Aus dem Leben der Siebenbürger Rumänen

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Aus

dem

Leben

der

Siebenbürger

Rumänen.

Von

Dr. Heinrich v . Blislocki in Mühlbach (Siebenbürgen).

Hamburg.

Verlagsanstalt und Druckerei A.-G. (vorm. J. F. Richter) 1889.

Das Recht der Ueberjeßung in fremde Sprachen wird vorbehalten

Woo die Karpathen gegen Süden und Südwesten , gleich rieſigen Wällen , Siebenbürgen , dies sagenumschlungene Land umgeben, wohnt der Zweig eines Volkes, der unter dem Namen der Siebenbürger Rumänen bekannt ist .

Nicht am Fuße

dieser himmelanstrebenden Gebirge, sondern am Mittelstocke der. selben , wo neben jungfräulichem Urwald sich endlose Almen ausdehnen, dort ſind die Stammſige der Siebenbürger Rumänen, von wo aus sie sich im Laufe der Jahrhunderte bis weit hinab in die Ebenen verbreiteten ; dort oben auf den nebelgrauen Höhen und im weltfernen Thal, sowohl dort, wo auf grünenden Almen Tausende von Schafen reichliche Nahrung finden und bieten, als auch dort, wo aus dem verhungerten Boden nur das Kräutlein Armuth sprießt, Rumänen.

finden wir die Ursize der transsilvanischen

Nur hier oben in den eichwaldumrauschten Gebirgs.

dörfern finden wir Sitte und Brauch der Rumänen in ihrer unverfälschten Gestalt wieder , hier , wo uns die frische Hochlandsluft unwettert, mit der wir einsam auf den Hügeln ſizen, die uns schöne Erzählungen in die lauschende Seele flüstert, tausend süße Stimmen annimmt , die alle zum müden Herzen von Liebe und Leben und Hoffnung und Glück sprechen . Solche Gebirgsdörfer schimmern winzigen Eiland

hinüber ,

gleich einem

Nebelstreif von

einem

welches weltfern in der erhabenen

Einsamkeit des Hochwaldes, im weihevollen Zauber des Urwaldfriedens ruht. Im Halbkreis von mächtigen Felsenwänden 1* (579) Sammlung. N. F. IV. 87.

umschlossen, sind diese Ansiedelungen geschüßt vor den heftigen Stößen der Karpathenstürme; Wildvögel umkreisen die geborstenen Gipfel dieser Wände, an denen kein Pflänzlein Wurzel zu faffen vermag, der Steinadler ruht darauf, die Stürme fahren donnernd darüber hinweg ;

aber keines Menschen Fuß berührte je diese

öden, wettergrauen Felskolosse.

In langer Kette zogen viele

Jahrhunderte an diesem geborstenen Gestein vorüber , langſam die Wandelung vollziehend .

Doch da , wo sich der Halbkreis

öffnet und der waldige Berghang sich niedersenkt ins Gebirgsthal, da befinden sich die lieblichen Almengründe und Hutweiden (pojana) des Dorfes, wo bisweilen viele Tausend Schafe jahraus

jahrein reichliche Nahrung finden .

Mit Zwergbirken und

Fichten schütterbewachsene Hügel durchziehen dies stundenbreite und oft viele Meilen lange Hochplateau, das rings umschlossen ist von kahl

aufstarrenden Wänden ,

von mächtig in

die Lüfte

ragenden Felsblöcken , über deren höchsten Gehängen der ewige Hochlandsschnee oft herniedergreift bis in die saftiggrünen Almengründe, zwischen welchen hie und da mit dunkelblauem Waſſer ein kleiner Hochsee,

Meerauge " genannt, gebettet liegt, der sich

anſieht, „ wie eines verſteinerten Riesen lebendig gebliebenes Auge, das

mit unergründlich tiefem ,

schwermuthsvollem Blick

den

Himmel sucht. " In solcher Umgebung stehen die Hütten des Dorfes, inmitten eines weitgedehnten Berghanges auf scharf vorspringende Felsen gebaut, die einen weiten Ausblick von ergreifender, unbeschreiblicher Schönheit bieten ;

weit

über die wildzerklüftete

Waldschlucht, hinaus über die Almen und waldigen Vorberge schweift das Auge in die graue, bis in unsichtbare Ferne sich dehnende Ebene. Munteni heißen die Bewohner dieser Höhen ; der Ausdruck hat jedoch keine bloß örtliche Bedeutung . Er wird oft mit Mocani und auch mit Barsani verwechselt, welche beide Ausdrücke für die Bezeichnung der noch als Hirten lebenden (580)

5

Es sind Leute , die Schafzucht

Rumänen gebraucht werden.¹

treiben und deren Herdenreichthum gepriesen wird . größte Noth kann sie nicht bewegen ,

Selbst die

in der Ebene ihr Fort-

kommen zu suchen, und auch dann trachten sie ihren Unterhalt als Hirten zu finden , wenn sie, durch Verhältnisse gezwungen, ins Flachland herabsteigen . die Campienii, die

Feld. und Weinbau betreiben nur

auf der Ebene wohnen" ; ein Munten wird

sich nie darauf verstehen;

stets treibt ihn die Sehnsucht ins

Hochland zurück , der er auch in unzähligen Liedern Ausdruck giebt, z . B :

Grünes Blättchen des Wachholders ! Meine Freude schwand dahin ! Immer, immer muß ich weinen, Seit ich in der Fremde bin!

Schön das Ackern, schön das Ernten ! Doch für mich paßt es nicht mehr! Dent' ich an das Hirtenleben Wird das Herz mir stets so schwer !

Herr, mein Herr, du reicher Bauer, Laß mich ins Gebirg zurück, Wo der Herden Glocken klingen, Dort nur blüht die Ruh' , das Glück! Selbst wenn die Weidepläge durch Steingerölle und Ueberschwemmungen zu Grunde gehen und mit ihnen auch das Hirtenleben ein Ende nimmt, so bleiben sie doch, gleich den sogenannten Mozen in den westlichen Theilen Siebenbürgens , noch immer in ihren Gebirgsanſiedelungen und befaſſen ſich mit Holzarbeiten und Holzhandel . Hier nur, unter den Munteni leben die alten rumänischen Sitten und Gebräuche bis auf den heutigen Tag unverfälscht fort .

Ihre meisten Gebräuche berühren die Grenzen der Re-

ligion , über welche vielleicht erst künftige tiefere Forschungen Genügenderes sagen werden, wann in dem ganzen Volksbereiche alter Glaube und Aberglauben möglichst gründlich, aber auch rasch - bevor er im Neuen gänzlich untergeht gesammelt und mit dem anderer Völker verglichen wird,

um das An(581)

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gestammte vom Fremden im rumänischen Volksleben unterscheiden. zu können.

Sitte und Brauch ziehen allerdings von Land zu

Land und breiten sich überall aus ,

wo sie in Glauben und

Ansicht der Völker Anknüpfungspunkte finden ,

aber in ihrem

Wesen liegt es , zugleich am Orte ihres Ursprungs haften zu bleiben, mögen auch die Völker , welche darüber hinziehen und sich auf längere

oder kürzere Zeit dort festſehen, hundertmal

wechseln ; hierin beruht eben die geheimnißvolle Natur und die Unerforschlichkeit von Sitte und Brauch ,

Glaube und Aber-

glauben , deren Zusammenstellung vielleicht werthvoller ist als jede direkte Untersuchung , weil sie uns das Mittel geben, uns jenen ursprünglichen Geiſteszustand zu veranschaulichen, in welchem kaum eine bestimmte Schranke zwischen Thatsache und Phantaſie ist und welchem alles Aehnliche für das Nämliche gilt. Die folgenden Zeilen sollen auch dem inneren Leben eines Volkszweiges gelten , dessen größter Theil sich noch immer in einem

wenig kultivirten , für den Ethnologen aber und eben

deshalb interessanten Zustand befindet. Der Aberglaube führt das rumänische Kind förmlich ins Leben ein.

Lange bevor es noch zur Welt kommt, beobachtet

die Mutter verschiedene Gebräuche, die alle tief im rumänischen Volksbewußtsein wurzeln .

Am Mittwoch und Freitag darf sie

keine Fleischspeisen genießen, am Sonntag keine Hülsenfrüchte essen, sonst wird

das Kind blöd und schwachsinnig und wird

im Leben nur Böses vollbringen .

„ Wenn Gott den Menschen

ſtrafen will , ſo nimmt er ihm die Vernunft" (Dacă Dumnezeu vrea să te bată, iti ia mintea) ſagt das Sprichwort, und darum ist es geboten, durch Fasten dies Unglück vom Kinde abzuwenden . Damit die Geburt leicht vor sich gehe und die bösen Wesen. (strigeia), die eine menschliche Gestalt und einen langen Hundeschweif besigen, dem Kinde nichts anhaben können, so ist es gut, wenn die Mutter Friedhofserde mit Basilienkraut gemischt in (582)

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einem Säckchen am bloßen Unterleibe trägt.

Treten die Geburts-

wehen ein, so ist es nüßlich, wenn der Gatte zwei Beile kreuzweise in einen Balken des Dachfirstes einschlägt, vom Popen (Geistlichen) geweihte Kerzen

anzündet und dieselben vor die

Kaminöffnung stellt ; denn die bösen Wesen nehmen ihren Weg stets durch den Rauchfang des Hauses .

Eine hängende Del-

lampe, die beinahe in jeder rumänischen Hütte anzutreffen ist, wird vor dem von Dunst und Rauch längst schon unkenntlichen Bilde des Familienheiligen

gewöhnlich Johannes der Täufer,

St. Peter oder Nikolaus

angezündet und Stube und Bett

mit Weihwasser besprengt. Das Waſſer zum ersten Bade holt die Hebamme für den jungen Erdenbürger aus einem Bache, womöglich oberhalb einer Mühle, und nachdem es vom Popen geweiht worden , muß sie trachten, daß sie jedesmal ins

tägliche Bad

nur so viel von

dieſem geweihten Wasser gieße , um damit ' sechs Wochen lang auszukommen .

Vater und Mutter waschen sich im ersten Bade

des neuen Weltbürgers, um dadurch die Anerkennung des Kindes ihrerseits zu bezeugen ; hierauf wird das Wasser von der Hebamme im Beisein des Vaters über ein Geſträuch, in deſſen Nähe kein Pfad oder Weg vorüberführt, gegossen, damit der junge Erdenbürger sein ganzes Leben hindurch fräftig bleibe" .

gesund und heil, stark und

Daher singt die rumänische Maid : Auf den Strauch, doch nicht am Pfað, Goß man hin mein erstes Bad, Daß ich schön und zierlich sei Und der Burschen Luſt dabei !

worauf ihr der Bursche antwortet : Grüner Aſt vom Tannenbaum ! Auf den wilden Rosenstrauch Goß man hin mein erstes Bad , Daß ich schön und kräftig auch Werd' und bleib' auch immerdar ;

(583)

Daß ich gleich der wilden Rose Blüthen und auch Dornen habe, Daß ein Mägdlein nicht so leicht Sich an meiner Liebe labe!

Bei der Wiege des Kindes muß bis zu seiner Taufe ein Licht brennen und in der Nacht Wache gehalten werden, damit ihm die Schar der bösen Geister, besonders deren Königin, die Baba Coaja, fein Leid zufügen könne. Frau Brechta

Diese Baba Coaja, die

mit dem Klumpfuß“ der deutschen Sage , hat

einen eisernen Fuß, kupferne Fingernägel und eine lange Glasnase und tödtet die ungetauften Kinder, deren Seelen sie dann in Wachholdersträuche sperrt, wo sie so lange bleiben , bis ihr Körper verwest ist .

Aus diesem Grunde verlegt ein Rumäne

nicht gerne einen Wachholderstrauch, denn es heißt ja auch im Liede: Grünes Blättchen des Wachholders.! Nein, ich will dich nicht abpflücken, Wenn auch tiefe Liebesleiden Sinn und Herz mir stets berücken !

Grünes Aestchen des Wachholders ! Nein , ich will dich nimmer fällen ! Ihrer Kinder Seelen sollen Einst aus dir um Hülfe gellen !

Hat das Kind eine blaue Ader an der Stirne, so glaubt man, daß es Wassergefahren ausgesetzt sein wird ; hat es ein rothes Striemchen am Halse, so wird es durch Feuer zu Grunde gehen.

Um dieſen Gefahren vorzubeugen ,

ist es gut,

wenn

Vater und Mutter sich in den kleinen Finger der linken Hand schneiden und drei Blutstropfen unter die Wiege des Kindes fallen lassen, indem sie dabei sagen :

Nimm und beschüße uns

Alle vor Feuer und Waſſer, vor Eisen und Stein, vor Krankheit und Unverſtand! "

Diese Worte sind an den Hausgeist gerichtet,

ein koboldartiges

Wesen , den jede Familie in hohen Ehren

hält.

Einige Häuser haben einen weiblichen Hausgeiſt, deſſen

bei jedem wichtigen Familienereigniß dadurch gedacht wird, daß man unter die Thürschwelle Milch gießt oder beim Schlachten (584)

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eines Thieres Blut hinsickern läßt.

Als sonstiges Schuhmittel

gegen das Vorhaben der bösen Geister steckt man eine Nadel in die Windeln des Kindes und legt eine Schere kreuzweise vor die Wiege desselben ;

auch

wird das Band, mit welchem die

Windeln befestigt sind, so umgeschnürt, daß es ein Kreuz bildet. Sechs Wochen lang muß die Mutter das Zimmer hüten, denn so

erfordert es der Anstand " .

Während dieser Zeit empfängt,

ſie die Besuche nicht nur ihrer Verwandten, sondern aller Dorfbewohnerinnen, von denen jede bei ihrem Eintreten in das Haus einen Stein mit den Worten hinter sich wirst : „ Dieser Stein stopfe dein Maul , du Here ! " Neugeborenen

abzuwenden .

um dadurch jedes Unheil vom Bei diesen Besuchen reicht jede

Verwandte der Mutter dem Neugeborenen zwei Hühnereier als Symbol der Kraft und Entwickelung und

als Vorbedeutung

dafür, daß er im Leben keinen Mangel am Nothwendigsten haben solle.

Sind gleichzeitig mehrere Besucherinnen bei der Wöchnerin

zugegen , da werden die Gesänge (cantece de cumetrie) angestimmt, welche die Freude über den Neugeborenen zum Gegenstand haben, und oft hört man bis tief in die Nacht hinein das Lied erschallen :

Freude hat uns Gott bereitet, Freude, große Freude; Hat ein Ehepaar gesegnet -Nicht mit Lämmern, nicht mit Weide ; Gab ein goldnes Apfelbäumchen Diesem Ehepaar zur Freude, Und es freuen sich darüber In dem Dorfe alle Leute! In diesen sechs Wochen ist die achte Nacht nach der Geburt von großer Bedeutung für die ganze Familie ; denn in dieser Nacht kommen die drei Feen (ursitele) ins Haus und beſtimmen das Schicksal des Neugeborenen ; man seht ihnen daher auf einen reingedeckten Tisch drei Teller mit gekochtem Weizen , drei Becher (585)

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mit Wasser und Del und in einer Holzschüssel

eine

Summe Geldes vor, um sie dadurch gut zu stimmen .

gewisse Waſſer

bedeutet hierbei im Volksglauben Leben, Oel dagegen künftigen Reichthum. Während nun die Angehörigen der Familie in gewisser preist

die

Entfernung

vom

Tische

Gebete

Hebamme (moasa) beim

murmelnd

ſizen,

Eintritt der Mitternacht

die Güte und Macht der Feen mit folgendem Liede (cantecul ursitelor): Ursitele, weiße Frauen, Wollet Schwestern uns beglücken ! Seht das gold'ne Apfelbäumchen, Heute wird es euch entzücken!

Ursitele, weiße Frauen, Eure Macht kennt keine Schranken ! Aepfelbäumchen kann sein Leben Auch nur eurer Macht verdanken !

Ursitele, weiße Frauen, Endlos ist ja eure Güte ! Rosen blühen euch im Herzen, Weiße Lilien im Gemüthe!

Segnet, segnet Urſitele, Dieſes Kind fürs ganze Leben ! Wollet Reichthum, ihm Gesundheit, Wohlergeh'n und Schönheit geben !

Darauf legt sie Wachholderholz und Tannenzapfen aufs Herdfeuer und prophezeit je nach Aussicht auf Geld dem Kinde mehr oder weniger künftiges Heil und Glück. Dem Volksglauben nach

kann ja nur die Hebamme die drei Feen sehen

und ihre Worte vernehmen, wie sie denn überhaupt infolge der ihr zugeschriebenen, überirdischen Eigenschaften bei den Rumänen in großem Ansehen steht. --Bricht endlich der Tag der Taufe heran ,

so begiebt sich

die Hebamme in Begleitung des Vaters und zweier Pathen, die gewöhnlich die Trauungsbeiſtände der Eltern waren, in die Kirche, wohin sie auch Wasser mitbringen muß, das, vom Popen geweiht , bei der Taufe benutzt wird .

Ohne Rücksicht auf die

Jahreszeit wird der Täufling in das Taufbecken getaucht ; verhält er sich dabei ſtill und ruhig, so gilt dies für eine schlechte Vorbedeutung.

Nach dem Taufakt geht der Pope mit dem

Kinde, wenn es ein Knabe ist, durch die rechte Altarthüre hinter (586)

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den Altar und kommt durch die linke heraus ; ist das Kind aber ein Mädchen , dann verbeugt er sich nur vor dem Altarbilde. Während der Zeit gießt die Hebamme das gebrauchte Taufwasser in eine eigens

dazu bestimmte Grube in irgend einem

Winkel der Kirche, wobei sie geheimnißvolle Sprüche und Formeln hersagt.

Zu Hause angekommen , wird das Kind mit feierlicher

Rede von seiten der Pathen der Mutter übergeben, worauf diese den Säugling auf den reingedeckten Tisch legt und die Geschenke der Anwesenden entgegennimmt.

Ein fröhliches Mahl beschließt

diesen so wichtigen Tag, wobei es freilich nicht an abergläubischen Gebräuchen

Wenn Jemandem

und Meinungen fehlt.

z . B.

während des Essens Messer oder Gabel auf die Erde fällt und im Boden stecken bleibt, so gilt dies für ein böses Vorzeichen, denn man glaubt ,

daß das Kind eines unnatürlichen Todes

sterben werde.

An diesem Tage werden auch die Hausthiere

bedacht, indem

der Hausvater ihnen besseres Futter mit den

Worten vorlegt : „ Eßt und betet für mein Kind ! " In manchen Gegenden wird

vor dem Taufmahle vom Pathen Hirse oder

Weizen, der drei Tage und drei Nächte in der Wiege des Kindes gelegen ist, im Freien für die Vögel ausgestreut, „ damit sie dem Vater im Himmel Lob und Ehre singen und um Heil für das Kind flehen" .

Das ungemein enge und innige Verhältniß des

Rumänen zur Natur zeigt auch der Gebrauch ,

daß der erste

Auswurf des Kindes nach der Taufe unter eine wilde Rosen. hede vergraben wird, in der Meinung, daß dadurch der Blumenflor der ganzen Gegend sich reichlicher und prächtiger entfalten werde. Sind endlich die für die fleißige Hausfrau so langen sechs Wöchnerin . Wochen"

abgelaufen ,

da nimmt sie in Feld und

Wald , Haus und Hof wieder thätigen Antheil an den „ Geschäften" ihres Gatten, während der Säugling oft tagelang mutterseelenallein zu Hause verbleibt und oft erst abends Nahrung erhält.

Trozdem

gedeiht das Kind ,

das oft von den Eltern (587)

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auf tagereisenweite Almen geführt wird , wo es häufig genug den Stürmen ausgesezt ist ,

die nicht selten

auch mitten

im

Sommer die Hochgefilde der Karpathen durchbrausen ; es wächst und gedeiht,

gleich den Blumen

auf den Berghalden seiner

engeren Heimath, von Vater und Mutter gar wenig gehegt und gepflegt, ja gar wenig beachtet.

Von einem innigen Verhältniß

zwischen Mutter und Kind ist bei den Rumänen

keine Rede ;

daher fehlen ihnen auch im großen und ganzen die Wiegen- und Kinderlieder , welche die Volkspoesie der übrigen Völkerschaften Siebenbürgens durch ihre Gefühlstiefe und Innigkeit so sehr auszeichnen.

Selbst wenn das Kind krank und gebrechlich ist,

wird ihm höchstens durch eine "/ Besprecherin " (descantätórete) Hülfe geleistet.

Diese

Besprecherinnen " sind Frauen, welche,

dem Volksglauben gemäß, alle möglichen Krankheiten durch ihr sogenanntes Besprechen und durch geheime Mittel „ besser als alle Aerzte zu heilen vermögen “.

Wird nun eine solche Be-

sprecherin zum kranken Kinde geholt , so ist es gewöhnlich der böse Blick,

gegen dessen Folgen sie ihren Patienten durch

folgendes Mittel

zu verwahren sucht : Neun glühende Kohlen

werden in geweihtes Wasser geworfen und nachdem die Besprecherin mit der Hand dreimal das Zeichen des Kreuzes darüber gemacht hat, besprengt sie das kranke Kind und bespricht es mit der Formel : Weiche böser Blick Aus der Augen Licht, Aus dem Angesicht, Aus des Kopjes Schläfen, Aus der Nase Knorpel , Aus des Herzens Fasern ! Wenn ein Mann Ihn berufen, dann Sollen ihm die Knochen springen; Doch wenn ihn Eine Frau beschrie'n, (588)

Sollen ihr die Brüste bersten; Wenn ihn in der That Eine Maid berufen hat, Soll ihr gleich der Zopf abfallen ; Wenn die Wiese ihn beschrie'n Soll ihr Blumenschmuck verblühn ; Wenn der Wald, soll er verdorren . N. allein Bleib' geklärt und rein, Wie von Gott erschaffen Und getauft vom Pfaffen !?

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Hat das Kind einen äußeren Schaden z . B. Drüsenverhärtung, so legt die Besprecherin ihm ranzigen, ungeräucherten Speck auf die Drüsen und verbindet sie mit neuer, ungebleichter Leinewand,

indem sie spricht : Melisse, Blatt und Wurzel ! Fast Verhärtungen, nicht Wurzel ! Auf mein Wort Welkt und dorrt Und vergehe wie die hohle Feldfrucht auf der Gluth der Kohle ; Wie die Klatschros' grade An dem Pfade, Wie des Meeres Schaum zumal , Wie der Than im Sonnenstrahl,

Wie ein gold'ner Knopf Auf des Stieres Kopf! Große Here, Kleine Here,Steige auf die Kruke gut, Reite zu der Donau Fluth, Trinke Wasser dort Und zerplay' sofort ! N. allein Bleib' geklärt und rein Wie ihn Gott erschuf zum Sein !

Hat nun das Kind mit Hülfe solcher Heilmittel und Besprechungen alle Krankheiten glücklich überstanden, so wird am Tage, an dem es das dritte Jahr seines Lebens beschließt, die sogenannte „ Haarschneidung " auf eine feierliche Weiſe in Gegenwart der Verwandten und nächsten Freunde der Familie vorgenommen , wobei die Hebamme abermals eine wichtige Rolle spielt ,

indem sie aus dem Haarwuchs

Zukunft schließt.

des Kindes

auf deſſen

Wachsen die Haare der Kinder z . B. vorn

auf dem Kopfe strahlenförmig auseinander, sagt man von ihnen, daß sie ein Nest auf dem Kopfe hätten und gelehrte, kluge Leute werden würden; ungewöhnlich starker Haarwuchs bedeutet dem Volksglauben nach künftige Kraft und Stärke , Reichthum und Glück. Hat nun die Hebamme ihres Amtes gewaltet, so schneidet nach einer feierlichen Rede der Pathe mit einer neuen Schere die Haarflechten (motul) des Kindes ab, bricht dann einen Kuchen. (turta) über seinem Haupte entzwei und während er davon die eine Hälfte verzehrt, muß das Kind die andere effen .

Hierauf

wird es von den Anwesenden beschenkt und ein fröhliches Mahl, wobei Musik und Tanz nie fehlen darf , beſchließt diesen für (589)

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das rumänische Dorfkind so bedeutungsvollen Tag, von welchem an es zu den „ erwachsenen “ Kindern gezählt wird und an deren Spielen und sonstigen Belustigungen theilnehmen darf . Und wahrlich, an Belustigungen der verschiedensten Art fehlt es in diesen weltverlaſſenen Dörfern selbst zur rauhen Winterzeit nicht.

Kommt Weihnachten, dies kosmopolitische Fest der Freude

heran, da ziehen die Knaben mit der Krippe und dem Jeſuskindlein von Haus zu Haus und singen die „Herodeslieder“ (cântece de Irozi) . Diese sind der traditionelle Tert für die rumänischen Weihnachtsspiele, also Chöre und Dialoge für den Irod (Herodes ) und die drei Könige, die zu ihm geführt werden, dann für die Marionetten Vorstellung, womit das ganze schließt und worin Rahila (Rachel) mit ihrem Kind , ein Hirt , ein Handelsjude, der Pope und der Teufel die Hauptrollen spielen.³ Neben diesen " Herodesliedern " ertönen auch die schönen

Lieder

vom Stern" (cantece de stea), welche von den kleineren Kindern, die mit einem buntgefärbten, aus Papier verfertigten Stern im Dorfe herumziehen, gesungen werden und jedesmal einen Bezug auf die Bewohner des betreffenden Hauſes nehmen . wird vor dem Hause

einer Jungfrau , deren

So. z . B.

Geliebter oder

Bräutigam gestorben ist , das Lied gesungen : Tröste dich, du holde Jungfrau ! Christus ist heut' Nacht geboren; Er hat auch in seinem Leben Viel geopfert, viel verloren !

Uns ist er als Stern erſchienen , Hieß uns Trost dir, Jungfrau , ſpenden ; Seine Güte, seine Liebe Soll das Leid ja von dir wenden !

Jungfrau, sich das Sternlein glänzen, Höre deinen Todten sprechen : „ Christus hat mich aufgenommen In die große Schar der Frommen ! Werden bald uns wiedersehen, Eh die Welt wird untergehen !" Und kaum sind die Weihnachten vorüber, die in den rumänischen Dörfern ohne Belustigungen, still und in voller Andacht gefeiert (590)

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werden ,

da treffen die Kinder schon Vorkehrungen für den

Neujahrstag,

an welchem die männliche Jugend in größeren

und kleineren Truppen lärmend die Gassen entlang zieht ; jeder von den Knaben hat eine Peitsche oder eine kleine Glocke in der Hand

und

nach jeder Strophe des Liedes , das gesungen

wird, schreien sie: „Hi! Hoh ! " , knallen mit den Peitschen und schwingen die Glöcklein, als trieben sie den Ochsenzug, der einem Pfluge vorgespannt ist .

Daher heißen auch diese Lieder

lieder" (cântece de plugul)

Pflug-

und bestehen dieselben aus einer

Reihe von lojen Strophen , die inhaltlich miteinander in keine Verbindung gebracht sind .

Begegnen nun solche Truppen einem

Dorfbewohner im Freien , so wird er umringt ,

hin- und her-

gezerrt und nicht eher freigelassen , bis er sich nicht durch eine Gabe „freilöst." Doch das Hauptfest der rumänischen Dorfjugend, das mit seiner wahrhaft kindlich- gemüthlichen Freude auch den Schwachen. und Armen, wie den Freund und Verwandten zu beglücken sucht, indem ein Geist der Herzlichkeit, der Brüderlichkeit, der Freiheitsliebe und des Nationalgefühls ein festes Band um die Dorfbewohner schlingt, bildet immerhin das „ Freudenfeuer “, das am sogenannten „weißen Sonntag ", dem lezten Faschingssonntag angezündet wird .

Schon Wochen vorher betteln die Kinder

Stroh und Reisig zuſammen, das sie auf eine geeignete Anhöhe, auf welcher das Freudenfeuer angezündet werden soll , tragen, während andere bemüht sind, Lumpen und Knochen, Glas und altes Eisen zu sammeln, das sie dem durchreisenden

Lumpen-

mann " verkaufen und mit dem Erlös Bänder und Kunstblumen für die Stange, die mitten in dem Stroh- und Reisighausen aufgestellt wird, anschaffen . heran, festliche

Rückt endlich der heißerſehnte Tag

da hat auch die Hausfrau zur Vorbereitung für das Abendmahl vollauf zu thun,

und das Reinigen der

Festkleider, der Wohnung und das Backen und Braten zu diesem (591)

16

Feste nehmen ihre ganze Zeit in Anspruch.

Kaum sind dann

die grauen Schatten der Abenddämmerung emporgestiegen über Wald und Almen bis hoch hinauf zu den kahlen Felsen, deren Wände und Schroffen noch im dunkelrothen Feuer der Abend. sonne glühen, und deren wildgezackte Spigen gleich den erſtarrten Flammen einer riesigen Lohe sich von dem tiefblauen Himmel abheben, über welchen die nahende Nacht schon ihre ersten Schleier da wird es auch überall im Thale und auf den

gesponnen,

freien Höhen lebendig von den erwartungsvollen Zuschauern und erregten Mitthätern. Längst schon ragt die Spitze der bänder. und blumengeschmückten Stange hoch gen Himmel empor, während sie selbst ringsherum mit Stroh und Reisig umgeben ist, das nun von den Burschen angezündet und von den Knaben mit frisch hinzugeworfenen Strohbündeln möglichst lange unterhalten wird, denn ein großes , langunterhaltenes Freudenfeuer gereicht der Dorfjugend zur besonderen Ehre. die erwachsene Dorfjugend erwartungsvoll

auf die

Singend dreht sich indeſſen

im Kreise um das Feuer herum,

flammenumzüngelte

Stange

blickend.

Und bricht dann endlich die Stange verkohlt zusammen, ſo eilt alles an den Ort hin, wohin sie gefallen und

beglückwünscht

das Mädchen, das eben an dem Plage gestanden, denn es gilt für ein gutes Vorzeichen,

wenn

die Stange in der Richtung

einer heirathslustigen Maid fällt, die dann im Laufe des Jahres ihre geheimsten Wünsche erfüllt ſehen wird . Lange noch hallen die Thalwände von all dem Schreien, Jubeln, Lachen und Aufkreiſchen der jugendlichen Stimmen wieder . Wenn dann endlich die Glut ausgelöscht und die Nacht ihre schwarzen Schleier über Höhen und Thäler gebreitet, ziehen die Leute ermüdet von der Aufregung des vergangenen Abends und frohbewegt von der Erwartung Hütten hinab, wo

des Festabendmahles

zu den

erst der dämmernde Morgen des nächsten

Tages die letzten Gäste zum Aufbruch mahnt. (592)

17

Diese

weiße Sonntagsnacht" ist auch die Zeit der „ Liebes-

beschwörungen".

Jungfrauen,

die ihren

zukünftigen

Gatten

sehen wollen, begeben sich in dieser Nacht mit brennenden Kerzen an ein fließendes Wasser, und während sie lautlos Knoblauch und Bohnen

in das Wasser werfen,

neigen sie sich mit der Kerze tief zum Wasserspiegel herab, in dem sie dann das Bild Desjenigen

erblicken,

der

einst ihr Gatte werden wird .

In

dieser Nacht schneiden sich die Heren die Haselruthen, mit denen sie Verliebte herbeizaubern können; zauberten trägt.

als

Roß, das ihn

Die erwachsene Jugend

eine Hasel dient dem Ver-

durch die Lüfte zur Geliebten beschäftigt sich in dieser Nacht

auch mit dem sogenannten „ Bohnenorakel ",

bei welchem das

einfachste Verfahren im Folgenden besteht : Es wird mit einer Kohle auf die Erde ein kleiner Kreis gezogen und von einer Maid zehn Bohnen aus einer gewissen Entfernung in den Kreis geworfen, je nachdem mehr

oder weniger Bohnen

außerhalb

oder innerhalb des Kreises zu liegen kommen, wird auf glückliche oder unglückliche Liebe geschlossen, wie es eben im Liede heißt: Wirf die Bohnen , wirf ſie Mädchen, Doch mein Liebchen nimmer klage ! Werden's Zehner, dann die Leiden Ich gewiß nicht lang ertrage!

Werden's Achter, ach ! dann wiſſe, Daß ich deinetwegen leide ; Werden's Fünfer, ach ! dann Liebchen, Werden glücklich bald wir Beide !

Werden's Zweier, dann o Liebchen, Steh' ich schon an euren Hecken ; Sollt' es doch nur einer werden, Reit' ich auf dem Haselstecken! Mit dem "/ weißen Sonntag" geht auch die fröhliche Faschings- und Liebeszeit der rumänischen Dorfjugend zur Rüste und bald beginnt mit dem Eintritt des April, der den widerspenstigen Schnee zurücktreibt in das hohe, fahle Gestein der höchsten Gebirgsspißen , das Sammlung. N. F. IV . 87.

Austreiben

der Schafe auf oft (593) 2

18

meilenweit

entlegene

Hochweiden.

Langsam

und

unbemerkt

schwellen die Bäche an und steigern ihr Rauschen, und allmäh lich zieht sich der Schnee zurück steigenden Hochgebirges .

Doch auch hier schütteln schon die

himmelanstrebenden Tannen Tragens

und

ihren hohen,

Duldens,

in das Dunkel des steil an-

und Fichten,

die weiße,

schlanken Wipfeln,

flatscht der Schnee von den

müde

des

langen

eisumkruſtete Kappe von

und in schweren Klumpen

niedergedrückten Aesten,

die sich

so jählings von ihrem Drucke befreit, wie unter einem erleich ternden Athemzuge hastig

in die Höhe richten . "

Und kaum

prangt die Erde in ihrer ersten Lenzesherrlichkeit, da öffnen sich schon die Pferche und Hürden, und Tausende von Schafen und Lämmern strömen heraus, um von den Burschen und Männern weit weg auf die Almen getrieben im

zu werden,

woher sie erst

Spätherbst mit dem ersten Schneefall heimkehren .

es zur Sommerszeit gar

öde

und leer

Da ist

im stillen Gebirgs:

dörfchen, denn die meisten Männer und Burschen sind oben auf der Alm oder durchziehen

als wandernde Böttcher und Holz-

arbeiter das Land, während die Weiber im Dorfe zurückbleiben und ihre einzige Unterhaltung im Gesang finden.

Den ganzen

Sommer hindurch ertönen in diesen weltverlassenen

Dörfern

und hoch oben auf den felsenumrahmten Almen die Lieder der Sehnsucht (doina), die neben den zartesten Weisen oft auch sehr drastische Töne anschlagen, so singt z . B. gar oft leidenschaftlich erregt die rumänische Maid : Brüderlein, mein lieber Krauskopf, Bleibe doch, was willst du gehn? Lieber möcht' ich dich am Galgen Als dich von mir ſcheiden ſehn .

Im Gezweig des hohen Nußbaums, Einen Schritt vor meiner Thür, Daß der Wind dich ſänftlich ſchaukle, Ich dich sehe für und für !ª

In dieser Trennungszeit bildet für die weibliche Jugend des Dorfes die Ostern und das Pfingstfest die einzigen Lichtpunkte. (594)

Da

kommt ein Theil der Burschen zu Ostern,

ein

19

anderer zu Pfingsten von den Almen herab, im Dorfe zuzubringen .

um die Festtage

Festlich geschmückt durchziehen die heim-

gekehrten Burschen das Dorf und laden auf den Nachmittag Bald ist die Musik, ein die Jungfrauen zum Tanze ein. Dudelsack, eine Geige oder eine Flöte herbeigeschafft und gleich nach dem Nachmittagsgottesdienst

nimmt der Hategana,

der

Lieblingstanz der Siebenbürger Rumänen, ſeinen Anfang, wobei der Tänzer seine Tänzerin bei der Hand hält und sie vor sich tanzen läßt, aber doch nicht wie sie will : er führt sie vielmehr nach rechts

und nach links,

er hebt ihre Hand

in die Höhe

und läßt sie sich öfter drehen, hie und da faßt er sie an den Hüften und dreht sie um ; ihr Reime vor,

„ er selbst hält nur den Takt, sagt

ereifert sich nur höchst selten,

denn ein guter

Tänzer ist bei den Rumänen nicht Derjenige,

der selbst gut

tanzt, sondern mehrere Tänzerinnen zugleich derart tanzen läßt, daß jede von ihnen ihre Grazie nach Belieben zur Schau tragen fann. “ 5 Mit Tanz während

und Fängerspiel vergehen die Feiertage, und

am dritten Oster- oder Pfingsttage die Männer und

Burschen zurück

auf die Almen

mit Blumen und grünem Straßen des Dorfes

Laub

ziehen,

tanzen die Mädchen,

reich geschmückt, durch die

und werden überall, wo sie

erscheinen,

mit Wasser begossen . Lieder (căntece de paparuga) heterogenen Inhalts singend, begeben sich diese Paparuga -Mädchen hinaus in das Freie,

wo sie

eine aus Stroh, Reisig und dürrem

Laub verfertigte Puppe in den nächsten Bach mit den Worten werfen:

Stille deinen Durst und bewahre uns vor Dürre ! "

Sie glauben dadurch ihre Fluren und Almen vor andauernder Dürre geschützt zu haben. Unter Arbeit und Mühe geht der Sommer unbemerkt in den Herbst über ; längst ist die Ernte der spärlichen Feldfrucht eingeheimst und das Heu von den Almen auf gefährlichen Ge2* (595)

20

birgsstegen herabgeschafft worden ;

in den südlichen Gegenden,

wo auch die Rebe gedeiht, ist die Weinlese festlich abgehalten worden, und nun kehren auch die Männer heim von den Almen mit ihren Schafherden, fröhliches Leben, aber auch neue Arbeit mit sich bringend.

Um diese Zeit erscheinen im Dorfe Hunderte

von Händlern und Mäklern,

die Käse, Wolle und Schafe zu-

sammenkaufen oder gegen Feldfrüchte oder Getränke eintauschen. Ein rechtes Jahrmarktsleben hält seinen Einzug in das stille Dörfchen, wo an allen Ecken und Enden

neben dem Feilschen

und Handeln Tanzgejohle und Musik ertönt,

besonders

wenn

die militärpflichtigen Jünglinge nach dreijähriger Dienstzeit als ,,stramme Reservisten " heimkehren .

Vergessen ist nun der herbe

Trennungsschmerz, vergessen jedes Leid des Militärdienstes und nur in der Erinnerung

lebt noch weiter das sehnsuchtsdurch .

webte " Kasernenlied " : Traute Heimath, grüne Auen, Ach, um eure schlanken Bäume Schweben meiner Sehnsucht Flügel! Schweben nächtlich meine Träume!

Als Soldat bin ich verlassen, Siebenbürgen, deine Auen, Deine Berge, deine Flüsse Wann werd' ich sie Armer schauen ?

Hätt' ich Flügel, möcht' ich fliegen, Heimwärts, ach ! nur heimwärts fliegen ! Müßt' ich in der Heimath auch nur In dem dunklen Kerker liegen!

Jnmitten des Jubels, des Schaffens und Erwerbens mahnen. die häufigen Spätherbststürme an den nahenden Winter. Händler und Mäkler ziehen auf schwerbefrachteten Wagen hinaus in das „Land ", und bald liegt das Dorf wieder in seiner Weltabgeschiedenheit, Lassen.

mit seinen Leiden und Freuden sich selbst über-

Mißfarbige Wolkengebilde wälzen sich dann vom Hoch-

gebirge hernieder, hängen in die engen Thalschluchten herein, verfangen sich in den Felsennadeln und

Klippen, flattern um

die phantastischen Umrisse der Gesteinmassen und (596)

überwölben

21

schließlich die ganze Gegend mit einem bleigrauen Dache . Schneeflocken wirbeln im Winde dahin, und bald liegt das ganze Ge birge in stummer Winterherrlichkeit, wieder

unterbrochen wird

der Ferne

dahinrollenden

deren Stille nur hin und

durch das dumpfe Poltern Lawine,

durch

das

einer in

Brausen

des

Sturmes, das Aechzen und Stöhnen der geknickten Bäume oder das Heulen der jagenden Wölfe. Hütten des Dorfes

Aber da drinnen in den.

treibt Leben und Liebe seine Keime und

Blüthen rüstig fort, und die Spinnstuben (sezători) bilden auch hier den winterlichen Versammlungsort der erwachsenen Jugend, wo Träume und Pläne künftigen Herzen

einander näher

Glückes

gerückt werden.

gewoben und die

Hier in den Spinn-

stuben sehen sich um diese Zeit die Burschen, die ihrer gesezlichen Wehrpflicht Genüge geleistet haben, nach einer paſſenden „Partie“ um ; und ist eine solche gefunden, so holt der Bursche „feierlich

die Einwilligung seines Vaters ein, die gewöhnlich

ohne Anstände

ertheilt wird,

Arbeitskräfte seines

Hauses

denn jeder Hauswirth sucht die möglichst zu vermehren .

Es ist

deshalb eine seiner Hauptſorgen, seinem Sohne sobald als möglich ein Weib zu verschaffen und dadurch ein Paar Hände mehr für seine Wirthschaft zu gewinnen, sowie Jeder seine Tochter so spät

als möglich verheirathet,

eigenen Hause zu verwenden;

um sie möglichst lange im

daher sind Heirathen zwischen

jungen Burschen und viel älteren Mädchen keine anstößige Seltenheit,

weil eben diese Unsitte in den Lebensverhältnissen des

Volkes gegründet ist. Bei der Brautwerbung, die gewöhnlich vom Bruder oder in Ermangelung dessen von einem anderen nahen Verwandten vorgenommen wird , herrscht gewöhnlich kein Anstand, indem die Eltern

des Burschen sowohl,

als auch die der Maid schon

lange vorher die nöthigen Erkundigungen über die gegenseitigen. Vermögensverhältnisse eingezogen haben . Der Hochzeitstag wird (597)

22

vom Vater des Bräutigams

anberaumt,

eben in seinem Hause abgehalten wird.

nachdem die Hochzeit Gleich nach der Ver-

lobung sehen sich Braut und Bräutigam nach je einem Redner (corniculu) um, der an ihrer Stelle die üblichen Reden bei der Hochzeitsfeierlichkeit hält .

Rückt dann der ersehnte Hochzeitstag

heran, so geht der Hochzeitsbitter ( daveru) festlich gekleidet und mit einem blumenumwundenen Stabe in der Hand von Haus zu Haus und ladet die Gäste mit folgenden Worten ein: Gott zum Gruß euch , Nachbar , ich Zeig als Hochzeitsbitter mich, Und ich hoffe, daß ihr mir Freudig öffnet eure Thür !

N.'s Eltern laden auf (Sonntag) und den Tag darauf Euch zum Hochzeitsfest und Schmaus 6 In ihr gastfreundliches Haus.

Die Antwort lautet gewöhnlich : Wenn es uns nur möglich ist, Werden kommen wir zur Frist. Wenn ein Umstand seiner Zeit Uns verhindert, so verzeiht !

Am Hochzeitstage begeben sich die Beistände, vom Redner des Bräutigams begleitet, Bräutigam ,

nach dem Hauſe des Vaters vom

der seine Gäste

im Hofe empfängt,

wo

er vom

Redner also angesprochen wird : Schwiegervater, guten Tag! Warum seufzt ihr Weh und Ach ? Warum macht ihr trübe Mienen, Wo der schönste Tag erschienen ? Weil ihr Alle uns geladen, Ob zum Nußen oder Schaden, Kommen wir in hellen Haufen

Zu dem Hochzeitsfest gelaufen. Ohne Gratulation Treten wir zu eurem Sohn In das Haus , troß eurem Grämen Ihn ganz lustig mitzunehmen, Und ihn ohne Widerstreben In des Beistands Hand zu geben.

Hierauf tritt der Redner mit den Beiſtänden in die Stube, wo sich der festlich gekleidete Bräutigam befindet und mit ſichtlicher Ungeduld der Dinge harrt, die da kommen sollen . Er trägt ein feines weißes Hemd,

dessen Brust und Aermel von

seiner Braut mit bunter Stickerei versehen worden, einen neuen (598)

23

Brustpelz,

spiegelhell gewichste Kniestiefel und

ledernen Leibgürtel, hängen.

einen breiten

an welchem mehrere seidene Taschentücher

Der Redner spricht ihn also an :

Auch der Beistand ist gekommen, Wie er sich es vorgenommen ! Also rüstet doch nicht lange, Euch zum wichtigen Lebensgange.

Sehr geehrter Bräutigam, Dem es sicher nicht ist gram, Daß nun um sind alle Wochen , Die ihr eurer Braut versprochen !

Nun begeben sich Alle zum Hause der Braut; ihnen voran aber reiten raſend schnell dahin zwei Reiter (cuscri), sogenannten „ cipou" zu holen.

um den

Dieser besteht aus einem kurzen

Stocke, auf welchem ein Kuchen und ein Stück gebratenes Fleisch gespießt sind, in welchem drei Hühnerfedern stecken.

Bei der

Ankunft der zwei Reiter besingen die im Hause versammelten Maide das Glück der Braut, worauf der „ cipou “ den Reitern überreicht wird . mit seinem

Diese eilen zum Bräutigam zurück, der nun

Gefolge den Einzug

ins Haus der Braut hält,

deren Vater vom Redner also angesprochen wird : Guten Morgen, Väterlein ! Warum schaut ihr düster drein ? Seid ihr vielleicht auf uns bös , Daß wir kommen mit Getös ? Wärt ihr uns auch gram darum, Kehren wir doch nimmer um, Denn wir sind fest überzeugt,

Daß ihr uns zuleßt geneigt. Glaubet uns, wir finden hier, Was seit morgens suchen wir, Denn schon seit geraumer Zeit Sagen es sich alle Leut' ; Alle, die wir frugen aus, Wieſen uns in euer Haus !

Nun entspinnt sich zwischen dem Redner der Braut und dem des Bräutigams ein langer Dialog in Versen, die Herausgabe der Braut betreffend ;

schließlich werden

die Gäste und

der Bräutigam vom sogenannten Bogenschüßen (arcasiulu) zum Der Bogenschüße ist ein Stube eingeladen . geschmückten Bogen Bändern und Blumen mit einen der Knabe, Eintritt in die

trägt.

In der Stube

zielt

er zuerst

nach dem Herzen des

Bräutigams und dann nach dem der Braut, worauf er seinen (599)

24

Pfeil zur offenen Thüre hinausschießt,

was ein Zeichen ist,

daß der Hochzeitszug in die Kirche aufbrechen soll. Vor der Kirche erwarten den Zug die Aeltesten der Gemeinde, grauhaarige Rumänen mit schneeweißen Schnurrbärten und zinnernen

Sammeltellern.

Vor der Kirchthüre reiht sich

das Hochzeitsvolf um ein kleines , rundes, mit einem Teppiche bedecktes Tischchen,

das zum Traualtar dienen soll .

Ein ein-

faches Kreuz aus Ebenholz und zu dessen beiden Seiten zwei künstliche Blumenstöcke und zwei mit künstlichen Rosen gezierte Kerzen bilden den Altarschmuck.

Nach langem Gebete tritt der Parintje (Pfarrer) aus dem Ikonaſtas - der das Schiff der

Kirche von dem Altare scheidenden Bilderwand reicht jedem der Brautleute eine Kerze,

hervor und

worauf er ihre beiden

Rechten mittelst eines weißen Tuches fest ineinander bindet.

In-

zwischen tritt ein zweiter Parintje hervor, faltet einen Leinenſtoff auseinander, den der Bräutigam der Braut zum Geschenke macht, und wickelt ihn, mag er noch so viele Meter lang sein, dem neuvermählten Paare gemeinschaftlich um die Köpfe . Nach einer langen Reihe von Gebeten und Gesängen ist das Paar eingesegnet und die Einwickelung und der Händeverband wird abgenommen ; ſchweißtriefend darf nun der junge Ehemann ſeine Frau in ein Leben führen, in demes an Schweiß, Entbehrung und Entsagung wahrlich nicht fehlt. Im neuen Heim

angekommen, führen die Beiſtände ihre

Traulinge dreimal um einen Stuhl herum und streuen ihnen dabei Weizenkörner auf das Haupt, während die Gäste sich ihrer Geschenke

entledigen .

Hierauf

wendet sich der Redner des

Bräutigams mit folgenden Worten zum Beistand : Beistand, nehmt den Dank der Braut, Daß ihr heute sie getraut, Und bewahrt die Herzlichkeit Gegen sie zu jeder Zeit. Eurer Mühe eingedenk, Macht sie dies euch zum Geschenk !

(600)

25

Die Braut giebt dem Beistand ein Taschentuch und füßt ihm die Hand, worauf der Redner fortfährt :

Dieses Taschentuch aus Seide, Daß auch ihr habt eure Freude ; Der Beiſtändin schenkt die Braut Dieses feine Hemde, schaut! Nun giebt die Braut der Beiſtändin ein Hemd und be. schenkt mit allerlei Kleinigkeiten die nächsten Verwandten ihres Gatten,

während der Redner,

eine Kanne mit Wasser in der

Hand haltend, fortfährt :

Wir bemerken, daß ihr schwigt, Dieses kalte Waſſer nüßt. Woll't ihr eure Hand nicht waschen, Greiset tief in eure Taschen, Nehmt zehn Stück Dukaten und Werft sie auf der Kanne Grund! Nachdem jeder der Anwesenden

eine Geldmünze in die

Kanne geworfen, wird an das Festmahl geschritten .

Auf dem

festlich gedeckten Tisch prangt das sogenannte Apfelbäumchen (meru).

Ein Tannenast steckt in einem Kuchen und ist mit

vergoldeten Aepfeln, Birnen, Nüssen, Zuckerwerk und papiernen Ketten behangen .

Der Pfarrer, der die Trauung vollzogen,

vertheilt vor Beginn der Mahlzeit den Schmuck des Bäumchens unter die Gäste und schneidet den Kuchen in drei Theile und befeuchtet dieselben mit gesegnetem Wein; während er den einen Theil verzehrt,

bietet er die beiden andern mit einer kurzen

Ansprache den Neuvermählten zum Genusse dar .

Hierauf be-

ginnt das Schmauſen und Trinken, Tanzen und Schäkern, das bis zum anbrechenden Morgen des nächsten Tages dauert. Bald ist Tanz und Spiel vorüber,

und für das junge

Ehepaar beginnt ein Leben, welches , „ vom Mehlthau der jungen Liebe" gewürzt, nach rumänischer Ansicht lang an Gram " ist .

kurz von Dauer und

Und so ist es in den meisten Fällen auch! (601)

26

Des

Lebens Pein und Leid ,

des Erwerbes Müh' und Plag'

verfinstern gar bald den Lebenshimmel des Ehepaares . den Lasten,

Unter

welche den Achseln der rumänischen Ehefrau auf-

gebürdet werden, altert diese gar bald, und auch mit der Liebe und Achtung ihres „ Eheherrn“ ist es sorgenvollen Tagesarbeit nicht

inmitten der schweren,

besonders

bestellt .

Zank und

Streit, im besten Falle gegenseitige Gleichgültigkeit halten gar bald ihren Einzug

in die einsame Waldhütte.

Gleichförmig

fließt für den transsilvanischen Rumänen das Leben dahin, sei er nun Feldbauer im Thaldorfe, sei er Herdenbesizer oder Hirte hoch oben in einem Gebirgsdörflein.

Sein ganzes Thun und

Lassen dreht sich um die genaue Einhaltung der vorgeschriebenen sozialen Konventionen, denen stets ein sittlich-religiöser Gedanke zu Grunde liegt, und an denen der gemeine Mann ſtrenge festhält, weil er eben glaubt,

daß das Glück auf dieser Welt oder

die Seligkeit des zukünftigen Lebens von ihrer genauen Einhaltung

abhängt " .

Außerdem herrscht unter den Rumänen

Siebenbürgens ein Kastengeist, der wahrlich nichts mehr zu verlangen übrig läßt. Jedes rumänische Dorf ist in drei Klassen eingetheilt : 1. Fruntasi ,

Vornehme,

oder Oameni de

frunte, Leute, die an der Spize ſtehen ; 2. Mijlocasi , Mittlinge, oder Oameni de măna adoua, Leute zweiter Hand, und 3. Codasi, Hintermänner. Die Stellung des Fruntas ist eine äußerst schwierige .

Alles ist für diesen Mann vorgeschrieben :

wie er

sich kleiden, welchen bestimmten Gang er auf der Gasse einhalten, was er bei der

einen

oder andern Gelegenheit zu sagen,

thun oder zu unterlassen habe. Verpflichtung ,

die Leute und

Er hat besonders

zu

das Recht und die die Jugend auf der

Gasse anzuhalten und für ihre Vergehen zu rügen “ ; aber wehe ihm ,

wenn er selbst nicht alles genau einhält,

Popen (Pfarrer)

denn nur dem

ist es erlaubt, selbst nicht zu thun,

was er

anderen vorschreibt ; heißt es ja doch selbst schon im Sprichwort : (602)

27

„ Thue, was der Pope sagt, jedoch nicht, was er selbst thut !" (Fá ce zice popa, dar'nu ce face el. ) wird manches nachgesehen,

Dem Codas und Mijocas

dagegen das stets übel genommen ,

was nur dem Fruntas zusteht .

Mischehen unter diesen Klassen

kommen höchst selten vor und erregen stets

ein öffentliches

Aergerniß, und es wird gar bald dafür gesorgt, daß das be: treffende Paar sein Heimathsdorf verläßt und sich anderswo niederläßt.

Ziehen wir

neben

diesem Kastenunterschied ,

ſich auch auf die Jugend erstreckt, zum beschaulichem Leben, in Betracht,

so

der

noch einen gewissen Hang

womöglich ohne Arbeit und Mühe,

dürfen wir uns nicht im

geringsten darüber

wundern, daß der transsilvanische Rumäne sich selten über die allerprimitivsten Lebensverhältnisse emporschwingt ; denn wahr bleibt es immerhin,

daß ihm der Wahlspruch gilt :

Sihen sei

besser als Gehen, Liegen besser als Sißen, Schlafen besser als Wachen, das Beste von allem aber ist das Essen !

Auf dieſen

unableugbaren Umstand ist daher zurückzuführen die traurige Bemerkung mancher Philoromanen,

daß der rumänische Bauer,

troz aller Gleichheit vor dem Geseze,

noch immer

in

einer

ärmlichen Hütte, der magyarische Herr und der sächsische Bürger aber in einer bequemen Stadt- oder Landwohnung lebt.

Dieser

Hang zu einem beschaulichen Leben muß auch auf seine Intelligenz übertragen werden ;

er ist begriffstußig und verhält sich

abwehrend gegen jede neue Idee, die man ihm beibringen will . Heißt es doch selbst im Liede : Alles, was dir unbekannt, Laß' an deiner Thür vorüber ! Zieht's in deine Hütte ein, Wird dein Leben trüb und trüber ! Treu und unwandelbar hält er fest an den Sitten und Gebräuchen seiner Vorfahren ; fern vom Staube der breiten Heerstraßen,

auf welchen „ alles fremde Uebel " einherſchleicht, (603)

28

lebt er im stillen Frieden der Wälder und Felder, in unbewußtem Beschauen

des

ewigen Naturwandels

versunken .

Erhebend

wirkt es und greift tief in das Gemüth dieses Naturmenschen, das lange, beschauende Verweilen an solchen weltfernen Orten, das sinnende Betrachten des

allmählichen Wandels ;

doch ist

dabei nicht zu vergessen, daß, wo Selbstzufriedenheit und glückliche Veranlagung

alle Schatten am Menschenthum hinwegzu-

streifen vermögen, die Einbildungskraft gar leichtes Spiel hat, die beim Naturmenschen stets in Aberglauben ausartet. Und dies ist auch beim transsilvanischen Rumänen der Fall .

Nicht

nur in den Hauptmomenten menschlichen Lebens, wie Geburt, Ehe und Tod, sondern

auch bei kleinlichen Vorkehrungen und

Anlässen greift der Aberglaube tief in das Thun und Lassen des Rumänen ein.

Hat er einen wichtigen Gang zu machen und

hört beim Austritt aus seiner Hütte einen Raben krächzen, so unterläßt er den Gang ; begegnet er auf dem Wege zuerst einer Mannsperson, dann weiß er, daß sein Vorhaben fehlschlagen wird,

wenn er nicht sofort dreimal ausspeit und einige seiner

Kopfhaare ausreißend, dieselben mit den Worten auf den Boden wirft:

Nimm, Here, und friß ! "

Treibt er seine Schafe im

Frühjahr zum erstenmal aus, da legt er vom Popen geweihtes Baſilienkraut auf die Hürdenschwelle,

die er vorher mit einem

Brei beschmiert, der auf folgende Weise bereitet wird :

Man

focht eine Handvoll wilden Sauerampfers (Rumex acutus ) zu Brei,

dem man vorher feingehackte Wolfsgurgel,

Wolfshaare

beigemengt und mit Schafsblut und Del vermischt hat . Mittel soll die Herde schüßen.

vor Krankheit und

reißenden Thieren

Haben Thiere eine schwere Geburt, so räuchert man

sie mit Nieswurz und Pfeffer,

um das Niesen zu

wobei man die Worte zu sprechen hat :

Die heiligen drei Könige Gingen über Land :

(601)

Dies

erwecken,

29

Der eine von den Königen Ein Zicklein fand, Der andere hat's geschlachtet, Der dritte nahm den Beinknochen, Schlug der Here die Augen aus, Daß Blindheit sie umnachtet ; Im Namen ††† Ist der Rumäne Feldbauer,

so

vergräbt

Pflügen an die vier Ecken des Feldes

er vor

die Eierschalen

dem einer

schwarzen Henne, um dadurch den sogenannten Kornbrand zu verhüten,

und das zur Aussaat bestimmte Korn läßt er von

einer Weibsperson anspeien, um dadurch die Keimfähigkeit des Samens zu erhöhen .

Vor Vogel- und Mäusefraß schüßt er

seine Saat dadurch, daß er auf das Feld einen Brei wirft, den er aus pulverisirten Vogelfedern und

Mäusehaaren bereitet,

denen er vorher drei Tropfen Blut aus dem linken Zeigefinger eines Kindes mit den Worten beimischt : Was da kriecht und fliegt Sei hiedurch besiegt, Durch des Kindes Unschuld, Durch des Kindes Reinheit, Flieg' und krieche weg, Ueber Weg und Steg! Selbst den Witterungswechsel sucht er sich durch allerlei Zaubermittel zu seinen Gunsten zu gestalten .

Bei anhaltender

Dürre ist es gut, wenn man Weihwasser, mit Glockenschmalz gemischt, auf die Felder und Weiden gießt,

wobei man die

Worte spricht :

Drei weiße Frauen Zum Flusse gehn, Sie wollen Waſſer ſchöpfen, Sie müssen weiter gehn Bis an das Meer und weiter noch, Bis an des Himmels großes Thor Und klopfen dort den Regen hervor,

(605)

30

Sie schütteln dort den großen Baum, Hoch in des Himmels weitem Raum, Im Namen Gottes u. s . w . Bei anhaltendem Regen dagegen hält man die Handflächen gen Himmel und spricht die Worte :

Sonne ist verschwunden, Ist ins Meer gesunken, Urjitele hat sie gefunden, Wird sie wiederbringen, Waſſer zu trinken, Erde zu trocknen , Pflanzen zu wärmen, Menschen zu erfreuen, Im Namen Gottes u. s. w . So zieht sich der Aberglaube durch das ganze Leben der Rumänen hindurch, begleitet ihn von der Wiege bis zum Grabe und verläßt ihn weder in Freude und Leid, noch in Wonne und Schmerz, er ist sein treuer Gefährte, den selbst der Tod, ,,der wehdurchbebte", nicht von ihm scheuchen kann. sein Lebensende nahen, oder wie er sagt,

Fühlt er

ist sein Faden abge.

sponnen" und liegt er nun gebrechlich darnieder, da sucht er vor Allem Hülfe bei einer Besprecherin (descänletérele), die durch Besprechung und geheime Mittel wiederzugeben strebt.

ihm die frühere Lebenskraft

Helfen dem Kranken ihre Künste nicht,

so greift sie zum leßten Mittel und giebt ihm ein Pulver ein, das sie aus einer Wurzel, vom Grabe eines Kindes am Charfreitag genommen, bereitet hat. ein, wird das Gesicht des

Tritt endlich der Todeskampf

Sterbenden mit

einem schwarzen

Tuche bedeckt, damit er seine Sünden nicht sehen könne . wird dem Sterbenden ein brennendes Licht geben,

Es

in die Hand ge

das Symbol des körperlosen Daseins ", und „ es giebt

für den Rumänen keinen fürchterlicheren

Gedanken,

als

den,

ohne Licht zu sterben, und kein größeres Verbrechen, als einen (606)

31

Menschen, sei es auch der ärgste Feind, lassen".

Ist dann die Erstarrung

ohne Licht sterben zu

eingetreten, so wird der

Todte von den nächsten Verwandten seines Geschlechts mit lauwarmem Wasser gewaschen ; sich das Wasser befindet, nommener Waschung

doch muß der Topf,

in welchem

neu sein, und er wird nach vorge

auf die Erde zu den Füßen

der Leiche

gesezt, damit die noch herumflatternde Seele sich auch baden könne; deshalb ist es gut, wenn man zur Waſchung vom Popen geweihtes Waſſer benüßt .

Nach geſchehener Aufbahrung werden

die Klagelieder (bocete) von eigens dazu bestellten Klageweibern gesungen,

und immer an den Verstorbenen

ſogar in die Ohren

gesungen.

wöhnlich reimlosen Liedern zu Grunde liegt, Todte alles hört und

versteht

gerichtet, ja ihm

Der Gedanke,

der dieſen ge-

ist der,

daß der

und nur ein mächtiger Wille

dazu gehöre, um die erstarrten Glieder in Bewegung zu sehen. und die Seele zur Wiederkehr

zu zwingen ; sie sind eben der

lezte Versuch, dem Verstorbenen Leben einzureden. es denn in einer bocete : Du willst uns verlassen, Und weißt, daß wir dich lieben, Weißt, daß wir dich nicht hassen ; Und willst trotzdem davon ! , komm und bleibe bei uns, Berlaß nicht Tochter und Sohn ! Sich, die Bäume ſind grün Und die Herde will ohne dich Nicht auf die Weide ziehn !

So heißt

, komm zurück, Und nicht bereite uns Schmerz ; Denke an deine Freunde, Denk an dein Haus ! Nicht laß dich verleiten Und ziehe einiam aus ! Dir zu Gefallen thun Wollen wir alles, Geliebter, Nur kehre, o ! kehr' zurück!

Die ganze Nacht hindurch sizen die Klageweiber und weiblichen Familienmitglieder

mit aufgelöstem Haar um den Sarg

herum, während die männlichen Mitglieder im Nebenzimmer die Nachtwache (priveghia) halten und mit herkömmlichen Spielen, Essen und Trinken die Zeit zubringen;

denn beweint wird der

Todte nur von den Weibern ; für Männer ist das „Jammern, (607)

32

Heulen und Weinen schmachvoll " . Begräbnisses heran

Todtenglocke die frische tannenbewachsenen

Rückt endlich die Zeit des

und durchzittert

der schrille Klang

Gebirgsluft, vielfaches

Echo

der

an den

Gebirgswänden hervorrufend, so wird der

Sarg hinausgetragen und die Todtenmesse unter freiem Himmel abgehalten, vorher aber wird der Topf, in welchem das Wasser für die Waschung der Leiche stand,

an der Schwelle zerschellt.

Während der Todtenmesse wird in Kreuzesform Wein auf den Todten gegossen und ein Geldstück Mauth für den Verstorbenen ;

in den Sarg

gelegt, als

denn vor dem Himmelsthore

steht der Teufel, welcher die Seele erst dann einläßt, wenn sie ihm den Zoll entrichtet .

Wird dann der Sarg

geſchloſſen, ſo

sezt sich der Zug in Bewegung, bleibt aber auf dem Wege bis zum Friedhof dreimal stehen,

wobei jedesmal vom Popen ein

Evangelium vorgelesen wird .

Ist der Sarg eingescharrt, so

wird auf dem Grabhügel Weihrauch verbrannt und Jedem, der am Begräbniß theilgenommen hat, ein Wachslicht gegeben, um es für den Todten brennen zu lassen. giebt die trauernde Familie

Nach dem Begräbniß

einen „festlichen Tisch“ (pomana),

und die Lieblingsspeisen des Verstorbenen Sechs Wochen lang

werden aufgetragen .

muß man den Grabhügel täglich einmal

begießen und am ersten Todestage oder zu Neujahr dem Todten Speisen und Getränke hinstellen, damit seine Seele, die noch immer auf Erden weilt, nicht in einen anderen Leib fahre. Keine Meinung findet sich in der alten Welt und selbst bei wilden Völkern verbreiteter Körper zu Körper wandere.

als die,

daß die Seele von

Die Uranfänge dieser Vorstellung,

welche, wie Lessing meint, ein gutes Vorurtheil für sich erregen sollten, weil der gesunde Verſtand zuerst darauf verfallen, bedürfen keiner philosophischen Begründung, noch auch einer Mittheilung von außen : es gab der Anregungen so viele, eine Fortdauer des Geistes ahnen (608)

welche

und eine Verlängerung des

33

kurzen Lebens,

wenn auch unter anderen Gestalten,

ließen, daß mit dem Glauben

wünſchen

an jene auch leicht eine Wan-

derung der Geister Eingang finden konnte. Der einfache Naturmensch,

der, bloß an sinnlichen Vorstellungen haftend, keine

förperlose Geisterwelt sich denken konnte, mußte durch den ewigen Kreislauf der Natur, und durch das tägliche Dahinſterben und Geborenwerden der Menschen

gar bald

auf die Idee geleitet

werden, daß die Geister wieder benutzt würden, besonders wenn geliebte Abgeschiedene in Träumen, welche bei allen kindlichen Völkern eine besondere Kraft haben, wieder vor die Seele traten. Daher glauben auch die transsilvanischen Rumänen,

daß die

Seele des Abgeschiedenen noch lange Zeit auf Erden bleibt und nicht etwa im Himmel oder in der Hölle verweilt, sondern in dieser Welt, wo sie herumgeht , ,,an Freud und Leid der

mit anderen Seelen verkehrt,

am Leben Gebliebenen theilnimmt

und auch bestimmte Bedürfniſſe hat, welche von diesen befriedigt werden müſſen. “

Erst nach Ablauf einer geraumen Zeit und

nach langer Wanderung über fünfundzwanzig Gewässer gelangt die Seele geläutert ins eigentliche Jenseits,

wo sie die körper-

liche Hülle, die sie im diesseits trug, wieder erhält.

Von der

Materie ganz zu abstrahiren, ist für den Naturmenschen eben eine Unmöglichkeit, denn alle seine Gedanken bewegen sich innerhalb der Welt

der sinnlichen Erscheinungen und er kann sich

schwerlich einen Geist in dem eigentlichen Sinne denken. gewisse

des Wortes

Deshalb pflegt auch der Rumäne den Geistern Art

von

materiellem

Dasein zuzuertheilen,

eine

auf die

schließlich all sein Glaube und Aberglauben zurückgeführt werden kann.

Bei ihm ist der Aberglaube nichts Todtes, sondern er

lebt und entwickelt sich weiter, wie eine Mundart lebt und sich weiter entwickelt,

und seine Erscheinungsformen sind zahllos,

wie die Worte der Sprache.

Doch die nivellirenden Prinzipien

der Kultur gefährden auch in diesen weltfernen Gebirgsdörfern (609) 3 Sammlung. . F. IV. 87.

34

im großen wie im kleinen

gar bald jeden Zug von Eigen-

thümlichkeit im rumänischen Volksleben, und es ist die höchste Zeit, diese für die Ethnologie so wichtigen Belege für unverfälschte

Geistesleben

sammeln und für

das

der transsilvanischen Rumänen

die Wissenschaft zu verwerthen.

zu

Man muß

dabei stets bedenken, daß, kann irgend ein Zug unſeres heutigen Lebens Anerkennung fordern, so ist es der allgemeine Drang aller Kulturvölker,

die unzugänglichsten,

verschloſſenſten Erd-

winkel bis tief in das arktische und antarktische Eis hinein zu erschließen,

die fernsten,

isolirtesten

Menschengruppen

in den

geistigen und materiellen Weltverkehr hineinzuziehen und so eine Gemeinsamkeit der Interessen und eine riesige

Rotation von

Gedanken, Anschauungen und Kenntnissen, von Erzeugniſſen des Fleißes und der Natur anzubahnen, welche dereinst unſer ganzes Geschlecht zu einer einzigen Familie vereinigen und unseres großen Leibniz wird.

Traum

von einer Weltsprache

verwirklichen

Anmerkungen. 1S. Slavici J., Die Rumänen in Ungarn, Siebenbürgen und der Bukowina (Wien und Teschen 1881) , S. 28 . 2 Vgl . Robert Prert , Besprechungsformeln der Rumänen in Siebenbürgen (in Veckenſtedts „ Zeitſchrift für Volkskunde “ I. S. 194). 3 S. Slavici a. a. D. S. und A. Pann, Cantece de stea. 1852. 4 S. W. Rubow , Rumäniſche Volkslieder S. XXIX. 5 S. Slavici a. a . D. S. 187 ff . 6 Vgl . R. Prexl , Rumänische Brautwerbung und Hochzeit in Siebenbürgen (im „ Globus “ , 1889 LV S. 59 ff.) . 7 Vgl. Hunfalvy Paul, Neuere Erscheinungen der rumänischen Ge. schichtsschreibung (Wien und Teschen 1886) S. 246 .

Druck der Verlagsanstalt und Druckerei A.-G. (vormals J. F. Richter) in Hamburg. (610)