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German Pages 38 Year 1892
Die
als
eine
Biologie
felbftändige
Wissenschaft.
Von
Robert Franceschini in Wien.
Hamburg. Verlagsanstalt und Druckerei A.-G. (vormals J. F. Richter). Königliche Hofverlagshandlung . 1892.
Das Recht der Ueberseßung in fremde Sprachen wird vorbehalten .
Druck der Verlagsanstalt und Druckerei Actien- Gesellschaft (vormals J. F. Richter) in Hamburg . Königliche Hofbuchdruckerei.
Die Die Sprache eilt der Logik voraus .
Ehe ein Begriff feststeht,
geht der mündliche und schriftliche Ausdruck desselben von Individuum zu Individuum .
Die Menge bemächtigt sich des Wortes und
behandelt es wie eine gewohnte Sache,
ohne darüber
klar zu
werden, welcher bestimmte Denkinhalt demselben entspricht .
Da
es nur weniger Menschen Bedürfniß ist, sich von allem, was in ihrem Bewußtsein vorgeht, deutliche Vorstellungen zu machen, so kann bloße Gewohnheit den Gebrauch eines Wortes bald sanktioniren und dadurch oft Ursache werden, daß das logische Korrelat, der Begriff selbst, lange Zeit hindurch in seiner Untlarheit fortbesteht. Findet sich dann der Eine oder der Andere,
welcher sich
und der Menge darüber Rechenschaft geben will , was man unter irgend einem landläufigen Ausdrucke zu verstehen habe, ſo erregt er das Erstaunen der Uebrigen, welche ihm den Vorwurf machen, daß er Thüren einrennen
wolle,
die, wie sie glauben, längst
schon offen stehen. Naturforscher und Freunde der Naturforschung führen die Ausdrücke „Biologie “
und „ biologiſch“ so häufig im Munde,
daß man meinen sollte,
es sei bezüglich des Begriffes jener
Wörter bereits die größte Einstimmigkeit und Deutlichkeit erreicht. Eine Prüfung der Litteratur belehrt uns sehr bald eines anderen. Die Meisten verwenden die beiden Namen nur phraseo. 1* Sammlung . R. F. VII. 157. (495)
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logisch, indem sie damit eine durchaus nebelhafte Vorstellung verbinden.
Die Gelehrten selbst weichen so sehr
voneinander
ab, daß Niemand im stande ist, aus der vergleichenden Betrach tung ihrer Anschauungen sich darüber
zu informiren,
was für eine Wiſſenſchaft die Biologie eigentlich ist.
ob und Bedeutet
fie für Einige nichts weiter als eine höchste Kategorie, welche alle sich mit der Erforschung der lebenden Natur in irgend einer Weise befassenden Wissensfächer einfach formal umschließt, ſo dient das Wort Biologie Anderen wiederum bloß als ein gemeinsamer Name für und Botanik.
die
beiden Wiſſenſchaften der Zoologie
Ein Theil der Naturforscher findet keinen Unterſchied zwiſchen Physiologie und Biologie. sogenannte
So giebt es in Paris wohl eine
Gesellschaft für Biologie, aber deren Arbeiten be.
wegen sich hauptsächlich auf rein phyſiologiſchem und auch anatomischem Gebiete .
Ueberdies gilt der Name in Frankreich auch
als gleichbedeutend mit der Wissenschaft vom Anthropologie.
Menschen, der
Ferner giebt es auch Solche - und sie sind
nicht die Minorität —, welche die Biologie als ein leer stehendes Quartier betrachten, in welchem das zoologisch und botanisch bisher nicht weiter klassifizirbare Reich der Protisten Unterkunft finden soll.
Fügen wir noch die große Zahl Derjenigen hinzu,
welche darunter lediglich den „ Darwinismus “ verſtehen, so geht wohl aus dem Gesagten hervor, daß der Begriff der Biologie gegenwärtig einen Anspruch auf besondere Bestimmtheit nicht erheben kann. Allerdings mag man mit dem Worte „ Biologie“ die Lehre ,,vom Leben überhaupt " bezeichnen und die Wissenschaften, deren Objekt das
leztere ist,
ganz
Aber damit ist nur dem Schematisirungsdrange Psychiatrie, (496)
allgemein „ biologische “
nennen.
etymologischen Bedürfnisse und
Genüge
Augenheilkunde,
geleistet ,
wie
ich
etwa
dem die
Ohrenheilkunde u . s. w . als ver
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ſchiedene Disziplinen kenne und sie mit dem einen Worte „Heilkunde" zusammenfasse, ohne daß ich aber dadurch gesagt hätte, daß die lettere auch für sich eine selbständige, neben den genannten bestehende
Disziplin
wäre.
Das
Zusammenfassen
mehrerer Gebiete durch ein bloß sprachliches Band ist eben nichts weiter, als eine mechanische Summirung von Einzelheiten, und es braucht dem zusammenfassenden Worte durchaus
keine be
sondere Einzelheit, d. h . keine besondere Wiſſenſchaft begrifflich zu entsprechen. Es entsteht nun die Frage: Giebt es einen Komplex von Erkenntnissen, welchen wir sowohl etymologiſch als sachlich richtig einen biologiſchen nennen und
als
der Biologie bezeichnen können ?
eine
besondere Wiſſenſchaft
Und
wenn dies der Fall,
was ist dann im weitesten und daher stets gültigen Umriſſe die
Aufgabe
Begriff ,
Biologie , ihr klargemachter
der
ihre
Definition? Zunächst springt uns ohne weitere Untersuchung flüchtige Ueberschau über die zahlreichen Seiten,
als
die
durch welche
sich das organische Leben präsentirt, die Thatsache in die Augen, daß zwiſchen den lebendigen Thieren und Pflanzen mannigfaltige Beziehungen statthaben, deren Klaſſifizirung nach einseitig zoologischem oder botanischem Gesichtspunkte uns in nicht geringe Verlegenheit brächte .
Welcher Wissenschaft sollen wir z . B. die
merkwürdigen Erscheinungen der thieriſch-pflanzlichen Symbiose oder des Parasitismus forschung zuweisen ?
zwischen Thier
und Pflanze zur Er-
Um solche Verhältnisse aufzuklären, reichen
die Methoden der bisherigen
organischen Wissenschaften nicht
aus, da es sich um Wechselbeziehungen zwischen zwei Naturreichen handelt, deren Erforschung wir von dem einseitig, d . h. eben für seine Zwecke geübten Zoologen erwarten können . Menge der
oder Botaniker nicht
Vielmehr mußte sich von hier aus , als die
entdeckten Thatsachen mehr
und
mehr
anwuchs, (497)
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nothwendigerweise eine neue Disziplin mit neuen Untersuchungsmethoden entwickeln. Ferner müssen wir bedenken, zwar ihren, wenigstens bis zu
daß Zoologie und Botanik
einer gewissen niederen Stufe
wohlunterschiedenen Kreis von Objekten besißen, aber keineswegs die Physiognomie beibehalten haben, welche sie ehedem zeigten. Damit ich mich auf die eine dieser beiden Wiſſenſchaften beso ist allerdings Zoologie im idealen Sinne : das
schränke,
System aller auf die Thierwelt bezüglichen Erkenntnisse . so wie sie früher als sogenannte
„Naturgeschichte“
Aber
nur einen
Theil dieser Erkenntnisse, soweit er ohne Mikroskope und mittelst roher, oberflächlicher Zergliederung zugänglich war, umfaßte, so beschränkt sie sich, wenn auch in anderer Weise,
auch jezt
wiederum nur auf die Untersuchung gewisser Seiten der thieriſchen Natur. Ihre Richtung ist heute eine überwiegend morphologische; ihr nächstes Ziel die Erforschung
der
makroskopischen
und mikroskopischen Organ -Formen oder der anatomischen und histologischen Verhältnisse ; ihr Endzweck : Die phylogenetische Verwerthung ihrer Erkenntnisse. Das Thier hat aber nicht nur Gestalt, sondern auch Leben. Es muß festgestellt werden, in welcher Weise die Organe funktioniren, ob und wie die als Leben sich äußernden Kräfte des Organismus im letzten Grunde als physikalische und chemische Energien aufzufassen sind . zu leisten.
Diese Aufgabe hat die Physiologie
Jedes Thier hat ferner eine Entwickelung durchzu-
machen, von dem Keim an bis zum vollendeten Wachsthum : Wir befinden uns auf dem Gebiete der Entwickelungsgeschichte, und zwar der Ontogenie zum Unterschiede von der Phylogenie, welches die
Entwickelungsgeschichte der Spezies
ist .
Endlich
tritt an den Zoologen auch die Aufgabe heran, die Individuen zu Arten, diese zu Gattungen, Familien, Ordnungen, Klaſſen und endlich zu einem System zu vereinigen - er wird Syste (498)
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matiker.
Alle diese und noch andere Disziplinen, wie z . B. die
Thiergeographie, laufen zusammen, um das Syſtem einer Wiſſenschaft zu bilden, die wir Zoologie nennen . Alle die genannten Disziplinen
haben ,
insofern
es sich
dabei stets um lebende Naturformen handelt, dasselbe Objekt, aber jede geht nach einem anderen Ziel mit einer ſpezifiſchen - was für uns das Wichtigste ist -sie erschöpfen
Methode und
lange nicht die Wissenschaft der Zoologie.
Denn zwischen ihnen
dehnt sich noch ein unübersehbar weites Gebiet aus, auf welchem sie mit ihren Forschungsmethoden nichts auszurichten vermögen. Ein Theil dieses Gebietes ist, bekannt.
wenigstens
oberflächlich,
längst
Es ist die zuerst von Häckel so benannte Dekologie
der alten Zoologie, welche sich darauf beschränkte, die Thiere ihrem äußeren Aussehen, ihrem individuellen und geselligen Leben, ihrem Nußen und Schaden nach u. s. w . zu beschreiben und zu gruppiren.
Dies allein ist freilich keine Wissenschaft,
aber es
ist ein Theil einer Wiſſenſchaft, die vor Darwin begann, durch ihn auf ihre festen Fundamente gestellt wurde und heute, Dezennium
ein
nach seinem Tode, bereits eine so charakteristische wie hier eben gezeigt werden.
Physiognomie trägt, daß wir sie soll
als
eine durchaus selbständige Wissenschaft betrachten
müſſen, welche keiner der anderen morphologiſchen und physio. logischen Disziplinen untergeordnet oder übergeordnet ist, sondern zu ihnen allen in dem Verhältnisse nation steht.
gleichwerthiger Koordi
Es ist klar, daß sich aus einigen Thatsachen noch kein Wissenschaftsbegriff ableiten läßt .
Soll die Induktion eine halb.
wegs befriedigende sein, so muß es auch die Anzahl der Er. fahrungsdaten sein .
Unmerklich entwickeln sich die Anfänge einer
neuen Disziplin auf dem Boden einer Mutterwiſſenſchaft.
Der
eine oder der andere Forscher blickt über die Grenzen seines Fachgebietes hinaus, ohne daran zu denken, daß er sich bereits (499)
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in fremdem Lande befindet.
Viele,
denen das eigene Gebiet
ebenfalls zu enge ist, folgen ihm willig nach, und endlich wird sich Jeder bewußt werden, daß er an Objekten und Methode arbeitet,
mit einer
die sich in den Kreis seines sonst von ihm
gepflegten Faches nicht einfügen wollen.
Ist dann schon
eine
große Zahl solcher Arbeiten vorhanden, so läßt sich aus ihnen das Gemeinſame, der Ausdruck vor der Klammer,
innerhalb
welcher der Plaß ist für das ganze Reich der bezüglichen Möglichkeit, herausheben .
Jenes Gemeinsame giebt dann die Defini-
tion der neuen Wissenschaft .
Wollen wir also den Begriff der
Biologie feststellen, so werden wir genöthigt sein, die bisherigen Arbeiten derjenigen Forscher,
welche die biologische Richtung
eingeschlagen haben, daraufhin zu prüfen, ob ihre Untersuchungsobjekte und die Methoden, deren sie sich bedienen, spezifische, d . h. sonst keiner der übrigen Wissenschaften
der
organischen Natur
zugehörige sind oder nicht. Wir haben bereits darauf
hingewiesen,
daß
Meinung Vieler Darwinismus und Biologie nur Bezeichnungen einer und derselben Sache sind . ist allgemein nicht richtig, Wahrheit.
Was
aber sie enthält
man Darwinismus
nennt,
nach
der
verschiedene
Diese Meinung einen
Theil der
ist zum
Theil Entwickelungsgeschichte (Abstammungslehre).
großen
Andererseits
müſſen wir in ſeinem Stifter zugleich den Begründer unſerer Wissenschaft erkennen.
Ch. Darwin war weder Zoologe noch
Botaniker in dem Sinne, in dem heute die betreffenden beiden Wissenschaften aufgefaßt werden ; er war noch weniger Physiologe ;
es fehlte ihm ja vielfach die streng physiologische Denk.
weise, wo er sie sehr gut hätte brauchen können.
Sein Gebiet,
auf welchem er sofort als Herr und Meister auftrat, war die Biologie.
Er war der erste echte Biologe.
wir ihn einen solchen?
Warum alſo nennen
Sehen wir vorläufig von den bio-
logischen Untersuchungen im großen Style ab, durch welche er die (500)
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Abstammung der lebenden Wesen zu begründen versuchte, und betrachten wir einstweilen bloß die klassischen Monographien, in welchen er seine Beobachtungen und Gedanken über einige merkwürdige Erscheinungen aus dem Leben der Organismen niedergelegt hat.
Wir begegnen da z . B. der Arbeit über die insekten-
fressenden Pflanzen.
Sollen
wir
nun diese Arbeit
als
eine
pflanzen-morphologische oder als eine pflanzen-physiologische bezeichnen ?
Oder trägt die Untersuchung ihrem Wesen nach einen
Charakter, der weder der einen noch der anderen der genannten zwei Forschungsrichtungen angehört ? Gewiß verdanken
wir dem Botaniker die Kenntniß der
eigenthümlichen Blattbewegungen bei Drosera und Dionäaarten, welche eintreten, sobald diese Pflanzen den Besuch von Insekten erhalten.
Und es ist gar kein Zweifel : die Entdeckung, daß die
Blattdrüsen ein chemisch zu beſtimmendes Sekret absondern, und daß die Blattborsten die eigentlich empfindlichen Reizorgane sind, gehört in das Gebiet der Physiologie, als der Wiſſenſchaft der Organfunktionen. soll dies alles ?
Werfen wir aber jezt die Frage auf, wozu
Was für einen Zweck haben, welchen Nuzen
gewähren diese Einrichtungen ? — so erhalten wir weder von dem Pflanzen - Morphologen noch vom Physiologen eine Aufklärung . Ob sie auch an dem ganzen Problem bis zu einer gewissen Grenze der Untersuchung betheiligt sind, -- in Bezug auf die Haupt- und Endfrage reichen ihre auf anderen Gebieten wohlerprobten Methoden und ihre einseitige Uebung im Beob achten nicht mehr aus .
Um das Problem als solches zu lösen,
durfte weder die Erfaſſung der hiſtologischen noch die der funktionellen
Thatsachen
den
Abschluß
der
Untersuchung bilden.
Vielmehr begann erst da das Problem mit der Frage : Wie ist dieſe merkwürdige Erscheinung in dem Leben gewisser Pflanzen zu deuten ?
Hängt sie mit ihrer Lebensweise nothwendig zu.
sammen oder nicht ?
Der diese Fragen gelöst hat, war bekanntlich (501)
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Ch. Darwin.
Was Ellis und Roth ein Jahrhundert früher in
biologischer Vorausahnung angedeutet, hat er systematisch erforscht : daß
das
gewisse Pflanzen sich durch
Blätter
oder Blattorgane eine
dessen Hohlraum
von
und verdaut werden.
Zusammenklappen
Art Magen improviſiren,
der in
ihnen gefangene Insekten aufgenommen Hierdurch war der Nußen der ganzen
Einrichtung dargelegt und die Frage der Hauptsache nach abgeschlossen.
Weder Gestalt noch Funktion waren Selbstzweck der
Untersuchung
ja die lettere entnahm der Morphologie und
Physiologie lediglich die Anfangsdaten, mit deren Hülfe sie ihre Fa weiteren Beobachtungen machte und ihre Schlüſſe zog . handelte sich wesentlich um die Feststellung
beſtimmten
einer
Art und Weise, in welcher ein pflanzlicher Organismus unter Umständen seine Nahrung wählt,
um
eine Beziehung zwiſchen
der Pflanze als eines lebenden aktiven Individuums und der mit ihr in Verkehr tretenden Außenwelt.
Noch harren ähnliche Probleme der Lösung,
denen weder
der Pflanzenmorphologe noch der Physiologe beikommen konnte wie die mannigfaltigen Bewegungen der Mimosenblätter, welche ebenso interessant sind, als der Zweck unbekannt ist, den sie im Leben der Pflanzen zu erfüllen haben. Analog, wie in dem früheren Falle, verhält es sich mit der Erscheinung der Blüthenbestäubung durch Insekten .
Obwohl
das Problem bereits von Conrad Sprengel ( 1793 ) aufgeworfen war, dessen Beobachtungen aber übersehen wurden, war doch auch hier wieder Darwin in hervorragender Weise thätig und schöpferisch.
Einfach klare Versuche und ein für das biologiſche
Beobachten merkwürdig geschärfter Blick erschlossen ihm das Verhältniß, welches zwischen gewissen Einrichtungen der Orchideenblüthen und den Leibesanhängen und Besuchen gewiſſer Inſekten besteht.
Freilich waren den Zoologen die letteren und den
Botanikern die ersteren wohl bekannt. (502)
Aber es galt auch, mit
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Hülfe einer Relationswiſſenſchaft die Beziehungen zu studiren, in denen das Leben eines Thierorganismus zu dem eines Pflanzen. organismus steht .
Welche Wissenschaft hätte eine solche Frage,
die sich über zwei Disziplinen spannt, lösen sollen ?
Ein ein-
faches biologisches Experiment war im stande, die Angelegenheit in
ein flares Licht zu stellen.
„Hundert Stöcke Wiesenklee
ergaben 2700 Samen, wenn die Blüthen von Hummeln besucht werden konnten ; andere 100 Stöcke, die
gegen
einen solchen
Besuch geschützt wurden, lieferten nicht einen Samen. " zeigte es sich auch,
daß
gewöhnliche Bienen nicht
Hierbei
ausreichen,
sondern daß nur Hummeln dem Zwecke der Befruchtung dienen, da nur sie tief genug in die Röhre der Blumenkrone einzudringen vermögen.
So ist
hier
zu einer der verwickeltsten Wechsel-
beziehungen das biologische Moment des Nußens und der An. paſſung getreten, und jene wird mit einem Male verſtändlich. Fügen wir zu dem Vorstehenden noch die Untersuchungen Darwins über die Thätigkeit des Regenwurmes , durch welche er den Einfluß klarlegt, den die Erdwürmer bei ihren unterirdischen Bohrungen auf die Bildung der Ackerkrume nehmen, uns
aus
diesen Beispielen
entschieden entgegen.
vor allem
so
tritt
ein negatives Moment
Es handelt sich dabei niemals um die
Zergliederung eines Organismenleibes oder um das
Studium
von Organfunktionen als
um
Selbstzweck,
also
niemals
das
Ziel der Erforschung morphologiſcher oder phyſiologiſcher Charaktere.
Positiv drückt sich das
Wesen der
genannten Arbeiten
dadurch aus, daß sie die Organismen als ungetheilte lebende Einheiten mit deren vielfachen Beziehungen zu anderen Organis. men oder zur todten Natur zu erforschen trachten. An der Lösung eines Problems sind stets mehrere Wissenschaften betheiligt, und schwierig, jeder der
es ist
lezteren
Rechts wegen angehört .
in dem
das
einzelnen Fall
zuzutheilen,
was
ihr
nicht von
Vergegenwärtigen wir uns beispielsweise (503)
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die Stufen, welche die Frage,
wie die festsigende Lebensweise
gewisser Muscheln entstanden ist, bisher passirt hat . sache,
daß
einige Muschelspezies
sich frei
Die That
bewegen , während
andere an festen Körpern angewachsen sind, ist den Zoologen Es könnte nun sein, daß die feſtſißende Lebens-
längst bekannt.
weise aus der freien hervorging;
aber
auch das Umgekehrte
enthielt von vornherein keinen Widerspruch, und endlich wäre es auch möglich, daß überhaupt beide Lebensweisen ab initio Da stellt uns jedoch die
nebeneinander bestehen.
unabhängig
Entwickelungsgeschichte (Ontogenie)
die interessante Erfahrung
zur Verfügung, daß auch alle feſtſizenden Muscheln,
wenig-
stens einige Zeit ihres Daseins hindurch, nämlich in ihrer früheſten Jugend, sich frei bewegen. Eine andere Disziplin, die vergleichende
Anatomie ,
ergänzt
diese
Thatsache
weitere, ihrerseits gewonnene Erkenntniß , allen Mollusken
(dem großen Thierkreise,
Muscheln angehören) anatomisch ein der sogenannte „Fuß“
gewisses
überhaupt bei
welchem auch die
aktives Bewegungsorgan,
nachzuweisen ist.
darauf hin, daß der freien
daß
durch die
Diese Züge deuten
Bewegung schon
prinzipiell ein Und der
Uebergewicht eingeräumt zu sein scheint.
spekulirende Geiſt mag sich wohl schon dadurch zu dem Schluſſe gedrängt fühlen, daß die freilebenden Muscheln den festsigenden zeitlich vorangingen, und daß die Lebensweise der lezteren aus der freien entstanden sein
dürfte .
Allein
zu
einem solchen
Schluſſe, ſoll er nicht bloß eine vage Vermuthung darstellen, würde uns noch eine ganze Thatsachenreihe fehlen.
Wir können
ja noch keinen Fall aufweisen, in welchem sich ein solcher Uebergang der freien in die festsigende Lebensweise vor unseren Augen abspielte.
Eine solche Erfahrung dürfen wir seitens der morpho-
logische Wege gehenden Zoologie auch nicht erwarten . Es ist nicht ihre Sache und ihre Uebung, eine vergleichende Betrachtung der Lebensweise verschiedener näher und (504)
ent-
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fernter verwandter Muschelarten anzustellen, wie es die Lösung der Aufgabe nöthig machte.
Die Sinne der Morphologen und
Physiologen sind an derlei Beobachtungen, wie sie in unserem Falle erfordert werden, nicht gewöhnt.
Sie leben sozusagen
unter der normalen Sehgrenze und haben es bei ihren allerdings nicht minder wichtigen Untersuchungen verlernt, ganze lebende Thiere in den Bereich ihres Forschungsgebietes zu ziehen . Nur eine andere,
mit
eigens
geübten Sinnen
und Mitteln ausge.
rüstete Wissenschaft konnte die Entscheidung bringen . That hat diese
In der
neue wissenschaftliche Richtung den Uebergang
der freien Lebensweise in die feſtſizende vollkommen verſtändlich gemacht.
Sie zeigte, daß die Individuen einer Muſchelſpezies
ganz frei
im Wasser schwimmen ,
mit der ersten verwandten Byssusdrüse
während die einer anderen
Art sich mittelst
der
aus ihrer
abgesonderten klebrigen Fäden vorübergehend
anheften, indem sie zeitweilig sich loslösen und im Waſſer frei flottiren und nach einiger Zeit wieder Anker werfen .
Endlich
giebt es Individuen einer dritten Art, die mit der zweiten näher verwandt ist,
als
mit der
ersten, welche
mit
einer
Schale
während ihres ganzen Lebens festgewachsen bleiben.¹ Wir brauchen nun die Glieder dieser der Verwandtschaftsreihe parallel laufenden Reihe der Lebensweisen nur nebeneinander zu stellen und erhalten dann ein klares Bild von den Stufen, über welche der Uebergang der freien in die festsigende Lebens . weise stattgefunden haben kann, d. h. das biologische Bild einer entwickelungsgeschichtlichen welche
uns diese
Möglichkeit.
Erkenntniß liefert, galt
Die also
Untersuchung, der Art und
Weise, in welcher die verschiedenen Muschelspezies sich in Be ziehung auf ihre Lokomotion je nach dem Verwandtschaftsgrade verhalten , und sie stellt dies Verhalten fest ohne Zuhülfenahme anderer Details, als sie die bloße vergleichende Beobachtung der Lebensweise gewisser Organismen ergab . (505)
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Was wir soeben besondere Fälle.
Lebensweise " nannten, gilt aber nur für
Für die Definition Deſſen, was Biologie ist, Denn jener Ausdruck entspricht
kommen wir damit nicht aus .
einem Begriff mit stark eingeengtem Umfange. Moment willkürlicher Aftion .
oder
wenigstens
Er enthält das
willkürlich scheinender
Es giebt aber Thatsachen unter den Erscheinungen in
dem Thierreiche, welche wohl das Leben, aber nicht eben Das was
betreffen,
man im besonderen unter Lebensweise versteht.
Denken wir z . B. an das numerische Verhältniß, in dem die Die Statistik hat uns Thiergeschlechter zu einander stehen. ja gelehrt, daß die männlichen und die weiblichen Geburten im in
allgemeinen stehen.
einer bestimmten Zahlenrelation
werden
So
beim Menschen stets
gegen 100 Mädchen geboren.
zu einander
circa 106 Knaben
Dies ergiebt ſich als Durchſchnitt.
Um den Durchschnitt herum aber treten stets erhebliche Schwan. kungen auf, die sich jedoch immer wieder so reguliren, daß das Woher kommt dies ? Wie ein konstantes bleibt.
Verhältniß
geschieht es, daß jedesmal doch die Verhältnißzzahl die gleiche bleibt ?
Dies ist die Frage.
Inwiefern nun die Geschlechts .
anlagen und Geschlechtsfunktionen an der Angelegenheit ursächlich betheiligt sind, wissen wir heute noch nicht. Histologie und Phyſiologie theilen sich in die Erforschung dieser besonderen Frage. Allein es drängt sich außerdem die Vermuthung auf, ob nicht etwa
ein besonderer Vortheil
und was für
einer hinter
jenem Zahlenverhältnisse der Geschlechter und den Schwankungen im Einzelfalle verborgen sei.
Um der Sache auf den Grund
zu kommen, waren weder Messer noch Mikroskop die geeigneten. Mittel.
Es
mußten vielmehr
erst
die
Lebensumstände
oder
Lebensverhältnisse (Ausdrücke, die mehr sagen, als „ Lebensweise “), unter denen bei Organismen eine Mehrproduktion an Individuen des einen Geschlechts stattfindet, nach dieser bestimmten Richtung hin beobachtet, gesammelt und verglichen werden. (506)
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In der That hat sich nun durch das vergleichende Studium zahlreicher, bisher brachliegender Thatsachen aus dem Geschlechts . leben der Thiere und Pflanzen ergeben,
daß bei einem Geschlechte
stets dann eine Mehrproduktion an Individuen stattfindet, sobald Mangel an Individuen oder
stärkere
sexuelle Beanspruchung
bei demselben Geschlechte eingetreten iſt, ſo daß also dann z . B. mehr Männchen aus den Keimen entstehen, wenn die Zahl der Männchen innerhalb einer Thierlokalität abgenommen hat. solchem Umstande erscheint
Bei
also
eine stärkere Produktion an
Individuen des einen Geschlechts
als eine sehr nüßliche Eigen.
schaft, deren sich,
eben weil sie vortheilhaft war,
die Natur-
züchtung bemächtigen und sie zu einer Anlage aller Organismen machen konnte . Auch bei diesen Untersuchungen handelte es sich weder um die Erforschung äußerer oder innerer Formen, noch von Organ. thätigkeiten, sondern lediglich um Erscheinungen, welche Thierarten und Thierfamilien in ihren natürlichen Lebensumständen darbieten. Mit Recht betont Professor Preyer den biologischen Charakter in der Vorrede zu der aufklärenden Arbeit C. Düsings .
Man
muß sich endlich klar darüber werden, daß die Biologie nicht nur als eine Art Worthaube betrachtet werden darf,
die man
zum Zwecke schematischer Zusammenfassung über andere Wissenschaften stülpt, sondern als eine durchaus ſelbſtändige Wiſſenſchaft, deren Arbeiten
mit keinem anderen,
als nur
wieder
mit dem
biologischen Maßstabe gemessen werden dürfen . Sobald wir von Lebensverhältnissen sprechen, gerathen wir aber scheinbar wieder
mit der Physiologie in Konkurrenz, die
es ja auch mit Umständen, resp . Verhältnissen des Lebens zu thun hat, wie dies z . B. bei dem in den elektrischen Stromkreis eingeschalteten, lebenden Frosche,
dessen Verhalten bei diesem
Versuch studirt wird, der Fall ist. Betrachten wir die Experimente (507)
16
J. Loebs,
welcher die Bewegungen
einzelner Thierarten bei
der Einwirkung von Licht zu prüfen unternahm, wobei es ſich also um das Studium
des
Einflusses
handelte,
welchen eine
Naturkraft auf das Verhalten gewisser Organismen ausübt, ſo scheint allerdings
die Analogie
mit dem Froschversuche des
Physiologen eine sehr große zu sein.
Loeb brachte seine Raupen
und andere Thiere in einen Glaskasten und beobachtete
nun,
in welcher Weise sie sich gegen das direkte oder diffuse Sonnen. licht einstellten. Er fand hierbei ganz ähnliche heliotropiſche Geseze für die Thierwelt, wie sie einst Sachs für die Pflanzen entdeckt hatte. Warum aber nennen wir nun die Versuche Loebs biologische und jenen Froschversuch einen phyſiologiſchen ? Antwort ist einfach die,
daß die
Verhältnisse des
natürliche, die des Physiologen künstliche waren. freien Natur
ist das Thier stets
und regulirt danach sein Leben.
Die
Biologen
Auch in der
dem Lichteinflusse
ausgesetzt
Die Versuche Loebs geschahen
also unter genau denselben Lichtumständen, wie sie im Naturzustande vorhanden sind - sie sind keine Kopie der Natur, sondern selbst Natur.
Ein in dem
Stromkreis
befindlicher
Frosch hingegen stellt nichts anderes dar, als ein gefeſſeltes Individuum, welches dem Einflusse einer Kraft ausgesezt wird, die zwar so, wie das Licht eine Naturkraft ist, der das Thier aber im
natürlichen Zustande niemals in der Weise ausgesezt sein
wird,
wie dies bei dem Laboratiums - Versuche der Fall ist.
Der Physiologe entfaltet eben eine von der des Biologen durchaus verschiedene Thätigkeit,
und
nicht
Jeder,
der im stande
ist, die Leitungsgeschwindigkeit eines motorischen Nerven den Blutdruck
eines
Thierherzens zu bestimmen,
oder
besigt auch
schon Fähigkeit und Uebung, die Lebensgewohnheiten und Lebensschicksale freier
Individuen
mit
wissenschaftlichem
Blicke
zu
erfassen. Jede Forschungsrichtung erfordert eine besondere Anpaſſung
(508)
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der Sinne und des Denkens , vielleicht auch eine besondere Anlage.
Gerade die soeben erwähnten Versuche Loebs sind ein
sehr lehrreiches Muster einer kraftvoll-naiven Methode, welche die einfache Art und Weise zeigt, wie der echte Biologe, ohne großen Apparat, aber mit offenem und geübtem Auge Probleme zu lösen. im stande ist, die bisher allen Anstürmen anderer Disziplinen siegreichen Widerstand Mystik
ausgestattete
geleistet hatten. Erscheinungen,
Selbst mit so vieler
wie der
Todesflug
der
Motten, fanden von einem aller anthropomorphiſtiſchen Deutung fremden, biologischen Standpunkte aus ihre ungezwungene Er. klärung.
Dieser Todesflug gewisser Insekten, zu
durch ein nahes Licht wie durch
welchem sie
eine unsichtbare anziehende
Kraft getrieben werden, stellt sich nach den Beobachtungen Loebs lediglich dar als ein besonderer Fall des Strebens der Thiere, sich mit der Längsachse des Leibes in die Richtung des Lichtstrahles
zu legen und
sich dem
legeren
entgegenzubewegen,
d. h . des poſitiven Heliotropismus , der ganz allgemein die Thierwelt beherrscht. Außer denWechselbeziehungen zwiſchen Thieren und Pflanzen, deren wir früher erwähnten, giebt es
noch eine
merkwürdige
Reihe analoger Erscheinungen, die uns überhaupt erst durch die biologischen Forschungen der jüngsten Zeit bekannt geworden sind : das Genoſſenſchaftsleben von Thieren und Pflanzen . Das . selbe äußert sich bald als Parasitismus, in welchem Falle, wie z . B. Bakterien in Thieren, schmaroßende Individuen nur auf Kosten eines Wirthes, in oder auf welchem sie leben, zu gedeihen vermögen;
bald
als sogenannte Symbiose (Mutualismus), wobei sich beide Lebensgenossen gegenseitig fördern — eine Art wechselseitiger Versicherung
auf Lebensdauer.
Ein derartiges
Verhältniß wurde z . B. entdeckt in dem Zusammenleben zwischen in das Thierreich gehörigen Cölenteraten und gewiſſen in das Pflanzenreich gehörigen Algen. Sammlung. N. F. VII. 157.
Zwei lebende Arten, ein Thier 2 (509)
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und
eine Pflanze bilden einen
Scheinorganismus, und ihre
gegenseitige Förderung besteht darin, daß sie sich wechſelweiſe die Athmung ermöglichen . Denn die von dem darmlojen Cölenteraten
ausgeschiedene Kohlensäure bildet für die Algen.
zellen den Respirationsstoff, und umgekehrt versorgen die leßteren ihren thierischen Genossen mit dem von ihnen ausgeathmeten Sauerstoff.
Erst beide Symbionten zuſammen machen, wie wir
jest wissen, jenes Wesen aus , das wir unter den farbenprächtigen Blumenthieren der Aquarien bewundern - - die See 8 Anemone. Die Biologie hat den Nugen erforscht, der beiden Wesen aus dem Zusammenleben erwächst, und damit das ganze merkwürdige Phänomen
aufgeklärt .
Gewiß sind Schmaroßer und Sym-
bionten ebenso gut Objekte des Zoologen und Botanikers, aber von anderen Seiten her.
Theilt z . B. der Pflanzenphysiologe
(Wiesner) die echten Schmaroßerpflanzen in chlorophylllose und chlorophyllhaltige, so betrachtet sie der Biologe ohne Rücksicht auf Einzelheiten der Organisation als ganze Individuen mit bestimmten Lebensgewohnheiten
und Tendenzen und theilt sie
seinerseits z . B. ein in Nahrung entziehende und Krankheiten erzeugende Parasiten. So far wie in diesen Fällen scheint aber die Sache nicht immer zu sein : Wiſſenſchaften durchdringen einander, oder beſſer — sie schneiden sich wie Kreise mit gemeinsamer Sphäre, oder die Objekte
der Untersuchung sind selbst
noch so mangelhaft bestimmt, daß sie in kein Wissensgebiet mit Sicherheit einzuordnen wären . Die durch Häckel unter dem Namen Protisten populär gewordenen Organismen liefern ein solches Beispiel.
Ihr
naturgeschichtlicher Charakter ist bisher
so wenig bekannt, daß wir nicht im stande sind, zu sagen, ob sie in das Gebiet des Zoologen oder in das des Botanikers gehören. Diese Verlegenheit mag der
Grund sein,
weshalb sich einige
Naturforscher daran gewöhnt haben, alle auf Protisten bezügliche Untersuchungen (510)
als
biologische Untersuchungen zu bezeichnen.
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Die Biologie erscheint dann als ein Asyl für Obdachlose.
Die
Verlegenheit ist indessen nur eine eingebildete, der Unbestimmtheit des Begriffes
Biologie" entspringende.
Mag es immerhin eine
Frage sein, ob ein Protist ein Thier oder eine Pflanze oder feines von beiden ist, eines ist er sicher : ein lebendes Wesen . Und
weiter wiſſen wir genau,
daß
alle Kenntniſſe,
die wir
von seiner äußeren Gestalt und seinem inneren Bau besigen, sich durchaus und ebensosehr von
unseren Kenntnissen
funktionen desselben unterscheiden,
als
der Leibes-
beide verschieden sind
von dem, was wir z . B. Lebensgewohnheiten, Nahrungserwerb, Lebensdauer u. s . w . nennen . Die erste Art der Kenntnisse ist die morphologische, die zweite die physiologische, die dritte die biologische. Es sind drei Richtungen der Forschungen mit gemeinſamem Ausgangspunkt (dem Organismus) und mit verschiedenen Zielen . Es giebt eine morphologische Zoologie, wie es eine pysiologische und eine biologische Zoologie Phytologie oder Botanik.
giebt.
Dasselbe gilt von der
Insofern sie den Zwecken
der
ge
nannten zwei Wissenschaften dienen, sind sie subordinirte Disziplinen - insofern sie aber ihre eigenen Objekte und Methoden haben ,
sind
Wissenschaften.
sie
Selbstzweck
und
jenen
beiden
koordinirte
Die Protisten-Untersuchungen können gar nicht
zoologischer oder botanischer Natur sein, geschichtlich bisher nicht klassifizirbar
da der Protist naturHier kann nur
war.
morphologische, physiologische oder biologische Forschung Ziele führen.
zum
Indem nun auf dieses Verhältniß keine Rücksicht genommen. wird, entsteht die Konfundirung der Begriffe.
Da fanden wir
beispielsweise in einer sonst ausgezeichneten Fachzeitschrift Bütſchlis Arbeiten Ueber den Bau der Bakterien" unter dem Kollektiv . titel „Biologie" angeführt.
Nun gehen
aber diese Arbeiten
darauf hinaus , den Leser über das Verhältniß von Plasma 2* (511)
20
und Zellhaut, respektive von Zelle und Zellkern bei den Bakterien zu orientieren . sagt,
Es sind, wie es ja schon der Titel der Arbeiten über
Untersuchungen über den Bau der Bakterien,
äußere und innere Gestalt, also Untersuchungen
ihre
von durchaus
morphologischer, in ihren Schlußfolgerungen bezüglich der Frage, ob das kernlose Plasma von plasmafreien Kernen abstammt allenfalls auch entwickelungs-
oder die letteren von ersterem
Von Biologie kann also dabei keine Rede
geschichtlicher Natur.
sein, denn Morphologie ist so wenig Biologie, als Mineralogie . Auch B. Hofer hat sich sehr eingehend mit Protoplasmastudien
beschäftigt .
Sie betreffen die Bedeutung des Kerns
und die Beeinflussung
der Zellfunktionen
durch den lezteren .
Seine Untersuchungsobjekte sind Amöben,
deren
verschiedene
Organfunktionen, wie Verdauung, Bewegung, Vacuolenthätigkeit, in ihrem Abhängigkeitsverhältnisse vom Karyoplasma geprüft werden. Es ist also hier ebensowenig ein Grund, wie bei Bütschlis Arbeiten, von Biologie zu sprechen.
Sind die lehteren
morphologiſche, ſo tragen die Arbeiten Hofers eine klare physiologische Physiognomie .
Daß die bezüglichen Vorgänge sich unter
der normalen Sehgrenze abspielen, kann doch kein Grund sein, sie dieses Charakters zu entkleiden und ihnen einen biologischen aufzuzwingen, wie es andererseits ebensowenig rationell ist, die biologische Natur machen,
von
Untersuchungen
davon
daß sich die lebendigen Gegenstände
abhängig
derselben in
zu der
Sphäre des unbewaffneten Auges bewegen. Auch ein im Gesichtsfelde des Mikroskops
auftauchendes
Infusorium oder die Spore einer Vaucherie kann ein Objekt der Biologie sein, als ein Vogel oder freſſende Dionäa .
Hieraus folgt
Diejenigen recht haben,
welche
ebensowohl eine fleisch.
aber wiederum nicht ,
Max Verworns
daß
merkwürdige
Untersuchungen
über die Wirkungen des
elektrischen Stromes
auf Infusorien (312)
als „ biologische" Studien bezeichnen .
Sie sind
21
aus demselben Grunde nicht biologischer, sondern physiologischer welcher für
Natur,
die Klassifizirung
des
früher
erwähnten
Froschversuches maßgebend war. Fragen wir uns nun, worin die biologischen Charaktere, deren wir als klarer Typen Erwähnung gethan, übereinstimmen, so finden wir, daß
allerdings
in
all'
den Fällen stets das
Leben von Organismen das Objekt der Untersuchungen bildete, aber und dies ist das Kennzeichen nicht das Leben im allgemeinen, sondern eine ganz bestimmte Seite dessen, was wir als Leben
bezeichnen.
Es handelt sich,
worauf wir immer
hingedeutet, überall um Lebensverhältnisse , und zwar um natürliche , in denen sich Organismen , und zwar als ganze, jener
nach
keiner
Verhältnisse
anderen Richtung determinirte
als nach der
Individuen
be .
finden. II. Damit ist zwar noch nicht die Definition einer beſonderen Wissenschaft der Biologie gegeben, aber das wichtigste Merkmal des Begriffes , werden soll.
dessen Klarstellung
mit diesen Zeilen gegeben
Schon die bisher erwähnten Lebensverhältnisse der
Thiere und Pflanzen zeigen eine große Mannigfaltigkeit : Thatsachen des Nahrungserwerbes, der Lokomotion, der Beziehungen thierischer und pflanzlicher Individuen, der Geschlechter
einer
Art zu einander, gewisser Arten zum Lichte, die Genoſſenſchaftsverhältnisse der Symbiose und des Parasitismus u . a . wir noch hinzu die Beziehungen zu den Medien,
Fügen
in denen die
Organismen leben : Luft, Erde, Wasser, zu dem Klima, rücksicht . lich der ozeanischen Wesen zu der Temperatur, dem Wasserdruck des
Meeres
in
verschiedenen
Tiefen,
die Wanderungen der
Thiere, ihr Familienleben, ihr Benehmen gegeneinander und gegen den Menschen - alles Relationen, welche die Organismen als ganze, im natürlichen Zustande lebende Individuen betreffen, (513)
22
so sehen wir schon hieraus , daß der Stoff unserer Wiſſenſchaft das wissenschaftliche Charakteriſtikum der Unerschöpflichkeit enthält.
Alles Naturwissen durchläuft aber zunächst ein zweifaches
Stadium : das der Beschreibung und das der näheren Erklärung . Nach der Entdeckung
einer Thatsache handelt
es sich
darum,
sie ihren Eigenschaften nach, durch welche sie sich von Dies leistet anderen Thatsachen unterscheidet, zu bestimmen. eben der deskriptive Theil der Wissenschaft.
Damit hat
unser Denken erst den rohen Stoff gewonnen . daß diese Eigenschaften Blatt
vorhanden sind ?
der Venusfliegenfalle
weitere Frage. nüßlich sind
aber
Wie kommt es,
Warum trägt das
reizbare Borsten ?
Können wir darauf antworten : so haben wir durch Auffindung
Dies
ist die
weil sie ihr des Vortheils
nach den Prinzipien der natürlichen Zuchtwahl dieſen Einzelfall erklärt.
Dennoch beruhigt sich unser Denken hierbei noch nicht .
Solcher Einzelfälle giebt es zahllose, Erklärung
die
alle durch
Moment des
Nußens
ihre
finden.
fragt weiter :
Warum
kann sich nur das Nüßliche
dasselbe
Der Verstand erhalten?
Gelingt es uns , auch diese Frage zu beantworten, so ist innerhalb der betreffenden Wissenschaft die Kette geschloſſen . Denn die Frage ging nach
einer allgemeinen Ursache und die Auf-
findung der lezten Ursachen ist auch der Abschluß jeder Ge dankenkette . solchen
In
Abschluß.
unserem Falle Das
besigen wir
welchem alle jene Einzelthatsachen stehen, Dasein.
denn auch einen
weiteste ursächliche Moment,
unter
ist der Kampf ums
Laut dieſem allwaltenden Prinzip muß alles den Ver-
hältnissen nicht Angepaßte zu Grunde gehen ; folglich erhält sich und kann sich nur erhalten
das Nüßliche,
diejenige Spezies ,
eben
welche
oder
besser
gesagt,
vermöge der vortheilhafteren
Organisation bei der Konkurrenz die Oberhand behält . Ohne dieses dritte Stadium
des Wissens , das
allgemein
Kaujale, kann kein Wissensgebiet den Anspruch auf die Bedeutung . (514)
23
Denn nur
einer Wissenschaft machen. es
möglich, die
in diesem Stadium ist
umfassenden Theorien zu
formuliren,
deren
unser Erkenntnißtrieb bedürftig ist. Diese höchste Stufe zu erklimmen, ist Sache des allgemeinen Theiles
einer Wissenschaft .
Einen solchen
allgemeinen Theil
müssen wir auch auf dem Gebiete der Biologie
auffinden
anders verdiente sie kaum mehr den Namen einer Wiſſenſchaft, als etwa die Heraldik
oder irgend
eine
der
menschlichen Be=
strebungen, welche sich damit begnügt, Thatsachen zu sammeln und sie, lingen
wie es die Jungen machen,
mit den Käfern
in säuberlicher Ordnung
und Schmetter-
aufzubewahren .
In
seinen, die Entwickelungsgeschichte in ganz neue Bahnen lenkenden „Biologischen Studien" 6 spricht sogenannten „ Naturgeschichte"
Ernst Häckel von der
alten
und bezeichnet als Ökologie die
Lehre von dem Haushalte der thieriſchen Organismen .
„ Dieſe
hat die gesamten Beziehungen des Thieres sowohl zu seiner anorganischen, als
zu seiner
organischen Umgebung zu
suchen, vor allem die freundlichen zu
denjenigen
Thieren
und
unter-
und feindlichen Beziehungen
Pflanzen,
mit
denen
es
in
direkte oder indirekte Berührung kommt ; oder mit einem Worte alle diejenigen als die
verwickelten Wechselbeziehungen,
Bedingungen des Kampfes
Dieſe Ökologie
(oft
auch
ums
unpassend
welche Darwin
Dasein
als
bezeichnet.
Biologie
im
engsten Sinne bezeichnet) bildete bisher den Hauptbestandtheil der sogenannten Naturgeschichte in dem gewöhnlichen Sinne des Wortes u. s . w. “ Was der Autor hier als „ unpassend “ gerade das Passende.
Was
bezeichnet, ist aber
er Ökologie nennt, ist in der
That Biologie und zwar der spezielle Theil der Biologie . soll denn sonst Biologie sein? besondere Wissenschaft entspricht,
Was
Ein bloßer Name, dem keine sondern nur ein durch Juxta-
position verschiedener Wissenschaften entstandenes Ganzes ?
Ent. (515)
24
weder
giebt es
nicht.
Besteht sie nur im sogenannten weiteren Sinu als zu-
eine Biologie
als besondere Wiſſenſchaft oder
sammenfassendes Wort der übrigen Lebenswissenschaften Zoologie, Physiologie u. s. w ., so
ist sie
überhaupt
keine von diesen
unterschiedene Wiſſenſchaft, denn bloßes Addiren von Disziplinen macht keine neue Wissenschaft. Wissenschaft der Biologie, diese eine kann,
Giebt
es aber eine spezifische
dann kann sie nur
eine sein, und
wie das Vorausgehende beweist,
in der That
nur diejenige sein, welche als ihren speziellen Theil die Häckelsche Dekologie enthält. Da Häckel seine Studien"
nannte,
Charakter haben, so „biologisch"
glänzenden Monographien
welche einen
eben
geht daraus hervor, daß nur
davon entfernt war,
„ biologische
überwiegend morphologischen
formal etymologisch
er das Wort
faßte und
weit
an eine echte, für sich bestehende Wiſſen-
schaft der Biologie zu denken, troßdem damals ( 1870) die allgemeinsten Probleme der Vererbung, Nüglichkeit u . s . w .
und
Variabilität,
Anpassung,
damit die Grundzüge der allgemeinen
Biologie durch Ch. Darwin bereits gegeben worden waren . Es iſt erstaunlich, wie weit der Blick Darwins reichte.
Erst jezt, da
es möglich ist, die Ereignisse nach dem Jahre 1859 übersehen, bemerkt man die Unerschöpflichkeit
ruhig zu
dieses
Kopfes .
Seine Nachfolger stehen zu ihm in einem ähnlichen Verhältnisse, wie die heutigen Philosophen zu Kant.
Sie arbeiten auf einem
Felde von unendlicher Fruchtbarkeit.
Zu
schon wenigstens handelt sich
allen Fragen sind
die Keime der Antwort vorhanden,
im wesentlichen nur um
und
es
die weitere Frage der
Keimlinge und Schößlinge, um einen neuen, blüthen- und fruchtreichen Garten zu schaffen.
Aber
ob sich die Forscher auch
stetig mit der Kritik und dem Ausbau
des Darwinismus be-
schäftigen, es sind doch die wenigsten darunter Biologen .
Denn
der allgemeine Theil (516)
nennt,
dessen,
was
man
Darwinismus
25
ist, wie schon gesagt,
nur zum Theil Biologie.
Und gerade
der nicht biologische Theil, die sogenannte Abstammungslehre ist der populäre.
Diese Lehre,
winismus,
ist nicht Biologie,
Embryologie lediglich
als solche
der Arten.
weit älter
als der Dar-
sondern Entwickelungsgeschichte,
Das Biologische
auf die Erklärung ,
daran bezieht sich
mit welcher Darwin die
alte
Theorie von der Abstammung der Organismen zu stüzen ver suchte : auf den Kampf ums Dasein als das allgemein gültige Naturprinzip und auf den hypothetischen Faktor der nach Analogie der Domestikationszüchtung vor sich gehenden natürlichen Auslese. lehre
Diese lettere Theorie verhält sich zu der Abstammungs-
äußerlich ähnlich,
theorie
zu
den
wie
die
beobachteten
physikalische
und
beziehungen der Himmelskörper,
erschlossenen
Gravitations . Bewegungs .
welche als solche nicht in das
Gebiet der Physik, sondern in das der Astronomie fallen. Die allgemeine Biologie giebt also wohl einen Theil ihres Rüstzeuges dazu her,
die Descendenzlehre zu begründen ;
aber
damit sind ihre Aufgaben lange nicht erschöpft ; was sie hauptsächlich zu leiſten hat,
das ist eben
was der spezielle Theil der Tage fördert.
die Generalisirung
Biologie
deſſen,
an Einzelthatsachen zu
Die Lebensverhältnisse der Organismen wollen,
falls sie verständlich zu werden beanspruchen, unter höhere Be griffe gebracht sein.
Sie
verlangen nach einer gruppirenden
Distinktion, mit welcher ihre Entstehungsart und die Ursachen. der leßteren gegeben werden.
So führen die Thatsachen des
Nahrungserwerbes auf Konkurrenzbeziehungen, das symbiotische Leben auf die Nüßlichkeitsfrage,
das
Geschlechtsleben
auf die
Frage der Sterilität und Fruchtbarkeit der Spezies ,
die Ein-
wirkung der Medien und die verschiedene Lebensdauer auf das Problem der Anpassung und alle zusammen auf die Vererbung und Variabilität. Alle die genannten umfassenden Fragen sind von Ch. Darwin (517)
26
schon
aufgeworfen
auch schon
Aber seit
worden .
ihre Entwickelung
gefunden.
der Zeit haben sie Sie wurden schärfer
und schärfer gefaßt, zum Theil beantwortet, zum Theil ſind ſie der Beantwortung nahe, und, im ganzen und großen betrachtet, haben sie als Grundstock des
allgemeinen Theils
der Biologie
kaum weniger Festigkeit, als dies bei dem allgemeinen Theile Man darf anderer organischer Wissenschaften der Fall ist. von ihr sowenig als von ihren Schwesterdisziplinen verlangen , daß ihre Geseze die Sicherheit und Stabilität der Geseße der In allen induktiven Mathematik und Physik besigen sollen. Wissenschaften steht an Stelle des unerschütterlichen Geſeßes die Dem mathe mehr oder minder größere Sicherheit der Regel . matischen Denken genügt ein Fall für
alle anderen, für das
naturgeschichtliche Denken machen auch tausende von Fällen keine Für
absolut vollständige Induktion.
Wohl
nahmen, für Geseze nicht. einen so hohen Grad
Regeln giebt die
ersteren
erlangen,
daß sie
aber können
der Wahrscheinlichkeit
Gesezen fast gleichwerthig werden .
es Aus .
So ist die schon von Darwin
entdeckte Regel, daß neu entstandene Eigenschaften einer ſtärkeren Variabilität unterliegen
als
ältere,
ein wohlgesicherter Besig
der Biologie uud hat die Kraft eines Naturgesezes . verhält
es sich mit dem sogenannten Gesetz der
Variation,
welches
sagt,
daß,
wenn irgend
Ebenso
forrelativen
eine Eigenschaft
variirt, eine andere ihr homologe Eigenschaft in derselben Weise variirt, wie beispielsweise Veränderungen der Farbe der Haare in Korrelation stehen mit Veränderungen der Farbe der Haut. In neuerer Zeit ist zu dieſen beiden beispielshalber erwähnten biologischen Geseßen der Variabilität ein drittes getreten, welches Brooks entdeckt hat und welches die wichtige Erkenntniß enthält, daß das Variiren der Thiere nicht immer gleich stark und gleich häufig auftritt, sondern daß es unter verschiedenen Verhältnissen verschieden groß ist. (518)
27
Mag man immerhin derartigen streng Gesetzmäßige absprechen, da
allgemeinen Formeln das
wir
allerdings nicht strikte
beweisen können, daß nicht einmal eine Erfahrungsinſtanz gegen ſie auftreten wird gesicherte, Sat :
aus
die Biologie betrachtet sie doch als wohl-
der Erfahrung
abgeleitete Schlüsse .
Auch der
„ Alle Menschen müssen sterben “ ist kein Gesez, sondern
eine bloße Regel,
da Niemand
mit Strenge
den Beweis
zu
führen vermag, daß ein organisches Wesen überhaupt nothwendig sterben muß.
Das praktische Leben operirt mit lauter solchen
Regeln durchaus sicher, und die
organische Wissenschaft nicht
minder ; nur muß sich die lettere stets dessen bewußt sein, daß es Stufen der Wahrscheinlichkeit giebt
und Regeln
von mehr
oder minder allgemeiner Bedeutung. Es ist eine biologische Regel z . B. , daß gekreuzte Judivi . duen entfernter Arten unfruchtbar sind, während die verschiedenen Rassen einer und derselben Art fruchtbare Nachkommen (Blendlinge) erzeugen.
So verhält es sich meistens .
es Ausnahmen von beiden Behauptungen . es vor,
daß durch Kreuzung
Indessen giebt
Nicht nur kommt
verschiedener Arten Nachkommen
(Bastarde) entstehen, sondern es giebt sogar Fälle, in denen die So konnten Halbblut. Bastarde selbst wieder fruchtbar sind . Bastarde von Kaninchen und Hasen gezüchtet werden, durch Generationen hindurch fruchtbar
fortgepflanzt
die sich haben .
Analog fallen manchmal bei Raſſen derselben Art nicht nur die fruchtbaren Blendlinge aus, sondern
es
gelingt überhaupt die
Kreuzung nicht mehr, wie es der Fall ist mit dem Porto Santo Kaninchen, welches im 15. Jahrhundert von Europa
aus auf
Porto Santo bei Madeira übertragen wurde und sich
in dem
Grade verändert hat, daß dessen Kreuzung mit den europäischen Kaninchenrassen nicht mehr möglich iſt.7 Hier haben wir allerdings kein Gesez, sondern eine Regel, von der wir bereits Ausnahmen kennen . Solange sie als (519)
28
biologisches Gesetz betrachtet wurde, für die Definition des Artbegriffes .
war sie die Hauptstüße Indem wir sie als Regel
fassen, geben uns aber gerade ihre Ausnahmen wieder umgekehrt eine kräftige Stüße für die Unmöglichkeit, das, was man Art nennen soll, begrifflich festzustellen und damit auch für die Abweisung des alten Axioms von der Konstanz der Arten. Die Sterilität der Arten bildet aber nicht
nur
eine bio-
logische Regel, sondern sie ist selbst ein Problem und verlangt Aufklärung . lichen
Wie kommt es, daß während die meisten künst
Varietäten
miteinander
fruchtbar sind ,
natürlichen Spezies miteinander nur
die
meisten
wenig oder gar nicht
fruchtbar sind ? Darwin hat auch diese Frage
zu beantworten versucht,
ohne aber das Wesentliche derselben : die Ursachen, auf welchen die Sterilität der natürlichen Arten im Gegensaße zur Frucht. barkeit
der künstlichen
Antwort giebt erst
beruht,
zu
treffen .
Eine umfassende
die Theorie der physiologischen Selektion,
welche der Naturforscher Romanes aufgestellt hat . hier in der knappen Fassung Carl Düsings als bedeutendes
Sie möge
ihren Play finden
Beispiel dafür, daß auch der allgemeine Theil
der Biologie sich durch Theorien fortbildet und somit das Kennzeichen echter Wissenschaftlichkeit in sich trägt. Diese Theorie geht
von der
Voraussetzung
aus,
daß beim Auftreten einer
Variation sich zugleich Sterilität, resp . verminderte Fruchtbarkeit der neu variirten Thiere Hierdurch bleibt die Variation
mit den nicht variirten einstellt. auf einen
mehr oder weniger
großen Theil der Thiere beschränkt, dehnt sich nicht auf z . B. etwa weiter nördlich lebende
Thiere aus , bildet sich aber,
sie nur wenig Verwischung
durch Kreuzung
erleidet,
da
um so
rascher aus . Zwischen beiden Theilen ist zwar keine geographische, aber eine physiologische Barrière entstanden, die ebenso wirksam ist wie tausend Meilen Ozean. Obgleich nun eine Verminderung (520)
29
der Fruchtbarkeit
unter
gewöhnlichen
Umständen
entschieden
ſchädlich ist, da sie die Fortpflanzung beeinträchtigt, ſo iſt doch die mit einer nüßlichen Variation verbundene Sterilität gegen die
Stammform zweifellos
da nur mit ihrer Hülfe
eine
äußerst nügliche Eigenschaft,
das Zerfallen
einer Spezies
in zwei
neue und damit eine Anpassung an die speziellen Lebensverhältnisse dieser beiden Theile stattfinden kann.
Und Darwin sagt
selbst, daß es nüßlich für eine entstehende Art sein würde, wenn ſie in gewissem Grade steril
gegen
ihre
Stammform
wäre.
Daß eine solche Sterilität sehr leicht entstehen kann, unterliegt keinem Zweifel, da gerade das Geschlechtssystem am leichtesten Variationen ausgesezt ist. Ganz anders
verhält sich
dies
bei
domestizirten Arten .
Hier verhindert der Mensch jede Kreuzung neuer Varietäten mit Stammformen . Eine Sterilität gegen lettere würde
ihren
somit nicht den geringsten Nugen haben .
Im Gegentheil wünscht
der Mensch gerade die gegenseitige Fruchtbarkeit der Varietäten, um durch Kreuzungen die Raſſe zu verbessern oder neue Varietäten. zu erhalten .
Diese von Romanes aufgestellte Theorie erklärt
also sowohl, wie die Verzweigung der Arten vor sich gegangen, als auch, der
auf welche biologischen Ursachen der Unterschied in
gegenseitigen
Fruchtbarkeit
domestizirter
und
natürlicher
Arten zurückzuführen ist. Es ist sehr bezeichnend, daß Romanes selbst seine Theorie physiologische Selektion " nennt und also zwischen Physiologie und Biologie keinen
Unterschied
macht .
Was soll denn an
seiner Theorie physiologisch sein? Die physiologischen Charaktere der Unfruchtbarkeit zu finden, Frage.
ist ja
eine andere Seite der
Allerdings beruht individuell die Sterilität auf gewissen
funktionellen Bedingungen gewisser Organe. Falle handelt es sich nicht darum, sondern
Aber in unserem um
die
Ursachen
der Sterilität, resp. Fruchtbarkeit, soweit sie aus den Lebens . (521)
30
beziehungen der Arten mit Hülfe
der Instanzen des Nußens
und der Anpassung abzuleiten sind . Damit hat die Physiologie gewiß nichts zu thun — die Theorie ist eine reine biologische,
selbst gegen den Willen ihres Autors. Solcher Theorien kennt die allgemeine
Biologie bereits
eine größere Zahl, als man es dem jungen Alter dieser Wiſſenschaft gemäß erwarten sollte.
Ja, man kann sagen, daß einige
derselben das ganze übrige wissenschaftliche Leben aufgeregt und befruchtet haben .
Denken wir nur an die beiden Grundprobleme
der Biologie, an die Probleme der Vererbung und Variabilität . Im
Vereine
mit der weitvorgeschrittenen
Physiologie der
Morphologie
und
Sexualorgane hat die biologische Forschung
jene Fragen in einer Schärfe zu fassen gewußt, die wir beinahe eine
„ mathematische"
nennen
dürfen.
Seit
Darwin seine
Pangenesishypothese und Häckel seine Wellentheorie aufgestellt, ist das Vererbungsproblem Naturforschern und
biologische
Tagesfrage unter den
Aerzten geworden.
Die Thatsache, daß
Charaktere der Eltern auf die Kinder übergehen, fordert überhaupt eine Erklärung .
Was wird übertragen, auf welche Weise
geschieht die Vererbung, welche Organe sind die Träger der Vererbung ? Dies sind Fragen, in die sich das Gesamtproblem spaltet und an deren Lösung der Morphologe, Phyſiologe und Biologe gleichermaßen theilnimmt. Aber dies ist nicht alles. Charaktere sind angeboren oder erworben . Vererben sich nun beide Arten von Eigenschaften,
oder nur die angeborenen, im
Keime schon vorhandenen, nicht aber die erworbenen ? Was heißt das
überhaupt :
erworbene
Eigenschaft ?
Tummelplag biologischer Dialektik vor uns .
Wir
haben
einen
Es ist allgemein
bekannt, daß A. Weismann hier das Feld seines Scharfsinnes fand, und daß seine Theorie der Kontinuität des Keimplasmas , mag
man
ihr zustimmen
oder nicht,
jedenfalls
vermöge der
neuen Auffassung der ganzen Frage und der Details der Theorie (522)
31
einen neuen
fräftigen Baustein dem Gebäude der allgemeinen.
Biologie eingefügt hat. Mittlerweile erfuhr auch das zweite biologische Grund―― eine theoretische die Variabilität der Organismen problem Entwickelung. Auch hier erkannte schon Ch. Darwin die Schwierig. keiten sehr gut.
Allein, da seine Arbeiten zunächst nach anderen
Richtungen gingen und ihre Vollendung verlangten, so konnte er sich in die allgemeinsten Fragen nicht so sehr vertiefen, als es seiner Natur angemessen war, und als wir es gewünſcht hätten. Er begnügte sich also
mit einer vorläufigen
vagen Annahme
eines zufälligen, d. h. weder der Richtung noch dem Ziel nach bestimmten Variirens der Thiere und Pflanzen. Ist einmal irgendwo eine Variation an einem Thiere auf. getreten, so bemächtigt sich derselben der Kampf ums Dasein, und entsprechend ihrer Nüglichkeit wird sie durch natürliche Ausleſe erhalten werden. Er zeigte,
An
dieser Stelle hat
daß Nüglichkeit
Entwickelung sein
muß,
nicht
Th . Eimer eingesezt.
unbedingt
das Vehikel
der
sondern daß auch in der jeweiligen
chemisch-physikalischen Zusammenseßung des Organismus, ſeiner Konstruktion, die
Ursachen
der
Abänderungen gehen nicht ziel
Entwickelung liegen
können .
und richtungslos vor sich.
Sie
erfolgen vielmehr nach ganz bestimmten, nachweisbaren Richtungen. So z . B. tritt eine Variation beim Männchen stets früher ein als beim Weibchen, welches sich den alten Eigenschaften gegenüber konservativer verhält, als das Männchen . Präponderanz .)
Ferner
entstehen
Fellzeichnung nicht gleichzeitig
( Geſeß der männlichen
Variationen
z . B. in der
auf der ganzen Körperfläche,
sondern die Variation schreitet fort in der Längsachse des Körpers von hinten nach vorn ; während
die vorderen Fellzeichnungen
schwinden, treten hinten bereits neue auf. (Da dieses Fortschreiten. nach dem Bilde einer Welle vor sich geht, nennt es Eimer das Undulationsgeset. )
Endlich sehen wir das Individuum während (523)
32
ſeines Lebens eine Reihe von Variationen durchmachen, deren jede einer bestimmten Entwickelungsstufe der
Arten entspricht.
So z. B. finden wir bei jungen Wildkazen zuerst Längsstreifung des Felles, in späteren Jahren eine Auflösung der Längsstreifung in Flecken,
dann ein Zusammenfließen der leßteren in Quer-
streifen, bis beim alten Thiere die Zeichnung fast ganz ver. schwunden ist .
Einer ganz ähnlichen Reihefolge der Veränderung
begegnen
bei
wir
einer Reihe verschiedener Arten von den
längsgestreiften Zibethkazen zu den gefleckten Kazen, von dieſen zu den querstreifigen Hyänen und endlich zu den undeutlicher gezeichneten Hunden. Die individuelle Entwickelung der Variation wird somit ein Bild der Artentwickelung .
Daß sich die Veränderungen in
einer bestimmten Richtung entwickeln, Konſtitution
in der
der Thiere selbst begründet und ist keine Folge
bloßer Naturauslese, konservirt,
ist nach Eimer
welche stets
während die neue
nur nüßliche
Eigenschaften
Theorie die Utilitätslehre ſelbſt
einschränkt und selbst die Entstehung und Erhaltung allerdings nur relativ ſchädlicher Eigenschaften annimmt. Diese Einſchränkung ist um so werthvoller,
als
bei denen die Entstehung
es thatsächlich Eigenschaften giebt,
auf dem Wege der
Auslese ausge-
schlossen ist, da von einem Nuzen, welche sie dem Individuum brächten, keine Rede sein kann . 10
Die Theorie Eimers ist entstanden durch Beobachtungen an lebenden Thierindividuen,
durch vergleichende Betrachtung
der Lebensweise, der Veränderungen, die an den verschiedenen Eigenschaften auftreten.
Sie dient als Erklärung einer großen
Zahl von biologischen Einzelthatsachen und ist also ein echtes Inventarstück der allgemeinen Biologie. Daß ihr und ihres gleichen seitens
der Naturforscher so wenig Aufmerksamkeit ge-
schenkt wird, liegt zum Theile daran, daß sich sowohl Zoologen als Botaniker allmählich daran gewöhnt haben, ausschließlich (524)
33
der morphologischen Richtung glauben,
ihre Dienste anzubieten und zu
damit den wesentlichsten
erschöpft zu haben . Wenigsten bewußt
werden,
gewachsen ist und
daß
ihrer Wissenschaften
Theil
Zum Theil liegt
es daran,
die Biologie im Stillen fort-
daß sie heute schon
ſelbſtändigen Wissenschaft
daß sich die
auf
den Rang einer
Anspruch machen kann .
Wenn wir
uns fragen, was denn Wiſſenſchaft eigentlich bedeutet, ſo können wir
dieselbe nach
geordnete
der
Schule
definiren
als
das
Ganze zusammengehöriger Erkenntnisse “ ,
dasselbe ist :
„ logisch
oder
was
als ein System zusammengehöriger Erkenntnisse .
Das vollkommene
System ist
aber
stets
ein Ideal für die
Wissenschaft. Denn sobald es erreicht wäre, würde auch die lettere als solche zu existiren aufhören. Es möchte also Wissenschaft eher zu definiren sein,
als
das
durch bestimmte
Prinzipien und Methoden geleitete Bestreben , von in gewissem errichten. gewisse
Sinne zusammengehörigen
An jeder Wissenschaft Grundsäge formulirt,
ein
System
Erkenntniſſen
nehmen wir
zu
wahr, daß sie
die Erfahrung nach einem be
ſtimmten Verfahren befragt, die gewonnenen Kenntniſſe verallge, meinert in Form
von Regeln
und Geſeßen
und die Neigung
des Erkenntnißtriebes für die Erklärung der Vorgänge im einzelnen durch Theorien und Hypothesen zu befriedigen sucht .
Alle diese
Momente sind nothwendige Momente .
Einer echten
schaft darf keines
eine solche sonst die
derselben fehlen,
Forderungen, welche
der
Geiſt
da
an die
Wissen-
Vollständigkeit
eines
wissenschaftlichen Gebäudes stellt, nicht zu erfüllen vermöchte . Entspricht
also
die Biologie diesen Forderungen ?
Das
bisher Gesagte gab schon die Antwort. Wir finden in ihrem nicht nur die
ein Prinzip,
Kraft der
Evidenz
Saße
sondern besigt.
vom
Kampfe ums
Dasein
ein Urtheil, welches beinahe Denn
es
geht
nothwendig
aus dem Begriff des Selbſterhaltungstriebes hervor und wirkt 3 (525) Sammlung. N. F. VII . 157.
34
daher auf den naiven
Verstand stets
mit
der Stärke eines
Axioms . Ferner wissen wir, daß sich unsere Wiſſenſchaft ein ſpezifiſches Naturobjekt als den
Gegenstand
hat :
Lebensverhältnisse
die natürlichen
ihrer Forschung der
ausgesucht
Organismen
als
ganzer, d. h . nach keiner Richtung, als nach der jener Verhältnisse determinirter Individuen.
Wir haben
aber auch gesehen ,
daß
sich aus den biologischen Einzelerfahrungen Regeln und Geſeße bilden lassen, und daß, um die Thatsachen auf ihre leßten Ur. sachen zurückzuführen,
d . h . sie
zu
erklären,
Hypothesen und
Theorien entstanden sind, die denselben Anspruch auf Beachtung machen können, wie die spekulativen Theile anderer Disziplinen. Hiermit ist die Aufgabe der Biologie gegeben,
eine Aufgabe,
welche eine andere Wissenschaft vermöge der natürlichen Einseitigkeit, die jeder anhaftet, nicht zu erfüllen vermag. Die generelle Methode kann auch bei unserer Wiſſenſchaft, welche nicht aus Vernunftsäßen deduzirt, sondern aus Erfahrungsdaten induzirt, nur eine streng induktorische sein. Im besonderen aber hat sie wie jede Disziplin ihr eigenes Verfahren. Ihr Instrument ist nicht das Mikroskop und nicht das Messer, obschon ſie derselben auch gelegentlich bedarf, sondern der für die Beobachtung des freien Naturlebens eigens zu schulende Blick und die vergleichende Thätigkeit eines dafür eigens geschärften Verſtandes¹¹ unter Zuhülfenahme experimenteller Untersuchungen, welche sich aber von den Versuchsmethoden anderer Wissenschaften, deren Aufgabe die Erforschung der lebenden Natur bildet, dadurch unterſcheiden, daß die Organismen dabei unverlegt wesentlich unter denselben Bedingungen verharren, stehen.
unter
welchen sie im freien Naturleben
Wir finden demnach die
allgemeinen Charaktere des
Schemas einer Wiſſenſchaft auch bei der Biologie wieder.
Sie ist,
wie ihre Schwesterdisziplinen, ein mit Prinzipien anhebender, ein besonderes (526)
Gebiet und eine besondere Methode praktizirender,
35
durch Bildung allgemeiner
Geseze,
Theorien
und Hypothesen
sich fortentwickelnder Zweig der menschlichen Gesamterkenntniß. Und wenn wir nunmehr alles,
was
vorausgegangen
ist,
zusammenfassen wollen, so kann es uns keine Schwierigkeit be. reiten, die Aufgabe, welche der Biologie als einer Wissenschaft gestellt ist, bestimmt zu formuliren,
besonderen.
da sie als so
klar bezeichnet erscheint, als eine Abgrenzung einzelner WiſſensWir werden die Biologie überhaupt möglich ist .
fächer
definiren
können als die Lehre einerseits der gesamten
Lebensverhältnisse der Organismen , d . h. ihrer Be . ziehungen zu einander und zu der anorganischen Natur die Organismen (ohne Rücksicht auf die Einzelheiten des Baues , der Funktion oder der Entinsofern
wickelung) als ganze, im natürlichen Zustande lebende Individuen betrachtet werden , und andererseits der Bedingungen und Ursachen, durch deren Einfluß jene Verhältnisse entstanden sind und noch entstehen . Diese Definition ist so allgemein, als es die Eindeutigkeit derselben gestattet .
Keine andere Wissenschaft
vermag sie zu
decken, keine paßt sich ihr genau an, als eben nur die Biologie Was das Wort etymologisch bedeutet,
ist in ihr enthalten ;
was es, soll ihm eine besondere Wissenschaft entsprechen, sach lich nur bedeuten kann, ist durch sie bestimmt. Das Schema sowohl,
als das Material
ist vorhanden.
Freilich fehlt noch die streng systematische Durcharbeitung des sich tagtäglich häufenden Stoffes .
Vieles liegt noch herum wie
ein Haufen ungeordneter Steine.
Aber auch diese tragen ihren
Speziescharakter offen zur Schau und warten nur des ordnenden Geistes, der sie in die ökonomisch-wissenschaftliche Form bringt, welche wir allgemein
System " nennen.
Die Zeit kann nicht mehr fern sein, in welcher die Biologie in Form von Lehrkanzeln und Lehrbüchern auch akademisch ihr 3* (527)
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Bürgerrecht als eine
auf eigenen Füßen stehende Wissenschaft
erhalten wird. Es giebt heute weder einen Zoologen, noch einen Botaniker als solchen .
Beider Gebiete haben eine Ausdehnung gewonnen,
welche
ein einzelner Geist nicht mehr zu übersehen vermag. Das Prinzip der Arbeitstheilung
hat längst gebieterisch
sein Haupt erhoben. Beschränkung des Forschungsgebietes ist hier keine Verkleinerung . Denn das Engere besißt bereits die Aus dehnung dessen, was früher das Weitere war . Ein kleiner Thei intensiv und extensiv - als der Zoologie ist heute reicher ehedem die ganze Zoologie, und der Zoologe von heute
muß
sich entscheiden für die eine oder andere
der Seiten,
Naturobjekte zeigen.
wesentlich Morphologe
oder Physiologe Biologe.
Er ist
entweder
oder Embryologe
Die Entstehung
einer
oder Systematiker
die seine
oder -
besonderen Wissenschaft
der
Biologie stellt eben auch nichts anderes dar, als einen Ausdruck des nach Entlastung ringenden Geistes .
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Anmerkungen. 1 A. Lang : Ueber den Einfluß der feſtſißenden Lebensweise auf die Thiere u. s. w. Jena 1888. G. Fischer. 2 C. Düfing: Die Hegulirung des Geschlechtsverhältnisses u. s . w . Jena 1884. G. Fischer. 3 Der Heliotropismus der Thiere. Würzburg 1890. G. Herß. 4 Experimentelle Untersuchung über den Einfluß des Kerns auf das Protoplasma. Jena'sche Zeitschr. f. Naturw . 1889, 25. Bd. 5 Jena 1889. 6 I. S. XV. Leipzig 1870. C. Claus : Lehrbuch der Zoologie, S. 127 . 8 ,,Weiterentwickelung des Darwinismus. “ Humboldt , 11. Heft, 6. Jahrg. 9 Vergl. auch desselben Autors Schrift : „ Ueber die Vererbung " 1883, und „ Die Bedeutung der sexuellen Fortpflanzung für die „ Selektions Theorie“ 1886.
Jena, G. Fischer 1885. 10 Th. Eimer: „ Die Entstehung der Arten u.ſ. w . I. S. 72 ; Jena, G. Fischer 1888, und „ Untersuchungen über das Variiren der Mauereidechſe “ , Berlin 1881 . 11 Als klassisches Beiſpiel dieser komparativen, mit dem naiven Zweifel beginnenden Thätigkeit möge hier eine Stelle aus der nachgelaſſenen, durch Professor Romanes publizirten Abhandlung Ch. Darwins : !! Der Instinkt " Plag finden. Es handelt sich um das bekannte „ Todtstellen " vieler Thiere im Momente der Ueberraschung oder Gefahr. Hierzu bemerkt Darwin : . . . . „ Nichtsdestoweniger erschien es mir als ein höchſt merk. würdiges Zusammentreffen, daß die Insekten hiernach dahin gelangt ſein sollten, genau die Haltung nachzuahmen, die sie im Tode annehmen. Ich zeichnete mir daher sorgfältig die Stellungen auf, welche 17 verschiedene Insektenarten (einschließlich eines Julus , einer Spinne und einer Aſſel), Angehörige der verschiedenartigsten Gattungen, sowohl gute als schlechte Künstler in der Verstellung dabei anzunehmen pflegen ; dann verschaffte ich (529)
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mir von einigen dieser Arten eines natürlichen Todes gestorbene Exem plare, andere tödtete ich leicht und langsam mit Kampfer. Das Ergebniß war, daß die Haltung in keinem einzigen Falle übereinstimmte , und daß mehrfach das sich todt stellende Thier soviel als nur möglich von dem wirklich todten abwich. “ Dieſer einfach. geniale Verſuch zerstörte mit einem Schlage die Mystik der Sache.
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