhältnis von Geschichte und Vernunft. Es lassen sich, ganz grob und idealtypisch, vier Antworten unterscheiden. 1. Es gibt keine Vernunft in der Geschichte, weder in der Geschichtswissenschaft (also der Historie) noch in der Geschichte selbst. Deshalb ist Geschichtsphilosophie unmöglich. 2. Die Historie ist das Ergebnis wissenschaftlicher Vernunft, die in einer formalen Geschichtsphilosophie reflektiert wird. 3. Die materiale Geschichtsphilosophie erlaubt sich, auf der Grundlage praktischer Vernunft, normative Urteile über geschichtliche Verläufe. 4. Die Geschichte ist vollständig von Vernunft durchdrungen. Deshalb ist die Historie die vornehmste Wissenschaft und die Geschichtsphilosophie sogar das Fundament der Philosophie. Diese vier zugespitzten Auffassungen möchte ich im Folgenden erläutern (auf der Grundlage von Thies 2021). Am Ende steht ein kurzes Fazit.
1. Gar keine Geschichtsphilosophie Geschichte sei zwar nicht unbedingt anti- oder irrational, aber doch a-rational, also ohne Vernunft. Das gelte sowohl für die Historie, die wissenschaftliche Geschichtsschreibung, als auch für die Geschichte selbst, das reale Geschehen. Das war die Auffassung des Aristoteles (384-322 v. Chr.). Er gilt als Ahnherr fast aller wichtigen Wissenschaften, aber die Historie, so seine These, sei überhaupt keine solche. Dafür werden zwei Gründe genannt. Zum einen beschäftige sie sich nur mit dem Besonderen, nicht aber, wie die anderen Wissenschaften, mit dem Allgemeinen. Insofern sei sogar die Dichtkunst, die allgemeine Möglichkeiten des Menschlichen und des Moralischen ausleuchte, wertvoller als die Geschichtsschreibung (Aristoteles, Poetik 1451 b 1-8).
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Zum anderen liefere die Historie kein Wissen von den Ursachen, keine episteme. Vielmehr verkörpere sie eine andere Wissensform, nämlich istoria, was sich mit „Kunde“ übersetzen ließe. Eine gute Historikerin gleiche dem kundigen Fachmann, der viel Erfahrung besitze, aber keine systematischen Erklärungen für die Phänomene kenne. Diese Unzulänglichkeit der Historie habe ihren Grund in der Sache: Wie so vieles hier auf Erden, also in der sublunaren Sphäre, sei das geschichtliche Geschehen kaum mehr als ein formloses Chaos. In der antiken Philosophie steht Aristoteles mit seiner ablehnenden Haltung zur Historie nicht allein. Trotz der großartigen Werke von Herodot (ca. 484-ca. 425 v. Chr.) und Thukydides (vor 454-ca. 399/396 v. Chr.) war die Geschichte für die antike Philosophie kein wichtiges Thema. Die Historie gehörte auch nicht zu den sieben freien Künsten (artes liberales), die man an den Philosophischen Fakultäten des Mittelalters studieren konnte. Die Auffassung, dass die Geschichtsschreibung keine Wissenschaft, sondern eher eine der schönen Künste oder bestenfalls eine Art Rhetorik sei, hat in den letzten Jahrzehnten eine erstaunliche Wiederbelebung erfahren. Das gilt vor allem für Denker, die sich dem vagen Oberbegriff der Postmoderne unterordnen lassen: Von den großen geschichtsphilosophischen Erzählungen müsse man sich verabschieden (Jean-François Lyotard, 1924-1998). Überhaupt gebe es in der Geschichte keine Kontinuitäten oder gar Fortschritte zu erkennen, sondern nur eine Abfolge zufälliger Ereignisse ohne tiefere Bedeutung (Michel Foucault, 1926-1984). Rhetorische Mittel, die sogenannten Tropen, und literarische Formen (Romanze, Komödie, Tragödie, Satire) seien konstitutiv für die Geschichtsschreibung (Hayden White, 19282018). Von den philosophischen Disziplinen ist deshalb die Ästhetik am wichtigsten. Die Grenzen zwischen Literatur und Wissenschaft seien generell fließend (Jacques Derrida, 1930-2004). Philosophie sei primär eine angenehme Zeitbeschäftigung, die sich für Bildungszwecke eigne (Richard Rorty, 1931-2007). Auf jeden Fall seien Wirklichkeitsbezug und Wahrheitsanspruch der Historie in Frage zu stellen. Es gebe überhaupt nur Interpretationen, Konstruktionen oder Fiktionen. Wer hingegen Aussagen mit Geltungsanspruch aufstelle, erst recht geschichtsphilosophische Thesen, habe dafür gewiss versteckte ideologische und machtstrategische Motive.
2. Formale Geschichtsphilosophie Nach der zweiten Auffassung könne an der Vernunft in der Historie kein Zweifel bestehen (vgl. schon Carr 1963, 61ff.). Aber worin genau bestehe diese? Welche Art von Erklärungen solle die Historie anbieten? Damit beschäftigt sich innerhalb der
2.3 Geschichtsphilosophie
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modernen analytischen Philosophie vor allem die Wissenschaftstheorie, die seit den 1930er-Jahren einen großen Aufschwung erlebte. Nach einer Extremposition soll die Historie denselben Kriterien und Regeln folgen wie die am weitesten fortgeschrittene empirische Wissenschaft, die Physik. Denn letztlich gebe es doch nur eine Wissenschaft, für deren Subdisziplinen mehr oder weniger dieselben Kriterien gelten müssten. Carl Gustav Hempel (1905-1997) hat deshalb versucht, das Modell deduktiv-nomologischer Erklärungen von den Naturwissenschaften auf die Historie zu übertragen (Hempel 1942/1965). Das fand jedoch wenig Anklang. Auch der Ertrag biologischer Erklärungen für geschichtliche Abläufe ist als äußerst gering einzuschätzen (siehe etwa Demandt 1985). Eine zweite Position sieht die Historie als Sozialwissenschaft (programmatisch Wehler 1973). Man kann Max Weber (1864-1920) als den Gründervater dieser Auffassung ansehen. Nicht Erklären wie in den Naturwissenschaften, auch nicht Verstehen wie in den Geisteswissenschaften, sondern eine Kombination beider gilt als das methodische Ideal. Besonders wichtig sei die Konstruktion brauchbarer Grundbegriffe. Die Historie könne zudem das umfangreiche Theorieangebot der Sozialwissenschaften für ihre Zwecke nutzen. Man denke etwa an die marxistische Klassentheorie, das makrosoziologische Differenzierungstheorem, die Theorie der imperialen Überdehnung oder Nikolai Dmitrijewitsch Kondratjews (1892-1938) Modell der langen ökonomischen Wellen. Auch funktionale Erklärungen wie in systemtheoretischen Ansätze wären hier erwähnenswert. Erst die dritte Position, die wohl die Mehrheitsmeinung ist, postuliert die Eigenständigkeit der Historie. Sie geht auf das 19. Jahrhundert zurück, als die Geschichtswissenschaft sich institutionell etablierte. In Deutschland ist sie eng verbunden mit dem Historismus und der von Johann Gustav Droysen (1808-1884) begründeten Historik, die Jörn Rüsen (*1938) in vielen Schriften weiterentwickelt hat (Rüsen 2013, 2020). (Ein alternatives Modell, das sich nicht durchsetzen konnte, ist die neukantianische Entgegensetzung von idiographischen und nomothetischen Wissenschaften.) Aus philosophischer Sicht kann ich hier nur zwei wichtige Themenbereiche erwähnen: Wer geschichtliche Prozesse erforscht, muss die involvierten menschlichen Akte verstehen; die dafür erforderliche Hermeneutik ist in den letzten Jahrzehnten auf verschiedenen Wegen erfolgreich weiterentwickelt worden (Scholz 2001; Detel 2011; Hösle 2018). Auf der Darstellungsebene sind die narrativen Erklärungen der Historie von anderen Erzählformen abzugrenzen, insbesondere von Alltagsgeschichten und literarischen Fiktionen, von Mythen und Märchen (vgl. Danto 1980; Ricoeur 1988).
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3. Materiale Geschichtsphilosophie Wenn aber in der Historie vernünftige Arbeit geleistet wird, warum dann nicht auch in der Geschichte selbst? Dabei kann es nicht bloß darum gehen, einzelne Heldenund Schandtaten in der Geschichte moralisch zu beurteilen. Eine materiale Geschichtsphilosophie will mehr, nämlich substantielle Aussagen zu politischen Strukturen und geschichtlichen Tendenzen machen. Das erfordert Werturteile, für deren Begründung nicht die theoretische, sondern die praktische Vernunft zuständig ist. Geschichtsphilosophie ist nach dieser Auffassung ein Anhang zur praktischen Philosophie. Dabei wird vorausgesetzt, dass sich in der Geschichte selbst bestimmte Verlaufsmuster identifizieren lassen. In allen Kulturkreisen dominierten früher eher zyklische Modelle; das beste Beispiel ist wohl die Geschichtsphilosophie von Ibn Khaldnjn (1332-1406) (Khaldnjn 1381/2011). Nur im Europa des 17. und 18. Jahrhunderts setzte sich eine andere Idee durch, die des Fortschritts. Zuerst wurde der Aufschwung der Wissenschaften (Francis Bacon, 1561-1626) konstatiert, dann eine Verbesserung der Wirtschaftsordnungen (Adam Smith, 1723-1790), vorher bereits die voranschreitende Vervollkommnung der ganzen Menschheit (Turgot, 1727-1781). Aus dieser Zeit stammt, solange die Begriffshistoriker keine älteren Befunde melden, auch das Wort „Geschichtsphilosophie“; so lautet nämlich der Titel von Voltaires (1694-1778) im Jahre 1765 zunächst anonym publizierten Schrift La Philosophie de l'histoire. Im deutschen Sprachraum folgen bald Johann Gottfried Herder (1744-1803) und Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781); ihren Höhepunkt erreicht die aufklärerische Geschichtsphilosophie bei Immanuel Kant (1724-1804). Welche Art von Fortschritt ist gemeint? Wie auch „Geschichte“ ist „Fortschritt“ ein Kollektivsingular. Man sollte besser den Plural benutzen und verschiedene Dimensionen des Fortschritts unterscheiden. Ich nenne nur drei Fortschrittsmodelle. Zunächst einmal lassen sich technische Fortschritte beschreiben. Diese mögen ihre Kosten und Schattenseiten haben, aber die Mittel, die uns heute zur Verfügung stehen, um die Natur zu beherrschen und die Gesellschaft zu organisieren, sind erheblich effizienter als in früheren Tagen. Es gibt also einen Fortschritt an Zweckrationalität. Max Weber hätte jedoch behauptet, dass entsprechende Aussagen zur Wertrationalität wissenschaftlich nicht vertretbar seien. Ob sich moralische, politische und rechtliche Fortschritte feststellen lassen, bliebe Ansichtssache (Weber 1917). Ein solcher normativer Skeptizismus ist heute nicht mehr nötig. Zwar mag eine „Letztbegründung“ unmöglich sein (so wie auch absolute Rechtfertigungen in anderen Wissenschaften), aber sehr wohl gibt es bessere und schlechtere normative Mo-
2.3 Geschichtsphilosophie
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delle. Deren Stammplatz ist die Ethik, die sich in den letzten Jahrzehnten überall im westlichen Wissenschaftssystem etabliert hat. Es dominieren zwei Richtungen (mit vielen unterschiedlichen Fraktionen), auf die sich die Geschichtsphilosophie stützen kann. Die eine ist der Utilitarismus, so wie er von Jeremy Bentham (1748-1832) und John Stuart Mill (1806-1873) entwickelt wurde; einer seiner heutigen Hauptvertreter ist Peter Singer (*1946). Die andere ist die deontologische Ethik, deren Grundlegung wir Immanuel Kant verdanken und die unter anderem von Jürgen Habermas (*1929) fortgeschrieben wurde. Auch das Werk von John Rawls (1921-2002) wäre hier zu nennen. Das utilitaristische Fortschrittsmodell verweist auf Zugewinne an Wohlstand, Lebenserwartung und Bildung (vgl. Pinker 2018). Das deontologische Modell betont hingegen den Rechtsfortschritt. Die nationalen Verfassungen und die internationale Rechtsordnung hätten sich verbessert; demokratische Staaten führen keine Kriege gegeneinander; Bürger- und Menschenrechte werden postuliert, politisch erkämpft und in verbindliche Fassungen gebracht. Solche Fortschritte sind immer umstritten, nicht nur von Rückschlägen bedroht, sondern tatsächlich durch solche oft unterbrochen. Aber ohne die wertenden Maßstäbe ließen sich auch Regressionen gar nicht erkennen und kritisieren. Die materiale Geschichtsphilosophie orientiert sich an der dritten Frage, die nach Kants berühmten Worten unsere Vernunft bewegt: Was darf ich hoffen? Zwar ordnet Kant die Antworten primär der Religionsphilosophie zu, aber für innerweltliche Hoffnungen ist die Geschichtsphilosophie zuständig. Wenn es einen normativ-praktischen Fortschritt, wie zerbrechlich auch immer, schon gibt und wenn wir durch eigenes individuelles und gemeinschaftliches Handeln diesen, wie minimal auch immer, vorantreiben können, dann dürfen wir auf ein Gelingen hoffen.
4. Metaphysische Geschichtsphilosophie Schließlich kann man die Geschichte insgesamt als vernünftig ansehen. Man müsse nur die chaotische Oberfläche geistig durchdringen, dann entdecke man das Wesen der Geschichte (wie man früher sagte) oder (wie man seit dem 19. Jahrhundert formuliert) ihren Sinn. Insbesondere die bereits erwähnte Idee des Fortschritts, so meinen einige, sei nicht bloß ein evaluativer Maßstab, sondern in der Sache selbst zu finden. Diese Auffassung wurde insbesondere im deutschen Idealismus entwickelt, schon bei Johann Gottlieb Fichte (1762-1814) und Friedrich Wilhelm Joseph Schelling (1775-1854), dann vor allem bei Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1831). Sie
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alle hielten apriorische Konstruktionen der Geschichte für möglich, da diese selbst ein Ausdruck objektiver Vernunft sei, womöglich sogar der wichtigste. Hegels Konzeption lässt sich, allerdings nahe an einer Karikatur, folgendermaßen zusammenfassen: Als vernünftige Wesen können wir gar nicht anders als rational an die Geschichte heranzugehen. Dann erkennen wir, dass es eine übergreifende vernünftige Substanz alles Seienden gebe. Diese zeige sich als kosmischer Geist, der sich zuerst in die Natur und dann in die Geschichte entäußere. In dieser seiner Entwicklung vervollkommne sich der Geist und werde sich in uns seiner selbst bewusst. Andere Maßstäbe müssen wir als unzulässig zurückweisen; deshalb gebe es auch keinen Dualismus zwischen Sein und Sollen; tendenziell seien das Vernünftige und das Wirkliche identisch (vgl. Hübner 2011). Karl Marx (1818-1883), Friedrich Engels (1820-1895) und Wladimir Iljitsch Lenin (1870-1924) haben diese Auffassung mit den empirischen Wissenschaften verbunden. Die zwischenzeitlich aufgekommene Evolutionstheorie Charles Darwins (1809-1882) war dafür eine wichtige Brücke, ebenso der technische Fortschritt. Alles sei geschichtlich, von der Entfaltung des Universums über die Entwicklung der biologischen Arten bis hin zur Geschichte der Menschheit. Der später dogmatisierte historische Materialismus dient dann als Fundament aller Sozial- und Geisteswissenschaften, der dialektische Materialismus sogar sämtlicher Wissenschaften. Überall zeigten sich dieselben Gesetzmäßigkeiten. Die Übertragung des Gesetzesbegriffs von der Natur auf die Geschichte, die auch dort genaue Vorhersagen ermöglichen soll, bezeichnete Karl Popper (1902-1994) in kritischer Absicht als „Historizismus“ (Popper 2003). Eine solche Geschichtsphilosophie ist nicht theologisch (zumindest nicht im üblichen Sinn), aber doch teleologisch – was heißt, dass der geschichtliche Verlauf rekonstruiert wird als Annäherung an ein erstrebenswertes Ziel. Rückschritte gelten als Umwege, in denen sich die List der Vernunft zeige. In dieser Fassung tritt die Geschichtsphilosophie an die Stelle der klassischen Metaphysik und erlaubt eine neue Art der Theodizee. Denn am Ende, vielleicht sogar bald, werde alles gut, zumindest so gut wie möglich.
5. Fazit Wie sind die vier Auffassungen, die ich hier nur holzschnittartig skizzierte, philosophisch zu beurteilen? Die erste Auffassung, die totale Ablehnung der Geschichtsphilosophie, kann nicht stimmen. Bei aller Kritik am gegenwärtigen Wissenschaftssystem ist an der Seriosität der etablierten historischen Forschung nicht zu zweifeln.
2.3 Geschichtsphilosophie
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Diese braucht eine wissenschaftstheoretische Reflexion, bei der die formale Geschichtsphilosophie sehr hilfreich sein wird, zumal sie idealerweise fruchtbare Vergleiche mit anderen Wissenschaften ermöglicht. Auch die vierte Auffassung, die metaphysische Geschichtsphilosophie, ist zurückzuweisen. Nicht nur spricht jeder Blick in eine Tageszeitung gegen die objektive Vernunft der Geschichte. Darüber hinaus führen teleologische Konstruktionen dazu, alles frühere und jetzige Elend als Mittel für einen höheren Zweck anzusehen; die großen Katastrophen und schrecklichen Verbrechen in der Geschichte wären dann als sinnvoll einzustufen – was die Opfer ein zweites Mal opfert. Umstritten mag aber sein, ob eine materiale Geschichtsphilosophie möglich ist. Wir sollten es uns mit moralischen und politischen Stellungnahmen in den Wissenschaften nicht so leicht machen, wie es heutzutage vielerorts geschieht. Das Postulat der Werturteilsfreiheit hat für empirische und hermeneutische Disziplinen weiterhin seine Berechtigung. Aber Vernunft ist mehr als methodischer Rationalismus; seit Sokrates (469-399 v. Chr.) gibt es auch einen normativ-praktischen Diskurs in Rede und Gegenrede mit besseren und schlechteren Gründen. Zu beachten ist allerdings immer der Pluralismus innerhalb der Ethik, etwa die Konkurrenz utilitaristischer und deontologischer Positionen. Darüber hinaus ist eine materiale Geschichtsphilosophie unverzichtbar, wenn wir uns als Menschheit im reißenden Strom der Geschichte selbst verorten wollen. Wo stehen wir, wo wollen wir hin, wo kommen wir her? Diese Fragen stellen sich heute dringender denn je. Dass die Geschichte insgesamt noch einen Sinn bekommt, ist unmöglich; zu hoffen ist aber, dass nicht zu viel Unsinn hinzugefügt wird.
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2.4 Natur – Kultur Caroline Arni / Milo Probst
Das Verhältnis zwischen Natur und Kultur gehört zu den Kernproblemen der Historik. Seit ihren Anfängen im 19. Jahrhundert kreist die moderne Geschichtswissenschaft um die Frage der menschlichen Geschichtsmächtigkeit, die tendenziell als Fähigkeit zur kulturellen Absetzung von naturhaft Gegebenem verstanden worden ist. Dieses Postulat gilt es spätestens im Hinblick auf die gegenwärtige Umweltkrise kritisch zu prüfen. Zu fragen wäre, ob die historiografischen Programmatiken in der Lage sind, zum einen die anthropologische Partikularität des seit der Moderne weitverbreiteten Natur-Kultur-Dualismus anzuerkennen und zum andern der Tatsache Rechnung zu tragen, dass die Geschichtlichkeit der Menschen immer in einem Verhältnis zum Nicht-Menschlichen steht.
Die „große Trennung“ Erst im 20. Jahrhundert etablierte sich in den Wissenschaften jener Dualismus, der „Natur“ und „Kultur“ als Gegenbegriffe zueinander sinnfällig machte, indem er die Natur als Reich der Notwendigkeit und Gesetzmäßigkeit begriff und die Kultur demgegenüber als einen Bereich menschlicher Freiheit und Autonomie bestimmte. Der Anthropologe Philippe Descola (2013) hat diese Spaltung in zwei verschiedenartige Gegenstandsbereiche als „grosse Trennung“ beschrieben, deren Entstehungsgeschichte er vom Naturbegriff der Antike bis zum wissenschaftlichen Kulturbegriff des 20. Jahrhunderts reichen lässt: Hatte in der Antike der aristotelische Natur-Begriff einen Gegenstandsbereich geschaffen, zu dem auch der Mensch gehörte, so löste im Mittelalter die christliche Vorstellung menschlicher Transzendenz diese Einheit auf, worauf die Wissenschaften der Moderne einen Begriff von Kultur hervorbrachten, der diese als das Andere der Natur definierte. Damit wurde der Dualismus selbst autonom bzw. gegenständlich: nämlich in der sozial- und kulturanthropologischen Frage nach der Vielfalt der Weisen, in denen Gesellschaften als Sinngemeinschaften Natur und Kultur aufeinander beziehen.
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Diese Geschichte ist nicht die Geschichte einer Entdeckung. Vielmehr ist es die Geschichte einer Eskamotage: Indem die wissenschaftliche Teilung in natürliche und kulturelle Gegenstände vorgibt, die Beschaffenheit der Welt abzubilden, verschleiert sie, dass diese Teilung eine kontingente Weise ist, Menschen und NichtMenschliches zueinander in Beziehung zu setzen. Es ist auch die Geschichte einer konzeptuellen Sackgasse. Sind Natur und Kultur als Gegenbegriffe gesetzt, dann spielt sich jede Beschreibung ihres Verhältnisses zwischen zwei Polen ab: auf der einen Seite der naturalistische Monismus einer „natürlichen Kultur“, auf der anderen der kulturalistische Relativismus einer „kulturellen Natur“ (Descola 2013). Darauf hat bereits Karl Mannheim (1893-1947) in einer in den 1920er Jahren verfassten Abhandlung hingewiesen, die freilich selbst der Geschichte der Natur-Kultur-Trennung angehört bzw. diese in paradigmatischer Weise zu illustrieren vermag. Der „moderne“ Kulturbegriff bezeichnet bei Mannheim eine im Verlauf eines historischen Prozesses erlangte Erkenntnis über die Eigenart der Kultur als „Nicht-Natur“, der als Natur „das vom Geistigen Undurchdringbare, Wertindifferente, dem geistighistorischen Werdegang nicht Unterworfene“ gegenüber steht. Damit komme es zu einer „eigentümliche(n) Expansion des Kulturbegriffes“: „Je mehr der Mensch seiner historischen Bestimmtheit bewußt wird, um so weniger ist ihm möglich, seine innen- und außenweltlichen Gegebenheiten als naturhaft-stabile aufzufassen.“ Neben der „Welt der Werke“ wird so auch der Mensch selbst Kultur; als natürliches Residuum verbleiben infolge „ihrer Sinnfremdheit und Ahistorizität“ einzig „unser Triebleben und unsere Sinnlichkeit“ (Mannheim 1980, 48f.). Nicht zufällig setzen genau da wiederum die Argumente an, die auf den entgegengesetzten Pol einer „natürlichen Kultur“ zulaufen (siehe dazu paradigmatisch die Soziobiologie; klassisch: Wilson 1975; als kritische wissenschaftshistorische Analyse: Dupré 2001). Im Mannheim’schen Kulturbegriff wird auch deutlich, auf welche Weise die Geschichtswissenschaft Teil der Natur-Kultur-Trennung geworden ist: indem sie auf den Bereich des menschlichen Handelns festgelegt wurde. Mit der Kopplung der Kategorien „Kultur“ und „Geschichte“ propagierte das kulturevolutionistische Paradigma des 19. Jahrhunderts einen Unterschied zwischen geschichtlichen Kultur- und geschichtslosen Naturvölkern (Fabian 1983); aber auch der jedem Evolutionismus abgeneigte Historismus verstand Geschichte als Ausfluss menschlicher Intention. Und doch ließ sich das Historische nicht einfach dem Kulturellen subsumieren, wurde doch in der Neuzeit ihrerseits die Natur selbst geschichtlich verfasst. Die bis ins 18. Jahrhundert gelehrte, auf die antike Naturalis Historia zurückgehende Naturgeschichte hatte die Naturdinge einer klassifizierenden Beschreibung unterzogen, die der Sichtbarmachung der von Gott gestifteten Ordnung der Schöpfung galt. Diese Ordnung war nicht geschichtlich im modernen Begriffssinn, also nicht Resultat eines
2.4 Natur – Kultur
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Entstehungsprozesses, sondern Katalog des Gegebenen. Das änderte sich im 18. Jahrhundert, als die Frage nach der Entstehung der Naturdinge aufkam, zuerst als eine neuartige, nun zeitlich aufgefasste Lesart der Scala Naturae (Lovejoy 1993), dann im Konzept der Evolution bzw. der Entwicklung, das entweder teleologisch als gerichteter oder aber ergebnisoffen als ungerichteter Prozess bestimmt wurde (Canguilhem et al. 2003). So wurde im 19. Jahrhundert einerseits das Geschichtliche an menschliches Handeln gebunden: Als wissenschaftliche Disziplin fiel die Geschichte auf die Seite der Nicht-Naturwissenschaften, wobei bezeichnenderweise offenblieb bzw. Gegenstand von Debatten werden sollte, ob sie sich als Geisteswissenschaft, Sozialwissenschaft oder Kulturwissenschaft zu begreifen habe. Andererseits wurde das Geschichtliche Merkmal „alles Empirischen“ (Foucault 2003): Stein, Lebewesen, Gattungen – alles Ergebnisse historischer Prozesse. Die in der Spätaufklärung formulierte Frage, ob und wie „Natur- und Geschichtsentwicklung“ zusammenhängen (Reill 1994, 55), blieb entsprechend weiterhin gültig. Sicher ging die Entstehung der modernen Geschichtswissenschaft nicht in einer Verdrängung natürlicher Begebenheiten auf (so McNeill 2003, 14).
Natur, Kultur, Geschichte Wird berücksichtigt, dass die Geschichtswissenschaft nie von der Historizität menschlicher Kulturen allein gehandelt hat, so lassen sich vielfältige historiographische Thematisierungen von Naturverhältnissen seit dem 19. Jahrhundert ausmachen. So gründete die historisch-materialistische Kritik am Idealismus auf dessen „Gegensatz von Natur und Geschichte“, wie es Marx (1818-1883) und Engels (1820-1895) im Jahre 1845 ausdrückten (Marx 1990, 39). Die Historizität menschlicher Gesellschaften sei immer aus der „körperlichen Organisation“ des Menschen und aus seinem „Verhältnis zur übrigen Natur“ zu erschließen (Marx 1990, 20). Dieses Postulat lässt sich als Grundsatz für spätere sozialhistorische Arbeiten lesen, die die Geschichtlichkeit von Zugriffen auf die Natur in ihren Zusammenhängen mit zwischenmenschlichen Herrschaftsverhältnissen zu verstehen suchten (z.B. Polanyi 2017 [1944]). Auch in der explizit kulturgeschichtlichen Programmatik von Karl Lamprecht (1856-1915) zählten 1896 natürliche Bedingungen wie Klima, Geografie, Bodenbeschaffenheit oder Ressourcenverfügbarkeit zu den „Faktoren des geschichtlichen Lebens“ (Lamprecht 1896, 111). Zivilisatorischen Fortschritt verstand er als Resultat einer zunehmenden Naturbeherrschung, die allerdings auch eine „Verviel-
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fältigung“ der gesellschaftlichen Beziehungen zur Natur bewirkte (Lamprecht 1896, 112). Im 20. Jahrhundert waren es prominent die Annales-Historiker, die in Abkehr von politikgeschichtlichen Ansätzen auf humangeografische Arbeiten zurückgriffen, von denen sie sich Erklärungen für die Zusammenhänge zwischen Naturräumen und Lebensweisen erhofften. Dabei wurden natürliche Gegebenheiten – wie etwa das Mittelmeer – zu eigentlichen historischen Subjekten, wie die unterste Zeitebene der Braudel’schen „histoire totale“ verdeutlicht (Braudel 1990 [1949]). Nur begrenzt jedoch interessierte hier die anthropogene Transformation nicht-menschlicher Umwelten, sodass sich letztlich eine Kluft zwischen einer Geschichte der Natur „ohne den Menschen“ und einer Geschichte kollektiver Naturvorstellungen auftat (Locher/Quenet 2009, 19). Ganz im Zeichen des kulturwissenschaftlichen Programms widmete sich ab den 1980er Jahren die Historische Anthropologie der Historisierung des vermeintlich „Natürlichen“. Im Verbund mit insbesondere frauen- und geschlechtergeschichtlicher Forschung erweiterte dieser Zugang das gegenständliche Repertoire der historischen Forschung maßgeblich, etwa auf Körper oder Sexualität. Zugleich erschwerte die Ausrichtung am Leitkonzept der Aneignung durch kulturelle Deutung aber eben auch Zugriffe auf Naturverhältnisse, die nicht allein durch Interpretation vermittelt sind (Arni 2018). Es war die Umweltgeschichte, die in den 1970er Jahren in den USA und deutlich später in Westeuropa die Beziehung zwischen Menschen und ihren natürlichen Umwelten zum Gegenstand machte – auf durchaus heterogene Weise: Ökosysteme oder Klima und ihr wandelbarer Einfluss auf Gesellschaften (Pfister et al. 1999) sind hier ebenso Thema wie Natur (Merchant 1982) oder anthropogene Transformationen nicht-menschlicher Umwelten (Cronon 1992). Bereits dieses unvollständige Panorama zeigt die Komplexität der historiographischen Auseinandersetzung mit „Natur“ und „Kultur“. Weder geht sie insgesamt in einer dualistischen Epistemologie auf, noch verengt sie das Geschichtliche auf Kultur oder die Kultur auf das Andere von Natur. Natur ihrerseits wird als – gesellschaftlich vermittelter oder unmittelbar wirksamer – Faktor geschichtlicher Entwicklung ebenso wie als Rohstoff kultureller Deutung und Symbolisierung behandelt. Trotz – oder gerade wegen – dieser programmatischen Vielfalt kann auch die Geschichtsschreibung von einer erneuerten theoretischen Reflexion der Kategorien „Natur“ und „Kultur“ profitieren.
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Jenseits von Natur und Kultur Seit dem ausgehenden 20. Jahrhundert wird der Natur-Kultur-Dualismus in den Kulturwissenschaften selbst als Erkenntnishindernis problematisiert, wobei insbesondere Beiträge aus den Science and Technology Studies die Reflexion antrieben. So weisen unterdessen gebräuchliche begriffliche Wendungen wie natureculture (Haraway 2003) auf die rein kategoriale Unterscheidung von eigentlich vermischten Gegenstandsbereichen hin. Nicht selten werden dabei Entwicklungen in den Naturwissenschaften für das Argument in Anspruch genommen, so etwa der Umstand, dass in den Life Sciences das neue Paradigma des Postgenomischen die (immer schon artifiziellen) nature-vs-nurture-Debatten hat obsolet werden lassen (Keller 2010). Postuliert das Konzept der natureculture eine Verschränktheit von Natur und Kultur, die so tiefgreifend ist, dass sie jede kategoriale Unterscheidung letztlich unterläuft, so plädieren andere für die Beibehaltung einer zwar revisionsbedürftigen, aber weiterhin brauchbaren Unterscheidung. Im Blick ist hier die Rekuperation von Natur gegenüber dem Umschlagen poststrukturalistisch oder konstruktivistisch ausgerichteter Kritik an der Naturalisierung gesellschaftlicher Verhältnis in eine eigentliche Irrelevanzerklärung von Naturdingen (Plumwood 2005). Schliesslich zeichnen sich auch theoretische Alternativen ab, die – durchaus ähnlich motiviert – auf ein radikales „Jenseits von Natur und Kultur“ zielen (Holbraad/Pedersen 2017; Charbonnier/Salmon/Skafish 2017). So schlägt Philippe Descola in seinem Entwurf einer ontologischen Grammatik vor, die Natur-Kultur-Unterscheidung als eine spezifische Weise zu verstehen, wie Menschen sich zu Nicht-Menschlichem in Beziehung setzen (Descola 2013). In dieser Hinsicht – nicht mit Blick darauf, wie sie Natur kulturell unterschiedlich deuten, repräsentieren oder sich aneignen – seien Gesellschaften miteinander zu vergleichen. Diese Programmatik hat nicht nur eine analytische, sondern auch eine (fach-)politische Dimension, gehört sie doch zur fortgesetzten Anstrengung, die Anthropologie zu „dekolonisieren“. Es gilt die Asymmetrie auszuhebeln, die entsteht, wenn Kultur auf die Diversität von repräsentationalen oder epistemologischen Registern und Praktiken angelegt wird, unterstellt dies doch ein gleiches Verhältnis zur Welt, das die einen aber besser handhaben als die anderen: Alle interpretieren, während die Anthropologin überdies weiß, dass die Realität der Menschen eine Frage der Interpretation ist – und sich im Zweifelsfall auf die Tatsachenfeststellung der Naturwissenschaften berufen kann. Charakteristisch für die kritische Auseinandersetzung mit dieser Asymmetrie ist die Erweiterung von Eurozentrismus- auf Anthropozentrismuskritik (Latour 2008). Letzterem wird mit einem auf nicht-menschliche Akteurschaft erweiterten, nicht- intentionalen Handlungsbegriff begegnet, der auf seine
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Weise das Verhältnis von Menschlichem und Nicht-Menschlichem zu einer neuen analytischen Leitkategorie erhebt, die jene nach dem Verhältnis von Natur und Kultur ablöst. Aus diesen Debatten gewinnt auch die Geschichtsschreibung Anregungen in gegenständlicher und konzeptueller Hinsicht. Dies zeigt sich etwa in der Hinwendung zu einer multispecies history, in der nicht nur Menschen als geschichtsmächtige Subjekte in Erscheinung treten, sondern auch Pflanzen oder Tiere. Als äußerst produktiv erweist sich auch ein Fragen nach „Naturverhältnissen“, das den Fokus auf historisch und lokal spezifische Relationen von Menschen und Nicht-Menschlichem legt und dabei auch die Heterogenität bestimmter ontologischer Grammatiken wie derjenigen des Naturalismus freilegt (Probst 2020). Umweltfragen geben all diesen Ansätzen zurzeit eine politische Dringlichkeit und Relevanz. Mit dem 2001 erstmals vorgeschlagenen Begriff des Anthropozäns als neues geologisches Zeitalter ist auch die Historiographie herausgefordert worden, der sich eine Reihe von Fragen stellen: Wie sollen unterschiedliche zeitliche und räumliche Skalen miteinander verknüpft werden (Chakrabarty 2009; Westermann/Höhler 2020)? Wie können nicht-menschliche Entitäten in historische Narrative einbezogen werden (Ghosh 2021)? Und wie vertragen sich große, menschheitsgeschichtliche oder gar geohistorische Perspektiven mit kleinteiligeren, für zwischenmenschliche Herrschaftsverhältnisse sensiblen Ansätzen (Malm/Hornborg 2014)? Innovative Kraft entfalten historische Studien im Zeichen dieser Fragen und Ansätze immer dann, wenn sie Natur nicht als Gegenbegriff zu Kultur begreifen und außerdem nicht eine bestimmte Auffassung von Natur voraussetzen, sondern sich für historisch spezifische Verständnisse von Natur – diesem „flüchtigsten aller Konzepte“ (Jordanova 1999) – interessieren. Aufschlussreich dürfte dabei auch sein, „Natur“ in ihrer jeweiligen historischen und kontextuellen Spezifizität nicht nur als wissenschaftliches oder gelehrtes Konzept, sondern auch als politische, ethische oder ästhetische Kategorie zu untersuchen.
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2.5 Geist Friedrich Jaeger
Die Schlüsselstellung des Geistbegriffs in der Geschichtstheorie des 19. und 20. Jahrhunderts erweist sich darin, dass einige der einflussreichsten Strömungen des historischen Denkens in dieser Zeit aus einer kritischen Auseinandersetzung mit Hegels Philosophie des Geistes hervorgegangen sind. Wichtige Pfade dieser Auseinandersetzung lassen sich am Beispiel des Historismus, des Marxismus sowie anhand der heterogenen Strömungen des geistes- und kulturwissenschaftlichen Denkens seit dem späten 19. Jahrhundert aufzeigen. Im Denken Georg Wilhelm Friedrich Hegels (1770-1831) steht der Begriff des Geistes im Zentrum seiner Auseinandersetzung mit dem subjektiven Idealismus Immanuel Kants (1724-1804), der sich – so die Hegelsche Kritik – mit seiner Reduktion der objektiven Welt zu einer apriorischen Konstitutionsleistung des menschlichen Denkens „nicht auf die Inhalte einlässt“ (Hegel 1986, 123). Demgegenüber zielt Hegels Begriff des Geistes darauf, die „Einheit des Begriffs und der Objektivität“, also die Geschichte der Welt und den Prozess der historischen Erkenntnis miteinander in Übereinstimmung zu bringen (Hegel 1986, 367). Der menschliche Geist wird auf diesem Wege zum Element eines dreistufigen Realprozesses, in dem sich die absolute Idee an die Welt objektiver Erscheinungen entäußert und im Medium ihrer geistigen Selbsterkenntnis auf einer neuen Stufe wieder zu sich selber kommt. Gegenüber dem aufklärerischen Pragmatismus und seinem Denken in Ursache-WirkungsRelationen gewinnt die Geschichte auf diese Weise den Charakter einer dialektischen, sich beständig steigernden Selbsthervorbringung des menschlichen Geistes, in dessen Zentrum Hegel die Idee der Freiheit verortet hat: „Die Tätigkeit ist sein Wesen; er ist sein Produkt, und so ist er sein Anfang und auch sein Ende. Seine Freiheit besteht nicht in einem ruhenden Sein, sondern in der beständigen Negation dessen, was die Freiheit aufzuheben droht. Sich zu produzieren, sich zum Gegenstande seiner selbst zu machen, von sich zu wissen, ist das Geschäft des Geistes; so ist er für sich selber“ (Hegel 1955, 55). Der Historismus steht zu diesem Erbe Hegels in einem ambivalenten Verhältnis. Zum einen existieren vielfältige Anknüpfungspunkte. So lässt sich etwa die geschichtsphilosophische Grundüberzeugung Wilhelm von Humboldts (1767-1835), dass der Geist eine „vorhergängige, ursprüngliche Übereinstimmung zwischen dem
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Friedrich Jaeger
Subject und Object“ konstituiere (Humboldt 1969, 596f.), als eine methodische Voraussetzung der historischen Hermeneutik begreifen, die die Möglichkeit des Verstehens als einer grundsätzlichen Einheit des Verstehenden und des Verstandenen begründet. Ferner fußt das den Historismus prägende Konzept von Geschichte als Entwicklungsprozess der sittlichen Welt wesentlich auf dem Hegelschen Begriff des Geistes. In einer bekannten Formulierung Johann Gustav Droysens (1808-1884) wird dies schlaglichtartig deutlich: „Bis in die äußerste Spitze hin ist es wahr, daß sich der Geist den Körper baut. […] Seine eigene menschliche, sittliche Welt baut er [der Mensch, d. Verf.] sich nach dem Wesen, das in ihm ist, oder richtiger, nicht ist, sondern rastlos wird und werden will“ (Droysen 1977, 27). Zum anderen artikulierte der Historismus mit seiner methodischen Orientierung an der „Empirie der Tatsachen“ eine grundsätzliche Kritik an Hegels spekulativer Methode, die vor allem von Leopold von Ranke (1795-1886), dem Kollegen Hegels an der Berliner Universität, formuliert worden ist. An die Stelle einer philosophischen Deduktion geschichtlicher Selbstartikulationen des Geistes tritt bei Ranke die Vorstellung einer historisch kontingenten, keiner philosophischen Logik gehorchenden Abfolge geschichtlicher Individuen, die nicht hierarchisch zu ordnen sind, sondern ihren Wert in sich selber tragen: „Während der Betrachtung des Einzelnen wird sich […] der Gang zeigen, den die Entwicklung der Welt im allgemeinen genommen“ (Ranke 1977, 88; hierzu auch Jaeger 1997). Und diese geschichtliche Entwicklung der Welt in der Aufeinanderfolge einzelner Individuen ist nicht aus einer geistigen, sich in der Geschichte mit Notwendigkeit realisierenden Prozessstruktur abzuleiten, vielmehr vermag der Historiker auf dem Wege „geistiger Apperzeption“ für Ranke nur ein „Mitgefühl ihres Daseins“ zu erzeugen (Ranke 1963, 41). Auch die gedanklichen Grundlagen des Marxismus sind in unmittelbarer Auseinandersetzung mit Hegel und seiner Konzeption des Geistes als Triebkraft des geschichtlichen Wandels entstanden. In einem Brief an Ferdinand Lasalle nannte Karl Marx (1818-1883) Hegels Dialektik des Geistes „unbedingt das letzte Wort aller Philosophie“, so dass es in Zukunft allein noch darum gehe, sie „von dem mystischen Schein, den sie bei Hegel hat, zu befreien“ (Marx 1978, 561). Dieses Motiv der Entmystifizierung des Geistes verbindet sich im Marxismus mit einer doppelten materialistischen Wende, die sowohl das Verhältnis zwischen Welt und Erkenntnis als auch die spekulative Methode von Hegels Philosophie des Geistes betrifft: Der Marxismus kehrt das Verhältnis zwischen Basis und Überbau um. Hatte Droysen noch mit Hegel postuliert, „daß sich der Geist den Körper baut“, die geschichtliche Welt also im Wesentlichen aus geistigen Triebkräften erwächst, die die materielle Wirklichkeit erschaffen und sich im Modus des hermeneutischen Verstehens begreifen lassen, so gilt für den Marxismus umgekehrt, dass Geist und Geschichte aus den
2.5 Geist
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materiellen Faktoren der menschlichen Lebenspraxis hervorgehen, denn „die ihre materielle Produktion und ihren materiellen Verkehr entwickelnden Menschen ändern mit dieser ihrer Wirklichkeit auch ihr Denken und die Produkte ihres Denkens. Nicht das Bewußtsein bestimmt das Leben, sondern das Leben bestimmt das Bewußtsein“ (Marx/Engels 1978, 27). Unter methodischen Gesichtspunkten repräsentiert diese Vorstellung von Basis und Überbau sowie die mit ihr verbundene Akzentuierung materieller Entwicklungsfaktoren menschlicher Lebensverhältnisse einen frühen ‚strukturalistischen‘ Gegenentwurf zu den hermeneutischen Positionen im Kontext des Historismus. Anders als der Historismus mit seiner antispekulativen Wendung zur historischen Hermeneutik hält der Marxismus an Hegels Idee eines notwendigen Fortschritts der menschlichen Freiheit fest, begreift diesen Fortschritt jedoch nicht mehr als eine stufenförmige Selbstrealisation des Geistes, sondern als eine gesetzesförmige Abfolge ökonomisch bedingter Produktionsweisen und Gesellschaftsformationen und bindet sie zugleich an die revolutionäre Praxis politischer und gesellschaftlicher Umgestaltung durch soziale Klassen, die im Denken des Marxismus gewissermaßen das Erbe des Hegelschen Weltgeistes antreten. Schließlich lassen sich die geistes- und kulturwissenschaftlichen Theorietraditionen des 19. und 20. Jahrhunderts als ein heterogenes intellektuelles Feld verstehen, auf dem das Erbe des Hegelschen Geistbegriffs kritisch erörtert worden ist. Am Anfang dieser Traditionen steht das kulturgeschichtliche Werk Jacob Burckhardts (1818-1897). Seinem bekannten Wort vom Geist als dem „Wühler“ liegt ein anthropologisches Konzept geschichtlicher Entwicklungen zugrunde, das den Freiheitsund Fortschrittsversprechen der Hegelschen Philosophie des Geistes zugunsten einer Konstanz des Menschlichen sowie einer Pathologie der geschichtlichen Entwicklung entsagt: „Unser Ausgangspunkt ist der vom einzigen bleibenden und für uns möglichen Zentrum, vom duldenden, strebenden und handelnden Menschen, wie er ist und immer war und sein wird; daher unsere Betrachtung gewissermaßen pathologisch sein wird. Die Geschichtsphilosophen betrachten das Vergangene als Gegensatz und Vorstufe zu uns als Entwickelten; – wir betrachten das sich Wiederholende, Konstante, Typische als ein in uns Anklingendes und Verständliches“ (Burckhardt 1929, 3; Hervorh. im Orig.). Auch Max Webers (1864-1920) stark vom süddeutschen Neukantianismus Wilhelm Windelbands (1848-1915) und Heinrich Rickerts (1863-1936) geprägte Wissenschaftslehre kann als Gegenposition zu Hegels Philosophie des Geistes gelesen werden. Webers Begriff der Kultur dokumentiert in gewisser Weise eine Rückkehr von Hegel zu Kant, indem er sowohl die Kultur als auch die Kulturwissenschaft als Ausdruck der transzendentalen Fähigkeit des Menschen zur Bildung von Werten,
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Friedrich Jaeger
Sinn und Bedeutung definiert: „Transzendentale Voraussetzung jeder Kulturwissenschaft ist nicht etwa, daß wir eine bestimmte oder überhaupt irgend eine ‚Kultur‘ wertvoll finden, sondern daß wir Kulturmenschen sind, begabt mit der Fähigkeit und dem Willen, bewußt zur Welt Stellung zu nehmen und ihr einen Sinn zu verleihen […] Welches immer der Inhalt dieser Stellungnahme sei, – diese Erscheinungen haben für uns Kulturbedeutung, auf dieser Bedeutung beruht allein ihr wissenschaftliches Interesse“ (Weber 1985, 180f.). Epistemologisch löst sich damit die Hegelsche Verbindung von Geist und Welt, Idee und Wirklichkeit wieder auf, denn Weber hat Kultur nicht als Ausdruck einer objektiven Geschehensvernunft, sondern allein als Ergebnis einer subjektiven Konstruktionsleistung begriffen. Sie kennzeichnet keinen objektiven Zusammenhang von Dingen, sondern einen gedanklichen Zusammenhang von Problemstellungen, Bedeutungen und Sinngebilden. Daher definiert Weber den Idealtypus, der in seiner Wissenschaftslehre an die Stelle des idealistischen Begriffs der Idee oder des Geistes rückt, als eine „Idee, die wir schaffen“ (Weber 1985, 198). Es handelt sich um ein theoretisch-methodisches Instrument, um den konstruktivistisch geprägten Erkenntnisprozess der Kulturwissenschaften begrifflich zu rationalisieren. Einen weiteren Versuch, die Spannung zwischen Kant und Hegel zu Beginn des 20. Jahrhunderts aufzulösen, stellt Wilhelm Diltheys (1833-1911) Konzeption der Geisteswissenschaften und sein Programm einer „Kritik der historischen Vernunft“ dar (Jaeger/Rüsen 1992, 148–151). Aus der Überzeugung heraus, dass die „Zeit der metaphysischen Begründung der historischen Geisteswissenschaften ganz vorüber ist“, rekurriert Dilthey auf den Umstand, dass die objektive Realität der Welt einzig gegeben ist in „Tatsachen des Bewusstseins“ (Dilthey 1922, XVI). Allerdings begreift er den Menschen als Träger dieses Bewusstseins nicht mehr im Sinne Kants als ein transzendentales Subjekt der reinen Vernunft, sondern als ein in praktischkonkrete Lebens- und Erlebenszusammenhänge verwobenes Subjekt, gewissermaßen als das „wollend fühlend vorstellende Wesen“ (Dilthey 1922, XVIII), das sich im Modus der Geisteswissenschaften reflexiv zu sich selbst verhält. ‚Geist‘ wird zu einer Form des Selbstbewusstseins von Leben, d.h. zu einem Vorgang, „durch den Leben über sich selbst in seinen Tiefen aufgeklärt wird“ (Dilthey 1973, 87). Leben tritt damit an die Stelle des Hegelschen Totalitätsbegriffs des Geistes und beansprucht, die Objektivität der Welt und die Subjektivität des Menschen erneut miteinander vereinen zu können, womit sich jedoch das Metaphysikproblem, dem Dilthey eigentlich entgehen wollte, auf neue Weise stellt. Einen Versuch, Geist unmittelbar auf Praxis zu beziehen, ohne dabei die lebensphilosophische Erblast Diltheys zu übernehmen, repräsentiert die naturalistisch geprägte, vor allem von John Dewey (1859-1952) und George Herbert Mead (1863-
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1931) verkörperte Tradition des amerikanischen Pragmatismus, in der der Geist als eine Summe von Erfahrungen die Kommunikation des Menschen mit seiner natürlichen und sozialen Umgebung regelt (Dewey 2007; hierzu auch Jaeger 2001, 266– 309). In den geistes-, ideen-, mentalitäts-, begriffs- und kulturgeschichtlichen Strömungen des 20. und 21. Jahrhunderts, für die die Mentalitätsgeschichte der Annales, die Intellectual History der Cambridge School, die deutsche Tradition der Begriffsgeschichte sowie die aktuellen Strömungen der ‚neuen Kulturgeschichte‘ die maßgeblichen Paradigmen bilden, stellt sich die Frage nach dem Verhältnis zwischen Mensch, Welt und Natur (exemplarisch Welsch 2012), zwischen Subjekt und Objekt, zwischen kulturellen Ideen und sozialen Kontexten, zwischen Sprache und Struktur immer wieder neu. Die Doppelnatur der Kultur als Prozess der Deutung und Sinnbildung einerseits sowie als materielles Substrat menschlichen Handelns und der sich in ihm vollziehenden Aneignung von Natur und Welt andererseits verleiht der Hegelschen Philosophie des Geistes in den genannten Strömungen eine andauernde Aktualität. Anders ist dies jedoch bei den philosophischen Projekten, die heute als ‚Philosophie des Geistes‘ fungieren, denn diese haben mit der spekulativen idealistischen Philosophie Hegels nichts mehr gemeinsam (als Überblicke und aktuelle Positionen vgl. Kim 1998; Dennett 2018). Sie sind maßgeblich von der analytischen Philosophie geprägt, welche sich als Gegenreaktion zu dem in England vorherrschenden Idealismus und Hegelianismus im späten 19. Jahrhundert entwickelte. Dilthey, Weber und die Neukantianer hatten trotz ihrer Abwendung von der hegelianischen Tradition noch immer an einem methodologischen Dualismus von Natur- und Geisteswissenschaften sowie an der Nicht-Reduzierbarkeit von Geist, Geschichte und Kultur auf Materielles festgehalten. Ansätze in der analytischen Philosophie des Geistes zeichnen sich demgegenüber durch den eindeutigen Primat des Materiellen bzw. Physischen vor dem Geistigen und durch die Orientierung an den Methoden der Naturwissenschaften aus. Idealistische Auffassungen des Geistes lehnen sie zugunsten eines Materialismus und methodologischen Monismus ab, denen zufolge Geist aus dem Physischen hervorgeht und sich im Prinzip mittels biologischer und letztlich physikalischer Prozesse und Eigenschaften funktionalistisch erklären lässt. Die ‚Naturalisierung‘ des Geistes, d.h. die Erklärung von Geist als Teil der biologisch-physikalischen Materie der Natur, ist ihr Ziel.1
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Für wichtige Hinweise zu den neueren Strömungen in der Philosophie des Geistes danke ich Louise Röska-Hardy.
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Literatur Burckhardt, Jacob: Weltgeschichtliche Betrachtungen. Historische Fragmente aus dem Nachlaß. Hg. von Albert Oeri und Emil Dürr (Gesamtausgabe Bd. VII). Berlin 1929. Dennett, Daniel C.: Von den Bakterien zu Bach – und zurück. Die Evolution des Geistes. Berlin 2018. Dewey, John: Erfahrung und Natur. Frankfurt a.M. 2007. Dilthey, Wilhelm: Gesammelte Schriften, Bd. I: Einleitung in die Geisteswissenschaft. Versuch einer Grundlegung für das Studium der Gesellschaft und der Geschichte. Erster Band. Leipzig/Berlin 1922. Dilthey, Wilhelm: Gesammelte Schriften, Bd. VII: Der Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften. Göttingen 1973. Droysen, Johann Gustav: Historik. Hg. von Peter Leyh. Stuttgart 1977. Hegel, Georg Wilhelm Friedrich: Die Vernunft in der Geschichte. Vorlesungen über die Philosophie der Weltgeschichte, 1. Bd. Hg. von Johannes Hoffmeister. Hamburg 1955. Hegel, Georg Wilhelm Friedrich: Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften im Grundrisse, Bd. 1 [1830], Werke, Bd. 8. Frankfurt a.M. 1986. Humboldt, Wilhelm von: Über die Aufgabe des Geschichtsschreibers (1821). In: Andreas Flitner/Klaus Giel (Hg.): Werke in fünf Bänden, Bd. 1. Darmstadt 31969, 585–606. Jaeger, Friedrich: Geschichtsphilosophie, Hermeneutik und Kontingenz in der Geschichte des Historismus. In: Wolfgang Küttler/Jörn Rüsen/Ernst Schulin (Hg.): Geschichtsdiskurs. Band 3: Die Epoche der Historisierung. Frankfurt a.M. 1997, 45–66. Jaeger, Friedrich: Amerikanischer Liberalismus und zivile Gesellschaft. Perspektiven sozialer Reform zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Göttingen 2001. Jaeger, Friedrich/Rüsen, Jörn: Geschichte des Historismus. Eine Einführung. München 1992. Kim, Jaegwon: Philosophie des Geistes, Wien/New York 1998. Marx, Karl: Brief an Ferdinand Lassalle vom 31. Mai 1858. In: MEW, Bd. 29. Berlin 1978. Marx, Karl/Engels, Friedrich: Die Deutsche Ideologie. In: MEW, Bd. 3. Berlin 1978. Ranke, Leopold von: Die großen Mächte. Politisches Gespräch. Hg. von Theodor Schieder. Göttingen 1963. Ranke, Leopold von: Vorlesungseinleitungen. Aus Werk und Nachlaß, Bd.4. München 1977. Weber, Max: Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre. Hg. von Johannes Winckelmann. Tübingen 61985. Welsch, Wolfgang: Homo Mundanus. Jenseits der anthropischen Denkform der Moderne. Weilerswist 2012.
2.6 Mentalitäten-Geschichte, Historische Psychologie und Psychogenese Georg W. Oesterdiekhoff
Mentalitäten-Geschichte Die Rolle der Mentalitäten-Geschichte und der Historischen Psychologie in einer Theorie der Historik zeigt sich darin, dass die beiden genannten Theoriegruppen von einer starken Veränderung des Menschen im Laufe der Geschichte ausgehen. Diese angenommenen oder auch dargelegten Änderungen haben sich auf den Verlauf der Weltgeschichte ausgewirkt und zwar viel stärker als bisher angenommen wurde. Das Zentrum der sogenannten Mentalitäten-Geschichte wurde von einer Gruppe von Historikern gebildet, die mit der 1929 gegründeten Zeitschrift Annales d´histoire économique et sociale in Verbindung stand. Zwar waren die grundlegenden Ideen keineswegs neu, wurden aber stärker akzentuiert als sonst in der Geschichtswissenschaft geläufig (Bloch/BraudelFebvre 1977; Duby 1986; Febvre 1988; Le Goff 1987). Man ging von Sachverhalten aus, denen zufolge bestimmte Denk- und Verhaltensweisen von Menschen im Mittelalter als fremdartig erscheinen und demgegenüber in modernen Gesellschaften verschwunden sind. Insbesondere Phänomene wie die gerichtlichen Prozesse gegen Tiere, in der Annahme, diese könnten Straftaten begehen, verfügten also über Willensfreiheit und Schuldfähigkeit, erscheinen so fremdartig, dass man meinte, feststellen zu müssen, dass mittelalterliche Menschen in grundsätzlich anderen Kategorien denken als moderne Menschen. Ein ähnlich gelagertes Beispiel ist das Gottesurteil. In gerichtsförmigen Verfahren entscheiden natürliche Elemente wie Wasser, Feuer und Gift über die Wahrheit einer Klage oder Beschuldigung. Gelegentlich entscheiden auch Zweikämpfe oder Losverfahren über den Ausgang eines Gerichtsverfahrens, in der Annahme, Gott verkünde sein Urteil auf diesen Wegen (Dinzelbacher 2006; Oesterdiekhoff 2013, 139–150, 169–183). Diese Beispiele zeigen Phänomene, die in modernen Gesellschaften verschwunden sind. Andere Phänomene und Verhaltensweisen gibt es heute immer noch, wurden früher aber anders praktiziert. Mentalitäten-Historiker haben beschrieben, dass die Menschen des Mittelalters eine wesentlich stärkere Religiosität lebten und praktizierten. Die Religion durchdrang alle Bereiche der Gesellschaft. Die Gottheit
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wurde lebendiger und konkreter erfahren. Das Strafrecht war im Wesentlichen ein Körperstrafrecht. Folter, Verstümmelung und grausige Todesstrafen waren Bestandteile dieses brutalen Strafrechts. Physische Gewalt durchdrang die Gesellschaft stärker als heute. Historiker behaupten gelegentlich, dass die Menschen damals stärker zu Gewalt neigten als moderne Menschen (Huizinga 1975; Gurjewitsch 1982; Dinzelbacher 2008; Elias 1976). Wieder und wieder wurde dargelegt, dass der mittelalterliche Mensch auch durch heftigere Emotionen und durch mehr Impulsivität gekennzeichnet war. Leidenschaftlichkeit, Stimmungsumschwünge und Neigung zu spontanen Handlungen wurden als Merkmale beschrieben. Die Denkweisen wurden als konkret, bildhaft, assoziativ, analogisch und symbolisierend charakterisiert. So steht im Mittelpunkt der Darlegungen der Mentalitäten-Historiker die Erkenntnis einer Transformation von einer mittelalterlichen zu einer modernen Mentalität, die im Verlaufe der Neuzeit stattgefunden hat (Huizinga 1975; Raulff 1987; Febvre 1988; Dinzelbacher 2008). Diese Darstellungen wurden schon früh von Johan Huizinga (1872-1945) angestrengt, später auch von Historikern wie Aaron Jakowlewitsch Gurjewitsch (19242006). Ähnliche Gedanken wurden von Vertretern der Historischen Psychologie oder Historischen Anthropologie geäußert (Winterling 2006; Reinhard 2017). Eine eigentlich wissenschaftliche Theorie der Mentalitäten wurde jedoch nie entwickelt. Es wurde nie untersucht, ob denn die verschiedenen Merkmale mittelalterlicher Mentalitäten Manifestationen einer einheitlichen Struktur seien und wie diese Struktur darstellbar und erklärbar sein könnte. Es wurde nie geklärt, ob der mittelalterliche Mensch durch ein „primitives Denken“ gekennzeichnet sei und welche Theorie erforderlich wäre, um dieses aus allgemeinen psychologischen oder anthropologischen Grundlagen erklären zu können. Schon früh wurde das Fehlen einer wissenschaftlichen Theorie der Mentalitäten beklagt, aber es ist den Autoren der Mentalitäten-Geschichte und der Historischen Anthropologie nie gelungen, die Transformation von der historischen Beschreibung zur wissenschaftlichen Erklärung – und damit zur Theoriebildung – durchzuführen (Febvre 1988, 89; Dinzelbacher 2006, 25, 158; Raulff 1987).
Historische Psychologie und Theorien primitiven Denkens Die Grundannahme, Menschen vormoderner Kulturen seien durch ein primitives Denken charakterisiert oder befänden sich auf einer primitiveren geistigen Entwicklungsstufe, wurde schon von Sozialwissenschaftlern des Aufklärungszeitalters formuliert. Autoren wie beispielsweise Condorcet (1743-1794), Saint-Simon (1760-
2.6 Mentalitäten-Geschichte, Historische Psychologie und Psychogenese
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1825) und d´Holbach (1723-1789) begründeten ihre Entwicklungstheorien auf derartigen Annahmen. Man kann wohl behaupten, dass die Theorie „vom primitiven zum rationalen oder zivilisierten Denken“ im Mittelpunkt der Geistes- und Sozialwissenschaften des 19. und frühen 20. Jahrhunderts stand. Insofern durchdrangen in dieser Zeit Annahmen einer Historischen Psychologie nahezu alle Geistes- und Sozialwissenschaften, wie unbestimmt diese Annahmen auch immer formuliert gewesen sein mögen. Erwähnenswert ist die legendäre britische Folklore Society, zu deren Mitgliedern Autoren wie Edward Clodd (1840-1930), Andrew Lang (1844-1912), James George Frazer (1854-1941) und Edward Tylor (1832-1917) gehörten. Gerade die Beiträge von Tylor und Frazer galten lange Zeit als die wichtigsten Beiträge zur historischen Entwicklung des Denkens von primitiven zu entwickelteren Zuständen. Sie thematisierten die Geschichte von Religion, Magie, Mythologie und Brauchtum (Tylor 2005; Frazer 1994). In Deutschland traten insbesondere Moritz Lazarus (1824-1903) und Heymann Steinthal (1823-1899) hervor, die 1860 ihre Zeitschrift für Völkerpsychologie und Sprachwissenschaft gründeten (Beuchelt 1974; Spode 1999). Ihre Ideen wurden von Wilhelm Wundt (1832-1920) mit seiner zehnbändigen Völkerpsychologie beerbt, die zwischen 1900 und 1920 erschienen ist. Sie rekonstruierte auf der Basis angenommener „psychologischer Entwicklungsgesetze“ die Geschichte von Sprache, Religion, Mythologie, Kunst, Recht und Gesellschaft. Wundt ging davon aus, dass die historische Entwicklung dieser Bereiche des kulturellen Lebens durch vier verschiedene Stufen ginge. Nach verbreitetem Urteil misslang Wundt die Formulierung einer Theorie „psychologischer Entwicklungsgesetze“ (Beuchelt 1974; Spode 1999). Wesentlich bahnbrechender war die Entwicklung der Theorie der „primitiven Mentalität“ des französischen Philosophen Lucien Lévy-Bruhl (1857-1939) (LévyBruhl 1966). Er war auch wesentlicher Ideengeber für die frühen Autoren der Mentalitäten-Geschichte (Raulff 1987). In sieben Büchern, die zwischen 1910 und 1940 erschienen, legte er die Grundstrukturen der primitiven Mentalität frei. Er beeinflusste sehr stark das Denken über diese Zusammenhänge insbesondere in der Zeit zwischen 1910 und 1970. Es gelang ihm, die verschiedenen Merkmale des primitiven Denkens wie fehlende Widerspruchsfreiheit, Konkretismus des Denkens, mystische Partizipation, Animismus und Magie als ein einheitliches Syndrom darzustellen. Theorien der Historischen Psychologie wurden jedoch im Laufe des 20. Jahrhunderts von Autoren und Gruppen der unterschiedlichsten Provenienz entwickelt. Einflussreich waren nach 1945 Autoren wie Jean Gebser (1905-1973), der die Geschichte in vier verschiedene geistige Epochen zerlegte (Gebser 1973), oder Julian Jaynes (1920-1997), der meinte, neurologische Transformationen hätten die Entste-
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hung des subjektiven Geistes in der Antike ermöglicht (Jaynes 1994). Erwähnenswert ist das Werk Frühformen des Denkens. Aspektive im alten Ägypten von Emma Brunner-Traut (1911-2008) (Brunner-Traut 1996). Sie kombinierte Forschungen aus der Neurologie und Entwicklungspsychologie, um aufzuzeigen, dass die Menschen Ägyptens auf einer einfacheren Stufe des Denkens standen. In neuerer Zeit wurde Berlin zu einem Zentrum der Historischen Psychologie (Jüttemann 2013, 2014).
Psychogenese und die Parallelen zwischen Ontogenese und Kulturgeschichte Wenn es einen Unterschied zwischen primitivem und zivilisiertem Denken gibt, dann stellt sich die Frage nach den Quellen und Strukturen dieser beiden Typen des Denkens. Die Kinder- und Entwicklungspsychologie wurde schon früh bemüht, um diese Frage nach der Natur der beiden Denkformen beantworten zu können. Schon im Aufklärungszeitalter wurde auf „Parallelen“ zwischen ontogenetischer und kulturhistorischer Entwicklung hingewiesen. Im 19. Jahrhundert durchdrangen Hinweise dieser Art nahezu alle Geistes- und Sozialwissenschaften, angeregt insbesondere durch die Soziologien von Auguste Comte (1798-1857) und Herbert Spencer (1820-1903). Zunächst meinte man jedoch überwiegend, das Kind wiederhole die Geschichte der Menschheit, wie es z.B. die Rekapitulationstheorie von Ernst Haeckel (1834-1919) nahelegte. Diese Auffassung änderte sich allmählich, als seit etwa 1870 die Kinder- und Entwicklungspsychologie als empirische Disziplin in Erscheinung trat. Es wurde augenscheinlich, dass Kinder von der Geburt bis ins Erwachsenenalter durch bestimmte Stufen schreiten, die vorrangig in Abhängigkeit zur Gehirnreifung erklärbar sind und nicht durch Kultur und Sozialisation. Schon die erste Generation von Entwicklungspsychologen stellte fest, dass Kinder und archaische Menschen vormoderner Kulturen über weitreichende Gemeinsamkeiten verfügen. Bald erschienen Monografien, die die Parallelen anhand einer Vielzahl von psychologischen Merkmalen aufzeigten (Romanes 1888; Schultze 1900; Werner 1959). Auch die ersten Generationen von Psychoanalytikern betonten diese Parallelen, insbesondere auch Sigmund Freud (1856-1939), Carl Gustav Jung (18751961), Otto Fenichel (1897-1946), Sandor Ferenczi (1873-1933), Selma Fraiberg (1918-1981) und viele andere. Gerade im Kolonialzeitalter zwischen 1880 und 1940 hatten entsprechende Vergleiche einen starken Einfluss nicht nur in den Humanwissenschaften (gerade auch in der Ethnologie), sondern auch in der Öffentlichkeit (Schultze 1900; Lamprecht 1974; Schweitzer 1960). 1937 veröffentlichte beispielsweise der Soziologe Norbert Elias (1897-1990) seine Zivilisationstheorie, die sozio-
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genetische und psychogenetische Dimensionen historischer Entwicklungen miteinander verknüpfte. Er verglich die Verhaltensweisen mittelalterlicher Menschen mit denen von Kindern (Elias 1976; Oesterdiekhoff 2000). Die Arbeit von Heinz Werner (1890-1964) aus dem Jahre 1926 zeigte die Parallelen in der ganzen Breite des Denkens und der Wirklichkeitserfahrung wie wohl keine Arbeit zuvor (Werner 1959). Zwischen 1920 und 1980 bildete die Genfer Schule von Jean Piaget (1896-1980) das Zentrum der internationalen Entwicklungspsychologie. Piaget betrieb nach eigenen Angaben die Kinder- und Entwicklungspsychologie, um einen Schlüssel für die Erklärung der geistigen Entwicklung der Menschheit zu bekommen. Er widmete jedoch nur der Rekonstruktion der Geschichte der Naturwissenschaften eine Monografie (Piaget/Garcia 1989). Jedoch finden sich in der Mehrzahl seiner Arbeiten Ausführungen, meist jedoch noch nicht einmal in Kapitellänge, in denen er die Parallelen zwischen Kindern und archaischen Erwachsenen ansprach. Man kann dennoch feststellen, dass er die Parallelen in nahezu sämtlichen Bereichen des Denkens nachgewiesen hat, im logischen, physikalischen, sozialen, moralischen, rechtlichen, politischen, philosophischen und religiösen Denken. Die Piagetian Cross-Cultural Psychology führte seit den 1930er Jahren auf der Basis der Stufentheorie zahllose empirische Untersuchungen zur psychologischen Entwicklung in unterschiedlichsten Ethnien und sozialen Milieus rund um den Globus durch. Diese Untersuchungen bestätigten die Annahmen Werners und Piagets, denen zufolge Menschen archaischer, traditionaler und vormoderner sozialer Milieus nicht die adoleszente Stufe des Denkens erreichen, sondern auch als Erwachsene auf den vorgelagerten kindtypischen Stufen zeitlebens verharren. Christopher Hallpike (*1938) war der erste Fachmann, der die Ergebnisse dieser Forschungsrichtung in einer Monografie umfassend darstellte (Hallpike 1990). Er zeigte, dass die Theorie Piagets den ersten ernst zu nehmenden Schlüssel für das Verständnis und die Erklärung der Phänomene liefert, die die Ethnologie mit Blick auf Denken und Weltbild archaischer Bevölkerungen jahrhundertelang beschrieben hat. Verschiedene Autoren bemühten sich um die Rekonstruktion der Geschichte auf der Basis der Stufentheorie Piagets. Inzwischen wurde die Geschichte von Moral, Malerei, Literatur, Philosophie, Wissenschaft, Recht, Religion, Politik, Weltbild und Sprache auf dieser Basis rekonstruiert (Gablik 1976; LePan 1989; Hallpike 2004; Radding 1985; Dux/Rüsen 2014; Oesterdiekhoff 2012, 2013). Es konnte gezeigt werden, dass die Stufen des kindlichen Denkens mit den historisch frühen und auch mittelalterlichen Stufen des Denkens in diesen genannten Kulturbereichen übereinstimmen. Die adoleszenten Stufen des Denkens und der Wirklichkeitserfahrung haben sich erst allmählich historisch ausgebildet und zwar überwiegend in Neuzeit und
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Moderne. Demzufolge ist die Entwicklungspsychologie wie keine andere sozialwissenschaftliche Theorie dazu in der Lage, die Kulturgeschichte aus den anthropologischen Grundlagen zu erklären. Beispielsweise findet die Entwicklung der Zentralperspektive und des dreidimensionalen Raumes sowie anderer Merkmale der Malerei der Neuzeit ihre Entsprechung in der kindlichen Entwicklung. Kinder sehen Himmelskörper, Flüsse und Wälder als Lebewesen, ähnlich wie archaische Kulturen. Die kindlichen Konzepte Erkenntnisrealismus, Animismus und Magie tragen die antike Metaphysik, während die Entstehung der mechanischen Philosophie der Neuzeit ihr Gegenstück in der adoleszenten Phase der modernen Jugendlichen hat. Gottesurteil, Nichtberücksichtigung von Intention und Schuldfrage sowie die Unterstützung harter Strafen kennzeichnen das Rechtsdenken sowohl von Kindern als auch von archaischen Menschen. Erst moderne Jugendliche begreifen Grundlagen der Naturwissenschaften, ähnlich wie Intellektuelle der Neuzeit, im Unterschied zu denen des Mittelalters. Frühe Sprachen kennen keine Zeiten, keinen Passiv und keine Nebensätze, neigen aber zur Silbenverdoppelung und Lautmalerei, ähnlich wie die Grammatik der ersten Lebensjahre (Radding 1985; Gablik 1976; Janus 2013; Dux/Rüsen 2014; Dux 2016; Oesterdiekhoff 2000, 2012, 2013, 2018; Strauss 1988; Piaget/Garcia 1989). Genau besehen handelt es sich bei den Parallelen gar nicht um Parallelen, sondern um dieselben Entwicklungsstufen, die von modernen Kindern nur vorübergehend besetzt werden, von archaischen Erwachsenen jedoch lebenslang. So unterscheiden sich die beiden Gruppen nicht durch die Merkmale der psychologischen Stufen, sondern durch das Wissen und die Lebenserfahrung, die Erwachsene sammeln können, sofern dieser Erwerb im Rahmen der jeweiligen Stufen möglich ist. Eine Unterscheidung zwischen Stufenentwicklung (qualitative Entwicklung) und Erfahrung (quantitative Entwicklung) ist daher relevant, wenn man die beiden Gruppen miteinander vergleichen will. Es ist erforderlich, Sozialisationstheorie und Entwicklungspsychologie miteinander zu verbinden, um die Zusammenhänge verstehen zu können. Dabei spielen die Begrifflichkeiten offenes versus geschlossenes Entwicklungsfenster, arretierte und prolongierte Entwicklung, Entwicklungsalter, Kultur, Sozialisation und Stufen eine wichtige Rolle, um die Psychogenese der Menschheit aus den anthropologischen Grundlagen begreifen zu können (Oesterdiekhoff 2012, 2013; Hallpike 1990). Die historischen Veränderungen in den Köpfen der Menschen im Verlaufe der Weltgeschichte sind offensichtlich enorm gewesen. Gerade deshalb hatten sie gewaltige Auswirkungen auf die Geschichte der Zivilisationen. Da psychogenetische Stufenentwicklungen insbesondere in der jüngeren Geschichte stattgefunden haben, ist die Entstehung der modernen Industriewelt nicht getrennt von ihnen zu begreifen.
2.6 Mentalitäten-Geschichte, Historische Psychologie und Psychogenese
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Die Psychogenese der Menschheit wirft ein Licht auf die gestaltende Kraft des Menschen, geschichtlichen Prozessen Richtungen zu verleihen.
Literatur Beuchelt, Eno: Ideengeschichte der Völkerpsychologie. Meisenheim 1974. Bloch, Marc/Braudel, Fernand/Febvre, Lucien: Schrift und Materie der Geschichte. Vorschläge zur systematischen Aneignung historischer Prozesse [französisch 1976]. Frankfurt a.M. 1977. Brunner-Traut, Emma: Frühformen des Erkennens. Aspektive im alten Ägypten. Darmstadt 1996. Dinzelbacher, Peter: Das fremde Mittelalter. Essen 2006. Dinzelbacher, Peter (Hg.): Europäische Mentalitätsgeschichte [1993]. Stuttgart 22008. Duby, Georges: Wirklichkeit und höfischer Traum. Zur Kultur des Mittelalters. Berlin 1986. Dux, Günter/Rüsen, Jörn (Hg.): Strukturen des Denkens. Wiesbaden 2014. Dux, Günter: Die Evolution der humanen Lebensform als geistige Lebensform. Wiesbaden 2016. Elias, Norbert: Über den Prozeß der Zivilisation [1937]. Zwei Bände. Frankfurt a.M. 1976. Febvre, Lucien: Das Gewissen des Historikers [französisch 1953]. Berlin 1988. Frazer, James G.: The collected works of J. G. Frazer. Edited by Robert Ackerman. Richmond 1994. Gablik, Suzi: Progress in Art. London 1976. Gebser, Jean: Ursprung und Gegenwart [1949, 1953]. Zwei Bände. München 1973. Gurjewitsch, Aaron: Das Weltbild des mittelalterlichen Menschen [russisch 1972]. München 1982. Hallpike, Christopher R.: Grundlagen primitiven Denkens [englisch 1979, deutsch 1984]. München 1990. Hallpike, Christopher R.: The Evolution of Moral Understanding. London 2004. Huizinga, Johann: Herbst des Mittelalters [holländisch 1919, deutsch 1924]. Stuttgart 1975. Janus, Ludwig (Hg.): Die Psychologie der Mentalitätsentwicklung. Vom archaischen zum modernen Bewusstsein. Hamburg/Münster 2013. Jaynes, Julian: Der Ursprung des Bewusstseins [englisch 1976]. Reinbek 1994. Jüttemann, Gerd (Hg.): Die Entwicklung der Psyche in der Geschichte der Menschheit. Lengerich 2013. Jüttemann, Gerd (Hg.): Entwicklungen der Menschheit. Humanwissenschaften in der Perspektive der Integration. Lengerich 2014. Lamprecht, Karl: Ausgewählte Schriften. Aalen 1974. Le Goff, Jacques: Für ein anderes Mittelalter. Zeit, Arbeit und Kultur im Europa des 5.-15. Jahrhunderts [französisch 1977]. Weingarten 1987. LePan, Donald: Cognitive Revolution in Western Culture. London, New York 1989. Lévy-Bruhl, Lucien: Die geistige Welt der Primitiven [französisch 1922]. Düsseldorf 1966. Oesterdiekhoff, Georg W.: Zivilisation und Strukturgenese. Norbert Elias und Jean Piaget im Vergleich. STW 1461. Frankfurt a.M. 2000. Oesterdiekhoff, Georg W.: Die geistige Entwicklung der Menschheit. Weilerswist 2012.
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Georg W. Oesterdiekhoff
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2.7 Zeit und Zeitlichkeit Jörn Rüsen
Zeit ist eine fundamentale Kategorie der menschlichen Orientierung in der Welt und zugleich eine fundamentale Erfahrung des Menschen im Umgang mit seiner Welt und sich selbst. Erfahren wird sie als Änderung seiner Lebensbedingungen. Wie immer die Menschen ihr Leben gestalten, – sie müssen sich auf das Werden und Vergehen ihrer inneren und äußeren Lebensumstände einstellen. Das heißt, sie müssen diese Vergänglichkeit ihrer Welt und ihres Selbst so deuten, dass sie in und mit ihr sinnvoll leben können. Zeit muss für den Menschen Sinn machen können. Sie fordert zu einer Deutung heraus, durch die sie auf Absichten des menschlichen Handelns bezogen und damit zweckbezogen behandelbar wird. Wesentlich für diese Deutung ist die geistige Bearbeitung und Bewältigung von Kontingenz: Ereignisse in der Bedingtheit des menschlichen Lebens und Leidens, die zur Deutung, also zur Integration in den kulturellen Handlungsrahmen herausfordern, weil sie in den Deutungsmustern des menschlichen Lebens nicht vorgesehen sind. Kontingente Ereignisse müssen so verstanden werden, dass sie diese Deutungsmuster nicht mehr problematisieren oder gar sprengen, sondern mit ihnen begriffen werden. Das ist auf dreierlei Arten möglich: Wenn es sich um normale Vorgänge handelt, reichen die vorgegebenen Deutungsmuster zu ihrer geistigen Behandlung aus. Wenn sie als kritisch erfahren werden, müssen die vorhandenen Deutungsmuster geändert werden. Schließlich können die Deutungsmuster auch negiert werden; dann sind die Erfahrungen traumatisch und fordern eine ganz besondere Deutungsstrategie heraus. Zwei Zeiten stehen einander grundsätzlich gegenüber: die als natürlich erfahrene, die sich außerhalb der menschlichen Handlungskompetenz vollzieht, und die menschliche Zeit der Erinnerung und Erwartung, in der sich die menschliche Subjektivität zur Geltung bringt. Das Verhältnis dieser Zeiten zueinander ist spannungsreich und bildet eine ständige Herausforderung an den Menschen, die Naturzeit vom Werden und Vergehen denkend in eine Humanzeit von Entwicklung zu verwandeln. Entwicklung heißt Konformität der Zeitrichtung erfahrener Veränderungen mit der sinn- und zweckbestimmten Gerichtetheit des menschlichen Handelns, Leidens und Unterlassens. Sie kann ganz unterschiedliche Formen annehmen, wenn es darum
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Jörn Rüsen
geht, den zeitlichen Wandel des menschlichen Lebens in die Vorstellung einer ihm nicht entzogenen sinnträchtigen Zeitform zu bringen. Diese sinnträchtige Zeitform hat in der kulturellen Evolution der Menschheit verschiedene Ausprägungen erfahren. So kann sie in der mythischen Form einer UrZeit auftreten, die durch besondere Praktiken in die Alltagswelt der Menschen eingeholt werden und dort als Richtschnur von Sinn- und Zwecksetzungen dienen kann. Die Vorstellung dieser Ursprungszeit hat normativen Charakter. Sie fungiert als Paradigma zur Deutung allen zeitlichen Wandels. In teleologischer Form – der Ursprung ist zugleich Ziel – bindet sie Vergangenheit und Zukunft in die Dauer einer für den Menschen maßgebenden Lebensform. Zeit kann aber auch ganz anders gedeutet werden: Sie kann beispielsweise als kosmisch geordnete Ewigkeit der Vergänglichkeit der menschlichen Lebensformen entgegengesetzt und als Leitbild für eine kulturelle Deutung der Menschenwelt wirksam werden (etwa bei Platon, Politeia 592b). Als Erfahrung bezieht sich die Kategorie der Zeit auf das Werden und Vergehen aller Dinge. Für den Menschen bedeutet diese Erfahrung eine ständige Herausforderung. Seine Endlichkeit, sein Geborenwerden und sein Sterbenmüssen gehören in allen Kulturen und zu allen Zeiten zu den elementaren und fundamentalen Gegebenheiten seines Lebens, denen er Sinn als Lebensermöglichung geben muss. Zu allen Zeiten fordert das Werden und Vergehen aller Dinge und vor allem die Endlichkeit seines Lebens den Menschen zu einer Bewältigung durch seine Deutung auf. Deutend werden sie ‚behandelbar‘. Sie werden in eine Vorstellung von Mensch, Welt und Natur integriert, in der sie für den Betroffenen verständlich und ‚umgänglich‘ werden. Sie bekommen einen Sinn, d.h. man kann sie pragmatisch auf die Zwecke des Handelns und der Bewältigung des Leidens beziehen. Durch diese Deutung werden die zeitlichen Vorgänge des Lebens ihrer bloßen Gegebenheit enthoben und in eine Vorstellung von Zeitlichkeit integriert. Diese Vorstellung dient dann als Faktor kultureller Orientierung, in der die erfahrenen Veränderungen lebensdienlich erscheinen und mit ihnen entsprechend umgegangen werden kann. Eine solche Deutungsleistung, die aus Zeit Sinn macht – d.h. eine erfahrene Veränderung wird in kulturelle Deutungsmuster integriert – ist in ganz besonderer Weise im mythischen und im historischen Denken der Fall. Der Mythos präsentiert eine Geschichte übernatürlicher Gewalten des natürlichen und menschlichen Lebens. Diese Gewalten werden durch religiöse (kultische) Praktiken vom Menschen beeinflussbar gemacht. Im historischen Denken geht es darum, die Zeiterfahrung von Geschehnissen der Vergangenheit mit einem Zeitschema zu deuten, das Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft umgreift. In diesem Deutungsschema erscheinen dann die gegenwärtigen
2.7 Zeit und Zeitlichkeit
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Lebensverhältnisse als anschlussfähig an die gedeutete (verstandene) Vergangenheit. Mit dieser Anschlussfähigkeit werden sie verständlich. Sie eröffnet zugleich eine Zukunftsperspektive. In ihr wird Zukunft als erfahrungsgestützte Zeitperspektive behandelbar, z.B. in Planungsvorgängen oder in Konzepten von Erwartung. Eine grundlegende Zeiterfahrung ist die Kontingenz. Es handelt sich dabei um ein Geschehen, das in den Deutungsmustern der Zeiterfahrung nicht schon als verstehbar vorgegeben ist und große Erschütterung auslösen kann. Die Deutungsmuster der Kultur müssen in diesem Fall angepasst werden. Es ist aber auch durchaus möglich, dass eine solche Anpassung nicht gelingt, ja, dass die Kontingenzerfahrung die vorgegebenen Deutungsmuster zerstört. In diesem Fall handelt es sich um eine Traumaoder Katastrophen-Erfahrung (als Beispiele seien der Holocaust, die Eroberung Roms durch die Vandalen 455 oder der Untergang des Inkareiches genannt). Kontingenzerfahrungen werden zumeist dadurch gedeutet, dass das jeweilige Geschehen als Vorgang einer Geschichte erzählt wird. Dieser narrativen Sinnbildung können unterschiedliche Sinnkriterien zugrunde liegen. Vier Typen zeitlicher Sinnbildung lassen sich in logischer Differenz idealtypisch ausmachen: traditionale, exemplarische, genetische und kritische (Rüsen 2012). Traditional wird orientierender Sinn als kulturelle Vorgabe aufgegriffen und angewendet; exemplarisch werden die zu deutenden Vorkommnisse als Fälle von bekannten Typen und deren Regelhaftigkeit angesehen; genetisch wird Sinn in und an Veränderungen ausgemacht, und kritisch werden vorgegebene Deutungsmuster und Gesichtspunkte problematisiert und damit veränderbar gemacht. Entsprechend diesen vier Typen und ihrer unterschiedlichen Konstellationen werden Veränderungen in Gegenwart und Vergangenheit gedeutet. Diese Typologie ist interkulturell valide. Ein Gegensatz zur Kontingenz im Bereich der Zeiterfahrung ist der Kairos (Haase 2002; Norden 2014). Er stellt eine Zeiterfahrung dar, in der ein bestimmtes Ereignis oder eine begrenzte Zeitfolge von Ereignissen den Sinn einer ganzen Epoche oder gar der Geschichte insgesamt repräsentiert. So kann z.B. der jüdische Exodus als Paradigma eines historischen Geschehens angesehen werden, in dem sich der Sinn historischer Prozesses als solcher manifestiert (Assmann 2015. – Das geschichtstheoretische Problem, dass dieser Exodus gar nicht stattgefunden hat, wird dabei von Assmann nicht eigens aufgeworfen). Im Christentum stellt die Geschichte von Jesus Christus ein solches Paradigma dar. Der Sinn der Geschichte als Erlösung der Menschheit vom Übel der Unmenschlichkeit und von der Herrschaft des Bösen wird auf die Geschichte im Ganzen übertragen.
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Jörn Rüsen
In der Französischen Revolution wurde die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte als Kairos gefeiert: Die Menschheit habe sie seit langer Zeit ersehnt, und sie bestimme zugleich die Zukunft des politischen Handelns. Eine besondere Zeitform ist der Augenblick. Er stellt die kürzeste Zeitform dar, in der Besonderes und Bedeutendes sich ereignet und erfahren werden kann. Kulturell bedeutsam werden Augenblicke, in denen sich etwas ereignet, das über seinen bloßen Geschehenscharakter hinaus allgemeine Bedeutung für das menschliche Leben hat. So z.B. der Augenblick, in dem sich zwischen Mann und Frau eine lebensentscheidende Liebe entzündet. Zeitdeutung erfolgt auf unterschiedlichen Ebenen der menschlichen Erkenntnis, die sich im Lauf der Persönlichkeitsentwicklung herausbilden. Gut erforscht ist die Entwicklung solcher Erkenntnisvermögen in der Form eines Deutungsschemas im Umgang mit Raum- und Zeiterfahrungen (Piaget 1974) und moralischen Beurteilungen menschlichen Handelns (Kohlberg 1996). Demgegenüber ist die Genese des Geschichtsbewusstseins weitgehend unerforscht, auch wenn sich fruchtbare Ansätze zu einer Entwicklungstheorie des Geschichtsbewusstseins inzwischen finden lassen (Kölbl 2004). Ansätze dafür liefert die Analyse des Erzählens von Geschichte. Dazu liegen Erkenntnisse über die Entwicklung narrativer Kompetenz im Blick auf literarisches Erzählen vor (Wolf 2001). Sehr viel weniger ist das allerdings im Bereich der historischen Sinnbildung der Fall. Geschichtliches Denken ist eine eigene Deutungsform der kulturellen Zeitbewältigung. Es greift die Erfahrung der Vergangenheit auf und deutet sie so, dass die jeweilige Gegenwart verstanden und eine handlungsleitende Zukunftsperspektive eröffnet wird. In diesem Deutungsvorgang wird (in Droysens Worten) aus Geschäften (res gestae) der Vergangenheit Geschichte (narratio rerum gestarum) für die Gegenwart (Droysen 1977, 204 und passim). Ein besonderes Problem stellt die historische Erfahrung von Sinnverstörung und Sinnlosigkeit dar, also das Gegenteil eines Kairos. Dafür stehen paradigmatisch der Holocaust und die Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Diese Erfahrung muss in jedes Sinnkonzept des historischen Denkens systematisch integriert werden, wenn es nicht vor der historischen Grunderfahrung des menschlichen Leidens und der Unmenschlichkeit zuschanden werden will. Systematisch heißt, dass Sinnlosigkeit nicht (mehr) als historische Ausnahmeerscheinung angesehen werden kann, sondern als integrales Moment jeder Sinnbildung. Für das historische Denken ist dieses integrale Moment weitgehend ein Fremdkörper geblieben. Trauma ist zwar zu einem Begriff des historischen Denkens geworden und von der Sache her auch in die Historiographie eingegangen, hat aber keine hinreichende geschichtstheoretische Analyse erfahren. Und negative histori-
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sche Sinnbildung, die Sinnlosigkeit und Sinnzerstörung von und durch konkrete historische Erfahrungen sind noch nicht systematisch in die Deutungsmuster des historischen Denkens eingegangen (Friedländer 1992, 1994, 1998). Analog zur Störung im zeitlichen Wandel der menschlichen Lebensverhältnisse gibt es aber auch eine Sinn-Manifestation in der Zeit. Sie tritt in radikaler Form als Sinnüberwältigung auf. Deren Paradigma ist im Rahmen einer Weltdeutung, in der die Religion eine wesentliche Rolle spielt, die Unio Mystica. Sie tritt aber auch in säkularen Kontexten auf, zumeist dann, wenn in der Kunst auf transästhetische Sinnprovinzen verwiesen wird. Das ist beispielsweise in Robert Musils „Mann ohne Eigenschaften“ (Geschwandter 2013; Karthaus 1965) als „anderer Zustand“ der Fall, oder in Marcel Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ als Erfahrung beim Verzehr eines Madeleine-Kuchens. Dort wird ein überwältigender Sinndurchbruch so beschrieben: „In der Sekunde […] zuckte ich zusammen und war wie gebannt durch etwas Ungewöhnliches, das sich in mir vollzog. Ein unerhörtes Glücksgefühl, das ganz für sich allein bestand und dessen Grund mir unbekannt blieb, hatte mich durchströmt. Mit einem Schlage waren mir die Wechselfälle des Lebens gleichgültig, seine Katastrophen zu harmlosen Mißgeschicken, seine Kürze zu einem bloßen Trug unsrer Sinne geworden; es vollzog sich damit in mir, was sonst die Liebe vermag, gleichzeitig aber fühlte ich mich von einer köstlichen Substanz erfüllt: oder diese Substanz war vielmehr nicht in mir, sondern ich war sie selbst. Ich hatte aufgehört, mich mittelmäßig, zufallsbedingt, sterblich zu fühlen. Woher strömte diese mächtige Freude mir zu? [...] Woher kam sie mir? Was bedeutete sie? Wo konnte ich sie fassen? [...] Es ist ganz offenbar, dass die Wahrheit, die ich suche, nicht in ihm [im Geschmack des Tees und des Kuchens] ist, sondern in mir“ (Proust 1981, 63f.). Ein anderes literarisches Beispiel für Sinnüberwältigung ist Hugo von Hofmannsthals Brief des Lord Chandos. Hier ist die Rede von „guten Augenblicken“, in denen „irgendeine Erscheinung meiner alltäglichen Umgebung mit einer überschwellenden Flut höheren Lebens wie ein Gefäß erfüllt“ wird. Solche Augenblicke können nicht bewusst herbeigeführt werden, sondern ereignen sich „plötzlich in irgendeinem Moment“, also kontingent. In ihnen manifestiert sich eine „Gegenwart des Unendlichen“, die in einem „rätselhaften, wortlosen, schrankenlosen Entzücken“ wahrgenommen wird (Hofmannsthal 2019, 53, 55, 57). In der Erfahrung und Deutung solcher Sinnüberwältigung spielt die Zeit-Kategorie des Augenblicks eine besondere Rolle. Sie drückt die Kontingenz und Unverfügbarkeit überwältigender Sinnerfahrungen aus. Zeit transzendiert sich in solchen Augenblicken in eine dem Werden und Vergehen enthobene Dimension der Welt. Robert Musil hat sie so beschrieben: „Die Gegenstände hielten umher den Atem an,
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Jörn Rüsen
das Licht an der Wand erstarrte zu goldenen Spitzen, [...] es schwieg alles und wartete und war ihretwegen da; […] die Zeit, die wie ein endlos glitzernder Faden durch die Welt läuft, schien mitten durch dieses Zimmer zu gehen und schien mitten durch diese Menschen zu gehen und schien plötzlich einzuhalten und steif zu werden, ganz steif und still und glitzernd, und die Gegenstände rückten ein wenig aneinander. Es war jenes Stillstehen und dann leise Senken, wie wenn sich plötzlich Flächen ordnen und ein Kristall sich bildet [. . . ] Um diese beiden Menschen, durch die seine Mitte lief und die sich mit einemmal durch dieses Atemanhalten und Wölben und Um-sie Lehnen wie durch Tausende spiegelnder Flächen ansahen und wieder so ansahen, als ob sie einander zum erstenmal erblickten [...]“ (Musil o.J., 163). Diese Sinndimension hat ihre eigene Zeit. Deren Eigenart besteht in einer engen Verbindung von einzelnen Ereignissen mit dem Heil geglückten oder glückenden Lebens. Diese Ereignisse geschehen im Zeitlauf der Geschichte, ragen aus ihm aber als besondere Zeiten heraus, als Manifestation einer Sinnhaftigkeit, die den Zeitverlauf der Menschen und ihrer Welt im Ganzen trägt, wenn er zur Angelegenheit einer universalen Sinndeutung von Mensch und Welt wird – zumeist in religiöser Form, aber in der Moderne auch in säkularer Form. Letzteres manifestiert sich in der Fortschrittskategorie. Kant hat diese ereignishaften innergeschichtlichen Manifestationen des Sinns der Geschichte „Geschichtszeichen (signum rememorativum, demonstrativum, prognostikon)“ genannt (Kant 1968, 357). Ein solches Geschichtszeichen, das die „Tendenz des menschlichen Geschlechts im Ganzen“, also den Sinn der Geschichte, als Fortschritt anzeigt, ist für ihn der Enthusiasmus der Gebildeten des Westens in den Anfängen der Französischen Revolution (Kant 1968, 358). Alle diese Sinnbildungen zeigen auf je verschiedene Weise das Gleiche: Der Mensch kann die Zeit und insbesondere seine eigene Zeitlichkeit nicht einfach so lassen, wie sie sich ereignet, sondern muss sich, um als Kulturwesen leben zu können, sinnbildend auf sie einlassen. Er muss sie so durch seine Deutung verändern, dass sie mit seinen Lebensentwürfen kompatibel wird. Die Zeit selber, in der das geschieht, ist unvordenklich, also dem verändernden Zugriff des Menschen grundsätzlich entzogen. Sie vollzieht sich als Voraussetzung sinnvollen Lebens und kann nicht in die kulturellen Aktivitäten des menschlichen Lebens eingeholt und menschlichen Zwecksetzungen unterworfen werden. Sie kann nur im Nachhinein reflektiert und analysiert werden.
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Jörn Rüsen
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2.8 Entwicklung Friedrich Jaeger
Der Begriff der Entwicklung ist im Kontext des modernen historischen Denkens von zentraler theoriegeschichtlicher und -strategischer Bedeutung und wurde in den historiographischen Traditionen seit dem 18. Jahrhundert zu komplexen Konzepten geschichtlichen Wandels ausgearbeitet. Theoriegeschichtlich verweist er auf die Genese des Bewusstseins einer offenen Zukunft sowie einer auf kontinuierlichen Wandel hin angelegten Geschichte, die die Vergangenheit zu immer neuen Entwicklungsstadien der menschlichen Lebenspraxis transformiert. Von entscheidender Bedeutung für die Entstehung eines solchen wandlungs- und zukunftsoffenen Entwicklungsdenkens wurde im Kontext der europäischen Tradition die englisch-schottische Aufklärungsphilosophie des 18. Jahrhunderts, der es gelang, den Primat eines noch weitgehend ahistorisch geprägten natur- und vernunftrechtlichen Denkens der Frühaufklärung zu überwinden und es durch eine historische Theorie der Entwicklung bürgerlicher Gesellschaften zu ersetzen (Medick 1973). Bei Adam Smith (1723-1790) und anderen Denkern dieser Zeit wird ein fundamentaler Erfahrungswandel greifbar, der die Entwicklung und den Fortschritt moderner Gesellschaften geschichtsphilosophisch begründet und damit den alteuropäischen Topos der historia magistra vitae (Koselleck 1976) zugunsten einer genetischen Geschichtskonzeption (Rüsen 2012) überwindet. Auf dieser gedanklichen Grundlage haben sich im Laufe des 19. und 20. Jahrhunderts die einschlägigen Modelle geschichtlicher Entwicklung etabliert. Zwei Typen von Entwicklungskonzepten lassen sich dabei grundsätzlich voneinander unterscheiden: Auf der einen Seite finden sich Denkstile, in deren Zentrum die Idee der Individualität historischer Kulturerscheinungen steht. Historische Individuen zeichnen sich durch eine jeweils einzigartige Entwicklung aus, die ihnen eine unverwechselbare kulturelle Besonderheit verleihen. Eine wichtige Tradition dieses Entwicklungsdenkens repräsentiert der sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts etablierende Historismus, dessen Individualitätskonzept wesentlich durch den Einfluss Johann Gottfried Herders (1744-1803), Johann Wolfgang von Goethes (1749-1832) und der Romantik geprägt worden ist. Dieser Aspekt steht im Zentrum der Historismus-Interpretation von Friedrich Meinecke (1862-1954) (Meinecke 1959; dazu auch Jae-
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Friedrich Jaeger
ger/Rüsen 1992, 21–40).1 Ein knappes Jahrhundert später liegt auch dem süddeutschen Neukantianismus Wilhelm Windelbands (1848-1915) und Heinrich Rickerts (1863-1936) sowie der Wissenschaftslehre Max Webers (1864-1920) eine Vorstellung ‚idiographischer‘, d.h. individualisierender Geistes- und Kulturwissenschaften zugrunde, denen es im Gegensatz zu den nomothetischen Naturwissenschaften um die Einzigartigkeit, Unvorhersehbarkeit und Kontingenz geschichtlicher Entwicklungen und Kulturphänomene geht (Jaeger/Rüsen 1992, 151–160). Auf der anderen Seite ist die Theoriegeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts durch Positionen gekennzeichnet, die eine Gesetzmäßigkeit geschichtlicher, d.h. sich mit innerer Notwendigkeit vollziehender Entwicklungen unterstellen. Vor allem die verschiedenen Spielarten des materialistischen (Karl Marx, 1818-1883), positivistischen (Auguste Comte, 1798-1857) und sozialevolutionistischen Denkens (Herbert Spencer, 1820-1903) seit dem frühen 19. Jahrhundert gehören zum Spektrum dieser Positionen.2 Entsprechend vielgestaltig sind die Konzepte geschichtlicher Entwicklung, die sich mit diesen beiden unterschiedlichen Grundpositionen verbinden. Sie können hier nicht im Einzelnen dargestellt werden, lassen sich jedoch hinsichtlich ihrer strategisch-operativen Bedeutung mithilfe von vier Funktionsbestimmungen temporaler Entwicklungskonzepte voneinander unterscheiden und typologisch ordnen (Jaeger 2009, 158–159). 1. Als erste operative Ebene lässt sich diejenige der diachronen Unterscheidung geschichtlicher Epochen ausmachen. Entwicklungsbegriffe gliedern und periodisieren Zeitverläufe, indem sie eine bestimmte Zeitspanne in ihrer Besonderheit von einem Vorher und Nachher identifizierbar machen und zugleich die für diese temporale Unterscheidung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft wesentlichen Kriterien definieren. In diesem Sinne war bereits spätmittelalterlichen Geschichtsdenkern die Erfahrung einer „diversitas temporum“ geläufig (Schreiner 1987, 414). Darüber hin1
Meineckes Deutung des Individualitätsdenkens als postaufklärerische Besonderheit der deutschen Kulturentwicklung greift jedoch zu kurz, denn auch das anglo-amerikanische Denken etwa kreiste zentral um die Kategorien des Individuums und der Individualität, wie die zentrale Rolle Lockes in diesem Zusammenhang zeigt (Mehta 2018). Im Kontext des amerikanischen Pragmatismus war darüber hinaus Deweys kritische Auseinandersetzung mit der Tradition des besitzindividualistisch geprägten „rugged individualism“ seiner Zeit und der Konturierung eines „neuen Individualismus“ auf dem Boden eines kommunitär geprägten Liberalismus von großer Bedeutung (Dewey 1984). 2 Exemplarisch zu diesen verschiedenen Traditionen des historischen Denkens Lange 2017; Lenzer 1998; Mingardi 2013. – Eine neuere Spielart des historischen Evolutionismus verkörpert Sanderson 1998. Es handelt sich dabei um die Version eines „evolutionary materialism”, die nicht allein ein „coherent picture of the general lines of world history“ zu geben beansprucht, sondern „Entwicklung” überhaupt und im Ganzen zu erklären beansprucht: „The theory developed here may properly be regarded as a general theory of evolution that has applicability to all evolutionary processes” (Preface).
2.8 Entwicklung
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aus existieren Möglichkeiten der historischen Binnendifferenzierung und Feingliederung zeitlich übergreifender Entwicklungskonzepte. Beispiele dafür sind solche Epochenbegriffe wie Hochmittelalter oder Frühe Neuzeit, Klassische Moderne oder Postmoderne, die konkrete Entwicklungsstadien übergreifender Geschichtsprozesse definieren und begrifflich voneinander unterscheiden. 2. Eine weitere Aufgabe von Entwicklungskonzepten ist die der synchronen Strukturierung geschichtlicher Formationen. Zum einen existiert dieser Typ des Entwicklungsdenkens in Gestalt komplexer politik-, gesellschafts- oder staatstheoretischer Gegenwartsdiagnosen, die die zeittypischen Prozesse und Strukturen der jeweils eigenen Zeit herausarbeiten. Friedrich Wilhelm Hegels (1779-1831) bekannte Bestimmung der Philosophie als „ihre Zeit in Gedanken erfaßt“ trifft das damit Gemeinte recht genau. Aber auch Johann Gottlieb Fichtes (1762-1814) Grundzüge des gegenwärtigen Zeitalters (1806), Friedrich Christoph Dahlmanns (1785-1860) Die Politik, auf den Grund und das Maß der gegebenen Zustände zurückgeführt (1835), George Herbert Meads (1863-1931) Philosophy of the Present (1932) oder schließlich Hans Freyers (1887-1969) Theorie des gegenwärtigen Zeitalters (1955) sind prominente Beispiele dieses Theorietyps synchroner Strukturierung, der die spezifische Signatur einer jeweiligen Zeit in den geschichtlichen Kontext übergreifender Entwicklungen stellt. Diesen theoriegeschichtlich bedeutsam gewordenen Deutungskonzepten entsprechen in der neueren soziologischen Forschung und Theoriebildung eine ganze Reihe synchroner Strukturmodelle, die die Gegenwart oder die Epoche der ‚Moderne‘ insgesamt aus dem Blickwinkel dominanter Faktoren, Triebkräfte oder Begleitphänomene der gesellschaftlichen Entwicklung interpretieren. Die bekannten Konzepte der Klassen-, Risiko- oder Erlebnisgesellschaft, der Wachstums-, Postwachstumsoder Innovationsgesellschaft, der postmodernen, multi- oder transkulturellen Gesellschaft, der reflexiven, radikalisierten oder globalisierten Moderne sind Beispiele für derartige Vorstellungen gesamtgesellschaftlicher Entwicklungen (einen Überblick bietet Pongs 1999/2000). In den vergangenen Jahren sind in diesem Zusammenhang die Theorien einer „Gesellschaft der Singularitäten“ oder einer ästhetisierten Moderne im Zeichen des „Kreativitätsdispositivs“ besonders einflussreich geworden (Reckwitz 2017 und 2012). Neben diesen gegenwartsdiagnostischen Aspekten klassifizieren Entwicklungskonzepte zum anderen auch die Epochen der Vergangenheit im Hinblick auf synchrone Strukturzusammenhänge, die diese Epochen als einzigartige temporale Konfigurationen auszeichnen. Sie identifizieren dabei sowohl miteinander korrespondierende als auch kontingente, widerstreitende bzw. in Konkurrenz zueinander stehende
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Friedrich Jaeger
Faktoren einer bestimmten geschichtlichen Konstellation. Im Prozess der Forschung stellen sie diese Entwicklungsfaktoren in einen nicht geschichtsphilosophisch vorbestimmten, sondern in einen empirisch erst zu eruierenden Zusammenhang. Darüber hinaus gewichten sie diese Faktoren sowohl in ihrem Verhältnis zueinander als auch in ihrer Bedeutung für die Gesamtfiguration einer Epoche. Phänomene der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen (Landwehr 2012) sowie der Konkurrenz und Widersprüchlichkeit von historischen Tendenzen spielen dabei eine große Rolle, die im Prozess der historischen Forschung jeweils konkret zu bestimmen ist. Die sich seit dem 15./16. Jahrhundert ausbildende europäische Neuzeit etwa wird in diesem Verständnis als eine spannungsvolle und kontingente Entwicklungskonstellation von Staatsbildung und Konfessionalisierung, von Wissens- und Kommunikationsrevolution, von technischem Wandel und (Proto-)Industrialisierung, von europäischer Expansion und Kolonialisierung, von Urbanisierung und Verbürgerlichung denkbar (Schulze 2007). Wie für die ‚Neuzeit‘ sind auch mit Blick auf die ‚Moderne‘ entsprechende Strukturmodelle entwickelt worden (Schmidt 2013; kritisch gegenüber solchen Modellen Knöbl 2012a). Werden sie als heuristisch offene und experimentelle, im Prozess der Forschung stets neu zu erprobende und zu überprüfende Operationen der Strukturierung historischer Erfahrungen begriffen, reproduzieren Entwicklungskonzepte keine teleologischen oder normativen Denkmuster – etwa im Sinne der marxistischen Geschichtsphilosophie und ihres Postulats einer notwendigen Abfolge von Produktionsweisen und Gesellschaftsformationen – sondern erweisen sich als grundsätzlich erfahrungsoffen und unterliegen kontinuierlicher Veränderung im Lichte neuer Erkenntnisse und Forschungsperspektiven. 3. Darüber hinaus lassen sich Entwicklungsvorstellungen auch als Instrumente der soziochronen Formierung historischer Identität verstehen. Historische Identität entsteht nicht zuletzt durch die Identifikation mit bzw. durch die ‚Erfindung‘ von gemeinsamen Traditionen, die gesellschaftliche Kollektive für sich als verbindlich ansehen und in deren Kontinuität sie sich stellen. In diesem Sinne besitzen Entwicklungskonzepte eine große Bedeutung für die Ausbildung des historisch-kulturellen Selbstverständnisses von Gesellschaften und sozialen Gruppen. Dabei ist es evident, dass gerade Entwicklungsbegriffe wie Neuzeit und Moderne traditionell auf europäische Erfahrungsbestände zugeschnitten sind und insofern auch die partikularen Vorstellungskomplexe eines kulturellen Eurozentrismus verkörpern (Jaeger 2009; Knöbl 2012b). Als Elemente der historischen Selbstdeutung sowie des kulturellen Gedächtnisses geben sie gemeinsamen Traditionen und Erfahrungen Ausdruck und leisten damit zugleich einen wesentlichen Beitrag für die Bildung von Gemeinschaften. Im Rahmen des amerikanischen Pragmatismus bringt John Deweys (1859-1952)
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Begriff der „shared experience“, der im Zentrum seiner Sozialtheorie und seiner Konzeption politischer Öffentlichkeit und Zivilgesellschaft steht, diese spezifisch soziale Dimension von Zeitkonzepten deutlich zum Ausdruck (Jaeger 2001, 269– 309). Ein ähnlicher Befund lässt sich auch bei George Herbert Mead konstatieren, für den „die Entstehung einer gemeinsamen Zeitperspektive [...] an die Konstitution einer gemeinsamen Welt durch gemeinsame Praxis gebunden“ ist (Joas 2000, 187). In der Historik von Johann Gustav Droysen (1808-1884) entspricht dieser sozialtheoretischen Denkfigur die Vorstellung von Geschichte als „sittlicher Macht“, die in den „sittlichen Gemeinsamkeiten“ des sozialen Lebens ihren Ausdruck findet (Droysen 1868, 29). Und im Werk von Ernst Troeltsch (1865-1923) erweisen sich schließlich die Ausführungen Über den Aufbau der europäischen Geschichte inklusive seiner Betrachtungen zum „Europäismus“ und zum „Problem einer objektiven Periodisierung“ von besonderer Bedeutung für die Ausbildung einer europäischen Identität mithilfe komplexer Entwicklungsvorstellungen (Troeltsch 2007/2008, Teilband 2, 1008–1100). 4. Schließlich dokumentieren Entwicklungsvorstellungen in ihrer kulturellen Spezifik und Unterschiedlichkeit die polychrone Vielfalt von Zeitvorstellungen. Sie dienen nicht nur der kulturellen Gemeinschaftsbildung nach innen, sondern auch der Abgrenzung nach außen. Aus diesem Grunde existieren Konzepte der Entwicklung auch grundsätzlich im Plural und dienen im Kontext interkultureller Kommunikation der historischen Unterscheidung des jeweils eigenen Entwicklungspfades von anderen. Es ist eine höchst aktuelle Forschungsfrage, ob und inwieweit die derzeit virulenten Konzepte der „multiple modernities“ diese (exklusive) Tradition aufbrechen können und stattdessen (inklusiv) den Begriff der Moderne gegenüber den Entwicklungen nicht-europäischer bzw. nicht-westlicher Gesellschaften und Kulturen öffnen, so dass diese in ihrer jeweiligen Eigenart und Besonderheit sichtbar werden (Kozlarek 2014; Boatcă/Spohn 2010; Knöbl 2007).
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2.9 Teleologie Jonas Nesselhauf
Als anthropologisches Denkmodell und Basiskonzept historischen Wissens wohl bereits in allen Kulturen angelegt (Rüsen 1998, 55f.), ist der Begriff der „Teleologie“ selbst erst auf das 18. Jahrhundert zu datieren: Im ersten Teil seiner Philosophia rationalis sive logica (1728/40) benennt Christian Wolff (1679-1754) mit diesem Neologismus jenes (philosophische, historische) Denken „quae fines rerum explicat“ (Wolff 1983, 38), das also „die Zwecke der Dinge erklärt“. Fortan gibt es Versuche der Aufklärungsphilosophie oder des Deutschen Idealismus, die theologische Heilsgeschichte durch die Vorstellung eines linear ablaufenden, zweckgerichteten Prozesses hin zu einem sinnvollen „Télos“ (IJȑȜȠȢ) zu ersetzen – ebenso aber auch deutliche Kritik an einer solchen ‚Großen Kette des Daseins‘ (Reill 1996, 60). Doch selbst wenn die Historik geschichtliche Entwicklungen längst nicht mehr „als vom Anfang her zweckbestimmt“ (Rüsen 2020, 51) ansieht und darstellt, so ist der Einfluss teleologischen Denkens als geschichtsphilosophisches Konzept und Quellenbegriff weiterhin spürbar (Hartmann 2000, 469).
Von den Endzwecken der Dinge: Teleologisches Denken Unter der Minimaldefinition eines zielgerichteten Fort-Schritts mit klarem EndZweck erfüllt die Teleologie mit ihrer kausalen Logik eine anthropozentrische Sinnstiftung und beugt damit jeglicher Nichtigkeit im Welterleben vor (Hartmann 1951, 15f.). So werden „Sinnwidrigkeiten in der Kontingenzerfahrung von unbeabsichtigten Handlungsfolgen“ (Rüsen 2002, 314) durch eine Linearität von Ursprung, Dauer und Télos ersetzt und innerhalb dieses Prozesses binnenlogisch gedeutet (Ric°ur 1965, 457): Der historische Verlauf wird zu einer im mehrfachen Sinne ‚notwendigen‘ – sowohl im Deutungsrahmen der jeweiligen Ideologie vernünftigen wie auch in der zeitlich-kausalen Abfolge zwangsläufigen – Entwicklung mit einem zumeist in der Zukunft liegenden Endpunkt (Abb. 1).
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Abb. 1: Teleologisches Denken (schematisch) Doch über ein solch allgemeines Sprechen „von den Endzwecken der Dinge“ (Zedler 1744, 338) hinaus gibt es große Unterschiede im Verständnis der dahinführenden Mittel und Kräfte wie auch des Télos selbst. Was, erstens, Kausalität und Agens des Prozesses bestimmt, so nehmen (a) Mythologien und religiöse Systeme häufig die Unvermeidlichkeit eines Geschehens an, dessen zielgerichteter Verlauf etwa durch eine göttliche Instanz vorherbestimmt ist oder zumindest durch Vorsehung (Providentia) geleitet wird (Dux 1992, 271). Diese innere Logik einer self-fulfilling prophecy wirkt zweifellos ordnungsstiftend, lässt den Menschen allerdings zu einem Spielball höherer Mächte werden (Oldemeyer 1994, 140). (b) Die bereits parallel dazu in der europäischen Antike existierende Analogie zu ‚natürlichen‘ (in Flora und Fauna zu beobachtenden) Abläufen wiederum geht von universellen Finalursachen (causa finalis) aus, wie sie etwa von Aristoteles (384-322 v. Chr.) in seiner Physik (Buch 2, Kap. 8) beschrieben werden: „Es gibt keinen Organismus ohne Teleologie“ (Jonas 1977, 169). Geht der Blick dabei, wie von der Encyclopédie kritisiert, nur auf das ‚Warum?‘ und ‚Wozu?‘, anstatt zu fragen, wie die Natur wirke (D.J. 1765, 36), befreit ein solches später bspw. als fatalistische „Naturabsicht“ (Kant 1968a, 34) oder kollektiver „Gemeingeist“ (Dilthey 1970, 112) benanntes Erklärungsmodell den Menschen erneut von Handlungsmacht und Verantwortung: „[W]as geschähe anders, als was nach ewigen Gesetzen der Weisheit und Ordnung geschehen mu[ss]te?“ (Herder 2002, 27). (c) Im Gegensatz dazu wird – im Aufklärungsdiskurs besonders mit dem Ideal der ‚Vernunft‘ verbunden – das vorsätzliche Handeln zur treibenden Kraft hin zum Télos, sei es die freiheitliche Gesellschaftsordnung als Ziel der Weltgeschichte (Hegel 1986, 86f.), die Georg Wilhelm Friedrich Hegel (17701831) bereits (vorläufig) in seiner Gegenwart erreicht sieht (Hegel 1986, 539f.), oder sei es etwa der konfliktreiche Weg vom Zustand eines ‚wilden‘ Urkommunismus (Engels 1962, 35) zum Ziel einer erfolgreichen Revolution. Bereits hierbei zeigt sich auch, wie unterschiedlich das teleologische Prinzip verstanden wurde und wird – mal auf eingegrenzte Zeiträume als kleinere Einheiten
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(Jordan 1999, 44) wie „Epochen“, mal mit einem Totalitätsanspruch auf die gesamte Universalgeschichte und so für europäische wie außereuropäische, moderne wie vormoderne Phänomene gleichermaßen projiziert (Rustemeyer 2003: 73), etwa wenn Johann Gustav Droysen (1808-1884) eine umfassende Teleologie der europäischen Kulturentwicklung annimmt, „in der die praktische Arbeit der Gegenwart einbegriffen ist und sich mit der geschichtlichen Vergangenheit seit dem Ursprung der griechisch-hellenistischen Kultur und der weiteren Zukunft zu einem universellen geschichtlichen Sinnzusammenhang verbindet“ (Jaeger 1997, 53). Ein zweiter (geschichts)philosophischer Streitpunkt betrifft daher den prozessualen Verlauf und ein Erreichen des designierten Zielpunkts: Hier wird teilweise (a) eine zyklische Abfolge angenommen, wobei das Télos dann den kulturellen ‚Höhepunkt‘ darstellt, standardmäßig wird jedoch (b) von einer linearen Ereigniskette von Grundursache, Prozess und Endzweck ausgegangen (Busche 2019, 970f.). Alternativ zu einer definitiven Vollendung der Geschichte finden sich (c) seltener Überlegungen eines gerade nicht abgeschlossenen und vielmehr zur Utopie werdenden Télos, dessen „unendliche Aufgabe der offenen Unendlichkeit“ (Husserl 1993, 408) damit ewige Herausforderung bleibt. Ebenso kann statt einem zielstrebigen Zulaufen auf die ‚beste aller Welten‘ schließlich aber auch ein (d) kulturpessimistischer Verfallsprozess angenommen werden, den vermeintlichen Fortschritt dystopisch umdeutend (Rohbeck 2020, 42). Die Ausnahme bleibt (e) die – eine Teleologie eigentlich ausschließende – Kreisstruktur, wobei sich Hegels naturaffine Bewegung in Kreisen (Hegel 1986, 74) geschichtsphilosophisch durchaus als „nach innen windende Spirale“ (Stähler 2003, 223) verstehen lässt.
Geschichtsteleologien Indem das teleologische Prinzip „einen vernünftigen Zweck in den Gang der Welt“ (Schiller 2000, 428) bringt, ist es zweifellos für die kausale Sinnstiftung zeitlicher Prozesse prädestiniert – sei es zur rückblickenden Legendenbildung oder zur (wissenschaftlichen) Vorhersage (Stegmüller 1983, 650f.). (a) Ein erstes Narrativ blickt dabei vom Ursprung auf den gewünschten (historischen, politischen, ideologischen) Zielpunkt, der bereits als utopische Zukunft entworfen ist und nun sendungsbewusst erreicht werden muss. So wird das Télos einerseits kontingent vorhergesagt, andererseits werden in einer Dialektik zwischen Finalnexus und Kausalnexus die konkreten Mittel „vom Zweck aus rückläufig erschlossen“ (Hartmann 1951, 66) und die dafür notwendigen Handlungen abgeleitet.
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Diese Zwangsläufigkeit erinnert dabei an das (nach dem Dramatiker Anton ýechov benannte) narrative Prinzip des „Chekhov’s Gun“: Wenn im ersten Akt eines Theaterstücks ein Gewehr an der Wand hängt, muss dieses später auch abgefeuert werden (ýechov 1979, 73). (b) Ein zweites Narrativ stellt die ‚Bestandsaufnahme‘ im laufenden, noch nicht abgeschlossenen Prozess dar, wobei hier einerseits im (rück)versichernden Blick auf vergangene Ereignisse erste Erfolge sichtbar gemacht werden, und andererseits die noch notwendigen Schritte fortschrittsgläubig umso deutlicher hervortreten (Kant 1968b, 85). Gleichzeitig ist die (Hegelianische) Dialektik hierbei kaum zu übersehen, schließlich kann die Ursache nur deshalb ebenjenes Télos hervorbringen, weil dieses schon der Grund ihres Wirkens ist (Hartmann 1951, 21). (c) Drittens, und dies ist sicherlich das ‚klassischste‘ teleologische Narrativ, lassen sich wegweisende Ereignisse eigendynamisch auf den (erreichten) Endzweck hinund umdeuten, und so eine anthropozentrische Logik in einer häufig verklärenden und stark verkürzten Projektion rückblickender Zusammenhänge herstellen: „Wie viele Kriege mu[ss]ten geführt, wie viele Bündnisse geknüpft, zerrissen und aufs neue geknüpft werden, um endlich Europa zu dem Friedensgrundsatz zu bringen“ (Schiller 2000, 424). Und wenn der deutlich von Immanuel Kant (1724-1804) beeinflusste Friedrich Schiller (1759-1805) (Koopmann 1995, 65f.) innerhalb weniger Sätze mehr als ein Dutzend Mal das Wort „musste“ verwendet, um historische Ereignisse kausal und linear miteinander zu verbinden, scheint hier eine ähnlich mysteriöse Kraft ‚wirkender Ideen‘ (Dilthey 1970, 135) am Werk, wie sie etwa von Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781) als „ewige Vorsehung“ (Lessing 2001, 97) und von Hegel als wohl nur bedingt bewusste „List der Vernunft“ (Hegel 1986, 49) verstanden wurde, oder wie Kant die Geschichte als „Vollziehung eines verborgenen Plans der Natur“ (Kant 1968a, 45) deutet. Damit zeigt sich gerade an diesem dritten Narrativ ein kaum aufzulösendes diskursives Problem, schließlich wird hier (im Unterschied zum zielgerichteten ‚Hinarbeiten‘ auf einen bestimmten Zweck zuvor nun vom abgeschlossenen Télos argumentierend) schnell eine nachträgliche Legendenbildung betrieben, die vergangene Ereignisse auf ihr jeweiliges Ergebnis hin deutet bzw. deren Ursprung aufwertet (von Wright 1971, 83f.). Diese Selektivität lässt sich bspw. auch an der Geschichtsbetrachtung eines Leopold v. Ranke (1795-1886) kritisieren, denn: „Der Sinn der Geschichte manifestiert sich in dem, was so kommen mu[ss]te, nicht aber in dem, was hätte eintreten können oder was von den Handelnden verfehlt wurde“ (Jauss 1982, 430).
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Diese Erzeugung, ja Konstruktion von teleologischer Evidenz wurde zwar bereits in der Geschichtsphilosophie nach 1800 kritisch betrachtet (Jordan 1999, 122), dennoch blieb die Auseinandersetzung damit „während des gesamten 19. Jahrhunderts eine wichtige Diskursebene des Historismus und zugleich ein nur schwierig zu lösendes Problem, das zu vielfältigen Polarisierungen innerhalb des Historismus selber geführt hat“ (Jaeger 1997, 49).
Andere Narrative Wenn daher etwa selbst Oswald Spengler (1880-1936) für seine Verfallsgeschichte die Teleologie gar als „Unsinn allen Unsinns“ und die „Karikatur der Schicksalsidee“ (Spengler 1920, 169) ablehnt, und die Posthistoire fordert, endlich ‚Hegel hinter sich zu lassen‘ (Chartier 1987, 119f.), so scheint das teleologische Denken sein eigenes Télos zu verfehlen (Baberowski 2014, 60). Denn spätestens mit Hayden White (1928-2018) geraten die Meistererzählungen als Mythen von Fortschritt und Revolution, von Aufklärung und Moderne unter Generalverdacht (White 1973, 29f.), werden die „grand récits“ (Lyotard 1979, 63) als zu Legitimationszwecken kausal verbundene und in Kategorien geordnete Erzählungen dekonstruiert. Und mit dem ‚Ende der Geschichte‘ (Fukuyama 1992) braucht es schließlich auch kein zukunftsorientiertes Metanarrativ mehr (Stähler 2003, 218). Die Deutung historischer Prozesse wird daher von der Historik neu gedacht (Rüsen 1996, 136) und gemeinsam mit dem Erzählen von Geschichte(n) nicht mehr nur als „vergangene Ereigniszusammenhänge und deren Bericht“ (Koselleck 1988, 165) verstanden; stattdessen wird versucht, „die Vergangenheit als eine zeitliche Kette von Bedingungen der Möglichkeit menschlicher Weltgestaltung zu denken und die Zukunftserwartungen an diese Kette anzuschließen“ (Rüsen 2013, 105). Jedoch braucht es hierzu zwangsläufig andere Narrative, die nicht mehr ausschließlich chronologisch verfahren und daher Geschichte auch nicht auf ein (positives) Ziel hin konstruieren (Peetz 1997, 450f.). Wie schwierig dies jedoch ist bzw. wie selbstverständlich die Teleologie als anthropologisches Denkmodell etabliert ist (Rohbeck 2020, 30f.), zeigt sich bspw. an der von Jörn Rüsen (*1938) vorgeschlagenen Kategorie des „genetischen Erzählens“: Denn indem hier Zukunft „als Überbietung von Herkunft erwartbar“ (Rüsen 1982, 555) und umgekehrt die Vergangenheit „als Versprechen einer Zukunft interpretiert“ (Rüsen 1982, 556) wird, die nun durch Handlungen erreicht werden kann, ist auch diese Form des historischen Erzählens potentiell „teleologisch ausgerichtet“ (Lüsebrink 2018, 71).
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Um daher im Télos keinen Zielpunkt (gegenwärtiger Zeitvorstellungen), sondern „eine Bedingtheit des historischen Denkens“ (Rüsen 2013, 105f.) zur kritisch-differenzierten Auseinandersetzung zu verstehen, schlägt Rüsen vielmehr eine zukunftsgerichtete Re-Konstruktion historischer Ereignisse vor: Teleologie
Re-Konstruktion
ursprungsorientiert
zukunftsgerichtet
einlinig, mono-perspektivisch
mehrlinig, multiperspektivisch
vorherrschende Notwendigkeit
kontingenz-offen
Kausalität des Sinns
Kausalität von Bedingungen
Tab. 1: Schema Teleologie versus Re-Konstruktion (nach Rüsen 2013, 107) In eine ähnliche Richtung gehen auch Vorschläge eines ‚situativen Erzählens‘, um so „hybride, flexible und fluide Identitätskonstruktionen“ (Krameritsch 2010, 271) der (Post)Moderne in der Verwobenheit polyvalenter Netze, statt in linearen Abläufen darstellen zu können. Und vielleicht lässt sich mit einer solchen Dezentrierung nicht nur die Teleologie, sondern ganz nebenbei auch der Ethnozentrismus im historischen Denken überwinden (Rüsen 2013, 274; Rüsen 2020, 50f.).
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2.10 Kontingenz Oliver Kozlarek
Für Jörn Rüsen gehört der Kontingenz-Begriff zu den „Grundlagen des historischen Denkens“. Er geht davon aus, dass Zeiterfahrung eine „Ur-Erfahrung des menschlichen Lebensvollzuges“ darstellt, die sich grundsätzlich als Kontingenzerfahrung manifestiert und die durch kulturelle „Deutungsleistungen“ gleichsam kulturell „bewältigt“ werden muss. Das heißt auch, dass Kontingenzerfahrung als „Bruch“ oder „Störung“ „geregelter Abläufe“ verstanden wird (Rüsen 2013, 30). Angesichts solcher als „Störungen“ erfahrenen Ereignisse besteht die Leistung historischen Denkens darin, eine Art der „Entstörung von Sinn“ zu erwirken: „Diejenigen, denen diese Störung als Herausforderung begegnet, müssten sie so deuten, dass sie in eine Zeitvorstellung passen, der gemäß sie ihr Handeln sinnhaft orientieren können“ (Rüsen 2013, 32, 194). Ganz allgemein sieht Rüsen in dieser „Wiedergewinnung von Sinn durch Zeitdeutung“ ein klares Beispiel für die „Humanisierung von Zeit“, die sich in Deutungspraktiken im Anschluss an Erfahrungen von „Bruch, Dissonanz, Unglück, Schmerz und Leid“ ergeben (Rüsen 2013, 33). Während sich die bisherigen Ausführungen auf Kontingenzerfahrungen beziehen konnten, die gleichsam von außen auf das menschliche Leben einwirken, ist eine andere Art der Kontingenzerfahrung für Rüsen an die Tatsache gebunden, dass Menschen „intentional“ den gewohnten Lebensfluss unterbrechen können: „Es ist diese der Intentionalität des menschlichen Bewusstseins anthropologisch innewohnende Transzendenz, die so irritierende Kontingenzerfahrungen und an ihnen sich entzündende Deutungsanstrengungen möglich macht“. Und weiter schreibt Rüsen: „Nur weil der Horizont der Sinnhaftigkeit sich mit dem je Gegebenen grundsätzlich nicht deckt, sondern in ihm eine überschießende Querlage einnimmt, können Ereignisse überhaupt aus der Rolle vorgegebener Sinnhaftigkeit der gedeuteten Welt herausfallen und als Anstöße zu neuer Sinnbildung wirksam werden“ (Rüsen 2013, 48). Rüsen macht darauf aufmerksam, dass solche Erfahrungen nicht idealisiert werden dürfen und dass nicht vergessen werden dürfe, dass die vermeintliche „Freiheit“ auch mit „Traumata“, die sich aus dem Verlassen der gewohnten Sinnordnung ergeben, einhergeht (Rüsen 2013, 49). Schließlich sieht Rüsen die „Spannung zwischen Natur und Kultur“ als eine permanente Quelle menschlicher Kontingenzerfahrungen: „[H]ier gewinnt die mensch-
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liche Welt ihre spezifisch prekäre Verfassung; ihre Kontingenz und Gefährdung, ihre fundamentale Herausforderung der Selbstbehauptung“ (Rüsen 2013, 116). Es wäre nicht übertrieben, gerade die normalitätsstörenden Kontingenzerfahrungen im Lebensvollzug der Menschen als Ursache der Kulturerfahrung allgemein zu sehen, die für Rüsen vor allem drei Kernanliegen begründet: das des „Verstehens“, des „utopischen Denkens“ und der „Kritik“ (Rüsen 2003). Mit seinen Überlegungen zum Kontingenzbegriff schließt Rüsen an bekannte Definitionen an, setzt sich aber auch von ihnen ab. Im Begriff der Kontingenz laufen drei aus dem Lateinischen stammende Bedeutungsebenen zusammen. Zum einen geht er auf das Wort contingere zurück, was soviel wie „berühren“ oder „anrühren“ bedeutet. Eine zweite Bedeutungsebene ergibt sich aus dem lateinischen Wort contingit, das soviel wie „es ereignet sich“ oder „es glückt“ bedeutet. Schließlich verweist es auf das Wort contingentia, was als „Möglichkeit“ oder „Zufall“ übersetzt wird. Schon diese semantischen Überlegungen lassen vermuten, dass mit Kontingenz auf Ereignisse verwiesen wird, die möglich aber nicht notwendig sind, die aber einen klaren Realitätsbezug haben, insofern sie das Leben der Menschen „berühren“. Die lateinische Herkunft des Wortes darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass die begrifflichen Überlegungen, die dahinterstecken, bereits auf die griechische Philosophie zurückgehen. Vor allem Aristoteles (384-322 v. Chr.) wird immer wieder als Stichwort- und Ideengeber genannt. Dabei ist zu betonen, dass es die philosophisch problematisierenden Überlegungen im Anschluss an den Tyche-Begriff sind, die begrifflich und semantisch neue Möglichkeiten eröffnen. Tyche ist die altgriechische Göttin des Schicksals und des Zufalls. Dagegen versucht Aristoteles der Vorstellung des Zufalls oder gar des Schicksals in seiner „Ersten Analytik“ einen Möglichkeitsbegriff (endechomenon) gegenüberzustellen: das „Allermeist-so-seiende“. Gemeint ist hier also ein Möglichkeitsbegriff, der ein differenzierteres Verständnis des Vorgreifens in die Zukunft von Handlungsabläufen zulässt, als es der einfache Zufalls- oder Schicksalsbegriff erlauben würde. Peter Vogt geht in seinem ausführlichen Buch über den Kontingenzbegriff über diese bekannte Interpretation von Aristoteles noch hinaus und behauptet, dass sich in dessen Werk noch eine andere Bedeutungsdimension eröffne, nach der der Kontingenzbegriff weiter gefasst werde und sich als das grundsätzlich Mögliche verstehen lässt, das sich nur vom Unmöglichen unterscheidet (Vogt 2011). Andreas Niederberger fasst zusammen: „Kontingent ist sowohl das Erwartbare, was aber auch nicht eintreten kann, wie auch das Unerwartbare, das aber nicht ausgeschlossen ist“ (Niederberger 2022).
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Der Kontingenzbegriff öffnet also den Möglichkeitsraum für vorausschauendes und planendes Denken. In diesem Sinne lässt sich auch die weitere Diskussion in der mittelalterlichen Philosophie verstehen, in der sich vor allem naturphilosophische Themen mit einem Fokus auf Fragen nach natürlichen Kausalbeziehungen mit der Kontingenzvorstellung verbinden sollten. Vogt hebt hervor, dass sich in diesen Diskussionen in der Spätscholastik eine erneute semantische Verschiebung einstellt, wobei „contingens“ und „possibile“ deutlicher unterschieden werden. Der Begriff der Kontingenz bekommt dadurch einen stärkeren Realitätssinn; als kontingent wird nun bezeichnet, was „wirklich ist, aber nicht notwendig“ (Vogt 2011, 59). Freilich bleibt der Kontingenzbegriff nicht auf den Bereich der Naturphilosophie beschränkt, sondern wird auch auf den Bereich des menschlichen Handelns bezogen. Vor allem Machiavellis (1469-1527) politisches Denken kann als ein Modell „politischer Kontingenz“ verstanden werden (Niederberger 2022). Gemeint ist damit vor allem ein politisches Denken, das sich nicht an eindeutige Regeln und Gesetzmäßigkeiten hält, gleichsam „experimentell“ in die Zukunft hineinwirkt. Kontingenzbewusstsein geht, wie bereits angesprochen, immer auch mit der Frage nach Kontingenzbewältigung einher. Im Zuge des sich in Europa vor allem im 18. Jahrhundert durchsetzenden Vernunftdenkens beziehen sich Kontingenzbewältigungsstrategien immer wieder auf den Einsatz der Vernunft. Im historischen Denken setzt sich so ein teleologisches Denken durch, das einem Endziel historischer Prozesse entgegenstrebt. Im 19. Jahrhundert kulminiert dieses Denken nicht nur in Hegels (1770-1831) Geschichtsphilosophie, sondern auch in einem starken Fortschrittsglauben, der durch die Erfolge von Wissenschaft und Technik zusätzlich angespornt wurde. Noch im 20. Jahrhundert werden das Fortschrittsdenken und das teleologische Geschichtsdenken in Form der nach dem Zweiten Weltkrieg lancierten Modernisierungstheorien aktualisiert. Diese prägten in den westlichen Ländern sehr lange, wenn auch nicht kritiklos, die Vorstellungen von zivilisatorischen Entwicklungsprozessen schlechthin. Allerdings darf die Dominanz des teleologischen Denkens im 19. und 20. Jahrhundert nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich ein Denken im Zeichen der Kontingenz fortsetzen konnte, welches teleologische Kontingenzbewältigungsstrategien durch ein komplexeres Verständnis herausforderte. Paradigmatisch dafür ist vor allem Charles Darwins (1809-1882) Evolutionstheorie, wie sie sich in seinem Hauptwerk von 1859, On the Origin of Species by Means of Natural Selection, or the Preservation of Favoured Races in the Struggle for Life, Ausdruck verschafft. Das Besondere an Darwins Theorie ist, dass sie gegen solche Theorien argumentiert, die biologische Evolution entweder „deterministisch“, „essentialistisch“ oder „finalistisch“ erklären wollen (Vogt 2011, 225). Die Grundannahme ist dabei das
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Ineinanderwirken von zwei Mechanismen: dem der „zufälligen Variation“ und dem der „natürlichen Selektion“ (Vogt 2011, 224). Das heißt, dass „Zufall“ und „Notwendigkeit“ gemeinsam an der Entwicklung des Lebens beteiligt sind. Darwins Evolutionstheorie lässt sich also am besten verstehen, wenn deutlich wird, wovon sie sich abgrenzt. Ihr geht es nicht darum, Entwicklungen in die Zukunft hinein vorauszugreifen, sondern eher darum, auf das Kontingenzpotential im Verlauf der Evolution aufmerksam zu machen, ohne damit den Anspruch auf Wissenschaftlichkeit aufgeben zu müssen. Das Besondere dieser Entwicklung zeigt sich nicht zuletzt im Vergleich mit anderen Evolutionstheorien. So unterscheidet sich, zum Beispiel, Herbert Spencer (1820-1903) von Darwin gerade dadurch, dass er Evolution viel selbstverständlicher an ein teleologisches Erklärungsmuster bindet. Im 20. Jahrhundert setzen sich trotz der bereits angedeuteten Fortsetzung teleologischen Geschichtsdenkens und der damit einhergehenden Priorisierung der Notwendigkeitslogik – z.B. in Form der teleologischen Modernisierungstheorien – auch kontingenzbetonte Vorstellungen weiter durch. Zwischen den beiden Weltkriegen, einer Epoche, in der viel über Zeitbrüche nachgedacht wurde, lässt sich nicht zuletzt das Werk von Robert Musil (1880-1942) als Fundgrube kontingenztheoretischer Ideen lesen. Im Mittelpunkt steht dabei sein 1930/1932 veröffentlichter Roman Der Mann ohne Eigenschaften. Welche theoretischen Überlegungen Musils Gedanken zugrunde gelegen haben könnten, darüber gibt er in sehr deutlicher Form Auskunft. So zum Beispiel, wenn er darauf besteht, dass es neben einem „Wirklichkeitssinn“ auch so etwas wie einen „Möglichkeitssinn“ geben müsste: „Wenn man gut durch geöffnete Türen kommen will, muß man die Tatsache achten, daß sie einen festen Rahmen haben: dieser Grundsatz, nach dem der alte Professor immer gelebt hatte, ist einfach eine Forderung des Wirklichkeitssinns. Wenn es aber Wirklichkeitssinn gibt, und niemand wird bezweifeln, daß er seine Daseinsberechtigung hat, dann muß es auch etwas geben, das man Möglichkeitssinn nennen kann“ (Musil 1990, 16). Interessant sind Musils Schriften aber auch deshalb, weil sie nicht einfach einem kontingenzbetonten Denken den Vorrang geben, sondern dieses immer wieder mit einem teleologischen oder an Notwendigkeiten orientierten Verständnis zeitlicher Abläufe kontrastieren. Damit gelingt es ihm in seinem Werk, die Spannung zweier sich diametral entgegenstehender Ideen abzubilden, die einen Einblick in das komplexe Zeitverständnis des 20. Jahrhunderts ermöglichen: Auf der einen Seite steht, wie Peter Vogt deutlich hervorhebt, die Vorstellung von der „Verfügbarkeit“ der Geschichte, auf der anderen die von ihrer „Unverfügbarkeit“. Vogt schreibt: „In einem Gespräch zwischen Clarisse und Ulrich in Musils Der Mann ohne Eigenschaften stehen sich die Ansicht von Clarisse, ‚man sollte die Geschichte machen‘ und
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Ulrichs Überzeugung, ‚man solle alles gehen lassen, wie es geht‘, gegenüber“ (Vogt 2011, 307). In Musils Werk wird, so ließe sich auch sagen, der Konflikt des modernen Bewusstseins vor allem in die beiden sich entgegenstehenden Kontingenzbewältigungsstrategien verlegt: der einen, die versucht, das Unerwartete, den Zufall, das Mögliche aber Nicht-Reale so gut wie es geht zu vermeiden, und der anderen, die sich dem Einbruch des Kontingenten, aber auch des Anderen und des Fremden (Waldenfels) offen gegenüber verhält. Diese Spannung zeichnet auch einen Großteil sozialtheoretischer Diskussionen aus, wie einige der großen Theorieentwürfe in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zeigen. Der Soziologe Jorge Galindo hat dies am Beispiel der Theorien von Anthony Giddens, Niklas Luhmann und Pierre Bourdieu untersucht und ist dabei zu folgendem Ergebnis gekommen: „Obwohl die drei Theorien vom kontingenten Charakter des Sozialen ausgehen, kann man deutliche Unterschiede in der Betonung des Möglichen bzw. Unmöglichen in der sozialen Welt konstatieren“ (Galindo 2006, 13). Für sozialtheoretische Reflexionen steht also weniger die Frage nach dem Einbrechen von Unvorhergesehenem im Vordergrund, sondern die nach den Handlungsmöglichkeiten. Galindo vermutet, dass die Arbeiten von Giddens und Luhmann eher an den „Möglichkeiten“ interessiert seien, was vor allem durch die Begriffe Agency (Giddens) und „doppelte Kontingenz“ (Luhmann) deutlich werde, während sich Bourdieu eher für die Möglichkeitsbeschränkungen sozialen Handels interessiert, was sich vor allem an den Begriffen „Habitus“ und „Feld“ zeigen ließe (Galindo 2006, 13). Trotz der Möglichkeit dieser Unterscheidung muss aber auch deutlich werden, dass es der Sozialtheorie allgemein vor allem um Kontingenzbewältigung geht, ohne die soziales Leben kaum denkbar wäre. Dies wird bei Luhmann besonders deutlich, für den die für die gesellschaftliche Koordination unverzichtbare „Macht“ insbesondere die Funktion der „Reduktion von Kontingenz“ übernimmt (Luhmann 2003, 12). Vor diesem Hintergrund ließen sich auch aktuellere sozialtheoretische Versuche kontingenztheoretisch lesen. Zum Beispiel: Andreas Reckwitz‘ Vorschlag, unsere aktuellen, „spätmodernen“ Gesellschaften als Gesellschaften der „Singularisierung“ zu verstehen (Reckwitz 2017). Entscheidend ist dabei die Zentralität des Kulturbegriffs. Reckwitz geht von einer „Kulturalisierung“ unserer Gesellschaften aus, das heißt, von der Tatsache, dass Kultur zu einem dominanten Aspekt in allen Bereichen des menschlichen Lebens geworden sei. Auch Kontingenzbewältigung ließe sich in diesem Sinne „kulturtheoretisch“ definieren. So unterscheidet Reckwitz zwischen zwei unterschiedlichen kulturellen Einstellungen („Regimes der Kulturalisierung“): Die eine nennt er „Hyperkultur“,
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für die vor allem ein differenz- und pluralitätsaffirmativer Multikulturalismus steht. Die andere, der sogenannte „Kulturessentialismus“, wird in aktuellen identitätspolitischen Rückzugsstrategien auf die jeweils eigene kulturelle Identität deutlich (Reckwitz 2016 und 2019). Reckwitz beschreibt den Unterschied zwischen diesen beiden Kulturregimes auch damit, dass er in der sogenannten „Hyperkultur“ eine Tendenz zur „Öffnung“ sieht, während sich „kulturessentialistische“ Strömungen durch eine Tendenz der „Schließung“ charakterisierten: „Eine der zentralen Widersprüchlichkeiten der globalen Gesellschaft der Gegenwart betrifft die Ambivalenz von Öffnungs- und Schließungsprozessen“, schreibt er (Reckwitz 2016, 1). Aus einer kontingenztheoretischen Perspektive ließe sich hier auch sagen, dass es „kontingenzbejahende“ und „kontingenzreduzierende“ Strategien sind, die den Konflikt in unseren aktuellen Gesellschaften zeitigen. Der Kulturalismus kann aber auch zu Missverständnissen führen: Er kann nämlich mit sehr unflexiblen politischen und ökonomischen Machtstrukturen einhergehen. Gesellschaftliche „Offenheit“ lässt sich nicht nur am Grad des Multikulturalismus messen, wie Kenan Malik argumentiert, sondern muss auch die Frage „In welcher Gesellschaft wollen wir leben?“ diskutieren (Malik 2018). Das heißt: Gesellschaftliche Kontingenz kann nicht nur auf die Frage nach kultureller Kontingenz beschränkt bleiben, sondern muss letztendlich die etablierten gesellschaftlichen und politischen Strukturen zur Disposition stellen. Schließlich wird auch in makrosoziologischen Fragen heute – vor allem im Vergleich zu den oben bereits erwähnten Modernisierungstheorien, die an ein teleologisches Geschichtsverständnis anschließend davon ausgingen, dass „Modernisierung“ einen zivilisatorischen Prozesse meint, der sich früher oder später in allen Gesellschaften vollziehen müsste – angenommen, dass selbst Modernisierungsprozesse kontingent seien. Der Begriff der Kontingenz wird in diesem Zusammenhang „als ein notwendiges Denkmittel betrachtet, um die sich in die Makrosoziologie immer noch stets einschleichenden teleologischen und/oder allzu linearen Interpretationen korrigieren zu können“ (Knöbl 2007, 312). Dieser Hinweis beabsichtigt aber gerade nicht, „Kontingenz“ als eine Art „Universalschlüssel“ (Knöbl 2007, 312) für das Verständnis heutiger sozialer, politischer und kultureller Entwicklungen zu verstehen. Diese Klarstellung ist besonders vor dem Hintergrund der aktuellen Popularität dieses Begriffs sinnvoll. Denn Kontingenz ist vor allem im Rahmen postmoderner Theorien zu einem wahrhaften „Modethema“ (Joas 2011, 11) geworden. Darüber hinaus macht aber die Besinnung auf die Geschichte des Kontingenzbegriffs sowie auf seine Anwendung auch deutlich, dass Kontingenzbewusstsein und die Suche nach Kontingenzbewältigungsstrategien in den Kulturen seit der Achsen-
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zeit – das heißt: seit dem Verzicht darauf, Unvorhergesehenes einfach dem „Zufall“ oder dem „Schicksal“ zuzuschreiben – ganz tief in das Selbstverständnis unserer Gesellschaften hineinreicht, mehr noch: dieses ganz wesentlich mitbestimmt. Dabei muss auch klar werden, dass Kontingenzbewusstsein und die daraus entwickelten Formen des Umgangs mit Kontingenz nicht nur zu den „Grundlagen des historischen Denkens“ (Rüsen 2013) gehören, sondern gerade auch einer „Humanisierung der Zeit“ (Rüsen 2013, 33) und darüber hinaus einer Humanisierung des gesellschaftlichen und politischen Lebens allgemein den Weg ebnen. So gesehen ist die Frage nach dem jeweiligen Umgang mit Kontingenz intrinsisch mit der Frage nach der Humanität und Menschlichkeit unserer Gesellschaften verbunden.
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Kapitel 3: Forschung und Methode
© Der/die Autor(en), exklusiv lizenziert an Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2025 J. Rüsen et al. (Hrsg.), Handbuch der Historik, https://doi.org/10.1007/978-3-658-47760-8_3
3.1 Geschichtswissenschaft Jörn Rüsen
Geschichtswissenschaft ist eine Diskursform des historischen Denkens. Sie beansprucht, ein Wissen über die menschliche Vergangenheit hervorzubringen, das als Erkenntnis einen hohen Geltungsanspruch stellen kann. Lange Zeit, von der Antike an, wurde in der Geschichtskultur des Westens die Wissenschaftsfähigkeit des historischen Denkens negiert. So heißt es wegweisend bis in die frühe Neuzeit bei Aristoteles: Die Dichtung ist „philosophischer und bedeutender als die Geschichtsschreibung. Denn die Dichtung redet eher vom Allgemeinen, die Geschichtsschreibung vom Besonderen. Das Allgemeine besteht darin, darzustellen was für Dinge Menschen von bestimmter Qualität reden oder tun nach Angemessenheit oder Notwendigkeit; darum bemüht sich die Dichtung und gibt dann die Eigennamen bei. Das Besondere ist, zu berichten, was Alcibiades tat oder erlebte“ (Aristoteles 1961, 39 [1451b]). Erst Ende des 18. Jahrhunderts (in der sogenannten ‚Sattelzeit‘) entwickelte sich eine Form des Denkens, in der das Wissen um das Geschehen der Vergangenheit einen neuen kognitiven Status erhielt. Es wurde als ‚Wissenschaft‘ verstanden, vollzogen und anerkannt (exemplarisch dafür: Chladenius [1752]1985). Während also seit der Antike einem Wissen um einzelnes Geschehen der Anspruch auf Wissenschaftlichkeit wegen seiner Unfähigkeit zur Verallgemeinerung abgesprochen wurde, gewann es erst im westlichen Modernisierungsprozess den kognitiven Status allgemeingültiger Erkenntnis in der Form eines durch methodisch geregelte Forschung gewonnenen Wissens. Wissenschaftlichkeit beruhte nicht länger nur auf Einsichten in Sachverhalte, die den logischen Status von Phänomenen eines hohen Allgemeinheitsgrades haben (wie etwa mathematische Formeln oder Naturgesetze). Sie beruhte vielmehr darauf, dass die Einsichten selber, auch wenn sie sich auf Einzelnes und Besonderes beziehen, dann als wissenschaftlich gelten, wenn sie uneingeschränkt allgemein und d.h. als von jedem jederzeit nachprüfbar gelten. Zu diesem logischen Erfordernis der Allgemeingültigkeit kam als wesentliches Merkmal ein Erfahrungsbezug von Erkenntnissen hinzu, der sie ebenfalls jederzeit und von jedermann an der Erfahrung überprüfbar macht. Wissenschaftsspezifisch sind die Deutungsmuster des historischen Denkens, wenn sie begrifflich klar konzipiert, logisch konsequent entwickelt und auf Erfah-
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rung bezogen werden. Der Erfahrungsbezug wird an den Überresten der Vergangenheit (Quellen) festgemacht. Deren Tatsächlichkeit der Informationen über die Vergangenheit ist entscheidend für den empirischen Charakter der historischen Erkenntnis. Das gilt auch für den Bezug auf nicht-empirische, fiktionale Elemente in den Überresten. Sie stehen dann dafür, dass die Menschen in der Vergangenheit sie für tatsächlich gehalten haben; aber auch dann, wenn sie damals selbst für fiktional gehalten wurden, gehören sie zu den Tatsachen vergangenen Geschehens, solange sie sich im Handeln und Leiden der Menschen ausgewirkt haben, wie zum Beispiel utopische Visionen, kollektive Ängste oder mythische Erzählungen. Als Diskursform ist Wissenschaftlichkeit an eine institutionelle Verfassung gebunden, in der das historische Denken durch Forschung Erkenntnisfortschritte erzielen kann und muss. Diese Verfassung bindet das historische Denken an akademische Formen des Diskurses (in Universitäten, Akademien und vergleichbaren Institutionen), die dem Erwerb, der Vermehrung und der Vertiefung von Wissen in Erkenntnisform dienen. Zu dieser institutionellen Verfassung gehören spezifische Diskursformen der Veröffentlichung und kritischen Überprüfung von Forschungsergebnissen wie Fachzeitschriften mit Rezensionen und Forschungsberichten und wissenschaftliche Kongresse und Tagungen (Jaeger/Rüsen 1992, 41-72). Zwar ist der historische Erkenntnisprozess stets politisch bedingt und politisch relevant. Er folgt aber nicht primär einer Logik des politischen Machtgewinns unter normativen Vorgaben pragmatischer Dienlichkeit, sondern ist dem Prinzip der Wertfreiheit verpflichtet. Mit diesem Prinzip wird die Geltung wissenschaftlicher Erkenntnis an die Diskursfähigkeit der verwendeten Begrifflichkeit und an die Prinzipien der logischen Konsistenz und der empirischen Überprüfbarkeit gebunden. Wissenschaftlichkeit ist ein Geltungsmodus, der sich in die konstitutiven Sinnkriterien des historischen Denkens einschreibt. Diese Sinnkriterien lassen sich als disziplinäre Matrix des historischen Denkens identifizieren, beschreiben und diskutieren (Rüsen 2013). Diese Matrix verbindet in einer systematischen und dynamischen Weise folgende Sinnkriterien: (1) Orientierungsbedürfnisse im zeitlichen Wandel der menschlichen Lebensverhältnisse, (2) Deutungsmuster des historischen Denkens, (3) Methoden der Forschung, (4) Formen der Darstellung, (5) Orientierung im zeitlichen Wandel durch rationalen Diskurs.
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Das heißt im Einzelnen: (ad 1) Die Geschichtswissenschaft gehört zur ‚Geschichtskultur‘ ihres gesellschaftlichen Kontextes. Mit ihr deutet sie den zeitlichen Wandel der menschlichen Lebensverhältnisse, so dass die von ihm Betroffenen auf ihn reagieren und ihn ins Kalkül ihrer kulturellen Orientierung integrieren können. Je nachdem, wie die Veränderungen der Lebensverhältnisse erfahren werden, fällt die entsprechende Deutungsleistung unterschiedlich aus. Werden sie als normal empfunden, können die Betroffenen auf vorgegebene einschlägige Deutungsmuster zurückgreifen und mit ihnen die erfahrenen Veränderungen bewältigen. Werden sie als kritisch empfunden, d.h. als nicht mehr kompatibel mit ihnen, werden die Deutungsmuster verändert (im Rahmen der von den Sinnkriterien der kulturellen Vorgaben eröffneten Spielräume). Werden sie als katastrophisch empfunden, d.h. zerstören sie die Sinnvorgaben der Kultur, tritt eine Grundlagenkrise der kulturellen Orientierung ein, und neue Sinnkonzepte müssen erfunden und entwickelt werden. Ist das nicht möglich, geht die entsprechende Lebensform zugrunde. (ad 2) Zur Deutung vergangener Geschehnisse verwendet die Geschichtswissenschaft Konzepte des historischen Wandels, die sie mit der Gegenwart so verbinden, dass sie dem Verständnis dieses Wandels in einem übergreifenden Zeitrahmen dienen können. Ein Beispiel für ein solches Konzept in der neueren Geschichte ist eine Vorstellung von Modernisierung (Wehler 1975; Wagner 2008). Eine allgemeinere Vorstellung, die die Entwicklung der Menschheit insgesamt betrifft, folgt der Idee der Humanisierung des Menschen. Sie wurde paradigmatisch von Herder entwickelt (Herder 2002a, 2002b). Ausgangspunkt ist die moderne Idee von der Würde, die den Menschen als Zweck in sich selbst auszeichnet. Diese Idee kann als Endphase einer gesamtgeschichtlichen Entwicklung gedacht werden. Dabei könnte die Vorstellung von der Selbstzweckhaftigkeit des Menschen in die Irre führen; denn sie ist ja nur typisch für die Moderne, also für die Endphase einer langen Entwicklung, nicht aber für diese selbst. Nur dann, wenn sie nicht nur auf den Menschen als Menschen bezogen wird, sondern auch auf die Vorstellung einer übermenschlichen Selbstzweckhaftigkeit einer göttlichen Sinninstanz, ist sie geschichtstheoretisch plausibel. Dann kann man mit dem Entwicklungsgedanken die Entwicklung der Selbstzweckhaftigkeit des Menschen1 als oberste Sinnbestimmung historischer Prozesse von Pro-
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„Allein der Mensch, als Person betrachtet, d.i. als Subject einer moralisch-praktischen Vernunft, ist über allen Preis erhaben; denn als ein solcher (homo noumenon) ist er nicht blos als Mittel zu anderer ihren, //VI435// ja selbst seinen eigenen Zwecken, sondern als Zweck an sich selbst zu schätzen, d.i. er besitzt eine Würde (einen absoluten innern Werth), wodurch er allen andern vernünftigen Weltwesen Achtung für ihn abnöthigt, sich mit jedem Anderen dieser Art messen und auf den Fuß der Gleichheit schätzen kann“ (Kant 1978, 568).
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jektionen ins Transzendente bis in die tiefste Innerlichkeit moderner Individualität konzipieren. (ad 3) Der methodische Gesichtspunkt der historischen Sinnbildung (Rüsen 2020a) entwickelte sich von der Vorstellung eines leicht und sicher zu vollziehenden Weges des historischen Denkens zu verlässlichem Wissen (Bodin 1650) bis hin zur Verwendung eines Sets von Forschungsregeln der Heuristik, der Kritik sowie der Interpretation im Umgang mit den Quellen (Droysen 1977; Droysen 2020a, 2020b; Bernheim 1908). ‚Heuristik‘ ist die methodische Regelung der Fragestellung und des Zugangs zu den empirischen Gegebenheiten der Vergangenheit; ‚Kritik‘ ist die Ermittlung von Tatsachen vergangenen menschlichen Lebens aus dessen Überresten und Interpretation die Reihung von Tatsachen zu erklärenden (narrativen) Ereignisfolgen. (ad 4) Die Formen der Darstellung (z.B. Monographie, Forschungsbericht, Essay etc.) werden in der Rhetorik und Ästhetik der Historiographie analysiert (einen ausgezeichneten Überblick gibt Pandel 1990). Sie werden wissenschaftsspezifisch, wenn sie Gesichtspunkte ihrer Plausibilität und Überprüfung explizit angeben. (Dafür mag als Beispiel die Fußnote in fachlichen Publikationen stehen.) Die gegenwärtige Diskussion in der Geschichtstheorie konzentriert sich fast ausschließlich auf die Narrativität des historischen Wissens (Hasberg 2013; Lorenz 2004; Megill 1998; Breyer/Creutz 2010; Ricoeur 1988, 1989, 1991; Seixas 2016) und vernachlässigt eine Analyse ihres Anspruchs auf Wissenschaftlichkeit und ihren fachwissenschaftlichen Charakter. (ad 5) Auch die praktischen Funktionen der zeitlichen Daseinsorientierung (z.B. Präsentation von Identität, Klärung von Legitimitätsfragen) können wissenschaftsspezifisch gefasst werden. Dann heben sie darauf ab, die Rationalitätspotenziale der kulturellen Orientierung zu verstärken, indem sie die diskursiven Elemente des historischen Denkens steigern und seinen argumentativen Charakter deutlich machen. Das lässt sich am Phänomen der Präsentation von Identität illustrieren. Identität kann als selbstverständliche Vorgabe des sozialen Kontextes des historischen Denkens auftreten, also nicht eigens reflektiert und in ihrer Eigenart begründet werden. Das ist in der nationalen Historiographie zumeist der Fall. Sie kann aber auch als problematisch erscheinen, als veränderbar und alles andere als selbstverständlich, insbesondere dann, wenn ihr nationaler Standpunkt ins Verhältnis zu anderen Nationen gesetzt wird. Standpunkte vereinseitigen. Wenn sie als solche angegeben werden, kann diese Einseitigkeit im Ansatz überwunden werden, insofern dann mit der präsentier-
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ten Perspektivität andere Gesichtspunkte und Perspektiven als sachlich möglich und erkenntnistheoretisch notwendig ins Spiel gebracht werden. Wissenschaftlichkeit bedeutet keine grundsätzliche Praxisferne. Wohl aber befreit sie das historische Denken von unmittelbarer Nützlichkeit. Nützlich für seine Reichweite und Normativität wird es jedoch auch in wissenschaftlicher Form durch seine Erweiterung und Vertiefung der historischen Erkenntnis nach Gesichtspunkten der Humanität (Rüsen 2020).
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3.2 Methoden Jörn Rüsen
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planatorische Deutungsverfahren und für die Orientierung diskursive narrative Darstellungsformen. Die Regeln der Heuristik sind zweifach: Einmal bestimmen sie die Formulierung einer aussichtsreichen Fragestellung. ‚Aussichtsreich‘ ist eine Fragestellung dann, wenn sie zwei Erfordernisse erfüllt: Erstens dann, wenn sie Probleme der zeitlichen Orientierung der aktuellen menschlichen Lebenspraxis aufgreift und aus ihnen historische Fragen gewinnt (dafür hat sich der Begriff der Relevanz eingebürgert), und zweitens dann, wenn sie Materialien ausfindig macht, die als Erfahrungsbestände vergangenen Geschehens Antworten auf diese historischen Fragen geben können. Diese Erfahrungsbestände werden in der Regel ‚Quellen‘ genannt. Vorab freilich sind erst einmal der Wissensbestand über die in Frage gestellte Vergangenheit zu sichern und die Fragestellung selber zu reflektieren. Die hierfür erforderlichen Erkenntnisoperationen werden methodentheoretisch ‚Heuristik‘ genannt. Für sie gelten – was die Fragestellung betrifft – die Regeln des Bezuges auf aktuelle Orientierungsprobleme der Lebenspraxis und auf Erfahrungsbestände, die vom Geschehen in der Vergangenheit zeugen. Was den einschlägigen Wissensbestand betrifft, gelten die Regeln des Bezuges auf die einschlägige Forschung. (ad 2) Im Umgang mit den Materialien, die die Vergangenheit als Sachverhalt der Erfahrung präsentieren (z.B. Dokumente, Siedlungsspuren, Erinnerungen, kulturelle Artefakte), geht es einmal um die Ermittlung und Sicherung der Tatbestände des vergangenen Geschehens, die in deren Überresten empirisch zugänglich sind. Dieser Vorgang heißt Quellenkritik. Quellen sind im Prinzip alle Relikte vergangenen Geschehens, die von menschlichem Geschehen zeugen (können). Freilich ist nicht der Gesamtbestand überlieferten Geschehens der Vergangenheit schon Quelle, sondern nur die Relikte, die das eigens heuristisch Erfragte dokumentieren. Zumeist stehen dabei Zeugnisse menschlicher Aktivität im Vordergrund, z.B. von politischem Handeln oder kulturellen Schöpfungen. Das ja gleichursprünglich mit dem Handeln sich vollziehende Leiden des Menschen ist bislang eher im Hintergrund der empirischen Aufmerksamkeit geblieben. Die methodischen Regeln der Quellenkritik betreffen die überprüfbare Ermittlung und Sicherung der von den Quellen bezeugten Geschehnisse der Vergangenheit. Sie schließen die Regelungen der sogenannten Hilfswissenschaften ein, die für die Erforschung der verschiedenen Bereiche von Zeugnissen der Vergangenheit zuständig sind (Dokumente, Münzen, Siedlungsspuren, mentale Dispositionen, biologische Sachverhalte wie Zeitringe an Holzartefakten etc.). Mit der Quellenkritik ist jedoch im Gegensatz zu verbreiteten Vorstellungen der historische Forschungsprozess keineswegs abgeschlossen.
3.2 Methoden
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(ad 3) Schließlich müssen die quellenkritisch ermittelten und gesicherten Tatsachen der Vergangenheit noch durch eine Interpretation in narrativ formulierte erklärende Zusammenhänge von Geschehensketten zusammengefügt werden. Die methodischen Regeln der Interpretation betreffen diese narrative Verknüpfung der Geschehnisse zu zeitlichen Ereignisfolgen (Prozessen). Dazu werden in methodischer Absicht theoriefähige Verstehenskonzepte von Ereignisketten vergangener Geschehensvorgänge verwendet. Im Unterschied zur Quellenkritik ist hat sich die Vorstellung, dass auch die Erkenntnisprozedur der Interpretation als notwendige Voraussetzung der historischen Forschung methodischen Regeln folgt, noch nicht allgemein durchgesetzt. Nichtsdestoweniger werden zur Interpretation mehr oder wenige explizite Deutungsmuster verwendet. In expliziter Form treten sie als historische Theorien auf. (ad 4) Interpretation und Darstellung werden oft als eine einzige und dieselbe mentale Aktivität angesehen. Sie hängen in der Tat aufs Engste zusammen, sind aber durchaus nicht identisch, sondern müssen als unterscheidbare kognitive Vorgänge vollzogen werden. Die historische Darstellung gibt der Interpretation ihr narratives Gesicht. Regeln für die Darstellung (die z.B. ihre kommunikative Verständlichkeit betreffen) werden zumeist nicht mehr zur historischen Methode gerechnet, weil es sich um poetischästhetische und rhetorische Sachverhalte handelt, die nicht den eigentlichen Forschungscharakter der historischen Erkenntnis ausmachen. (ad 5) Die Funktion der historischen Erkenntnis betrifft ihre Rolle in der kulturellen Orientierung der menschlichen Lebenspraxis. Die einschlägigen Sachverhalte werden in der Geschichtsdidaktik fachspezifisch analysiert. Die gegenwärtige Diskussion über Eigenart und Funktion des historischen Denkens hat den Themenbereich der Methode und damit den gesamten Forschungsbereich der Geschichtswissenschaft zugunsten der Analyse des narrativen Charakters des historischen Denkens weitgehend außer Acht gelassen. Damit ist der fachwissenschaftliche Charakter des historischen Denkens, seine Form als rationale Erkenntnis, aus dem Blick geraten. Die Historik (die systematische Reflexion auf Eigenart und Funktion des historischen Denkens) steht also noch vor der Aufgabe, dessen wissenschaftliche Form als Spezifikum seiner narrativen Verfassung ans Licht zu bringen.
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3.3 Forschung Kasper Risbjerg Eskildsen
Forschung als Prozess Forschung ist der Prozess, durch den man Wissenschaft macht. Sie kann als individueller Prozess des einzelnen Forschers, aber auch als kollektiver Prozess verstanden werden. Die Forschung ist Teil eins größeren Ganzen, in dem neue Ergebnisse entweder auf ein früheres Verständnis innerhalb der wissenschaftlichen Gemeinschaft aufbauen oder dieses Verständnis in Frage stellen. Sie bezieht sich auf eine wissenschaftliche Tradition und arbeitet in deren Rahmen, erneuert aber auch ständig die Tradition (Kuhn 1978, 225–239). Dieser Forschungsbegriff ist mit der zunehmenden Arbeitsteilung innerhalb der Wissenschaft und der Entwicklung wissenschaftlicher Disziplinen im 19. Jahrhundert eng verknüpft (Diemer 1978; Turner 1980; Walther 2006; Eskildsen 2022a). Ein Beispiel in der Geschichtswissenschaft ist die 1860 gegründete Zeitschrift Forschungen zur deutschen Geschichte. Die Zeitschrift sollte nicht bekanntes Wissen an die Öffentlichkeit vermitteln, sondern neue Erkenntnisse an Fachhistoriker weitergeben. Sie diente einer wissenschaftlichen Gemeinschaft, die kollektiv und kumulativ arbeitete. Der Zweck war „gelehrte Arbeiten, welche einzelne Abschnitte oder Gegenstände aus der deutschen Geschichte, sei es durch die Benutzung neuen Materials oder durch gründliche kritische Untersuchung, aufhellen, hier zu sammeln“ (Anonym 1862, iii). Voraussetzung dieses Forschungsbegriffs ist die Existenz einer wissenschaftlichen Gemeinschaft, die nicht nur neues Wissen schätzt, sondern auch gemeinsame Forschungspraktiken und gemeinsame Annahmen und Regeln, dafür was als neues Wissen gilt, hat.
Wissenschaftstheorie der Forschung Seit den 1970er-Jahren haben Wissenschaftssoziologen, -anthropologen und -historiker ihr Interesse auf den Forschungsprozess, science in the making, gerichtet. Sie haben die bewussten und unbewussten Entscheidungen bei der Produktion von Wissen sowie die Bedeutung dieser Entscheidungen für unser Verständnis von und un-
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seren Umgang mit der Welt aufgedeckt. Dieser Ansatz basiert auf einer Auffassung der Forschung als situativ und kollektiv (Shapin 1992; Golinski 2005; Oreskes 2019). Wissenschaft wird an bestimmten Orten und in bestimmten Gemeinschaften geformt und ist auf diese Orte und Gemeinschaften, um sich entwickeln zu können, angewiesen (Jacob 2007-2011). Sie unterscheidet sich nicht wesentlich von anderen Arbeitsformen und setzt eine körperliche Auseinandersetzung mit der materiellen Welt voraus (Shapin 2010; Waquet 2015). Die Untersuchungen des Forschungsprozesses wurden zuerst für die Naturwissenschaften durchgeführt, umfassten aber in den letzten Jahren auch die Geisteswissenschaften, einschließlich der historischen Wissenschaften (Müller 2004; Camic et al. 2011; Eskildsen 2022b). Einen wesentlichen Beitrag zum Verständnis des Forschungsprozesses leistet das Studium der wissenschaftlichen Praxis. Der Fokus liegen dabei darauf, wie Wissenschaftler arbeiten und zu ihren Ergebnissen kommen (Kwaschik/Wimmer 2010; Spoerhase/Martus 2013). Auch für die Spezialisierung und Aufteilung der Wissenschaft in verschiedene Disziplinen ist die Forschungspraxis von zentraler Bedeutung. Disziplinen sind Arbeitsgemeinschaften mit etablierten und oft unbewussten Arbeitsroutinen. Die Geschichtswissenschaft war und ist in erster Linie eine Wissenschaft schriftlicher Quellen und hat ihre Methoden aus der Philologie übernommen (Muhlack 1986; Auslander 2005). Im 19. Jahrhundert grenzte sie nicht schriftlich dokumentierte Teile der Vergangenheit als ‚Vorgeschichte‘ ab und überließ diese Archäologen und Anthropologen (Eskildsen 2012). Die Vergangenheit wurde in verschiedene Bereiche unterteilt, die mit bestimmten Orten wissenschaftlicher Arbeit verbunden waren. Archäologie und Anthropologie waren zunächst als Museumswissenschaften gedacht, nutzten aber zunehmend Ausgrabungen und Feldforschung. Die Geschichtswissenschaft dagegen definierte sich als Archivwissenschaft (Wimmer 2012; Eskildsen 2013; Friedrich 2013; Müller 2019). Dieser Prozess der Ausdifferenzierung der Disziplinen mit immer stärkerer Spezialisierung hat sich seitdem fortgesetzt und hält bis heute an (Jacobs 2013). Ein weiteres Forschungsgebiet ist die Untersuchung der wissenschaftlichen Glaubwürdigkeit und Autorität. Für die historischen Wissenschaften ist dies vielleicht noch interessanter als für die Naturwissenschaften. Im Gegensatz zu den experimentellen Naturwissenschaften können die historischen Wissenschaften ihre Daten nicht selbst produzieren. Ihre Quellen sind einzigartig und müssen irgendwo gefunden werden. In einigen Fällen, zum Beispiel bei archäologischen Ausgrabungen, zerstört die Untersuchung sogar die Quelle selbst. Eine wichtige Frage ist daher auch, wie Wissenschaftler andere Wissenschaftler von der Glaubwürdigkeit ihrer Ergebnisse überzeugen (Spoerhase et al. 2009). Dieses Vertrauen kann durch Quellenpublikationen und Fußnoten gestützt werden (Grafton 1999; Ernst 2003), hängt
3.3 Forschung
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aber auch von einem Vertrauen in den Forscher selbst ab. Ein weiteres Untersuchungsfeld ist daher die Persona des Forschers, also die kollektive Identität unter Forschern einer wissenschaftlichen Gemeinschaft. Eine Voraussetzung der Entstehung historischer Disziplinen im 19. Jahrhundert war eine neue Art von wissenschaftlicher Persönlichkeit, die Fleiß, Selbstaufopferung, Genauigkeit und Demut gegenüber der eigenen Leistung schätzte. Diese epistemischen Tugenden waren nicht nur mit einem bestimmten Forscherbild verbunden, sondern ermöglichten auch gegenseitiges Vertrauen und Zusammenarbeit innerhalb der wissenschaftlichen Gemeinschaft (Daston 2014; Eskildsen 2015; van Dongen/Paul 2017). Eine weitere wichtige Frage ist, wie diese Gemeinschaft der Normen und Praktiken gebildet und aufrechterhalten wird. Für die modernen wissenschaftlichen Disziplinen spielt Ausbildung eine zentrale Rolle. In allen Teilen der Wissenschaft und in allen Teilen der Welt wurden standardisierte Lehrbücher und Praxisübungen im 19. Jahrhundert immer wichtiger (Kaiser 2005; Torstendahl 2015; Chang/Rocke 2021). Gleichzeitig wurden neue Orte für eine einheitliche Ausbildung und Lehre eingeführt. Historiker der Naturwissenschaften haben sich auf die Entstehung des Lehrlabors konzentriert (Olesko 1988; Schubring 2000). In den Geisteswissenschaften richtet sich das Interesse stattdessen auf die Entwicklung des Forschungsseminars, – von der Entstehung der ersten philologischen Seminare im 18. Jahrhundert bis zu ihrer allgemeinen Verbreitung in allen Disziplinen, einschließlich der Geschichtswissenschaft, in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts (Clark 1989; Pandel 1994; Pandel 2002; Smith 1995; vom Brocke 1999; Hadler et al. 2001; Eskildsen 2015).
Wissenschaftstheorie und Geschichtstheorie Die wissenschaftstheoretische Herangehensweise an die Wissenschaft als Prozess fordert in vielerlei Hinsicht die Geschichtstheorie, wie sie seit Beginn des 20. Jahrhunderts verfolgt wird, heraus. Die Geschichtstheorie geht meist von den fertigen Werken, den Büchern und Artikeln der Historiker, aus und untersucht selten die Entstehung dieser Werke. Sie hat sich eher auf ready made science als auf science in the making konzentriert. Ein wesentlicher Grund dafür ist, dass die Geschichtstheorie oft davon ausgegangen ist, dass nicht primär die historische Forschung das Geschichtsbild des Historikers geschaffen hat. Diese Überzeugung zeigt sich bereits in Ernst Troeltschs einflussreichem Buch Der Historismus und seine Probleme, das den Ursprung der modernen Geschichtsauffassung eher in der Geschichtsphilosophie des 18. Jahrhunderts als in der mühsamen Arbeit mit den Quellen verortete (Troeltsch
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1922). Ähnliche Erklärungen finden sich auch in der späteren Geschichtstheorie, die häufig davon ausgegangen ist, dass die Geschichtsauffassung der Geschichtswissenschaft ein Produkt verschiedener politischer und kultureller Faktoren, Ideologien und Denkweisen ist. Sie hat auch oft den Aufstieg moderner Geschichtswissenschaft mit dem Historismus und grundlegenden Veränderungen des europäischen Weltbildes im späten 18. Jahrhundert verbunden (besonders White 1972; Koselleck 1979; Hartog 2012). Die Untersuchungen des Forschungsprozesses offenbaren sowohl neue Kontinuitäten als auch Diskontinuitäten. Die Entstehung des Historismus ist nicht notwendigerweise der zentrale Wendepunkt der Geschichte der Geschichtswissenschaft. Einige der Forschungspraktiken, die die Geschichtswissenschaft heute noch prägen, sind weit älter als die modernen Disziplinen. Philologische Prinzipien der Textkritik, wie die Unterscheidung zwischen Primär- und Sekundärquellen, stammen aus der Renaissance und sind über die Jahrhunderte relativ stabil geblieben (Grafton 1994; Timpanaro 2006; Bod 2013). Die Hinwendung zur empirischen Wissenschaftsauffassung, die den Status der Geschichtswissenschaft als eigenständiges Universitätsfach ermöglichte, setzte bereits im 17. und 18. Jahrhundert ein (Eskildsen 2022b). Untersuchungen haben auch gezeigt, dass die Erforschung der materiellen Überreste der Vergangenheit im 19. Jahrhundert tief in den älteren antiquarischen Traditionen verwurzelt ist (Miller 2017). Die Entstehung moderner Geschichtswissenschaft hat auch grundlegende Veränderungen und Brüche bewirkt. Die Wissenschaft wird nicht nur von sich verändernden Weltbildern beeinflusst, sondern gestaltet sie auch mit. Die Verwendung philologischer Methoden auf rechtliche Geschichtsquellen hat bereits im 17. Jahrhundert zur Revolte gegen die religiöse Deutung der Weltgeschichte beigetragen (Fasolt 2004). Die Institutionalisierung der Geschichtswissenschaft im 18. und 19. Jahrhundert verstärkte diese Entwicklung, indem sie auf Kosten anderer traditioneller Autoritäten das Recht, die Vergangenheit zu interpretieren, geltend machte (Eskildsen 2022b). Ihre Verbreitung in andere Teile der Welt setzte die Revolte hier fort und legte den Grundstein für viele der identitätspolitischen Auseinandersetzungen um die Geschichte, die wir auch noch im 21. Jahrhundert weiterführen (Tanaka 2019). Die Beschränkung der Geschichtswissenschaft auf schriftliche Quellen und das Archiv schloss zunächst andere Stimmen aus der Geschichte aus und förderte eine Geschichtsschreibung, die den Standpunkt des Staates und der Bürokratie in den Vordergrund stellte (Eskildsen 2008). Untersuchungen zum Forschungsprozess beleuchten somit auch die Rolle der Geschichtswissenschaft in der politischen und sozialen Ordnung. Allerdings verlagern sie den Fokus auf die Forschungsgemeinschaft als Akteur und auf die Rolle der Forschung bei der Schaffung dieser Ordnung.
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3.3 Forschung
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Shapin, Steven. Never Pure. Historical Studies of Science as if It Was Produced by People with Bodies, Situated in Time, Space, Culture, and Society, and Struggling for Credibility and Authority. Baltimore 2010. Smith, Bonnie G.: Gender and the Practices of Scientific History. The Seminar and Archival Research in the Nineteenth Century. In: The American Historical Review 100 (1995), 1150–1176. Spoerhase, Carlos/Werle, Dirk/Wild, Markus (Hg.): Unsicheres Wissen: Skeptizismus und Wahrscheinlichkeit 1550-1850. Berlin 2009. Spoerhase, Carlos/Martus, Steffen: Die Quellen der Praxis. Probleme einer historischen Praxeologie der Philologie. Einleitung. In: Zeitschrift für Germanistik Neue Folge 23/2 (2013), 221–225. Tanaka, Stefan: History without Chronology. Amherst 2019. Timpanaro, Sabastiano. The Genesis of Lachman’s Method. Hg. und übers. von Glenn W. Most. Chicago 2006. Torstendahl, Rolf: The Rise and Propagation of Historical Professionalism. London 2015. Troeltsch, Ernst: Der Historismus und seine Probleme. Tübingen 1922. Turner, Steven R.: The Prussian Universities and the Concept of Research. In: Internationales Archiv für Sozialgeschichte der deutschen Literatur 5 (1980), 68–93. Walther, Gerrit: Forschung. In: Friedrich Jaeger et al. (Hg.): Enzyklopädie der Neuzeit, Bd. 3. Stuttgart 2006, 1055–1060. Waquet, François: L’ordre matériel du savoir. Comment les savants travaillent XVIe-XXIe siècles. Paris 2015. White, Hayden: Metahistory. The Historical Imagination in Nineteenth Century Europe. Baltimore 1972. Wimmer, Mario: Archivkörper. Eine Geschichte historischer Einbildungskraft. Konstanz 2012.
3.4 Wissen/Erkenntnis Estevão de Rezende Martins
‚Wissen‘ und ‚Erkenntnis‘ sind Begriffe, mit deren Bedeutung sich die (philosophische) Erkenntnistheorie beschäftigt. Beide Begriffe werden oft als Äquivalente verwendet. Hier wird die für das historische Wissen relevante Bedeutung des Begriffs Erkenntnis dargestellt. Erkenntnis bezieht sich auf ein durch Einsicht oder Erfahrung gewonnenes Wissen, wobei der Begriff sowohl das Ergebnis (das Erkannte) als auch den Prozess des Erkennens (den Erkenntnisakt) bezeichnet. Der Begriff der Erkenntnis ist auch die Sammelbezeichnung für verschiedene Wissensformen, wie die Alltagserkenntnis, die ästhetische Erkenntnis, die bewertende Erkenntnis oder die wissenschaftliche Erkenntnis. In der Psychologie wird der Erkenntniserwerb vor allem als Erwerb durch sinnliche Wahrnehmung verstanden. Hier wird Erkenntnis also zu einer durch Erfahrung gewonnenen Information, die die Menschen durch Denkakte verschiedenster Art auch zu neuer Information verarbeiten. Die so erworbene Erkenntnis wird dann in einem Träger, dem Bewusstsein, dem Unterbewusstsein bzw. dem Gedächtnis gespeichert. Erkenntnis und Wissen teilen also einen ‚gemeinsamen Boden‘: Beide Begriffe bezeichnen Bekanntes, Erkanntes, Gewusstes, das vom Menschen erworben und denkend verbunden wird. Die konkrete, empirische Erfahrung des erkennenden Subjekts vermittelt Wissen durch direkte persönliche Wahrnehmung und durch indirekte Wahrnehmung, die ihm durch die Tradition (schriftlich und mündlich) übermittelt wird. Wissen setzt eine der menschlichen Natur innewohnende Erkenntnisfähigkeit voraus, die es ihr ermöglicht, Informationen zu sammeln und zu verknüpfen. Psychologisch gesehen ist diese Fähigkeit jedem menschlichen Subjekt eigen, und ihr Gebrauch ist zunächst spontan (Evolutionspsychologie) und später durch die Erfahrung des Subjekts (direkt, im persönlichen, familiären, schulischen, beruflichen, sozialen und kulturellen Alltag) gesteuert (Entwicklungspsychologie). Diese Erfahrung kann beiläufig (im Alltag, ohne dass Wissen als solches angestrebt wird) oder absichtlich (bei Recherchen, aus welchen Gründen auch immer) gemacht werden. Das Wissen und der Umgang mit Wissen ist somit eine anthropologische Konstante, unabhängig von Zeit und Ort.
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Estevão de Rezende Martins
Wissen kann auch in das Wissen des ‚gesunden Menschenverstands‘ (common sense) und in wissenschaftliches Wissen unterschieden werden. Die common senseErkenntnis ist in der Regel das Wissen, das sich die Menschen täglich aneignen und praktizieren, ohne dass methodische Kontrollkriterien angewandt werden müssen. Da wissenschaftliches Wissen darauf abzielt, durch erklärende Argumente kontrollierbare und überprüfbare empirische Gültigkeit zu erlangen, bedarf es vereinbarter methodischer Verfahren, die eine strenge Bewertung der Relevanz seiner Argumente angesichts der konkreten Realität, die bekannt ist und erklärt wird, ermöglichen. Das Erfordernis der Methode wurde zu einem universellen Merkmal der wissenschaftlichen Erkenntnis, das in der Moderne verankert ist. Der Zusammenhang zwischen Informationen und den daraus gezogenen Konsequenzen wird durch urteilendes (logisches) Denken operationalisiert. Denkend schreibt das Subjekt Objekten bestimmte Eigenschaften (Prädikate) zu und verbindet sie durch Gründe. Die Voraussetzung der Urteilskraft ist, dass jedes erworbene und verarbeitete Wissen ursprünglich der erlebten Realität entsprechen muss. Also sehr wichtig für solche Urteilskraft ist die Grundannahme, dass die Realität der Welt, in der man lebt und die man wahrnimmt, wirklich ist. Hinzu kommt ein weiterer methodischer Anspruch: dass das erworbene Wissen wahr ist, das heißt, dass es in seiner mentalen Äußerung (und in all seinen abgeleiteten, schriftlichen, bildlichen, allegorischen Aussagen) dem entspricht, was im konkreten Leben erlebt wird. Dieser Wahrheitsanspruch ist eine unumgängliche strategische Voraussetzung für den Erwerb, Erhalt und Ausbau von Wissen. Sie ist für wissenschaftliche Erkenntnisse unabdingbar. Im Laufe der Geschichte wurde die Richtigkeit, Nützlichkeit, Lebensfähigkeit und sogar die Möglichkeit des Wissens unzählige Male in Frage gestellt. Solch radikaler Zweifel wird Skepsis genannt. Skepsis disqualifiziert Wissen, indem sie es auf Glauben oder Dogma reduziert. Von den Sophisten der griechischen Antike bis zu David Hume hat das Problem des Wissens, seinen Anspruch und seine Selbstgewissheit, wahr zu sein, zu begründen, den Erfolg des Zweifels möglich gemacht, insbesondere des cartesianischen methodischen Zweifels (Cassirer 1995). Im 20. Jahrhundert öffnete die Sprachphilosophie – insbesondere mit dem sogenannten linguistic turn (Rorty 1967) – die den Diskurs von der Wahrnehmung trennte, den Weg zu einer neuen Form der Skepsis, der sogenannten ‚Postmoderne‘, die einen Bruch zwischen Äußerung und Wirklichkeit annimmt (Baggini 2018). Jedes Wissen hängt von einer Reihe von Faktoren ab, die seine Entstehung, seinen Erwerb und seine Nutzung ermöglichen. Wissen wird historisch produziert und erworben, in sensorischen und mentalen Prozessen, die sowohl durch eine gewisse Unsicherheit (man hat keine absolute Garantie, die über das Triviale hinausgeht) als auch durch eine unsichere Gewissheit gekennzeichnet sind (man nimmt Wissen an
3.4 Wissen/Erkenntnis
203
und benutzt es so, als wäre es das unter den gegebenen Umständen am besten Erreichbare) (Popper 1934). Wissen wird entweder unmittelbar erworben (z.B. eine Verbrennung, wenn man seine Hand in heißes Wasser taucht) oder mittelbar, wenn der Inhalt des Wissens von anderen abhängt (was besonders relevant in der Geschichtswissenschaft ist, in der man mit Quellen arbeitet). Ein erheblicher Teil des in der Kultur angesammelten Wissens wird subjektiv auf indirektem Wege erworben. Da es unzählige Formen von Wissen geben kann, ist es wohl sinnvoll, von einem erkenntnistheoretischen Pluralismus (Gabriel 2014) oder von einem gemilderten Erkenntnisrealismus zu sprechen (Martins 2017, 37–60). Das akkumulierte Wissen (wie bereits erwähnt, auch Erkenntnis genannt) konstituiert sich durch die konkrete Erfahrung aller Subjekte, die es erworben, gesammelt, systematisiert und weitergegeben haben. Die universell akkumulierte Kultur ist auf diese Weise spezifisch historisch: Sie hängt davon ab, wer, wo, wann, wie, warum und wozu sie gemacht, erfahren, gelernt, kognitiv verinnerlicht, ausgearbeitet, interpretiert, verkündet, externalisiert, vererbt hat – und wo, wann und in welcher Form auch immer dies stattgefunden hat. Wissen ist, selbst in seiner allgemeinen Form und Struktur, von Natur aus eine Erfahrung, die sich in der Zeit realisiert – d. h.: historisch. Dass der ausgesprochene kognitive Inhalt unbegrenzt gültig sein kann, wie in den formalen Wissenschaften (Mathematik, Logik), ist eine Behauptung, die von der historischen Wirklichkeit abstrahiert, dass es weder Wissen noch Wissenschaft (geprüftes und verifiziertes Wissen) ohne die erkennenden Subjekte geben kann, die es erwerben, artikulieren, ausarbeiten und anwenden. In den Naturwissenschaften gilt überwiegend die logisch-analytische Methode, d.h. die Formalisierung und Mathematisierung des Erkenntnisgegenstands und seine Verarbeitung duch Logik. In den Sozial- und Geisteswissenschaften spielen hingegen die Hermeneutik und die Dialektik eine große Rolle, wobei diese allerdings nicht unumstritten sind. Meditative, intuitive Erkenntnis wiederum ist in manchem Kulturkreis (wie z. B. in der Anthroposophie oder im Buddhismus) derart ausgearbeitet und akzeptiert, dass diese Erkenntnisart dort als nachprüfbar und intersubjektiv gültig betrachtet wird und anderen Erkenntnisformen gleichgestellt wird. In gewissen Gemeinschaften (insbesondere, aber nicht ausschließlich in monotheistischen Religionen) wird auch religiöse Offenbarung als eine singuläre, völlig subjektive Art der Erkenntnis anerkannt, die als solche nicht überprüfbar ist, denn diese folgt keiner nachvollziehbaren Methode, sondern kommt durch glaubensbegründete Überzeugungen zustande. Auf jeden Fall hängt alle Erkenntnis – in welcher Form auch immer – von der körperlichen, psychischen, sozialen und kulturellen Lebenskonkrektheit eines jeden Einzelnen ab.
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Estevão de Rezende Martins
Die Geschichtlichkeit des menschlichen, rationalen Akteurs ist somit die Grundlage allen Wissens. Daraus folgt nicht, dass jegliches Wissen ein zufälliges Werk fiktiver Wanderungen des Menschen in die Tiefen seiner Phantasie ist. Die fachliche Form der historischen Erkenntnis wird in der historischen Forschung methodisch erlangt und in der Geschichtsschreibung niedergelegt. Die Geschichtstheorie interessiert sich aber sowohl für die allgemeine als auch für die wissenschaftliche Form des historischen Wissens. Sie befasst sich also mit der Gnosiologie, also den mentalen Bedingungen der Möglichkeit des historischen Denkens und des historischen Bewusstseins jedes Einzelnen, aber auch mit der Epistemologie, also den mentalen und methodischen Bedingungen der Möglichkeit einer wissenschaftlichen historischen Erkenntnis, wie sie in der Geschichtsschreibung zum Ausdruck kommen. Elementares historisches Wissen entsteht also, wenn das menschliche rationale Subjekt seine Erfahrung in der Zeit reflektiert. Diese Reflexion wird durch das historische Denken betrieben, das sich mit jeder reflektierten zeitlichen Erfahrung befasst, und bildet das historische Bewusstsein, das das Wissen um sich selbst, um jedes Subjekt, um seine Existenzbedingung in der Zeit ist. Das individuell, gesellschaftlich und historiographisch produzierte historische Wissen akkumuliert sich in der Kultur, in der Zeit und durch die Zeit hindurch und konstituiert so die Geschichtskultur.
Literatur Baggini, Julian: How The World Thinks: A Global History Of Philosophy. London. 2018 Cassirer, Ernst: Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit [1906-1950]. 4 Bde. Darmstadt 1995. Gabriel, Markus: An den Grenzen der Erkenntnistheorie. Die notwendige Endlichkeit des objektiven Wissens als Lektion des Skeptizismus. Freiburg/München ²2014. Martins, Estevão de Rezende: O conhecimento histórico e sua rede fatorial. In: Ders.: Teoria e Filosofia da História. Curitiba 2017, 15–36. Popper, Karl: Logik der Forschung. Wien 1935 (engl. 1959). Rorty, Richard M. (Hg.): The Linguistic Turn. Essays in Philosophical Method. Chicago 1967.
3.5 Hermeneutik Ronald Kurt
Der Mensch ist das Tier, das verstehen kann. Im Alltagsleben vollzieht sich das Verstehen weitgehend nichtbewusst: Menschlichen Zeichensetzungen wird pragmatisch Sinn gegeben, ohne dass der Akt der Zeicheninterpretation hinterfragt wird. Das Fragen nach den Voraussetzungen, Formen, Folgen, Möglichkeiten und Grenzen des Verstehens fand schon immer außerhalb der Sphäre des Alltags statt: in der Theologie, in der Philosophie und in den Wissenschaften. Die dort entwickelten Theorien des Verstehens lassen sich im Rückblick als Geschichte der Hermeneutik rekonstruieren. Zunächst eine lose Sammlung nützlicher Textauslegungsregeln (Gadamer 1979, 7) die insbesondere bei der von kirchlicher Dogmatik dominierten Bibelexegese im Hinblick auf das Verständlich-Machen des Unverständlichen zum Einsatz kamen, entwickelte sich die Hermeneutik (gr. hermƝneúein: ausagen, auslegen, übersetzen) insbesondere im Kontext des Protestantismus weiter. Martin Luther (1483-1546) legte mit seiner Übersetzung der Heiligen Schriften ins Deutsche und dem Solascriptura-Prinzip – allein die Schrift zählt – den Fokus auf das selbstständige Bibelstudium. Der Lutherschüler Matthias Flacius Illyricus (1520-1575) schuf mit seinem Werk Clavis scripturae sacrae (Schlüssel zur Heiligen Schrift) ein Organon zur Exegese der Bibel als einem aus Teilen bestehenden ganzheitlichen Organismus. Johann Conrad Dannhauer (1603-1666) gab mit seinem Buch Hermeneutica sacra sic methodus exponendarum sacrum litterarum (Theologische Hermeneutik oder die Methode der Auslegung der Heiligen Schrift) der Hermeneutik ihren Namen und ordnete sie als Vernunftlehre der Logik zu. Mit Johann Martin Chladenius (1710-1759), der das erste deutschsprachige Hermeneutikbuch verfasste, die Einleitung zur richtigen Auslegung vernünftiger Reden und Schriften, und mit dem Begriff des SehePunkts in historischer Perspektive eine Wendung der hermeneutischen Aufmerksamkeit vom Objekt der Auslegung hin zum Subjekt der Auslegung vollzog, kristallisierte sich im hermeneutischen Denken eine rationale Methodik heraus, die sich vom 16. Jahrhundert bis zu Aufklärung und Romantik immer weiter von ihren religiösen Wurzeln loslöste und der sich schließlich eine anthropologische Fundierung unterschob.
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Im Hinblick auf die Säkularisierung und Historisierung des hermeneutischen Denkens ist zudem auf die Nichtprotestanten Baruch de Spinoza (1632-1677) und Giambattista Vico (1668-1744) zu verweisen. Spinoza setzt sich in seinem Tractatus Theologico-Politicus im Kapitel über die Auslegung der Schrift für eine wissenschaftlich-nüchterne Interpretation der Bibel ein, die darüber aufklärt, was in Texten wahr, unklar oder widersprüchlich ist, wie der gesellschaftlich-geschichtliche Gebrauch eines Wortes seine Bedeutung bestimmt und welcher Verfasser in welcher Zeit in welcher Situation warum für wen in welcher Sprache schrieb. Die Fokussierung auf das von und für Menschen Gemachte – und deshalb von Menschen zu Verstehende – setzt sich bei Vico in der Scienza nuova fort. Er stellt es als unbezweifelbare Wahrheit hin, „daß diese politische Welt sicherlich von den Menschen gemacht worden ist; deswegen können (denn sie müssen) ihre Prinzipien innerhalb der Modifikationen unseres eigenen menschlichen Geistes gefunden werden“ (Vico 2003, §331). Mit der Kunstlehre des Verstehens des Philosophen, Predigers und Platonübersetzers Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher (1768-1834) erwirbt die Hermeneutik zu Beginn des 19. Jahrhunderts den Status einer eigenständigen wissenschaftlichen Disziplin. Alles Geschriebene und Gesprochene zu möglichen Gegenständen hermeneutischer Reflexion erklärend, geht es für Schleiermacher in der „Kunst, die Rede eines anderen richtig zu verstehen“ (Schleiermacher 1995, 75), vor allem um zwei Auslegungsaufgaben, eine grammatische und eine psychologische: „die Rede zu verstehen als herausgenommen aus der Sprache, und sie zu verstehen als Tatsache im Denkenden“ (Schleiermacher 1995, 75). Schleiermacher stellt diese beiden Interpretationsrichtungen zwar ausdrücklich als gleichwertig nebeneinander, doch kulturgeschichtlich betrachtet kündigt sich hier mit der Thematisierung des Subjektiven und Individuellen ein neuer Zeigeist an: der romantische. Die deshalb oft als romantisch bezeichnete Hermeneutik Schleiermachers setzt am Innen an. Indem der Interpret in hermeneutischen Zirkeln das Einzelne vom Ganzen und das Ganze vom Einzelnen her begreift und sich dabei in Perspektivenübernahmen „gleichsam in den anderen verwandelt“ (Schleiermacher 1995, 169), soll er versuchen vom Innen des Anderen her den Sinn des sprachlich zum Ausdruck Gebrachten zu rekonstruieren. Im Anschluss an Schleiermacher und dessen Schüler August Boeckh nimmt sich der Historiker Johann Gustav Droysen (1808-1884) der Hermeneutik an, um mit ihrer Hilfe die Geschichtswissenschaft methodisch zu fundieren. „ ... das Wesen der geschichtlichen Methode ist forschend zu verstehen, ist die Interpretation“ (Droysen 1977, 22). In seinem Grundriss der Historik positioniert Droysen das geschichtswissenschaftliche Verstehen in Frontstellung zum naturwissenschaftlichen Erklären und weist ihm die Aufgabe zu, das Gewesene anhand empirisch gegebener Überreste im Hinblick auf die Eigenart vergangener Epochen und der sie kennzeichnenden Ideen-
3.5 Hermeneutik
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und Entwicklungsverläufe auszulegen ( – ohne dabei die Totalität menschlicher Individualität verstehen zu können: „In dies Heiligtum dringt der Blick der Forschung nicht“ (Droysen 1979, 184)). Mit Wilhelm Dilthey (1833-1911) erfährt die Hermeneutik eine Neuausrichtung. In seiner Kritik der historischen Vernunft den Begriff des Geistes durch den des Lebens und damit das blutleere Subjekt Kants mit dem Menschenbild des wollenden, fühlenden und vorstellenden Individuums ersetzend, erweitert Dilthey den Gegenstandsbereich der Hermeneutik: Alle „dauernd fixierten Lebensäußerungen“ (Dilthey 1957, 319), nicht nur Texte, sondern auch Bilder, Gärten oder Ruinen, gelten ihm als potentielle Interpretationsobjekte. Er grenzt darüber hinaus das (nicht objektive, sondern Bewusstseinstatsachen erforschende) geisteswissenschaftliche Verstehen trennscharf vom naturwissenschaftlichen Erklären – „Die Natur erklären wir, das Seelenleben verstehen wir“ (1957, 144) – und er fügt das wissenschaftliche wie das alltägliche Verstehen in den Kontext der Geschichtlichkeit ein: Der, „welcher die Geschichte erforscht, (ist) derselbe, der die Geschichte macht“ (Dilthey 1958, 278), und für jeden einzelnen gilt, dass er nur in einer Atmosphäre der Gemeinsamkeit leben kann, da, wo das „Verstehen ein Wiederfinden des Ich im Du (ist)“ (Dilthey 1958, 191). Das Verstehen, für Dilthey der „Vorgang, in welchem wir aus Zeichen, die von außen sinnlich gegeben sind, ein Inneres erkennen“ (Dilthey 1957, 318), ist als Sinn rekonstruierende Deutung von Lebensäußerungen immer relativ, strukturell hypothetisch und prinzipiell unabschließbar. Die Rekonstruktion von Innerem anhand von Äußerem hat Grenzen: Individuum est ineffabile; doch: „An jedem Punkt öffnet das Vestehen eine Welt“ (Dilthey 1958, 205). Mit Welt meint Dilthey nicht die objektive Wirklichkeit der Naturwissenschaften, sondern immer die in individuellem Erleben sich konstituierende subjektive Wirklichkeit von Menschen, die im verstehenden Bezug mit anderen Menschen zusammenlebend, Kultur kreieren und tradieren. Das hermeneutische Denken, das zunächst um das Göttliche, dann um das Allgemein-Menschliche, dann um das Individuelle gravitierte, findet bei Dilthey mit dem Gesellschaftlichgeschichtlichen einen neuen Schwerpunkt. Der Aspekt des Hineingeborenwerdens in soziohistorisch präfigurierte Sinnwelten wird im hermeneutischen Denken von Martin Heidegger (1889-1976) und HansGeorg Gadamer (1900-2002) weiterentwickelt. Dass jedes Verstehen auf Vorverständnissen beruht, also nie voraussetzungsloses Erkennen sein kann, arbeitet Heidegger in Sein und Zeit als „Vor-Struktur des Verstehens“ (Heidegger 1993, 151) heraus. In Wahrheit und Methode führt Gadamer den Gedanken von der „Vorurteilshaftigkeit alles Verstehens“ (Gadamer 1990, 274) mit der Behauptung fort, dass sich im Verstehen, gleichsam hinter dem Rücken des Verstehenden, Geschichte tradiert;
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– woraus für Gadamer folgt, dass Verstehen „nicht so sehr als eine Handlung der Subjektivität zu denken (ist), sondern als Einrücken in ein Überlieferungsgeschehen“ (Gadamer 1990, 295), in dem durch Horizontverschmelzungen der Abstand der Zeiten und Kulturen tilgbar ist. Als unmöglich erscheint ein solches Verschiedenheit einschmelzendes Verstehen unter der Voraussetzung einer unaufhebbaren Differenz zwischen Ich und Du bzw. Wir und Sie, wie sie u. a. von Levinas behauptet wird (vgl. Levinas 1984). Die Annahmen, dass Verstehen aufgrund kultureller Andersheit nicht möglich bzw. trotz kultureller Andersheit durchaus möglich ist, führen beide zu der gleichen Konsequenz: zum interkulturellen Dialog (Yousefi 2010). Getragen von der hermeneutischen Grundhaltung Gadamers, sich vom anderen etwas sagen zu lassen, werden sich im wechselseitigen Verstehen Gemeinsamkeiten, wenn nicht finden, so doch möglicherweise schaffen lassen. Der Hermeneutik ist in diesem Sinne nicht nur eine Haltung der Skepsis, sondern auch eine Haltung der Hoffnung eigen.
Literatur Dilthey, Wilhelm: Der Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften. Gesammelte Schriften VII. Band. Stuttgart/Göttingen 1958. Dilthey, Wilhelm: Die geistige Welt. Einleitung in die Philosophie des Lebens. Gesammelte Schriften V. Band. Stuttgart/Göttingen 1957. Droysen, Johann Gustav: Historik. Stuttgart/Bad Cannstatt 1977. Droysen, Johann Gustav: Die Interpretation. In: Hans Georg-Gadamer/Gottfried Boehm (Hg.): Seminar: Philosophische Hermeneutik 2. Frankfurt a.M. 1979, 182-185. Gadamer, Hans-Georg: Wahrheit und Methode. Gesammelte Werke Band 1. Tübingen 1990. Gadamer, Hans-Georg: Einführung. In: Hans-Georg Gadamer/Gottfried Boehm (Hg.): Seminar: Philosophische Hermeneutik. Frankfurt a.M. 1979. Heidegger, Martin: Sein und Zeit. Tübingen 1993. Levinas, Emmanuel: Die Zeit und der Andere. Hamburg 1984. Schleiermacher, Friedrich: Hermeneutik und Kritik. Frankfurt a.M. 1995. Vico, Giambattista: La scienza nuova. München 2003. Yousefi, Hamid Reza: Interkulturalität und Geschichte. Perspektiven für eine globale Philosophie. Reinbek 2010.
3.6 Historische Erfahrung Alois Ecker
1. Alltagserfahrung, Selbstreferenz und universaler Wissensbezug Unser alltagssprachliches Verständnis von ‚Erfahrung‘ knüpft an den Erfahrungsbegriff der Vormoderne an: Der Mensch sammelt Wissen und wird im Verlauf seines Lebens immer erfahrener. Bei Aristoteles, 1. Kap. Metaphysik (A.1.980b, 26981a,31) finden wir Erfahrung (İȝʌİȚȡȓĮ) als eine Form des Wissenserwerbs, welche der Mensch durch kundige Deutung der Zusammenhänge seiner Lebenswelt, durch Auswertung der Erinnerung und Heranziehung neuer Eindrücke gewinnt. Dieser Begriff von Erfahrung setzt den Spracherwerb und den Bezug zur Lebenswelt, in die der Mensch eingebunden ist, voraus. Erfahrung wird in konkreten sozialen Handlungsräumen erworben, dem sozio-ökonomischen Lebensraum der Hausgemeinschaft (ȠȓțȠȢ) und dem politischen Handlungsraum der Stadtgemeinde (ʌȩȜȚȢ). – Der Begriff umschreibt das Geschehen entlang situativer Ereignisse, er ist kontingent, er hat keinen notwendigen Bezug zu einem universalen Prinzip von Wissenserwerb. Die Welt erscheint als „ein Geschehen, wo sich alles auf eine noch undurchschaubare Weise zusammenordnet“ (Gadamer 2010, 358). – Schütz/Luckmann (2003, 33) bezeichnen Erfahrung in der Lebenswelt als „Wissensvorrat“. Betrachten wir den Prozess, in dem Erfahrung erworben wird, so sind zwei unterschiedliche Vorstellungen von Zeitlichkeit erkennbar: a) In der vormodernen Vorstellung wird Erfahrung als Bestätigung vorhandener Erwartungen erlebt, ihr ist eine Funktion von Bewahrung zugedacht, Irrtümer oder neue Beobachtungen (z.B. aus Reiseberichten) werden in die Vorstellung der Erfahrung integriert. b) Erfahrung kann sich aber auch mit jeder neuen Beobachtung verändern, sie bleibt nur gültig, solange sie nicht durch neue Erfahrung widerlegt wird. Dieses Verständnis von Erfahrung gilt im Alltag der Moderne als typisch: Man macht eine Erfahrung, die die bis dato angenommene Lebensordnung verändert. Solche Erfahrung ist immer durch eine Negativität bestimmt: ein Leid, das man erfährt, eine Überraschung, die man nicht erwartet hat, eine Enttäuschung, die man erleidet, der Tod eines geliebten Menschen, ein Krieg, die Erfahrung von Vertreibung, Flucht, Gewalt, ein Wechsel der
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politischen Machtverhältnisse, eine Revolution. Aus der Negation bisheriger Erfahrung gewinnt man neues Wissen, das auf eine allgemeine Realität verweist, welche man bisher nicht gewusst oder nicht beachtet hat. An diesen Typ Erfahrung setzt das dialektische Moment an, auf das Hegel in der „Phänomenologie des Geistes“ (PhdG.B.IV., GW3,135,137-177) verweist: Angesichts der Erfahrung, die der Mensch an einem anderen Gegenstand, am Anderen, am Fremden macht, kehrt sich auch das Bewusstsein über sich selbst um. Der Mensch der Moderne reagiert mit Skepsis gegenüber dem Erfahrungswissen, die Skepsis lässt ihn nach höherer Gewissheit suchen. Er findet diese Gewissheit einerseits im ‚Sichwissen‘, im Wissen um sich selbst, andererseits in der wissenschaftlichen Erschließung der Welt. Dieses Wissen ist aus der Erfahrung herausgetreten und vertraut auf die Prinzipien der modernen Wissenschaft; es ist das geschichtliche Wissen. – An der Geschichtsphilosophie der Aufklärung kann der Übergang vom Erfahrungswissen zur systematischen Ordnung des gesammelten Wissens über die Menschheit nachgezeichnet werden: - Der Göttinger Gelehrte Ludwig August Schlözer fordert 1772, die Universalgeschichte möge von einem „Aggregat aller Specialhistorien“ zu einem nach ausgewählten Kriterien „zweckmäßig“ geordneten „System“ voranschreiten, „in welchem Welt und Menschheit die Einheit ist“ (Kap. I, § 8, 14). - Für den wissenschaftlich geleiteten Erkenntnisprozess entwickeln die Geschichtsphilosophen der Aufklärung Ideen für eine universale Geschichte der Menschheit (Kant 1784; Schiller 1789). - Wilhelm von Humboldt reflektiert in der Schrift „Über den Geist der Menschheit“ (1797) die Erschütterung der bisherigen kulturellen Orientierungssysteme nach der amerikanischen und französischen Revolution und sieht als einzig möglichen Fluchtpunkt und absoluten Maßstab der Orientierung die Menschenwürde. Der Selbstbezug wird zum universalen Referenzrahmen des Menschen der Moderne. Dieser erlebt die Dynamik der Industrialisierung, entdeckt seine eigene Historizität und fühlt sich herausgefordert, seinen Platz und seine Handlungsmöglichkeiten in diesem beschleunigten Wandel zu reflektieren (Koselleck 1969, 65). – Nach der Aufhebung des Selbstbezugs des einzelnen Menschen im Kollektiv der Nation (Geschichtsbewusstsein als Nationalbewusstsein) bildet der Selbstbezug im ausgehenden 20. Jahrhundert wieder das grundlegende Episteme des „Geschichtsbewusstseins“ bzw. des „historischen Bewusstseins“. Dieses universale/hermeneutische Geschichtsbewusstsein wurde u.a. von Hans Georg Gadamer (1960), Paul Ric°ur (1983-85), Jörn Rüsen (1983) und Estevão de Rezende Martins (2022) mit den zentralen Dimensionen von Zeit, Sinn, Wirklichkeit und Identität weiter differenziert.
3.6 Historische Erfahrung
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2. Erkenntnisvermögen und Empirie „Dass alle unsere Erkenntnis mit der Erfahrung anfange, daran ist gar kein Zweifel“ schrieb Immanuel Kant in der Einleitung zur „Kritik der reinen Vernunft“ (KrV B 45). Mit einem breiten, dualistischen Zugang hob Kant den Begriff der ‚Erfahrung‘ aus der vormodernen Konzeption heraus und bezog ihn allgemein auf das menschliche Erkenntnisvermögen. Erfahrung verstand Kant als eine Erkenntnis, welche als Produkt der Sinne und des Verstandes erscheint. Im Wechselspiel der Tätigkeit der Sinne erschließt der erkennende Mensch ‚a posteriori‘ durch Vergleich und Analyse die Gestalten der Welt/Wirklichkeit, er bedarf dafür allerdings gleichermaßen der (abstrakteren) Verstandestätigkeit, welche ihm mithilfe synthetischer Begriffe (Kategorien) ermöglicht, ‚a priori‘ Vorstellungen über die Welt zu entwickeln. Kant steht mit seinem Erfahrungsbegriff am Übergang zur Moderne. Er geht mit dem Bezug auf die Sinne zwar von der Alltagserfahrung aus, zielt aber auf eine methodisch geleitete Erfahrung, die Empirie. Mit diesem Konzept von Erfahrung führt Kant den theoriegeleiteten, empirisch orientierten Forschungsprozess ein, der bis heute als ein zentrales Paradigma für die Generierung von Wissen gilt. Nicht nur die Naturwissenschaften, auch bedeutende Vertreter der Geschichtswissenschaften setzten auf den Kant‘schen Begriff von Erfahrung/Empirie auf. So schreibt Johann Gustav Droysen im „Grundriss der Historik“ (Droysen 1882, § 4), die Wissenschaft der Geschichte sei das Ergebnis empirischen Wahrnehmens, Erfahrens und Forschens (ȚıIJȠȡȓĮ). Alle Empirie beruhe sowohl auf Sinneserfahrung, „durch deren Erregung der Geist nicht ‚Abbilder‘, aber Zeichen von den Dingen draußen“ empfange, als auch auf Kategorienbildung mithilfe des Verstandes: In einem vernunftgeleiteten Denkprozess entwickle der Mensch „Systeme von Zeichen“, in denen sich ihm die Dinge draußen entsprechend darstellen; diese Systeme berichtigt, erweitert und steigert er fort und fort durch neue Wahrnehmungen und errichtet in seinem Inneren eine Welt von Vorstellungen, in denen er „die Welt draußen“ so hat, „so weit er sie haben kann, sie haben muss, um sie zu fassen und wissend, wollend, formend zu beherrschen“ (Droysen 1967, 326–327). Droysen folgt keinem Nominalismus, er differenziert, lange vor dem linguistic turn (de Saussure, 1916: signifiant, signifié), in einer Art basalem Konstruktivismus zwischen der Vorstellung von der (vergangenen) Welt, und den Kategorien (den Systemen von Zeichen), welche den Historiker*innen als Ordnungsgrößen für ihre Deutungen über vergangene menschliche Erfahrung in der Gegenwart dienen. – In der empirischen Ausrichtung der historischen Forschung ist Droysen bereits klar abgegrenzt gegenüber einem diffusen Begriff von Vergangenheit. Er beschreibt die historische Methode als Deutung historischer Quellen im „Jetzt und Hier“ (§ 5), in der
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Alois Ecker
Gegenwart des forschenden Historikers, und öffnet die geschichtswissenschaftliche Arbeit damit für eine analytische und sinnbildende Betrachtung vergangenen Erlebens.
3. Universalisierung der historischen Erfahrung, Zeit und Identität Vormoderne Zeitvorstellungen werden in konkreten Erfahrungsräumen (Länge von Tag und Nacht; saisonale Produktionsbedingungen; religiöse Festkalender u.v.m.) gebildet. – Die Menschen in der Moderne orientieren sich an abstrakten, linear-chronometrischen Zeitvorgaben (Fahrplan der Eisenbahnen, Taylorisierung der Arbeitsund Lernprozesse; Fabrik-/Schulglocke), welche sich der individuellen Einflussnahme tendenziell entziehen. – Kolonialismus und Imperialismus bilden den politischen und wirtschaftlichen Rahmen, vor dem sich die Verwissenschaftlichungsprozesse des 18. und 19. Jahrhunderts vollziehen. Die Gelehrten der Aufklärung formulieren in der Phase des Übergangs von der ständischen zur bürgerlichen Gesellschaft den universalen Bezugsrahmen für das historische Denken, und schaffen damit die kulturellen Voraussetzungen für die Konzeption einer einheitlichen Geschichte des Menschengeschlechts. Im Prozess der Verwissenschaftlichung des historischen Forschens wurde auch das historische Denken an universalgeschichtlichen Rahmen orientiert. Diese betrafen in erster Hinsicht die Universalisierung von Zeitvorstellungen, welche aus ihren regionalen und saisonalen Bezügen herausgenommen und den universalen Zeitverlaufsvorstellungen unterworfen wurden, in zweiter Hinsicht die Idee einer Menschheit als universalgeschichtlicher Einheit. Die partikularen Historien von Adel, Städten und Kirchen etc. sollten ersetzt werden, die Menschheit wurde zur normativen und empirischen Bezugsgröße historischer Identität, auf die hin jeweils formuliert werden sollte, wer man selbst ist und wer die anderen sind/waren. Mit der Universalisierung des Horizonts der Selbstvergewisserung von Menschen ist ein Machtanspruch verbunden, der auf eine Normierung des historischen Denkens und der historischen Identitätsbildung des Ich und des Wir verweist. Die Historiographen der Aufklärung verknüpfen die Beschreibung für individuelle und soziale Identitätsbildung mit universalen Zeitverläufen – und potenziell bereits mit globalen Erfahrungsräumen. Bürgerliche Identität ist historisch zunächst menschheitlich-universalistisch konstituiert. Die nationale Konzeption kollektiver Identität ist erst der zweite Schritt (Rüsen 1993, 70–71). Mit der universalistischen Konzeption entgrenzt sich die historische Erfahrung zugleich in eine anthropologische Dimension hinein.
3.6 Historische Erfahrung
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- Die französischen Historiker der Annales-Schule lösen im 20. Jahrhundert die starre lineare Zeitverlaufsvorstellung (von der Vergangenheit zur Gegenwart) auf, indem sie auf variable Zeit-(und Erfahrungs-)Räume aufmerksam machen, die nach funktionalen und strukturellen Gesichtspunkten z.B. der Ökonomie, sozialer Normen oder religiöser Traditionen differenzierbar sind (Braudel 1972). - Das universalistische Geschichtskonzept wurde durch die Diskurse der Postmoderne, der Post Colonial Studies, der indigenen Narrative sowie Teilen der Neueren Kulturgeschichte in Frage gestellt. Andererseits erlebt es durch die Globalgeschichte eine neue Perspektivierung. - Immersion in digitalisierten Erfahrungsräumen (virtuelle Realität) hebt das lineare Zeitverständnis auf und stellt das Geschichtsverständnis der Moderne in Frage.
4. Historische Erfahrung als politisches Handeln Droysens „Historik“ (Droysen 1857) steht noch in der Tradition der Aufklärung, in ihr ist der Gegenstand der Geschichtsforschung nicht auf den Erfahrungsbereich des nationalen politischen und kulturellen Systems eingeengt. Die „Sphäre der Gesellschaft, der Wohlfahrt, des Rechts, der Macht, ebenso wie die Wissenschaften, die Sprachen, das Schöne und die Künste, das Heilige und die Religionen“, das einzelne Subjekt, die Alltagspraxis in Familie, Nachbarschaft und lokalen Gemeinschaften sind möglicher Gegenstand der Geschichtsforschung. Damit nimmt Droysen bereits die Pluralität von Erfahrungsräumen vorweg, wie sie gegen Ende des 20. Jahrhunderts in den Blick der Neueren Kulturgeschichtsforschung gerückt sind. Alle Geschichten sah Droysen jedoch dem Anspruch einer universalen Geschichte untergeordnet (Droysen 1967, § 73, 354). Die Historiker des Historismus im 19. Jahrhundert halten zwar am universalen Geltungsanspruch historischer Forschung als Menschheitsgeschichte fest, sie propagieren aber eine Konkretisierung der historischen Identitätsbildung in den Geschichten der Nationalstaaten. Dass die Nationalitäten sich verjüngt, erfrischt und neu entwickelt hätten, versteht z.B. Leopold von Ranke als Anzeichen für die sittliche und moralische Kraft, welche die historische Erfahrung in nationalen Lebenszusammenhängen ordnet. Ranke betrachtet die Nationalstaaten „als geistige Wesenheiten“, als individualisierte „Gedanken Gottes“; jeder Staat suche sein eigentümliches, ihm innewohnendes Ideal zu verwirklichen. Einem (politischen) Organismus gleich entwickle sich jeder Staat wie ein Individuum; Aufstieg, Blüte und Niedergang dieses Gebildes wären durch innere Prinzipien seiner Entfaltung bestimmt (Ranke 1836, 38-39).
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Die Individualisierung der Staatsnation als politischer Organismus kann als ein Versuch zur Abstraktion herrschaftlichen (politischen) Handelns im Zeitalter der Industrialisierung und des Imperialismus gedeutet werden. Ohne Bezugnahme zu politik- und sozialwissenschaftlichen Kategorien wurde Herrschaft von den Historiographen des Historismus als nationale politische Identität übersteigert, die gesellschaftliche und ökonomische Dimension historischer Erfahrung wurde im Historismus ignoriert. Mit der Individualisierung des Staates werden aber nicht nur die Perspektiven auf Wirtschaft, Gesellschaft sowie die Kulturen der Lebenswelt ausgegrenzt, auch die Bedeutung der Erfahrung des selbstreflexiven und sozial verantwortlich handelnden Menschen werden verschleiert. - Im geschichtswissenschaftlichen Denken des Historismus schlägt der Begriff der Empirie sowohl im Prinzip des Sachbezugs (Evidenz, Faktizität, Überprüfbarkeit historischer Darstellungen), als auch in der Frage nach den Prinzipien historischen Denkens nieder (z.B. Kontinuität und Wandel). Die Schwerpunktsetzung auf die Rekonstruktion vergangener kollektiver/nationaler Erfahrung vernachlässigt jedoch die sinnbildenden Funktionen des historischen Denkens. - Die Objektivitätsdebatte zu Beginn des 20. Jahrhunderts (Max Weber) öffnete die Kritik auf die herrschaftsgebundene Sichtweise des Historismus. Eine pluralistische Sicht auf historische Erfahrung und ein ihr korrespondierendes republikanisches Politikverständnis wurden aber erst mit der Entwicklung des geschichtsdidaktischen Diskurses um eine demokratische historisch-politische Bildung (active citizenship) forciert.
5. Historische Erfahrung in sozialen Handlungsräumen und sozialen Systemen Die historische Beschreibung des dynamischen Wandels von komplexen Erfahrungsräumen in den Industriegesellschaften erforderte abstraktere, empirisch orientierte Forschungsstrategien. Eine frühe Differenzierung von Industriegesellschaft entwickelte Karl Marx, dessen Kategorienbildung (soziale Klassen, Kapital, Ware, Arbeitskraft, Mehrwert) auf die nachfolgenden Historischen Sozialwissenschaften großen Einfluss hatte. – Mit der Bezugnahme zur empirischen Soziologie nahm die Geschichtswissenschaft Theoriekonzepte und methodische Instrumente auf, welche ermöglichten, die Entwicklung und Veränderung gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Handelns systematisch zu beforschen. Aufbauend auf die Theoriearbeit von Soziologen wie Max Weber (soziale Beziehung, soziologische und ökonomische
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Grundbegriffe, Typen der Herrschaft, Idealtypen), Georg Simmel (soziale Typen, soziale Rollen, Wechselwirkung, Interaktion), Ferdinand Tönnies (Sozialstruktur), Emil Durkheim (soziales Milieu, Mentalität), Norbert Elias (Figurationen, soziale Symbole), Alfred Schütz (Lebenswelt) u.v.a. erforscht die Wirtschafts- und Sozialgeschichte ab der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts die Veränderungen von Erfahrungen der Menschen in unterschiedlichen gesellschaftlichen Formationen. Theorien für den Wandel von sozialen Erfahrungen in komplexen Gesellschaften kommen von der Systemtheorie, u.a. durch Talcott Parsons (soziales Handeln), Jürgen Habermas (kommunikatives Handeln) und Niklas Luhmann (Kommunikationen in sozialen Systemen). – Erfahrungen des handelnden, erlebenden und duldenden sozialen Subjekts werden ab den 1980er Jahren zentraler Gegenstand der Alltagsgeschichte, der feministischen Geschichtsforschung sowie der neueren Kulturgeschichte. Die Frage nach der Objektivität in den Erfahrungswissenschaften, der Paradigmenwechsel im Verständnis der Geschichtswissenschaft als Historische Sozial- und Kulturwissenschaft sowie die damit verknüpften Fragen nach Erkenntnis und Interesse des forschenden Historikers beschäftigt Historiographen wie Geschichtsdidaktiker seit den frühen 1970er Jahren. (Selbstreflexion, Wertebezug, moralisch/ethische Dimension in historischen Erzählungen und im historischen Lernen). - Für die sozial- und kulturgeschichtliche Forschung hat die Frage nach dem Standpunkt des Forschers überall dort an Aktualität gewonnen, wo der Forscher in den Prozess der Forschung selbst involviert ist, wie z.B. in der Oral History‘, in der biographischen Forschung oder in der Forschung mit Zeitzeugen. - Die Geschichtsdidaktik in ihrer Konzeption als ‚Historische Sozialwissenschaft‘ (Bergmann 1980) ist herausgefordert, die Involvierung des Forschers in seinen Gegenstand (Elias 1983) zu reflektieren, z.B. in der Frage der Vorannahmen der Lehrenden über die Schüler*innen und Studierenden (teachers‘ beliefs) oder in den prozessorientierten Lernformen der praktischen Unterrichtsarbeit (Ecker 2022). - Nachhaltigen Einfluss auf die Vorstellung von historischer Erfahrung hatten die Forschungen von Maurice Halbwachs (1925), der die Begriffe der Erinnerung(skultur) und des kollektiven Gedächtnisses als individuelle und kollektive Verarbeitungsprozesse von lebensweltlicher Erfahrung verstand und die kulturanthropologische Betrachtung einleitete (vgl. Kap. 7).
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6. Sinnbildung und historische Erfahrung Die verstehende Soziologie definierte soziales Handeln als ein menschliches Verhalten, mit dem der Handelnde oder die Handelnden einen subjektiven Sinn verknüpfen, einerlei ob äußeres oder innerliches Tun, Unterlassen oder Dulden damit verbunden ist. Weber betonte den empirischen Bezug, den Soziologie und Geschichte dieser Sinngebung beimessen, im Gegensatz zu den dogmatischen Wissenschaften (Jurisprudenz, Logik, Ethik, Ästhetik), die an ihren Objekten einen „‚richtigen‘, ‚gültigen Sinn‘„ erforschen wollen (Weber 1980, 2). Die Sinngebung vergangenen sozialen, politischen, wirtschaftlichen oder kulturellen Handelns erfolgt, wie Rüsen (2013, 111) meint, indem das vergangene Geschehen in eine zeitliche Perspektive eingeordnet wird, in der es sinnhaft und bedeutungsvoll mit Gegenwart und Zukunft verbunden wird. In seinem Konzept der disziplinären Matrix (Rüsen 2013, 68-69) hat Rüsen das Alltagsverständnis von Erfahrung in der Lebenspraxis mit dem Empirie-Begriff der historischen Forschung verknüpft. Rüsen konzipiert historische Erfahrung als die Erfahrung einer zeitlichen Veränderung, welche die Lebensordnung der Menschen erschüttert und in Folge einer (zusätzlichen, neuen) sinngebenden Deutung dieser ‚Kontingenz im Zeitverlauf‘ bedarf. Diese sinngebende Orientierung erwirbt der Mensch in der Bezugnahme auf die Ergebnisse empirischer Forschung. Um als ‚historisch‘ zu gelten, muss der gewählte sinngebende Deutungsrahmen (die Zeitverlaufsvorstellungen) in der Lebenspraxis so konkret bleiben, dass die faktische Besonderheit der Ereignisse nicht verschwindet oder etwa in kosmisch geordneten Zeitvorstellungen aufgehoben wird; das je Spezifische des Geschehenen muss erhalten bleiben (Rüsen 2013, 36-37). Sozial-, wirtschafts- und kulturhistorische Deutungen veranschaulichen, wie das historisch Spezifische immer dann erhalten bleibt, wenn es seinen konkreten thematischen Bezug behält, der sinnhaft und analytisch auf die Gegenwart (und eine erwartete Zukunft) bezogen wird. Geschichte wird dann als die sinnhafte Einordnung menschlicher Handlungen in thematisch (!) strukturierte Zeitverlaufsvorstellungen verstanden. Von historischen Erzählungen können wir sprechen, wenn empirisch erhobenes/beforschtes menschliches Handeln sinn-voll mit den gegenwärtigen Perspektiven ihrer Autoren verknüpft wurde. Heuristisch gliedert sich das methodische Verfahren der ‚historischen Sinnbildung‘ in das fragende Suchen nach der historischen Erfahrung und das Finden der für eine mögliche Antwort plausiblen Erfahrungsinhalte (Rüsen 2013, 173). Das Deuten in der und durch die historische Erzählung hebt das Erfahrbare der vergangenen Lebenspraxis aus dem puren Geschehen-Sein heraus. Es macht aus der historischen Erzählung einen Sinnträger im Geschehenszusammenhang der Lebenspraxis
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der Gegenwart, aus dem heraus und in den hinein erzählt wird. – Der Sinn historischer Erzählungen wird in Kommunikationen verhandelt, die sich entlang wissenschaftlicher Diskurse oder in Prozessen des historischen Lernens manifestieren (Rüsen 2008, 87–88; Ecker 2022, 2682). - Globalisierung und Digitalisierung haben die transnationale und interkulturelle Vernetzung von Gesellschaften im 21. Jahrhundert pragmatisch vorangetrieben. Die historischen Partikularismen können die Erfahrung von globaler Vernetzung im WorldWideWeb/cyberspace – was auch heißt: die Kommunikationen in voneinander differenzierten sozialen Systemen (Luhmann 1984) – nicht repräsentieren. Gefordert sind Theorien der Erfahrung, die auf universalisierten Begriffen bzw. auf symbolisch generalisierenden Kategorien aufsetzen.
7. Anthropologisierung historischer Erfahrung: Erinnerung, Subjektbezug und Lebenswelt Im kulturanthropologischen Verständnis ist Erinnerung keine biologisch determinierte Gedächtnisleistung, sondern eine sozial verhandelte Deutung historischer Erfahrung. Halbwachs (1925) hat dies an zahlreichen Beispielen (Familie, soziale Gruppen, Berufsleben, religiöse Gemeinschaften) veranschaulicht. Empirie, die sich aus den sinnlich erfassbaren Eindrücken und deren Verarbeitung als historische Erkenntnis ergibt, ist jedoch nur ein Teil jener Quelle, welche wir dem Begriff der historischen Erfahrung zuordnen. Eine ebenso bedeutende Quelle der Erfahrung des Menschen betrifft seine Empfindungen, die Emotionen und Affekte. Von Psychologie, Sozialpsychologie und Psychoanalyse systematisch beschrieben, erlangen sie über die kulturwissenschaftliche Wende in den Geschichtswissenschaften zunehmende Beachtung und erfordern eine Erweiterung des Begriffsverständnisses von historischer Erfahrung: Unter Berücksichtigung psychoanalytischer Erkenntnisse können wir den Begriff ‚Erfahrung‘ als das bewusste und unbewusste Erleben von Personen verstehen. Der Bedeutungsumfang des Begriffs setzt sich dann zusammen aus a) dem bewussten Erleben (welches in älteren Abhandlungen beschrieben wird als bewusstes Wahrnehmen, Denken und Handeln), sowie b) dem unbewussten Erleben von Personen, in einer jeweils konkret gedachten und bestimmbaren sozialen, politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Umwelt. Als unbewusstes Erleben wird Erfahrung konstitutiver Teil von ‚eingelebten‘/inkorporierten äußeren Einwirkungen (Verletzungen durch Unfälle), meist aber von extremen inneren Affekten (Wut, Hass, Schmerz, Schreck), die im psychischen Pro-
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zess aus Motiven der Vermeidung von emotionaler Überwältigung vom Bewusstsein (bzw. Bewusstwerden) zunächst abgesperrt (abgewehrt, verdrängt) werden, und somit der bewussten Wahrnehmung und Bearbeitung temporär unzugänglich sind. Dieses unbewusste Erleben wird psychologisch als „Trauma“ bzw. als traumatische Erfahrung bezeichnet. Beispielsweise wurden mechanische Verletzungen (Eisenbahnunfälle – ‚Railway Spine‘) ab den 1860er Jahren als ‚traumatische Neurosen’ diskutiert (Fischer-Homberger 2004, 16); seit der Entwicklung der Psychoanalyse (Freud 1895, 1919) rückten psychogene Faktoren als Ursache der Traumata (Angstneurose, Kriegsneurose) in den Fokus der medizinischen und psychologischen Betrachtung. Traumatische Erfahrungen sind nachträglich sprachlich (re-)konstruierbar bzw. metaphorisch in symbolischer Repräsentanz bearbeitbar (Ankersmit 1994, 11-13; Ankersmit 2001, 188-193) und somit einer historischen Erzählung zuführbar. Als ‚Erleben‘ gedacht ist sowohl bewusste wie auch unbewusste Erfahrung für eine historische Erzählung offen und für die Konstruktion einer historischen Erzählung zugänglich, für diese wählbar – oder, i.S. der Kontingenz – auch abwählbar. Historisch wird das Erleben, sobald es sprachlich symbolisiert, somit mitteilbar und in eine Erzählung eingebunden wird. Historische Erfahrung ist in diesem Verständnis erzählte, kommunizierte Erfahrung. Folgt man dem narratologischen Konzept (Danto 2007), dann können Personen ohne diese „Erzählung“ bzw. ohne „Kommunikation“ nicht um ihre Erfahrung wissen. Für die Bewußtmachung verdrängter Erfahrung ist die empathische Beziehung zu anderen Menschen relevant: Die erlebte Erfahrung kann sich in affektiven, emotionalen Reaktionen (Freude, Traurigkeit, Angst, Schreck) aber auch in zunächst nicht näher bestimmtem Leiden/Schmerz äußern. In der Interaktion mit anderen Personen (primären Bezugspersonen, Freunden, Therapeuten, Lehrern, Gruppenmitgliedern, Publikum) wird dieses Leiden benannt, in der Beziehung zu Anderen kann es geäußert und/oder veräußert werden. Der Adressatenbezug bedingt eine sich dynamisch verändernde Sichtweise und Interpretation der Erfahrung. Erleben wird erinnert, indem es anderen Personen erzählt wird (mündlich, schriftlich, in szenischer Form als Spiel/Rollenspiel/Schauspiel wie Drama, Komödie etc.). Dasselbe Erlebnis wird, den Adressaten entsprechend, unterschiedlich dargestellt/erzählt; Facetten des Erlebten werden stärker/schwächer betont, manche Facetten überhaupt weggelassen, beim anderen Adressaten dazu genommen. Kontingenz ist nicht nur eine professionelle Auswahl, sie ist eine alltägliche Tatsache im Erzählmodus. – Insoweit ist jede historische Erzählung und, soweit wir Maurice Halbwachs (1925) folgen, auch jede Erinnerung eine ‚soziale Konstruktion‘.
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Als historische Erzählung und/oder als Erinnerungskultur wird (vergangenes) Erleben politisch (gesellschaftlich, kulturell) relevant. Jede historische Erzählung ist potentiell politisch signifikant und somit Element weiterführender Erfahrungen. Wird sie politisch signifikant gedeutet, wird sie ein potentiell einflussreicher Faktor in der politischen, sozialen, kulturellen Wahrnehmung anderer Personen. Diese Deutung kann sich auf individuelles Erleben oder auf kollektives Erleben (Genozid, Vertreibung, Diskriminierung der kulturell Anderen) beziehen. Sie wird als individuelles Urteil oder als Entscheidung von Interessengruppen wahrgenommen, gedacht oder dem Handeln zugeführt. Im jeweiligen Handlungs-/Kommunikationssystem werden die (im zeitlichen Verlauf) gedeuteten Erlebnisse als soziale, wirtschaftliche, politische, kulturelle Faktoren relevant. Schließlich birgt jede historische Erfahrung auch das Erleben der Endlichkeit, das Ende der Kommunikation bzw. das Ende der Beziehung zum Anderen in sich – und die Hoffnung auf eine neue Geschichte.
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3.7 Gedächtnis und Erinnerung Marek Tamm
Die Diskussion über Gedächtnis und Erinnerung ist in den letzten Jahrzehnten zu einer der zentralen Debatten der Geschichtstheorie geworden. Dieses wiedererwachte Interesse am Gedächtnis ist Teil eines umfassenderen Paradigmenwechsels hin zu einer funktionalen oder praktischen Geschichtstheorie (Rüsen 2013, 142). Die Geschichtstheoretiker werden sich dabei mehr und mehr der zentralen Rolle des historischen Denkens für das praktische Leben bewusst. Zunehmend wird die kulturelle Orientierung im Alltag anhand der Deutung der Vergangenheit als eine fundamentale menschliche Tätigkeit erkannt. In diesem Zusammenhang stellte Jörn Rüsen (2013, 224) mit bemerkenswertem Scharfblick fest: „Der Erinnerungskategorie kommt also eine grundlegende Bedeutung für das Verständnis des menschlichen Geschichtsbewusstseins zu. Mit ihr wird deutlich, dass die eigentümlichen Tätigkeiten des menschlichen Geschichtsbewusstseins einem mentalen Boden erwachsen, in dem die Vergangenheit immer schon in gedeuteter Form lebensmächtig wirksam ist.“ Die Hinwendung zum Gedächtnis hat der Geschichtstheorie neue Perspektiven eröffnet. Die entscheidende Frage ist nicht länger, wie die Vergangenheit dargestellt wird (wie es das Hauptanliegen der Geschichtswissenschaft seit dem linguistic turn war), sondern wie sie wahrgenommen, ausagiert oder bewältigt wird. Dadurch ist es möglich geworden, den traditionellen Gegensatz zwischen Geschichte und Erinnerung zu überwinden, die Funktion der Geschichte im Hinblick auf das kulturelle Gedächtnis neu zu bewerten und einige der grundlegendsten Begriffe der Geschichtsforschung (geschichtliche Zeit, geschichtliches Ereignis, geschichtliche Distanz usw.) neu zu definieren. In tieferer Hinsicht ermöglichte der mnemonic turn die Entstehung einer neuen Konzeption von Zeitlichkeit, die Entstehung des Begriffs einer ‚nicht-linearen‘ oder ‚vielschichtigen Zeitlichkeit‘, die sich von der historistischen Vorstellung einer homogenen und unumkehrbaren Zeit unterscheidet.
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Gedächtnis und Geschichte Jahrhundertelang wurden Gedächtnis und historisches Wissen nicht deutlich voneinander getrennt, vielmehr ging man davon aus, dass sie sich gegenseitig ergänzten. Die Etablierung der Geschichte als eigenständige akademische Disziplin im 19. Jahrhundert stellte dieses traditionelle Verständnis in Frage. Das Gedächtnis wurde nun als das Gegenteil von Geschichte verstanden, als unzuverlässig, lückenhaft und subjektiv, während die Geschichte die neuen erkenntnistheoretischen Ideale der Objektivität, Universalität und Unvoreingenommenheit verkörperte. Diese Dichotomie wurde in der frühen Phase der Gedächtnisforschung in den 1920er und 1930er Jahren beibehalten, vor allem in den Arbeiten von Maurice Halbwachs und begann erst in den letzten Jahrzehnten zu erodieren, als Wissenschaftler die Frage erstmals neu formulierten und „Geschichte als soziales Gedächtnis“ (Burke [1989] 1997) oder als „Kunst des Erinnerns“ (Hutton 1993) begriffen. Seither wird die Geschichtswissenschaft wieder als integraler Bestandteil einer Praxis des Erinnerns angesehen. Gemäß diesem Ansatz würde ich argumentieren, dass die alte Debatte über den Unterschied zwischen Geschichte und Gedächtnis neu konzeptualisiert werden muss, denn die Begriffe ‚Geschichte‘ und ‚Gedächtnis‘ können schwerlich als derselben Kategorie zugehörig angesehen werden (Tamm 2013; 2022). Während sich erstere auf eine spezifische Art der Erforschung und Darstellung der Vergangenheit bezieht, die sich in der westlichen Kultur in den letzten Jahrhunderten entwickelt hat, bezeichnet letzteres die allgemeinen kollektiven Beziehungen zur Vergangenheit in einem bestimmten soziokulturellen Kontext. Daher halte ich den Begriff des „kulturellen Gedächtnisses“ für am besten geeignet, um die Beziehungen zwischen Geschichte und Gedächtnis angemessen zum Ausdruck zu bringen (Tamm 2008; Erll/Nünning 2011; Rigney 2016). Im Hinblick auf das kulturelle Gedächtnis ist die Geschichte eine kulturelle Erscheinungsform, genauso wie beispielsweise die Religion, die Literatur, die Kunst oder der Mythos, die alle zur Produktion des kulturellen Gedächtnisses beisteuern. Und die Geschichtsschreibung sollte als eines der zahlreichen Medien des kulturellen Gedächtnisses behandelt werden, wie Romane, Filme, Rituale oder Denkmäler (Erll 2011). Die Reduktion der Geschichtsschreibung auf ein bloßes Medium des kulturellen Gedächtnisses, durch das eine bestimmte soziale Gruppe ihre Beziehungen zur Vergangenheit gestaltet, bedeutet nicht, dass die Geschichtsschreibung ihren akademischen Anspruch oder die erkenntnistheoretischen Prinzipien und die dieser Disziplin eigenen Verfahrensweisen aufgeben sollte, die sie in den letzten Jahrhunderten entwickelt hat. Die Geschichtsschreibung ist einfach ein sehr spezifisches Medium des kulturellen Gedächtnisses mit ihren eigenen Regeln und Traditionen – eines der wichtigsten für ein möglichst umfassendes Ver-
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ständnis der Vergangenheit, aber sicher nicht das einzige oder unbedingt das einflussreichste. Welche Vorteile hat es, Geschichte als eine spezifische Form des kulturellen Gedächtnisses zu betrachten? Erstens hilft uns dies, die einfache Tatsache besser zu begreifen, dass sich das Verständnis der Vergangenheit als Geschichte im Laufe der Zeit verändert. Auf welche Weise wir über die Vergangenheit Bescheid wissen, was wir über die Vergangenheit wissen und was davon wir für bedeutsam halten, ändert sich. Die Vorstellung einer bestimmten, feststehenden historischen Vergangenheit, die jenseits der lebendigen Erinnerung liegt und sich deutlich von unseren gegenwärtigen Belangen unterscheidet, ist eine Illusion, die Generationen von Historikern am Leben erhalten haben. Wenn wir Geschichte als kulturelles Gedächtnis begreifen, hilft uns das auch zu verstehen, inwieweit unser Wissen über die Vergangenheit ein Produkt kultureller Vermittlung ist – von Textualisierung, Visualisierung und Kommunikation. Dabei handelt es sich weder um eine neutrale Übermittlung vergangener Ereignisse noch um eine bedauernswerte Abweichung von den authentischen Erfahrungen der Beteiligten, „sondern vielmehr um eine Voraussetzung für das Wirksamwerden von Erinnerungen über Generationen hinweg, für die Produktion von kollektiven Erinnerungen auf lange Sicht“ (Rigney 2005, 14). Wenn wir das kulturelle Gedächtnis als das „aktive Gedächtnis“ einer Gesellschaft betrachten, dann erscheint die Geschichtsschreibung als eine der Aktivitäten des Erinnerns (neben dem Erzählen, dem Gedenken, der Teilnahme an Ritualen usw.), deren sich Individuen und Gruppen kontinuierlich bedienen, während sie sich an die Vergangenheit erinnern und diese selektiv mithilfe verschiedener Medien konstruieren (Rigney 2005, 17). Das Schreiben von Geschichte wird so zu einer der „kulturellen Mnemotechniken“, durch die gemeinsame Darstellungen der Vergangenheit aktiv produziert und verbreitet werden (Rigney 2004, 366). Dabei ist es jedoch wichtig zu betonen, dass sich die von Historikern produzierten Darstellungen der Vergangenheit in vielerlei Hinsicht von anderen Darstellungen (z.B. in der Literatur oder im Film) unterscheiden, da sie bestimmten akademischen Regeln folgen, auf dokumentierten Belegen beruhen und einer professionellen Kritik unterzogen werden (für eine längere Diskussion siehe Tamm 2014).
Gedächtnisgeschichte Betrachtet man Geschichte als eine spezifische Form des kulturellen Gedächtnisses, so eröffnet das der Geschichtsforschung eine neue Perspektive, die man in Anlehnung an Jan Assmann mit dem Begriff Gedächtnisgeschichte umreißen kann (Tamm
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2015b). Dieser Begriff wurde von Assmann in seinem 1997 erschienenen Buch Moses der Ägypter geprägt, wo er ihn wie folgt definiert: „Im Unterschied zur Geschichte im eigentlichen Sinne geht es der Gedächtnisgeschichte nicht um die Vergangenheit als solche, sondern nur um die Vergangenheit, wie sie erinnert wird. Sie untersucht die Pfade der Überlieferung, die Netze der Intertextualität, die diachronen Kontinuitäten und Diskontinuitäten in der Lektüre der Vergangenheit. […] Sie konzentriert sich auf jene Aspekte der Bedeutung oder Relevanz, die das Produkt der Erinnerung im Sinne einer Bezugnahme auf die Vergangenheit sind und die nur im Licht späterer Rückgriffe und Lektüren hervortreten“ (Assmann [1997] 2011, 26–27).
Die Gedächtnisgeschichte interessiert sich weniger für die Faktizität als für die Aktualität der Vergangenheit – es geht ihr nicht um die Vergangenheit um ihrer selbst willen, sondern um ihre Nachwirkung und Rezeption, um ihr ‚Nachleben‘. Zu Recht weist Assmann darauf hin, dass die Art und Weise, wie Ereignisse oder andere historische Phänomene erinnert werden, auf lange Sicht einflussreicher sein kann als das, was wirklich geschehen ist. Dabei gilt es zu beachten, dass Gedächtnisgeschichte nach Assmann nicht in erster Linie die gewöhnliche Rezeption von Ereignissen untersucht, sondern auch ihre ‚heimsuchende‘ Wirkung, die Art und Weise, wie Ereignisse der Vergangenheit die Gegenwart und die Zukunft mit Nachdruck zu gestalten versuchen. „Gedächtnisgeschichte [ist] auf die Geschichte angewandte Rezeptionstheorie“, schreibt Assmann. „Rezeption darf hier aber nicht im einfachen Sinne von Überliefern und Rezipieren verstanden werden. Die Vergangenheit wird von der Gegenwart nicht einfach ‚rezipiert‘. Die Gegenwart wird von der Vergangenheit unter Umständen auch ‚heimgesucht‘, und die Vergangenheit wird von der Gegenwart rekonstruiert, modelliert und unter Umständen auch erfunden“ (Assmann [1997] 2011, 27). Aus der Perspektive der Gedächtnisgeschichte geht es bei der historischen Forschung also nicht um die ursprüngliche Bedeutung vergangener Ereignisse, sondern vielmehr darum, wie diese Ereignisse in bestimmten Konstellationen entstehen und im Laufe der Zeit tradiert werden, also um ihre alltägliche Aktualisierung und Verbreitung, um ihr Fortbestehen in der Zeit und ihre soziale, manchmal beinahe unheimliche Energie. Der Begriff der Gedächtnisgeschichte erlaubt es, über die (wenn auch immer noch wichtige) Frage, „wie es eigentlich gewesen“ ist, hinauszugehen und sich mit der Frage zu befassen, wie bestimmte Formen der Vergangenheitsdeutung es späteren Gemeinschaften ermöglichen, sich zu begründen und zu erhalten. Das soll jedoch nicht bedeuten, dass die Gedächtnisgeschichte keine kritische Haltung gegenüber den von ihr untersuchten Erinnerungsformen einnehmen kann. Vielmehr ist es gerade die gedächtnisgeschichtliche Analyse, die es uns am wirksamsten ermöglicht, die bewusste und unbewusste Logik zu beleuchten, welche das kulturelle Gedächtnis und damit auch unseren historischen Horizont prägt. Die Gedächtnisgeschichte ermöglicht es den Historikern, die beiden Ebenen, auf denen sie gleichzeitig arbeiten, umfassender zu begreifen: die Historisierung der
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Phänomene der Vergangenheit und die Historisierung ihrer eigenen Arbeit. Die Verflechtung dieser beiden Ebenen ist eine der wichtigsten Lehren der klassischen Hermeneutik, oder, wie Wilhelm Dilthey ([1910] 1965, 278) es ausdrückte: „Wir sind zuerst geschichtliche Wesen, ehe wir Betrachter der Geschichte sind, und nur weil wir jene sind, werden wir zu diesen.“ Die theoretischen Grundlagen der Gedächtnisgeschichte beruhen zu einem großen Teil auf der philosophischen Hermeneutik, vor allem auf den Arbeiten von Hans-Georg Gadamer, dessen Konzept der Wirkungsgeschichte die Gedächtnisgeschichte in mehr als einer Hinsicht vorwegnimmt. Gadamer betont unmissverständlich: „Ein wirklich historisches Denken muss die eigene Geschichtlichkeit mitdenken“ und leitet daraus die Notwendigkeit einer neuen, hermeneutischen Behandlung der Geschichte ab. „Eine sachangemessene Hermeneutik hätte im Verstehen selbst die Wirklichkeit der Geschichte aufzuweisen. Ich nenne das damit Geforderte ‚Wirkungsgeschichte‘„ (Gadamer [1960] 1990, 305). Anders gesagt, behauptet Gadamer, dass historische Phänomene zwar geschichtliche Auswirkungen haben, diese Auswirkungen jedoch zugleich nicht außerhalb des historischen Phänomens liegen. Sobald wir versuchen, ein historisches Ereignis zu verstehen, sind wir immer schon den Wirkungen der Wirkungsgeschichte ausgesetzt. Wenn wir versuchen, ein historisches Phänomen zu begreifen, ist unser Verständnis, ob wir uns dessen bewusst sind oder nicht, bereits durch die Geschichte seiner Interpretationen bedingt. Für Gadamer wie auch für die Gedächtnishistoriker stellt die Geschichte der Interpretationen eines Ereignisses eine Selbstentfaltung genau dieses Ereignisses dar. In diesem Sinne beeinflusst die Wirkungsgeschichte nicht nur die Art und Weise, wie die Vergangenheit verstanden wird, sondern „[s]ie bestimmt im voraus, was sich uns als fragwürdig und als Gegenstand der Erforschung zeigt“ (Gadamer [1960] 1990, 305–306). Der gedächtnisgeschichtliche Ansatz erlaubt es uns, den Begriff des historischen Ereignisses neu zu definieren und zu erweitern, so dass wir seine Bedeutung nicht nur in seinem Sein, sondern auch in seinem Werden suchen (siehe Dosse 2010; Tamm 2015a). Im Zusammenhang mit den Ereignissen des Pariser Mai 1968 hat Michel de Certeau sehr treffend geschrieben: „Ein Ereignis ist nicht das, was wir an ihm sehen können oder was wir darüber wissen, sondern das, wozu es wird (und das, zuallererst, für uns)“ (Certeau 1994, 51). Dem stimmt auch Marshall Sahlins zu, der in ähnlicher Weise feststellt: „Ein Ereignis wird zu dem, als was es interpretiert wird. Erst indem man es sich innerhalb einer kulturellen Ordnung und durch diese aneignet, erlangt es eine historische Bedeutung“ (Sahlins 1985, XIV). Dies bedeutet jedoch nicht, dass die Erinnerung immer erst nach den Ereignissen einsetzt, „etwas, das sich einschaltet, sobald ‚die Dinge passiert sind‘„, wie Geoffrey Cubitt es ausdrückt. Im Gegenteil: „Geschichte zu machen, sie zu erleben, sich an sie zu erinnern und sie zu einem gemeinsamen Verständnis eines Zu-
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Marek Tamm
sammenhangs von Vergangenheit und Gegenwart zu verarbeiten, sind Tätigkeiten, deren enge Verflechtungen Historiker aufgerufen sind zu erforschen“ (Cubitt 2018, 143).
Gedächtnis und historische Distanz Es ist durchaus möglich, die Idee der historischen Distanz, die das moderne historische Denken durchdringt, in einem gedächtnisgeschichtlichen Rahmen neu zu interpretieren (Hollander et al. 2011; Phillips 2013). Im traditionellen Verständnis handelt es sich dabei um jene zeitliche Distanz, die eine historische Interpretation möglich macht. Dieses Verständnis ist in der historistischen Agenda verwurzelt, die Wilhelm von Humboldt in seinem Werk „Über die Aufgabe des Geschichtsschreibers“ (1821) sehr eloquent formulierte: „daher gleicht die historische Wahrheit gewissermaßen den Wolken, die erst in der Ferne vor den Augen Gestalt erhalten“ (Humboldt [1821] 1919, 8). Es lässt sich unschwer erkennen, dass diese räumliche Metapher auf der historistischen Vorstellung einer linearen und unumkehrbaren Zeit beruht. Carlo Ginzburg (2001, 154–155) hat argumentiert, dass wir diese Metapher einer christlichen Auffassung von sakraler Geschichte verdanken, die von der Annahme ausgeht, dass der Lauf der Zeit einen ungetrübteren Blick auf die Vergangenheit erlaubt, als er den Zeitgenossen je möglich war. Aus gedächtnisgeschichtlicher Sicht ergibt sich die Distanz von Vergangenheit und Gegenwart nicht einfach aus dem Vergehen der Zeit, sondern ist etwas, das aktiv angestrebt und praktiziert wird. „Vergangenheit steht nicht naturwüchsig an, sie ist eine kulturelle Schöpfung“, wie Assmann ([1992] 2000, 48) so treffend formuliert. Hier lassen sich erneut fruchtbare Parallelen zwischen der Gedächtnisgeschichte und der Gadamerschen Hermeneutik ziehen. Nach Gadamer ist die historische Interpretation nicht als „gähnender Abgrund“ zu denken, sondern als „Horizontverschmelzung“. Die Aufgabe des Historikers besteht nicht darin, sich von der Vergangenheit zu distanzieren, sondern mit ihr in einen Dialog zu treten und eine Gesprächssituation zu entwickeln, in der beide, Vergangenheit und Gegenwart, transformiert werden. „Der Zeitenabschnitt ist daher nicht etwas, was überwunden werden muß“, so Gadamer. „Das war vielmehr die naive Voraussetzung des Historismus, daß man sich in den Geist der Zeit versetzen, daß man in deren Begriffen und Vorstellungen denken solle und nicht in seinen eigenen und auf diese Weise zur historischen Objektivität vordringen könne“ (Gadamer [1960] 1990, 302). Gedächtnisgeschichte konzentriert sich auf die vielschichtige Dynamik von Distanz und Nähe,
3.7 Gedächtnis und Erinnerung
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An- und Abwesenheit, Antizipation und Retrospektive, Vergangenheit und Gegenwart.
Zusammenfassung: Eine Pluralität geschichtlicher Zeiten Die Hinwendung zum Gedächtnis bedeutet eine Abkehr vom Historismus, von der „Geschichte als einem wesensmäßig kontinuierlichen Prozess in einer linearen oder chronologischen Zeit, die ihrerseits als ein Ablauf in unumkehrbarer Richtung gedacht wird, ein homogenes Medium, das unterschiedslos alle denkbaren Ereignisse umfasst“ (Kracauer 1969, 139). Die Gedächtnisgeschichte eröffnet eine Perspektive für eine Pluralisierung der historischen Zeit, sie ermutigt die Historiker zur Anachronisierung und Desorientierung der Geschichte und ermöglicht es, Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft als multidimensionale und relationale Kategorien zu begreifen. Anstelle der „irreversiblen Vergangenheit“ steht in der zeitgenössischen Geschichtstheorie eine „andauernde oder heimsuchende Vergangenheit“ im Mittelpunkt (Runia 2014; Kleinberg 2017). Geschichte ist nicht länger ein „Strom, der die Vergangenheit einfach hinter sich lässt, sondern einer der mäandriert und die Erwartungen des ‚Gewesenen‘ und des Gewordenen unterläuft“ (Olsen 2010, 128). Eine wachsende Zahl von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern versteht die geschichtliche Zeit in den letzten Jahren als eine nichtlineare und komplex gewordene Zeit, die sich wenigstens zum Teil durch die Aufbewahrung der Vergangenheit in der Gegenwart auszeichnet (Lorenz 2014; Tamm/Olivier 2019). Wir können diese Art von Zeit als ‚durchsickernd‘, ‚vielschichtig‘, ‚heterogen‘, ‚multitemporal‘ oder ‚polychron‘ konzeptualisieren. Stefan Tanaka hat kürzlich dahingehend argumentiert, dass Historiker „den Reichtum und die Wandelbarkeit der verschiedenen Formen von Zeit, die in unserem Leben existieren, annehmen müssen“ (Tanaka 2015, 161). Aus einer postkolonialen Perspektive hat Dipesh Chakrabarty (2000, 108) in ähnlicher Weise festgestellt: „Die Geschichtsschreibung muss implizit von einer Pluralität zusammen existierender Zeiten ausgehen, einer Disjunktion der Gegenwart mit sich selbst.“ Er wird dabei wiederum von Berber Bevernage unterstützt (2015, 351), der dafür plädiert, dass „Geschichtsphilosophen mit der Idee einer rein zeitgenössischen Gegenwart brechen und stattdessen die Idee einer radikalen Ungleichzeitigkeit annehmen sollten.“ Im Gegensatz zur fortlaufenden Zeit des historistischen Denkens entzieht sich die dem Gedächtnis eigentümliche Zeit der Messung und entfaltet Heterochronizität. Das Gedächtnis öffnet sich von der Gegenwart aus immer zur Vergangenheit, aber
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Marek Tamm
diese nicht-lineare Zeit des Gedächtnisses ist eine Zeit der Wiederkehr und des Wiederauftauchens. Die Zeit des Gedächtnisses beruht auf Wiederholung, die das Bestehende ständig umgestaltet und gleichzeitig im Hier und Jetzt eine Vielzahl von Neuund Wiederbelebungen hervorbringt.
Literatur Assmann, Jan: Das kulturelle Gedächtnis: Schrift, Erinnerung und politische Identität [1992]. München 2000. Assmann, Jan: Moses der Ägypter: Entzifferung einer Gedächtnisspur [1997]. Frankfurt a.M. 2011. Bevernage, Berber: The Past Is Evil/Evil Is Past: On Retrospective Politics, Philosophy of History, and Temporal Manichaeism. In: History and Theory 54/3 (2015), 333–352. Burke, Peter: History as Social Memory [1989]. In: Peter Burke: Varieties of Cultural History. Cambridge 1997, 43–59. Certeau, Michel de: La Prise de parole et autres écrits politiques. Paris 1994. Chakrabarty, Dipesh: Provincializing Europe: Postcolonial Thought and Historical Difference. Princeton, NJ 2000. Cubitt, Geoffrey: History of Memory. In: Marek Tamm/Peter Burke (Hg.): Debating New Approaches to History. London 2018, 127–143. Dilthey, Wilhelm: Gesammelte Schriften. VII. Band: Der Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften [1910]. Stuttgart/Göttingen 1965. Dosse, François: Renaissance de l’événement: Un défi pour l’histoire: entre sphinx et phénix. Paris 2010. Erll, Astrid: Memory in Culture. Basingstoke 2011. Erll, Astrid/Nünning, Ansgar (Hg.): Cultural Memory Studies: An International and Interdisciplinary Handbook. Berlin/New York 2011. Gadamer, Hans Georg: Gesammelte Werke. Band 1. Hermeneutik I: Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik [1960]. Tübingen 1990. Ginzburg, Carlo: Distance and Perspective: Two Metaphors. In: Carlo Ginzburg: Wooden Eyes: Nine Reflections on Distance. New York 2001, 139–156. Hollander, Jaap Den/Paul, Herman/Peters, Rik: Introduction: The Metaphor of Historical Distance. In: History and Theory, Theme Issue 50 (2011), 1–10. Humboldt, Wilhelm von: Über die Aufgabe des Geschichtsschreibers [1821]. Leipzig 1919. Hutton, Patrick H.: History as an Art of Memory. Hanover 1993. Kleinberg, Ethan: Haunting History: For a Deconstructive Approach to the Past. Stanford 2017. Kracauer, Siegfried: History: The Last Things before the Last. New York 1969. Lorenz, Chris: Blurred Lines: History, Memory and the Experience of Time. In: International Journal for History, Culture and Modernity 2/1 (2014), 43–62. Olsen, Bjørnar: In Defense of Things: Archaeology and the Ontology of Objects. Lanham 2010. Phillips, Mark Salber: On Historical Distance. New Haven/London 2013. Rigney, Ann: Portable Monuments: Literature, Cultural Memory and the Case of Jeanie Deans. In: Poetics Today 25/2 (2004), 361–396.
3.7 Gedächtnis und Erinnerung
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3.8 Quellen und Quellenkritik Jonas Ahlskog
Historical sources include every kind of material that human beings have left of their past activities. Consequently, a source may be anything from written and spoken words to artefacts, the shape of the landscape, art, photography, film, webpages, etc. Sources constitute the historian’s raw material, and the progress of historical knowledge is, therefore, dependent on either reinterpreting the existing material or expanding the available material. Importantly, the development of novel fields of historical research goes hand in hand with the expansion of historical sources – including conceptual expansion regarding what kind of material can serve as useful source material for historical research. The term „source”, which gains currency in the early 19th century, is imbued with historicist connotations. Suggesting images of pure water flowing from a well spring, the term betrays romantic notions of the historian’s untainted access to past reality through spiritual historical processes. In this way, the metaphoric sense of „source” tends to obscure the distinction between the data conveyed by the sources and historical knowledge. The importance of this distinction was pointed out already by Johann Gustav Droysen (1808-1884) who emphasized that source material does not speak for itself but stand in need of the historian’s analytical and interpretive skills to become historical knowledge. The systematic use of sources as evidence is perhaps the most important feature that distinguishes modern, scientific conceptions of historical research. For the idea that all past material – from the farmer’s pots and ploughs to the philosopher’s treatises and letters to kings – should be treated merely as evidence, rather than say authorities or tradition, implies a distinct epistemic relation to the object of investigation. If source material is understood merely as evidence, then this means that one views the relevance of that material as dependent on the questioning-activity of the historian. Evidence is never relevant in and of itself, but only in its capacity for answering the question that the historian has decided to ask. In other words, there is an internal connection between the evidential use of source material and the autonomy of history. Many influential philosophers of history emphasize the importance of the conceptual shift towards autonomy when source material enters the category of evidence
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Jonas Ahlskog
(Collingwood 1993; Bloch 1954; Ginzburg 1986; Ricoeur 2004). When this conceptual change came about is contested, but many cite the development of critical research methods from the early modern period onwards (Grafton 1999; Collingwood 1993). More importantly, this conceptual shift is crucial for understanding the scientific status of historical research. For by treating sources as evidence one places history in the general category of science, and this is a fact that all debates about the relation between history and art must take into account. Contrary to poetry and prose fiction, historical accounts of the past must be constrained, on the one hand by the available source material, and on the other, by the ability of historians to prove the reliability and validity of their inferences from sources used as evidence to a community of peers. The source criticism characteristic of modern historical research has its roots in biblical criticism, classical philology, and comparative linguistics. According to Aviezer Tucker (2004), it was from the latter disciplines that a critical methodology was imported to historiography. This critical methodology consisted chiefly of theories for the evaluation of the fidelity of the information chains that produced the historian’s sources, and a concomitant re-evaluation of cognitive values: trust in authority and tradition was replaced by critique and suspicion of the truth-value of material from the past. The most well-known example of this development is undoubtedly Leopold von Ranke’s (1795–1886) school of critical history. The historian must, according to Ranke, study archive material based on rigorous source criticism and a clear distinction between primary and secondary sources. Among the historian’s material, the primary sources are of the highest value. Primary sources are documents or artefacts either produced by or contemporary with the very events that the historian studies – either as descriptions or expressions – and will thereby allow the historian to study the past directly; without the subsequent distortions of traditional accounts of the events produced at a later date, which are labelled secondary sources. The historian examines primary and secondary sources by way of the methods of source criticism. It is common to distinguish between external source criticism, which examines the origin, authenticity and creation of the source, and internal source criticism that examines the content of the source with regard to questions about meaning and truth. However, like the concept of sources itself, the historian’s source criticism is internally related to the questioning-activity of the historian. For the ultimate task of source criticism is not to assess the evidential value of the source material in general, but to determine whether the source material is useful for answering the specific question that the historian has decided to ask.
3.8 Quellen und Quellenkritik
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Source criticism relates closely to the concept of historical fact and the role of testimony for historical knowledge. The philosopher and historian R. G. Collingwood delivered one of the most influential arguments in this respect. Belief in testimony, Collingwood claimed, „stops where history begins” (1993, 308). In history proper, one does not merely believe (or disbelieve) the testimony of authorities for establishing facts. Rather, these authorities become only evidence from which historians, upon their own authority, infer answers to their own questions about the past from all of the relevant source material available to them. History is a wholly reasoned form of knowledge proceeding through questions, evidence, and criticism. This argument entails that the criterion for what counts as a historical fact is not the trustworthiness of historical witnesses, but the historian’s imaginative reconstruction and critical assessment of past actions and events based on sources used as evidence. Given the primacy of questions and imaginative reconstruction, it will ultimately be the historian, in critical dialogue with their community of peers, that determine which account of past actions and event that is most supported by the evidence and therefore to be labelled a historical fact. In addition, witnesses from the past are typically not in possession of the kind of knowledge that historians are trying to acquire. This is most evident for cases in which the subject matter is notional totalities that no individual could have witnessed, such as the unification of Germany or the Spanish Price Revolution. However, Collingwood’s dismissal of testimony in history is controversial. Some have claimed that Collingwood’s account leads to relativism and that historical facts must, to some extent, depend on testimonial reliance (Coady 1992; Tucker 2004), while others have argued that Collingwood’s account can be defended as an explication of the a priori conditions and presuppositions of historical understanding (Ahlskog 2021; van der Dussen 2016). In contemporary discussions, epistemic concerns are often sidestepped. The main issue today is not so much the role of testimony for establishing historical facts, but rather existential and moral questions about experience and subjectivity for which testimonial accounts are essential source material (Felman/Laub 1992; Spiegel 2014; Tozzi 2012; White 2004; Wieviorka 2006). The relation between sources, evidence and facts was a chief concern in philosophy of history until the narrativist turn in the 1970s – after which the main priority became the retrospective and literary form of historical writing. However, narrativism has recently been challenged on a broad front (Day 2008; Kuukkanen 2015; Paul 2015; Runia 2014; Tamm 2014; Tucker 2004). As a result, there is rekindled interest in fundamental questions concerning the ways in which key methodological
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Jonas Ahlskog
concepts such as source criticism, evidence and testimony shape our relation to the past in historical research.
Literature Ahlskog, Jonas: The Primacy of Method in Historical Research: Philosophy of History and the Perspective of Meaning. New York/London 2021. Bloch, Marc: The Historian’s Craft. translated from the French by Peter Putnam. New York/ NY 1953. Coady, Cecil Anthony John C. A. J: Testimony: A Philosophical Study. Oxford 1992. Collingwood, Robin George: The Idea of History [1946]. Oxford 1993. Day, Mark: The Philosophy of History: An Introduction. London 2008. van der Dussen, Jan: Studies on Collingwood, History and Civilization. Cham 2016. Felman, Shoshana/Laub, Dori: Testimony: Crises of Witnessing in Literature, Psychoanalysis, and History. New York/NY 1992. Ginzburg, Carlo: Clues: Roots of an Evidential Paradigm. In: Clues, Myths and the Historical Method. Baltimore 1986, 96–126. Grafton, Anthony: The Footnote: A Curious History. Cambridge/MA 1999. Kuukkanen, Jouni-Matti: Postnarrativist Philosophy of Historiography. Hampshire 2015. Paul, Herman: Key Issues in Historical Theory. London 2015. Ricoeur, Paul: Memory, History, Forgetting. Chicago/IL 2004. Runia, Eelco: Moved by the Past: Discontinuity and Historical Mutation. New York/NY 2014. Spiegel, Gabrielle: The Future of the Past: History, Memory and the Ethical Imperatives of Writing History. In: Journal of the Philosophy of History 8/2 (2014), 149–179. Tamm, Marek: Truth, Objectivity and Evidence in History Writing. In: Journal of the Philosophy of History 8/2 (2014), 265–290. Tozzi, Veronica: The Epistemic and Moral Role of Testimony. In: History and Theory 51/1 (2012), 1–17. Tucker, Aviezer: Our Knowledge of the Past: A Philosophy of Historiography. Cambridge 2004. White, Hayden: 2004. Figural Realism in Witness Literature. In: Parallax 10/1 (2004), 113– 124. Wieviorka, Annette: The Era of the Witness. Ithaca/NY 2006.
3.9 Historische Objektivität Arthur Alfaix Assis
Objektivität ist ein bedeutungsvoller moderner Wert, der für die wissenschaftliche Praxis und für Erkenntnistheorien besonders relevant ist. Sie wird in der Regel mit Objektivierung, Mathematisierung, Vorrang von Tatsachen gegenüber Interpretationen und/oder dem Ideal eines ohne subjektive Beeinflussungen erlangten Wissens in Verbindung gebracht. Objektivitätskritiker gehen gegen diese Assoziationen vor, indem sie beispielsweise auf die an allen Erkenntnisformen beteiligte Subjektivität oder Perspektivität aufmerksam machen; oder wenn sie betonen, dass empiristische Versuche, theoretischen oder interpretativen Rahmen auszuweichen, zum Scheitern verurteilt sind. Die Konstellation von auf Objektivität beziehbaren Bedeutungen und Praktiken umfasst jedoch weit mehr als die üblichen Identifikationen mit Mathematisierung, Faktenfetischismus oder Aufhebung der Subjektivität. Dies soll im Folgenden veranschaulicht werden. In den Natur- und Sozialwissenschaften, in der Geschichtsschreibung, im Journalismus sowie in Bereichen wie Politik, Recht, ästhetischer Erfahrung und sittlichem Leben koexistieren unterschiedliche Vorstellungen von Objektivität – mal friedlich nebeneinander, mal nicht. Die Begriffsgeschichte gelangt zu keinem völlig kohärenten Bild, und dies erschwert jeglichen Versuch einer einzigen und einfachen Begriffsbestimmung. Objektivität kann ohnehin entweder eine mehr metaphysische oder eine mehr erkenntnistheoretische Prägung erhalten. Sie kann die Verfahren kennzeichnen, mittels derer eine Untersuchung angemessen vorgenommen oder eine Entscheidung begründbar getroffen wird. Sie kann aber auch auf Einstellungen oder Tugenden der Personen hinweisen, die solche Verfahren durchführen. Das Adjektiv „objektiv“ kann darüber hinaus mit moralischen und ästhetischen Urteilen in Verbindung gebracht werden, die Universalität beanspruchen. Mit Blick auf diese semantische Situation bemerkte Lorraine Daston (1992, 597–598), dass unser Gebrauch von Objektivität „hoffnungslos, aber aufschlussreich verwirrt“ ist. Diese Diagnose gilt umso mehr für die historische Objektivität, also für die spezifischen Verwendungen des Begriffs im Rahmen von Diskussionen über Geschichtsforschung und Geschichtsschreibung.
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Arthur Alfaix Assis
1. Wissensprodukte 1.1. Ontologische oder absolute Objektivität Im historischen Denken wird häufig von „objektiver Wirklichkeit“ gesprochen und damit die Vergangenheit gemeint, wie sie vor (oder unabhängig von) ihrer Thematisierung als Erkenntnisgegenstand war. Eine Sicht der Realität, welche die Objektivität der Vergangenheit zu vermitteln vermag, ohne subjektive Elemente hinzuzufügen, würde dementsprechend in den Rang einer objektiven Sicht aufsteigen. Objektiv bedeutet hier rein sachlich, unbeeinträchtigt von interpretativen Zügen. Striktes Halten an Tatsachen oder gelungene Korrespondenz zwischen vergangenen Ereignissen und den sprachlichen Äußerungen darüber werden dann als Hauptmerkmale objektiver Erkenntnis eingeführt. Eine solche absolute oder ontologische Art von Objektivität wird in der historiographischen Praxis zuweilen auf wirkungsvolle Weise als eine methodologische Utopie begriffen, auch wenn am Ende anerkannt wird, dass dieses Ideal nie vollständig verwirklicht werden kann (Megill 2007, 114). 1.2. Probleme mit absoluter Objektivität Ein nicht-utopisches Verständnis des Objektivitätsbegriffs kann etwa auf Kosten einer Reduktion seines Geltungsbereichs auf die Faktizität vergangener Ereignisse erlangt werden. Dies führt dazu, dass Themen wie Sinn, Kausalität oder Narrativität, die sicherlich auf die spannendsten, komplexesten und bedeutungsvollsten Aspekten des historischen Wissens hinweisen, aus der Reichweite von „Objektivität“ ausgeschlossen werden (Rüsen 2013, 59-62). Demzufolge können nur relativ einfache, deskriptive Aussagen wie „Ludwig XIV. starb 1715“ eine so starke Objektivität beanspruchen. Dagegen ergibt sich diese Möglichkeit nicht in Bezug auf eher subjektseitige synthetisierende Operationen wie kausale Erklärung, Interpretation oder Erzählung (Kuukkanen 2015, 176–179). In diesem Sinne bedeutet objektiv dasselbe wie wahr und weist auf eine solide Art von Wissen hin; eigentlich auf Tatsachen, von denen wir behaupten können, sie seien „mit größerer Sicherheit als jeder Fakt in der Wissenschaft“ wahr (Gorman 1974, 395). Aber der Preis der Solidität hier ist Trivialität, Unoriginalität und vielleicht auch eine Art Leblosigkeit, auf die nur wenige die Historien reduziert sehen möchten (Kuukkanen 2015, 177). 1.3. Ästhetische oder dialektische Rekonfigurationen Wenn Objektivität in solch einer ontologischen oder absoluten Orientierung als das endgültige Bestreben historischen Wissens angenommen wird, wird die Geschichtswissenschaft stark anfällig für die Kritik, dass sie eine kalte, distanzierte, lebensverneinende Beziehung zur Vergangenheit fördert; eine, die die Wärme der Erinnerung,
3.9 Historische Objektivität
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die Vitalität von Traditionen oder die Vorbildhaftigkeit der Helden gefährden würde. Die Annahme, Objektivität sei ein Hindernis für die Nutzung historischen Wissens „für das Leben“, kann mindestens bis zum jungen Friedrich Nietzsche zurückverfolgt werden und findet sich in mehreren kulturellen Ausdrucksformen des 20. und 21. Jahrhunderts (White 1986, 31–41). Interessanterweise verbindet sich Nietzsches Kritik an der „reinen Objektivität“ mit seinem Versuch, den Begriff neu zu konfigurieren, indem er ihn der künstlerischen Vorstellungskraft unterordnet. Unter der Aura dieser ästhetisch geprägten Objektivität würde sich die Geschichtsschreibung selber radikal sowohl von dem Ziel der Ermittlung reiner Faktizität als auch von der Annahme lösen, dass die angemessene Herstellung von Wissen passive oder neutrale Subjektivitätsformen voraussetzt. Die hoch gesteckten – und letztlich auch heroischen – Aufgaben, die Nietzsche der Geschichtsschreibung zuschreibt, erfordern eine Art Objektivität, die sich mit „einer großen künstlerischen Potenz, einem schaffenden Darüberschweben, einem liebenden Versenktsein in die empirischen Data, einem Weiterdichten an gegebenen Typen“ kompatibel mache (Nietzsche 2000, 131, 142). Nietzsches grundlegender Punkt ist, dass Subjektivität kein strukturelles Hindernis für Objektivität darstellt, sondern dass die Erstere in der Tat als Bedingung für die Ermöglichung der Letzteren fungiert. Ähnliche subjektivitätsfreundliche Neukonfigurationen der Objektivität finden sich im 20. Jahrhundert in den Werken von Philosophen ganz unterschiedlicher Ausrichtung. Allan Megill (2007, 113, 120– 122) schlug vor, sie unter dem Etikett dialektische Objektivität zu kategorisieren, um zu betonen, dass in diesem neu konfigurierten Rahmen nicht nur Objektivität, sondern sogar die Objektkonstitution von komplexen Interaktionen mit den wissenden Subjekten abhängen.
2. Wissende Personen Wie sich in Nietzsches zweiter Unzeitgemäßer Betrachtung manifestiert, muss historische Objektivität (wie auch Objektivität im Allgemeinen) nicht allein als eine Eigenschaft des Wissens selbst gesehen werden, denn sie kann auch auf diejenigen Personen übertragen werden, die Geschichtsforschung bzw. Geschichtsschreibung betreiben. Als Merkmal des nach Wissen suchenden Subjekts wieder eingeführt, kann Objektivität nicht mehr als Gegenbegriff für Subjektivität betrachtet werden. Als Nebeneffekt (der positiv interpretiert werden kann oder nicht) nehmen die Spannungen zwischen Objektivität und Wahrheit stark zu, sogar so weit, dass eine vollständige Trennung beider als sinnvoll erscheint (Mandelbaum 1967, 146–151).
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2.1. Neutralität oder Selbstunterdrückung Verstanden als eine subjektive Einstellung wird Objektivität häufig gleichbedeutend mit Neutralität gegenüber dem Wissensobjekt angesehen. Subjektive Neutralität ist strenggenommen das Gegenstück zur bereits erwähnten absoluten Objektivität. Sie hat zur Folge, dass alle Werte oder extrakognitiven Annahmen und Ziele aus dem Wissensprozess ausgeschlossen werden, da sie im Verdacht stehen, potenzielle Quellen subjektiver Vorurteile, Einseitigkeiten oder Verfälschungen zu sein. Außerdem kann Neutralität sogar wortwörtlich die Forderung nach Aufhebung des erkennenden Selbst umfassen. Im historischen Denken würde die Zielsetzung, die Objektivität der Vergangenheit widerzuspiegeln, von Historikern verlangen, ihr wissenschaftliches Verhalten nach dem paradoxen Ideal eines neutralen Sprechers zu modellieren, der der Vergangenheit seine Stimme verleiht, ohne dem Gesagten subjektive Züge hinzuzufügen. Leopold von Ranke (1960, 3) kam einer solchen radikalen Auffassung von Objektivität als Neutralität einige Male sehr nahe, etwa in seiner berühmten einleitenden Bemerkung, er wünschte, sein eigenes Selbst „gleichsam auszulöschen und nur die Dinge reden, die mächtigen Kräfte erscheinen zu lassen.“ 2.2. Selbstdistanzierung und unparteiische Objektivität Ein praktikableres Ideal historischer Objektivität kommt mit dem Ersetzen von absoluter Neutralität durch relative Selbstdistanzierung (oder Detachment) auf (Haskell 2000, 145–173). Objektivität wird hier getrennt von der Zielsetzung, ein Wissen zu erlangen, das frei von Werten und Annahmen wäre. Aber der Begriff signalisiert weiterhin den Anspruch, Vorurteile oder Voreingenommenheiten abzubauen oder zumindest unter Kontrolle zu halten (Gaukroger 2012, 5). Sie wird nicht als Selbstunterdrückung angestrebt, sondern eher als eine bestimmte Form der Selbstdistanzierung, deren Grundfunktion darin besteht, „einen davon abzuhalten, ein spezielles Forschungsergebnis zu sehr zu wollen oder ein anderes Ergebnis so sehr zu fürchten, dass man es nicht sehen kann“ (Douglas 2004, 459). So verstanden kann Objektivität aus den Bereichen der Erkenntnistheorie und Methodologie in den Bereich der Berufsethik wandern, um als epistemische Tugend oder als ein Netz von moralischen Einstellungen neu bezeichnet zu werden, die für die verantwortungsvolle Praxis der Geschichtsschreibung notwendig (aber nicht ausreichend) sind (Assis 2019; Paul 2015, 139–153). Unparteilichkeit ist ein korrelativer Wert, der in der Geschichtsschreibung seit langem das Ideal einer angemessenen Selbst-Distanzierung verkörpert und der in der modernen Objektivitätssprache zu einem guten Teil absorbiert wurde (Daston 2014). Im starken Sinne ruft Unparteilichkeit die Vorstellung einer nicht standortgebundenen Sichtweise von jemandem hervor, der sich weigert, in den betrachteten Fragen
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Partei zu ergreifen, und danach strebt, sie anzugehen, ohne von den beteiligten Parteilichkeiten kontaminiert zu werden. Appelle an die Unparteilichkeit fungieren in diesem Sinne als Äquivalente zur bereits erwähnten subjektiven Neutralität. Weniger streng betrachtet verlangt die Unparteilichkeit jedoch nicht, dass das Selbst des Forschenden ausgelöscht wird, noch dass er das Urteil endlos aufschiebt. So wird ein Weg zu Urteilen empfohlen, bei dem die eigenen Vorurteile kontrolliert und keine voreiligen Schlüsse gezogen werden sowie keine unwiderrufliche Parteinahme in der Anfangsphase der Wissens- oder Entscheidungsprozess erfolgt. Er verkörpert die Norm, dass epistemische Praktiken offen genug sein sollten, um Korrekturen oder Meinungsänderungen zu ermöglichen, wenn z.B. Kritiken von den Peers oder zuvor unbeachtete Beweise argumentative, erklärende oder deskriptive Fehler aufdecken. 2.3. Engagierte Objektivität Im Gegensatz zu den stärksten Forderungen nach Unparteilichkeit, Selbstdistanzierung oder Neutralität haben einige Historiker und Theoretiker betont, dass Objektivität nicht unbedingt unvereinbar mit religiösen, moralischen oder politischen Verpflichtungen ist; mit anderen Worten, dass man standortgebunden, parteiisch, engagiert und gleichzeitig auch objektiv sein kann. Im 19. Jahrhundert hat Johann Gustav Droysen solch eine gemilderte Version des Objektivitätsideals eloquent verteidigt. Ihm zufolge sei „objektive Unparteilichkeit“ schlicht „unmenschlich“, während „parteilich zu sein“ eigentlich viel menschlicher wäre. Seiner Meinung nach war die „rechte“, humanisierte Form der Objektivität weder das Gegenstück zur Subjektivität, noch verlangte sie von Historikern Gleichgültigkeit gegenüber ihren Gegenständen (Droysen 1977, 236). Wie Droysen haben viele andere moderne und zeitgenössische Historiker in ihren Werken einen starken Drang zur sorgfältigen Erforschung vergangener Materialien mit ebenso starken politischen Verpflichtungen verbunden. Ihren Praktiken kann sich mit Hilfe des Konzepts der engagierten Objektivität angenähert werden. Eine der bekanntesten Artikulationen dieser Position in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist das Argument von Jürgen Habermas (1972, 301–317), dass objektives Wissen nur im Zusammenspiel mit von der sozialen Welt ausströmenden praktischen Interessen und insbesondere mit politischen Zielen wie der Emanzipation und dem Streben nach gesellschaftlichem Konsens konstituiert werden kann.
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3. Epistemische Verfahren Objektivität ist eine Eigenschaft, die nicht nur Wissensprodukte oder wissende Personen betrifft, sondern auch epistemische Verfahren. In diesem Sinne entspricht sie dem Imperativ, „unpersönliche Vernunftweisen“ anzuwenden, während man Forschung betreibt, ein Urteil bildet, oder eine Entscheidung trifft (Axtell 2016, 2). Unpersönliche Verfahren erfordern bestimmte subjektive Einstellungen oder Tugenden in einer Weise, die die Verbindung zwischen Methodik und Ethik verstärkt. Unparteilichkeit, die bereits als persönliche epistemische Tugend eingeführt wurde, steht auch beispielhaft für die traditionellste Art, prozedurale Objektivität in der Geschichtswissenschaft zu verkörpern. Demgegenüber sind stärkere Formen prozeduraler Objektivität, die durch standardisierte Protokolle und Regeln untermauert werden, Nachzügler. Mechanische Objektivität, wie sie sich Mitte des 19. Jahrhunderts in den Naturwissenschaften festigte, steht für eine besonders starke Abhängigkeit von automatisierten Forschungs- und Darstellungsverfahren als Schutzmittel gegen subjektive Eingriffe in den Erkenntnisprozess (Daston/Galison 2007, 115–190). Eine derart robuste Form prozeduraler Objektivität findet in der Geschichtswissenschaft nur am Rande Anwendung, da in ihr Methoden vorherrschen, die sich besser mit der Tätigkeit von Handwerkern vergleichen lassen als mit denen von Ingenieuren und Maschinenbedienern. Trotzdem kann sie in der Tat sehr relevant für historische Forschungen sein, die beispielsweise auf seriellen oder computerverarbeiteten Daten basieren.
4. Intersubjektivität Bemühungen, Objektivität von persönlichem Verhalten weniger abhängig zu machen, tendieren dazu, sich auf die Vereinbarungen darüber zu konzentrieren, was erfolgreiches Wissen innerhalb bestimmter epistemischer Gemeinschaften oder akademischer Disziplinen ausmacht. Neu gedeutet als Intersubjektivität verweist Objektivität auf die Wechselwirkungen zwischen Wissen, Wissensproduzenten und wissensermöglichenden Verfahren, ohne dabei eine dieser Instanzen zu privilegieren. 4.1. Disziplinarische Objektivität In diesem integrativen Kontext ist die Aufmerksamkeit auf Beweis- und Plausibilitätsstandards, auf Fähigkeiten, Forschungstechniken und Vorgehensweisen zu richten, die die Grenzen abstecken zwischen dem, was in einem bestimmten Feld und zu einem gegebenen Zeitpunkt von guter methodischer Praxis erwartet wird, und was
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als Verstoß gegen diese gelten würde (Holliger 1973, 380–383; Megill 2007, 117– 124). In radikaleren anti-epistemologischen Ansätzen zur Intersubjektivität wird allerdings das traditionelle Ideal der Objektivität abgelehnt und durch das der „unerzwungenen Zustimmung“ oder „Solidarität“ ersetzt (Rorty 1991, 21–45). Auf diese Weise kann „Intersubjektivität“ auch von anderen Begriffen abgekoppelt werden, die man gewöhnlich mit Objektivität assoziiert, wie etwa wissenschaftliche Rationalität und Wahrheit. 4.2. Objektivität in Theorien und Erklärungen In einer weniger sozialkonstruktivistischen Richtung artikuliert, kann Intersubjektivität auch ein guter begrifflicher Schlüssel sein, um die Frage nach der Objektivität der Produkte geschichtswissenschaftlicher Tätigkeit neu zu bewerten, insbesondere in Bezug auf die komplexeren, erklärenden, subjektseitigen Komponenten des historischen Wissens – die, wie erwähnt, außerhalb des Gültigkeitsbereiches der ontologischen Objektivität blieben. Objektives Wissen würde dann intersubjektiv gut begründetes Wissen bedeuten (Kuukkanen 2015, 170). Es hängt also von argumentativen Begründungen ab, und gar nicht vom Postulat einer ontologisch fundierten Korrespondenz zwischen Erklärung und Erklärendem. Dadurch kann diese Objektivitätsauffassung zum Verstehen eines Umstandes beitragen, der der ontologischen Version des Begriffes ernsthafte Schwierigkeiten bereitet: die Koexistenz von zwei oder mehr evidenzbasierten, rational begründeten Geschichten, die mehr oder weniger denselben Komplex vergangener Themen behandeln. Diese koexistierenden Geschichten können nicht immer als wechselseitige Ergänzungen verstanden werden, und oft genug kollidieren sie teilweise oder ganz miteinander. Ihre Unterschiede lassen sich aber anhand von Kriterien wie Genauigkeit, Veranschaulichungskraft, Konsistenz, theoretische Reichweite, Offenheit, Originalität oder anderen bewerten, die direkt mit Objektivität in einem nicht-absoluten, intersubjektiv gemeinten Sinn assoziierbar sind (Bevir 1994; Førland 2017, 97–103; Kuukkanen 2015, 123–128). 4.3. Gemeinschaftstranszendierende Intersubjektivität Es ist wichtig anzumerken, dass in diesem Modell die Objektivität einer Geschichte auf ihrem Potenzial beruht, Einverständnis oder Zustimmung in Personen hervorzurufen, die sich außerhalb der unmittelbaren Gemeinschaft des Historikers befinden und deren kollektive Identitäten von dem eigenen Zugehörigkeitsfeld des Historikers abweichen. Intersubjektiv gültig bedeutet hier, dass die in historischen Texten enthaltenen beweisenden, erklärenden, normativen und/oder narrativen Ansprüche gerade auch über den Bereich der eigenen Gemeinschaft des Historikers hinaus akzeptabel sind. Sie sind gemeinschafts-überschreitend, streben nach interkultureller oder
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universeller Geltung (Lübbe 2012, 193–201; Kuukkanen 2015, 192–197; Rüsen 2013, 60–63). Auf einen derart erweiterten Begriff der Intersubjektivität verwies Max Weber (1988, 155), als er in seinem Essay zur „‚Objektivität‘ sozialwissenschaftlicher und sozialpolitischer Erkenntnis“ argumentierte, dass „eine methodisch korrekte wissenschaftliche Beweisführung auf dem Gebiete der Sozialwissenschaften, wenn sie ihren Zweck erreicht haben will, auch von einem Chinesen als richtig anerkannt werden muss.“
5. Abschließende Bemerkungen In den vorangegangenen Bemerkungen ist aufgezeigt worden, dass „historische Objektivität“ ethische und methodologische Normen unterschiedlicher Art zum Ausdruck bringen kann. In der Geschichtswissenschaft verweist Objektivität auf das unerreichbare Ideal einer vollkommenen, perspektivisch unbefleckten Erkenntnis; auf ein Konglomerat epistemischer Tugenden, die ein wissendes Subjekt besitzen muss, um verantwortungsvoll Geschichte zu schreiben; auf die Kennzeichnung bestimmter Forschungsverfahren auf dem Weg zu verlässlichen historischen Erkenntnissen; oder auf eine Reihe intersubjektiver Standards, die bei der Erforschung, Interpretation und Darstellung vergangener Erfahrung berücksichtigt werden müssen, wenn man auf Plausibilität abzielt. In allen Fällen wird Objektivität im Kontext intensiver theoretischer Diskussionen und manchmal auch sinnloser hier unberücksichtigt gebliebener Polemiken verteidigt, verworfen, recycelt oder heruntergespielt. Eine große Herausforderung für jeden Versuch, den Begriff zu erhellen, ist die Frage, was die Koexistenz so unterschiedlicher Bedeutungen unter demselben konzeptuellen Dach rechtfertigt. Mit anderen Worten: Gibt es eine Art Meta-Bedeutung, die eine minimale Gemeinsamkeit so unterschiedlicher Positionen und Semantiken repräsentiert? Die Schwierigkeiten, die mit allen Versuchen verbunden sind, diese unterschiedlichen Auffassungen von Objektivität zusammenzuführen, werden am besten durch Situationen veranschaulicht, in denen die Betonung der Integrität von Verfahren mit dem Gefühl kollidiert, dass evidenzbasierte Wahrheit Vorrang haben soll. Diese Situationen sind auf dem Gebiet der Justizpraxis und des Regierungshandelns, bei Ermittlungsverfahren und im Journalismus nicht ungewöhnlich. Tatsächlich lässt sich ein Großteil der gegenwärtigen politischen Konflikte als ein Kampf zwischen unterschiedlichen Auffassungen darüber diagnostizieren, was „objektiv“ bedeuten sollte (Steinberger 2015, 3–4; 50–51). In der Geschichtswissenschaft sowie in anderen wissenschaftlichen Bereichen lassen sich ähnliche Konflikte zwischen substantivistischen und prozeduralistischen
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Auffassungen von Objektivität ausmachen. Argumente gegen erstere nehmen meist die Form der bereits erwähnten Kritik der ontologischen Objektivität an. Gegen letztere können andererseits Zweifel an der Angemessenheit einer vollständigen Entkopplung formaler epistemischer Verfahren von inhaltlichen Erkenntnissen und Ergebnissen angebracht werden. Kann sich Objektivität wirklich so weit von der Wahrheit von Wissensprodukten lösen, dass letztendlich nur noch die Reinheit der Verfahren zählt? Kann sie sich so sehr auf praxisregulierende Formalitäten stützen, selbst auf die Gefahr hin, dass ihr wesentliche inhaltliche Bestandteile des historischen Wissens völlig fremd werden? Die Formulierung der Fragen verrät bereits, dass die Antwort negativ ausfallen muss. Aber im gegenwärtigen Kontext gibt es weder Notwendigkeit noch Raum, diesen oder andere philosophische Punkte weiterzuentwickeln (Martins 1984, 147, 154; Steinberger 2015, 207–227). Vorerst würde es genügen, wenn die obige Diskussion für die „irreduzible Komplexität“ (Douglas 2004) von Objektivität im Allgemeinen und der historischen Objektivität im Besonderen sensibilisieren könnte.
Literatur Assis, Arthur Alfaix: „Objectivity and The First Law of History Writing”, Journal of the Philosophy of History 13(1), 2019, S. 107-128. Axtell, Guy: Objectivity (Cambridge: Polity, 2016). Bevir, Mark: „Objectivity in History”, History and Theory 33(3), 1994, S. 328-344. Daston, Lorraine: „Objectivity and Impartiality. Epistemic Virtues in the Humanities”, in: The Makings of the Humanities, Vol. III: The Modern Humanities. Hg. Rens Bod et al. (Amsterdam: Amsterdam University Press, 2014), S. 27-41. Daston, Lorraine: „Objectivity and the Escape from Perspective”, Social Studies of Science 22(4), 1992, S. 597-618. Daston, Lorraine; Galison, Peter: Objectivity (New York: Zone, 2007). Douglas, Heather: „The Irreducible Complexity of Objectivity”, Synthese 138(3), 2004, S. 453-473. Droysen, Johann Gustav: Historik, Band 1. Hg. Peter Leyh (Stuttgart: Frommann-Holzboog. 1977). Førland, Tor Egil: Values, Objectivity, and Explanation in Historiography (New York: Routledge, 2017). Gaukroger, Stephen: Objectivity. A Very Short Introduction (Oxford: Oxford University Press, 2012). Gorman, Jonathan: „Objectivity and Truth in History”, Inquiry 17, 1974, S. 373-397. Habermas, Jürgen: Knowledge and Human Interests (Boston: Beacon, 1972). Haskell, Thomas L.: Objectivity is Not Neutrality. Explanatory Schemes in History (Baltimore: The Johns Hopkins University Press, 2000). Hollinger, David A.: „T. S. Kuhn's Theory of Science and Its Implications for History”, The American Historical Review 78(2), 1973, S. 370-393.
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Kuukkanen, Jouni-Matti: Postnarrativist Philosophy of Historiography (Basingstoke: Palgrave Macmillan, 2015). Lübbe, Herman: Geschichtsbegriff und Geschichtsinteresse. Analytik und Pragmatik der Historie, 2. Aufl. (Basel: Schwabe, 2012). Mandelbaum, Maurice: The Anatomy of Historical Knowledge (Baltimore: The Johns Hopkins University Press, 1977). Martins, Estevão de Rezende. O Problema da Objetividade nas Ciências Sociais. In: Revista Brasileira de Filosofia 34 (1984), 147-172. Megill, Allan: Historical Knowledge, Historical Error. A Contemporary Guide to Practice (Chicago: The University of Chicago Press, 2007). Nietzsche, Friedrich: Unzeitgemäße Betrachtungen (Frankfurt a.M.: Insel, 2000). Paul, Herman: Key Issues in Historical Theory (London: Routledge, 2015). Ranke, Leopold von: Englische Geschichte, Bd. 2 (Berlin: Duncker und Humblot, 1860). Rorty, Richard: Objectivity, Relativism, and Truth (Cambridge: Cambridge University Press, 1991). Rüsen, Jörn: Historik. Theorie der Geschichtswissenschaft (Köln: Böhlau, 2013). Steinberger, Peter J.: The Politics of Objectivity. An Essay on the Foundations of Political Conflict (Cambridge: Cambridge University Press, 2015). Weber, Max: Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre, 7. Aufl. (Tübingen: J.C.P. Mohr, 1988). White, Hayden: Tropics of Discourse. Essays in Cultural Criticism (Baltimore: The Johns Hopkins University Press, 1986).
3.10 Perspektivität und Multiperspektivität Jörn Rüsen
Historische Darstellungen lassen die dargestellte Vergangenheit immer in einer Zeitperspektive erscheinen.1 Diese Perspektive geht von einem Standpunkt aus, den die Historiker im Leben ihrer Gegenwart einnehmen. Oft ist es der Standpunkt ihrer Nation, es kann aber auch eine andere Bezugsgröße der Zeitperspektive sein, Begriffe wie Freiheit und Humanität zum Beispiel. Dann bestimmt eine Begriffsgeschichte die Darstellung. Oder eine soziale Größe wie der Adel, die Unterschicht oder das Geschlecht; dann geht es um Sozialgeschichte. In jedem Fall schneidet die Darstellung aus alldem Geschehen, das sich in der Vergangenheit ereignet hat, einen Ausschnitt aus und blendet anderes Geschehen zur gleichen Zeit aus. Diese Ausschnitthaftigkeit setzt in jedem Falle dem Dargestellten eine Grenze. Für den Betrachter des Dargestellten ist es wichtig, diese Grenze in seiner Beurteilung und Verwendung der Darstellung wahrzunehmen und in Rechnung zu stellen. Jeder Versuch einer 'totalen' Geschichte muss an einer solchen Grenze scheitern. Für das Verständnis jeder historischen Darstellung ist diese Perspektive wesentlich. Sehr oft wird aber die jeweilige Perspektive nicht eigens dargestellt, sondern muss erschlossen und hinsichtlich ihrer Auswirkung auf den Informationsgehalt der jeweiligen Historiographie reflektiert werden. Das bedeutet für das Verfassen und Verstehen historiographischer Texte ein bewusstes Umgehen mit der jeweiligen Perspektive. Sehr oft aber fehlt eine entsprechende Reflexion. Sie muss dann im Akt des Verstehens nachgeholt werden. In jedem Fall ist Historiographie zeitperspektivisch verfasst und damit in ihrem Informationsgehalt beschränkt. Eine 'totale' Dichte gibt es nicht, weil jede Geschichte nur eine Auswahl aus dem Geschehen der Vergangenheit repräsentiert. Dieser perspektivische Charakter jeder historischen Darstellung wird nicht in jedem Fall in der Darstellung selber deutlich. Im Gegenteil: Die meisten historiographischen Präsentationen begnügen sich damit, das Stück Vergangenheit, das sie präsentieren, ohne weitere Reflexion ihres Darstellungsmodus zu schildern – als 'Sache selbst', nur der Absicht verpflichtet, zu sagen, 'wie es eigentlich gewesen' (um Rankes be1 Der folgende Text wurde bereits im Internet publiziert: https://publichistoryweekly.degruyter.com/5-2017-33/limits-of-multiperspectivity.
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kannten Slogan aufzugreifen). Diese Sachlichkeit gilt als oberstes Gebot für jede Historiographie, die als Erkenntnis wahrgenommen und akzeptiert werden will. Sie ignoriert zumeist den selektiven Charakter ihrer Inhalte und erweckt damit den Eindruck, nicht alles, aber doch das Wesentliche der geschilderten Vergangenheit zu präsentieren. Dieser Eindruck täuscht darüber hinweg, dass es stets eine Selektion aus verschiedenen Möglichkeiten bedeutet, wenn darüber entschieden wird, was als wesentlich und berichtenswert in Betracht kommt. Um diesen Eindruck zu verhindern, ist es ratsam, in historiographischen und geschichtsdidaktischen Texten die jeweilige Perspektive anzugeben. Wie sollte das geschehen? Zu nennen wäre der Ausgangspunkt der Darstellung, d.h. der Standpunkt, von dem aus die Vergangenheit historisch in den Blick genommen wird. Um diese Perspektive diskursfähig zu machen, sollte sie nicht nur reflektiert, sondern diskursiv präsentiert, d.h. sie sollte auf mögliche andere zur Erweiterung und im Extremfall auch auf gegensätzliche Perspektiven bezogen werden. Mit diesem Bezug wird die jeweilige Darstellung in eine argumentative Bewegung gebracht, die ihre Rezipienten in den Stand versetzt, an ihrer Ausprägung durch ihre Rezeption produktiv beteiligt zu werden. 'Multiperspektivität' bezeichnet einen Gesichtspunkt, von dem aus eine historische Darstellung in diskursive Bewegung gebracht werden kann. Er ist inzwischen zu einem Schlüsselbegriff der Geschichtstheorie und Geschichtsdidaktik geworden. Er trägt elementaren und fundamentalen Einsichten in die Logik des historischen Denkens Rechnung: seiner Standortgebundenheit oder Kontextabhängigkeit und der damit zwingend verbundenen Einschränkung seines Objektivitätsanspruchs. Er diente dazu, autoritäres Lehren der Geschichte zu kritisieren und zu überwinden: Die eine und einzige wahre Geschichte, die die Lehrperson den Schülerinnen und Schülern zu vermitteln hat und deren Geltungsanspruch durch die Fachwissenschaft Geschichte gesichert ist, gibt es nicht. Stattdessen sind zum gleichen Tatsachenbestand der Vergangenheit unterschiedliche Deutungen möglich, die vom jeweiligen Standpunkt der deutenden Historikerinnen und Historiker abhängen. Von diesem Standpunkt aus gehen Interessen in das historische Denken ein, die dem Orientierungsbedürfnis der Historiker und ihrer Adressaten entspringen und ganz unterschiedlich ausfallen können. Mit dieser erkenntnistheoretischen Einsicht wurde die Subjektivität des historischen Denkens gegenüber einer wirksamen Vorstellung ihrer Unterwerfung unter den Sachstand des Geschehens der Vergangenheit aufgewertet. Für die Geschichtsdidaktik bedeutete dies zweierlei: einmal eine grundsätzliche Kritik an der Vorstellung, Geschichte sei als fixer Tatsachenbestand zu lehren, der den Aufnahmemöglichkeiten der Lernenden anzupassen sei; ferner eine Einsicht in die Subjektivität der
3.10 Perspektivität und Multiperspektivität
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Lernenden als fundamentale Bestimmungsgröße ihres Umgangs mit Geschichte. Demgemäß sollte historisches Lernen die Schülerinnen und Schüler dazu befähigen, sich selber ein historisches Urteil über das Geschehen der Vergangenheit zu bilden, sich also von gesellschaftlichen Zwängen der Geschichtskultur zur Autonomie des eigenen Urteils zu befreien. Demgemäß wurde dem Geschichtsunterricht von der Geschichtsdidaktik angesonnen, unterschiedliche Deutungen historischer Sachverhalte und einen kritisch-argumentativen Umgang mit ihnen zu lehren. Das galt auch für den Tatsachengehalt der Lehre: Fixe Tatsachen wurden in die Dynamik ihrer unterschiedlichen Bedeutung für die jeweils Betroffenen verflüssigt. Multiperspektivität bezieht sich also auf zwei Ebenen des historischen Denkens: auf die Ebene der Betrachtung bzw. Interpretation und auf die Ebene der vom historischen Geschehen Betroffenen. Mit der Multiperspektivität gewann das historische Lernen eine neue Dynamik. Die Ereignisse der Vergangenheit rückten in die Interaktion ihrer Akteure und Betroffenen ein, und ihre Deutung wurde zur Angelegenheit divergierender und interessengeleiteter Denkweisen und Einstellungen. Diese Dynamik stellt eine große Chance des Geschichtsunterrichts dar, wenn es darum geht, kulturell heterogene Schülergruppen zu unterrichten, die heute zum schulischen Alltag gehören. Unterschiedliche Herkünfte können zu unterschiedlichen Perspektiven führen, denen ihre je eigene Berechtigung nicht abgesprochen werden kann. Kulturelle Differenzen, die sich in der Perspektive historischer Deutungen austragen, bergen aber ein Konfliktpotential. Solange es um die Anregung zu kritischer Urteilsbildung bei den Lernenden ging, konnte diese Gefahr in den Hintergrund treten. In dem Augenblick jedoch, in dem die Perspektivendifferenz die Tiefenschicht der Identitätsbildung der Lernenden erreicht, ist es damit vorbei. Die Frage ist unabweisbar geworden: Wie ist es mit der Perspektivenvielfalt bestellt, und wie ist mit ihr umzugehen, wenn sie identitätsträchtig wird? Auf diese Frage gibt es zwei Antworten: eine pluralistische und eine integrale. Die pluralistische besteht darin, die Vielfalt und Divergenz zu pflegen und als letzte Größe der historischen Orientierung stehen zu lassen. Damit wird Pluralismus als kulturelles Prinzip moderner Erziehung und Bildung zur Geltung gebracht. Der Preis dafür ist jedoch hoch: Letztlich mündet er in einen Relativismus, der die betroffenen Subjekte dort alleine lässt, wo es um ihre Subjektivität, ihr Selbstsein, ihre Identität als historisch geprägte und praktisch zu prägende geht. Da aber Divergenz von Herkunft immer konfliktträchtig ist, fehlt es in dieser Spielart des modernen Pluralismus an Faktoren der Konfliktlösung, die den verschiedenen Perspektiven gemeinsam zugeschrieben und angesonnen werden müssen. Toleranz, Kritik und An-
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erkennung sind solche Größen. Sie gehören zum kulturellen Fundament moderner (westlicher) Lebensformen. Ohne sie würde Pluralismus als Prinzip verschiedener historischer Perspektivierungen nicht funktionieren, sondern in einen machtbestimmten Kampf um Anerkennung führen, also sich selbst zerstören. Toleranz heißt das Zugeständnis, dass andere Darstellungen des gleichen Sachverhalts grundsätzlich möglich sind. Kritik bezieht die anderen Darstellungen in die eigene ein durch Markierung von Differenzen und Gemeinsamkeiten. Anerkennung heißt die Einsicht in die Berechtigung anderer Darstellungen neben der eigenen. Diese Konsequenz führt zwingend zur integralen Antwort auf die Problematik der Multiperspektivität. Diese würde einer übergreifenden Orientierungsperspektive eingeordnet. In ihr sind auf der Grundlage des Sinnkriteriums der Menschenwürde die oben genannten Prinzipien der Toleranz, der Kritik und der Anerkennung für das historische Denken maßgebend. Damit wird eine kulturelle Grundlage moderner Lebensführung im Westen angesprochen, die dem Pluralismusgebot selber noch zugrunde liegt, also gerade nicht zur Vielfalt divergierender Perspektiven der historischen Orientierung gehört, sondern diese selber noch bestimmt. Diese Grundlage ist es, die mit dem umstrittenen Begriff der Leitkultur angesprochen wird. Dieser Begriff ist inzwischen so diffamiert worden, dass seine Bedeutung völlig aus dem Blick geraten ist. Multiperspektivität kann also nicht das letzte Wort der historischen Bildung sein. Sie bleibt ein Bestimmungsfaktor der Subjektwerdung durch historisches Lernen, steht aber unter dem Gebot einer Vielfalt und Divergenz übergreifenden Perspektivierung. In dieser sind Gesichtspunkte der Humanisierung des Menschen (Kozlarek/Rüsen/Wolff 2012; Rüsen 2020a) 2 maßgebend, die für alle Menschen gelten und die die Fülle kultureller Weltdeutung und -gestaltung zum Gewinn der mit ihr konfrontierten Subjekte und nicht zur Gefahr konfliktreicher Machtkämpfe macht.
Literatur Bergmann, Klaus: Multiperspektivität. Geschichte selber denken. Schwalbach/Ts. 2000. Brunsch, Claudia: Multiperspektivischer Geschichtsunterricht. München 2008. Kozlarek, Oliver/Rüsen, Jörn/Wolff, Ernst (Hg.): Shaping a Humane World. Civilizations – Axial Times – Modernities – Humanisms. Bielefeld 2012. Nida-Rümelin, Julian: Humanismus als Leitkultur. Ein Perspektivenwechsel. München 2006. Rüsen, Jörn: Menschsein. Grundlagen, Geschichte und Diskurse des Humanismus. Berlin 2020a. 2
Siehe dazu: Kozlarek, Oliver; Rüsen, Jörn; Wolff, Ernst (eds): Shaping a Humane World. Civilizations – Axial Times – Modernities – Humanisms. Bielefeld: Transcript 2012; Rüsen, Jörn: Menschsein. Grundlagen, Geschichte und Diskurse des Humanismus. Berlin: Kulturverlag Kadmaos 2020.
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Rüsen, Jörn: Geschichtskultur, Bildung und Identität. Über Grundlagen der Geschichtsdidaktik. Berlin 2020b. Sauer, M.Oberle, L./Schenkel, A./Strudel, B.: Grundlagen der Multiperspektivität (Nov.2012). In: https://geoges.ph-karlsruhe.de/wiki/index.php/Grundlagen_der_Multiper spektivit%C3%A4t (Jan.2014).
Kapitel 4: Narrativität und Geschichtsschreibung
© Der/die Autor(en), exklusiv lizenziert an Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2025 J. Rüsen et al. (Hrsg.), Handbuch der Historik, https://doi.org/10.1007/978-3-658-47760-8_4
4.1 Zeiten-Geschichte Achim Landwehr
Zeit-Fragen Das erste Problem in der (nicht nur historischen) Auseinandersetzung mit Zeit ist, sie überhaupt zu einem Problem zu machen. Im Alltagsverständnis wird Zeit als eine außerhalb von Menschen und Gesellschaften angesiedelte Gegebenheit betrachtet, die unabhängig von deren Wollen und Wirken abläuft und ihre nahezu unerbittliche Macht ausübt. Ein Blick auf die Uhr oder die Veränderung der Natur im Wandel der Jahreszeiten belegt es vermeintlich zur Genüge: Zeit ist dort draußen, und sie läuft ab. Zeit kann daher einerseits als sehr trivial erscheinen – und erweist sich andererseits als ungemein komplex, geradezu rätselhaft. Denn bereits ein zweiter Blick auf das Phänomen ‚Zeit‘ zeigt, dass die vor mehr als eineinhalb Jahrtausenden getätigte Aussage des Augustinus weiterhin gültig ist, dass man so lange kein Problem mit der Zeit haben muss, so lange man nicht danach gefragt wird (Augustinus 1987). Und wenn man danach gefragt wird? Keine Sorge, ich werde nun nicht versuchen, an dieser Stelle die sehr weit reichenden Diskussionen um Zeittheorien und Zeitphilosophie zu rekapitulieren (Gimmler/Sandbothe/Zimmerli 1997). Vielmehr wäre die Frage zu stellen, weshalb ausgerechnet in der Geschichtswissenschaft – im Gegensatz zu anderen sozial- und kulturwissenschaftlichen Disziplinen – das Thema Zeit lange eher stiefmütterlich behandelt worden ist. Vielleicht gerade weil die Kategorie Zeit als selbstverständlich vorausgesetzt wurde, beispielsweise als fester Rahmen der Chronologie, so dass sich innerhalb dieses Rahmens die sogenannte ‚Geschichte‘ als allumfassender Metaprozess abspielen kann. Ausgerechnet die Geschichtswissenschaften, denen man doch eine gewisse Expertise für Zeit-Fragen unterstellen möchte, haben sich dazu eher zurückhaltend geäußert. Etablierte Arbeitsbereiche wie die Historiographiegeschichte oder die Geschichte der Chronologie und der Zeitmessung können auch kaum als Gegenbeispiele herhalten, weil auch sie Zeit eher schon voraussetzen als problematisieren (Landes 1983; Dohrn-van Rossum 1992; Brincken 2000). Arbeiten zur Geschichte der Zukunft, wie sie in der Folge entsprechender Hinweise von Reinhart Koselleck entstanden sind, erfüllen da schon eher die Anforderung, Zeitmodelle zu analysieren (Hölscher 1999).
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Achim Landwehr
Dabei lohnt es sich, auch und gerade von geschichtswissenschaftlicher Warte aus, Zeit zu behandeln (Lorenz/Bevernage 2013). Denn neben den vielen Antworten auf die Frage, was Zeit denn nun sei, ist auch diejenige nicht falsch, die Zeit als soziales Ordnungsmodell zur Koordination und Orientierung von Kollektiven versteht. Mit anderen Worten: Zeit ist eine kulturelle Hervorbringung. Das jeweils dominierende Zeitmodell hilft dabei, mit Wiederholungen, Unvorhergesehenem, Plötzlichkeiten, Erwartetem, Möglichem, Gewesenem und vielen anderen Zeiterscheinungen umzugehen. Wie dieser Umgang jedoch ausgestaltet wird, kann je nach kultureller Organisation stark variieren.
Zeiten-Geschichte Beiträge zu einer Zeiten-Geschichte scheinen sich insbesondere in Zeiten (sic!) krisenhafter Selbstbeschreibungen bemerkbar zu machen. Insofern darf man sich nicht nur fragen, wie signifikant es ist, wenn es in den Jahren seit etwa 2010 zu einer auffallenden Häufung diverser kulturhistorischer Untersuchungen zu Zeit-Fragen gekommen ist, sondern man kann auch eine gewisse Aufmerksamkeit für diesen thematischen Zusammenhang in den 1970er Jahren konstatieren. Hier darf eine der international bedeutsamsten Stimmen nicht unerwähnt bleiben. Reinhart Koselleck ist bis heute einer der einflussreichsten Geschichtstheoretiker, und das nicht zuletzt mit seiner nie abgeschlossenen Theorie historischer Zeiten, zu der zwar zahlreiche Bausteine vorliegen, die aber nie zu einer abschließenden Synthese gelangt ist. Mit Stichworten wie „Sattelzeit“, „Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“, „Kollektivsingular Geschichte“ oder „Zeitschichten“ hat er begriffliche Instrumentarien zur Verfügung gestellt, mit denen die Konstitution der Zeit(en) unter Bedingungen der Moderne beobachtbar und beschreibbar werden sollte (Koselleck 1989; Koselleck 2003; Fisch 2012). Aber bei Koselleck wie bei vielen anderen Historiker:innen, die sich mit Fragen der Zeitlichkeit beschäftigen, ist kaum zu übersehen, dass die Behandlung des Themas ‚Zeit‘ auch ganz wesentlich eine Behandlung der jeweils eigenen Zeit beinhaltet. Nachforschungen zur Beschleunigung, zum Posthistoire, zur Modernisierung, zur Nostalgie, zum Fortschritt oder zu Epochenbestimmungen sind häufig zugleich Zeitlichkeitsanalysen und Gegenwartsdiagnosen (Assmann 2013; Geppert/Kössler 2015). Dadurch wird jedoch häufig die Halbwertszeit solcher Analysen von Zeitlichkeit verkürzt, da sie eng angebunden sind an die Zeitlichkeit, der sie entstammen. Das zeigt sich beispielsweise auch beim Konzept der Historizitätsregime von François Hartog. Historizitätsregime sind die Modalitäten, wie Vergangenheit, Ge-
4.1 Zeiten-Geschichte
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genwart und Zukunft zueinander angeordnet werden. Hartog unterscheidet dabei ein altes Regime, in dem die Vergangenheit die organisierende Kategorie war, von einer Moderne, in der die Zukunft die Rolle der Leitkategorie übernahm. Für das 21. Jahrhundert sieht Hartog hingegen ein Historizitätsregime des Präsentismus als dominierend an, das sich an einer ‚breiten Gegenwart‘ ausrichtet (Hartog 2003). Eine Schwierigkeit mancher Zeiten-Geschichten – insbesondere solche europäisch-westlicher Provenienz – besteht darin, unausgesprochen von einer Zeit auszugehen, von einer linearen, universalen, gerichteten und messbaren Uhren- und Kalenderzeit. Und auch wenn dieses Zeitmodell dank Kolonialisierung und Globalisierung von sich behaupten kann, das erdenweit dominierende zu sein, so ist es doch wahrlich nicht das einzige. Das Nebeneinander unterschiedlicher Zeiten, die Vielzeitigkeit oder Pluritemporalität und mithin die Möglichkeit von Kollektiven, sich jeweils unterschiedlich ‚zu zeiten‘ (Elias 1988), müsste ein zentraler Gegenstand von Zeiten-Geschichte sein (Levine 2003). Nicht zuletzt vor dem Hintergrund postkolonialer Theorien erscheint ein solcher Ansatz als dringend geboten. Denn mit einem einheitlichen und singulären Zeitmodell verbindet sich nahezu unweigerlich die Vorstellung, dass in dieser einen Zeit auch die eine Wahrheit aufgehoben sei, die mittels entsprechender Methoden gehoben werden müsste (Rancière 1994). Bestandteil einer Zeiten-Geschichte könnten dann eben auch die pluritemporalen (geschichts-)theoretischen Beiträge zu Fragen der Zeitlichkeit sein, ob dies nun Kosellecks Zeitschichten, Überlegungen zur Synchronizität oder Ansätze des Präsentismus sind (Kassung/Macho 2013; Ghosh/Kleinberg 2013). Sie alle adressieren unterschiedliche Verständnisweisen von Zeit, sei es nun die quasi-geologische Überlagerung von Zeiten, die alle gleichzeitig vorhanden und wirksam sind; sei es die Notwendigkeit, unterschiedliche Verzeitungen individuell oder auch kollektiv in eine gemeinsame Taktung zu bringen; oder sei es die Möglichkeit einer unmittelbaren Gegenwärtigkeit des Vergangenen.
Zeit-Bezüge Selbstredend kann es keiner Analyse von Zeitlichkeit gelingen, derjenigen Zeit zu entkommen, der sie entstammt. Wenn ich hier über Zeit schreibe, dann tue ich das nicht nur in einer bestimmten historischen Situation, sondern auch vor dem Hintergrund meiner eigenen Prägung durch ein jüdisch-christlich-europäisches Zeitmodell. Trotz allem sollte es möglich sein, Untersuchungswege einzuschlagen, die nicht nur ausschnitthaft für einzelne historische Areale Gültigkeitsanspruch erheben, sondern die auch über die eigenen provinziellen Grenzen hinaus anwendbar sind.
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Eine umfassende und alle denkbaren Aspekte berücksichtigende Theorie der Zeit(en) vermag man sich kaum vorzustellen. Selbst im Bereich kultureller Zeitformen ist es sehr herausfordernd, Lebenszeiten und Geschichtszeiten, Beschleunigungs- und Stagnationserfahrungen, Wahrnehmungen von Kürze oder Länge oder Auffassungen von Dauer, Wiederholung und Ewigkeit (um nur einige wenige Beispiele zu nennen) auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen. Einer wie auch immer gearteten Theorie historischer Zeiten (die ich immer noch als Desiderat der Forschungsdiskussion ansehe) könnte daher kaum die Aufgabe zufallen, all diese Zeitformen zu berücksichtigen. Sie müsste sich darauf konzentrieren, die durch Kollektive getätigte Behandlung abwesender Zeiten in den Mittelpunkt zu rücken. Denn das ist das eigentliche Mysterium des Historischen: sich auf Wirklichkeiten beziehen zu können, die es nicht mehr gibt. Eine solche (keineswegs notwendige oder universelle) kulturelle Praxis ist eine Möglichkeit, um Zeit zu realisieren. Zeit wird dann durch die Unterscheidung von Vergangenheit und Zukunft, die eine Gegenwart jeweils für sich vornimmt, hervorgebracht. Sieht ein Kollektiv eine solche Differenzierung als relevant an, dann geht damit nahezu unweigerlich eine Dynamisierung von Zeit einher. Denn dann sind es Traditionen im Gewesenen, die ein Kollektiv bedrängen, sowie Möglichkeiten im Kommenden, die es antreiben. Die Gegenwart steht hingegen in der Gefahr, zu einer flüchtigen Durchgangsstation zu werden, in der permanent abwesende Zeiten und Wirklichkeiten verhandelt werden. Damit ist eine temporale Grunddisposition historisch organisierter Gesellschaften beschrieben (die aber keineswegs allgemeingültig ist, weil Kollektive sich auch auf andere Verzeitlichungsformen einlassen können). Um die Konstitution kultureller Zeiten – auch und gerade jenseits vom europäisch-westlichen „Kollektivsingular Geschichte“ – beschreiben zu können, habe ich den Begriff der Chronoferenz vorgeschlagen (Landwehr 2016; Landwehr 2020). Damit sollen temporale Relationierungen beschreibbar werden, wie sie für die Konstitution kultureller Zeiten unverzichtbar sind. Anhand der Dimensionen Vergangenheit und Zukunft lässt sich das exemplifizieren: Beide Zeithorizonte zeichnen sich dadurch aus, inexistente Wirklichkeiten zu adressieren. Vergangenheit und Zukunft an sich gibt es nicht. Beide Dimensionen können nur insoweit eine Rolle spielen, als von einer Gegenwart auf sie Bezug genommen wird, insofern sie also vergegenwärtigt werden. Und genau durch solche Bezugnahmen kann dieses Modell der Zeitmodalisierung besondere Dynamiken auslösen, weil durch die Verlagerung aktueller Angelegenheiten in Vergangenheiten oder Zukünfte auch neue Möglichkeiten entstehen und neue Welten entworfen werden können (Nassehi 2008). Mit dem Begriff der Chronoferenz soll es möglich sein, genau diese zeitlichen Relationierungen zu behandeln, sollen also die vielfältigen Bezugnahmen zwischen
4.1 Zeiten-Geschichte
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anwesenden und abwesenden Zeiten ins Zentrum gerückt werden. Dabei ist zu berücksichtigen, dass nicht nur Zukünfte und Vergangenheiten zu den abwesenden Zeiten zählen, sondern ebenso Ewigkeiten, Traumzeiten, zyklische Wiederholungsstrukturen und viele andere mehr. Diese Zeiten auszuloten, ergibt nicht nur ein ungemein komplexes temporales Gesamtbild, sondern führt auch dazu, sich von im Vorhinein angenommenen Verlaufsformen unterschiedlicher teleologischer Art zu verabschieden, um stattdessen die Vielfältigkeit der Relationierungsmöglichkeiten in den Blick zu nehmen. Die Untersuchung von Zeiten-Geschichten wird auch über die seit etwa 2010 zu beobachtende Konjunktur dieses Themengebiets hinaus Lohnendes bereithalten. Das liegt nicht nur an der Ubiquität und Grundsätzlichkeit des Gegenstands, die gegenüber dem Vorwurf des Modischen imprägniert, sondern liegt auch im Potential des Themas ‚Zeit‘ für eine Weiterentwicklung der historischen Wissenschaften begründet. Sollten diese ihr Spektrum dahingehend erweitern, sich auf die Behandlung abwesender Zeiten allgemein zu spezialisieren, also nicht nur auf Vergangenheiten, sondern auch auf Zukünfte sowie auf weitere Zeitformen, könnten ihnen zusätzliche orientierende Aufgaben zuwachsen. Die Diskussion um den Klimawandel kann das exemplarisch vorführen: Hierbei geht es einerseits um politische Entscheidungen und technische Maßnahmen. Es geht andererseits aber auch um einen grundlegenden kulturellen Wandel, der unter anderem veränderte zeitliche Orientierungen nötig macht. Es gilt nicht nur zu wissen, wann und wie sich welche Transformationen in der Vergangenheit im ökologischen Gefüge eingestellt haben, sondern ebenso auszuloten, wie man sich anders auf Zukunft und überhaupt: auf andere Zukünfte beziehen kann. Historiker:innen bringen die Kompetenzen und das Potential mit, sich als Spezialist:innen in Fragen zeitlicher Orientierung anzubieten. Und sie können deutlich machen, dass Kollektive Verantwortung zu übernehmen haben für die zeitlichen Relationierungen, die sie selbst einrichten.
Literatur Assmann, Aleida: Ist die Zeit aus den Fugen? Aufstieg und Fall des Zeitregimes der Moderne. München 2013. Augustinus: Bekenntnisse/Confessiones, übers. v. Joseph Bernhart. Frankfurt a.M. 1987. Brincken, Anna-Dorothee von den: Historische Chronologie des Abendlandes. Kalenderreformen und Jahrtausendrechnungen. Eine Einführung. Stuttgart u. a. 2000. Dohrn-van Rossum, Gerhard: Die Geschichte der Stunde. Uhren und moderne Zeitordnung. München/Wien 1992. Elias, Norbert: Über die Zeit. Arbeiten zur Wissenssoziologie II. Frankfurt a.M. 1988.
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Achim Landwehr
Fisch, Jörg: Reinhart Koselleck und die Theorie historischer Zeiten, in: Carsten Dutt/Reinhard Laube (Hg.): Zwischen Sprache und Geschichte. Zum Werk Reinhart Kosellecks. Göttingen 2012, S. 48-64. Geppert, Alexander C.T./Kössler, Till (Hg.): Obsession der Gegenwart. Zeit im 20. Jahrhundert. Göttingen 2015. Ghosh, Ranjan/Kleinberg, Ethan (Hg.): Presence. Philosophy, history, and cultural theory for the twenty-first century. Ithaca/London 2013. Gimmler, Antje/Sandbothe, Mike/Zimmerli, Walther Ch. (Hg.): Die Wiederentdeckung der Zeit. Reflexionen – Analysen – Konzepte. Darmstadt 1997. Hartog, François: Régimes d'historicité. Présentisme et expériences du temps. Paris 2003. Hölscher, Lucian: Die Entdeckung der Zukunft. Frankfurt a. M. 1999. Kassung, Christian/Macho, Thomas (Hg.): Kulturtechniken der Synchronisation. Paderborn 2013. Koselleck, Reinhart: Vergangene Zukunft. Zur Semantik geschichtlicher Zeiten. Frankfurt a.M. 1989. Koselleck, Reinhart: Zeitschichten. Studien zur Historik. Frankfurt a.M. 2003. Landes, David S.: Revolution in time. Clocks and the making of the modern world. Cambridge/London 1983. Landwehr, Achim: Die anwesende Abwesenheit der Vergangenheit. Essay zur Geschichtstheorie. Frankfurt a.M. 2016. Landwehr, Achim: Diesseits der Geschichte. Für eine andere Historiographie. Göttingen 2020. Levine, Robert: Eine Landkarte der Zeit. Wie Kulturen mit Zeit umgehen. München 2003. Lorenz, Chris/Bevernage, Berber (Hg.): Breaking up time. Negotiating the borders between present, past and future. Göttingen 2013. Nassehi, Armin: Die Zeit der Gesellschaft. Auf dem Weg zu einer soziologischen Theorie der Zeit. 2. Aufl. Wiesbaden 2008. Rancière, Jacques: Die Namen der Geschichte. Versuch einer Poetik des Wissens. Frankfurt a.M. 1994.
4.2 Narrativität und historische Erzählung Michele Barricelli
Unter Narrativität wird heute in einem meta-historiographischen Sinn das spezifische Strukturmerkmal von Geschichte verstanden. Der Begriff zielt auf das organisierende Prinzip historischer Aussagen bzw. Darstellungen, in einem weiteren Verständnis auf alle historischen Themen, Fragestellungen, Phänomene oder geschichtsdidaktischen Kategorien wie z.B. historische Urteilsbildung und Orientierung (Barricelli 2022, 2012, 2005; Grundlage für das Folgende). Formallogisch meint Narrativität, dass historisches ‚Wissen‘ immer in Form einer Erzählung vorliegt, mithin eines Textes bzw. sprachlichen Gebildes, das auf bestimmte (also nicht beliebige) Weise zuvor gesonderte Sachverhalte („Tatsachen“, „Geschehensmomente“) zusammenfügt, und zwar gerade so, dass das Wiedergegebene mit Sinn aufgeladen wird und damit eine Bedeutung erhält, die es ohne den Erzählvorgang nicht hätte. Narrativität ist demnach keine Eigenschaft der historischen Gegenstände selbst, sondern Mittel, sich ihrer zu bemächtigen, sie zu deuten und die Deutung zu kommunizieren. Narrativität liegt damit dem Konstruktcharakter von Geschichte zugrunde. Das historische ‚Geschäft‘ (Droysen) beginnt mit dem Zählen, genauer dem Aufzählen, das heißt einer verbalen Wiedergabe von distinkten Vorkommnissen gemäß der Aufeinanderfolge ihres Erscheinens. Erst das Erzählen jedoch bringt die Einzelteile, indem ihnen etwas Vorausgehendes und etwas Folgendes zugewiesen wird, in einen durchaus nicht nur linearen Zusammenhang („Handlungseinheit“, wie es Koselleck [1997, 89] in Bezug auf vormoderne historiae nennt); es markiert, mehr noch, eine Gewichtung alles in die Erzählung Aufgenommenen, schafft Kohärenz und Stabilität, tilgt Kontingenz. Das Protokoll dieser generativen Handlung ist ein Text. Die spezifische Vernunft oder Rationalität der Geschichte liegt – insofern lateinisch „ratio“ das Verhältnis von Zahlen zueinander angibt – genau in diesem Berechnenden des Erzählens, wodurch ausgewählte Erscheinungen der Vergangenheit z.B. logisch, mental, rhetorisch, ethisch in Beziehung gesetzt werden, was begrifflich auch in anderen europäischen Sprachen zum Ausdruck kommt: englisch „to tell/tale“ (wie „Zahl“ aus einer unbekannten indoeuropäischen Wurzel), französisch „(ra)conter“ (zu conter = rechnen aus lateinisch computare = zusammenzählen), ebenso italienisch „raccontare“. Die in die Erzählung aufgenommenen Sachverhalte (und das sind üblicherweise viel weniger als alle möglichen Dinge, die sich zum Berichtszeitpunkt
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,ereignet’ haben, wörtlich: vor Augen getreten sind) werden außerdem auf ein vorsätzliches erzählerisches Zentrum hin orientiert. Erst mit ihm erhält das Geschehene als Geschichte Struktur und bedeutungsvolle Gestalt. Zur Anerkennung des Erzählens als kulturstiftender menschlicher Tätigkeit und von Narrativität als Grundstruktur des Historischen hat eine generelle Hinwendung zum Erzählen in allen Bereichen der Lebensführung („homo narrans“, z.B. nach Koschorke 2013), namentlich auch des Wirtschaftens, beigetragen. Die schon älteren philosophischen Theorieansätze des eigenen Lebens bzw. von Identität als selbstbezüglicher Erzählung, ganz umfassend der Erfahrung bzw. Konstruktion von Welt als Text (Schapp 1953) meinen: Durch Erzählung erhält der eigene (z.B. politische, moralische) Standpunkt Beglaubigung, werden Kriege legitimiert, wird ein kommerzielles Unternehmen aufgewertet; eine gute Erzählung reizt also zu Zustimmung, Mitmachen, Kauf. Erzählung zielt darüber hinaus auf ein Schema von Wahrnehmung und Deutung alles vom Menschen mit seinen Sinnen Erfahrbaren, also z.B. Glück und Unglück, Zeit und Entwicklung (womit ursprünglich das Abrollen des Fadens vom Garnknäuel gemeint war), Ursprung und Absicht. Ob Narrativität damit den Anspruch des Universalen erfüllt oder doch auch partikulare, soziokulturell wechselhafte Anteile enthält, muss diskutabel bleiben. Im Englischen jedenfalls wird „narrativity“ seltener und teilweise mit anderer Ausrichtung gebraucht. Das heute ubiquitär eingesetzte „Narrativ“ dagegen ist ein Modewort ohne bessere Aussagekraft als das hergebrachte „Erzählmuster“. Bekanntermaßen wurde gerade in der deutschen Geistesgeschichte des 19. und (frühen) 20. Jahrhunderts über das Zusammenspiel von Sein und Sprache intensiv nachgedacht. Die Herkunft einer genuin historisch-wissenschaftlichen Narrativitätstheorie ist allerdings im US-amerikanischen analytischen Zweig der Geschichtsphilosophie zu suchen, die in den 1960er Jahren, während die Naturwissenschaften (‚sciences‘) immer mächtiger den alleinigen Zugang für Erkenntnis und Wahrheit reklamierten, mit den ihr verbliebenen Möglichkeiten auf diese Ansprüche reagierte. Ausgangspunkt war das Werk von Arthur C. Danto (1924-2013), der durch die europäische Philosophietradition informiert und im Übrigen so sehr Kunstkritiker wie Geschichtstheoretiker war. In seiner Schrift „Analytical Philosophy of History“ von 1965 (deutsch 1974/1980) prägte er für die synthetisierende Form der Wahrnehmungsorganisation vergangener Wirklichkeit den Fachterminus „(a) narrative“ (aus lateinisch narrare = mündlich mitteilen, erzählen, zu gnarus = kundig, wissend – womit Ignoranten also ursächlich Nicht-Erzählende sind). Danto nahm an, dass ein Historiker oder eine Historikerin im Vollzug seiner oder ihrer Tätigkeit zwei zeit- und zustandsdifferente Punkte t1 und t3 im Geschehensverlauf auswählt, um sie auf eine facheigene Art und Weise, nämlich durch Einfügung einer auf der Zeitachse sich
4.2 Narrativität und historische Erzählung
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vollziehenden ,Entwicklung’ t2, beschreibend miteinander zu verknüpfen. Da von den zwei Extrempunkten des Herganges immer mindestens einer in der Vergangenheit liegt, wird der Geschichtswissenschaft die Untersuchung von Veränderung in der Zeit als Untersuchungsfeld zugewiesen: Historisches Wissen ist danach immer narratives Wissen (und vice versa!). Wenn Historikerinnen und Historiker (sc. über) Quellen – gleich ob Schriften, Bilder, Statistiken, Überreste usw. – berichten, analysieren, interpretieren, fallbezogen, vergleichend oder seriell, erzählen sie also Geschichten. Danto entwickelte darüber hinaus den Ehrgeiz, dass die Historiographie mit der Erzählung außer über einen Modus der Beschreibung von Wandel prinzipiell auch über ein spezifisches Erklärungsverfahren und mit diesem über das wesentliche Merkmal von Wissenschaftlichkeit verfüge: Indem die Erzählung erfahrenes Geschehen ‚beschreibe‘, gebe sie genau an, was geschehen sei, und indem sie reale Einzelvorkommnisse durch Narrativierung in eine bedeutungsvolle Folge bringe, erkläre sie dieselben, was in der klassisch-prägnanten Formel zum Ausdruck kommt: A narrative describes and explains at once: „In dieser Weise also bilden erzählende Beschreibung und historische Erklärung ein unauflösbares Ganzes“ (Danto 1980, 322). Grundsätzlich meint das ‚Erklärenkönnen‘ der historischen Erzählung, wie Danto argumentierte, das Verstehenmachen von Kausalitäten, Motiven und intentionalen Zuständen, und zwar durch eine Kombination von idiographischen Zugriffen auf das Singuläre, allgemeinen Aussagen zur Wahrscheinlichkeit von Geschehensabläufen und gesetzesförmigem, ‚nomothetischem’ Regelwissen („historische Theorien“). Trotz ihrer nur moderaten Modernität löste Dantos Narrativitätstheorie eine internationale Debatte aus. „Narration“ (für diesen Begriff zwischen Logik und Darstellung Ankersmit 1983,1997; Sandkühler 2010) oder „a narrative“ wurden nicht als notwendige Spezifikation des abgelebten, novellistischen Erzählbegriffes gesehen, sondern galten insbesondere im Bewusstsein sich progressiv gebender, der Sozialgeschichte deutscher Prägung zuneigender Historikerinnen und Historiker als nur eine Form von Geschichtsdarstellung neben anderen, und zwar als eine tendenziell konservative, behäbige, fortschrittsabgewandte (Kocka/Nipperdey 1979). Deutlich weiter ging wenig später bekanntermaßen der Literaturwissenschaftler und Historiker Hayden White (1928-2018). White bekundete in seinem frühen Hauptwerk der „Metahistory“, mit dem er gemäß Untertitel die „historische Einbildungskraft“ (im Original: „imagination“) im 19. Jahrhundert untersuchte, etwas unvorsichtig weil abrupt, dass die literarische und historische Erzählung dem Anschein nach nicht voneinander zu unterscheiden seien – alle Geschichtsschreibung sei „a verbal structure in the form of a narrative prose discourse“ (White 1973, 3). Diesen Gedanken einer Poetisierung des Historischen elaborierte er in einem zweiten großen Wurf – dessen Titel mit „Fiktion des Faktischen“ unnötig reißerisch ins Deutsche
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übersetzt wurde, wodurch sein Bild als enfant terrible komplett wurde (White 1978). So fühlten sich wiederum vor allem deutsche Historiker herausgefordert, White, der sämtliche vornehmlich europäische, oft philosophisch rückversicherte Stichwortgeber zum Komplex „Geschichte als Erzählung“ – darunter Kant, Hegel und Droysen, Croce, Eco, Ricoeur, Barthes – mindestens so eingehend studiert hatte wie die meisten seiner Gegenspieler, vorzuwerfen, er sei ein gewissenloser Zerstörer des Anspruchs von Geschichte auf Wahrhaftigkeit. Dagegen bezeugt dessen Zitat „in the form of“, dass er der historischen Erzählung eine Qualität zuerkannte, die sie von anderen fiktiven (alltäglichen oder künstlerischen) Erzählpraxen dem Grunde nach unterscheidet. Langsam nur wurde in der Kontroverse um die scheinbaren Gegensätze ‚Theorie oder Erzählung‘ (Schieder/Gräubig 1977, ausgleichend Kocka 1977, 1984) eingestanden, dass mit der Rede von Narrativität der Versuch verbunden war, die Dignität von Geschichte als Wissenschaft sui generis gerade nicht „abzuschaffen“, sondern überhaupt erst zu wahren. Die in Deutschland unter der Ägide von Jörn Rüsen sowie Hans-Michael Baumgartner vollzogene Erweiterung, vielleicht sogar Umdeutung des Erzählbegriffes (wobei das Zurückgehen auf Droysen, Ranke, Hegel, Kant, Quintilian, Thukydides unverkennbar blieb) konnte langsam der These zum Durchbruch verhelfen, dass die Erzählung die Form ist, „die eine Erkenntnis hat, wenn sie als historische angesprochen werden soll“ (Rüsen 1994, 29), und dass sich also Geschichte ganz und gar über die Erzählung konstituiert (Baumgartner 1997). Das bald so genannte narrativistische Paradigma (das als eine spezifische Form des „linguistic turn“ in der Geschichtswissenschaft gelten könnte, Jordan 2017) prägte ebenso schnell die angelsächsische wie deutsche Geschichtsdidaktik. Die historischen Disziplinen, so viel ist vorwegzunehmen, gewannen durch die Auseinandersetzung mit White Anschluss an zumindest gemäßigte bzw. kontrollierte Spielarten von Konstruktivismus und Postmoderne, welche die Zukunftsfähigkeit von Geschichte zu garantieren halfen und ebenso das Schulfach Geschichte stärkten. Narrativität ist jedenfalls seitdem ein besonders theoriefähiger Bestandteil von Historik. Wie jede Theorie kann Narrativität aber auch als eine Kränkung der Praxis aufgefasst werden. Vielfach stärker nämlich als andere vor ihm verwies White in seiner Charakterisierung von „discourse“, den er als Projekt begriff, auf die überragende Funktion von Sprache für Geschichte als Wissenschaft genauso wie als kulturelle Praxis. Historisches Denken sei an tradierte und eingeschliffene Formen des Sprechens gebunden und demzufolge seien jede Geschichtsschreibung bzw. die sie ausübenden Historikerinnen und Historiker in ihren Grundmöglichkeiten (erheblich) eingeschränkt. White postulierte, dass sich historische Erzählungen bzw. jeder historische Stoff gemäß lediglich vier schablonenhaften Verläufen oder Grundmotiven
4.2 Narrativität und historische Erzählung
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(„plots“) ausdifferenzierten, nämlich der „Romanze“, „Tragödie“, „Komödie“, „Satire“ (zusf. Jordan 2018, 194). Die Bezeichnungen der „generic plots“ übernahm er vom seinerseits lange als Rebell geltenden kanadischen Literaturtheoretiker Northrop Frye, welcher dieselben manchmal als „mythoi“ typisierte (Frye 1957). Auf den Ebenen unterhalb des „emplotments“, wo formale Schlussfolgerungen und ideologische Implikationen angesiedelt waren, führte White eine Anzahl von sprachlichen bzw. genauer der Rhetorik entstammenden „Tropen“ auf, die den historischen Diskurs konstituieren würden – um den Preis, so muss man hinzufügen, dass manche in der Erzählung mitgeteilte Einzelheit gar nicht um ihrer selbst willen erscheint, sondern als Funktion der Form. Für die große Aufgabe der „Imagination“ – tatsächlich als Bildgebung (d.h. ‚Schilderung‘ im ursprünglichen Wortsinn) vorgestellt – stünden Historikerinnen und Historikern eben (nur) begrenzte rhetorische Mittel zur Verfügung, insbesondere die Metapher („Aufstieg und Fall Wallensteins“, „Zenit der Macht“, „Blüte des Römischen Reiches“), daneben Metonymien (Zerlegung komplexer Sachverhalte bei Verabsolutierung von Einzelteilen: „Missstände“, „Krise“, „Revolution“) und Synekdochen (Heraushebung eines exemplarischen Teils zur Kennzeichnung des Ganzen: „Zeitalter der Industrialisierung“, „viktorianische Epoche“). Doch man hat es, was oft übersehen wird, bei alldem nicht nur mit einer Poetisierung von Prosa zu tun. Gerade weil White die Starrheit der (sprachlichen) Chancen von Historiographie so betonte, übte er Ideologiekritik am seinerzeit noch kaum erschütterten Selbstverständnis der Historikerzunft, die sich in Bezug auf die Unmöglichkeit von objektiver Erkenntnis träge und zu wenig selbstreflexiv zeige. Obwohl man zugestehen muss, dass Teile in Whites Gesamtentwurf vor allem aufgrund ihrer Schematik provokante Züge trugen, erstaunt doch die heftige Kritik, die ihm entgegenschlug. Sie beruhte hauptsächlich auf einem – zum Teil absichtlich – unterkomplexen Verständnis der Konzepte von Faktualität und Fiktionalität (auch noch bei Evans 1997) bzw. der literaturtheoretischen, auf die Historik keinesfalls direkt übertragbaren Unterscheidung zwischen dem ‚faktualen‘ und ‚fiktionalen‘ Erzählen (dazu kritisch Fulda 1996). Danto und White beeinflussten dennoch je auf ihre Weise die kommende Erzählforschung in verschiedenen Disziplinen (Soziologie, Psychologie bzw. Gedächtnisforschung, Film- und Medienwissenschaft, Jura etc.), die strukturalistische Narratologie, die Semiotik, historische Semantik, Diskursanalyse, Metaphysik mit all ihren transgenerischen Verschränkungen und gegenseitigen Verweisen, was hier nicht im Ansatz weiterverfolgt werden kann (Martínez/Scheffel 1999, Nünning/Nünning 2002, Jansen 2021). Die ‚Bauformen‘ der historischen Erzählung indes sind vielleicht gerade wegen der Vielfalt der transdisziplinären Bezüge nirgends abgeschlossen hinterlegt. Erzählt
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werden kann grundsätzlich nur die Störung, mindestens Veränderung einer Ordnung in der Zeit (auch ‚normal course of events‘ genannt) und natürlich deren Bewältigung. Das gilt für Kollektive (Nationenbildung, Staatswerdung, kultureller Wandel, Krieg) genauso wie für das Individuum (Geburt und Tod, Partnerschaft, sozialer Aufstieg, Krankheit). Schlicht gesagt, hat es Geschichte ganz überwiegend mit Krisen zu tun – was das im Feld bestätigte deutlich höhere Interesse an ihr im höheren Lebensalter bzw. das historische Desinteresse bei jüngeren Menschen mit noch fehlender eigener Krisenerfahrung bedingt. Im also dramatischen Deutungsgeschäft der Geschichte, das ganz wesentlich auf einem simplen context of persuasion beruht, hängt die Durchschlagskraft, Akzeptanz oder Gültigkeit einer Erzählung daher zuerst von ihrer ‚richtigen‘ Form ab. Zur Story Grammar gehören vor allem: - Anfang und Schluss, denn in der Tat gehört es zu den wesentlichen Prinzipien historiographischer Willkür, die Extreme von historischen Entwicklungen, ggf. als deren „Ursachen“ oder „Folgen“, festzulegen: Beginnt „Hitler“ mit der „Machtergreifung 1933“, der Weltwirtschaftskrise 1929, dem Versailler Vertrag 1919, Bismarck, Luther? Endete „er“ 1945, 1949, 1989, 1990 oder noch gar nicht? Manchmal bestimmen einfach die Buchdeckel Anfang und Ende der historischen Erzählung; - ein identifizierbares Referenzsubjekt, das die Erzählperspektive vorgibt (das literaturtheoretische Konzept der Fokalisierung als Verhältnis von Erzähler, Erzählinstanz und Hauptfigur ist in der Historik noch nicht gut eingeführt); - ein nicht zuletzt auf Aristoteles zurückgehendes Geschichtenschema mit Exposition, Komplikation, dramatischem Höhepunkt (Peripetie, Umschlagen), Problembewältigung, Auflösung (oder Scheitern, was dann aber Ausgangspunkt der nächsten, nunmehr unausweichlich gewordenen Geschichte ist); - Zurückspringen und Vorgreifen bzw. Vorwegnehmen in der erzählten Zeit (Analepsis/Prolepsis – flashback, flashingforward) - Verdichtung, Stauchung, Raffung, genauso Dehnung von Zeit; - Sequenzierung, selektive Verknüpfung, Retrospektivität, Partikularität. Wann und wie die Mittel jeweils zum Einsatz kommen, ist allein Wille der oder des historisch Erzählenden unter Einhaltung eines intersubjektiv anerkannten Rahmens und ergibt sich nie aus der Materiallage (Quellen und Darstellungen) selbst. Nun ist selbst die seriös unter Offenlegung aller konstruktiven Mittel als Text präsentierte Vergangenheit zugestandenermaßen niemals erfahrbare Gegenwart der jeweiligen Zeitgenossen gewesen, weshalb sich die Annahme, die historische Erzählung könne erlebte Wirklichkeit in irgendeiner Weise, sei es mittelbar, repräsentieren, von vornherein verbietet. Die „narrativ figurierende Umsetzung“ (Zipfel 2001,
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171) in ein kulturelles Zeichensystem ist und bleibt kreative Neugestaltung. Im Gefolge vornehmlich geschichtsdidaktischer Theoriebildung erlangte auch deswegen die Sichtweise Oberhand, dass die Erkenntnis von Vergangenheit gar nicht das eigentliche Movens von Geschichte als Wissenschaft, schon gar nicht von Geschichtskultur ist, sondern die Verleihung von (immer nur gedachter) Bedeutung und damit die Ausflaggung historischer Orientierung, weit vor dem Nennen oder Festhalten von Sachverhalten durch Überlieferung oder Erinnerung. Das heißt, die historische Erzählung rechtfertigt ihren eigenen Erzählzweck. Genau dies geschieht durch narrative Sinnbildung. Sinnbildung ist eine Qualität der historischen Erzählung als gestalteter Erfahrung zeitlicher Differenz; sie ist auf diese Weise zum Spezifikum oder Proprium der historischen Erzählung avanciert. Wie viele Tiefgründigkeiten der deutschen Geisteswissenschaft kann der Terminus technicus nur mit Verlust in andere Sprachen übertragen werden – das im pragmatischen Englisch oft (zumal in Übersetzungen aus dem Deutschen) eingesetzte „meaning making“ ist jedenfalls ein unvollkommener Ersatz. Denn „Sinn“ ist hier doch in seiner ursprünglichen Bedeutung als „Richtung“ (wie z.B. im Wort „Uhrzeigersinn“) aufzufassen, das heißt, der Sinn einer Geschichte meint den Vorschlag, in welche Richtung der Historiker oder die Historikerin seine oder ihre Erzählung verstanden wissen möchte, verweist aber gleichzeitig auf eine Fortsetzung der gegenwärtigen Erkenntnis im Zuge zukünftigen Handelns. Sinn vereint daher uno actu forschende Analyse mit Darstellung und Prognose; Kognition und Emotion mit Expression, schließlich: Verifikation mit Ästhetisierung und Evaluation. Eine Erläuterung sei nur anhand des Wortes „Opfer“, einer beispielhaften narrativen Abbreviation, gegeben: Jenes enthält den Befund von erlittenem Unrecht, dann die Aktualisierung eines Status und endlich die Aussicht auf ein Versprechen von Entschädigung; persönliches Erleben wird dabei mit einer intersubjektiv notwendig erscheinenden Intervention verbunden. Es ist genau diese Erstreckung des Sinns über die drei Zeitdimensionen in Einheit mit dem Überführen individueller Erfahrung in kollektive Verantwortung durch Reflexion, welche aus narrativer Sinnbildung die kongeniale Operation des Geschichtsbewusstseins macht (Barricelli/ Yildirim 2024). Um die vorherrschenden Logiken der Sinnproduktion zu benennen, unterscheidet Jörn Rüsen (1982 u.ö.) zwischen dem traditionalen, exemplarischen, kritischen und genetischen Erzählen, i.e. der Transport von verpflichtendem Ursprungswissen oder aber beispielhaften Regelmäßigkeiten, das Infragestellen von Kontinuität sowie die Herstellung von Identität als Synthese von Dauer und Wandel durch und mit Geschichten. Hans-Jürgen Pandel (2002, 44) fügt dem das zyklische und telische Prinzip hinzu, d.i. die ewig wiederkehrende (Heils-)Geschichte und das Erzählen auf ei-
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nen imaginären, außerhalb der Erlebniszeit liegenden, aber unausweichlichen Zielpunkt hin. Nach diesen Prinzipien verlagert sich der Erzählsinn stärker, als es bei Whites Plot-Mechanismen der Fall war, von der Konstruktions- auf die Rezeptionsseite. Gleichwohl müssen Historikerinnen und Historiker im professionellen Prozess permanent Sinnentscheidungen treffen, um ihren Produkten Gehör und Glauben zu verschaffen. Es war abermals Jörn Rüsen, der hier, um den Rationalitätsanspruch der Geschichte(n) zu sichern, das Kriterium der „Triftigkeit“ einführte, die jede historische Erzählung beachten muss, um eine solche zu sein, das heißt also um Geltung im gesellschaftlichen Umgang mit erzählter Vergangenheit („Geschichtsdiskurs“) zu erlangen. Triftigkeit (engl. am ehesten „plausibility“) bildet sich ihm zufolge (Rüsen 1997) auf drei Ebenen ab: der empirischen, normativen und narrativen, was verkürzt mit Quellentreue, Transparenz der Darstellungsabsichten und Einhaltung eines kulturell überkommenen Geschichtenschemas wiedergegeben werden kann. Jedoch genießen in konkurrierenden Geschichten (competing stories nach White) die verschiedenen Triftigkeiten ungleiches Gewicht, ohne dass der jeweilige Vorrang zwingend zu begründen wäre. Ob und wie ein solches Kriterium jeweils erfüllt ist, bleibt selbst Ergebnis von widerspruchsfähiger Interpretation. Das Konzept immerhin von Triftigkeit als Prüfinstanz könnte auch die klarere Abgrenzung zu Erzähltheorien in der Literaturwissenschaft erleichtern. Sämtliche Zugriffe hinterlassen aber stets etwas Unverfügbares: Was sich nicht sinnvoll erzählen und triftig ‚begründen‘ lässt, mündet in ein Trauma, emblematisch die Shoah (woran Theodor Lessing bereits 1921, vor der Katastrophe selbst, die Geschichte als „Sinngebung des Sinnlosen“ scheitern sah). Trotz aller Bemühungen, aus Narrativität das dauerhafte, organisierende Zentrum der Historik zu machen, wird man nicht sagen können, dass für das „devilish dilemma of ‚narrative or knowledge‘“ (Lorenz/Berger/Brauch 2021, 6, kursiv im Original) bis heute eine Lösung gefunden wurde. Das dürfte sicher erst dann gelingen, wenn der bislang ganz überwiegend männlich und westlich-weiß geprägte Diskurs gemäß den Anforderungen transkultureller Weltgemeinschaften im 21. Jahrhundert weiter diversifiziert wird (einen Versuch hat Rüsen mit seiner Idee eines „Interkulturellen Humanismus“ unternommen). Es bleibt oder ist wieder möglich, „Erzählung“ post-narrativistisch neben „Beschreibung“ und Argumentation“ zu stellen und damit ein Theorieproblem schlicht zu ignorieren (Kuukkanen 2015) oder eben beides im Sinne einer notwendigen fachlichen Spezifizierung durch „Narrativieren“ zu ersetzen (Buchsteiner/Scheller/Nitsche 2023, 55). Es trägt außerdem zur Verwirrung bei, dass einige der lange aktiven Hauptdenker ihre Richtungsentscheidungen im Sturm der Debatte, weit über ein allfälliges aggiornamento hinaus, zuweilen sogar mehrfach revidiert haben (so wandelte sich der niederländische Erzähltheoretiker
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Frank Ankersmit vom frühen Strukturalisten zum scharfen Relativisten und zurück zum Konstruktivisten). Vielleicht auch daher ist unter dem Strich der geschichtstheoretisch begründbare Umgang mit Narrativität heute deutlich pragmatisch und gelassen, oft sogar verzweckt geworden (Saupe/Wiedemann 2015). Alle angestellten Überlegungen zur Unsicherheit der Historik auf ihrem zentralen Schauplatz haben sich im Bereich historischer Bildung allerdings nur einträglich ausgewirkt. Dies schlug sich, außer in einer Relativierung älterer geschichtsdidaktischer Prinzipien (bis zu der Gegenüberstellung von Geschichts- und Geschichtenbewusstsein) vor allem in der Statuierung, Artikulierung und auf die Praxis zielenden Operationalisierung einer narrativen Kompetenz nieder, die heute implizit oder ausdrücklich Bestandteil quasi aller auf historisches Lernen zielenden Richtlinien und Lehrpläne an bundesdeutschen Schulen und darüber hinaus von domänenspezifischen Kompetenz(struktur)modellen ist. Sie umfasst regelmäßig die Fähigkeit und Fertigkeit, mit historischen Erzählungen kritisch umzugehen, diese auf ihre Grundlagen (Quellen, Darstellungen, Hintergrunderzählungen) und Absichten zurückzuführen, aber genauso selbst sowie narrativ eloquent historisch erzählen zu können mit dem Zweck, historisch informierte Lösungen für zukünftige gesellschaftliche Problemlagen zu formulieren. In einigen Bundesländern sogar ins Zentrum gerückt, hilft Narrativität bei der Beantwortung der Frage, was Schülerinnen und Schüler eigentlich für ihr Leben (!) im Geschichtsunterricht lernen, was sie nicht in den anderen Fächern ebenso gut oder besser lernen könnten und das relevant genug ist, um die Existenz eines Schulfachs Geschichte zu rechtfertigen. Dimensionierungen von narrativer Kompetenz für Forschung und Praxis sind vor allem mit Schriften von Jörg van Norden, Josef Memminger und Michele Barricelli (2012, 273-277) verbunden. In einem umfänglicheren Sinn haben Hans-Jürgen Pandel (zusf. 2010; 2017, 250-269) und Wolfgang Hasberg (zusf. 2022) historisches Denken und Lernen (nicht nur in der Schule) narrativitätstheoretisch entfaltet, wobei sich beide leider oft als Kontrahenten begegnen. Heute zeigt sich jedenfalls, dass Narrativität in einer bildenden Absicht vorzüglich geeignet ist, auch hypermoderne, populäre, diversitätssensible und lebensweltliche Weisen des Umgangs mit Geschichte, wie sie sich jetzt insbesondere mithilfe digitaler Medien bzw. Social Media vollziehen, zu erschließen. Der tendenzielle Absolutheitsanspruch von Narrativität mit ihren theoretischen Überentwürfen ist zugleich der Grund, dass sich in der Wissenschaft (spürbar aber nicht in der Gesellschaft) jüngst auch Gegenbewegungen artikulieren, die sich vor allem gegen eine Verkultung des Erzählens wenden (Brooks 2022). In den Kulturwissenschaften wird verstärkt, unter Ablehnung des Konzepts universaler oder anthropologisch gleichbleibender Erzählmuster, die Entwicklungsfähigkeit narrativer
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Michele Barricelli
Formen betont, was jedoch selbst wieder wechselhafte These von begrenzter Dauer sein kann. Generell aber scheint der Theoriebedarf außerhalb von engen akademischen Zirkeln erschöpft, zumal die messbare Wirkung auf die historiographische Produktion am Ende ohnedies gering bleibt. Vernehmbare Rufe nach nicht- oder post-narrativen Betrachtungsweisen und Methoden historischer Forschung und Bildung sind, sofern sie ohne Rückfall in ‚faktenorientierte‘ Anstrengungen um historische ‚Wahrheit‘ oder Objektivität auskommen, zweifellos sinnvoll, denn sie helfen, die Prüfung der Verschiedenartigkeit narrativer Strukturen für die historische Wissenschaft voranzubringen (Geiss 2018). Möglicherweise wird die aktuelle Debatte um historische Erzählformen im Kielwasser der „big histories“ des „Anthropozän“ doch noch einmal Fahrt aufnehmen, denn selbstverständlich benötigt gerade eine neue Erdepoche ihre unerhörten Geschichten (Dürbeck 2018). Man kann daher schließen: „Der Weg, den die Geschichtstheorie [in Bezug auf die Modellierung von Narrativität als Prinzip und Struktur von Geschichte, M.B.] zurückgelegt hat, ist beträchtlich – doch der, der vor ihr liegt, scheint von geradezu unübersichtlicher Weite zu sein“ (Hasberg 2022, 30).
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4.2 Narrativität und historische Erzählung
271
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4.3 Repräsentationen Nicola Brauch / Marcel Mierwald
Historische Repräsentationen in der Historik Jörn Rüsens Es ist Jörn Rüsen zu verdanken, dass die narrativen „Formen“ der Geschichtswissenschaft geschichtstheoretisch profiliert Beachtung in der Historik erhalten haben. Die Rede ist von der Fünfer-Matrix des historischen Denkens. Diese Matrix kartiert das Prozesshafte des historischen Denkens und darin wird den Repräsentationen ein bestimmter Ort zugewiesen. Dieser Ort ist für ein Verständnis des wissenschaftlichen Charakters der Historie von zentraler Bedeutung. Daher gehen wir auf diese Verortung der Repräsentationen im Prozess des historischen Denkens als erstes ein und öffnen den Beitrag dann in Richtung der Auswirkungen, die diese Verortung für Forschung im Bereich der Historik Rüsens in ihrer geschichtstheoretischen wie geschichtsdidaktischen Ausprägung zur Folge haben und mit welchen Herausforderungen diese in Zukunft konfrontiert sein könnte. Die Fünfer-Matrix ist in zwei Bereiche des historischen Denkens unterteilt (Rüsen, 2013, S. 68). Der untere Bereich ist der „Bereich des praktischen Lebens“, der obere Bereich ist der „Bereich der Erkenntnis“. Diese grafische Unterscheidung kann metaphorisch gelesen werden beziehungsweise als Visualisierung des Gemeinten: wenn der untere Bereich die „Niederungen des täglichen Lebens“ bezeichnet, so symbolisiert der obere Bereich gewissermaßen „geistige Höhenflüge“. Im Übergang zwischen diesen beiden Sphären setzt der Kreislauf des historischen Denkens ein, der im Uhrzeigersinn fünf Praktiken des historischen Denkens durchläuft und sich durch fünf Prinzipien auszeichnet. Die fünf Praktiken sind: der semantische Diskurs der Symbolisierung (1), die kognitive Strategie der Produktion historischen Wissens (2), die ästhetische Strategie der historischen Repräsentation (3), die rhetorische Strategie der Orientierung (4) und der politische Diskurs der kollektiven Erinnerung (5). Diese fünf Praktiken sind verbunden mit den fünf Prinzipien des historischen Sinns. Für den Bereich des praktischen Lebens (untere Hälfte des Schemas) sind dies die Orientierungsbedürfnisse (Prinzip 1), die den semantischen Diskurs der Symbolisierung anstoßen und das Denken vom praktischen Leben in den Bereich der Erkenntnis (obere Hälfte des Schemas) führen. Dort tritt die Praxis der
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kognitiven Strategie der Produktion historischen Wissens in Kraft (Praktik 2), um dazu die Konzepte des Historischen (Prinzip 2) zu verwenden. Die Methoden (Prinzip 3) kommen ebenfalls in den Praktiken der kognitiven Strategie der Produktion des historischen Wissens (Praktik 2) ins Spiel und werden auch für die ästhetische Strategie der historischen Repräsentation (Praktik 3) gebraucht. Im Spannungsfeld zwischen der Ebene theoretischer Reflexion (vgl. Rüsen, 2013, S. 95) und der Ebene der Lebenspraxis befindet sich die Ebene pragmatischer Strategie. Und in diesem Spannungsfeld spielen die Formen der Repräsentation (Prinzip 4) für die Realisierung der rhetorischen Strategie der historischen Orientierung (Praktik 4) eine entscheidende Rolle hinsichtlich des vorläufigen Zieles der Denkbewegung bzw. der Erfüllung der initiierenden Orientierungsbedürfnisse (Prinzip 1) durch die Anwendung der Erkenntnisse (Prinzip 5). Die Erfüllung der Orientierungsbedürfnisse wird durch den Eintritt in den politischen Diskurs der kollektiven Erinnerung realisiert (Praktik 5). Die Formen der Repräsentation (Prinzip 4 des historischen Denkens) sind also abhängig von der ästhetischen Strategie der historischen Repräsentation (Praktik 3). Die Formen der Repräsentation entscheiden zudem über die rhetorische Strategie der historischen Orientierung (Praktik 4). Sie resultieren aus wissenschaftlicher Erkenntnisgewinnung (Konzepte und Methoden). Die mit der Matrix des historischen Denkens verbundene Frage, die gerade auch für die Geschichtsdidaktik in ihrer ganzen Bandbreite von nicht zu unterschätzender Bedeutung ist, lautet: Welche Darstellungskonzepte bzw. Formen der Repräsentation (Prinzip 4) werden durch den jeweils historisch Denkenden gewählt, um welche Art der rhetorischen Strategie der Orientierung (Praktik 4) bei sich selbst und einem intendierten Rezipienten zu verfolgen? Historische Repräsentationen sind damit alle von einem Subjekt generierte Narrationen, die zur Erfüllung eines aus dem Leben der Gegenwart und des Alltags entstandenen Orientierungsbedürfnisses und damit zur historischen Orientierung gedacht sind. Sie zeichnen sich dadurch aus, dass sie durch die Anwendung geschichtswissenschaftlicher Konzepte (Prinzip 2) und Methoden (Prinzip 3) sowie theoretischer Reflexion entstanden sind, und dass die so gewonnenen Ergebnisse im Prinzip für Rezipienten intersubjektiv nachvollziehbar sein sollten. Jörn Rüsen expliziert diesen Zusammenhang wie folgt (Rüsen, 2013, S. 83): „Es geht um eine eigene kommunikative Leistung, nämlich um die Vermittlung zwischen der Ästhetik der historischen Repräsentation und der politischen Rolle des historischen Wissens im lebenspraktischen Diskurs der kollektiven Erinnerung. Diese Brücke schlägt die Rhetorik.“
Die narrativen Formen (Ästhetik) der Repräsentationen müssen ausgewählt werden. Die Beschäftigung mit verschiedenen narrativen Formen von „Darstellungen“ (als
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Überbegriff für geschichtswissenschaftliche narrative Formen) war bislang ebenso wenig im Blick der Geschichtstheorie (Rüsen, 2013, S. 75) wie die Rolle der Poetik, die damit eng zusammenhängt (siehe Beitrag Jordan in diesem Band). Dieser Befund lässt sich durchaus als Traditionslinie bis zu Droysens „Historik“ zurückverfolgen. Droysen schrieb über die Aufgabe der Historik: „Die Historik ist nicht eine Encyclopädie der historischen Wissenschaften, nicht eine Philosophie (oder Theologie) der Geschichte, noch eine Physik der sittlichen Welt, am wenigsten eine Poetic [sic] für die Geschichtsschreibung. Sie muss sich die Aufgabe stellen, ein Organon des historischen Denkens und Forschens zu sein.“ (Historik, 1875/2011, § 16). Doch was soll ein solches „Organon“ sein? Droysen versucht in seiner Historik diese Frage in Kapitel IV „Die Darstellung“ zu beantworten. Er unterscheidet dabei systematisch zwischen der untersuchenden, der erzählenden, der didactischen und der discussiven Darstellung. In etwa ließen sich diese vier Repräsentationen in die Gegenwart übertragen als fachwissenschaftliche (untersuchende, erzählende), didaktische (didactische, discussive) und geschichtskulturelle Darstellungen, jeweils aus der Feder des im Sinne von Droysens Historik wissenschaftlichen Historikers. Es ist also durchaus möglich, die Repräsentationen im Sinne Rüsens mit Droysens Ansatz zu verbinden (bei Rüsen kommen aber Ästhetik und Poetik hinzu), insofern sowohl die didactische als auch die discussive Darstellung bei Droysen aus dem Bereich der Erkenntnis und damit der „Höhe“ theoretischer Reflexion (oberer Teil der Fünfer-Matrix) heraustreten, um zu orientierenden Zwecken in die „Niederungen“ des praktischen Lebens und damit der Ebene der Lebenspraxis einzutreten. Auch die Betonung der politischen (discussiven/geschichtskulturellen) Funktion des wissenschaftlich erarbeiteten historischen Wissens verbindet beide Ansätze. Die erzählende Darstellung verbleibt allerdings in Droysens Modell im Bereich des wissenschaftlichen Diskurses. Als vereinfachende Typologie könnte man daraus drei ästhetische und rhetorische Grundformen historischer Repräsentationen ableiten: den fachwissenschaftlichen, didaktischen und politischen Typ, mit ihren je eigenen ästhetischen und rhetorischen Spielarten. Nun lässt sich sicher einwenden, dass diese Typologie einer Ästhetik der Fachwissenschaft, der Didaktik und des Politischen keinesfalls trennscharf ist. Gleichwohl ist diese einfache Typologie aus heuristischen Gründen nützlich, um nach der Art der orientierenden Absicht der jeweils gewählten Repräsentationsform und damit nach dem intendierten Publikum zu fragen, wobei Überschneidungen in den Intentionen und damit Mischformen eher die Regel als die Ausnahme sein werden. An dieser Stelle ergibt sich die Frage nach dem Mehrwert der Kategorie des Ästhetischen gegenüber der Kategorie der Rhetorik. Ästhetik ist per definitionem ein subjektiver Begriff (griechisch: Wahrnehmung, Empfindung). Historie hat aber den
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Anspruch, intersubjektiv nachvollziehbar, in Rüsens Diktion plausibel nach wissenschaftlichen Kriterien zu sein (Rüsen, 2013, z. B. S. 62 unten). Daher ist die Trennung zwischen der ästhetischen Strategie der Repräsentation (Darstellungskonzepte) und der rhetorischen Strategie der Orientierung (Konzepte des pragmatischen Gebrauchs) auf praktischer Ebene wenig nachvollziehbar (Rüsen, 2013, S. 85). Die rhetorische Entscheidung fällt vielmehr in der Wahl der Art des Darstellungskonzepts, die ein Autor wählt. Eine Narration als „the representation of a set of chronological and logically connected events” (Lorenz, Berger & Brauch, 2021, S. 2) folgt nicht primär ästhetischen Ansprüchen, sondern vor allem den Ansprüchen empirischer Plausibilität. Eine Narration kann von dem einen oder anderen Rezipienten subjektiv als ästhetisch „schön“ wahrgenommen werden (von Borries, 2008, S. 81-118) – wenn nicht, tut dies der Qualität einer empirisch plausiblen historischen Repräsentation keinen Abbruch (möglicherweise aber ihrer Vermittelbarkeit). In der Entscheidung für eine rhetorische Form ist die Entscheidung für ein Darstellungskonzept einer historischen Repräsentation enthalten – und diese wird in ihrer Ästhetik von Individuen unterschiedlich wahrgenommen werden. Weil die subjektiv wahrgenommene Ästhetik gleichwohl von Belang für die Rezeptionsprozesse historischer Narrationen sein dürfte, bleibt die bei Rüsen „Kommunikationsform“ genannte „ästhetische Strategie der Repräsentation“ ein wichtiges Element im Prozess des historischen Denkens, gerade auch für die geschichtsdidaktische Perspektive. Inwiefern können nun Geschichtstheorie, Historiographie und Geschichtsdidaktik mit (Selbst-)Reflexionen über ihre rhetorischen Strategien der je ausgewählten Formen der Repräsentation profitieren? Diese Fragen sollen im Folgenden aufgegriffen werden.
Geschichtstheorie und Historiographie „Lange Zeit dominierten im Wissenschaftsverständnis der Geschichtswissenschaft die methodischen Verfahren der historischen Forschung. Demgegenüber wurde die Bedeutung der Darstellung, der historiographischen Formung, für den Erkenntnisprozess unterschätzt. Was macht eigentlich Wissen spezifisch historisch?“ (Rüsen, 2013, S. 75) Die Antwort Rüsens auf diese Frage bezieht sich auf die Rolle der Gegenwart des Geschichtsschreibers. Die Erkenntnisse des Historikers werden erst dann historisch, „[…] wenn sie einen Stellenwert in der Vorstellung eines Zeitverlaufs bekommen, der die Vergangenheit sinn- und bedeutungsvoll mit Gegenwart und Zukunft verbindet. Diesen Stellenwert bekommen sie nur im Zusammenhang einer ‚Geschichte‘, einer historischen Darstellung.“ (Rüsen, 2013, S. 76).
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Diese Antwort hatte bereits Droysen gegeben. Neu bei Rüsen sind die expliziten Nennungen von Ästhetik (expliziert: Rüsen, 2013, S. 81-82) und Rhetorik (expliziert: Rüsen, 2013, S. 82-83), wobei beide Konzepte eher abstrakt bleiben. An dieser Stelle setzen nun jüngere Arbeiten aus Geschichtstheorie und Historiographie an, die sich vor allem an der durch Hayden White ausgelösten Frage nach der Fiktionalität in der Geschichtsschreibung abarbeiten. Einige exemplarische Argumentationslinien dieser Ansätze werden im Folgenden aufgegriffen und vor dem Hintergrund des Repräsentationsbegriffs der Rüsen´schen Fünfermatrix reflektiert. Dieser ist an die Konventionen der „Höhen“ fachwissenschaftlicher Konzepte und Methoden und daher stets an den „Truth-Pact“ zwischen Autor und Leser historischer Repräsentationen gebunden (Tamm, 2014). In Abarbeitung der von Hayden White seit den 1970er Jahren lancierten Provokationen gegenüber der Faktizität geschichtswissenschaftlichen Schreibens (deutsch: „Auch Klio dichtet oder die Fiktion des Faktischen“ von 1986) entwickelte sich auch in der Geschichtstheorie ein Diskurs über Fakten und Fiktionen (Lorenz, Berger & Brauch, 2021, S. 1-25). Dabei ist der Repräsentationsbegriff mit seiner originären Verbindung zu fachlichen Konzepten und Methoden geeignet, das „devilish dilemma of ‚narrative or knowledge‘„ (Lorenz, Berger & Brauch, 2021, S. 6) zu vermeiden, da im Denkprozess des Historischen die Auswahl der Formen der Repräsentation und die damit verbundenen rhetorischen Entscheidungen der vorangegangenen historischen Erkenntnisarbeit stets nachgeordnet sind. Es geht daher nicht um „entweder/oder“, sondern darum, das Wissen in einem reflektierten und strategischen Auswahlprozess rhetorisch zu repräsentieren, denn: „History that tries to do without rhetoric loses its contact with the wider conversation of mankind“ (Megill & McCloskey, 1987, S. 235). Der „truthpact“ (Tamm, 2014) bleibt in Zeiten von Künstlicher Intelligenz und Fake News eine basale Voraussetzung für historische Repräsentationen – und zwar unabhängig von den gewählten rhetorischen Strategien. Dieser Pakt kommt zustande, wenn das, was erzählt wird, Plausibilität beanspruchen soll. Ansonsten wäre es wünschenswert, wenn auch historische Narrationen der Geschichtskultur transparent machen würden, an welchen Stellen sie auf wissenschaftlich gesichertem historischem Wissen beruhen und wo fiktionale Anteile genutzt werden. Die damit angesprochenen Repräsentationen mit Mischformen aus fiktionalen und fachlich validen Elementen werden dabei in der Praxis eher durch Akteure der Geschichtskultur und Geschichtsdidaktik gewählt werden, womit sich die Frage nach der Weiterverwendung fachwissenschaftlicher Repräsentationen in professionellen Lehr-Lernsituationen stellt.
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Repräsentationen in professionellen Lehr-Lernsituationen Während historische Repräsentationen für Historiographen das unmittelbare Produkt eines eigenen historischen Erkenntnisprozesses darstellen, für dessen Repräsentation anschließend rhetorische (d.h. narrative) Entscheidungen getroffen werden, sind Akteure in Geschichtsdidaktik und Geschichtskultur Rezipienten dieser Repräsentationen, die auf die wissenschaftlichen Erkenntnisse, die in die Lebenswelt vordringen, ihre eigenen narrativen Repräsentationen aufbauen. In professionellen Lehr-Lernsituationen (also z. B. im Lernkontext Schule) müssen Lernende erfahren können, was Geschichtswissenschaft als Wissenschaft auszeichnet, um im Alltag fachlich angemessene Repräsentationen von fachlich unangemessenen Repräsentationen sowie die angesprochenen Mischformen unterscheiden zu können, und das wird in Zeiten künstlicher Intelligenz eine immer schwierigere Aufgabe. Das Thema der historischen Repräsentationen im Schulkontext trifft sich in manchen Punkten mit dem jüngeren Diskurs über sprachsensiblen Unterricht, der Fach und Sprache verbindet, respektive auf fachsprachliches Lernen abzielt (z. B. Handro, 2022). Rhetorische Strategien der Fachwissenschaft werden z. B. im Bereich der Funktionalen Linguistik genau auf ihre sprachlichen Spezifika untersucht und dahingehend interpretiert, welche fachlichen Ziele mit welchen rhetorischen Strategien verfolgt werden (Coffin, 2006). Für Lehrkontexte bedeutet dies, Lernenden die sprachlichen Mittel und Spezifika rhetorischer Formen („Genres“) explizit zu machen, damit diese sie kennen, exemplarisch anwenden lernen und in fremden Texten auch wiedererkennen können. Dabei wird deutlich, dass es mindestens zwei rhetorische Strategien gibt, die Historiker mal mehr mal weniger bewusst und häufig auch sprachlich implizit anwenden: erstens die fachsprachspezifische Rhetorik epistemologischer Prinzipien wie der Zeit, Akteure, Raum und Kausalität (Handro & Kilimann, 2019) und zweitens die rhetorischen Erfordernisse der fachsprachspezifischen Sprachmuster der konventionellen Textgenres des historischen Beschreibens, Erklärens und Argumentierens (z. B. Coffin, 2006). Es geht also darum, sich darüber klar zu werden, dass in historischen Repräsentationen die rhetorische Strategie und die epistemologischen Prinzipien im Sinne des „Truth Pact“ zusammenkommen und ineinander verwoben sind (Mierwald, 2023). Die Sekundärverwendung historischer Repräsentationen aus der Fachwissenschaft findet sich in Geschichtsschulbüchern implizit im Genre Verfassertext, der als Text ohne sichtbare Autoren oder Referenzen sowie explanatorische Unzulänglichkeiten weit hinter den Ansprüchen historischer Repräsentationen zurückbleibt, und daher schon lange als ungeeignet für das historische Lernen bewertet wird (z. B. Brauch, 2015; Schrader, 2013). Für mündliche historische Repräsentationen wie
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etwa das historische Erklären von Lehrpersonen im Geschichtsunterricht gibt es bislang noch weniger empirische Forschung (Ruck & Memminger, 2019). Die Verortung der historischen Repräsentation im Regelkreis historischen Denkens als der der wissenschaftlichen Erforschung von Geschichte nachgeordneten Entscheidung über die rhetorische Darstellung des Erforschten bleibt hilfreich, weil damit der Anspruch der Wissenschaftlichkeit historischer Narrationen benannt werden kann („Truth Pact“). Während die damit verbundenen geschichtstheoretischen Probleme in den letzten Jahrzehnten intensiv diskutiert worden sind, bleibt es für die Geschichtsdidaktik ein Desiderat, die mit dem Begriff der historischen Repräsentation einhergehenden Erfordernisse für die Gestaltung und empirische Überprüfung von Lehr-Lernprozessen zu identifizieren und zu erforschen. Entsprechend der Logik des historischen Denkens stellt sich zukünftig die Aufgabe, das schulische Lernen an je realen Orientierungsbedürfnissen auszurichten und den Denkprozess bis hin zu den Orientierungsfunktionen fachlich zu durchlaufen und durch die Wahl geeigneter Repräsentationen bis über die Ziellinie des orientierenden Diskurses durchzuhalten.
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Schrader, Viola: Geschichte als narrative Konstruktion. Eine funktional-linguistische Analyse von Darstellungstexten in Geschichtsschulbüchern. Berlin 2013. Tamm, Marek: Truth, Objectivity and Evidence in History Writing. In: Journal of the Philosophy of History 8 (2014), 265-290. von Borries, Bodo: Historisch denken lernen - Welterschließung statt Epochenüberblick. Geschichte als Unterrichtsfach und Bildungsaufgabe. Opladen/Farmington Hills 2008. White, Hayden: Auch Klio dichtet oder die Fiktion des Faktischen. Studien zur Tropologie des historischen Diskurses. Stuttgart 1986.
4.4 Fiktion und Fiktionalität in der Geschichte Chris Lorenz
Aus historischer Perspektive sind die Themen Fiktion und Fiktionalität in der Theorie der Geschichte relative latecomer. Wenn man nach den Gründen für diese späte „Ankunft“ fragt, ist die einfachste Antwort, dass sich die Geschichte als akademische Disziplin im 19. Jahrhundert im Großen und Ganzen in Opposition zu diesen Begriffen definiert hat, weil beide im Bereich der fiktionalen Literatur angesiedelt wurden. Die grundlegendsten Abgrenzungen der Geschichtswissenschaft waren und sind daher in der Regel die Ansprüche an Faktizität und Wahrhaftigkeit. Die Fragen nach Fiktion und Fiktionalität im Kontext der Geschichtstheorie sind ohne Zweifel am bekanntesten geworden im Zusammenhang mit der „Frage des Erzählens“, wie sie Hayden White (1928-2018) in den 1970er-80er Jahren formuliert hatte. White behauptete damals wiederholt – und gezielt provokativ –, dass die Geschichtsschreibung wie die Literatur ein „poetischer Akt“ sei, der von den „disziplinären“ Historikern nicht anerkannt werde, weil sie sich von der „Fiktion der faktischen Darstellung“ täuschen ließen (White 1973, 1978 und 1987; siehe auch Ankersmit 1983 und 1994). Dennoch ist die Frage der Fiktion und der Fiktionalität im Grunde genommen unabhängig von der durch White verbundenen „Frage der Erzählung“. Angesichts des – historisch bedingten – Gegensatzes zwischen Fachgeschichte und Literatur und der – historisch bedingten – Konvention, Fiktionalität als das identifizierende Merkmal des letzteren Genres zu betrachten, überrascht es nicht, dass Fiktion und Fiktionalität zu zentralen Themen einer Disziplin wurden, die seit den 1970er Jahren fiktionale Erzählungen am paradigmatischen Beispiel von Romanen als ihren grundlegenden Gegenstand der Reflexion und Analyse beanspruchte: die Narratologie. Und obwohl einige Narratologen auch das „faktische Erzählen“ und das „historische Erzählen“ als Untergattungen des Erzählens anerkannten, hatten sie zu beiden nicht viel zu sagen (Fludernik 2015; Martinez und Scheffel 2009; siehe Fulda 2014). Daher sah sich die Theorie der Geschichte mit einem – theoretisch gesehen – fast leeren Land konfrontiert, als sie seit den 1970er Jahren begann, die Rolle der Fiktion in der Geschichte zu diskutieren.
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Chris Lorenz
Eine kurze Begriffsgeschichte von Fiktion und Fiktionalität Wie üblich ist die Begriffsgeschichte auch im Fall der Fiktionalität der hilfreichste Schlüssel zum Verständnis der Bedeutungsvielfalt. Etymologisch gesehen hat die Fiktionalität ihre Wurzeln in dem lateinischen Verb „fingere“. „fingere“ hat drei grundlegende Bedeutungen entwickelt: 1. formen; 2. erfinden; und 3. vortäuschen oder vortäuschen lassen. Die verschiedenen Theorien der Fiktionalität bauen auf diesen drei Grundbedeutungen auf. Theorien, die Fiktionalität als eine – semantische oder syntaktische – Eigenschaft eines Textes begreifen, betrachten Fiktionalität im Wesentlichen als die Formqualität von Romanen. Ein Text ist fiktional, wenn er Ereignisse, Figuren und Entitäten enthält, die erfunden und demnach fiktiv sind (Zetterberg Gjerversen 2016). Die Fiktionalität der Ereignisse usw. ist somit ein textinterner „Marker“ des Textes, der sie enthält. Viele Narratologen haben über die Merkmale diskutiert, die fiktionale Texte von nicht-fiktionalen Texten unterscheiden sollen. Diskutiert wurden dabei – neben dem fiktiven Charakter der Figuren und Ereignisse etc. – auch die freie indirekte Rede (die Mischform von direkter und indirekter Rede in der Erzählung), die Darstellung von Bewusstseinszuständen aus der Ich-Perspektive („Experientialität“), die Einführung von Figuren ohne die Verwendung eines Pronomens, die Verdoppelung der erzählenden Instanz in Autorin und Erzähler, und der intensive Gebrauch von Dialogen – neben vielen anderen. Obwohl nur wenige Narratologen das eindeutige Vorhandensein dieser Marker in fiktionalen Texten bestritten haben, argumentieren einige – wie Gérard Genette (1930-2018) – überzeugend, dass sie auch außerhalb des Bereichs fiktionaler Texte zu finden sind. Sie fassen Fiktionalität und Nicht-Fiktionalität nicht länger als Textmerkmale auf – und begannen nach Markern der Fiktionalität außerhalb des Textes in der kommunikativen Beziehung zwischen Autor und Leser zu suchen. Dieser Weg hat zu pragmatischen Theorien der Fiktionalität geführt, die die Fiktionalität im Hinblick auf die kommunikative Beziehung zwischen dem Sender – dem Autor in geschriebenen Texten – und dem Empfänger – dem Leser in geschriebenen Texten – analysieren. Fiktionalität wird dann als eine absichtlich signalisierte Erfindung und nicht als eine inhärente – semantische oder syntaktische – Eigenschaft eines Textes aufgefasst. John Searle (geb. 1932) definiert das Produzieren von Fiktion als einen Sprechakt, als das Vortäuschen einer Behauptung „als ob“. Autoren der Belletristik wie Gustave Flaubert und Arthur Conan Doyle schrieben Texte über fiktive Figuren wie Madame Bovary und Sherlock Holmes, als ob sie wirklich existierten. Fiktionale Wel-
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ten sind mit kontrafaktischen Welten verwandt, die möglich, aber nicht realisiert sind (vom Typ „Was wäre geschehen wenn?“). Da fiktive Welten jedoch fiktive Charaktere enthalten, gehören sie einem anderen Genre an als kontrafaktische Welten. Auf diesem Weg führt Searle gleichzeitig eine Unterscheidung zwischen Fiktion und Literatur ein: Es ist im Prinzip Sache des Lesers zu entscheiden, ob ein Werk Literatur ist, während es im Prinzip Sache des Autors ist, zu entscheiden, ob es Fiktion ist oder nicht. Was nach Searle einen Diskurs fiktional macht, ist die Aufhebung von zwei konstitutiven Regeln, die die Leistung von Authentizität und Wahrhaftigkeit in allen assertiven Sprechakten vorschreiben. Dies ist 1. die Regel der Aufrichtigkeit – denn der Autor der Fiktion schreibt im ‚als ob‘-Modus – und 2. die Regel der Referenz – denn der Autor der Fiktion bezieht sich auf fiktive, textinterne Ereignisse und Figuren statt auf textexterne Ereignisse und Figuren, oder / und auf textexterne Ereignisse und Figuren, aber auf eine fiktionale Weise. Welcher Text über Napoleon oder Hitler fiktional oder historisch ist, hängt davon ab, ob der Autor den unter diesen Namen bekannten französischen Kaiser oder deutschen Staatsmann wahrheitsgetreu beschreiben wollte oder nicht. Es ist also durchaus möglich, fiktionale Texte über historische Personen wie Napoleon zu schreiben, wie Leo Tolstoi in seinem historischen Roman Krieg und Frieden so eindrucksvoll bewiesen hat (Searle 1975; Tamm 2014). Die jüngste Explosion der historischen Fiktion, sowohl in Buch- als auch in Filmform, zeigt die anhaltende Popularität dieses Genres (Fulda 2021; Curthoys and Docker 2013). Dasselbe gilt für die plötzliche Blüte der (nobelpreisgekrönten) Dokufiktion und Autofiktion von Swetlana Alexijwitsch und Annie Ernaux, die sich als ‚Zeitdiagnosen’ in literarischer Form lesen lassen (Steidele 2023). Daneben ist es – wie wir weiter unten sehen werden – auch möglich, Fälschungen zu produzieren, die den Anspruch erheben, authentisch und wahrheitsgetreu zu sein, es aber nicht sind. Historisch gesehen ist Fiktion in dieser Bedeutung des Vortäuschens, d.h. der Fälschung (Englisch: fake / fraud / forgery), die erste und lange Zeit auch die wichtigste gewesen (Burke 1994). Diese pragmatische Analyse der Fiktionalität ermöglicht es uns, die Unterschiede zwischen fiktionalen und historiografischen Texten und Diskursen herauszuarbeiten – wiederum unter Ausklammerung aller Fragen, ob und inwieweit historische Darstellungen narrativ sind oder nicht (siehe Rigney 2013; Fulda 2014; Carrard 2015 und 2018; Kuukanen 2015; Lorenz und Berger 2021).
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Die grundlegenden Unterschiede zwischen fiktionalen und historiografischen Texten Zunächst können historiographische Texte im Vergleich zu fiktionalen Texten ex negativo charakterisiert werden, da Historiker sowohl an die Regeln des assertiven Sprechakts, d.h. an die Regeln der Aufrichtigkeit, als auch an die des externen Bezugs gebunden sind. Historiographische Texte zeichnen sich grundsätzlich dadurch aus, dass sie den Anspruch erheben, wahr zu sein – und deshalb muss der Historiker als Autor aufrichtig sein – und dass sie sich auf eine Realität außerhalb des Textes beziehen. Historiker und ihre Leser sind an einen Wahrheits- und Faktizitätspakt gebunden, d.h. an einen Pakt, der es den Lesern erlaubt, zu überprüfen, ob die Ereignisse wahrheitsgemäß berichtet wurden und somit faktisch sind. Daher unterscheidet sich der ‚kommunikative Akt‘ des Historikers grundlegend von dem der Autoren von Belletristik. Historiker sind ‚verpflichtet‘, die äußere Wirklichkeit wahrheitsgetreu wiederzugeben, und sie sind durch Konventionen dazu verpflichtet, dies wiederzugeben. Dieses Engagement teilen sie mit ihren Lesern. Aufgrund ihres Engagements gegenüber einer text-externen Realität ist der historische Text aus einer textuellen Perspektive grundsätzlich ‚gestört‘ und kein rein literarisches Artefakt, wie es bei fiktionalen Texten der Fall ist (Verschaffel 1990; Lorenz 2004a; Tamm 2014; Pihlainen 2017). Mit Kalle Pihlainen kann man sagen, dass historiographische Texte ein „ontologisches Engagement“ zwischen dem Autor und seinen Lesern beinhalten, das sich grundlegend von dem „als ob“-Engagement in der Fiktion unterscheidet. Der Wahrheits- und Faktizitätspakt zwischen dem Leser und dem Historiker sieht vor, dass bestimmte Textmittel – wie Verweise, Zitate, Diagramme, Tabellen und Bibliographien – auf außertextliche Belege verweisen, und zwar durch ein System von Vermerken, die deren Herkunft belegen – die so genannten Quellen. Die Unterscheidung erfolgt nicht direkt im Text – auch in der Belletristik kann es Zitate, intertextuelle Bezüge usw. geben – sondern liegt in der Bezugnahme auf die Quellen begründet, die den Bezug zur Realität außerhalb des Textes darstellen: „Historische Erzählungen präsentieren Referenzen und Beweise im Hinblick auf die Bestätigung der Wahrheit der von ihnen angebotenen Darstellung“. Das Streben nach Wahrheiten in historiografischen Texten ist also „kein textliches Merkmal, sondern basiert auf einem gemeinsamen Verständnis zwischen Autor und Leser über die Legitimität der Interpretation und den epistemologischen Stellenwert akzeptabler Evidenz“ (Pihlainen 2017, 122, 123; Tucker 2014). Im Gegensatz zu fiktionalen Texten (und im Gegensatz zu Whites provokanten Behauptungen über den ‚poetischen‘ Charakter der Geschichte) werden historiographische Texte immer von Evidenz und epistemologi-
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schen Werten geleitet (d.h. von Kriterien der Wahrheitsfindung), die auch die Wahl der ‚Interpretation‘ betreffen (Lorenz 2004b; Kuukanen 2015; Tucker 2014; Martinez 2023; vgl. White 2005). Die erkenntnistheoretischen Leitgedanken der Geschichtsschreibung erklären auch, warum Geschichtsschreibung grundsätzlich eine kritische, intersubjektive und argumentative Praxis ist, im Gegensatz zum Schreiben von Belletristik, das eine Praxis des/der einzelnen Autors/Autorin ist. Der argumentative Charakter der Geschichtsschreibung ist von grundlegender Bedeutung, weil er den historischen Text an die historische Forschung und an die interpretative Diskussion bindet (die in der Regel eine Diskussion über konzeptionelle und theoretische Fragen einschließt). Was das Verfassen von historiographischen Texten grundlegend vom Verfassen fiktionaler Texte unterscheidet, lässt sich – in Anlehnung an Bart Verschaffel – in drei Merkmalen zusammenfassen. Erstens ist der Gegenstand der Geschichte öffentlich. Ein historisches Argument – zum Beispiel über das Christentum, die Kreuzzüge oder den Holocaust – kann niemals das einzig mögliche oder das einzig relevante Argument zu einem Thema sein. Zu demselben Thema sind per Definition auch andere Texte möglich. Unterschiedliche historiographische Texte sind also nicht nur intertextuell durch Zitate etc. verbunden, sondern auch thematisch. Zweitens ist die Evidenz in der Geschichtsschreibung öffentlich. Daher ist es nicht Sache der einzelnen Historikerin, zu bestimmen, welche Evidenz für ihr Thema relevant ist, wie es bei den Autoren von Belletristik der Fall ist. Nur Schriftsteller von Belletristik sind die Herren ihres eigenen Textuniversums – Historiker genießen dieses Privileg nicht. Flaubert konnte über Madame Bovary schreiben, was er wollte, aber eine Historikerin kann das über Margaret Thatcher oder Lizz Truss nicht. Dies ist der Fall, weil Fragen der historischen Evidenz nur von der Gemeinschaft der Forschenden durch offene und kritische Diskussion entschieden werden. Drittens und letztens bedeutet der methodische Charakter der historiographischen Argumentation, dass sie Regeln unterworfen ist, die die Argumentation nicht selbst bestimmt. Die Mitglieder der historischen ‚Zunft’ haben im Gegensatz zu den Autoren von Belletristik grundsätzlich Zugang zu dem Prozess, in dem die Ideen entwickelt werden, und wie sie sich mit vorangegangenen und konkurrierenden Ansätzen verbinden. Daher können historiographische Texte über Margaret Thatcher prinzipiell „verbessert“ werden, fiktionale Texte über Madame Bovary und Sherlock Holmes hingegen nicht: Fiktive Figuren werden immer in ihrer perfekten Form „geboren“. Die regulative Idee der Geschichtsschreibung ist, dass die besten Argumente und die besten Ideen darüber, „wie die Vergangenheit wirklich war“, im Laufe der
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Zeit gewinnen werden, aber die Praxis ist, dass die Diskussion darüber, „wer die beste Geschichte schreibt“, nie aufhört.
Zum Verhältnis zwischen Fiktionalität, Faktizität und Fälschung Wenn man davon ausgeht, dass die grundlegenden Unterscheidungen zwischen fiktionalen und historiographischen Texten oben hinreichend geklärt wurden, kann man zu dem Schluss kommen, dass fiktionale und historiographische Texte im Prinzip nicht miteinander konkurrieren. Sie kollidieren auch nicht miteinander, und zwar aus dem einfachen Grund, weil sie verschiedenen Gattungen angehören, die auf unterschiedlichen ontologischen Engagements zwischen Autor und Leser beruhen und grundsätzlich unterschiedliche Ziele verfolgen. Historiographisch gesehen sind nur Texte problematisch, die vorgetäuschte historiographische Texte sind, weil ihre Autoren absichtlich Fiktion als Tatsache ausgeben – was zu Fälschungen (wie die „Donatio Constantini“) und zu vorgetäuschter, gefälschter oder verlogener Geschichte führt. Bekannte Beispiele dieses Genre sind „Hitlers Tagebücher“, Binjamin Wilkomirskis „Holocaust-Zeugnis“ Brüchstücke. Aus einer Kindheit 1939-1948, und Holocaust-Leugnungen wie David Irvings Buch Hitlers Krieg (Lipstadt 1994; Evans 2002). Tatsächlich gibt es Geschichtsfälschungen schon so lange, wie es Dokumente gibt, weil Lügen so alt sind wie das Alphabet (Burke 1994). Der Umstand, dass es im Bereich des Digitalen keinen Unterschied mehr gibt zwischen Original und Kopie, und die Möglichkeiten Information zu fälschen exponentiell gewachsen sind (über ‚AI‘ und ‚deep fakes‘ z.B.), ändert jedoch nichts an diesem prinzipiellem Unterschied (Kansteiner 2022). Weil die Autoren von Geschichtsfälschungen den Wahrheits- und Faktizitätspakt mit dem Leser bewusst brechen, können ihre Texte nicht einmal grundsätzlich als historiographisch gelten, denn erst dieser Pakt macht Geschichtsschreibung möglich. Jüngste politische Versuche, die Unterscheidung zwischen Fiktion und Fakt insgesamt zu verwischen, indem man sich auf „Fake News“, „alternative Fakten“ und „Post-Wahrheit“ beruft – wie Donald Trump und Vladimir Putin vormachen – basieren auf einer Mischung aus begrifflichem Betrug und absichtlicher politischer Täuschung (Shore 2017; McIntyre 2018). Letztlich ist die vorgetäuschte Geschichtsschreibung (‚fake history‘) der eigentliche Feind der Geschichtsschreibung, die Fiktion, einschließlich der historischen Fiktion, hingegen ist es nicht. So interpretiert hat Hayden White (White 2005) sicherlich eine fundamentale Einsicht formuliert, während David Hume – der alle Autoren von
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Fiktion als "Lügner von Beruf" bezeichnet hatte – dagegen mit Sicherheit Unrecht hatte.
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4.5 Poetik der Geschichtsschreibung Daniel Fulda
Unter ‚Poetik‘ versteht man im Allgemeinen die „Prinzipien des Verfassens dichterischer Texte“ (Fricke 2003, 100), sei es als ausformuliertes Regelwerk, als implizites Ensemble von Regeln oder als analytische Beschreibung derselben. Das zugrunde liegende Verb gr. poieín hat neben der spezielleren Bedeutung ‚dichten‘ aber auch die allgemeinere ‚machen, schaffen, herstellen, verfertigen‘. Ohne Festlegung auf Dichtung oder, etwas weiter gefasst, Literatur ist ‚Poetik‘ dann als Ensemble der Prinzipien des Produzierens in einem bestimmten Praxisbereich explizierbar (bei Aristoteles: poietiké techné, ‚herstellende Kunst‘). In diesem Sinne kann es eine ‚Poetik der Geschichtsschreibung‘ geben, ohne dass damit deren darstellungstechnische oder aussagenmodale Nähe zur Literatur unterstellt wäre. Wo mit Bezug auf Geschichtsschreibung von ‚Poetik‘ gesprochen wird, soll in der Regel jedoch genau diese Nähe evoziert werden; die Botschaft lautet, dass die Hervorbringungen der Geschichtswissenschaft stärker literarisch-poetisch geprägt sind, als es dem Selbstverständnis des Faches entspricht, und daher (auch) unter literarisch-poetischen Gesichtspunkten analysiert werden sollten. Als sich in der Mitte des 19. Jahrhunderts das disziplinäre Selbstverständnis der Historiker auf eine Wissenschaftlichkeit einstellte, die auf Forschung beruht, grenzte Johann Gustav Droysen die Historik (Theorie der Geschichtswissenschaft) scharf ab von „einer Poetik der Geschichte“ und ebenso von „einer Philosophie der Geschichte“ (Droysen 1977, 44). Damit endete zunächst einmal die seit der Antike gepflegte, in der Aufklärung noch einmal auflebende Tradition, Historik und Poetik gleichermaßen aufgrund von Prinzipien der Rhetorik (der Lehre des kunstvollen, zweckorientierten Sprachgebrauchs) auszuarbeiten (Harth 1990, 12–15). So zwingend dies war im Zuge der Ausdifferenzierung von Geltungsansprüchen und -gründen einerseits der Historie, andererseits der Literatur in je eigenen Funktionssystemen, so sehr fehlte fortan ein Vokabular zur Beschreibung, Reflexion und Kritik historiographischer Produktionsweisen und Produkte. Poetologische Gesichtspunkte galten nun als fachfremd. Mehr eine perspektivische Ausblendung als ein effektiver Ausschluss poetisch-ästhetischer Faktoren war indes die Folge, wie sich z.B. bei Droysen sowohl in der Geschichtstheorie als auch in der Geschichtsschreibung zeigt (Harth 1990, 17–19, Fulda 1996, 411–454).
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Erst im Zuge ‚postmoderner‘ Kritik an der Selbstgewissheit der modernen Wissenschaften ist die ‚Poetik‘ wieder zu einem produktiv genutzten, wenngleich umstrittenen Analyserahmen aufgestiegen. Allen voran Hayden White brachte sie in die geschichtstheoretische Diskussion zurück, indem er das Einleitungskapitel seines 1973 publizierten Hauptwerks mit „The Poetics of History“ überschrieb. Ohne seinen Begriff von ‚Poetik‘ genauer zu bestimmen, verlieh White ihm neue Reichweite, denn er verhandelte darunter nicht bloß Oberflächenphänomene – den Stil, den Geschichtsschreiber so oder anders wählen können –, sondern etwas, was er als Konstituens erkannter und dargestellter Geschichte ansah. Laut White vollzieht der Historiker notwendig „einen wesentlich poetischen Akt“, sobald er sich überhaupt nur einem Gegenstand zuwendet und ihn als Thema seiner Forschung betrachtet (White 1991, 11). Schon dieser erste Zugriff verleihe dem Gegenstandsfeld eine charakteristische Struktur, die sich bis in die schließlich verfasste Darstellung durchhalte und keiner wissenschaftlichen Kontrolle unterliege, sondern einer poetischen Logik folge, denn es herrsche in ihr eine der vier „Grundtropen“ Metapher, Metonymie, Synekdoche und Ironie vor (White 1991, 49f.). Tropen begreift White als sprachliche Kristallisationen grundlegender gedanklicher Zuordnungen: Im Fall der Metapher stehen Gemeintes und Gesagtes in einer Ähnlichkeitsbeziehung, im Fall der (enger als üblich aufgefassten) Metonymie in einer kausalen Beziehung, im Fall der Synekdoche steht ein Teil für das Ganze ein, während die Ironie Gemeintes und Gesagtes gegeneinanderstellt. Tropisch geprägt seien sowohl die Erzählstruktur eines Geschichtswerkes (mit den Geschichtenmustern der Romanze, der Tragödie, der Komödie sowie der Satire) als auch dessen Erklärungsstrategien, zudem der jeweilige ideologische Blickwinkel (White 1991, 51–57). So schlage sich die synekdochische Integration des Teils ins Ganze typischerweise in einer komödischen Erzählstruktur, einer organizistischen Erklärungsstrategie sowie konservativen Urteilen nieder. Insgesamt ergebe sich ein System von vier ‚homologen‘, nämlich dem jeweils regierenden Tropus verpflichteten Kombinationen jener drei Interpretationsmöglichkeiten. Whites Metahistory entwirft einleitend diese poetologische Theorie der Historiographie und sucht sie dann an Denken und Werk von je vier Historikern und Geschichtsphilosophen vor allem des 19. Jahrhunderts zu belegen. Dort werden die drei Interpretationshinsichten allerdings nicht immer ‚tropenrein‘ kombiniert. Der Schematismus der mehrfachen Vierertypologie sowie die Tropentheorie weisen unverkennbar auf den Strukturalismus als seinerzeit hegemoniales geisteswissenschaftliches Paradigma; sie sind als überspitzt zu bewerten und haben sich langfristig nicht durchsetzen können. Als fruchtbar hat sich hingegen Whites Betonung der Plausibilisierungsfunktion erwiesen, die Erzählmuster in der Historiographie haben: Mit Hilfe ihrer tiefenstrukturellen Erzählmuster (Plotstrukturen) betreiben Geschichts-
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werke eine implizite Interpretation ihrer Fakten-Elemente, die sich kulturell vorgegebener Sinngebungsmuster bedient. In diesem Punkt stimmte Whites eklektische ‚Poetik der Geschichte‘ mit anderen Rehabilitationen des Erzählens in der Historiographie zusammen, die etwa zur selben Zeit von der Analytischen Philosophie (Arthur C. Danto), der Transzendentalphilosophie (Hans Michael Baumgartner), einer erneuerten Historik (Jörn Rüsen) und der Hermeneutik (Paul Ric°ur) sowie später von der Kognitiven Narratologie (David Herman) ausgingen. Ein typischer Vorwurf gegen White und seinen ‚poetologischen‘ Ansatz lautet, dass er der Wissenschaftlichkeit nicht gerecht werde, die sich aus methodischen Verfahren sowie der sozialen Interaktion und Kontrolle in einer scientific community ergebe. In der Tat kümmert sich seine ‚Poetik der Geschichte‘ nicht darum. Gleichwohl insistiert White zu Recht darauf, dass sich die geschichtswissenschaftliche Tätigkeit nicht vollständig rational kontrollieren lasse – sie sei „a matter as much of imagination as it is of cognition, which is why I characterized my project as an effort to conceptualize a ‚poetics‘ of historical writing“ (White 2000, 397). Zum herkömmlichen Verständnis von ‚Poetik‘ als Sammlung von expliziten oder impliziten Regeln des Schreibens steht dieser Wortgebrauch in einer Spannung, die wohl nur zum Teil beabsichtigt ist: Wo White versucht hat, in der Historiographie ‚poetische‘ Regularitäten aufzuweisen (was weniger ist als Regeln), haben seine Thesen nicht dauerhaft zu überzeugen vermocht. Letztlich dient ihm das Poetische als Chiffre für eine Ungebundenheit, die er für interessanter hält als das methodisch Kontrollierte der Historiographie (White 2000, 392f.). Funktioniert hat Whites ‚Poetik der Geschichte‘ weder als Lehrgebäude noch als Beschreibungssystem, sondern als Revolte gegen den Szientismus der Nachkriegshistoriographie. Als weiterer Einwand wurde geltend gemacht, dass sich anhand der von White und anderen vorzugsweise untersuchten Geschichtswerke des 19. Jahrhunderts keine zuverlässigen Erkenntnisse über die ‚Poetik‘ gegenwärtiger Geschichtsforschung und -schreibung gewinnen lasse (auch hinsichtlich vormoderner Geschichtsschreibung äußert Wüest 2017 diese Kritik). Mit Studien über die Nouvelle Histoire, die sich in der Tradition der Annales-Schule gegen die herkömmliche Ereignisgeschichte und das lineare Erzählen wandte, haben es insbesondere Romanisten unternommen, die impliziten Poetiken gegenwartsnäherer Geschichtsschreibung zu rekonstruieren (Carrard 1992 und 2013, Rüth 2002). Dabei ging es weniger um die prinzipielle Angemessenheit einer ‚poetologischen‘ Perspektive als um die Frage, ob die Geschichtsschreibung des ausgehenden 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts weiterhin von Erzählstrukturen getragen ist. In der Präzision ihrer Textanalysen gehen diese Studien erheblich über White hinaus – und kommen zu dem Ergebnis, dass zwar vielfältige Variationen des Erzählens zu beobachten sind (exemplarisches, ite-
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ratives und gebrochenes Erzählen, ‚Schichten-‘ oder ‚Stufenerzählungen‘, ‚Erzählung 2. Grades‘), aber keine generelle Abkehr davon. In einer jüngeren Studie hat Philippe Carrard sein Urteil über die französische Historiographie allerdings revidiert. Sie sei nur zum kleineren Teil Erzählung in dem Sinne, dass zeitliche Prozesse verfolgt werden; die meisten Untersuchungen seien als synchronische Darlegungen (tableaux) oder Problemanalysen zu charakterisieren (2013, 68–81). Demnach stellt sich die ‚poetologische‘ Lage derzeit sowohl auf der Gegenstands- als auch auf der Analyse-Ebene als offen dar. Ohnehin noch kaum einen Forschungsstand gibt es zur ‚Poetik‘ der vielen kleineren Formate, die den Hauptteil geschichtswissenschaftlicher Textproduktion ausmachen: Zeitschriftenbeiträge, Vorträge, Quelleneditionen, Rezensionen usw. Schaut man auf die vorwiegend nationalgeschichtlichen ‚Meistererzählungen‘, mit denen die Geschichtswissenschaft bevorzugt an die Öffentlichkeit tritt, zeigt sich gleichwohl eine starke poetologische Kontinuität (Hertfelder 2022, 10). Auf den historischen Ort literarischer Erzähltechniken bezogen, steht solche Historiographie nach wie vor dem realistischen Roman des 19. Jahrhunderts am nächsten. Die poetologischen Experimente der literarischen Moderne (Fragmentierung, Achronie, Depersonation) hat sie kaum je mitvollzogen – und kann dies wohl auch nicht, soll ihr auf narrative Folgerichtigkeit gegründetes Konzept von Geschichte nicht Schaden leiden. Die immer wieder erhobenen Forderungen nach Modernisierung der Geschichtsschreibung nach literarischem Vorbild lassen sich lediglich im experimentellen Einzelfall befriedigen (z.B. Philippe Artière, Dominique Kalifa, Vidal, le tueur de femmes. Une biographie sociale, 2001, vgl. Carrard 2013, 299–304). Durchweg gilt für die neueren ‚Poetiken der Geschichtsschreibung‘, dass sie rein deskriptiv konzipiert sind. Sie sollen historiographische Entscheidungen aufdecken, die häufig nicht im geschichtswissenschaftlichen Reflexionshorizont liegen. Daher messen sie sich einen Bewusstseinsvorsprung vor ausformulierten disziplinären Programmen zu: „the most productive way to investigate a discipline is to look at its practice: to consider how actual works operate, and to what extent they conform to those ‚theories‘ of that discipline coming from textbooks and programmatic statements“ (Carrard 1992, xiv). Günstig für die Zukunftschancen des ‚poetologischen‘ Ansatzes ist, dass er grundsätzlich im Einklang mit dem praxeologischen steht, der die Wissenschaftsforschung seit einiger Zeit vorantreibt und neuerdings auch die geisteswissenschaftliche Selbstreflexion erfasst hat (Nolte 2018; Martus/Spoerhase 2022). Auf dieser Linie wäre ‚Poetik‘ weniger als Erfassung von historiographischen Darstellungsformen mit mehr oder weniger großer Nähe zur Literatur zu explizieren denn als Rekonstruktion disziplinärer Arbeitsteilung und -zusammenhänge sowie verlegerischer Produktion sowohl im ökonomischen als auch im technischen Sinne.
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Statt ‚dichten‘ wäre hier vollends ‚machen, herstellen‘ als Bedeutung von poieín vorauszusetzen. Über die etablierten ‚Poetiken der Geschichtsschreibung‘ reicht der praxeologische Blick hinaus, denn er richtet sich nicht bloß auf das Endprodukt, sondern auf den komplexen Prozess von dessen – mitunter nicht einmal gelingender – Hervorbringung und Kommentierung, vom akademischen Unterricht über Drittmittelanträge bis zur Twitterkommunikation. Was das Schreiben angeht, ist mit „Umschreiben oder Weiterschreiben“ sowie mit helferseitigem „Aufschreiben“ zu rechnen; hinsichtlich des ‚Machens‘ mit „Zuarbeit, Mitarbeit oder Zusammenarbeit“ (Martus/Spoerhase 2022, 112). Die „Fabrikation“ von Geschichtsschreibung wird hier nicht mehr in Analogie zu einer traditionellen Vorstellung von ‚genialer‘ dichterischer ‚Schöpfung‘ gedacht (Nolte 2018, 21) – einer Analogie, der noch Whites These vom „wesentlich poetischen Akt“ (White 1991, 11) verpflichtet war. Wo „eine Art Grammatik der epistemischen ebenso wie der sozialen Konstituierung von historischem Wissen“ das Erkenntnisziel bildet (Nolte 2018, 15), schlägt die Tradition der sprachbezogenen techné aber zumindest noch terminologisch durch. Indem Nolte seine Erkenntnisse in lebensgeschichtlicher Ordnung und erzählerischem Stil präsentiert, tradiert er herkömmliche Untersuchungsgegenstände der ‚Poetik der Geschichtsschreibung‘ zudem als eigenes Verfahren.
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4.6 Geschichte der Geschichtsschreibung Stefan Berger
Die Geschichte der Geschichtsschreibung hat in unterschiedlichen Regionen der Welt unterschiedliche Traditionen. Die Menschen beschäftigen sich mit ihrer Geschichte, seit sie existieren, und nachdem sie Schriftkulturen entwickelten, gab es auch Bemühungen, Geschichten von der Vergangenheit aufzuschreiben. Obwohl es ältere Vorläufer in den vorderorientalischen Hochkulturen gab, gelten in Europa und in der westlichen Tradition der Geschichtsschreibung Herodotus (c. 484 – 420 B.C.E) und Thucydides (gest. c. 401 B.C.E) als erste prominente Geschichtenerzähler, die den Begriff von Geschichte in der westlichen Tradition geprägt haben. Ausserhalb von Europa ist es in China vor allem Sima Qian (145 – 86 B.C.E), der mit seiner chinesischen Geschichte Shiji die Geschichtsschreibung in Ostasien massgeblich beeinflusste, wenngleich es auch in China wesentlich ältere Vorläufer gab. Besonders in Japan und Korea entwickelten sich Formen der Geschichtsschreibung in Auseinandersetzung mit chinesischen Modellen seit dem vierten Jahrhundert A.D. in Korea und seit dem 8. Jahrhundert A.D. in Japan. Auf dem indischen Subkontinent waren es dynastische Familienchroniken, die kulagranthas, die seit dem 9. und 10. Jahrhundert A.D. eine Geschichtsschreibung etablierten. Kulhana schrieb dann die Rajtarangini (c. 1148), eine Form chronologischer Geschichte Kaschmirs in Versform, und sowohl in der vorislamischen als auch in der islamischen Zeit Indiens gab es zahlreiche Versuche der Etablierung einer historischen Literatur. Auf dem amerikanischen Kontinent entwickelten die frühen Hochkulturen der Azteken, Maya und Inca in der Zeit zwischen 250 und 900 A.D. eigene Formen der mündlich überlieferten Geschichtserzählungen, die auch auf dem afrikanischen Kontinent starke Traditionen entwickelten, die mehrere Jahrtausende zurückreichten. In Persien finden sich die ersten verschriftlichten historischen Narrative unter den Sassaniden (224 – 651 A.D.). Die islamische Geschichtsschreibung orientiert sich stark an der Geschichte des Propheten und seiner Nachfolger. Ibn Ishaq (704 – 767 A.D.) schrieb die erste, vollkommen erhaltene Geschichte Muhammeds, und eine ganze Reihe von Historikern begründeten seit dem 8. Jahrhundert A.D. eine starke Tradition der Geschichtsschreibung in der islamischen Welt, aus der schliesslich auch Ibn Khaldoun (1332 – 1406 A.D.) hervorging. Im osmanischen Reich beginnt sich seit dem 15. Jahrhundert
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Stefan Berger
A.D. eine reichhaltige historische Literatur vor allem im Umfeld des Sultans zu entwickeln. Im europäischen Mittelalter wurde Geschichtsschreibung vor allem an den Höfen und in den Klöstern praktiziert. Erst die Renaissance brachte eine städtische Geschichtsschreibung von Gelehrten zur Blüte, die auch zu einer Wiederentdeckung der Antike und der antiken Geschichtsschreibung führte und sich nicht mehr exklusiv an dynastischer oder Kirchengeschichte orientierte. Besonders in der Zeit der Religionskriege zwischen Katholizismus und Protestantismus kam es dann aber zu einer stark antagonistisch geprägten religiösen Geschichtsschreibung, die im Kampf um die religiöse Vorherrschaft eingesetzt wurde. Die europäische Expansion nach Übersee seit dem 15. und 16. Jahrhundert exportierte das europäische Geschichtsdenken in die Welt und führte zu einer Vielzahl von Adaptionen und Vermischungen mit nicht-europäischen Traditionen von Geschichtsschreibung in allen Teilen der Welt. Die europäische Aufklärung brachte dann eine skeptische und kritische Geschichtsschreibung hervor, die sich nicht länger an den überlieferten religiösen Dogmen orientierte, sondern eine bereits im Spätmittelalter und der frühen Neuzeit entwickelte Form von Quellenkritik benutzte, um eine Reihe von überlieferten Gewissheiten in Frage zu stellen. Die Anfänge einer professionellen Geschichtsschreibung an den europäischen Akademien und Universitäten wurzelt in einem solch aufklärerischem Verständnis von Geschichtsschreibung. Besonders an der Universität Göttingen bemühten sich eine Reihe von Historikern darum, die Geschichtsschreibung zu verwissenschaftlichen und sie in den Dienst einer aufgeklärten, an Fortschritt und Zivilisation orientierten Universalgeschichte zu stellen. Das Zentrum einer wissenschaftlichen historischen Geschichtsschreibung blieb während des gesamten langen neunzehnten Jahrhunderts in den deutschen Landen, aber die Orientierung an einer aufgeklärten Universalgeschichte wurde im Verlauf der Zeit, unter dem Einfluss von Johann Gottfried Herder (1744 – 1803 A.D.) immer mehr überführt in eine historistische Nationalgeschichte, die oftmals dem Nationalismus zuarbeitete. Leopold von Ranke (1795 – 1886 A.D.) und sein Mythos avancierten zum Goldstandard der wissenschaftlichen Geschichtsschreibung und ein Studium, zumindest für ein Semester, an einer deutschsprachigen Universität, gehörte im 19. Jahrhundert zum guten Ton der Historikerzunft in der westlichen Welt. Dabei entwickelten sich gerade in den kolonialen und postkolonialen Staaten Amerikas professionelle Formen von Geschichtsschreibung bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts zu Zentren einer eigenständigen, aber vielfach vernetzten wissenschaftlichen Geschichtslandschaft. Auch hier spielte die Idee von ‚Gründungsvätern‘ eine wichtige Rolle, wie z. B. George Bancroft
4.6 Geschichte der Geschichtsschreibung
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(1800 – 1891) in den USA, oder Franciso Adolfo de Varnhagen (1816 – 1878) in Brasilien. Das gesamte19. Jahrhundert war ein Jahrhundert der Professionalisierung der Geschichtsschreibung in der westlichen Tradition. (Europa und die Amerikas) Johann Gustav Droysens (1808 – 1884) Historik war ein fundamentaler Versuch, der wissenschaftlichen Beschäftigung mit Geschichte eine methodische und theoretische Grundlage zu geben, aber diese Bemühungen wurden an vielen Orten repliziert. So war eines der international erfolgreichsten Lehrbücher, das in die Geschichtswissenschaft einführte, das in viele Sprachen übersetzte Werk von Charles Victor Langlois (1863 – 1929) und Charles Seignobos (1854 – 1942) mit dem sprechenden Titel Introduction aux Études Historiques (1897). Ein auch über solche Lehrbücher verbreitetes Selbstverständnis einer professionellen wissenschaftlichen Disziplin dehnte sich von Europa und den Amerikas in den Rest der Welt aus und wurde dort vielfältig adaptiert. Dabei galt es unter Historikern lange Zeit als ausgemacht, dass der wissenschaftliche Historiker nur als Mann denkbar war. Frauen blieben von der Profession weitgehend ausgeschlossen. Gegen Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es dann einige Pionierinnen auf dem Feld der wissenschaftlichen Geschichtsschreibung, aber die Situation begann sich erst seit den 1980er Jahren grundlegend zu verändern, wobei an vielen Orten der Welt nach wie vor vielfältige Formen der Diskriminierung von Frauen in geschichtswissenschaftlichen Karrieren weiter fortbestehen. Im kurzen 20. Jahrhundert begann sich das Epizentrum der internationalen Geschichtswissenschaft in der Zwischenkriegszeit aus Deutschland nach Frankreich zu verlagern. Besonders die Begründung der Annales-Schule in den 1920er Jahren durch Marc Bloch (1886 – 1944) und Lucien Febvre (1878 – 1956), in enger Zusammenarbeit mit dem von den beiden verehrten belgischen Historiker Henri Pirenne (1862 – 1935), wurde nach 1945 zu einem Leitstern der internationalen Geschichtswissenschaft. Fernard Braudel (1902 – 1985) begründete nach 1945 eine ‚monde braudelien‘ (Jack Hexter), die weitreichende Auswirkungen auf die globale Geschichte der Geschichtsschreibung hatte. Doch seit den 1960er Jahren begannen die amerikanischen Universitäten, nicht zuletzt auf Grund ihres Reichtums (zumindest der Eliteuniversitäten), die besten Köpfe der Geschichtswissenschaft aus aller Welt anzuziehen und begründeten damit eine bis heute anhaltende Dominanz der englischsprachigen Geschichtswissenschaft, die weit in die Welt hineinwirkt, auch wenn nicht unterschätzt werden sollte, in welchem Ausmaß eine spanisch-, französischund auch chinesischsprachige Geschichtswissenschaft existiert, die ihre jeweils eigenen internationalen Netzwerke knüpft. Eine lingua franca einer globalen Geschichtswissenschaft gibt es bis heute nicht.
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Dominierte eine politische Nationalgeschichtsschreibung das 19. und frühe 20. Jahrhundert, so wurde sie im 20. Jahrhundert durch eine sozial- und wirtschaftshistorische Geschichtsschreibung herausgefordert, bevor in den 1980er Jahren die Kulturgeschichte ihren Aufstieg begann und schließlich in einer fulminaten Pluralisierung von möglichen Geschichtsschreibungen endete, die die heutige sehr selbstreflektierte Realität der zeitgenössischen wissenschaftlichen Geschichtsschreibung charakterisiert. Eine theoriegeleitete Reflektion über das Wesen der Geschichtsschreibung hatte seit den 1960er Jahren einen weitreichenden Einfluss auf viele Historiker:innen. Besonders hervorzuheben sind hier der kritische undogmatische westliche Marxismus, der Postrukturalismus, Narrativitätstheorien, der soziale Konstruktivismus und der linguistic turn sowie der Postkolonialismus, die eine Reihe von wichtigen Werken in unterschiedlichen Teilen der Welt inspiriert haben. Eine Geschichte der Geschichtsschreibung im engeren Sinn, d. h. eine Reflektion über die historische Entwicklung der wissenschaftlichen Geschichtsschreibung findet sich vor allem in der westlichen Tradition. Sie ist in der kontinentaleuropäischen Geschichtsschreibung stärker ausgeprägt als in der angelsächsischen englischsprachigen Tradition, wo diese Art der reflektierten Selbstbeschäftigung mit der eigenen wissenschaftlichen Disziplin oftmals als selbstverliebte Nabelschau belächelt wurde. Es ist kein Zufall, dass frühe englischsprachige Werke zur Geschichte der Geschichtsschreibung, wie Ernst Breisach’s Historiography: Ancient, Medieval and Modern (zuerst 1983 erschienen) von kontinentaleuropäisch geprägten Historikern stammten. Der Schweizer Historiker Edgar Füter legte bereits 1911 eine Geschichte der Geschichtsschreibung vor, die allerdings, wie viele frühe Werke ganz und gar in der westlichen Tradition der Geschichtsschreibung verblieb. Friedrich Meineke legte 1936 eine kritische Reflektion zur deutschen Tradition des Historismus vor. Nach 1945 gibt es dann in unterschiedlichen Regionen der Welt und in vielen Sprachen eine ausgeprägte Literatur, die sich mit den unterschiedlichen Traditionen von Geschichtsschreibung beschäftigt. Eine globale Weitung der Geschichte der Geschichtsschreibung findet dann in der englischsprachigen Literatur seit den 2000er Jahren unter dem maßgeblichen Einfluss von Georg G. Iggers und Daniel Woolf statt. In der deutschsprachigen Literatur gibt es einen ebenfalls globalgeschichtlich angelegten Versuch eines Überblicks von Markus Völkel.
Weitergehende einführende Literatur Berger, Stefan: History and Identity. How Historical Theory Shapes Historical Practice, Cambridge, 2022. Falola, Toyin (ed.): African Historiography, London, 1993.
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Hexter, Jack: Fernand Braudel and the „Monde Braudelien”, in: Journal of Modern History 44:4 (1972), 480 – 539. Iggers, Georg G./Wang, Q. Edward/Mukherjee, Supriya: A Global History of Modern Historiography, London, 2008. Smith, Bonnie: The Gender of History: Men, Women and Historical Practice, Cambridge/Mass., 1998. Thorstendahl, Rolf: The Rise and Propagation of Historical Professionalism, London, 2015. Völkel, Markus: Geschichtsschreibung: eine Einführung in globaler Perspektive, Köln, 2006. Woolf, Daniel: A Global History of History, Cambridge, 2011.
4.7 Digitaler Wandel und Geschichtsdidaktik Elena Lewers / Christian Bunnenberg
Definition und Relevanz für eine „Historik“ „Stellen Sie sich vor, Sie sind Schüler in einem Geschichtskurs und Ihr Lehrer projiziert auf eine Leinwand ein virtuelles Museum, das Sie durch Zeit und Raum führt. Sie tauchen ein in die römische Antike, besichtigen den [sic!] Brandenburger Tor und die Berliner Mauer in 3D-Animationen und lernen dabei historische Ereignisse hautnah kennen. Der digitale Wandel hat die Geschichtsdidaktik revolutioniert und bietet uns ungeahnte Möglichkeiten, Geschichte zu erleben und zu verstehen.” Diese Zeilen schrieb der KI-Chatbot ChatGPT auf den Eingabebefehl „Schreibe einen spannenden Einstieg für einen Beitrag zum Thema ,Digitaler Wandel in der Geschichtsdidaktik‘“. Das frei im Netz verfügbare Programm des US-Unternehmens OpenAI ermöglicht Nutzer*innen die Produktion und Anpassung von Texten, die auf Basis eines Sprachmodells erzeugt und auf den ersten Blick nicht als computergeneriert erkennbar sind. Seit der Veröffentlichung des Programms im November 2022 bestimmt die Auseinandersetzung mit KI und AI (künstliche/artifizielle Intelligenzen) den Diskurs um zeitgemäßes Lehren und Lernen, der zu Beginn der Abfassung dieses Beitrags in dem Maße nicht absehbar war. ChatGPT ist nur ein Beispiel dafür, wie schnell der digitale Wandel fortschreitet. Die Geschichtsdidaktik als wissenschaftliche Disziplin kann auf diese Entwicklungen erstmal nur reagieren und nur bedingt agieren. So war in der Folge zu beobachten, dass fachliche Diskussionen entstanden und über Konsequenzen für den (Geschichts-)Unterricht diskutiert wurde. Eine häufig geäußerte Sorge bestand darin, dass schriftliche Prüfungsleistungen ihre Sinnhaftigkeit verlieren, wenn sie nicht mehr eigenständig produziert werden müssen, sondern eine KI diese Aufgabe übernehmen kann. Ähnliche Sorgen wurden angesichts weiterer KI-Programme wie Midjourney geäußert, die KI-Kunst und damit auch visuelle Darstellungen von Gegenwart und Vergangenheit erschaffen können, deren Authentizität nicht sofort ersichtlich ist. Schnell wurden Handreichungen und Unterrichtsideen von Lehrkräften für den Einsatz von KI-Programmen entwickelt und zur Verfügung gestellt, in denen die Herausforderungen, aber auch
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Chancen – wie der kritische Umgang mit den erzeugten Texten und Bildern – herausgearbeitet wurden.1 Die obigen Zeilen verdeutlichen aber nicht nur, wie ChatGPT und Midjourney es schaffen, einen sprachlich angemessenen – wenn auch inhaltlich überarbeitungsbedürftigen – Textbaustein oder visuelle Repräsentationen zu produzieren; sie zeigen auch, welches Bild von Geschichtsvermittlung hier abgerufen wird. Die Programme greifen für die Text- und Bildgenerierung auf online verfügbare Texte, Bilder und Datenbanken zurück; laut derer es in der Geschichtsvermittlung darum geht, „historische Ereignisse hautnah [zu] kennen“ und „Geschichte zu erleben und zu verstehen“, indem „durch Zeit und Raum“ gereist wird. Dieses Motiv der „Zeitreise“ und der Wunsch, die Vergangenheit in der Gegenwart lebendig zu machen, ist seit einigen Jahrzehnten in der Geschichtskultur verankert und wird von Bernd Schönemann unter dem Leitmuster „Geschichte als Erlebnis“ zusammengefasst (Schönemann 2016: 56). Zentrales Merkmal dieses Leitmusters der Postmoderne ist der Wunsch nach einem „Simultan-Erlebnis“ von Geschichte, wie es sich in der Gestaltung von Ausstellungen, Filmen oder Mittelaltermärkten niederschlägt (Ebd.: 57). Audiovisuelle, interaktive – oder auch „immersive“ – Medien wie Filme, Virtual und Augmented Reality, Soziale Medien oder Computerspiele, die die gegenwärtige Präsentation von Geschichte dominieren, lassen sich diesem Muster zuordnen. Auch wenn mit „immersiv“ nicht zwangsläufig „digital“ gemeint sein muss, wird diese Verbindung häufig gesetzt. So wird davon ausgegangen, dass durch digitale Medien die „Sehnsucht nach dem Authentischen“ anders bedient und Geschichte besser erfahrbar gemacht werden kann (Bösch 2016: 92). Der digitale Wandel verändert demnach, wie Geschichte erzählt und erlebt wird. Daher muss sich die Geschichtsdidaktik mit Fragen, die diese Entwicklungen nach sich ziehen sowie den sich daraus ergebenden Konsequenzen immer wieder neu auseinandersetzen. Denn: Die Phänomene sind da und haben eine enorme gesellschaftliche Relevanz. Insbesondere die Coronapandemie hat die schon vorher eingetretenen Entwicklungen im Bereich des digitalen Wandels der Darstellung und Vermittlung von Geschichte noch einmal beschleunigt: So wurden Führungen nicht mehr am historischen Ort selbst, sondern im digitalen Raum durchgeführt; Ausstellungen wurden rein digital entworfen; Unterricht fand über Videokonferenzen statt. Aber auch einzelne Formate wie die Instagram-Projekte @eva.stories oder @ichbinsophiescholl haben als digitale Repräsentationen von Vergangenheit Einfluss auf Geschichtskultur (Berg/Kuchler 2023). Daneben verändert der inzwischen allgegen1 Im Dezember 2023 fand zu den aktuellen Entwicklungen von KI/AI erstmals eine geschichtsdidaktische Tagung statt, organisiert von Daniel Brandau und Sabrina Schmitz-Zerres. https://www.hsozkult.de/event/id/event-137679
4.7 Digitaler Wandel und Geschichtsdidaktik
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wärtige Einsatz digitaler Endgeräte wie Tablets oder Smartphones seit Jahren die Vermittlung von und Arbeit mit Geschichte. Das betrifft die Nutzung digitaler Lernplattformen (z.B. segu Geschichte), die historisches Lernen im digitalen Raum ermöglichen ebenso wie beispielsweise das im Herbst 2022 in Berlin eröffnete Cold War Museum, das sich als „High-Tech-Museum 4.0“ bezeichnet und neben wenigen gegenständlichen Exponaten ein vollständig digitales Ausstellungskonzept verfolgt. Der digitale Wandel beeinflusst aber nicht nur die Inszenierung von Geschichte (Oswalt 2021), sondern auch die Arbeitsweisen der Disziplin selbst. So muss sich nicht nur Schule mit den Auswirkungen der „Kultur der Digitalität“ auseinandersetzen, das gleiche gilt auch für Forschung. Insbesondere sollte die Frage danach gestellt werden, wie sich der Umgang mit Wissen verändert, d.h. wie und von wem Wissen produziert wird, wer an Diskursen teilnimmt und sie beherrscht. Letztliche geht es auch um Fragen zum zentralen Bezugspunkt geschichtswissenschaftlichen Arbeitens – den Quellen: (Wie) werden digitale/digitalisierte Quellen archiviert, so dass sie auch in einigen Jahrzehnten noch zugänglich sind? Welche Folgen hat die Digitalisierung für die „Authentizität” von Quellen und ihre Quellenkritik? Zur Beantwortung dieser Fragen sind alle Arbeitsfelder der Geschichtsdidaktik gleichermaßen gefordert: Theorie, Empirie und Pragmatik.
Forschungsgeschichte und Diskussionsstand Nach ersten Studien, die um die Jahrtausendwende zu Geschichte im Internet und Computer im Geschichtsunterricht vorgelegt wurden, entstanden um 2010 größere Arbeiten in der deutschsprachigen Geschichtsdidaktik, die sich mit dem Zusammenhang von digitalen Medien und historischem Lernen und insbesondere der Frage beschäftigten, inwiefern historisches Lernen im Digitalen anders gefasst werden muss als in bisher vorliegenden Modellen (Danker/Schwabe 2008, Alavi 2010). Der bisherige Höhepunkt gemessen an der Anzahl der Publikationen zum Thema digitales historisches Lernen ist um 2015 zu verzeichnen (Bernsen/Kerber 2017, Demantowsky/Pallaske 2015). Seitdem liegt der Fokus der Forschung eher auf einzelnen Medien (z.B. YouTube, vgl. Bunnenberg/Steffens 2019). Dennoch ist überraschend, dass im Handbuch Geschichtskultur im Unterricht von 2021 digitale Medien eine geringe Rolle einnehmen. Auch im Vorwort der neuesten Ausgabe des Wörterbuchs Geschichtsdidaktik von 2022 wird „der aktuelle Medienjargon der digitalen Welt […] bewusst nicht aufgenommen“. Eine gesonderte Begründung erfolgt nicht, es wird aber darauf verwiesen, dass der Diskurs sich in den letzten Jahren nicht bedeutend weiterentwickelt und die grundlegenden Herausforderungen sich nicht geändert
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Elena Lewers / Christian Bunnenberg
hätten. In diesem Beitrag wird jedoch davon ausgegangen, dass sich die Erzählweisen und eingesetzten Mittel im digitalen Wandel fortlaufend verändern, woraus sich die Notwendigkeit einer ständigen Re-Evaluierung der Gegenstände und Methoden ergibt. Empirische Studien zu digitalen Medien beschäftigten sich sowohl mit der Rezeption (z.B. Giere 2019) als auch dem Einsatz in formalen und non-formalen Kontexten historischen Lernens. Ein Schwerpunkt der Auseinandersetzung liegt auf dem Geschichtsunterricht, jedoch ist eine Öffnung bzgl. der Kontexte außerhalb von Schule zu beobachten. Auf der Ebene der Pragmatik liegen einige Ausarbeitungen zu Spielfilmen sowie digitalen Spielen vor (z.B. Mai/Preisinger 2020). Dennoch sind bzgl. digitaler Medien noch Lücken festzustellen, bisher gibt es z.B. zu sozialen Medien nur vereinzelte Entwürfe (Burkhardt 2020). Durch die Pandemie entstand außerdem ein neuer Diskurs, der sich auf die Archivierung der Gegenwart und dabei speziell auf die Archivierung digital verfügbarer Quellen bezieht, wie bereits unter a) angeklungen ist (Thiessen 2022).
Aktuelle Herausforderungen und offene Fragen Herausforderungen und Aufgabenfelder für die Geschichtsdidaktik ergeben sich auf verschiedenen Ebenen. Grundlage der Arbeit mit digitalen Medien ist die Erforschung der medialen Eigenlogiken der unterschiedlichen Formate. Mit welchen technischen, ästhetischen und narrativen Strategien wird in Formaten wie Virtual Reality versucht, Geschichte „lebendig“ zu inszenieren und den Eindruck zu vermitteln, dass die Vergangenheit in der Gegenwart „erfahrbar“ sei? Wie werden Emotionen und Imaginationen angesprochen? Wie wird in Sozialen Medien mit Nutzer*innen interagiert, wie und wodurch werden diese beeinflusst? Welche Rolle spielt das „Authentische”? Welche Algorithmen liegen den unterschiedlichen Anwendungen (ChatGPT, Google, Twitter, …) zugrunde? In der Geschichtsdidaktik wird die Befürchtung geäußert, dass durch „immersive“ Medien der Aufbau eines kritischen und reflektierten Geschichtsbewusstseins besonders herausgefordert werden könnte. So wird angenommen, dass über audiovisuelle und interaktive Medien die Emotionen und Imaginationen der Rezipient*innen stark beeinflusst werden und es schwieriger ist, eine distanzierte Haltung einzunehmen (Bunnenberg 2021). Um diesem grundsätzlichen Spannungsfeld auf den Grund zu gehen, ist es notwendig, die Darstellungsformen und ihre Wirkungen empirisch genauer zu untersuchen (Bsp.: Lewers/Frentzel-Beyme 2023).
4.7 Digitaler Wandel und Geschichtsdidaktik
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Die Erforschung der Phänomene ist außerdem eng verbunden mit empirischer Forschung. Es ist immer noch wenig darüber bekannt, wie Menschen Geschichte wahrnehmen und verarbeiten, v.a. bezüglich neuerer digitaler Formate. Über Methoden der empirischen Sozialforschung ist eine Annäherung an die Wirkung digitaler Geschichtsdarstellungen möglich und notwendig. Auch die Verwendung digitaler Medien in unterschiedlichen (Bildungs-)Zusammenhängen sollte empirisch begleitet und evaluiert werden. Während es hierbei vermehrt um die Erforschung der digitalen Repräsentationsformen von Geschichte geht, ergeben sich durch den digitalen Wandel auch neue Anforderungen für die geschichtswissenschaftliche Arbeit. Dazu zählt die zentrale Frage, wie die Geschichte der Gegenwart und die verschiedenen medialen Praktiken dokumentiert werden können. Daran schließt sich wiederum die Frage an, wie und mit welchen Methoden die dabei entstehenden großen Datenmengen (Big Data) erforscht werden können. Hierbei scheint die Zusammenarbeit der Disziplin mit den Digital Humanities angebracht, die sich mit computergestützten Verfahren der Analyse und Produktion beschäftigen. Die Auseinandersetzung damit erscheint auch vor dem Hintergrund der letzten hier genannten Herausforderungen der kommenden Jahre sinnvoll: dem Umgang mit künstlichen Intelligenzen (KI/AI) und den Fragen danach, wie sich die Produktion von Wissen generell und im Speziellen bspw. wissenschaftliches Publizieren oder Prüfungskultur verändert.
Anwendungsorientierung Schon seit einigen Jahrzehnten gilt in der Geschichtsdidaktik Gegenwarts- und Zukunftsorientierung als eines der wichtigsten Prinzipien für die Gestaltung historischer Lernprozesse (Bergmann 1997). Die Vermittlung von Geschichte in formalen wie non-formalen Bildungskontexten ist dann gegenwarts- und zukunftsorientiert, wenn sie aktuelle Entwicklungen zum Gegenstand macht, um Lernende zu einer kritischen und reflektierten Teilhabe an der Geschichtskultur zu befähigen. Um die Auswirkungen des digitalen Wandels produktiv aufzunehmen, sollten daher die neu entstehenden oder sich verändernden Formen digitaler Geschichtsdarstellungen einbezogen sowie die notwendigen Kompetenzen im Umgang mit diesen adressiert werden. Da Geschichte immer eine mediale Konstruktion ist, ist die Beschäftigung mit Medien per se Gegenstand historischer Lernprozesse. Aktuelle Phänomene, die besondere Aufmerksamkeit erfordern, sind die Darstellungen von Geschichte in audiovisuellen Medien wie Virtual Reality oder in den Sozialen Medien. Durch diese Darstellungsformen werden die Emotionen und Ima-
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ginationen der Nutzer*innen – so wird angenommen – besonders beeinflusst. Häufig wird dabei auf das „Überwältigungsverbot” des Beutelsbacher Konsens verwiesen und damit auf die Annahme, durch digitale Medien würde die eigenständige Urteilsbildung der Nutzer*innen herausgefordert. Auch die Wahrnehmung und Verhandlung von Authentizität spielt eine große Rolle. Die Authentizitätserwartungen der Nutzer*innen treffen auf die Authentifizierungsstrategien der Produzent*innen; passen Erwartungen und Strategien zueinander, entsteht bei den Nutzer*innen der Eindruck, ein „authentisches“ Bild von der Vergangenheit zu erhalten. Während hierbei digitale Medien als Gegenstand von Lernen im Fokus stehen, ist es auch notwendig, Lernen mit digitalen Medien und damit Medien als Werkzeug in den Blick zu nehmen. Der Umgang mit digitalen Medien kann sich sowohl auf Ebene der De-Konstruktion wie auch der Re-Konstruktion bewegen. Während Re-Konstruktion v.a. die eigene Erstellung von Produkten/die Nutzung von digitalen Tools adressiert, fokussiert De-Konstruktion nach Kühberger den „analytischen Akt, der im Rahmen des historischen Denkens eine Darstellung der Vergangenheit in ihren Bestandteilen erfasst und dabei in ihre Tiefenstruktur eindringt, um den Konstruktionscharakter der historischen Erzählung („Geschichte“) zu durchdringen“ (Kühberger 2013, 26). Der Fokus der Auseinandersetzung liegt daher auf einer methodischen und medienkritischen Auseinandersetzung, die zu einem Verständnis der medialen Eigenlogiken beitragen soll. Über beide Zugänge ist es möglich, eine (medien)kritische und reflektierte Haltung zu fördern.
Perspektiven Die Entwicklungen in der jüngsten Vergangenheit deuten eine „Entgrenzung“ auf verschiedenen Ebenen an. Durch die Digitalisierung ist eine Entgrenzung von Raum und Zeit zu verzeichnen: Inhalte im Netz sind orts- und zeitunabhängig zugänglich. Auch die Grenze zwischen Produzent*innen und Rezipient*innen verschwimmt: Nutzer*innen digitaler Medien werden zu „Produsern”, die Medieninhalte sowohl rezipieren als auch produzieren können. Neben Institutionen und öffentlichen Einrichtungen beteiligen sich auch Unternehmen oder einzelne Privatpersonen am Diskurs über Geschichte und bestimmen darüber mit. Etablierte Strukturen der medialen Verbreitung von historischen Inhalten erodieren zunehmend, Verlage und Medienanstalten verlieren zunehmend an Einfluss, während neue mediale Vermarktungswege und Plattformen wie YouTube oder Instagram an Einfluss gewinnen. Die Frage danach, welche Position die Geschichtswissenschaft in diesem von Medien gepräg-
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ten öffentlichen Diskurs einnehmen will und kann, stellt sich nicht neu, aber dennoch anders. Die Entwicklungen erfordern damit von der Geschichtswissenschaft eine weitere Öffnung und Zusammenarbeit mit anderen Disziplinen wie den Digital Humanities, der Medienwissenschaft und -pädagogik, der Medienpsychologie und der Informatik. Insgesamt sind alle Beteiligten, Forschende wie Lehrende und Lernende, gefordert, sich Kompetenzen im Umgang mit dem Digitalen anzueignen, um nicht nur mit dem digitalen Wandel mithalten, sondern diesen auch aktiv (mit)gestalten zu können.
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Elena Lewers / Christian Bunnenberg
Lewers, Elena: Durch Raum und Zeit? Medienkritische Auseinandersetzung mit Virtual Reality im Geschichtsunterricht, in: Medienimpulse 2/60 (2022). Lewers, Elena; Frentzel-Beyme, Lea: «Und was kommt nach der Zeitreise? Eine empirische Untersuchung des ‹Auftauchens› aus geschichtsbezogener Virtual Reality», MedienPädagogik: Zeitschrift für Theorie und Praxis der Medienbildung, 51 (AR/VR - Part 2/ 2023), S. 402–429. doi: 10.21240/mpaed/51/2023.01.26.X. Mai, Stephan Friedrich; Preisinger, Alexander; Hametner, Andreas: Digitale Spiele und historisches Lernen (Geschichte unterrichten), Frankfurt am Main 2020. Mayer, Ulrich; Pandel, Hans-Jürgen; Schneider, Gerhard; Schönemann, Bernd (Hgg.): Wörterbuch Geschichtsdidaktik, 4., bed. überarb. u. erw. Aufl., Frankfurt/M. 2022. Oswalt, Vadim: Digitale Darstellungsformen von Geschichte, in: Mayer, Ulrich et al. (Hgg.): Wörterbuch Geschichtsdidaktik, Frankfurt/M. 2022, S.53f. Oswalt, Vadim; Pandel, Hans-Jürgen (Hgg.): Handbuch Geschichtskultur im Unterricht (Forum historisches Lernen), Frankfurt a.M. 2021. Oswalt, Vadim: Imagination im Historischen Lernen, in: Barricelli, Michele; Lücke, Martin (Hgg.): Handbuch Praxis des Geschichtsunterrichts (Wochenschau Geschichte), Schwalbach/Ts. 2012, 121-135. Schönemann, Bernd: Geschichtsbewusstsein und Geschichtskultur, in: Hasberg, Wolfgang; Thünemann, Holger (Hgg.): Geschichtsdidaktik in der Diskussion. Grundlagen und Perspektiven (Geschichtsdidaktik diskursiv – Public History und Historisches Denken, 1), Frankfurt a.M 2016, S. 41–61. Thießen, Malte: Digitalgeschichte als Gesellschaftsgeschichte: Perspektiven einer Regionalgeschichte der digitalen Transformation, in: Ricky Wichum / Daniela Zetti (Hrsg.): Zur Geschichte des digitalen Zeitalters, Wiesbaden 2022, S. 53-75.
Kapitel 5: Orientierung und Identität
© Der/die Autor(en), exklusiv lizenziert an Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2025 J. Rüsen et al. (Hrsg.), Handbuch der Historik, https://doi.org/10.1007/978-3-658-47760-8_5
5.1 Geschichtsdidaktik Holger Thünemann
1. Begriff Geschichtsdidaktik kann man in aller Kürze als diejenige Wissenschaft definieren, die sich theoretisch, empirisch und pragmatisch mit dem Zustand und funktionalen Wandel geschichtsbezogener Vorstellungen und Diskurse, mit der Vielfalt geschichtskultureller Orte, Formen und Praktiken sowie mit historischen Lehr-Lernprozessen in gesellschaftlichen Kontexten befasst. Wer auf die Frage „Was heißt Geschichtsdidaktik?“ eine Antwort sucht, wird jedoch nicht nur international (vgl. beispielsweise Carretero/Berger/Grever 2017; Köster/Thünemann/ZülsdorfKersting 2019), sondern auch im deutschsprachigen Raum zahlreiche Definitionsvorschläge finden. Der griechischen Wortbedeutung von įȚįıțȦ (ich lehre, unterrichte; passivisch: ich lerne) folgend, haben Klaus Bergmann und Jörn Rüsen Geschichtsdidaktik als wissenschaftliche Disziplin definiert, „die Lehr- und Lernprozesse, Bildungs- und Selbstbildungsprozesse an und durch Geschichte“ (Bergmann/Rüsen 1978, S. 9) theoretisch modelliert, empirisch erforscht und praktisch fördert. Eine andere maßgebliche Definition, die inzwischen „kanonischen Charakter“ (Deile 2014, Abschnitt 5) hat, stammt von Karl-Ernst Jeismann. Didaktik der Geschichte, so Jeismann, „hat es zu tun mit dem Geschichtsbewußtsein in der Gesellschaft sowohl in seiner Zuständlichkeit, den vorhandenen Inhalten und Denkfiguren, wie in seinem Wandel, dem ständigen Um- und Aufbau historischer Vorstellungen, der stets sich erneuernden und verändernden Rekonstruktion des Wissens von der Vergangenheit. Sie interessiert sich für dieses Geschichtsbewußtsein auf allen Ebenen und in allen Gruppen der Gesellschaft sowohl um seiner selbst willen wie unter der Frage, welche Bedeutung dieses Geschichtsbewußtsein für das Selbstverständnis der Gegenwart gewinnt; sie sucht Wege, dieses Geschichtsbewußtsein auf eine Weise zu bilden oder zu beeinflussen, die zugleich dem Anspruch auf adäquate und der Forderung nach Richtigkeit entsprechende Vergangenheitserkenntnis wie auf Vernunft des Selbstverständnisses der Gegenwart entspricht“ (Jeismann 1977, S. 12).
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Beide Definitionen basieren auf Prämissen, die bis heute weitgehend gültig sind. Erstens versteht sich die Geschichtsdidaktik zumeist als Teildisziplin der Geschichtswissenschaft. Zweitens orientiert sie sich an einem konstruktivistischen Geschichtsverständnis. Es geht ihr also nicht um einen vorgegebenen Kanon deklarativer Wissensbestände oder gar die Tradierung politisch verordneter Deutungsmuster, sondern um die Entwicklung eines reflektierten Geschichtsbewusstseins und die Fähigkeit historischen Denkens als Ziel historischen Lernens (vgl. Meyer-Hamme 2018; Thünemann/Jansen 2022). Drittens deuten beide Definitionen darauf hin, dass die Geschichtsdidaktik sich nicht nur auf den Geschichtsunterricht bezieht, sondern dass ihre Erkenntnisinteressen den Gesamtbereich des öffentlichen Umgangs mit Geschichte betreffen. Insofern ergeben sich über die geschichtsdidaktische Zentralkategorie der Geschichtskultur Schnittstellen zur Public History (vgl. Thünemann 2018, S. 138–143; Gundermann u.a. 2021, S. 121–148). Neben Geschichtsbewusstsein und Geschichtskultur sind Multiperspektivität (vgl. Bergmann 2008) und Narrativität (vgl. Barricelli 2012) wesentliche Kategorien der Geschichtsdidaktik.
2. Geschichte Als wissenschaftliche Disziplin mit klar konturiertem Theorie- und Forschungsprofil hat sich die Geschichtsdidaktik in der Bundesrepublik Deutschland (zur DDR-Geschichtsmethodik vgl. Demantowsky 2003) seit den 1960er- und dann vor allem seit den 1970er-Jahren etabliert (vgl. Sandkühler 2016). Seit der Jahrtausendwende hat ihre Relevanz aufgrund veränderter bildungspolitischer Rahmenbedingungen erneut deutlich zugenommen. Die meisten Universitäten und Hochschulen in Deutschland, Österreich sowie in Teilen der Schweiz verfügen daher heute über geschichtsdidaktische Professuren. Dieser insgesamt sehr erfolgreichen akademischen Etablierungsphase ging eine lange Tradition geschichtsdidaktischen Denkens voraus. Die Geschichtsdidaktik, so Hans-Jürgen Pandel, „ist ebenso wie die Geschichtsforschung ein Kind der Aufklärung. […] Die aufklärerische Wurzel der Geschichtsdidaktik beruht auf dem Bestreben der neuzeitlichen Wissenschaft, ihr erarbeitetes Wissen auf prinzipiell alle Bevölkerungsgruppen auszubreiten (Distribution). Für dieses Bemühen, Wissen auszubreiten, steht der allgemeine Begriff ,Didaktik‘ (Pandel 2013, S. 9; vgl. Pandel 1990). Die Theorie der Geschichtswissenschaft hatte Pandel zufolge im ausgehenden 18. Jahrhundert zwei Dimensionen: einerseits die Historiographie, andererseits die Historiomathie. Die Historiographie beschäftigte sich mit der Frage, wie man Geschichte methodisch angemessen schreiben könne; in der Historiomathie
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ging es um Regeln des Lehrens und Lernens von Geschichte (Pandel 2013, S. 14– 16). Während die Geschichtswissenschaft ihrer geschichtsdidaktischen Dimension auch im Zeitalter des klassischen Historismus noch große Bedeutung zumaß – Johann Gustav Droysen hielt die didaktische Darstellungsweise für „die höchste Form der Geschichtsschreibung“ (Rüsen 1989, S. 79) überhaupt –, kam es spätestens seit dem Ende des 19. Jahrhunderts zu einem grundlegenden Wandel. Zum einen wurden Theorie und Didaktik der Geschichte im Kontext einer epochenspezifischen Spezialisierung der Lehrstühle und einer immer stärkeren Detailforschung an den Universitäten zunehmend marginalisiert. Zum anderen schritten die professionelle Differenzierung und die soziale Trennung zwischen Universitätshistorikern und Schulpraktikern (vgl. Jacobmeyer/Thünemann 2018) immer weiter voran, „was den bis dahin noch häufigen Wechsel von Gymnasiallehrern zur Universität und damit auch personell das didaktische Gewissen der Universitätswissenschaft einschränkte“ (Mütter 1995, S. 29–30). Diese Trennung äußerte sich auch darin, dass 1895 mit dem „Verband Deutscher Historiker“ und 1913 mit dem „Verband Deutscher Geschichtslehrer“ unterschiedliche Interessensvertretungen entstanden. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, blieb diese Konstellation bestehen, bis es in den 1970er-Jahren dann zu einer Wiederannäherung beider Seiten kam. Zu dieser Zeit befanden sich Geschichtswissenschaft und Geschichtsunterricht – nicht zuletzt angesichts massiver Theoriedefizite – in einer grundsätzlichen Legitimationskrise. „Wozu noch Historie?“ (Reinhart Koselleck) und „Geschichtsunterricht ohne Zukunft?“ (Hans Süssmuth) waren damals oft gestellte Fragen. Reformbedarf bestand angesichts dessen auch für die Geschichtsdidaktik, die sich lange Zeit weitgehend auf den Status einer unterrichtlichen Methodenlehre beschränkt hatte. Während der Reformbedarf unter den maßgeblichen Fachvertreterinnen und Fachvertretern unstrittig war, gab es hinsichtlich der Reformstrategien erheblichen Dissens. „Dieser Dissens hat sich in den 1970er Jahren in der Diskussion um die Hessischen Rahmenrichtlinien herausgebildet“ und bezog sich „im wesentlichen auf die Frage, ob geschichtsdidaktisches Denken primär von einer gesellschaftstheoretischen oder einer geschichtstheoretischen Grundlage auszugehen hätte“ (Kuss 1994, S. 753; vgl. Schreiber 2005). Vereinfacht formuliert stand auf der einen Seite neben Pandel und Bergmann vor allem Annette Kuhn, die stark durch die Kritische Theorie der Frankfurter Schule beeinflusst war und den Leitbegriff der Emanzipation als geschichtsdidaktische Zentralkategorie zu etablieren versuchte (Kuhn 1980). Die andere Position, die sich an den Prinzipien der Geschichtswissenschaft orientierte, ist vor allem mit den Namen Jeismann und Rüsen verbunden.
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Auf dem Mannheimer Historikertag 1976 profilierten Rüsen und Jeismann gemeinsam mit Rudolf Vierhaus Historik, Didaktik und historische Forschung als miteinander korrespondierende und aufeinander angewiesene, aber zugleich eigenständige Teile der Geschichtswissenschaft. Diese Festlegung ist seither weitgehend konsensfähig. Zwar sind neben den Sozial- und Kulturwissenschaften, der empirischen Bildungsforschung sowie anderen Fachdidaktiken (vgl. Rothgangel u.a. 2020) auch Psychologie und Erziehungswissenschaft weiterhin wichtige Bezugsdisziplinen; die Geschichtsdidaktik als „Brückenschlagsdisziplin“ oder als „Spezialfall der Allgemeindidaktik“ zu charakterisieren, gilt heute aber als weitgehend überholt (Schönemann 2014, S. 20–23).
3. Arbeitsfelder Die Geschichtsdidaktik hat wie wohl jede Fachdidaktik drei wesentliche Arbeitsfelder: Theorie, Empirie und Pragmatik. Als geschichtskulturelle Reflexionswissenschaft und „historische Metadisziplin“ (Deile 2014, Abschnitt 5; vgl. Bergmann/Schneider 1977, S. 73 und Lucas 1985, S. 165: „Reflexion zweiten Grades“) beschäftigt sie sich mit der Logik historischen Denkens und Erzählens. Insofern ergeben sich enge Bezüge zur Historik. In diesem Zusammenhang geht es für die Geschichtsdidaktik darum, ihre Erkenntnisinteressen, Methoden und Kategorien zu begründen und weiterzuentwickeln sowie „ihren spezifischen Ort im Gefüge der Wissenschaften zu bestimmen“ (Schönemann 2014, S. 13). Außerdem befasst sich die Geschichtsdidaktik mit der theoretischen Modellierung schulischer und außerschulischer historischer Lehr-Lernprozesse einschließlich ihrer Inhalte, Ziele, Methoden und Medien sowie ihrer gesellschaftlichen und individuellen Rahmenbedingungen. In diesem Bereich ist nicht zuletzt die Kooperation mit Erziehungswissenschaft und Psychologie von großer Bedeutung. Als Erfahrungswissenschaft interessiert sich die Geschichtsdidaktik für die empirische Erschließung historischer Denk- und Lernprozesse bzw. individuellen und gesellschaftlichen Geschichtsbewusstseins. Vor allem im Post-PISA-Zeitalter haben Intensität und Qualität geschichtsdidaktischer empirischer Forschung deutlich zugenommen (vgl. Sauer 2022). Entsprechende Analysen beziehen sich jedoch nicht nur auf gegenwärtige, sondern – wenn die Quellen dies zulassen – auch auf vergangene Geschichtsvorstellungen. Wesentlich stärker als andere Fachdidaktiken geht die Geschichtsdidaktik dabei über die Erforschung schulischen Unterrichts (vgl. Gautschi 2015) hinaus. Sie analysiert ebenso Orte, Formen und Praktiken der außerschulischen Geschichtskultur (vgl. Thünemann 2023). Das gilt sowohl für institutionali-
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sierte als auch für informelle Thematisierungen von Historischem. In beiden Fällen besteht das Ziel in der Erforschung historischer Bewusstseins- und Bildungsprozesse, in denen individuelle und gesellschaftliche Geschichtsvorstellungen aufgebaut und diskursiv ausgehandelt werden. Ein weiteres Forschungsfeld ist die eigene Disziplingeschichte (vgl. Heuer 2021). Als Handlungs- bzw. „Kommunikationswissenschaft“ (Schörken 1972, S. 81–82) verfolgt die Geschichtsdidaktik das Ziel, Prozesse historischen Denkens, Lernens bzw. die Entwicklung eines reflektierten Geschichtsbewusstseins pragmatisch zu fördern. Hier ergeben sich enge Bezüge zur Unterrichtsmethodik (vgl. GüntherArndt/Handro 2015; Thünemann 2022). Allerdings beschränkt sich die Geschichtsdidaktik auch im Bereich der Pragmatik nicht auf den Geschichtsunterricht. Außerschulische Handlungsfelder, wie z.B. Archive, Museen und Gedenkstätten, Film und Fernsehen sowie digitale Repräsentationen von Geschichte, spielen für die Geschichtsdidaktik bereits seit Längerem ebenfalls eine wichtige Rolle, nicht zuletzt deshalb, weil sie für schulische Lehr-Lernprozesse relevante Einflussfaktoren sind.
4. Aktuelle Herausforderungen Nachdem sich die Geschichtsdidaktik seit Mitte der 2000er-Jahre intensiv mit der theoretischen Modellierung und empirischen Messung historischer Kompetenzen befasst hat (vgl. Handro/Schönemann 2016), steht sie heute erneut vor grundlegenden Herausforderungen. Wenn man Geschichte als zeit- sowie perspektivengebundenes Konstrukt und historisches Lehren bzw. Lernen als diskursiven Austausch über unterschiedliche Geschichtsvorstellungen versteht, dann ist es erstens notwendig, den Problemen, aber insbesondere auch Chancen von Diversität größere Aufmerksamkeit zu schenken. Das betrifft Geschichtsunterricht, Lehrpläne und Schulbücher ebenso wie außerschulische Orte, Formen und Praktiken der Geschichtskultur. Eng verbunden damit ist zweitens die theoretische Begründung und praktische Gestaltung einer inklusiven Geschichtsdidaktik (vgl. Völkel 2017). Drittens geht es um die Frage, inwieweit es notwendig ist, historische Denk- und Lernprozesse zu dekolonialisieren. Thematisch steht dabei der vielfach verflochtene Umgang mit oft weitgehend verdrängten Vergangenheiten (v.a. Kolonialgeschichte) zur Diskussion. Theoretisch kommt es darauf an, zentrale geschichtsdidaktische Kategorien und Konzepte hinsichtlich ihrer normativen Implikationen und impliziten Sehepunkte kritisch zu überprüfen. In diesem Zusammenhang ist viertens auch eine weitere Internationalisierung der Geschichtsdidaktik sinnvoll. Fünftens sind die Auswirkungen der Digitalität zu nennen, die die Matrix der Geschichtsdidaktik (Wandel historischer
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Orientierungsbedürfnisse, Theorien historischen Denkens und Lernens, Methoden empirischer Forschung, Formen der Kommunikation über Geschichte) trotz ihrer hohen Flexibilität möglicherweise deutlich verändern werden. Das betrifft den Geschichtsunterricht ebenso wie den Umgang mit Geschichte in einer breiten Öffentlichkeit. Und nicht zuletzt geht es um eine Frage, die darüber hinaus auch die Geschichtswissenschaft insgesamt (wieder) zunehmend beschäftigt, nämlich wie politisch die Geschichtsdidaktik sein darf. Mit anderen Worten: Ist es angemessen, die Sphären der Wissenschaft und Politik bzw. der alltäglichen Lebenswelt so weit wie möglich voneinander zu trennen, oder sollte sich die Geschichtsdidaktik als geschichtskulturelle Reflexionsinstanz und kommunikative Handlungswissenschaft in aktuelle gesellschaftliche Kontroversen ganz bewusst einbringen? Wer Letzteres favorisiert, wird unterschiedliche historische Deutungsmuster nicht nur hinsichtlich ihrer Plausibilität prüfen, sondern ebenso versuchen wollen, selbst Orientierungsangebote zur Diskussion zu stellen, um politischen, kulturellen, ökonomischen und ökologischen Wandel dort, wo er notwendig erscheint (z.B. Diversität, Dekolonialisierung, Ressourcenverteilung, Klimawandel), vor dem Hintergrund historischer Erfahrungen und Erkenntnisse als Zukunftsoption gestaltbar zu machen.
Literatur Antenhofer, Christina/Kühberger, Christoph/Strohmeyer, Arno (Hg.): Digital Humanities in den Geschichtswissenschaften. Wien 2024. Barricelli, Michele: Narrativität. In: ders./Martin Lücke (Hg.): Handbuch Praxis des Geschichtsunterrichts. Bd. 1. Schwalbach/Ts. 2012, 255280. Bergmann, Klaus: Multiperspektivität. Geschichte selber denken. Schwalbach/Ts. 22008. Bergmann, Klaus/Schneider, Gerhard: Das Interesse der Geschichtsdidaktik an der Geschichte der Geschichtsdidaktik. In: Informationen zur erziehungs- und bildungshistorischen Forschung 8 (1977), 67–93. Bergmann, Klaus/Rüsen, Jörn: Zum Verhältnis von Geschichtswissenschaft und Geschichtsdidaktik. In: dies. (Hg.): Geschichtsdidaktik. Theorie für die Praxis. Düsseldorf 1978, 7– 13. Carretero, Mario/Berger, Stefan/Grever, Maria (Eds.): Palgrave Handbook of Research in Historical Culture and Education. London 2017. Deile, Lars: Didaktik der Geschichte. Version: 1.0. In: Docupedia-Zeitgeschichte, 27.01.2014. DOI: http://dx.doi.org/10.14765/zzf.dok.2.232.v1. Demantowsky, Marko: Die Geschichtsmethodik in der SBZ und DDR ihre konzeptuelle, institutionelle und personelle Konstituierung als akademische Disziplin 19451970. Idstein 2003. Gautschi, Peter: Guter Geschichtsunterricht. Grundlagen, Erkenntnisse, Hinweise. Schwalbach/Ts. 32015. Günther-Arndt, Hilke/Handro, Saskia (Hg.): Geschichts-Methodik. Handbuch für die Sekundarstufe I und II. Berlin 52015.
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Gundermann, Christine u.a.: Schlüsselbegriffe der Public History. Göttingen 2021. Handro, Saskia/Schönemann, Bernd (Hg.): Aus der Geschichte lernen? Weiße Flecken der Kompetenzdebatte. Berlin 2016. Heuer, Christian: Von Deutungskämpfen und den disziplinären Ordnungen der Diskurse. Versuch über die soziale Praxis ‚der‘ Geschichtsdidaktik. In: Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaften 32/2 (2021), 35–55. Jacobmeyer, Wolfgang/Thünemann, Holger (Hg.): Grundlegung und Ausformung des deutschen Geschichtsunterrichts. Schulische Diskurse zur Didaktik und Historik im 19. Jahrhundert. Berlin 2018. Jeismann, Karl-Ernst: Didaktik der Geschichte. Die Wissenschaft von Zustand, Funktion und Veränderung geschichtlicher Vorstellungen im Selbstverständnis der Gegenwart. In: Erich Kosthorst (Hg.): Geschichtswissenschaft. Didaktik – Forschung – Theorie. Göttingen 1977, 9–33. Köster, Manuel/Thünemann, Holger/Zülsdorf-Kersting, Meik (Eds.): Researching History Education. International Perspectives and Disciplinary Traditions. Frankfurt a.M. 22019. Kuhn, Annette: Geschichtsdidaktik in emanzipatorischer Absicht. Versuch einer kritischen Überprüfung. In: Hans Süssmuth (Hg.): Geschichtsdidaktische Positionen. Bestandsaufnahme und Neuorientierung. Paderborn 1980, 49–81. Kuss, Horst: Geschichtsdidaktik und Geschichtsunterricht in der Bundesrepublik Deutschland (1945/491990). Eine Bilanz, Teil I. In: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 45 (1994), 735–758. Lucas, Friedrich J.: Geschichte als engagierte Wissenschaft. Zur Theorie einer Geschichtsdidaktik. Hg. von Ursula A.J. Becher u.a. Stuttgart 1985. Meyer-Hamme, Johannes: Was heißt „historisches Lernen“? Eine Begriffsbestimmung im Spannungsfeld gesellschaftlicher Anforderungen, subjektiver Bedeutungszuschreibungen und Kompetenzen historischen Denkens. In: Thomas Sandkühler u.a. (Hg.): Geschichtsunterricht im 21. Jahrhundert. Eine geschichtsdidaktische Standortbestimmung. Göttingen 2018, 75–92. Mütter, Bernd: Entwicklungslinien geschichtsdidaktischen Denkens in Deutschland während des 19. Jahrhunderts. Geschichtswissenschaft Geschichtsunterricht Pädagogik. In: ders.: Historische Zunft und historische Bildung. Beiträge zur geisteswissenschaftlichen Geschichtsdidaktik. Weinheim 1995, 15–38. Pandel, Hans-Jürgen: Historik und Didaktik. Das Problem der Distribution historiographisch erzeugten Wissens in der deutschen Geschichtswissenschaft von der Spätaufklärung zum Frühhistorismus (17651830). Stuttgart/Bad Cannstatt 1990. Pandel, Hans-Jürgen: Geschichtsdidaktik. Eine Theorie für die Praxis. Schwalbach/Ts. 2013. Rothgangel, Martin u.a. (Hg.): Lernen im Fach und über das Fach hinaus. Bestandsaufnahmen und Forschungsperspektiven aus 17 Fachdidaktiken im Vergleich. Münster/New York 2020. Rüsen, Jörn: Lebendige Geschichte. Grundzüge einer Historik III: Formen und Funktionen des historischen Wissens. Göttingen 1989. Sandkühler, Thomas: Die Entstehung der Geschichtsdidaktik. Warum die 70er Jahre? In: Wolfgang Hasberg/Holger Thünemann (Hg.): Geschichtsdidaktik in der Diskussion. Grundlagen und Perspektiven. Frankfurt a.M. 2016, 415–434.
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Sauer, Michael: Geschichtsdidaktische Forschung. In: Stefan Haas (Hg.): Handbuch Methoden der Geschichtswissenschaft. Wiesbaden 2022. DOI: https://doi.org/10.1007/978-3658-27798-7_36-1. Schönemann, Bernd: Geschichtsdidaktik, Geschichtskultur, Geschichtswissenschaft. In: Hilke Günther-Arndt/Meik Zülsdorf-Kersting (Hg.): Geschichts-Didaktik. Praxishandbuch für die Sekundarstufe I und II. Berlin 62014, 11–23. Schörken, Rolf: Geschichtsdidaktik und Geschichtsbewußtsein. In: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 23 (1972), 81–89. Schreiber, Waltraud: Schulreform in Hessen zwischen 1967 und 1982. Die curriculare Reform der Sekundarstufe I. Schwerpunkt: Geschichte in der Gesellschaftslehre. Neuried 2005. Thünemann, Holger: Geschichtskultur revisited. Versuch einer Bilanz nach drei Jahrzehnten. In: Thomas Sandkühler/Horst Walter Blanke (Hg.): Historisierung der Historik. Jörn Rüsen zum 80. Geburtstag. Köln 2018, 127–149. Thünemann, Holger: Erkenntnisse zu Unterrichtsmethoden im Geschichtsunterricht. In: Georg Weißeno/Béatrice Ziegler (Hg.): Handbuch Geschichts- und Politikdidaktik. Wiesbaden 2022, 205–218. Thünemann, Holger: Geschichtskultur in der Pluralität der Zeiten. In: Zeitschrift für Geschichtsdidaktik 22 (2023), 41–55. Thünemann, Holger/Johannes, Jansen: Learning to think historically. In: Manuel Köster/Holger Thünemann/Meik Zülsdorf-Kersting (Eds.): Theory of the History Classroom. Frankfurt a.M. 2022, 62–91. Völkel, Bärbel: Inklusive Geschichtsdidaktik. Vom inneren Zeitbewusstsein zur dialogischen Geschichte. Schwalbach/Ts. 2017.
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Begriff und Konzept Der Begriff des Geschichtsbewusstseins ist in den unterschiedlichen geschichtskulturellen Handlungsfeldern allgegenwärtig. Er findet dort gleichzeitig als normative Setzung, empirischer Gegenstand und theoretisches Konzept Verwendung. Als umbrella term ist er schlichtweg nicht „wegzudenken“ (Straub 1998, S. 89): Mit ihm wird Geschichtspolitik betrieben, werden private und staatliche Bildungsprogramme und Curricula legitimiert, er ist als „Leitbegriff“ (Jeismann 2000, S. 47) Ziel und Aufgabe des schulischen und außerschulischen Geschichtslernens und als heuristisches Konzept, ideengeschichtliches Konstrukt sowie symbolische Ordnung in allen drei Teildimensionen der Geschichtswissenschaft Gegenstand internationaler historischer (vgl. bspw. Tomann 2017), geschichtstheoretischer und geschichtsdidaktischer Forschungen (vgl. bspw. aus internationaler Perspektive die Beiträge in Clark/Peck 2019). Im Kontext dieser primär geschichtstheoretischen und -didaktischen Forschungen wurden in den vergangenen Jahrzehnten mehrere theoretische Modellierungen und Erweiterungen des Konzepts Geschichtsbewusstsein vorgelegt, für welche die Unterscheidung in „strukturanalytische“, „funktionstypologische“ und „genetische“ Ansätze vorgeschlagen wurde (Schönemann 2012, S. 102). Bei aller terminologischer Verschiedenheit, die sich wohl in erster Linie aus den unterschiedlichen, etwa ontologischen, ontogenetischen oder pragmatischen Erkenntnisinteressen der Autoren ergibt, gehen die einzelnen Modellierungen dabei von ganz ähnlichen theoretischen Grundannahmen aus, bauen zum Teil aufeinander auf und lassen inter-, intradisziplinäre sowie transkulturelle Anschlussmöglichkeiten zu. Zusammenfassend lässt sich Geschichtsbewusstsein dann als ein sich bewusst und/oder unbewusst vollziehender, rational bis irrational verlaufender, mentaler Konstruktionsprozess verstehen, mit dem sich Individuen durch historisches Denken in Zeitverläufen orientieren (vgl. Pandel 2022, 80-81). Indem das Individuum im Modus des historischen Erzählens und im „Medium der Erinnerung“ (Rüsen 1983, S. 57) aus den „Geschehnissen der Vergangenheit eine Geschichte für die Gegenwart macht“ (Rüsen 2001,
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S. 224), wird vergangenes Geschehen so als präsente Sinn-Manifestation, als Geschichte gedeutet, dass mit ihr Gegenwart analysiert und verstanden sowie Zukunft erwartet sowie Perspektiven der Orientierung entworfen werden können (Rüsen 1983, S. 69; Jeismann 1985; Pandel 2017, S. 135;): „Geschichtsbewußtsein ist der Ort, wo historisches Wissen immer schon eine praktische Funktion hat“ (Rüsen 1994, S. 47). Das Phänomen umfasst dabei historisches Wissen, Motive des Geschichtsinteresses, damit verbundene Emotionen sowie domänenspezifische Kompetenzen historischen Denkens. Es wurde in unterschiedlichen Operationen (vgl. bspw. Analyse, Sachurteil, Wertung bei Jeismann 1978), Formen, Genesen, Typologien und Sinnbildungsmustern (vgl. bspw. traditional, exemplarisch, kritisch, genetisch bei Rüsen 1989) sowie in Dimensionen, Stufen (vgl. Borries 1988) und Kategorien (vgl. bspw. die „Doppelkategorien“ bei Pandel 1987) modelliert und ausgearbeitet. Das Konzept Geschichtsbewusstsein umfasst so einen ganzen „Bedeutungshof“ (Kölbl 2004, S. 25;), der u.a. die Begriffe des „Geschichtsverlangen[s]“, „Geschichtsbild[s]“ (Jeismann 1988, S. 12) und des historischen Denkens beinhaltet. Der dynamische Prozess des Geschichtsbewusstseins als „Sinnbildung über Zeiterfahrung“ (Rüsen 1983, S. 51) wird dabei einerseits durch die jeweiligen symbolischen und sozialen Ordnungen der das Individuum rahmenden Gesellschaft beeinflusst und geprägt und andererseits wird das individuelle Geschichtsbewusstsein in der das Individuum umgebenden Geschichtskultur, ihren Orten, Medien und Handlungsvollzügen praktisch. Geschichtsbewusstsein lässt sich dann also nicht als statische Größe verstehen, die ist, sondern als ein dynamisches Konzept begreifen, das ein Individuum hat (Jeismann 2000, S. 51) und welches sich in der Kommunikation mit seinen „Außendimensionen“ (Kölbl 2004, S. 32), dem kulturellen und kommunikativen Gedächtnis, in Sozialisations-, Entwicklungs-, Internalisierungs- sowie Lernprozessen bildet und entwickelt (vgl. Kölbl 2022, S. 64; Pandel 2017, S. 135). In dieser engeren Verwendung rücken dann die Relationen zwischen kollektiv-geteilten Repräsentationen der Vergangenheit, ihren inhärenten Deutungsangeboten als Geschichte(n) und deren Rezeption und Aneignung durch das Individuum, „the use of history“ (Nordgren 2016, S. 481) ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Nämlich in die der Geschichtsdidaktik als „Auswirkungswissenschaft“ (Schörken 1972, S. 82), die sich für das „Geschichtsbewusstsein in der Gesellschaft“ interessiert und danach fragt, wie und zu welchem Zweck die vergangene Welt in Geschichte(n) gedeutet, erklärt und verstanden wird, wie sich dadurch historische Identitäten bilden und welche subjektivierenden und kollektiven Auswirkungen sich zeigen: „Ausgangspunkt einer solchen Geschichtsdidaktik ist nicht allein der Stoffbereich Geschichte, sondern sind die vielfältigen Beziehungen zwischen diesem Sachfeld Geschichte und dem Subjekt, das es mit der Rezeption der Geschichte zu tun hat. Gegenstand der
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Geschichtsdidaktik ist also der Vermittlungsprozeß zwischen Subjekt und Objekt, sie hat es gleichermaßen mit beiden Polen wie auch mit dem gesellschaftlichen Umfeld zu tun, in dem sich dieser Vermittlungsprozeß vollzieht.“ (Schörken 1972, S. 82)
Fundament, Schlüssel, Anker- und Metaphernspiele Auch wenn der Begriff des Geschichtsbewusstseins bzw. des historischen Bewusstseins nicht nur in der deutschsprachigen Geistesgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts und in unterschiedlichen Disziplinen wie etwa der Psychologie (vgl. Kölbl 2004; Straub 1998) seine eigene Rezeptionsgeschichte hat, hat er vorrangig innerhalb der Geschichtstheorie und insbesondere im Kontext der deutschsprachigen Geschichtsdidaktik als Wissenschaft vom historischen Lernen und Lehren und im schulischen Geschichtsunterricht eine erstaunliche, gar „beängstigende“ (Borries 1998, S. 139) Karriere gemacht. Innerhalb nur weniger Jahrzehnte ist er dort als „zentrale Kategorie“ (Jeismann 1985) durch Akteur:innen, Medien und Praktiken fest etabliert worden (vgl. Jeismann 2000, S. 46). So findet sich gegenwärtig zum einen die Förderung des Geschichtsbewusstseins als Zielformulierung historischen Lehrens und Lernens in der Schule explizit und implizit in nahezu allen Bildungsplänen der Bundesrepublik (Kölbl/Konrad 2015, S. 23) wie auch in den Curricula von Österreich und der Schweiz; und zum anderen hat der Begriff innerhalb des disziplinären Zusammenhangs der Geschichtsdidaktik seine zentrale Bedeutung als „Hauptbezugspunkt in Forschung und Lehre“ (Memminger 2021, S. 10) für die disziplinäre Selbstverständigung, die Konstruktion eines domänenspezifischen Gegenstandsbereichs und für die theoretischen (vgl. Schönemann 2012), empirischen (vgl. Kölbl 2012) und pragmatischen Forschungen der Geschichtsdidaktik im Zuge dieser Jahrzehnte, trotz oder gerade wegen eines „Unbehagens“ (van Norden 2018, S. 10-15), nicht verloren (Rüsen 1994, S. 23-24). Es lässt sich plausibel argumentieren, dass spätestens ab Ende der 1990er-Jahre sukzessive die Gesamtheit des disziplinären geschichtsdidaktischen Wissens, ihre Kategorien, Prinzipien, Begriffe und Konzepte, um den „Ankerbegriff des Geschichtsbewusstseins“ (Borries 1998, S. 139) herum gruppiert wurden. Die Frage, „Leerformel oder Fundamentalkategorie?“, die Joachim Rohlfes noch Mitte der 80er-Jahre stellen konnte (1986), hat der geschichtsdidaktische Diskurs, trotz aller Kritik an den verschiedenen konzeptionellen Modellierungen, längst beantwortet. Das Konzept Geschichtsbewusstsein ist der „Schlüssel“ zum disziplinären Wissen (vgl. Gundermann et al. 2022, S. 186) und die hegemoniale Ordnung des deutschsprachigen geschichtsdidaktischen Diskurses. Es ist
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längst theoretisches Fundament, die Erforschung des mit dem Begriff Geschichtsbewusstsein bezeichneten Phänomenbestands zentrale Aufgabe empirischer Forschungen und die Förderung eines „reflektierten Geschichtsbewusstseins“ normatives Ziel einer pragmatisch ermöglichenden Geschichtsdidaktik im deutschsprachigen Raum (Sauer 2022; Köster/Thünemann/Zülsdorf-Kersting 2019, S. 9). Spätestens ab Mitte der 90er-Jahre hat sich mit den Übersetzungen etwa der Schriften Jörn Rüsens, Bodo von Borries und Jürgen Straubs ins Englische das Geschichtsbewusstsein als eines der key-concepts der history education auch international etablieren können. Auch wenn es dort etwa mit dem historical understanding (vgl. Simon/Deile 2022), historical reasoning (vgl. Boxtel/Drie 2018) und dem historical thinking (vgl. Seixas 2017, S. 61-63) einflussreiche und eigenständige Konzeptionen gibt, wird die deutschsprachige Theorie des Geschichtsbewusstseins seit mehreren Jahren breit rezipiert (vgl. Baildon/Afandi 2018, S. 48-51). Nicht zuletzt aufgrund der theoretischen Überschneidungen (vgl. Metzger/Harris 2018, S. 5) und empirisch-messbaren Korrelationen (Duquette 2015, S. 61) zwischen den Ansätzen der deutschsprachigen Geschichtsdidaktik und den eher pragmatischen Zugriffen der anglophonen geschichtsdidaktischen Forschungen (vgl. Thünemann/Jansen 2018, S. 78) hat das Konstrukt Geschichtsbewusstsein die internationale scientific community trotz Übersetzungsschwierigkeiten (vgl. Körber 2017; 2016) als travelling concept (vgl. Neumann/Nünning 2012) erreicht und nachhaltig inspiriert (vgl. die angeführte Literatur bei Popa 2022).
Disziplin- und wissensgeschichtliche Einordnung Auch wenn die „Ausformung“ (Sauer 2022) bzw. „Etablierung“ (Gundermann et al. 2022, S. 186) des Konzepts dem Common Sense entsprechend zumeist dem Münsteraner Geschichtsdidaktiker Karl-Ernst Jeismann zugeschrieben wird (vgl. Thünemann/Jansen 2018, S. 79) oder auf den „Jeismann/Rüsen-Ansatz“ (Borries 1998, S. 139) verwiesen wird, so muss doch aus einer wissensgeschichtlichen Perspektive angemerkt werden, dass sich solche Erzählungen über die Prägekraft einzelner Wissenschaftler:innen nur bedingt empirisch plausibilisieren lassen. Ähnliches gilt auch für den geschichtsdidaktischen Erinnerungsort „Mannheim 1976“, auf dem sich die Geschichtsdidaktik nach dem disziplingeschichtlichen Masternarrativ zufolge auf ihr zentrales Aufgabengebiet, das „Geschichtsbewusstsein in der Gesellschaft“ (Jeismann 1977, S. 12), einigen konnte. Letztlich sind diese disziplingeschichtlichen Setzungen Ergebnisse historischer Sinnbildung und dienen in erster Linie der Legitimation nach außen und der Stabilisierung nach innen.
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Auch wenn eine diskursanalytisch informierte Wissensgeschichte des Geschichtsbewusstseins ganz im Gegensatz zu einer hermeneutisch argumentierenden, regelrecht philologisch verfahrenden Studie (Norden 2018) nach wie vor fehlt (vgl. Weber 2020), muss doch darauf hingewiesen werden, dass sich weder disziplinäres Wissen noch eine „Zentral- oder Fundamentalkategorie“ (Jeismann 1997, S. 42) wie das Geschichtsbewusstsein durch einzelne Personen „etablieren“ oder „ausformen“ lassen, sondern dass die Generierung disziplinären Wissens auf Prozesse der Zirkulation und Rezeption angewiesen ist (vgl. Sarasin 2011, S. 164). Auch das Konzept des Geschichtsbewusstseins musste medial codiert, verbreitet, gespeichert, als „wahr“ anerkannt und rezipiert werden, sich also immer wieder neu realisieren, um als „zentrale Kategorie“ im geschichtsdidaktischen Diskurs zu funktionieren. So dauerte es nur wenige Jahre, bis es der Begriff „Geschichtsbewußtsein“ (Schörken 1972, S. 88) von der erstmaligen Erwähnung im Kontext einer disziplinären Geschichtsdidaktik bis zur theoretisch-profilierten Wissensordnung in das „Handbuch der Geschichtsdidaktik“ geschafft hatte (vgl. Jeismann 1979, S. 42-45). In Zeiten der „Theoriebedürftigkeit“ (Koselleck 1972) der Geschichte versprach der Begriff mit seiner Unschärfe, seinen geistesgeschichtlichen und politischen Traditionen, nicht zuletzt auch durch seine Domänenspezifik und die geschichtswissenschaftlichen Bezüge (vgl. Schieder 1974) eine deutlich größere Reichweite und Anschlussfähigkeit als der gleichzeitig diskutierte Begriff der „Emanzipation“, (vgl. Jeismann 2000, S. 55-57). Diese diskursive Etablierung wurde jedoch erst möglich, als eigene Kommunikationsstrukturen und -organe (etwa die 1976 erstmalig erschienene Zeitschrift „Geschichtsdidaktik“) zur Verfügung standen, mit denen diese Ordnungen verbreitet werden konnten. Insofern stellten die 70er Jahre wohl wirklich einen Bruch dar, einen Moment, in dem sich die verschiedenen strukturellen, kulturellen und biographischen Umstände „bündelten“ (Sandkühler 2014, S. 338). In diesem Zwischenraum fand die Geschichtsdidaktik im Geschichtsbewusstsein ihr „Paradigma“ (Deile 2014), ohne davon zum damaligen Zeitpunkt wissen zu können. Die Etablierung des Geschichtsbewusstseins als hegemonialer Ordnung des geschichtsdidaktischen Diskurses lässt sich somit wohl nicht allein anhand der Konstruktion von Vorläufern und der des multidisziplinären Bezugsfeldes (vgl. Grever/Adriaansen 2019, S. 815) erklären, auch nicht durch die disziplingeschichtlichinformierte Erarbeitung einer „präzisere[n] Definition“ (Norden 2018, S. 13), sondern muss in ihrem diskursiven Kontext als Effekt der wissenschaftlichen – und hochgradig sozialen (Fleck 2011, S. 374-375) – Praxis der Geschichtsdidaktik zwischen den 1970er- und 2000er-Jahren analysiert werden, in der es in erster Linie um
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das Streben nach Autonomie und Anerkennung als wissenschaftlicher Disziplin der Geschichtswissenschaft ging. Mit einem solchen wissensgeschichtlich informierten praxistheoretischen Ansatz lässt sich die diskursive Etablierung des Geschichtsbewusstseins als ein epistemisches Verfahren in konkreten sozialen Konstellationen verstehen (Schmidt 2016), das ohne die Anderen, die soziale Eingebundenheit der verschiedenen Theoretiker:innen und ohne das Ringen um Autonomie als wissenschaftliche Disziplin und Anerkennung als Teildimension der Geschichtswissenschaften nicht zu verstehen ist (vgl. Heuer 2021). Das Geschichtsbewusstsein der Geschichtsdidaktik lässt sich damit als Produkt einer konkreten sozial-historischen Konstellation (Mulsow 2005, 84) betrachten, die das disziplinäre geschichtsdidaktische Wissen sowie den Raum des geschichtsdidaktischen Diskurses konstituierte, der wiederum die Geschichtsdidaktik in ihrem Handlungsfeld als soziale Praxis bis heute bestimmt (vgl. Foucault 2018, S. 43). Mit diesem Zugriff ließen sich dann gleichzeitig auch die unlängst artikulierten Bedenken gegenüber einer „ahistorischen“ Verwendung des Konzepts (vgl. Grever/Adriaansen 2019, S. 817) und der damit einhergehenden Objektivierung eines Modells, das in „theoretischen Verschriftungsspielen“ (Bourdieu 1993, S. 169) konstruiert wurde, begegnen.
Geschichtsbewusstsein weiterdenken – Perspektiven Folgt man den zeitdiagnostischen Entwürfen, dann erscheint es so, dass aus der Perspektive unserer krisenhaften Zeiten der Gegenwart, die Hoffnung, durch historisches Denken Ordnung herzustellen und historischen Sinn zu bilden, Einheit in der Vielfalt zu generieren, um Sicherheit in der Gegenwart und Orientierung für die Zukunft zu gewährleisten, spätestens jetzt – in Zeiten der (Post)Digitalität, des Krieges, der Pandemie, des globalen Klimawandels und Artensterbens, weltweiter Wanderungsbewegungen und Nahrungsmittelknappheiten – an ihr Ende gelangt ist. In den 80er-Jahren wurde bereits prognostiziert, dass „unser Zukunftshorizont […] zur Bedrohung [gerät], wenn wir ihn – ohne Verdrängung – aus jenen Erwartungen konstituieren, die das historische Bewusstsein liefert […]“ (Gumbrecht 2012, S. 23). Auch die großen Ordnungen der Wissenschaften sind von dieser sozialen und kulturellen Krise betroffen. Und nicht nur das, auch poststrukturalistische und postkoloniale Theorien und Ansätze stellen fundamentale Herausforderungen für das Selbstverständnis der Geschichtswissenschaften und ihrer zentralen Ordnungen etwa des Geschichtsbewusstseins dar (vgl. Tschiggerl/Walach/Zahlmann 2019, S. 4-5). Der vorausgesetzte „Zusammenhang von Vergangenheitsdeutung, Gegenwartsverständnis
5.2 Geschichtsbewusstsein
325
und Zukunftsperspektive“ (Jeismann 1997, S. 42) scheint sich gegenwärtig zunehmend aufzulösen. Zeit, Orientierung, historische Identität und historischer Sinn werden selbst zu Problemen (vgl. Latour 2019). Seit einer Reihe von wissenschaftstheoretischen Arbeiten, etwa von Ludwik Fleck oder Gaston Bachelard, wissen wir, dass Wissensordnungen, also die „kognitiven Schemata unserer Beobachtungen“ (Reckwitz 2003, S. 289), eben nicht unproblematisch sind. Vielmehr haben sie selbst Geschichte, sind also standort- und theorieabhängig, können und müssen sich unter verschiedenen Perspektiven und in unterschiedlichen sozio-kulturellen Kontexten grundlegend ändern, müssen modifiziert und adaptiert werden oder gänzlich verschwinden. Auch das Geschichtsbewusstsein selbst ist ein solches Konzept mit Geschichte. Seine theoretischen Modellierungen sind eng verbunden mit dem Gedankeninventar der westlichen Moderne und dem europäischen Projekt der Aufklärung (vgl. Seixas 2017, S. 68). Und dieses „Echo“ (Hans-Georg Gadamer) hallt nach, wenn wir gegenwärtig versuchen, ohne wissenschaftliche Reflexivität das Konzept weiter zu verwenden. Inwiefern es gelingt, das Konzept des Geschichtsbewusstseins an diese Bedingungen anzupassen, es zu modifizieren, so dass es etwa auch als transkulturelles Konzept dazu dienen kann, indigene Zeitorientierungen zu verstehen (vgl. Clark/Peck 2019, S. 3) oder die verschiedenen Geschichten-Bewusstseinsformen unterschiedlicher sozialer, kultureller Milieus und marginalisierter Gruppen zu erfassen, ohne sie mit den methodologischen und symbolischen Ordnungen zu kolonialisieren, sind nur zwei der derzeit wichtigsten Fragen, die sich an die Modifikation des Konzepts des Geschichtsbewusstseins stellen. Ein Blick in die vergangenen Jahrzehnte lässt Resignation jedoch nicht zu. Denn trotz aller Kritik am umbrella term des Geschichtsbewusstseins, den normativen Setzungen seiner theoretischen Modellierungen, den bis heute noch fehlenden empirischen Erkenntnissen und vernachlässigten pragmatischen Operationalisierungen (vgl. bspw. Pandel 2021; Rein 2021, S. 342-343; Grever/Adriaansen 2019, S. 815; Rüsen/Völkel 2017, S. 230-234; Thünemann 2014; Torstendahl 2011, S. 58) hat sich das Konzept wohl gerade aufgrund seiner partiellen Unschärfe und generellen Offenheit, seines „weiten geistigen Horizont[es]“ (Thünemann/Jansen 2018, S. 80) in den letzten Jahren erstaunlich resistent gegenüber Kritik sowie sich anschlussfähig gegenüber subjektorientierten (vgl. Ammerer/Hellmuth/Kühberger 2015), kompetenz- (vgl. Körber 2022), system- (vgl. Köster/Thünemann/Zülsdorf-Kersting 2022) und jüngst praxistheoretischen (vgl. Schmitz-Zerres 2019) Innovationen gezeigt Gerade in Momenten der Krise, etwa in der Krise der Geschichte in den 70erJahren, hat sich die Bedeutungsüberladung (vgl. Bachelard 1980, S. 153) des Begriffs, eigentlich ein Problem, als seine größte Stärke erwiesen. Er ist offen, unscharf, wandlungsfähig und veränderungsbedürftig, nicht feststehend, sondern dynamisch.
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Noch, so scheint es, ist also längst nicht die Zeit gekommen, um sich vom Geschichtsbewusstsein zu verabschieden (vgl. Thünemann 2014).1
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1
Ich danke meiner Mitarbeiterin Hannah Van Reeth für die tatkräftige Unterstützung.
5.2 Geschichtsbewusstsein
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5.2 Geschichtsbewusstsein
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Tschiggerl, Martin/Walach, Thomas/Zahlmann, Stefan: Geschichtstheorie. Wiesbaden 2019. Weber, Phillipe: Rezension zu: Norden, Jörg van: Geschichte ist Bewusstsein. Historie einer geschichtsdidaktischen Fundamentalkategorie. Frankfurt a.M. 2018. In: H-Soz-Kult, 30.07.2020, .
5.3 Bildung Thomas Sandkühler
Bildung Wilhelm v. Humboldt verstand unter Bildung die intentionale Verknüpfung des per se vielgestaltigen (sozusagen ‚diversen‘), je individuellen Ichs mit der Welt. Für Theodor W. Adorno war Bildung Kultur nach der Seite ihrer subjektiven Zueignung (Sander 2011, 23). Der Politikdidaktiker Wolfgang Sander versteht unter Bildung Kontingenzbewältigung – besser wohl: die Fähigkeit dazu – unter Nutzung der kulturellen Überlieferung. Sander schließt an die philosophische Hermeneutik HansGeorg Gadamers an, indem er Unvorhersehbarkeit (Kontingenz) als Problem und den Wirkungszusammenhang der Überlieferung als dessen Lösung im Rahmen der Kulturwissenschaften bezeichnet (ebd., 23 f.). Die moderne Kompetenzdiskussion zielt auf Domänen statt auf Einzelfächer. Der Bindestrichbegriff der historisch-politischen Bildung verdeckt häufig, dass zwischen Politik- und Geschichtsdidaktik kein Konsens über ein gemeinsames Bildungsverständnis besteht (Weißeno/Ziegler 2022). Die Geschichtswissenschaft verfolgt seit geraumer Zeit kulturwissenschaftliche Interessen, wie der Schlüsselbegriff der Geschichtskultur verdeutlicht. Im Anschluss an die verstehende Soziologie Max Webers, auf die sich der Begriff der Kulturwissenschaft maßgeblich stützt, kann man die Geschichtswissenschaft als hermeneutische Disziplin definieren, die es wesentlich mit menschlichem Handeln und seiner Selbst- und Fremddeutung zu tun hat.
Historische Bildung Die Lehr- und Literaturgattung der historisch-methodologischen Enzyklopädien, für die sich seit Mitte des 19. Jahrhunderts der Begriff „Historik“ eingebürgert hat, war zu wesentlichen Teilen historische Bildungstheorie. Während ausgangs des 18. Jahrhunderts „Didaktik“ noch ganz konventionell als Lehrkunst im Rahmen der Pädagogik definiert wurde (Köster [1783] 2003, 34), widmete Johann G. Droysen der his-
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torischen Bildung, hier verstanden als Selbstbildung des denkenden Individuums, breiten Raum. Geschichte war ihm „Bewußtwerden und Bewußtsein der Menschheit über sich selbst“ (Droysen [1882] 1977, 444). In der didaktischen Darstellung konnte er wegen ihres Fokus auf „dem Gedanken der großen geschichtlichen Kontinuität, nach seiner für die Gegenwart lehrhaften Bedeutung“ (ebd., 447), die Erfüllung seiner Topik erblicken: „Die durchgemachte geistige Übung ist Bildung“ (ebd.). Lessings Ruf nach der Erziehung des Menschengeschlechts war für Droysen stoffbestimmend für die didaktische Darstellung, die in der historischen Unterrichtung der Jugend ihre zweckmäßige Form finden sollte (ebd., 447 f.). Die geisteswissenschaftliche Didaktik hat im Anschluss an Dilthey historische Bildung idealistisch konzipiert. Für Erich Weniger gingen Mitte der 1920er Jahre Geschichte und Politik sowie Politik und Erziehungswissenschaft eine untrennbare Verbindung ein, weil der Staat als Bildungsmacht eigenen Rechts – nicht aber die Geschichtswissenschaft – durch Lehrpläne auf das Geschichtsverständnis der Jugend einwirke. Die positiv bewertete europäische Beherrschung der Welt gab für Weniger noch 1949 geeigneten Lehrstoff ab, und er hielt an der reformpädagogischen Auffassung fest, die am besten geeignete didaktische Darstellungsform sei die Lehrergeschichtserzählung (Weniger 1926, 1949; Mütter 1997, 335-338). (Droysen [1882] 1977, 446-448, hatte wohlweislich die erzählende von der didaktischen Darstellung getrennt.) In dem Maße, wie sich die westdeutsche Geschichtswissenschaft von ihrer positivistischen Erblast befreite und sich zu den Sozialwissenschaften öffnete, wurden Wenigers Absage an die Historik und sein Vertrauen in den Staat in Zweifel gezogen. Konzepte „geschichtlicher Bildung“, die geschichtsunterrichtliche „Gewissensbildung [als] Herzkammer und Krönung historischer Unterweisung“ sehen wollten, fanden wegen ihrer Politik- und Gesellschaftsferne kaum Widerhall (hierzu Rohlfes 1997, 182). Der universitäre Institutionalisierungserfolg einer an die Gesellschaftsgeschichte anschließenden Geschichtsdidaktik ging mit der Abgrenzung von der Erziehungswissenschaft einher, nachdem die pädagogische Curriculumtheorie ihren Zenit überschritten hatte (Bergmann u.a. 1997, 325-375). Joachim Rohlfes betrachtete die Geschichtsdidaktik als Brückendisziplin zwischen Geschichtswissenschaft und Pädagogik (Rohlfes 1997, 17-22), arbeitete aber keine eigenständige Konzeption historischer Bildung aus. Jörn Rüsens Wiederbelebung der Historik-Tradition umfasste auch die Geschichtsdidaktik. In der Nachfolge Humboldts definierte er Bildung als „Ensemble von Kompetenzen der Welt- und Selbstdeutung, das ein Höchstmaß an Handlungsorientierung mit einem Höchstmaß an Selbsterkenntnis verbindet und damit ein Höchstmaß an Selbstverwirklichung oder Identitätsstärke ermöglicht“ (Rüsen 1989,
5.3 Bildung
333
85). Historische Bildung war für ihn gleichbedeutend mit der Rezeption und dem praktischen Gebrauch vernunftmäßig erzeugten historischen Wissens (ebd., 92-94). Insgesamt hat aber die Geschichtsdidaktik Bildungsfragen nicht allzu viel Aufmerksamkeit gewidmet. Das erklärt sich aus der für notwendig gehaltenen Abgrenzung zur Erziehungswissenschaft, deren Autonomieansprüche der Entfaltung des Fachs als gleichberechtigte Subdisziplin der Geschichtswissenschaft (neben Geschichtstheorie und Geschichtsforschung) im Wege standen. Klaus Bergmann und Jörn Rüsen konnten Ende der 1970er Jahre noch formulieren, Geschichtsdidaktik sei die Wissenschaft von den „Lehr- und Lernprozesse[n], Bildungs- und Selbstbildungsprozesse[n] an und durch Geschichte“, was weitgehend Droysens Auffassung entsprach (1978, S. 9). Das „Handbuch der Geschichtsdidaktik“ enthielt aber keine Lemmata „Bildung“ oder „historische Bildung“, und Bernd Mütters Appell in der letzten Auflage des Handbuchs (Mütter 1997, 338 f.), das fortbestehende Potenzial der geisteswissenschaftlichen Didaktik unvoreingenommen zu prüfen, verhallte weitgehend ungehört. Daran hat sich nichts Wesentliches geändert: Ebenso wie die Politikdidaktik (dazu Sander 2011, 23) hat sich die Geschichtsdidaktik von bildungstheoretischen Grundsatzdebatten (Autorengruppe Fachdidaktik 2011) ferngehalten.
Aktuelle Herausforderungen Historische Bildung ist neuerdings als ein „durch edukative Maßnahmen ermöglichte[r] biographische[r] Prozess“ beschrieben worden, „in dessen Verlauf sich Menschen reflexiv in Zeit und Raum durch historisches Erzählen im Spannungsfeld von geschichtskultureller Teilhabe und individueller Lebenspraxis“ selbst verorteten (Heuer 2021, 17). Dieser Akzent auf Sozialisation, Ich- und Identitätsbildung lässt sich zwanglos aus der bildungstheoretischen Tradition ableiten. Zweifelhaft ist aber die These, dieser Bildungsprozess könne allein durch historisches Erzählen erfolgen. Jörn Rüsen hat in der Erstfassung seiner „Historik“ historische Bildung mit der „‚narrativen Kompetenz‘ des Geschichtsbewußtseins“ und der „Fähigkeit zu einer bestimmten narrativen Sinnbildung“ (Rüsen 1989, 93) gleichgesetzt. Die Besonderheit dieser Sinnbildung bestand für ihn darin, „die immer wieder und immer wieder neu im aktuellen Lebensprozeß einströmenden Erfahrungen zeitlichen Wandels auf dem durch die Geschichtswissenschaft repräsentierten kognitiven Niveau geistig in die historische Orientierung dieser Lebenspraxis immer wieder und immer wieder neu (also: produktiv) einzuarbeiten“ (ebd., 93 f.) Warum aber sollte diese Orientierung in narrativen Formen oder gar allein in ihnen stattfinden?
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In der überarbeiteten Neuauflage seiner Historik hat Rüsen historische Bildung anders begründet und den früheren Konnex zwischen Narrativität und historischer Bildung aufgelöst. Letztere erscheint dort, wie bei Droysen, (wieder) als praktische Geschichtsphilosophie in der Tradition des Humanismus von Humboldt und Herder (Rüsen 2013, 142-146). Der Verfasser betont den politischen Gehalt der praktischen Geschichtsphilosophie, weil sie die Dynamik der Moderne an konsensfähige Zielbestimmungen des gesellschaftlichen Zusammenlebens binde. Damit kommen lange ins Hintertreffen geratene Fragen von Macht und Handlungsfähigkeit in den Blick. Wenn nämlich mit Habermas‘ Lektüre von Gadamer „hermeneutisches Verstehen transzendental notwendig auf die Artikulierung eines handlungsorientierenden Selbstverständnisses bezogen ist“ (Habermas [1967] 1982, 295), kann retrospektive Sinnbildung nur derjenige vornehmen, der handeln kann, das gilt von der Mikrogeschichte bis zur Globalgeschichte. Rüsens Plädoyer für eine erneuerte Geschichtsphilosophie wirft also die Frage nach dem Verhältnis zwischen einer Theorie historischer Bildung in weltbürgerlicher Absicht und der narrativen Geschichtstheorie auf. Die in der gegenwärtigen Geschichtsdidaktik als narrative Kompetenz bezeichnete Fähigkeit zur „Sinnbildung über Zeiterfahrung“ ist wesentlich Hermeneutik, hier verstanden als retrospektiv-perspektivische Deutung eines historischen Ereigniszusammenhangs durch Sinnverstehen. Arthur C. Dantos analytische Philosophie der Geschichte ist als transatlantischer Kommentar zur philosophischen Hermeneutik gelesen worden (Baumgartner 1972, Danto 1974, Habermas [1967] 1982); hier kann wieder angeschlossen werden. Die häufig Danto zugeschriebene These, Erzählungen wiesen Ereignisse als Elemente von Geschichten aus, gäben ihnen also rückblickend den Rahmen, der sie sinn- und bedeutungsvoll macht, findet sich explizit schon bei Gadamer: „Nicht, wie überhaupt Zusammenhang erlebbar und erkennbar ist, ist das Problem der Geschichte, sondern wie […] solche Zusammenhänge erkennbar sein sollen, die niemand als solche erlebt hat“ (zit. n. ebd., 289). Diese Erkennbarkeit von Zusammengängen aus der Retrospektive tritt alltagssprachlich in einer Spannweite von sprachlichen Ausdrucksformen der Erkenntnisarbeit zutage (Coffin 2006, Chapman 2016, Pandel 2021, Handro/Schönemann 2022). Erzählungen sind ein Teil von ihnen. Werden hingegen normativ alle sprachlichen Formen, die den Anforderungen von Retrospektion, Perspektivität und Deutung genügen, als Erzählung bezeichnet, wird der Erzählbegriff beliebig (Kocka 1984; Sandkühler 2010, 1698) und die Kommunikation von geschichtsdidaktischen Grundbegriffen in die Unterrichtspraxis erheblich erschwert (Bernhardt 2022). Mütter hatte sein Plädoyer für eine „Handlungstheorie durch geschichtliche Bildung“ auf den wachsenden Stellenwert der Alltagsgeschichte und die staatliche Wie-
5.3 Bildung
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dervereinigung gestützt (1997, 338 f.). Der nationalgeschichtliche Zuschnitt dieser Rehabilitierung der geisteswissenschaftlichen Didaktik überzeugt heute nicht mehr. Geschichtsdidaktik und Geschichtskulturforschung sind vielmehr gehalten, der menschheitsgeschichtlichen Dimension historischen Denkens konzeptionell Rechnung zu tragen (Rüsen 2013, 277 f.). Beide Subdisziplinen können an historische Handlungstheorien anschließen, die Gesellschaftsgeschichte als Geschichte konkreter Vergesellschaftungsformen konzipiert und reale Vermittlungsformen zwischen der Mikroebene der Akteure und der Makroebene der Gesellschaft zu erforschen angeregt haben (Welskopp 1997). Das Potenzial solcher Handlungstheorien und ihrer Vermittlung mit pädagogischen Handlungsbegriffen ist geschichtsdidaktisch noch nicht hinreichend erschlossen worden (Sandkühler 2014, 260-262). Die folgende Auflistung von Problemhorizonten und möglichen Lösungen einer handlungstheoretisch fundierten historischen Bildungstheorie erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern versteht sich als Diskussionsanregung. a) Pragmatik geschichtsunterrichtlicher Sinnbildungen: Der Vorrang der narrativen Geschichtstheorie hat dazu geführt, dass sich erhebliche Teile der Geschichtsdidaktik von der Pragmatik historischen Lernens schwungvoll abgestoßen haben (dazu Sauer 2014, aber: Pandel 2021). Eine empirisch gestützte Pragmatik historischer Sinnbildungsformen im Geschichtsunterricht fehlt bislang. Forschungen über den Zusammenhang von Sprache und historischem Lernen sowie zum historischen Schreiben (Hartung 2013, Memminger 2015) könnten hier richtungsweisend sein. b) Alterität statt Präsentismus: Geschichte spielt im öffentlichen Raum immer häufiger die Rolle einer exemplarisch-lehrhaften Beglaubigung der Gegenwart (Hartog 2003), erfüllt also politische und legitimatorische Zwecke. Demgegenüber ist daran zu erinnern, dass die Deutungsarbeit der Hermeneutik von der Fremdheit vergangener Handlungen ihren Ausgang nimmt. Die Alterität der Vergangenheit muss in historischen Bildungsprozessen systematisch zur Geltung gebracht werden, statt Geschichte zur bloßen Vorgeschichte der Gegenwart zu verkürzen. c) Tradition als Bildungsgut: Tradition ist philosophisch mehr als der Ursprung, an den erinnert wird. Mit Gadamer kann der Traditionsbegriff für die unendliche Kette von retrospektiven Deutungen stehen, zu denen sich die Nachgeborenen verhalten und die sie durch ihr eigenes Deutungsgeschäft in die Zukunft verlängern. Historische Bildung kann diese Tradition lebendig erhalten, damit „die Kultur einer modernen Gesellschaft sich im Wechsel der Generationen durchhält und entwickelt“ (Rüsen 2013, 145). Unterrichtspraktisch eignen sich daher Traditionsquellen möglicherweise besser zur Einübung historischen Denkens als die Untersuchung von Überresten mithilfe der historischen Methode.
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d) Kontingenz statt Subjektivismus: Geschichtsdidaktik soll diversitätssensibel und subjektorientiert sein, um der Vielfalt von Identitäten in der Gegenwartsgesellschaft Rechnung zu tragen. Die teils ausdrückliche Absage der Subjektorientierung an gesellschaftliche Dimensionen des Geschichtsbewusstseins (Kühberger 2015, 41) sollte jedoch nicht dazu führen, dass subjektive Sinnbildungen in der oder über die Vergangenheit absolut gesetzt werden. Geschichte geht noch immer nicht darin auf, was die Zeitgenossen wechselseitig intendiert haben (Habermas [1967] 1982, 134). e) Horizontverschmelzung als Propädeutikum: Gadamer meinte, „daß die Vergangenheit, der man sich in der hermeneutischen Situation zuwendet, mit der Vergangenheit identisch ist, mit der man selbst in wirkungsgeschichtlicher Tradition steht“ (Auerochs 1995, 306). Diese Hochschätzung des Wirkungszusammenhangs steht in einem unaufgelösten Spannungsverhältnis zu seinem Zentralbegriff der Horizontverschmelzung zwischen Vergangenheit- und Gegenwart, die eine Brücke zwischen dem „konsequenten Historismus“ einer vorgeblich interessenlosen Beschäftigung mit der Vergangenheit und dem Aktualismus einer konsequenten Orientierung an Gegenwartsproblemen schlagen soll (ebd., 301). Gadamers in der Auslegung der Buchreligionen wurzelndes Traditionsverständnis zielt auf Wahrheit, während ein propädeutisches Verständnis von Horizontverschmelzung die Frage nach den Wahrheitskriterien und die Ideologiekritik auf die Tagesordnung setzt. Nur dieses propädeutische Verständnis (ebd., 305) ist für den Geschichtsunterricht brauchbar. f) Reichweite und Grenzen der Geschichtsphilosophie: In der Wirklichkeit einer unendlichen Geschichte ist jeder Historiker sich selbst der letzte Historiker, weil er ohne die hypothetische Konstruktion der „Totalität einer vorverstandenen Universalgeschichte“ Geschichte gar nicht denken kann, andererseits aber ihre prinzipielle Unabgeschlossenheit überhaupt erst die Voraussetzung dafür schafft, dass individuelle Deutungen der Vergangenheit lebenspraktisch bedeutsam werden können (Habermas [1967] 1982, 293). Diese vertikale Unabgeschlossenheit der Geschichte steht in einem Spannungsverhältnis zur horizontalen Abgeschlossenheit der Geschichte in Gestalt einer globalen Weltgesellschaft (oder ihres Gegenentwurfs durch die Kritik des Anthropozäns, Chakrabarty 2022), an der als regulative Idee festgehalten werden muss, um die lebensnotwendige Vermittlung „zwischen Überlieferungen verschiedener Kulturen und Gruppen“ zu gewährleisten (Habermas [1967] 1982, 298). g)
Literatur Auerochs, Bernd: Gadamer über Tradition, in: Zeitschrift für philosophische Forschung 49 (1995), 294-311. Autorengruppe Fachdidaktik: Konzepte der politischen Bildung. Eine Streitschrift. Schwalbach/Ts. 2011.
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Baumgartner, Hans Michael: Kontinuität und Geschichte. Zur Kritik und Metakritik der historischen Vernunft. Frankfurt a.M. 1972. Bergmann, Klaus/Rüsen, Jörn: Zum Verhältnis von Geschichtswissenschaft und Geschichtsdidaktik. In: Dies. (Hg.): Geschichtsdidaktik. Theorie für die Praxis. Düsseldorf 1978, 7– 13. Bergmann, Klaus u.a. (Hg.). Handbuch Geschichtsdidaktik, Seelze-Velber 5. Aufl. 1997. Bernhardt, Markus: Pragmatische Lücken in der geschichtsdidaktischen Narrativitätsdebatte, in: Handro/Schönemann 2022, 27-47. Chapman, Arthur: Developing Students‘ Understanding of Historical Interpretation. Oxford 2016. Chakrabarty, Dipesh: Das Klima der Geschichte im planetarischen Zeitalter. Frankfurt a.M. 2022. Coffin, Caroline: Historical Discourse. The Language of Time, Cause and Evaluation. London 2006. Danto, Arthur C: Analytische Philosophie der Geschichte. Frankfurt a.M. 1974. Droysen, Johann G.: Grundriss der Historik (1882), in: Ders.: Historik. Textausgabe von Peter Leyh. Stuttgart-Bad Canstatt 1977, 413-488. Habermas, Jürgen: Zur Logik der Sozialwissenschaften. Ein Literaturbericht (1967), in: Ders.: Zur Logik der Sozialwissenschaften. Erweiterte Ausgabe. Frankfurt a. M. 5. Aufl. 1982, 89-330. Handro, Saskia/Schönemann, Bernd (Hg.): Aus der Geschichte lernen? Weiße Flecken der Kompetenzdebatte. Münster u.a. 2016. Dies. (Hg.): Sprachsensibler Geschichtsunterricht. Geschichtsdidaktische Forschungsperspektiven und -befunde. Berlin 2022. Hartog, François: Régimes d'historicité. Présentisme et expériences du temps, Paris 2003. Hartung, Olaf: Geschichte – Schreiben – Lernen. Empirische Erkundungen zum konzeptionellen Schreibhandeln im Geschichtsunterricht. Münster u.a. 2013. Heuer, Christian: Vom Nahen und Fernen – Kinder erzählen ihre Welt, in: Wolfgang Buchberger/Christoph Kühberger (Hg.): Historisches Lernen in der Primarstufe. Salzburg 2021, 9-22. Kocka, Jürgen: Zurück zur Erzählung? Plädoyer für historische Argumentation, in: Geschichte und Gesellschaft 10 (1984), 395-408. Köster, Heinrich M. G.: Historische Encyclopädie. Gesammelte Artikel über Historik und Didaktik aus der „Deutschen Encyclopädie“, hg. v. Horst Walter Blanke/Dirk Fleischer. Waltrop 2003. Kühberger, Christoph: Subjektorientierte Geschichtsdidaktik. Eine Annäherung zwischen Theorie, Empirie und Pragmatik, in: Heinrich Ammerer/Thomas Hellmuth/Christoph Kühberger (Hg.): Subjektorientierte Geschichtsdidaktik. Schwalbach Ts. 2015, 13-47. Memminger, Joseph: Schüler schreiben Geschichte. Kreatives Schreiben im Geschichtsunterricht zwischen Fiktionalität und Faktizität. Schwalbach Ts. 2007 Mütter, Bernd: Bildungstheorie und Geschichtsdidaktik, in: Bergmann u.a. 1997, 334-339. Pandel, Hans-Jürgen: Geschichtsbewusstsein praktisch. Zur Pragmatik des Geschichtsbewusstseins, in: Jan M. Hoffrogge/Martin Schlutow/Max Twickler (Hg.): Geschichtsbewusstsein in der Gesellschaft. Festschrift für Bernd Schönemann zum 65. Geburtstag. Frankfurt a. M. 2021, 79-98. Rohlfes, Joachim: Geschichte und ihre Didaktik. Göttingen 2. Aufl. 1997.
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Rüsen, Jörn: Lebendige Geschichte. Grundzüge einer Historik III: Formen und Funktionen des historischen Wissens. Göttingen 1989. Ders.: Historik. Theorie der Geschichtswissenschaft, Köln/Weimar/Wien 2013. Sander, Wolfgang: Kompetenzorientierung in Schule und politischer Bildung – eine kritische Zwischenbilanz, in: Autorengruppe Fachdidaktik 2011, 9-25. Sandkühler, Thomas: Die Geschichtsdidaktik der Väter. Zur Kulturgeschichte der siebziger Jahre, in: Michael Wildt (Hg.): Geschichte denken. Perspektiven auf die Geschichtsschreibung heute. Göttingen 2014, 260-279. Ders.: Narration, in: Enzyklopädie Philosophie, hg. v. Hans Jörg Sandkühler, Bd. 2, Hamburg 2010, 1696-1700. Sauer, Michael: Geschichtsdidaktik und Geschichtsunterricht heute. Eine Bestandsaufnahme und ein Plädoyer für mehr Pragmatik und Methodik, in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 55 (2004), 212-232. Weißeno, Georg/Ziegler, Beatrice (Hg.): Handbuch Geschichts- und Politikdidaktik. Wiesbaden 2022. Welskopp, Thomas: Der Mensch und die Verhältnisse. „Handeln“ und „Struktur“ bei Max Weber und Anthony Giddens, in: Thomas Mergel/Thomas Welskopp (Hg.): Geschichte zwischen Kultur und Gesellschaft. Beiträge zur Theoriedebatte. München 1997, 39-70. Weniger, Erich: Die Grundlagen des Geschichtsunterrichts. Untersuchungen zur geisteswissenschaftlichen Didaktik. Leipzig/Berlin 1926. Ders.: Neue Wege im Geschichtsunterricht. Frankfurt a. M. 1949.
5.4 Historisches Lernen Meik Zülsdorf-Kersting
Historisches Lernen – Definition und Bezüge zur Historik Den nachfolgenden geschichtsdidaktischen Ausführungen zum Begriff „historisches Lernen“ sollen kurze Beobachtungen zur Analogie von Geschichtstheorie und Lerntheorie vorangestellt werden. Mit Arthur Danto gesprochen handelt es sich beim Verb „lernen“ um ein Projektverb („project verb“; Danto 1968, S. 161). Lernen impliziert insofern eine temporale Struktur aus mindestens drei zeitdifferenten Punkten (t1, t2, t3), als sich ein*e Schüler*in durch ein bestimmtes Tun (E in t2) von einem Ausgangszustand (t1) hin zu einem differenten Zustand (t3) verändert hat. Das Projektverb „lernen“ ist von seinem Resultat her gedacht (Danto 1968, S. 161). Tatsächlich handelt es sich bei diesem Tun um eine Reihe von Tätigkeiten (E1 in t2.1, E2 in t2.2, E3 in t2.3), die das intendierte Resultat zur Folge haben. Danto illustriert diesen Zusammenhang am Beispiel des Projektverbs „Rosen pflanzen“ („Planting roses“; Danto 1968, S. 161). Erzählende Sätze mit dem Projektverb „Rosen pflanzen“ implizieren eine zeitliche Struktur aus den zeitdifferenten Punkten „Beet ohne Rosen = Brache“ (t1) und „Beet mit Rosen“ (t3) sowie dem Ereignis „Rosen pflanzen“ (E in t2). Genau besehen lasse sich das Projektverb „Rosen pflanzen“ in eine Reihe von Tätigkeiten auffächern, die allesamt vom Resultat („Beet mit Rosen“ in t3) her gedacht sind: „digging“, „fertilizing“, „sowing“, „purchasing shovels and seeds“, „reading seed catalogues“ und „hiring expert gardeners“ (Danto 1968, S. 160). Erzählende Sätze mit dem Projektverb „lernen“ implizieren ebenfalls eine zeitliche Struktur aus den zeitdifferenten Punkten „Fähigkeiten/Fertigkeiten = Status quo“ (t1) und „elaborierte Fähigkeiten/Fertigkeiten“ = Resultat (t3) sowie dem Ereignis „lernen“ (E in t2). Genau besehen lässt sich auch das Projektverb „lernen“ in mehrere Tätigkeiten differenzieren, die allesamt vom Resultat („elaborierte Fähigkeiten/Fertigkeiten“ in t3) her gedacht sind: „Fragen artikulieren“, „recherchieren“, „lesen“, „Austausch mit Mitschüler*innen“, „Notizen anfertigen“, „über Informationen nachdenken“ und „Informationen auf andere Informationen beziehen“. In Dantos Philosophie der Geschichte sind erzählende Sätze („narrative sentences“; Danto 1968, S. 143–181) mit ihrer typischen Struktur (Ausgangszustand in t1, X tut E1 in t2.1, E2 in
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t2.2, E3 in t2.3, Resultat in t3) das Proprium historischen Denkens. Geschichte meint Wandel (also Veränderung in der Zeit), und Geschichtswissenschaft ist die Wissenschaft zur Beschreibung und Erklärung von Wandel. Lernprozesse bedeuten im Kern ebenfalls Wandel, und Lernpsychologie/Erziehungswissenschaft sind die Wissenschaften zur Beschreibung und Erklärung von Lernprozessen. Geschichtsdidaktik ist somit die Wissenschaft zur Beschreibung und Erklärung historischer Lernprozesse bei Individuen. Genau wie Danto es beschrieben hat, muss die Geschichtsdidaktik die Subjekte des Lernprozesses (Schüler*innen) mit seinen spezifischen Dispositionen und Potentialen in den Blick nehmen; sie sollte den Ausgangszustand (t1) wie auch das Resultat eines Lernprozesses (t3) differenziert ermitteln; und sie sollte die Lernaktivitäten (Schüler*in tut E1 in t2.1, E2 in t2.2, E3 in t2.3) planen, anleiten und beobachten. Dieses kleine Gedankenspiel hilft, die elementaren Komponenten eines Lernprozesses präzise in den Blick zu nehmen. In der Kognitions- und Lernpsychologie wird zwischen einem engen und einem weiten Lernbegriff unterschieden (Besold 2013, S. 344). Im weiteren Sinne meint Lernen jede Form von kognitiver, motorischer oder affektiver Anpassung eines Individuums an seine Umwelt. In Anlehnung an Paul Watzlawick kann man sagen, dass es unmöglich ist, nicht zu lernen. Prozesse der Habituation oder Sensitivierung, also der Abschwächung oder Verstärkung von Reizen (Besold 2013, S. 344–345) ereignen sich fortwährend und unwissentlich. Lernen im engeren Sinne meint „Informationsverarbeitung als wissensgesteuerter Konstruktionsvorgang“ (Kunter/Trautwein 2013, S. 30). Hier handelt es sich um komplexe Vorgänge auf der Verarbeitungsebene neuronaler Wissensnetzwerke. Mareike Kunter und Ulrich Trautwein sprechen von „tiefer Verarbeitung“ (Kunter/Trautwein 2013, S. 32), wenn Informationen vernetzt und Wissensnetzwerke auf diese Weise elaboriert werden (im Unterschied zum repetitiven Lernen); zu den komplexen Vorgängen, die zu einer solch „tiefen Verarbeitung“ führen, gehören folgende Prozesse: (a) Selegieren: Auswählen der wichtigsten Informationen, (b) Organisieren: Kategorisieren von Informationen, (c) Interpretieren: Deuten/Bewerten der neuen Informationen; (d) Elaborieren: Anreichern und Vernetzen der neuen Information, indem möglichst viele Anschlüsse an bekannte Informationen hergestellt werden, (e) Generieren: neues Wissen durch Schlussfolgerungen erzeugen, (f) Stärken: Wiederholungen und Übungen, (g) Metakognition: Planung, Regulation und Reflexion der Informationsverarbeitung (Kunter/Trautwein 2013, S. 33). In institutionellen Lehr-Lernprozessen (z.B. Schule) dominiert der enge Lernbegriff, wenngleich implizite, unbewusste Lernprozesse permanent stattfinden. Schüler*innen sollen sich fachspezifisch relevante Informationen erarbeiten, um ihre fachlichen Fähigkeiten und Fertigkeiten sowie ihr Wissen zu elaborieren.
5.4 Historisches Lernen
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In der Geschichtsdidaktik sind beide Lernbegriffe anschlussfähig. Im Prozess geschichtskultureller Sozialisation werden Individuen lange vor der ersten Geschichtsstunde mit historischen Inhalten und Geschichtsbildern konfrontiert (ZülsdorfKersting 2007). Im Gespräch mit den Eltern und Großeltern, in digitalen Spielen, durch Comics, Filme und historische Romane reichern sie mehr oder weniger bewusst historisches Wissen an, entwickeln Deutungskonzepte und verinnerlichen identitätsrelevante Narrative (weiter Lernbegriff). Im Geschichtsunterricht sowie in außerschulischen Bildungseinrichtungen (u.a. Gedenkstätten, Museen) sind alle Anstrengungen auf die Elaboration individuellen Geschichtsbewusstseins ausgerichtet. Während geschichtskulturelle Sozialisation (Zülsdorf-Kersting 2007) diskontinuierlich und unabgestimmt erfolgt und (gemessen an Bildungsstandards) auch unerwünschte Effekte haben kann, handelt es sich beim Geschichtsunterricht um eine professionalisierte, planvolle Bildungsveranstaltung. Schüler*innen sollen ihr historisches Wissen erweitern sowie den für das Fach Geschichte spezifischen Denkstil in zunehmend methodisierter Form erlernen. Historisches Lernen im Geschichtsunterricht (enger Lernbegriff) meint Progression im Sinne einer Weiterentwicklung des Geschichtsbewusstseins in Richtung zunehmender Fachlichkeit (Wissenschaftsorientierung) und fortgesetzter Kultivierung der Affekte (Werteorientierung). Die rechtlich verbindliche Konkretisierung der angestrebten Wissenschafts- und Werteorientierung obliegt den Kultusbehörden. Die Wissenschaftsdisziplin Geschichtsdidaktik hat die Aufgabe, diesen Prozess der Konkretisierung unter Konsultation der empirischen Fachwissenschaft sowie der Geschichtstheorie als „Reflexion zweiten Grades“ (Bergmann/Pandel 1984, S. 840) kritisch zu begleiten (Lucas 1985, S. 150–181). Vor dem Hintergrund des Verhältnisses von Geschichtsdidaktik und Geschichtstheorie lässt sich nun genauer angeben, welchen systematischen Platz der Begriff „historisches Lernen“ im Verhältnis zur Historik hat. Zum einen muss sich die Geschichtsdidaktik bei der Konkretisierung des Begriffes „historisches Lernen“ substantiell auf die Historik beziehen, weil sie sonst praxeologisch die Epistemologie des Faches Geschichte ausblenden würde. Schulische Lehr-Lernprozesse liefen dann Gefahr, ihre Fachlichkeit zu verlieren. Zum anderen ist die Geschichtsdidaktik auf die Erkenntnispotentiale der Historik angewiesen, um Prozesse und Resultate institutionalisierter Lehr-Lern-Prozesse einschätzen und ggf. auch korrigieren zu können (Jeismann 1977, S. 26). Historisches Lernen lässt sich normativ nur mithilfe der Historik modellieren; empirische Resultate historischen Lernens lassen sich nur mithilfe der Historik im Hinblick auf ihre Fachlichkeit beschreiben.
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Forschungsgeschichte und Diskussionsstand Mit der lerntheoretischen Wende in den späten 1960er- und frühen 1970er-Jahren war auch die sich formierende Wissenschaftsdisziplin Geschichtsdidaktik aufgefordert, die für das Fach spezifischen Denkoperationen zu modellieren (Schörken 1970). Bezogen auf den Geschichtsunterricht stand in Anlehnung an die Curriculumtheorie zuerst die Bestimmung von Lernzielen im Mittelpunkt der Diskussion (Rohlfes 1971; Jeismann 1974; Schörken 1975). In einem nächsten Schritt setzte sich die Geschichtsdidaktik mit dem Begriff des historischen Lernens als dem Prozess der Anbahnung und Erreichung der Lernziele auseinander. Die wichtigsten Modellbildungen sollen hier vorgestellt werden. Karl-Ernst Jeismann hat sich früh um die Modellierung historischen Denkens verdient gemacht und unter faktischer Bezugnahme auf Ernst Weymar (1970) zwischen „Analyse“, „Sachurteil“ und „Wertung“ unterschieden (Jeismann 1974, S. 137). Jörn Rüsen wies diese Trias der Denkoperationen früh als zu wenig fachspezifisch aus (Rüsen 1982, S. 145–147). Narrativitätstheoretisch gefasst modellierte Rüsen „Erfahrung“, „Deutung“ und „Orientierung“ als Teiloperationen historischen Erzählens, mittels dessen Individuen Orientierung im zeitlichen Wandel herstellen würden (Rüsen 1997, S. 262). Historisches Denken lässt sich somit früh in die vier Teiloperationen Umgang mit historischen Fragen, Umgang mit historischen Sachverhalten, Umgang mit historischen Sachurteilen und Umgang mit historischen Werturteilen sowie die alle einschließende Operation des Umgangs mit historischem Erzählen differenzieren. Diese Typologie der historischen Denkleistungen ist der Sache nach bei variabler Begrifflichkeit bis heute gültig (Thünemann/Jansen 2018, S. 71–106); sie ist zugleich der Kern aller geschichtsdidaktischer Modellbildungen zum historischen Lernen von 1978 bis heute. Nachdem Jeismann bereits in den 1970er-Jahren ein Verlaufsmodell des Geschichtsunterrichts entworfen hatte (Jeismann 1974, S. 130–135; Jeismann 1978, S. 87–95), formulierte er 1987 ein „Modell der Entwicklung des Geschichtsbewußtseins“ (Jeismann/Kosthorst/Schäfer 1987, S. 25), das als Modell historischen Lernens anzusprechen ist. Das Modell setzt die drei Teiloperationen „Analyse“, „Sachurteil“ und „Wertung“ über Einschluss- und Aufbauverhältnisse zueinander in Beziehung. Ein historisches Werturteil schließe die Operationen Analyse und Sachurteil ein und baue selber auf diesen auf. Ein historisches Sachurteil wiederum schließe die Analyse historischer Sachverhalte ein und sei die Voraussetzung für die Bildung historischer Werturteile (Jeismann/Kosthorst/Schäfer 1987, S. 24). Die Entwicklung individuellen Geschichtsbewusstseins beschrieb Jeismann als zunehmende Differenzierung und Integration der drei Teiloperationen historischen Denkens. Den Lern-
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prozess modellierte Jeismann als Entwicklung zwischen einem „historischen Vorverständnis“ zum Zeitpunkt t1 und einem „resultierenden Geschichtsverständnis“ (Jeismann/Kosthorst/Schäfer 1987, S. 25) zum Zeitpunkt t2. Die Progression zwischen t1 und t2 lasse sich in den Dimensionen „Fertigkeiten und Fähigkeiten“ sowie „Ergebnisse (historische Erkenntnisse)“ ausweisen. Der historische Lernprozess habe die Funktion, „Erweiterungen und Verbesserungen des Geschichtsverständnisses“ (Jeismann/Kosthorst/Schäfer 1987, S. 26) in den genannten Dimensionen herbeizuführen. Rüsens Modell historischen Lernens fußte auf narrativitätstheoretischen Annahmen sowie auf „Erfahrung“, „Deutung“ und „Orientierung“ als Teiloperationen historischen Denkens. Historisches Lernen ließ sich demnach als Zuwachs an Erfahrungs-, Deutungs- und Orientierungskompetenz beschreiben mit dem Ziel, sich als Individuum argumentativ und diskursiv mit den Sinnbildungen der Mitmenschen auseinandersetzen zu können (Rüsen 1994, S. 68–73). Rüsen beschrieb differenziert für jede der Teiloperationen historischen Denkens, was „Zuwachs“ jeweils bedeute, sodass individuelles Geschichtsbewusstsein zunehmend sicher Balance halten könne zwischen „Geschichte als objektiver Vorgabe in den Lebensverhältnissen der Gegenwart“ und „Geschichte als subjektivem Konstrukt interessengeleiteter praktischer Orientierung“ (Rüsen 1994, S. 73). Auf der Basis seiner Sinnbildungstypologie unterscheidet Rüsen folgerichtig zwischen vier „Lernformen“ (Lernform traditionaler, exemplarischer, kritischer und genetischer Sinnbildung) und vier „Stufungen des historischen Lernens“ (Rüsen 1997, S. 263–264). Rüsen modellierte Operationen des Geschichtsbewusstseins, Lernformen und Lernstufen so konsistent, dass bestimmte Lernformen mit bestimmten Denkleistungen die jeweilige Lernstufe eines Individuums ansteuern können sollten. In Anlehnung an die Lernpsychologie modellierte Hilke Günther-Arndt historisches Lernen als Wissenserwerb (Günther-Arndt 2018, S. 24–49; Erstveröffentlichung 2003), wobei sie mit Bezug auf die Wissenspsychologie zwischen deklarativem, prozeduralem und metakognitivem Wissen unterschied. In den Teiloperationen historischen Denkens sah sie die Operationen des Geschichtsbewusstseins, hinter denen die historischen Wissensbestände allerdings nicht zurücktreten dürften. Historisches Lernen sei zu definieren als Aufbau und permanente Veränderung historischer Wissensbestände, die im Geschichtsbewusstsein in Form von Begriffen, kognitiven Schemata, Scripts und mentalen Modellen repräsentiert seien (GüntherArndt 2018, S. 45–46). Günther-Arndt knüpfte an die Conceptual Change-Forschung an und beschrieb historisches Lernen als Veränderung alltagstauglicher Schülervorstellungen hin zu methodisierten Theorien (Günther-Arndt 2018, S. 33). Günther-Arndts Modell historischen Lernens stellte insofern eine qualitative Erwei-
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terung der bisherigen Modellbildung dar, als sie ihren Lernbegriff konsequent vom Wissensbegriff her dachte. Historisches Lernen ziele auf den Aufbau und die Veränderung von Wissensstrukturen und erfolge im Modus des historischen Denkens. Diesen Ansatz haben Monika Fenn und Meik Zülsdorf-Kersting weiterverfolgt, indem sie Teiloperationen historischen Denkens, Wissensbereiche, Wissensformen und Kompetenzniveaus in einem Modell historischen Lernens aufeinander bezogen haben. Ihre Lerntheorie möchte die Dimensionen eines historischen Lernprozesses differenziert beschreiben und zugleich das breite Spektrum möglicher Einflussfaktoren abstecken. Historisches Lernen könne als komplexer Prozess beschrieben werden, in dem ein Individuum Informationen (gegliedert nach Wissensbereichen) anreichert und elaboriert. Das Modell unterscheidet vier Wissensbereiche: Sachverhaltswissen, konzeptuelles Wissen, methodisches Wissen und metakognitives Wissen (Fenn/Zülsdorf-Kersting 2023, S. 54–97). Anreicherung und Elaboration historischen Wissens geschehen im Modus spezifischer historischer Denkleistungen (Umgang mit historischen Fragen, Sachverhalten, Sachurteilen, Werturteilen und Erzählen). Die dem engen Lernbegriff eigene Progression bilden Fenn/ZülsdorfKersting durch Wissensformen und Kompetenzniveaus ab. Wissensformen können in Anlehnung an die Lernzieltaxonomie Benjamin Blooms in „Kennen“, „Verstehen“ und „Anwenden“ unterschieden werden. Kompetenzniveaus können in Anlehnung an die Forschungsgruppe FuER nach basalem, intermediärem und elaboriertem Niveau unterschieden werden (Körber/Schreiber/Schönert 2007, S. 870–873). Ähnlich wie Günther-Arndt modellieren Fenn/Zülsdorf-Kersting historisches Lernen gleichermaßen als Wissenserwerb und als spezifischen Umgang mit diesen Informationen. Angefangen bei den frühen Modellierungen in den 1970er-Jahren hat die geschichtsdidaktische Theoriebildung den Begriff historisches Lernen immer weiter ausdifferenziert. Mit den Modellen Günther-Arndts und Fenns/Zülsdorf-Kerstings lassen sich Lernstände sehr genau beschreiben. Die Modelle bedürfen der empirischen Validierung, um ihre Tauglichkeit in der Praxis bestimmen zu können.
Ausblick und Problematisierung Neben der noch ausstehenden empirischen Validierung der Modelle historischen Lernens, die auch die Entwicklung passender Aufgabenformate voraussetzen würde, stellt sich eine grundsätzliche Frage. Lässt sich die Entwicklung von Geschichtsbewusstsein mithilfe feiner, theoriestarker und multidimensionaler Modelle beschreiben und vielleicht sogar anstoßen? Das Geschichtsbewusstsein eines Menschen ist
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wegen seiner Verwobenheit in die jeweilige Biographie hochgradig individuell. Ob man mit einer differenzierten Bestandsaufnahme der Wissensbereiche, Wissensformen und Kompetenzniveaus die komplexeren Funktionen des Geschichtsbewusstseins berührt, ist fraglich. Identitätsbildung oder Orientierung in der Gegenwart könnte man als solche komplexeren Funktionen ansehen. Im Moment ist es aber vielleicht ausreichend, mit den vorliegenden Modellen historischen Lernens Wissensstände und Performanzen historischen Denkens in ihrer Entwicklung präzise beschreiben zu können.
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5.5 Geschichtskultur Saskia Handro
1. Definitorische Annäherung Im öffentlichen Sprachgebrauch wird ‚Geschichtskultur‘ häufig als Sammelbegriff für unterschiedlichste Phänomene des Umgangs mit Geschichte verwendet. Dazu gehören Jubiläumsevents, historische Gedenkstätten, die Reinszenierung von Geschichte in Museen, auf dem Mittelaltermarkt oder in Spielfilmen aber auch lokale Straßennamen- und Denkmaldebatten. Die Wahrnehmung, Deutung und Reflexion von Vergangenheit obliegt also keineswegs nur Historiker*innen oder bleibt auf den Geschichtsunterricht beschränkt. Geschichte wird an historischen Orten vermarktet, Politiker*innen nutzen historische Argumente als Legitimationsressource und User*innen posten und teilen historische Quellen und Urteile in sozialen Medien. Diese wenigen Schlaglichter deuten es bereits an: Unter dem Dach der Geschichtskultur lassen sich vielfältigste Institutionen, Darstellungsformen, Medien und Praktiken der Vergangenheitsvergegenwärtigung versammeln und damit auch unterschiedliche Funktionen und Modi der Produktion, Zirkulation und Rezeption von Geschichte beobachten. Doch im Vergleich zu dieser additiven Aneinanderreihung stellt die wissenschaftsförmige Beantwortung der Frage „Was ist Geschichtskultur?“ eine definitorische Herausforderung dar. Der Historiker Wolfgang Hardtwig (1990, S. 8f.) fasste Geschichtskultur als „Gesamtheit der Formen, in denen Geschichtswissen in einer Gesellschaft präsent ist“. Jörn Rüsen (1994b, S. 5) beschreibt Geschichtskultur „als praktisch wirksame Artikulation von Geschichtsbewusstsein im Leben einer Gesellschaft“, oder jüngst als „Manifestation eines Rückbezugs auf diejenige Vergangenheit, die als bedeutungsvoll für die Gegenwart angesehen (oder auch: gemacht) wird“ (Rüsen 2020, S. 33). Hans-Jürgen Pandel (2022, S. 99) definierte im Wörterbuch für Geschichtsdidaktik „Geschichtskultur als die Art und Weise, wie eine Gesellschaft mit ihrer Geschichte umgeht. In ihr wird das Geschichtsbewusstsein der in dieser Gesellschaft Lebenden praktisch und äußert sich in verschiedenen kulturellen Manifestationen“.
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Obwohl diese definitorische Unschärfe wiederholt kritisiert wurde, gilt ‚Geschichtskultur’ seit nunmehr 30 Jahren als eine geschichtsdidaktische Fundamentalkategorie, als ein „Grundbegriff erster Ordnung“ (Schönemann 2022, S. 271). Die Bedeutung dieses Grundbegriffes und vor allem seine Funktion an der Schnittstelle von Wissenschaft, Lebenspraxis und historischer Bildung erschließt sich bei einem Blick in die Begriffs- und Forschungsgeschichte.
2. Begriffs- und Forschungsgeschichte Geschichtskultur als lebensweltliches Phänomen ist weitaus älter als die wissenschaftliche Beschäftigung mit ihr (vgl. u.a. Fischer 2000), denn die sinnstiftende Verarbeitung kontingenter Zeiterfahrungen gilt als menschliches Grundbedürfnis. Anfänge einer theoretischen Reflexion von Geschichte in der Lebenspraxis lassen sich allerdings erst mit der Etablierung der Geschichtswissenschaft finden – eher randständig in geschichtstheoretischen Schriften, expliziter dagegen in geschichtsphilosophischen Reflexionen. Als entscheidender Vordenker gilt Friedrich Nietzsche, der in seinem Traktat „Zum Nutzen und Nachtheil der Historie für das Leben“ (E.A. 1874) eine bis heute heuristisch produktive Typologie entwickelte, in der er drei Formen des lebensdienlichen Umgangs mit Geschichte unterschieden hat – die monumentalische, die antiquarische und die kritische Historie (vgl. Nietzsche 1988). Die Anerkennung geschichtskultureller Phänomene als Forschungsgegenstand erfolgte in den 1970er-Jahren – in einer Dekade, in der die gesellschaftliche Funktion von Geschichtswissenschaft und Geschichtsunterricht zur Disposition stand. In Auseinandersetzung mit der damals öffentlich verhandelten Frage „Wozu noch Geschichte?“ begründete Jörn Rüsen (u.a. 1977) die historischen Orientierungsbedürfnisse der Lebenspraxis als Fundament der Geschichtswissenschaft und die lebensweltliche Daseinsorientierung als eine Aufgabe historischer Forschung. Aus geschichtsdidaktischer Perspektive argumentierte Karl-Ernst Jeismann, dass geschichtliches Bewusstsein weder ein Naturprodukt sei noch allein durch schulische Bildung beeinflusst werde. Vielmehr seien vielfältige „Kräfte“ und „Instanzen“ mit der „Arbeit am Auf- und Umbau von Geschichtsbewusstsein beschäftigt“ (Jeismann 1977, S. 12). Daher müsse die empirische Untersuchung und theoretische Beschreibung von Struktur, Genese und Funktion des Geschichtsbewusstseins auf allen Ebenen und in allen Gruppen der Gesellschaft das Fundament für eine Pragmatik historischen Lehrens und Lernens bilden. Nur so könne schulische und außerschulische Vermittlung von Geschichte aufeinander bezogen und Lernenden historische Orientierung in der Lebenspraxis ermöglicht werden. Jeismann erhob daher das ‚Ge-
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schichtsbewusstsein in der Gesellschaft‘ zum zentralen Untersuchungsgegenstand der Geschichtsdidaktik. Im Gefolge dieser theoretischen Neu(be)gründung der Geschichtsdidaktik als geschichtswissenschaftlicher Teildisziplin entwickelte sich in den 1980er-Jahren die empirische Erschließung vielfältiger Medien, Praktiken und Institutionen von „Geschichte in der Öffentlichkeit“ (Kampen/Kirchoff 1979) oder „Geschichte in der Alltagswelt“ (Rolf Schörken 1981) zu einem originär geschichtsdidaktischen Forschungsfeld. Den Begriff ‚Geschichtskultur‘ sucht man in diesen frühen Publikationen allerdings noch vergebens. Von einer Etablierung der Geschichtskultur als geschichtsdidaktischer Forschungs- und Analysekategorie kann nominell erst seit den 1990er-Jahren gesprochen werden (vgl. dazu u.a. Schönemann 2000; Thünemann 2018). Die kategoriale Schärfung regte erneut Rüsen an, als er zwischen einer inneren und äußeren Seite historischen Lernens unterschied. Die äußeren Rahmenbedingungen historischen Lernens wie u.a. Schulen, Museen, Gedenkfeiern oder Massenmedien fasste er unter der Kategorie ‚Geschichtskultur‘ (vgl. Rüsen 1991, S. 16–17). In Rezeption wissenssoziologischer Ansätze und kulturwissenschaftlicher Arbeiten entwickelte Bernd Schönemann (2000) diese Differenzierung weiter. Er siedelte Geschichtsbewusstsein und Geschichtskultur „unter dem ‚Dach‘ der Jeismannschen Zentralkategorie ‚Geschichtsbewusstsein in der Gesellschaft‘“ an und beschrieb sie als „zwei Seiten einer Medaille“ (...): „Auf der einen Seite Geschichtsbewusstsein als individuelles Konstrukt, das sich von außen nach innen, in Internalisierungs- und Sozialisationsprozessen aufbaut; auf der anderen Seite Geschichtskultur als kollektives Konstrukt, das auf dem entgegengesetzten Weg der Externalisierung entsteht und objektive Gestalt annimmt“ (Schönemann 2003, S. 17). Seit den 2000er-Jahren ist Geschichtskultur nunmehr als geschichtsdidaktischer Forschungs- und Lehrgegenstand fest etabliert – wie neben Einzelstudien (vgl. dazu u.a. Ziegler 2017) auf Synthese zielende Handbücher und Kompendien (vgl. u.a. Oswalt & Pandel 2021; Hinz & Körber 2020; Horn & Sauer 2009) belegen. Die Gründe für die anhaltende Konjunktur sind unterschiedlich gelagert. Neben dem seit den 1990er Jahren anhaltenden öffentlichen Geschichtsboom erforderten der Zerfall und die Neugründung von Nationalstaaten nach 1989/90 sowie gesellschaftliche Transformationsprozesse wie Migration, Globalisierung, Inklusion oder mediale Veränderungen durch die Digitalisierung wiederholt die wissenschaftliche Reflexion von Praktiken, Funktionen, Medien und Akteuren der Konstruktion, Verdrängung und Anerkennung von Geschichte(n). Allerdings ist angesichts dieser gesellschaftlichen Herausforderungen der ‚Umgang mit Geschichte‘ längst kein exklusives geschichtsdidaktisches Forschungsfeld mehr. Im Zuge der kulturwissenschaftlichen Wende bzw. der Internationalisierung der Geisteswissenschaften haben sich mit ‚Er-
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innerungskultur‘ oder ‚Public History‘ transdisziplinär rezipierte Forschungskonzepte etabliert, die mitunter als Konkurrenz oder Alternative zur geschichtsdidaktischen Kategorie ‚Geschichtskultur‘ diskutiert werden (vgl. dazu u.a. Demantowsky 2005; Hasberg 2006; Gundermann et al 2021; Lücke & Zündorf 2018). Trotz dieser Debatten stand die Kategorie ‚Geschichtskultur‘ als geschichtsdidaktischer Grundbegriff jedoch nicht zur Disposition. Denn im Vergleich zu konkurrierenden Konzepten ist ‚Geschichtskultur‘ in der Matrix geschichtsdidaktischen Denkens fest verankert: 1) als heuristische Analysekategorie, 2) als empirisches Untersuchungsfeld und vor allem 3) als pragmatisches Handlungsfeld. Das damit verbundene disziplinspezifische Forschungsprogramm und Arbeitsfeld lässt sich wie folgt systematisieren:
Geschichtsdidaktik als Erfahrungswissenschaft zielt auf die empirische Erforschung vergangener und gegenwärtiger geschichtskultureller Phänomene sowie geschichtskultureller Vermittlungs-, Rezeptions- und Sozialisationsprozesse. Geschichtsdidaktik als Reflexionsinstanz widmet sich der theoretischen Fundierung und Begründung von Geschichtskultur als analytischer Kategorie, als Gegenstand von Geschichtsunterricht und als sozialer Praxis. Diese Theoriearbeit ist kein Selbstzweck, sondern grundlegend, um den Wandel geschichtskultureller Strukturen, Funktionen und Praktiken der Gegenwart wahrzunehmen, zu deuten und kritisch zu diskutieren sowie historische Lern- und Diskursprozesse in geschichtskulturellen Praxisfeldern (u.a. Geschichtsunterricht, Museum, Gedenkstätten, Archiv) anzuregen bzw. zu gestalten. Geschichtsdidaktik als Handlungswissenschaft verfolgt eine doppelte Zielstellung: Sie begründet und entfaltet Geschichtskultur als schulischen Lerngegenstand und erhebt damit die Förderung geschichtskultureller Kompetenz zum curricular verankerten Ziel des Geschichtsunterrichts (vgl. u.a. Schreiber 2001; Pandel 2005, S. 40–42), und sie fördert die Professionalisierung außerschulischer Vermittlungsprozesse u.a. in Gedenkstätten, Museen und Archiven. Insofern ist die Geschichtsdidaktik neben der Geschichtslehrer*innenausbildung an der Etablierung von Studiengängen der Public History beteiligt (u.a. Lücke & Zündorf 2018).
3. Theoretische Ansätze Trotz dieser 30 Jahre währenden Forschungsgeschichte liegt bislang keine geschlossene Theorie der Geschichtskultur vor. Vielmehr wird der kulturelle Umgang mit
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Geschichte in Abhängigkeit vom Erkenntnisinteresse aus sehr unterschiedlichen theoretischen Blickwinkeln betrachtet. Für die deutschsprachige Forschung sind vor allem drei Ansätze zentral: 1) Einen funktionsanalytisch-deskriptiven Ansatz hat Jörn Rüsen im Rahmen seiner geschichtstheoretischen Überlegungen entwickelt. Rüsen (2020, S. 3) begründet Geschichtskultur gleichermaßen als „anthropologische Substanz“ und „Faktor der kulturellen Orientierung“ und modelliert im idealtypischen Sinne drei (Basis)Dimensionen, die spezifische Funktionen der historischen Wahrnehmung, Deutung und Orientierung beschreiben: die kognitive, die ästhetische und die politische Dimension. Diese in der Praxis eng verflochtenen Dimensionen der Geschichtskultur setzt er in Beziehung zu den mentalen Grundoperationen des Denkens, Fühlens und Wollens und argumentiert ferner, dass diese Orientierungsleistungen den Prinzipien der Wahrheit in der Wissenschaft, der Schönheit in der Kunst sowie der Macht in Politik entsprechen. In Reaktion auf aktuelle Diskurse unterbreitete er zudem Erweiterungen seines Modells, um 1) die religiöse Dimension des Glaubens mit Transzendenzbezug; 2) die moralische Dimension der Werte und Normen (vgl. Rüsen 2013, S. 241) und jüngst 3) die psychische Dimension des Unbewussten sowie 4) die didaktische Dimension historischer Bildung und Erziehung (vgl. Rüsen 2020, S. 49–52). Darüber hinaus wurde wiederholt die Erweiterung des Modells um eine ökonomische Dimension diskutiert (vgl. u.a. Hardtwig & Schug 2009), um Funktionen und Prinzipien der Wirtschaft auf dem Markt der Geschichtskultur analytisch zu fassen. 2) Der strukturanalytisch-heuristische Ansatz von Bernd Schönemann (vgl. u.a. 2000) folgt wissenssoziologischen Prämissen. Geschichtskultur modelliert Schönemann als soziales System, in dem durch kulturelle Kommunikation historische Bedeutung immer wieder neu erzeugt und kulturelle Tradierung generationsübergreifend abgesichert wird. Angesichts der Vielfalt und Dynamik geschichtskultureller Phänomene schlägt Schönemann ein forschungspragmatisch ausgerichtetes Modell zur Systematisierung des komplexen Untersuchungsfeldes vor und unterscheidet vier interagierende Dimensionen der Geschichtskultur: 1) Institutionen (u.a. Archive, Bibliotheken, Museen oder Schulen), die die erinnerungskulturelle Tradierung absichern; 2) Professionen (u.a. Archivare, Historiker, Geschichtslehrer, Denkmalpfleger), die auf die Erforschung, Bewahrung und Vermittlung von Geschichte spezialisiert sind, sowie semiprofessionelle Akteure (u.a. Journalisten, Verleger, Stadtführer), die an vielfältigen Formen der Kommunikation über Geschichte beteiligt sind; 3) Medien (u.a. Monografie, Filme, Podcast, Ausstellung), die zur Verbreitung, Vermittlung von und
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zum Diskurs über Geschichte genutzt werden; und 4) Publika (u.a. Schüler, Leser, Besucher von Mittelaltermärkten), die als Adressaten und Rezipienten am kollektiven Diskurs über Geschichte beteiligt sind. Darüber hinaus plädiert Schönemann für eine Historisierung geschichtskultureller Systeme und Orientierungsfunktionen. Als Synthese historischer und soziologischer Forschungsergebnisse stellt er drei dominante „Leitmuster gesellschaftlicher Geschichtskultur“ zur Diskussion: „Geschichte als Nutzen“ für die Vormoderne; „Geschichte als Bildung“ für die Moderne; „Geschichte als Erlebnis“ als Signatur der Postmoderne (vgl. Schönemann 2000, S. 47–48). 3) Der kommunikationstheoretisch-pragmatische Ansatz von Hans-Jürgen Pandel (2013; 2017; 2021) zielt auf eine Systematisierung geschichtskultureller Sinnbildungs- und Diskursstrategien. In seinen geschichtstheoretischen Überlegungen für den Unterricht definiert Pandel Geschichtskultur als einen „Kommunikationszusammenhang, in dem Einzelpersonen und soziale Gruppen einer Gegenwartsgesellschaft miteinander über den Sachverhalt Geschichte kommunizieren“ (Pandel 2017, S. 328) und dabei unterschiedliche Diskursstrategien verfolgen. In Bezug auf dominante Sinnbildungsleistungen unterscheidet er sechs Diskursstrategien: 1) die kognitive Strategie des Lernens und Widerlegens; 2) die ethische Strategie des Rehabilitierens und Versöhnens; 3) die evaluative Strategie des Bewertens und Normierens; 4) die dramaturgische Strategie des Imitierens und Simulierens; 5) die expressive Strategie des Empfindens und Gestaltens und 6) die emotionale Strategie des Einfühlens und Trauerns (vgl. Pandel 2017, S. 329–339). Im Rahmen seines Kompetenzmodells für den Geschichtsunterricht begründet Pandel geschichtskulturelle Kompetenz zudem als Schlüsselqualifikation für den lebenslangen Umgang mit und die Teilhabe an Geschichtskultur (vgl. Pandel 2005, S. 40–43). Wenngleich diese drei Ansätze breit rezipiert werden, ist der Diskurs um analytischmethodische Zugänge zu Geschichtskultur als sozialer Praxis keineswegs abgeschlossen. Neben alternativen geschichtstheoretisch-fundierten Modellen, wie sie u.a. Demantowsky (2018) oder Grever & Adriaansen (2016) vorgelegt haben, eröffneten kulturwissenschaftliche Turns (vgl. zusammenfassend dazu Lücke & Zündorf 2018, S. 61–88) neue methodische und kategoriale Zugänge – wie u.a. der spatial turn zur geschichtskulturellen Imprägnierung des öffentlichen Raumes. Der visual turn sensibilisierte für die kulturelle Tradierungsfunktion von Medienikonen oder der emotional turn für affektive Strategien (vgl. u.a. Gundermann et al 2021, S. 45– 68). Jüngere Arbeiten fokussieren die materielle Dimension historischer Tradierung (vgl. u.a. Samida et al 2014) oder widmen sich performativen Praktiken der Vergan-
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genheitsaneignung (u.a. Willner et al 2016). Mit Race, Class und Gender eröffnete die Rezeption der Diversity Studies zudem neue kategoriale Zugänge, die für die theoretische und empirische Fundierung diversitätssensibler und inklusionsorientierter Geschichtskultur grundlegend sind (vgl. u.a. Körber 2020).
4. Offene Fragen und Kritik Wie bereits die Forschungsgeschichte nahelegt, ist die geschichtsdidaktische Kategorie Geschichtskultur für die Wahrnehmung, Deutung, Gestaltung und Reflexion des Umgangs mit Geschichte in Wissenschaft und Lebenspraxis zentral. Dennoch bleiben Begriff und theoretisches Konzept produktiv unscharf und umstritten. Zum einen betrifft die Kritik grundlegende Fragen der Reichweite bzw. des Anspruchs geschichtsdidaktischer Theoriebildung.
Sollte Geschichtskultur ausschließlich als heuristisch-analytischer Begriff verstanden oder im Sinne Rüsens (u.a. 1994a, S. 246–258) immer auch als kulturell-normatives Konzept entwickelt werden, welches Kriterien der Vernunft und Wissenschaft zur Messlatte kultureller Praxis erhebt? Sollten sich empirische Forschungen auf gegenwärtige Formen des Umganges mit Geschichte beschränken oder ist die Historisierung geschichtskultureller Phänomene eine wichtige Voraussetzung für eine reflexive geschichtskulturelle (Bildungs)praxis (vgl. u.a. Schönemann 2016)? Sollte sich geschichtsdidaktische Forschung auf die Interaktion von schulischen und außerschulischen Lernorten konzentrieren, d.h. auf geschichtskulturelle Vermittlungs- und Sozialisationsprozesse, oder weiterhin das komplexe Feld des ‚Geschichtsbewusstseins in der Gesellschaft‘ bearbeiten?
Zum anderen erfordern gesellschaftliche Transformationsprozesse und geschichtskulturelle Konflikte eine dauerhafte Auseinandersetzung mit Prämissen geschichtsdidaktischer Theoriebildung oder methodischen Leerstellen. So erschwert beispielsweise der im Horizont der 1990er Jahre geprägte Kollektivsingular ‚Geschichtskultur‘ die Wahrnehmung und Anerkennung von kultureller Vielfalt in der Migrationsgesellschaft und kulturellem Eigensinn, vor allem wenn er nicht westeuropäischen Formen der Vergangenheitsaneignung und -tradierung folgt (vgl. u.a. Iggers, Wang & Mukherjee 2013). Theoretisch und empirisch unterbelichtet sind zudem Formen und Praktiken der Partizipation von (Laien)akteur*innen, obwohl diese mit der Inklusionsorientierung in der geschichtskulturellen Praxis an Bedeutung gewinnen
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(vgl. u.a. Körber 2020; Lücke & Zündorf 2018). Ebenso hält die theoretische und methodische Auseinandersetzung mit digitalen Geschichtskulturen derzeit mit den rasanten Entwicklungen in der kommunikativ-medialen Praxis kaum Schritt. Trotz ungeklärter Fragen, berechtigter Kritiken und offensichtlicher Leerstellen ist ‚Geschichtskultur’ weder ein unscharfer alltagsweltlicher Sammelbegriff noch ein wanderndes Konzept, welches kontext- und disziplinunabhängig gebraucht werden könnte. Die vermeintliche ‚Unschärfe des Begriffes’, die Vielstimmigkeit theoretischer Ansätze sowie die Offenheit methodischer Zugänge sind und bleiben vielmehr Voraussetzung für die immer wieder zu erneuernde Erschließung und Gestaltung des komplexen und dynamischen kulturellen Feldes der Vergangenheitsvergegenwärtigung. Folglich gehören auch theoretische, pragmatische und empirische Zugänge zur Geschichtskultur beständig auf den Prüfstand – und zwar an der für das Selbstverständnis und Aufgabenprofil der Geschichtsdidaktik zentralen Schnittstelle von Lebenspraxis, Wissenschaft und historischer Bildung.
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5.6 Public History Christine Gundermann
1. Begriffsbestimmung Public History ist ein verhältnismäßig junger Begriff im deutschen und auch europäischen geschichtswissenschaftlichen Diskurs. Signifikante Präsenz erreichte er in der Bundesrepublik mit der Einrichtung des ersten gleichnamigen Masterstudiengangs an der Freien Universität Berlin 2008; in anderen westeuropäischen Ländern finden sich im gleichen Zeitraum ebenso erste Versuche, Public History als Studienfeld zu etablieren, häufig als wörtliche Übersetzung aus dem Englischen, wie etwa in den Niederlanden und Belgien (publieksgeschiedenis) oder in Frankreich (histoire publique). Parallel zu dieser einsetzenden Etablierung der Public History finden sich in Deutschland auch vermehrt Implementierungen der Angewandten Geschichte, so etwa in Frankfurt an der Oder (mit dem Institut für angewandte Geschichte); und auch der bundesdeutsche Verband der Public Historians, die AG Angewandte Geschichte | Public History, und die erste ordentliche Professur in Heidelberg trägt beides in ihrem Namen. Der Begriff Public History stammt aus dem anglo-amerikanischen Raum. Er wurde hier im Laufe der 1960er und 1970er Jahre geprägt und hat bis heute nichts von seiner vielfältigen Bedeutung und entsprechenden Verwendungszusammenhängen eingebüßt. Zunächst einmal war darunter das historische Arbeiten in Graswurzelbewegungen zu verstehen, die die Geschichte von marginalisierten Bevölkerungsgruppen selbständig erforschte und für die eigene Community und in die Öffentlichkeit kommunizierte. Diese Art von Selbstermächtigung über das Erforschen und Kommunizieren von Geschichte, die bis dahin von der akademischen Forschung vernachlässigt oder gar negiert worden war, findet sich seit den 1970er Jahren auch in vielen europäischen Ländern, dann aber unter Begriffen wie History Workshop Movements (Großbritannien) oder Geschichtswerkstätten (Bundesrepublik). Die bis heute oft zitierte Definition des Historikers Charles Cole fasst daher diese Dimension der Public History sehr gut zusammen. Er schreibt, Public History sei „history for the public, about the public, and by the public” (Cole, 1994, 11). In den USA entstanden – befeuert durch eine Arbeitsmarktkrise für Historiker*innen – bereits 1975
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erste Studiengänge für diesen neuen Arbeitsmarkt. Erst 20 Jahre später lassen sich solche akademischen Institutionalisierungen auch in Großbritannien und Australien nachweisen (Lücke und Zündorf 2018, 15). Zu diesem Zeitpunkt wurde die Frage, was dann Public History genau sei, bereits über den 1980 gegründeten US-amerikanischen National Council of Public History (NCPH) intensiv geführt und diese Debatte zieht sich auch durch Diskurse in der 2011 gegründeten International Federation for Public History (IFPH) und dem deutschsprachigen Verband (zusammenfassend Zündorf, Docupedia). Man markierte hier einerseits den öffentlichen Gebrauch von Geschichte als partizipativen Prozess in Abgrenzung zur akademischen Historiographie und bezeichnete andererseits ein Studienfeld, das für diesen Einsatz jenseits Universität und Schule mit stärkerem Fokus auf die Kommunikation von Geschichte und auf neue Forschungsmethoden und Zugänge (wie die oral history) vorbereitete. Die Nutzung von Geschichte stand damit im Raum – und dadurch wurde auch die Arbeit von Historiker*innen jenseits von Universitäten und Schulen, etwa in Geschichtsbüros, Firmenarchiven, Museen und Gedenkstätten, in Medienanstalten und Stiftungen aber auch als politische Berater*innen sichtbarer. Public History beschreibt hier also ein Beschäftigungsverhältnis von Historiker*innen. In diesem Zusammenhang ist auch die Verwendung des Begriffs Angewandte Geschichte zu verstehen (kritisch einordnend dazu Tomann, Nießer 2018, 18). Robert Kelley als Gründer des ersten Studiengangs für Public History in den USA formulierte das pointiert: „Public Historians are at work whenever, in their professional capacity, they are part of the public process.” (Kelley, 1978). Auch die Historikerin Irmgard Zündorf definierte Public History in diesem Sinne als Vermittlung von Geschichte in der Öffentlichkeit (Zündorf, Docupedia). Nun kann zurecht darauf hingewiesen werden, dass Geschichte schon immer öffentlich ist (Hasberg 2019). Epistemologische Diskurse über die Public History sind daher eng mit der Frage verbunden, inwieweit Public History nicht nur als neues Kofferwort für ein Berufsfeld und entsprechende Kompetenzen steht, sondern diese ein Profil aufzeigt, welches sie über spezifische Fragestellungen, die Entwicklung eines Theoriekorpus und die Ausprägung spezifischer Methoden als Teildisziplin der Geschichtswissenschaft verortet. Daran ist auch die Frage gebunden, welchem Auftrag die universitären Studienangebote zur Public History folgen und in welche Fachwissenschaften diese eingebunden sein sollten. Public History als Forschungsfeld und als Forschungsobjekt gelangt so in den Fokus. Forschungsorientierte Public History wird daher hier als die Wissenschaft der Kommunikation über Geschichte verstanden. Diese Minimaldefinition dient dazu, die multimodale Kommunikation von Geschichte als Forschungsobjekt sichtbar zu machen (ausführlich: Gundermann et al 2021, S. 13 f). Sie kann – ähnlich wie die
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Geschichtsdidaktik – in die Bereiche Theorie, Empirie und Pragmatik differenziert werden. Die theoretische Dimension der Public History erfasst Konzeptionen ihrer Untersuchungsobjekte und zentrale Kernbegriffe. Die empirische Dimension fragt nach Geschichtspraktiken, Geschichtsbildern und Narrativen von Individuen und gesellschaftlichen Gruppen, untersucht verschiedenste Medien und Institutionen, die Geschichtsbezüge aufweisen und bietet der Wirkungsforschung einen Ort. Die pragmatische Dimension greift gesellschaftliche und ethische Ziele der Kommunikation von Geschichte auf und diskutiert Qualitätsmerkmale von Produkten und Praktiken der öffentlichen Repräsentation von Geschichte.
2. Forschungsgeschichte und Diskussionsstand In den vergangenen Jahren und befeuert durch die Einrichtung der ersten Professuren in Deutschland seit 2012 ist viel darüber diskutiert worden, wo genau die Public History verortet werden soll. Die Geschichtswissenschaft muss hier zunächst in ihrer Gänze als Bezugsdisziplin verstanden werden, denn es geht letztlich um spezifische Geschichte(n) in unterschiedlichen Performanzen und Ausprägungen. Alleinige Bezugsdisziplin vermag die Geschichtswissenschaft jedoch nicht zu sein, denn die Erforschung der Kommunikation von Geschichte ist ohne Impulse etwa aus der Ethnologie und Kulturanthropologie, den Medienwissenschaften, der Archäologie und den Digital Humanities nicht realisierbar. Public History hat also einen zutiefst transdisziplinären Charakter; Stefanie Samida versteht sie daher auch als historische Kulturwissenschaft (Samida 2014). Public History kommt vor allem dann zu ihrer Blüte, wenn in ihrer Forschung Brücken zu benachbarten Disziplinen geschlagen werden, bei der der historische Kern der Fragestellung transdisziplinär erweitert werden kann. Public History ist nicht an bestimmte Themen, Epochen oder Räume gebunden. Sie lässt sich daher inhaltlich keiner bereits etablierten Teildisziplin der Geschichtswissenschaft zuordnen. Obwohl die Nähe zur Geschichtsdidaktik hier zweifelsohne am größten ist, so geht sie auch in dieser nicht auf, denn sie geht über zentrale Paradigmen des Geschichtsbewusstseins und der Geschichtskultur hinaus und räumt dem historischen Denken eine wichtige, aber keine zentrale Stellung ein. In Deutschland kann die Public History nur auf eine kurze Forschungsgeschichte zurückblicken. Das liegt vor allem an der noch übersichtlichen akademischen Institutionalisierung: 2022 gibt es neun Professuren, darunter fünf Juniorprofessuren und drei mit Doppeldenominationen. Es gibt auch im universitären Diskurs noch keine verbindliche Definition oder ein zentrales theoretisches Paradigma; wohl aber erste
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Entwürfe (Demantowsky 2018). Sowohl in den aktuellen Masterstudiengängen und Studienrichtungen, als auch Qualifikationsarbeiten unter diesem Label zeigt sich jedoch ein theoretisch-konzeptioneller Kern. Sowohl Gedächtnismodelle aus den memory studies, Konzepte der Geschichtskultur und den heritage studies (hier insbesondere zum critical heritage discourse) werden vorrangig genutzt, um Forschungsfragen zu schärfen und -methodiken abzuleiten. Auf empirischer Ebene spielen hier – anders als im US-amerikanischen Raum und in Australien und Aotearoa – die oral history und der Fokus auf die material history und Alltagsgeschichte eine weniger zentrale Rolle. Im Gegensatz zeigt sich einerseits ein starker Fokus auf Praktiken der Aneignung von Geschichte (doing history) verbunden mit einer Hinwendung zu ethnologischen Methoden, sowie ein verstärkter Fokus auf quantitative und qualitative Methoden, die auch digitale Datenerhebungen ermöglichen. Dies ist insbesondere durch den großen Bedarf an Forschungen zu Geschichte in Social Media bedingt. Ein methodischer Kanon lässt sich hier aber noch nicht festmachen. Entsprechend ist das Angebot der ausbildenden Universitäten sehr vielfältig, beinhaltet aber generell eine Auseinandersetzung mit digitalen Repräsentationen von Geschichte. Die digital public history ist insofern integraler Bestandteil einer akademischen Public History bzw. des Forschungsobjektes Public History.
3. Schwerpunktsetzungen und Anwendungsorientierung Aktuell zeigen sich in Deutschland mit Blick auf die einzelnen Standorte von Professuren und Studienangeboten für die Public History verschiedene Schwerpunktsetzungen, die sich durch die individuellen Forschungsinteressen und Expertisen der Professor*innen und den Gegebenheiten der Forschungsinstitutionen und regionalen Besonderheiten festmachen lassen. Während die Freie Universität Berlin in Kooperation mit dem Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung vor allem zeitgeschichtliche Themen in den Fokus setzt, etablieren die Standorte Hamburg und Bochum einen Schwerpunkt im Bereich der digital public history. Köln zeichnet sich vor allem durch interdisziplinäre und internationale Projekte aus, eine neue regionalgeschichtliche Orientierung zeichnet sich beim Standort Regensburg ab. Bei der Denomination der Lehrstühle mit deutlicher Orientierung hin zur Kulturwissenschaft lässt sich an mehreren Standorten eine enge Verbindung zur Geschichtsdidaktik erkennen. Auch diese Akzentuierungen sind nicht epistemologisch bedingt, sondern spiegeln die spezifische deutsche universitäre Landschaft wider. Historische Institute sind fast überall epochal strukturiert und ein neu eingerichtetes interepochales Forschungsfeld ist daher am ehesten an geschichtsdidaktische Abteilungen angebun-
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den. In allen universitären Studienangeboten spielt die Praxisorientierung eine wichtige Rolle. Meist wird dies über mehrmonatige Praktika und Projektlehre abgebildet, in denen Studierende mit Praktiker*innen ein konkretes Produkt erarbeiten. Die Lehrstühle fungieren trotzdem als Forschungsstandorte. Public History-Professuren haben sich in den letzten Jahren als Institutionalisierungen der Wissenschaftskommunikation und als Landungsbrücke für historische Citizen Science Projekte positioniert. Sie unterstützen damit die third mission von Universitäten maßgeblich.
4. Offene Fragen und Entwicklungsperspektiven Die universitäre Public History tritt seit 2020 in eine Konsolidierungsphase ein – eine kritische Masse an Studienstandorten ist entstanden (die Public History gilt nun als sog. kleines Fach), ebenso wie sich ein Trend hin zur tenurierten Professur zeigt. Institutionell ist ebenfalls eine deutliche Verortung in der Geschichtswissenschaft und weniger im kulturwissenschaftlichen Feld erkennbar. Wie stark sich Forschung und Lehrgebiet aber interepochal und transdisziplinär aufstellen können und müssen, wird sich in den nächsten Jahren zeigen. Insbesondere für die Aufstellung von Präund Postdoktorand*innen sind diese offenen Fragen zentral, weil eine Dissertation im Bereich der Public History nicht nur für den außeruniversitären Arbeitsmarkt qualifiziert, sondern auch eine Karriere in den Universitäten ermöglichen muss. Die Public History-Lehrstühle werden durch ihre Netzwerke in die Praxis hinein stärker als Expert*innen für Karrieren außerhalb der Universität und Schule wahrgenommen und übernehmen entsprechende Veranstaltungsformate. Obwohl Praktikant*innen und fertige Masterstudierende noch häufig erklären müssen, was unter Public History zu verstehen ist, so zeigt sich in ersten Untersuchungen eine hohe Akzeptanz bei zukünftigen Arbeitgebenden und damit eine gute Employability.
Literatur Cole, Charles C.: Public History: What Difference Has it Made?, in: The Public Historian, 16 (1994) 4, S. 9-35. Gundermann, Christine et al: Schlüsselbegriffe der Public History. Göttingen 2021. Hasberg, Wolfgang: Öffentliche Geschichte. Epistemologische Überlegungen zur Public History, in: Christine Gundermann, Wolfgang Hasberg, Holger Thünemann (Hg): Geschichte in der Öffentlichkeit. Konzepte – Analysen – Dialoge. Berlin 2019, S. 35-85. Kelley, Robert: Public History: Its Origins, Nature, and Prospects, in: The Public Historian, 1 (1978) Fall, S. 16-28. Lücke, Martin und Zündorf, Irmgard: Einführung in die Public History. Göttingen 2018.
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Tomann, Juliane und Nießer Jacqueline: Public and Applied History in Germany – Just another Brock in the Wall of the Academic Ivory Tower?, in: The Public Historian, 41 (2018) 4, S. 11-27. Zündorf, Irmgard: Zeitgeschichte und Public History, Version: 2.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 06.09.2016, http://docupedia.de/zg/Zuendorf_public_history_v2_de_2016, DOI: http://dx.doi.org/10.14765/zzf.dok.2.699.v2 (zuletzt aufgerufen am 10.03.2022). Samida, Stefanie: Public History als Historische Kulturwissenschaft. Ein Plädoyer, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 17.06.2014, http://docupedia.de/zg/samida_public_history_ kulturwissenschaft_v1_de_kommentar_2014, DOI: http://dx.doi.org/10.14765/zzf.dok. 2.575.v1, Kommentar zu: Irmgard Zündorf, Zeitgeschichte und Public History, Version: 2.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 06.09.2016. Demantowsky, Marko: What is Public History, in: Demantowsky, Marko (Hg.): Public History and School. International Perspectives. Berlin/ Boston 2018, S. 3-37.
5.7 Historische Orientierung Andreas Körber
Der Begriff der Orientierung ist – wie so manche in diesem Forschungsfeld – für die Forschungs- und Praxisfelder des historischen Denkens und Lernens wie auch der Public History in ihrer heutigen Form sowohl zentral als auch alles andere als eindeutig. Bedeutung erlangt hat das Konzept der Historischen Orientierung im Rahmen der Entwicklung einer umfassenden, auf der analytischen Geschichtsphilosophie aufbauenden und ihre Implikationen sowohl für ein umfassendes Verständnis von Geschichte als einer anthropologisch-funktionalen Dimension aller menschlichen Kultur als auch für diesbezügliche Lern- und Sozialisationsprozesse theoretisch reflektierenden Historik (Danto 1980; Rüsen 2008). Diese definiert den Gegenstand „Geschichte“ nicht mehr ausschließlich oder auch nur vornehmlich als die Gesamtheit der tatsächlich gewesenen vergangenen Zustände (Bedingungen, Strukturen, Ereignisse und ihre Beziehungen sowie Entwicklungen) als eines gegebenen und für sich selbst zu erkennenden Gesamtkomplexes „Vergangenheit“, sondern als das Spektrum der möglichen und realisierten späteren, also retrospektiven Bezugnahmen auf Vergangenes mit den jeweiligen, in der solcherart Bezug nehmenden (Historisch denkenden) Zeit wurzelnden Interessen, Perspektiven, Fragen, Prinzipien und Kriterien. In diesem Rahmen ist „historische Orientierung“ als zentrale Funktionskategorie für die entsprechenden spezifischen Denkleistungen formuliert worden. An diese Bestimmung anknüpfend, gleichzeitig zum Teil deutlich davon abweichend, sie z.T. auch verkürzend sowie zum Teil deutlich verfehlend, hat der Begriff dann Eingang in eine ganze Reihe insbesondere didaktischer Konzepte gewonnen. Dies ist insbesondere dort der Fall, wo – etwa in didaktischen Analysen, Unterrichtsplanungen wie auch in ihnen unterliegenden Richtlinien und Lehrplänen – von einer Orientierung in der Vergangenheit die Rede ist, insofern darunter verstanden wird, dass Lernende in der Lage sein sollen, den jeweils interessierenden bzw. zu behandelnden Ausschnitt aus dem (erst zu rekonstruierenden) „Universum des Historischen“ (Gautschi) zu identifizieren und „in den gegebenen Kontext einzuordnen“. Diese letzteren Operationen sind Teile historischen Denkens, konstituieren aber gerade noch keine historische Orientierung.
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Andreas Körber
Ganz allgemein bezeichnet der Begriff Orientierung die oft handwerklich, medial und technisch unterstützten, letztlich aber mentalen Operationen, mit denen Subjekte (1) ihren Standort und (2) ihre Ausrichtung in einer sie umgebenden Umwelt sowie (3) die Beschaffenheit dieser Umwelt und (4) die sich daraus ergebenden Möglichkeiten von Erfahrungen und Handlungen ermitteln. Die Erfahrung, dass letztere eben nicht überall und immer gleich sind, sondern vom jeweils eigenen Standort in Raum, Zeit, physischen, sozialen und kulturellen Kontexten zumindest mit abhängen, macht Orientierung erforderlich und lässt entsprechende Bemühungen sinnvoll erscheinen. Solche Orientierungsleistungen erfolgen dabei nicht „ganzheitlich“, sondern nutzen (und kombinieren) unterschiedliche, den verschiedenen Dimensionen der Welterschließung (etwa der räumlichen, zeitlichen, moralischen, religiösen, politischen und weiterer) zugehörige Formen des Erfassens und Aufbereitens sowie Auswertens von Informationen. Später philosophisch verallgemeinert (Berger et al. 1997; Stegmaier 2008) ist der Begriff „Orientierung“ selbst einer für eine andere Dimension zuständigen Domäne entlehnt, nämlich der Geographie. Wie diese den Raum mittels Kategorien (Richtungen, Entfernungen) strukturiert, um konkrete Orte unterscheiden, identifizieren, benennen und in Relation zueinander setzen zu können (Entfernungen), gliedert auch die Historie die zeitliche Dimension menschlicher Umwelt (etwa mittels Periodisierungen). Wie in der Geographie (und allen anderen Domänen auch) reicht aber die einfache Identifikation der unterschiedlichen Orte nicht aus – sie werden zudem mit Hilfe von Informationen aus anderen Bereichen hinsichtlich ihrer Beschaffenheit qualifiziert, wodurch ihnen und ihren Beziehungen untereinander über die reine Lageinformation hinaus Bedeutungen zugewiesen werden. Orientierung ist mit einer solchen reinen differenzierenden Strukturierung des Raumes aber gerade noch nicht geleistet. Auch das genaue Studieren derart erfasster Informationen zu einem Raum (etwa der Inhalte einer Karte) gibt geographisch Denkenden noch keinerlei Hinweise darauf, was sie jeweils an Erfahrungen erwarten können und sollten (wessen sie gewahr sein sollten), welche Möglichkeiten sich bieten usw. Ohne die Identifikation des jeweils konkreten (tatsächlichen oder hypothetischen) eigenen Standortes auf der oder in Bezug zur Karte orientieren die auf ihr festgehaltenen Informationen nicht. Entsprechend ist die Kenntnis bestimmter Ausschnitte der Vergangenheit und die Fähigkeit, sie mit Hilfe passender (möglichst anerkannter, anschlussfähiger) Kategoriensysteme benennen zu können, zwar eine Teiloperation historischen Denkens, für sich aber nicht ausreichend. Sich „im Raum“ oder „in der Geschichte“ zu orientieren, erfordert somit mehr als die Fähigkeit, gegebene Einheiten auf einer Karte oder in einer Periodisierung zu verorten, nämlich mindestens die Qualifikation der Beziehung des eigenen Standortes zum jeweils so lokalisierten Gegenstand. Das be-
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trifft (um nun bei der Geschichte zu bleiben) etwa die Feststellung der zeitlichen, aber auch räumlichen, sozialen, kulturellen Entfernung der so lokalisierten Erfahrungs- und Handlungsbedingungen von den eigenen: Dass eine aus einer Quelle zu entnehmende Lebenswirklichkeit etwa „ins frühe Mittelalter“ gehört, sagt für sich genommen nichts aus, sondern erst, wenn der damit qualifizierte zeitliche Abstand und die zwischenzeitlichen tatsächlichen und/oder möglichen Wandlungen berücksichtigt werden. Selbst mit dieser relationalen Lokalisierung ist Orientierung noch nicht wirklich bestimmt. Über die von einem räumlichen, sozialen, zeitlichen oder auch anders festgestellten „Ort“ und einer Ausrichtung darin mit bedingten Möglichkeiten des Erwartens und Handelns sagt dessen jeweilige Lokalisierung und Charakterisierung weniger aus als die Reflexion seiner Beziehungen zu anderen Orten (bzw. Zeitpunkten) in unterschiedlichem Abstand und ihr Vergleich untereinander. Nicht das Wissen über eine konkrete Vergangenheit orientiert historisch, sondern das Wissen um die Unterschiedlichkeit von Bedingungen, Motiven, Logiken usw. menschlichen Handelns plus der Kenntnisse ihrer tatsächlichen Beziehungen untereinander und ihre In-Beziehung-Setzung zur eigenen Situation. Nur beides ermöglicht es, zugleich einer Vorstellung völliger Determiniertheit von Erwartbarem und Möglichem (und damit der Unmöglichkeit von Entscheidungen) und ihrer völligen Losgelöstheit von allen Bedingungen (und damit der Gefahr der Ziellosigkeit) zu entgehen. Historische Orientierung ist somit – wie alle Orientierung – Verarbeitung, aber nicht Auflösung erfahrener Kontingenz. Damit ist aber erst die Aufgabe und Funktion historischer Orientierung bis zu einem gewissen Grade bestimmt (ein weiterer Aspekt folgt unten), nicht aber ihre Logik. Diese liegt nicht in einzelner, auch nicht in kumulierter punktueller Kenntnis vergangener Zustände, sondern in der Qualifikation und Reflexion ihrer zeitlichen Beziehungen zueinander. Nicht, dass 1928 ein Pakt zur Ächtung des Krieges als Mittel der Politik verabschiedet wurde, ist geeignet, uns heute zu orientieren, sondern die Beantwortung eines ganzen Bündels von Fragen, die sich nur aus einer Situation nach diesem Ereignis stellen lassen, ja aus einer Situation, die um die Macht dieser Idee ebenso weiß wie darum, dass sie noch unabgegolten ist – Fragen, die aus dem Wissen um das Heute (etwa den russischen Überfall auf die Ukraine) und das Ereignis das Davor, das Seither und somit auch die Zukunft hinsichtlich erkennbarer (tatsächlicher) wie möglicher (Optionen, Normen) Zeitverläufe befragen. Der Kern der historischen Orientierung ist somit die Erkenntnis und Reflexion zeitlicher Verlaufsund Handlungszusammenhänge (vgl. auch Jaeger 2000). Auch damit aber ist der Umfang historischer Orientierung immer noch nicht hinreichend beschrieben. Ginge es lediglich um individuelles Handeln Einzelner in ei-
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ner Gegenwart (fast) ohne andere Menschen, könnte es fast ausreichen. Unsere eigenen Orientierungen, d.h. unsere Konstruktionen dessen, was angesichts und in Kenntnis von (möglichst vielfachem) Vergangenem heute und in Zukunft zu erwarten, zu fürchten, zu hoffen und was zu tun möglich und sinnvoll ist, hängt auch davon ab, welche Orientierungsleistungen die Menschen mit ihren Fragen, Hoffnungen, Zielen, Normen und Vorstellungen mittels der ihnen zugänglichen und von ihnen (re-)konstruierten Erfahrungen erbracht haben. Historische Orientierung erfordert somit immer auch ein Mindestmaß an hypothetischer Orientierung aus anderer Perspektive und an Erwägung ihrer Kompatibilitäten (vgl. Röttgers 1982). Historische Orientierung im engeren Sinne ist somit diejenige Teiloperation, welche die Bemühungen um Erkenntnis von Vergangenem erst in Wert setzt und im weiteren Sinne daher die Funktion der Gesamtheit dieser Operationen. Sie ist angewiesen auf gewissenhafte Hinwendung zur Vergangenheit, auf akkurate Aufarbeitung der aus ihr überlieferten Spuren und der über es überkommenen Nachrichten, ebenso aber auf die Erkenntnis, dass (allgemein) und wie (konkret) das Ergebnis dieser Operationen nicht die Erkenntnis „der Vergangenheit“ oder auch nur eines Vergangenen an und für sich selbst ist, sondern die Erkenntnis einer möglichst plausiblen Operation, die Hinweise gibt darauf, was angesichts der so erkannten Einzelheiten, ihrer Zusammenhänge untereinander und mit dem Heute erwartet und getan werden kann. Mit Hilfe der Analogie zur Geographie sei noch ein möglicherweise missverständlicher Aspekt angesprochen: Die Geschichte (bzw. die Vergangenheit und die historisch denkende Reflexion auf sie) sagt nicht definitiv und abschließend, was man tun kann und soll – sie legt einen wesentlichen Grund für entsprechende Entscheidungen, die man aber jeweils selbst treffen und verantworten muss – gegenüber sich selbst, anderen, und wohl auch – wie es oft bezeichnet wird – „der Geschichte“, d.h. antizipierten künftigen Rückblicken anderer (vgl. Körber 2019; vgl. unten). Das ist eben wiederum wie bei der räumlichen Orientierung. Folgt man einem Wegweiser im Gelände oder einem eingetragenen Weg auf einer Karte bzw. einer Kartenskizze, leistet man keine Orientierung mehr, sondern verlässt sich auf eine bereits erfolgte. Erst wenn keine oder mehrere konkrete Möglichkeiten des Handelns offenstehen (oder etwa wenn es die eigene Aufgabe ist, einen Wegweiser richtig aufzustellen, einen Weg festzulegen und einzutragen oder einer Skizze anzufertigen), kommt die Operation der Orientierung ins Spiel, müssen die Beschaffenheiten des Geländes erkundet, in Sprache oder Symbole formuliert und mit einem oder mehreren Orientierungsbedürfnissen in Verbindung gebracht werden. Eine historiographische Darstellung eines vergangenen Geschehens, eines Zusammenhangs, einer Entwicklung ist dann (die Analogie hat definitionsgemäß Grenzen) so etwas wie die Karte ohne ein-
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gezeichneten Weg, die Wahrnehmung des Geländes so etwas wie die „Quellen“: Sie helfen bei der Orientierung – leisten tun sie sie nicht. Ergänzend sei noch eine Erweiterung des Orientierungsbegriffs angesprochen, die sich in der bisherigen Literatur kaum findet. Die bislang dargelegte Form historischer Orientierung zielt auf die Gewinnung von Zukunft als Handlungsraum durch Orientierung auf das Vergangene und Extrapolation der Ergebnisse in eine Zukunft. Damit wird die mit der Offenheit der Zukunft angenommene Kontingenz zwar verarbeitet und gewissermaßen verringert, insgesamt bleibt es aber bei einer Orientierung auf die Zukunft. Angesichts der in den letzten Jahren (eigentlich: Jahrzehnten) immer deutlicher werdenden existenziellen Anfragen an die Konsequenzen gegenwärtigen, in die Zukunft gerichteten Handelns (einige Stichworte dazu sind: Klimawandel, Kipppunkte, Anthropozän) wird aber das Unzureichende dieser Konzeption immer deutlicher. Historische Orientierung muss nicht nur für die Zukunft orientieren, sondern auch angesichts einer Verantwortung gegenüber der Zukunft bzw. künftigen Generationen, und muss deshalb auch deren retrospektive Interessen an Orientierung und deren mögliche historische Sach- und Werturteile einbeziehen. Nicht mehr vornehmlich oder ausschließlich „wer sind wir angesichts der Vergangenheit?“ und „was können wir heute tun?“ bzw. „was sollten wir angesichts der Erfahrungen in und aus der Vergangenheit lieber vermeiden?“ lautet die Historische Orientierungsfrage, sondern „wer werden wir für die Menschen jener Zukunft, in die hinein wir handeln gewesen sein?“ und „wer wollen wir in ihren Augen gewesen sein?“ (vgl. Willemsen 2016; Körber 2019). Historische Orientierung ist dann nicht nur Orientierung mittels des Vergangenen für Gegenwart und Zukunft, sondern auch Orientierung gegenwärtigen und künftigen Handelns auf künftige rückblickende Sinnbildungen und Urteile hin. Die Thesen einer zeitlichen Veränderung vor allem zur Zukunft hin eher leugnenden breiten Gegenwart oder gar einer Platz greifenden Befürchtung nur noch disruptiv-zerstörerischer und somit eher zu verhindernder Zukunft (Simon 2021) modifizieren jedoch angesichts einerseits gleichzeitig fortbestehender Zukunftserwartungen, -hoffnungen und oft zeitgleich -befürchtungen (Kernfusion, Transhumanismus etc.) die Themen und Inhalte, nicht aber die Grundlogik historischer Orientierung. Selbst nach Überschreiben einer etwaigen Schwelle hin zu einem „Homo Deus“ (Harari 2018) in einem Anthropozän wird die Erfahrung der Menschheit in der Zeit davor nicht wertlos, aber ggf. anders zu reflektieren sein. Was bedeutet dies für Geschichtswissenschaft und Geschichtsdidaktik? Zum einen ist festzuhalten, dass die Bestimmung historischer Orientierung als der eigentlichen Funktion von Geschichte und historischem Denken noch nichts aussagt über die Zuständigkeiten dessen, wer orientiert und wer orientiert wird oder werden soll.
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Auch in Anerkennung, dass Geschichtsforschung und -lernen nicht allein oder letztlich die Erkenntnis der Vergangenheit zum Ziel haben, sondern die Orientierung im Jetzt ist es nicht nur denkbare, sondern weithin gedachte und realisierte Praxis, die Orientierung der Gesellschaft der jeweiligen Wissenschaft und der Jugend den entsprechenden Schulfächern zuzuweisen. Das läuft letztlich darauf hinaus, Orientierungsbedürfnisse zu antizipieren und nur diese stellvertretend zu befriedigen. Den Anforderungen an zugleich verteiltes und gemeinsames Handeln-Können in diversen Gesellschaften wird ein solches Verständnis nicht gerecht. Geschichtswissenschaft kann und muss sicher im Sinne einer professionalisierten Übernahme komplexer Formen Orientierungs-Angebote erarbeiten, darf diese aber sicher nicht in einem kompensatorischen Sinne zur einfachen Befriedigung von Sinnbedürfnissen erzählen, sondern muss sie argumentierend abwägend präsentieren (was der narrativen Grundlogik aller historischen Aussagen nicht widerspricht), will sie nicht einfach kompensatorisch-affirmativ wirken (vgl. Körber 2007, S. 136; Mittelstraß 1982, 1136; 50-51; Mittelstraß 1999, S. 35), was wirklicher Orientierung widerspräche; Geschichtsunterricht in Schulen wiederum darf die Narrativität ihrerseits weder so verstehen, als käme es letztlich auf ein – wie auch immer methodisch aufbereitetes – erzählendes Weitergeben einer langen, vermeintlich orientierenden Sinn stiftenden Geschichte an die junge Generation an oder darauf, dass diese lernt, diese im Sinne einer wohl argumentierten und formulierten Geschichte selbst (nach-)zuerzählen. Narrative Kompetenz – wenn man das oberste Ziel historischen Lernens so bezeichnen will – muss letztlich bedeuten, zeitliche Orientierung selbst erstellen, d.h. Sinn bilden zu können. Das gelingt sicher nicht ohne vorliegende orientierende Erzählungen, nicht aber an ihnen (oder gar einer einzigen allein) in Übernahme und Akzeptanz, sondern in hypothetischem, erwägendem, klärendem, durchaus auch kritischem sowie differenzierendem (d.h. nicht für alle identischem) Argumentieren, sachlichem und wertenden Urteilen. Vor allem aber ist es der konstitutive Bezug der Operationen auf die je individuelle wie auch gemeinsame Gegenwart als Ausgangs- und Fluchtpunkt des Historischen Denkens, der zunehmend explizit gemacht werden muss. Gerade weil alle Darstellungen den von ihren Autor*innen antizipierten wie den nicht vorhersehbaren Leser*innen jeweils unterschiedliche Orientierungsangebote machen; gerade weil solche Bezüge selbst da vorhanden sind (und sei es in der Leugnung ihrer Existenz und Rolle), wo sie nicht expliziert werden (vgl. zuletzt Armitage 2022, S. 44-69), wo manifest nur von einer Vergangenheit erzählt wird, muss historisches Lernen diese orientierende Funktion zu erkennen, zu entschlüsseln und zu bewerten ebenso umfassen wie sich der eigenen Orientierungs-Fragen beim Befassen mit Geschichte bewusst zu werden. Dies systematisch zu befördern, bedarf sicher einer anderen Form der Entwicklung der dazu nötigen Fähigkeiten, Fertigkei-
5.7 Historische Orientierung
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ten und Bereitschaften als entlang der Chronologie (Körber 2021). Historische Orientierung als unhintergehbare Komponente des historischen Denkens ernst zu nehmen, bedeutet somit auch eine Herausforderung zum Umdenken in Bezug auf Geschichtsunterricht.
Literaturverzeichnis Armitage, David (2022): In Defense of Presentism. In: Darrin M. McMahon (Hg.): History and Human Flourishing. Oxford, S. 44-69. Online: https://scholar.harvard.edu/files/armi tage/files/armitage_in_defence_of_presentism.pdf. Berger, Peter A./Hastedt, Heiner/Lethen, Helmut/Thomä, Dieter (1997): Orientierung, Gesellschaft, Erinnerung. Beiträge. Rostock: Universität Rostock (Rostocker philosophische Manuskripte, n.F., Heft 4). Danto, Arthur C. (1980): Analytische Philosophie der Geschichte. 1. Aufl. Frankfurt/Main. Jaeger, Friedrich (2000): Geschichte als Orientierungswissen. Lebenspraktische Herausforderungen und Funktionen des historischen Denkens. unpubl. Manuskript. 43. Deutscher Historikertag. Aachen, 2000. Körber, Andreas (2007): Die Dimensionen des Kompetenzmodells 'Historisches Denken'. In: Andreas Körber, Waltraud Schreiber und Alexander Schöner (Hg.): Kompetenzen historischen Denkens. Ein Strukturmodell als Beitrag zur Kompetenzorientierung in der Geschichtsdidaktik. Neuried: Ars Una (Kompetenzen, 2), S. 89–154. Körber, Andreas (2019): Extending historical consciousness. Past futures and future pasts. In: Historical Encounters. A Journal of Historical Consciousness, Historical Cultures, and History Education 6 (1), S. 29–39. Online verfügbar unter http://hej.hermes-history.net/index.php/HEJ/article/download/120/105. Körber, Andreas (2021): Chronologie ja – aber anders. Plädoyer für einen nicht-chronologischen Geschichtsunterricht im Interesse der Chronologie. In: Lars Deile, Peter Riedel und Jörg van Norden (Hg.): Brennpunkte heutigen Geschichtsunterrichts. Joachim Rohlfes zum 90. Geburtstag. Frankfurt am Main, S. 53–63. Mittelstraß, Jürgen (1982): Wissenschaft als Lebensform. Reden über philosophische Orientierungen in Wissenschaft und Universität. 1. Aufl. Frankfurt am Main. Mittelstraß, Jürgen (1999): Der unheimliche Ort der Geisteswissenschaften. In: Heide Ziegler, Marcus Bierich, Wolfgang Frühwald, Gert Kaiser, Jürgen Mittelstraß und Manfred Popp (Hg.): Zweites Stuttgarter Bildungsforum - Orientierungswissen versus Verfügungswissen. Die Rolle der Geisteswissenschaften in einer technologisch orientierten Gesellschaft. Reden bei der Veranstaltung der Universität Stuttgart am 27. Juni 1994. Stuttgart: Universitätsbibliothek der Universität Stuttgart (Reden und Aufsätze / Universität Stuttgart, 51), S. 30–39. Röttgers, Kurt (1982): Geschichtserzählung als kommunikativer Text. In: Siegfried Quandt und Hans Süssmuth (Hg.): Historisches Erzählen. Formen und Funktionen. Göttingen, S. 29–48. Rüsen, Jörn (2008): Historische Orientierung. Über die Arbeit des Geschichtsbewußtseins, sich in der Zeit zurechtzufinden. 2. Aufl. Schwalbach/Ts. Stegmaier, Werner (2008): Philosophie der Orientierung. Berlin, New York.
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Andreas Körber
5.8 Geschichte und Politik Stefan Jordan
Einleitung Geschichte und Politik stehen seit frühesten Zeiten in einem engen Wechselverhältnis, das sich in drei Dimensionen beschreiben lässt: Erstens gehört die Politik seit den Anfängen von Geschichtsschreibung zu deren bevorzugten Gegenständen; seit der Verwissenschaftlichung von Geschichte bildet die Politikgeschichte eine ihrer meist behandelten Teildisziplinen. Zweitens findet die Arbeit an der Geschichte stets in sozialen Verbänden mit einer bestimmten politischen Struktur statt (Gruppen, Staaten, Kirchen im Sinne institutioneller Organisationen); die Vorstellung, wie moderne Geschichtswissenschaft betrieben werden und wie moderne politische Verfassungen aussehen sollen, entstand in der westlichen Welt zur selben Zeit – der „Sattelzeit“ zwischen etwa 1750 und 1850 – vor dem Hintergrund einer bestimmten, später als „modern“ bezeichneten Form politisch-sozialer Denkideen; Geschichtswissenschaft und Politik beeinflussten sich in ihrer Entstehung wechselseitig und wurden sich organisatorisch ähnlich. Drittens bedarf einerseits Politik heute immer geschichtswissenschaftlicher Erkenntnisse als Argumenten für die Bildung politischer Handlungs- und Zielvorstellungen wie andererseits Geschichtswissenschaft im öffentlichen Diskurs moderner Gesellschaften implizit oder explizit immer auf politische Prozesse und Entscheidungen bezogen ist.
Politische Geschichtsschreibung Bereits in frühesten Formen von Geschichtsschreibung stand die Politik im Zentrum des Interesses. Im altägyptischen Reich wurden in der Mitte des 3. Jahrtausends v. Chr. Annalensteine erstellt, auf denen die Namen der Pharaonen und besondere Ereignisse einzelner Jahre verzeichnet waren. Auch in anderen vorchristlichen Kulturen des Vorderen Orients entstanden Königslisten sowie Annalen, die aus dem Geschehen unter der Regentschaft bestimmter Herrscher berichteten. Frühe epische Texte stellten Herrscher, häufig auch kriegerische Handlungen in den Mittelpunkt
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Stefan Jordan
ihres Interesses: Das TukultƯ-Ninurta-Epos aus neuassyrischer Zeit schilderte den Sieg des Königs TukultƯ-Ninurta über die Kassiten, und die historischen Bücher des Alten Testaments beschrieben die Auseinandersetzungen des Volkes Israel mit anderen Kulturen. Wegweisend für die abendländische Geschichtsschreibung wurde u. a. die Ilias, die den Krieg zwischen Griechen und Trojanern in Form einer historischen Erzählung darstellt. Herrschaft und Krieg bildeten auch das Zentrum antiker Geschichtsschreibung. Der Begriff historia umfasste sowohl die res gestae („geschehenen Taten“) bedeutender politischer wie militärischer Persönlichkeiten, als auch die Erzählung von ihnen (historia rerum gestarum). Herodots (490/80-430/20 v.Chr.) Historien berichten von den Perserkriegen mit der Absicht, die politisch-kriegerischen Leistungen der Griechen in Erinnerung zu halten; auch Thukydides (vor 454-399/96 v.Chr.) unterstrich die Leistungen der griechischen Stadtstaaten. Diese Tradition setzten Autoren wie Gaius Julius Caesar (100-44 v.Chr.), Titus Livius (59 v.Chr.-16/17 n.Chr.) und Publius Cornelius Tacitus (um 55-um 125) fort, um die Größe des Römischen Reichs zu dokumentieren und mit Blick auf vermeintliche Blütezeiten Vorbilder für die Zukunft zu schaffen. Geschichtsschreibung diente weithin dem Ziel, politische Ereignisse, Zustände und Persönlichkeiten zu idealisieren. Hierzu bediente man sich auch des Genres der Biografie – so etwa Xenophon aus Athen (430-350 v.Chr.), Plutarch (um 45-um 125) und Sueton (um 70-140). Sie stellten politisches Handeln als vorbildlich oder als verwerflich dar, um politische Handlungs- und Zielbildung zu befördern. Eine ähnliche Intention verfolgten die Annalen und (Heiligen-)Viten des lateinischen Mittelalters, die ebenfalls als „Arbeit am Ethos“ anzusehen sind, also an der Formung politisch-moralischer Maximen. Die Konzentration auf politisches Geschehen und Herrscher ist kein besonderes Merkmal abendländischer Geschichtsschreibung. Auch in der byzantinischen (z. B. Michael Psellos, 1018-um 1080), persisch-islamischen (z. B. Ibn Chaldnjn, 13321406) und chinesischen (z. B. Sima Guang, 1019-1086) Historiografie lassen sich Beispiele finden. Der moralisch-didaktische Grundzug politischer Geschichtsschreibung änderte sich auch in der westlichen Welt der Neuzeit nicht, als die Kritik an politisch-ideologischen sowie religiösen Vorgaben zunahm. So blieb die historiografische Idealisierung (oder Perhorreszierung) von Herrschern bestehen, als der Territorial- bzw. Nationalstaat zum bevorzugten Genre politischer Geschichtsschreibung wurde (Woolf 2011). Mitunter betätigten sich politische Entscheider – ähnlich wie der Sokratiker Kritias (um 460-403 v. Chr.) oder Cäsar Jahrhunderte vor ihnen – selbst als Geschichtsschreiber, um ihr eigenes politisches Handeln oder eine historische Entwicklung zu rechtfertigen, in deren Zentrum sie gestanden hatten. Ihre historiografischen Werke sollten Geschichtsbilder in politischer Absicht formen und
5.8 Geschichte und Politik
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konnten den Charakter von geschichtlichen Untersuchungen tragen, etwa im Fall der Werke des französischen Politikers und Revolutionshistorikers Adolphe Thiers (1797-1877) oder Winston Churchills (1874-1965), der militärgeschichtliche Untersuchungen vorlegte. Meist wählten Politiker-Historiker aber subjektivere Genres wie Autobiografien und Memoiren, in denen sie ihre eigene Persönlichkeit und ihr Handeln in legitimatorischer Absicht bespiegelten, wofür Otto von Bismarcks (18151898) „Gedanken und Erinnerungen“ (3 Bde., 1898-1919) oder Churchills Kriegserinnerungen „The Second World War“ (6 Bde., 1948-1953) bekannte Beispiele sind. Seit dem 18. Jahrhundert entstanden große historiografische Werke, die durch die Darstellung eines historischen Aufstiegs der Nation, des Volks oder Staats identitätsbegründend und politisch zielbildend für Kulturen und Staaten wirken wollten (Cornelissen 2000). Blieben diese Werke in autoritären Systemen bis in die Gegenwart hinein eher staatstragend-affirmativ, so entstanden in Staaten, die einen Demokratisierungsprozess durchliefen und freie Diskurskulturen schufen, nun auch Arbeiten, die mit der Politik der Vergangenheit ins Gericht gingen oder sie so darstellten, dass sie als Kritik an bestehenden politischen Maximen und Institutionen zu lesen waren. Dieser kritische Grundzug prägt politische Geschichtsschreibung in modernen offenen Gesellschaften. Indem die methodisch regulierte Geschichtswissenschaft über politische Verhältnisse der Vergangenheit in einer Weise aufklärt, die sich selbst der Diskussion und politischen Hinterfragung stellt, leistet sie einen wichtigen Beitrag zur politischen Bildung und Begründung politischer Handlungen und Ziele.
Geschichtswissenschaft und demokratisches System Reinhart Koselleck (1923-2006) hat für den Übergang der Neuzeit in die Moderne die Vorstellung einer „Sattelzeit“ in den Staaten des Westens geprägt. Ihr zufolge kam es zwischen etwa 1750 und 1850 zu einem grundlegenden Umbruch im allgemeinen Denken, das Folge von wie Ursache für bestimmte politisch-soziale Entwicklungen war und sich in der Umdeutung alter Begriffe oder der Schaffung neuer Begriffe (und damit Denkformen) zum Ausdruck brachte. Die Entstehung moderner Demokratien und moderner Geschichtswissenschaft fällt zeitlich in die Sattelzeit und ist Folge dieses Prozesses. Die Bildung der Geschichtswissenschaft lässt sich als Verwissenschaftlichung und Verfachlichung beschreiben. Arbeit an der Geschichte wurde nun auf der Grundlage der Vernunft als regulierender Instanz nach methodologisch strikt festgeschriebenen und offengelegten Grundsätzen betrieben;
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die aus ihr hervorgehenden Erkenntnisse galten nicht mehr als Wahrheit, sondern als Beschreibung von objektivierten Sachverhalten, deren Gültigkeit anfechtbar war. So betrieben, verfachlichte sich die Geschichtswissenschaft, indem sie sich von politischen und kirchlichen Institutionen emanzipierte, sich als eigenständiges akademisches Fach etablierte und eigene Organe (Periodika, Vereinigungen etc.) ausbildete. Zeitgleich entstanden demokratische Staaten in den USA, Frankreich und anderen Staaten Europas, die zum Vorbild für den weiteren Demokratisierungsprozess wurden und durch plurale, freiheitliche Gesellschaften gekennzeichnet sind. War „die Öffentlichkeit“ in diesen Gesellschaften zunächst auf soziale Eliten begrenzt, so vollzog sich im Zuge der Demokratisierung eine Integration zunehmend breiter Bevölkerungsteile in den politischen Meinungsbildungsprozess. Ähnliches lässt sich auch für „die Öffentlichkeit“ in der Geschichtswissenschaft behaupten (Jordan 2021a, 58-61). Während die Bildung und Diskussion historischer Erkenntnisse zunächst vor dem Hintergrund der Ordinarienuniversitäten vorwiegend eine Angelegenheit bildungsbürgerlicher Eliten war, partizipierten im Lauf der Zeit immer größere Teile der Gesellschaft daran. Über Massenmedien wurde Geschichte zum öffentlichen Diskussionsgegenstand, wovon die großen historischen Kontroversen zeugen. Dass etwa die „Fischer-Kontroverse“ um die deutsche Kriegsschuld 1914 in den 1960er Jahren und der „Historikerstreit“ um die Beurteilung des Nationalsozialismus in den 1980er Jahren breite öffentliche Aufmerksamkeit erfuhren, hängt damit zusammen, dass Geschichte wie Politik zu allgemeinen öffentlichen Anliegen geworden waren und gegenseitig in einem Bedingungsverhältnis standen. Auf der einen Seite traten etwa beim Historikerstreit Historiker:innen gegeneinander an, die unterschiedlichen politischen Lagern zugerechnet und denen also unterschiedliche Erkenntnisinteressen zugemessen wurden; auf der anderen Seite führten die Diskussionsbeiträge zu politischen Konsequenzen wie der Debatte darüber, inwiefern der Umgang mit dem Holocaust identitätsbegründend für die Bundesrepublik sei (Große Kracht 2005). Arbeit an der Geschichte setzt bestimmte politische Positionen voraus und ist Arbeit an der Politik. Die Transparenz, Internationalität und Freiheit der res publica litteraria wurde zum Vorbild für demokratische Gesprächskultur, die demokratische Freiheit – allen voran die Meinungsfreiheit – zum schützenden Rahmen historischer Erkenntnisbildung. Außerhalb demokratischer Systeme ist zwar Geschichtsschreibung möglich – basierend auf Ideologien und philosophischen bzw. religiösen Dogmen –, doch auf den Grundsätzen der Vernunft basierende, freiheitlich verhandelbare Geschichtswissenschaft ist untrennbar mit Demokratie verbunden. Aus diesem Grund scheiterte der Versuch, eine spezifisch nationalsozialistische Geschichtswissenschaft zu etablieren ebenso wie der Versuch, auf der Grundlage einer historisch-
5.8 Geschichte und Politik
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materialistischen Ideologie verwertbare Wissenschaft hervorzubringen (Jordan 2021, 59-62).
Historische Faktizität und Fake News Verlor der Wahrheitsbegriff im Laufe der Entwicklung moderner Geschichtswissenschaft immer mehr an Bedeutung und wurde wegen seiner mitunter dogmatischen Verfassung kritisch hinterfragt, so behielt die Bindung von Geschichte an eine Vorstellung von Wirklichkeit von den Anfängen der Geschichtsschreibung bis heute eine zentrale Stellung für die Beantwortung der Frage, was Geschichte überhaupt sei. Denn im Gegensatz zu Fiktivem, rein Vorgestelltem, hat es Geschichte per definitionem immer mit Wirklichem, also tatsächlich Geschehenem und in der Vergangenheit Vorhandenem zu tun, gleichgültig ob sie auf einzelne Entitäten oder auf abstrakte Prozesse und Strukturen zielt. Da die vergangene Wirklichkeit aber nicht mehr existent ist, müssen Erkenntnisse über sie im Zugriff auf überlieferte Quellen und andere erhaltene Überreste rekonstruiert werden. Geschichte ist daher immer etwas Gegenwärtiges, für die Gegenwart und ihre weitere Entwicklung Bestimmtes, das aus der Sicht der Gegenwart heraus formuliert wird. Geschichtsbilder gründen auf historischer Faktizität. Während Gedankenspiele im Rahmen so genannter Ungeschehener Geschichte (Counterfactual History) nach dem Muster „Was wäre geschehen, wenn ...?“ immer im Bereich des Fiktiven verbleiben (Demandt 1986), trifft Geschichtswissenschaft Aussagen nach dem Muster „So ist es geschehen!“ oder thesenhafter „So könnte es gewesen sein.“ Sie bietet daher den Gegenwärtigen Einsichten, wie die Gegenwart in ihrer spezifischen Verfassung entstanden ist, und trägt so entscheidend zur Orientierung und Identitätsbildung von Einzelindividuen und sozialen Gruppen in der Gegenwart bei. Damit erfüllt sie eine wichtige politische Funktion: Auf der Grundlage historischer Erkenntnisse werden Bewertungen aktueller politischer und gesellschaftlicher Vorkommnisse getroffen und Handlungsoptionen für die Zukunft aus der Gegenwart heraus entwickelt (Fröhlich/Kohlstruck 2008). Politik ist zu einem nicht unbedeutenden Teil die Umsetzung geschichtswissenschaftlicher Erkenntnisse in eine Praxis und Geschichte Teil jeder politischen Bildung in offenen Gesellschaften. Zwar basiert eine auf „das Gute“ gerichtete Politik ebenfalls auf (überhistorischen) philosophisch-moralischen Grundsätzen, doch werden Entscheidungen über Strukturen, Prozesse und Inhalte, die das Zusammenleben in Gesellschaften regeln, immer auch vor dem Hintergrund der Gewordenheit dieser Gesellschaften getroffen.
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Aus diesem Grund waren die historischen Kontroversen in den modernen Gesellschaften wegweisend für deren politische Entwicklung. Die Rede von der „historischen Schuld“ etwa – sei es die Schuld am Ausbruch eines Krieges, an der Verfolgung von Bevölkerungen oder Bevölkerungsteilen oder an der Verursachung von Krisen – ist kein geschichtswissenschaftlicher, sondern ein politischer Terminus. Der politische Akt einer Restituierung unrechtmäßig erworbenen Kulturguts beispielsweise resultiert auf der rechtlich-moralischen Einsicht, dass Unrecht geschehen sei. Diese Einsicht wiederum ist historisch fundiert: Ihre Grundlage sind Erkenntnisse über historische Ereignisse und Prozesse, die geschichtswissenschaftlich ermittelt wurden und im Rahmen einer demokratisch verfassten Gesprächskultur weitgehende Akzeptanz gefunden haben. Den Gegensatz zu historischer Faktizität bildet nicht das Fiktive, das laut Definition keinen Anspruch auf Wirklichkeit erhebt, sondern die bloße, nicht quellenmäßig gesicherte und methodologisch reguliert ermittelte Behauptung oder gar die Lüge. Sie werden seit einiger Zeit auch als Fake News bezeichnet. Im Unterschied zu historisch gesicherten Nachrichten behaupten Fake News Vorkommnisse, die nie oder nie in der behaupteten Form stattgefunden haben. So verbreitete der ehemalige USPräsident Donald Trump (* 1946) während seiner Amtszeit laut Zählung der „Washington Post“ im Januar mehr als 30.000 Fake News, um seine Politik zu legitimieren. Damit erreichte er ein bis dahin unerkanntes Ausmaß des Gebrauchs von Fake News, doch ist er nicht deren Erfinder, denn das In-die-Welt-setzen von (historischen) Falschmeldungen und Lügen durchzieht schon die Geschichte des 20. Jahrhunderts (Beispiele hierfür in Bendikowski/Hoffmann/Sawicki 2001 und Keil/Kellerhoff 2017). Fake News und historische Fakten verbindet ihre Funktion, im politischen Diskurs als Entscheidungsbegründung für politisches Handeln herangezogen werden zu können. Doch während historische Fakten diskutierbar, unterschiedlich interpretierbar und mitunter widerlegbar sind, sind Fake News apodiktisch. Damit widersprechen sie der demokratischen Gesprächskultur und sind – wie die Gründung politischen Handelns ausschließlich auf Ideologien und Dogmen – Ausdruck eines autoritären Politikverständnisses. Fake News greifen demokratische Kulturen in ihrer Basis an, indem sie historische Erkenntnisse als Grundlage für deren politischen Meinungsbildungsprozess zu ersetzen suchen (Gensing 2020).
Literaturverzeichnis Bendikowski, Tillmann/Hoffmann, Arnd/Sawicki, Diethard: Geschichtslügen. Vom Lügen und Fälschen im Umgang mit der Vergangenheit. Münster 2001.
5.8 Geschichte und Politik
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Cornelissen, Christoph: Politische Geschichte, in: ders. (Hg.): Geschichtswissenschaften. Eine Einführung. Frankfurt a.M. 2000, 133-148 Demandt, Alexander: Ungeschehene Geschichte. Ein Traktat über die Frage: Was wäre geschehen, wenn ...?. Göttingen 21986. Fröhlich, Claudia/Kohlstruck, Michael: „Aus der Geschichte lernen. Zur aktuellen Bedeutung einer Alltagsmaxime, in: Horst-Alfred Heinrich/Michael Kohlstruck (Hg.): Geschichtspolitik und sozialwissenschaftliche Theorie. Stuttgart 2008, 123-142. Gensing, Patrick: Fakten gegen Fake News oder Der Kampf um die Demokratie. Bonn 2020. Große Kracht, Klaus: Die zankende Zunft. Historische Kontroversen in Deutschland nach 1945. Göttingen 2005. Jordan, Stefan: Einführung in das Geschichtsstudium. Ditzingen 32021. Jordan, Stefan: Theorien und Methoden der Geschichtswissenschaft. Paderborn u. a. 52021a. Keil, Lars-Broder/Kellerhoff, Sven Felix: Fake News machen Geschichte. Gerüchte und Falschmeldungen im 20. und 21. Jahrhundert. Berlin 2017. Woolf, Daniel: A Global History of History. Cambridge 2011.
5.9 Historische Identität und Pluralität Bettina Degner
Die Auseinandersetzung mit Geschichte ist identitätsrelevant. Nach Jörn Rüsen ist die (historische) Identität (neben der zeitlichen Praxisorientierung) eine der Funktionen des Geschichtsbewusstseins (Rüsen 2008). Identitätsbildung ist eine Leistung des Geschichtsbewusstseins und historische Identität ihr Produkt (Schönemann 2022). Das Identitätsbewusstsein ist das Bewusstsein von Zugehörigkeit zu einer Gruppe und die Fähigkeit, dies auch für andere zu berücksichtigen. Nach Pandel (1987) ist dieses Identitätsbewusstsein eine der Dimensionen der Gesellschaftlichkeit des Geschichtsbewusstseins (neben dem politischen, ökonomischen und moralischen Bewusstsein). In der Geschichtsdidaktik wurde Identität unter dem Einfluss der Theorien des Entwicklungspsychologen Erikson (1973) und des Soziologen Krappmann (1969) primär vom Individuum her konstruiert (Gorbahn 2016, 218): Die personale oder Ich-Identität entwickelt sich als Selbstkonzept eines Individuums, das sich aber auch durch spezifische Gruppenzugehörigkeiten (soziale Identität) definiert. Daneben werden auch Gruppen Eigenschaften, spezifische Geschichtsvorstellungen und geschichtskulturelle Positionen zugeschrieben (kollektive Identität), wobei diese Zuschreibung problematisch ist, da kollektive Identität nur über eine Identifikation seitens der beteiligten Individuen funktioniert. Denn die soziale Identität ist das Ergebnis eines Identifikationsprozesses mit einer Gruppe, in deren konzeptuellen Vorstellungen auch Repräsentationen von Geschichte zu finden sind. Nach dem narrativen Paradigma vollzieht sich die historische Identitätsbildung im Modus des historischen Erzählens. Historische Erzählungen beinhalten Schilderungen gemeinschaftsstiftender Ereignisse und Begebenheiten, häufig in verdichteter Form (z.B. als Ursprungsmythos) und mit einem Plot (z.B. als Fortschrittserzählung) sowie Abgrenzungen von den „Anderen“. Sie sind nicht statisch, sondern von den Gruppenmitgliedern modifiziert erzählbar als „Sinnbildungen in der Zeit“. Solche Erzählungen sind im hohen Maße gemeinschaftsbildend. Die nationale Identität stellt immer noch die wirkmächtigste Ebene der Gruppenzugehörigkeit über Geschichte dar, insbesondere auch deshalb, weil die Einzelstaaten über den Geschichtsunterricht und ihre Geschichtspolitik auf unterschiedlich dominante Weise Einfluss auf deren Ausbildung zu nehmen versuchen.
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Identität ist auf zweierlei Weise ein zentraler Begriff der Geschichtsdidaktik und des Historischen Lernens: Zum einen gibt der Geschichtsunterricht Identifikationsangebote, deren Rahmen durch Curricula und Schulbücher gesetzt sind, aber in einer pluralen Gesellschaft durch geschichtskulturelle Repräsentationen (z.B. Filme, soziale Medien) ganz unterschiedlicher Teilgruppen (ethnisch, politisch und sozial) ergänzt werden, die z.T. in Widerspruch zu den schulischen Angeboten stehen. Zum anderen nutzen und verarbeiten die Jugendlichen die Angebote ganz unterschiedlich für ihre eigene Identitätsbildung (Scherr 2012, Meyer-Hamme 2012). Die Pluralität der Identitätsangebote hat durch Migration und Digitalisierung, aber auch durch die Identitätspolitik von benachteiligten Gruppen und durch populistische Strömungen in den letzten Jahren eine zunehmende Dynamik erfahren, die herausfordernd ist für das historische Lernen, aber auch für die gesellschaftliche Kohäsion. Daraus ergeben sich neue Fragen: Wie kann auf die Identitätsbedürfnisse Jugendlicher in einer pluralen Gesellschaft reagiert werden? Welche Stimmen und Erinnerungen können in einer pluralen Gesellschaft überhaupt zu kollektiven und gemeinsamen Erinnerungen werden? Welches Verständnis von Zugehörigkeit hat diese „Gesellschaft“? Wie werden divided memories zu shared memories? (Motte/Ohliger 2004) Wie kann auf regressive Identitätsangebote reagiert werden? Welche didaktisch-methodische Herangehensweise kann zwischen Angebot und Affirmation adäquat sein? Während sich die ältere Geschichtsdidaktik (Bergmann 1997, Huhn 1994) mit der theoretischen Konturierung von historischer Identität beschäftigte, folgte aus den von Jörn Rüsen (1982) formulierten vier Erzählmodi des historischen Erzählens und der Feststellung, dass diese Erzählungen Teile der historischen Identität enthalten, die Möglichkeit, diese empirisch zu erforschen. Denn in den Erzählungen ist zu erkennen, welche Sinnbildungen im Leben Orientierung gaben, in welchen Kontexten sie wirksam wurden und in welchem Zusammenhang diese stehen. „Aus der erzählten Welt wird das Wer der historischen Orientierungen sichtbar.“ (Meyer-Hamme 2012, 94) Diese historischen Orientierungen zeigen auch, welchen Gruppen sich das Individuum zugehörig fühlt und von welchen es sich abgrenzt. Dementsprechend definiert Meyer-Hamme (2012, 94): „Von historischer Identität ist dann zu sprechen, wenn ein Subjekt selbst einen narrativen Zusammenhang zwischen unterschiedlichen Geschichten und damit historischen Sinnbildungen herstellt, wobei diese Geschichten eine persönliche Bedeutung haben und sich darin unterscheiden, dass sie a) je nach gesellschaftlichem Kontext unterschiedlich ausfallen können und b) sich im Laufe der Zeit verändern.“ Nach der Jahrtausendwende sind mehrere empirische Studien entstanden, die sich mit der historischen Identität in einer pluralen Gesellschaft befassen. Meyer-Hamme (2009) stellte in seiner Studie fest, dass von Schüler:innen je nach spezifischer Mig-
5.9 Historische Identität und Pluralität
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rationserfahrung und kultureller Zugehörigkeit unterschiedliche Fragestellungen und Sinnbildungen zur Konstruktion einer historischen Identität herangezogen werden, es also „die“ Nutzung von Identifikationsangeboten nicht gibt. Er weist darauf hin, dass neben Migrationserfahrungen auch weitere Dimensionen gesellschaftlicher Heterogenität zum Tragen kommen, also Disability, Gender, Class ebenfalls eine Rolle spielen, wobei diese Differenzkategorien empirisch kaum untersucht sind. (MeyerHamme/Albers 2020) Hier besteht ein großer Nachholbedarf, da die Mitglieder betroffener Gruppen wie die Gehörlosen zunächst selbst begonnen haben, ihre Geschichte zu erforschen und die Ergebnisse argumentativ im Sinne von Empowerment als (historische) Argumente und Teil ihrer historischen Identität in ihre Forderungen nach Antidiskriminierung einzubetten. Die Deaf History (z.B. Scharf 2007 und 2013) entstand aus der Selbstorganisation heraus, ist inzwischen aber zunehmend in der Disability History akademisiert. Yildirim (2018, 233-242) konnte Jugendliche mit einem türkeibezogenen sogenannten Migrationshintergrund der dritten Generation in vier Typen der Identitätskonstruktion differenzieren: „(Deutsche) Türk*in; interkulturelle AlmancÕ; bewusste Paria; transkulturelle Paria“. Sie interpretiert diese als Identitätskonstruktionen in Desintegration, da die geschichtskulturelle und erinnerungskulturelle Akzeptanz nicht vorhanden sei und deshalb ein historisches „Einerzählen“ in traditionale und dominanzkulturelle Wir-Erzählungen nicht möglich ist. (Yildirim 2021) Hier existieren also „divided memories“, weil es eine „gläserne Decke“ der Mehrheitsgesellschaft gibt, die die Erzähler:innen nicht zu durchstoßen wissen. Hier zeigt sich deutlich, dass es in einer pluralen Gesellschaft nicht genügt, tolerant von Geschichten, Erinnerungen und Geschichtskulturen zu sprechen, sondern dass diese gegenseitig gehört und diskutiert werden müssen, um Partizipation zu ermöglichen. Zugehörigkeit entwickelt sich also auch durch die partizipative Aushandlung von zentralen Fragen der Erinnerungs- und Gedenkkultur. In Deutschland ist die Erinnerung an Holocaust und Nationalsozialismus eine wichtige Frage der Zugehörigkeit. Georgi (2003) arbeitete eine Typologie biografischer Strategien im Umgang von Schüler:innen mit sog. Migrationshintergrund mit der nationalsozialistischen Vergangenheit heraus. Während sich die erste Gruppe mit den Opfern identifiziert und in diesem Zusammenhang auch Analogien bildet, legt die zweite Gruppe den Fokus auf Zuschauer, Mitläufer und Täter des NS-Regimes mit dem kommunikativen Bedürfnis dazuzugehören, also die Zugehörigkeit zu den „Deutschen“ zu demonstrieren, die diese Art der Auseinandersetzung auch häufig als „Entréebillet für die Gesellschaft“ (Bodo von Borries) ansieht. Die dritte Gruppe richtet die eigene Auseinandersetzung am kollektiven Gedächtnis der eigenen ethnischen Gruppe aus, also in Abgrenzung von der Aufnahmegesellschaft und die vierte Gruppe orientiert sich an
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universalistischen Werten wie den Menschenrechten und diskutiert eher übergreifende ethische Fragestellungen. Wichtig erscheint fast 20 Jahre nach dem Erscheinen der Studie, dass die Auseinandersetzung mit Holocaust und NS immer noch als ein wichtiger Diskursbereich existiert, über den Fragen der Zugehörigkeit ausgehandelt werden. Die unterschiedlichen Typen der Auseinandersetzung mit dem NS zeigen aber auch, dass nationale oder ethnische Identifikationen und Abgrenzungen nicht als selbstverständliche Folge des Migrationshintergrunds verstanden werden dürfen. „Sie sind vielmehr als eine mögliche, keineswegs zwangsläufige Reaktion auf entsprechende Etikettierungen zu lesen, mit denen Jugendliche auch in pädagogischen Kontexten konfrontiert sind, sowie als eine Form der Auseinandersetzung mit sozialer Benachteiligung, Rassismus- und Diskriminierungserfahrungen in der Einwanderungsgesellschaft.“ (Scherr 2012,63) Historische Identität hat auch eine Raumdimension, was nicht verwunderlich ist, da seit der Romantik Landschaften wie die Saarschleife oder Stadtansichten wie die Heidelberger als Identifikationsraum genutzt werden, der mit Zuschreibungen und mit Geschichte verbunden ist. Der kleine Raum, die Lokal- und Regionalgeschichte sowie die Diskussion um Heimat in einer postmigrantischen Gesellschaft sind gegenwärtig Gegenstand von wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Auseinandersetzungen. Erste empirische Untersuchungen verweisen darauf, dass Schüler:innen den Nahraum nicht unbedingt historisch konstruieren, sondern auf touristische Ziele verweisen, die geschichtskulturell hervorgehoben werden. Gleichzeitig ist der Nahraum aber auch mit einer hohen Emotionalität („Heimat“) verbunden, die auch historische Elemente („alte Erinnerungen“, Schüler:innenzitat nach Driesner 2021, 176) enthält. Anglo-amerikanische Konzepte des „Place Making“, des „Sense of Place“ und des „Place Attachments“ dekonstruieren die kulturspezifische Aneignung von Räumen ins sozialen Konstruktionsprozessen (Bruns/Münderlein 2019). Sie geben neue Impulse, um das Verhältnis von Personen, Ort und ausgebildeter Verbundenheit in einer pluralen Gesellschaft zu analysieren. In der Geschichtsdidaktik herrscht Konsens, dass historische Identitätsbildungsprozesse im Geschichtsunterricht zum Thema gemacht werden sollen; sie sind also Gegenstand und nicht Ergebnis des schulischen Lernens (Alavi/von Borries 2000, Meyer-Hamme 2012, Sobich 2021). Schönemann (2022, 125) formuliert: „Es ist die Aufgabe des Geschichtsunterrichts, Schülerinnen und Schüler zu befähigen, heterogene, miteinander konkurrierende und konfligierende Identitäten analytisch zu fassen, sie zu ‚lesen‘ und ihre jeweiligen Geltungsansprüche gegeneinander abzuwägen. Inhaltlich vorgeprägte Identitäten sollten daher nicht Ziel, sondern lediglich Gegenstand von Geschichtsunterricht sein.“ In diesem Reflexionsprozess zeigt sich eine Funktion von historischer Identität, nämlich ob und inwieweit Schüler:innen die
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subjektive Bedeutung eines Themas (er)kennen. Sie bringen schon Selbstverständnisse mit, die im Geschichtsunterricht differenziert werden können (Meyer-Hamme 2012). Dabei ist nicht Ziel, dass sich alle Schüler:innen dieselben historischen Orientierungen aneignen, aber sie müssen Begriffe und Konzepte zur Verfügung haben, um plurale Identitäten auszuhandeln (Meyer-Hamme 2012, 97). Ammerer (2019, 8) rechnet die Bereitschaft, die eigene Identität und Weltanschauung als historisch geprägt zu hinterfragen, der Orientierungskompetenz zu und formuliert zwei Teilkompetenzen: „Geschichtskultur und -politik sowie Erinnerungskultur und -politik als Ausdruck permanenter gesellschaftlicher Identitätsstiftungsprozesse analysieren können. Geschichte selbstreflexiv und rationalisierend zum Hinterfragen, Verflüssigen und bewussten Aufbauen eigener Identität nutzen können, sodass ihnen die Teilhabe an einer pluralistischen Gesellschaft erleichtert wird.“ Ein solcher reflexiver Identitätsbegriff richtet sich gegen die Indienstnahme für die Förderung spezifischer Identifikationen. Gerade im Umfeld von Migrationsprozessen können daraus Konfliktsituationen entstehen. Während des Ukrainekrieges forderte die ukrainische Generalkonsulin in Hamburg die Fortsetzung des ukrainischen Bildungssystems in Deutschland zur Aufrechterhaltung der nationalen Identität der Ukraine, denn die Geschichte der Ukraine fehle in deutschen Lehrplänen nahezu völlig. Sie fürchtet eine Russifizierung (Schmoll 2022). Historische Identität ist ein in der Disziplin durchaus umstrittener und kritisierter Begriff. So wendet sich die Kritik an der statisch-affirmativen Begriffsverwendung neurechter Gruppierungen gegen eine Fortschreibung von Identitäten, die homogene Gruppen konstruieren und jegliche Pluralisierung der Gesellschaft ablehnen (MeyerHamme/Albers 2020). Völkel (2016) kritisiert das dem Begriff immanente Ausgrenzungspotential, da dieser eng mit problematischen Konzepten von Ethnizität und Nationalität verbunden sei. Hier erscheint es sinnvoll, die Überlegungen zu willkürlichen Zuschreibungspraxen und damit verbundenen Verletzungen und Ausgrenzungen weiterzuführen, um dem näher zu kommen, was als fluide, multiple, hybride (historische) Identitäten gefasst wird. Dazu sollten auch empirische Forschungen verstärkt werden, die auch die Differenzkategorien Class, Gender, Disability, Race erfassen und gleichzeitig darauf abzielen zu erkunden, was Geschichtsbewusstsein in einer pluralen Gesellschaft ausmachen kann.
Literatur: Alavi, Bettina/Von Borries, Bodo: Geschichte. In: Hans H. Reich, Alfred Holzbrecher, Hans Joachim Roth (Hg.): Fachdidaktik interkulturell. Ein Handbuch. Opladen 2000. S.55-91. Ammerer, Heinrich: Historische Orientierung im Geschichtsunterricht. Frankfurt/M. 2019.
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Bettina Degner
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5.9 Historische Identität und Pluralität
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Kapitel 6: Universalität und Differenz
© Der/die Autor(en), exklusiv lizenziert an Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2025 J. Rüsen et al. (Hrsg.), Handbuch der Historik, https://doi.org/10.1007/978-3-658-47760-8_6
6.1 Menschheit Jörn Rüsen
Der Mensch hat sich in fast allen Kulturen eine Sonderstellung im Kosmos aller Wesen zugeschrieben. Diese Sonderstellung machte er an der Tatsache fest, dass er sein Leben nach moralischen Maßstäben selber organisieren muss. Die klassische (westliche) Formulierung dieser Sonderstellung stammt aus Pico della Mirandolas „Rede über die Würde des Menschen“ von 1586/87. Er lässt Gott bei der Schöpfung zum Menschen sagen: „In die Mitte der Welt habe ich Dich gestellt, damit Du dich von dort aus bequemer umsehen kannst, was es auf der Welt gibt. Weder haben wir dich himmlisch noch irdisch, weder sterblich noch unsterblich geschaffen, damit du wie dein eigener, in Ehre frei entscheidender, schöpferischer Bildhauer dich selbst zu der Gestalt ausformst, die du bevorzugst. Du kannst zum Niedrigeren, zum Tierischen entarten; du kannst aber auch zum Höheren, zum Göttlichen wiedergeboren werden, wenn deine Seele es beschließt“ (Pico della Mirandola 1997). Diese Fähigkeit zur kulturellen Selbsthervorbringung verlieh dem Menschen in der Anthropologie der Aufklärung die Eigenschaft, Zweck an und für sich zu sein. Kant hat diese Selbstzweckhaftigkeit seine „Würde“ genannt. „Allein der Mensch, als Person betrachtet, d.i. als Subject einer moralisch-praktischen Vernunft, ist über allen Preis erhaben; denn als ein solcher (homo noumenon) ist er nicht blos als Mittel zu anderer ihren ja selbst seinen eigenen Zwecken, sondern als Zweck an sich selbst zu schätzen, d.i. er besitzt eine Würde (einen absoluten innern Werth), wodurch er allen andern vernünftigen Weltwesen Achtung für ihn abnöthigt, sich mit jedem Anderen dieser Art messen und auf den Fuß der Gleichheit schätzen kann“ (Kant 1968, 569 [A 94]).
Mit dieser Würde rückte das Menschsein seit der Aufklärung ins Zentrum der intellektuellen Weltdeutung. Die seit dem späten 18. Jahrhundert entstehenden Geisteswissenschaften verdanken ihr geistiges Profil einem Anthropozentrismus den das obige Zitat ausdrückt. Seine empirische Ausprägung öffnete den Gesamtbereich der menschlichen Kultur dem hermeneutischen Zugriff eines umfassenden Weltverstehens. Ihm sind bis heute die Geisteswissenschaften verpflichtet. In ihnen prägt sich das Verstehen des menschlichen Tuns, Leidens und Unterlassens zu methodischen Forschungsverfahren aus, die einen ständigen Erkenntnisfortschritt garantieren. Diese umfassende Bedeutung hatte die Menschheitskategorie nicht von Anfang an (Müller 1983). Ursprünglich sprachen sich nur die Angehörigen der eigenen
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Gruppe (im Unterschied zu allen anderen) eine Menschheitsqualität zu. Diese anfängliche Verengung weitete sich in mehreren kognitiven Entwicklungsschüben zu einem allgemeinen, die Gattung umgreifenden Humanismus aus. In diesem Evolutionsprozess menschlicher Selbsterkenntnis fielen schrittweise, langfristig und durchaus auch in gegenläufigen Tendenzen die Diskriminierungen weg, die der jeweils eigenen Gruppe humane Vorzüge gegenüber anderen Gruppen zuschrieben. Zuletzt (in der Gegenwart) wird die unterschiedliche Zubilligung der Menschheitsqualität zu den Geschlechtern auf Kosten der Frauen zugunsten einer grundsätzlichen Gleichheit aufgehoben. Mann und Frau sind gleich geworden, d.h. sie teilen uneingeschränkt die gleiche Menschenwürde. In diesem kulturellen Evolutionsprozess wurde nicht einfach ein universaler Relativismus von Humanisten in Kraft gesetzt, sondern ein Menschlichkeitskriterium entwickelt, dem universale, also interkulturelle Geltung zugeschrieben wurde. Dies lässt sich an der Geschichte der Menschenrechtsidee empirisch belegen und verfolgen. Als Errungenschaft der Kultur des Westens (zuerst in den neu gegründeten Vereinigten Staaten von Amerika) wanderte diese Idee weltweit in die rechtlichen Grundlagen der politischen Verfassung moderner Staaten ein. Ihnen kommt also eine über ihre historische Herkunft im Westen hinausreichende Geltung zu. Dieser interkulturelle rechtliche Humanismus prägt die Legitimationsdiskurse in der ganzen Welt. In ihm hat die Menschheit über eine bloß abstrakte Begrifflichkeit hinausgehend eine konkrete historische Gestalt gewonnen, ohne die das politische Geschehen in der Welt weder verstanden noch beurteilt werden kann. Menschheit hat also eine empirische und zugleich eine normative Bedeutung. Empirisch umfasst es die Gattung des Homo sapiens sapiens. Inwieweit auch die entwicklungsgeschichtlichen Vorstufen des Homo sapiens ebenfalls zur Menschheit gehören, ist eine begriffspragmatisch offene Frage. Rechnet man die normative Bedeutung grundsätzlich hinzu, dann kann nicht die ganze biologische Genealogie des Homo sapiens hinzugerechnet werden. Es ist eine offene Frage, wie die Norm (oder besser das normative System) Menschheit konzipiert wird. Nimmt man die gegenwärtige Bedeutung, dann schränkt sich ihre historische Genese erheblich ein. Stattdessen sollte von der Selbstbezeichnung „Mensch“ ausgegangen werden, um diese Genese historisch zu bestimmen. Es sollten also in diese Genese auch Menschenbilder einbezogen werden, die ihrer empirischen Ausrichtung engere Grenzen ziehen als die biologische Gattung. Nicht nur in Hinsicht auf die Vergangenheit ist der Menschheitsbegriff in seiner Bedeutung nicht eindeutig festgelegt. Er verliert angesichts der gegenwärtigen technischen Möglichkeit, das Menschseins bis in seine biologische Bestimmtheit hinein zu verändern seine analytische Schärfe. Hinsichtlich dieser Möglichkeiten hat sich
6.1 Menschheit
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der Begriff des Post-Humanen eingebürgert. Diese Bezeichnung ist freilich missverständlich. Sie unterstellt, dass wesentliche Eigenschaften des Humanen verschwinden. Solange aber die Fähigkeit bleibt, über Sprache sprechen zu können (um eine mündliche Äußerung über das Wesen des Menschen von Richard Rorty aufzugreifen), bleibt auch diese post-humane Lebensform menschlich. Die normative Qualität der Menschheit artikuliert sich in der Vorstellung allgemeingültiger Rechtsprinzipien, deren Geltung sich auf den gesamten Bereich der sozialen Existenz des Menschen (tendenziell) erstreckt. Diese Erstreckung ist freilich historisch variabel. Das den Menschen aufgrund ihres puren Daseins verbindliche (und d.h. einklagbare) Rechte zukommen, ist Resultat eines universalen historischen Entwicklungsprozesses, der freilich auch Abbrüche, Regressionen und erhebliche Differenzierungen kennt. Dieser Prozess ist prekär, aber letztlich unumkehrbar. Sind einmal Menschenrechte in Kraft getreten, so können sie zurückgenommen werden, aber diese Rücknahme würde nicht einfach einen älteren Zustand der Rechtskultur wiederherstellen, sondern bliebe als Defizit wirksam. Der Entwicklungsprozess eines rechtlichen Verständnisses von Menschheit ist nicht abgeschlossen. Er zeitigt innere Differenzierungen und äußere Erweiterungen, dafür mag beispielhaft der weltweite Prozess der Gleichstellung der Geschlechter und der analogen Normierung von Kindheit stehen. Ferner ist von der Attraktivität der Humanisierung der Menschheit durch Menschenrechte ein starker Impuls ausgegangen, analoge Normen auch auf Tiere zu beziehen.
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Jörn Rüsen
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6.2 Universalismus – Partikularismen Oliver Kozlarek
Der Unterschied zwischen dem Universellen und dem Partikularen, dem Allgemeinen und dem Besonderen gehört zu den wiederkehrenden Problemen menschlicher Kulturen. Überall dort und immer wenn Kultur zum Problem wird, entfacht die Glut dieses Konflikts ein neues Feuer. Zum Problem wird Kultur immer dann, wenn sie ihre Selbstverständlichkeit verliert, wenn sie durch andere Kulturen herausgefordert wird oder wenn Innovationen das Althergebrachte bedrängen. ‚Universalismus‘ meint ein systematisches, diskursiv verfasstes Denken, in welchem dem Universellen der Vorzug gegenüber dem Partikularen gegeben wird. Im Gegenzug dazu ist mit ‚Partikularismus‘ eine Reaktion auf ‚Universalismus‘ gemeint, die dem vermeintlich Universellen das Partikulare im Sinne des jeweils Eigenen oder auch des Fremden als vorteilhaft entgegenstellt. ‚Partikularismus‘ unterscheidet sich von ‚Relativismus‘. Während für diesen das Unterschiedliche gleichberechtigt ist, zählt für jenen vor allem das Besondere. Der Relativismus zelebriert einen schier unbegrenzten ‚Pluralismus‘, während der Partikularismus diesem mit der Insistenz auf das vor allem Eigene und Besondere entgegenwirkt. Dokumentieren lässt sich der Widerstreit zwischen dem Universellen und dem Partikularen in frühen Reflexionen über die Sprache. „Keine Erinnerung reichte zurück in die Zeit, da er [der Mensch] keine Sprache gehabt hätte“, schreibt Hans Arens. „Und man muß wohl fragen, ob man denn überhaupt mit Recht von einem Menschenwesen sprechen dürfte, wenn ihm die Sprache fehlte“ (Arens 1955, 3). Wenn aber diese „Tatsache seit ‚Menschengedenken‘ so selbstverständlich ist wie die, daß man fünf Finger an einer Hand hat [...], ist gar kein Anlaß gegeben, auf dieses Verständigungsmittel einen Gedanken zu verschwenden“, vermutet Arens weiter (Arens 1955, 3). Anlass dafür, dass sich dennoch ein systematisches Sprachbewusstsein ausbilden konnte, ist aber „die Erfahrung, daß es andere Menschen gibt mit anderen Sprachen“ sowie die daraus resultierende Notwendigkeit, „mühevoll von der einen zur anderen Ausdrucksweise eine Brücke der Verständigung zu schlagen“ (Arens 1955, 3). Hier beginnt also die Sprache zum Problem zu werden. Einen paradigmatischen Ausdruck erlangt dieses Problembewusstsein im Text der Genesis und vor allem in der dort
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erzählten Geschichte der „Sprachverwirrung“ (1 Mos. 11, 9). Dabei fällt auf, dass der beschriebenen ‚Grunderfahrung‘ zwei Aspekte zugeordnet werden: 1. die Vorstellung, dass es verschiedene Sprachen gibt, und dass ‚gemeinsame große Taten‘ zunächst der Überwindung der Sprachbarrieren bedürften; und 2. die Erkenntnis, dass nur Menschen die Fähigkeit haben dürften, den Dingen Namen zu geben, was auch bedeutet, dass Menschsein an die ‚richtige‘ Sprache geknüpft sein müsse. Das Sprach- bzw. Kulturbewusstsein und der daraus resultierende Universalismus, der aus der Erfahrung der Partikularität entsteht, geht also einher mit anthropologischen Ansprüchen. Häufig wird gerade vor diesem Hintergrund auch die griechische Vorstellung zitiert, nach der Menschen, die eine andere Sprache sprechen, als ‚Barbaren‘ diskreditiert werden. Dabei muss aber beachtet werden, dass die Griechen den Sprachfremden keineswegs ihren Status als Menschen vorenthielten und dass diese Überinterpretation nicht nur die antike griechische Kultur verkennt, sondern auch kaschiert, dass solche Vorstellungen typisch modern sind (Offe 1994, 258–289). In der Moderne lässt sich auch beobachten, dass Universalität und Partikularität nicht mehr voneinander abgeleitet werden, sondern gleichsam als unterschiedliche und sich gegenseitig ausschließende Optionen verstanden werden, wobei die schon erwähnte Vorstellung von der Überlegenheit des Universellen immer markanter wird. Im Oxford English Dictionary wird universal nicht negativ durch seine Bindung an particular definiert, sondern positiv als „of or pertaining to the universe in general or all things in it; existing or occurring everywhere or in all things; occas., of or belonging to all nature“ (Bd. XI, (T-U), 1978, 241-242.). Die Idee der Überlegenheit des Universellen stammt aus dem christlichen Erbe, nach dem Gott in seiner Funktion der causa universalis auch als Teil der positiven, konkreten Realität verstanden wurde. Thomas Hobbes schreibt noch in diesem Sinne: „positive [...] natural laws, being eternal, and universal, are all divine“ (Hobbes 1980, 137). Auch der Idealismus, dessen Spuren deutlich im aktuellen Denken der Moderne zu lesen sind, lässt sich nur aus dem metaphysisch-religiösen Denken der christlichen Tradition erklären (Collins 1994, 260.). Dies wird besonders am Hegel’schen Rettungsversuch Gottes als „principium essendi et cognoscendi“ deutlich: Nur wenn „Gott absolut vornehin an die Spitze der Philosophie als [der] alleinige Grund vor allem“ angenommen werde, erhält der „transzendentale Idealismus“ seine Berechtigung dazu, das „Absolute“ (Universale) vor die Mannigfaltigkeit der Individualitäten zu stellen (Hegel 1986, 188–207). Eine andere, in der Aufklärung wurzelnde Vorstellung vermutet, dass sich Universalität im einzelnen Menschen manifestiert. Der aufklärerische Humanismus, der
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in Kants Formel kulminiert, dass jeder Mensch ein Zweck an sich selbst sei, resultiert hieraus. Die Besonderheiten der einzelnen Menschen werden hier nicht absolut gesetzt, sondern in Hinsicht auf die gemeinsame Menschhaftigkeit relativiert, welche für Kant vor allem in der Vernunft begründet war. Im 20. Jahrhundert ist es aber immer wieder ein Denken, das sich von einer geschichtsphilosophisch-evolutionären These leiten lässt, in dem der Universalismus aktualisiert wird, während humanistisches Denken immer mehr in die Defensive gerät. Nach dem Zweiten Weltkrieg sind es im Westen vor allem die Modernisierungstheorien, die einen solchen Universalismus begründen. Diese Theorien berufen sich nicht nur in aller Deutlichkeit auf die Überlegenheit des Universellen, sondern haben auch einen enormen geopolitischen Einfluss gehabt, der über Jahrzehnte die Beziehungen zwischen den Ländern der sogenannten „Ersten Welt“ und denen der sogenannten „Dritten Welt“ prägten (Knöbl 2001). Die in den Modernisierungstheorien zum Tragen kommende ‚Konvergenzthese‘ – will sagen: die Annahme, dass früher oder später alle Gesellschaften den gleichen rationalen Imperativen folgen werden und somit ‚modern‘ würden – macht deutlich, dass diejenigen, die dieser Theorie folgen, von dem Glauben an eine universelle Vorstellung gesellschaftlicher Evolution geleitet werden. Gesellschaften, in denen sich diese Evolution noch nicht abzeichnete, galten als rückständig oder ‚unterentwickelt‘. Gerade an der Konvergenzthese haben sich aber auch Zweifel entzündet, die viele Debatten in den letzten Jahrzehnten bestimmt haben. Direkt an die Modernisierungstheorien anknüpfend wird seit den 1990er Jahren davon ausgegangen, dass es unterschiedliche Varianten der Moderne („multiple modernities“; Eisenstadt 2000) geben könnte. Hierbei wird eingeräumt, dass die Varianten auf kulturelle Unterschiede in der sogenannten Achsenzeit zurückgehen könnten. Auch das Theorem der „multiple modernities“ hält aber noch an der Präferenz des Universellen fest. Allerdings provoziert der Universalitätsanspruch und vor allem das Verständnis, dass das Universelle dem Partikularen gegenüber überlegen sein soll, auch radikalere Formen der Kritik. Der Postmodernismus stellt in diesem Zusammenhang nicht nur die Universalität des Modernen infrage, sondern fordert den Glauben an die Priorität des Universellen durch ein stärkeres Differenzbewusstsein heraus. Indem die großen Metanarrative der Moderne erodieren (Lyotard 1985 [1979]), wird der Weg frei für die vielen kleinen Erzählungen, die sich gleichsam in Akten der Befreiung vom Universellen Gehör verschaffen. Postkolonialistische Theorien nehmen diese Grundidee auf und verbinden sie mit einer scharfen Kritik am Herrschaftsanspruch des Universalismus in den Diensten des Kolonialismus. Dabei bemühen sie sich einerseits, das Partikulare zu rehabilitieren und zu seinem Recht kommen zu lassen. Gleichzeitig wurde der Universalitäts-
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anspruch des westlichen Universalismus mit dem Verweis auf dessen eigene partikulare Ausgangsbedingungen zurückgewiesen. Dem „European Universalism“ (Wallerstein 2006) wurde in diesem Zusammenhang unterstellt, kein echter Universalismus zu sein, sondern ein Partikularismus, der den Anspruch der Universalität ideologisch-strategisch ein- und praktisch durchsetzt. Die mit dieser Kritik am Überlegenheitsanspruch des Universalismus einhergehende Rehabilitierung des Partikularen geht gewöhnlich mit der sogenannten ‚kulturellenWende‘ einher. Der Hinweis auf Kultur steht häufig synonym für die besondere Beachtung des Partikularen und lässt sich auch als Reaktion auf einen nicht mehr glaubwürdigen Universalismus deuten. Auch ist in diesem Zusammenhang daran zu erinnern, dass der Begriff der Kultur vor allem in der deutschen Tradition dem Universalismus unter der Signatur der Zivilisation entgegenstand. Norbert Elias schreibt: „‚Zivilisation‘ bezeichnet einen Prozeß oder mindestens das Resultat eines Prozesses. Es bezieht sich auf etwas, das ständig in Bewegung ist, das ständig ‚vorwärts‘ geht“ (Elias 1998, 91). Der Begriff der Zivilisation bezieht sich nicht auf die besonderen Eigenschaften eines Volkes, sondern „[e]r faßt alles zusammen, was die abendländische Gesellschaft der letzten zwei oder drei Jahrhunderte vor früheren oder vor ‚primitiveren‘ zeitgenössischen Gesellschaften voraus zu haben glaubt“ (Elias 1998, 89). Den Kulturbegriff würdigt Elias hingegen wie folgt: „[Er] hebt die nationalen Unterschiede, die Eigenart der Gruppen, besonders hervor […]“ (Elias 1998, 92). Elias kommt daher zu folgendem Schluss: „Der Begriff ‚Kultur‘ grenzt ab“ (Elias 1998, 91). Dieses dichotomische Verhältnis zwischen „Zivilisation“ und „Kultur“ begleitet das Denken der Moderne, auch wenn es in semantisch immer wieder neuen Kleidern erscheint. Im Kontext der erwähnten Modernisierungstheorien ist es z.B. im Begriffspaar ‚Moderne-Tradition‘ impliziert, in dem die gleiche Spannung zum Ausdruck kommt. Im Zusammenhang der in den 1980er und 1990er Jahren geführten Kommunitarismusdebatte ist es die Rückbesinnung auf die bereits von Ferdinand Tönnies 1887 eingeführte Unterscheidung zwischen „Gesellschaft“ und „Gemeinschaft“. In all diesen Zusammenhängen geht es darum, einen Konflikt zwischen kultur- und inhaltslosen, universellen ‚Strukturen‘, ‚Funktionen‘ oder ‚Mechanismen‘ einerseits und ‚kulturellen‘ oder ‚traditionalen‘, in der jeweiligen Gemeinschaft verwurzelten Besonderheiten – oder allgemeiner: zwischen Form und Inhalt (Waldenfels 1998, 47–68) – andererseits zu artikulieren. Somit geht es in all diesen Debatten auch um das diskursive Verhältnis zwischen Universalismus und Partikularismus. Dass diese Debatten vor allem in den 1990er Jahren wieder aufflammten, hat auch damit zu tun, dass sich nach dem Ende des Kalten Krieges globale, um einen Weltmarkt zentrierte Strukturen konsolidieren konnten, was nur oberflächlich zu einer
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kulturellen Homogenisierung führte, in Wirklichkeit aber vor allem Pluralisierung und sogar Fragmentierung mit sich brachte. Das Bewusstsein gerade auch der Globalisierungsdebatte, die in den 1990er Jahren Fahrt aufnahm, war ein doppeltes: Auf der einen Seite wurde ein Abbau von Unterschieden auf globaler Ebene attestiert, wobei insbesondere auf die Integration globaler Märkte verwiesen wurde. Auf der anderen Seite wurde aber auch das Bewusstsein der internen Pluralisierung unserer Gesellschaften und ihres multikulturellen Charakters ein wichtiger Bestandteil der Globalisierungsdebatte. Globalisierung bedeutet also ein gespaltenes Bewusstsein von Einheit und Vielfalt, welches erneut eine Positionierung zwischen Universalismus und Partikularismus mit sich bringt, die jetzt aber viel stärker als zuvor innerhalb der Gesellschaften selbst eine Vielzahl von neuen Bruchlinien einzuzeichnen beginnt. Das aktuelle Bewusstsein ist weitestgehend dadurch geprägt, dass das Pendel stärker in Richtung des Partikularismus und des Relativismus ausschlägt. Nicht nur die Sozial- und Kulturwissenschaften, sondern auch die Diskussionen in der politischen Öffentlichkeit stehen heute vor den Herausforderungen eines zunehmenden identitätspolitischen Partikularismus, der normative und epistemologische Geltungsansprüche auf eng definierte Gruppen beschränkt. Dadurch wird ein kollektiver, auf die jeweilige Gruppe begrenzter Blick gefördert, der die Ressource einer über die eigene Gruppe hinausgehenden Solidarität gefährdet und Vorstellungen gesellschaftlichen Zusammenlebens langfristig schaden könnte (Türcke 2021, 24). Gerade auch innerhalb der Linken hat sich ein partikularistisches, identitätspolitisches Denken sehr erfolgreich durchsetzen können. Der US-amerikanische Philosoph Richard Rorty hat diese Tendenz bereits in den 1990er Jahren in seinem Land erkannt und den Begriff der „Cultural Left“ geprägt (Rorty 1998). Eine der Konsequenzen aus dieser Entwicklung ist, dass ein Großteil der Linken den Kampf für „large-scale socioeconomic reform“, die sich immer vor allem an universalistischen Zielen orientierte, aufgegeben hat und sich in kulturellen Kämpfen verausgabt (Fukuyama 2018, 95). Der Soziologe Andreas Reckwitz geht davon aus, dass unsere ‚spätmodernen‘ Gesellschaften vor allem durch einen kulturellen Konflikt gekennzeichnet werden. Dabei ginge es aber nicht um kulturelle Inhalte, sondern darum, dass sich unterschiedliche „Regimes der Kulturalisierung“, das heißt: qualitativ unterschiedliche Vorstellungen von Kultur, gegenüberstünden. Während das eine – von Reckwitz „Hyperkultur“ genannt – der Pluralität und der Diversität einen unbedingt positiven Wert zuschreibt, ist das andere – „Kulturessenzialismus“ genannt – selbstzentrierend und vor allem auf die jeweils eigene kulturell definierte Gruppe fixiert (Reckwitz 2019). Die beiden Optionen ließen sich auch als partikularistisch („Kulturessenzialismus“)
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Oliver Kozlarek
und relativistisch („Hyperkultur“) beschreiben. Für Reckwitz steht jedenfalls fest, dass sich die spätmodernen Gesellschaften vor allem auch durch eine „Krise des Allgemeinen“ (Universellen) auszeichneten (Reckwitz 2017). Reckwitz‘ Blick auf die spätmodernen Gesellschaften offenbart also eine komplexere Vorstellung von Partikularismus und Relativismus und zeigt, wie groß das ordnungsstiftende Potenzial dieser Vorstellungen sein muss. Ähnlich komplex sind aber auch die Vorstellungen von Universalität geworden. François Jullien unterscheidet das „Universelle“, das „Gleichförmige“ und das „Gemeinsame“ voneinander. Während mit dem „Universellen“ vor allem ethische oder kognitive Geltungsansprüche verbunden würden (Jullien 2017, 12), sind mit dem „Uniformen“ oder „Gleichförmigen“ die durch Globalisierung und Ausdehnung des Marktes entstandenen Strukturen gemeint (Jullien 2017, 1416). Das „Gemeinsame“ versteht Jullien hingegen als ein normatives Ansinnen von Politik: Es gelte, „ein Gemeinsames zu fördern, das keine Reduktion auf das Uniforme“ beanspruche (Jullien 2017, 16). Auf das einseitige Ausschlagen des Pendels in Richtung Partikularität und Relativismus reagieren inzwischen aber wieder selbstbewusster die Forderungen nach mehr Universalismus. Voraus geht diesen Forderungen die Einsicht, dass wir uns den aktuellen Problemen nur mit einer über alle Besonderheiten hinausgehenden Verantwortung stellen können (Rüsen 2020). Wie sich ein neuer Universalismus artikulieren ließe, ist dabei noch nicht ausbuchstabiert. Klar ist nur, dass es ein differenztauglicher sein muss. Der Begriff der Kultur wird dabei weiterhin eine wichtige Rolle spielen. Aber es darf nicht mehr nur eine „abgrenzende“ (Elias) Kultur sein. Kultur könnte auch als das Universale, dasjenige, was Menschen vereint, gedeutet werden. Eine „Anthropologie der Kultur“ (Rüsen 2020, 150) könnte die Grundlage dieses neuen Universalismus werden, die zugleich das Vereinende wie das Trennende in sich aufnimmt. Damit würden kulturelle Konflikte nicht mehr aus der Fatalität der Unlösbarkeit gedacht, sondern als Einladung, aus der kulturellen Partikularität heraus das Universelle zu erschließen.
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6.3 Geschichte und soziale Differenz Sérgio da Mata
Das realgeschichtlische Problem der sozialen Differenz ist für eine im engeren Sinne verstandene Historik kein selbstverständliches Thema. Wenn diese Disziplin jedoch ökumenisch verstanden wird, wie es in diesem Handbuch der Fall ist, dann sind die metahistorischen Implikationen dieses Problems kaum zu übersehen. Die Tatsache, dass nur Gesellschaften, die ein gewisses Maß an innerer kultureller und sozialer Differenzierung erreicht haben, Formen der Geschichtsschreibung entwickeln konnten, deutet darauf hin, dass gewisse soziologische Voraussetzungen der Historie existieren. Andererseits ist es ebenso legitim zu fragen, ob und inwieweit die Geschichtstheorie die ethischen Herausforderungen ignorieren sollte, die sich aus der Existenz und Verschärfung sozialer Unterschiede in menschlichen Gesellschaften im Laufe der Zeit ergeben. Mit anderen Worten: Man fragt sich, ob die Historik noch von jener „Entsittlichung“ geprägt sein sollte, von der Droysen (1977, S. 348) im Hinblick auf die politische Ökonomie seiner Zeit sprach. Im 19. Jahrhundert fand eine solche Artikulation zwischen metahistorischer Reflexion und ethischen Problemen vor allem durch die spekulative Geschichtsphilosophie statt. Im Laufe des 20. Jahrhunderts verlagerte sich die diesbezügliche Reflexion jedoch fast vollständig in den Bereich der Soziologie – einer Disziplin, die sich trotz ihrer eigenen Anliegen schon früh ihrer Anknüpfung an die spekulative Geschichtsphilosophie bewusst war (Barth 1897). Wenn sich die folgenden Überlegungen fast ausschließlich mit der historisch-soziologischen Behandlung des Problems der sozialen Differenz befassen, so liegt das daran, dass eine der Möglichkeiten, die Auswirkungen der ethischen Neutralisierung der Historik abzumildern, gerade in der Wiederaufnahme ihres Dialogs mit der soziologischen Tradition liegt. Als moderne Begriffe sind „Geschichte“ und „Differenzierung“ eng miteinander verbunden. Beide bezeichnen prozessuale Realitäten, die sich bis zu einem gewissen Grad gegenseitig erläutern. Aus einer funktionalistischen Perspektive kann man die Geschichte der menschlichen Gesellschaften sogar als eine historische Morphologie betrachten. In diesem Sinne können Geschichte und soziale Differenzierung als zwei Seiten derselben Medaille verstanden werden. Zunächst ist es jedoch notwendig, kurz zu beschreiben, was unter sozialer Differenz zu verstehen ist, welche Kräfte
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ihre Entstehung erklären und wie solche Differenzen unterschiedlich bewertet oder legitimiert werden. Differenz ist etwas, das phänomenologisch und soziologisch betrachtet werden kann. In der ersten Perspektive ist Differenz ebenso hintergründig wie persönliche Identität, die als ihr negativer Ausdruck zu verstehen ist. Nach Bernhard Waldenfels (1997) beginnt die Konstruktion von Fremdheit nicht in der Begegnung mit der Differenz, sondern in der Bewusstseinsstruktur selbst. In der Tat kann der Mensch sich selbst fremd werden, indem er Erfahrungen wie Depression, religiöse Bekehrung oder das Altern durchlebt. Über diesen Kern hinaus verbindet sich die Topographie der Fremdheit mit den sozialen Beziehungen und weitet sich allmählich aus. Seine typische Form verschmilzt mit allem, dessen Ursprung weit weg von unserem eigenen lebensweltlichen Horizont stattgefunden hat. Diese Differenzierungsart folgt in der Regel einer räumlichen Logik. Die Wahrscheinlichkeit, dass ihre Bewertung positiv oder neutral ausfällt, nimmt mit zunehmendem Abstand zwischen den jeweiligen Bezugspunkten ab. Ihre archetypische menschliche Form entspricht derjenigen des „Fremdlings“. Selbstverständlich kann die soziale Differenzierung sowohl horizontal (als funktionale Differenzierung stricto sensu) als auch vertikal („Stratifikation“) erfolgen. Es ist jedoch wichtig, vorab zwischen Differenzierung und Pluralisierung zu unterscheiden. Was mit dem Begriff des Pluralismus beschrieben wird, ist keine morphologische Stufe, sondern vielmehr eine spezifische Form der Artikulation zwischen Sozialstruktur und Sinnsystemen. Mit dem Aufkommen des Pluralismus in einer Gesellschaft wächst der Einzelne „in einer Welt auf, in der es weder gemeinsame Werte gibt, die das Handeln in verschiedenen Lebensbereichen bestimmen, noch eine einzige, für alle identische Wirklichkeit“ (Berger/Luckmann 1995, 32). Kurz gesagt ist Pluralismus das überbauliche Moment der sozialen Differenzierung. Seit dem 19. Jahrhundert und unter verschiedenen Gesichtspunkten spielt die Untersuchung der Differenzierung eine außerordentliche Rolle in den Sozialwissenschaften. Obwohl dieses Phänomen auch in anderen Epochen zu finden ist, sind die Autoren sich einig, dass es in der Moderne seine endgültige Form annimmt. Die Differenzierung führt zu einer progressiven sozialen Arbeitsteilung und zur Vervielfältigung der sozialen Rollen in einem immer komplizierteren Koordinatensystem. Einerseits wird behauptet, dass diese neue Realität durch einen „Abgrund“ (Marx 1977, 146) zwischen den Menschen und durch zunehmende Anonymität gekennzeichnet sei, denn „der Unterschied von Einheimischen und Fremden“ sei nun „gleichgültig“ (Tönnies 2019, 416). Durkheim (1992, 229) hingegen bewertet das „historische Gesetz“ des Übergangs zur organischen Solidarität als positiv, während
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Simmel (1999, 467) in der Differenzierung das Fundament sieht, „was wir die Subjektivität nennen“. Schon früh wurde die Differenzierung eng mit dem Evolutionsbegriff verbunden, eine Tendenz, die sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts deutlich verstärkte. Obwohl die Geschichtstheorie anerkannt hat, dass auch Historiker von der „Nützlichkeit des generellen Evolutionsbegriffs“ (Lübbe 2012, 279) profitieren können, ist vor allem in der Soziologie die Verwendung von Modellen, die aus der Biologie stammen, weit verbreitet. Nach Eisenstadts (1964, 375) präziser Definition entspricht der Differenzierungsbegriff einer Situation, in der die Sphären des sozialen Lebens „voneinander getrennt, an spezialisierte Ensembles und Rollen gebunden und in relativ spezifischen und autonomen symbolischen und organisatorischen Rahmen assoziiert werden innerhalb der Grenzen desselben institutionalisierten Systems“. Als directional process (Parsons 1971, 100) konzipiert, erhält also die Differenzierung eine eindeutige geschichtsphilosophische Konnotation. Differenzierung, Evolution und Komplexität werden zu komplementären Termini, sie sind nun Teile derselben begrifflichen Konstellation. Die radikal-konstruktivistische Systemtheorie, die ihren Fokus aus semantischen und analytischen Gründen nur auf moderne Gesellschaften beschränkt, definiert Evolution als „Steigerung von Systemkomplexität“ (Luhmann 1991, 61), die die Öffnung des „Möglichkeitshorizontes“ (Luhmann 1976, 295) begünstigt. Im Mittelpunkt steht bekanntlich die funktionale Differenzierung zwischen sozialen Teilsystemen, die zwar formal gekoppelt, faktisch aber als radikal autark gedacht sind. Weil die soziologische Tradition in die „alteuropäische Semantik“ verstrickt sei, hätte sie nicht wahrnehmen können, dass Ungleichverteilung „ein Problem ist, das die Politik nicht lösen kann“ (Luhmann 1985, 150). Es ist daher nicht verwunderlich, wie die vertikale Differenzierung und die Ungleichheitsproblematik in der Systemtheorie in den Hintergrund treten, obwohl in jüngster Zeit versucht wird, diese Tendenz abzumildern (Schwinn/Kroneberg/Greve 2011). Aus analytischer Sicht gibt es sicher keinen Grund, der funktionalen Differenzierung einen höheren Stellenwert einzuräumen als der Stratifikation. Nun aber: Keiner lebt sein ganzes Leben als Beobachter zweiter Ordnung. Zur Wissenschaft gehört auch das, was konkrete Menschen im gesellschaftlichen Leben erfahren und erleiden. Es liegt auf der Hand, warum mehrere Historiker und Soziologen, insbesondere außerhalb Europas, große Schwierigkeiten haben, sich der metapolitischen Skepsis der Systemtheorie anzupassen. Das Problem der sozialen Differenzen nimmt weiterhin einen zentralen Platz in der Forschung ein. Nicht nur in der sogenannten „Dritten Welt“, sondern auch in den postindustriellen Gesellschaften des Nordens wird der
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deutliche Anstieg der Ungleichheit in den ersten Jahrzehnten des 21. Jahrhunderts zunehmend thematisiert (Schwinn 2007; Piketty 2014; Haller/Eder 2015; Kalb 2019). Ursprünge sind immer schwer zu erläutern. Die ethnologische Literatur zeigt jedoch, dass die frühesten Formen der sozialen Rollenverteilung den Kriterien Geschlecht, Alter und Verwandtschaft gehorchten. In einer bedeutenden Studie vertrat Friedrich Tenbruck die Auffassung, dass der Unterschied zwischen archaischen Gesellschaften, Hochkulturen und modernen Gesellschaften auf die größere funktionale Spezialisierung und insbesondere auf die „Großräumigkeit“ der beiden letzteren Typen zurückzuführen ist. Die Entstehung von chiefdoms und die Expansion ihrer Kommandonetze ermöglicht die „Durchbrechung des Lokalitätsprinzips“ (Tenbruck 1986, 269). Sesshaftigkeit, Entwicklung der Landwirtschaft, Überschussproduktion und Verteidigungsbedürfnisse können zur Staatsbildung führen (Gellner 1989), aber der historische Prozess bleibt offen für Gesellschaften „gegen den Staat“ (Clastres 1974) und andere Modalitäten von Politogenese nichtstaatlicher Art. Teleologien bzw. Unvermeidlichkeiten sind hier so undenkbar wie in der Natur selbst. Fünfhundert Jahre vor Tönnies stellte der große tunesische Historiker und Universalgelehrte Ibn Khaldun fest, dass der Sinn für soziale Kohäsion (a܈abiyyah) bei nomadischen Völkern stärker ausgeprägt ist als bei sesshaften Staaten (Alatas 2014, 29–31). Mit einem Wort, Differenzierung bedeutet im allgemeinen Komplexitätssteigerung, fortschreitende Hierarchisierung und Konzentration der politischen und symbolischen Macht im Staat und in den oberen Schichten. Solche Tendenz schließt aber niemals die Existenz anderer Logiken aus. Eine umfangreiche vergleichende Studie hat gezeigt, dass „die politische Evolution nicht ausschließlich auf die Entstehung des Staates reduziert werden sollte, da dies nur eine bestimmte Version dieser Prozesse ist“ (Bondarenko/Grinin/Korotayev 2004, 15). In der soziologischen Literatur ist die Idee weit verbreitet, dass sich das Problem der Ungleichheit erst im Europa des 18. und 19. Jahrhunderts als eine politische und moralische Frage ersten Ranges etablierte. Tatsächlich wurde in der Zeit der Aufklärung und der Französischen Revolution Gleichheit zu einem zentralen Begriff in der Semantik moderner Gesellschaften – obwohl es von der Antike bis zur Neuzeit nicht an Beispielen für den Widerstand von Sklaven, Bauern und déclassées mangelt. Der Kampf um Gleichheit ist viel älter als der politische Gleichheitsbegriff. Das bedeutet jedenfalls nicht, dass der marxistische Begriff des Klassenkampfes die in der Moderne auftretenden Spannungen angemessen beschreibt. Wie Max Weber (2013, 595) gezeigt hat, treten die stärksten Antagonismen nicht immer zwischen privilegierten und unterprivilegierten Ständen oder Klassen auf, sondern zwischen den Unterprivilegierten.
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Die Produktion und Reproduktion sozialer Ungleichheit ist ein komplexes Phänomen, das mit dem größeren oder geringeren Zugang zu wirtschaftlichem und symbolischem Kapital, Bildung und der Inkorporation bestimmter Lebensstile zusammenhängt (Bourdieu 1982; Du Bois 2007; Souza 2008). Ethnische Unterschiede, Migrationshintergründe oder die Zugehörigkeit zu bestimmten Religionsgemeinschaften können den Exklusionsprozess in einer von der „Generalisierung der Fremdheit“ (Hahn 1994, 162) gekennzeichneten Welt dramatisch verschärfen. Vielleicht sollte man ebenso darauf hinweisen, dass die Sehnsucht nach sozialer Gerechtigkeit weiterhin mit allerlei Widrigkeiten konfrontiert ist, und dass zu den „unabsichtlichen Folgen des Egalitarismus“ (Dumont 1977, 21) auch eine beunruhigende „Verwischung und Akzentuierung von Spannungen“ (Gehlen 1978, 386) gehört. Das tragische wissenssoziologische Element, das sich gerade hier verbirgt, hat der berühmte Autor von Über die Demokratie in Amerika bereits vor fast zwei Jahrhunderten vorausgesehen: „Je vois très-clairement dans l'égalité deux tendances; l’une qui porte l’esprit de chaque homme vers des pensées nouvelles, et l’autre qui le réduirait volontiers à ne plus penser“ (Tocqueville 1850, 11). Der Beitrag der Geschichtstheorie zum Verständnis solcher Probleme bleibt diskret, aber es gibt deutliche Anzeichen dafür, dass sie in den letzten Jahrzehnten versucht hat, eine neue Perspektive auf die Beziehungen zwischen sozialer Differenz und Geschichte zu entwickeln. Dies ist der Fall bei Koselleck (2010, 108-109), der die transzendental-formale Unterscheidung zwischen „oben“ und „unten“ als menschliche Universalie vorschlägt. Andererseits, und da Fragen praktischer Natur in der Historik nie ganz abwesend sind, manifestiert sich eine deutliche pragmatische Ausrichtung beispielsweise bei Rohbeck (2013, 2020), für den normative Begriffe wie „intergenerationeller Verantwortung“ oder „weltgeschichtliche Gerechtigkeit“ eine ebenso wichtige Rolle spielen wie einst der Fortschrittsbegriff. Ob und inwieweit sich der Imperativ der Praxis für die Agenda der Disziplin aufdrängen könnte, scheint uns aber eine offene Frage zu sein. Denn ebenfalls legitim ist es, vom Nutzen und Nachteil einer pragmatischen Wende der Historik (Lübbe 2011, 88-89) zu sprechen. Wie auch immer: ein begründetes Urteil in dieser Hinsicht ist nicht Sache unserer Generation, sondern derer, die nach uns kommen.
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Bondarenko, Dimitri M./Grinin, Leonid E./Korotayev, Andrey V.: Alternatives of Social Evolution. In: Leonid E. Grinin /Robert L. Carneiro/Dimitri M. Bondarenko/Nikolay N. Kradin/Andrey V. Korotayev (Hg.): The Early State. Ist Alternatives and Analogues. Volvograd 2004, 3-27. Bourdieu, Pierre: Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft. Frankfurt a.M. 1982 (frz. 1979). Clastres, Pierre: La société contre l’État. Paris 1974. Droysen, Johann Gustav: Historik, vol. 1. Rekonstruktion der ersten vollständigen Fassung der Vorlesungen (1867); Grundriß der Historik in der ersten handschriftlichen (1857/58) und in der letzten gedruckten Fassung (1882). Stuttgart 1977. Du Bois, W. E. B.: The Philadelphia Negro. A Social Study [1899]. Oxford 2007. Dumont, Louis: Homo aequalis. Genèse et épanouissement de l’idéologie économique. Paris 1977. Durkheim, Émile: Über soziale Arbeitsteilung. Studie über die Organisation höherer Gesellschaften. Frankfurt a.M. 81992 (frz. 1893). Eisenstadt, S. N.: Social Change, Differentiation and Evolution. In: American Sociological Review 29/3 (1964), 375-386. Gehlen, Arnold: Gleichheit. Kritische Anmerkungen zu einer politischen Leitidee [1964]. In: Gesamtausgabe. Einblicke. Hg. von Karl-Siegbert Rehberg. Frankfurt a.M. 1978, Bd. 7, 374-388. Gellner, Ernest: Plough, Sword, and Book. The Structure of Human History. Chicago 1989. Hahn, Alois: Die Soziale Konstruktion des Fremden. In: Walter M. Sprondel (Hg.): Die Objektivität der Ordnungen und ihre kommunikative Konstruktion. Frankfurt a.M. 1994, 140-163. Haller, Max/Eder, Anja: Ethnic Statification and Economic Inequality Around the World. Farnham 2015. Kalb, Don: Post-Socialist Contradictions. In: Jan Breman/Kevan Harris/Ching Kwan Lee/Marcel van der Linden (Hg.): The Social Question in the Twenty-First Century. Oakland 2019, 208-226. Lübbe, Hermann: Geschichtsbegriff und Geschichtsinteresse. Analytik und Pragmatik der Historie [1977]. Basel 22012. Lübbe, Hermann: Geschichte lernen oder aus der Geschichte lernen? Praktische Konsequenzen der Geschichtstheorie. In: Helmut Reinalter (Hg.): Krise der Geisteswissenschaften? Ihre Bedeutung und gesellschaftliche Relevanz heute. Weimar 2011, 75-95. Luhmann, Niklas: Die Weltgesellschaft [1971]. In: Ders.: Soziologische Aufklärung 2. Wiesbaden 41991, 51-71. Luhmann, Niklas: Evolution und Geschichte. In: Geschichte und Gesellschaft 2/3 (1976), 284-309. Luhmann, Niklas: Der Begriff der sozialen Klasse. In: Ders. [Hg.] Soziale Differenzierung. Zur Geschichte einer Idee. Wiesbaden 1985, 119-162. Marx, Karl: Das Elend der Philosophie. In: Marx-Engels-Werke. Hg. von Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED. Berlin 1977, Bd. 4, 63-182 (frz. 1847). Parsons, Talcott: Comparative Studies and Evolutionary Change. In: Ivan Vallier (Hg.): Comparative Methods in Sociology. Berkeley 1971, 97-139. Piketty, Thomas: Capital in the Twenty-First Century. Cambridge 2014 (frz. 2013).
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6.4 Ursprünge und mythisches Geschichtsdenken Felix Hinz
„Tief ist der Brunnen der Vergangenheit. Sollte man ihn nicht unergründlich nennen? Dies nämlich dann sogar und vielleicht sogar eben dann, wenn nur und allein das Menschenwesen es ist, dessen Vergangenheit in Rede und Frage steht: […] Da denn nun gerade geschieht es, daß, je tiefer man schürft, je weiter hinab in die Unterwelt des Vergangenen man dringt und tastet, die Anfangsgründe des Menschlichen, seiner Geschichte, seiner Gesittung, sich als gänzlich unerlotbar erweisen und vor unserem Senkblei, […] immer wieder und weiter ins Bodenlose zurückweichen. Zutreffend aber heißt es hier ‚wieder und weiter‘; denn mit unserer Forscherangelegenheit treibt das Unerforschliche eine Art von foppendem Spiel; es bietet ihr Scheinhalte und Wegesziele, hinter denen, wenn sie erreicht sind, neue Vergangenheitsstrecken sich auftun […]. So gibt es Anfänge bedingter Art, welche den Ur-Beginn einer besonderen Überlieferung, einer bestimmten Gemeinschaft, Volkheit oder Glaubensfamilie praktisch-tatsächlich bilden, so daß die Erinnerung, wenn auch wohl belehrt darüber, daß die Brunnenteufe damit keineswegs ernstlich als ausgepeilt gelten kann, sich bei solchem Ur denn auch national beruhigen und zum persönlich-geschichtlichen Stillstande kommen mag“ (Mann 1993, 11). So beginnt Thomas Manns „Höllenfahrt“ genanntes Vorspiel seiner Joseph-Tetralogie (1926-1943), in dem er auf unnachahmliche Weise Wesentliches zu Ur-Beginnen historischer Geschichten anspricht und dabei gleichsam bereits in einen mythisch-metaphorischen Duktus verfällt. Vor allem verdeutlicht er bildlich, dass der realgeschichtliche Anfang der Menschheit, der absolute Ur-Beginn der Geschichte, bis heute – und sehr wahrscheinlich auch für alle Zukunft – aus Mangel an Quellen im Dunkeln liegt. (Dazu jüngst Graeber/Wengrow 2022, 12–18) Wenn die Geschichte der Menschheit mit dem ersten Menschen beginnen soll, stellt sich zudem ein theoretisches Problem, das sich in der von Linné formulierten (jedoch auch bereits bei Comenius und Leibniz vorzufindenen) Einsicht „Natura non facit saltus“ zusammenfassen lässt: Die natürliche Entwicklung vollzieht sich in kleinen Schritten, nicht in Sprüngen. Genau dies aber wünscht sich das menschliche Geschichtsbewusstsein: Ur-Sprünge. Doch wann genau wäre ein Wesen bereits schon
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als „Mensch“ anzusprechen, wann hingegen gerade eben noch nicht? Ließe sich das überhaupt objektiv bestimmen? Wendet man dies nun auf andere, spätere, spezifische Beginne innerhalb der Menschheitsgeschichte an, so lassen sich diese stets nur in Bezug auf bestimmte institutionelle Tatsachen (Searle 1997) wie z.B. Staaten, Ehen oder Kriege angeben. Doch auch diese Bestimmungen können schon deshalb nicht objektiv sein, weil institutionelle Tatsachen nur insofern existieren, als dass Menschen an sie glauben. Unabhängig davon, dass verschiedene institutionelle Tatsachen nicht zwingend von allen Menschen gleichermaßen anerkannt werden, ist es zwar manchmal vermeintlich leicht, ein spezifisches Anfangsdatum zu nennen (z.B. eine Krönung eines ersten Königs, eine Hochzeit, ein Überfall), doch ist damit die Frage nach dem Beginn noch keinesfalls gänzlich beantwortet, denn all diese Ereignisse haben ihrerseits verschiedene Ursachen, mithin eine Vorgeschichte, die wiederum irgendwann beginnen müsste. All diese vermeintlichen Ursprünge sind demnach nicht mehr als das, was Thomas Mann als „Scheinhalte“ bezeichnet. Warum aber heißt das Vorspiel der Joseph-Romane „Höllenfahrt“? Die Antwort liegt in einer interessanten Metapher verborgen: dem „Brunnen der Vergangenheit“. Einerseits ist es Historikern seit jeher geläufig, ihre Erkenntnisse aus „Quellen“ zu schöpfen. Zeugnisse aus der Vergangenheit sind ihr berufliches Lebenselixier. Doch der Brunnen ist auch ein Symbol des Todes, denn nicht von Ungefähr wurde Joseph von seinen Brüdern in einen Brunnen geworfen. Damit ist der Brunnen auch ein Tor in eine Anderswelt. Wasser ist lebenswichtig, doch es bildet auch eine Sphäre, in der wir nicht existieren können. Hinzu kommt das Element der irgendwann undurchdringlichen Dunkelheit. Suchen wir nach Zeugnissen der Vergangenheit und gehen zeitlich immer weiter zurück, kommen wir bei jeder historischen Fragestellung irgendwann in Bereiche von „dark ages“, in denen Umrisse von Personen, Ereignissen, Daten etc. nur noch schemenhaft erkennbar sind. Und da sind wir dann im Reich der Schemen, in historischen Epochen, von denen es kaum noch eine lebendige Überlieferung gibt, – und sei es nur im kulturellen Gedächtnis einiger weniger Spezialisten. Ohnehin ist Geschichte nur lebendig in unserer Imagination, was auch bedeutet, dass historisches Denken ohne Fantasie, die z.B. Überlieferungslücken überbrückt, nicht möglich ist. Das trifft ausdrücklich auch auf den wissenschaftlichen Bereich zu. Doch wie brüchig und fantasievoll darf die empirische Grundlage historischer Narrationen maximal sein? Das hängt davon ab, was wir in der Vergangenheit suchen. Hauptsächlich dürften sich Menschen mit Geschichte beschäftigen, weil sie Orientierung hinsichtlich ihrer (kollektiven) Identität zu finden hoffen. Eingedenk der Tatsache, dass man nicht zweimal in denselben Fluss steigen kann und wir uns
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mit den Zeiten unweigerlich ändern, ist es schon für ein Individuum eine an sich starke Behauptung, jeden Morgen wieder „ich“ zu sich zu sagen. Dasselbe gilt für Kollektive. Was macht „uns“ aus? Mit dieser Frage ist diejenige nach Herkunft verbunden: Seit wann macht uns das aus, was wir als unseren identitätskonkreten Kern betrachten? Die Frage „Wer bin ich?“ ist also mit der Frage „Woher komme ich?“ verknüpft, die hinsichtlich der Frage „Wohin gehe ich?“ ihre Lebensrelevanz erhält, von der die Beschäftigung mit Geschichte letztlich ausgeht. Genauso wenig, wie sich ein Individuum an seine Geburt oder gar an seine Zeugung erinnern kann, ist dies Kollektiven möglich. Und so spähen sie (Staaten, Nationen, Kulturen, Glaubensgemeinschaften usw.) in die dunkle Tiefe des Brunnens der Vergangenheit, ohne dort, wo sie ihren Ur-Beginn vermuten oder erhoffen, klar sehen zu können. Wenn es also Orientierung sein sollte, was Menschen in der Geschichte suchen, dann kann im Dunkel des Brunnens eine ganze Menge Fantasie im Spiel sein. Denn für die Orientierung entscheidend ist, dass die in Bezug auf die Vergangenheit getroffenen Aussagen geglaubt werden – nicht zwingend, dass sie im Sinne einer ohnehin unerreichbaren absoluten historischen Wahrheit zutreffend sind. „Eines“, so Odo Marquard, „ist die Wahrheit, ein anderes, wie sich mit der Wahrheit leben lässt“ (Marquard 2012, 224). Michael Blume, der über Religion und Hirnforschung promovierte, präzisiert: „Wahrheit ist […] für menschliche Gehirne viel weniger relevant als Zugehörigkeit und Geborgenheit“ (Blume 2020, 23). Das Dunkel der historischen Brunnentiefe aber verheißt keine Geborgenheit, sondern alles ist dort unheimlich. Also zünden Menschen sich dort eine beruhigende Kerze an: den Mythos. Die Geschichte macht keine Sprünge, aber da, wo die Überlieferungslage ihre empirische Basis verliert, nehmen Menschen sich die Freiheit, eine Zäsur zu setzen, wenn sie ihnen aus verschiedensten Gründen passend erscheint. Die Dunkelheit birgt mithin die Chance zur Freiheit, doch die Flamme des Mythos flackert und deformiert (Barthes 2012, 99). Seit wann gibt es uns Deutsche? Vom Auffinden der Germania des Tacitus an (Mitte des 15. Jahrhunderts) bis 1945 waren die Deutschen sich weitgehend sicher: Der ‚Urknall‘ der Deutschen – das war die Varusschlacht! Doch seitdem haben Werte und Selbstsicht der Deutschen einen fundamentalen Wandel erfahren. Genannt sei nur die fast völlige Entmilitarisierung der öffentlichen Meinung. Heute betrachten wir diesen Glauben an Arminius als ‚ersten Deutschen‘ als Mythos. Was ist ein historischer Mythos? – Es handelt sich um eine von einer Gruppe geglaubte und für wichtig erachtete Erzählung mit Vergangenheitsbezug, die normativ und narrativ plausibel ist, deren empirische Triftigkeit sich bei näherer Prüfung jedoch als unzureichend erweist. (Bernhard u.a. 2017, 20–23) Allerdings wird man hinzufügen müssen, dass ‚glauben‘ ein vielschichtiger Begriff ist. Man kann etwas z.B. bedingungslos glauben, zweifelnd oder auch augenzwinkernd glauben. Man
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kann auch etwas gewissermaßen als Parallelwahrheit stehen lassen, so wie ein christlicher Historiker als gläubiger Mensch im Privaten vielleicht annimmt oder hofft, dass Gott in die Geschichte eingreift, als Historiker diesem Glauben in seinen geschichtswissenschaftlichen Schriften jedoch keinen Raum zubilligt. So haben vielleicht auch 1909 nicht wenige Deutsche das Jubiläum der Varusschlacht gefeiert, obwohl ihnen klar gewesen war, dass Arminius sich 9 n.Chr. unmöglich als ‚Deutscher‘ gefühlt haben konnte und dass die Deutschen sich später auch noch aus Gruppen zusammensetzten, die überhaupt keinen Anteil an der Varusschlacht hatten. Aber wozu so kritisch sein, wenn man sich mit dem ‚Hermann‘-Mythos, der die lang vermisste deutsche Einheit und Stärke beschwor, einfach wohlfühlte? Ebenso wenig müssen andere Gründungsmythen je für bare Münze genommen worden sein. Oft ging es dabei auch weniger um ein manchmal recht beliebiges Anfangsdatum („753, Rom kroch aus dem Ei.“), sondern um eine Botschaft, denn Mythen haben einen appellativen Charakter. Was will es den Römern und seinen Nachbarn sagen, wenn Romulus seinen Zwillingsbruder Remus erschlug? Die Römer gemahnt er zum kompromisslosen Einsatz für die Ehre und Stärke Roms. Den Nachbarn Roms aber teilt der Mythos unmissverständlich mit: „Versucht gar nicht erst, über unsere Mauern zu springen. Wir würden selbst bei unseren eigenen Brüdern nicht zögern, sie zu töten, wenn sie das tun – bei euch erst recht nicht!“ Es ist nun freilich nicht so, dass sich Gründungsmythen zwangsläufig durch einen besonders hohen Fiktionsgrad auszeichnen. Sie können sich auch durchaus im noch recht gut einsehbaren Bereich der historischen Brunnentiefe befinden. Es gibt auch solche Mythen, die bestimmte Personen, Ereignisse, Gegenstände etc. – denn praktisch alles kann zum Mythos werden – auf einen Sockel heben und lediglich mythisch überhöht, indem sie entweder fiktional etwas ausgeschmückt werden oder fortan einfach nur exemplarisch für etwas stehen. Luthers 95 Thesen (Ursprungsmythos der Reformation) gab es wirklich. Bei der Art ihrer Verbreitung fangen die Fiktionalisierungen an. Auch den Sturm auf die Bastille hat es wirklich gegeben. Doch war er wirklich der Beginn der Französischen Revolution oder gar das Fanal der Neuzeit? Dabei beinhalten die meisten Gründungsmythen eine Leistungsschau. Der Mythos will, dass Deutschland am 8. Mai 1945 völlig am Boden lag („Stunde Null“) und sich dann in Ost („Auferstanden aus Ruinen“) und West („Wirtschaftswunder“ – aber auch „Wunder von Bern“) aufgrund unglaublicher Anstrengungen ‚sogar‘ der Frauen („Trümmerfrauen“) aus eigener Kraft wieder wie der Phönix aus der Asche erhob – woran man auch erkennt, dass es bestimmte Mythen-Muster gibt, an denen sich die Menschen, die sie kennen, immer wieder orientieren.
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Das Stichwort vom Vogel Phönix führt uns weiter zu der Erkenntnis, dass auch viele Untergangsmythen eigentlich als Gründungsmythen zu verstehen sind. Das Hinnehmen des völligen Untergangs beim Verteidigen bestimmter Werte, Ideen und Ansprüche kann auch als fruchtbringendes Opfer und Vermächtnis an die Erben verstanden werden. Die Spartaner unter Leonidas kämpften bei den Thermopylen ganz bewusst einen aussichtslosen Kampf gegen die Perser, um unter den Hellenen ihren militärischen Führungsanspruch zu betonen. Der Bergentrückungsmythos am Kyffhäuser, an dem eines der großen deutschen Nationaldenkmäler entstand, verhieß die Wiederauferstehung des Reiches, mächtig wie es unter Friedrich I. Barbarossa gewesen war, dessen banale Todesumstände im Saleph weder der Größe seiner Person noch seines letzten Vorhabens angemessen und daher völlig unverständlich schienen. Überhaupt sind die großen deutschen Mythen der „Gründerzeit“ ausgerechnet Untergangsmythen, seien es nun die nicht nur von Richard Wagner in Bayreuth gefeierte Siegfried-Sage („Götterdämmerung“, 1876) oder Felix Dahns Bestseller „Ein Kampf um Rom“ (auch 1876), der den Untergang der Ostgoten in Italien dramatisch ins Szene setzte. Das alles sendete sehr entschlossene, kämpferische Botschaften aus, die im Ersten („Nibelungentreue“, „Dolchstoß“) und Zweiten Weltkrieg (kein Rückzug aus Stalingrad) eine erhebliche Zerstörungskraft entfalten sollten. Interessanterweise erschien dann wenige Jahre nach der Wiederherstellung der deutschen Einheit ausgerechnet „Der Untergang“ (Regie Oliver Hirschbiegel, 2004) in den deutschen Kinos, der von den letzten Tagen Hitlers im Bunker berichtet, der ebenfalls ganz bewusst nicht floh, sondern bis zum letztmöglichen Tag von Berlin aus sein „Drittes Reich“ in den Untergang führte. Man erkennt an den bisher aufgeführten Beispielen bereits deutlich, dass auch die Dichotomie Mythos vs. Logos bzw. die Annahme, dass Mythen, und insbesondere zeitlich weit zurückgedachte Gründungsmythen, mit oralen Traditionen verbunden seien, während die (vermeintlich) Mythen zurückdrängende Ratio dann mit der Schriftlichkeit Einzug halte, zu den Mythen über Mythen zu zählen sind. Nicht nur ȜȩȖȠȢ sondern auch ȝ૨șȠȢ kann „Wort“ bedeuten. Mythen sind nicht völlig irrational. Auch wenn es zutrifft, dass die ältesten Ursprungs- und Gründungsmythen, die wir kennen, in vor-schriftliche und damit vor-geschichtliche Zeiten verweisen, entstehen doch seitdem immer wieder neue. Mythen sind weder an bestimmte Inhalte noch an bestimmte Formen gebunden. Ein Mythos kann sich aller medial genutzten Kanäle bedienen: Er kann genauso in einem mündlich oder schriftlich tradierten Epos leben wie z.B. in einer Oper, einem Gemälde, einem Spielfilm oder einer Dissertation. Im Gegensatz zu einigen anderen Mythen erfordern Ursprungsmythen jedoch zumindest eine längere Geschichte, denn sie sollen ja das aus Mangel an Quellen sonst Unerklärbare erklären. Dabei ist nur ein bestimmter Kern relevant, der in
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vielerlei Varianten immer neu ausgeschmückt und weitergedichtet werden kann. Schriftlichkeit ist für Variantenreichtum und Vieldeutigkeit kein Hindernis, solange bestimmte Texte nicht für kanonisch erklärt werden. An die erwähnten identitätskonkreten Kerne der Mythen können sich dann neue Mythen ansippen oder, da ein Mythos selten allein kommt, sich mit anderen verflechten, sodass bisweilen ganze Netzwerke von Mythen entstehen, die dadurch, dass sie alle aufeinander verweisen, sich auch gegenseitig beglaubigen. Die lang andauernde Macht Roms führte dazu, dass sein Gründungsmythos um Romulus und Remus zu den bekanntesten in Westeuropa zählte und zählt. In aller Kürze: Um dem erst noch unbedeutenden Rom Bedeutung zu verleihen, wurden die beiden Gründerzwillinge auf Aeneas und damit auf das damals bereits berühmte Troja zurückgeführt. Auch Caesar, dessen Machtanspruch (wie nicht nur seine späteren Mörder fanden) auf wackligen Füßen stand, führte seine Herkunft ebenfalls auf Aeneas zurück. Ein Beispiel dafür, wie Gründungsmythen sogar regelrecht gekapert werden können, bietet derjenige der Stadt Siena: Seit die Siedlung als Saena Iulia eine römische Colonia wurde, stellte auch sie, genau wie Rom, die Wölfin mit den Zwillingen ins Zentrum ihres Gründungsmythos‘. Doch führte sie ihre Entstehung nicht auf Romulus zurück, sondern auf Remus. Dieser, so der Ursprungsmythos der Stadt, habe seinerseits zwei Söhne gehabt, nämlich Seniu und Aschius, denen die Flucht aus Rom gelungen sein soll. Sie seien dann in die Gegend des späteren Siena gekommen, wo sie zwei Feuer entfachten. Das eine Feuer habe schwarzen, das andere weißen Rauch entwickelt, wovon sich die Farben des Stadtwappens herleiteten. Den Namen erhielt die Stadt dann vom älteren der beiden Remus-Söhne. Um den Anspruch des kleineren Siena gegenüber der Hauptstadt des Imperium Romanum mit seiner Lupa Capitolina (und später dem mächtigen Nachbarn Florenz) zu betonen, ist die Romulus und Remus säugende Lupa Senese noch heute in der Altstadt Sienas in Bildern und Skulpturen allgegenwärtig. Etwas weniger direkt als die konkrete Ansippung ist die Übernahme von allseits bekannten mythischen Mustern, denn mythisches Denken funktioniert assoziativ und folgt Analogien. Wenn die kolonialzeitlichen Azteken ihren Ursprung und ihren Anspruch auf ihr Land über eine Wandersage herleiteten (Codex Boturini, ca. 15301541), der sie fort von einer im mythischen Dunkel liegenden Stadt „Aztlán“ über viele Stationen führte, an denen sie sich bewährten und sie dadurch Schritt für Schritt ihrer Identität als Azteken näher kamen, bis sie schließlich an dem ihnen verheißenen Ort einen Adler auf dem Kaktus sahen, womit sie wussten, dass sie dort ihre neue Stadt gründen sollten, so erinnert dies stark an die biblische Wandersage der Israeliten in ihr Gelobtes Land, deren allseitige Bekanntheit man auch im damaligen Mexiko voraussetzen darf. Wie originär aztekisch andererseits der Adler ist, der nicht
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nur das Symboltier Roms ist, sondern sich (zumal eine Schlange verspeisend) auch christlich interpretieren ließe, muss aus Mangel an präspanischen Quellen dahingestellt bleiben. Immerhin bot es sich für die Azteken auf der Suche nach einem Platz in der neuen spanisch-christlichen Weltordnung an, indirekt an mächtige altweltliche Mythen anzuknüpfen. Fassen wir zum Schluss noch einmal zusammen: Menschen fahnden nach Ursprüngen, weil sie sich in Form von Herkunftsgemeinschaften ihrer Identität zu vergewissern trachten und Orientierung für ihre Zukunft suchen. Wo die Realgeschichte nicht genügend Halt bietet, kann ein Mythos helfen. Somit entstehende Gründungsmythen werden oft an als vorbildhaft geltende Gruppen angesippt oder an allseits bekannte Muster angelehnt, um dadurch sowohl Selbstwertgefühl als auch Ansprüche für die betreffende Trägergruppe herleiten zu können. Grundsätzlich ist jedes historische Denken insofern mythisch, als dass es Überlieferungslücken füllen und Sachverhalte deuten muss und daher nie gänzlich ohne Fiktion auskommen kann. Mythen durchziehen sowohl das kommunikative als auch das kulturelle Gedächtnis und können dort, wo in ihnen Übersinnliches eine Rolle spielt (Götter, Dämonen, Magie etc.) auch augenzwinkernd oder probehalber als eine Parallelwahrheit geglaubt werden. Selbst geschichtswissenschaftliche Texte nehmen dort, wo sie nur Wahrscheinliches (aber nicht Beweisbares) behaupten, wo sie implizit zu etwas erziehen wollen, wo sie exemplarisch überhöhen, wo sie Zäsuren setzen oder überhaupt (allein schon durch die Auswahl der in der Narration genannten und nicht genannten) Fakten mit Bedeutungen aufladen, teilweise mythischen Charakter an. Da Mythen also ein wenngleich theoretisch unerwünschter, so doch praktisch unverzichtbarer Teil historischen Denkens sind, dürfen Historik und Geschichtsdidaktik sie nicht ignorieren.
Literatur Barthes, Roland: Mythen des Alltags [1957]. In: Wilfried Barner, Anke Detken u. Jörg Wesche (Hg.): Texte zur modernen Mythentheorie, Stuttgart 2012, 91-105. Bernhard, Roland/ Hinz, Felix u. Meyer-Hamme, Johannes: Was ist ein historischer Mythos? Versuch einer Definition aus kulturwissenschaftlicher und geschichtsdidaktischer Perspektive. In: Roland Bernhard u.a. (Hg.): Mythen in deutschsprachigen Geschichtsschulbüchern. Von Marathon zum Élysée-Vertrag, Göttingen 2017, 11–31. Blume, Michael: Verschwörungsmythen. Woher sie kommen, was sie anrichten, wie wir ihnen begegnen können. Ostfildern 22020. Graeber, David/ Wengrow, David: Anfänge. Eine neue Geschichte der Menschheit. Stuttgart 2022. Mann, Thomas: Joseph und seine Brüder. Bd. 1. [1926], Frankfurt/M. 1993.
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Marquard, Odo: Lob des Polytheismus. Über Monomythie und Polymythie [1979]. In: Wilfried Barner, Anke Detken u. Jörg Wesche (Hg.), Texte zur modernen Mythentheorie, Stuttgart 2012, 222-238. Searle, John R.: Die Konstruktion der gesellschaftlichen Wirklichkeit. Zur Ontologie sozialer Tatsachen. Reinbek b.Hmbg. 1997.
Weiterführende Literatur Assmann, Jan: Mythos und Geschichte. In: Helmut Altrichter, Klaus Herbers u. Helmut Neuhaus (Hg.): Mythen in der Geschichte. Freiburg/Br 2004, 13–28. Hein Kircher, Heidi: Überlegungen zu einer Typologisierung von politischen Mythen aus historiographischer Sicht – ein Versuch. In: dies., Hans Henning Hahn (Hg.), Politische Mythen im 19. und 20. Jahrhundert in Mittel- und Osteuropa, Marburg 2006, 407-424. Hinz, Felix: Historische Mythen. Geschichtstheoretische Reflexionen und Zugriffe für die Unterrichtspraxis. Frankfurt/M. 2023. Hölkeskamp, Karl-Joachim: Mythos und Politik – (nicht nur) in der Antike. Anregungen und Angebote der neuen „historischen Politikforschung“. In: Historische Zeitschrift 288 (2009), 1-50.
6.5 Der Ethnozentrismus und seine Überwindung Jörn Rüsen
Ethnozentrismus ist eine perspektivische Ausrichtung der Weltdeutung auf die eigene soziale Lebensform. Er wird landläufig mit ‚Rassismus‘ bezeichnet und damit grundsätzlich abgewertet. Dabei wird übersehen, dass diese Ausrichtung die älteste (und bis heute ursprüngliche) ist. Ihre grundsätzliche Verwerfung ist daher realitätsblind. In den ältesten menschlichen Lebensformen ist der Ethnozentrismus selbstverständlich. Die Normen der eigenen Lebensordnung gelten allgemein und werden als die einzig menschliche angesehen. Zumeist äußert sich das so, dass die dargestellte soziale Größe positiv bewertet und damit direkt oder indirekt von anderen vergleichbaren sozialen Phänomenen abgehoben wird. Immer dann, wenn es um die eigene soziale Zugehörigkeit geht, findet eine solche Bewertung statt. Sie beruht auf der anthropologisch fundamentalen Tatsache, dass Menschen nur in sozialen Anerkennungsverhältnissen leben können. Anerkennung heißt aber auch Unterscheidung von anderen. Ethnozentrismus ist ein soziales Verhalten, das auf einer solchen positiven Bewertung der eigenen Zugehörigkeit und damit zugleich immer auch auf einer negativen Abgrenzung von diesen anderen beruht. Da die jeweils anderen eine gleiche Einschätzung ihrer selbst und ihre Unterscheidung von anderen vollziehen, ist diese elementare Tatsache sozialer Selbsteinschätzung unfriedlich und konfliktreich. Zur Etablierung eines friedlichen Miteinanders bedarf es einer eigenen mentalen Aktivität in der Bestimmung des Verhältnisses zwischen Selbst und Anderen. Diese Aktivität stellt eine jeweils praktisch zu erbringende (und stets neu zu erlernende) Anerkennungsleistung dar. Diese Anerkennungsleistung kann grundsätzlich unter zwei verschiedenen Voraussetzungen vollzogen werden. Die eine geht von einer fundamentalen Unterscheidung zwischen Eigenem und Anderem aus, die andere vom Gegenteil. Historisch gesehen, ist die unterscheidende Einstellung die ältere und ursprünglichere. Erst im Zuge der Modernisierung gewinnt die Gleichheitsvorstellung unter der Prämisse einer allgemeinen Unterstellung der Menschenwürde den Vorrang. Die unfriedliche normative Selbsteinschätzung verlangt eine grundsätzliche Bewältigung (Befriedung) als Bedingung gemeinsamen Überlebens.
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Dazu ist es erforderlich, im Verhältnis zum Anderen eine grundsätzliche Anerkennungsleistung zu verankern. In vormodernen Lebensverhältnissen stellt das Gastrecht eine solche Anerkennungsleistung dar, die das Anders- und Fremdsein neutralisiert. In modernen Lebensverhältnissen wird das jeweilige Menschsein schon als Anerkennungsgrund wirksam. Dafür stehen paradigmatisch die Menschenrechte. In langen Prozessen der kulturellen Evolution weitet sich die Perspektive erheblich und umfasst schließlich die Menschheit in zeitlicher und räumlicher Erstreckung. Erst im Verhältnis zu dieser (schrittweise erfolgenden) Ausweitung wird die Einschränkung der Perspektive auf die eigene Gruppe problematisch. Diese Einschränkung der normativen Ausrichtung der eigenen Lebenspraxis auf die eigene Gruppe ist insofern problemgeladen, als in der menschlichen Verhältnisbestimmung zwischen dem Eigenem und dem Anderssein der anderen zumeist eine normative Asymmetrie vorherrscht: das Eigene ist immer das Bessere. In Ausnahmefällen wird dieses Bessere anderen Gruppen und sozialen Lebensformen zugeschrieben, um die eigene zu kritisieren (und sie zur besseren zu machen). Da im Verhältnis verschiedener sozialer Gruppierungen zueinander jeweils die eigene hoch und die andere geringer, wenn nicht gar negativ bewertet werden, ist die soziale Beziehung zwischen verschiedenen Gruppen grundsätzlich problemgeladen und konfliktreich. Um gemeinsames Überleben möglich zu machen, werden kulturelle Strategien eines friedlichen Miteinanders entwickelt. Ihren Höhepunkt hat diese Entwicklung in einer Vorstellung von Menschheit gefunden, in der Eigenes und Anderssein sich im Modus von Gleichheit und Anerkennung der Differenz aufeinander beziehen. Das heißt freilich nicht, dass in diesem Anerkennungsverhältnis alles Differente in gleicher Weise gültig ist. Das würde in einen unhaltbaren Relativismus führen. Um den zu verhindern, müssen Gesichtspunkte der Kritik ins Spiel gebracht werden. Diese Gesichtspunkte müssen von beiden Seiten in gleichem Maße anerkannt werden und sich verallgemeinern lassen. Anerkennung von Differenz und Allgemeingültigkeit des je Differenten – wie ist das zu vereinbaren? Diese Frage lässt sich nur beantworten, wenn die differierenden normativen Vorstellungen und ihre Allgemeingültigkeit zunächst einmal auseinandergehalten, also zwei verschiedenen Denkordnungen oder -bereichen zugeordnet werden. Der eine Bereich bezieht sich auf die (empirische) Weltordnung differierender normativer Verpflichtungen und ihnen entsprechender empirischer (historischer) Erfahrungen. Das geschieht üblicherweise in der chronologisch angelegten Geschichtsphilosophie, etwa bei Hegel oder Marx. Bei der anderen geht es um allgemeine Prinzipien oder Sinnkonzepte, z.B. bei Max Weber oder Collingwood. Diese Sinnkonzepte können transzendent oder transzendental verstanden werden. Im trans-
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zendenten Verständnis wird ihre Differenz zur empirisch gegebenen Weltordnung betont, im transzendentalen Verständnis wird sie als Bedingung der Möglichkeit normativer Geltung von Sinnkriterien verstanden. Transzendental rücken also die beiden Dimensionen von Sinnhaftigkeit aus ihrer Unterschiedenheit wieder zusammen. In diesem Verhältnis ist der Ethnozentrismus überwunden. So sehr er also als ursprünglich und dominant gelten mag, in den Bedingungen seiner Möglichkeit ist er schon überwunden und aufgehoben. Insofern ist er von sich aus schon nicht einfach als ursprünglich und selbstverständlich gegeben, sondern von seinen Voraussetzungen her auf Erweiterung seiner normativen Ausrichtung angelegt. Auf das Menschsein des Menschen bezogen heißt das, dass die Menschheit in jedem Menschen als dessen subjektive Erweiterung bereits angelegt ist und der tätigen Verwirklichung harrt. Wie schon gesagt, ist Menschheit keine Abstraktion, die aus bloßer Verallgemeinerung einer konkreten Befindlichkeit humaner Existenz entsteht, sondern Teil und Wirksamkeitsprinzip in jeder Gegebenheit des Humanum. ‚Nur die Höhe des Menschen ist der Mensch‘, heißt es bei Paracelsus. Die Essenz dieser Höhe ist der Kern jedes Humanismus. Wendet man die Aussage historisch, versteht man sie also als Prinzip zeitlicher Prozesse in der menschlichen Lebenswelt, dann ergibt sich eine humanistische Geschichtsphilosophie. Sie bestimmt als Sinnkriterium des historischen Denkens den Gesichtspunkt oder die perspektivische Bestimmung des Menschseins, die Humanisierung des Menschen. Für eine solche Humanisierung lassen sich empirische Anhaltspunkte einer durchgehenden langfristigen Entwicklung finden. Im Westen beginnt sie mit der Idee der ‚Würde des Menschen‘, – eine Vorstellung, die von der Antike bis zur Neuzeit reicht. Auch in nicht-westlichen Kulturen lassen sich entsprechende Einschätzungen des Menschen finden, sodass (mit aller Vorsicht) von einer interkulturellen Dimension der Humanisierung gesprochen werden kann. Einen Höhepunkt hat diese Entwicklung in der Neuzeit des Westens mit der Idee fundamentaler Menschenrechte als Grundlage jeder politischen Verfassung gefunden. Nicht übersehen werden sollte freilich der Schatten, den das Menschsein des Menschen historisch immer wirft. Seine Geschichte ist begleitet von elementarer Unmenschlichkeit in den zeitlichen Prozessen der menschlichen Welt. Dass der Mensch des Menschen Wolf ist –für Thomas Hobbes war und ist dies eine anthropologische Tatsache, die alles menschliche Leben bestimmt. Die Evidenz von Unmenschlichkeit in allen Formen und Entwicklungen des sozialen Lebens der Menschen kann nicht geleugnet werden, ebenso wenig freilich auch unumkehrbare Errungenschaften der Humanisierung des menschlichen Lebens (zum Beispiel die Abschaffung der Folter oder Hexenprozesse in den Staaten des Westens am Ende des 18. Jahrhun-
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derts. Ähnliche Vorgänge der Humanisierung gibt es immer wieder, zum Beispiel die Abschaffung der Kinderarbeit, die UN Charta, Diskriminierungsverbote u.a.). Es macht also Sinn, von Humanisierungsprozessen in der Geschichte zu sprechen und ihre Zukünftigkeit zu betonen, freilich nur, wenn die Dauer der Unmenschlichkeit in diesen Veränderungsprozessen nicht übersehen wird.
Literatur Borries, Bodo von: In Krisen Geschichte lernen, um Zukunft zu gewinnen. Überlebenstraining bei Umweltkollaps, Menschheitsverbrechen und Demokratieverfall. Frankfurt a.M. 2022. Rüsen, Jörn: Historik. Theorie der Geschichtswissenschaft. Köln/Weimar/Wien 2013. Rüsen, Jörn: Menschsein. Grundlagen, Geschichte und Diskurse des Humanismus. Berlin 2020. Tiedemann, Paul: Was ist Menschenwürde? Eine Einführung. Darmstadt 2006. Vögele, Wolfgang: Menschenwürde zwischen Recht und Theologie. Begründungen von Menschenrechten in der Perspektive öffentlicher Theologie. Gütersloh 2000.
6.6 Postmoderne, Postkolonialismus, Posthumanismus Oliver Kozlarek
Postmoderne Die drei mit dem Präfix „Post“ versehenen und hier zu besprechenden Begriffe bezeichnen diskursive Zusammenhänge, die trotz aller Nuancen einem ganz ähnlichen Plan folgen: Sie richten das für die Moderne typische Potenzial der Kritik gegen die Moderne selbst. Dies wird am Beispiel der Postmoderne am deutlichsten, lässt sich aber auch für die Debatten zeigen, die sich um die anderen beiden Begriffe herum formieren konnten. Der Begriff der Moderne entspringt einer durch und durch modernen Logik, indem er als Ordnungs- oder Formationsbegriff den Anspruch hat, alle Bereiche der menschlichen Welt zu erfassen. Als modern bezeichnet werden die Formen gesellschaftlicher Koordination, politischer Ordnung, kultureller Imagination sowie wirtschaftlicher Produktion und Konsumtion. Auf einer eher philosophisch-erkenntnistheoretischen Ebene zeichnet sich „Moderne“ vor allem durch ein teleologisches Zeitverständnis aus, dem die Überzeugung zugrunde liegt, dass alle zivilisatorischen Prozesse früher oder später in der Ausformung moderner gesellschaftlicher Zustände münden. Dieser totalisierende Anspruch, der die Rede von der Moderne begleitet, ist nicht widerspruchslos geblieben. Unter dem Stichwort der Postmoderne hat diese Opposition einen sehr effizienten und nachhaltigen Ausdruck erhalten. Der Begriff der Postmoderne umfasst zwei wesentliche Bedeutungsdimensionen: Zum einen verweist er auf neue Ausdrucks- und Wahrnehmungsformen der gegenwärtigen Welt, zum anderen impliziert er einen signifikanten Epochenbruch. Perry Anderson erwähnt in seiner Studie, dass dieser Begriff im Zusammenhang der Debatte über Moderne und Modernismus vor allem in der Dichtung bereits in den 1930er Jahren in „Hispanic America“ auftaucht (Anderson 1999, 3). Von diesen frühen und vor dem Hintergrund aktuellerer Diskussionen eher als akzidenziell zu bezeichnenden Auftritten des Begriffs lässt sich freilich kaum eine systematische Entwicklung bis in unsere Tage ableiten.
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Weitreichender sind daher jene theoretischen Diskussionen, die in den 1960er Jahren begannen, aber in den späten 1970er und den 1980er Jahren ihren Höhepunkt erreichten, und die mit einem sich wandelnden Verständnis unserer sozialen, politischen und ökonomischen Wirklichkeit koinzidierten, die der Soziologe Daniel Bell als „Post-Industrial Society“ beschrieben hat (Bell 1973). In epistemologischer Hinsicht ist dem Begriff der Postmoderne vor allem ein schärferes Differenzbewusstsein eingeschrieben. In theoretischer Hinsicht repräsentiert dieser Begriff die Standarte des Widerstandes gegen den Universalismus, den die Begriffe „Moderne“ und „Modernisierung“ implizieren. Wolfgang Welsch schreibt: „Postmoderne wird hier als Verfassung radikaler Pluralität verstanden, Postmodernismus als deren Konzeption verteidigt“ (Welsch 2008, ). Dabei stellt sich immer wieder die Frage, ob der Begriff der „Post“-Moderne überhaupt angemessen ist und ob das neue Differenzdenken tatsächlich dem Denken der Moderne widerspricht. So bemerkt z.B. Zygmunt Bauman, dass sich bereits die Moderne durch ein verstärktes Differenz- und Pluralitätsbewusstsein auszeichne, weshalb er diese vor allem auch unter der Signatur der „Ambivalenz“ verstehen will (Bauman 1992). Welsch vertritt eine ähnliche Meinung, die sich bereits im Titel seines Buches zu diesem Thema artikuliert, in dem von der „postmodernen Moderne“ die Rede ist. Statt von einem radikalen Epochenbruch auszugehen, der in eine postmoderne Zeit führe, wird in der aktuelleren Literatur häufig von einer „Spätmoderne“ ausgegangen, deren gesteigertes Differenz- und Pluralitätsbewusstsein das entscheidende Merkmal dieser Periode sei. Der Soziologe Andreas Reckwitz sieht die spätmoderne Gesellschaft durch einen immer stärker werdenden Drang zur „Singularisierung“ gekennzeichnet, der vor allem als Ausdruck der „Kulturalisierung“ unserer Gesellschaften verstanden werden müsse (Reckwitz 2017). Aber auch die klassischen Modernisierungstheorien verabschieden sich deutlich von der Vorstellung, dass es nur die eine Moderne geben könne. Vor allem im Theorem der Multiple Modernities wird von verschiedenen modernisierungsfähigen „Pfaden“ ausgegangen, die ihren Ursprung in unterschiedlichen „achsenzeitlichen“ Erfahrungen haben sollen (Eisenstadt 2000). Mit dem Festhalten an der Moderne sollen auch die normativen Probleme, die die postmoderen Theorien durch ihre „radikale Pluralisierung“ in Kauf nehmen, vermieden werden. Denn wenn „Wahrheit, Gerechtigkeit, Menschlichkeit im Plural” stünden (Welsch 2008, 5), werden die mit ihnen verbundenen Geltungsansprüche problematisch. Tatsächlich lassen sich die erkenntnistheoretischen Probleme postmoderner Theorien aber nicht verstehen, wenn sie nicht vor dem Hintergrund ihrer politischen Mo-
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tive gelesen werden. Diese Motive werden in postmoderne Theorien überall dort hineininterpretiert, wo ihnen eine Nähe zum neokonservativen Denken unterstellt wird (Habermas 1989, 11–12). Neben der „neokonservativen“ Qualität des postmodernen Denkens bemerkt Jürgen Habermas aber auch eine „anarchistische“: „[A]nders als der neokonservative bezieht sich der anarchistische Abschied auf die Moderne im Ganzen. Während jener Kontinent von Grundbegriffen, der Max Webers okzidentalen Rationalismus trägt, versinkt, gibt die Vernunft ihr wahres Gesicht zu erkennen – sie wird als unterwerfende und zugleich selbst unterjochte Subjektivität, als Wille zur instrumentellen Bemächtigung demaskiert“ (Habermas 1989, 12). Es ist vor allem diese an die Moderne als Ganze adressierte Kritik, welche die politische Dimension postmodernen Denkens definiert. Der politische Anspruch der Postmoderne wird jedoch häufig dadurch kaschiert, dass er nicht explizit gemacht wird. Im Gegenteil: Nicht Politik oder Gesellschaft stehen im Mittelpunkt, sondern Kultur. Frederik Jameson beschreibt die Postmoderne als die „kulturelle Logik des Spätkapitalismus“ (Jameson 1984). Dabei geht es ihm vor allem darum, zu zeigen, wie stark der Einfluss der massenmedial kommunizierenden Kultur auf die Menschen geworden ist und attestiert ihr eine „hegemoniale“ Qualität. Als marxistischer Denker legt Jameson allerdings Wert darauf, die Entwicklung der „Medienkultur“ (Kellner 1995) in Verbindung mit dem Kapitalismus zu sehen. Der politische und ideologische Sieg des Postmodernismus besteht einerseits darin, dass die Menschen völlig in den Sog der Medienkultur hineingezogen werden. Es scheint kein Außerhalb der Kultur mehr zu geben. Andererseits wird, bedingt durch die Beliebigkeit der Narrative nach dem „Ende“ der „Metanarrative“ (Lyotard), die sich im Inneren dieser überkulturalisierten Welt immer wieder neu bilden, auch der politische Raum fragmentiert. Diese Beobachtung schließt an eine andere an: Die postmoderne Welt zeichnet sich durch eine tiefe Krise der Historizität aus: Die gemeinsamen historisch verbindlichen Narrative verlieren ihre lebensweltlichen Bedeutungen. Die ideologische Macht des Postmodernismus besteht letztlich darin, wirkliche Transzendenz des Bestehenden durch die absolute Immanenz des nur oberflächlich simulierten Unterschiedlichen ersetzt zu haben.
Postkolonialismus Postkoloniale Theorien werden vor allem auf drei Autoren zurückgeführt, die in der Literatur heute auch häufig als „postkoloniale Dreifaltigkeit“ (Kerner 2012, 18) verstanden werden. Es handelt sich um Edward Said, Homi Bhabha und Gayatri
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Chakravorty Spivak. Von einem Schulzusammenhang ist zwar nicht zu reden, ähnliche theoretische und politische Ansprüche sind aber kaum zu übersehen. Vor allem die Orientierung an Michel Foucault (Said) und an Jacques Derrida (Spivak) ist dabei zu nennen. Eine weitere Gemeinsamkeit liegt darin, eine Art des kritischen Denkens auf den Weg zu bringen, das sich als Alternative zum Marxismus versteht. Dem Marxismus soll vor allem deshalb abgeschworen werden, weil er eurozentrisch sei. Mit dem Verweis auf Frantz Fanon, der für postkoloniale Denker so etwas wie eine gemeinsame Bezugsgröße darstellt, wenn es darum geht, auf die Mängel marxistischer Theorien aufmerksam zu machen, sollen Ungerechtigkeiten, die der Kolonialismus hervorgerufen hat, in den Mittelpunkt gerückt werden (Fanon 1961). Der aus Argentinien stammende Literaturwissenschaftler Walter Mignolo ist einer der Hauptvertreter der „dekolonialen Kritik“, die aus dem Versuch entstanden ist, eine Art postkolonialer Kritik aus lateinamerikanischer Perspektive zu artikulieren. Er meint, dass selbst die Kritik am Kapitalismus und die aus ihr entstandenen Alternativen noch tief in einer „westlichen Logik“ befangen seien und dass es folglich einer anderen Art der Kritik bedürfe: Statt Kritik am Kapitalismus fordert er eine Kritik des Kolonialismus. Aus ihr ergäben sich auch andere utopische Ansprüche, die sich nicht mehr an einer sozialistischen oder kommunistischen Gesellschaftsalternative orientierten dürften, sondern „Dekolonialisierung“ als Alternative voraussetzen würden: „neither capitalism nor communism, but decolonization“, fordert Mignolo daher provokant und plakativ (Mignolo 2012). Tatsächlich lassen sich eine Vielzahl postkolonialer Theorien aus dem Diskussionszusammenhang über Moderne verstehen, denn sie versuchen, das Verständnis der Moderne zu verändern. Dabei wird davon ausgegangen, dass die Moderne vor etwa 500 Jahren als Resultat der damals beginnenden europäischen Kolonialisierung mit dem Schicksalsjahr 1492 begann. Couze Venn schreibt in diesem Zusammenhang: „It is impossible today to pose any question about the postcolonial without presupposing the history, the discourse and process of modernity and modernization“ (Venn 2006, 41). Aus der Perspektive postkolonialer Kritik ist die Moderne aber nicht nur die Geschichte des Kolonialismus, sondern auch ein Aufruf, diese Geschichte neu zu lesen. Besonders die Erfahrungen der Kolonialisierten gilt es stärker in den Mittelpunkt zu stellen. In diesem Sinne schreibt Mignolo, „[…] that modernity is not a strictly European but a planetary phenomenon, to which the ‘excluded barbarians’ have contributed, although their contribution has not been acknowledged“ (Mignolo 2002, 57). An solche Beobachtungen schließen sich Forderungen an, koloniale und postkoloniale Erfahrungen stärker in die Lehrpläne und Forschungsvorhaben zu integrieren.
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Durch die Brille der postkolonialen Kritik wird, ähnlich wie im postmodernen Denken, die „zeitliche Logik“ durch ein räumliches Denken ersetzt (Kozlarek 2011). So gesehen wird „Moderne“ nicht mehr im Sinne eines tiefschürfenden Entwicklungs- und Veränderungsprozesses verstanden, sondern als ein räumliches, den gesamten Planeten umspannendes Phänomen, in dem sich die einzelnen Gesellschaften und Kulturen in Machtkonstellationen zusammenfinden, die ihr Gravitationszentrum in den westlichen Gesellschaften des „globalen Nordens“ finden. Dieses bereits von der lateinamerikanischen Dependenztheorie kultivierte Verständnis von Moderne (Katz 2022) wird jetzt mit Begriffen wie „entangled histories“ (Conrad/Randeria 2002, 17), bzw. „entangled modernities“ (Therborn 2003, 303), aber auch mit der auf den indischen Historiker Sanjay Subrahmanyam zurückgehenden Wendung der „connected histories“ (die Gurminder Bhambra sozialteoretisch anschlussfähig gemacht hat: Bhambra 2007) aktualisiert. Eine wichtige Forderung in diesem Zusammenhang ist die, dass die europäische Geschichtsschreibung ihren inhärenten „Provinzialismus“ einsehen müsse (Chakrabarty 2002). Diese Vorstellung verbindet sich häufig mit einer Kritik am Universalismus, der vor allem als „European Universalism“ (Wallerstein 2006) verstanden wird. Kritik an postkolonialistischen Theorien konzentrieren sich auf folgende Punkte: 1. Eine radikale Absage an marxistische Theorien führe dazu, dass das Problem der sozialen Gerechtigkeit aus der Kritik ausgeblendet werde (Ortega 2019). 2. Eine ebenso radikale Kritik an Fortschrittsideen könnte dazu führen, dass postkoloniale Kritik ihr Potential für den gesellschaftlichen Wandel aufgibt. 3. Auch eine geographische und daraus resultierende historische Einseitigkeit ist dem Postkolonialismus vorgeworfen worden: So ist Monika Albrecht aufgefallen, dass die sogenannten „postcolonial studies“ Kolonialismus als exklusiv vom „Westen“ bzw. von „Europa“ ausgehend verstünden und Phänomene „such as the Soviet/Tsarist Empires and the Ottoman Empire and other Islamic empires“ konsequent ausgeblendet werden (Albrecht 2020, 2).
Posthumanismus Schon der Postmodernismus und postkoloniale Theorien zeichnen sich durch eine deutliche Kritik am Humanismus aus. Seit den späten 1990er Jahren hat sich mit dem Posthumanismus ein Diskurs ausgebildet, der sich exklusiv dieser Thematik stellt. Dieser lässt sich in zwei verschiedene Stränge einteilen: Der eine schließt an den Technikoptimismus des Transhumanismus an und wird von einigen auch „technologischer Posthumamismus“ genannt (Herbrechter 2013; Loh 2018), während der
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andere – sich eher auf eine philosophische Kritik besinnend – „kritischer Posthumanismus“ genannt werden könnte (Loh 2018). Die genauen Abgrenzungen zwischen den jeweiligen Diskursen sind nicht immer eindeutig. Ausgehend von dem mehr oder weniger latenten Antihumanismus lassen sich auch im diskursiven Feld des Posthumanismus mehr oder weniger antihumanistische Positionen unterscheiden. Eines der bekanntesten Bücher, die den Begriff des Posthumanen sehr früh in ihrem Titel führten, ist Francis Fukuyamas „Our Posthuman Future“ (2002), in dem vor allem die Frage nach den Grenzen bio- und neurotechnologischer Entwicklungen und deren ethische Implikationen diskutiert werden. Während Fukuyama diesen Entwicklungen skeptisch gegenübersteht, bejahen aktuellere Beiträge die Möglichkeiten, den Menschen zu überwinden, enthusiastisch. So hat Ray Kurzweil in den letzten Jahren für Furore gesorgt, indem der darauf besteht, dass in wenigen Jahren die technischen Möglichkeiten zur Entwicklung künstlicher Intelligenz ein derart hohes Niveau erreicht haben werden, dass sie die Intelligenz des Menschen überbieten werden (Kurzweil 1999). Solche transhumanistischen Vorstellungen werden normativ vor allem durch den „kritischen Posthumanismus“ legitimiert. Dieser sieht den Menschen als „Plage des Planeten“ (Fuchs 2020, 7). Auch ein neuer Diskurs, der unter der Signatur „Anthropozän“ das aktuelle Erdzeitalter als durch den Menschen geprägt sieht, macht in erster Linie auf den Schaden aufmerksam, den die Menschheit der Erde und der Natur zufügt. Erste Kritiker dieser Diskussionen schlagen bereits Alarm. Sie sehen die Vorstellung, menschliche Intelligenz oder gar menschliches Leben ließe sich technisch simulieren, als unrealistisch an und werfen dem Verbreiten dieser Vorstellungen vor, den Menschen nicht verstanden zu haben (Fuchs 2020). Als Konsequenz dieser Diskussionen müsste die Frage nach dem Menschen wieder stärker in den Mittelpunkt gerückt werden. Dabei muss es auch um eine „Verteidigung des Menschen“ (Fuchs 2020) gehen, denn die Bereitschaft, ihn „abzuschaffen“, scheint zuzunehmen (Tenbruck 1984). Für ein emphatisches „Zurück zur Menschheit“ hat sich auch Jörn Rüsen entschieden (Rüsen 2020). Dabei verfolgt er die Absicht, der Hybris des modernen Triumphalismus zu widerstehen, schließlich sei der Mensch – so Rüsen – auch „fehlbar“, „zerbrechlich“ und „leidend“ (Rüsen 2020). Außerdem sieht Rüsen die Entscheidung für den Menschen und einen universalitätsfähigen Humanismus gerade in den Kulturwissenschaften gut aufgehoben. „Kultur“ stehe nicht für das Besondere und Partikulare, denn vor dem Hintergrund einer „Anthropologie der Kultur“ (Rüsen 2020) gehe es vor allem um „Universalien der kulturellen Lebensform des Men-
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schen“, „also um Dimensionen, Prozesse und Faktoren der Deutung der menschlichen Welt, die allen Ausprägungen der Kultur gemeinsam sind“ (Rüsen 2013, 29– 30).
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Orts- und Sachregister Orts- und Sachregister *
Achsenzeit 177f., 395 AG Angewandte Geschichte | Public History 357 Ägypten 36 Akteur-Netzwerk-Theorie 98 Alltagsgeschichte 61, 334, 360 Altes Testament 372, 393f. Amerikanische Revolution 210 Androzentrismus 87, 89, 92 Anerkennung 22, 249f., 417f. Angewandte Geschichte 357f., 360 Animismus 146 Annalen und Chroniken 36, 107, 371f. Annales, Schule der 40, 59, 69, 96, 130, 139, 141, 213, 291 Anthropologie 40, 62, 90, 116, 127, 131, 142, 146, 165, 194, 201, 205, 212, 215, 217, 363, 389, 394, 398, 419, 426 Anthroposophie 203 Anthropozän 99ff., 132, 270, 336, 367, 426 Anthropozentrismus 131, 165, 168, 389 Antihumanismus 426 Antike 107, 127, 144, 166, 183, 289, 296, 301, 394, 404, 419 Antisemitismus 53 Anwendung 274, 344, 360 Arbeiterbewegung 57 Arbeitskreis für moderne Sozialgeschichte 59 Archäologie 98, 194, 359 Archiv 315, 350f., 358 Archiv für Sozialgeschichte 57 Archivierung 304 Archivwissenschaft 194
area studies 82 Argument, Argumentieren 278, 285 Ästhetik 13, 27, 115, 132, 186, 201, 213, 216, 237f., 273-277 Aufklärung 13, 16, 43-47, 50ff., 122, 129, 135, 144, 157, 165f., 169, 205, 210, 212f., 289, 296, 312, 325, 389, 394, 404 Aufrichtigkeit 283 Augenblick 153 augmented reality 302 Ausbildung und Lehre 195 Ausstellung 302, 351 Australien 358, 360 Authentizität 283, 303, 306 Autobiographie 373 Autonomie 22 autonomy of history 233 Azteken 295, 414 Befreiungskriege 53 Begriffsgeschichte 40, 139, 237, 247, 282, 348 Beleg, Beweis 235f. Belgien 357 Berufsethik 240 Beschreiben, Beschreibung 278, 340, 374 Beutelsbacher Konsens 306 Beziehungsgeschichte 62 Bibel 36, 106 Bibelkritik 234 Bibliothek 351 big data 305 big histories 270
* Die Kursivschreibungen im Orts- und Sachregister beziehen sich auf a) englische oder andere nicht-deutsche Begriffe und b) Eigennamen von Zeitschriften/Publikationsorganen und Einrichtungen (z.B. Museum).
© Der/die Autor(en), exklusiv lizenziert an Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2025 J. Rüsen et al. (Hrsg.), Handbuch der Historik, https://doi.org/10.1007/978-3-658-47760-8
430 Bildung, historische 20, 27, 32f., 39, 52, 54, 214, 249, 269, 311, 315, 331-335, 348, 351, 354, 373, 375 Bildungsforschung 314 Bildungstheorie 331, 335 Biographie 87, 215, 345, 372 Biologie 390, 403 Britisches Empire 78 Buddhismus 203 Bürgerrechte 123, 152 Bürgertumsgeschichte 62 Byzanz 372 Cambridge School 139 ChatGPT 301f. China 295, 372 Chronoferenz 258 Chronologie 46, 255, 369 citizen science 361 Cold War Museum 303 common sense 202 competing stories 268 Conceptual Change-Forschung 343 connected histories 75, 78ff., 425 critical heritage discourse 360 cultural left 397 cultural studies 40, 69 cultural turn 396 Curriculum, historisches 319, 321, 332, 342, 350, 380 Dauer, historische 28 deaf history 381 Dekolonialisierung 315f., 325, 424 Demokratie 38, 53, 123, 214, 373f., 376 Denkmal 45, 52, 224 Deutscher Idealismus s. Idealismus Deutung 114f., 139, 150f., 153, 173, 183ff., 190f., 211, 216, 223, 226, 249, 262, 266, 312, 324, 334f., 341ff., 347, 351 Diachrone Strukturierung 158 Dialektik 167, 203, 238f. Differenz 20, 22f., 76, 422 Differenz / Differenzierung, soziale 63, 401-405, 418 Digital Humanities 305, 307, 359 digital public history 360
Orts- und Sachregister Digitalität, Digitalisierung 20, 23, 217, 301-307, 315, 349, 380 Diplomatik 46 disability 381, 383 Diskriminierung 381f., 390, 420 Diskurs 91 Diskursanalyse 265 Diskursgeschichte 40, 71 Distanz, historische 228, 365 Diversität 22, 315f., 336, 353 diversity studies 353 divided memories 381 Dogma, Dogmatismus 202, 374ff. Dokumentation 36 Dritte Welt / Erste Welt 395, 403 Dynastiegeschichte 44, 296 Egalitarismus 22, 405 Einheit / Vielfalt 397 Emanzipation 22, 61, 313, 323, 374 emotional turn 352 Empire 425 Empirie, historische 184, 186, 201, 211, 214, 216, 268, 276, 279, 303, 305, 314, 321f., 350, 353, 359, 390 Empowerment 381 Ende der Geschichte 169 Energiegeschichte 101 Engagement 241 entangled histories 75, 78ff., 425 entangled modernities 425 Entscheiden, Entscheidung 366, 371 Entwicklung 115, 129, 149, 157-161, 165, 177, 185 Entwicklungspsychologie 144ff., 379 Entwicklungstheorie 143, 152 Epochenbildung/Epocheneinteilung 95, 106, 158f., 256 Epos 413 Erfahrung, historische 24, 108, 111, 114, 116, 183f., 209-212, 214, 216f., 219, 342f. Erinnerung 36, 71, 109, 115, 223ff., 227, 238, 267, 273, 319, 380f. Erinnerungskultur 21, 215, 219, 349ff., 381, 383, 415 Erinnerungspolitik 383
Orts- und Sachregister Erkenntnis, historische 152, 183, 186f., 189, 191, 201f., 204, 215, 242, 244, 262, 277, 334 Erkenntnisfortschritt 189, 193 Erkenntnisrealismus 203 Erkenntnistheorie, Epistemologie 13, 18, 27, 32, 47, 68, 75, 81, 91f., 111, 114, 130f., 187, 224, 233, 235, 237, 240ff., 248, 278, 284f., 341, 358, 397, 422 Erkenntnisvermögen 211 Erklären 15, 68, 121, 242, 278f., 340 Erleben 217ff. Erlebnisgesellschaft 159 Erzählen, Erzählung 15, 19f., 22f., 32, 44, 46, 92, 107f., 111, 113, 152, 169f., 191, 216, 218f., 238, 261-269, 274f., 281, 284, 290ff., 304, 314, 332ff., 342, 344, 368, 379f. Erzähltheorie 268 Erziehung 351 Erziehungswissenschaft 314, 332f., 340 Ethik 123, 125, 132, 216, 237, 242, 244, 352, 359, 401 Ethnizität 383 Ethnologie 62, 70, 144f., 359, 404 Ethnozentrismus 23, 170, 417ff. Ethologie 40 Etymologie 282 Europäische Expansion 99 Eurozentrismus 20, 81, 131, 160, 353 Evolution 129, 150, 176, 395, 403f. Evolutionspsychologie 201 Evolutionstheorie 124, 175f. Fachverband für Public-History-Forschung 357 Fachzeitschriften, historische 52, 57ff., 62, 374 fake history 286 fake news 277, 286, 375f. Fakt, Fakten 113 Faktizität 106, 113f., 277, 281, 375f. Faktizitätspakt 284, 286 Fälschung 283, 286 Feminismus 61, 87f., 90, 93, 215 Fernsehen 315
431 Fiktion, Fiktionalität 120f., 234, 263, 265, 277, 281-284, 286, 375, 412 Film 224f., 233, 283, 302, 304, 315, 341, 347, 351, 380, 413 Filmwissenschaft 265 Fischer-Kontroverse 374 Folklore Society 143 Forschung und Lehre 321 Forschung, historische 14, 18, 21, 29, 32, 35, 38, 45, 49, 52f., 57, 59f., 81, 89, 95, 160, 191, 193f., 223, 225, 233f., 237, 239, 242, 244, 273, 303, 305, 314, 333, 353, 357, 360, 368 Forschungen zur deutschen Geschichte 193 Forschungsbegriff 193 Forschungspraxis 194 Forschungsprozess 194, 196 Fortschritt 44, 53, 78, 109, 122f., 129, 137, 154, 165, 167, 169, 175, 256, 379, 405, 425 Frankfurter Schule 313 Frankreich 374 Französische Revolution 51, 99, 152, 154, 210, 404, 412 Frau, Frauen 61, 87ff., 92f. Frauengeschichte 61, 87-93 s.a. Geschlechtergeschichte Freiheit 53, 87, 135, 137, 374, 411 Fremdheit 402, 418 FUER (Forschungsgruppe) 344 Fundamentalismus 67, 69 Fünfer-Matrix 273, 275, 277 Funktionalismus 401 Gebhardt. Handbuch der deutschen Geschichte 63 Gedächtnis 18, 71, 115, 160, 223-230, 381, 410 Gedächtnisgeschichte 225ff., 229 Gedächtnismodell 360 Gedenkstätte 315, 341, 347, 350, 358 Gefühl, Emotionen 71, 267, 304f., 320, 351f., 382 Gegenwart 28-31, 47, 49f., 108, 150, 152, 185, 226, 228f., 247, 256f., 302, 305, 311, 319f., 324, 336, 367, 375
432 Gegenwartsdiagnose 256 Geist 17, 51, 113, 135-139, 207 Geistesgeschichte 39, 50, 139, 323 Geisteswissenschaften 14, 22, 40, 49, 53f., 121, 124, 129, 135, 137ff., 143f., 158, 194f., 203, 207, 267, 292, 335, 349, 389 Geltung 243f. Gemeinschaft / Gesellschaft 396 Gemeinschaft, wissenschaftliche 193, 196, 235, 242, 285, 291, 322 gender studies 40 Genealogie 23, 46 Genetisches Erzählen 169 Geographie 46, 129, 364, 366 Geohistorie 132 Geopolitik 395 Gerechtigkeit 405, 422, 425 Geschichte und Gesellschaft 59 Geschichte, deutsche 63, 75 Geschichte, europäische 75, 81 Geschichte, politische 36, 40, 44, 58ff., 63 Geschichtsaneignung 360 Geschichtsbegriff 16, 28, 35, 44, 49, 105 Geschichtsbewusstsein 13f., 20, 57, 115, 152, 210, 223, 267, 269, 304, 311f., 314f., 319-326, 333, 336, 341-345, 348f., 353, 359, 379, 409 Geschichtsbüro 358 Geschichtsdarstellung 301, 304f., 368 Geschichtsdidaktik 13f., 20f., 27, 32, 57, 215, 248f., 261, 264, 267, 273-279, 301f., 304f., 311-316, 319-324, 331336, 339-342, 347-350, 353f., 359f., 363, 367, 379f., 382, 415 Geschichtsdiskurs 23 Geschichtskultur 21, 29f., 52, 116, 183, 185, 204, 249, 267, 275, 277f., 303, 305, 311f., 315, 319f., 331, 335, 341, 347-354, 359f., 379, 381ff. Geschichtsphilosophie 13, 17, 27, 29, 35, 39f., 44, 47, 51, 95, 107, 119f., 122-125, 135, 137, 165, 167, 169, 210, 229, 262, 290, 334, 336, 363, 395, 401, 403, 418f.
Orts- und Sachregister Geschichtspolitik 319, 379, 383 Geschichtsschreibung 19f., 35-38, 43ff., 47, 67, 100, 119f., 130, 132, 196, 204, 224f., 235, 237, 239f., 244, 247f., 263f., 276f., 281, 285f., 289, 291ff., 295-298, 313, 335, 371-375, 401, 425 Geschichtstheorie 13, 16, 23, 27, 29, 31, 39f., 45, 49, 52, 57, 111, 135, 151f., 157f., 185f., 191, 195f., 204, 223, 229, 248, 256, 263, 269f., 275ff., 281, 289f., 303, 312ff., 316, 319, 321, 333ff., 339, 341, 348, 351, 401, 403, 405 Geschichtsunterricht 19ff., 215, 249, 269, 278f., 293, 301, 303, 312f., 315f., 321, 332, 334ff., 341f., 347f., 350, 352, 368f., 379f., 383 Geschichtsvermittlung 24, 302, 335, 348, 350f., 353 Geschichtsvorstellung, Geschichtsbild 314f., 341, 359, 372, 379 Geschichtswerkstatt 357 Geschichtswissenschaft 13, 15ff., 24, 27, 29, 31f., 35, 37-40, 43, 46, 49-52, 60f., 70, 77-80, 87ff., 92, 95, 97, 108f., 119, 121, 127, 129, 132, 141, 183, 185f., 189, 191, 193-196, 203, 211, 214f., 217, 223f., 238, 244, 247, 255, 263ff., 270, 273-276, 278, 281, 284, 289f., 292, 297, 305ff., 312ff., 316, 319, 323f., 331ff., 340, 348, 353f., 357ff., 361, 366f., 371, 373f. Geschlecht 71, 87f., 90ff. Geschlecht, Gender 90f., 93, 353, 381, 383, 390f., 404 Geschlechtergeschichte 16, 87, 89, 91ff., 95, 130, 215 Geschlechterkonstruktion 76 Gesellschaft 37f., 49, 54, 58, 62f., 92, 95f., 113, 368 Gesellschaftsgeschichte 16, 50, 54, 57, 59-63, 100, 335 Gesellschaftstheorie 50 Gesetz, historisches 124, 175 Gesprächskultur 376 Gewalt 142
Orts- und Sachregister Glaube 202 Glaubwürdigkeit, wissenschaftliche 194 Gleichheit 87, 90, 93, 404, 417f. Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen 160, 256 global labor history 62 Globalgeschichte 16, 62f., 75-79, 81f., 213, 334 Globalisierung 69, 76, 217, 349, 397f. Gnosiologie 204 Gottesurteil 141 great acceleration 100 great divergence 62 Großbritannien 358 Gymnasium 313 Handel 76 Handeln, Handlung 96, 98, 110, 114, 129, 149, 152, 177, 190, 216, 219, 332, 334, 365, 368, 371, 376 Handlungsmacht (agency) 98f. Handlungstheorie 334f. Handlungswissenschaft, Geschichte als 315f. Heilsgeschichte 106, 165, 267 Heimat 382 Heraldik 46 heritage studies 360 Herkunft 23, 38 Hermeneutik 13, 18, 40, 49, 52, 60, 106, 121, 136f., 203, 205, 207f., 227f., 291, 323, 331, 334f., 389 Herrschaft 60, 88, 129, 132, 215, 372 herstory/HIStory 89 Heterochronizität 229 Heuristik 52, 186, 189f. Hierarchie 63, 404 Hilfswissenschaften, historische 35, 38f., 46f., 190 histoire croisée 75, 78ff. histoire racontée aux enfants 19 histoire totale et globale 96, 130 historia magistra vitae 47, 107, 109, 157 historia rerum gestarum 372 historical reasoning 322 historical thinking 322 historical understanding 322
433 Historik 13, 15-18, 20f., 23f., 27f., 31ff., 35-40, 43, 47, 49, 54, 57, 68, 87, 93, 127, 141, 152, 157, 161, 165, 169, 191, 206, 211, 213, 264, 268f., 273, 275, 289, 291, 297, 301, 314, 331334, 339, 341, 363, 401, 405, 415 Historikerstreit 374 Historikertag 314 Historiographiegeschichte 68, 322f., 342, 348, 353 Historiomathie 312f. Historische Anthropologie 62, 69, 130, 142 Historische Demographie 59 Historische Psychologie 141-144 Historische Rechtsschule 51 Historische Sozialwissenschaft 60, 215 Historisierung 43, 47, 89, 91, 130, 206, 226f., 352f. Historismus 13, 16, 43, 49-54, 57, 60, 128, 135ff., 157, 169, 196, 213f., 228f., 298, 313, 336 Historizitätsregime 256f. history education 322 history workshop movement 357 Holocaust 151f., 374, 381f. homo narrans 262 homo sapiens 390 Homogenisierung, kulturelle 397 Horizontverschmelzung 336 Humanisierung 178, 185, 250, 391, 419f. Humanismus 29, 35, 37f., 107, 117, 268, 334, 390, 394f., 419, 425 Humanität 187 Humanzeit 149 Hyperkultur 397f. Idealismus, Deutscher 52, 129, 135, 138f., 165, 394 Ideengeschichte 58, 60, 76, 139 Identität 22, 36, 38, 77, 115, 160f., 170, 186, 195f., 210, 212f., 242, 249, 262, 320, 325, 332f., 336, 341, 345, 375, 379-383, 411, 415 Identitätspolitik 380, 397 Ideologie 374ff.
434 Ideologiekritik 265, 336, 372 Imperialismus 69, 212, 214 Imperienforschung 78 Inca 295 Indien 295 Indigene Narrative 213 Individualität 51, 157 Industrialisierung 58, 99, 210, 214 Inklusion 349, 353, 405 Instagramm 306 Institut für angewandte Geschichte 357 Institutionalisierung der Geschichtswissenschaft 196, 224, 332, 348 intellectual history 139 Intentionalität 173 Interdisziplinarität 90 Interesse, erkenntnisleitendes 88 interkulturell 390, 419 Internalisierung 320, 349 International Federation for Public History (IFPH) 358 International Review of Social History 57 Internationalisierung 315 Internet 76, 303 Interpretation 52, 114, 120, 131, 186, 189, 191, 206, 227f., 233, 237f., 244, 268, 285, 340 Intersektionalität 90 Intersubjektivität 242, 244 Intertextualität 226 Ironie 290 Islam 37, 295, 372 Japan 295 Journalismus 237, 244, 351 Kairos 151f. Kapitalismus 58, 423f. Kaste 90 Katholizismus 296 Kausalität 165, 167ff., 175, 238, 263, 278, 410 Kindheit 391 Kirche 38f. Kirchengeschichte 44, 46, 296 Klasse, class 90, 137, 214, 353, 381, 383
Orts- und Sachregister Klassengesellschaft 159, 404 Kleindeutsche Schule 53 Klima 98, 129f. Klimageschichte 101 Klimawandel 67f., 72, 76, 101, 316, 324, 367 Kliometrie 40 Kognitionspsychologie 340 Kolonialismus 76, 78, 80, 160, 212, 315, 395, 424 Kommunikation 63, 225, 351f., 358f. Kommunitarismus 396 Komparatistik 62 Kompetenz 325, 350, 358, 368 Kompetenzmodell 352 Komplexität 403 Konfessionalisierung 160 Königslisten 371 Konstantinische Schenkung 38, 286 Konstruktion, soziale 114, 120, 218, 242 Konstruktivismus 131, 242, 264, 269, 298, 312, 403 Konsum 76 Kontext, Kontextabhängigkeit 248 Kontingenz 149, 151, 173-178, 261, 331, 336, 365, 367 Korea 295 Körper 71, 130 Kreislaufmodell 37 Krieg 67, 372, 410 Krise 49, 67f., 266, 325, 376 Krise der Historizität 423 Krise des Universellen 398 Kritik 52, 58, 61, 109, 115, 186, 235f., 249f., 285, 304, 306, 325, 343, 368, 372f., 418, 421, 423 Kritische Theorie 313 Kultur 17, 60, 69ff., 87, 92, 95, 97, 113, 115f., 138f., 177, 203f., 331, 363, 389, 393f., 396, 398, 421, 423, 426f. Kulturalisierung 177, 422 Kulturalismus 98f., 397 Kulturanthropologie 62, 359 Kulturessentialismus 397 Kulturgeschichte 16, 23, 40, 45, 58, 61ff., 67-73, 139, 144, 146, 215f., 256
Orts- und Sachregister Kulturkritik 49 Kulturwissenschaften 22, 40, 49, 54, 67, 70, 72f., 79, 97, 113, 129ff., 135, 137f., 158, 255, 269, 314, 331, 349, 359ff., 397, 426 Kunst 143, 153, 213, 224, 233f., 239, 351 Künstliche Intelligenz 277f., 286, 301, 305, 426 Laien, Laiengeschichte 353 Lebenswelt 214, 217 Legitimation, historische 29, 335, 372, 390 Leitkultur 250 Lernen, historisches 21, 249f., 269, 278f., 301, 303, 305, 311f., 314ff., 319ff., 339-345, 352, 363, 368, 380, 382 Lernpsychologie 340, 343 Lerntheorie 339, 344 Lesbenforschung 91 Liberalismus 51, 69 linguistic turn 14, 91, 202, 211, 223, 264, 298 Linguistik 234, 278 List der Vernunft 168 Literatur 119, 145, 224f., 281, 283, 292 Literaturwissenschaft 70 Lokalgeschichte 382 longe durée 96, 100 Macht 72, 77, 177, 184, 210, 212f., 250, 334, 351, 404, 425 Magie 143, 146 Makroebene 335 Makrogeschichte 62 Malerei 145 Männer, "große" 40 Männergeschichte 90 Markt 71 Marxismus 59, 135ff., 160, 298, 404, 424f. material history 360 Materialismus 98ff., 124, 129, 136f., 158 Maya 295 Medialität 20
435 Medium, Medien 225, 303-306, 314, 320, 347, 349, 351, 354, 358f., 374 Mediengeschichte 71 Medienkultur 423 Medienpädagogik 307 Medienpsychologie 307 Medienwissenschaft 70, 265, 307, 359 Mehrheitsgesellschaft 381 Meinungsfreiheit 374 Meistererzählung/master narrative 105, 107f., 169, 292 memory studies 360 Mensch, Menschheit 389ff., 394f., 409, 418f., 422, 426f. Menschenrechte 123, 152, 382, 418f. Menschheitsgeschichte 47, 212, 410 Mentalitätsgeschichte 40, 59, 139, 141ff. Metaerzählung 101, 395, 423 metahistory 290 Metapher 265, 290, 410 Metaphysik 124, 138, 146, 237, 265 Methode, Methodologie 13-16, 18, 21, 27, 32, 35, 38ff., 45ff., 50, 52, 68, 75f., 78, 81, 88, 91, 96, 98, 121, 136, 184, 186, 189ff., 196, 202f., 206, 211, 216, 234-238, 240, 242, 244, 257, 274, 277, 291, 297, 305f., 314, 316, 360, 389 Metonymie 265, 290 Metropolen 78, 80 Midjourney 301f. Migration 76, 349, 380, 382f., 405 Migrationsgesellschaft 23, 353, 381f. Mikroebene 335 Mikrogeschichte 62, 69, 77, 99, 334 Militärgeschichte 373 Mittelalter 107, 120, 127, 141f., 145, 158f., 175, 296, 302, 347, 352, 372 mnemonic turn 223 Mobilität 63 Moderne 51, 53, 69, 99f., 107, 127, 141, 146, 154, 159ff., 169, 202, 209ff., 256f., 292, 325, 334, 352, 371, 373, 376, 394ff., 404, 421-425 Modernisierung 177, 185, 256, 417, 422
436 Modernisierungstheorie 60, 175, 177, 395f., 422 Modernismus 421 Möglichkeit, das Mögliche 174-177 Moral 145, 241, 351, 372, 389 Morphologie, historische 401 Multikulturalismus 177, 397 Multiperspektivität 19, 247-250, 312 multiple modernities 22, 161, 395, 422 multispecies history 132 Mündlichkeit 278 Museum 52, 301, 315, 341, 347, 349ff., 358 Mythos, Mythen 23, 105f., 108, 115, 121, 143, 150, 166, 184, 224, 379, 405, 410ff., 414 Nähe, historische 228 Narrative Kompetenz 269 Narrativität, Narration 15, 19, 23, 27, 105, 107f., 111, 121, 151, 186, 191, 235, 238, 261-264, 266-270, 273f., 276-279, 283, 292, 312, 334, 341ff., 368, 379, 410, 415 Narrativitätstheorie 263, 298 Narratologie 218, 265, 281f., 291 Nation 53, 59, 62, 76, 80, 213f., 411 National Council of Public History (NCPH) 358 Nationalgeschichte 77, 80, 296, 298, 335 Nationalismus 53, 59, 67, 69 Nationalsozialismus 374, 381f., 413 Nationalstaat 53, 372 Natur 68, 93, 95-101, 107, 113, 116f. Natur/Kultur 17, 127f., 130ff., 173 naturalis historia 128 Naturalisierung 131 Naturalismus 128, 132 Naturalität, Naturalisierung 88, 91, 93, 139 Naturbeherrschung 129 natureculture 131 Naturentwicklung 129 Naturgeschichte 100, 128, 130 Naturrecht 394
Orts- und Sachregister Naturwissenschaft 15, 69, 73, 96f., 121, 129, 131, 139, 145f., 158, 194, 203, 207, 211, 237, 242 Naturzeit 149 Neokonservatismus 423 Neolithische Revolution 99 Netzwerk 63, 76 Neuhumanismus 51 Neukantianismus 137, 158 Neuseeland, Aotearoa 360 Neutralität 240f. Neuzeit 142, 145f., 159f., 372, 404, 412, 419 new imperial history 75, 78, 80 Nicht-menschliche Aktanten 98f., 131f. Niederlande 357 Nominalismus 211 Norm, Normen 50, 111, 113, 351f., 366 Normativität 111, 268, 390f., 397, 405, 418 Notwendigkeit 176 nouvelle histoire 291 Numismatik 46 Nützlichkeit des historischen Wissens 187, 202 Objektivität 14, 19, 138, 214, 224, 237242, 244f., 248, 270, 374 Offenbarung, religiöse 203 Öffentlichkeit 161, 312, 316, 349, 358, 374 Ökologie 73, 95, 130 Ökonomie 351 Ökonomie, politische 401 oral history 215, 360 Ordnung 63, 256, 324 Orientierung, historische 23, 31f., 49ff., 54, 109ff., 113, 116, 184ff., 189, 223, 248, 250, 256, 259, 267, 273f., 279, 316, 320, 324f., 333, 342f., 345, 348, 351f., 363-369, 375, 383, 410f., 415 Österreich 312, 321 Pädagogik 331f., 382 Parteilichkeit/Unparteilichkeit 45, 240ff. Partikularismus 393-398 Partizipation 381 Past and Present 59
Orts- und Sachregister Periodisierung 95, 99, 364 Perspektive / Perspektivität 247-250, 334 Phänomenologie 402 Philologie 194, 196, 234 Philosophie 37, 52, 70, 119-123, 136, 139, 145, 175, 202, 205, 262, 275, 289, 291, 334 place attachment 382 place making 382 Pluralisierung 40, 382, 397, 402, 422 Pluralismus 393, 402 Pluralismus, erkenntnistheoretischer 203, 249f. Pluralität 379, 381, 383, 422 Poetik, Poetologie 13, 27, 32, 234, 263, 265, 275, 281, 289, 291ff. Politik 68, 92, 113, 132, 145, 237, 241, 273ff., 316, 332, 351, 371, 375f., 398, 403, 421 Politikdidaktik 331, 333 Politikgeschichte 130, 371 Polychrone Strukturierung 161 Populismus 67, 69, 380 Positivismus 50, 158, 332 postcolonial studies 78f., 81, 213, 425 posthistoire 169, 256 Posthumanismus 23, 117, 391, 421, 425f. post-industrial society 422 Postkolonialismus 22f., 75, 77, 79, 91, 257, 298, 324, 395, 421, 423ff. Postmigrantische Gesellschaft 382 Postmoderne 23, 120, 159, 170, 177, 202, 213, 264, 290, 302, 352, 395, 421ff., 425 Poststrukturalismus 91, 131, 298, 324 Pragmatismus 139 Präsentismus 257 Praxisorientierung 361 Primitives Denken 142ff. Professionalisierung 297, 350 Professionen, geschichtswissenschaftliche 351 Protest 58 Protestantismus 38f., 205, 296
437 Psychoanalyse 217f. Psychogenese 141, 144, 146f. Psychologie 201, 217, 265, 314, 321 Public History 21, 312, 350, 357f., 360f., 363 quantifizierender vs. qualitativer Ansatz 40 Quantifizierung 60 queer theory 91 Quelle, Quellenkritik 14, 18f., 38ff., 44, 46f., 68, 108f., 165, 184, 189ff., 194ff., 203, 211, 233ff., 263, 269, 284, 292, 296, 303, 314, 347, 365, 367, 375, 409f. race 353, 383 Rassismus 382, 417 Rationalismus, okzidentaler 423 Rationalität 14, 32, 107, 119, 124, 186, 191, 205, 242, 261, 268, 291, 413 Raum 95, 152, 278, 306, 333, 364f. Recht 123, 142f., 145, 213, 237, 391 Rechtsgeschichte 44 Rechtswissenschaft 265 Regionalgeschichte 46, 382 Reiseberichte 44 Rekonstruktion 170, 207, 214 Relativismus 50, 235, 249, 269, 390, 393, 397f., 418 Religion 141, 143, 145, 203, 213, 241, 351, 405, 411 Religionsgeschichte 39 Religionskriege, Zeit der 296 Renaissance 35, 37f., 296 Repräsentation von Vergangenheit 19, 32, 273-279, 302, 305, 315, 320, 359f., 379 res gestae 372 Revolution 169, 210 Rezeption 226 Rhetorik 120, 186, 265, 273-279, 289 Risikogesellschaft 159 Ritual 224 Romantik 51, 157, 205f., 233, 382 Säkularisierung 43, 206 Sattelzeit 35, 99, 183, 256, 371, 373 Schicksal 174, 178
438 Schönheit 351 Schrift, Schriftlichkeit 414 Schuld, historische 376 Schule 21, 52, 264, 269, 278, 303, 314f., 319, 321, 340f., 348-351, 353, 358, 361, 368, 380, 382 Schweiz 312, 321 Schwulenforschung 91 science and technology studies 131 segu Geschichte 303 Selbstdistanzierung 240f. Selbstreflexion, historische 36 Semantik, historische 265, 273, 403 Semiotik 265 sense of place 382 sensus historicus 106 Sexualität 130 shared experience 161 Sinn, Sinnbildung 13, 15-18, 23, 30f., 70ff., 105-109, 111, 113-117, 125, 138f., 149f., 152ff., 165, 168, 184ff., 205, 210, 216f., 238, 261, 267f., 273, 320, 322, 324f., 333-336, 343, 348, 352, 367f., 379ff., 418f. Skepsis 208, 210, 234 Solidarität 242, 397, 402 Soziale Frage 53 Soziale Medien 269, 302, 304f., 347, 360, 380 Sozialgeschichte 16, 40, 50, 54, 57-60, 62f., 91, 95, 215f., 247, 263, 298 Sozialisation 320, 333, 341, 349f., 353 Sozialisationstheorie 146 Sozialpsychologie 217 Sozialstruktur 63 Sozialtheorie 177 Sozialwissenschaften 14, 57f., 79, 121, 124, 129, 143f., 203, 214, 237, 244, 255, 314, 332, 397, 402 Soziochrone Strukturierung 160 Soziologie 32, 53, 62, 70, 159, 177, 214, 216, 265, 331, 401ff. spatial turn 352 Spätkapitalismus 423 Spätmoderne 397, 422 Spiele, digitale 304, 341
Orts- und Sachregister Sprache 68, 143, 145f., 206, 209, 213, 262, 264, 278, 335, 366, 391, 393f. Sprachwissenschaft 32 Staat, Staaten 40, 71, 160, 213f., 332, 404, 410f. Staatstheorie 50 Stand 90 Standort, Standortgebundenheit 45, 89, 247f., 325, 364 story grammar 266 stream of consciousness 20 Strukturalismus 137, 269 Strukturgeschichte 59, 61 Studiengang, Studiengänge 360f. Subjekt/Objekt 113f., 136, 138f., 202, 321 Subjektivismus 336 Subjektivität 114, 149, 208, 237, 239, 242, 248f., 276, 325, 331, 343, 423 Symbolisierung 273, 366 Synchrone Strukturierung 159 Synchronizität 257 Synekdoche 265, 290 Systemtheorie 325, 403 Tatsache, Tatsachen 111, 235, 237f., 261, 265, 277, 286, 376 Technik 68 Technikgeschichte 98 Teleologie 30, 109, 124f., 129, 150, 160, 165-170, 175, 177, 421 Terrorismus 67 Textkritik 196, 205 Textualisierung 225 Theodizee 124 Theologie 37, 39, 205, 275 Theorieabhängigkeit 325 Third Mission der Universität 361 Tierrechte 391 Toleranz 249f. Tradition 23, 28, 115, 151, 160, 193, 201, 213, 239, 335, 343, 352, 396 Transhumanismus 367, 426 Transnationalisierung 62 Trauma 152, 218, 268 Triftigkeit 268 Tropen, Tropentheorie 290
Orts- und Sachregister truthpact 277ff. Tugend, epistemische 195, 237, 240, 244 tyche 174 Überlieferung 267, 331, 415 Überrest 190, 263, 375 Ukraine 383 Umwelt 96ff., 127, 130, 132 Umweltethik 98 Umweltgeschichte 16, 95-100, 130 s.a. Wiener Schule der Umweltgeschichte Umweltpolitik 98 Unabgeschlossenheit der Geschichte 336 Ungeschehene Geschichte (counterfactual history) 375 Ungleichheit, soziale 22, 58, 63, 403ff. universal/partikular 89 Universalgeschichte 39, 44f., 116, 167, 210, 212, 296, 336 Universalisierung 212 Universalismus, Universalität 20, 22f., 43, 100, 116, 213, 224, 262, 382, 390f., 393-398, 405, 422, 425 Universität 37, 39, 52, 184, 296f., 312, 358, 360f., 374 Unterricht, historischer s. Geschichtsunterricht Urbanisierung 160 Ursprungserzählung, Ursprungsdenken 23, 29f., 409-415 Urteilskraft 202, 242, 249, 261 USA 357f., 360, 374, 390 Utilitarismus 123, 125 Utopie 167, 174, 184 Verantwortung 405 Verband Deutscher Geschichtslehrer 313 Verband Deutscher Historiker 313 Verfahren, epistemische 242, 244f. Verfallsgeschichte 169 Verfassung, politische 371, 390, 419 Verflechtung, Verflechtungen 75-80, 82 Verflechtungsgeschichte 16, 75, 78-81
439 Vergangenheit 20f., 28-31, 37f., 46f., 107f., 111, 115, 150ff., 169, 196, 211, 223-226, 228f., 238, 240, 247, 249, 256, 258f., 261, 267, 285, 302, 306, 319, 336, 352f., 363, 365-368, 373, 411 Vergänglichkeit 150 Vergessen 36 Vergleich, Vergleichen 60, 81, 116 Verlaufsmuster, historische 122 Vernunft 35, 37, 119, 122, 125, 138, 207, 353, 373f., 395, 413, 423 Verstehen 29, 68, 114, 121, 136, 191, 205f., 208, 227, 235, 247, 344 Vierteljahresschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte 58 virtual reality 302, 304f. Virtualität 20, 302 visual turn 352 Visualisierung 225 Volksgeschichte 40, 59 Volkskunde 40, 62 Vormoderne 107, 352 Vorsehung 166 Wachstums-/Postwachstumsgesellschaft 159 Wahrhaftigkeit 264, 281, 283 Wahrheit 18f., 37, 47, 120, 202, 206, 234, 239, 242, 244, 257, 262, 270, 283ff., 336, 351, 374f., 411, 422 Wahrheitspakt 284, 286 Wandel, historischer 81, 185, 340 Weltanschauung 383 Weltbild 145, 196 Welterschließung 364 Weltgeist 137 Weltgeschichte 44, 46, 53, 77, 141 Weltgesellschaft 336 Weltproduktion 70, 72 Wert, Werte 240, 382, 402 Werteorientierung 341, 351f. Wertrationalität 122 Werturteil, Werturteilsfreiheit 122, 125, 184, 342, 344, 367 Wiener Schule der Umweltgeschichte 97 Willensfreiheit 141
440 Wirkliches, Wirklichkeit 375f., 402 Wirkungsforschung 359 Wirkungsgeschichte 227 Wirtschaft 60, 68, 92, 113, 214 Wirtschaftsgeschichte 32, 58f., 62f., 215f., 298 Wirtschaftswissenschaft 32, 62, 213 Wissen, historisches 18, 38, 120, 165, 186, 201-204, 209f., 224, 233, 235, 237-242, 263, 273ff., 277, 305, 312, 320f., 323, 333, 341, 344, 347 Wissenschaft 145, 193f., 203, 205, 348, 353, 403 Wissenschaftsgeschichte 43, 71, 213 Wissenschaftskommunikation 361 Wissenschaftstheorie 18, 27, 121, 125, 137, 158, 193, 195 Wissensgeschichte 322f. Wissenspsychologie 343 Würde, Menschenwürde 185, 210, 389f., 417, 419 YouTube 306 Zeit, Zeitlichkeit 16f., 29f., 68, 95, 99, 105ff., 109f., 115, 117, 149-154, 173, 176, 178, 204, 209f., 212f., 216, 223,
Orts- und Sachregister 228f., 247, 255-259, 263, 266, 278, 306, 320, 325, 333f., 364f., 379, 421 Zeiten-Geschichte 256f. Zeitmessung 255 Zeitmodell 255, 257f. Zeitschicht 256 Zeitschrift für Völkerpsychologie und Sprachwissenschaft 143 Zeitschrift, wissenschaftliche 292 Zeitzeugen 215 Zeugnis, historisches 235f., 410 Zivilgesellschaft 161 Zivilisation 396 Zivilisationstheorie 144 Zufall 174, 176ff. Zugehörigkeit 381, 417 Zukunft 30f., 47, 108, 111, 115, 150ff., 169, 174, 229, 255, 257ff., 305, 320, 335, 367, 375 Zweifel 202, 234
Personenregister Personenregister
Adelung, Johann Christoph 69 Adorno, Theodor W. 331 Adriaansen, Robbert-Jan 352 Albrecht, Monika 425 Alexijwitsch, Swetlana 283 Ammerer, Heinrich 383 Anderson, Perry 421 Ankersmit, Frank 269 Arens, Hans 393 Aristoteles 119f., 166, 174, 209, 266 Arminius 411f. Assmann, Jan 151, 225f., 228 Augustinus 106, 255 Bachelard, Gaston 325 Bacon, Francis 122 Bancroft, George 296f. Barbarossa, Friedrich I. 413 Barricelli, Michele 269 Barthes, Roland 264 Bauman, Zygmunt 422 Baumgartner, Hans-Michael 264, 291 Beinart, William 95 Bell, Daniel 422 Bentham, Jeremy 123 Bergmann, Klaus 311, 313, 333 Bernheim, Ernst 14f. Bevernage, Berber 229 Bhabha, Homi 423 Bhambra, Gurminder 425 Bismarck, Otto von 373 Bloch, Marc 59, 297 Bloom, Benjamin 344 Blume, Michael 411 Bodin, Jean 38, 189 Boeckh, August 206 Borries, Bodo von 322, 381 Bourdieu, Pierre 70, 177
Braudel, Fernand 59, 96, 100, 297 Breisach, Ernst 298 Brunner, Otto 59 Brunner-Traut, Emma 144 Burckhardt, Jacob 31, 49, 53, 69, 137 Caesar, Gaius Julius 372, 414 Callon, Michel 98 Carrard, Philippe 292 Cechov, Anton 168 Certeau, Michel de 227 Chakrabarty, Dipesh 81, 100, 229 Chladenius, Johann Martin 45, 205 Churchill, Winston 373 Cicero, Marcus Tullius 30, 107, 109 Clodd, Edward 143 Coates, Peter 95 Cole, Charles 357 Collingwood, Robin G. 235, 418 Compte, Auguste 144, 158 Condorcet, Marie Jean Antoine Nicolas Caritat, Marquis de 142 Conrad, Sebastian 77, 79 Conze, Werner 59 Croce, Benedetto 264 Crutzen, Paul J. 100 Cubitt, Geoffrey 227 Dahlmann, Friedrich Christoph 51, 159 Dahn, Felix 413 Dannhauser, Conrad 205 Danto, Arthur C. 262f., 265, 291, 334, 339f. Darwin, Charles 124, 175f. Daston, Lorraine 237 Demantowsky, Marko 352 Derrida, Jacques 120, 424 Descola, Philippe 127, 131 Dewey, John 138, 160
© Der/die Autor(en), exklusiv lizenziert an Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2025 J. Rüsen et al. (Hrsg.), Handbuch der Historik, https://doi.org/10.1007/978-3-658-47760-8
442 d'Héricourt, Jenny P. 88 d'Holbach, Paul-Henri Thiry 143 Dilthey, Wilhelm 138f., 166, 207, 227, 332 Doyle, Arthur Conan 282 Droysen, Johann Gustav 13f., 23, 27, 29, 39f., 49, 121, 136, 152, 161, 167, 206f., 211, 213, 233, 241, 261, 264, 275, 277, 289, 297, 313, 331-334, 401 Durkheim, Emil 215, 402 Eckert, Andreas 77 Eco, Umberto 264 Eisenstadt, Shmuel N. 403 Elias, Norbert 144, 215, 396, 398 Engels, Friedrich 124, 129, 137, 166 Erikson, Erik H. 379 Ernaux, Annie 283 Fanon, Frantz 424 Febvre, Lucien 59, 297 Fenichel, Otto 144 Fenn, Monika 344 Ferenci, Sandor 144 Ferguson, Adam 50 Fichte, Johann Gottlieb 123, 159 Flacius, Matthis (Illyricus) 39 Flaubert, Gustave 282, 285 Fleck, Ludwik 325 Foucault, Michel 70, 120, 424 Fox-Genovese, Elizabeth 89f. Fraiberg, Selma 144 Frazer, James George 143 Freud, Sigmund 144 Freyer, Hans 159 Frye, Northrop 265 Fukuyama, Francis 426 Füter, Edgar 298 Gadamer, Hans-Georg 207f., 210, 227f., 331, 334ff. Galindo, Jorge 177 Gatterer, Johann Christoph 39, 45 Gebser, Jean 143 Geertz, Clifford 70 Genette, Gérard 282 Georgi, Viola 381 Giddens, Anthony 177 Ginzburg, Carlo 228
Personenregister Goethe, Johann Wolfgang von 157 Grever, Maria 352 Günther-Arndt, Hilke 343f. Gurjewitsch, Aaron Jakowlewitsch 142 Habermas, Jürgen 123, 215, 241, 334, 423 Haeckel, Ernst 144 Halbwachs, Maurice 215, 217f., 224 Hallpike, Christopher 145 Hardtwig, Wolfgang 347 Hartog, François 256f. Hegel, Georg Wilhelm Friedrich 39, 123f., 135, 137, 139, 159, 166ff., 175, 210, 264, 394, 418 Heidegger, Martin 207 Hempel, Carl Gustav 121 Herder, Johann Gottfried 29, 39, 51, 69, 107, 122, 157, 166, 185, 296, 334 Herman, David 291 Herodot 36, 68, 106, 108, 120, 295, 372 Heßler, Martina 99 Hitler, Adolf 266, 283, 286, 413 Hobbes, Thomas 394, 419 Hobsbawm, Eric 59 Hofmannsthal, Hugo von 153 Homer 372 Huizinga, Johan 69, 142 Humboldt, Wilhelm von 30, 39, 52, 135, 210, 228, 331f., 334 Hume, David 202, 286 Husserl, Edmund 167 Iggers, Georg G. 298 Illyricus, Matthias Flacius 205 Irving, David 286 Ishaq, Ibn 295 Jameson, Frederik 423 Jaynes, Julian 143 Jeismann, Karl-Ernst 311, 313f., 322, 342f., 348 Jesus 151 Jullien, François 398 Jung, Carl Gustav 144 Kaelble, Hartmut 62 Kant, Immanuel 39, 122f., 135, 137, 154, 168, 207, 211, 264, 389, 395 Kelley, Robert 358
Personenregister Kelly-Gadol, Joan 89f. Khaldun, Ibn 31, 37, 122, 295, 372, 404 Knies, Karl 53 Kondratjew, Nikolai Dmitrijewitsch 121 Konfuzius 107 Konstantin I. 38 Koselleck, Reinhart 255ff., 261, 313, 373, 405 Köster, Gottfried 45 Krappmann, Lothar 379 Kritias 372 Kühberger, Christoph 306 Kuhn, Annette 313 Kunter, Mareike 340 Kurzweil, Ray 426 Lamprecht, Karl 40, 69, 129 Lang, Andrew 143 Langlois, Charles Victor 297 Lasalle, Ferdinand 136 Latour, Bruno 98 Law, John 98 Lazarus, Moritz 143 Lenin, Wladimir Iljitsch 124 Leonidas 413 Lerner, Gerda 89 Lessing, Gotthold Ephraim 122, 168, 332 Lessing, Theodor 268 Lévie-Bruhl, Lucien 143 Levinas, Emmanuel 208 Lévi-Strauss, Claude 70 Linné, Carl von 409 Livius, Titus 38, 372 Lübbe, Hermann 403 Luckmann, Thomas 209 Luhmann, Niklas 63, 177, 215, 403 Luther, Martin 205, 412 Lyotard, Jean-François 120, 423 Mabillon, Jean 46 Machiavelli, Niccolò 175 Malik, Kenan 177 Mann, Thomas 409f. Mannheim, Karl 128 Marquard, Odo 411 Martins, Estevão de Rezende 210
443 Marx, Karl 98, 124, 129, 136f., 158, 214, 402, 418 Mead, Georg Herbert 138, 159, 161 Megill, Allan 239 Meinecke, Friedrich 50, 157f., 298 Memminger, Josef 269 Meyer-Hamme, Johannes 380 Mignolo, Walter 424 Mill, John Stuart 123 Mommsen, Theodor 53 Musil, Robert 153, 176 Mütter, Bernd 333f. Nagl-Docekal, Herta 93 Niederberger, Andreas 174 Nietzsche, Friedrich 49f., 239, 348 Nolte, Paul 293 Norden, Jörg van 269 Osterhammel, Jürgen 63 Pandel, Hans-Jürgen 267, 269, 312f., 347, 352, 379 Paracelsus, Theophrastus Bombast von Hohenheim genannt 419 Parson, Talcott 403 Piaget, Jean 145 Pico della Mirandola 389 Pihlainen, Kalle 284 Pirenne, Henri 297 Plutarch 372 Polybios 37 Popper, Karl 124 Proust, Marcel 153 Psellos, Michael 372 Putin, Wladimir 286 Quintilian, Marcus Fabius 264 Radkau, Joachim 97 Randeria, Shalini 79 Ranke, Leopold von 28, 51f., 108, 136, 168, 213, 234, 240, 247f., 264, 296 Raphael, Lutz 62 Rawls, John 123 Raynal, Guillaume Thomas François (Abbé) 45 Reckwitz, Andreas 177, 397f., 422 Rickert, Heinrich 137, 158 Ric°ur, Paul 210, 264, 291 Robertson, William 44
444 Rohbeck, Johannes 405 Rohlfes, Joachim 321, 332 Rorty, Richard 120, 391, 397 Rühs, Friedrich 46 Rüsen, Jörn 24, 40, 121, 169, 173f., 210, 216, 223, 264, 267f., 273-277, 291, 311, 313f., 322, 332ff., 342f., 347ff., 351, 353, 379f., 426 Sahlins, Marshall 227 Said, Edward 77, 423f. Saint-Simon, Henri de 142f. Samida, Stefanie 359 Sander, Wolfgang 331 Savigny, Friedrich Carl von 51 Schelling, Friedrich Wilhelm Joseph 123 Schiller, Friedrich 44, 167f. Schleiermacher, Friedrich 106, 206 Schlözer, August Ludwig von 39, 44, 210 Schönemann, Bernd 302, 349, 351f., 382 Schönemann, Carl Traugott Gottlob 46 Schütz, Alfred 209 Scott, Joan W. 91, 93 Searle, John 282f. Seignobos, Charles 297 Silvester I. (Papst) 38 Sima Guang 372 Sima Qian 37, 295 Simmel, Georg 215, 403 Singer, Peter 123 Smith, Adam 50, 122, 157 Sorates 125 Spencer, Herbert 144, 158, 176 Spengler, Oswald 169 Spinoza, Baruch de 206 Spivak, Gayatri Chakravorty 423f. Stein, Lorenz von 53 Steinthal, Heymann 143 Stichweh, Rudolf 63 Stoermer, Eugen F. 100 Straub, Jürgen 322 Subrahmanyam, Sanjay 79, 425 Süssmuth, Hans 313 Sybel, Heinrich von 53
Personenregister Tacitus, Publius Cornelius 372, 411 Tanaka, Stefan 229 Tenbruck, Friedrich 404 Thiers, Adolphe 373 Thukydides 30f., 120, 264, 295, 372 Tocqueville, Alexis de 405 Tolstoi, Leo 283 Tönnies, Ferdinand 215, 396, 402, 404 Trautwein, Ulrich 340 Treitschke, Heinrich von 53 Troeltsch, Ernst 49, 161, 195 Trump, Donald 286, 376 Tukulti-Ninurta 372 Turgot, Anne Robert Jacques 39, 122 Uexeküll, Jakob von 97 Valla, Lorenzo 38 Varnhagen, Franciso Adolfo de 297 Venn, Couze 424 Verschaffel, Bart 285 Vico, Giambattista 45, 206 Vierhaus, Rudolf 314 Vogt, Peter 174ff. Völkel, Bärbel 383 Völkel, Markus 298 Voltaire 39, 45, 68, 122 Wagner, Richard 413 Waldenfels, Bernhard 402 Watzlawick, Paul 340 Weber, Max 24, 60, 70, 121f., 137ff., 158, 214, 216, 244, 331, 404, 418 Wehler, Hans-Ulrich 60, 121 Welsch, Wolfgang 422 Welskopp, Thomas 61 Weniger, Erich 332 Werner, Heinz 145 Werner, Michael 80 Weymar, Ernst 342 White, Hayden 15, 120, 169, 263ff., 268, 277, 281, 284, 286, 290f., 293 Wilkomirski, Binjamin 286 Windelband, Wilhelm 137, 158 Wolff, Christian 165 Woolf, Daniel 298 Wundt, Wilhelm 143 Xenophon 372 Yildirim, Lale 381
Personenregister Zimmermann, Bénédicte 80 Zülsdorf-Kersting, Meik 344 Zündorf, Irmgard 358
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