Cornelius Tacitus : Annalen

Der Niedergang der römischen Monarchie Die Annalen, das letzte und bedeutendste Werk des P. Cornelius Tacitus, schildern

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German Pages 576 Year 1963

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Cornelius Tacitus : Annalen

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ANNALEN Band

Erläutert

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Einleitung

versehen

von

KOESTERMANN

Thomas J. Bata Library

TRENTUNiVERSITY PETERBOROUGH, ONTARIO

HEIDELBERG

CARL

WINTER

1963

• UNIVERSITÄTSVERLAG

Alle Rechte Vorbehalten. © 1963. Carl Winter, Universitätsverlag, Heidelberg • Fotomechanische Wiedergabe nur mit ausdrücklicher den Verlag • Imprimd en Allemagne • Printed in Germany Satz und Druck: Georg Appl,

Wemding/Schwaben

gegr. 1822, GmbH., Genehmigung durch • Archiv-Nr. 3255

CONIUGI MARIAE ANIMULAE

CARISSIMAE GISELAE MEAE

CANDIDAE

Digitized by the Internet Archive in 2019 with funding from Kahle/Austin Foundation

https://archive.org/details/corneliustacitus0001koes

EINLEITUNG

Cornelius Tacitus - war er der größte römische Historiker? Hier beginnt bereits das Dilemma. Würde ich schreiben: einer der bedeutendsten Stilkünstler, der größte Tragiker Roms, so wäre ich der allgemeinen Zustimmung gewiß. Aber Historiker? Der Vergleich mit Thukydides, bei dem alle Voraussetzungen der Geschichtsschreibung erfüllt waren, oder auch nur mit Polybios, der, ohne das Genie seines Vorgängers zu erreichen, doch den Dingen redlich und objektiv auf den Grund ging, könnte schrecken. War Tacitus wirklich unvoreingenommen oder hat er die Darstellung tendenziös verzerrt? Ist er auch nur imstande, die entscheidenden Phasen der Entwicklung überzeugend herauszuarbeiten, oder verliert er sich am Ende in einem Wust von stadtrömischen Ereignissen, die er mehr oder weniger willkürlich interpretiert hat? Besaß er ferner den echten Blick für die außerrömische Wirklichkeit, die doch im weiteren Ablauf der Ge¬ schichte die Geschicke Roms so maßgeblich beeinflußte? War sein Auge hin¬ reichend geschärft für den Aufbau und die Organisation des Riesenreiches? War er endlich nicht der „unmilitärischste“ Schriftsteller Roms, um das harte Urteil Mommsens aufzunehmen? Soviel Fragen, soviel Antworten. Die moderne Tacitus-Forschung ist noch weit entfernt von einem auch nur in den Grundzügen übereinstimmenden Ge¬ samtbilde. Die Gründe für dies Auseinandergehen der Urteile lassen sich un¬ schwer erfassen. Zuvorderst ist die Tatsache zu verzeichnen, daß das taciteische Opus nur unvollständig überliefert ist. Wird schon im „Dialogus“ der Zu¬ sammenhang an einer wichtigen Stelle störend durch eine Lücke unterbrochen, so wirkt es sich verhängnisvoll aus, daß vom ersten Hauptwerk, den „Historien“, wenig mehr als die ersten vier Bücher, allenfalls ein Drittel des ursprünglichen Umfanges, erhalten sind. Wenn aber irgendwo, so hat Tacitus gerade in den letzten Büchern, die die Geschichte Domitians behandelten, die tragenden Ge¬ sichtspunkte seiner politischen Grundeinstellung am eindringlichsten heraus¬ gearbeitet. Damit entfällt jede Möglichkeit, die „Historien“ in eine echte Be¬ ziehung zu setzen zu seinem abschließenden und krönenden Werk, den „An¬ nalen“. Auch diesen aber hat das Schicksal übel mitgespielt. Wir beklagen den Verlust des größeren Teiles des 5. Buches, bei dem vielleicht mönchischer Un¬ verstand eine fatale Rolle gespielt hat. In diesem Buch hatte sich Tacitus mit der Aufgabe auseinanderzusetzen, mit dem Sturz Sejans den endgültigen Um¬ schwung zum Bösen bei Tiberius glaubhaft und verständlich zu machen. So hin¬ gegen verbleibt das Charakterbild des zweiten Prinzeps gutenteils in der Schwebe, was sich angesichts der weitgehenden inneren Geschlossenheit seiner Schilderung sehr unangenehm auswirkt. Nicht genug damit, daß wir von den

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Einleitung

Büchern 7-10 gar nichts besitzen und erst in der Mitte des 11. Buches wieder festen Boden unter den Füßen haben, so ist endlich auch die Regierung Neros bei ihm ohne Abschluß geblieben, ungewiß, ob hier wiederum der Zufall der Überlieferung sich störend ausgewirkt hat oder ob der Historiker dort, wo der Text mitten im Satz abbricht, gezwungen war, die Feder aus der Hand zu legen.

Des weiteren kommt hinzu, daß die Quellen, auf die sich Tacitus gestützt hat, nahezu vollständig untergegangen sind, so daß der Spekulation Tür und Tor geöffnet ist. Zweifellos waren unter ihren Verfassern bedeutende Persön¬ lichkeiten, und es läßt sich auch nicht annähernd bestimmen, wieweit sie sein Geschichtsbild beeinflußt haben. Nach Lage der Dinge sind wir für die „An¬ nalen“ in der Hauptsache auf den Vergleich mit Sueton und Cassius Dio an¬ gewiesen. Aber das Ergebnis der zahlreichen Untersuchungen, die sich mit den einschlägigen Problemen befassen, ist wenig ermutigend, auch wenn letzthin vielleicht etwas größere Klarheit über die Eigenständigkeit des Tacitus erreicht worden ist. Einen immerhin nicht unbeträchtlichen Fortschritt gegenüber früher vorherrschenden Tendenzen hat die Synkrisis der Berichte über Galba und Otho in den „Historien“ einerseits, bei Sueton und Plutarch anderseits erbracht. Schien dieser Vergleich ehemals mit Notwendigkeit zu dem Schluß zu führen, daß selbst „urtaciteische“ Sentenzen der gemeinsamen Quelle entnommen seien, womit der Glaube an die Originalität des Tacitus einen fühlbaren Stoß erhielt, so hat sich das in dieser zugespitzten Form nicht aufrecht erhalten lassen. Aber die Frage, wieviel der Historiker in der Gesamtauffassung und im einzelnen seinen Vor¬ lagen verdankt, hat auch heute noch, selbst wenn das sogenannte Einquellen¬ prinzip sich in der Anwendung auf Tacitus als Irrtum erwiesen hat, nichts von seiner grundsätzlichen Bedeutung und zugleich bestürzenden Gewalt verloren. Nur mühsame Einzelinterpretationen, an denen es trotz der Unzahl der Unter¬ suchungen noch immer mangelt, sind vielleicht imstande, das Dickicht allmählich zu lichten. Der dritte, mit Nachdruck hervorzuhebende Punkt ist endlich die Tatsache, daß Tacitus, abgesehen vom „Agricola“ und wenigen Stellen in den größeren Werken, so karg mit Hinweisen auf seine persönlichen Schicksale (und überhaupt auf zeitgenössische Geschehnisse seiner unmittelbaren Gegenwart) gewesen ist. Kennzeichnend für diese äußerste Zurückhaltung ist seine Aussage Ann. 11, 11, 1 anläßlich der Säkularspiele unter Kaiser Claudius: utriusque principis (des Augustus und des Claudius) rationes praetermitto, satis narratas libris, quibus res imperatoris Domitiani composui. nam is qnoque edidit ludos saeculares, iisque intentius adfui sacerdolio quindecimvirali pracditus ac tune praetor, quod non iactantia refero, sed quia collegio quindecimvirum antiquitus ea cura, et magistratus potissimum exsequebantur officia caerimoniarum. Dies Bekennt¬ nis verdeutlicht, wie schwer sich 1 acitus entschloß, aus der gewohnten Reserve herauszutreten. In der Tat ist es der einzige Hinweis dieser Art geblieben. In¬ folgedessen vermißt man öfter ein Eingehen auf Fakten, die anerkanntermaßen sein persönliches Interesse wachrufen mußten. So erwähnt er bei der Schilderung der Feldzüge an der ligurischen Küste im J. 69 n. Chr. (Hist. II Uff.) mit keinem Wort, daß die hamilie seines Schwiegervaters in tragischer Weise in diese Kämpfe hineingezogen wurde (Agr. 7,1), und ebensowenig, daß Agricola da¬ mals seinen Übergang zu Vespasian vollzog (Agr. 7,2). Wie anders verfuhr später Ammian, der doch an Tacitus anknüpfte, aber keine Gelegenheit vor¬ übergehen ließ, um dem eigenen Erleben Ausdruck zu verleihen.

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Noch ein weiteres Beispiel - am Ende der „Annalen“ — sei aufgeführt, wo das Verschweigen den Leser fast schmerzhaft berührt. Tacitus schildert, wie das Verhängnis über den greisen Paetus Thrasea hereinbrach, als Nero es unter¬ nahm, virtutem ipsam exscindere (Ann. 16,21,1). Mit welchen Gefühlen mag der Autor den provozierenden Anklagen des Cossutianus Capito cap. 22 Raum gegeben haben: quin et illa obiectabat, principio anni vitare Thraseam sollemne ins iurandum; nuncupationibus votorum non adesse, quamvis quindecimvirali sacerdotio praeditum; numquam pro salute principis . . . immoiavisse etc. Der ganze Abschnitt bis zum Ende des Werkes enthält kein Wort der Kritik an Thrasea, dessen ebenso mannhaftes wie zugleich maßvolles Auftreten unzweifel¬ haft seine volle Zustimmung findet. Und doch, wie sehr mußte in ihm bei der Niederschrift dieser Zeilen die Erinnerung an sein eigenes entgegengesetztes Verhalten in einer ähnlichen Lage lebendig werden. Auch er war ja Quindecimvir, und seine Darstellung Agr. 45 macht es unabweislich, daß er für seine Person sich zu jenen „Pflichten“ erniedrigt hatte, von denen sich Thrasea so eindeutig distanzierte. Und noch einmal mußten in diesem Zusammenhang seine Gedanken in die Vergangenheit zurückschweifen. Cap. 26,4 schildert er, wie Arulenus Rusticus, einer der glühendsten Anhänger des Thrasea, sich an¬ heischig machte, gegen den drohenden Senatsbeschluß zu interzedieren, und nur durch die weise Mäßigung des großen Stoikers zurückgehalten werden konnte, ne vana et reo non profutura, intercessori exitiosa inciperet. Es konnte gar nicht ausbleiben, daß ihm dabei der Gedanke an seinen Schwiegervater kam, der im gleichen Jahr Volkstribun war atque ipsum tribunatus annum quiete et otio transiit (Agr. 6, 3), also in völliger Passivität verharrte und das schandbare Geschehen widerstandslos als „Mitschuldiger“ über sich ergehen ließ. Nichts davon verlautet in den „Annalen“, Tacitus ist schweigend darüber hinweggegangen. Er hat auch hier das Geheimnis seiner Gedanken für sich be¬ wahrt. So ist jeder Versuch aufs äußerste erschwert, der Persönlichkeit habhaft zu werden, die hinter seinen Werken steht. Er selbst bleibt nicht minder rätsel¬ haft als seine Schriften, denen man so schwer auf den Grund zu kommen vermag. Man könnte einwenden, daß die an ihn gerichteten Briefe seines Freundes Plinius Aufschlüsse erteilen - weit über seine eigenen knappen Angaben hinaus. Dem ist schon so, aber nur in dem Sinn, daß nunmehr die Rätsel erst recht beginnen. Der Tacitus, der uns in diesen Briefen entgegentritt, entspricht wenig dem Bilde, das man bei der Lektüre seiner Werke von ihm gewinnt oder viel¬ mehr sich zu machen pflegt. Das Düstere, Bittere, hart Verurteilende scheint das Spezifische des Eindruckes zu sein: Er erscheint in seinen Schriften als eine un¬ zugängliche Natur, die sich grollend in sich selbst verschließt und für die Licht¬ seiten des Lebens kaum noch empfänglich ist, voller Ressentiments und durch schwere Enttäuschungen hoffnungslos belastet. Es erhebt sich die Frage, wie ein Freundschaftsverhältnis zwischen einem solchen Mann und dem liebenswürdig heiteren, zweifellos gebildeten und aufgeschlossenen, aber doch ein wenig ober¬ flächlichen Plinius überhaupt denkbar war. Der Jüngere bewundert den Älteren und erkennt seine überlegene Persönlichkeit neidlos an (Plin. epist. 7,20, 3f.). Er weiß auch seinen Redestil richtig zu bestimmen (so vor allem 2, 11, 17 respondit Cornelius Tacitus eloquentissime et, quod eximium oralioni eius inest, aefxvcög). Aber beim Durchmustern der Briefe drängt sich nicht der Eindruck auf, daß die beiden sich in ihrem Auftreten so sehr voneinander unterschieden, wie man auf¬ grund der Lektüre der Schriften des Tacitus vielleicht mutmaßen würde. Letz-

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terer hat nach dem Zeugnis des Plinius eine starke persönliche Ausstrahlung besessen, die Jugend drängte sich um ihn, um dem bewunderten Redner zu lauschen (4,13,10). Wenn es in seinen Kräften stand, erwies sich Tacitus als gefällig, bereit, dem Freunde zu willfahren. Das Verhältnis zwischen ihm und Plinius ist anscheinend ungetrübt, beide verkehren auf gleicher Stufe mit¬ einander. Und es ist durchaus nicht so, daß sich der Epistolograph von der Größe des anderen erdrückt fühlt. Die Worte 7,20,5 quo magis gaudeo, quod, si quis de studiis servio, una nominamur, quod de te loquentibus statim occurro (vgl. 9,23,2), nötigen zu dem Schluß, daß der Außenstehende bei beiden vielerlei Gemeinsames fand, daß sie sich also auch in ihrem Wesen irgendwie berührten. Nirgends gibt Plinius einen Hinweis auf abweisende Kühle und gallige tristitia. Epist. 1,6,1 ridebis, et licet rideas läßt eher vermuten, daß Tacitus, der hier überdies auch als großer Nimrod erscheint, sogar Sinn für Humor hatte: Plinius argwöhnt, daß jener sich in freundschaftlicher Weise über ihn lustig mache. Beim Lesen all dieser Briefe glaubt man den Verfasser des „Dialogus“, jener Schrift, die in der Diktion so sehr von den übrigen Werken ab weicht, vor sich zu sehen, aber nicht den düsteren Autor der „Annalen“ mit seinem ausgeprägten Hang zu zensorischen Rügen. Sollte die Physiognomie, wie sie die Briefe des Plinius zeichnen, das wahre Gesicht des Historikers sein, und hat er sich in seinen größeren Werken nur eine Maske aufgesetzt? Unmöglich wäre das keineswegs. Wer würde aus den Satiren des Persius auf die mores lenissimi, verecundia virginalis schließen, die die Vita an ihm hervorhebt? Hat man sich mit dem Gedanken einmal vertraut gemacht, so würde vieles auch bei Tacitus verständlicher werden. Daß er ein empfindsames Gemüt besaß, das von den tragischen Ereignissen, die er erzählt, aufgewühlt wurde, ist ersichtlich. Man kann den Unterschied zu Sallust deutlich ermessen, dessen schonungslose Härte unverhüllt hervortritt, der ein Organ allenfalls für die moralische Größe eines Cato besitzt, bei dem aber selten ein echtes menschliches Gefühl mitschwingt. Die Art, wie Tacitus das aus römischer Sicht sehr anfechtbare Auftreten des Germanicus während der Meutereien mit spürbarer Sympathie schildert, wäre bei Sallust undenkbar gewesen: Er hätte den Prinzen mit einer geharnischten Rüge bedacht. Auch die so häufigen Lamen¬ tationen, so die fast sentimentale Beschreibung des Auszuges der Frauen aus dem Lager Ann. 1,40, 4f. und Ähnliches mehr, haben bei Sallust nichts Ent¬ sprechendes, zeugen ihrerseits von einer fast weichen Empfindsamkeit des Taci¬ tus. Sieht man von der zweiten Annalenhälfte ab, so trifft man auch gar nicht so selten auf Anzeichen von Humor, etwa in der Schilderung des Auftretens des Musonius Rufus während der Bürgerkriege (Hist. III 81), wo er dessen intempestiva sapientia belustigt vorführt. Es sei nur noch erwähnt, daß Tacitus auch ein erstaunliches Einfühlungsvermögen in die weibliche Psyche bekundet. Alles das wird indessen überlagert und gleichsam verfremdet durch den fast hierati¬ schen Ernst und die richterliche Würde, in der er oft wie auf Stelzen einhergeht. Dem gilt es im einzelnen näher nachzuspüren. Hier genüge die Feststellung, daß die vom Historiker angenommene Pose keineswegs zu der Annahme berechtigt, daß sie auch seiner wahren Wesensart entsprach: „Die Loslösung der Literatur“ in der Kaiserzeit „vom Leben zeigt sich auch in den Individuen selbst“ (Ed. Norden, Röm. Lit., Leipzig 41952, 81), obwohl sich die für die übrige Literatur geltenden Voraussetzungen und Bedingungen nicht ohne weiteres auf die Historiographie übertragen lassen.

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Unter den einen Menschen prägenden Kräften stehen Herkunft und Ab¬ stammung obenan. Ihre nachhaltige Wirkung wird auch nicht ausgemerzt durch den Bildungsgang und die mannigfachen Lebenserfahrungen, die den politi¬ schen Aufstieg begleiten. Aus welchen Schichten ist Tacitus emporgewachsen? Wir haben mehrere Anhaltspunkte, die es gestatten, innerhalb gewisser Grenzen Aufschluß zu erteilen. Die Aussage am Eingang der „Historien“: mihi Galba Otlio Vitellius nec beneficio nec iniuria cogniti. dignitatem nostrcim a Vespasiano inchoatam, a Tito auctam, a Domitiano longius provectam non abnuerim (Hist. I 1,3) läßt unter Berücksichtigung der Tatsachen des cursus honorum nur die Folgerung zu, daß Tacitus aus dem Ritterstande aufgestiegen ist. Nach seinem eigenen Zeugnis Ann. 11,11,1 steht fest, daß er im J. 88 Praetor gewesen ist der Ausgangspunkt für alle weiteren Berechnungen. Da die gleichzeitige Zugehörigkeit zu dem hochangesehenen Kollegium der quindecimviri sacris faciundis dagegen spricht, daß ihn Domitian bewußt am Vorankommen ge¬ hindert hat, kann man das nächst niedrigere Amt, Aedilität oder Volkstribunat, schwerlich tiefer als 84 herunterrücken. Alsdann ist es das Wahrscheinlichste, daß er die Quaestur im J. 81 oder 82 bekleidet hat. Wenn die oben zitierten Worte einen Sinn haben sollen, so müßte er unter 1 itus für dies Amt designiert worden sein. Unter diesen Umständen bliebe als beneficium Vespasians nur übrig, daß dieser ihm die dignitas senatoria verlieh und damit den Eintritt in die senatorische Laufbahn ermöglichte (vgl. Syme, Tac. I 64f.). In diese Zeit fällt auch die Verlobung mit der Tochter Agricolas (a. 77, vgl. Agr. 9, 6), die er im folgenden Jahr heiratete, bevor der Schwiegervater sich nach dem Konsulat in seine Provinz Britannien begab. Aus dieser Tatsache ist zweier¬ lei zu entnehmen. Die Familie Agricolas, in Forum Julium in der Narbonensis beheimatet, gehörte der nobilitas equestris an. Seine Großväter beiderseits hatten den Rang eines kaiserlichen Prokurators erreicht. Erst der Vater Julius Graecinus war in den ordo senatorius gelangt, hatte aber, verhältnismäßig jung, wegen seiner ehrenhaften Gesinnung unter Caligula den Tod erlitten (Agr. 4,1). Gnaeus Agricola war der erste in der Familie, dem - als homo novus - das höchste magistratische Amt zuteil wurde. Die Gesellschaft der damaligen Zeit erstrebte mit Vorliebe verwandtschaftliche Verbindung mit Männern, die aus den gleichen sozialen Schichten kamen und eine Gewähr für weiteren Aufstieg boten. Es ist nicht verwunderlich, daß das Auge Agricolas auf den jungen Tacitus fiel, der schon früh von sich reden machte und nach dem Zeugnis des Plinius epist. 7, 20, 4 bereits damals fama gloriaque floreret. Die grenzenlose Hochachtung, mit der dieser zu seinem Schwiegervater emporblickte, wie es die Biographie bezeugt, läßt anderseits den Gedanken als abwegig erscheinen, daß er selbst ein Abkömmling der alten vornehmen gens Cornelia war, wie früher gemutmaßt wurde (vgl. Syme, Tac. II 797 f.). Der gesamte Tenor jener Schrift macht deutlich, daß Agricola für ihn das Vorbild wie in der Lebensführung so in der Art der politischen Betätigung war. Das setzt voraus, daß er einem ähn¬ lichen Milieu wie jener entstammte und daß bei ihm keinerlei Praetentionen und Ambitionen gewichtiger aristokratischer Deszendenz bestanden. Dazu paßt aufs beste, daß der ältere Plinius nat. 7, 76 von einem Prokurator der Provinz Belgien Cornelius Tacitus zu berichten weiß, der angesichts der Seltenheit des Cognomens irgendwie näher mit dem späteren Historiker verwandt gewesen sein muß. Endlich wiederum sein Verhältnis zu Plinius dem Jüngeren. Dieser be¬ zeichnet Epist. 7,20,3 sich und den Freund als duos homines aetate, digmtate

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propemodum aequales und erzählt weiter, daß er von früh an jenen als Muster und Vorbild gewählt habe. Es liegt in der Natur der Sache, daß Plinius, der in der ersten Klasse des Ritterstandes verwurzelt war, sich zum Mentor einen Mann seiner Kaste ausersah, der aus den nämlichen gesellschaftlichen Voraussetzungen heraus sich bereits einen Weg nach oben, zu Ruhm und Anerkennung, gebahnt hatte und ihm eine Richtschnur für seine eigenen gleichgerichteten Bemühungen vermitteln konnte. Wäre Tacitus durch adelige Abkunft privilegiert gewesen, so hätte Plinius wahrscheinlich den Abstand viel stärker empfunden und sich wohl nach anderen Leitbildern umgesehen. Es sei nur noch erwähnt, daß die Frage des römischen Ritters bei den Zirkusspielen Italicus es an provincialis ? (Plm. epist. 9,23,2) kaum die Vermutung aufkommen läßt, Tacitus sei ein stadt¬ römischer Cornelier gewesen. Demgegenüber fallen seine bekannten weg¬ werfenden und verächtlichen Äußerungen über den italischen Munizipaladel kaum ins Gewicht. Sie bekunden nur die stetig weiterwirkende Kraft der alten senatorischen Tradition und sind überdies in den „Annalen“ auch situations¬ bedingt, d. h. sie geben die Urteile wieder, wie sie unter der julisch-claudischen Dynastie, als die alten Geschlechter noch tonangebend waren, Generationen von Historikern als selbstverständlich und berechtigt erschienen. Italiens es an provincialis? Damit ergibt sich ein weiteres schwieriges Pro¬ blem. Wo war die Heimat des Tacitus? Man erinnert sich an die eigenen Worte des Historikers in dem großen Exkurs Ann. 3,55 über die Gründe für den Niedergang des alten Adels und das Aufkommen neuer, zu größerer Mäßigkeit neigenden Schichten: simul novi homines, e municipiis et coloniis atque etiam provmcns m senatum crebro adsumpti, domesticam parsimoniam intulerunt (§3), die einen ersten Fingerzeig geben (ebenso wie die aufschlußreiche Wieder¬ gabe des Ediktes des Claudius Ann. 11, 23f .). Das unverhüllte Lob, das er in diesem Zusammenhang jenen homines novi spendet, macht deutlich, daß auch er sich als einen der Ihrigen betrachtet (vgl. Syme, Harvard Library Bull 11 2 1957, 194). Nun hat bekanntlich der spätere Kaiser Marcus Claudius Tacitus (bept. 275-Apr. 276), in Interamnium gebürtig, sein Geschlecht vom Geschichts¬ schreiber abgeleitet (Hist. Aug. Tac. 10,3). Das erweist sich aber als unmöglich weil der Gentilname entschieden dagegen spricht. Es handelt sich also um eine durchsichtige dynastische Spekulation, dazu bestimmt, dem ephemeren Kaiser Glanz und Ansehen zu verleihen. Es ist das Verdienst von R. Syme, die Diskussion auf eine tragfähige Grund¬ lage gestellt zu haben. Die Haupteinzugsgebiete der homines novi seit dem Ende der Republik waren Norditalien, die Narbonensis und Spanien, die immer entscheidender in den Vordergrund traten. In diesen Regionen ist auch die Heimat des lacitus zu suchen. Spanien, für das der Historiker nur geringes Interesse hat scheidet sicherlich aus. Um so stärker sind jene beiden anderen Länder zu be¬ rücksichtigen. Aufbauend auf Untersuchungen von M. L. Gordon TRSt. ?6 1936 145ff., hat Syme, Tac. II 621ff., nachgewiesen, daß das Vorkommen des Cognomen lacitus (wohl ein latinisierter, ursprünglich epichorischer Eigenname) sich auf Sudf rankreich und die Poebene beschränkt. Ersteres hat vier Inschriften mit diesem Beinamen aufzuweisen, von denen besonders CIL. XII 1301 Marti \ et Vasiom | Tacitus (in Vasio, dem Heimatort des bekannten Gardepräfekten Burrus) instruktiv ist (Syme, Tac. II 622,4). Aber nicht minder eindrucksvoll

T, fordltallscheBeleße> vor allem CIL. V 3037aus Patavium(Syme ebd.622,2).

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Tacitus antwortet auf die Frage des Ritters nosti me, et quidem ex studiis, worauf jener spontan ausruft: Tacitus es an Plinius. Da diese beiden kaum als die einzigen Koryphaeen der damaligen Literatur angesehen wurden, muß ein bestimmtes Phaenomen den Ritter zu seinem Ausruf veranlaßt haben, etwas Gemeinsames, das sie von allen übrigen unterschied. Inhaltlicher Natur, wie es sich aus den varii eruditique sermones ergeben hätte, kann dies Gemeinsame schwerlich allein gewesen sein, denn die Briefe des Plinius lassen gerade auch die Differenzen deutlich genug hervortreten. Man könnte eher an die Ausdrucks¬ weise denken, bedingt durch gleiche Herkunft, gröber ausgedrückt, an gewisse unverkennbare dialektische Eigentümlichkeiten. Das würde Tacitus vielleicht auch hinsichtlich des Heimatlandes noch näher an den Freund heranrücken. Leider haben wir keinerlei Anhaltspunkte dafür, daß er wie Plinius in der Poebene zu Hause war, da dessen Briefe niemanden namhaft machen, der von dort stammte und zugleich nachweislich dem Historiker nahestand. Syme hat sich denn auch mit großer Entschiedenheit auf die Narbonensis festgelegt (Tac. II 621ff. 798. 804ff.). Seine Behauptung freilich, daß Tacitus „never familiär with the topography of Transpadane Italy“ war (Tac. II 679), läßt sich schwerlich aufrecht halten (s. Koestermann, Riv. di cult. dass, e medioev. 3, 1961, 29). Und es wäre immerhin nicht undenkbar, daß das starke Lob, das er Livius Agr. 10,3 zollt, auch durch landsmannschaftliche Bindungen mitbedingt ist. Überdies würde das besondere Interesse, das er an dem Schicksal des großen, aus Patavium ge¬ bürtigen Paetus Thrasea nimmt (s. Ann. 16,21, 1, wo eine bemerkenswerte Ein¬ zelheit über die angeblich von Antenor eingerichteten ludi cetasti in Patavium gebracht wird), eine zusätzliche Erklärung finden. Wo Tacitus das Licht der Welt erblickt hat, wer vermag es zu sagen? Wenn man des Glaubens ist, der oben genannte Prokurator der Belgica sei sein Vater gewesen, könnte man mit Syme, Tac. II 614, an Trier oder Köln als Geburtsort denken. Wie dem auch sei, die Tatsache, daß der Historiker, der sich sonst so ablehnend gegenüber allem Fremdländischen, Griechischen wie Orientalischen, verhält, eine so ungemeine Aufgeschlossenheit gegenüber der Welt des Nordens verrät, verlangt eine Erklärung. Seine Anteilnahme an Britannien und seinen Bewohnern ist durch Erlebnisse und Erzählungen Agricolas bedingt. Zu den Kelten hat er ein zwiespältiges Verhältnis, das zwischen wärmerem Verständnis und harter Ablehnung schwankt. Hingegen nehmen die Germanen unzweifel¬ haft eine Sonderstellung ein. Sein Interesse an ihnen geht so weit, daß er gelegentlich Notizen, wie etwa jenen merkwürdigen Bericht Ann. 13,57,3, auf¬ nimmt, die vom Sachlichen her leicht entbehrt werden könnten. Und insbesondere die „Germania“ spricht eine deutliche Sprache. Welches auch immer die Gründe für die Abfassung dieser Schrift gewesen sein mögen, daß Tacitus dabei auch ein persönliches Anliegen gehabt hat, sollte nicht in Abrede gestellt werden. Der Gedanke liegt nahe, daß er durch eigenes Erleben, bei dem Kindheitserinne¬ rungen oder auch ein militärisches Kommando - etwa nach Bekleidung der Praetur - mitgespielt haben könnten, an jene Gegenden gefesselt war. Auf etwas festerem Boden steht man bei der Bestimmung des Geburtsjahres. Nach Plin. epist. 7,20,3 war Tacitus älter als der Freund, ohne daß der Alters¬ unterschied, der sich nur, als beide noch im jugendlichen Alter standen, erheblich auswirkte, später ernsthafter ins Gewicht fiel. Da nun Plinius nach seiner eigenen Aussage epist. 6,20,5 während des Vesuv- Ausbruches im J. 79 n. Chr. 18 Jahre alt war, geht man kaum fehl, wenn man das Geburtsjahr des Tacitus in die

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Mitte der fünfziger Jahre setzt. Zu dem gleichen Ergebnis, 55 oder 56 n. Chr., gelangt man, wenn man den Daten des cursus honorum Rechnung trägt. Wie so vieles andere ist auch der Vorname umstritten. In den Subskriptionen zum 1. und 3. Buch der „Annalen“ erscheint er im Mediceus I (von erster Hand) als P. Cornelius Tacitus. Wieweit dem Gewicht beizulegen ist, ist nicht zu er¬ kennen, auch wenn die Angabe in karolingische Zeit zurückreicht. Vermerkt werden muß auf jeden Fall, daß Sidonius Apollinaris, der größere Vertrautheit mit den Schriften des Tacitus an den Tag legt, ihn epist. 4,14,1 und 4,22,2 Gaius nennt. Wenn auch auf Sidonius nicht unbedingter Verlaß ist, ist doch bemerkenswert, daß epist. 3,5,2 vielleicht sogar für die Überlieferungsgeschichte bedeutungsvoll ist (s. Hist. Edit., Lpz. 1961, zu I 49,3). Das fällt um so stärker ins Gewicht, als die Werke des Tacitus nach einer langen Pause im 4. und 5. Jahrhundert in Gallien wieder Leser fanden (vgl. F. Haverfield, Tac. during the later Roman Empire and the Middle A ge, JRSt. 6, 1916, 199). Auch die Anfänge des Tacitus sind in Dunkel gehüllt. An den Geschehnissen in den letzten Jahren Neros könnte er schon Anteil genommen haben, und die turbulenten Ereignisse des Dreikaiserjahres werden sicherlich nicht spurlos an ihm vorübergegangen sein. Offenbar schon früh trat seine rednerische Begabung in Erscheinung: Das Interesse des aufgeweckten Jünglings verrät eindeutig das Einleitungskapitel des „Dialogus“. Und als Redner wird er sich zuerst einen Namen gemacht haben. Unter Vespasian begann, wie wir sahen, seine politische Karriere. Vom Kaiser empfing er den latus clavus, so daß er zum vigintiviratus zugelassen wurde und als tribunus militum laticlavius militärische Dienste leisten konnte. In dieser Zeit trat er Agricola näher, der den vielversprechenden Rittersohn als Schwiegersohn ausersah und auf seine weitere Entwicklung stärk¬ sten Einfluß nahm. Die Ehe mit Agricolas Tochter (Agr. 9,6 egregiae tum spei filiam ) scheint glücklich gewesen zu sein (vgl. Agr. 43,4. 45,4ff.), wenn auch die Gattin nach der Abfassung der Biographie völlig dem Gesichtskreis ent¬ schwindet. Über die politische Wirksamkeit des Tacitus in seinen ersten Jahren ist nichts bekannt. Wahrscheinlich hat er sich kaum anders verhalten als sein Schwieger¬ vater, der laut Agr. 6,3f. die Jahre, in denen er ein Amt bekleidete, quiete et otio transiit, eingedenk der Zeiten, quibus inertia pro sapientia fuit. Als Praetor hatte er jedoch im J. 88 die dankbare Aufgabe, die Säkularspiele mit auszu¬ richten (Ann. 11,11,1). Daß er damals auch dem hochangesehenen Kollegium der Quindecimvirn angehörte, läßt erkennen, daß er bei Domitian in Gunst stand, wie das ja auch durch Hist. I 1,3 ausdrücklich bezeugt wird. Die An¬ nahme, daß er nach der Abberufung Agricolas aus Britannien wie dieser an¬ geblich in Ungnade gefallen sei, vermag vor der Kritik nicht zu bestehen (s. Syme, Tac. I 65f.). Nach der Praetur ging er dann, von seiner Gattin begleitet, in die Provinzen, ungewiß, in welche und mit welchem Amt versehen. Daß er dabei auch ein militärisches Kommando innegehabt hat - vielleicht am Rhein ist keineswegs von der Hand zu weisen. Denn seine Schriften verraten mehr militärische Einsicht, als man früher wahr haben wollte (vgl. Koestermann, Riv. di cult. dass, e medioev. 3, 1961, 16ff.). Überdies besaß er, wie nicht nur die Schilderung der Meutereien lehrt, eine genaue Kenntnis des Lagerlebens und nicht minder der Psyche des gemeinen Mannes. Während seiner vierjährigen Schicksal seines Schwiegervaters,

Abwesenheit der vor seiner

von Rom vollendete Rückkehr am 23. August

sich das 93 starb

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(Agr. 45, 4f.) und dem er unter Trajan ein so ergreifendes Denkmal gesetzt hat. Es war sein Unglück, daß er die drei letzten Schreckens jahre unter Domitian in der Hauptstadt miterleben mußte. So wenig wie alle anderen bedeutenderen Zeitgenossen vermochte er sich dem Terrorregiment des nach besseren Anfängen krankhaft mißtrauisch gewordenen Kaisers zu entziehen: Damals ist er „mit¬ schuldig“ geworden (Agr. 45), und das verhängnisvolle Geschehen hat tiefe Wunden in seinem empfindsamen Gemüt hinterlassen. Den Sturz des Tyrannen hat er wie seine Standesgenossen mit Jubel begrüßt. Freilich gebot die zunächst noch wenig gefestigte Lage unter dem greisen und kinderlosen Nerva Zurückhaltung. Es zeichnete sich die Gefahr ab, daß sich die turbulenten Geschehnisse des J. 69 wiederholten. Erst als Nerva in glücklicher Eingebung die richtige Wahl traf und den Befehlshaber der oberrheinischen Legionen, M. Ulpius Traianus, adoptierte und zum Nachfolger erkor, trat im Herbst 97 eine wirkliche Beruhigung und eine Konsolidierung des Reiches ein, so daß es nunmehr möglich war, der weiteren Entwicklung zuversichtlich ent¬ gegen zu sehen (vgl. Syme, Tac. I 1Off.). Der schicksalsschwere Entscheid fiel anscheinend in die Monate, während derer Tacitus cons. suff. war (Syme, Tac. I 70. II 640ff .). Es ist nicht ausgeschlossen, daß er für das Amt noch unter Domitian designiert worden ist. Gleichwohl ist natürlich selbstverständlich, daß er das besondere Vertrauen des regierenden Prinzeps besaß. Ob er bei dessen Entschluß, Trajan zu berufen, mitgewirkt hat, bleibt reine Vermutung (Galba hatte laut Hist. I 14, 1, als er sich für Piso ent¬ schied, neben seinen vertrauten Ratgebern auch den designierten Konsul Marius Celsus zum Thronrat herangezogen). Auf jeden Fall gehörte er zu denjenigen, die Trajan mit überschwenglicher Begeisterung begrüßten (Agr. 3, 1). Von seiner Tätigkeit als Konsul ist im übrigen nur das eine bekannt, daß er ausersehen war, dem großen Verginius Rufus die Leichenrede zu halten (Plin. epist. 2, 1,6). Daß er diese Aufgabe übernahm, nicht sein Mitkonsul, vielleicht 0. Atilius Agricola (vgl. G. Barbieri, Stud. Rom. 1, 1953, 367f.), verdankt er wohl seiner Beredsamkeit, die Plinius a. a. O. mit schwungvollen Worten preist, und kaum der Tatsache, daß Verginius, der aus Mediolanum stammte, vielleicht sein engerer Landsmann war. Bemerkenswert ist, daß er Hist. 18,2 sich auch gegen¬ über dem bewunderten Verginius das Recht der freien Kritik gewahrt hat (vgl. Koestermann, Historia 5, 1956,231 Anm. 61). Nerva starb am 26. Jan. 98, und nach dem Regierungsantritt Trajans hat dann Tacitus, wohl noch im gleichen Jahr, jene erste kleine Schrift verfaßt, die dem Andenken Agricolas gewidmet war, zugleich Elogium, um die Verdienste seines Schwiegervaters, der unter Domitian nicht die volle Anerkennung gelunden hatte, ins hellste Licht zu rücken (s. H. Nesselhauf, Hermes 80, 1952, 122ff.), wie auch in ihrem späteren Teil Apologie, um das Andenken des verehrten Mannes gegen Verunglimpfungen zu schützen, die wahrscheinlich in der letzten 1 hase seines Lebens gegen ihn vorgebracht wurden, als sein Auftreten bei böswilliger Interpretation als Unterwürfigkeit gegenüber dem I yrannen ausgelegt werden konnte (dazu Koestermann, Gnomon 25, 1953, 5 14f.). Doch darüber soll später gehandelt werden. Die ersten drei Kapitel der Biographie lassen keinen Zweifel, daß sich Taci¬ tus zumindest im letzten Jahrzehnt der Regierung Domitians jeder literarischen Betätigung enthalten hat (Agr. 3,2). Die Bitterkeit über die Demütigungen, die

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er wie seine Standesgenossen hatte hinnehmen müssen, kommt schmerzhaft deut¬ lich zum Ausdruck: dedimus profecto grande patientiae documentum; et sicut vetus aetas vidit quid ultimum in libertate esset, ita nos quid in servitute (Agr. 2,3). Um so größer ist der Überschwang, mit dem er die neue Aera begrüßt: et quamquam primo statim beatissimi saeculi ortu - der ihm jetzt, nach der end¬ gültigen Meisterung der schwierigen Situation durch die Klärung der Nachfolge, in der Rückerinnerung im strahlenden Licht erscheint - Nerva Caesar res olim dissociabiles miscuerit, principatum ac libertatem, augeatque cotidie felicitatem temporum Nerva Traianus (cap. 3, 1; vgl. 44,5). Man spürt, der Blick ist noch mehr Nerva zugewandt. Aber auch die ersten Erfahrungen mit Trajan waren geeignet, Tacitus in seiner Zuversicht zu bestärken, wie ähnlich kurze Zeit dar¬ auf Plinius dem neuen Prinzeps begeistert huldigte. Hat ihn der Kaiser später enttäuscht? Wir wissen es nicht. Die berühmten Sätze des „Agricola“ sind aus der Stimmung des glücklichen Augenblickes geboren, noch stand die Bewährungs¬ probe aus. Aber zumindest das einleitende Kapitel der „Historien“ beweist, daß bei der Niederschrift das Hochgefühl noch nicht erloschen war. Das aber war etliche Jahre nach der Veröffentlichung der Biographie der Fall, selbst wenn, wie es das Gegebene ist, das erste große Hauptwerk nicht als Ganzes, sondern in Etappen herausgegeben wurde: Während des ersten Jahrzehntes der Re¬ gierung Trajans kann sich also das Vertrauen zum Kaiser nicht wesentlich ver¬ mindert haben. Daß er seine imperialistische Außenpolitik bejahte, darf man getrost annehmen. Und wenn Trajan auch dem Senat Zügel anlegte und selbst¬ herrlich seine Entschlüsse traf, Gedanken- und Gewissensfreiheit blieben be¬ stehen, wie es Tacitus Hist. I 1,4 mit weithin hallenden Worten ausgesprochen hat: rara temporum felicitate, ubi sentire quae velis et quae sentias dicere licet. Daß er in den „Annalen niemals wieder den Namen des Kaisers nennt, beweist nicht, daß sich seine Gesinnung geändert hat: In den „Historien“ schweigt er auch, von der Einleitung abgesehen, über ihn. Der Grund dafür ist wahrschein¬ lich viel eher in seinen strengen Anschauungen über das zu suchen, was in ein solches Geschichtswerk aufgenommen werden dürfe. Agr. 3,3 entwickelt Tacitus auch bereits sein Programm für weitere literarische Pläne: non tarnen pigebit vel incondita ac rudi voce memoriam prioris servitutis ac testimonium praesentium bonorum composuisse. Den ersten Teil dieses Pro¬ gramms hat er in den „Historien“ wieder aufgegriffen und gleichzeitig den zweiten für eine spätere Zeit zurückgeschoben: quod si vita suppeditet, princi¬ patum divi Nervae et Imperium Traiani, uberiorem securiorernque materiam, senectuti seposui. Dies Festhalten an der einmal bestimmten Linie —wenigstens für die ersten Jahre — macht es unwahrscheinlich, daß die „Germania“ als ein Fremdkörper dazwischen geschoben ist. Welchen besonderen Zwecken dies kost¬ bare Werk, das trotz mancher Schwächen seinen unvergänglichen Wert niemals einbüßen wird, auch sonst noch dienen sollte, daß es in einem inneren Zu¬ sammenhang mit den „Historien“ steht, darf füglich nicht bezweifelt werden. Die Fülle der Geschehnisse auf dem germanischen Kriegsschauplatz gerade wäh¬ rend des Dreikaiserjahres hat gewiß dazu beigetragen, daß er die Monographie niederschrieb, die als Exkurs in dem großen Werk keinen Platz gefunden hätte. Das genaue Datum der Abfassung läßt sich nicht angeben. Denn der Hinweis Germ. 37,2 auf das zweite Konsulat Irajans im J. 98 ist nur als Reverenz¬ bezeugung gegenüber dem Herrscher zu betrachten und hat infolgedessen nur

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die Bedeutung eines term. p. quem: Das Opusculum kann durchaus einige Jahre später entstanden sein. Nicht einmal der Gedanke ist abwegig, daß die Schrift in Germanien selbst verfaßt wurde. Denn für die Jahre 101-104 besitzen wir eine unzureichende Kenntnis der Kommandoverhältnisse am Rhein (Syme, Tac. I 72). Das Verständnis für die den Germanen innewohnende Kraft kann nicht in Rom erworben sein, sondern deutet auf eine unmittelbare Berührung mit jenem Volk hin. Und wenn sich Tacitus dabei im Sachlichen wesentlich auf die Angaben seiner Vorgänger, vor allem des älteren Plinius, gestützt hat, so möge man nicht übersehen, daß auch Vergil, der doch das Landleben kannte, in seinen „Georgica“ weitgehend auf literarische Quellen zurückgegriffen hat. Im J. 100 muß sich Tacitus jedoch in Rom aufgehalten haben, da er aktiven Anteil an dem Prozeß gegen Marius Priscus, Prokonsul von Afrika unter Nerva, nahm und sich zusammen mit Plinius mächtig ins Geschirr legte. Da es dem Angeklagten keineswegs an guten Anwälten gebrach, wuchs sich der Prozeß zu einer cause celebre aus (vgl. Plin. epist. 2,11, der § 17 sein berühmtes Urteil über die Eigenart der Beredsamkeit des Tacitus abgibt). Diese Beteiligung an dem Vorgehen gegen Marius Priscus bekräftigt, daß er nicht willens war, sich völlig von dem Leben auf dem Forum zu lösen, um sich ausschließlich seinen historischen Studien zu widmen. Daneben stand er in lebhaftem Gedankenaus¬ tausch mit Plinius, wie die Briefe 1,20. 7,20 und 8,7 lehren, bei dem es sich vornehmlich um die Erörterung stilistischer Fragen handelte. Dieser ausgedehnte literarische Verkehr, der sich sicherlich auch auf andere Freunde erstreckte, macht es verständlich, daß Tacitus, auch als er bereits mit der Ausarbeitung der „Hi¬ storien“ beschäftigt war, das Bedürfnis empfand, im „Dialogus“ die reichen Früchte seiner intensiven Bemühungen um das Verständnis der Redekunst, ihren Aufstieg und Niedergang der Öffentlichkeit darzubieten.

Der „Dialogus de oratoribus“, dem Freunde Justus Fabius (vgl. RE VI 1772, 58ff. 1773, 16ff.) gewidmet und nach neueren Forschungsergebnissen wohl dem J. 102 zuzuweisen (vgl. R. Güngerich, Festschr. Br. Snell 1956, 145ff.; s. a. Syme, Tac. I 112. II 670fL), weist neben dem „Agricola“ am unverhülltesten das wahre Bild des Tacitus auf, das in den großen Schriften hinter der starren Maske zu verschwinden droht. Der in jüngster Zeit von E. Paratore, Tacito, Milano-Varese 1951, 145ff., mit beträchtlicher Energie unternommene Versuch, die köstliche kleine Schrift Tacitus abzusprechen, muß als gescheitert angesehen werden. Die Zweifel an der Echtheit gehen immer wieder von der Annahme aus, es sei undenkbar, daß jener zur gleichen Zeit stilistisch so stark abweichende Werke habe abfassen können. Dem steht entgegen, daß es für den Verfasser keine Möglichkeit gab, im „Dialogus“, der der lebendigen Konversationssprache angepaßt werden mußte, die stilistischen Besonderheiten seiner Geschichtswerke zum Tragen zu bringen, vgl. das gesunde Urteil Quintilians inst. 10,1,31: historia quoque alere orator em quodam uberi iucundoque suco potest; verum et ipsa sic est legenda, ut sciamus, plerasque eins virtutes oratori esse vitandas. Die Worte des großen Theoretikers bezeichnen vortrefflich die Art und Weise, wie Tacitus bei der Niederschrift des „Dialogus“ seinen eigenen historischen Versuchen gegenüberstand. Daß er die Gespräche der Dialogpartner nicht in dem aufs höchste komprimierten Stil seiner Geschichtswerke wiedergeben konnte, war eine Selbstverständlichkeit. Der Abfluß der Gedanken wäre unerträglich gehemmt worden, das Ganze ein unbefriedigender Torso geworden, und Tacitus 2

Koestermann:

Tacitus,

Annalen,

Buch 1-3

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hätte sich selbst um die Wirkung gebracht. Daß sich aber trotz der genosbedingten Verschiedenheiten mancherlei Fäden, nicht nur inhaltlicher Art, zu den übrigen Schriften hinüberspinnen, spürt der aufmerksame Leser gleichwohl auf Schritt und Tritt. Im übrigen hat Tacitus selbst in der Öffentlichkeit schwerlich anders gesprochen, als es im „Dialogus“ der Fall ist. Wie sehr er sich aber ge¬ rade als Redner bewährt hat, entnimmt man den Äußerungen des Plinius epist. 2,1,6 und 11,17. Endlich, wie hätte Plinius epist. 1,20 erwarten können, mit seinen Ausführungen gegen die brevitas beim Freunde Anklang zu finden, wenn letzterer auch als Redner sich ganz der „Kürze“ verschworen hätte? Schwer begreiflich ist, daß Paratore das berühmte, auch heute noch nicht entweitete Indiz (Plin. epist. 9,10, der mit der Wendung inter nemora et lucos unverkennbar auf Dial. 9,6 und 12,1 anspielt) mit einer Handbewegung bei¬ seite schiebt. Es sei darauf verwiesen, daß allein schon die Ähnlichkeit der Aus¬ gangssituation Dial. 2,1 mit dem Zeugnis des Plinius epist. 4,13,10 pro rei magnitudine rogo, nt ex copia studiosorum, quae ad te ex admiratione ingenii tui convenit, circumspicias praeceptores, quos sollicitare possitnus den Gedanken an Tacitus als Verfasser nahelegt. Überdies ist schwer vorstellbar, daß irgend¬ ein anderer Autor der Zeit die Fähigkeit besessen hätte, die Frage nach den causae corruptae eloquentiae von so hoher Warte zu beantworten. Die Auf¬ fassungen Quintilians haben etwa in den Darlegungen Messallas ihren Nieder¬ schlag gefunden. Aber zu der tiefen historischen Einsicht, wie sie in der Schlu߬ rede des Maternus sichtbar wird (vgl. Koestermann, Hermes 65, 1930, 41 lff.), hätte der große Theoretiker der Redekunst kaum die Voraussetzungen mit¬ gebracht. Auch das gerechte Abwägen der Leistungen der alten und neueren Redner ist das Kennzeichen eines überlegenen Geistes, der nicht in landläufigen Vorstellungen befangen war. Vor allem aber verraten die scharfen Diskrepanzen und inneren Unstimmig¬ keiten in der Persönlichkeit des Maternus eine starke Verwandtschaft mit den Dissonanzen, wie sie ähnlich das gesamte Werk des Tacitus durchziehen. Natür¬ lich ist die Schrift Ausdruck eines reifen Geistes. Der Versuch, den „Dialogus“ an den Anfang der Regierung Domitians zu stellen, hätte daher niemals unter¬ nommen werden dürfen. Dagegen spricht ferner auch die Tatsache - ein höchst auffallendes Phänomen -, daß der Name Senecas, der doch einer ganzen Epoche das Gepräge gegeben hat, nicht ein einziges Mal fällt. Das war nur möglich, wenn jene Epoche dem geistigen Betrachter schon ferner gerückt war, und setzt die Kritik voraus, die Quint, inst. 10,1,125-131 an Seneca geübt hatte (das eigene, Abstand nehmende Urteil des Tacitus über diesen Ann. 13,3,1 ut fait illi vito ingenium amoenum et temporis eius auribus accommodatwn ).

Das erste Jahrzehnt des 2. Jahrhunderts war im übrigen ausgefüllt mit Vor¬ arbeiten für die „Historien“ und deren Ausgestaltung. Wer wie Tacitus den usdruck bis ins kleinste gefeilt hat, kann nicht schnell gearbeitet haben. Man muß vielmehr mit einer längeren Zeitspanne rechnen, innerhalb deren er sich seinem Werk mit Hingabe gewidmet hat. Die Konkordanz zwischen Hist I 1 4 und der Ankündigung Agr. 3,3 nötigt zu dem Schluß, daß er sich schon bald nach dem Agricola“ der neuen Aufgabe zugewandt hat. Anderseits lassen die Briefe des Plinius 6, 16 und 20 sowie 7,33, die anscheinend um 108 n Chr ge¬ schrieben wurden (vgl. Syme, Tac. II 663), erkennen, daß der Abschluß kaum vor 110 erfolgt ist. In jenen Briefen ist Plinius bereit, dem Freunde wichtige

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Aufschlüsse zu erteilen (über den Vesuvausbruch a. 79 und den Prozeß gegen Baebius Massa unter Domitian), die dieser für die „Historien“ benötigte. Epist. 7,33, 1 gibt er überdies seiner Bewunderung Ausdruck über die schon erschiene¬ nen Teile des Werkes (oder die er zu Gesicht bekommen hatte): auguror, nec me fallit augurium, historias taas immortales futuras. Von den „Historien“ sind vollständig auf uns gekommen nur die vier ersten Bücher und der Anfang des fünften. Die Darstellung reicht bis in das J. 70 (der Jahreseinschnitt wird IV 38,1 markiert) und bricht V 26,3 unmittelbar vor der Deditio des Civilis ab. Der Rest des Buches wird in der Hauptsache mit der Schilderung der Einnahme Jerusalems durch Titus ausgefüllt gewesen sein. Uber die weitere Anordnung des Stoffes und die Gesamtzahl der Bücher läßt sich nichts mit Sicherheit ausmachen. Nach dem Zeugnis des Hieronymus Comm. ad Zach. 3, 14 umfaßten „Historien“ und „Annalen“ in der Überlieferung zu¬ sammen 30 Bücher: Cornelius Tacitus, qui post Augustum usque ad mortem Domitiani vitas Caesarum triginta voluminibus exaravit. Da auch das 16. Buch der „Annalen“ mitten im Satz abbricht (cap. 35,2), ist die Aufteilung der 30 Bücher auf die beiden Werke umstritten. Zweifellos hat Tacitus für die „An¬ nalen“ drei Hexaden, also 18 Bücher, geplant. Aber niemand vermag zu sagen, ob er über das 16. Buch hinausgekommen ist oder ob ihn der Tod überrascht hat, so daß für die „Historien“ die Wahl zwischen 12 und 14 Büchern bleibt. Da die Regierung Vespasians nicht mehr allzuviel Fakten bot, die eine Aufzeichnung verdienten, könnte ihre Darstellung mit dem 6. Buch zum Abschluß gelangt sein. Für den Prinzipat des Titus wird Tacitus schwerlich mehr als ein Buch benötigt haben, um alsdann in breit ausladender Schilderung in fünf bzw. sieben Büchern die Geschichte prioris servitutis zu bringen. Daß gerade dieser letzte Teil ver¬ loren ging, ist doppelt schmerzlich, da einmal dadurch der unmittelbare Ein¬ blick in die Werkstätte des Historikers versagt ist, der für diese Zeit auf die eigene Heranschaffung des Materials angewiesen war, und zum anderen die Voraussetzungen genommen sind für einen Vergleich zwischen den in diesen Büchern von ihm angestellten grundsätzlichen Erwägungen über die Problema¬ tik der Monarchie, an denen es nicht gefehlt haben kann, und den später von ihm in den „Annalen“ vertretenen politischen Ansichten. Wohl nach Fertigstellung der „Historien“ trat Tacitus die Statthalterschaff Asiens, der angesehensten senatorischen Provinz, an (vgl. die Inschrift von Mylasa in Karien, in der sein Name fällt, und dazu Doublet-Deschamps, Bull, de corr. hell. 1890,621, und R. Meister, Arch. Beibl. der ÖJh. 1931/32, 239ff.), die er anscheinend a. 112f. inne gehabt hat (vgl. A. J. Suskin, AJA. 40,1936, 71f.; Syme, Tac. II 665). Sie führte ihn in die Welt des Ostens, -in der er sich mit wachen Augen umgesehen hat. Das ungemeine Interesse, das er hinfort an den Vorgängen in Kleinasien nahm, tritt an zahlreichen Stellen seines zweiten großen Hauptwerkes hervor. Allzu positiv können seine Eindrücke von Grie¬ chen und Orientalen nicht gewesen sein, denn die Abneigung, die er beiden ent¬ gegenbringt, verrät sich in den „Annalen“ bisweilen in fast erschreckender Weise. In Asien muß er auch nähere Bekanntschaft mit den Christen gemacht haben. Während aber der Briefwechsel des Plinius in seiner Eigenschaft als Statthalter Bithyniens mit Kaiser Trajan als Zeugnis menschlicher Toleranz gegenüber den für einen Römer schwer begreiflichen Anhängern der christ¬ lichen Heilslehre bewertet werden kann, haben wir bei Tacitus einzig die 2’

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bitteren und galligen Bemerkungen Ann. 15,44, die kaum den Eindruck er¬ wecken, daß er sich der Mühe unterzogen hat, der Sache auf den Grund zu gehen, obwohl er in Asien sicherlich vor die gleichen Probleme gestellt wurde wie sein Freund Plinius. Die Inschrift von Mylasa kündet zum letzten Mal von seiner politischen Wirk¬ samkeit. Ob er danach noch einmal zu wichtigen Aufgaben herangezogen wurde, steht dahin, wahrscheinlich ist es nicht (Syme, Xac. II 475). Möglicherweise wurde er verbittert, als er erkannte, daß er hinter anderen zurücktreten mußte, die ihn an Begabung und Charakter nicht erreichten. Aber es gibt nicht den geringsten sicheren Anhaltspunkt, so daß sich seine Geisteshaltung im letzten Lebensabschnitt nur indirekt aus der Lektüre der „Annalen“ - mit fragwürdi¬ gem Ergebnis - erschließen läßt. Schon bald nach seiner Rückkehr aus dem Osten muß der Plan Gestalt an¬ genommen haben, nunmehr auch die Geschichte der julisch-claudischen Dynastie zu schreiben. Das bedeutet eine radikale Abkehr von seinem ehemaligen Vor¬ satz, nach Beendigung der „Historien sich der eigenen Gegenwart zuzuwenden. Der Verzicht ist begreiflich. Bei näherem Überlegen mußte sich erweisen, daß es weniger riskant und anstößig war, die Vergangenheit zu schildern als das imperium Traiani, auch wenn sich letzterer aller Übergriffe enthielt. Über die Schreckenszeit Domitians gab es bei allen führenden Männern der Zeit nur ein und dieselbe Meinung. Wenn sich Tacitus mit Takt und gesundem Instinkt für die Wirklichkeit darüber verbreitete, war er der allgemeinen Zustimmung ge¬ wiß. Ganz anders stand es hingegen mit der Gegenwart. Auch wenn er den Prinzipat Trajans bejahte, war es dennoch geboten, sich auf dem schwierigen Parkett mit großer Vorsicht zu bewegen, um keinen der Hauptakteure zu ver¬ letzen. So konnte trotz der Kriegstaten des Kaisers, die an sich dem Historiker ein dankbares Betätigungsfeld eröffneten, im Endergebnis nur eine farblose und eher verwaschene Darstellung dabei herausspringen. Den dithyrambischen Ton dessen sich Plinius im „Panegyricus“ befleißigte, bis zur Ermüdung festzuhalten, vermochte einen Tacitus gewiß nicht zu befriedigen. Anderseits versuche man sich vorzustellen, wohin es geführt hätte, wenn er die Geschichte Trajans mit der für seine großen Werke bezeichnenden Direktheit und Unverblümtheit ausgemalt hätte, um sofort zu erkennen, daß der Gedanke unmöglich ist. Auch wenn sein Verhältnis zu Trajan nicht nennenswert gestört war, an größeren und < e'n^ren Reibungsflächen konnte es in der damaligen Gesellschaft nicht fehlen, und Tacitus war nicht der Mann, in einem Geschichtswerk darüber hinwegzug eiten. Es sei darauf verwiesen, daß die letzten Bücher des Livius, in denen er doch nur die glücklicheren Jahre des augusteischen Prinzipates bis zum J. 9 v. Chr. behandelte, gleichwohl offenbar so zahm ausgefallen sind, daß sie von der späteren Historiographie als Quelle für diese Zeit beiseite geschoben wur¬ den (vgl. Syme, Livy and Augustus, Harv. Stud. 64, 1959, 74f.). Damit gewinnt man einen Maßstab für die Schwierigkeiten, vor denen auch Tacitus gestanden hatte. So aber wie Livius in jenen Büchern wollte er nicht Geschichte schreiben. Statt dessen hat er den Blick noch weiter nach rückwärts gewandt: Unter Aussparung des ersten Prinzipates hat er die Zeit von 14-68 n Chr kritisch unter die Lupe genommen. Daß der Ansatzpunkt der „Annalen“ indessen nicht sonderlich glücklich war, hat er schon bald erkannt und demzufolge seinen Vor¬ satz bekundet (Ann. 3,24,3), in einem letzten Werk auch die gesamte Aera des

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Augustus in den Kreis seiner Untersuchungen einzubeziehen. Es trieb ihn letzt¬ lich, endgültig Klarheit über die Gründe zu gewinnen, die zur Aufrichtung der Staatsform des Prinzipates führten, und ebenso über die Tatsachen, die für dessen Weiterentwicklung entscheidend ins Gewicht fielen. Wann er mit dem zweiten Hauptwerk begonnen hat, steht wiederum zur Diskussion. Viel hängt von der Auslegung von Ann. 2,61,2 ab, der einzigen Stelle, die einen Fingerzeig zu geben vermag (s. den Kommentar z. St.; ferner Syme, Tac. II 47Off.): exin ventum Elephantinen ac Syenen, claastra olim Ro¬ mani imperii, quod nunc rubrum ad mare patescit. Die letzten Worte - am Ab¬ schluß des Berichtes über die Reise des Germanicus - tragen einen stark em¬ phatischen Charakter, der nicht übersehen werden darf. Der geistvolle, vor allem von K. Meister, Eranos 46, 1948, 94ff., mit viel Gelehrsamkeit verfochtene An¬ satz, der in jenen Worten einen Hinweis auf die zwischen 100 und 115 erfolgte Eingliederung der Region praefecti Berenicidis am Roten Meer in den Ver¬ waltungsbezirk des praefectus Aegypti erblickt, scheitert an der Unerheblichkeit des Geschehens, zumal der Distrikt faktisch immer zum römischen Reich gehört hat. Eher könnte man an die Einziehung des Königreiches der Nabataeer 105 oder 106 n. Chr. und die Einrichtung als römische Provinz denken (so besonders K. Wellesley, Rh. Mus. 98, 1955, 135ff.), die in der Tat eine wichtige Vorver¬ legung des römischen Reiches in jener Gegend bis an die Gestade des Roten Meeres bedeutete. Aber der Blick des Tacitus ist von Syene offenbar vorwärts, nicht nach rückwärts gerichtet. Und da bliebe als einziger Ausweg der Gedanke an die vorübergehende Besitzergreifung des Zwischenstromlandes durch Trajan im J. 116, die ihn in die Nähe des Persischen Golfes führte, der im römischen Sprachgebrauch ebenfalls als Teil des mare rubrum galt. Diese alte, auf den großen J. Lipsius zurückgehende Auffassung ist von Syme mit gewichtigen Ar¬ gumenten abgestützt und verfochten worden. Indessen bleibt auch so eine Schwierigkeit bestehen, die sich nicht leicht aus der Welt schaffen läßt. Man ist nämlich gezwungen, nunc an dieser Stelle an¬ ders zu deuten als im vorhergehenden Kapitel 2,60,4: haud minus magnipca quam nunc vi Parthorum aut potentia Romana iubentur. Da hier Tacitus un¬ zweifelhaft noch die Zeit vor Augen hat, in der eine Art Gleichgewicht zwischen der römischen und parthischen Herrschaft im Osten bestand, könnte es sich, wenn man die Deutung von Lipsius übernimmt, cap. 61,2 nur um einen spä¬ teren, kurz vor der Veröffentlichung hastig erfolgten Zusatz handeln, der durch jenes wichtige Zeitereignis im J. 116 bedingt war. Dadurch wäre nun freilich die Gesamtdarstellung in diesem Abschnitt in die Brüche gegangen. Der Zusatz müßte voraussetzen, daß die eigentliche Niederschrift der ersten Bücher vor 116 geschah. Da B. 1-3 eine Einheit bilden und Tacitus augenfällig am Anfang des 4. Buches einen neuen Ansatz macht, werden jene auch zusammen veröffent¬ licht worden sein. Sollten Ann. 1,5, wie nach dem Vorgang von P. L. Strack von Syme vermutet wurde (s. z. St.), versteckte Hinweise auf die mysteriösen Vorgänge beim Regierungsantritt Hadrians gegeben sein, so könnte die Edition nicht vor 117 angesetzt werden. Dann fielen alle späteren Annalenbücher in die Regierungszeit Hadrians, und der Tod des Tacitus könnte nicht vor der Mitte der zwanziger Jahre eingetreten sein. Wie so vieles andere ist aber auch diese Überlegung mit viel Hypothetischem behaftet. Daß sich Tacitus noch rüstig fühlte, als er den Prinzipat des Tiberius behandelte, geht daraus hervor, daß er 3,24,3 ein weiteres Hauptwerk in Aussicht stellte.

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Auch die „Annalen“ sind nicht vor dem Schicksal bewahrt worden, als Torso auf die Nachwelt zu kommen. Der größte Teil des 5. Buches mit der Darstellung des Sturzes des bis dahin allmächtigen Günstlings des Kaisers ist verloren ge¬ gangen. Es fehlen weiter die Bücher 7—10 und der Anfang des 11., während am Ende auch das 16. Buch nur verstümmelt vorliegt. Bei der Gliederung des Gesamtwerkes liegt die Hexadenteilung klar zutage. Die erste Sechsergruppe zerfällt wiederum in zwei Hälften. Dabei läßt Tacitus zu Beginn des 4. Buches den „Wendepunkt“ in der Regierung des Tiberius, den Umschlag zum Bösen, nachhaltig hervortreten. Eine zweite Hexade, endend mit Buch 12, umfaßte die Herrschaft Caligulas und des Claudius. Dabei ist kaum anzunehmen, daß auf die erstere mehr als zwei Bücher entfielen, da in den nicht erhaltenen Büchern der Bericht über die Expedition des Claudius stand, dem sicherlich breiter Raum gewährt war. In diesen Büchern wird Tacitus außerdem alles Gewichtige über diesen Kaiser zusammengetragen haben, denn Buch llf. eilt er mit spürbarem Überdruß über seine spätere Regierung hinweg. Am meisten Schwierigkeiten bereiten die letzten Bücher dem Verständnis. Angesichts der Fülle des Materiales, das gerade die Ereignisse am Ende der Regierung Neros boten, ist es ausgeschlossen, daß das alles in der zweiten Hälfte des 16. Buches Platz gefunden hätte. Es kann nicht der mindeste Zweifel be¬ stehen, daß Tacitus sich mit der Absicht trug, das monumentale Werk in 18 Büchern zum Abschluß zu bringen: Das wäre das Mindeste des Erforderlichen gewesen. Neros Griechenlandreise mit allen damit zusammenhängenden Ge¬ schehnissen wie der Ermordung Corbulos, der Judenkrieg, die Erhebung des Vindex und ihre Niederschlagung, Sturz und Tod Neros, alles das und vieles andere hätten viele Seiten ausgefüllt, selbst wenn man davon absieht, daß der Historiker anläßlich des Zusammenbruches der julisch-claudischen Dynastie vielleicht seinem Werk noch einen großangelegten Epilog anfügen wollte. Auch stände dahin, ob er nicht daran gedacht hat, die „Annalen“ bis zum 1. Jan. 69 fortzuführen, um den Anschluß an die „Historien“ zu erreichen. Eine andere Frage ist hingegen, ob er mit der Arbeit wirklich über das 16. Buch hinaus¬ gekommen ist. So „taciteisch“ der Autor auch in der zweiten Hälfte der „Annalen“ geblie¬ ben ist, so hat man doch mit der Zeit schärfer erkannt, daß gewichtige Unter¬ schiede gegenüber B. 1-6 bestehen. Daß sich die Geschichte der Regierung Neros gegenüber dem geschlossenen Aufbau der Tiberius-Bücher mehr und mehr in Einzelerzählungen auflöst, ist freilich damit zu erklären, daß Nero nicht im entferntesten das Format der Persönlichkeit des zweiten Prinzeps besaß, der alle Fäden straff in der Hand behielt, während ersterer keinerlei eigene poli¬ tische Linie hatte und von den Umständen hin und her geworfen wurde. Ge¬ wichtiger ist die Tatsache, daß sich in den letzten Büchern auch stilistisch ein Wandel anzubahnen scheint und daß sich Wölfflins These von der fortlaufen¬ den Weiterentwicklung des taciteischen Stiles, der erst am Ende der Annalen seinen Höhepunkt erreiche, als irrig erwies (vgl. E. Loefstedt, Syntact. I, 1928, 264f. II, 1933,283ff.; N. Eriksson, Stud. zu den Ann. des Tac., Diss. Lund 1934). Dazu treten die Beobachtungen von Syme, Tac. I 340-363. II 711-745, daß sich in jenen Büchern (neben Stilwidrigkeiten in den allerletzten Kapiteln) sachliche Unstimmigkeiten und Unebenheiten aufweisen lassen, die einer aus¬ reichenden Erklärung bedürfen. Gegen die Vermutung, daß ein Nachlassen sei¬ ner geistigen Kräfte infolge zunehmender Altersschwäche dafür verantwortlich

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sei, spricht die Tatsache, daß einzelne Abschnitte gerade dieser Bücher seine voll ausgereifte Meisterschaft eindrucksvoll bekunden und schlechthin Höhe¬ punkte der Erzählungskunst sind. Unter diesen Umständen hätte die Annahme manches für sich, daß die Bücher in ihrer vorliegenden Gestalt noch nicht die endgültige Fassung haben, sondern noch einer weiteren Überarbeitung harrten, mit anderen Worten, daß Tacitus darüber hinweggestorben ist (Koestermann, Gnomon 11, 1935, 319ff.). Bemerkenswert ist, daß die letzten sechs Bücher des scharfen Einschnittes nach B. 15 ermangeln, den man in Analogie zur ersten Annalenhälfte erwarten würde, inlusit delünc Neroni fortuna (16,1,1) knüpft unmittelbar an das Vor¬ hergehende an. Es ist also undenkbar, daß B. 13-15 gesondert ediert wurden. Erst 16,14 setzt der Bericht über das J. 66 ein. Die Kapitel 1-13 hängen hin¬ gegen aufs engste mit B. 15 zusammen, während demgegenüber in B. 4 sofort mit den ersten Worten die Konsuln für das J. 23 namhaft gemacht werden. An¬ derseits erhält das 15. Buch einen scharf pointierten Abschluß mit dem Hinweis auf die Sentenz des Anicius Cerealis, man solle Nero, tamquam mortale fastigium egresso, noch zu seinen Lebzeiten einen Tempel errichten, was Tacitus mit schrillem Hohngelächter vermerkt. Die ersten drei Bücher der dritten Hexade hätten damit einen perversen Höhepunkt erreicht, während am Ende der letz¬ ten der Höllensturz Neros stände. Seltsam berührt übrigens, daß Tacitus 16, 17, 1 anläßlich des Verderbens des gleichen Anicius im Gegensatz zu seinen sonstigen Gepflogenheiten mit keinem Worte jener früheren Episode gedenkt. Etwas anderes aber tritt am Ende des 15. Buches und erst recht im 16. Buch mit fast bestürzender Gewalt zutage. Die Farben werden immer greller, der Ton schriller, und das Interesse des Historikers konzentriert sich mehr und mehr, zuletzt fast ausschließlich, auf Tod und Sterben so vieler hervorragender Män¬ ner, während er alles andere, von dem beängstigenden Treiben Neros ab¬ gesehen, der in eine närrisch-dämonische Beleuchtung rückt, fast widerwillig beiseite schiebt. Sein ganzes Augenmerk gilt nunmehr der Art, wie die einzel¬ nen ihr schweres Schicksal auf sich nehmen und in den Tod gehen. Aus dem theatrum mundi ist allein ein einziger ununterbrochener Totentanz übrig ge¬ blieben. Schwerlich kann das nur dadurch bedingt sein, daß sich nach der Auf¬ deckung der pisonischen Verschwörung die Todesurteile häuften (und erst recht nicht durch Abhängigkeit von der exitus- Literatur [Plin. epist. 5,5,2. 8,12,4]). Von Massensterben hat Tacitus auch in anderen Teilen seines Werkes zu be¬ richten, aber nirgends verweilt er auch nur entfernt mit der gleichen Ausführ¬ lichkeit bei dieser Nachtseite des Lebens. Nun beteuert er zwar 16, 16, 1 at nunc patientia servilis tantumque sanguinis domi perditum fatigant animum et maestitia %restringunt, worauf dann jener merkwürdige Satz folgt neque aliam defensionem ab iis, quibus ista noscentur, exegerim, quam ne oderim (oderint al.) tarn segniter pereuntes und am Ende nach dem Hinweis auf den Zorn der Götter das Bekenntnis detur hoc inlustrium virorum posteritati, ut, quo modo exsequiis a promiscua sepidtura separantur, ita in traditione supremorum accipiant habeantque propriam memoriam. Aber das mutet fast wie ein Versteckspiel an, um dahinter die wahren Gedanken zu verbergen. In Wahrheit zieht ihn das Motiv der Todesnähe mit fast magischer Gewalt an, er kann sich davon nicht losreißen. Wo weilten die Gedanken des greisen Tacitus bei der Niederschrift dieser Kapitel? Wir werden es niemals erfahren. Aber auf eins soll wenigstens noch hingewiesen werden. Kurz vor

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seinem Hinscheiden stagnum calidae aquae introiit (Seneca ), respergens proximos servorum addita voce libare se liquorem illum Iovi liberatori (Ann. 15, 64,4). Die Szene wiederholt sich mit überraschender Gleichmäßigkeit 16,35,1 beim suicidium des großen Thrasea: postquam cruorem effudit, humum super spargens, propius vocato quae störe (der seltsamerweise ungenannt bleibt) „libamus“ inquit „Iovi liberatori . . .“. Was bedeutet diese Übereinstimmung und was die Worte, die Tacitus anschließend Paetus an den Quaestor richten läßt? Sind dies die letzten Sätze, die er niedergeschrieben hat, und hat auch er den Tod als Befreier begrüßt? Niemand vermag es zu sagen, aber wirkungsvoller hätte er sein monumentales Werk nicht beschließen können. Wir müssen jetzt erneut die Frage aufgreifen: Wer war Cornelius Tacitus? Ein großer Redner, ein hervorragender Stilist und Künstler - gewiß, damit hat er seinen Ruhm begründet. Sicherlich war er auch ein gewissenhafter und pflicht¬ eifriger Beamter und Senator. Aber das waren andere auch, ohne deshalb aus dem Bereich der Mittelmäßigkeit herauszutreten (vgl. das Urteil über Poppaeus Sabinus Ann. 6, 39, 3, dem seine Auszeichnungen zuteil wurden nullam ob eximiam artem, sed quod par negotiis neque supra erat). Besaß Tacitus etwas, was ihn darüber hinaus hob und damit qualifizierte, der Geschichtsschreiber der römischen Kaiserzeit zu werden? Hatte er eine in sich geschlossene Weltanschau¬ ung, überlegene politische Einsicht, klares Verständnis für die Notwendigkeiten des Imperiums und die Möglichkeiten, die den Angehörigen der höheren Stände unter dem Prinzipat verblieben waren? Angesichts des Fehlens aller anderen Aussagen können diese Fragen, wenn überhaupt, nur aufgrund des Studiums seiner Werke beantwortet werden. Am Ende seiner ergreifenden Schilderung des Todes der Octavia, der un¬ glücklichen Gattin Neros, ergeht sich Tacitus Ann. 14,64,3 in Lamentationen über das politische und moralische Elend der Zeit: quicumque Casus temporum illorum nobis vel aliis auctoribus noscent, praesumptum habeant, quotiens fugas et caedes iussit princeps, totiens grates deis actas, quaeque rerum secundarum olim, tum publicae cladis insignia fuisse. neque tarnen silebimus, si quod senatus consultum adulatione novurn aut patientia postremum fuit. Durch welche Ge¬ fühle ist dieser leidenschaftliche Ausbruch bedingt? Ist es auf Einsicht in das Unabänderliche beruhende trübe Resignation oder bittere, in Sarkasmus sich kleidende Verachtung menschlicher Schwäche und Unzulänglichkeit? Die Worte neque tarnen silebimus, also die unverkennbare Absidit, das Geschehene anzu¬ prangern, lassen bei einem unbefangenen Leser kaum einen Zweifel, daß die letztere Deutung angebracht ist. Das ist nun freilich ein eigenartiges Ergebnis. Wird doch gleichsam assoziativ sofort die Erinnerung lebendig an den berühm¬ ten Satz Agr. 2,3: dedimus profecto grande patientiae documentum; et sicut vetus aetas vidit quid ultimum in über täte esset, ita nos quid in servitute. Was Tacitus an jener Stelle des 14. Buches zum Ausdruck bringt, dient also in Wahr¬ heit auch zur Kennzeichnung seines eigenen Verhaltens und desjenigen seiner Standesgenossen unter der Tyrannis Domitians. Die Knechtschaft, die er am Anfang der Biographie in so beweglichen Worten schildert, hat er gegen Ende der Schrift noch einmal beschworen und ihr Wesen durch Vorführung erschüt¬ ternder Einzelheiten deutlich gemacht: nostrae duxere Helvidium in carcerem manus; nos Maurici Rusticique visus, nos innocenti sanguine Senecio perfudit (Agr. 45, 1). An beiden Stellen spricht Tacitus im Plural, er bezieht seine Per-

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son mit ein, auch er ist „mitschuldig“ geworden. Die menschliche Herabwürdi¬ gung hat ihren Tiefpunkt erreicht: Der Senator Tacitus hat sich der Abstim¬ mung im Senat nicht entziehen können, bei der auf schuldig erkannt wurde ge¬ gen Männer, deren Unbescholtenheit und edler Gesinnung er seine volle An¬ erkennung nicht versagen konnte. Den Sitzungen fernzubleiben, hat er nicht gewagt, denn praecipua sub Domitiano miseriarum pars erat videre et aspici, cum suspiria nostra subscriberentur etc. Wieweit er sich demütigen mußte, kann man nur noch ahnen. Einen wichtigen Anhaltspunkt gibt lediglich Ann. 16,22,1, worüber schon früher gehandelt wurde. Der Stoiker Thrasea hatte sich seiner Pflicht als Quindecimvir, vota pro incolumitate principis nuncupare, aus moralischen Bedenken ferngehalten. Nichts deutet darauf hin, daß der Quindecimvir Tacitus dem Beispiel Thraseas gefolgt ist. Der Schluß ist viel¬ mehr notwendig, daß er sich willenlos der knöchernen Hand des Tyrannen gefügt hat. Damit ist etwas Wesentliches gewonnen. Zwischen der anspruchsvollen sitten¬ richterlichen Geste, die den großen historischen Werken, wenn auch nicht aus¬ schließlich, das Gepräge gibt, und dem eigenen Versagen unter Domitian, dem vile obsequium, klafft ein auf keine Weise zu überbrückender Abgrund. Nimmt man Ann. 16,16 hinzu, wo sich Tacitus über die patientia servilis der Opfer der Terrorjustiz Neros in Wendungen ausläßt, die sich nur schwer dem Ver¬ ständnis eröffnen, so drängt sich der Eindruck auf, daß es Tacitus niemals ge¬ lungen ist, mit den ihn bestürmenden, in Wahrheit auch kaum lösbaren Pro¬ blemen fertig zu werden. Er war nicht die harte Persönlichkeit aus einem Guß, als die er erscheinen möchte, und keineswegs „das letzte ungebrochene römische Raubtier“, wie es Fr. Dornseiff in ebenso paradoxer wie falscher Überspit¬ zung formuliert hat. Das wird ganz deutlich, wenn man ihn an seinem großen Vorbild Sallust mißt, der anscheinend niemals den Gegensatz zwischen seiner zensorischen Geste und dem eigenen Lebenswandel überhaupt empfunden hat, sich jedenfalls völlig unbekümmert darüber hinwegsetzt. Es verlohnt sich, den inneren, von Tacitus nicht bewältigten Widersprüchen noch weiter nachzugehen. Der „Agricola“ enthält eine ganze Anzahl Stellen, die zum Nachdenken nötigen. Die Schrift ist als laudatio seines Schwiegervaters gedacht, und in ihr ist alles zusammengetragen, was dem Ruhme Agricolas dienlich war. Aber die Rechnung geht keineswegs voll auf. Gewiß, Agricola hat sich anscheinend als Feldherr bewährt und hat auch in der Provinzialver¬ waltung Treffliches geleistet, selbst wenn bei der naturgemäß panegyrischen Darstellung des Tacitus einige Abstriche zu machen sind. Wie aber steht es mit seiner Tätigkeit als Beamter in Rom? Agr. 6,3f. heißt es: mox iuter quaesturam ac tribunatum plebis atque ipsum etiam tribunatus annum quiete et otio transiit, gnarus sub Nerone temporum, quibus inertia pro sapientia fuit. idem praeturae tenor et silentium (mit dem erläuternden, aber kaum etwas erklärenden Zusatz nec enim iurisdictio obvenerat). Auch über das Konsulatsjahr weiß Iacitus Agr. 9,6 nichts in die Augen Fallendes zu berichten, obwohl Agricola nach cap. 7,2 rechtzeitig den Anschluß an Vespasian vorgenommen hatte und sicherlich in der Gunst des Kaisers stand: Das Verhalten des Konsuls war wahrscheinlich wieder¬ um durch vorsichtige Zurückhaltung gekennzeichnet. Entscheidend ist jedoch die Aussage über Tribunat und Praetur, die wohl auch für des Tacitus Amts¬ führung unter Domitian Gültigkeit hat.

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Der Historiker bezeichnet Agricolas Auftreten als zeitbedingte inertia, lieber freilich umschreibt er den Sachverhalt mit Worten wie qiiies, otium und Silen¬ tium (oder tranquillitas cap. 40,4). So wenig eindrucksvoll wie sein Verhalten unter Nero war - und das muß sogleich hinzugefügt werden - die Art, wie sich Agricola nach seiner Rückkehr aus Britannien aufführte, so daß nach dem eige¬ nen Zeugnis des Tacitus Agr. 40,4 die Öffentlichkeit, die ein anderes Bild von der Persönlichkeit eines „großen Mannes“ in sich trug, sich keinen Vers daraus zu machen vermochte. Ist es verwunderlich, daß Tacitus cap. 1 so eindringlich um Verständnis für sein Anliegen werben mußte? Die zeitgenössischen obtrectatores spielen auch in den „Historien“ eine gewichtige Rolle, invidia und livor waren in der buntscheckigen Gesellschaft der damals mit aller Macht nach vorn drängenden homines novi gewiß beherrschende Eigenschaften. Anerkennung für Leistungen wurde offenbar nur widerwillig gezollt. Man begreift, welche Mühe es Tacitus kostete, seiner Auffassung von der Persönlichkeit Agricolas zum Siege zu verhelfen. Daß er selbst nicht voll vom Gelingen überzeugt war, könnte man den abschließenden Worten cap. 3, 3 entnehmen: hie interim über honori Agricolae soceri mei destinatus, professione pietatis aut laudatus erit aut excusatus. Mit jener Klassifizierung seiner Haltung cap. 6,3 wird Agricola nahe an Galba herangerückt (vgl. Hist. I 49, 3 metus temporum obtentui, ut, quod segnitia erat, sapientia vocaretur ) und an so viele andere Männer, bei denen Tacitus in den großen Werken meist mißbilligend und tadelnd vermerkt, ihr Leben lasse sich in Perioden mit entgegengesetztem Vorzeichen zerlegen, solche, die durch kraftvolle Aktivität bestimmt waren, und andere, in denen jene, zumal in der Nähe des Hofes, in völliger Passivität verharrten und erstarrten. Man mag die Entschuldigung, die Tacitus für Agricola vorbringt, gelten lassen. Wird aber dann nicht ein Satz wie Agr. 41,3 comparantibus cunctis vigor em, constantiam et expertum bellis animum cum inertia et formidine aliorum in der Sub¬ stanz nahezu entwertet? Die alii konnten, sofern sie nicht schon durch den Dienst in der 1 rovinz abgestempelt waren, darauf verweisen, daß es in Rom unter einem Dominitian keine Möglichkeit für kraftvolle Betätigung gab. Ob sie vigor besaßen, vermochte sich demgemäß erst zu zeigen, wenn sie, wie Agricola, Ge¬ legenheit fanden, sich im außerrömischen Einsatz zu bewähren. In Rom ging alles in der uniformen Masse der zum vile obsequium Gezwungenen unter. Nie¬ mand war in der Lage zu entscheiden, ob segnitia und inertia der eigenen natür¬ lichen Veranlagung entsprachen oder durch die Umstände geboten waren. Wel¬ chen Nutzen hatten moderatio und prudentia für den Staat, wenn ihre Träger zur vollen Untätigkeit verurteilt waren? Damit ist in Wahrheit der von Tacitus Agr. 42, 3f. entwickelten Grundthese (dazu Koestermann, Gnomon 25, 1953, 5l4f.) der Boden entzogen. Die Maßlosigkeit der Invektive an dieser Stelle soll in Wirklichkeit nur seine eigene Unsicherheit überdecken: Eine rational über¬ zeugende Erklärung vermochte er nicht zu geben. Kein Wunder, daß eine solche Doktrin, wie sie sich Tacitus im „Agricola“ zu eigen gemacht hatte, von Individuen aufgegriffen wurde, über deren mora¬ lische Anrüchigkeit sich niemand Illusionen machte. In den „Historien“ legt J acitus dem üblen Delator Eprius Marcellus Worte in den Mund, die haar¬ genau die gleiche Einstellung zum Ausdruck bringen, wie sie Agricola und un¬ ter seinem Einfluß auch sein Schwiegersohn vertreten hatten: se meminisse tem¬ porum, quibus natus sit, quam civitatis formam patres avique instituerint; ulte-

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riora mirari, praesentia sequi; bonos imperatores voto expetere, qualescumque tolerare. non magis sua oratione Thraseam quam iudicio senatus adflictum . . . denique Constantia fortitudine Catonibus et Brutis aequaretur Helvidius: se unum esse ex illo senatu, qui simul servierit (Hist. IV 8,2f.). Diese inhaltsreichen Ausführungen decken sich weitgehend mit den Maximen, für die sich Tacitus mit solcher Vehemenz eingesetzt hatte. Auch Agricolas Lebenswille hatte sich in vota erschöpft, indem er gleichsam auf die glücklichere Zukunft einen Wechsel ausstellte (vgl. Agr. 44,5 beatissimi saeculi ... quod augurio votisque apud tiostras aures ominab atur ). Diese Gebete konnten nicht darüber hinwegtäuschen, daß auch für ihn der Leitsatz galt, qualescumque im¬ peratores tolerare. Und das Argument, se unum esse ex illo senatu, qui simul servierit, war ein Eingeständnis, um das auch Agricola und erst recht nicht Tacitus herumkamen. Wie aber klangen weiter die Worte non magis sua ora¬ tione Thraseam quam iudicio senatus adflictum in den Ohren des Historikers? An dem Urteilsspruch gegen Thrasea hatte auch Agricola in seiner Eigenschaft als Volkstribun mitgewirkt. Und trug nicht auch Tacitus an dem Verdammungs¬ urteil gegen Helvidius d. J., Mauricius, Arulenus Rusticus und Senecio die Mitverantwortung? Ohne Zweifel, die Sätze, die er den zornerfüllten Delator hervorsprudeln läßt, sind auch für ihn von einer unheimlichen Aktualität. Was bezweckte er also mit der so groß herausgestellten Verteidigungsrede des Marcellus? Viel¬ leicht ist es tragische Selbstironie, die Erkenntnis, daß seine im „Agricola“ em¬ phatisch verkündete Grundauffassung, deren er für die eigene Selbstbehauptung nicht entraten konnte, innerlich brüchig war. Bestand unter dem Prinzipat über¬ haupt ein Weg und eine Möglichkeit, unter gleichzeitiger Sicherung der physi¬ schen Existenz die moralische Unantastbarkeit der Persönlichkeit zu wahren? Man gewinnt beim Durchmustern des Gesamtwerkes nicht den Eindruck, daß ihm bei seinen ständig bohrenden Fragen Erfolg beschieden war. Er besaß we¬ der die sanguinische Natur eines Plinius, der sich in der glücklichen Gegenwart im Besitz eines ungestörten Gewissens sonnte und ohne Selbstkritik seine eigene Rolle unter Domitian nachträglich zu heroisieren versuchte (vgl. den aufschlu߬ reichen Brief an Tacitus 7,33), noch die Härte eines Römers alten Schlages, der mit der „unbewältigten Vergangenheit“ ohne innere Konflikte fertig zu werden vermochte. Er war vielmehr eine empfindsame Natur, die sich ohne Aussicht auf eine befriedigende Antwort immer aufs neue mit den gleichen Problemen aus¬ einandersetzte. So erklärt sich am ehesten das häufige Schwanken in seinen An¬ schauungen, das jedem Leser auffällt. Freilich sucht er diese Unrast nach Mög¬ lichkeit vor den Augen des Betrachters zu verbergen. Da er neben seinem arti¬ stischen Können einen scharfen Verstand besaß, der überall reibungslos arbei¬ tet, wo die Grundfragen seines Daseins nicht berührt werden, ist es ihm auch weitgehend gelungen, darüber hinwegzutäuschen, daß er nicht die aller Un¬ sicherheit bare Persönlichkeit ist, die er zu sein vorgibt. Will man es auf eine feste Formel bringen, so könnte man sagen, daß, wie Sallust den großen Cato nur noch nachzuahmen, aber in seiner Urwüchsigkeit nicht mehr zu erreichen vermochte, so Tacitus seinerseits gleichsam nur eine schwächere Wiederholung Sallusts gewesen ist. Er kommt ihm als Stilist in der Bewältigung des Ausdruckes nahe und übertrifft ihn als künstlerische Persön¬ lichkeit durch die dramatische Ausgestaltung seiner Werke. Aber an Härte und festgefügter Kraft steht er hinter ihm zurück. Die innere Aufweichung des Rö-

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mertums, die unter Hadrian und seinen Nachfolgern auch nach außen sichtbar wird, hat - entgegen dem ersten oberflächlichen Anschein - auch bei Tacitus bereits tiefe Spuren hinterlassen. Dem sorgsamen Beobachter bleibt nicht ver¬ borgen, daß sich hinter der großartigen Fassade eine gewisse Unsicherheit ab¬ zeichnet, die mit manchen schwierigen Lebensfragen nicht mehr fertig wird. Jede Zeit und jede Generation hat demzufolge Tacitus das entnommen, was ihr selbst wesensgemäß war: Die strenge sittenrichterliche Gebärde und seine Front¬ stellung gegen die Tyrannis haben immer wieder freiheitshungrige, nach Wahr¬ heit dürstende Gemüter angezogen. Seine vollendete Meisterschaft in der Grup¬ pierung der Ereignisse hat jeden aesthetisch empfindenden Menschen in ihren Bann geschlagen. Die sachliche Darstellung hingegen, die einerseits seine ge¬ naue Kenntnis der Staatsmaschinerie erhärtet, anderseits aber in der Bewer¬ tung der führenden Persönlichkeiten nicht selten starke subjektive Maßstäbe ent¬ hüllt, hat, je nachdem das eine oder andere in den Vordergrund geschoben wurde, zumal bei den modernen Kritikern Ablehnung oder Anerkennung her¬ vorgerufen, ohne daß bisher eine Annäherung der Standpunkte erfolgt ist. Endlich die inneren Spannungen, die hinter der scheinbar so einheitlichen äuße¬ ren Fassade sichtbar werden, haben vor allem die heutigen Philologen auf den Plan gerufen, die ihn in unzulässiger Übertreibung fast zu einem Menschen mit „gebrochenem Fühlen“ gestempelt haben. Wenn Marcellus, um noch einmal an die Historien-Stelle anzuknüpfen, Helvidius Priscus höhnisch zuruft, Constantia fortitudine Catonibus et Bratis aequaretnr, so bleibt er damit erstaunlicherweise auf derselben Linie, die die An¬ kläger im Prozeß gegen Thrasea eingehalten hatten (Ann. 16,22,2), zum an¬ deren entfernt er sich auch in dieser Hinsicht nicht allzuweit von Tacitus selbst, der Agr. 42, 4 die inanis zactatio hbertatis schroff zurückgewiesen hatte. Es über¬ rascht also nicht, daß Marcellus mit seinen ebenso temperamentvollen wie zeit¬ gemäßen Ausführungen eins modi certaminum rüdem Helvidii sapientiam elusit, wie Aper Dial. 5, 7 bezeugt. Denn jene deckten sich im Prinzip mit den Über¬ zeugungen der Mehrheit der Senatoren, mochten diese auch im Augenblick in begreiflicher Erbitterung gegen den Delator als einen der Hauptschuldigen an ihrer eigenen Misere Sturm laufen. Wie sie aber hatten es alsdann auch unter Domitian alle führenden Männer —Trajan und Nerva nicht minder als Agricola un